Read the book: «Kronprinz Wilhelm: Ein Hohenzoller auf Holzschuhen»

Die Autoren

John Dehé (rechts) studierte Niederländisch an der Universität von Amsterdam, war Niederländischlehrer in Purmerend und ist (Mit-)Autor zahlreicher Bücher und Artikel. Er schreibt hauptsächlich über die Regionalgeschichte von Waterland-Zaanstreek (Nordholland) und promovierte 2005 mit einer Arbeit über die Welt der Schleppboot-Schiffer und die ältesten öffentlichen Verkehrsmittel in Waterland. Sein neuestes Buch handelt von der Postzensur während des Ersten Weltkriegs.
Paul von Wolzogen Kühr studierte ebenfalls Niederländisch an der Universität Amsterdam, war Niederländischlehrer in Purmerend und später an der Europäischen Schule in Brüssel. Von 2008 bis zu seiner Pensionierung arbeitete er als Literaturexperte am Masterstudiengang der Hogeschool van Amsterdam.
John Dehé / Paul von Wolzogen Kühr
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Umschlagabbildung: Kronprinz Wilhelm im Wieringer Exil – auf Holzschuhen, inmitten einer Schar von Kindern, 23. März 1919 (Foto: unbekannt, Privatsammlung).
1. Auflage 2022
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-041022-0
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-041023-7
epub: ISBN 978-3-17-041024-4
Inhaltsverzeichnis
1 Vorwort
2 Paul Moeyes
3 Einführung
4 1 Der Kronprinz, 1882–1918
5 2 Verbannung auf Wieringen, 1918–1923
6 3 Der Ex-Kronprinz, 1923–1951
7 4 Der Hohenzollern-Streit
8 Unser letztes Wort
9 Anmerkungen
10 Literaturverzeichnis
11 Quellenverzeichnis
12 Abbildungsverzeichnis
13 Namensregister
Vorwort
Paul Moeyes
Es war eine besondere Woche, diese zweite Novemberwoche 1918. Mehr als vier Jahre lang hatten die Niederlande es geschafft, sich aus dem Ersten Weltkrieg herauszuhalten – aber in der zweiten Novemberwoche schien alles schief zu gehen. Der Revolutionsgeist erfasste das ganze Land. Der sozialistische Führer Pieter Jelles Troelstra erklärte, die russische Arbeiterrevolution sei nun von Deutschland auf die Niederlande übergesprungen, und forderte die Regierung auf, ihm die Macht zu übertragen, um Blutvergießen zu vermeiden. Inmitten dieser innerstaatlichen Unruhen traten – im wahrsten Sinne des Wortes – auch zwei ausländische ›Problemfälle‹ auf. Am frühen Morgen des 10. November floh der deutsche Kaiser Wilhelm II. über die niederländische Grenze. Deutschland war im Begriff, den Krieg zu verlieren, und der ehemalige Oberste Kriegsherr suchte vor dem Hintergrund der Novemberrevolution und immer lauter erhobenen Forderungen nach seiner Abdankung nach einem sicheren Hafen in den neutralen Niederlanden. Am folgenden Tag beendete der Waffenstillstand den Ersten Weltkrieg. Einen weiteren Tag später, am Dienstagmorgen, dem 12. November, kam auch Kronprinz Wilhelm, der Sohn des Kaisers, in die Niederlande. »Er sah fröhlich und glücklich aus wie ein Ertrinkender, der gerade aus dem Wasser gerettet wurde«,1 berichtete der Tilburgsche Courant.
Die niederländische Regierung hingegen war über die Ankunft von Vater und Sohn Hohenzollern alles andere als erfreut. Der Kaiser und Kronprinz waren seit vier Jahren das Ziel alliierter Propaganda und wurden als Kriegsverbrecher und skrupellose Mörder gebrandmarkt. Die Niederlande würden sich international nicht beliebt machen, wenn sie diesen »Volksfeinden« Unterschlupf gewähren würden. Nach sorgfältiger Prüfung entschied man jedoch, dass die Niederlande nicht von der völkerrechtlichen Position abweichen dürften, die sie in den Kriegsjahren eingenommen hatten: Kriegsflüchtlinge wurden ohne Rücksicht auf die Person aufgenommen.
