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Kirsten Holst
Volles Haus - Skandinavien-Krimi
Saga
Volles Haus - Skandinavien-Krimi ÜbersetztHanne Hammer Original Det tomme husCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1982, 2020 Kirsten Holst und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711455869
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 3.0
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1.
Der frühe Märzmorgen breitete sich fahl und zögerlich über der Stadt aus wie ein Rekonvaleszent, der nur notgedrungen das warme Bett verlässt. Auf der Straße hatte sich die leichte Decke aus in der Nacht gefallenem Schnee durch die vielen Autoreifen in einen schmierigen Morast verwandelt, der die Beine der wenigen Fahrradfahrer, die dem Wetter trotzten, mit Matsch bespritzte, und auf dem Gehweg bewegten sich die Fußgänger in dem Versuch, das Gleichgewicht zu halten, mit Storchenbeinen an den Hauswänden entlang. Hier und da waren einige früh aufgestandene Hausbesitzer oder Hausmeister mit Schneeschiebern beschäftigt und man hörte den eintönigen Laut von Metall, das auf Stein trifft.
Der Hafen machte keinen sonderlich belebten Eindruck. Ein kalter Wind füllte die Nasenflügel mit dem unvermeidlichen Geruch nach Teer, Tauwerk, Öl, Fjord und Industriefisch und rief vage Erinnerungen an Austern und Bier wach. Auf Deck eines Küstenmotorschiffs tauchte der Koch auf und goss mit einem Platsch einen Eimer schmutziges Wasser über die Reling, sodass von den niedrigen eis grünen Wellen des Hafens ein bleicher Dunst aufstieg. Etwas weiter entfernt pfiff eine Rangierlok und sauste fast ausgelassen über die Schienen. Zwei Vorruheständler, die sich noch nicht daran gewöhnt hatten, morgens länger zu schlafen, klapperten, die Hände in den Taschen, auf ihren gummibesohlten Holzschuhen leise die Hafenstraße hinunter, nachdem sie eine Runde um ihren alten Arbeitsplatz gedreht hatten. Beide warfen im Vorbeigehen einen Blick auf das leer stehende Haus und der eine machte eine Bemerkung, die im Geräusch eines vorbeifahrenden Tankwagens unterging.
In dem grauen Morgenlicht, das den Verfall verschleierte, sah das leer stehende Haus mit seiner weißen Fassade, den reinen, klassizistischen Linien und der imposanten Eingangstür fast vornehm aus. Wie ein Palais aus dem vorigen Jahrhundert, in dem ein wohlhabender Reeder sein Domizil gehabt hatte und von dem aus er die Ankunft seiner Schiffe im Hafen hatte beobachten können. In Wirklichkeit war es ein Hotel gewesen, doch mit Sicherheit eins der vornehmsten der Stadt. Hier, auf der Sonnenseite des Hafens, spielte die Musik, hier florierte das Vergnügungsleben und das alte Hotel war das Herzstück all dessen gewesen. Aber dann hatte die Entwicklung eine andere Wende genommen und das Hotel verlor erst langsam und dann immer schneller seinen Glanz, um schließlich von der Gemeinde übernommen und zu Wohnungen umgebaut zu werden. Und als auch diese nicht mehr den Anforderungen entsprachen, wurden der Abriss des Gebäudes und die Errichtung eines neuen Wohnblocks beschlossen. Doch zuerst mussten die Bewohner raus, mussten neue Wohnungen für sie gefunden werden, was nicht von einem Tag auf den anderen ging, und als auch der letzte Mieter, eine alte Witwe, sich schließlich zu sterben entschlossen hatte, um der Gemeinde weitere Mühen zu ersparen, und das Haus endlich leer stand, war auch die Gemeindekasse leer und das Bauvorhaben wurde eingestellt. Jetzt stand das Haus einfach an dem Platz, den ein geschäftstüchtiger Unternehmer einmal als den besten der Stadt bezeichnet hatte, und verfiel. Den Balkon, von dem aus Herren mit Kaiser-Wilhelm-Bärten und Damen mit Sonnenschirmen und hellen Kleidern das Leben im Hafen betrachtet hatten, schien nur die Erinnerung an die vergangene Pracht aufrecht zu halten; mehrere Fenster des Gebäudes waren kaputt und bei Tageslicht konnte man sehen, dass der Putz großflächig abblätterte. Der letzte Akt war erreicht, die letzte Szene.
In einer der oberen Etagen des Hauses erwachten langsam dessen illegale Bewohner. Der Tag streckte ein paar graue Hände hinein und tastete sich vorsichtig an die Stuckornamente der Decke heran, die die letzten Mieter, ein kreatives junges Paar, rosa und giftgrün gestrichen hatten, streifte einen Typen mit schwarzen Locken, der versuchte, einen Ofen in Gang zu bringen, sowie eine kleine Gruppe, die in der Nähe des Fensters auf dem Boden kampierte. Der Rest des Raums lag noch im Halbdunkel.
Die Hausbesetzer hatten sich aus strategischen Gründen für die oberste Etage entschieden. Zum einen war es leichter, sich hier zu verschanzen, und zum anderen ging man davon aus, dass die Polizei ihr Tränengas zuerst auf die unteren Etagen richten würde. Letzteres war eine überflüssige Überlegung, denn es war fraglich, ob das Tränengas in diesem Raum überhaupt seine Wirkung entfalten würde. Knapp zwanzig Menschen waren hier zusammengekrochen. Überall auf dem Boden lagen Matratzen herum, Schlafsäcke in allen möglichen Farben, mit und ohne Inhalt, Bücher, Zeitungen, Musikkassetten, Pappbecher, Flaschen mit Stearinkerzen und leere Blechdosen, die als Aschenbecher benutzt wurden. In einer Ecke standen eine Stereoanlage und ein Fernseher, unter dem Fenster war ein Gasradiator mit einer Elf-Kilo-Gasflasche aufgestellt worden, zu dem Ofen in der Mitte des Zimmers führte ein Trampelpfad.
Doch war die Unordnung nichts gegen den Geruch. Der Gestank in dem Raum war nahezu unerträglich. Ungewaschene Körper, Petroleum, Friteusenfett, Zigarettenrauch und feuchte Kleidung bildeten die Hauptbestandteile. Hinzu kam der unverkennbare Geruch nach Fäkalien, der das ganze Haus zu durchdringen schien. Die Hausbesetzung dauerte jetzt sechs Wochen.
Ursprünglich war das Haus von ungefähr siebzig jungen Leuten besetzt worden, die ein Jugendzentrum haben wollten – und das sofort. Inzwischen hatte sich die Zahl der illegalen Bewohner auf knapp zwanzig Personen reduziert, die noch immer in dem Abrisshaus ausharrten, in dem es weder Licht noch Heizung noch Wasser gab. Letzteres hatten die Besetzer offenbar übersehen oder als unwesentlich abgetan, obwohl es nicht lange gedauert hatte, bis alle Toiletten des Hauses verstopft waren. Einige halbherzige Versuche, Wasser zum Nachspülen in Eimern zu holen, waren im Sande verlaufen, als sich die Aufgabe als nahezu undurchführbar erwies, sodass man sich letztendlich mit dem Versuch begnügt hatte, die zu dieser Wohnung gehörende Toilette in einem halbwegs benutzbaren Zustand zu halten.
Die desertierten Rebellen hatten zumindest einige Vorteile der Zivilisation schätzen gelernt, die sie bisher als nahezu selbstverständlich angesehen hatten: fließend warmes und kaltes Wasser sowie eine Toilette mit Spülung.
Dem Typen mit den schwarzen Locken war es endlich gelungen, dem Ofen Leben einzuhauchen. Er richtete sich auf und sah zu der Gruppe am Fenster hinüber.
»Kannst du bitte einen Kessel Wasser holen, Søren?«, fragte er.
»Mach es doch selbst«, murmelte Søren mürrisch.
Der Lockenkopf sah von ihm zu dem blonden Mädchen, das neben Søren saß, und zu dem grünen Bündel, das vor ihnen auf dem Boden lag. Dann zuckte er mit den Schultern, nahm den Kessel und ging hinaus, um ihn mit Wasser aus einer Milchkanne zu füllen, die draußen stand.
»Jetzt reicht es aber, Søren!« Das blonde Mädchen sah Søren vorwurfsvoll an, während sie gleichzeitig das Mädchen in dem grünen Schlafsack tröstend streichelte. »Es reicht.«
Søren wand sich unbehaglich unter ihrem Blick.
»Ist schließlich nicht meine Schuld«, murmelte er.
»Wessen Schuld ist es dann, verdammt nochmal?«, schrie das Mädchen.
»Müsst ihr so laut schreien?«, klang es aus einem der anderen Schlafsäcke. »Ihr weckt uns doch alle.«
»Es ist Morgen, Lars«, sagte der Lockige, der gerade wieder hereinkam. »Du kannst ruhig aufstehen. Es graut ein neuer Tag.«
»Mensch, halt doch die Klappe«, sagte Lars, während er sich aufsetzte und mit fast hellwachen Augen im Zimmer umsah. »Weint sie, Winie?«, fragte er und zeigte auf das grüne Bündel.
