Read the book: «Option Färöer - Ein Färöer-Krimi»
Jógvan Isaksen
Option Färöer - Ein Färöer-Krimi
Saga
Option Färöer - Ein Färöer-Krimi ÜbersetztChristel Hildebrandt Copyright © , 2019 Jógvan Isaksen und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726344103
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.
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Einsam und kalt und grauer Oktober, fern die Flügelschläge der Zugvögel bringen eine Botschaft ob von Liebe, Gesang und Sonne, der Oktober herrscht, es gibt keinen Schimmer, keine Hoffnung.
(J. H. O. Djurhuus)
Präludium
Henry Mancini. Der Nachrichtensprecher war sich ganz sicher, dass es Henry Mancini mit seinem Orchester war. Wenn der betagte Mitarbeiter aus dem Norden für die Mittagsmusik verantwortlich war, stand fast immer Mancini auf dem Programm. Nur falls er übermütiger Laune war, ertönte James Last im ganzen Land. Wenn seine Stimmung jedoch auf den Nullpunkt sank, gab es kein Pardon; klassische Musik bis zum Abwinken. Und sobald er Strawinsky auflegte, wussten alle: Es kamen schwere Zeiten. Dann schien es, als brächen die Mittagstische zusammen und alle Gespräche erstarben.
So hatte dieser Mann, der einen harten Dialekt sprach, die färöische Bevölkerung seit einem Menschenalter mit fester Hand gelenkt. Niemand konnte sich daran erinnern, dass es jemals anders gewesen war, und niemand rechnete damit, dass es sich je ändern würde. Die Mittagsmusik des Radiosenders war so gesetzmäßig wie das Wetter: Man konnte nichts daran ändern, sie lag außerhalb des menschlichen Einflusses.
Der Nachrichtensprecher saß am grünen Tisch und blätterte die Meldungen durch, die er gleich vorlesen sollte. Das Meiste waren Übersetzungen aus der dänischen Presseagentur, aber schließlich war die Redaktion unterbesetzt und es somit unmöglich, für jede Sendung originelle Nachrichten zu bekommen. Aber etwas Färöisches gab es doch. Ja, da. Ein Mann aus Eiði war 101 Jahr alt geworden und der Gemeinderat gab ein Fest. Das war doch eine gute Nachricht.
Der Werbeblock war länger als die Nachrichten, aber der Sender verdiente nun einmal gut damit, also durfte man sich nicht beschweren. Er stieß die Papiere zu einem ordentlichen Stapel mit schnurgeraden Kanten auf. Er hatte gern Ordnung in seinen Papieren und überhaupt um sich herum.
Er schaute auf das schwarze Mikrofon und die rote Lampe. Wenn die Lampe leuchtete, war er auf Sendung. Der Techniker auf der anderen Seite der großen Glasscheibe hob die Hand, bereit, sie fallen zu lassen, wenn die Uhr zwanzig Minuten nach zwölf zeigte. Die Leute regten sich ständig darüber auf, dass die Nachrichten nicht pünktlich begannen. Dieses Mal sollte es klappen.
Noch fünfzehn Sekunden, der Sprecher nahm einen Schluck Wasser, um seine Kehle zu säubern. Das Wasser hatte einen bitteren Geschmack und der Magen revoltierte, als es hinunterrann. Der Schmerz kam umgehend, sodass er sich über dem Tisch zusammenkrümmte und das Glas losließ, dessen Inhalt sich über die weißen Nachrichtenblätter ergoss.
Der Techniker schaute unverwandt auf die Uhr und sah nicht, was im Studio vor sich ging. Um Punkt zwanzig Minuten nach zwölf schaltete er das Mikrofon ein.
Der Sprecher hatte rasende Kopfschmerzen und ihm war speiübel. Er bekam keine Luft, stöhnte und keuchte, etwas erwürgte ihn.
Der Techniker und die färöische Bevölkerung hörten zunächst ein Röcheln und Stöhnen aus den Lautsprechern und dann das Geräusch eines Menschen, der sich übergibt.
Der Moderator lag über dem schmalen Tisch und umklammerte mit beiden Händen die gegenüberliegende Tischkante. Er war rot im Gesicht, und während sein Körper von Krämpfen geschüttelt wurde, öffnete und schloss er den Mund wie ein Fisch, der an Land geworfen worden war.
An einigen Mittagstischen blieben die Gabeln in der Luft stehen, aber nur für einen kurzen Moment, dann wurden die unappetitlichen Geräusche mit der Bemerkung beiseitegeschoben, dass er dieses Mal aber wirklich zu viel getrunken hätte. Jetzt war es allerhöchste Zeit, ihn zur Entziehungskur in die Klinik von Velbastaður zu schicken.
Als der Techniker ins Studio kam, lag der Körper des Nachrichtensprechers bewegungslos über dem Tisch. Nur die Arme, die herunterhingen, schaukelten leise hin und her. Und als der Techniker sich über das Gesicht mit den aufgerissenen Augen beugte, war ihm, als nehme er den Geruch von Mandeln wahr.
1
Der Rundfunkmitarbeiter Páll Hansen hatte in einem der hellroten Reihenhäuser in Berjabrekka gewohnt. Der Name an sich war ja nicht schlimm, aber es gab keinen Skandal und kein Unglück, das einer Baustelle zustoßen kann und das diese neuen Reihenhäuser nicht betroffen hätte. Wie üblich trug niemand die Schuld. Die Verantwortung wurde in einem ewigen Kreislauf von Pontius zu Pilatus und wieder zurück geschoben und die Besitzer der Häuser waren die Betrogenen.
Jetzt saß ich in meinem frisch erworbenen alten Volvo vor Hansens Haus und versuchte, mit mir selbst einig zu werden, inwieweit ich mich schämen müsste, wenn ich mich an Páll Hansens Witwe wenden würde, die Frau des früheren Journalisten beim färöischen Rundfunk.
Die Oktoberkälte kam langsam von den Bergen im Norden heruntergekrochen und harmonierte ausgezeichnet mit den Gefühlen, die in mir aufschwappten. Frierend und mit einer Antriebskraft, die nicht einmal die Zeiger einer Uhr bewegen würde, saß ich da und starrte vor mich hin. Ich dachte über existenzielle Fragen nach. Wo kommen wir her? Warum sind wir hier? Und wohin werden wir ziehen? Aber das dauerte nur einen kurzen Augenblick, denn ich kannte mich selbst gut genug, um zu wissen, dass sich, wenn ich einmal damit anfangen würde, an der Oberfläche der großen Fragen des Daseins zu kratzen, der Kater nur verschlimmern würde.
Ich schaute auf die Uhr. Kurz vor elf.
Am Samstagabend war ich in der Stadt gewesen, und den Sonntag hatte ich, wie so oft, im Bierclub vertan. Genau diese Handlungen begannen jetzt, meine Gedanken zu dominieren.
Aber dabei konnte ich nicht stehen bleiben und mit meiner reichhaltigen Erfahrung als Therapeut konnte ich die diversen Katzentiere beiseiteschieben.
Montagmorgen, kalt, bewölkt, aber trocken.
Páll Hansen war vor vierzehn Tagen vor eingeschaltetem Mikrofon gestorben. Das ganze Land war in heller Aufregung gewesen. Schließlich geschah es nicht alle Tage, dass man bei einem Mord zuhörte. Diese unangenehme Begebenheit verschaffte den Leuten einen wohligen Schauer. Endlich gab es etwas, was man gemeinsam hatte, und wenn die Leute zusammenkamen, war oft die Rede davon, was sie sich gedacht hatten, als sie die merkwürdigen Geräusche im Radio hörten.