Die internationale Presse widmete dem Thema große Aufmerksamkeit. Die wildesten Gerüchte kursierten. In Frankreich wurde behauptet, der Kaiser würde genau wie einst Napoleon auf die Insel St. Helena verbannt. Die Franzosen fühlten sich in ihrer nationalen Ehre zutiefst gekränkt: »Das wollen wir nicht. Wir haben diese Schande nicht verdient; der gefallene Kaiser hat kein Recht, mit dem anderen, unserem, verglichen zu werden«,2 schrieb eine empörte französische Zeitung. Die niederländische Regierung entschied, dass der Ex-Kaiser und sein Sohn so bald wie möglich aus der Öffentlichkeit verschwinden sollten, auf dass sich das internationale Interesse schnell lege. Am 11. November wurde Wilhelm II. in das abgelegene Schloss Amerongen geschickt. Anfangs sollte er nur drei Tage als Gast des Grafen Bentinck und seiner Familie bleiben; am Ende waren es anderthalb Jahre, die er dort verbrachte.
Kronprinz Wilhelm war auf seiner »eigenen St. Helena« untergebracht: der Insel Wieringen. Eine andere Welt würde sich für den 36-jährigen Prinzen öffnen, der sein Leben in Luxus und Wohlstand verbracht hatte: »Wenn es die Absicht gewesen war, für den Wohnsitz des ehemaligen Kronprinzen einen völlig trostlosen, vom Rest der Welt abgeschiedenen Ort zu wählen, dann hat man mit der Insel Wieringen sicherlich eine gute Wahl getroffen«, berichtete der Nieuwe Tilburgsche Courant mit offensichtlicher Zustimmung.3 Es war sicherlich Absicht, dass die niederländische Regierung dem Kronprinzen keinen luxuriösen Wohnsitz zuwies. Die kritische in- und ausländische Presse sollte mit eigenen Augen sehen, dass der Prinz sein Exil statt im Luxus in den bescheidenen Verhältnissen der Insel Wieringen verbringen musste. Tatsächlich war das Pfarrhaus – auf Niederländisch Pastorie genannt –, in dem er untergebracht war, so dürftig eingerichtet, dass Wilhelm erst ein gewöhnliches Bad nehmen konnte, nachdem er eine Badewanne vom Festland hatte bringen lassen. Die Badewanne ist in einem Cartoon des niederländischen Künstlers Johan Braakensiek vom November 1918 zu sehen (
Abb. 28).
Dieses Buch erzählt die Geschichte des kulturellen Konflikts zwischen dem dekadenten deutschen Kronprinzen und den einfachen Fischern. Es zeichnet ein Bild der Lebensumstände, der Ausbildung und der Charakterbildung eines jungen Mannes, der glaubte, er sei dazu bestimmt, Kaiser von Deutschland zu werden. Es beschreibt seine Aktivitäten und Erfahrungen während des Ersten Weltkriegs und die Aufzeichnungen, die er davon in seinen Erinnerungen gemacht hat. Vor allem aber zeichnet es ein eindrucksvolles Bild von seinem Exil auf Wieringen: wie er sich bemühte, sich bei der Bevölkerung beliebt zu machen, und wie ihm dieses Vorhaben zumindest teilweise gelungen ist. Teilweise, denn Wilhelm pflegte einen recht extravaganten Lebensstil, der von Zeit zu Zeit direkt mit niederländischen Normen und Werten kollidierte und sogar in Den Haag Emotionen weckte: »Das ist ein feiner Herr! Er lässt sogar Frauen nach Wieringen kommen. Im deutschen Hauptquartier muss es bei ihm immer ein Schweinestall gewesen sein«,4 schrieb der katholische Arbeitsminister P. J. M. Aalberse – zweifellos kopfschüttelnd – im Dezember 1918 in sein Tagebuch. Und dann gab es noch Wilhelms politische Ambitionen, die stark darauf hindeuten, dass er Wieringen eher als sein Elba als sein St. Helena betrachtete. Was aus diesen Ambitionen wurde, wird in den letzten Kapiteln erzählt.