»Was geht das dich an?«, sagte Winie. Ihr Atem stand im Raum wie weißer Nebel.
»Was ist los?«, fragte Lars unbeeindruckt.
Niemand antwortete ihm.
»Okay, dann ist es eben meine Schuld«, räumte Søren ein. »Aber schließlich habe ich das nicht gewollt, okay? Ich meine, es funktioniert einfach nicht. Ich war nie länger als einen Monat mit einem Mädchen zusammen und jetzt läuft das mit Louise schon seit zwei Monaten. Das ist ein Rekord. Und das in dieser gottverdammten Höhle hier, wo wir fast schon aufeinander kleben. Ich halte es einfach nicht mehr aus.«
Das grüne Bündel murmelte irgendetwas und Søren sah Winie fragend an.
»Es war deine Idee«, übersetzte sie.
»Komm, hör auf, ich hatte nicht das Geringste damit zu tun«, protestierte er.
Wieder murmelte das grüne Bündel etwas und Søren guckte von ihm zu Winie.
»Sie sagt, dass es deine Idee war, dass ihr mitmacht«, erklärte sie.
»Es hat sie schließlich niemand gezwungen«, wandte er ein.
»Jetzt stell dich nicht dümmer, als du bist, Mann!«, rief Winie. »Du weißt genau, dass sie nur mitmacht, weil du das vorgeschlagen hast.«
»Na und?« Søren ging jetzt in die Offensive. »Ich weiß überhaupt nicht, was dich das angeht.«
»Es geht mich etwas an, weil ich auch gehe, wenn sie geht«, sagte Winie.
Überall im Zimmer kam jetzt Leben in die Schlafsäcke.
Der Lockenkopf am Ofen sah zu Winie hinüber. »Seid ihr bald fertig mit Streiten? Das ist ja nicht zum Aushalten.«
»Halt du dich da raus, Anders!«, sagte Winie, ohne ihn anzusehen.
Das grüne Bündel bewegte sich und Louise tauchte aus dem Schlafsack auf, die Augen verweint und die roten Haare in alle Richtungen abstehend.
»Natürlich gehe ich«, sagte sie. »Ich habe die Nase voll von diesem eiskalten, stinkenden Haus. Ich habe die Nase voll von Fritten und Würstchen und fauligem Wasser und ich habe die Nase voll von dir!« Hasserfüllt sah sie Søren an. »Ich verstehe dich nicht. Vor einer Woche hast du gesagt, dass du dich mit mir verloben willst, wenn wir hier rauskommen, und erst gestern hast du gesagt, dass du mich liebst, und jetzt machst du einfach so Schluss.«
Ihre Stimme brach, die Tränen liefen, sie schniefte kräftig und packte wütend ihre Sachen zusammen.
»Ich habe doch gesagt, dass es mir Leid tut, weil ich weiß, wie du dich fühlst, okay?«, murmelte Søren entschuldigend, ohne sie anzusehen. »Nach spätestens vierzehn Tagen werde ich es wahrscheinlich bereuen, aber ich kann einfach nicht ... es funktioniert nicht. Verdammt nochmal, wir können uns nicht verloben. Ich bin doch erst achtzehn.«
»Deshalb können wir doch trotzdem zusammenbleiben« sagte Louise. »Ich habe schließlich nicht angefangen, von Verlobung zu reden.«
Sie hatte ihren Schlafsack zusammengerollt und in die Hülle gestopft. Sie sah sich suchend auf dem Boden um, stieg über ein paar Schlafsäcke, sammelte ein paar Kassetten und einen Pullover zusammen und stopfte alles obendrauf.
Winie stand einen Moment unentschlossen da und sah von ihr zu Søren, bevor sie eine resignierte Bewegung machte und selbst zu packen begann.
Lars saß, den Schlafsack um die Schultern, da und sah ihnen interessiert zu. Er fand, dass er viel gelernt hatte in den sechs Wochen, die er dabei war, ganz verloren waren sie also nicht.
»Wir haben bald kein Heizöl mehr«, sagte Anders und sah bekümmert zum Ofen hin. »Einer von uns muss einen Kanister holen.« Er drehte sich um und bemerkte plötzlich, was vor sich ging. »Ihr geht doch nicht etwa?«, rief er.
Louise zog wortlos und mit einem wütenden Ruck die Schnur der Schlafsackhülle zusammen.
»Ihr geht doch jetzt nicht, oder?«, fragte Anders und sah sie appellierend an. »Ihr könnt doch nicht einfach so gehen!«
Louise drehte sich zu Winie um. »Bist du fertig?«, fragte sie.
Winie nickte und nahm ihren Schlafsack. Sie gingen Richtung Tür.
»Ihr könnt doch nicht einfach so gehen!«, wiederholte Anders.
»Das kannst du verdammt nochmal glauben, dass wir das können!«, sagte Louise. »Wir gehen nach Hause, nehmen ein warmes Bad, waschen uns die Haare, frühstücken gut und legen uns in ein richtiges Bett. Glaubst du etwa, ich bleibe mit diesem ... diesem Arschloch zusammen hier?«
»Ihr könnt doch nicht einfach aus persönlichen Gründen gehen«, versuchte es Anders. »Wo bleibt denn da die Sache? Was ist mit dem Haus?«
»Die Sache! Das Haus!«, sagte Louise mit spöttisch verzerrter Stimme. »Glaubst du, wir sind scharf darauf, mit Chauvinisten wie euch zusammen zu sein? Du musst verrückt sein. Außerdem könnt ihr auch gleich aufgeben. Niemand interessiert sich für euch. Man lässt euch hier verrotten.«
Sie marschierte auf die Tür zu, Winie im Gefolge.
»Nun denn!«, rief Lars ihnen nach und winkte.
Anders sah aus, als wollte er sie aufhalten, doch dann ließ er die Arme herunterfallen und seufzte tief. Er drehte sich zu Søren um.
»Wir müssen zumindest mit runtergehen und hinter ihnen zusperren«, sagte er.
Søren erhob sich mürrisch.
»Verdammt, stinkt das!«, sagte Louise und hielt sich die Nase zu, als sie unten im Flur standen und warteten, bis Anders und Søren die Barrikaden vor der Tür entfernt hatten.
»Irgendjemand muss den Schrank als Klo benutzt haben«, meinte Winie und machte mit dem Kopf eine Bewegung in Richtung des Schranks unter der Treppe.
»Nein, das riecht irgendwie anders«, sagte Louise. »Wie nach verwesendem Fleisch. Nach Eingeweiden oder so.«
»Kein Wunder bei dem Fraß hier«, sagte Winie. »Wir können froh sein, dass wir nicht Typhus oder die Ruhr bekommen haben oder was es sonst noch so alles gibt.«
Endlich war die Tür auf. Die Mädchen atmeten begierig die frische Luft ein, nahmen ihre Sachen und liefen in den Hof.
Anders sah ihnen nach, bis sie durch die Einfahrt verschwunden waren. Dann schloss er mit einem Seufzer die Tür und befestigte Riegel und Querstangen wieder, bevor er gemeinsam mit Søren die Kiste mit den Steinen auf ihren Platz vor der Tür schob.
»Idiotisch, dass wir den Kanister nicht mitgenommen haben«, sagte er. »So müssen wir das hier alles nochmal machen.«
Søren antwortete nicht.
»Jetzt sind wir nur noch siebzehn«, fuhr Anders fort. »Warum zum Teufel musstest du dich auch mit ihr streiten?«
»Ich weiß nicht. Es hat eben nicht funktioniert«, erklärte Søren noch einmal.
»Es war auch nicht gerade clever, von Verlobung zu reden«, sagte Anders.
»Verdammt nochmal, was sagt man nicht alles, wenn man Eindruck auf eine Braut machen will, oder?«
Sie stiegen die Treppe hinauf.
»Riecht verdammt streng hier«, sagte Søren und schnupperte.
»Holst du Petroleum, wenn wir gefrühstückt haben?«, fragte Anders. Søren zögerte.
»Ich weiß nicht«, sagte er dann. »Eigentlich denke ich auch darüber nach, zu gehen.«
Anders blieb abrupt stehen und sah ihn über die Schulter hinweg an. »Das meinst du nicht ernst!«
»Doch, mal ganz ehrlich, sie hat doch Recht, oder? Louise, meine ich. Niemand interessiert sich für uns. Sie lassen uns einfach in Vergessenheit geraten.«
»Aber Jesper sagt, dass die Gemeinde die Räumung des Hauses verlangt.«
»Das ist jetzt über eine Woche her, dass er das gesagt hat, und absolut nichts ist passiert«, Søren schüttelte den Kopf. »Daran glaube ich nicht.«
»Natürlich kommen sie«, sagte Anders. »Und wenn die Bullen erst hier sind, rückt auch die Presse an. Wir brauchen die Konfrontation, Mann! Begreifst du das nicht?«
»Mit siebzehn Mann? Das wird eine ganz große Sache. Es bringt nichts, Revolution zu spielen, wenn die anderen nicht mitspielen wollen.«
»Revolution spielen? Wie meinst du das? Das ist kein Spiel, hörst du.«
»Okay, dann eben nicht. Aber jetzt sind wir seit sechs Wochen hier und gemütlich ist es nicht gerade.«
»Hattest du das erwartet?« Anders starrte ihn mit eiskalten graugrünen Augen an. Søren fühlte sich unwohl unter seinem Blick.