Die Polizei stand vor einem Rätsel.
Mein Freund beim Kriminalkommissariat, Karl Olsen, hatte mir erzählt, dass der Sprecher mit Blausäure vergiftet worden war. Dass sie keine Ahnung hatten, wie diese ins Glas gekommen war oder wer sie dort hineingekippt hatte. Auf den Fluren des Senders liefen ständig Leute hin und her, deshalb mussten viele Verhöre durchgeführt werden. Mehr bekam ich nicht aus ihm heraus. Ich hatte auch das Gefühl, dass die Polizei gar nicht mehr wusste.
Meine Gründe herumzuschnüffeln waren ganz persönlicher Natur. Vor zwei Monaten war ich nach langer Zeit im Ausland wieder zurück auf die Färöer gezogen. Ich arbeitete als Freelancer beim Blaðið und wurde nach dem Stoff bezahlt, den ich ablieferte. Aus Themen, über die andere viel besser als ich Bescheid wussten, konnte ich nichts herausholen, aber wenn es sich um einen Mord handelte, bei dem die Polizei im Dunkeln tappte, hatte ich die gleichen Chancen wie alle anderen. Das bildete ich mir jedenfalls ein.
Im Übrigen hatte ich Páll gekannt, vor ungefähr fünfzehn Jahren besuchten wir gemeinsam die Journalistenhochschule in Århus.
Der Unterschied zwischen uns beiden, abgesehen von den drei Jahren, die Páll jünger war, bestand darin, dass er seine Ausbildung beendete, was ich nicht tat. Seitdem hatte ich mich in großen Teilen der Welt herumgetrieben, während Páll versucht hatte, sich in der färöischen Gesellschaft hochzuarbeiten.
Ich stieg aus dem Auto und ging zu einer Tür, an der ein selbst gemachtes hellblaues Porzellanschild sagte, dass hier Kirstin und Páll Hansen wohnten.
Ich drückte auf den Klingelknopf und hörte es im Haus klingeln.
Eine ganze Weile geschah gar nichts und ich wollte es gerade noch einmal versuchen, als die Tür einen Spalt breit geöffnet wurde.
Zwei erschrockene graue Augen schauten zu mir heraus.
»Wer sind Sie?«, fragte eine zitternde Stimme.
»Mein Name ist Hannis Martinsson, ich habe Páll gekannt.« Ich hielt es nicht für angebracht, schon jetzt das Blaðið zu erwähnen.
Der Türspalt wurde ein wenig größer und ich sah eine schmächtige Frau in den Dreißigern. Das glatte Haar hing strähnig und leblos herunter und die Ohren stachen dazwischen hervor. Das Weiße in ihren Augen war hellrot, das Gesicht streifig von Tränen. Der geblümte Kittel sah aus, als sei er seit einer Woche nicht gewaschen worden. Die ganze Erscheinung wirkte verwahrlost und erzählte davon, wie schnell jemand von einem gestandenen Mitglied der Gesellschaft zum Verlierer werden kann.
»Ich weiß nicht ...«, kam es zögernd aus dem erschrockenen Gesicht, aber sie schloss die Tür nicht.
»Páll und ich haben zusammen in Århus studiert, vielleicht kann ich irgendwie helfen?«
Kirstin Hansen starrte eine Weile mit leerem Blick vor sich hin, dann drehte sie sich um und verschwand im Haus. Die Tür blieb offen und ich nahm das als Zeichen, dass ich hereinkommen durfte.
Im Eingang standen einige Paar Schuhe, darunter auch Kinderschuhe, aber sonst war der Flur leer. Im Wohnzimmer hatte Kirstin Hansen sich auf ein großes, braunes Cordsofa gesetzt, das zusammen mit zwei Sesseln mit dem gleichen Bezug das gesamte Mobiliar des Wohnzimmers ausmachte. Die Wände waren frisch gestrichen, weiß, und es waren noch keine Gardinen aufgehängt.
Die blasse Frau wirkte vollkommen verloren in dem leeren Wohnzimmer und man hatte den Eindruck, dass hier der einsamste Mensch der Welt saß.
Und das war sie vielleicht ja wirklich, aber das war nicht meine Sache.
»Hat Páll mich nie erwähnt?«, fragte ich, nur um ein Gespräch in Gang zu bekommen.
»Nein«, erklang es fern und abwesend. »Nein, ich glaube nicht, ich weiß nicht«, fügte sie gedämpft hinzu, sodass ich kaum die Worte verstand.
»Du weißt nicht, ob er Feinde oder etwas in der Richtung hatte?«
Jetzt kam die Frau auf dem Sofa im Zimmer an, sie streckte ihren Rücken und ihre grauen Augen drückten mit einem Mal Trotz und Wut aus.
»Ich habe es der Polizei mindestens fünfzig Mal gesagt: Páll hatte keine Feinde. Jedenfalls keine, die man so nennen könnte. Alle mochten ihn und er war doch erst sechsunddreißig Jahre alt. Was soll jetzt aus mir und unserer kleinen Tochter werden? Wir sind gerade erst eingezogen, wie soll ich das schaffen? Mein Gehalt reicht nicht mal für die Miete.« Sie schaute sich um, als suche sie eine Antwort.
Wenn sie eine Antwort auf ihre Frage erwartete, hatte sie sich nicht den richtigen Gesprächspartner ausgesucht. Ich war Weltmeister darin, keine Antworten auf welche Fragen auch immer zu haben.
»Was willst du? Warum bist du hergekommen?«, fragte Kirstin Hansen mit einer Stimme, die sich anhörte, als würde sie ihre letzten Kräfte mobilisieren.
»Ich möchte einfach herausfinden, wer Páll ermordet hat. Wenn er nicht Selbstmord begangen hat – es gibt Leute bei der Polizei, die das glauben.«
»Páll wäre nie auf die Idee gekommen, Selbstmord zu begehen.« Jetzt blitzten ihre Augen auf, und die Kraft, die die Frau auf dem Sofa nun ausstrahlte, zeigte, dass sie es mit der Zeit schaffen würde. Sie war stärker, als sie jetzt erschien. »Páll liebte uns viel zu sehr, als dass er so etwas hätte tun können. Der Gedanke ist ... wahnsinnig«, fast zischte sie es.
»Ich wollte dich nicht verletzen. Ich habe nur die Möglichkeiten erwähnt, die infrage kommen. Hat Páll die ganze Zeit beim Rundfunk gearbeitet, seit er zurückgekommen ist?«, beeilte ich mich hinzuzufügen, bevor sie mit neuen Protesten aufwarten konnte.
Sie schwieg eine Weile.
»Wir sind erst seit drei Jahren wieder auf den Färöern und die ersten beiden Jahre hat Páll bei Gaia International gearbeitet. Als die Pleite machten, ist er zum Rundfunk gegangen.« Sie schaute vor sich auf den Boden. »Er hätte nie für diese Kerle von Gaia arbeiten sollen, das habe ich ihm so oft gesagt, aber das Gehalt war dort deutlich höher. Nur – was nützt das, wenn es nie ausbezahlt wird? Im letzten halben Jahr haben wir nicht eine einzige Öre gekriegt. Die Direktoren haben Páll alles Mögliche versprochen und er war ja so gutgläubig ... Jetzt hatten wir endlich alles geregelt, und nun das ... Mein Leben ist eine Hölle, eine Hölle, eine Hölle ...«, murmelte sie vor sich hin.