Kronprinz Wilhelm: Ein Hohenzoller auf Holzschuhen ist eine petite histoire eines vielleicht nicht sehr beeindruckenden Mannes in einer vielleicht nicht sehr ansprechenden Umgebung. Aber die Kombination des Kronprinzen und der Insel liefert eine schöne Geschichte, die nicht nur in diesem Buch erzählt, sondern auch farbenfroh illustriert wird. Und es spielt keine Rolle, dass Wilhelm kein dominanter Monarch, großer General oder begabter Staatsmann war. Wie die Autoren treffend sagen, er war »umstritten, und deshalb faszinierend«.
Einführung
Im Jahre 2013 veröffentlichte das Wieringer Eilandmuseum Jan Lont Wilhelm, kroonprins van Duitsland, Wieringer 1918–1923 (»Wilhelm, Kronprinz von Deutschland, Wieringer 1918–1923«). Das Büchlein war schnell ausverkauft und als wir beschlossen, die Geschichte des Kronprinzen nochmals nachzuzeichnen, wurde schnell klar, dass es sich dieses Mal nicht um ein Büchlein, sondern um ein Buch handeln würde – ein Buch mit vielen Bildern, um die Geschichte noch lebendiger zu machen.
Der Kronprinz war ein Mann mit vielen Gesichtern. Als er auf Wieringen ankam, war er berüchtigt als »der lachende Mörder von Verdun« – ein Augenzeuge will gesehen haben, dass das »Blut noch auf seinem Mantel« klebte.1 Er hatte außerdem einen zweifelhaften Ruf in Bezug auf seinen Umgang mit Frauen. Seine Ankunft auf Wieringen, aber auch seine Abreise sorgten für (inter-)nationale Aufregung. Als er 1923 die Insel verließ, bedauerten das die meisten Wieringer. Der Kronprinz hatte sich insgesamt als guter Nachbar herausgestellt. Diese Meinung änderte sich freilich später, als er mit den Nazis sympathisierte.
Der Kronprinz selbst schreibt seinen schlechten Ruf der Propaganda der Alliierten zu. Man neigt dazu, das zu glauben, und seine Feinde werden sicherlich zu seinem Image beigetragen haben – bis man die Geschichten über seine Exzesse und das Fehlverhalten der deutschen Truppen in Belgien und Frankreich gelesen hat. Was seinen Ruf als unermüdlicher Don Juan angeht, machte der Kronprinz kaum oder gar keinen Versuch, zu widersprechen. Er muss eingesehen haben, dass eine Korrektur dieses Bildes unmöglich war.
In Studien, Briefen, Tagebüchern, Romanen, Magazinen und Zeitungen wurde viel über den Kronprinzen geschrieben. Er wird in vielen Aufzeichnungen erwähnt, die jetzt Archivdokumente sind. Mit seinen Erinnerungen leistete auch er selbst – durch einen Ghostwriter – einen bedeutenden Beitrag zur Überlieferung seiner eigenen Lebensgeschichte. Diese Quellen haben einen sehr unterschiedlichen Charakter, manche rücken den Prinzen in gutes Licht, andere verlieren kein gutes Wort über ihn. Wir haben all dieses Material dankbar herangezogen – es zitiert, paraphrasiert und kombiniert sowie um unsere eigenen Kommentare und die anderer ergänzt.
Im Hauptteil des Buchs bleibt unsere persönliche Meinung über den Kronprinzen im Hintergrund, weil wir die Quellen für sich selbst sprechen lassen wollen, wenngleich wir es als unsere Pflicht ansahen, hier und da bereits einige Kommentare zu seinen Handlungen einzuflechten. Im Schlusskapitel (
Unser letztes Wort) verlassen wir die strenge Sachlichkeit unserer Quellen und den neutralen Ton des Buches, weil wir der Meinung waren, dass bestimmte Passagen nicht unkommentiert bleiben dürfen.
Wir hoffen, dass wir mit diesem Buch die vielen Gesichter des Kronprinzen zeigen und die relativ unbekannte Zeit seines Exils auf Wieringen einer breiteren Öffentlichkeit näher bringen können. Wir möchten uns bei allen bedanken, die zur Realisierung beigetragen haben. Besonderer Dank gilt Rob Holtjer und Kees van der Sluijs für seine Bemühungen und wertvollen Ergänzungen, genau wie Paul Moeyes, der uns beraten und unterstützt hat.
