Read the book: «Der Prinz ist tot - Skandinavien-Krimi»
Kirsten Holst
Der Prinz ist tot – Skandinavien-Krimi
Übersetzt
Hanne Hammer
Saga
Der Prinz ist tot – Skandinavien-Krimi ÜbersetztHanne Hammer Original Som ringe i vandetCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1991, 2020 Kirsten Holst und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726569544
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.
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1
Es waren die Hunde, die eine erste leise Ahnung in ihm aufkommen ließen, dass etwas nicht in Ordnung war.
Die Hunde!
Warum um alles in der Welt schlugen die verdammten Köter nicht an? Gewöhnlich hörte er sie schon bellen, wenn das Gittertor in der äußeren Umzäunung aufging und er auf die alte Scheune Zufuhr, die als Garage diente.
Aber heute Abend – kein Laut.
Er hatte das Auto abgestellt und war ausgestiegen, die Tür war hinter ihm zugefallen und er hatte schon mehrere Schritte gemacht, bevor ihm klar wurde, dass etwas absolut nicht in Ordnung war.
Die Hunde! Jetzt hätten sie sich heulend und winselnd gegen den Maschendraht des inneren Zauns werfen müssen. Seltsam, wie man sich so sehr an etwas gewöhnen konnte, dass es einige Sekunden brauchte, bevor man registrierte, dass es nicht da war.
Wo waren die verdammten Köter? Sie mussten das Auto gehört, seine Schritte auf dem Kies erkannt haben, seinen Geruch.
Hatte er vergessen, sie herauszulassen, bevor er gefahren war?
Was für eine idiotische Frage. Sie waren draußen. Sie waren immer draußen. Jedenfalls die beiden Pitbulls. Das waren Wachhunde, keine Schoßhunde. Nur Tjekka, die Schäferhündin, durfte manchmal ins Haus, aber nur wenn er selbst da war. Hunde mussten wissen, wer der Herr im Haus war.
Er blieb ein paar Schritte von dem Tor entfernt stehen. Lauschte. Strengte sein Gehör bis zum Äußersten an, doch da war nichts als die üblichen Nachtlaute. Das leise Rauschen des Windes in dem trockenen Gras, das ferne Brummen der Autos auf der einige Kilometer entfernten Autobahn. Sein eigener Atem. Sonst war alles still.
Er machte einen Schritt und fand sich plötzlich zu laut, erschreckend laut. Oder war da noch etwas anderes? Ein anderes Geräusch?
Wieder blieb er stehen. Sah sich um.
Licht war ausreichend vorhanden. An dem Zaun entlang standen Lampen, alle fünfzehn Meter eine. Die verlassene Häuslerstätte war ihre Festung gewesen, mit Wachtürmen, Zäunen, Hunden und Lampen. Er hatte Hunde, Zäune und die Beleuchtung behalten, obwohl er jetzt allein hier lebte. Meistens jedenfalls. Manchmal wohnte ein Mädchen für einige Wochen bei ihm, doch die Mädchen waren es schnell müde, hier draußen in der Pampa zu hausen und nichts zu tun zu haben, außer seine Sachen zu waschen, für ihn zu kochen und Videos anzuschauen. Sie wurden der Hunde und der Lampen und der Einsamkeit überdrüssig.
Der Gedanke, dass sie vielleicht auch seiner müde wurden, streifte ihn nicht einmal.
Eine von ihnen hatte ihm erzählt, dass in der Nachbarschaft das Gerücht umging, er habe Angst vor Gespenstern. Dass er deshalb die vielen Lampen habe. Sobald es dämmerte, gingen sie automatisch an.
Angst! Er hatte nur gelacht.
Er hatte vor nichts Angst. Hatte nie Angst gehabt.
Sie hatte ihn angesehen und gedacht, dass das stimmen konnte. Er hatte zu wenig Fantasie, um Angst zu haben. Er lebte in einem verkrüppelten Jungentraum, einer Mischung aus Western- und Ritterromantik, den andere sich ausgedacht hatten, und war naiv genug zu glauben, dass das das wirkliche Leben war.
Natürlich hatte er keine Angst. Er hatte die Beleuchtung und alles andere behalten, weil er die Sicherheit schätzte. Ihn sollte keiner überraschen. In seiner Branche konnte man nie sicher sein.
Er hatte auch jetzt keine Angst. War lediglich auf der Hut. Weil etwas nicht war, wie es sein sollte. Weil die verdammten Köter noch nicht einmal gebellt hatten.
Er öffnete das Schloss in dem Drahtzaun und tastete nach dem Schalter, um die Alarmanlage auszuschalten, während er sich hineinzwängte. Dann erstarrte er, die Finger auf dem Schalter. Die Alarmanlage war ausgeschaltet.
Er drückte den Schalter noch einmal. An? Aus? An? Aus? An ... oder aus? Er fluchte und schaltete die Alarmanlage wieder an, als er drinnen war. An? Ja, er war sich sicher, dass sie eingeschaltet war.
Seine Gedanken schienen nur träge durch sein Hirn zu fließen. War die Alarmanlage ausgeschaltet gewesen? Oder hatte er sich das eingebildet? Er wusste es nicht mehr.
Aber die Hunde. Wo waren die Hunde?
Im selben Moment entdeckte er den ersten. Er lag zwischen Haus und Zaun. Zuerst hielt er ihn für einen alten Sack, doch das war kein Sack. Das war Tjekka. Die Schäferhündin. Die älteste von ihnen. Seine Hündin.
Er beugte sich über sie. Tastete nach der Halsschlagader. Sie war tot. Wurde schon langsam steif.
Er richtete sich wieder auf. Er wusste, dass die beiden anderen auch tot waren. Und jetzt spürte er, wie die Angst ihn überrollte. Seine Nackenhaare sträubten sich, der Schweiß schoss ihm aus allen Poren und die Beine fühlten sich an wie Pfosten, die tief in die Erde gerammt waren. Irgendwo hier in der Nacht wartete jemand auf ihn. Behielt ihn im Auge.
Er wusste, dass er etwas tun musste, doch er konnte die Beine nicht bewegen. Hatte auch keine Ahnung, was er tun sollte. Wohin er flüchten sollte. Wo war er, der Feind? Der unsichtbare Feind, der ihm hier im Halbdunkel auflauerte. Er nestelte an dem Reißverschluss seiner Jacke herum, zog ihn herunter und steckte unendlich langsam und vorsichtig die Hand hinein, um nach der Pistole zu greifen.
Mit der Waffe in der Hand blieb er stehen.
Er fühlte sich gleich ein wenig sicherer. Das erste lähmende Entsetzen verflüchtigte sich. Auf seltsame Weise war er aufgedreht. Das war das Adrenalin, das sein Herz schneller schlagen und seinen Mund trocken werden ließ. Aber er konnte verdammt nochmal nicht die ganze Nacht hier stehen bleiben. Er wusste genau, wer in der Dunkelheit außerhalb der Lichtkreise auf ihn wartete.
Die Angst wich immer mehr. Er würde das schon schaffen.
»Brian!«, rief er ins Dunkel. »Ich weiß, dass du da bist, Brian. Was zum Teufel soll das, Mann?«
Er schwieg und lauschte.
Noch immer war kein Laut zu hören.
»Brian, verdammt! Was willst du? Das hier bringt doch nichts! Du weißt doch gar nicht, wo das Geld ist.«
Das Dunkel schwieg hartnäckig.
»Es ist nicht hier, Brian, falls es das ist, worauf du aus bist. Und ich habe auch nicht vor, dich reinzulegen. Du bist mein Freund, verdammt! Wir sitzen im selben Boot!«
Er hielt die Pistole noch immer schussbereit in der Hand, als er langsam auf die Haustür zuging. Und plötzlich antwortete das Dunkel.
Er hörte ein leises Lachen und dann hatte er das Gefühl, als träfe ihn ein Presslufthammer im Schritt.
Er fiel auf der Stelle um, nur wenige Schritte von dem toten Hund entfernt. Die Pistole glitt ihm aus der schlaffen Hand und landete mit einem kurzen metallischen Klick auf dem Kies.
Der Mörder – der noch nicht zum Mörder geworden war, denn der Mann auf dem Boden lebte noch – rührte sich nicht von der Stelle. Der Mann auf der Erde stöhnte, aber es war unmöglich zu sagen, ob er bei Bewusstsein war.
Noch einmal hob der Mörder langsam das Gewehr, um es dann wieder zu senken. Vielleicht war es besser so. Der andere hatte keine Möglichkeit, Hilfe zu holen. Er würde es nicht bis ins Haus schaffen und vor dem nächsten Vormittag würde hier mit Sicherheit keine Seele vorbeikommen.
Ja, es war am besten so.
Der verletzte Mann hörte die Schritte. Sie klangen fern, als steckte sein Kopf unter einer Bettdecke. Sie hielten ein einziges Mal inne, dann kamen sie näher, und er spürte, dass jemand still neben ihm stehen blieb und ihn ansah. Wenig später hörte er die Schritte wieder und dann quietschte das Tor, als der andere den Ort verließ. Jetzt war er allein mit den Schmerzen, die er noch nicht fühlte.
Doch bald würden sie kommen. Die Schmerzen. Und die Gespenster. Und keine Lampen konnten sie vertreiben.
2
Flemming Rosgård schob sein Fahrrad den Gartenweg hinauf in die Garage, stellte es in den Ständer, nahm den Instrumentenkoffer vom Gepäckträger und betrat das Haus durch die Seitentür, die über den hinteren Gang in den Windfang führte.
Er stellte den Koffer auf den Tisch, während er die Überschuhe abstreifte. Er betrachtete sie kritisch. Sie wurden langsam unbrauchbar. Tina verabscheute sie. Sie fand Überschuhe lächerlich. Noch lächerlicher hatte sie es gefunden, dass er sie letzten Frühling hatte vulkanisieren lassen.
»Wie geizig kann man eigentlich sein?«, hatte sie ihn gefragt.
Er konnte nichts Lächerliches daran finden. Es war viel alberner, sich seine guten Schuhe von Salz und Schneematsch ruinieren zu lassen. Und es bestand kein Grund, Geld für neue Überschuhe zum Fenster hinauszuwerfen, wenn man die alten reparieren lassen konnte.
Doch jetzt hatten sie ausgedient. Er warf sie in den Müllsack in der Ecke, bevor er den Instrumentenkoffer nahm und durch die Küche in die Diele ging. Er öffnete den Garderobenschrank, stellte den Koffer hinein und hängte seinen Mantel auf einen Bügel.
Im Wohnzimmer war Licht, aber er ging zunächst zum Kinderzimmer, öffnete die Tür und schaute hinein. Er stand einen Augenblick da und betrachtete die zwei schlafenden Kinder im Lichtschein, der von der Diele hereinfiel. Sie verblüfften ihn immer wieder, die Kinder. Selbst wenn er mit ihnen spielte, sie badete oder mit ihnen spazieren ging, versetzten sie ihn in Verwunderung. Wo kamen sie her? Natürlich wusste er, wo sie herkamen. Er hatte sie zum Teufel nochmal selbst gemacht, hatte mitgeholfen, sie zu machen, aber trotzdem blieben sie für ihn zwei kleine, seltsame Wesen, die aus dem Weltraum in sein Leben gefallen waren. Faszinierend, rührend und ein ganz klein wenig erschreckend. Aliens.
