Read the book: «Frühförderung bei schwerster Behinderung»

Der Autor
Prof. i. R. Dr. Klaus Sarimski hat bis 2021 an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg mit den Schwerpunkten sonderpädagogische Frühförderung und allgemeine Elementarpädagogik gelehrt.
Klaus Sarimski
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1. Auflage 2022
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-041508-9
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-041509-6
epub: ISBN 978-3-17-041510-2
Inhalt
1 Statt eines Vorwortes: Michael, Andreas und Christine
2 1 Zielgruppe, Lebensqualität, Entwicklung
3 1.1 Zielgruppe
4 1.2 Lebensqualität
5 2 Familiärer Alltag: Aktivitäten, soziale Beziehungen und Belastungen
6 2.1 Alltagsaktivitäten in der Familie und kindliche Beteiligung
7 2.2 Eltern-Kind-Interaktionen
8 2.3 Belastungserleben von Eltern
9 2.4 Erleben der Geschwister
10 3 Unterstützungsbedarf und Förderung der Kinder
11 3.1 Mit den Eltern kommunizieren
12 3.2 Die Welt entdecken
13 3.3 Sich in der Welt bewegen
14 3.4 Sehen und Hören: Früherkennung von Beeinträchtigungen
15 3.5 Essen geben – eine Herausforderung in der Pflege
16 4 Familienorientierte Beratung
17 4.1 Prinzipien familienorientierter Beratung
18 4.2 Erwartungen der Eltern bei schwerster Behinderung des Kindes
19 4.3 Zufriedenheit mit familienorientierter Unterstützung
20 4.4 Praxis familienorientierter Beratung bei schwerster Behinderung
21 5 Herausforderungen bei besonderen Pflegebedürfnissen
22 5.1 Versorgung mit einer Ernährungssonde
23 5.2 Versorgung mit einer Trachealkanüle
24 5.3 Unterstützungsbedarf der Eltern
25 6 Integration in Kindertagesstätten
26 6.1 Einstellungen von Eltern und Fachkräften
27 6.2 Soziale Teilhabe am Gruppengeschehen
28 6.3 Unterstützung der sozialen Teilhabe in der Praxis
29 Literatur
Statt eines Vorwortes: Michael, Andreas und Christine
Michael
Michaels Eltern wenden sich bereits während der stationären Erstversorgung an das Kinderzentrum in München, als eine Fachärztin für Humangenetik die Diagnose eines Cornelia-de-Lange-Syndroms stellt. Der Junge wird im Alter von neun Wochen erstmals vorgestellt.
In den ersten Wochen zu Hause bereiten eine vegetative Instabilität und ausgeprägte Probleme bei der Ernährung die größten Sorgen. Für mehrere Monate wird er überwiegend per Sonde ernährt und kann erst allmählich – mit Unterstützung einer erfahrenen Physiotherapeutin – an die orale Ernährung herangeführt werden. Zunächst zeigt er kaum Interesse an der Umwelt und am Kontakt mit seinen Eltern. Schnell wird klar, dass auch sein Hörvermögen eingeschränkt ist; er wird mit einem Hörgerät versorgt. Mit acht Monaten beginnt er den Kopf zu heben, wenn er angesprochen wird, und einen Arm in die Richtung auszustrecken, wenn ein Mobile über ihm baumelt oder ihm eine kleine Rassel angeboten wird. Allmählich nimmt er Blickkontakt auf, wenn die Eltern sich über ihn beugen. In der Beratung geht es von Beginn an darum, die Wahrnehmung der Eltern für Signale von Umweltinteresse und Kommunikationsbereitschaft Michaels zu stärken und ihnen zu helfen, positive Entwicklungsperspektiven aufzubauen. Beide Eltern setzen sich intensiv mit der Realität der Behinderung von Michael und den Auswirkungen der Behinderung auf die Entwicklung ihrer Familie auseinander.
Andreas
Andreas wird erstmals mit zwei Jahren im Kinderzentrum München vorgestellt. Es handelt sich um einen Jungen mit COFS-Syndrom, ein genetisch bedingtes Fehlbildungssyndrom, das mit einer schwersten Behinderung einhergeht. Andreas ist hochgradig hörbehindert. Er nimmt noch keinen Blickkontakt auf, kann sich noch nicht drehen oder fortbewegen.
In einer ersten Interaktionsbeobachtung versucht die Mutter, ihm in Rückenlage kleine Spielsachen anzubieten. Sie berührt ihn mit einer Rassel, drückt sie ihm in die Hand, schüttelt sie mit ihm gemeinsam. Er zeigt keine Aufmerksamkeitsreaktion. Daraufhin lässt sie das Spielzeug über seinen Körper wandern, tippt mit der Rassel mehrfach seinen Brustkorb an, legt sie ihm dann in die andere Hand. Er hält sie nicht fest. Sie legt sie resigniert beiseite mit dem Kommentar: »Na, dann halt nicht.«
Schnell wird deutlich, dass die Mutter bislang keinen Weg gefunden hat, ihn für die Umgebung zu interessieren oder einen Kontakt zu ihm aufzubauen. Sie hat sich ganz auf die Grundpflege zurückgezogen, versorgt ihn, so sagt sie, »wie eine Puppe«. Die Familiensituation ist sehr angespannt. Der Vater zeigt kein Interesse an seinem Sohn, der große Bruder versucht zwar immer mal wieder, Kontakt mit ihm zu finden, kann aber »mit ihm nichts anfangen«, wie er sagt. Die Mutter fühlt sich sehr allein gelassen, bleibt fast immer zu Hause. Eine Unterstützung durch die Großeltern hat sie nicht, weil diese weit entfernt wohnen.
In der Beratung geht es hier zunächst darum, der Mutter zu helfen, wie sie Kontakt zu Andreas finden kann. Es gilt, den Blick der Mutter für kleine Veränderungen in seiner Körperspannung oder Haltung zu schärfen, an denen sich erkennen lässt, dass er etwas in seiner Umgebung wahrnimmt. Mindestens ebenso wichtig ist es aber, ihre tiefe depressive Reaktion über die Behinderung ihres Kindes anzusprechen, den Vater für eine Beteiligung an der Pflege von Andreas zu gewinnen und soziale Unterstützung für die Familie zu mobilisieren.
Christine
Christine wird mit zwölf Monaten erstmals im Kinderzentrum vorgestellt. Auch sie ist in ihrer motorischen und kognitiven Entwicklung sehr stark beeinträchtigt, ohne dass die medizinischen Untersuchungen die Ursache eindeutig klären können. Christine macht noch keine Ansätze zum Drehen oder Aufrichten. Sie hat zwar gerade zu lächeln begonnen, aber es kommt immer wieder zu ausgedehnten Schreiphasen, ohne dass ein Anlass erkennbar ist oder die Mutter sie trösten kann. Das Verhalten beim Essen ist sehr wechselhaft. Teilweise akzeptiert sie die Flasche oder fein pürrierte Kost aus dem Gläschen, teilweise verweigert sie das Essen ganz.
Die Mutter ist allein erziehend. Der Vater hat sie einige Monate nach der Geburt von Christine verlassen, weil er sich von der Auseinandersetzung mit der Behinderung und den täglichen Belastungen, die das Essengeben, die Pflege und die intensive Physiotherapie mit sich bringen, überfordert fühlte. Die Mutter hat sich ganz auf die Versorgung von Christine konzentriert und versucht mit größtem Engagement, den Alltag zu bewältigen und ihr Anregungen für ihre Entwicklung zu geben. In der Beratung geht es darum, sie dabei zu unterstützen – aber auch darum, Entlastungen zu finden, wie sie ihre Bewältigungskräfte aufs Neue mobilisieren kann, und über Zukunftsperspektiven zu sprechen, was zu einer befriedigenden Lebensqualität für sie und für Christine beitragen könnte.
Michael, Andreas und Christine sind drei Kinder, die mir aus meiner Tätigkeit als Psychologe im Kinderzentrum München gut im Gedächtnis geblieben sind und die ich einige Zeit lang auf ihrem Weg begleiten konnte. Die kleinen Skizzen beschreiben die Ausgangssituation, auf die sich die Frühförderung dieser drei Kinder einzustellen hatte.
In diesem Buch soll es um ein familienorientiertes Konzept der Frühförderung bei schwerster Behinderung gehen. Sie werden als Leser erfahren, was eine schwerste Behinderung ausmacht, wie der Alltag in Familien aussieht, in denen Kinder mit schwerster Behinderung aufwachsen, welche Möglichkeiten es gibt, ihre soziale Teilhabe zu unterstützen, und wie eine Beratung dieser Familien angelegt sein kann – bis hin zu der Frage, was Frühförderung beitragen kann, damit sich Kinder mit schwerster Behinderung nicht nur in ihrer Familie, sondern auch später in einer Kindertagesstätte zugehörig und wohlfühlen.
Wenn man in die Literatur schaut, findet man eine Reihe von Berichten von Eltern – meistens Müttern –, die ihre Erfahrungen im Alltag mit ihrem Kind mit schwerster Behinderung schildern, ihre Sorgen und ihre Hoffnungen. Als Beispiel sei auf das Buch von Sandra Roth verwiesen, einer Journalistin, die ihre Auseinandersetzung mit der Behinderung ihrer Tochter in eindrucksvoller Weise unter dem Titel »Lotta Wundertüte. Unser Leben mit Bobbycar und Rollstuhl« beschreibt (Roth, 2013).
Andreas Fröhlich, ein von mir hochgeschätzter Kollege, hat in seinen Publikationen unter dem Titel »Basale Stimulation« über viele Jahre ein sonderpädagogisches Konzept für die Arbeit mit Menschen mit schwerster Behinderung entwickelt, das von einer wertschätzenden Haltung und einem großen Einfühlungsvermögen in ihr Erleben der Welt und ihre besonderen Bedürfnisse geprägt ist (z.B. Fröhlich, 2012, 2015; Mohr et al., 2019).
Erfahrungsberichte von Eltern und ein Verständnis für den umfassenden Unterstützungsbedarf von Menschen mit schwerster Behinderung, das sich aus solchen Quellen gewinnen lässt, sind für Fachkräfte, die mit der Frühförderung von Kindern mit schwerster Behinderung betraut sind, sehr wertvoll. Dieses Buch soll diese Grundlagen für ihre Arbeit um ein familienorientiertes Konzept ergänzen, mit dem die Lebensqualität von Kindern mit schwerster Behinderung und ihrer gesamten Familie unterstützt werden kann. Es wird somit nicht um eine Übungssammlung zur Frühförderung oder die Schilderung von Therapiekonzepten gehen, sondern um einen Leitfaden, an dem sich Fachkräfte in Frühförderstellen, Sozialpädiatrischen Zentren oder Therapiepraxen orientieren können, um den besonderen Bedürfnissen dieser Kinder, ihrer Eltern und Geschwister gerecht zu werden. Ich hoffe, dass der Band einen Beitrag leisten kann, der diesen Fachkräften in ihrer praktischen Arbeit nützlich ist.
München, im Sommer 2021
Prof. Dr. Klaus Sarimski
1 Zielgruppe, Lebensqualität, Entwicklung
In diesem Kapitel erfahren Sie, um welche Kinder es geht und wie sich ihr Unterstützungsbedarf beschreiben lässt. Darüber hinaus wird erläutert, an welchen Kriterien sich die Lebensqualität von Kindern mit schwerster Behinderung und ihren Familien ablesen lässt und wie sich die Bedeutung der Eltern-Kind-Interaktion und der familiären Alltagsaktivitäten in ein allgemeines Entwicklungsmodell einordnen lässt, das der Frühförderung von Kindern mit Entwicklungsbeeinträchtigungen zugrunde liegt.
1.1 Zielgruppe
Die Gruppe der Kinder und Jugendlichen mit schwerster Behinderung wird in der internationalen Fachliteratur unterschiedlich definiert. Einige Autoren sehen einen komplexen und lebenslangen Unterstützungsbedarf in allen alltäglichen Lebensbereichen als zentrales Merkmal an, andere Autoren definieren sie als Gruppe von Kindern und Jugendlichen mit sehr schweren intellektuellen und motorischen Behinderungen in Verbindung mit Sinnesbeeinträchtigungen. In vielen Fällen bestehen zusätzliche gesundheitliche Probleme.
