Stumme Zeugen

Text
Read preview
Mark as finished
How to read the book after purchase
Stumme Zeugen
Font:Smaller АаLarger Aa

Katrin Fölck


Kriminalroman

Stumme Zeugen

Copyright: © 2020 Katrin Fölck

Titelbild: Adobe Stock/roxxyphotos

1

Viel Zeit, munter zu werden, bleibt mir nicht. Es ist Sonntag, zwei Uhr in der Nacht, als mich die sonore Stimme meines Chefs Jim Mitchells weckt.

„Wir haben hier eine Tote in Oakton, Marbury Road/ Weber Place.“, erklärt er mir ohne Umschweife seinen Anruf. „Soll ich jemanden von den Jungs bei dir vorbeischicken?“

„Das find ich schon.“, antworte ich mit einem unangenehmen Kratzen in der Stimme und räuspere mich.

Er warnt mich vor: „…nur, damit du dich schon darauf einstellen kannst: Es ist alles genau so wie bei der Letzten vor drei Wochen.“

„Scheiße!“, höre ich mich sagen und so fühle ich mich auch.

Wieder einmal habe ich nicht schlafen können und mit Whiskey nachgeholfen. Letztlich hatte fast die halbe Flasche dran glauben müssen. Das rächte sich jetzt. Doch das musste mein Gegenüber ja nicht gleich hören. Daher sage ich schnell: „Bin auf dem Weg.“

„Alles klar.“, erwidert Jim und legt auf.

Ich versuche erst einmal klar zu werden und die Gespenster der Nacht zu vertreiben und lasse mir minutenlang kaltes Wasser über Gesicht und Arme laufen. Dennoch, die verräterischen Spuren meines Absturzes lassen sich dadurch nicht beseitigen, wie mir der Spiegel anzeigt. Wäre es Tag, könnte ich versuchen, diese mit einer Sonnenbrille zu verbergen. Aber jetzt, in der Nacht? Dennoch, wenn ich Glück hätte, wäre vielleicht gerade sie meine Verbündete und meine blutunterlaufenen roten Augen und die dunklen Ringe darunter gingen in der Dunkelheit unter. Außerdem würde das, was dort geschehen war, die Aufmerksamkeit der Leute nicht ohnehin auf sich lenken? Ich verschwende keinen weiteren Gedanken mehr an mein Äußeres, schnappe mir meine Jacke und die Autoschlüssel und fahre los. Ich fahre auf den Lee Highway. Hier werde ich von einem Streifenwagen überholt, der in die Jermantown Road einbiegt. Da ich vermute, dass er das gleiche Ziel hat wie ich, tue ich es ihm nach und hänge mich an ihn dran. Weiter geht es auf die Hunter Mill Road, schließlich links in die Marbury Road. Und tatsächlich, er führt mich geradewegs ans Ziel, was die aufgeregt flackernden Lichter der unzähligen Polizeiwagen, die bereits vor Ort sind, beweisen.

„Hey, Al,“ grüßt mich einer unserer Männer im Vorbeigehen und weist mir die Richtung: „Sie liegt da hinten, auf dem Platz.“

Das weiträumig gezogene Absperrband und jede Menge Polizisten sollen die Schaulustigen und Neugierigen der Umgebung, die sich trotz nachtschlafener Zeit eingefunden haben, davon abhalten, dem Tatort zu nahe zu kommen. Auch ich werde gestoppt.

„Clifton Parker. Detektiv.“, weise ich mich gegenüber einem der Officer aus und werde durchgelassen.

Ich gehe an einem der Rettungswagen vorbei und sehe Riley Leech, den Jüngsten unserer Einheit, der sich gerade übergibt. Neben ihm steht Robert Manson. Im Wagen sitzt ein Mann, der medizinisch betreut wird. Ich wende mich ab und gehe weiter. Dann entdecke ich Jim inmitten eines Pulks an Polizisten. Leute der Spurensicherung und der Forensik machen ihre Arbeit. Ab und an leuchtet ein Blitz auf, wenn die Kamera des Fotografen auslöst.

