Read the book: «Gespräche mit dem Henker. Ein Buch nach Tatsachen über den SS-General Jürgen Stroop, den Henker des Warschauer Ghettos»

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Kazimierz Moczarski
Gespräche mit dem Henker

Das Leben des SS-Gruppenführers und Generalleutnants der Polizei Jürgen Stroop aufgezeichnet im Mokotów-Gefängnis zu Warschau

Mit einem Geleitwort zur Neuausgabe von

Gesine Schwan

Saga

Gesine Schwan
Geleitwort

Dies ist ein ungewöhnliches Dokument: Gespräche, aus dem Gedächtnis aufgezeichnet – 25 Jahre, nachdem sie stattgefunden haben. Kein Tonbandmitschnitt, sondern die Wiedergabe von 255 Tagen und Nächten, die ein ungewöhnlicher Mensch – Kazimierz Moczarski – genau in seinem Gedächtnis gespeichert hatte. Unter kaum vorstellbar quälenden Bedingungen und wohl gerade wegen dieser Bedingungen, wie Moczarskis Freund Andrzej Szczypiorski vermutet.

Denn der engagiert demokratisch und sozial gesinnte Jurist und Journalist Moczarski, der sechs Jahre zwischen Leben und Tod im Untergrund die Unabhängigkeit Polens gegen die mörderische deutsche Besatzung zu verteidigen versucht hat, wird im stalinistischen Nachkriegspolen ausgerechnet der Kollaboration mit den Deutschen bezichtigt, unsäglich gefoltert und zum Tode verurteilt. Er gehörte der nichtkommunistischen »Heimatarmee« an und wollte sich den neuen Machthabern nicht beugen. Er ist ein ungewöhnlich standhafter Mann, auch unter höllischen Leiden nicht bereit, sein Gewissen, seine Kampfesgenossen aus dem Widerstand und seine Ehre zu verraten. Als solch unbeugsames Vorbild ist er Teil dessen, was man das »kollektive Gedächtnis« der Polen nennen könnte. Viele Jahre lang war das Buch in den polnischen Schulen Pflichtlektüre. Schon deswegen verdient dieses Dokument die Aufmerksamkeit der Deutschen.

Aber auch, weil es uns vor Augen führt, wie unsere östlichen Nachbarn zwischen nationalistischem und stalinistischem Terror zerrieben wurden durch den militärischen Überfall 1939 und den folgenden Zweiten Weltkrieg. In Deutschland haben wir das schneiler vergessen, als es unserer Verständigung mit Polen und überhaupt unserer moralischen Redlichkeit ansteht. Die Polen, die jungen zumal, wollen nicht, dass wir in Sack und Asche gehen, aber sie erwarten zu Recht, dass wir diesen schmerzvollen Einschnitt in die polnische wie die europäische Geschichte nicht einfach vergessen und schlichte Normalität einfordern, wo sie nicht möglich ist. Das wird uns schnell klar, wenn wir uns an die Stelle der Opfer des Nationalsozialismus und deren Nachkommen setzen.

Mit unglaublicher Perfidie haben die stalinistischen Folterer versucht, Moczarski neben den physischen auch noch psychische Qualen zuzufügen. Sie sperren ihn in eine Zelle mit dem SS-Generalleutnant Jürgen Stroop, wie Moczarski zum Tode verurteilt, der die Zerstörung des Warschauer Ghettos befehligt hat. 255 Tage und Nächte muss Moczarski mit Stroop verbringen. So unter Todesangst und auf engstem Raum zusammengesperrt mit einem Henker, ohne Aussicht auf Befreiung, entwickelt Moczarski eine beeindruckende Überlebensstrategie: Er führt mit Stroop eindringliche Gespräche, um die Psychologie seiner NS-Peiniger etwas besser zu begreifen und damit zugleich die seiner aktuellen Folterer. Die Analogien zwischen den Totalitarismen und den menschlichen Haltungen, die ihnen entsprechen, sind keine neue Erkenntnis. Aber ihr unkonventioneller Beleg geht unter die Haut.