Es gab keinen Grund, sie weiter zu quälen, also stand ich auf, verabschiedete mich und ging leise meiner Wege.
2
Während ich in die Stadt fuhr, dachte ich über Gaia International nach. Wie in allen unseren Nachbarländern jammert auch bei uns das Volk über die hohen Steuern.
Und genau dieses Gejammer hatte die Gesellschaft Gaia ausgenutzt.
Man konnte soundso viele Anteile an einem Tanker kaufen, brauchte auch nur eine kleine Anzahlung zu leisten, bekam aber den größten Teil der Steuergutschrift sofort. Der Rest konnte nach und nach bezahlt werden, aber die Werbeanzeigen versprachen, dass die Frachtschiffe große Gewinne erbringen würden, mit denen man die Anteile dann bezahlen konnte.
Die Gesellschaft erbrachte tatsächlich einen großen Überschuss, aber nur den Männern, die hinter Gaia International standen.
Der Ölfrachtmarkt lief schlecht und die Schiffe machten reichlich Defizite. Die mussten von den Anteilseignern ausgeglichen werden, während die Muttergesellschaft gleichzeitig noch zwanzig Prozent aller Einlagen für die Verwaltung brauchte. Ob es gut oder schlecht lief, konnte Gaia eigentlich egal sein, sie kassierten auf jeden Fall ihren Teil.
Hinzu kam, dass die Schiffe mit sechzig, siebzig Prozent Staatsgarantie gebaut worden waren. Als es also zur Zwangsversteigerung kam – was viele bereits von Anfang an prophezeit hatten –, saßen das Land und die Anteilseigner mit ihrem Jammer da.
Es war ein Riesenskandal gewesen und hatte mehrere Gerichtsverfahren gegeben. Aber es war nie bewiesen worden, dass die Gesellschaft irgendetwas Ungesetzliches getan hatte. Dass es moralisch verwerflich war, Menschen dazu zu verlocken, ihre Spargroschen auf dieses riskante Spiel zu setzen, daran gab es für viele keinen Zweifel. Die Kommentare der Presse waren scharf gewesen und die Urteile, die gesprochen worden waren, nicht gerade mild. Aber die Zeitungsleute wurden von der Staatsanwaltschaft gebremst.
Páll Hansen hatte also bei Gaia gearbeitet und schlechte Erfahrungen gemacht. Einiges von dem, was die Zeitungen über die Sache geschrieben hatten, hatte ich noch im Gedächtnis, aber zu der Zeit war ich viel herumgereist, sodass ich nicht alle Details mitbekommen hatte. Immerhin konnte ich mich noch schwach daran erinnern, dass der Direktor das Land verlassen hatte und sich später herausstellte, dass er nur dem Namen nach Direktor war. Wer wirklich hinter der Gesellschaft stand und die Fäden zog, das wurde nie geklärt.
Das war ja auch eigentlich ganz gleich. Das dahingeschiedene Gaia-Unternehmen und die Steuerspekulationen hatten wohl kaum etwas mit Pálls Tod zu tun.
Seine Frau wusste nichts, die Polizei wusste nichts und ich wusste auch nichts. Die Dreieinigkeit der Unwissenheit. Aber irgendwo saß einer, der etwas wusste, und diesen Mann musste ich suchen. Oder diese Frau. Es hieß ja, dass Gift eine Frauenwaffe sei, aber in diesen Zeiten der Gleichstellung konnte man nie wissen. Männer brachten Frauen mit Gift um, während Frauen dafür die Männer mit Jagdgewehren durchlöcherten.
Wie viele andere stellte ich den Wagen in der Fußgängerzone im Zentrum ab und ging in die Konditorei, um zu Mittag zu essen. Meine Mahlzeit bestand aus zwei Scheiben Weißbrot und einer Kanne Kaffee. Während ich aß, blätterte ich die Zeitungen durch und hörte die Nachrichten im Radio. Alles war wie gehabt, Zeitungen wie Rundfunk.
Nach den Nachrichten, als die Musik wieder das fast vollständig besetzte Lokal durchströmte, schaute ich mich diesseits und jenseits des Fensters ein wenig um. Um diese Zeit gab es draußen nicht besonders viel zu sehen und in der Konditorei gehörten die meisten Gesichter zu Stammgästen, die hier regelmäßig verkehrten.
Ein paar ältere Männer, die sich jeden Tag in der Mittagspause trafen. Geschäftsleute und Unternehmer, die einander schnell über irgendetwas informieren mussten, bevor das nächste Treffen von Rotary oder Lions stattfand. Alle trugen sie graue Anzüge; die Grauschattierung der Anzüge wechselte mit den Jahreszeiten. Goldene Abzeichen blinkten auf den Revers.
Und dann waren da die Junggesellen, von den Dreißigern aufwärts bis ins Pensionsalter. Sie waren nicht so gut gekleidet wie die Direktoren, trugen oft ihre Arbeitskleidung, aber einige auch Anzüge, die jedoch selten frisch gebügelt waren. Wenn man diese Herren näher betrachtete, wurde deutlich, dass das Hemd auch nicht den ersten Tag in Gebrauch war.
Einige verheiratete Männer im besten Alter wurden während der Mittagspause ebenfalls regelmäßig in der Konditorei gesehen. Das waren Männer, denen nicht im Traum einfallen würde, ihre Frauen irgendetwas zu fragen oder ihnen irgendetwas zu erzählen. Sie taten, was sie wollten. Sie waren nach der letzten Mode gekleidet, und wenn man unter die Tische guckte, konnte man feststellen, dass ihre Schuhe frisch geputzt waren. Sie dachten nicht an ihre Ehefrau, sondern an das Mädchen, das sie als Nächstes verführen wollten. Diese Männer waren oftmals Vertreter, Handelsreisende oder Geschäftsleute, die mit dem Allerneuesten vom Neuen handelten. Sie blieben nur selten lange an einem Ort, lebten ein abwechslungsreiches Leben, und es schien immer, als würden sie ökonomisch keine Sorgen haben.
Abgesehen von den Kellnerinnen waren fast keine Frauen zu sehen. Ausgenommen eine Gruppe Schulmädchen und hier und da eine Frau, die von einem der männlichen Gäste mitgebracht worden war. In der Mittagspause waren die Männer absolut in der Überzahl. Zu anderen Tageszeiten war es gerechter verteilt.
»Was starrst du denn so vor dich hin?«, donnerte ein Orkan von einer Stimme über meinem Kopf, und als ich gleichzeitig einen kräftigen Schlag auf die Schulter bekam, hatte ich keinen Zweifel mehr, wer der Neuankömmling war.
Es war Haraldur, der Wirt des Eyskarið, der im blauen Overall dastand und auf mich herabschaute. Er war ein breitschultriger, kräftiger Mann von Ende vierzig mit einem rotbäckigen Gesicht und Augen, die wie gefrorenes Wasser funkelten. Dunkles Haar und ein Bart, in dem einzelne graue Haare zu finden waren, umrahmten sein Gesicht.
»Ich suche Antwort auf die tiefsten Geheimnisse des Lebens«, erklärte ich ironisch.
»Na, dann bist du hier ja an der richtigen Stelle«, nickte Haraldur und ließ sich von oben auf einen Stuhl fallen.
»Die Konditorei bietet dir ein komplettes Abbild des Lebens, dargestellt als eine eintönige Wüstendurchquerung, bei der sich wie die Jahreszeiten alles wiederholt.«
Ich warf ihm einen Blick über den Tisch zu. Er kugelte sich vor Lachen.