Versuche der Definition mittels standardisierter Beurteilungsverfahren
In der englischsprachigen Literatur wird von Personen mit einer schwersten intellektuellen und mehrfachen Behinderung (»profound intellectual and multiple disabilities; PIMD) bzw. schwersten Lernstörungen (»profound and multiple learning disabilities; PMLD) gesprochen (Maes et al., 2021). Nakken & Vlaskamp (2007, S.85) formulieren:
«Individuals with PIMD have two key defining characteristics: (a) profound intellectual disability and (b) profound motor disability. They also have a number of additional severe or profound secondary disabilities or impairments.«
Autoren, die diese Begriffe verwenden, beziehen sich in der Regel auf die medizinischen Klassifikationssysteme ICD-10 oder DSM-V. Dort ist eine schwerste intellektuelle Behinderung definiert als solche, bei der der Intelligenzquotient unter 20–25 liegt, während er bei Menschen mit schwerer intellektueller Behinderung (»severe intellectual disabilities«, »severe global learning disabilities«) im Bereich zwischen IQ 35 und IQ 50 liegt. Um den Grad der motorischen Einschränkungen dieser Kinder zu beschreiben, verwenden die Autoren häufig das »Gross Motor Function Classification System«, das sich in der Klassifikation von Kindern mit einer Cerebralparese bewährt hat. Dabei wird der Schweregrad in fünf Stufen eingeteilt. Bei sehr schwerer und mehrfacher Behinderung liegt in der Regel ein Grad IV oder V vor, d.h. die Kinder und Jugendlichen sind nicht zu einer selbständigen Fortbewegung in der Lage.
Eine Abgrenzung des Personenkreises mittels standardisierter Testverfahren ist jedoch fragwürdig. Intelligenztests sind aufgrund der schweren Einschränkungen der motorischen Fähigkeiten der Kinder und Jugendlichen und einer zusätzlichen Hör- oder Sehbehinderung in der Regel nicht valide durchführbar. Das bedeutet, dass ihre kognitiven Funktionen nicht eindeutig beurteilbar sind. Auch zusätzliche Sinnesbeeinträchtigungen sind nur schwer durch objektive Testverfahren zu beurteilen, da die meisten der dafür verwendeten Verfahren eine aktive Mitarbeit der Kinder und Jugendlichen und in vielen Fällen auch sprachliche Reaktionen auf Testaufgaben voraussetzen.
In der internationalen Fachdiskussion besteht Einigkeit, bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit intellektueller Behinderung nicht nur die Intelligenzleistungen, sondern auch die adaptiven Kompetenzen zu erfassen. Sie umfassen die »funktionalen« Fertigkeiten, über die ein Kind, Jugendlicher oder Erwachsener bei der Bewältigung des Alltags verfügt. Zur Beurteilung der adaptiven Kompetenzen können z.B. die »Vineland Adaptive Behavior Scales« (VABS) verwendet werden, deren dritte, aktualisierte Auflage auch in einer deutschen Fassung zur Verfügung steht (Sparrow et al., 2021).
Bei einer schwersten Behinderung liegen die kognitiven, sprachlichen und adaptiven Fähigkeiten unter dem Entwicklungsniveau einjähriger Kinder mit unbeeinträchtigter Entwicklung (z.B. Ware, 1996; Nakken & Vlaskamp, 2007). Diese Definition soll deutlich machen, dass ein ausgeprägter Hilfe- und Unterstützungsbedarf vorliegt und die Entwicklungsschritte in den sensomotorischen und vorsprachlichen kommunikativen Fähigkeiten, die ein Kind im ersten Lebensjahr vollzieht, als eine Orientierungshilfe für die Einschätzung des Unterstützungsbedarfs bei Menschen mit schwerster Behinderung gelten können.
Kompetenzen und Entwicklungsschritte bei schwerster Behinderung lassen sich auf diesem Entwicklungsniveau durch adaptive Kompetenzskalen, die für Kinder, Jugendliche und Erwachsene jeden Alters entwickelt wurden, nicht ausreichend differenzieren. Daher wurden im englischsprachigen Raum für diese Zielgruppe spezifische Kompetenzinventare, z.B. von Kiernan & Jones (1982; »Behaviour Assessment Battery«), entwickelt. Eine aktualisierte Bearbeitung dieser Skalen ist in den Niederlanden in Vorbereitung. Die Skalen sind in fünf Bereiche gegliedert: emotionales und kommunikatives Verhalten, Sprachverstehen, allgemeine Kommunikation, visuelles Verhalten, exploratives Verhalten. Insgesamt umfassen sie 100 Items, die auf den komplexen Unterstützungsbedarf dieser Zielgruppe abgestimmt sind. Zur Beurteilung der konvergenten Validität überprüften Wessels et al. (2020) die korrelativen Zusammenhänge zu der Einschätzung mit herkömmlichen Skalen zur Beurteilung der kommunikativen und motorischen Fähigkeiten bei 52 Kindern (mittleres Alter: 3;1 Jahre) und 26 Erwachsenen (mittleres Alter: 34;2 Jahre) mit schwerster Behinderung (PIMD). Das Einschätzungsverfahren erwies sich als gut tauglich für diese Zielgruppe, ist allerdings (noch) nicht in einer deutschen Version zugänglich.
Einen ähnlichen Ansatz verfolgten im deutschsprachigen Raum Fröhlich & Haupt (2004) mit dem »Leitfaden zur Förderdiagnostik bei schwerstbehinderten Kindern«. Auch hier ist eine aktualisierte Neuauflage in Vorbereitung (Schäfer et al., i. V.). Die Fähigkeiten, die mit den einzelnen Items erfasst werden, beziehen sich auf die Entwicklungsspanne bis zum Ende des ersten Lebensjahres bei unbeeinträchtigter Entwicklung. Sie sind in neun Bereiche gegliedert (Tab. 1) und in einem vierstufigen Modell angeordnet; die Niveaueinteilung entspricht etwa der Entwicklung in den vier Quartalen des ersten Lebensjahres:
• Niveau 1: hohe Abhängigkeit von einer Bezugsperson, Aufnahme von Information aus der Umwelt nur durch unmittelbaren Körperkontakt
• Niveau 2: aktive Benutzung der Fernsinne Hören und Sehen
• Niveau 3: erste Selbständigkeit im Spielen und Fortbewegen
• Niveau 4: Entwicklung von basalen sozialen Kompetenzen (z.B. Nachahmen)
Tab. 1: Entwicklungsbereiche der Förderdiagnostik mit schwerstbehinderten Kindern (Fröhlich & Haupt, 2004)

Entwicklungsbereiche der Förderdiagnostik mit schwerstbehinderten Kindern (Fröhlich & Haupt, 2004)
Eine Orientierung über die präverbalen Kommunikationsfähigkeiten von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit schwerster Behinderung bietet das »Pre-Verbal Communication Schedule« (PVCS; Kiernan & Reid, 1987), das in einer Kurzform als Kopiervorlage in dem Band »Kinder-Diagnostik-System, Band 2: Geistige Behinderung und Tiefgreifende Entwicklungsstörung« (Sarimski & Steinhausen, 2007) in deutscher Sprache zugänglich ist. Es handelt sich um einen Erhebungsbogen mit 82 Items, mit denen folgende Funktionen des kindlichen Kommunikationsrepertoires dokumentiert werden können: Suche nach Aufmerksamkeit, Mitteilung von Wünschen und Bedürfnissen, Ablehnung, positive und negative soziale Kontaktaufnahme, Abstimmung gemeinsamer Aufmerksamkeit, motorische und vokale Imitation, Verständnis für nonverbale Kommunikation und Verständnis von sprachlichen Äußerungen. Bei den meisten Items werden die Eltern gebeten, sie als zutreffend, teilweise zutreffend oder nicht zutreffend zu beurteilen; wenige Items erfordern eine direkte Beobachtung der Reaktionen des Kindes auf eine gestellte Aufgabe. Die Dokumentation ergibt ein differenziertes Bild, welche Mittel ein Kind zu den einzelnen kommunikativen Funktionen einsetzt.
Chatwick et al. (2019) befragten Sprachtherapeuten in England zu ihren Erfahrungen beim Einsatz dieses und anderer standardisierter Erhebungsinstrumente zur Beurteilung der kommunikativen Fähigkeiten von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit schwerster Behinderung (PIMD). Sie fanden es nützlich, solche Beurteilungsverfahren bei der Förder- und Therapieplanung einzubeziehen, sahen es aber als erforderlich an, sie durch informelle Beobachtungen der Fähigkeiten der Kinder im Alltag zu ergänzen.
Umfassender Unterstützungsbedarf
Statt eine schwerste Behinderung anhand der Ergebnisse von standardisierten Untersuchungsinstrumenten zu definieren, lässt sich schwerste Behinderung auch über den Unterstützungs- und Hilfebedarf der Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen in den verschiedenen Lebensbereichen beschreiben. Kinder mit schwerer und mehrfacher Behinderung sind Kinder, die in ihren alltäglichen Lebensvollzügen wie Nahrungsaufnahme, Verdauung, Atmung, Ein- und Durchschlafen, Bewegungsmöglichkeiten, Erkunden der Umwelt und Verständigung mit den Bezugspersonen in gravierendem Maße beeinträchtigt sind und bei denen ein lebenslanges hohes Maß an sozialer Abhängigkeit besteht. Ihnen ist meist keine Verständigung über Lautsprache möglich (vgl. Fröhlich et al. 2007).
Nach Fröhlich (2014) gehört eine körperliche Beeinträchtigung, die Störung der Bewegungsentwicklung, zentral zu dem, was schwerste Behinderung genannt wird. Darüber hinaus ist bei Menschen mit schwerster Behinderung die Fähigkeit, die Welt und sich selbst mit ihren Sinnen aufnehmen und daraus Sinn entnehmen zu können, in hohem Maße beeinträchtigt – sei es, weil ein Sinnesbereich stark reduziert ist oder ganz ausfällt, z.B. bei Blindheit oder Gehörlosigkeit, oder weil die Verarbeitung von Wahrnehmungseindrücken und das Denken durch eine schwere Schädigung des Gehirns massiv beeinträchtigt und damit die Orientierung in der Welt verändert ist. Menschen mit schwerster Behinderung sind schließlich in ihrer Fähigkeit, Sprache aktiv und passiv zu erlernen, sehr begrenzt. Oft bleibt es bei einfachsten Austauschprozessen, die nicht selten ihre Bezugspersonen vor große Herausforderungen stellen, wenn sie die Verhaltensweisen deuten und verstehen wollen. Die eingeschränkte Selbstpflegekompetenz ist nach Fröhlich (2014) ein weiteres Charakteristikum; Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit schwerster Behinderung sind in der Regel auf Hilfe beim Waschen, Toilettengang, aber auch beim Essen angewiesen.
Menschen mit schwerster Behinderung benötigen zudem meist kontinuierliche Behandlungsmaßnahmen und Hilfsmittel:
• Physiotherapie (zur Erleichterung von Atmung und Verdauung, Verbesserung ihrer Bewegungsmöglichkeiten und Vorbeugung von Kontrakturen),
• orthopädische Hilfsmittel (Stützapparate, angepasste Sitzschalen, Rollstühle),
• eine medikamentöse Versorgung (z.B. zur Behandlung einer Epilepsie) und
• evtl. technische Kommunikationshilfen (»Unterstützte Kommunikation«).
Diese qualitative Beschreibung des Personenkreises, wie sie Fröhlich für den deutschen Sprachraum wegweisend formuliert hat, entspricht Definitionen, die sich in der internationalen Fachliteratur finden. So definieren z.B. Samuel & Pritchard (2001, 39) den in England gebräuchlichen Begriff der »Profound and Multiple Learning Disabilities« (PMLD):
»Children and adults with profound learning disability have extremely delayed intellectual and social functioning with little or no apparent understanding of verbal language and little or no symbolic interaction with objects. They possess little or no ability to care for themselves. There is nearly always an associated medical factor such as neurological problems, physical dysfunction or pervasive developmental delay. In highly structured environments, with constant support and supervision and an individualized relationship with a carer, people with profound learning disabilities have the chance to engage in their world and to achieve their optimum potential (which might even mean progress out of this classification as development proceeds). However, without structure and appropriate one-to-one-support such progress in unlikely.«
Ursachen und Häufigkeit von schwerster Behinderung
Schwerste Behinderungen können im Rahmen eines genetischen Syndroms eintreten, d.h. anlagebedingt sein, oder durch eine schwere pränatale Infektion entstehen. Zu den genetischen Syndromen, die mit einer sehr schweren Behinderung einhergehen, gehören z.B. das Cornelia-de-Lange-Syndrom, das Cri-du-Chat-Syndrom, das Angelman-Syndrom und das Rett-Syndrom (Sarimski, 2014). Weitere Ursachen sind cerebrale Schädigungen, wie sie infolge einer schweren Hirnblutung oder eines Sauerstoffmangels in der Neugeborenenperiode auftreten können; ihr Risiko ist bei sehr unreif geborenen Kindern besonders hoch. Schwerste Behinderungen können schließlich auch postnatal durch eine Hirnschädigung (z.B. als Schädel-Hirn-Trauma nach Verkehrsunfällen oder im Rahmen eines Ertrinkungsunfalls) eintreten.
Eine repräsentative Untersuchung von 461 Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit einer schweren oder schwersten intellektuellen Behinderung (IQ < 35, bzw. IQ < 20) zeigt, dass mehr als 35 % auf genetische Syndrome, etwa 14 % auf perinatale Infektionen und 8 % auf angeborene Stoffwechselerkrankungen zurückzuführen waren (Arvio & Sillanpää, 2003). Bei etwa einem Drittel der Stichprobe ließ sich die Ursache der Behinderung nicht eindeutig klären.