Jim entdeckt mich und winkt mir zu: „Clifton, wie hast du das denn gemacht, so schnell hier zu sein?“

Ich weiß, dass er keine Antwort auf seine Frage erwartet. Dennoch, es waren mindestens zwanzig Minuten vergangen, seit seinem Anruf bei mir. Dass ich gleich in meinen Sachen auf der Couch gepennt habe, weiß er zum Glück nicht und sieht es wegen der Jacke, die ich trage, auch nicht. Ich hoffe nur, dass er nichts von meiner Fahne mitbekommt. Zum Glück habe ich noch eine Packung Pfefferminz in der Jacke, von denen ich eines zerkaue und den Rest der Packung wieder in meiner Jackentasche verschwinden lasse. Für später.

„Jim.“ Ich reiche ihm die Hand. Mein Blick fällt auf die Tote. Ich brauche nicht lange, mir ein Urteil zu bilden. Er hatte Recht. Alles ist genauso wie beim letzten Mal.

2

Wir schätzen die Tote auf Mitte bis Ende Dreißig. Ihre Sachen sind vom Blut durchtränkt. Dass dies nicht der Tatort ist, ist uns längst klar. Denn der Sand des Platzes, auf dem die Leiche abgelegt wurde, hatte noch nichts davon aufgenommen.

In der Bauchmitte der Toten klafft ein riesiges Loch. Auf den ersten Blick könnte man meinen, die junge Frau sei ausgeweidet worden. Doch der Schein trügt. Dem Täter ist es um etwas ganz Anderes gegangen. Auch dieser Frau wurde, wie jener vor drei Wochen, das Ungeborene aus dem Leib herausgeschnitten.

Ich muss mehrmals schlucken, bevor ich es meinem Chef gleichtue und in die Hocke gehe.

„Du bist sicher meiner Ansicht, dass das derselbe Täter war…“, merkt Jim an.

Ich nicke und erhebe mich wieder. Mein Knie knackt.

Ich ziehe eine Packung Zigaretten aus der Tasche meiner Jacke. Ich reiche ihm die Schachtel hin, aus der er sich eine Kippe nimmt. Ich gebe ihm Feuer und zünde mir dann auch eine an, obwohl ich es, schon meiner Gesundheit zuliebe, besser bleiben lassen sollte.

Wir stehen eine Weile stumm nebeneinander und rauchen, während jeder seinen eigenen Gedanken nachgeht.

„Was ist das bloß für ein Mensch, der so etwas macht?!“, fragt Jim mehr sich selbst.

Er sieht mich nicht an dabei und scheint auch gar keine Antwort von mir zu erwarten. Ich gebe sie ihm trotzdem: „Ein sehr, sehr kranker.“

Inzwischen wird die Tote in einem Leichensack verstaut, auf eine Bahre gehievt, festgebunden und in einem der Rettungswagen abtransportiert, um in die Gerichtsmedizin gefahren zu werden. Wir schauen dem davonfahrenden Transporter hinterher, bis seine Lichter in der Ferne entschwinden.

„Wie es aussieht, gibt es keine verwertbaren Spuren. Der Platz ist staubtrocken. Hat ja auch lange genug nicht mehr geregnet. Ansonsten hätten wir sicher mindestens einen Fußabdruck oder eine Reifenspur des Fahrzeuges, mit der die Leiche hierhergebracht wurde…“, merkt Jim an.

Der helle Blitz einer Kamera durchzuckt das Dunkel. Mick Gregor, einer der stadtbekannten Pressefotografen, hat uns entdeckt und kommt näher. So ein Aasgeier, denke ich noch, während ich mich andererseits frage, wie oder durch wen er so schnell Wind von der Sache bekommen hat. Ich wende mich ab, damit er meine offensichtliche Abneigung gegen ihn nicht sieht.