»So drückt ihr Journalisten euch doch immer aus, wenn ihr einen Leitartikel schreibt, oder?« Er erstickte fast an seinem Lachen.
Ich antwortete nicht, schaute nur auf die Sverrisgøta hinaus. Keine Menschenseele.
»Immer mit der Ruhe, nun sei mal nicht beleidigt. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich denken, deine Frau hat dich verprügelt. Aber Duruta ist immer noch in Dänemark, oder?«
Ich nickte. Ja, Duruta war in Dänemark und das ließ meine Laune nicht gerade besser werden. Duruta und ich waren seit ein paar Monaten zusammen und jetzt machte sie einen Kursus an der Polizeischule in Kopenhagen. Sie war nämlich Polizistin. Sie würde erst zu Weihnachten wieder zurückkommen.
»Hast du nichts anderes im Kopf als Selbstmitleid?« Haraldurs Stimme klang immer noch spöttisch, aber ich hörte eine Spur Ungeduld heraus.
»Ich denke nicht an Duruta. Und was das Selbstmitleid angeht, so solltest du mich besser kennen.«
»Ja, ja. Aber wie du hier sitzt, siehst du aus wie ein zerlegter Dorsch mit Seeteufelvisage, also muss was los sein.«
»Ich weiß nicht. Vielleicht ist es das Wetter ... Und dann die Sache mit Páll Hansen. Ich war bei seiner Witwe, aber da habe ich nichts rausgekriegt. Heulen und Zähneklappern. Doch, etwas habe ich erfahren. Páll hat eine Zeit lang für Gaia International gearbeitet, aber das hat sicher nichts mit seinem Tod zu tun.«
»Nee, sicher nicht«, stimmte Haraldur geistesabwesend zu.
»Weißt du was über Gaia International?«, fragte ich.
»Wie bitte, über Gaia?« Haraldur warf den Kopf nach hinten und war wieder voll da. »Nein, nicht viel. Es stand damals eine ganze Menge in der Zeitung, aber ich habe nicht alles gelesen. Wenn man so blöd und gierig ist, in ein Schiff zu investieren, nur um Steuern zu sparen, darf man meinetwegen gern Bankrott gehen. Das nenne ich selbst schuld.«
»Und was ist mit den staatlichen Zuschüssen? Schließlich müssen du und ich dafür geradestehen.«
»Ja, aber ist es nicht immer so? Ich meine, wenn es um Bestechung und Vetternwirtschaft geht, da könnten unsere Politiker noch die sizilianische Mafia beraten.« Haraldur breitete die Arme aus, als wolle er das ganze Lokal umarmen. »Aber weißt du was, lass uns zum Fischen rausfahren. In anderthalb Stunden ist Gezeitenwechsel. Wenn wir wollen, dann jetzt.«
3
»Verflucht, du fasst den Fisch an, als wäre er eine kränkelnde Jungfrau.« Haraldur klemmte seine Angel fest und nahm mir den Schellfisch ab. »Hier, so geht das!«
Er griff mit einem Finger ins Auge, mit dem anderen hinter die Kiemen und dann schnitt er. Er machte das mit einer einzigen Handbewegung, dann warf er den Fisch zu den etwa zwanzig Dorschen und Schellfischen, die wir bereits gefangen hatten. Ein Lengfisch befand sich auch in dem Haufen.
Wir hatten verschiedene Stellen ausprobiert. Wir waren bei Borðan gewesen, um einen Platz zwischen Holið und Kirkjubønes zu finden, doch die Ausbeute war mager. Nur zwei Fische unter der Mindestgröße, die wir wieder ins Wasser warfen; das war alles. Dieser großartige Fang kostete uns zwei Haken, die an dem schorfigen Meeresboden hängen geblieben waren.
Aber jetzt waren wir hier und warfen unsere Angeln aus, was das Zeug hielt. Wir brauchten den Köder nur auf den Grund sinken zu lassen und wieder raufzuziehen. Mehrere Male hatten wir zwei, drei Fische dran. Sie schluckten die Haken und die Köder, ohne zu zögern. So macht das Angeln wirklich Spaß.
Die Stelle war nicht unbekannt. Einige hundert Meter vom Land entfernt in gerader Linie zwischen der Spitze von Kirkjubønes und Glyvursnes. Man wusste nur nie, wann es sich bezahlt machte, es hier zu versuchen.
Eine Viertelstunde später war Schluss mit dem Fangglück. Wir fuhren zurück und versuchten es noch einmal, aber der Fisch war weg, also fuhren wir heim.
Nachdem wir die Rani II in Bakki festgemacht hatten, lud Haraldur mich zu sich ein, damit wir frischen, gekochten Dorsch und Leber zum Abend essen konnten. Er erwähnte auch, dass er Bier und Schnaps im Haus hatte.
Wie die meisten Bewohner der Färöer aßen wir bei laufendem Radio und hörten schweigend die Nachrichten. Eine alte Tradition. Neben den üblichen Berichten über das Elend im Lande und in der Welt war Hauptthema ein Banküberfall oben im Norden, bei Streym. Die Diebe waren durch ein Fenster eingestiegen, und da es keine Alarmanlage gab, konnten sie in aller Seelenruhe den Tresor mit einem Schneidbrenner aufschweißen und sich mit zwei Millionen Kronen wieder davonmachen.
Aus einem Gespräch mit dem Bankdirektor ging hervor, dass man am Sicherheitssystem gespart habe, man jetzt aber in allen Abteilungen Alarmanlagen installieren wolle. Hier hätte ein gewisses Sprichwort gut gepasst, aber der Interviewer meinte vielleicht, dass man lieber kein Salz in die Wunde streuen sollte, deshalb begnügte er sich damit, das Mikrofon zu halten und zu schweigen.
Am Nachmittag hatte man einen jüngeren Mann, einen alten Bekannten der Polizei, aufgegriffen, der am folgenden Morgen dem Richter vorgeführt werden sollte.
»Das hätten wir sein sollen, was?« Haraldur hob sein Schnapsglas: »Prost!« Er leerte es in einem Zug, und auch ich folgte der Landessitte.
»Nein, der Meinung bin ich nicht«, erklärte ich, nachdem der scharfe Nachgeschmack vom Schnaps verschwunden war. »Diese Art von Diebstahl zahlt sich nicht aus. Die Diebe werden fast immer geschnappt, zum einen, weil sie sich dumm anstellen, zum anderen, weil die Gesellschaft alles daransetzt, die Täter zu finden. Wenn du es dagegen wie Gaia machst, dann musst du schon unwahrscheinliches Pech haben, falls überhaupt jemand herausfindet, was da eigentlich vorgegangen ist, und einen Prozess anstrengt. Und wenn es tatsächlich zu einer Anklage kommt und die Staatsanwaltschaft den Prozess gewinnt, dann gibt es einfach nichts zu holen. Die GmbH oder die AG ist Konkurs gegangen. Der Gewinn liegt weit über dem, was du dir bei einem Bankraub jemals beschaffen kannst.«
»Du und deine Gaia.« Haraldur schenkte die Gläser voll. »Geld, Geld, Geld ... Die Leute reden über nichts anderes mehr. Ja, ja, ich weiß nur zu gut, wie es um das Land steht, aber deshalb müssen wir doch nicht die ganze Zeit nur über Geld reden. Wir sind doch keine Dänen!«
Er prostete mir zu und trank und das Gleiche tat ich. Jetzt war es langsam an der Zeit, dafür zu sorgen, dass der Montag nicht fließend ins Wochenende überging. Noch ein paar Schnäpse, und Haraldur und ich würden im Eyskarið enden, in dem wir beide Mitglied waren – das war so sicher wie das Amen in der Kirche.