Ergebnisse zur Häufigkeit von Behinderungen liegen aus flächendeckenden epidemiologischen Untersuchungen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen aus Skandinavien vor. Sie erlauben eine quantitative Angabe zum Anteil der Kinder mit schwerer und schwerster Intelligenzminderung (IQ < 35 bzw. IQ < 20, wie sie nach der ICD-10 unterschieden werden). So fanden Arvio & Sillanpää (2003) in einem Distrikt Finnlands unter mehr als 340.000 Einwohnern 461 Bewohner (0.13 %) mit einer solchen Diagnose. Eine norwegische Studie (Stromme & Valvatne, 1998) ermittelte eine Häufigkeit von 0.12 %. Wenn man diese Zahlen auf Deutschland überträgt, kann davon ausgegangen werden, dass pro Geburtsjahrgang mindestens 800–1000 Kinder zu den Kindern mit schwerer und schwerster intellektueller Behinderung gehören.
Repräsentative Daten zur Häufigkeit von schweren und schwersten Behinderungen im Kindesalter liegen im deutschen Sprachraum nicht vor. Eine Orientierung, wie häufig diese Behinderungen sind, lässt sich aber aus Erhebungen gewinnen, die in Förderzentren (Kindergärten und Schulen) durchgeführt wurden. Eine solche Erhebung wurde z.B. in Schulkindergärten, die an Förderzentren für Kinder mit Förderbedarf im Bereich der geistigen oder körperlichen Entwicklung bzw. für Kinder mit Hör- oder Sehbehinderungen angeschlossen sind,durchgeführt (Sarimski, 2016). Sie bezieht sich auf Baden-Württemberg – ein Bundesland, in dem die Institution der Schulkindergärten, die an Sonderschulen angegliedert sind, aus historischen Gründen bis heute sehr breit etabliert ist. An der Erhebung beteiligten sich 258 Gruppenleiterinnen (50.7 % aller Gruppenleiterinnen in den betreffenden Förderschwerpunkten), davon konnten 238 Fragebögen in die Auswertung einbezogen werden. Die Angaben der Gruppenleiterinnen aus diesen 238 Gruppen beziehen sich auf insgesamt 1811 Kinder. Die Ergebnisse lassen sich in folgende Aussagen zusammenfassen:
• Mehr als ein Drittel der Kinder, die in Schulkindergärten für geistigbehinderte, körperbehinderte, blinde und sehbehinderte oder hörgeschädigte Kinder betreut werden, waren als mehrfach behindert anzusehen. 25 % wiesen einen ausgeprägten Hilfebedarf in allen drei abgefragten Bereichen (Umwelterkundung, Verständigung, Mobilität) auf. Es handelte sich um 446 Kinder.
• 37 % der Kinder hatten einen ausgeprägten Hilfebedarf bei der Nahrungsaufnahme. 2 % (n = 38) waren auf die Versorgung mit einer Ernährungssonde, 0.5 % (n = 9) auf eine Trachealkanüle angewiesen. 9.2 % (n = 168) benötigten nach Einschätzung der Fachkräfte elektronische Kommunikationshilfen zur Unterstützung der Verständigung.
Eine Studie zur Bildungsrealität von Schülern mit schwerer und mehrfacher Behinderung, die im gleichen Bundesland durchgeführt wurde, macht ebenfalls deutlich, dass bei vielen Kindern in Förderzentren ein umfassender Unterstützungsbedarf vorliegt. Bei 165 Schülern, die an Schulen für Körperbehinderte und an Schulen für Geistigbehinderte (von den Lehrkräften) als schwerstbehindert eingeschätzt werden, gaben die Eltern bei über 90 % eine Beeinträchtigung der Sprache, bei 77 % eine schwere körperliche Behinderung, bei etwa 50 % eine Seh- oder Hörbehinderung an (Klauß, 2006). Etwa 10 % teilten mit, dass ihr Kind Probleme mit der Nahrungsaufnahme hat.
Die Zahl der Kinder mit schwerster Behinderung, die in Kindertagesstätten mit inklusivem Konzept oder allgemeinen Schulen gefördert werden, ist niedrig; verlässliche Zahlen liegen dazu allerdings nicht vor. Pädagogische Fachkräfte in allgemeinen Kindergärten und Schule stehen einer Aufnahme von Kindern mit schwerster Behinderung überwiegend skeptisch gegenüber. Hindernisse für eine inklusive Förderung werden in fehlender Barrierefreiheit der Einrichtungen, mangelnder räumlicher Ausstattung und – vor allem – fehlender Qualifikation des Personals gesehen (Sarimski, 2021a).
Zusätzliche gesundheitliche Beeinträchtigungen
Zusätzliche gesundheitliche Beeinträchtigungen sind bei schwerer intellektueller Behinderung häufig. Die meisten Studien zu dieser Frage wurden bei Erwachsenen durchgeführt. Van Timmeren et al. (2017a) veröffentlichten eine systematische Übersicht über zwanzig Studien (Abb. 1). Danach liegt bei schwerer intellektueller Behinderung in 70 % der Fälle eine epileptische Erkrankung vor. Die Häufigkeit von Sehbeeinträchtigungen liegt bei durchschnittlich 56 %, von Hörbeeinträchtigungen bei 21 %. In vielen Fällen werden diese Sinnesbehinderungen nicht adäquat erkannt, weil es schwierig ist, die entsprechenden Untersuchungen wegen fehlender Fähigkeit zur Mitarbeit der Probanden durchzuführen, und/oder die Beobachtungen atypischer oder gänzlich fehlender Reaktionen auf visuelle oder akustische Reize fälschlich auf die Schwere der kognitiven Behinderung zurückgeführt werden.

Abb. 1: Zusätzliche gesundheitliche Beeinträchtigungen bei Menschen mit schwerer intellektueller Behinderung (Van Timmeren et al., 2017a)
Zu den weiteren gesundheitlichen Problemen gehören in vielen Fällen Einschränkungen der Lungenfunktion, die z.B. durch eine Langzeitbeatmung nach sehr unreifer Geburt (BPD) oder häufige Aspiration bei der Nahrungsaufnahme entstehen können. Diese gesundheitliche Einschränkung wurde bei 21 % berichtet. Ein Gastro-ösophagealer Reflux (GÖR), der die Nahrungsaufnahme und das Wohlbefinden in unterschiedlichem Grade beeinträchtigt, ist bei durchschnittlich 16 % der Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen mit einer schweren intellektuellen Behinderung zu diagnostizieren. Eine Dysphagie (Schluck- und Essprobleme) liegt bei etwa 30 % der Menschen mit schwerster Behinderung vor, in der Regel in Verbindung mit anderen Symptomen einer Cerebralparese.
Nicht selten handelt es sich um eine Multimoribidität, wie eine ergänzende Studie von Van Timmeren et al. (2017b) zeigte. Sie werteten die Akten von 99 Erwachsenen mit schwerer und mehrfacher Behinderung aus. In dieser Stichprobe traten bei 37 % eine Kombination aus Epilepsie, Cerebralparese und Sehbehinderungen auf.
Dass auch bei Kindern und Jugendlichen mit schwerer intellektueller Behinderung zusätzliche gesundheitliche Beeinträchtigungen häufig sind, zeigt eine Studie von Zijlstra & Vlaskamp (2005). Sie werteten die medizinischen Diagnosen von Kindern mit schwerer intellektueller Behinderung in drei Zentren in den Niederlanden aus. Danach bestand bei mehr als 80 % eine zusätzliche Seh- und bei ca. 30 % eine zusätzliche Hörbehinderung. Bei fast 50 % bestanden schwerwiegende Essprobleme, bei fast 40 % eine Einschränkung der Lungenfunktion.
Gesundheitliche Beeinträchtigungen dieser Art beeinträchtigen die Lebensqualität von Kindern mit schwerster Behinderung und stellen besondere Anforderungen an ihre Eltern. Sie erfordern eine fachliche Unterstützung durch ein multi-disziplinäres Team und müssen bei der familienorientierten Frühförderung berücksichtigt werden.
1.2 Lebensqualität
Angesichts der lebenslangen Abhängigkeit von Kindern und Jugendlichen mit schwerster Behinderung ist das Ziel der Behandlungs- und Fördermaßnahmen die Sicherung einer möglichst hohen Lebensqualität.
Beim Begriff der »Lebensqualität« handelt es sich um ein multidimensionales Konstrukt; sie hängt sowohl von individuellen Ressourcen als auch Umweltfaktoren ab (Cummins, 2005). Kerndimensionen von »Lebensqualität« sind körperliches Wohlbefinden, materielles, soziales und emotionales Wohlbefinden sowie die Verwirklichung des Entwicklungspotentials und die Beteiligung an Aktivitäten im Alltag (z.B. Felce & Perry, 1995).
Lebensqualität bei schwerster Behinderung
Was Lebensqualität für Menschen mit schwerster Behinderung bedeutet, ist nicht einfach zu bestimmen. Grundsätzlich unterscheiden sich nach Ansicht von Eltern und Betreuern von Menschen mit schwerster Behinderung die Komponenten, die Lebensqualität ausmachen, nicht in Abhängigkeit vom Grad der Behinderung (Petry et al., 2005). Einige Indikatoren, die bei Menschen, die nicht behindert sind, relevant sind – Einkommen, sozialer Status, berufliche Verwirklichung, Autonomie – sind jedoch auf ihre Lebenssituation nicht anwendbar. Andere Aspekte, die für Menschen ohne schwere Behinderungen keine wesentliche Bedeutung haben, haben dagegen einen starken Einfluss auf die Lebensqualität dieser Zielgruppe – z.B. die gesundheitliche Versorgung oder die Verfügbarkeit von Hilfsmitteln und Unterstützungsmaßnahmen (Brown et al., 2013).
Petry et al. (2007) organisierten eine Expertendiskussion von Fachleuten aus den Niederlanden, aus Belgien, Deutschland, England und Irland zu der Frage, welche Dimensionen die Lebensqualität dieser Zielgruppe ausmachen und wie diese sinnvoll strukturiert werden können. In einem Konsensus-Prozess identifizierten die Autoren insgesamt 176 Indikatoren (Aktivitäten und Unterstützungsmaßnahmen), um das körperliche Wohlbefinden (Mobilität, Gesundheit, Hygiene, Ernährung, Ruhephasen), das materielle Wohlbefinden (Wohnumwelt, technische Hilfsmittel), das sozial-emotionale Wohlbefinden (Kommunikation, Behandlungsmaßnahmen, Schutz vor Gefahren, familiäre Bindungen, soziale Beziehungen und Teilhabe) sowie Verwirklichung des Entwicklungspotentials (Anregungen zur Entwicklung von Kompetenzen) und die Beteiligung an Aktivitäten im Alltag (Selbstbestimmung und Wahlmöglichkeiten) zu beschreiben.
Eine fachliche Herausforderung besteht in der Art und Weise, wie diese Lebensqualität zuverlässig beurteilt werden kann. Kinder, Jugendliche und Erwachsene ohne schwere intellektuelle Behinderung können nach ihrer subjektiven Lebensqualität gefragt werden. Dies ist bei Menschen mit schwerster Behinderung nicht in der gleichen Weise möglich. Hier bleibt nur der Weg, ihre Bezugspersonen nach ihrer Einschätzung zu fragen. Wenn dabei Eltern befragt werden, ist diese Einschätzung jedoch nicht unbeeinflusst von ihrem eigenen psychischen Wohlbefinden und der Belastung, die sie selbst erleben.
Petry et al. (2009) entwickelten einen Fragebogen mit 55 Items, gegliedert in sechs Skalen, um über die Befragung von Bezugspersonen die Lebensqualität bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit schwerster Behinderung in Betreuungsinstitutionen einzuschätzen. Dabei zeigte sich, dass die Lebensqualität in hohem Maße von der gesundheitlichen Situation abhing; gesundheitliche Komplikationen, Ernährungsschwierigkeiten und die Abhängigkeit von Medikamenten waren in der Regel mit einer niedrigeren Lebensqualität assoziiert. Darüber hinaus war der Ausprägungsgrad von Verhaltensauffälligkeiten mit der wahrgenommenen Lebensqualität assoziiert. Außerdem ließen sich Zusammenhänge zur Art und zu Qualitätsmerkmalen der Betreuungseinrichtung identifizieren.
Maes et al. (2007) sahen nach einer Literaturübersicht zur Effektivität von Interventionen zur Verbesserung der Lebensqualität von Menschen mit schwersten und komplexen Behinderungen Interventionen zur Optimierung der gesundheitlichen Versorgung, zur Förderung sozialer Beziehungen durch eine Anleitung der Betreuungspersonen in der Gestaltung responsiver Interaktionen sowie zur Förderung der Beteiligung an Aktivitäten in einer anregenden Umgebung als vordringlich an.