„Jim.“, begrüßt er den neben mir Stehenden.

Ich weiß, dass die Beiden sich seit Jahren kennen und jeder dem Anderen ein gewisses Maß Vertrauen und Respekt, was Person und Arbeit anbelangt, entgegenbringt. Einzig aus diesem Grund lässt sich mein Chef überhaupt auf ein Gespräch mit dem Fotografen ein. Und dieser weiß nur zu gut, dass er Vorteile hat, wenn er sich an die Spielregeln hält.

„Kannst du mir etwas über das Opfer sagen?“, beginnt Mick Gregor seine Fragen zu stellen.

„Nur soviel: das Opfer ist weiblich, Mitte/Ende Dreißig, weiß.“

„Eine Beziehungstat?“

„Ich denke nicht. Wenn sich bewahrheitet, was ich vermute… Vor drei Wochen hat es schon einmal einen derartigen Fall gegeben… Wie es aussieht, waren wir wohl auf dem Holzweg. Wir haben Ehemann und Geliebten der Toten in Untersuchungshaft genommen. Mit dem heutigen Fund müssen wir unsere Meinung revidieren. Die beiden Verdächtigen sind damit rehabilitiert.“

Er holt hörbar Luft. „Ich denke, dass es derselbe Täter war.“

„Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Fällen?“ will Mick Gregor wissen.

„Nun, der Täter sucht sich hochschwangere Frauen aus, bringt sie um und schneidet ihnen deren Fötus aus dem Bauch. Von jenem fehlt jegliche Spur. Was der Typ mit ihm will und ob er den Zeitpunkt der Entnahme überhaupt überlebt, wissen wir nicht. Ich weiß nur eins, dass wir das Monster schnellstens kriegen sollten.“, schließt Jim seine Ausführungen. „Ich will nicht, dass davon irgendetwas in der Zeitung zu lesen ist, ist das klar?!“

Mick Gregor ist schlau genug, zu wissen, dass Jim ihm keine weiteren Offenbarungen machen wird und startet seinen Rückzug.

„Danke, Jim. Ich hoffe, Ihr fangt das Schwein bald.“

Der Fotograf nickt uns kurz zu. Er muss sich beeilen, wenn er die von ihm gemachten Fotos noch in der nächsten Ausgabe der Tagespresse unterbringen will.

„Leben und leben lassen.“, brummt Jim gequält. „Für die Einen ist es zu Ende, bevor es richtig anfängt… Für die Anderen geht es weiter wie gehabt und Einige leben vom Geschäft mit dem Tod.“

Ich habe ihm nichts zu erwidern und folge ihm zur Absperrung, die den Tatort vom Rest der Gegend trennt.

Nach wie vor hält sich eine kleine Anzahl von Leuten dahinter auf und versucht, etwas von dem Ganzen, was sich hier abgespielt hat, mitzubekommen oder einfach nur, einen Blick zu erhaschen.

Jim will dem ein Ende machen und geht in die Offensive. Er spricht sie an: „Ich bin Jim Mitchell,

Chiefinspector des hiesigen Polizeidepartments, und das neben mir ist Detektiv Clifton Parker von der Mordkommission. Falls jemand unter Ihnen ist, der sachdienliche Hinweise zum Tod der Frau machen kann, würde ich ihn bitten, sich hier und jetzt zu melden. Jeder noch so kleine Hinweis ist für uns von Bedeutung. Also, falls jemand etwas gesehen oder gehört haben sollte, scheuen Sie sich nicht…“

Lautes Stimmengewirr und Geraune ist die Reaktion der Anwesenden.

„Leute, bitte!“, mahnt Jim an. „Jeder, der etwas gesehen hat, bleibt. Allen Anderen sage ich: Geht nach Hause und lasst uns unsere Arbeit machen.“

 

Diesmal zeigt seine Aufforderung Wirkung. Die Ersten verlassen den Platz.