Der Eyskarið war eigentlich im Sommer bei einem Versuch, mich umzubringen, bis auf die Mauern niedergebrannt, aber während ein neues, schöneres Haus gebaut wurde, war man bei Strond untergekommen. Haraldur war der Wirt des alten Eyskarið gewesen und auch jetzt noch beteiligt, obwohl er nicht mehr so stark im Club engagiert war wie früher. Er hatte angefangen, mit der Rani II auf Fischfang zu gehen – dass die erste Rani auf dem Grund des Meeres landete, daran hatte ich auch meinen Anteil. Ich wusste, dass Haraldur zeitweise unten in Vágsbotnur Fisch verkaufte, aber viel brachte das nicht. Auch wenn die Fische ausgenommen und gesäubert waren, gaben die Leute lieber das Doppelte aus für ein Filet aus irgendeiner Tiefkühltruhe in der Stadt. Das Essen sollte die heutigen so zartbesaiteten Färinger möglichst nicht daran erinnern, wo es herkam. Man wollte es lieber in Plastik eingepackt haben, denn dann sah es ausländischer Ware ähnlich.
Bei Haraldur zu Hause gab es nicht besonders viel, was an das Plastikzeitalter erinnerte. In dem alten Haus auf Reyni war es ziemlich unordentlich, und das war es eigentlich immer, aber es war eine sehr gemütliche Unordnung. Einige Kleidungsstücke waren nicht an Ort und Stelle gehängt – Haraldur war Junggeselle –, aber ansonsten war das Wohnzimmer von seinen Interessen geprägt: Bögen und Bleilote für Angelschnüre – Haraldur goss sie selbst –, ein zerlegtes Jagdgewehr auf dem Couchtisch und auf dem Schreibtisch am Fenster große Aufstellungen für Ahnentafeln.
Ahnenforschung beherrschte das Land wie ein Albtraum und niemand konnte mit erhobenem Haupte herumlaufen, wenn er nicht seine Verwandtschaft mit Heini Havreki oder irgendeinem norwegischen Bischof bewiesen hatte. Nólsoyar-Páll war ein fester Orientierungspunkt in der Ahnenforschung, und das nicht nur für Familien aus Kirkjubø. Die Beharrlichsten hatten sowohl Egil Skallagrimsson als auch König Sverre auf ihrer Seite.
Ich hatte nichts dagegen, dass Haraldur von dieser schrecklichen Seuche befallen war, denn so hatte ich etwas, womit ich ihn ärgern konnte. Ich fragte ihn gern, ob es denn wahr sei, dass er vom Skopper Hansen abstamme, oder ob seine ganze Familie nicht eher türkischer Abstammung sei. Die Schimpfworte, die er mir daraufhin an den Kopf warf, waren eine reichliche Belohnung. Und ich würde mich hüten, ihm ein Wort davon zu erzählen, dass ich Dokumente besaß, die bewiesen, dass ich in direkter Linie vom Kreuzritter und Kirchenwüterer Hans Tausen abstammte.
4
Am Dienstagmorgen um acht Uhr stand ich vor dem Gerichtsgebäude in der Nólsoyar Pálsgøta und wartete darauf, dass sich die Türen zum richterlichen Verhör öffnen würden. Ich war gespannt, den jungen Mann zu sehen, der es fertiggebracht hatte, zwei Millionen aus einer Bank zu stehlen. Wenn er das allein geschafft hatte, dann hatte er es gut hingekriegt.
Die Sonne versuchte, sich durchzusetzen, aber es war noch zu früh am Morgen und deshalb ging ich ein wenig auf und ab, um nicht zu frieren. Der senfgelbe Betonkasten war weder schön noch anziehend, hatte aber diese gewollte Würde, die die Leute dazu bringen soll, sich klein wie die Ameisen zu fühlen.
Ich war am Abend zuvor nicht mehr mit Haraldur in den Eyskarið gegangen. Ich war in meine Kellerwohnung in der Jóannes Paturssonargøta gegangen und hatte kurz vor Mitternacht wie ein Ausbund der Tugend allein in meinem Bett gelegen.
Um halb neun war immer noch nichts geschehen und ich kam mir etwas albern vor, wie ich da vor dem geschlossenen Gerichtsgebäude herumlief. Normalerweise waren die richterlichen Verhöre immer früh am Morgen, aber das konnte in diesem Fall ja geändert worden sein.
Um zehn Minuten vor neun wärmte die Sonne so sehr, dass es zu spüren war. Zwei Journalisten kamen durch die Gasse beim Havnar Klubbi heran. Sie waren deutlich jünger als ich, ungefähr Mitte zwanzig, und eigentlich repräsentierten sie zwei entgegengesetzte Richtungen. Der eine war von der Kirchenzeitung, der andere vom Republikanerblatt, und in ihren Artikeln ließen sie kein gutes Haar am anderen, aber in Bierclubs und anderenorts waren die beiden die besten Freunde. Beide trugen die färöische Nationaltracht: schwarze Lederjacke und blaue Jeans, aber der Blonde war einen Kopf größer als der Dunkle.
»Na, willst du gerichtlich etwas eintragen lassen?«, fragte der Blonde und grinste ironisch durch sein Kassenbrillengestell.
»Wieso?«
»Weiß ich doch nicht. Aber wenn Leute vorm Grundbuchamt warten, bevor es aufmacht, dann haben sie doch wohl etwas auf dem Herzen, oder?«
»Vielleicht hat er ja in eine Aktiengesellschaft eingeheiratet, wer weiß?« Der Dunkle mischte sich ein.
»Nein, das kann nicht sein. Weißt du denn nicht, dass er mit Duruta Danielsen zusammen ist? Dann heiratet er eher irgendwann ins Polizeipräsidium ein.« Sie lachten und gingen um die Ecke in die C. Pløyensgøta.
Woher sollte ich wissen, wo man ins Gerichtsgebäude hineinkam? Als ich in Tórshavn aufwuchs, musste man die Treppen in der Nólsoyar Pálsgøta hinauf, aber das ist natürlich schon ziemlich lange her; vielleicht sollte ich sogar gerührt sein, dass das Haus immer noch als Gerichtsgebäude diente. Ich ging den beiden Scherzbolden hinterher.
Der dunkle, schmächtige Typ – ich wusste, dass er Christian hieß – stand in der Türöffnung und sprach mit irgendjemandem drinnen.
»Es sieht nicht so aus, als ob es ein Verhör gäbe«, rief der Blonde mir zu. Ich ging zu ihm.
»Warum nicht?«
»Das weiß ich nicht. Christian versucht, etwas herauszukriegen, aber selbst er scheitert damit manchmal.«
Im selben Moment zog sich Christian von der Tür zurück und sie wurde geschlossen.
Er schaute nachdenklich in die Luft. »Hier stimmt was nicht«, sagte er wie zu sich selbst. Er blieb einen Augenblick brummend stehen und wippte auf den Fußspitzen. »Kommt, wir gehen zum Polizeipräsidium rüber«, sagte er plötzlich, drehte sich um und ging Richtung Krókabrekka.
Der Blonde und ich folgten ihm.
»Die wollten einfach nichts sagen, überhaupt nichts, und das sieht ihnen gar nicht ähnlich.« Christian redete, während er weitereilte. »Sonst sind sie nicht so geizig mit ihren Informationen, aber in diesem Fall muss ihnen jemand einen Maulkorb verpasst haben, und zwar einen ziemlich engmaschigen.«
Wer weiß, was geschehen ist!