Erschreckend erneut die im Buch dokumentierte Einsicht, dass die Verbrechen im Nationalsozialismus von »ganz normalen Männern« (wie Christopher Browning sie beschrieben hat), ebenfalls, wenn auch weniger, von »normalen« Frauen begangen worden sind, die unter anderen Bedingungen vielleicht unsympathisch und kleinbürgerlich gehandelt aber nicht so mörderische Taten vollbracht hätten. Damit bleiben sie durchaus verantwortlich für ihr Tun. Aber das Buch zeigt erneut, wie leicht Menschen sich daran gewöhnen können, Unrecht zu tun, andere zu quälen, und sich eine Selbstdeutung zurechtzulegen, die alles in einem harmlosen Licht erscheinen lässt.

Das Buch zeigt aber nicht nur diese allgemeine menschliche Verführbarkeit zum Bösen, sondern auch die besonderen deutschen Traditionen einer autoritären politischen Kultur, die bis in die Fasern der Privatheit eingedrungen war und die konkreten historischen Brücken zum Verbrechen gebaut hat: allem voran eine Idee von freiwilliger, fragloser und zuweilen sehnsüchtiger Unterwerfung unter die vorgegebene Obrigkeit und Ordnung, die das konkrete Individuum, als Täter wie als Opfer, seiner Menschlichkeit, seines Mitgefühls und seiner Verantwortung beraubt.

Es ist eine lang und vielfach diskutierte Frage, ob solche Täter wie Stroop ihr Gewissen verloren haben oder ob sie ihre Schuld doch zumindest ahnten. Gitta Sereny hat in ihren meisterhaften Befragungen von Franz Stangel, dem Kommandanten des Vernichtungslagers Treblinka, und Albert Speer gezeigt, wie vielschichtig ihre z.T. nur halb bewusste Selbstdeutung ist. Stimmt Hannah Arendts These aus den sechziger Jahren, dass den Deutschen, was man Gewissen nennt, im Nationalsozialismus verloren gegangen war? Ich glaube, es gibt viele Indizien dagegen. Das vorliegende Buch gibt keine eindeutige Antwort darauf.

Manche mag die Normalität und eine gewisse Vertrautheit, die sich in 255 Tagen des Zusammenlebens ergeben, befremden. Sie zeugen von der Macht des gewohnten Alltags auch dort, wo die außergewöhnliche Standhaftigkeit eines Kazimierz Moczarski sensibel Grenzen zu ziehen weiß. Ich wünsche dem Buch eine breite Leserschaft, gerade in Deutschland.

Andrzej Szczypiorski
Über Kazimierz Moczarski
I.

Am 1. September 1939 erfolgte der Überfall des Dritten Reiches auf Polen. Es ist der Tag, an dem der Zweite Weltkrieg ausbrach. Am 3. September erklärten Großbritannien und Frankreich Deutschland den Krieg. Damit lösten beide Staaten ihre Verträge ein, die sie zuvor mit Polen abgeschlossen hatten. Die glänzend ausgerüsteten Armeen Hitlers waren vom ersten Tag den polnischen Streitkräften weit überlegen. Trotzdem verteidigten sich die Polen mit großer Tapferkeit und leisteten bis zum 5. Oktober Widerstand. Als Folge einer lang vorbereiteten Einkreisungspolitik war Polen bereits am Tag des Kriegsausbruchs zur Niederlage verurteilt. Der deutschsowjetische Nichtangriffspakt, der »Hitler-Stalin-Pakt«, am 23. August 1939 in Moskau von Ribbentrop und Molotow unterzeichnet, war insbesondere auch gegen die Unabhängigkeit des polnischen Staates gerichtet und legte den Einflussbereich von Nazi-Deutschland sowie der Sowjetunion in Ost- und Südosteuropa fest. In Erfüllung dieses Paktes marschierten sowjetische Truppen ohne vorherige Kriegserklärung am 17. September in Polen ein und machten es den polnischen Armeen unmöglich, sich gegen die von Westen angreifenden Deutschen zu verteidigen. So kam es zur tragischen Teilung Polens zwischen Deutschen und Russen – der vierten in seiner Geschichte.