„Chief!“, meldet sich ein junger Kerl, der etwas verdeckt steht, „ich glaube, ich habe den gesehen, der das war.“

Jim winkt ihm zu, näher zu kommen.

Dafür müssen ihm allerdings die vor ihm Stehenden erst einmal Platz machen, da er ein Fahrrad dabeihat.

„Also?“, fragt Jim. „Wie sah er aus?“

„…ich habe nur den Wagen gesehen.“, erklärt der etwa Sechzehnjährige.

„Und wie sah der aus?“

„… ein dunkler Lieferwagen.“

„Welche Farbe? Schwarz, blau, grau?“

Jim wird langsam ungehalten, weil er dem Jungen jedes Wort erst aus der Nase ziehen muss.

„Schwarz.“

„Ganz sicher?“

„Ja.“

„Kennzeichen?“

Der Typ schüttelt den Kopf.

„Das ging alles so schnell...“

„Haben Sie den Fahrer gesehen?“

„Nur flüchtig.“

„Und?! War es ein Weißer, ein Schwarzer oder ein Latino?“

„Weiß nicht. Ich habe ihn höchstens ein, zwei Sekunden gesehen. Wir waren gerade auf Höhe Dorian Drive, als er vom Weber Place kam. Der hatte es verdammt eilig, von hier weg zu kommen. Na ja, jetzt weiß ich auch, warum. Jedenfalls hat er mich nicht gesehen und mich beinahe über den Haufen gefahren.“

„Haben Sie sich verletzt? Brauchen Sie medizinische Hilfe?“, fragt Jim nach.

Der sportliche Typ schüttelt den Kopf: „Ich bin gestürzt und hab` mir die Knie aufgeschlagen, ist aber nicht so schlimm.“

„Okay. Lassen Sie trotzdem den Arzt draufschauen… Und Ihr Name?“

„Benjamin.“

„Und weiter?!“

„Benjamin Cox.“

„Könnte ich mal Ihren Ausweis sehen?“

„Sie informieren aber jetzt nicht meine Eltern?“

„Warum sollte ich?“, bekommt er von Jim zur Antwort.

„Ich bin erst sechzehn.“

Aufgrund des Alters duzt Jim den Zeugen jetzt. „Du hast doch nichts ausgefressen, oder?“

„Nee.“

„Ich werde dich enttäuschen müssen: Deine Eltern werden trotzdem von deinem nächtlichen Ausflug erfahren. Du bist nämlich unser Hauptzeuge.“

Jim blickt den Jungen an, der die Backen aufbläst und ganz langsam die Luft rauslässt.

„Wo warst du denn noch um diese Uhrzeit?“

„Ich war mit ein paar Kumpels unterwegs… Meine Freundin war übrigens auch dabei. Na ja, irgendwie haben wir dann die Zeit vergessen, Sie verstehen?“

Jim nickt. „Ich war ja auch mal jung. Ihr habt aber nicht gekifft oder Alkohol getrunken?“

„Nur ein Bier.“

„Ok. Ich will jetzt nicht kleinlich sein. Ich war ja schließlich auch mal jung. Wie heißt denn deine Freundin?“

„Jessica Hunter.

„Alles klar. Dann sind wir Zwei hier fertig. Könntest du morgen mit deinen Eltern bei uns in der Dienststelle vorbeikommen, um deine Aussage zu wiederholen?“

„Ja.“

„Gut. Dann bis morgen. Und bring deine Freundin mit! Möglicherweise fällt euch im Nachhinein ja noch etwas ein… Jedes noch so kleine Detail ist ein Puzzleteil für das große Ganze. Und umso mehr Teile wir haben, umso schneller können wir es zusammenfügen und diesem Monster das Handwerk legen. Das ist ja wohl klar?“