5
Bei der Polizei rückten sie nur ungern mit Informationen heraus, aber das war nichts Besonderes. Christian und Jákup, der Blonde, stritten sich eine Weile mit einem jungen Polizeibeamten und brachten ihn schließlich dazu, den Kriminalkommissar zu holen, Piddi í Ústistova.
Auf diese Begegnung freute ich mich nicht. Man konnte nicht behaupten, dass wir Freunde wären, Piddi und ich, und er hatte mich mehr als einmal als eine Gefahr für anständige Menschen bezeichnet. Aber Pressekonferenzen im Polizeipräsidium in der Jónas Broncksgøta waren nun mal ein Teil meiner Arbeit, deshalb überhörte ich der Einfachheit halber seine Kommentare über meinen schlechten Einfluss auf die Allgemeinheit.
Piddi war in den Fünfzigern, er war grau, mager und hatte ein lebhaftes Temperament, wie viele von Suðuroy. Die Pfeife, mit der er gern herumwedelte, wenn er sich ereiferte oder wütend war, steckte in seinem Mund, als er zu uns herauskam.
»Hört auf, hier draußen herumzugrölen, kommt lieber in mein Büro.« Er ging vor uns über den Flur und blieb an einer offenen Tür stehen: »Bitte schön, gentlemen of the press.« Seine übertrieben höfliche Handbewegung zeigte besser als viele Worte, was er von uns als ›gentlemen‹ hielt.
Als Christian an Piddi vorbeiging, kam es leise, aber deutlich vom Kriminalkommissar: »Dieser verfluchte Alb, der den Färinger tötete – es war das Stinktier ... Die letzten Worte kannst du selbst ergänzen.«
Gab es etwa noch andere außer mir, die er nicht ausstehen konnte? Ich hatte kaum den Gedanken zu Ende gedacht, als Christian erwiderte: »Mein Land hat ein Rabengeschlecht großgezogen – das am liebsten des Nachts ausfliegt.«
»Was willst du damit sagen?«, fragte Piddi wütend.
»Das Gleiche wie du mit deinem Pól F. Joensen«, erwiderte Christian ironisch.
Piddi war an seinen Schreibtisch getreten und blätterte dort in einigen Papieren. Wir setzten uns auf Klappstühle, die an der Wand lehnten. Einen Augenblick lang war es still. Die einzigen Geräusche, die wir hörten, kamen vom Flur.
Piddi räusperte sich. »Ich habe euch nicht hier hereingebeten, damit ihr Gedichte rezitiert ...«
»Du hast damit angefangen«, unterbrach Christian ihn.
Der Wutausbruch ließ nicht lange auf sich warten. »Wenn du nicht die Klappe hältst, und zwar sofort, fliegst du raus und wirst nie wieder deine Füße hier reinsetzen!«
Christian schwieg und starrte zu Boden. Er war es nicht gewohnt, dass man ihm über den Mund fuhr, deshalb brauchte er sicher alle Selbstbeherrschung, nichts zu erwidern. Jákup dagegen grinste, bis Piddi ihm einen Blick zuwarf. Ich selbst versuchte nach Kräften, so zu tun, als wäre ich gar nicht da.
»Warum sitzt du so da?« Piddi starrte mir direkt in die Augen.
»Ich habe kein Wort gesagt«, erklärte ich, hatte aber gleichzeitig ein schlechtes Gewissen. So wirkt die Obrigkeit auf die Meisten.
»Genau das kann ich nicht ausstehen, das bedeutet nämlich, dass du irgendwas ausheckst.«
Jetzt begann Piddi, die Papiere auf seinem Schreibtisch neu zu sortieren. Das Oberste kam zuunterst, und was links lag, wurde auf die andere Seite gelegt und umgekehrt. Es war offensichtlich, dass er Zeit schinden wollte.
Die Repräsentanten der Presse schwiegen.
»Petur Kári Magnussen ist tot«, sagte er schließlich. »Wir haben ihn heute Morgen gefunden, in der Zelle erhängt.« Piddi machte mit beiden Händen eine abwehrende Bewegung, um uns zu stoppen. »Es hat gar keinen Sinn, Fragen zu stellen, denn mehr werdet ihr nicht erfahren.« Er ließ seinen Blick von links nach rechts schweifen und sah uns einzeln an.
»Aber ihr könnt doch die Sache nicht einfach abschließen.« Das war natürlich Christian.
»Doch, das können wir und das werden wir auch tun, und wenn du uns in irgendeiner Weise daran hindern willst, dann werde ich dich persönlich festnehmen und einsperren wegen Behinderung der Polizeiarbeit.«
Christian öffnete seinen Mund und wollte etwas sagen, schluckte es dann aber doch lieber runter. Aber ich sah, dass er sich Notizen machten, also war er offenbar der Meinung, er müsste einer Sache nachgehen.
»Petur Kári Magnussen hat zweifellos den Banküberfall von Streym begangen und er hat sich heute Nacht in seiner Zelle aufgehängt. Warum man ihm nicht den Gürtel abgenommen hat, weiß ich nicht, aber das wird noch untersucht.« Piddi ging zur Tür und öffnete sie: »Wir sind mit Arbeit überlastet, da passieren Fehler. Auf Wiedersehen, meine Herren!«
Wir gingen und die Tür wurde sorgfältig hinter uns geschlossen.
Etwas Gutes konnte man dennoch über diesen Besuch sagen: Piddis Pfeife hatte die ganze Zeit auf dem Tisch gelegen, so waren wir der Gefahr entgangen, im Tabakrauch zu ersticken.
»Und was jetzt?« Jákup schaute Christian fragend an. »Du willst dieses Arschloch doch nicht so einfach davonkommen lassen. Übrigens, das Pól-F.-Zitat, auf deine Zeitung bezogen, das war nicht schlecht.«
»Halt die Klappe! Ist mir doch scheißegal, was Pól F. geschrieben hat! Hier passiert etwas, wovon wir nichts mitkriegen sollen.« Er ging langsam neben Jákup zum Ausgang. Die beiden Kumpel.
Ich wartete, bis sie gegangen waren, danach ging ich in Karl Olsens Büro.
Karl hatte die Beine auf den Tisch gelegt. Er hatte schütteres Haar, braune Augen, war umgänglich, freundlich und hatte schon so manchen harten Burschen mit seinem netten Aussehen reingelegt.
Jetzt lächelte er mich an: »Ich habe Piddi herumschimpfen gehört, darum habe ich mir schon gedacht, dass du herkommen würdest, um mich auszuhorchen. Aber hier gibt es nicht mehr zu erfahren als dort, du kannst dir deine Mühen also sparen.«
»Ich habe auch nicht erwartet, dass du die große Plaudertasche sein würdest, aber wieso um alles in der Welt durfte Petur Kári seinen Gürtel behalten?«
Karl sah nachdenklich drein, dann entschied er sich: »Du erzählst niemandem davon und schreibst auch nichts drüber, okay?« Er machte eine Pause und holte tief Luft. »Der Wachhabende hat erklärt, dass er Petur Kári den Gürtel abgenommen hat. Er schwört es. Wie der Gefangene ihn wiederbekommen hat, das weiß ich nicht. Vielleicht lügt der Wachhabende ja oder er erinnert sich falsch, aber er sagt es so bestimmt, da muss schon was dran sein. Die Sache ist nur die, wenn er recht hat, dann ist da verdammt noch mal etwas oberfaul ...«
6
Daheim in der Kellerwohnung, die ich von einem Freund übernommen hatte, der auf großer Fahrt war, schmierte ich mir zwei Scheiben Brot – es kommt nicht so oft vor, dass ich für mich allein Essen koche – und dachte dabei an Petur Kári Magnussen.