»Nein«, sagte er. »Aber ... ich hatte nicht damit gerechnet, dass es so lange dauert. Da ist ja auch noch die Schule, nicht? Bis zur Prüfung sind es nur noch zwei Monate und ...«, er zuckte mit den Schultern.
»Nur noch ein paar Tage. Bleib noch ein paar Tage. Jesper sagt, dass bald etwas passieren wird.«
»Okay, bis Samstag«, sagte Søren. »Aber keinen Tag länger. Dir macht das natürlich nichts. Du rennst die Hälfte der Zeit draußen herum. Und ich habe keine Lust, Petroleum zu holen. Das kannst du einen deiner Lakaien machen lassen.«
Høyer saß bereits an seinem Schreibtisch, sah die Post durch und trank seinen ersten Becher Kaffee, als Therkelsen in sein Büro kam.
»Scheißwetter!«, knurrte Therkelsen, während er das Wasser von seiner Mütze klopfte.
»Guten Morgen!«, meinte Høyer sarkastisch. »Nichts ist so aufmunternd an einem grauen Tag wie dein fröhliches Lächeln.«
»Ach, halt doch die Klappe!«, lachte Therkelsen und ging zu der Tür zu seinem Büro, um seinen Mantel aufzuhängen.
Beide Büros hatten Türen zum Gang, aber Therkelsen hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, bei Høyer vorbeizuschauen, wenn er morgens kam.
»Komm und lass uns einen Kaffee trinken«, sagte Høyer. »Damit wir in die Gänge kommen.«
»Eines schönen Tages werden wir uns eine Kaffeevergiftung zuziehen«, meinte Therkelsen, während er sich die Hände rieb.
»Schneit es?«, fragte Høyer und sah unwillkürlich aus dem Fenster.
»Pappschnee«, sagte Therkelsen. »Fast schon Schneeregen. Die Temperaturen liegen um den Gefrierpunkt, aber es ist scheußlich nasskalt. Und das Auto wird nicht warm, sieh mal!«
Er streckte die Hände aus. Die Finger an beiden Händen wachsbleich.
»Weiße Finger«, stellte Høyer fest. »Das lässt auf eine schlechte Durchblutung schließen. Du solltest aufhören zu rauchen.«
»Was du nicht sagst!«, schnaubte Therkelsen, der sich bereits seine Pfeife stopfte. »Ich finde, dieser Winter zehrt an einem.«
»Das hast du letztes Jahr um diese Zeit auch gesagt, wenn ich mich recht erinnere«, sagte Høyer.
»Schon möglich. Ich finde auch, dass es jedes Jahr schlimmer wird. Jetzt kann der Frühling wirklich bald kommen.«
»Er ist auf dem Weg«, sagte Høyer.
»Wer sagt das?«, fragte Therkelsen misstrauisch, als er sich seine Pfeife angezündet hatte.
»Das hier.« Vorsichtig hielt Høyer ein zerdrücktes Schneeglöckchen zwischen zwei Fingern und reichte es Therkelsen.
»Verdammt!«, rief Therkelsen. »Schicken dir deine Fans jetzt Blumen?«
»Es ist von Sofie«, sagte Høyer. »Es war in dem Osterbrief«, fügte er erklärend hinzu.
»Den hat sie doch nicht selbst geschrieben«, sagte Therkelsen.
Sofie war Høyers Enkelkind. Das erste. Und dem Großvater zufolge ein Wunderkind, aber es gab schließlich Grenzen. Sofie war gerade ein Jahr alt geworden und Therkelsen weigerte sich zu glauben, dass sie Osterbriefe schrieb.
»Nein, natürlich nicht«, sagte Høyer so todernst, als wäre der Gedanke gar nicht so absurd. »Den hat ihre Mutter geschrieben, aber Sofie hat etwas gezeichnet.«
Vorsichtig legte er das Schneeglöckchen wieder in den Brief und steckte ihn in den Umschlag. Therkelsen war überzeugt, dass er ihn zu Hause als Erinnerung aufbewahren würde.
»Also, ich glaube, dass das heute ein guter Tag wird«, sagte Høyer. »Eigentlich mag ich den Mittwoch nicht. Haben die Wochentage bei dir Farben?«, fuhr er fort.
»Was?«, fragte Therkelsen und nahm verblüfft die Pfeife aus dem Mund. »Wer hat Farben?«
»Die Wochentage«, wiederholte Høyer.
»Nein, weiß Gott nicht!« Therkelsen schüttelte den Kopf, als käme ihm allein der Gedanke absurd vor. »Ich verstehe überhaupt nicht, was du meinst!«
»Das liegt daran, dass du ein fantasieloser Mensch bist«, sagte Høyer. »Viele Menschen verbinden eine bestimmte Färbe mit einem bestimmten Wochentag.«
»Kann schon sein«, lachte Therkelsen. »Und du gehörst vermutlich zu ihnen. Welche Farbe hat denn für dich der Mittwoch?«
»Grau«, sagte Høyer. »Der Mittwoch ist grau. Der Dienstag grün und der Donnerstag braun. Der Freitag ist weiß. Der Samstag lila und der Sonntag rot. Für mich, versteht sich.«
»Das klingt total verrückt«, sagte Therkelsen. »Und welche Farbe hat der Montag? Blau?«
»Nein«, sagte Høyer und schüttelte den Kopf. »Mein Montag nicht. Der ist gelb. Kanarienvogelgelb.«
»Kanarienvogelgelb!«, rief Therkelsen. »Ich glaube nicht, dass ich den Mut hätte, an einem kanarienvogelgelben Montag aufzustehen. Wer weiß, vielleicht fängt er an zu zwitschern! Irgendetwas Interessantes dabei heute?« Er zeigte mit der Pfeife auf den Poststapel.
Høyer zuckte mit den Schultern. »Sieht nicht so aus. Da ist ein Brief von einem, der meint, Bettina in Schweden gesehen zu haben.«
»Hm«, sagte Therkelsen. »Aber du glaubst das nicht?«
Høyer schüttelte den Kopf. »Nein, tue ich nicht. Wir finden sie, wenn der Schnee weg ist und die Tümpel aufgetaut sind. Warte nur ab.«
Einen Moment saß er in Gedanken versunken da. Therkelsen blies eine Rauchwolke in die Luft und sah Høyer durch sie hindurch an. Der Fall Bettina war ein heikles Thema. Die zwölfjährige Bettina war Anfang Dezember auf dem Heimweg von einer Freundin verschwunden. Die Strecke betrug nur gut einen Kilometer, aber Bettina war nie zu Hause angekommen. Die Letzte, die sie mit Sicherheit gesehen hatte, war eine Frau, die sie von dem Kiesweg auf die Landstraße hatte einbiegen sehen. Seitdem war sie wie vom Erdboden verschluckt.
»Das ist doch schon einmal was, dass die Leute den Fall nicht einfach vergessen haben«, sagte Therkelsen.
»Ja«, räumte Høyer ein. »Aber wir hätten mehr davon, wenn sie uns auch etwas zu erzählen hätten.« Er seufzte leicht. »Nun gut, aber wie gesagt, sie wird schon noch auftauchen. Und das Fahrrad auch.«
»Tja«, sagte Therkelsen. Beide wussten, dass sie auf keinen Fall lebendig auftauchen würde. »Sonst noch was?«, fragte er.
»Sieht nicht so aus«, sagte Høyer. »Die Nachtschicht hatte auch nichts. Zumindest nichts, was wir brauchen können. Und auch nichts, worum wir uns kümmern müssen.«
»Letzteres ist doch nicht schlecht«, sagte Therkelsen. »Und von der Charmeoffensive am Freitag hast du auch nichts Neues gehört?«
»Von der Charmeoffensive?«, wiederholte Høyer.
»Ja, von der Charmeoffensive oder: Wie wir lernten, die Bullen zu lieben!«, sagte Therkelsen lachend.