Jim entlässt den Teenager und blickt in die Runde: „Wo ist eigentlich der Mann, der die Tote gefunden hat?“

„Der sitzt im Krankenwagen da hinten.“, erklärt einer der Polizisten. „War ein ziemlicher Schock für ihn.“

„Das kann ich mir vorstellen.“, stimmt Jim ihm zu. Und zu mir gewandt sagt er: „Lass uns zum Krankenwagen gehen.“

Dort angekommen, klopft er Riley Leech auf die Schulter und fragt: „Geht’s wieder?“

Dieser nickt tapfer, ist aber immer noch ziemlich blass.

„Ist der Mann vernehmungsfähig, Doktor?“, will Jim dann vom anwesenden Arzt wissen, während er auf den im Fahrzeug Liegenden deutet.

„Heute auf keinen Fall mehr. Ich habe ihm etwas zur Beruhigung gegeben.“

„Morgen?“, hakt mein Chef nach.

„Möglich.“, kommt die lapidare Antwort.

„Weiß man, wer er ist?“

„Trevor Ward. Er wohnt hier in der Straße, gleich im

übernächsten Haus.“

Jim macht sich abermals Notizen.

„Nehmen Sie ihn mit? Ins `Inova´?“

„Ja. Ich denke, er wird psychologische Hilfe brauchen.“

Jim beugt sich etwas vor, um das Namensschild des Arztes zu lesen.

„Danke, Doktor Powell.“

Wir gehen zur Absperrung zurück, wo immer noch genügend Schaulustige stehen. Da sich jedoch keine weiteren potentiellen Zeugen finden, sondern sich nur ein paar Spinner wichtig machen wollen, ist unsere Arbeit hier fürs erste getan.

„Vielleicht sollten wir noch ein paar Stunden schlafen gehen.“, gibt Jim von sich. „Hier können wir eh nichts ausrichten. Der Bericht der Gerichtsmedizin wird ohnehin vor Montagmittag nicht fertig sein, wenn überhaupt. Also, fahr heim, Clifton. Versuch, noch `ne Mütze Schlaf zu bekommen oder mach mal, wozu du sonst keine Zeit hast. Wer weiß, wann du in Zukunft wieder Gelegenheit dafür bekommst. Wir sehen uns morgen. Vielleicht wissen wir dann schon mehr.“

„Na dann, bis dann.“

„Ja, mach`s gut.“

Im Weggehen höre ich, wie Jim noch mit den Polizisten spricht, die den ganzen Sonntag vor Ort verbleiben werden, um den abgesperrten Tatort zu sichern.

3

Als ich zurück zu meiner Wohnung fahre, ist es längst hell. Mein Magen grummelt. In Anbetracht dessen und mit dem Wissen darüber, dass mein Kühlschrank nichts Essbares mehr hergibt, beschließe ich, mir als erstes mit einem ausgiebigen Frühstück etwas Gutes zu tun. Ich habe die Wahl zwischen „Burger King“ und „Mc Donalds“. Mein Lieblingsfrühstückslokal „First Watch“ öffnet erst um sieben Uhr.

Während des Essens versuche ich nicht an den Fall zu denken. Doch kaum zurück im Auto kreisen meine Gedanken längst wieder um die beiden außergewöhnlichen Morde. Bis jetzt waren wir davon ausgegangen, dass der Mordfall an Haley Carson vor drei Wochen eine Beziehungstat war. Dies war einzig und allein dem Fakt geschuldet, welchen uns die Statistik immer wieder aufzeigte: Fünfzig Prozent der Täter waren im engsten Umfeld der Opfer zu finden. Meist waren es deren Ehemänner, Freunde oder Geliebte.