Vielleicht lag das daran, dass er sich nicht erinnern konnte, selbst einmal so klein gewesen zu sein. Er hatte nicht die leiseste Erinnerung an sich als Kind. Natürlich hatte er Fotos und sogar kurze Schmalfilme von einem Kind gesehen, das er sein sollte, aber sie sagten ihm nichts. Es hätte jeder x-beliebige kleine Junge sein können. Seine erste Erinnerung stammte aus der Schulzeit, als er zehn Jahre alt gewesen war. Er hatte seine Milch verschüttet und war erschrocken gewesen, wie viel Flüssigkeit in einen Zwei-Deziliter-Becher passte. In seiner Erinnerung war das fast wie ein Traum. Milch spritzte nach allen Seiten, lief über den Boden, die Wände hinunter und wurde schließlich zu einem riesigen See, der die ganze Klasse überschwemmte. Eine peinliche Erinnerung, auf die er gern verzichtet hätte. Er hatte keine Ahnung, was sonst noch passiert war. Ob er ausgeschimpft worden war oder ob jemand die Milch für ihn aufgewischt hatte. Idiotisch.
Tina glaubte ihm nicht, wenn er sagte, dass er sich nicht an seine Kindheit erinnern konnte. Sie behauptete, dass es das nicht gäbe oder dass er sich nicht erinnern wollte. Dass er etwas verdrängte.
Unsinn! Warum sollte er sich nicht erinnern wollen? Er hatte eine gute Kindheit gehabt, dessen war er sich sicher. Das Kind auf den Bildern lächelte und sah zufrieden aus. Es war mit Sicherheit ein glückliches Kind.
Vorsichtig schloss er die Kinderzimmertür und ging weiter zum Wohnzimmer. Unwillkürlich zögerte er kurz und holte tief Luft, bevor er eintrat.
Alles sah aus wie immer. Und warum sollte es das auch nicht? Tina saß in ihrem Lieblingssessel, die Beine auf dem Fußschemel.
»Ach, du bist es«, sagte sie.
Er bezwang seine Lust zu fragen: »Wer sollte es denn sonst sein? Hast du jemand anderen erwartet?« Mitunter brauchte es nicht viel, dass sie einen Streit anfing. Manchmal hatte er den Eindruck, dass sie das richtiggehend genoss. Er genoss es nicht. Streit erschreckte ihn.
Er ging zum Barschrank, nahm ein Glas und schenkte sich einen Whisky ein.
»Hast du noch nicht genug?«, fragte sie.
Er biss die Zähne fest zusammen. Aus ihrem Mund klang das, als hätte er ein Alkoholproblem, doch wenn er das sagte, würde sie erwidern, dass er überempfindlich reagierte.
Mit dem Whisky in der Hand setzte er sich in eine Ecke des Sofas.
»Ich habe meine Überschuhe weggeworfen«, sagte er und hörte selbst, wie idiotisch das klang.
Eine Gabe. Eine Opfergabe. Ein paar alte Überschuhe!
»Das wurde auch Zeit«, sagte sie.
»Nächsten Winter kaufe ich mir neue«, sagte er ein klein wenig provozierend. »Ich habe die alten in den Müllsack gesteckt.«
»Schön«, sagte sie. »Er wird morgen abgeholt, wenn du ihn rausstellst, bevor du gehst.«
Er nickte.
»Warum bist du noch auf?«, fragte er. »Du hättest nicht auf mich warten müssen.«
»Das habe ich auch nicht«, sagte sie. »Ich habe nachgedacht.«
»Aha«, sagte er wachsam. Er wurde immer nervös, wenn sie nachdachte. »Worüber?«
»Über die Englandreise. Du weißt doch, dass Lone mich gefragt hat, ob ich mitkäme, da Laust nicht kann. Ich habe so gut wie zugesagt.«
»Das ist eine gute Idee«, sagte er erleichtert. Sie hatte also nicht über ihre Beziehung nachgedacht. Warum rechnete er immer mit dem Schlimmsten?
»Es ist ein bisschen kurzfristig, aber wir haben dieses Jahr schließlich keinen Winterurlaub gemacht.«
Sie hatte ihre Argumente parat. Die Geschütze waren aufgefahren.
»Ja, und deshalb halte ich das auch für eine gute Idee. Aber was ist mit den Kindern?«
»Mutter hat versprochen, sie zu nehmen.«
»Schön«, sagte er mechanisch, während er darüber nachdachte, ob sich hinter der Bemerkung über die Winterferien ein versteckter Vorwurf verbarg. Bestimmt nicht, aber es war nicht auszuschließen, dass sie ein anderes Mal darauf zurückkommen würde.
»Das Problem ist, dass es bestimmt nicht billig wird. Wir haben zwar ein Superangebot, aber du kennst ja Lone. Sie nimmt nicht gerade das billigste Hotel. Ich kann immer noch Nein sagen, wenn du meinst, dass es für eine Woche London zu teuer ist.«
»Nein, mach das ruhig. Ihr hattet doch letztes Mal so viel Spaß.«
»Du findest nicht ...?«
»Nein, ich finde, dass das eine gute Idee ist. Außerdem habe ich vorläufig ohnehin keine Zeit, Urlaub zu machen, und so habe ich kein ganz so schlechtes Gewissen.«
»Ein schlechtes Gewissen?«
»Ja, weil wir dieses Jahr keinen Winterurlaub gemacht haben.« Er trank einen Schluck Whisky. Jetzt war der Winterurlaub an ihre Londonreise gekoppelt. Falls das Gespräch wieder darauf kommen sollte. Dafür warst du ja mit Lone in London.
»Wann geht es los?«
»Morgen in acht Tagen. Von Kopenhagen aus. Wir fahren Mittwochabend hier los. Um auf Nummer sicher zu gehen.«
»Fliegt ihr?«
»Ja.«
»Was ist mit den Kindern?«, fragte er, während er alles in Gedanken zu ordnen versuchte. »Soll ich sie zu deiner Mutter bringen?«
»Nein, ich bringe sie im Laufe des Mittwochs zu ihr.«
»Ihr werdet mir fehlen«, sagte er.
Sie lachte. »Es ist doch nur für eine Woche. Und du kannst die Kinder am Wochenende besuchen, wenn du Lust dazu hast.« Sie sah zu ihm auf. »Und Zeit«, fügte sie hinzu.
»Ich werde dich vermissen«, sagte er eigensinnig.
Sie stand auf, ging zu ihm und fuhr ihm mit der Hand durchs Haar.
»Ab und zu fällt es mir wirklich schwer, dich nicht zu mögen«, sagte sie lächelnd. »Ich gehe jetzt ins Bett. Kommst du auch?«
»Gleich«, sagte er. »Ich muss nur noch etwas ...«
Sie blieb einen Augenblick stehen, dann seufzte sie leicht und verließ das Wohnzimmer. Er musste immer nur noch irgendetwas. Aber im Grunde genommen war er süß. Kein bisschen geizig, was sie und die Kinder anging. Diese Reise zum Beispiel. Nicht der leiseste Vorwurf. Ab und zu mochte sie ihn wirklich, aber ab und zu trieb er sie auch in den Wahnsinn. Sein krankhafter Geiz bei Kleinigkeiten. Diese verdammten Überschuhe. Und sein Fahrrad. Er fuhr immer mit dem Fahrrad in die Stadt. Nicht wegen der Umwelt oder der Kondition, wenn es denn das gewesen wäre, nein, um zu sparen! Und gleichzeitig wohnten sie in einem teuren Haus, machten teure Reisen und hatten ein teures Auto in der Garage stehen, das sie nach Lust und Laune nehmen konnte. Sie verstand das nicht. Verstand ihn nicht. Er bewahrte Essensreste, Plastiktüten, Schnüre und allen möglichen ausrangierten Mist auf, trug aber nur maßgeschneiderte Anzüge. Er sagte, dass sie länger hielten. Das war bestimmt richtig. Seit sie ihn kannte, hatte er nie etwas weggeworfen. Woher hatte er das? Jedenfalls nicht von seinen Eltern. Die hatten das Geld immer mit vollen Händen ausgegeben. Und es war ihnen nie schlecht gegangen. Es ging ihnen ausgezeichnet. Wovor also hatte er Angst?
Sie verstand ihn nicht. Würde ihn wohl nie verstehen. Doch vielleicht war das gar nicht nötig. Es funktionierte auch so. Im Großen und Ganzen. Sie dachte nicht im Traum daran, ihn zu verlassen. Sie wusste, dass sie Glück gehabt hatte, ohne genau sagen zu können, warum. Es war einfach so.
Sie hatte sich in ihn verliebt, hatte geglaubt, in ihn verliebt zu sein, weil er sich offensichtlich gleich auf den ersten Blick in sie verliebt hatte. Sie war in der Anwaltskanzlei, in der er als Prokurist eingestellt worden war, Sekretärin gewesen, eine von vielen. Sie war keine besonders tüchtige Sekretärin, darüber war sie sich durchaus im Klaren, aber sie war freundlich, höflich und umgänglich. Schön, ohne attraktiv zu sein. Sie hatte mit ein paar Typen zusammengewohnt, ohne dass mehr daraus geworden war. Sie waren wieder aus ihrem Leben verschwunden und sie hatte ihnen keine Träne nachgeweint. Und dann war Flemming aufgetaucht und hatte stumm, mit vor Bewunderung großen Augen vor ihr gestanden. Er hatte ihr auf eine charmante, altmodische Art den Hof gemacht. Hatte sie belagert. In Konzerte eingeladen, ins Theater und ins Restaurant. Er hatte ihr Blumen geschickt, Schokolade und kleine Geschenke.
»Der ist es«, hatten ihre Kolleginnen gesagt, aber sie war sich noch nicht ganz sicher gewesen. Sie war verliebt, ein wenig, aber reichte das?
Als er dann um ihre Hand angehalten hatte, hatte sie Ja gesagt.
Weder vor sich selbst noch vor anderen hatte sie jemals zugegeben, dass ihr Ja vielleicht damit zusammengehangen hatte, dass im Büro EDV eingeführt werden sollte. Der Gedanke hatte sie in Panik versetzt. Sie hatte gewusst, dass das ihre Fähigkeiten übersteigen, sie nicht mithalten können würde, dass ihr die Kündigung sicher wäre. Eine Ehe war der eleganteste Ausweg gewesen.
Und sie hatte es nicht bereut. Sie war kurz nach der Heirat schwanger geworden und hatte, noch bevor das Kind auf der Welt war, zu arbeiten aufgehört. Einen Computer zu bedienen, hatte sie nie gelernt.
Er sorgte gut für sie. Liebte sie und die Kinder und versuchte immer, es ihr recht zu machen. Er stand für Sicherheit und Stabilität. Hin und wieder war sie seiner etwas müde, der Sicherheit etwas müde. Stellte die Sicherheit auf die Probe. Stritt mit ihm. Tobte. Deutete an, dass es ihr in den Sinn kommen könnte, ihn zu verlassen. Zum einen, um ein wenig mit der Sicherheit zu spielen, sie herauszufordern, sie aufs Spiel zu setzen, und zum anderen, um sich immer wieder bestätigen zu lassen, dass er sie nie, nie im Stich lassen würde. Sie wusste auch, dass er alles tun würde, um sie zurückzuhalten, sollte es ihr eines Tages einfallen, ihn zu verlassen. Und dass er all seine Klugheit und all sein juristisches Wissen einsetzen würde, um zu verhindern, dass sie die Kinder bekäme.
Deshalb wusste sie, dass sie ihn nie verlassen würde, niemals!
Aber es bestand schließlich kein Grund, dass er sich ebenso sicher war.