In dem von Hitler eroberten Gebiet von West- und Zentralpolen setzte ein furchtbarer Terror ein, der gegen die polnische Bevölkerung und gegen die in Polen besonders zahlreich lebenden Juden gerichtet war. Gleichzeitig wurden Hunderttausende polnischer Staatsbürger in sowjetische Gefängnisse geworfen oder tief nach Russland verschleppt. Im Sommer 1941 fiel das gesamte polnische Staatsgebiet von 1939 als Folge des deutsch-sowjetischen Krieges unter die Herrschaft des Dritten Reiches.

Sechs Millionen polnischer Bürger, darunter etwa drei Millionen Juden, waren durch Kriegshandlungen auf polnischem Boden sowie während der bis 1945 dauernden Besetzung gefallen oder umgebracht worden. Von allen Ländern, die am Weltkrieg 1939–1945 beteiligt waren, hatte Polen die schwersten Opfer und Verluste zu tragen.

Der Naziterror war in Polen von einer besonderen Grausamkeit geprägt, die sich gegen das ganze Volk richtete. Massenhinrichtungen in den Straßen, die Ausrottung ganzer Dörfer und Provinzorte durch Einheiten der SS und der Polizei, Konzentrationslager, Gaskammern und Krematorien, die Zerstörung von Städten, die Zwangsaussiedlung Tausender unter besonders harten Bedingungen – all dies bewirkte, dass das polnische Volk dezimiert, die gebildeten Schichten zum großen Teil hingemordet und die jüdische Bevölkerung Polens fast vollständig ausgerottet wurde.

Von der ersten Stunde an führten die Polen einen erbitterten Kampf gegen den Feind.

Nach der Zerschlagung der polnischen Armee formierten sich in den Wäldern Partisaneneinheiten, in den Städten entstanden konspirative Kampfgruppen. Diese Verbände bildeten die »Armia Krajowa«, die sogenannte »Heimatarmee«, die sich aus im Untergrund kämpfenden militärischen Einheiten zusammensetzte. Die polnische Regierung befand sich im verbündeten London im Exil. Ihr unterstand die Heimatarmee, die einige Hunderttausend mutige, kampfbereite Soldaten zählte.

Einer der verantwortlichen Offiziere dieser Armee war Kazimierz Moczarski.

II.

Im April 1943 wurde der berüchtigte Mord von Katyn aufgedeckt. Trotz des fortschreitenden Krieges und ungeachtet der Tatsache, dass die Gräber der erschossenen polnischen Offiziere bei Smolensk von Deutschen entdeckt worden waren, zweifelte die Mehrzahl der Polen keinen Augenblick daran, dass für dieses Verbrechen nicht Hitler, sondern Stalin, nicht die Gestapo, sondern die sowjetische Geheimpolizei verantwortlich war.

Als die Morde von Katyn bekannt geworden waren, brach Moskau die diplomatischen Beziehungen zur polnischen Exilregierung in London ab. Gleichzeitig begann Stalin, dessen Armeen nach anfänglichen Niederlagen immer größere Erfolge im Krieg gegen die Deutschen errangen, seine Nachkriegspläne hinsichtlich Polens zu verwirklichen.

Die Beherrschung Polens betrachtete Stalin als Voraussetzung für seinen Erfolg in Europa, da das Land geografisch zwischen der Sowjetunion und Deutschland lag. Die Macht über Polen könnte Russland eine militärische und politische Kontrolle Berlins und eines großen Teils Deutschlands ermöglichen.