Ein neunzehnjähriger Tórshavner, der alles daransetzte, als ein Versager zu enden. Solche Typen sieht man jeden Tag in den Straßen der Stadt. Abgewetzte Jeans, ungewaschenes, langes Haar und immer eine Flasche in der Hand. Bier, Wein oder ebenso oft: Schnaps irgendeiner Sorte. Wenn sie die Mitte zwanzig überschritten haben, gibt es keinen Weg mehr zurück, auch wenn Knast und Entziehungsheime ihr Äußerstes geben. Meistens sterben sie so früh, dass wir anderen froh sein können, sie nicht länger versorgen oder auf der Straße über sie stolpern zu müssen. Natürlich sind viele der Meinung, man sollte sie auf Fischfang oder zum Arbeiten in den Hafen schicken oder Schlimmeres. Aber das Traurige ist, dass niemand diese traurigen Gestalten haben will, sie sind zu nichts zu gebrauchen, sie schaden nur. Sie taugen nicht als Arbeitskraft, sie haben schon lange sämtliche Energie verbraucht.
Obwohl Petur Kári nicht älter als neunzehn war, gehörte er zur Gruppe der Ausgestoßenen. Seit seinem zwölften Lebensjahr war er nur selten nüchtern gesehen worden und hatte bereits mehrere Male eingesessen. Sein Sündenregister war lang, aber ziemlich unspektakulär. Ein ganz gewöhnliches armes Schwein wie viele andere in Tórshavn. Was diese Menschen betraf, so hatte Pól F. vollkommen recht, als er schrieb: Tórshavn, du warst das Zentrum der Färöer, der Treffpunkt seit Jahrhunderten. Es gab keinen Ort im ganzen Land, der nicht Repräsentanten zu den Tingsitzungen auf den Pissoirs, in den Kaffeestuben, in den Gassen und Ecken geschickt hatte, aber diese Repräsentanten hatten den Fehler, dass sie nie wieder nach Hause kamen.
Das Bild von Petur Kári als Schwerverbrecher hatte also einen entscheidenden Haken. Wie um alles in der Welt sollte so ein Penner in der Lage gewesen sein, sich zwei Millionen anzueignen? Normalerweise war er so benebelt, dass er nicht einmal in der Stadt zurechtkam.
Andere mussten ihre Finger im Spiel gehabt haben. Aber wer?
Warum nicht der Polizei die Sache überlassen, schließlich war es ihr Job. Aber es war auch meiner, deshalb musste ich herausfinden, wer Petur Káris Freunde waren.
Ich verbrachte den Nachmittag beim Blaðið damit herumzutelefonieren, Leute auszufragen und Notizen für die morgige Ausgabe zu schreiben. Auch Sklavenarbeit musste gemacht werden.
Keiner von denen, die ich fragte, wusste viel über die Freunde des Verstorbenen, aber sie nannten mir verschiedene Spitznamen, die ich vielleicht brauchen konnte. Blöder Poul, Weißauge, Zahnspange, Gotteswort vom Lande –das war eine Frau – und der Schiffer auf dem Diwan. Einige Spitznamen hatte ich vorher schon mal gehört, aber ich war noch nicht lange genug wieder daheim, um das ganze Straßenvolk zu kennen. Das war vielleicht sogar ein Vorteil, denn dann kannten sie mich auch nicht, weder im guten noch im schlechten Sinne, und so würde ich hoffentlich mit einigen reden können.
Kurz vor Sonnenuntergang, gegen fünf Uhr, schlenderte ich in die Stadt und suchte nach Pennern. Ich ging zum Kaffivognur auf der Eystara Bryggja, draußen auf Tinganes, ich schaute im Underhuset rein und überall dort, wo ich wusste, dass sie sich normalerweise aufhielten. Aber die Stadt war wie leer gefegt von Alkis, es gab kein einziges armes Würstchen zu sehen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie alle zusammen zur Entziehungskur gefahren waren, also musste es irgendwo anders etwas Interessantes geben. Vielleicht hatte einer von ihnen eine Kiste Schnaps gekriegt? Oder war der Mittelpunkt des Lebens ein dampfender Kanister Sprit? Aber ich wusste nicht, wo das Fest steigen sollte. Also ging ich nach Hause, nachdem ich bei Vaglið zwei Bratwürste verzehrt hatte.
Die Wohnung war ein einziges Chaos. Es war noch nicht lange her, seit ich meine Wohnung in Kopenhagen aufgegeben hatte und hierher gezogen war, und ich hatte mich noch nicht richtig eingerichtet. Nun ja, Bett und Fernseher waren natürlich an Ort und Stelle. Außerdem sind die Kellerwohnungen in den Reihenhäusern in der Jóannes Paturssonargøta ziemlich eng, sodass nur Platz für das Allernötigste ist, und sobald es unordentlich war, konnte man sich gar nicht mehr drin aufhalten.
Während ich im Radio die Meldungen des Tages hörte, baute ich einige Regale zusammen, und als um acht Uhr die Fernsehnachrichten begannen, standen sogar schon Bücher drin. Das musste für dieses Mal reichen; ich fand ein kaltes Bier und setzte mich vor den Fernseher.
7
Die Tróndargøta ist eine echte Tórshavnstraße. Die vom Alter gezeichneten Häuser ähneln einander und sind dennoch ganz unterschiedlich. Das erzeugt einen speziellen Charme, der von den vielen alten Gärten noch verstärkt wird. Vor allem von dem großen, gepflegten Garten der alten Realschule, die heute Teil der Kommunalschule ist. Diese große gelbe, dreiflügelige Betonburg an der Tróndargøta war sieben Jahre lang ein bedeutender Teil meiner Welt gewesen. Jeden Morgen die Straße hoch, in der Mittagspause runter und wieder hoch, und nach der Schule wieder hinunter und nach Hause.
Mein Gefühl für diese Straße ist natürlich von Kindheitserinnerungen geprägt, aber die gute Laune, die ich an diesem Dienstagabend hatte, hatte ihren Grund nicht nur in den Straßen einer vergangenen Zeit oder dem ruhigen Oktoberwetter, sondern auch im Ziel meines Spaziergangs.
Mein alter Freund, der Bierclub Eyskarið, war zu Staub und Asche zerfallen, und die vorübergehenden Räume bei Strond erinnerten mich an eine drittklassige Kaschemme aus der amerikanischen Prohibitionszeit. Jeden Augenblick konnte man damit rechnen, dass die Türen aufgetreten wurden und Männer einer Schmugglerbande einen mit ihren Maschinengewehren durchlöcherten.
Mit anderen Worten: Ich war auf dem Weg zum Bacchus, um mich dort zu amüsieren und zu sehen, ob ich Christian, den Journalisten, antreffen würde. Der Bacchus war nämlich Treffpunkt für Journalisten und Setzer, und wenn der Club einmal Reklame machen wollte, dann wäre der Slogan ›Journalisten und Setzer trinken im Bacchus‹ nicht aus der Luft gegriffen.
Rundfunk und Fernsehen hatten die Neuigkeit gebracht, dass der junge Mann, den die Polizei beschuldigte, den Banküberfall von Streym begangen zu haben, tot in seiner Zelle aufgefunden worden war. Laut eben dieser Polizei würde es jetzt schwierig sein, den Fall aufzuklären.