3
Der Postbote kam um sechs Minuten vor zehn. Etwas früher als sonst. Donnerstag war einer der angenehmen Tage. Montag hatte er die ganze Werbung und Mittwoch die Wochenzeitungen, aber Donnerstag war ein angenehmer Tag.
Die Hunde ließen eine erste leise Ahnung in ihm aufkommen, dass etwas nicht in Ordnung war. In der Regel spielten die verdammten Köter jedes Mal verrückt, wenn er kam. Er öffnete das kleine Türchen neben dem Gittertor in dem Eternitzaun und trat vorsichtig auf den Weg, der zwischen den beiden Zäunen entlanglief. Was, wenn die verdammten Köter ihm auflauerten? Sie waren normalerweise hinter dem Maschendrahtzaun, aber man konnte nie sicher sein.
Er ging zu der kleinen Tür im Zaun, wo auch der Briefkasten war. Noch immer tauchten die Hunde nicht auf. Gaben keinen Laut von sich. Meistens versuchten sie, sich auf ihn zu stürzen, und nur der Zaun hielt sie zurück.
Anfangs hatte er immer freundlich und beruhigend auf sie eingeredet, wie man das mit Hunden so macht, aber sie hatten nur die Augen verdreht, sich gegen den Zaun geworfen und gebellt und geknurrt. Inzwischen knurrte er zurück und beeilte sich, die Post in den Kasten zu werfen. In der Nähe der Köter fühlte er sich nicht sicher. Über Pitbulls hörte man die schrecklichsten Geschichten und er vertraute nicht darauf, dass der Zaun sie abhalten würde, wenn sie wirklich wütend wurden.
Vielleicht hatten sie den Typen da drinnen aufgefressen. Vielleicht hatte er sie erschossen. Auf diesem Grundstück war schon so einiges passiert, doch da hatte die ganze Bande noch hier draußen gewohnt. Von ihm hörte man nicht viel, auch wenn er bestimmt nicht zu den bravsten Schäfchen unseres Herrn gehörte.
Als Erstes sah er den Hund. Er war tot – daran bestand kein Zweifel. Er starrte ihn einen Augenblick lang an. Dann wanderte sein Blick weiter zu dem dunklen Fleck wenige Schritte neben dem Hund, blieb einen Moment an einem weiteren rotbraunen Flecken hängen, der an die Umrisse Italiens erinnerte, um dann automatisch dem breiten, dunklen Streifen zu folgen, der bis zur Haustür führte.
Dort lag ein Mensch.
»Alles okay?«, rief er, obwohl er sofort wusste, dass überhaupt nichts okay war. Er rief noch einmal, ohne eine Antwort zu bekommen, dann lief er zurück zu dem Postauto, das er mit laufendem Motor geparkt hatte.
Hatte er es nicht immer gesagt? Dass es ein böses Ende nehmen würde mit den Kötern. Er konnte sich gut vorstellen, was passiert war. Heute Morgen, als der Mann aus dem Haus gekommen war, hatten sie ihn angefallen. Er hatte es noch geschafft, sie zu erschießen, war aber zu schwach gewesen, um ins Haus zu kommen und Hilfe anzufordern. Vielleicht hatte er die Tür hinter sich zugeknallt, als er das Haus verlassen hatte, und wieder hineinzukommen erwies sich als genauso schwer, wie eine Festung einzunehmen.
Der Postbote setzte sich ins Auto und fuhr, so schnell er konnte, den unebenen Feldweg hinauf zur Landstraße und weiter zu dem Hof, von dem er gerade gekommen war. Er hatte dort seinen Vormittagskaffee getrunken und wusste, dass jemand zu Hause war.
»Totgebissen?«, rief die Frau entsetzt und schlug die Hand vor den Mund.
»Es sieht ganz so aus«, sagte der Postbote.
»Wenigstens hat es ihn selbst erwischt«, meinte der Mann. Er hatte diesen Nachbarn nie gemocht.
Es war 10.38 Uhr, als ein Streifenwagen, der zufällig in der Nähe war, zu dem Haus gerufen wurde. In der Nachricht über Funk hieß es, dass ein Mann ernsthaft, vielleicht sogar tödlich verletzt war, nachdem seine Hunde ihn angefallen hatten. Die Beamten wurden gewarnt, dass ein oder zwei Hunde möglicherweise noch lebten und gefährlich sein könnten.
»Wie viele Hunde zum Teufel hat er denn?«, fragte einer der Polizisten. »Das hört sich ja fast so an, als hätte er ein ganzes Rudel.«
»Das hat er auch, Ralph«, sagte der andere. Er hieß Thomsen und war ein alter Hase. Er kannte alle und jeden in der Gegend. Er sprach den Namen seines Kollegen Ralp aus. Er fand es ziemlich affig, Ralph zu heißen. Mit ph. Entweder man hieß Ralf oder man hieß Ralp. Und deshalb nannte er ihn Ralp – egal wie lautstark er protestierte.
»Vielleicht ist er Grönländer und hat ein Hundegespann«, sagte Ralph lachend, klopfte dabei aber instinktiv auf seine Dienstwaffe.
Thomsen schaltete die Scheibenwischer ein, ohne zu antworten. Im Laufe der Nacht hatte es zu tauen begonnen und jetzt nieselte es. Platt wie ein Pfannkuchen breitete sich die Landschaft im Dunst vor ihnen aus. Der Westwind hatte die Windschutzhecken nach Osten gebogen und hier und da lagen kleine, weiß gekalkte Höfe oder ehemalige Häuslerstätten, die einsam, traurig und ärmlich aussahen. Im Sommer, wenn Erde und Horizont unter dem nördlichen Himmel mit seinem ganz besonderen Licht in Grün, Gelb und Blau erstrahlten, konnte das großartig aussehen, manchmal sogar pittoresk, doch jetzt bei dem schlechten Wetter wirkte es nur deprimierend.
Sie kamen an einem Hof vorbei, der direkt an der Straße lag, und ein paar Hundert Meter weiter, mitten im freien Feld, sahen sie mehrere, von einem hohen Eternitzaun umgebene Gebäude.
»Da sind wir«, sagte Thomsen, als sie sich der Festung näherten. »Ich war mir ziemlich sicher, dass es hier sein muss.«
»Was ist das?«, fragte Ralph. »Eine Minkfarm?«
Es hätte durchaus eine sein können. Alles Mögliche hätte sich hinter dem Eternitzaun verbergen können.
»Ein Fort«, sagte der andere. »Das war einmal ein Fort, aber in den letzten Jahren hat es hier draußen keinen Ärger mehr gegeben. Das Anwesen gehört Rockern. Inzwischen ist die Bande allerdings in der Auflösung begriffen. Die einen haben sich zurückgezogen, die anderen sitzen im Knast und ihr Anführer liegt seit drei Monaten im Krankenhaus und kann sich nicht entschließen, ob er leben oder sterben will. Als ich das letzte Mal von dem Fort gehört habe, wohnten hier drei, vier Typen, aber die sind offenbar nicht mehr da. Sie haben einen Teil des Rauschgifthandels in der Stadt kontrolliert und das tun sie, meinen Informationen zufolge, immer noch.«
Sie parkten vor dem Tor und Ralph stieg aus, um es zu öffnen.
Einen Moment später kam er zum Auto zurück.
»Ich glaube, das Tor öffnet sich automatisch, aber ich bekomme nicht heraus, wie.«
Thomsen drückte versuchsweise auf die Hupe – ohne Ergebnis.
»Probier es mal mit den Scheinwerfern«, sagte Ralph, doch auch ein Ein- und Ausschalten der Scheinwerfer führte nicht zum Erfolg.
»Wahrscheinlich funktioniert es per Fernbedienung«, meinte Ralph. »Vielleicht hat er ein entsprechendes Teil in seinem Auto.«
»Okay«, sagte Thomsen. »Dann müssen wir zu Fuß rein.«
Er griff nach der Pistole und ging auf die kleine Tür zu. Bevor sie sie öffneten, blieben sie einen Augenblick stehen und sahen auf den Hofplatz.
»Da drinnen liegt ein Hund«, sagte Thomsen. »Tot.«
»Und da«, sagte Ralph, während er auf etwas zeigte.
»Wo?«
»Da bei der Pumpe. Du kannst den Kopf neben dem Wassertrog sehen.«
»Die beiden sind jedenfalls tot«, sagte Thomsen und griff versuchsweise nach der Klinke. Die kleine Tür öffnete sich mit einem leisen Quietschen.
Sie gingen zum Haus und blieben neben Tjekkas Leichnam stehen. Thomsen sah sich um. »Da liegt seine Pistole.«
Er kratzte sich kurz am Kopf. »Merkwürdig«, sagte er. Dann zuckte er mit den Schultern. »Na schön, sehen wir uns den Burschen einmal an. Ich glaube nicht, dass hier noch weitere Hunde sind. Zumindest keine lebenden.«
Die zusammengesunkene Gestalt lag auf dem Bauch, den Oberkörper auf der Stufe zur Eingangstür.
Thomsen beugte sich über ihn. »Mausetot«, sagte er. »Und steif wie ein Brett.«
Von der Landstraße waren Sirenen zu hören, die sich näherten.
»Das können sie sich ruhig sparen«, sagte Thomsen.
Ralph nickte und ging zu der Pumpe, die Pistole noch immer im Anschlag.
»Hier liegt noch ein Hund«, rief er kurz darauf. »Auch erschossen.« Er ging weiter Richtung Zaun, drehte eine Runde um das Haus und kam zum Eingang zurück.
»Mehr sind hier nicht«, sagte er. »Insgesamt drei und alle tot. Erschossen. Er hat sie erwischt. Aber offenbar zu spät.«
»Hm«, sagte Thomsen, während er sich wieder nachdenklich am Kopf kratzte.
»Juckt es dich?«, fragte Ralph.
Thomsen antwortete nicht und erst jetzt sah Ralph sich die Leiche genauer an.
»Das sieht merkwürdig aus«, sagte er. »Wo haben sie ihn denn gebissen?«
Thomsen schüttelte den Kopf. »Ich bin mir nicht sicher«, sagte er. »So, wie er liegt, lässt sich das nicht so leicht sagen, aber bei allem Respekt, ich glaube, in die Eier. Es sieht ganz so aus, als hätten sie ihm die Juwelen abgebissen.«
»Pfui Teufel!«, sagte sein Kollege.
»Aber etwas passt trotzdem nicht«, sagte Thomsen.
»Was meinst du?«, fragte Ralph.
»Ich kann es nicht vor mir sehen«, sagte Thomsen. »Ich kann es nicht vor mir sehen.«
»Das ist doch auch egal«, sagte Ralph. Er hatte nicht die geringste Lust, dieses Bild vor sich zu sehen. »Die Hunde müssen darauf trainiert gewesen sein, dort zuzubeißen. Das tun sie nicht von selbst.«
»Genau, aber das ist es nicht allein«, sagte Thomsen und sah sich um. »Er kommt raus. Der eine Hund springt ihn an und was passiert? Der Hund beißt ihn – er zieht den Revolver und erschießt ihn. Und dann erschießt er die beiden anderen. Einfach so, der Sicherheit halber.«
»Das hätte ich auch getan.«
»Du würdest also ein paar Hunde erschießen, die noch ziemlich weit weg sind, während du wie ein Schwein blutest? Statt im Haus Schutz zu suchen?«
»Sie hätten ihn innerhalb von Sekunden anfallen können. Vielleicht hatten sie ihn auch schon gebissen.«
»Wo? Er hat keine anderen Wunden. Sieh dir seine Arme an. Nicht ein Kratzer. Und er trifft sie. Beide. Würdest du wirklich mit einer tödlichen Verletzung hier stehen bleiben und einen Hund niederschießen? Und anschließend die beiden anderen kaltmachen? Die haben ihn nämlich nicht angerührt. Wenn du mich fragst, da stimmt etwas ganz und gar nicht.«
Der Krankenwagen hielt vor dem Tor. Ein Sanitäter kam herein.