Die immer stärkere militärische Rolle der Sowjetunion nach der Schlacht von Stalingrad im Februar 1943, die politische Gleichgültigkeit der USA und Großbritanniens während der Konferenz von Teheran, vor allem aber in Jalta, wo der Einflussbereich der Siegermächte abgesteckt würde, schließlich Potsdam im Jahre 1945 führten dazu, dass das entsetzlich zerstörte und dezimierte Polen in die Hände der Sowjetunion fiel.

Seit Juli 1944 begann man, in jenen Gebieten des Landes, aus denen sich die Deutschen zurückgezogen hatten, kommunistische Verwaltungen zu errichten, die sich auf die militärische Macht der Sowjetunion stützten. Das polnische Volk, allein gelassen, durch den Krieg geschwächt und durch pseudodemokratische Losungen verunsichert, die der stalinistisch-totalitäre Machtapparat verkündete, unterlag den unabwendbaren historischen Gegebenheiten.

Aus der historischen Perspektive gesehen, bedeutet das keinesfalls, dass die kommunistische Herrschaft in Polen stets ein Vollzugsorgan Russlands gewesen ist und auch bleiben sollte und dass sich das Land eindeutig in der Gewalt der Sowjetunion befand. Die Nachkriegsgeschichte Polens ist weder so einfach noch so eindeutig; die Veränderungen des Systems haben die gesellschaftliche und wirtschaftliche Struktur des Landes so nachhaltig verwandelt, dass die politische Neuorientierung der folgenden Generationen dadurch stark beeinflusst wurde.

Hier ist nicht der Ort, um diesen schwierigen nationalen Entwicklungsprozess zu analysieren. Bestimmte Tatsachen, von denen die Rede ist, bilden lediglich den Hintergrund, vor dem sich das Leben Kazimierz Moczarskis abspielte. Aber es ist unmöglich, sein Schicksal zu begreifen, ohne an jene Tatsache zu erinnern.

III.

Unmittelbar nach der von der Roten Armee kontrollierten Machtübernahme, begann die kommunistische Regierung, den aus Moskau kommenden Direktiven Stalins folgend, einen gnadenlosen Kampf gegen alle nationalen, unabhängigen Kräfte im Lande. Man verfolgte rücksichtslos Soldaten und Offiziere der Heimatarmee, denen es gelungen war, dem Tod von der Hand der Deutschen zu entgehen. Die polnischen Gefängnisse füllten sich mit den besten und tapfersten Kämpfern gegen die NS-Gewalt. Die unglaubliche Perfidie Stalins gab ihm ein Konzept ein, das für Menschen, die in einer normalen, demokratischen Welt aufgewachsen sind, schwer zu begreifen ist. Der Tyrann hielt es für richtig, Menschen, die in den Reihen der Heimatarmee gegen Hitler-Deutschland gekämpft hatten, wie Verbündete der Nazis zu behandeln. Die besten polnischen Patrioten erklärte die offizielle Propaganda plötzlich zu Faschisten und Handlangern der Gestapo. Sie wurden unter der Anklage der Zusammenarbeit mit dem Feind und des Verrats am polnischen Volk vor Gericht gestellt, der unglaublichsten Verbrechen für schuldig befunden und massenweise zum Tode beziehungsweise zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt.

Natürlich fanden diese Prozesse unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, die Angeklagten hatten kein Recht auf Verteidigung. Unter dem Einfluss furchtbarer körperlicher und seelischer Folterqualen wählten viele den Freitod, andere bekannten sich zu nie begangenen Verbrechen, nur um ihren Leiden ein Ende zu machen. Diese Menschen gingen durch eine Hölle.