»Ach so, das besetzte Haus. Nein, ich weiß nicht einmal, wann die stattfinden soll.«
»Um sieben Uhr morgens. Sie wollen sie im Bett überraschen. Unser Big Boss hat sechzig Leute bereitgestellt.«
»Sechzig Mann? Das ist nicht wahr!«
»Doch, das sind alle, die er zusammenbekommen und sich im Umkreis ausleihen konnte. Und nichts mit Visieren, Knüppeln, Hunden oder Tränengas. Sie sollen mit Samthandschuhen angefasst werden. Ob sie ihnen auch Frühstück im Bett servieren, weiß ich nicht, aber es sollte mich nicht wundern.« Er schüttelte den Kopf. »Mehr als zwanzig dürften es übrigens nicht mehr sein.«
»Es sind siebzehn«, sagte Høyer. »Ich habe heute Morgen Louise, die Tochter eines Nachbarn, und ihre Freundin getroffen. Sie hatten das Kampieren satt, glaube ich. Und nachdem, was Louise erzählt hat, brauchen sie ein Bad dringender als ein Frühstück. Man sah ihr an, dass das stimmte. Die beiden meinten, dass das ganze Haus stinkt wie ein Raubtierkäfig, nur zehnmal schlimmer.«
»Vielleicht empfangen sie die Plattfußindianer ja als Befreier«, lachte Therkelsen. Er bezeichnete die Kollegen von der Ordnungspolizei in der Regel als Plattfußindianer. »Also, danke für den Kaffee. Ich werde mal in mein Büro gehen und sehen, ob da etwas Spannendes auf mich wartet.«
»Du musst doch heute um eins in der Hehlereigeschichte vor Gericht«, erinnerte ihn Høyer.
»O nein, das hatte ich erfolgreich verdrängt. Und du hast gesagt, das würde ein guter Tag.«
»Ja, warum auch nicht?«, sagte Høyer. »Ich muss ja nicht vor Gericht.«
Der Landpolizist Thorsen drehte seine Runde, wie er das nannte. Das bedeutete, dass er seinen Bezirk abfuhr, wie er es nun seit über dreißig Jahren fast jeden Morgen tat, und es gab nicht viel, das seiner Aufmerksamkeit entging. Der Schäferhund Jacques lag auf dem Rücksitz und döste. Bis vor ungefähr einem Jahr hatte er reglos und kerzengerade neben ihm gesessen und wachsam alles beobachtet, was vor sich ging, doch eines schönen Morgens war er auf den Rücksitz gesprungen und seitdem war das sein fester Platz.
»Ja, ja, wir werden alt, Jacques«, sagte Thorsen halblaut und rollte seine Kirschkerne im Mund herum. Es war eine Angewohnheit aus seiner Zeit als Geländeläufer. »Man bekommt keinen Durst, wenn man ein paar Kirschkerne im Mund hat«, behauptete er und er wusste, wovon er sprach. Er war einmal dänischer Meister im Geländelauf gewesen und jütischer Meister im Zehnkampf, doch jetzt waren die Kirschkerne das einzige sichtbare Zeichen dieses Abschnitts seines Daseins. Die Silberbecher und Bronzepokale, die viele Jahre lang in einem Regal in seinem Büro gestanden hatten, waren in einer Kiste auf dem Speicher verschwunden, als ihm eines Tages klar geworden war, dass sie ihn lediglich daran erinnerten, dass er alt geworden war.
Eigentlich hatte er sich gar nicht so sehr verändert. Ein stämmiger, fast weißhaariger Mann mit bleichen Brauen und Augenwimpern über freundlichen blauen Augen, die ganz unerwartet unwirsch blicken konnten. In seinen ersten Jahren hier draußen war er der Schrecken und Held des nahe gelegenen Kinderheims für Jungen gewesen. Es hatte nicht einen Jungen gegeben, den er nicht einholen konnte, und er hatte keine Bedenken gehabt, von seiner Hand Gebrauch zu machen. Das hieß in Thorsens Terminologie, dass die Welpen ein paar hinter die Ohren bekamen, wenn er das für angemessen hielt. Jetzt war das Heim geschlossen, und die vielen Stunden hinter dem Schreibtisch mit dem stetig wachsenden Papierkram sowie die vielen Kilometer hinter dem Steuer hatten Thorsens Muskeln und Glieder steif und seine Taillenweite umfangreicher werden lassen, aber er war noch immer ein guter Polizist.
»Ja, ja, wir werden alt, Jacques«, wiederholte er. »Aber du hast wenigstens gewusst, wann es an der Zeit war, dich zurückzuziehen.«
Im Laufe der Jahre war die Diskussion mit dem Hund, wann er seinen Abschied nehmen sollte, zu einem täglichen Ritual auf seiner Runde geworden. Im Mai wurde er achtundsechzig und eigentlich hatten Asta und er schon vor vielen Jahren beschlossen, dass er mit siebenundsechzig aufhören würde. Doch als es so weit war, hatte Thorsen sich nicht dazu durchringen können. Und in gewisser Weise war Asta daran schuld. Nicht dass er Angst hatte, sich zu langweilen oder zu Hause zu sein, sie lebten schließlich seit vielen Jahren eng zusammen, nein, es hatte mit Astas Erwartungen an das Rentnerdasein zu tun. Sie war fest entschlossen, dass sie es auf ihre alten Tage gut haben sollten, was sich allmählich zu einer fixen Idee entwickelt hatte. Manchmal hatte Thorsen den Eindruck, dass ihr Leben in den letzten sieben, acht Jahren eine lange Vorbereitung auf das Alter gewesen war. Sie hatten das Haus isolieren lassen, solange sie noch gut verdienten. Die Küche war modernisiert worden, im letzten Jahr hatten sie neue Betten und Federbetten bekommen, sie besaßen Staatsanleihen und hatten Geld auf der Bank und Asta sah ihn schief an, wenn er sich nur eine Zigarre anzündete. Und was die Flaschen anging, die er zu seinem sechzigsten Geburtstag und zu seinem vierzigjährigen Dienstjubiläum bekommen hatte, so standen die meisten noch im Keller, wo sie Staub ansammelten und auf die Rente warteten.
»Asta«, protestierte er manchmal. »Warum zum Teufel sollen wir jetzt jeden Pfennig umdrehen, um im Alter wie die Fürsten leben zu können.«
»Wie die Fürsten!«, pflegte sie dann zu sagen. »Von der Rente?«
Sie konnte das Wort Rente aussprechen, dass es wie ein Schimpfwort klang.
»So niedrig ist sie nun auch wieder nicht«, hatte Thorsen eingewandt. »Und wir haben schließlich auch ein bisschen auf die Seite gelegt.«
Aber an dem Punkt ließ sie nicht mit sich reden und Thorsen hatte das abergläubische Gefühl beschlichen, dass das Schicksal ihn, nur um sich einen bösen Spaß zu erlauben, an dem Tag tot umfallen lassen würde, an dem er in Rente ging, und aus genau diesem Grund schob er den Tag immer weiter hinaus.
Plötzlich verringerte er die Geschwindigkeit. Sein Unterbewusstsein hatte etwas registriert, was nicht stimmte, aber es dauerte einen Augenblick, bevor ihm klar wurde, was es war. Vorsichtig fuhr er noch ungefähr fünfzig Meter weiter den matschigen Weg hoch, hielt an und blickte über das Feld. Ja, richtig!
Am Wegrand lag ein altes Herrenfahrrad und von dem Fahrrad aus führten Fußspuren über das Feld, auf dem der Schnee noch weiß und unberührt lag. Sie verschwanden an dem Hang, der zum Schafstümpel hinführte.
Thorsen stieg aus dem Auto und blieb einen Augenblick mit geöffneter Tür stehen und sah Jacques an, der zu schlafen schien. Nein, Thorsen bestand nicht darauf.
Insgeheim hatte er beschlossen, dann seinen Abschied zu nehmen, wenn Jacques einmal sterben würde, weshalb er streng darauf achtete, ihn keinen unnötigen Strapazen zu unterziehen.
Er ging über das Feld und den Abhang hinunter zu dem Tümpel. Vor dem Rand des Eises standen zwei spitze Holzschuhe ordentlich nebeneinander.
Thorsen blieb eine Weile stehen und blickte kopfschüttelnd über den Schafstümpel.
»Was für eine Scheißmethode«, murmelte er. »Was für eine Scheißmethode«. Aber natürlich war die eine Methode so gut wie die andere und diese schien wenigstens effektiv gewesen zu sein.
Der Schafstümpel war klein und selbst an der tiefsten Stelle nicht tiefer als zwei Meter. Der Mann hatte fast bis zur Mitte des Tümpels eine Rinne in das Eis getreten, sich dann vermutlich flach hingelegt und unter das Eis geschoben. Thorsen seufzte. Es würde nicht leicht werden, ihn herauszuholen. Früher hatte er vom nächsten Hof immer ein paar Kerle bekommen, die ihm geholfen hatten, aber das gehörte einer anderen Zeit an, deshalb war es wohl besser, die Feuerwehr zu alarmieren.
Er seufzte noch einmal und ging langsam zum Auto zurück, während er sich fragte, wer das sein könnte, der da seinem Leben ein Ende gemacht hatte. In den letzten Jahren war so etwas ein wenig zu oft vorgekommen, fand er, nur hatten die meisten den Strick genommen.
Die Feuerwehr hatte die Leiche geborgen. Sie waren in einem Gummiboot hinausgestakt und hatten das Eis zerschlagen, bis sie ihn endlich greifen konnten.