»Wie bekommen wir das verdammte Tor auf?«
»Das eilt nicht«, sagte Thomsen. »Der Typ ist tot und ihr bekommt ihn ohnehin nicht sofort.«
»Wir haben nicht zu entscheiden, ob er tot ist«, wandte der Sanitäter ein. »Wir müssen nur dafür sorgen, dass er so bald wie möglich ins Krankenhaus kommt.«
»Ich übernehme die Verantwortung. Der Typ ist mausetot, da könnt ihr ganz beruhigt sein, aber es gibt Anzeichen, dass dafür nicht die Hunde verantwortlich sind.«
Der Sanitäter sah ihn skeptisch an.
Thomsen zeigte auf den Hund. »Was glaubst du, woran der gestorben ist?«, sagte er.
»Erschossen«, sagte der Sanitäter. »Lernt ihr so etwas nicht auf der Polizeischule?«
Thomsen tat, als hätte er nichts gehört.
»Ganz meine Meinung«, sagte er. »Aber ich glaube nicht, dass der Schuss hieraus abgefeuert wurde.« Er zeigte auf die Pistole.
»Das kann man nicht sehen.«
Thomsen lachte leicht. »Doch, das lernen wir nämlich auf der Polizeischule.« Er wandte sich an Ralph. »Ich gehe mal und gebe Bescheid. Aber du kannst ruhig schon anfangen.«
»Anfangen? Womit?«
»Den Tatort zu sichern.«
»Den Tatort?«
»Ja, mein Junge. Ich müsste mich schon sehr irren, wenn wir es hier nicht mit einem Mord zu tun haben, und keiner kann mir erzählen, dass die Hunde die Täter waren.«
4
Therkelsen sah sich um und schüttelte den Kopf. »Herr im Himmel. Was für ein trostloser Ort zum Leben.«
»Und zum Sterben«, sagte Bøjsen trocken.
Therkelsen zuckte mit den Schultern. Er fand, dass es gleichgültig war, wo man starb.
»Jetzt hören wir erst einmal, was unser Medizinmann zu sagen hat.«
Sie gingen zu dem Arzt, der sich gerade die Plastikhandschuhe auszog.
»Und, wie sieht es aus?«
»Ich kann euch nicht viel mehr sagen als das, was ihr selbst sehen oder folgern könnt«, sagte der Arzt. »Er ist aus nächster Nähe erschossen worden.«
»Mit einem Dumdumgeschoss«, warf Lyngsø ein. »Sollen wir wetten?«
Therkelsen warf ihm einen verärgerten Blick zu.
»Schon möglich«, sagte der Arzt. »So sicher wage ich das nicht zu sagen. Es kann sich auch um ein Gewehr mit großem Kaliber handeln. Wahrscheinlich stand er dort, wo die große Blutlache ist, als er getroffen wurde. Er ist auf der Stelle umgekippt und muss eine Zeit lang dagelegen haben, vielleicht war er bewusstlos. Es ist ein Wunder, dass er nicht gleich tot war. Vermutlich ist er wieder zu Bewusstsein gekommen und zur Haustür gekrochen. Auf dem ganzen Weg sind Blutspuren, und man sieht, wo er eine Pause gemacht hat, um Kräfte zu sammeln.«
»Er hat es noch geschafft, die Klinke zu greifen, konnte die Tür aber nicht öffnen«, sagte Therkelsen. »Wahrscheinlich hat er versucht, ins Haus zu kommen und einen Krankenwagen zu rufen.« Er sah den Arzt an. »Glaubst du, er hätte es geschafft, wenn es ihm gelungen wäre?«
Der Arzt schüttelte den Kopf. »Kaum. Und er wäre nie wieder ein richtiger Mensch geworden. Jedenfalls kein richtiger Mann. Ich weiß nicht, ob es das wert gewesen wäre. Aber er hat es zumindest versucht.«
Therkelsen nickte und sah sich die verschmierten Handabdrücke an, die zeigten, wo der Ermordete versucht hatte, sich an der Tür abzustützen und aufzustehen.
»Wir gehen davon aus, dass der Täter dort an der Hausecke gestanden haben muss«, sagte er. »Und es gibt Hinweise, dass er ziemlich lange dort gestanden hat. Das heißt, dass der Abstand zwanzig Meter betrug, vielleicht fünfundzwanzig.« Er wandte sich an den Arzt. »Klingt das wahrscheinlich?«
»Lass ihn uns erst richtig ansehen.«
»Und über den Zeitpunkt willst du auch noch nichts sagen?«
Der Arzt lachte. »Nicht bevor wir mehr haben, woraus wir unsere Schlüsse ziehen können.«
»Was ist mit den Hunden?«
»Ich bin doch kein Tierarzt.«
»Du sagst es.« Therkelsen grinste schief.
»Kennt ihr ihn?«
»Ja, und ob. Aber wir haben nicht die Absicht, für einen Kranz zu sammeln.«
»Das könnte ich mir auch kaum vorstellen.«
»Er heißt Lars Sørensen. Er wurde der Prinz genannt.«
»Dann habe ich schon von ihm gehört.«
»Bestimmt.«
Der Arzt wandte sich zum Gehen. »Du hörst von uns«, sagte er. Er warf einen letzten Blick auf den Toten. »Tja, auf seine Weise hat er Glück gehabt.« Er drehte sich um und ging.
»Wenn du das Glück nennst, bin ich lieber unglücklich«, sagte Therkelsen zum Rücken des Arztes.
Bøjsen sah ihn an. »Ich bin zwar auch kein Tierarzt, aber ich möchte wetten, dass jeder der Hunde mit einem einzigen Schuss getötet wurde. Wir haben übrigens keine leeren Patronenhülsen gefunden.«
»Er hat sich also die Zeit genommen, sie aufzusammeln«, stellte Therkelsen fest.
»Exakt«, sagte Lyngsø.
»Und er ist ein guter Schütze, aber das hilft uns auch nicht weiter«, fuhr Therkelsen fort. »Das waren sie vermutlich alle. Sie haben hier draußen Schießübungen veranstaltet, dass den Nachbarn die Ohren gepfiffen haben.«
»Du glaubst also, es handelt sich um eine interne Angelegenheit?«, fragte Bøjsen.
»Ja, ist das nicht am wahrscheinlichsten?«
Bøjsen nickte. »Sicher. Besonders jetzt, wo der König weg ist vom Fenster. Vielleicht waren nicht alle Bandenmitglieder der Meinung, dass der Prinz der richtige Thronfolger war.«
»Aber er lebt doch noch, oder?«, fragte Winther.
»Der König? Na ja, sofern man das ›leben‹ nennen will. Selbst wenn er das Beatmungsgerät nicht mehr braucht, ist er vom Hals abwärts gelähmt. Der Unfall ist jetzt über vier Monate her, es ist also an der Zeit, dass sie sich Gedanken darüber machen, wer die Geschäfte weiterführen soll.«
Winther dachte lange nach. »Wenn er wirklich ein so guter Schütze ist, warum zum Teufel hat er dann bei dem letzten Schuss so daneben geschossen?«
Therkelsen zuckte mit den Schultern.
»Vielleicht ist er ein Zwerg«, sagte Lyngsø.
Therkelsen warf ihm einen Blick zu, bei dem Winther ein Kichern nur schwer unterdrücken konnte.
»Falls das ein Witz sein sollte, war es ein schlechter, oder einfach nur dumm.«
»Warum? Er hat die drei Köter mitten in den Kopf getroffen und den Typen hier fast auf gleicher Höhe. Das entspricht genau der Größe eines Zwergs.«
»Jeder schießt hin und wieder daneben«, sagte Bøjsen. »Einmal hätte ich fast meine Schwiegermutter getroffen, als wir im Garten auf eine Scheibe geschossen haben.«
»Aber du hast daneben geschossen?«, sagte Lyngsø.
Therkelsen hätte beinahe Dasselbe gesagt. Jetzt warf er Lyngsø stattdessen einen weiteren strafenden Blick zu. Der besserwisserische Kopenhagener ärgerte ihn bis zur Weißglut. Früher hatte nur Larsen Therkelsens Blutdruck in die Höhe getrieben, aber Larsen hatte eine Entschuldigung. Er war einfach nicht so helle.
»Wer sagt eigentlich, dass der Mörder daneben geschossen hat?«, sagte Winther. »Vielleicht hat er genau das getroffen, was er treffen wollte.«
Einen Augenblick herrschte Schweigen, während der Gedanke sich setzte.
Dann schüttelte Bøjsen den Kopf.
»Nur eine Frau kann auf eine so abscheuliche Idee kommen. Warum hätte er das tun sollen?«
»Zur Abschreckung«, schlug Winther vor. »Um Terror zu machen. Um eventuelle Konkurrenten auf ihren Platz zu verweisen.«
»Das wäre zu riskant gewesen. Er konnte nicht sicher sein, dass der Prinz wirklich tot war. Mit etwas Glück hätte er es vielleicht bis ins Haus geschafft und einen Krankenwagen rufen können.«
Winther sah ihn an. »Aber es wäre doch auch ziemlich abschreckend, wenn er nicht gestorben wäre, oder?«
»Tja«, murmelte Bøjsen unangenehm berührt.
»Vielleicht hat er gewartet, bis er sicher sein konnte, dass der Prinz es nicht bis ins Haus schafft.«
Wieder herrschte Schweigen, während jeder von ihnen sich fragte, was das für ein Mensch sein musste, der einfach zusah, wie ein anderer verblutete, während er noch versuchte, sich ins Haus zu dem rettenden Telefon zu schleppen.
»Bist du jetzt nicht ein bisschen zu dramatisch, Winther?«, sagte Bøjsen schließlich.
Winther zuckte mit den Schultern. »Vielleicht. Aber wenn das ein Terrorakt war, spielt es keine Rolle, ob der Prinz tot ist oder nicht, stimmt’s? Beides ist gleich furchtbar. Und der Täter konnte praktisch hundertprozentig sicher sein, dass niemand plappern würde. Und wenn die Mehrzahl hinter ihm stand ...«
Therkelsen lachte höhnisch. »Die Mehrzahl. Von der Bande sind wirklich nicht mehr genug übrig, dass man von einer Mehrzahl reden könnte.«
»Aber sie kontrollieren immer noch die Hälfte oder zumindest ein Drittel des Rauschgifthandels in der Stadt«, sagte Bøjsen.
»Vielleicht«, sagte Therkelsen. »Es sei denn, sie haben an Einfluss verloren, jetzt, wo der König weg ist. Er war das Gehirn der Bande. Der Organisator. Ich glaube nicht, dass der Prinz im Stande gewesen wäre, das Erbe anzutreten. Wie dem auch sei, wir sollten sehen, dass wir weiterkommen. Wir müssen den Schuppen da durchsuchen. Es deutet nichts darauf hin, dass der Mörder im Haus gewesen ist, jedenfalls nicht heute Nacht, und es dürfte auf jeden Fall vergeblich sein, nach Fingerabdrücken zu suchen. Die ganze Bande ist hier schließlich ein und aus gegangen.«
Er sah sich das Schlüsselbund an, das er in der Tasche des Prinzen gefunden hatte. »Der müsste es sein«, sagte er, indem er einen der Schlüssel ins Schloss steckte. Er drehte ihn herum, öffnete zufrieden die Tür und trat in die Diele. Im selben Moment schlug mit einem infernalischen Krach die Alarmanlage an.