Einer von ihnen war Kazimierz Moczarski. Am 18. Januar 1946 war er zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Aufgrund einer im Jahre 1947 in Kraft getretenen Amnestie wurde die Strafe zunächst auf fünf Jahre herabgesetzt. Im Januar 1949 begannen für ihn die »höllischen Verhöre« im Mokotów-Gefängnis zu Warschau. Sie dauerten mehr als zwei Jahre. Da er einen unbeugsamen Charakter besaß, wurde er mit besonderer Grausamkeit gequält. Seine Folterknechte waren unsicher und ratlos angesichts seiner Tapferkeit; das steigerte ihre verbissene Wut umso mehr.

Um ihn noch mehr zu demütigen und ihn moralisch zu zerbrechen, verlegten ihn die Schergen der Geheimpolizei in die Zelle des SS-Generals Jürgen Stroop.

Stroop hatte als einer der brutalsten SS-Führer besondere Berühmtheit erlangt. Auf seinem Gewissen lasteten Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Er hatte den Aufstand im Warschauer Ghetto, der am 19. April 1943 gegen die gewaltsame Räumung und den Abtransport der mehrere Hunderttausend dort zusammengetriebenen Juden in die KZs und Vernichtungslager ausgebrochen war, auf bestialische Weise liquidieren und Zehntausende von Juden an Ort und Stelle ermorden lassen. Die Amerikaner, die ihn nach dem Krieg gefangen nahmen, hatten ihn den polnischen Behörden ausgeliefert; in Warschau sah er seinem Prozess entgegen und wurde später, am 23. Juli 1951, zum Tode verurteilt und am 6. März 1952 hingerichtet.

In die Zelle dieses Mannes warfen die stalinistischen Folterknechte Kazimierz Moczarski.

So war eine in ihrer Art einmalige Situation entstanden, die an Shakespeares Dramen erinnerte: In der gleichen Zelle lebten neun Monate lang, vom 2. März bis 11. November 1949 zwei Todfeinde; ein SS-General, der Hunderttausende unschuldiger Opfer auf dem Gewissen hatte, und ein Offizier der Untergrundarmee, der fünf Jahre lang mutig gegen die Nazis gekämpft hatte, um sein Land und die elementaren Grundsätze der Menschlichkeit zu verteidigen.

Die brutale Skrupellosigkeit des Stalinismus setzte zwischen beide Männer ein Gleichheitszeichen. Der überführte Mörder Stroop wurde zum Leidensgenossen eines Mannes, der nicht das geringste Verbrechen begangen, sondern stets zu den tapfersten und opferbereitesten Patrioten gehört hatte. Den Stalinisten lag jedoch daran, seine Haltung zu zerstören, ihn zu zerbrechen.

Doch der teuflische Plan misslang. Moczarski überstand auch diese Tortur. Am 18. November 1952 aber wurde er vom Wojewodschaftsgericht zum Tode verurteilt. »Zweieinhalb Jahre wartete ich stündlich auf den Henker«, schreibt Moczarski. In Briefen an das Oberste Gericht schildert er unerschrocken die Vernehmungsmethoden, die 49 Folterarten. Vierzehn Monate bringt er in Einzel- und Dunkelhaft zu.

Im März 1953 starb Stalin, der Stalinismus geriet in eine Krise. Im Oktober wurde Moczarski zu lebenslänglichem Zuchthaus »begnadigt«. Erst zweieinhalb Jahre später wurde ihm das Urteil ausgehändigt, an das er vorher nicht mehr hatte glauben wollen. Stroop wurde hingerichtet.

Im März 1956 enthüllte Chruschtschow auf dem berühmten XX. Parteitag der KPdSU die Verbrechen Stalins. Das »Tauwetter« begann. Moczarskis Anwälte betrieben die Wiederaufnahme des Verfahrens. Moczarski wurde auf freien Fuß gesetzt.