Thorsen sah zu, wie sie den Mann auf die Trage legten und diese ins Auto schoben. Als Letztes sah er die nassen Wollsocken. Selbst gestrickte. Jens Olsen war es also gewesen. Wer hätte das gedacht, dachte Thorsen. Ein stiller, wortkarger Mann, der seinen kleinen Hof bewirtschaftete und früher für andere gearbeitet hatte, bis er einen Unfall mit dem Traktor hatte. Thorsen wusste nicht viel über die Familie. Sie gehörten irgendeiner Sekte an und blieben meistens für sich. Der Mann mochte um die fünfzig sein, die Frau ungefähr zehn Jahre jünger. Jens Olsen war schon viele Jahre Witwer gewesen und sie war mit ihrer Tochter allein. Zusammen hatten sie, soweit Thorsen wusste, noch vier oder fünf kleine Kinder. In Gedanken versuchte er, eine kleine Rede vorzubereiten, von der er wusste, dass er sie doch nicht halten würde. In solchen Situationen musste man sich vom Gefühl leiten lassen. Es war keine schöne Nachricht – weder für den Boten noch für den Empfänger.
Er hatte Jens Olsens Haus fast erreicht, als er das gelbe Postauto sah, das ihm von der anderen Seite entgegenkam.
Thorsen fuhr an die Seite und bedeutete dem Postboten, anzuhalten. Er kurbelte das Fenster herunter.
»Haben Sie etwas für Jens Olsen?«, fragte er.
»Die Wochenzeitung«, sagte der Landbriefträger. »Das ist praktisch die einzige Post, die sie bekommen. Und seine Invalidenrente.«
»Was ist mit Rechnungen?«, fragte Thorsen.
»Die bekommen keine Rechnungen«, antwortete der Briefträger mit leiser Verachtung, als sei er der Meinung, dass es schon schlecht um einen stehen musste, wenn man nicht einmal mehr Rechnungen bekam.
»Nicht mal von der Futtermittelfirma?«, fragte Thorsen leicht verblüfft.
Der Postbote schüttelte den Kopf. »Nein, warum?«
»Nur so«, sagte Thorsen. »Sie gehen besser zuerst hinein. Bekommen Sie normalerweise einen Kaffee?«
»Nicht, wenn ich nur die Zeitung bringe«, sagte der Postbote. »Den gibt es nur, wenn die Invalidenrente kommt.«
»Ich warte dann hier«, sagte Thorsen.
»Wollen sie mit Jens Olsen reden?«, fragte ihn der Postbote neugierig.
»Nein«, sagte Thorsen wahrheitsgemäß. »Mit seiner Frau.«
»Hm.« Der Postbote zögerte ein wenig, doch da Thorsen nicht den Eindruck machte, als seien noch weitere Informationen von ihm zu erwarten, startete er das Auto und fuhr vor dem Hauswirtschaftsraum vor. Thorsen beobachtete im Rückspiegel, wie er aus dem Auto stieg und mit der Zeitung in der Hand zur Tür ging. Er klopfte einmal und ging hinein und Thorsen machte sich auf eine längere Wartezeit gefasst. Doch nur einen Moment später stand der Postbote neben seinem Auto, die Zeitung noch in der Hand. Er sah bleich und erschrocken aus.
Thorsen sah ihn an. Eine Ahnung befiel ihn, ohne dass er sich richtig im Klaren darüber war, was er da empfand.
»Sie ... ich denke, Sie sollten mitkommen Thorsen«, stammelte der Postbote unsicher. »Der Hund, wissen Sie. Er liegt im Hauswirtschaftsraum. Mausetot. Es sieht so aus, als ob ... Da ist schrecklich viel Blut. Sie sollten besser mitkommen.«
Thorsen war bereits ausgestiegen. Schnell ging er zum Haus. Die Tür zum Hauswirtschaftsraum stand offen und auf dem Boden lag in einer Blutlache ein schwarzweißer Hund mit einer Axt im Kopf. Doch das waren nicht die einzigen Blutspuren. Sowohl an der Außentür als auch an der Tür zur Küche klebte Blut, als hätte sie jemand mit blutigen Händen geschlossen. Rote Fußspuren führten von der Küchentür zur Tür zum Hauswirtschaftsraum, wo Holzschuhe fein säuberlich in einer Reihe standen. Er atmete einmal tief durch, öffnete die Tür zur Küche und blieb ganz still in der Türöffnung stehen. Der Postbote hatte sich hinter ihn gedrängt und blickte ihm über die Schulter.
»O Gott!«, rief er. »O Herrgott im Himmel!«
Dann drehte er sich schnell um und stürzte ins Freie.
2.
Thorsen blieb unbeweglich in der Tür stehen. Weder hörte er den Schrei des Postboten noch bemerkte er, wie dieser verschwand. In seinem Kopf herrschte eine dröhnende Leere. Seine Sinne waren wie betäubt. Er hörte nichts, sah nichts, fühlte nichts. Sein Hirn streikte, schien nicht begreifen zu wollen, was seine Augen ihm mitzuteilen versuchten. Vielleicht dauerte es Minuten, vielleicht nur Sekunden, bis es langsam wieder zu funktionieren begann und sein erster klarer Gedanke, für den er sich in dem Moment, als er ihn dachte, auch schon schämte, war: »Als Rentner wäre dir das erspart geblieben.«
Er atmete tief durch und schluckte seine Kirschkerne hinunter. Das half ein bisschen, fand er. Er versuchte, sich daran zu erinnern, dass er Polizist war. Er musste etwas tun. Aber was? Das hier war ein Tatort, aber kein gewöhnlicher. Es bestand kein Zweifel, was passiert war und wer es getan hatte. Sein Blick wanderte noch einmal durch die Küche, doch diesmal prägte er sich die Details ein, fotografierte den Raum förmlich ab. Gegenüber der Tür zum Hauswirtschaftsraum stand die Tür zu einer kleinen Kammer offen. An der den Fenstern gegenüberliegenden Wand stand zwischen zwei Türen ein altmodischer Ofen. Die eine Tür war geschlossen und führte wahrscheinlich ins Wohnzimmer, die andere stand weit offen und führte in ein Schlafzimmer, das kaum größer war als die Kammer. Sein Blick fiel auf einen Brief, der auf dem Küchentisch unter dem Fenster an einer grünen Kaffeedose lehnte. An die Polizei stand da in einer großen, etwas altmodischen Handschrift.
Unwillkürlich streckte Thorsen die Hand danach aus, doch dann schüttelte er den Kopf und steckte die Hände schnell in die Taschen. Nichts anfassen. Nur nichts anfassen. Alles musste bleiben, wie es war, und er musste schnellstmöglich Hilfe holen.
Er hatte sich gerade zum Gehen gewandt, als ein Laut ihn erstarren ließ. Ein Stöhnen. Jemand stöhnte. Jemand, der in diesem Schlachthaus noch am Leben war. Der Laut kam aus dem Schlafzimmer.
Thorsen zögerte einen Augenblick. Dann ging er vorsichtig um die kleinen leblosen Gestalten auf dem Boden herum ins Schlafzimmer.
Es war die Frau, die er gehört hatte. Sie lag auf der einen Hälfte des Doppelbetts. In der Mitte, eng an sie gepresst, lag ein Baby. Die andere Hälfte des Bettes war unberührt.
Thorsen ging zum Kopfende und beugte sich zu der Frau hinunter, während er es vermied, in ihr verunstaltetes Gesicht zu sehen.
»Wer ist da?«, murmelte sie und blickte ihn mit einem halb offenen Auge an.
»Polizei«, sagte er. »Thorsen.«
»Warum?« Ihre Stimme klang verwundert und anklagend zugleich. »Was soll das? Er war es doch nicht.«
Thorsen runzelte die Augenbrauen. Was hatte sie da gesagt? Er sah sie verwirrt an.
»Wie meinen Sie das?«, fragte er unsicher. »Hat Jens Olsen nicht ...?« Er machte eine Bewegung mit der Hand.
»Doch, das hier schon«, sagte sie und griff sich langsam mit einer Hand an den Kopf. »Aber nicht das Mädchen. Mit dem Mädchen hatte er nichts zu tun.«
Thorsen biss sich auf die Lippe. Sicher wusste sie nicht, was sie sagte.
Wieder stöhnte die Frau.
»Ich rufe einen Arzt«, sagte Thorsen und berührte ihren Arm. »Gleich kommt ein Arzt.«
Sie schien ihn nicht zu hören.
Ihre Hand tastete über die Bettdecke nach dem Kind.
»Der Kleine«, sagte sie. »Er ist so kalt. Würden Sie ihn bitte zudecken!«
Erst jetzt ging Thorsen auf, dass sie wahrscheinlich keine Ahnung hatte, was passiert war.
Vorsichtig beugte er sich über die Frau und zog behutsam ein Stück der Bettdecke über den zertrümmerten Kinderschädel.
»So«, sagte er und stellte fest, dass seine Stimme belegt war. Dann richtete er sich schnell auf und verließ das Zimmer. Er hatte keine Kirschkerne mehr und jetzt überwältigte ihn die Übelkeit.
