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ODARA Zwischen Traum und Realität

Eine Science-Fiction Kurzgeschichte

von

Justin J. Kiecker

Odara - Zwischen Traum und Realität

1  Odara

2  Impressum

Odara

Das kleine Mädchen saß auf dem Rücksitz und zappelte mit den Beinen, während es konzentriert ein Spiel an ihrem Armband spielte. Holografische Figuren tanzten mitten im Fahrzeug projiziert herum. Eine Frau in Overall und dreckig von Maschinenöl, schwang einen Schraubenschlüssel und wies dem kleinen Mädchen den Weg durch ein Labyrinth.

»Folge diesem Pfad und mach die Mecha-Diebe fertig«, erklang die freundlich und deutliche Stimme der Mechanikerin in ihrem Kopf.

Das Mädchen wippte fröhlicher auf und ab und verkloppte einige gedrungene grauhäutige Goblins, die in ihren Rucksäcken gestohlene Maschinenteile trugen.

»Du hast es geschafft!« Sie hüpfte auf und jubelte laut.

»Wuhuuu!«.

Vorne auf dem Beifahrer Sitz wandte sich ihr Vater um.

»Odara! Sei bitte ein wenig ruhiger, ja. Deine Mutter muss sich auf die Straße konzentrieren.«

Sie konnten sich keines der selbst fahrenden Autos leisten, deshalb fuhren sie noch einen dieser alten Wasserstoff Fahrzeuge, mit manueller Steuerung.

Odara verstand davon eine Menge. Sie liebte Maschinen und ihr großes Ziel war es für ihre Eltern das beste Auto zu bauen. Dafür hatte sie angefangen alles aufzusaugen, was sie nur über den Bau von Maschinen in Erfahrung bringen konnte. Sie hatte da ihre eigenen Strategien, sich das Wissen anzueignen.

»Sorry, Papa«, meinte sie und fügte flüsternd an: »Entschuldige Mama…«

»Schon gut. Spiel ruhig weiter.« Ihre Mutter grinste lieb durch den Rückspiegel.

Odara beendete das Spiel und sah aus dem Fenster auf die vorbeiziehende Landschaft. Felder weit und breit. Ein paar Bäume und einsame glänzende Gebäude. Mit ihren Augen versuchte sie ihnen zu folgen und den Moment zu erfassen, in dem es aussah, als würden sie ganz langsam sein. Dann sah sie wieder nach vorne und merkte, dass die Bäume schneller an ihnen vorbei sausten. Sie liebte es sich darüber den Kopf zu zerbrechen, wie das möglich war. Auch der Effekt, dass der Mond, den sie weit entfernt sah, ihnen zu folgen schien. Bewegungsparallaxe nannte sich das. Das hatte sie einmal von einer Projektion erfahren.

Sie war sehr jung, aber unglaublich wissbegierig. Das hatte sie wohl von ihrer Mutter, genauso wie sie ihre dunkelbraune Hautfarbe von ihr erbte. Ihr Vater war etwas heller. Von ihm hatte sie lediglich das Haar. Bei ihr wuchs es nämlich nicht so kraus. Die schwarzen Haare fielen ihr einfach glatt vom Kopf, weshalb sie immer ein Band trug, um sie zusammen zu halten.

Ihre Augen waren besonders. Ihre Eltern wussten nicht woher sie diese seltene Mutation hatte. Es war ein unvergleichliches Glänzen, beinahe unrealistisch. Goldene Ringe die ihre dunklen Pupillen umgaben.

Plötzlich raste etwas an ihnen vorbei. Das Auto kam ins Schwanken. Odaras Mutter hatte Mühe das Lenkrad wieder in den Griff zu bekommen. Das Mädchen klammerte sich am Sitz und machte große Augen, hielt den Atem erschrocken an.

»Verdammtes Arschloch!!«, schimpfte ihre Mutter.

»Jay! Kein Fluchen!« Ihr Vater klang ernst.

»Es tut mir leid. Ist bei dir da hinten alles in Ordnung?«

Odara nickte. Noch immer aufgeregt.

»Warum nehmen die keine Rücksicht? So schnell zu fahren ist gefährlich für andere!«

»Ich weiß… Nur noch zwei Monate und wir können uns auch einen automatischen Wagen leisten, dann können wir besser ausweichen.«

»Darum geht es nicht«, meinte Jay. »Die Technologie macht die Leute rücksichtslos. Weil sie denken, dass sie sich diese teuren, supermodernen Maschinen leisten können, denken sie, dass es alle können…«

»Mama?«, unterbrach sie Odara.