Lebensqualität im Kindesalter
Gomez et al. (2016) entwickelten einen Fragebogen zur Beurteilung der Lebensqualität von Kindern, mit dem über insgesamt 156 Items Aspekte der sozialen Inklusion, Selbstbestimmung, des körperlichen, emotionalen und materiellen Wohlbefindens, der sozialen Beziehungen und der Möglichkeiten zur Realisierung des eigenen Entwicklungspotentials abgefragt wurden. Der Fragebogen wurde in einer Stichprobe von mehr als 1000 Kindern und Jugendlichen mit intellektueller Behinderung erprobt.
Die Sicherung von gesundheitlicher Stabilität, die Unterstützung von Kontaktbereitschaft zur Umwelt, Eigeninitiative, sozialen Beziehungen zu Erwachsenen und anderen Kindern sowie sozialer Teilhabe am Alltag sind zentrale Ziele, um die Lebensqualität von Kindern mit schwerster Behinderung zu fördern und sie körperliches und emotionales Wohlbefinden, Selbstwirksamkeit und Zugehörigkeit erleben zu lassen. Wohlbefinden, Selbstbestimmung und soziale Partizipation im Rahmen ihres Entwicklungspotentials zu fördern – dies entspricht den Leitideen der Pädagogik für alle Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen mit intellektueller Behinderung.
Die Lebensqualität von Kindern mit schwerster Behinderung ist untrennbar verbunden mit der Lebensqualität ihrer Eltern und Geschwister. Das bedeutet, dass sich die Frühförderung sowohl auf die Förderung des Wohlbefindens und der sozialen Teilhabe des Kindes beziehen muss als auch auf die Unterstützung der Eltern bei der Bewältigung der besonderen Herausforderungen, die die schwere Behinderung ihres Kindes für ihren Alltag und ihre psychische Stabilität mit sich bringt (
Abb. 2).
McNcube et al. (2018) wählten emotionales Wohlbefinden (»Happiness«), Möglichkeiten zur Verwirklichung des Entwicklungspotentials und zur Beteiligung an Aktivitäten sowie die Qualität sozialer Beziehungen zu Peers als Indikatoren für die Lebensqualität. Sie befragten 246 Eltern von Kindern mit schwerer intellektueller Behinderung im Alter zwischen vier und 19 Jahren und verglichen die Einschätzungen mit denen von Eltern von Kindern ohne Entwicklungsstörungen. Erwartungsgemäß schätzten die Eltern der ersten Gruppe die Lebensqualität ihrer Kinder niedriger ein. Innerhalb dieser Gruppe erhielten jüngere Kinder, Kinder mit höherem Niveau adaptiver Fähigkeiten und geringer Ausprägung von Verhaltensauffälligkeiten eine günstigere Einschätzung. Als weiterer Einflussfaktor ließ sich eine allgemeine positive Lebenseinstellung der Eltern identifizieren, die als »Optimismus« erhoben worden war. Je stärker sich die Eltern selbst psychisch belastet fühlten und je weniger zufrieden sie mit der pädagogischen Förderung ihrer Kinder waren, umso niedriger schätzten sie auch die Lebensqualität ihrer Kinder ein.

Abb. 2: Lebensqualität von Kindern mit schwerster Behinderung
Woran lässt sich nun emotionales Wohlbefinden bei sehr jungen Kindern mit schwerster Behinderung erkennen? Was macht hier das Gefühl sozialer Zugehörigkeit und Verbundenheit aus? Was bedeutet in dieser Entwicklungsphase soziale Teilhabe an Alltagsaktivitäten zur Realisierung des Entwicklungspotentials zur Selbstbestimmung? Wie lassen sich physiologische Grundbedürfnisse (Ernährung, Atmung, Schmerzfreiheit) sichern als Grundlage für Wohlbefinden, Selbstbestimmung und Partizipation?
Einordnung in ein systemisches Entwicklungsmodell
Die Sicherung des körperlichen Wohlbefindens – mit anderen Worten der Schutz vor Gefahren –, Anregungen durch Teilhabe an Aktivitäten im Alltag und entwicklungsförderliche Interaktionen in stabilen emotionalen Beziehungen mit den Bezugspersonen sind Voraussetzungen für den Erwerb von kognitiven, sprachlichen, motorischen und sozialen Kompetenzen im Kindesalter. Sie stellen die zentralen Ansatzpunkte für die Frühförderung von Schlüsselkompetenzen dar, die sich bei Kindern mit schwerster Behinderung als Aufmerksamkeit für die Umgebung, Eigeninitiative und soziale Beteiligung beschreiben lassen. Wie gut es Eltern gelingt, die Kinder beim Erwerb dieser Kompetenzen zu unterstützen, hängt von ihrer psychischen Stabilität und ihren sozialen Ressourcen ab (
Abb. 3).

Abb. 3: Entwicklungszusammenhänge bei Kindern mit und ohne Behinderungen (adaptiert nach: Sarimski, 2017)
Ein solches systemisches Verständnis von Entwicklung liegt allen modernen Konzepten familienorientierter Frühförderung zugrunde (Guralnick 2011, 2019; Sarimski, 2017). Motivation zur eigenständigen Auseinandersetzung mit der Umwelt, Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten, Kompetenzen zur Selbstregulation und soziale Fähigkeiten können sich danach nur im Kontext sozialer Beziehungen in der Familie und in den sozialen Alltagserfahrungen des Kindes entwickeln. Eltern haben um ein Vielfaches mehr Gelegenheiten, Entwicklungsanregungen zu setzen, als es Fachkräfte in einer Förderstunde oder in einer Kindertagesstätte können. Es ist die Vielfalt von Aktivitäten, die sich zwischen den Förderstunden ergeben – nicht die einzelnen Stunden, in denen die Fachkraft anwesend ist –, in denen Entwicklungsförderung stattfindet.
Die Entwicklungsprozesse werden in diesem Verständnis bestimmt von Anlagen und Dispositionen des Kindes, der Qualität der Eltern-Kind-Interaktionen und den Lerngelegenheiten, die es innerhalb der Familie, in den sozialen Beziehungen zu weiteren Bezugspersonen und später in sozialen Gruppen erhält. Die Qualität der Eltern-Kind-Interaktionen und der Entwicklungsimpulse im Alltag hängen ihrerseits von den persönlichen und sozialen Ressourcen der Eltern ab.
Insbesondere die sensible Reaktionsbereitschaft der Eltern auf kindliche Interaktionsbeiträge und Bedürfnisse erweist sich bei Kindern mit Behinderungen als wesentliche Unterstützung für die Entwicklung (Dyches et al., 2012; Mahoney & Nam, 2011). Eltern können sich jedoch nur dann auf die besonderen Bedürfnisse ihres Kindes einstellen und ihm Anregungen für seine Entwicklung im Alltag bieten, wenn sie sich den Herausforderungen ihrer Lebenssituation gewachsen fühlen. Dies bedeutet, dass elterliche Belastungen, die Sorgen und Nöte der Eltern von den Fachkräften bei der Diagnostik und Planung von Fördermaßnahmen beachtet werden müssen.
Familiäre Lebensqualität
Das übergeordnete Ziel der Maßnahmen der Frühförderung ist es, das emotionale Wohlbefinden, die Teilhabe an Aktivitäten und die Qualität von sozialen Beziehungen des Kindes zu unterstützen. Im Sinne des systemischen Entwicklungsmodells ist die Lebensqualität der gesamten Familie untrennbar damit verbunden.
Auch familiäre Lebensqualität stellt ein multidimensionales Konstrukt dar. Sie umfasst:
• körperliches und psychisches Wohlbefinden aller Familienmitglieder
• ausreichendes Familieneinkommen
• befriedigenden familiären Zusammenhalt
• Zugang der Eltern zu Informationen und Unterstützungen
• ausreichende Gelegenheiten zur persönlichen Weiterentwicklung aller Familienmitglieder
• ausreichende Gelegenheiten zu Freizeitgestaltung und Teilhabe an Aktivitäten im sozialen Umfeld.
Im Kontext der Entwicklung und Evaluation familienorientierter Konzepte der Frühförderung wurden im internationalen Raum verschiedene Fragebögen zur Messung familiärer Lebensqualität entwickeln, die die genannten Indikatoren in jeweils recht ähnlicher Weise einbeziehen. Dazu gehören z.B. die »Beach Center Family Quality of Life Scale« (Hoffman et al., 2006), das »Family Quality of Life Survey« (Brown et al., 2006) und die »Family Quality of Life Scale« (McWilliam & Casey, 2013).
Im deutschen Sprachraum entwickelte Tröster (2005) einen Fragebogen zur familienbezogenen Lebensqualität (FLQ), den er bei Müttern von chronisch kranken Kindern erprobte. Der Fragebogen enthält 24 Items, die sich in drei Subskalen gliedern lassen: Entlastung und Selbstverwirklichung, Energie und Aktivität, sozialer Rückhalt in der Familie. Zur Überprüfung der Validität wurden bei 184 Müttern Zusammenhänge zu krankheitsbedingten Anforderungen, Funktionsbeeinträchtigungen und Verhaltensauffälligkeiten der Kinder, mütterlicher Belastung und den bevorzugten Bewältigungsstrategien der Mütter untersucht. Der Fragebogen eignet sich auch zur Identifikation individueller und sozialer Ressourcen als Determinanten der Lebensqualität von Müttern von Kindern mit schwersten Beeinträchtigungen.
Eine der wenigen Studien, die sich spezifisch der Lebensqualität von Familien mit Kindern mit komplexen Behinderungen widmeten, stammt aus Frankreich. Rousseau et al. (2020) legten den Eltern von 77 Kindern mit schwerer und mehrfacher Behinderung im Alter von vier bis elf Jahren einen Fragebogen zur Beurteilung der Lebensqualität sowie Fragebögen zum Belastungserleben und zu Bewältigungsansätzen vor. Die Eltern gaben Belastungen ihrer Gesundheit, Einschränkungen in ihren alltäglichen Aktivitäten sowie erhöhte finanzielle Kosten als wichtigste Beeinträchtigungen für ihre Lebensqualität an. Die Familienkonstellation oder das Bildungsniveau der Eltern hatten dabei keinen signifikanten Einfluss. Eine ausgedehnte tägliche Betreuungsdauer, häufige nächtliche Unterbrechungen des Schlafs und besondere Pflegebedürfnisse des Kindes (Abhängigkeit von technischen Hilfen) trugen zu einer besonders hohen subjektiven Belastung bei.
Auch eine deutsche Untersuchung, die vom Kindernetzwerk in Kooperation mit der AOK durchgeführt wurde, macht deutlich, dass die Behinderung des Kindes umfassende Belastungen für die Familie mit sich bringt. Bundesweit wurden fast 1600 Eltern von Kindern mit körperlichen und geistigen sowie mehrfachen Behinderungen befragt (»Familie im Fokus«; Kindernetzwerk, 2015). Danach geben z.B. die Hälfte der Mütter (und knapp 20 % der Väter) an, dass sie ihre Arbeitszeit aufgrund der Geburt eines behinderten Kindes reduziert haben. 26 % der Mütter haben die Erwerbsarbeit vorübergehend ganz eingestellt; diese Zahl ist deutlich höher als in einer Vergleichsgruppe von Müttern, deren Kinder keine Behinderung haben. Abbildung 4 zeigt, welche anderen Belastungen von den Eltern geschildert werden.

Abb. 4: Belastungen von Familien mit chronisch kranken/behinderten Kindern (Kindernetzwerk, 2015)
In den folgenden Kapiteln wird es nun darum gehen, wie die spezifische Lebenssituation eines Kindes mit schwerster Behinderung in seiner Familie aussieht, welche spezifischen Herausforderungen sich durch seinen umfassenden Unterstützungsbedarf bei den Alltagsaktivitäten stellen, welche Auswirkungen sich auf die Eltern-Kind-Interaktion ergeben und wovon die psychische Stabilität der Eltern (und der Geschwister) abhängt. Dieses Wissen soll als Grundlage dienen, um das Konzept der familienorientierten Frühförderung auf die spezifischen Bedürfnisse von Kindern mit schwerster Behinderung und ihren Familien abzustimmen.
2 Familiärer Alltag: Aktivitäten, soziale Beziehungen und Belastungen
In diesem Kapitel erfahren Sie, welche Aktivitäten den Alltag mit kleinen Kindern mit schwerster Behinderung bestimmen, wie sich soziale Beziehungen zwischen dem Kind und den Eltern entwickeln und mit welchen Herausforderungen sich Eltern und Geschwister der Kinder auseinandersetzen. Die Ergebnisse einiger empirischer Studien, die sich mit diesen Fragen beschäftigen, werden beschrieben und durch exemplarische Äußerungen von Eltern und Geschwistern zu ihrem Erleben illustriert.