Høyer hatte gerade den Hörer aufgelegt, als Therkelsen hereinkam.
»Wie wäre es mit ein paar warmen Frikadellen zu Mittag, Høyer? Du bist doch Strohwitwer. Ich lade dich ein«, sagte er und fügte erklärend hinzu: »Ich muss heute nicht ins Gericht. Er ist krank geworden.«
»Der Richter?«, fragte Høyer leicht verwundert.
»Wenn es nur so wäre!« Therkelsen schnitt eine Grimasse. Richter Bækgaard war sein liebster Feind. »Nein, Chlorophyll-Jørgen. Er ist heute Vormittag ins Krankenhaus gekommen. Bauchspeicheldrüsenentzündung, haben sie gesagt. Es klang ziemlich ernst.«
»Das ist es auch«, sagte Høyer. »Man kann daran sterben und dann ist es ernst. Das kommt vom Suff. Kann es jedenfalls, und in seinem Fall scheint das auch ziemlich wahrscheinlich.«
»Also, was sagst du? Frikadellen?«
Høyer schüttelte den Kopf. »Nein, aber du kannst mich begleiten. Thorsen hat gerade angerufen.«
»Thorsen?«, Therkelsen sah ihn fragend an. »Etwas Besonderes?«
»Mord«, sagte Høyer lakonisch.
»Mord? Da draußen?«, Therkelsen klang ungläubig. Als wäre ein Mord in Thorsens Bezirk absolut unvorstellbar.
»Ja.« Høyer erhob sich. »Klingt nach einer hässlichen Geschichte. Die Presse würde es eine Familientragödie nennen. Der Mann ist mit einer Axt Amok gelaufen. Hat die Frau und vier Kinder umgebracht und ist anschließend ins Wasser gegangen.«
»Verdammt«, rief Therkelsen. »Da hätte ich Bækgaards One-man-Show dann doch vorgezogen.« Er klopfte seine Pfeife aus und stopfte sie in die Tasche. »Du hast Recht«, sagte er dann. »Mittwoch ist ein grauer Tag.«
Høyer und Therkelsen hatten sich in das kleine Wohnzimmer zurückgezogen, um den Technikern Platz zu machen. Direkt neben der Tür stand ein Ölofen, aber der Raum war eiskalt. Das Zimmer wurde offenbar nicht jeden Tag benutzt. Eine Weile redete keiner von ihnen. Therkelsen stand am Fenster und stopfte seine Pfeife mit ungewöhnlicher Sorgfalt, während Høyer sich auf einem der Wohnzimmerstühle niedergelassen hatte. Er ließ den Blick durch das Zimmer schweifen. Die Möbel hatte er schnell erfasst. Da war ein Esstisch mit sechs Stühlen aus imitiertem Nussbaumholz und ein dazu passendes Büfett, das an der hinteren Wand stand. An einer der Längswände stand ein altmodisches Sofa mit einer geblümten Sofadecke. Darüber hing ein Wandteppich, eine Art Gobelin, der zwei Hirsche vor einem Gebüsch zeigte. Über dem Büfett hing ein fotografischer Druck des leidenden Christus. Auf der Fensterbank standen kleine Topfblumen. Zimmerhopfen und Feuernelken. Høyer verzog leicht den Mund, als sein Blick sie streifte. Den Boden unter dem Esstisch bedeckte gebohnertes Linoleum mit einem verwischten persischen Teppichmuster. Das war alles.
Thorsen kam ins Wohnzimmer.
»Das ist unheimlich!«, sagte Høyer und schüttelte den Kopf. »Irgendwie unheimlich!«
»Widerlich«, stimmte Thorsen zu. »Zeit, dass ich gehe. Ich kann so etwas nicht mehr. Mit dem Alter wird man offensichtlich empfindlicher.«
»Das hat nichts mit dem Alter zu tun«, sagte Høyer. »Wir anderen können das genauso wenig. Vor ungefähr zwanzig Jahren habe ich etwas Ähnliches erlebt und da war es nicht anders. Aber das habe ich nicht gemeint. Ich meinte das Haus. Und das Wohnzimmer hier. Ich habe das Gefühl, dreißig, vierzig Jahre in der Zeit zurückversetzt worden zu sein. In eine Gesindewohnung aus den Vierzigerjahren oder meinetwegen auch aus den Fünfzigern. Mit den auf wenigen Quadratmetern zusammengepferchten Menschen, diesen Möbeln hier, ja eigentlich mit allem. Ich hätte geschworen, dass es so etwas nicht mehr gibt.«
»Hier draußen gibt es noch ein paar davon«, sagte Thorsen. »Aber natürlich nicht mit so vielen Kindern. Da wohnen alte Menschen.«
»Ja, da kann man mal sehen«, sagte Høyer.
»Wovon haben sie eigentlich gelebt?«, fragte Therkelsen. »Doch nicht von diesem winzigen Hof hier?«
»Nein«, sagte Thorsen, »das sind nur zwölf Morgen Land. Früher hat Olsen auswärts gearbeitet, aber dann hatte er einen Unfall mit dem Traktor und hat sich den Rücken verletzt. Er hat den niedrigsten Satz der Invalidenrente bezogen. Von der Unfallversicherung haben sie wohl auch etwas bekommen und außerdem war da noch das Kindergeld. Sie hatten nicht viel, das seht ihr ja, aber ich glaube nicht, dass sie finanzielle Probleme hatten. Nicht in dem Sinn.«
Høyer nickte. Er kannte solche Menschen. Nein, sie hatten bestimmt keine finanziellen Probleme. Nicht in dem Sinn, wie Thorsen sagte. Es gab keine drohenden Tilgungsraten für den Hof, kein Auto und keinen Fernseher. Für diese Menschen ging es einfach darum, etwas am Leib und das tägliche Essen auf dem Tisch zu haben. Für sie hätte das Sozialamt ebenso gut eine Stadt in Russland sein können. Nicht weil es für sie eine Frage der Ehre war, selbst zurechtzukommen, wie einige Romantiker meinten, sondern weil sie keine Ahnung von ihren Rechten hatten. Høyer schüttelte resigniert den Kopf.
»Wie war er?«, fragte er.
Thorsen dachte nach. »Ein stiller, ruhiger Mann«, sagte er dann. »Ein sehr stiller Mann.«
»Hm«, sagte Høyer.
Thorsen merkte, dass man eine etwas genauere Beschreibung von ihm erwartete. »Er hat nie etwas gesagt, zu dem er nicht stehen konnte, und auch das nur widerwillig. Wenn man ihn an einem herrlichen Sommertag draußen auf dem Feld traf und sagte: ›Schönes Wetter heute, Olsen!‹, dann sah er einen erst einmal lange an, als wollte er sichergehen, dass man auch meinte, was man sagte. Dann sah er zum Himmel und anschließend in die Landschaft, und erst wenn er wirklich überzeugt war, dass das Wetter auch schön war, sagte er: ›Ja, das sieht ganz gut aus.‹ So hatte er jedenfalls nicht zu viel gesagt. Ihr kennt den Typ, nicht?«
Høyer musste unwillkürlich lächeln. Ja, er kannte den Typ und er konnte die Situation vor sich sehen, aber dann schüttelte er wieder nachdenklich den Kopf. Ein stiller, ruhiger Mann. Ein sehr stiller Mann. Was hatte ihn plötzlich dazu getrieben, mit einer Axt Amok zu laufen?
»Du hast das eine Kind weggenommen, nicht?« In Wirklichkeit war es mehr eine Feststellung als eine Frage.
Thorsen nickte. »Ja, das musste ich. Wegen der Feuerwehrleute. Der Junge lag ja direkt ... na ja, ich habe den Umriss mit Kreide aufgezeichnet, das habt ihr ja selbst gesehen. Sie kamen mit der Trage nicht durch. Er lag ja fast in der Tür zum Schlafzimmer, ich würde sagen, er hat versucht, zu seiner Mutter zu flüchten. Und der große Junge wollte sich wohl hier im Wohnzimmer in Sicherheit bringen, aber die Tür war verschlossen. Wahrscheinlich damit die Kinder nicht raus- und reinrennen. Das Wohnzimmer wurde bestimmt nicht jeden Tag benutzt.« Er schwieg abrupt, als sähe er die Situation plötzlich vor sich.
Eine Weile war es still.
Therkelsen räusperte sich. »Wann hast du den Mann gefunden?«, fragte er.
»Um Viertel nach neun. Ich war auf dem Heimweg. Ich brauche ungefähr eine Stunde, um meine Runde zu drehen, und im Winter bin ich immer ein bisschen später dran als im Sommer. Es macht keinen Sinn zu fahren, bevor es hell ist.«
»Wie spät war es, als du hierher kamst?«, fragte Høyer.
»Das muss Viertel nach elf gewesen sein. Ich habe nicht gleich daran gedacht, auf die Uhr zu sehen, aber als ich die Feuerwehr gerufen habe, war es kurz nach zwölf. Ich habe sie gebeten, einen Arzt mitzubringen. Und direkt danach habe ich euch angerufen.«
»Was hat der Arzt gesagt?«, fragte Therkelsen.