Zuhause angekommen, schlage ich meine Aufzeichnung, die ich zum Mordfall Carson angefertigt habe, noch einmal auf und überfliege meine Niederschrift. Vielleicht hatten wir ja irgendetwas übersehen…

Als wir Haley Carson fanden, waren wir davon ausgegangen, dass ihre Verletzungen im Bauchraum von einem Wildtier stammten, die ihr sozusagen post mortem zugefügt wurden. Die Untersuchungen der Gerichtsmedizin ergaben jedoch, dass Haley zum Todeszeitpunkt schwanger war und ihr der Embryo herausgeschnitten wurde.

Bei der späteren Befragung ihres Ehemannes erfuhren wir dann, dass sie bereits im siebenten Monat, er jedoch nicht der Erzeuger des Kindes war. William Carson hatte sich nach der zweiten Scheidung sterilisieren lassen, da er bereits drei Kinder aus seinen vorherigen Ehen hatte und keine weiteren Kinder mehr wollte. Damit war nicht nur uns klar, dass Haley Carson ein außereheliches Verhältnis zu einem anderen Mann geführt haben musste. Ihr Ehemann hatte uns gegenüber geäußert, dass er seiner Frau zwar ihre Untreue, nicht jedoch die Zeugung eines Kindes mit einem Anderen verzeihen könne. Um ihre Ehe zu retten, kam für ihn nur eine Abtreibung infrage, was seine Frau rigoros abgelehnt hatte. Dadurch hatte Haley nicht nur ihre Ehe, sondern vor allem sein Leben zerstört. Er hatte ein Motiv, seine Frau zu töten und das unliebsame Ungeborene gleich mit. Das stand außer Frage. Wäre da nicht ihr Geliebter: Luke Palmer.

Bei seiner Vernehmung äußerte er, dass er, als er mit der Schwangerschaft konfrontiert wurde, die Liaison mit Haley sofort beendet habe. Auch er wollte, dass sie abtreibt. Er bot ihr Geld für ihr Schweigen. Haley jedoch wollte das Kind. Sie lauerte ihm in der Folge mehrfach auf, um ihn umzustimmen. Sie hoffte nach wie vor auf eine gemeinsame Zukunft mit ihm. Er jedoch hatte nie vor, sich von seiner Frau zu trennen. Aus Angst, seine Ehefrau würde von seinem Verhältnis und dem dabei entstandenen Kind erfahren, hatte auch er einen Grund, seine ehemalige Geliebte für immer zum Schweigen zu bringen…

Beide Männer hatten ein Motiv. Beide konnten die Tat begangen haben. Wir glaubten zu diesem Zeitpunkt wirklich noch, es wäre nur eine Frage der Zeit, dass einer der Männer den Mord an Haley gestehen würde…

Doch das hatte sich heute schlagartig mit dem Auffinden des neuen Opfers mit den gleichen Merkmalen zerschlagen und machte unsere ganze Arbeit der letzten Wochen zunichte. Was hieß, alles wieder auf Anfang.

Ich schließe die Aktensammlung und lasse sie in hohem Bogen auf den Couchtisch fallen. Ins Präsidium zu fahren, würde keinen Sinn machen. Hätte man inzwischen etwas über die Tote in Erfahrung gebracht, hätte man mich längst informiert. Also beherzige ich Jims Rat und nutze die mir noch verbleibende Zeit, um mich mal wieder auszupowern. Zum Glück befindet sich das Fitnessstudio gleich bei mir um die Ecke. Das würde mir helfen, den Kopf freizubekommen.

4

Montagmorgen bin ich kurz vor acht Uhr in meiner Dienststelle, in der es bereits wie in einem Ameisenhaufen zugeht.

„Morgen, Sully.“, begrüße ich Jason Sullyvan, unseren IT-Spezialisten, der seinen Arbeitsplatz gleich im Eingangsbereich hat, im Vorbeigehen und nicke Michael Hobbs zu, der ein Telefongespräch tätigt. Ich schicke einen „Guten Morgen“-Gruß in Richtung Joao Ramirez und Luiz Sanchez, die mir entgegenkommen, um das Büro schon wieder zu verlassen. Mein Blick bleibt an Riley Leech hängen, der dem Anschein nach der einzige hier ist, der einen entspannten Eindruck auf mich macht.