»Ach, du meine Güte, weiß denn niemand, wie man die ausschaltet?«
Bøjsen lachte und kurz darauf war die Alarmanlage aus. Der Krach hörte auf und plötzlich war es sehr still.
»Ich hoffe, da drinnen sind nicht noch mehr von der Sorte«, sagte Therkelsen, während er die Tür zum Wohnzimmer öffnete.
Sie sahen sich um. Das Wohnzimmer war groß. Wahrscheinlich waren hier früher einmal drei kleine Räume gewesen, die zu einem großen zusammengelegt worden waren. Es sah so aus, als hätte irgendwann einmal jemand Arbeit und Geld in eine Renovierung gesteckt. Die Thermofenster waren neu. Böden und Türen waren abgeschliffen worden.
Doch jetzt wirkte das Ganze verwohnt und vernachlässigt, auch wenn es nicht mehr als eines gewaltigen Arbeitseinsatzes bedurft hätte, um alles wieder auf Vordermann zu bringen. Überall lag dichter Staub und nicht eine blühende Blume oder Grünpflanze war zu sehen. An den Wänden hingen Plakate, vorzugsweise von Motorrädern und Mädchen. An dem einen Ende des Wohnzimmers befand sich ein großer gemauerter Kamin, vor dem eine Sofagruppe aus Büffelleder prangte. Am anderen Ende gab es einen geräumigen Barschrank, einen Stereoturm und zwei bequeme Stühle, vor denen ein Videogerät und ein Fernseher thronten. Neben einem der Stühle standen etwa zehn leere Bierflaschen und auf einem kleinen Tisch zwischen den Stühlen waren Aschenbecher deponiert, die von Asche und Kippen überquollen, sowie ein paar leere Colaflaschen. Unter und auf dem Tisch lagen mehrere Videokassetten.
»Hier hat er also gelebt«, stellte Therkelsen fest.
»Meine Güte«, sagte Winther mitleidig und schüttelte den Kopf.
»Ihr könnt hier anfangen«, sagte Therkelsen zu Bøjsen und Lyngsø. »Wir sehen uns ein bisschen in den übrigen Räumen um.«
Die Küche sah noch schlimmer aus als das Wohnzimmer. Auch sie war einmal teuer und schön gewesen, ähnelte jetzt aber einer Müllhalde. Sie quoll über von leeren Flaschen und Plastikkartons mit Essensresten. Im Windfang stand ein stinkender Müllsack mit leeren Dosen Hundefutter.
Sie sahen sich den Kühlschrank genauer an, doch weder in den Eiswürfelbehältern noch an anderen Stellen war etwas versteckt.
Sie gingen in den Flur, von dem aus eine Treppe ins Obergeschoss führte.
Therkelsen öffnete den Schrank unter der Treppe und stieß einen Pfiff aus.
»Das dürfte ihr Arsenal sein«, sagte er. »Das sollten wir uns einmal genauer vornehmen.«
Oben gab es vier kleinere Räume und ein großes Schlafzimmer. Die Zimmer dienten offenbar als Mannschaftsunterkünfte. In jedem Raum gab es eine Koje, einen einfachen Stuhl und einen Schrank. Das Schlafzimmer war mit einem großen Wasserbett ausgestattet. Das Bett war ungemacht und musste dringend neu bezogen werden. Es roch säuerlich in dem Raum. Auch hier gab es einen Videorekorder und einen Fernseher. Und auch hier war der Boden mit leeren Bierflaschen, Illustrierten und Videokassetten übersät.
Therkelsen sah sich um. »Ich habe mich geirrt«, sagte er. »Er hat nicht sein ganzes Leben dort unten verbracht, sondern nur die eine Hälfte. Die andere Hälfte hat er ganz offensichtlich hier zugebracht.«
In der Nähe des Fensters stand ein Schreibtisch. Therkelsen zog die Schubladen eine nach der anderen heraus.
»Das müssen wir durchsehen. Nehmt alles mit ins Präsidium.«
»Du siehst aus, als suchtest du nach etwas Bestimmtem«, sagte Winther.
»Das tue ich auch«, sagte Therkelsen und ließ den Blick von Wand zu Wand schweifen.
»Nach einem Safe«, schlug Winther vor und Therkelsen nickte.
»Unten war keiner, aber es muss einen Safe geben. Er muss hier irgendwo sein.«
Er ging zu einem Bild und nahm es von der Wand. Eine Malerei von Dünen in der Abendsonne. Auf der Tapete war ein heller Fleck und eine Spinnwebe wehte leicht, als er das Bild abnahm, doch dahinter befand sich kein eingebauter Safe. Ein Bild mit Fischerbooten am Strand erbrachte das gleiche magere Resultat und mit einem dritten, das Kühe auf einer Weide zeigte, hatten sie auch kein Glück.
»Offenbar hat er in Kunst investiert«, bemerkte Therkelsen trocken.
»Hinter dem Fernseher?«, schlug Winther vor.
»Verdammt ärgerlich, wenn man jedes Mal das Regal wegrücken muss, bevor man an den Safe kann.«
Er sah sich das Regal genauer an. Dann nestelte er an der Rückseite herum und versetzte dem Regal einen Stoß.
»Das fährt auf Schienen«, lachte er.
»Ziemlich clever!«, sagte Winther.
»Da ist er«, rief Therkelsen. »Ich wusste doch, dass er hier irgendwo sein muss.«
»Er hat ein Zahlenschloss«, sagte Winther.
»Versuch es mit seinem Geburtstag«, sagte Therkelsen. »Oder vielleicht besser mit dem des Königs. Vermutlich hat der den Safe installieren lassen. Wenn das auch nichts bringt, müsst ihr den Hersteller anrufen.«
Er sah auf die Uhr. »Lass Bøjsen oder Lyngsø zuerst nach Fingerabdrücken sehen, bevor du anfängst. Ich überlasse euch das hier. Bach müsste jeden Moment auftauchen. Er war bei den Nachbarn. Larsen und Jønsson versuchen, die übrigen Bandenmitglieder aufzustöbern. Besonders Brian und Martin sollten wir uns etwas genauer ansehen. Die anderen sind bloß Fußvolk.«
»Und was ist mit dir?«, fragte Winther. »Fährst du nach Hause und hältst deinen Schönheitsschlaf?«
»Den brauche ich nicht. Nein, ich fahre zu seiner Mutter und rede mit ihr. Die Familie muss schließlich unterrichtet werden, bevor die Presse Wind von der Sache bekommt, und vielleicht kann sie uns etwas Interessantes erzählen. Anschließend fahre ich zurück ins Präsidium. Wir sehen uns dort, wenn ihr hier fertig seid. Ich hoffe, dass keiner von euch heute Abend Hochzeit oder einen runden Geburtstag feiern will. Wenn doch, müsst ihr das verschieben.«
5
Høyer summte eine kleine Melodie aus der Zauberflöte, während er eine Runde durch den Garten drehte. Es hörte sich furchtbar an. Sein tiefer, klangvoller Bass passte zu dem fröhlichen Thema wie Holzschuhe zu einem Balletttänzer. Doch Høyer war das gleichgültig. Er war glänzender Laune, während er durch den Garten stiefelte und darauf wartete, dass Rigmor von der Arbeit nach Hause kam.
Nicht dass der Garten Grund zur Heiterkeit bot. Schneeglöckchen, Krokusse und Wintersterne waren längst verblüht, und die frühen Tulpen, die vor ein paar Tagen kurz vor dem Ausschlagen gewesen waren, hatten nach den letzten Nachtfrösten beleidigt die Kronblätter eingezogen. Nicht einmal die Mittagssonne, die plötzlich hinter den Wolken aufgetaucht war, hatte auch nur ein flüchtiges Lächeln bei ihnen hervorrufen können. Doch die Narzissen leuchteten gelb zwischen Blausternen und Traubenhyazinthen. Sie ließen sich nicht so leicht einschüchtern.
Seltsames Wetter, dachte Høyer. Kein richtiger Winter in den Wintermonaten und jetzt plötzlich dieser Kälteeinbruch Anfang April. Er wagte nicht daran zu denken, was das für die Pflaumen bedeutete. Ganz zu schweigen von dem schmächtigen Pfirsichbaum, der an der Südwand der Terrasse stand. Er hatte ihn im Herbst als Ersatz für den alten gepflanzt, der vor einigen Wintern eingegangen war. Zwar würde ein bisschen Frost ihn nicht umbringen, aber die Blüten hatten bestimmt Schaden genommen. Wenn er überhaupt Früchte trug, würden sie verkrüppelt ausfallen.
Er schüttelte sich leicht. Der Wind war trotz der Sonne kühl. Die Tulpen wussten sicher, was sie taten. Jedenfalls war es zu kalt, hier draußen in Hemdsärmeln herumzulaufen.
Er stand im Schlafzimmer und zog sich gerade einen Pullover über, als er das Auto in die Einfahrt einbiegen hörte. Er sah auf die Uhr. Kurz vor eins und sie hatten ausgemacht, dass sie spätestens um eins fahren wollten. Na schön, auf eine halbe Stunde früher oder später kam es nicht an. Rigmor hatte sich bestimmt in der Arbeit verspätet oder ihr war im letzten Moment noch etwas eingefallen, was sie einkaufen musste.
Er trat genau in dem Moment in die Diele, als sie ein wenig atemlos zur Tür hereinkam.
»Hallo, du Licht meines Lebens, willst du eine Tasse Kaffee?«, fragte Høyer.
»Haben wir noch so viel Zeit?«
»Natürlich. Er ist schon fertig und wir müssen nirgendwo auf die Minute genau ankommen.«
»Dann gieß mir eine Tasse ein, ich will nur eben ...«, sie verschwand im Badezimmer und Høyer ging in die Küche und schenkte ihnen beiden Kaffee ein.
Einen Moment später kam Rigmor und setzte sich ihm gegenüber.
»Ich bin fast mit Packen fertig. Was ist denn mit deinen Sachen?«
Høyer hielt eine kleine Tasche hoch. »Hier ist alles drin.«
Sie guckte ungläubig von ihm zu der Tasche. »Niels, das ist nicht dein Ernst. Da passen nicht einmal deine Toilettensachen rein.«
»Es ist doch nur ein verlängertes Wochenende.«
»Ein verlängertes Wochenende! Wir fahren für fast eine Woche. Und wir ... wir wollen doch essen gehen, nicht wahr? Ich meine, richtig. Und ins Konzert. Du willst doch nicht in dem Aufzug ins Konzert?«
Sie sah so enttäuscht aus, dass er es nicht übers Herz brachte, sie weiter aufzuziehen.
»Doch, ich habe gepackt. Meine Tasche ist im Auto, und ich habe mir erlaubt, meinen Anzug in deinen Koffer zu legen. Das hier ist etwas Spezielles, ein Geschenk für die Frau meines Herzens.«
Er überreichte ihr die kleine Tasche und sie öffnete sie schnell.
»Was ist das?«, fragte sie verwirrt.