»Nicht viel.« Thorsen zuckte mit den Schultern. »Ihm ist schlecht geworden. Wegen der Kinder. Das ist immer am schlimmsten, nicht? Aber auch als er sich wieder erholt hatte, konnte er nicht viel sagen. Die Frau musste ja so schnell wie möglich ins Krankenhaus.«
»War sie bei Bewusstsein?«, fragte Høyer.
»Nein, da nicht mehr. Aber als ich kam. So einigermaßen. Ich glaube nicht, dass ihr klar war, was passiert ist. Mit den Kindern, meine ich.«
»Das wird kein schönes Erwachen«, sagte Therkelsen. »Wenn sie überhaupt wieder aufwacht.«
»Ehrlich gesagt, glaube ich nicht daran«, sagte Thorsen und schüttelte sich leicht. Er sah Høyer und Therkelsen an. »Hört mal, wie wäre es, wenn wir zu mir nach Hause fahren und einen Kaffee und einen kleinen Schnaps trinken. Es besteht ja kein Grund, dass wir hier sitzen, und ich habe auch draußen nichts mehr zu tun.«
»Tja«, Therkelsen sah Høyer an, »das wäre vielleicht nicht schlecht.«
»Nein, das wäre sogar sehr gut«, sagte Høyer. »Ich sehe nur nochmal schnell zu den Technikern rein. Sie dürften bald fertig sein, aber wir haben wohl schon ein einigermaßen klares Bild, was passiert ist. Wir wissen nur nicht, was das Ganze ausgelöst hat.«
Asta Thorsen servierte Kaffee und selbst gebackenes Brot, ohne Fragen zu stellen oder Kommentare abzugeben. Als langjährige Ehefrau eines Landpolizisten sah sie ihre Aufgabe darin, es wie die drei Affen zu machen und darüber hinaus das Telefon zu bedienen, zu allen möglichen Zeiten Kaffee zu servieren, für Thorsens Wohlbefinden zu sorgen und ihr Haus in Ordnung zu halten. Und all das erledigte sie vorbildlich. Kinder hatten sie nie gehabt.
»Sie säumt sogar ihre Putzlappen und versieht sie mit Namen«, pflegte Rigmor Høyer mit einer Mischung aus Nachsicht und Ehrfurcht zu sagen.
Thorsen stellte die Flasche mit Kräuterschnaps und drei Gläser auf den Tisch. Für den Schnaps war er zuständig.
»Soweit wir das beurteilen können, war Jens Olsen also den größten Teil der Nacht auf«, begann Høyer, während er halb in Gedanken Thorsens Manöver mit der Flasche und den Gläsern verfolgte. »Gegen Morgen hat er dann die Axt geholt. Es hat erst gegen fünf zu schneien begonnen und seine Fußspuren zum Holzschuppen waren im Schnee zu sehen.«
Thorsen schob Høyer ein volles Glas hin.
»Danke«, sagte Høyer. »Er holt also die Axt draußen aus dem Schuppen. Bestimmt hat er damit gerechnet, sein Vorhaben ausführen zu können, ohne dass jemand wach wird. Er war schließlich kein Unmensch, nicht?« Letzteres kam ein wenig aggressiv, weil er sich die Kommentare vorstellte, die von gewissen Teilen der Presse zu erwarten waren. »Er fängt mit der Frau und dem Baby an, aber dann läuft alles schief. Vielleicht hat die Frau geschrien, jedenfalls werden die Kinder in der Kammer wach und er erwischt nur noch das kleinste der Kinder, das Mädchen, im Bett. Ob sie aufgewacht ist, wissen wir nicht. Die beiden Jungen versuchen zu fliehen und der Größte hat sich wahrscheinlich mit Händen und Füßen gewehrt. Das Ganze hat bestimmt nicht lange gedauert.« Høyer schwieg einen Moment. »Dann geht er durch den Hauswirtschaftsraum hinaus, tötet aus irgendeinem Grund auch den Hund, der dort liegt, dann nimmt er sein Fahrrad, fährt zum Schafstümpel hinunter, schiebt sich unter das Eis und ertrinkt.«
Høyers Stimme hatte völlig nüchtern geklungen, fast tonlos, während er den Tathergang rekonstruierte, und die beiden anderen hatten mit ausdruckslosen Gesichtern zugehört, aber als Høyer fertig war, stieß Thorsen einen tiefen Seufzer aus und griff nach seinem Glas.
»Also ich weiß nicht, aber ich glaube, ich brauche jetzt einen Schnaps«, stieß er hervor und führte das Glas zum Mund, ohne auf die anderen zu warten. Die Situation lud nicht zum Zuprosten ein.
»Das Problem ist, herauszubekommen, warum er das getan hat«, fuhr Høyer einen Moment später fort.
»Stand das nicht in dem Brief?«, fragte Thorsen verblüfft.
»Jedenfalls nicht direkt«, sagte Høyer. »Du kannst ihn ja selbst lesen und sehen, was du daraus schließt.«
Es war dieselbe große, altmodische Handschrift wie auf dem Briefumschlag, aber von Zeile zu Zeile wurde die Schrift krakeliger und unleserlicher.
Thorsen ließ langsam den Blick über das Papier gleiten, dann schüttelte er den Kopf und gab den Brief Høyer zurück.
»Er ist verrückt«, sagte er. »Das schließe ich daraus. Total verrückt. Oder besser gesagt war. Das Ganze hat doch weder Hand noch Fuß. Religiöser Wahnsinn, wenn ihr meine Meinung hören wollt.«
»Ja, vielleicht«, sagte Høyer und zuckte mit den Schultern. »Aber was sagst du zu der Bemerkung über das Mädchen?«
»Nichts«, sagte Thorsen. »Das hat nichts zu bedeuten.«
»Oder doch«, sagte Therkelsen.
»Wir müssen der Sache auf jeden Fall nachgehen«, meinte Høyer.
»Ihr meint den Fall Bettina?« Thorsen klang skeptisch.
»Ja«, sagte Høyer. »Denn von ihr ist doch wohl die Rede, oder? Daran besteht nicht der geringste Zweifel. Hört zu.« Er hielt das Papier ein Stück von sich weg und las laut: »Ich bin ein Sünder. Der Teufel handelt in mir und durch mich. In meinem Herzen habe ich Ehebruch begangen und die Sünden der Väter vererben sich auf die Kinder, deshalb lasst die kleinen Kinder zu Ihm kommen, denn wer sich über eines dieser Kleinen entrüstet, den möge ein Mühlstein in das tiefe Wasser ziehen. Ein Ehebrecher ist auch ein Mörder, deshalb habe ich in meinem Herzen die kleine Bettina getötet und der Sold der Sünde ist der Tod, doch wer an Ihn glaubt, geht nicht verloren, denn Er ist die Auferstehung und das Leben.«
Thorsen schüttelte den Kopf. »Man hört doch, dass der Mann total verrückt war. Das ist sonnenklar.« Plötzlich verstummte er, ihm war ein Gedanke gekommen. »Ob sie das gemeint hat?«
»Wer?«, sagte Therkelsen. »Wer hat was gemeint?«
»Seine Frau«, sagte Thorsen. »Jens Olsens Frau. Ich habe noch kurz mit ihr gesprochen und da hat sie gesagt, dass er das nicht getan hat. Zuerst hat mich das verwirrt, weil ich dachte, sie meinte das andere, das Gemetzel, aber dann hat sie gesagt, dass er nichts mit dem Mädchen zu tun hatte.«
»Mich würde interessieren, ob er mit ihr darüber gesprochen hat«, sagte Therkelsen.
»Das werden wir wohl nie erfahren«, meinte Thorsen.
»Mit wem kann er sonst gesprochen haben?«, fragte Høyer.
Thorsen zuckte mit den Schultern. »Mit niemandem, denke ich. Er war, wie gesagt, ein sehr stiller Mensch.« Er dachte kurz nach. »Es sei denn, er hat sich dem Pfarrer – oder wie sie ihn nennen – anvertraut. Dem Missionar. Sie waren ja Mitglieder irgendeiner Sekte. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass er mit ihm geredet hat. Obwohl ... der hätte ihm das doch bestimmt ausgeredet. Aber das mit Bettina ... nein, das glaube ich nicht. Nicht Jens Olsen. Das ist absolut unwahrscheinlich. Außerdem hat er kein Auto. Und sie ist doch von einem Auto mitgenommen worden, nicht?« .