Zur deutschen Ausgabe
Aufgrund der vielen positiven Reaktionen auf unser Buch Wilhelm – een omstreden Eilandgast in den Niederlanden – die erste Ausgabe war innerhalb eines Jahres ausverkauft – haben wir uns für eine deutsche Sonderausgabe entschieden. Der Inhalt des Buches wurde behutsam an den unterschiedlichen Kenntnisstand und die unterschiedliche Interessenlage der Leser angepasst. So wurde für die deutsche Version etwa ein Kapitel über die jüngste Diskussion über die Rückgabe enteigneter Besitztümer der Hohenzollern ergänzt. Zitate aus niederländischen Quellen wurden für die deutsche Ausgabe von den Autoren übersetzt.
Kurzer Überblick über die Kapitel
Kapitel 1: Der Kronprinz, 1882–1918
Ein Porträt des Kronprinzen muss mit seiner Jugend anfangen, seiner Ausbildung im In- und Ausland, den Erfahrungen, die er dort gesammelt hat, den ersten Liebesaffären.
Als der Erste Weltkrieg 1914 ausbrach, versuchten die Niederlande, sich aus dem Krieg herauszuhalten. Auch wenn dies gelang, bekamen die Niederlande den Krieg zu spüren. Mobilisierung, Nahrungsmittelknappheit, die Ankunft vieler Flüchtlinge, Unsicherheit auf See und die Rationierung aller Arten von Nahrungsmitteln haben das Leben für vier Jahre verändert – auch auf Wieringen.
1918 flohen dann der deutsche Kaiser und sein Sohn in die »sicheren« Niederlande. Dieses Kapitel gibt einen Überblick über den militärischen und politischen Hintergrund und das Chaos in Deutschland. Auch die Flucht des Kronprinzen selbst wird ausführlich besprochen. Das Bild, das wir während des Ersten Weltkriegs vom Kronprinzen bekommen, ist weitgehend von alliierter Propaganda geprägt. Propaganda als Waffe im Kampf wird in diesem Kapitel ausführlich behandelt und mit zahlreichen Bildern illustriert.
Kapitel 2: Verbannung auf Wieringen, 1918–1923
Dieses Kapitel beschreibt die Ankunft des Kronprinzen auf Wieringen und seinen Aufenthalt dort. Er selbst erzählt davon in seinen Erinnerungen, daneben gibt es die Berichte zahlreicher Journalisten, die die Insel besuchten. Wir lesen, wie er das Vertrauen der Menschen auf der Insel gewinnt, seine Zeit verbringt, Freunde findet und ins Gerede kommt.
In England, aber insbesondere in Frankreich wurde die Auslieferung des Kronprinzen gefordert, den man als Kriegsverbrecher ansah. Die niederländische Regierung weigerte sich. Mithilfe von Freunden startete der Kronprinz eine Charmeoffensive, um seine Rückkehr nach Deutschland zu ermöglichen. Das Verfassen seiner Erinnerungen war Teil davon.
In einer heimlich vorbereiteten Aktion »floh« der Kronprinz im November 1923 nach Deutschland, sehr zum Zorn des Kaisers und der alliierten Mächte. In den Niederlanden waren die Meinungen geteilt. Auf Wieringen hatte man das Gefühl, dass der Frieden zurückgekehrt war. Zwar hatte der Kronprinz Wieringen im November 1923 verlassen, aber er würde in den folgenden Jahren nicht vergessen werden. Er kam einige Male auf die Insel zurück, Bücher über ihn wurden veröffentlicht, sogar ein Musical war ihm gewidmet. Zudem führte eine Diskussion über ein »Kronprinzenmuseum« zu erheblichen Spaltungen auf der Insel.