Er lachte. »Ein Wasserkocher, den man an den Zigarettenanzünder anschließen kann. An Wasser und Pulverkaffee habe ich auch gedacht. Dich gelüstet doch immer nach Kaffee, wenn wir meilenweit von jeglicher Zivilisation entfernt sind, und dieses Elend halte ich nicht länger aus.«
Sie lachte. »Wir fahren doch nur in ein verlängertes Wochenende. «
»Oh, ich kann mich ganz gut an Sonntagnachmittage am Strand oder in der wilden Heide erinnern, wo dich plötzlich der Kaffeedurst überfallen hat und wir unser ganzes Hab und Gut zusammenpacken und aufbrechen mussten, als wären wir auf der Flucht.«
»Du übertreibst.«
»Ja, aber nicht sehr. Jetzt sind wir jedenfalls auf die Katastrophe vorbereitet.« Er nahm ihr die Tasche ab. »Ich bringe sie ins Auto, sobald wir unseren Kaffee getrunken haben. Warum kommst du übrigens so spät? Ich hatte dich früher erwartet.«
»Das war ein richtig verrückter Tag. Hast du übrigens schon davon gehört? Der Prinz ist erschossen worden!«
»Der Prinz?«, Høyer starrte sie ungläubig und schockiert an. So etwas passierte nur hier zu Lande. »Ach du meine Güte! Welcher?«
Sie sah ihn einen Augenblick lang verständnislos an, dann lachte sie. »Nein, keiner von denen, du Narr. Der Prinz. Der Rocker. Du weißt doch, der von den Red Devils, hießen sie nicht so? Die, die euch so viel Ärger gemacht haben?«
»Sie heißen Blue Devils und ich glaube, Ärger machen sie immer noch, aber allmählich werden sie immer weniger. Sie haben einander auf alle möglichen bizarren Weisen ausgerottet. Der König ist seit Dezember gelähmt. Wo hast du das gehört?«
»Bei der Arbeit. Einer der Postboten hat ihn gefunden. Deshalb konnte ich auch nicht früher kommen. Er kam eine halbe Stunde zu spät von seiner Tour zurück.«
»Er hat ihn gefunden? Wo?«
»Draußen in ihrer Festung. Oder wie man das Gemäuer nun nennen soll. Er hat eine schreckliche Geschichte erzählt, dass er von seinen Hunden angefallen und getötet worden ist.«
»Das klingt ein bisschen weit hergeholt.«
»Ja, zuletzt hieß es, er sei erschossen worden. Das sind alles Gerüchte, aber jedenfalls ist er tot.«
»Das ist vielleicht gar kein Wunder. Der König ist tot oder fast tot, der Krieg um die Thronfolge dürfte also in vollem Gange sein. Nun gut, Friede seiner Asche«, schloss Høyer fromm.
»Wie alt war er?«
»Um die dreißig. Vielleicht ein bisschen älter.«
»Wie furchtbar.«
»Ich werde ihm bestimmt keine Träne nachweinen.«
»Ich habe nicht speziell an ihn gedacht, sondern eher daran, dass es Menschen gibt, die so sind. Und die so enden. Ich meine, das müssen doch einmal ganz normale Jungen gewesen sein und sie müssen Mütter und Väter gehabt haben, die Hoffnungen in sie gesetzt haben. Sich etwas von ihnen erwartet haben. Das ist zum Weinen.«
Høyer zuckte mit den Schultern.
»Es gibt charmante Schurken und es gibt üble Schurken. Der Prinz gehörte zur zweiten Kategorie. Ich kannte ihn, seit er fünfzehn war, und er war ein übler Typ, solange ich zurückdenken kann. Du kennst selbst ein paar der Geschichten. Er hat mindestens einen Mord auf dem Gewissen, selbst wenn sein Anwalt Tötung durch einen Querschläger daraus gemacht hat. Und du erinnerst dich bestimmt an die alte Geschichte mit ... nein, ich mag nicht sein ganzes Sündenregister aufzählen, aber er war einer der wirklich üblen Jungen. In jeder Beziehung. Ich glaube nicht, dass viele Tränen um ihn vergossen werden.«
»Das weiß man nie«, sagte Rigmor. »Es muss doch jemanden geben, der ihn gemocht hat.«
»Er war ein übler Typ«, beharrte Høyer.
6
»Er war ein guter Junge.«
Therkelsen sagte nichts. Er seufzte unhörbar, während er seinen Blick durch das Zimmer wandern ließ. Jede Mutter war wohl der Ansicht, dass ihr Sohn ein guter Junge war.
Es war ein gemütliches Wohnzimmer mit einem Klavier. Darauf standen ein paar Fotografien. Eine zeigte einen Mann um die vierzig und sah wie die Vergrößerung eines Passbilds aus, eine andere zeigte drei Kinder, ein Mädchen und zwei Jungen, nach dem Alter in einer Reihe aufgestellt. Es gab noch ein Foto desselben Mädchens mit Studentenmütze und zwei Hochzeitsfotos. Doch von Lars, dem Prinzen, gab es keine weiteren Bilder.
Seine Mutter hatte nicht geweint, als Therkelsen ihr mitgeteilt hatte, dass ihr Sohn tot war. Sie hatte ihn nur angesehen und genickt.
»Wollen Sie nicht hereinkommen?«, hatte sie gefragt.
»Erschossen«, sagte sie, als Therkelsen eingetreten war und erzählt hatte, was passiert war. »Im Grunde habe ich wohl schon lange damit gerechnet. Sie finden es vielleicht seltsam, dass ich nicht weine, aber ich habe so viel wegen dieses Jungen geweint, dass alle Tränen verbraucht sind. Auf eine Weise bin ich froh, dass es so geendet hat. Das von einer Mutter zu hören, erwartet man nicht, aber ich habe immer Angst gehabt, dass er eines Tages ... Da ist es schon besser, dass er erschossen worden ist, als dass er eines schönen Tages selbst jemanden erschossen hätte. Ich meine, absichtlich.«
Therkelsen nickte nur. Es bestand kein Grund zu erzählen, dass er nicht glaubte, dass es sich bei dem Schuss damals um einen Querschläger gehandelt hatte. Obwohl es zwei Zeugen gegeben hatte. Brian und den König. Nicht gerade unbescholtene Männer, doch das hatte nichts geändert.
Und jetzt sagte sie ihm, dass er ein guter Junge gewesen war.
Therkelsen sah sie an. Sie erwartete keine Antwort, saß einfach da und starrte in die Ferne.
»Ein sehr guter Junge«, fuhr sie fort.
Therkelsen sagte noch immer nichts. Er sah Lars nicht als guten Jungen an. Ganz im Gegenteil.
Sie richtete den Blick auf ihn. »Als er klein war«, fügte sie hinzu. »Bis er zehn, elf Jahre alt war.« Sie biss sich auf die Lippe und stand schnell auf. »Möchten Sie vielleicht eine Tasse Kaffee?«
Therkelsen nickte. »Ja, danke.«
Sie hatte Mühe, nicht die Beherrschung zu verlieren, merkte er. Sie konnte nicht still sitzen, musste sich beschäftigen. Es würde ihr gut tun, Kaffee zu kochen.
Als sie mit dem Tablett hereinkam, sah er, dass sie geweint hatte. Es waren also doch noch Tränen übrig gewesen, aber sie hatte sich wieder unter Kontrolle. Sie stellte die Tassen auf den Tisch und schenkte ihnen Kaffee ein.
»Wie gut hast du ihn gekannt?«, fragte sie und vergaß, ihn zu siezen.
»Ziemlich gut«, sagte Therkelsen. »Er hat ja mehrmals gesessen.«
Sie nickte. »Ich meine seinen Hintergrund. Sein Vater starb, als er elf war.« Sie nickte zu der Fotografie auf dem Klavier hinüber. »Er wurde dreiundvierzig. Ich hatte gerade das Klavier da bekommen. Er hat es mir zu meinem Vierzigsten geschenkt. Zehn Tage bevor es passierte. Er hat in der Eternitfabrik gearbeitet. Im Schichtdienst. Eines Abends ist er kurz nach elf nach Hause gekommen. Sie sind immer zu dritt gefahren. Wir hatten kein Auto. Sie haben ihn wie üblich an der Ecke abgesetzt. Er hatte nur ein paar Hundert Meter zu gehen. Es war Freitag. Hier an der Ecke ist er auf ein paar junge Typen gestoßen. Rowdys. Sie haben ihn angehalten und wollten Zigaretten. Er hat nicht geraucht. Er hatte aufgehört, um für das Klavier zu sparen, verstehen Sie? Dann sind sie über ihn hergefallen. Drei große Kerle. Haben ihn niedergeschlagen und gegen den Kopf getreten, als er am Boden lag. Sie haben erst aufgehört, als zufällig ein Streifenwagen vorbeikam. Mein Mann wollte nicht ins Krankenhaus. Er ist nach Hause gekommen. Er sah furchtbar aus. Er ist ein paar Tage nicht zur Arbeit gegangen, dann hat er wieder angefangen, obwohl er Kopfschmerzen hatte. Fünf Tage später ist ihm auf der Arbeit schlecht geworden. Er ist umgekippt. Er war bewusstlos, als er ins Krankenhaus kam, und ist nicht mehr aufgewacht. Er hat elf Tage dort gelegen, dann ist er gestorben.
Die Typen, die ihn überfallen haben, wurden wegen fahrlässiger Tötung angeklagt. Für mich war das Mord, aber nein, fahrlässige Tötung, und selbst davon hat man sie freigesprochen. Er könnte doch mit dem Kopf gegen die Bordsteinkante geschlagen sein, hat der Verteidiger gesagt. Sie sind mit einer Anzeige wegen Ruhestörung davongekommen.«
Therkelsen nickte müde. Er hatte diese Geschichte so oft gehört.
»Man sollte meinen, nach diesem Vorfall hätten die Jungen für den Rest ihres Lebens einen Widerwillen gegen so etwas gehabt, nicht? Gegen Gewalt, Kriminalität und Schlägertypen. Unsere Jungen, meine ich. Zumindest hätte ich das angenommen. Doch das Gegenteil schien der Fall zu sein. Es war, als empfänden sie eine gewisse Verachtung für ihren Vater, weil er nicht gegen die Typen angekommen war. Und für die Polizei und das Gericht. Eigentlich hat der Große damit angefangen. Er ist seine eigenen Wege gegangen und Lars hat ihn sehr bewundert. In gewisser Weise war er so etwas wie eine Vaterfigur für ihn. Der Große ist Mitglied in einer Jungenbande geworden. Ladendiebstähle, Taschendiebstähle und so. Lars hat auch mitgemacht. Später waren es dann Autodiebstähle, immer wieder. Er ist in ein Heim gekommen. Es hat nicht geholfen. Es wurde eher noch schlimmer. Ove, der Große, hat dann aufgehört. Fast von einem Tag auf den anderen. Da war er siebzehn. Er hat bei meinem Schwager eine Lehre gemacht und seitdem hat er sich nichts mehr zu Schulden kommen lassen. Als er mit der Lehre fertig war, hat er studiert, um Ingenieur zu werden, es geht ihm gut. Und dem Mädchen auch. Sie ist Architektin. Ich glaube, Lars fühlte sich von Ove im Stich gelassen. Für ihn war er so etwas wie ein Deserteur. Man konnte nicht mit ihm reden. Lars schien seine Welt mit ihren Gesetzen und Regeln als die richtige anzusehen und zu meinen, dass wir im Unrecht sind. In den letzten Jahren haben die Kinder sich nur noch zu Familienfesten und so gesehen und zuletzt nicht einmal mehr das. Sie wollten Lars nicht dabeihaben. Die Leute kannten ihn und redeten über ihn und er interessierte sich auch nicht für die Familie.«
»Auch nicht für Sie?«, fragte Therkelsen.