»Ja, was ist Schätzchen?«

»Ich bau uns ein besseres Auto, okay?«

Jay musste grinsen. »Das ist lieb von dir. Da freue ich mich sehr drauf.«

Nach einem kurzen Moment der Ruhe machte der Vater einen Vorschlag: »Was haltet ihr davon, wenn wir verreisen? Irgendwo in die Natur, weg von den Autos und der Zivilisation?«

Jay atmete etwas angestrengt aus.

»Du weißt, ich würde das sehr gerne machen, aber es geht im Moment einfach nicht«, erklärte sie.

Odara sah ihre Eltern abwechselnd an. Da schoss wieder etwas an ihnen vorbei. Diesmal war es so knapp, dass ihre Mutter vollkommen die Kontrolle verlor. Das Auto kam ins Schleudern, rutschte von der Fahrbahn.

Ihr Vater brüllte. Odara sah wie sie auf die gegenüber liegende Strecke schlitterten und helle Lichter immer näher kamen. Es geschah alles in wenigen Sekunden, auch wenn es sich für die kleine Odara wie eine halbe Ewigkeit anfühlte. Wie in Zeitlupe, kaum greifbar und nicht zu verhindern was folgen sollte.

Die hellen Lichter entpuppten sich als autonomer Lastentransporter, der keine Ausweichroute berechnen konnte. Er rammte ihr Fahrzeug und schleuderte es zurück auf ihre Fahrbahn, wo es sich mehrmals überschlug und letztlich auf dem Dach zum liegen kam.

Flammen knisterten. Der Rahmen knackte. Es war eine merkwürdige Mischung aus der kühlen Nacht und der wallenden Hitze, die sich unaufhörlich verstärkte.

»Odara!« Jay kam zur Besinnung und befreite sich von ihrem Gurt. Angestrengt kletterte sie durch das zerborstene Fenster der verzogenen Autotür. Ihre Hose war an der Seite zerrissen. Eine längliche Wunde verlief ihr über das Bein. Ihr Gesicht von Glassplittern zerkratzt. Blut tropfte aus ihrer Nase. Die Airbags hatten zu spät reagiert.

Sie griff durch das Fenster beim Hintersitz und löste vorsichtig den Gurt von Odara, um sie gleich aufzufangen, damit sie nicht in den Splittern landete.

»Ich hab dich«, stöhnte sie und zog sie heraus.

Odara fasste sich am Kopf.

»Aua«, gab sie benommen von sich. Sie hatte noch nicht realisiert was genau passiert war.

Jay trug sie weit vom Auto weg und setzte sie am Straßenrand ab.

»Bleib hier«, meinte sie.

Nun nahm Odara die Verletzungen ihrer Mutter wahr.

»Mama«, stieß sie schockiert auf.

»Es ist nichts... Ich hole deinen Vater, dann wird alles gut! Bleib hier sitzen!«

Odara fasste sich ins Gesicht, weil es juckte. Eine Wunde lief knapp an ihrem linken Auge vorbei. Sie war zu schockiert, um zu weinen, zu benebelt von den Schmerzen, um zu jammern.

Alles was sie tun konnte, war dabei zusehen, wie ihre Mutter zum Auto rannte, das allmählich von den Flammen verzehrt wurde.

»Mama«, rief sie erneut. Eine Explosion. Das Auto löste sich in einen grellen Lichtblitz auf, gelbe und rote Wolken und schließlich nichts weiter als eine tiefschwarze Rauchsäule, die im Zwielicht in den Himmel aufstieg.

Für einen Moment war es wie am Tag gewesen. Als hätte die Sonne spontan entschieden den gewohnten Sonnenaufgang einfach ganz plötzlich zu überspringen und am Horizont aufzutauchen. Doch genauso schnell war es auch wieder vorbei.

Odara saß reglos da. Ihre goldenen Augen zitterten…

»Mama!! Papa!!«, weinte sie. Die Tränen kullerten ihre Wangen hinunter und tropften auf den Asphalt.

---

Sanft fielen die ersten goldenen Lichtstrahlen der Sonne auf die von Tau benetzten Getreidepflanzen. Sie waren noch grün, hatten aber schon die vollen Ähren ausgebildet. Feine borstenartige Haare wuchsen zwischen den Kornfächern in die Höhe, als streckten sich viele dünne lange Ärmchen gen Himmel. Ein lauter werdendes Surren durchbrach die Stille des Morgens, als eine große schwer anmutende Drohne elegant über das Feld schwebte und einen sanften Regen versprühte. Weitere solcher Drohnen machten sich an dem gesamten Feld zu schaffen und bewässerten es systematisch. Wie in einem Spiel zogen sie ihre Bahnen starr durch die Luft. Sie wirkten fast ausserirdisch, surreal, wie in einer Bearbeitung über die Felder gesetzt. Sie hatten allerdings auch etwas Graziöses, so wie sie sich bewegten. Magie musste im Spiel sein, wenn sich nicht eine komplexe Technologie dahinter verbergen würde.