»Ja«, räumte Therkelsen ein. »Aber wenn der Mann selbst schreibt, dass ... Glaubst du, er kann sich ein Auto geliehen haben?«
»Ich glaube nicht einmal, dass er einen Führerschein hatte. Oder ... doch, den hat er bestimmt gemacht, als er Soldat war. Ja, er muss einen Führerschein gehabt haben, aber ich habe ihn seit seinem Unfall nicht mehr fahren sehen.«
»Hm«, sagte Høyer. »Wo wohnt dieser Pfarrer oder Missionar oder wie auch immer er genannt wird?«
»Im letzten Haus rechts, wenn man Richtung Osten aus der Stadt fährt«, sagte Thorsen. »Ein großer, weißer Hof mit einer Scheune, die zum Weg hin liegt. Er heißt übrigens Carl Hansen.«
»Was ist er für ein Mensch?«, fragte Therkelsen.
»Tja, was ist er für ein Mensch?«, sagte Thorsen und kam mit einer seiner Kurzbeschreibungen. »Ein richtiger Supertyp.«
Therkelsen zog verblüfft die Augenbrauen hoch und Thorsen fügte hinzu: »Aber ich mag ihn nicht besonders. Scheinheilig ist er und selbstgefällig. Er glaubt, dass für ihn im Himmel ein Platz reserviert ist.«
»Glaubst du, dass er uns erzählen wird, ob Jens Olsen sich ihm anvertraut hat?«
»O ja, mehr als gerne«, meinte Thorsen. »Wenn er sich dadurch wichtig vorkommen kann.«
»Scheint ein charmanter Typ zu sein«, meinte Therkelsen. »Er heißt wohl nicht zufällig Bækgaard? Man könnte meinen, er gehört zur Familie.«
»Nein, habe ich nicht gesagt, dass er Carl Hansen heißt?«, fragte Thorsen verständnislos.
»Doch, hast du«, sagte Høyer. »Kümmer dich nicht um ihn. Auf alles, was auch nur im Entferntesten mit Bækgaard zu tun haben könnte, reagiert er absolut allergisch.«
Es war ein vierflügeliger Hof mit einem langen, niedrigen Herrenhaus rechts von der Einfahrt. Alles sah nach Wohlstand aus. Der Kontrast zu dem beengten Anwesen, von dem sie kamen, war überwältigend.
Carl Hansen öffnete ihnen selbst. Nach Thorsens Beschreibung des Mannes hätte Høyer vorbereitet sein müssen, aber er hatte trotzdem einen etwas asketischeren Menschen erwartet. An Carl Hansen war nichts Asketisches. Er war nicht nur fett, er glänzte geradezu. Als würde das Fett langsam schmelzen und durch die Haut nach außen drängen. Ein Rand sandfarbenen Haars umrahmte die blanke Glatze und verlieh ihm das Aussehen eines frivolen Mönchs. Seine Stimme war leise und salbungsvoll und passte zu dem jovialen Äußeren wie ein McCloudhorn zu einem Omnibus.
Høyer kam zu dem Schluss, dass Carl Hansen nicht sein Fall war.
Hansen führte sie ins Wohnzimmer, und sobald sie Platz genommen hatten, unterrichtete ihn Høyer so kurz wie möglich über den Stand der Dinge. Der Mann faltete stumm die Hände und saß lange mit geschlossenen Augen da. Høyer und Therkelsen wechselten einen Blick. Betete er oder war das Ganze nur Show?
Schließlich öffnete er die Augen und sah sie an. »Die Wege des Herrn sind unergründlich«, sagte er langsam. Seine Stimme schlang sich um die Worte wie eine Kuhzunge um ein Grasbüschel. »Aber warum kommen Sie zu mir?«
»Weil Jens Olsen einen Brief hinterlassen hat, dessen Bedeutung uns nicht ganz klar ist«, sagte Høyer. »Wir könnten uns vorstellen, dass er sich Ihnen anvertraut hat. Sie sind doch für Ihre Gemeinde sicher auch so eine Art Seelsorger, oder?«
Carl Hansen wirkte so altmodisch pfarrerhaft, dass Høyer einen Moment überlegt hatte, ob er ihn nicht mit ›Herr Pfarrer‹ anreden sollte, war jedoch zu dem Schluss gekommen, dass ›Herr Hansen‹ trotz allem angemessen war.
»Seelsorger ist wohl nicht das richtige Wort«, sagte Carl Hansen. »Wir sind der Auffassung, dass der Herr für unsere Seelen sorgt. Das ist nicht Sache der Menschen. Aber es stimmt, dass meine Brüder und Schwestern im Herrn sich mir hin und wieder anvertrauen, wenn sie Zweifeln und Anfechtungen ausgesetzt sind«, fügte er mit einem kleinen, selbstzufriedenen Lächeln hinzu.
Therkelsen sah zu Høyer hinüber. Hier also hatte Jens Olsen seine merkwürdige Sprache her.
»Sie könnten den Brief ja einmal lesen«, schlug Høyer vor. »Und sehen, ob er Ihnen etwas sagt.«
Er reichte den Brief Carl Hansen, der eine Brille aus der Brusttasche fischte und aufsetzte, bevor er mit kleinen murmelnden Mundbewegungen las. Er las den Brief zweimal, dann ließ er ihn sinken.
»Ach ja«, seufzte er. »Ja, das ist leider nur allzu klar.« Høyer sah ihn eindringlich an. »Was heißt das?«, fragte er.
Carl Hansen reichte ihm den Brief, lehnte sich ein wenig im Stuhl zurück und legte die Fingerspitzen gegeneinander.
»Also, Jens Olsen ist zu mir gekommen ... ja, das muss einen Monat her sein. Vielleicht auch länger. Er hatte ein Problem.« Er machte eine kleine Pause. Dann fuhr er fort: »Hier muss ich wohl hinzufügen, dass seine Frau eine Tochter aus erster Ehe hatte. Ein achtzehnjähriges Mädchen.« Er verzog den Mund, als würde er etwas Unangenehmes schmecken. »Jens Olsens Frau gehörte nicht zu unserer Gemeinde, als sie geheiratet haben. Ich habe gehört, aber das ist wohl nur Gerede, dass ihr erster Mann nicht der Vater des Mädchens sein soll. Karen Olsen war ja auch noch recht jung, als sie es bekommen hat.« Er dachte einen Moment nach und nahm dann den Faden wieder auf. »Diese Tochter war in den Weihnachtsferien zu Hause und ... na ja, sie ist ein ziemlich hübsches Mädchen, vielleicht ein wenig zu rund und ein wenig zu ..., aber sehr hübsch, wie gesagt. Und Jens Olsen hat mir anvertraut, dass sie ... Wie soll ich das ausdrücken? ... Ja, dass sie Gedanken in ihm geweckt hat, die ... na ja, kurz gesagt, unanständige Gedanken. Er stand zu ihr schließlich in loco parentis. An Vaters statt.«
»War sie schwanger?«, fragte Therkelsen.
»Schwanger!« Carl Hansen sah ihn schockiert an. »Nein, nein. Nein, davon konnte nicht die Rede sein ... nein, überhaupt nicht. Jens Olsen hat sich vielleicht seine Gedanken gemacht, aber dabei ist es bestimmt auch geblieben.«
Wer weiß!, dachte Therkelsen, unterließ es jedoch, das auszusprechen. Er war sich nicht sicher, ob es gut ankommen würde.
»Ja, aber wo lag dann das Problem?«, fragte Høyer verständnislos. »Wenn doch nichts passiert ist?«
»Er hat in seinem Herzen gesündigt«, erklärte Carl Hansen geduldig. »Ich glaube, darüber war er sich auch selbst im Klaren. Und darin konnte ich ihn nur bestätigen.«
»Was heißt das?«, fragte Høyer.
»Ich habe ihm erklärt, dass er in seinem Herzen Ehebruch begangen hat und dass das eine ebenso große Sünde ist, als wenn er es wirklich getan hätte, und dass er den Herrn bitten muss, den Dämon aus ihm zu vertreiben.«
»Haben Sie das wirklich gesagt?« Høyer sah ihn ungläubig an.
»Das habe ich, denn so ist es«, sagte Carl Hansen mit fester Stimme. »Ich habe ihm auch gesagt, dass vor dem Herrn alle Gebote gleich wichtig sind und dass er nicht besser ist als jemand, der das fünfte Gebot übertreten hat. Wie zum Beispiel der Mensch, der die kleine Bettina ermordet hat. Das war ja gerade zu der Zeit, als viel über den Fall gesprochen wurde«, fügte er erklärend hinzu.
»Das war vielleicht nicht ganz das, was zu hören er gebraucht hätte«, sagte Høyer. »Das war keine große Hilfe für ihn.«
»Ich bin, wie gesagt, kein Seelsorger«, sagte Carl Hansen gänzlich unbeeindruckt. »Ich konnte ihm nicht mehr sagen, als dass er beten und seine Sünden bereuen soll.«
Høyer musste sich beherrschen, keine Grobheit zu erwidern. Er hatte das Bedürfnis, dem Mann in sein selbstzufriedenes, glänzendes Gesicht zu schlagen. Begriff er wirklich nicht, dass er indirekt schuld an Olsens Tat war? Offenbar nicht.
Høyer atmete tief durch. »Was glauben Sie, hat er damit gemeint, dass er ›die kleine Bettina in seinem Herzen getötet hat‹?«, fragte er.
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