»Er ist hin und wieder gekommen und war dann immer nett und lieb. Aber er kannte meine Meinung. Einmal hat er mir vorgeworfen, dass ich die anderen vorgezogen hätte. Ich habe ihm gesagt, dass das nicht stimmen würde, aber dass ich ihre Art zu leben vorzöge. Das sei dasselbe, meinte er.«
»Was ist mit Mädchen? Hatte er eine feste Freundin?«
Sie schüttelte den Kopf. »Nein, er hatte kein besonderes Glück mit den Mädchen. Vor allem in den letzten Jahren nicht. Als er Anfang zwanzig war, lief es besser. Da waren die Mädchen ja auch noch jünger. Einige dieser jungen Dinger finden es anscheinend spannend, mit einem Typen zusammen zu sein, den jeder kennt, der Motorrad fährt und der eine Lederkluft trägt. Sie sind so naiv, nicht wahr? Sie finden das Klasse. Sie halten ihn für einen tollen Kerl – genau wie er sich selbst. Aber auch sie werden erwachsen und die meisten von ihnen klüger. Die, die er bekommen konnte, haben ihm nicht gefallen. Sie waren ihm zu hart, in ihrer Ausdrucksweise und auch sonst. In gewisser Weise hatte er Angst vor Mädchen. Er hatte wohl ziemliche Minderwertigkeitskomplexe. Vor allem gegenüber seiner Schwester, aber irgendwie schien das auf alle Mädchen abzufärben. Sie war so tüchtig. So fleißig. So zielbewusst. Sie hat in dem Jahr, in dem mein Mann starb, Abitur gemacht. Sein Tod schien sie nur noch mehr anzuspornen. Und als dann auch Ove zu studieren begann ...«, sie seufzte. »Mein Schwager hat es übrigens versucht. Er hat Lars in die Lehre genommen. Aber es hat nicht funktioniert. Er ist im Gefängnis ein und aus gegangen und hat sich nicht einmal Mühe gegeben, dass es klappt. Er war nicht so klug und auch nicht so geschickt mit den Händen wie die beiden anderen. Eigentlich war er in nichts richtig gut. Er hat nie seinen Platz gefunden. Ich meine, es gibt doch eine Menge Menschen, die über keine besonderen Fähigkeiten verfügen und trotzdem etwas finden. Die Streichholzschachteln und Briefmarken sammeln oder alles über irgendeine Popgruppe wissen. Sie finden etwas, was zu ihnen passt. Aber Lars ... Man kann natürlich sagen, dass auch er seinen Platz gefunden hat, nämlich in dieser Bande. Bei den Blue Devils. Bei denen war er wer. Er kam gleich nach dem Anführer, hat er gesagt. Ich fand nicht, dass das ein Grund zum Prahlen war. Gewalt und Mord und Vergewaltigung und Rauschgift, dafür waren sie bekannt. Ist das ein Grund, stolz zu sein?, habe ich ihn gefragt. Aber er war der Meinung. Als er das letzte Mal hier war, hat er erzählt, dass er jetzt der Anführer ist. Nachdem der König sich quasi zu Tode gefahren hat.«
Sie redete und redete. Therkelsen hatte das Gefühl, dass sie schon jahrelang den Drang verspürt hatte, darüber zu reden. Über den verlorenen Sohn, den sie nicht verstand, dessen Leben sie verabscheute, den sie jedoch nie aufgehört hatte zu lieben. Bestimmt mochte sie nicht mit ihren Freunden und Bekannten über ihn sprechen und seine Geschwister hatten ihn wohl mehr oder weniger abgeschrieben. Aber jetzt war endlich jemand da, einer, mit dem sie reden konnte. Einer, der ihn gekannt hatte und dem sie nichts vormachen musste. Es war schon ein wenig paradox, dass sie sich einen Polizisten für ihre Erinnerungsrede über den Prinzen ausgesucht hatte. Sicher die einzige, die gehalten werden würde.
»Wann war das?«
»Das ist schon lange her. Gleich nach Neujahr. Er war gekommen, um mir ein gutes neues Jahr zu wünschen. Er hat mir eine Platte mitgebracht. Mozart. Ein Klavierkonzert mit Alfred Brendel. An so etwas hat er sich erinnert. Was ich mag und was nicht.« Sie seufzte und biss sich auf die Lippe.
»Und da sagte er, dass er jetzt der Anführer sei?«
Sie nickte.
»Hat er etwas darüber erwähnt, dass andere ihm den Rang streitig machen wollten?«
»Nein, überhaupt nicht. Es klang, als wäre das eine ausgemachte Sache. Darauf war er ... war er richtig stolz. Als wäre das eine Beförderung. Als würde er erwarten, dass ich ebenfalls stolz auf ihn bin.« Sie schüttelte den Kopf. »Stolz zu sein, dass mein Sohn der Anführer einer Gangsterbande ist! Er hat nie begriffen, was ich dabei empfunden habe! Wir lebten in verschiedenen Welten.«
»Was ist mit seinem Bruder?«
»In gewisser Weise hat er ihn wohl am besten verstanden. Er kannte diese Welt schließlich selbst ein bisschen. Aber er hat Abstand zu Lars gehalten. Vielleicht gerade deshalb. In seinem tiefsten Inneren hat er vermutlich ein schlechtes Gewissen, weil er ihn ursprünglich da hineingezogen hat. Er hat nie etwas gesagt, aber ich glaube, dass er das manchmal denkt. Und sich Vorwürfe macht. Aber er war schließlich fast noch ein Kind. Er hat es nicht absichtlich getan. Und er hat überhaupt nicht verstanden, warum Lars nicht auch einfach aufgehört hat. Er hat es schließlich auch geschafft. Für ihn war Lars ein Schlappschwanz. Aber Lars hatte, im Gegensatz zu Ove, nichts anderes, dem er sich zuwenden konnte.«
»Und danach haben Sie ihn nicht mehr gesehen oder gesprochen?«
»Gesehen nicht, aber gesprochen habe ich noch vor einer Woche mit ihm. Er rief manchmal abends an. Von seiner Wohnung da draußen. Wenn er alleine war. Um zu hören, wie es mir geht, oder um ein wenig zu reden.«
»Hat er sich über irgendetwas Sorgen gemacht? Hatte er vor etwas Angst?«
Sie schüttelte resigniert den Kopf. »Angst? Nein, er hatte nie Angst, hätte er die nur gehabt. Vielleicht hatte er auch immer Angst, aber nicht vor den gleichen Dingen wie wir. Ob er sich Sorgen gemacht hat? Nein, das glaube ich nicht. Er sagte etwas davon, dass die Geschäfte jetzt bald richtig in Gang kämen. Er wollte mir eine Reise nach Österreich schenken. Ich wollte so gerne einmal dorthin. Aber nicht von seinem Geld. Ich weiß schließlich, wo es herkommt.«
»Hat er das Thema noch vertieft? Das mit den Geschäften?«
»Daran kann ich mich nicht erinnern. Ich glaube, nicht. Er klang gern, als wäre er wer, aber er war sich schon darüber im Klaren, dass ich von seinen Geschäften mit Rauschgift nichts hören wollte.«
»Wissen Sie, ob er Feinde hatte?«
Die Mutter des Prinzen sah ihn einen Augenblick lang verblüfft an, dann begann sie zu lachen. »Feinde! Doch, ich bin mir sicher, dass er dutzende von Feinden hatte. Dutzende. Vielleicht sogar welche, die auf die Idee kommen könnten, ihn zu erschießen, aber kennen tue ich sie nicht. Sein schlimmster Feind, den einzigen, den ich kenne, das war er selbst. Und Selbstmord war es doch nicht.«
Therkelsen erhob sich.
»Danke für den Kaffee«, sagte er. »Haben Sie jemanden, der ...?«
»Ich fahre zu meiner Schwester und ihrem Mann«, sagte sie. »Wenn ich Ove und Lisbeth angerufen habe.«
Sie begleitete ihn zur Tür.
»Was ist mit dem ... Begräbnis?«, fragte sie. »Werden Sie ..., dauert es lange, bis ...«
Therkelsen schüttelte den Kopf. »Nein. Nur ein paar Tage.«
»Das macht nichts. Er soll in aller Stille beerdigt werden. In einem anonymen Grab.«
»In einem anonymen Grab ...?«
»Ja, ich kann ihn doch nicht neben seinen Vater legen, oder? Ich finde, das geht einfach nicht, aber ich weiß nicht ..., vielleicht mache ich es doch. Das kommt darauf an, was seine Geschwister sagen.«
»Ja, das tut es wohl«, sagte Therkelsen. »Das tut es wohl.«
»Das Schlimmste ist, dass man sich immer wieder fragt, was man falsch gemacht hat. Wo man versagt hat.«
Therkelsen zuckte mit den Schultern. »Vielleicht hatten Sie einfach nur Pech.«
Sie nickte. »Vielleicht.«
7
Winther und Bach gingen den Feldweg hinauf zur Straße. Bach schleppte einen großen Karton mit den Papieren des Prinzen. Ein paar Polizeibeamte kämmten noch immer das Terrain um die Landstraße herum durch.
»Habt ihr was gefunden?«, fragte Bach.
Einer der Beamten schüttelte den Kopf. »Absolut nichts. Nichts, das zu erwähnen sich lohnt.«
»So gut wie«, sagte der andere.
»So gut wie was?«
»So gut wie nichts«, lachte er. »Das könnte man wohl so sagen.«
»Du kannst es zumindest«, stellte Bach fest. »Was heißt ›so gut wie nichts‹?«
»Nun ja, zu behaupten, dass es hier keine Spuren gibt, wäre gelogen. Man sollte meinen, das sei der Lyngbyvej nach dem Überfall damals. Wir haben Spuren von dem Auto des Prinzen, dem Streifenwagen, dem Postauto und dem Krankenwagen. Ihr habt wenigstens direkt oben an der Straße gehalten. Aber sonst haben wir keine Autospuren gefunden. Dafür haben wir Abdrücke von Fahrradreifen.«
»Von Fahrradreifen?«, lachte Bach ungläubig. »Der Mörder kam mit dem Fahrrad! Das klingt wie ein alter Romantitel. Meint ihr nicht, dass die von dem Jungen da sind?«
Er nickte in die Richtung eines Jungen von ungefähr zehn, elf Jahren, der am Ende der Straße über seinem Fahrrad hing und ihnen neugierig mit den Augen folgte.
»Das haben wir überprüft und ein Abdruck ist auch von ihm. Er hat uns erzählt, dass er heute den Feldweg ein Stück heruntergefahren ist, als er den Krankenwagen gehört hat. Aber wir haben zwei verschiedene Reifenspuren.«
»Werdet ihr sehr sauer, wenn ich frage, ob ihr euch versichert habt, dass der Junge nicht zwei verschiedene Reifen an seinem Rad hat?«, fragte Winther.
»Stocksauer!«
»Dann lassen wir das. Ist die Spur frisch?«
Der andere zuckte mit den Schultern. »Vielleicht, vielleicht nicht, seht sie euch selbst an. Da.«
Der Abdruck war fast ganz oben bei der Straße. Jemand schien dort eine Zeit lang gewartet zu haben. Winther und Bach beugten sich hinunter und sahen ihn sich genauer an.