Kapitel 3: Der Ex-Kronprinz, 1923–1951
Obwohl der Kronprinz versprochen hatte, Abstand zur Politik zu halten, engagierte er sich bald nach seiner Rückkehr nach Deutschland wieder. Die Monarchisten sahen in ihm den idealen Reichspräsidenten. Zuerst hoffte er auf Unterstützung der Nazis, um die Monarchie wiederherzustellen, aber dieses Ziel blieb unerreichbar. Desillusioniert zog er sich in ein einfaches Haus in Hechingen zurück, wo er einsam starb.
Kapitel 4: Der Hohenzollern-Streit
In den letzten Jahren hat die Gemüter erhitzt, dass die Hohenzollern seit der Wiedervereinigung weitgehend hinter verschlossenen Türen mit dem deutschen Staat über die Rückgabe des Familienbesitzes verhandeln, der nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg insbesondere in der DDR enteignet worden war. Dreh- und Angelpunkt der juristischen Sachlage ist dabei die Frage, ob Familienmitglieder dem nationalsozialistischen oder dem kommunistischen System »erheblichen Vorschub« geleistet haben. Wäre das der Fall, kann die Rückerstattung verweigert werden. Ausschlaggebend dafür ist die Rolle, die der Kronprinz im Vorfeld und während des Zweiten Weltkriegs spielte – insbesondere die Zeit nach dem Tod des Kaisers 1941, in der Wilhelm auch offiziell das Familienoberhaupt war. Die Meinungen darüber, wie seine Rolle einzuschätzen ist, sind tief gespalten.
1 Der Kronprinz, 1882–1918
Das Elternhaus
Wilhelm wurde am 6. Mai 1882 als erster Sohn des letzten deutschen Kaisers geboren. Ein Kronprinz, der die Krone nicht mehr erlangen würde, entbehrt nicht einer gewissen Tragik. Dazu bestimmt, seinem Vater auf dem Thron zu folgen und einer der mächtigsten Männer seiner Zeit zu werden, erwies sich Wilhelm als unfähig, mit den Mächten und Kräften umzugehen, die das frühe 20. Jahrhundert prägen würden. Sein Leben würde zu einer Reihe von Widersprüchen werden, die ihn in vielerlei Hinsicht charakterisieren. Er erhielt eine liebevolle Erziehung von seiner Mutter, aber beim Vater stieß er nur auf kalte Distanz; er wuchs am Hof in Berlin und im nahegelegenen Potsdam mit aller Pracht und Pomp auf, doch nach dem Krieg verschlug es ihn fünf lange Jahre unter schlechten Bedingungen auf eine unbekannte Insel in der Zuidersee in den Niederlanden; er war Oberbefehlshaber der Armee, hatte aber keinerlei Autorität. Seine Jugend voller Ehrgeiz und den strahlendsten Aussichten würde im Alter in eine relativ hoffnungslosen Existenz münden. Trotz seiner Stellung qua Geburt schreckte er nicht davor zurück, brüderlich mit dem einfachen Mann auf Tuchfühlung zu gehen. In Berlin genoss er an seinem Hochzeitstag einen ruhmvollen Umzug, bei dem er vom massenhaft zusammengeströmten Volk und Soldaten seiner eigenen Kompanie begrüßt wurde – aber nur Jahre später führte er, beschimpft und verspottet, nur von einer Handvoll Getreuer unterstützt, ein desillusioniertes Leben.
Friedrich Wilhelm Viktor August Ernst von Hohenzollern, wie sein voller Name lautete, wuchs im Neuen Palais im Park von Sanssouci in Potsdam auf. Dort hatte er eine unbeschwerte Kindheit mit seinen fünf Brüdern und seiner Schwester. Er wurde hauptsächlich von seiner Mutter erzogen, Auguste Victoria, Prinzessin zu Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg (geb. Dolzig, 22. Oktober 1858 – gest. Doorn/Niederlande, 11. April 1921). Sie war in bescheidenem bürgerlichen Umfeld aufgewachsen, nachdem ihre Familie in der Folge des Schleswig-Holstein-Aufstands gegen die dänische Herrschaft 1866 nach Thüringen verbannt worden war. Sie besaß eine starke soziale Ader und Wilhelms Beziehung zu seiner Mutter war stets liebevoll. Sie war eine Frau mit »preußischem Pflichtgefühl«, wie Wilhelm-Biograf Ries sagt, und anfangs hatte sie nur wenig politisches Interesse.