2.1 Alltagsaktivitäten in der Familie und kindliche Beteiligung
Familiäre Alltagsaktivitäten bieten Kindern im frühen Kindesalter eine Fülle von Anregungen für ihre Entwicklung und geben ihnen die Gelegenheit, mit der Zeit mit ihrer sozialen Umwelt vertraut zu werden. Damit sie von diesen Aktivitäten profitieren können, müssen sie an den Aktivitäten des täglichen Lebens beteiligt sein (»engagement«). Bei Kindern mit schwerster Behinderung sind die Möglichkeiten zu einer aktiven Beteiligung durch ihre sehr eingeschränkten kognitiven, kommunikativen, sozialen und motorischen Fähigkeiten begrenzt. Außerdem können praktische und emotionale Hindernisse die Alltagsgestaltung bestimmen – Eltern von Kindern mit schwerer und mehrfacher Behinderung müssen viel Zeit für die Pflege und Versorgung ihres Kindes aufbringen, so dass weniger Zeit für Spiel und andere »Freizeitaktivitäten« übrigbleibt. Sie sind womöglich auch noch durch ihre emotionale Auseinandersetzung mit der Diagnose der Behinderung sehr belastet, so dass es ihnen schwerfällt, die nötige Energie – und Freude – für die Gestaltung von anregenden Aktivitäten im Alltag zu mobilisieren. Trotz dieser schwierigen Ausgangslage – die Partizipation an Alltagsaktivitäten und das Gefühl der Zugehörigkeit sind auch bei Kindern mit schwerster Behinderung wichtige Beiträge zu ihrer Lebensqualität.
Es liegen mehrere Studien aus Schweden und Belgien zu der Frage vor, wie sich die Alltagsaktivitäten in diesen Familien von denen unterscheiden, denen Eltern mit Kindern nachgehen, die keine Entwicklungsbeeinträchtigung aufweisen. Diese Frage kann man auf zwei Wegen beantworten – die Eltern fragen, bei welchen Aktivitäten des Alltags ihre Kinder beteiligt sind, oder sie bitten, Tagesprotokolle zu führen, aus denen sich die zeitliche Verteilung der verschiedenen Tätigkeiten der Eltern ablesen lässt.
Axelsson et al. (2013) und Axelsson & Wilder (2014) befragten die Eltern von Kindern mit schwerer intellektueller und mehrfacher Behinderung im Alter von 5–20 Jahren und eine Vergleichsgruppe. Es fanden sich – wie erwartet – deutliche Unterschiede zwischen den beiden Gruppen. Bis auf einzelne Beschäftigungsformen, die wenig Anforderungen an körperliche Fähigkeiten der Kinder stellen, waren Kinder mit schwerer intellektueller und mehrfacher Behinderung deutlich weniger an familiären Alltagaktivitäten beteiligt; dies galt insbesondere für Aktivitäten außerhalb des Hauses. Sofern sie beteiligt waren, wirkten sie bei Aktivitäten, die von ihren eigenen Interessen ausgingen, zudem aufmerksamer als bei Routineabläufen (z.B. beim Essen oder bei der Körperpflege) im Alltag. In beiden Studien zeigte sich, dass die Beteiligung der Kinder sowohl mit dem Niveau ihrer motorischen als auch ihrer kognitiven Fähigkeiten korrelierte. Familiäre Rahmenbedingungen – z.B. das Bildungsniveau der Eltern oder das Familieneinkommen – hatten dagegen kaum Einfluss. Sie waren nur mit wenigen Aktivitäten assoziiert; z.B. unternahmen Eltern mit höherem Einkommen und Bildungsniveau etwas häufiger gemeinsame Urlaubsreisen mit ihren Kindern.
Luijkx et al. (2017a) ergänzten diese Befunde um eine differenzierte Analyse der Tagesstrukturen. Sie baten 27 Väter und 30 Mütter von Kindern mit schwerster Behinderung, an sieben aufeinander folgenden Tagen ein Tagebuch zu führen, aus dem sich die zeitliche Aufteilung des Tagesablaufs ablesen ließ. Sie verwendeten dazu eine App, bei denen die Eltern in bestimmten Zeitintervallen eingaben, welcher Tätigkeit sie gerade nachgingen. Die Autoren verglichen diese Aufzeichnungen mit denen von Eltern von Kindern im gleichen Alter, bei denen keine Entwicklungsbeeinträchtigung vorlag. In beiden Gruppen waren die Alterskonstellation der Kinder und die Familienzusammensetzung vergleichbar.
In dieser Untersuchung lag das Alter von vier Kindern mit schwerster Behinderung unter vier Jahren, bei neun Kinder in der Spanne von vier bis acht Jahren; 16 Kinder waren älter. Das durchschnittliche Entwicklungsalter dieser Kinder betrug ein Jahr; zwei Drittel der Kinder hatten motorische Beeinträchtigungen, die der Stufe IV oder V nach den Kriterien des »Gross Motor Function Classification System« zugeordnet wurden.
Die Mütter von Kindern mit schwerster Behinderung verwendeten von der häuslichen Zeit signifikant mehr auf Haushaltsaufgaben, Einkaufen und Versorgung sowie Beaufsichtigung des Kindes als die Vergleichsgruppe. Von den dafür aufgewendeten sechs Stunden entfielen allein 2.6 Stunden am Tag auf die Pflege und Aufsicht des Kindes mit einer Behinderung – in der Vergleichsgruppe waren dies lediglich 0.2 Stunden pro Tag. Väter von Kindern mit schwerster Behinderung beteiligten sich im Durchschnitt mit 1.9 Stunden an der Haushaltsführung und Pflege des Kindes. Jeweils vier Stunden standen den Müttern und Vätern von Kindern mit schwerster Behinderung als freie Zeit zur Verfügung für soziale Kontakte, TV/Radio, Aktivitäten am Computer oder andere Beschäftigungen. Die Eltern von Kindern ohne Beeinträchtigungen hatten dafür wesentlich mehr Zeit (im Durchschnitt mehr als 5.5 Stunden) zur Verfügung.
Eltern von Kindern mit schwerster Behinderung müssen wesentlich mehr Zeit für die Versorgung der Kinder aufwenden. Es bleibt ihnen deutlich weniger Zeit zur freien Gestaltung.
Die Ergebnisse dieser belgischen Studie sind gut vereinbar mit den Ergebnissen einer systematischen Übersicht über 32 – methodisch unterschiedlich angelegte – ältere Studien, die McCann et al. (2012) zu der Frage vorlegten, wie sich die zeitliche Strukturierung des Alltags in Familien mit Kindern mit komplexen Unterstützungsbedürfnissen unterschiedlicher Art und Schwere gestaltet. Danach ist die zeitliche Beanspruchung der Eltern umso größer, je schwerer die Behinderung des Kindes ist, je geringer seine adaptiven Kompetenzen sind und je jünger das Kind ist.
Während sich die Daten dieser Studien auf ein weites Altersspektrum von Kindern bezogen, konzentrierten sich Van Keer et al. (2019) in einer weiteren belgischen Studie auf jüngere Kinder mit schwerster Behinderung. Sie befragten 49 Eltern von Kindern im Alter zwischen sechs Monaten und fünf Jahren und verglichen wiederum die Angaben über familiäre Alltagsaktivitäten mit den Angaben zu Kindern in der gleichen Altersspanne, die keine Entwicklungsbeeinträchtigung aufwiesen. Sie verwendeten den gleichen Fragebogen wie die schwedische Arbeitsgruppe, in dem 59 Aktivitäten vorgegeben werden, die sich in Beschäftigungen innerhalb des Hauses, Mahlzeiten, Versorgungsroutinen, Außenaktivitäten, Beteiligung an organisierten Gruppenangeboten und Besuche gliedern lassen. Die Eltern wurden gebeten, jeweils anzugeben, wie oft sie diesen Aktivitäten nachgehen, wer in der Regel zusammen mit dem Kind daran beteiligt ist und wie »engagiert« ihr Kind – im Vergleich zu seinem durchschnittlichen Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsniveau – bei diesen Aktivitäten wirke.
In beiden Gruppen – Kinder mit schwerster Behinderung sowie Kinder ohne Entwicklungsbeeinträchtigung – wurden die Versorgungstätigkeiten am häufigsten und die Teilnahme an organisierten Gruppenangeboten am seltensten angegeben. Zu den relativ häufigen Alltagsaktivitäten von Kindern mit schwerster Behinderung innerhalb des Hauses gehörten:
• »Quatschmachen« (joking and fooling around),
• Spielen mit den Eltern oder Geschwistern,
• TV-Filme anschauen,
• Singen und Musikhören sowie
• Vorlesen/Anschauen eines Bilderbuches.
Regelmäßig wurde auch die Durchführung von Physiotherapie zu Hause genannt. Einige Eltern aus dieser Gruppe gaben zudem an, dass sie Mahlzeiten eher nicht gemeinsam einnehmen, sondern die Kinder extra versorgen. Kinder mit schwerster Behinderung zeigten sich – im Vergleich zu anderen Aktivitäten – am ehesten aufmerksam und beteiligt bei Spielen mit den Eltern, Geschwistern oder anderen Erwachsenen (z.B. bei Besuchen von Verwandten), beim Hören von Musik, beim Schaukeln auf dem Spielplatz und – wenn diese unternommen wurden – bei Urlaubsreisen.
Insgesamt ergaben sich signifikante Unterschiede zwischen den Gruppen hinsichtlich der Vielfalt der familiären Aktivitäten. Erwartungsgemäß benannten die Eltern der Kinder ohne Entwicklungsbeeinträchtigung weitere Beschäftigungen wie Basteln, Tischspiele, Tischdecken und Abräumen, Beteiligung am Aufräumen, Spiel mit Haustieren und Spiel mit anderen Kindern oder Erwachsenen, die von den Eltern der Kinder mit schwerster Behinderung nur sehr selten oder gar nicht angegeben wurden.
Im Hinblick auf Aktivitäten außerhalb des Hauses zeigten sich weitere Unterschiede zwischen den beiden Gruppen. Am ehesten – wenn auch seltener als die Vergleichsgruppe – wurden die Kinder mit schwerster Behinderung zum Einkaufen oder auf Spaziergänge mitgenommen. Besuche auf Spielplätzen oder in Büchereien bzw. Fahrradausflüge wurden wesentlich seltener unternommen, organisierte Gruppenangebote gar nicht besucht. Besuche von oder bei Freunde kamen vor, jedoch ebenfalls seltener als in der Vergleichsgruppe.
Offenbar sind die Eltern von Kindern mit schwerster Behinderung bestrebt, Beschäftigungsangebote innerhalb des Hauses so auszuwählen und anzupassen, dass sie die Aufmerksamkeit der Kinder finden und eine gewisse Beteiligung – sofern es ihre motorischen und kognitiven Fähigkeiten zulassen – ermöglichen. Die familiären Aktivitäten sind jedoch wesentlich eingeschränkter und insbesondere Aktivitäten außerhalb des Hauses lassen sich nur schwer realisieren.
Die Einschätzungen der Eltern zeigten eine deutliche individuelle Variation, d.h. einigen Eltern gelingt es, eine größere Vielfalt von Aktivitäten zu realisieren als anderen Eltern. Es sei an dieser Stelle auch darauf hingewiesen, dass es sich bei den Stichproben, die Luijkx et al. (2017a) und Van Keer et al. (2019) untersuchten, fast ausnahmslos um vollständige Familien handelte. Die zeitliche Beanspruchung von Müttern dürfte deutlich variieren, je nachdem, ob es sich um alleinerziehende Eltern oder Eltern in fester Partnerschaft handelt. Auch die Art der zusätzlichen Behinderungen des Kindes oder kulturspezifische Gewohnheiten im Familienleben (in Familien mit Migrationshintergrund) dürften Einfluss auf die jeweilige zeitliche Beanspruchung von Müttern und Vätern sowie die Vielfalt der alltäglichen Aktivitäten haben.
Die Hauptlast der Betreuung liegt bei den Müttern, auch wenn sich Väter von Kindern mit komplexem Unterstützungsbedarf stärker an der Betreuung beteiligen mögen als in anderen Familien (Simmerman et al., 2001). Sie sind konstant in der Verantwortung, ihre Aufmerksamkeit dem Kind zu widmen, und haben kaum freie Zeit, in denen sich das Kind selbst und ohne Aufsicht zu beschäftigen vermag. Sie müssen ihren Alltag auf die Bedürfnisse des Kindes abstimmen, Zeit für Förder- und Behandlungsmaßnahmen einplanen und eine Vielzahl von Terminen koordinieren. Vor besonderen Herausforderungen stehen sie, wenn das Kind auf technologische Hilfsmittel bei der Pflege angewiesen ist (z.B. Ernährung per Sonde oder Beatmungshilfen).
2.2 Eltern-Kind-Interaktionen
Der umfassende Unterstützungsbedarf von Kindern mit schwerster Behinderung hat natürlich nicht nur Auswirkungen auf die Aktivitäten und die Strukturierung des familiären Alltags, sondern bestimmt auch die Interaktionen zwischen dem Kind und seinen Eltern.