»Ist er nicht ein bisschen breit? Ich finde, dass sieht wie ein Mopedabdruck aus«, sagte Bach.
»Wann hast du zuletzt ein Moped gesehen?«, lachte einer. »Die haben doch keine Fahrradreifen.«
»Habt ihr Abdrücke genommen?«
»Ja, sicherheitshalber. Ich vermute, dass da jemand auf den Bus gewartet und das Fahrrad einfach hingeworfen hat, als er kam. Das ist hier draußen so üblich. Sie lassen die Fahrräder einfach liegen. Aber sonst haben wir nichts gefunden.«
»Wie ist der Mörder auf das Grundstück gekommen?«
»Keine Ahnung. Es deutet nichts darauf hin, dass jemand eingebrochen oder über den Zaun geklettert ist.«
»Es sieht mehr und mehr so aus, als wäre es einer der eigenen Leute gewesen«, schlussfolgerte Bach. »Nun gut, frohes Schaffen.«
»Gleichfalls.«
Winther und Larsen gingen weiter. Der Junge mit dem Fahrrad stand noch immer da und sah ihnen zu.
Winther ging zu ihm hin. »Hallo, wie heißt du?«, fragte sie.
»Tommy.«
»Wohnst du da?«, Winther zeigte auf den weißen Hof, der an der Straße lag.
Er nickte.
»Hast du den Mann gekannt, der hier gewohnt hat?«
»Lars? Ja, das habe ich. Stimmt es, dass er erschossen worden ist?«
»Ja, ich fürchte schon«, sagte Winther. »Bist du irgendwann einmal da unten gewesen?«
»Meine Mutter hat mir verboten, dorthin zu gehen.«
»Aber manchmal hast du es doch getan?«
Der Junge zögerte und spähte über die Schulter zu dem weißen Hof hin. »Ich durfte das nicht«, wiederholte er.
»Warum nennst du ihn Lars?«, fragte Winther. »Die meisten haben ihn den Prinzen genannt.«
»Ihm war es lieber, wenn ich ihn Lars nannte.«
»Du bist also dort gewesen, stimmt’s?«
»Nicht oft«, sagte er. »Sind Sie von der Polizei?«
»Ja«, nickte Winther.
»Ich habe gedacht, dass nur im Fernsehen Frauen dabei sind. Seid ihr Detektive?«
»Das könnte man so sagen.«
Er nickte zufrieden. »Das habe ich mir gedacht. Deshalb tragt ihr auch keine Uniform. Falls ihr jemanden beschatten müsst, nicht?«
»Genau. Dir kann man nichts vormachen, was?«
»Nee.«
»Und du warst also manchmal dort unten.«
»Ja, bei Lars. Als der König da gewohnt hat, bin ich nie hingegangen. Er war immer so schlecht gelaunt. Und er war doof. Er wollte nicht mal, dass wir den Feldweg benutzen. Dabei gehört der uns genauso gut. Auf dieser Seite da gehört das Feld uns.« Er zeigte in die Richtung. »Aber dann ist mein Vater zu einem Anwalt gegangen und danach hat es keinen Ärger mehr gegeben. Lars war überhaupt nicht so. Er war nett. Ich bin ihm mal begegnet, als er mit Tjekka eine Runde gedreht hat. Das ist die Schäferhündin. Danach durfte ich ihn manchmal besuchen. Ich bin auch mit ihm oben im Wald gewesen und habe geschossen. Er hat es mich versuchen lassen. Er wollte mir auch beibringen, wie man sich prügelt.«
»Wie man sich prügelt?«, fragte Winther verblüfft.
»Ja, er hat gesagt, dass man selbst Prügel bezieht, wenn man nicht weiß, wie man prügelt. Aber er wollte es mir beibringen. Ich kannte ihn schon lange, doch erst als der Alte weg war, durfte ich ins Haus.«
»Hattest du keine Angst vor den Hunden?«
»Die haben nichts getan, wenn ich mit ihm zusammen war. Außerdem hatten sie Angst vor Tjekka. Tjekka ist meine Freundin.«
»Was habt ihr gemacht, wenn du ihn besucht hast?«
»Wir haben uns Videos angesehen, Süßigkeiten gegessen und Bier und Cola getrunken. Mich hat er kein Bier trinken lassen. Ich durfte nicht einmal probieren. Bei meinem Vater darf ich das.«
»Was für Videos habt ihr euch angesehen?«
»Ganz verschiedene. Meistens lustige Filme. Er hatte auch viele Gangsterfilme. Keine richtigen Horrorfilme, nur Gangsterfilme. Aber die durfte ich nicht sehen. Das sei nichts für Kinder, hat er gesagt. Horrorfilme auch nicht. Mir war das egal. Manchmal sehe ich mir welche bei einem Freund an. Ich mag sie eigentlich nicht. Nicht, wenn ich danach alleine nach Hause fahren muss.«
»Haben ihn manchmal noch andere Leute besucht?«
»Nicht, wenn ich da war. Aber manchmal sind welche von den Leuten gekommen, die früher hier gewohnt haben. Einer heißt Brian, den kann ich nicht leiden. Ein anderer heißt Martin, der ist auch nett. Es sind noch mehr, aber ich kann mich an die Namen nicht erinnern. Ich habe sie manchmal oben im Wald getroffen, aber ich durfte nicht ins Haus, wenn sie da waren. Lars meinte, dass sie keine Kinder herumrennen haben wollen. Einmal war auch ...«
Er schwieg abrupt.
»Was war da?«
»Nichts«, Tommy sah sie mürrisch an.
»Ach, komm schon«, sagte Winther schmeichelnd.
»Manchmal hat er mir auch etwas geschenkt«, sagte Tommy.
»Was?«
»Patronenhülsen und Briefmarken und so. Einmal hat er mir auch Geld gegeben. Aber das fand ich nicht gut. Meine Mutter hätte es entdecken und fragen können, von wem ich das habe. Ich durfte schließlich nicht hierher kommen. Ist Tjekka auch tot?«
»Ja.«
»Das tut mir leid.« Er schwieg kurz und Winther glaubte, er würde anfangen zu weinen. Nicht nur wegen des Hundes, auch wegen des Prinzen.
Er sah sie an. »Aber irgendwie ist es am besten so«, fuhr er altklug fort. »Denn außer ihm kann sich niemand um sie kümmern. Sie war Lars’ Hündin. Tjekka ließ nur ihn an sich heran. Sie fraß nur das Futter, das er ihr gab, und sie gehorchte sonst niemandem. Sie wäre bestimmt verhungert.«
»Was wolltest du vorhin sagen?«, horchte Winther ihn aus.
»Meinen Sie über die Sachen, die er mir gegeben hat?«
»Nein, vorher. Du hast gesagt, dass einmal auch ...«
»Daran kann ich mich nicht erinnern«, wich er ihr aus. »Dass einmal auch was?«
Winther sah ihn an. Sie wusste, dass er log. Dass er irgendetwas verschwieg. Aber vielleicht hatte es nicht das Geringste zu bedeuten. Sie hatte kein Recht, den Jungen zu verhören. Und falls das doch nötig werden sollte, wäre es nicht das Schlechteste, ein Aufnahmegerät dabeizuhaben.
»Hast du ihn gestern gesehen?«
»Ja, ich war gestern Nachmittag bei ihm. Er hatte versprochen, ein Video auszuleihen, aber er hat es dann doch vergessen, weil er so viel zu tun hatte. Ich war auch nicht lange dort, weil er früh los musste. Er musste in die Stadt.«
»Weißt du, wann er gefahren ist?«
»Nicht genau. Ich bin nach Hause gefahren, als er ins Bad gegangen ist und so. Aber ich habe sein Auto bei uns vorbeikommen sehen. Er hat gehupt. Da war es zwölf vor sechs.«
Winther verbarg ein Lächeln. »Das ist supergut. So genau muss es gar nicht sein. Es reicht, wenn wir so ungefähr wissen, wann das war. Sagen wir Viertel vor sechs, okay?«
Er nickte.
»Hast du ihn gerne besucht?«
»Ja, wir hatten es so ... so gemütlich!«
Winther sah ihn einen Moment verblüfft an. Gemütlich. Dann verstand sie, was er meinte. Sie hatten es sich zusammen nett gemacht. In den bequemen Stühlen vor dem Videorekorder gesessen und Cola und Bier getrunken und Süßigkeiten gegessen, während sie sich von Mann zu Mann unterhalten hatten. Doch, auf seine Weise war es bestimmt gemütlich gewesen.
»Na schön, ich denke, wir müssen jetzt fahren«, sagte sie. »Danke für die Hilfe, Tommy. Es kann durchaus sein, dass wir noch einmal mit dir reden müssen. Du bist ein guter Beobachter, stimmt’s?«
»Wer, glauben Sie, hat das getan?«
»Das wissen wir noch nicht, aber wir finden es heraus.«
»Ich glaube nicht, dass es einer von den anderen war. Von denen, die früher hier gewohnt haben. Die waren nämlich Kameraden. Das hat Lars gesagt. Er hat gesagt, dass das das Schöne daran sei, zu so einer Rockerbande zu gehören. Man kann sich immer aufeinander verlassen.«
»Vielleicht«, sagte Bach, als er und Winter sich ins Auto setzten. »Aber es könnte auch sein, dass er sich geirrt hat.«
»Der Junge hat gelogen«, sagte Winther, als sie fuhren.
»Womit?«
»Mit dem, was einmal passiert ist.«
»Das ist nicht sicher. Vielleicht hat er wirklich vergessen, was er sagen sollte, oder nicht verstanden, was du meintest.«
»Nein, ich bin überzeugt, dass er gelogen hat. Ich glaube, man hat ihm gesagt, dass er nichts sagen darf. Und ich möchte darauf wetten, dass er irgendetwas dafür bekommen hat, dass er den Mund hält.«
»Warum glaubst du das?«
»Weil ihm das als Erstes eingefallen ist, als er das Thema wechselte. Dass der Prinz ihm Geschenke gemacht hat. Auch Geld. Irgendetwas war mit dem Geld. Es hat ihn verunsichert. Es war bestimmt zu viel. Und ich glaube, dass es nicht nur daran lag, dass er das zu Hause nicht erklären konnte. Obwohl auch das ein Problem gewesen sein könnte. Ich habe das Gefühl, dass er auf seine Weise gespürt hat, dass er da in etwas verwickelt wurde, was nicht ganz so war, wie es sein sollte.«
»Du meintest es also ernst, als du gesagt hast, dass wir noch einmal mit ihm reden müssen?«
»Vielleicht. Das weiß ich noch nicht. Vermutlich hat es gar nichts zu bedeuten. Zumindest nicht im Zusammenhang mit diesem Fall. Es war übrigens schon merkwürdig zu hören, wie der Junge den Prinzen als guten Kumpel bezeichnet hat, der sich um einen kleinen Jungen kümmert. Das passt nicht so ganz zu dem Bild, das ich von ihm habe.«
»Du darfst nicht vergessen, dass der Kleine auch für ihn so etwas wie ein guter Kumpel war«, sagte Bach trocken. »Das funktionierte in beide Richtungen, verstehst du?«
»Sicher. Vielleicht sollten wir zwei es uns heute Abend auch bei Süßigkeiten und Cola gemütlich machen, während wir den ganzen Mist hier durchgehen.«
Winther schielte nach hinten zu dem Karton mit den Papieren.
»Das werden wir. Da kannst du ganz beruhigt sein.«
»Und dann finden wir des Rätsels Lösung!«
»Wer weiß?«
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