Doch er war überzeugt: Dies durfte nicht das Ende sein. Er verlangte, endlich freigesprochen zu werden und forderte selbstverständliche menschliche Gerechtigkeit. Im Dezember 1956 fand in Warschau ein neuer Prozess statt, der eine öffentliche und offizielle Rehabilitierung zum Ziel hatte. »In diesem Saal bin nicht ich der Angeklagte – ich selbst klage an ...« Das Gericht entschied am 11. Dezember 1956, dass alle voraufgegangenen Urteile im Fall Moczarskis nicht rechtens waren, dass ihre Verhängung auf Grund von falschen Beschuldigungen erfolgte, dass Moczarski während der jahrelangen Haft unmenschlichen Folterungen ausgesetzt worden war, und dass er als ein Opfer stalinistischer Tyrannei zu gelten habe.

Kazimierz Moczarski wurde in allen Anklagepunkten freigesprochen; in der Urteilsbegründung unterstrich das Gericht, dass seine Flaltung höchsten Respekt und volle Anerkennung verdiene.

IV.

Von 1957 arbeitete Moczarski als Journalist in Warschau; viel Zeit und Energie widmete er den sozialen Problemen, vor allem dem Kampf gegen Alkoholismus. Im Jahre 1971 begann er, die »Gespräche mit dem Henker« niederzuschreiben. Das Manuskript erschien in Fortsetzungen in der Breslauer literarischen Monatszeitschrift »Odra« (Die Oder) und fand sofort lebhafte Beachtung.

Doch zu dieser Zeit war das nachstalinistische »Tauwetter« in den kommunistischen Ländern längst wieder totalitären Tendenzen gewichen, in Polen wuchs abermals die Allmacht der geheimen Polizei. Das Jahr 1956, als die Gerechtigkeit ihren Sieg feierte und die vom Stalinismus Verfolgten endlich freier atmen konnten, gehörte der Vergangenheit an.

V.

Kazimierz Moczarski starb im Herbst 1975. Damals wartete das beim Verlag PIW in Warschau hinterlegte Manuskript der »Gespräche mit dem Henker« auf eine Entscheidung der Behörden.

Freunde des Verstorbenen, die sich zum Teil gar nicht persönlich kannten, taten alles Erdenkliche, um den »Gesprächen mit dem Henker«, diesem einzigartigen historischen Dokument, den Weg zum Leser zu ebnen. Jene Menschen verband die Überzeugung, dass der Tod nicht zum Schlusspunkt für dieses ungewöhnliche Schicksal werden durfte.

Zwei Probleme sind mit dem Buch Moczarskis verknüpft: Das eine betrifft den Inhalt und die Bedeutung des Werkes, das andere wird von der Person des Autors, seiner Haltung, seinem Charakter und seinen Überzeugungen bestimmt.

Dieses Buch beschreibt die dunkelste Lebensphase eines Menschen. Und doch wird es von der ersten bis zur letzten Seite von der Leuchtkraft einer erstaunlichen Persönlichkeit überstrahlt. Für das geschundene, kranke Europa, für die Menschen unserer Tage könnten die »Gespräche mit dem Henker« einen Weg zur Menschlichkeit weisen.

Heinrich Böll spricht in seiner Einleitung zum »Archipel Gulag« von der »göttlichen Bitterkeit Solschenizyns«. Im Falle Moczarskis muss man von der Unantastbarkeit und Tragik eines Menschenschicksals in den Zwängen eines totalitären Machtapparates sprechen.

Der Leser sollte sich dessen bewusst sein, dass das Schicksal von Kazimierz Moczarski in der Mitte unseres Jahrhunderts keinen Ausnahmefall bildet. In Kategorien eines historischen Objektivismus gedacht, war sein Leben sogar recht typisch. Moczarski gehörte zu der Vielzahl von Polen, denen nichts erspart wurde. Die Größe und das Außergewöhnliche dieses Menschen beruhen auf der Haltung, mit der er sein Schicksal annahm, es trug und besiegte.

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Volume:
608 p. 14 illustrations
ISBN:
9788711449660
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