Bindungsqualität
Grundlage für entwicklungsförderliche Interaktionen mit den Kindern ist die affektive Zuwendung der Eltern und ein emotionales Band, das zwischen ihnen und ihren Eltern entsteht und in der Bindungsforschung als Voraussetzung für die Exploration der Umwelt gilt. Dieses emotionale Band zeigt sich darin, dass Kinder sich in bindungsrelevanten Situationen, in denen sie Schutz und Trost benötigen, an ihre Eltern wenden und diese die Bedürfnisse des Kindes erkennen und prompt und zuverlässig auf ihre Signale reagieren.
In der klassischen Bindungsforschung wird die Bindungsqualität eines Kindes im sogenannten Fremde-Situations-Test beurteilt. Dabei wird die Reaktion des Kindes beobachtet, wenn die Bezugsperson den Raum verlässt (»Trennung«), eine fremde Situation hinzukommt und dann nach kurzer Zeit die Bezugsperson wiederkehrt (»Wiedervereinigung«). Je nachdem, wie sich das Kind verhält, lässt sich ein sicheres, unsicheres oder desorganisiertes Bindungsmuster erkennen.
Studien, die mit diesem Verfahren bei Kindern mit kognitiven Beeinträchtigungen durchgeführt wurden, kamen zu dem Schluss, dass ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer unsicheren Bindung besteht. Aufgrund ihrer kognitiven Beeinträchtigung können diese Kinder ihre Bedürfnisse weniger differenziert mitteilen. Den Eltern fällt es daher schwerer, die Signale ihrer Kinder zu erkennen und prompt und zuverlässig darauf zu reagieren. Die kognitive Beeinträchtigung bringt es auch mit sich, dass die Kinder nicht in der alterstypischen Form Erwartungen über eine (feinfühlige und unterstützende) Reaktion ihrer Bezugspersonen ausbilden. Außerdem kann die emotionale Belastung der Eltern und eine potentiell ungelöste Traumatisierung durch die Diagnosemitteilung eine feinfühlige und adäquate Reaktion auf kindliche Bedürfnisse (nach Schutz und Trost) hemmen.
Bei Kindern mit schwerster Behinderung sind die motorischen Fähigkeiten, ihre kommunikativen Kompetenzen und ihre Ausdrucksmöglichkeiten für Emotionen so eingeschränkt, dass eine standardisierte Untersuchung der Bindungsqualität mit dem Fremde-Situations-Test und eine eindeutige Zuordnung zu den »klassischen« Bindungsmustern nicht möglich ist.
Vandesande et al. (2018) haben dennoch versucht, das Bindungsverhalten bei Kindern mit schwersten Behinderungen systematisch zu untersuchen. Sie videografierten dazu das Verhalten von 20 Kindern im Alter zwischen zwei und sieben Jahren in vertrauter Umgebung zu Hause, wenn das Kind im Kontakt mit den Eltern war, und verglichen diese Beobachtungen mit dem Verhalten der Kinder, wenn sie in Kontakt mit einer fremden Person waren. Das durchschnittliche Lebensalter der Kinder lag bei 55 Monaten, das Entwicklungsalter bei elf Monaten. Bei 14 Kindern lag auch eine motorische Behinderung vor, bei zehn Kindern wurde zusätzlich eine Epilepsie, bei sechs Kindern eine autistische Störung, bei fünf Kinder eine Seh- und bei einem Kind eine Hörschädigung diagnostiziert.
Die Auswertung der Videoaufzeichnungen zeigte deutliche Unterschiede im Verhalten der Kinder, wenn sie mit ihren Eltern zusammen waren, im Vergleich zu der Situation, in der eine fremde Person im Raum war. Sie suchten und hielten mehr Kontakt zu den Eltern als zu der fremden Person und zeigten auch mehr ablehnendes Verhalten, wenn die vertraute Person wieder in den Raum zurückkehrte – die charakteristischen Verhaltensmuster von Kindern mit sicherer Bindung.
Diese Ergebnisse belegen, dass auch bei schwerster Behinderung bereits im frühen Kindesalter eindeutig Indikatoren für eine Bindung an die primären Bezugspersonen zu erkennen sind – ein Befund, der die Sorge vieler Eltern von Kindern mit schwerer und mehrfacher Behinderung zu entkräften vermag, dass ihre Kinder keine spezifische Bindung an sie aufbauen würden, weil in ihrem Alltagsverhalten kaum Unterschiede zu erkennen seien, wenn sie oder fremde Personen mit ihnen Kontakt aufnehmen.
Eltern-Kind-Interaktion
Ein emotionales Band und eine spezifische Bindung des Kindes zu seinen Eltern stellen – wie gesagt – die Grundlage für die Kontaktaufnahme mit der Umwelt und die Exploration von Objekten im Umfeld dar. Die Eltern müssen jedoch ihr Verhalten in der Interaktion an die beeinträchtigten Kommunikations-, Verarbeitungs- und motorischen Handlungsmöglichkeiten von Kindern mit schwerster Behinderung anpassen, um sie dabei zu unterstützen. Dies zeigt sich sowohl in der Befragung von Eltern wie auch in direkten Beobachtungen der Interaktion.
Eine der ersten Studien, die sich mit den spezifischen Anpassungen und Erfahrungen von Eltern schwerstbehinderter Kinder bei der Gestaltung der Interaktion beschäftigte, stammt von Wilder & Granlund (2003). Sie befragten die Mütter von sieben Kindern im Alter von drei bis acht Jahren bei Hausbesuchen, wie sie die Interaktionen erlebten und welchen Strategien sie dabei folgten.
Erwartungsgemäß war es ihnen wichtig, die Aufmerksamkeit der Kinder, die Dauer ihrer Beteiligung an Interaktionssequenzen und das Gelingen der wechselseitigen Abstimmung aufeinander zu fördern. In den Interviews beschrieben die Mütter es als eine gelungene Interaktion, wenn das Kind auf ein Spielangebot reagierte und über längere Zeit eine Aktivität entstand, bei der beide – Kind und Mutter – mit Aufmerksamkeit und Freude beteiligt waren. Zwei Beispiele:
»Ich biete ein Spiel an und wenn ich sehe, dass er darauf mit einem Lächeln reagiert, er das Spielzeug mag und klar zeigt, dass er Freude daran hat, dann mache ich weiter.
Wenn du etwas vorliest in einem Buch, das dir das Frühförderzentrum empfohlen hat, und du siehst, dass er für einen Moment innehält und zuhört. Wenn er etwas Besonderes erlebt hat: z.B. wenn er auf einem Pferd geritten ist und das Pferd macht einen großen Haufen und du machst eine große Show daraus … dann wiederholst du das oder machst es wieder und wieder und du siehst, dass er sich erinnert und das mag. Das ist wirklich toll!« (Wilder & Granlund 2003, 563)
Es waren – nach Auskunft der befragten Mütter – nur selten die Kinder, die solche Interaktionen initiierten; zudem unterschieden sie sich in der Klarheit der Signale von Aufmerksamkeit und Beteiligung und der Mitteilung ihrer Bedürfnisse. Die Mütter sahen ihre Rolle darin, eine Gelegenheit für eine Interaktion zu schaffen, indem sie die Kinder ansprachen, ihnen etwas zeigten, um dann die Reaktionen des Kindes sensibel aufzugreifen in der Hoffnung, dass daraus eine längere Beteiligung des Kindes entstehen könnte und die Ausdrucksformen des Kindes mit der Zeit klarer würden. Lächeln, Augenbewegungen, Veränderungen der Atmung und unterschiedliche Qualitäten von Weinen wurden von den Müttern als Ausdrucksmittel der Kinder erkannt, in einzelnen Fällen auch bestimmte Bewegungen und Lautäußerungen. Zwei weitere Beispiele:
»Sie kann die Initiative übernehmen und mir zeigen, dass sie möchte, dass ich etwas für sie singe. Dann macht sie meist so (die Mutter imitiert eine bestimmte Geste des Kindes) … sie berührt meine Lippen, weil sie möchte, dass ich singe.
(Ich wünsche mir), dass er aktiver wird und mir öfter zeigt, dass er bestimmte Sachen möchte, und so … Ja, im Großen und Ganzen, dass er aktiver wird als er jetzt ist.« (Wilder & Granlund 2003, 564/565)
Ergänzend führten Wilder et al. (2004) Telefoninterviews mit je 30 Müttern von Kindern mit schwerster Behinderung sowie Müttern von Kindern gleichen Lebens- bzw. Entwicklungsalters durch. Sie bestätigten die Einzelfallbeobachtungen aus den Interviews. Im Vergleich zu beiden Gruppen schätzten die Mütter von Kindern mit schwerster Behinderung es für ihre Kinder als schwieriger ein, Interesse an der Interaktion und Neugierde auszudrücken, während sich bei anderen Emotionen (wie Freude, Ärger, Trauer, Irritation oder Ablehnung von Angeboten) kein Unterschied zu Kindern gleichen Lebens- oder Entwicklungsalters zeige. Diese seien bei ihnen ebenso gut zu erkennen. Initiative und Reaktionen auf elterliche Spiel- und Kommunikationsangebote seien seltener, die Beiträge des Kindes schwerer zu verstehen, die Aufmerksamkeit des Kindes schwerer zu lenken und aufrechtzuerhalten.
Die Angaben der Mütter zeigen, wie wichtig es ist, dass die Mütter von Kindern mit schwerster Behinderung die kindlichen Signale von Aufmerksamkeit und Kontaktbereitschaft sensibel beobachten und sie im Kontext interpretieren. Sie müssen sich an die individuellen Möglichkeiten der Kinder zur Beteiligung am Geschehen anpassen und quasi ein gemeinsames »Thema« für den Dialog in einer Art »Prozess des Aushandelns möglicher Bedeutungen« finden.
Dies gilt nicht nur für die Mütter junger Kinder, sondern kennzeichnet die Interaktion von Menschen mit schwerster Behinderung und ihren Bezugspersonen (z.B. Betreuungskräften in Heimeinrichtungen oder Lehrkräften in der Schule) im Allgemeinen. Hostyn & Maes (2009) legten eine Literaturübersicht über 15 Studien vor, die bis zu diesem Zeitpunkt zu den Merkmalen der Interaktion veröffentlicht worden waren. Sieben dieser Studien (darunter die beiden Studien der Arbeitsgruppe von Wilder) bezogen sich auf Kinder. Durchgängig zeichneten sich eine sensible Responsivität der Bezugspersonen, ein Bemühen um die Etablierung eines gemeinsamen Aufmerksamkeitsfokus, die Fähigkeiten der Bezugspersonen zur Co-Regulation der Interaktion und ihre emotionale Beteiligung als bedeutsam für das Gelingen von Interaktionen ab.
Die Voraussetzungen für das Gelingen von Interaktionsprozessen haben somit viele Ähnlichkeiten zu den Beobachtungen, die Papousek (1995) und andere Autoren in der Beobachtung von frühen Dialogen zwischen Säuglingen und ihren Eltern machten. Zu einer sehr ähnlichen Beschreibung kamen z.B. auch Nafstad & Rodbroe (1999) bei der Analyse von dialogischen Aushandlungsprozessen zwischen Kindern mit einer Hör-/Sehbehinderung (Taubblindheit) und ihren Bezugspersonen.
Hostyn et al. (2010) entwickelten auf dieser Basis eine Skala zur Beobachtung des Gelingens von dialogischen Aushandlungsprozessen und erprobten, ob sich bei der Videoanalyse der Interaktion von 18 Personen mit schwerster Behinderung (überwiegend handelte es sich um Erwachsene) und ihren Bezugspersonen zwischen verschiedenen Beobachtern übereinstimmende Einschätzungen vornehmen und individuelle Unterschiede in den Dyaden identifizieren ließen. Als Beobachtungsmerkmale bewerteten sie:
• wechselseitige Offenheit für Kontakte
• Bezugnahme auf den Kontext als Rahmen für den Dialog
• Versuch zur Klärung möglicher Bedeutung von Reaktionen
• Bestätigung der Beiträge des Partners
• empathische, nicht wertende Haltung gegenüber dem Dialogpartner.
Zwei neuere Studien aus Belgien beschäftigten sich mit der Interaktion von sehr jungen Kindern mit schwerster Behinderung und ihren Eltern. Sie unterschieden sich im methodischen Vorgehen. Während in der ersten Studie ein »globales« Ratingverfahren zur Einschätzung von Interaktionsmerkmalen verwendet wurde, wurden in der zweiten Studie die Zusammenhänge auf der Basis von sekundengenauen Auswertungen der Beobachtungen analysiert.