Gewiß, im Vergleich zu ihren Vorgängerinnen auf dem Thron war Auguste Victoria kein politischer Mensch. Dazu fehlte es ihr an Geschmeidigkeit und wohl auch an Übersicht. Darüber hinaus war ihrem Wesen die Fähigkeit zur Intrige fremd, welche die Politik der Wilhelminischen Ära mehr bestimmte, als es dem Staate guttat.1
Ihr Hauptanliegen war die Familie, vor allem ihr psychisch angeschlagener Ehemann, den sie gerade wegen seiner Schwächen und Mängel liebte. Wo ihr Mann den Kontakt mit seinen Kindern zu kurz kommen ließ, versuchte sie, dies zu kompensieren. Wilhelm konnte sich immer an sie wenden, wenn er wieder einmal mit seinem Vater aneinandergeriet oder vergeblich auf eine Antwort von ihm wartete. Die Kaiserin schaffte es regelmäßig, Konflikte zwischen ihrem Ehemann und seinem ältesten Sohn zu befrieden. Prinz Wilhelm schreibt in seinen Erinnerungen:
Der Mittelpunkt für uns Kinder war, seit ich denken kann, unsere geliebte Mutter. Von ihr ist Liebe und ist Wärme ausgegangen und zu uns gekommen. Was auch jemals unsere jungen Herzen an Freude oder Leid bewegen mochte, sie hat Verstehen und ein Mitschwingen und Mitempfinden dafür gehabt. Alles Beste unserer Kindheit, nein mehr: alles Beste an dem, was Elternhaus und Familie nur geben können, danken wie ihr. (Er. 3)
Prinz Wilhelms Vater, Friedrich Wilhelm Viktor Albert von Preußen (geb. Potsdam, 27. Januar 1859 – gest. Doorn/Niederlande, 4. Juni 1941) aus dem Hause Hohenzollern, war als Wilhelm II. der letzte deutsche Kaiser und König von Preußen. Er war ein Mann mit vielen Talenten und ebenso vielen Mängeln. Aufgrund einer Steißlage im Mutterleib war er mit einem verkümmerten linken Arm zur Welt gekommen, was ihm auch psychische Probleme bereitete. Er war ein schneller Denker und ein begabter Redner, aber auch ungeduldig, eitel, impulsiv und taktlos. Zudem entbehrte er jeglicher Menschenkenntnis.
Zwischen dem Kronprinzen und seinem Vater bestand von Anfang an eine große Distanz – was größtenteils die Schuld des Kaisers war. Wenn Prinz Wilhelm auf seine Kindheit zurückblickt, kann er sich nicht daran erinnern, dass sein Vater jemals anwesend war, als er mit seinen Brüdern spielte. Neben seiner Mutter waren Heimlehrern und Erziehern für Wilhelms Ausbildung zuständig. Diese fungierten, wie er es nannte, als ein »System von Dritten« (Er. 10), das den Kaiser über seinen Sohn informierte. Selbst für Kleinigkeiten, bei denen ein einziges väterliches Wort gereicht hätte, griff man auf Vermittler zurück. Ein direkter Kontakt bestand nicht, vor allem wohl deshalb, weil der Kaiser an einem persönlichen Meinungsaustausch mit seinem Sohn einfach kein Interesse hatte. Im Vermeiden von Kontakt konnte er sehr weit gehen.
In Bezug auf uns Söhne also kam es, als wir erst militärischen Rang bekleideten, dazu, daß der Kaiser mit uns im allgemeinen durch den General von Plessen verkehrte, und wir erhielten sogar gelegentlich wegen recht harmloser Dinge rein persönlicher Art Kabinettsorder zugestellt. […] Alles, was ich sprach oder tat, wurde ihm geschäftig zugetragen, und ich war damals jung und unbekümmert und habe so sicher manches unbedachte Wort gesprochen und manchen unbedachten Schritt getan. (Er. 10)
Um sich einzuschmeicheln, berichteten die »Vermittler« eifrig auch jeden noch so kleinen Fehltritt des jungen Wilhelm an den Kaiser, sodass sich die Beziehung zwischen Vater und Sohn stetig verschlechterte.