„Wo wollen die denn hin?“, frage ich ihn.

„Die Bewohner von Weber Place und Marbury Road befragen.“, erhalte ich zur Antwort.

„Aaah, ja.“, gebe ich von mir und frage nach, ob es schon irgendetwas Neues in unserem Fall gibt. Er schüttelt verneinend den Kopf.

Hinter mir vernehme ich Jims markante Stimme: „Ist unser Zeuge schon da?“

Sully antwortet ihm: „Ja, sitzt draußen. Soll ich ihn reinholen? Seiner Freundin ist in Bezug zum Tatfahrzeug übrigens noch etwas eingefallen: Am Heck des Lieferwagens befand sich ein Bild oder ein Aufkleber. Sie hat es mir aufgemalt. Jedenfalls das, was sie innerhalb der wenigen Sekunden, in der der Transporter an ihr vorbeigerast ist, erkennen konnte…“

Papier raschelt. Er nimmt ein Blatt von seinem Schreibtisch und begutachtet die Zeichnung, indem er sie hin- und herdreht: „Weiß nicht, hat irgendwie Ähnlichkeit mit einem Krokodil…“

Er reicht es Jim. „Hm. Na ja…“, sagt der und gibt es dann an mich weiter.

Auch ich beschaue mir die Darstellung eindringlich. „Könnte Werbung für einen Reptilienpark, einen Zoo oder ähnliches sein.“, bemerke ich.

Sully zuckt die Schultern. „Schon möglich. In Florida gibt es Alligatorenparks, aber hier bei uns? Ist auch nicht gerade die beste Zeichnung.“, merkt er an.

„Das ist unsere erste Spur zum Täter.“, gibt Riley enthusiastisch von sich. „Wir sollten nach dem Lieferwagen suchen.“

Jim blickt auf. „Klar. Und was denkst du, wie lange das dauert?! In unserer Stadt leben mehr als zwanzigtausend Menschen. Wie viele davon, glaubst du, fahren einen schwarzen Lieferwagen?“

„Ich dachte ja nur, bis wir einen anderen Anhaltspunkt haben…“, gibt Riley eingeschüchtert von sich.

Jim blickt in die Runde: „Noch jemand `ne Idee?“

„Der Junge hat Recht, ist immer noch besser als nichts. Auch wenn es der Suche nach einer Nadel im Heuhaufen gleichkommt.“, kommt Robert Manson Riley zu Hilfe.

„Wäre doch einen Versuch wert.“, pflichtet ihm nun auch Michael Hobbs bei.

„Ich weiß nicht.“, schüttelt Jim den Kopf, „Wir haben kein Kennzeichen, nur ´ne Kritzelei auf einem Blatt Papier, das ein Krokodil oder ähnliches darstellt… Wir müssten unglaubliches Glück haben, wenn uns der Täter in die Fänge geht. Vielleicht kommt er ja auch aus einem anderen County?“, merkt er an, lenkt aber dann doch ein. „Meinetwegen.“

Er sieht auf die Uhr. „Was brauchen die in der Gerichtsmedizin denn so lange?“ Jim kratzt sich am Kinn. „Ich hoffe, dieser Perverse hat Spuren an der Leiche hinterlassen… Möglicherweise haben wir ihn ja bereits in unserer Verbrecherkartei,“ setzt er fort. „Ich will, dass wir den schnellstens kriegen.“

 

„Dieses Schwein lässt die toten Frauen zurück wie eine leere Hülle. Ich frag mich die ganze Zeit, was er mit dem Fötus will?“, äußert sich Robert Manson.