Van Keer et al. (2017) verwendeten zur Einschätzung der Interaktion die »Child and Maternal Behavior Rating Scales« (Mahoney, 1999). Dabei handelt es sich um ein Ratingverfahren, das für die Einschätzung der Eltern-Kind-Interaktion bei Kindern mit und ohne Behinderung, jedoch nicht spezifisch für die Einschätzung von Interaktionen bei schwerster Behinderung entwickelt wurde. In diesem Verfahren werden Einschätzungen der affektiven Beteiligung an der Interaktion, Responsivität, Zielorientierung und Direktivität im Verhalten der Eltern und u.a. Einschätzungen der Aufmerksamkeit, Eigeninitiative und Beteiligung an der Interaktion seitens des Kindes anhand von operationalisierten Kriterien auf einer fünfstufigen Skala vorgenommen. Für die Einschätzung dieser Interaktionsmerkmale ließ sich in dieser Studie – auch für Kinder mit schwerster Behinderung – eine befriedigende Inter-Rater-Reliabilität ermitteln.
Die Autorengruppe fand in einer explorativen Querschnittstudie mit 25 Kindern mit schwerster Behinderung im Alter zwischen sechs und 59 Monaten eine positive Assoziation zwischen der elterlichen Responsivität und der Beteiligung der Kinder an der Interaktion – ein Befund, der die Forschungslage zur Bedeutung responsiven Elternverhaltens für die Entwicklung von Kindern mit Behinderungen im Allgemeinen bestätigte. Die Mütter zeigten durchweg ein hohes Maß an affektiver Beteiligung, Sensibilität und Responsivität in der Interaktion. Sie boten häufig Spielsachen an oder initiierten Aktivitäten, um die Aufmerksamkeit der Kinder zu gewinnen. Die Aufmerksamkeit und Kontaktbereitschaft der Kinder mit schwerster Behinderung wurden dagegen – auch in dieser Studie – als nur mäßig ausgeprägt eingeschätzt, sie zeigten wenig Ausdauer bei ihren Beiträgen zur Interaktion und selten Eigeninitiative.
Auffällig war, dass die Eltern kaum zielorientiertes, lenkendes Verhalten in der Interaktion einsetzten, d.h. sie reagierten offenbar auf die geringe Eigeninitiative der Kinder nicht mit vermehrter Steuerung und Lenkung, wie es hätte erwartet werden können und sich in anderen Studien zur Interaktion mit Kindern mit weniger schweren kognitiven Beeinträchtigungen (z.B. Down-Syndrom) zeigt (Sarimski, 2017).
Van Keer et al. (2019b) führten bei 29 Kindern (zu der die Kinder der Stichprobe der ersten Studie gehörten) eine differenzierte Sequenzanalyse der Interaktion durch, um die wechselseitigen Zusammenhänge zwischen den Beiträgen von Eltern und Kind näher zu bestimmen. Es wurde das Blickverhalten, die Mimik, Berührungen, objekt-bezogene Verhaltensweisen, körperliche Unterstützung, Gesten und aktive Spielverhaltensweisen sowie Vokalisationen beider Interaktionspartner untersucht.
Alle diese Verhaltensweisen ließen sich sowohl bei den Kindern als auch bei den Eltern beobachten, waren jedoch auf Seiten der Kinder wesentlich seltener. Ihre Aufmerksamkeit war z.B. nur zur Hälfte der Beobachtungszeit auf die Mütter gerichtet und dafür umso häufiger auf Objekte. Sensorische Effekte an Objekten bewirkten bei ihnen eine längere Aufmerksamkeitsdauer.
Auf Seiten der Eltern ließen sich zwei Interaktionsmuster unterscheiden. Sie kombinierten entweder Blickkontakt, Ansprache und Mimik miteinander zu spielerischen Anregungen (»social-oriented cluster of behaviors«), um die Aufmerksamkeit der Kinder zu erreichen, oder manipulierten dazu Objekte und brachten die Kinder in Kontakt damit (»object-oriented cluster of behaviors«). Im zweiten Muster begleiteten sie ihre Handlungen seltener mit Gesten oder sprachlichen Äußerungen. Wenn die Kinder von sich aus sozialen Kontakt aufnahmen, dann wirkte das als »Trigger« für soziale Anregungen durch die Mütter.
Insgesamt bewirkte ein sozial orientiertes Verhaltensmuster der Mütter eher eine Aufmerksamkeitsreaktion des Kindes und eine balancierte Interaktion als reines Ansprechen des Kindes oder objekt-orientierte Verhaltensmuster der Mutter. Es schien, dass es den Müttern bei ihrer Interaktion wichtiger war, überhaupt die soziale Aufmerksamkeit des Kindes zu erlangen, als den Umgang des Kindes mit konkreten Objekten zu stimulieren. Sozial- und objekt-orientierte Verhaltensmuster kombinierten sie selten, d.h. es kam selten zu dialogischen Interaktionen mit einem gemeinsamen Aufmerksamkeitsfocus auf ein Objekt. Gerade diese Form der Interaktion ist aber eine Voraussetzung, um die Handlungskompetenz von Kindern auf dieser frühen Entwicklungsstufe zu fördern.
Van Keer et al. (2020a) analysierten dann mögliche Zusammenhänge zwischen elterlichen Verhaltensmustern in der Interaktion und der Beteiligung des Kindes in einer longitudinal angelegten Studie, in der Kinder mit schwerster Behinderung im frühen Kindesalter alle sechs Monate in der Interaktion mit ihren Eltern videografiert wurden. Die Videoaufzeichnung umfasste eine 15-minütige Freispielzeit zwischen Mutter und Kind und fand in der häuslichen Umgebung oder in einem ruhigen Nebenraum einer Kindertagesstätte statt. Die Auswertung bezog sich auf 21 Kinder; bei 19 Kindern lagen vollständige Daten für alle fünf Untersuchungszeitpunkte über einen Zeitraum von zwei Jahren vor.
Im Verlauf zeigte sich auf der Ebene der Gruppendaten keine signifikante Zu- oder Abnahme in den einzelnen Merkmalen der Interaktion auf Seiten des Kindes und der Eltern. Es hätte z.B. erwartet werden können, dass die Responsivität der Mütter angesichts der geringen Reaktionsbereitschaft der Kinder und ihrer geringen Eigeninitiative mit der Zeit nachlässt und sie die Interaktion stärker lenken. Dies ließ sich nicht bestätigen, das Interaktionsverhalten erwies sich als weitgehend stabil.
Es bestätigte sich bei den einzelnen Untersuchungszeitpunkten eine Assoziation zwischen kindlicher Eigeninitiative und elterlicher Responsivität. Die Eltern zeigten mehr Responsivität, wenn die Kinder ihrerseits mehr Eigeninitiative zeigten. Eine geringe Eigeninitiative des Kindes erwies sich im Verlauf als Prädiktor für eine niedrige Ausprägung von zielorientiertem und lenkendem Verhalten der Mütter zwei Jahre später. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass Mütter von Kindern mit geringer Eigeninitiative ihre Kinder zunehmend weniger anregen, mit Objekten in ihrem Umfeld in Kontakt zu kommen, weil sie wenig Hoffnung auf Fortschritte in diesem Bereich haben.
Mütter von Kindern mit schwerster Behinderung gestalten intuitiv ihre Interaktion eher mit dem Ziel der sozialen Beteiligung am Dialog und affektiven Beziehung. Es bedarf gezielter Beratung, wie sie über die soziale Kontaktaufnahme hinaus auch Entwicklungsfortschritte ihrer Kinder zu intentionaler Kommunikation und objektbezogener Exploration der Umwelt fördern können.
2.3 Belastungserleben von Eltern
Die Arbeitsgruppe um Luijkx analysierten nicht nur die zeitliche Beanspruchung von Eltern von Kindern mit schwerster Behinderung, sondern befragten sie auch zu ihrem Belastungserleben (Luijkx et al., 2017b). Die Eltern klagten einerseits über die – bereits angesprochene – zeitliche Belastung durch Pflege und Therapiemaßnahmen, die die Zeit für eigene Entfaltungsmöglichkeiten und Kontakte mit Freunden reduziere, sowie finanzielle Belastungen. Andererseits betonten sie aber auch, dass die Auseinandersetzung mit der Diagnose ihres Kindes dazu beigetragen habe, dass es ihnen wichtiger geworden sei, die Bedürfnisse anderer Menschen zu beachten, und sich insgesamt verändert habe, was für sie im Leben wichtig sei.
In einer qualitativen Studie, die Wilder & Granlund (2015) in Schweden durchführten, wurden die Eltern von acht Kindern mit schwerster Behinderung zwischen einem und zehn Jahren interviewt. Sie benannten die komplexen Anforderungen bei der Pflege der Kinder, ihre häufigen Kontakte mit Fachleuten und die Verantwortung der Mütter für die Koordination aller Maßnahmen als besondere Belastungen. Eine stärkere Beteiligung der Väter, enge Verbundenheit zwischen den Eltern und die Verfügbarkeit von emotionaler Unterstützung im sozialen Umfeld trug zur Stabilisierung des Familienlebens bei.
In einer Serie von Einzelfallstudien zur Belastungs- und Beziehungsentwicklung von Müttern und Kindern mit schwerer und mehrfacher Behinderung in den ersten zwei Lebensjahren lässt sich erkennen, wie die Mütter um eine »Wiedereroberung von Normalität« in ihrem Leben und – in je unterschiedlicher Weise – um die Bewältigung der vielfältigen Anforderungen ringen (Sarimski, 2012). Die körperliche Fragilität der Kinder, die Erwartungen, die mit Therapien oder Fördermaßnahmen verbunden sind, aber auch die soziale Unterstützung durch den Partner, die Familie oder Freunde spielen eine Rolle, wie gut ihnen dies gelingt. Zwei charakteristische Äußerungen von Müttern, die im Rahmen dieser Einzelfallstudien über ihren Alltag berichteten, seien als Beispiele angeführt:
»Das ist noch schwierig, wir waren ja jetzt in letzter Zeit viel im Krankenhaus. Das ist so eine ständige Umbruchsituation. Wir haben noch keine Normalität und noch keinerlei Alltag. Aber wir hoffen, dass es irgendwann mal zur Normalität kommt … ich brauch jetzt auch noch ein bisschen Routine. Die Große geht jetzt in die Kinderkrippe. Da muss sie morgens um neun sein. Da muss ich um sechs aufstehen und anfangen, damit ich die beiden Kinder um neun da hab. Dass ich um viertel vor neun mit den Kindern aus dem Haus gehen kann und dann bin ich halb zehn wieder daheim. Da kann ich erstmal Frühstücken. Das schaff ich vorher nicht und ich trödel da nicht groß rum, sondern ich spring die ganze Zeit zwischen den beiden hin und her.« (Sarimski, 2012, 59/60)
»Man bekommt dann vielleicht in der Krankengymnastik ständig Tipps, so nach dem Motto ›Legen sie ihn am Tag häufig auf den Bauch, auf die Seite legen sollten Sie ihn auch ein paarmal, tun Sie ihm möglichst oft die Füße zusammen und zum Bauch hindrücken, damit er merkt, dass er die Füße zusammen machen muss.‹ Von der Hörfrühförderung kommt, dass ich häufig mit ihm Singspiele machen soll, häufig mit ihm Fingerspiele machen soll, ihm Dinge zeigen soll, die Geräusche machen, ihn durch die Gegend tragen soll. Ich meine, klar, das sind Sachen, die man auch so machen würde, aber man bekommt halt immer gesagt, dass man noch mehr machen soll. Ich soll ihn auf den Bauch legen, auf die Seite legen, auf den Rücken legen, dies tun, das tun … Natürlich heißt es dann immer, von der Krankengymnastin zum Beispiel, dass ich das nur tun soll, wenn ich Zeit habe, oder nur ab und zu, oder nur mal so für fünf Minuten. Also weil – sonst müsste ich ihn den ganzen Tag einfach nur rumdrehen wie ein Spanferkel. Ja, das ist eigentlich so das nicht Normale, dass ich nicht mit ihm so diese normalen Sachen machen kann.« (ebda., 202/203)
Van Keer et al. (2020b) gingen der Frage nach, welche Einflussfaktoren die familiären Anpassungsprozesse bestimmen. Sie interviewten dazu sechs Eltern von Kindern mit schwerster Behinderung aus der belgischen Stichprobe, über die bereits berichtet wurde, sowie fünf Eltern aus der Vergleichsgruppe. Das Gelingen der Anpassung an die besondere Lebenssituation mit einem Kind mit schwerster Behinderung variierte mit den Ressourcen der Eltern. So fühlte sich eine allein erziehende Mutter eines vierjährigen Kindes durch die Belastungen einer Vollzeitbeschäftigung und die gleichzeitige Versorgung ihres Jungen – verständlicherweise – überfordert. In einer anderen Familie war der Vater beruflich in sehr hohem Maße belastet, der partnerschaftliche Zusammenhalt wirkte gering und die Mutter – unabhängig von ihren aktuellen Belastungen – psychisch instabil.