In der Ferne schwangen gewaltige pinke Windräder ihre Rotoren. Einige Wälder lagen wild in der Nähe, aus dessen Richtung ein ganzer Vogelschwarm hörbar ein wundervolles Konzert zusammen zwitscherte. Ab und an waren auch ein paar Vögel zu sehen, wie sie ihre Positionen in den Ästen der alten Eichen wechselten.

Das Getreidefeld wurde von einem silbern glänzenden Rohr durchschnitten, das ebenso unwirklich wie die Drohnen erschien. Es zog sich ins Unendliche und trennte weitere Felder bis es bei einer großen Stadt endete, dessen Umrisse von Hochhäusern nur noch leicht bläulich zu erkennen waren. Daneben befand sich ein kleiner Weg, der dem Rohr stets folgte. Trocken und staubig. Teilweise matschig von der Bewässerung.

Hier fuhr Neru in einem kleinen Fahrzeug, in dem nur eine Person Platz hatte. Er war ein etwas in die Jahre gekommener Farmer, am Ende seiner Vierziger. Dafür sah er wesentlich Älter aus. Sein leicht faltiges Gesicht verriet, das ihn alte Sorgen prägten. Eine Narbe die kaum noch zu erkennen war, verlief ihm rechts seitlich beginnend von der Stirn über die Schläfe und endete kurz vor dem Ohr. Seine Nase war etwas krumm und sein dunkler kurzer und lückenhafter Bart hatte bereits einen weißen Anstrich bekommen. Sonst war sein Haar rötlich braun. Seine hellbraune Haut war klebrig vom Schweiß. Durch graugrüne Augen musterte er das Feld im vorbeifahren.

Plötzlich strich Neru mit seiner Hand über die Armlehne seines Sitzes und das Fahrzeug kam zum Stehen. Direkt am Weg war eine Stelle, ein drei-mal-drei Meter großer Flecken Feld, welcher nicht bewässert wurde. Die Pflanzen ließen ihre Köpfe mit dem nahrhaften Korn darin schlapp hängen. Er sprang aus dem Auto, das augenscheinlich kein Lenkrad besaß und lief hinüber, um es sich genauer anzusehen.

»Yele. Auf Feld AA30 wurde nicht gegossen. Kannst du das mal überprüfen?«, sprach er zu sich selbst. In seiner linken Pupille leuchtete es weißlich auf.

»Eine Drohne scheint defekt zu sein, ich kümmer mich drum«, kam die Antwort in seinem Kopf.

»Gut. Danach müssen wir uns darum kümmern das Feld E47 in Betrieb geht«, meinte er und das Leuchten aus seiner Pupille verschwand. Er schwang sich wieder in das Fahrzeug, wischte über die Armlehne und es setzte sich automatisch in Bewegung.

Neru fuhr immer weiter, bis das silberne Rohr dem er folgte auf ein großes Gebäude traf. Es sah aus wie ein gewaltiges Getreidesilo. Durch seine schiere Größe war es aus allen Richtungen gut zu erkennen. Rund herum befand sich eine weite unbewirtschaftete Fläche, die von drei weiteren Rohren in vier gleiche Quadrate gespalten wurde. In jeder Richtung verliefen auch diese endlos durch die umliegenden Felder.

Einige Maschinen surrten schwer beladen heran und dockten an das Silo, um ihren Inhalt abzuwerfen. Frisch geerntete Körner, von den ersten ausgereiften Roggenfeldern, rieselten ins Innere. Vollkommen automatisch, wurden sie daraufhin in die Rohre geleitet, um dann kilometerweit weg in Fabriken verarbeitet zu werden. Brot, Frühstückscerealien, einfach alles erdenkliche. Andere Drohnen kamen gerade an und setzten sich auf ihre zugewiesenen Raststationen. Sie standen im Freien, bis der Algorithmus ihnen wieder Arbeit zuteilte.

Neru und sein Sohn Yele mussten trotz all der Automatisation stets persönlich nachprüfen, ob auch alles richtig funktionierte. Das war ihr Job. Den ganzen Tag fuhr Neru raus und sah nach, ob alles bewässert wurde. Wenn nicht, dann war es an ihnen die Fehler zu beheben, damit das System perfekt weiter lief. Dafür lebten sie auf den unbewirtschafteten Quadraten, wo sich ihr Haus, mehrere Werkstätten und Schuppen befanden. Hier gab es alles was sie brauchten. Lebensmittel außer dem eigenen Korn wurden regelmäßig per Drohne aus der Stadt angeliefert.