„Du hast Recht.“, erwidere ich ihm. „Er nimmt den Tod der Frauen billigend in Kauf. Sie spielen keine Rolle für ihn. Es scheint ihm einzig und allein um das Ungeborene zu gehen.“, pflichte ich ihm bei.

Auch Jim nickt zustimmend, bevor er sich am Hinterkopf kratzt. „So einen Fall habe ich in meiner gesamten Dienstzeit noch nicht erlebt.“

Betretenes Schweigen im Raum.

Rosaria de Santos stößt mit dem Bericht der Gerichtsmedizin zu uns und übergibt ihn an Jim. Er öffnet die Akte, blättert die Seiten durch, überfliegt den Text. „Wir haben einen Namen: Die Tote ist Rebecca Woodward, 34 Jahre, ansonsten nichts, was wir nicht schon wussten.“

Er nickt Rosaria zu: „Danke, Rosa. Gute Arbeit.“

Dann blickt Jim von einem zum anderen und greift den Gedanken wieder auf: „Also, jemand ´ne Idee, was er mit den Embryos will?“

„Für ihn ist es vielleicht so eine Art Trophäe, ein Souvenir an die Tat?“, antwortet Hobbs.

„Also, dass so Einer Haare, Schmuck oder die Schuhe seines Opfers aufbewahrt, soll es ja schon gegeben haben, aber tote Babys? Da stellen sich mir die Haare auf.“, sagt Ramirez.

„Vielleicht handelt er im Auftrag. Kindesraub für betuchte Kinderlose?“, kommt mir in den Sinn.

Jim räuspert sich. Mein Gedanke ist ihm sichtlich zu phantastisch. Das kann ich ihm ansehen.

„Also, ich weiß nicht“, sagt er. „Andererseits… die stümperhafte Art und Weise, wie die Bauchdecke aufgeschnitten wurde, sagt mir, dass das kein Profi war. Meines Erachtens ist dieses Vorgehen äußerst riskant, falls der Embryo dabei am Leben bleiben soll…“

Er schüttelt den Kopf. „Nein, das hätte man in diesem Fall garantiert anders gemacht… mit einem Kaiserschnitt… von einem Arzt oder einer Krankenschwester ausgeführt… und irgendwo, wo es sicherer ist und man Zeit hat, um nicht entdeckt zu werden.“

„Es gehört schon einiges dazu, so etwas zu tun…“, beteiligt sich Robert Manson an unserem Gedankenaustausch.

„Was ist mit dir?“, spreche ich Sully an, der neben mir sitzt und sich bis jetzt noch nicht eingebracht hat.

„Ich denke im Gegensatz zu euch in eine ganz andere Richtung. Ich folgere, er tut es aus Hass. Hass kann ein wirklich starker Antrieb sein.“

„Aber wer und warum sollte jemand eine Frau so sehr hassen, ihr so etwas anzutun?“, fragt unser Jüngster.

Wir sehen zu ihm hin und denken wahrscheinlich gerade alle das gleiche: Er muss noch viel lernen.

Ich habe plötzlich eine Eingebung: „Vielleicht eine andere Frau…“.

„Eine Frau?!…“, gibt Hobbs ungläubig von sich.

„Ja, wieso eigentlich nicht?“, halte ich an meinem Gedanken fest.

„Eine Frau ist dazu doch körperlich gar nicht in der Lage.“, setzt Robert entgegen.

„Dann hat sie einen Komplizen, der ihr hilft…“, widerspreche ich ihm. „Vielleicht ist es eine, die selbst keine Kinder bekommen kann und sie sich auf diese Art und Weise holt…“

„Also, ich weiß nicht…“, schüttelt Jim mit dem Kopf.

„… oder sie hasst die Frauen dafür, dass sie schwanger sind, weil sie es nicht ist oder nicht werden kann. Sie gönnt ihnen dieses Glück nicht und zerstört es aus genau diesem Grund.“

You have finished the free preview. Would you like to read more?