In den Interviews zeichneten sich der Umfang und die innerfamiliäre Aufteilung der Haushalts-, Erziehungs- und Pflegeaufgaben, eine (zumindest Teilzeit-) Berufstätigkeit der Mutter (und Flexibilität bei der Bewältigung der beruflichen Anforderungen), die Anpassungen in der häuslichen Wohnumgebung (z.B. behindertengerechte Ausstattung des Badezimmers, ausreichende Raumgröße zur Nutzung eines Rollstuhls), der familiäre Zusammenhalt, das soziale Netzwerk der Familien und die Unterstützung durch professionelle Fachkräfte sowie individuelle Merkmale des Kindes (Temperament, Verhalten, Gesundheit) als Einflussfaktoren auf die erlebte Belastung ab (Abb. 5).
Die Eltern sprachen in den Interviews zunächst die praktischen Schwierigkeiten bei der Pflege, die Ausrichtung des Tageslaufes auf die Bedürfnisse ihres Kindes (z.B. auch bei gestörter Nachtruhe), die rein körperlichen Anforderungen bei zunehmender Größe und steigendem Gewicht des Kindes, die Schwierigkeiten bei seinem Transport und die Angewiesenheit auf Hilfsmittel (z.B. eine Ernährungssonde) bei der Versorgung ihrer Kinder als spezifische Belastungen im Alltag an. Einige Beispiele aus den Elterninterviews:
»Sie zu baden, das braucht in der Regel zwei Leute, aber wenn wir mal das Bad umgebaut haben mit einem Badelift, dann könnte ich das vielleicht allein schaffen.«
»Wenn sie zwei Nächte schlecht geschlafen hat, dann sind wir erschöpft und im Notfallmodus, d.h. einer von uns schläft in einem anderen Raum mit Ohrenschützern, damit wenigstens einer von uns am nächsten Tag durchhalten kann.«
»Wenn ich irgendwo hingehen will, ist das ein riesiger Aufwand. Mit Kindern verlierst du ein bisschen von deiner Freiheit, o.k., aber mit anderen Kindern kannst du sagen ›Auf geht’s‹, das ist bei uns aber nicht möglich.« (Van Keer et al., 2020b, 15)
Um eine gewisse Möglichkeit zur Entlastung zu erhalten, sind sie auf die Unterstützung durch Verwandte (in geringerem Maße auch Freunde) und außerfamiliäre Hilfskräfte angewiesen. In dieser Hinsicht unterscheiden sich die Familien

Abb. 5: Einflussfaktoren auf die erlebte Elternbelastung bei schwerster Behinderung des Kindes
deutlich; einige, aber nicht alle Familien empfinden sich als isoliert. Zeit für Erholung und eigene Bedürfnisse in der Freizeit bleibe kaum. Informelle Absprachen mit Babysittern zur Betreuung des Kindes lassen sich kaum realisieren, professionelle Assistenz steht nicht ausreichend und nicht immer mit entsprechender Kompetenz zur Verfügung.
»Soziale Kontakte mit meinen Freunden zu pflegen, ist kaum möglich. Ich würde mich gern mit ihnen und meinen und ihren Kindern treffen, aber ich hab‹ dazu einfach nicht mehr genug Energie bei all den Konflikten zu Hause. Und das ist schade. Ich fühle mich einsam oder isoliert.«
»Wenn meine Mutter mir nicht helfen würde, dann wäre alles noch viel schwieriger, weil die Behinderung einfach alles bestimmt. Das würde uns völlig einschränken.«
»Ich kann ihn nirgendwo lassen. Wenn ein anderes Kind irgendwohin gehen möchte, dann kannst du es beruhigt da lassen. Aber er kann nicht mitteilen, ob er etwas möchte, deshalb verfolgt mich ich immer die Vorstellung, dass er sich dort langweilt oder es nicht mag. Er kann es halt nicht sagen. Deshalb lass ich ihn lieber bei mir.« (Van Keer et al., 2020b, 16)
Die Eltern betonen die Notwendigkeit, auf den Zusammenhalt der Familie sowie eine enge Kommunikation untereinander zu achten und zu gemeinsamen Entscheidungen in Bezug auf die Behandlung des Kindes zu finden. Eine große Bedeutung hat aus ihrer Sicht auch der Kontakt zu anderen Familien mit behinderten Kindern. Sie schätzen den Informationsaustausch mit anderen Eltern, die in einer ähnlichen Situation sind.
»Es ist für mich schwierig, emotionale Unterstützung zu finden. Leute, die kein Kind mit einer Behinderung haben und nicht mit all diesen Fachleuten zu tun haben, können das nicht verstehen. Die Frauen in meiner Nachbarschaft wollen schon zuhören, aber sie haben einfach nicht die gleichen Erfahrungen wie ich, sondern ein komplett anderes Leben. Wenn du mit Leuten sprichst, die selbst ein behindertes Kind haben, ist die Unterstützung irgendwie besser, wir verstehen zumindest untereinander, wovon die Rede ist.« (Van Keer et al., 2020b, 16)
Die Suche nach einer pädagogischen Einrichtung, die den Bedürfnissen des Kindes gerecht wird, stellt eine Herausforderung dar. Oft ist der Besuch mit einer weiten Anfahrt verbunden. Ein regelmäßiger Austausch mit pädagogischen Fachkräften und ein entsprechendes Fachwissen sowie eine interdisziplinäre Koordination der Behandlungs- und Fördermaßnahmen werden als wichtig angesehen. Als positiv werden insbesondere Unterstützungsmaßnahmen angesehen, bei denen Fachkräfte ins Haus kommen.
Die Vielzahl der Termine in medizinischen Einrichtungen ist – insbesondere in der ersten Zeit – sehr belastend, die Kommunikation mit Ärzten und medizinischen Fachkräften oft unbefriedigend. Die Informationssuche über Entwicklungsperspektiven des Kindes gestaltet sich insbesondere bei seltenen (genetischen) Syndromen als schwierig. Finanzielle Belastungen entstehen, wenn die Kosten für Behandlungsmaßnahmen, Pflegemittel oder spezielle Materialien nicht von den Krankenkassen übernommen werden. Insgesamt werden die Suche nach Unterstützungsmöglichkeiten als außerordentlich zeitaufwendig und mühsam, die Angebote als nicht ausreichend flexibel auf die Bedürfnisse des Kindes und der Familie abgestimmt geschildert.
»Am Anfang hatten wir viele Kontakte zu Ärzten, an vielen verschiedenen Orten – das haben wir dann eins nach dem anderen aufgegeben. Jetzt haben wir einen zentralen Ansprechpartner. Jedes Mal mussten wir alles von vorn erzählen und dann sprachen sie nicht miteinander und ein Arzt verschrieb uns die eine Behandlung, am nächsten Tag hatte ein anderer eine ganz andere Meinung. Wir wussten nicht, was richtig ist.«
»Die wissen ganz genau, dass wir ein Kind mit einer schweren Behinderung haben. Aber keiner sagt uns, auf welche Unterstützung wir Anspruch haben. Wir wissen alles darüber nur durch andere Eltern.«
»Manchmal fühlst du dich wie ein Verbrecher. Die Leute, mit denen du zu tun hast, machen den Eindruck, als ob du ihr eigenes Geld willst. Wir brauchen kein Mitleid, sondern ein bisschen Empathie. Wir fragen nicht nach Hilfen, weil wir sie uns wünschen, sondern einfach, weil sie nötig sind.« (Van Keer et al., 2020b, 19)
Temperamentsmerkmale des Kindes – empfindliche Reaktionen auf Veränderungen oder Reizüberflutung – und gesundheitliche Komplikationen des Kindes können den Alltag zusätzlich erschweren.
»Sie fängt wirklich schnell an zu weinen, oft ohne erkennbaren Anlass. Und dann müssen wir abwägen – wo wir hingehen, was wir machen und mit wem?«
»Wir achten auf unsere eigenen Bedürfnisse, sagen oft nein zu Dingen, die dazu nicht passen. Wir sind z.B. sehr skeptisch gegenüber Familienfeiern. Ist das was, was uns wirklich gut tut? Macht uns das froh oder ist es besser, wenn wir – oder einer von uns – zu Hause bleiben, um etwas Anderes zu machen?« (Van Keer et al., 2020b, 21)
Um den familiären Zusammenhalt zu stärken und den Bedürfnissen aller Familienmitglieder gerecht zu werden, bemühen sich die Familien um individuelle Lösungen. Dazu gehört eine Reduzierung von Arbeitszeiten, eine gewisse Balance bei der Aufteilung der Aufgaben zwischen den Elternteilen, eine verbindliche zeitliche Strukturierung des Alltags, in der z.B. auch Zeiten für eigene Erholung oder Zeiten für die Geschwister des Kindes fest eingeplant werden, eine bewusste Auswahl von Freizeitaktivitäten, die sich trotz der Behinderung des Kindes organisieren lassen, und die Suche nach externer Unterstützung zur Entlastung.
Auf die Frage, was für sie am wichtigsten sei, betonten alle Eltern, dass es ihnen in allererster Linie wichtig sei, dass ihr Kind glücklich sei. Zweitens sahen sie eine gute Pflege und Entwicklungsanregung ihres Kindes als wichtig an. Daneben betonten sie aber auch, dass ihnen wichtig sei, nicht ihr gesamtes Leben vollständig von den Bedürfnissen ihres Kindes bestimmen zu lassen. Sie suchen nach Kompromissen, um allen Familienmitgliedern gerecht zu werden, und sorgen sich darum, wie dies alles auch in der Zukunft für sie zu schaffen sein wird.
Diese Ergebnisse einer qualitativen Studie unterstreichen anschaulich die Vielfalt der Belastungen und Anpassungsprozesse in Familien mit Kindern mit schwerster Behinderung. Eine systematische Literaturübersicht durch Dantas et al. (2019) identifizierte acht Studien, die sich spezifisch auf Eltern von Kindern mit schweren und mehrfachen Behinderungen in unterschiedlichen Altersgruppen bezogen und zu sehr ähnlichen Ergebnissen kamen. Sie belegen:
Anforderungen der Pflege, soziale Isolation, Belastungen der Familienbeziehungen, finanzielle Sorgen, Einschränkungen der eigenen körperlichen und psychischen Gesundheit beeinträchtigen nachhaltig die Lebensqualität der Eltern von Kindern mit schwerster Behinderung.
Zu der Frage, wovon das Gelingen der Anpassungsprozesse in Familien mit behinderten Kindern im Allgemeinen abhängt, liegt inzwischen ein breites Wissen aus zahlreichen empirischen Studien vor. Sie zeigen, dass die Schwere der Behinderung nur einer von vielen Einflussfaktoren ist. Mindestens ebenso stark ist der Einfluss, den ausgeprägte Verhaltensauffälligkeiten des Kindes auf die Familiensituation nehmen, sowie die partnerschaftliche und soziale Unterstützung, die die Eltern erleben, ihre Haltung zur Behinderung des Kindes und ihre individuell geprägten Bewältigungsstrategien, um ihr psychisches Gleichgewicht zu wahren (Sarimski, 2021b).
Viele Studien, aus denen sich diese zusammenfassenden Aussagen ergeben, sind sehr heterogen hinsichtlich der Altersspannen, Formen und Schweregrade der Behinderungen. Nur wenige Studien untersuchen explizit das Belastungserleben von Eltern von Kindern mit schwerer und mehrfacher Behinderung im frühen Kindesalter. Bei einer dieser Studien handelte es sich um eine Querschnitterhebung bei einer Stichprobe von 69 Eltern von Kindern mit schwerer Behinderung, die u.a. in Zusammenarbeit mit dem Elternverband »LEONA e.V.« durchgeführt wurde, in dem sich Eltern von Kindern mit seltenen genetischen Syndromen zusammengeschlossen haben (Sarimski, 2012). 30 % der Kinder waren unter drei Jahre alt, 41 % zwischen drei und sechs Jahren; d.h. das Lebensalter der meisten Kinder lag im Bereich der Frühförderung.
Schwere Behinderung wurde in dieser Studie als Entwicklungsquotient unter 30 definiert, gemessen mit den »Vineland Adaptive Behavior Scales-II«. Bei etwa der Hälfte der Kinder bestand neben den Einschränkungen der kognitiven, motorischen und kommunikativen Fähigkeiten, die sich in ihren adaptiven Kompetenzen widerspiegeln, eine Hör- oder Sehbehinderung. Die Kriterien der Stichprobenauswahl kommen somit der in diesem Buch zugrunde gelegten Definition von »schwerster Behinderung« zumindest nahe.
Zur Beurteilung des Belastungserlebens der Mütter wurde ein standardisierter Fragebogen (»Parenting Stress Scale« – Short Form) verwendet, der sich in der Einschätzung von Elternbelastungen im frühen Kindesalter bewährt hat, jedoch mit Blick auf die Alltagssituation von Eltern junger Kinder im Allgemeinen und nicht speziell für die Zielgruppe der Eltern von Kindern mit Behinderungen entwickelt wurde. Im Vergleich zu den US-Normwerten, die für diesen Fragebogen vorlagen, erlebten sich 45 Mütter als hoch belastet in der Interaktion mit ihrem Kind, 31 Mütter insgesamt als emotional hoch belastet.
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