Gerade hielt das Fahrzeug und Neru stieg aus dem bodennahen Sitz, da kam ihm eine Frau entgegen.

»Ey Neru. Die Drohnen für den neuen Sektor sind fertig. Soll ich euch bei dem Bewässerungsproblemchen helfen? Ist ja schon das dritte Mal diesen Monat.«

Sie war ende zwanzig und trug einen dunkelblauen Overall, von dem ihr einer der Gurte nicht richtig auf der Schulter saß. Darunter trug sie ein weißes Tanktop. Ihr schwarzes Haar war mit einem blauen Band nach hinten zusammengebunden. Von der Stirn wischte sie sich den Schweiß und stemmte die Hände wartend in die Hüften. Neben ihrem linken Auge hob sich eine dunkle Narbe von der braunen Haut ab und ihre goldenen Augen hatten alles genau im Blick. Es war als scanne sie ihre Umgebung nach allen möglichen Details. Neru wunderte es nicht. Was sie als Kind durchgemacht hatte, war nicht einfach gewesen. Sie hatte den Anspruch alles rechtzeitig zu sehen, um schnell reagieren zu können.

Er hustete, während er sich daran machte eine Kiste aus dem Fahrzeug zu hieven.

»Wenn es die selbe Drohne wie bei den letzten Malen ist, dann solltest du Yele definitiv dabei unterstützen. Ich hab noch etwas anderes im Schuppen zu erledigen«, meinte er und grinste breit, während er die Kiste auf eine Platte stellte, die einige Zentimeter über den ausgedorrten Boden schwebte.

»Das sind keine Bauteile für Drohnen. Woran baust du?« Sie musterte die Kiste genau.

Neru atmete schwer. »Ein eigenes Projekt. Geh Yele helfen, Goldie.«

»Please, Neru! Erzähl mir woran du baust! Was ist da drin? Es sieht schwer aus«, kam sie neugierig näher.

»Nicht heute, Odara. Ich muss in den Schuppen.«

»Du weißt, dass ich es herausfinden werde!«, drohte sie ihm mit erhobenen Zeigefinger. Er begann zu lachen. Es war ein herzhaftes Lachen, tief aus dem Bauch.

»Darauf wette ich«, grinste er noch breiter als zuvor. »Aber nicht heute!«

»Um wie viel wettest du?«, grinste sie zurück und sah ihn siegessicher an.

»Um ne Drohne«, gab er zurück, während er sich in Bewegung setzte und die Kiste ihm folgte.

Ihr Blick sprach Bände der Enttäuschung. »Dein Ernst jetzt?«

»Gut! Ich helf ja Yele! Aber ich werde es herausfinden!«, warf sie ihm hinterher, während er schon ein gutes Stück entfernt war. Sie blickte ihrem alternden Ziehvater noch kurz durch nachdenkliche Augen nach, dann wandte sie sich um und nahm die Werkstatt ins Visier.

Von Yele blickten zuerst nur die Füße unter der Drohne hervor. Es sah aus als sei die riesige Bewässerungsmaschine einfach auf ihm drauf gelandet. Tatsächlich hatte er sich durch die Außenhülle seinen Weg durch das Kabelgewirr gesucht.

Odara zögerte nicht lange und kitzelte ihn an den Waden, die unter seiner Hose hervorschauten.

»Hey!«, erklang es aus dem Inneren.

»Selber Hey!«, warf sie zurück. »Wie läufts?«

»Hm…«, kam es als ein eher weniger positives Seufzen heraus.

»Ist es die selbe Drohne wie die letzten beiden Male?« Stille. Wieder ein Seufzen. »Vielleicht…«

»Komm da raus, ich seh mir das an.«

»Wenn du mich hier rausziehst?«

Odara packte ihn an den Füßen und zog, bis seine Knie und letztlich sein Hintern hervorschauten, dann krabbelte er selbst weiter raus.

Yele sah Neru nicht ganz unähnlich. Er hatte so ziemlich alles von ihm geerbt. Die hellbraune Hautfarbe, die braun-rötlichen Haare und die graugrünen Augen. Seine Nase war jedoch nicht so krumm und bis auf etwas Dreck im Gesicht, hatte er keine auffälligen Merkmale, außer ein paar kaum erkennbare Sommersprossen.

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0+
Release date on Litres:
10 November 2024
Volume:
60 p. 1 illustration
ISBN:
9783753131580
Publishers:
Copyright Holder::
Bookwire
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