Das war alles. Kein Wort darüber, warum er sich erhängt hatte oder wie es sein konnte, dass er seinen Gürtel behalten durfte. Und absolut nichts darüber, dass der Wachhabende versicherte, er hätte ihm den Gürtel abgenommen, was ja bedeuten würde, dass irgendjemand in der Zelle nachgeholfen haben musste.
Jetzt hatte ich zwei Todesfälle, über die ich schreiben konnte: der eine Mann bei eingeschaltetem Mikrofon während einer Rundfunksendung ermordet, der andere in einer dunklen Nacht in der Polizeizelle erhängt. Im Augenblick waren der Bankraub und Petur Kári Magnussen die Spur, die ich verfolgte, deshalb wollte ich mit dem Journalisten Christian Joensen sprechen.
Um halb elf Uhr abends an einem ganz gewöhnlichen Wochentag kann man keine großen Erlebnisse in einem Bierclub erwarten. Dementsprechend gab es auch nicht mehr als zehn, zwölf Gäste in der großen Bar. Ausschließlich Männer. Ganz hinten an der lederbezogenen Theke stand Christian und unterhielt sich mit dem Barkeeper.
Als ich näher kam, hörte ich, wie er mit reichlich belegter Stimme über den Verkehr in Tórshavn redete und darüber schimpfte, dass die Kommunalpolitiker keine Ahnung hatten, wie sie ihn lenken sollten, weil sie ausschließlich an sich dachten. Der ganze Verkehr in der Innenstadt sollte verboten werden. Ich bestellte mir ein Bier und einen doppelten Aalborg – seit vorgestern war ich fast abstinent gewesen – und Christian drehte mir sein Gesicht zu.
»Na, haben die Schlauen heute Ausgang?« Seine Augen waren halb geschlossen. Das schmale Gesicht mit dem scharfen Profil war blass und die Hand, die die Zigarette hielt, zitterte leicht.
»Das ist so ’ne Sache mit dem Schlausein. Ich weiß nicht, ob ich zu den Schlauen gehöre, aber unterwegs bin ich, ja.«
Meine Antwort war nicht viel besser als seine Frage, aber an diesem Abend hatte ich keine Lust, mich mit ihm anzulegen.
»Doch, du bist schlau, nein wirklich.« Er holte weit mit seiner Zigarettenhand aus. »Denkst du, ich wüsste nicht, wo du gewesen bist, nachdem Jákup und ich gegangen sind?«
»Schon möglich.«
»Und wie möglich das ist!« Letzteres rief er wütend aus und dann fing er an zu lachen. Er war betrunkener, als ich gedacht hatte, war jedoch ein erfahrener Experte darin, sich auf den Beinen zu halten und ein Blackout zu vermeiden.
»Du warst bei Karl, hast aber nur das mit dem Gürtel erfahren.«
»Was für ein Gürtel?«, fragte ich ganz unschuldig.
»Du brauchst nicht den Dummen zu spielen, wenn ich mit dir rede. So blau bin ich nun auch wieder nicht und ich weiß, was Karl dir erzählt hat. Komm, lass uns da rübergehen.«
Wir setzten uns an einen der leeren Tische. Christian zündete sich eine neue Zigarette an und trank von seinem Bier. Ich trank meinen Schnaps und wir schauten ein wenig in die Runde.
Am Tisch direkt neben der Schwingtür saßen ein paar typische, wohlgenährte färöische Akademiker. Graues Haar, Nickelbrille, grauer Anzug und passender Schlips. Die Stimmung bei ihnen war gut, und warum auch nicht? Den Akademikern auf den Färöern ging es ökonomisch blendend, sie arbeiteten in der Regel, wo und wann sie gerade Lust hatten, und wenn sie eine Reise machen wollten, dann war der Staat immer mit einer helfenden Hand zur Stelle. Mit dem sexuellen Teil des Daseins lief es vielleicht nicht so gut, die meisten Frauen hielten sie nicht für ein Gottesgeschenk, aber an einem Dienstagabend, an dem keine Frauen anwesend waren, konnte man das, was unter ihren Begierden schmorte, gut vergessen.
Professoren-, Ehren- und Doktortitel
sind, wenn es drauf ankommt,
nicht mehr wert als der Titel eines Katzenkönigs
an des Teufels Geburtstag.
Christian leierte die Zeilen herunter und schaute dabei auf den Tisch. Dann schielte er zu mir, seine tief liegenden Augen waren von Stirn und Augenbrauen fast verdeckt: »Ich kenne meinen Pól F. und könnte ohne Weiteres diesen Polizeiarsch in Gedichten ertränken, aber das hieß Perlen vor die Säue zu werfen. Der würde nichts kapieren und nur vor Wut Umfallen.« Er nahm einen großen Schluck Bier und zeigte mit dem Daumen zum Tisch an der Schwingtür: »Aber wenn ich Leute wie diese sehe – ganz zu schweigen davon, sie zu hören –, dann ist es kein Problem, die richtigen Verse für sie zu finden.«
Er drückte seine Zigarette hart und nachdrücklich im Aschenbecher aus.
»Du wolltest mir was erzählen, Christian?« Ich versuchte, das Gespräch wieder aufs richtige Gleis zu bringen.
»Ja, ja, aber hör erst mal, ehe du deine Nase zu hoch trägst:
Wenn die Lehrer Papageientaucher sind, die Studenten
Junge,
die auf den Färöern ausgebrütet wurden und hier wohnen –
dann werden in Dänemark speiende Eissturmvögel gezüchtet,
voller Teufeleien und Unzucht.«
»Wie kannst du deine Arbeit bei einer christlichen Zeitung und Pól F. unter einen Hut bringen?«
»Was die Zeitung meint und was ich meine, das hat nicht viel miteinander zu tun. Ich bin Profi.« Er klopfte seine Taschen auf der Suche nach Zigaretten ab. »Aber wir wollten doch über den Vorfall auf der Polizeiwache reden.«
Ich bot ihm eine von meinen Prince an, die ich fast immer in der Tasche habe, aber selten selbst rauche. Christian nahm sich Feuer und blies den Rauch aus.
»Ich bin in Tórshavn schon länger als du Journalist, deshalb habe ich gute Verbindungen zur Polizei. Zuverlässig unzuverlässige Leute, wenn du verstehst, was ich meine. Also nicht solche Leute wie Karl.« Er lachte kurz. »Und diese Kontakte erzählen mir, dass Petur Kári Magnussen reichlich ängstlich wirkte und dass er nichts sagen wollte. Was ihm gar nicht ähnlich sieht, denn normalerweise verwickelt er sich in Widersprüche, noch ehe fünf Minuten vergangen sind, um dann alles zu beantworten, was man ihn fragt. Aber dem war diesmal nicht so.«
Christian betrachtete sein leeres Glas und bat mich, Nachschub zu holen. Als ich zurückkam, fuhr er fort: »Er hat gar nichts gesagt. Hat immer nur wiederholt, dass er überhaupt nichts wüsste und dass sie ihm etwas zu trinken geben sollten. Das haben sie natürlich nicht getan, aber obwohl er ganz fürchterlich unter dem Entzug litt, haben sie nichts aus ihm rausgekriegt. Gar nichts.«
Christian schwieg eine Weile und ich schaute mich im Lokal um. Es gab inzwischen weitere männliche Gäste, aber es war immer noch ein ruhiger Abend.
»Die Verschwiegenheit des armen Petur Kári ist nicht das einzige Merkwürdige ...«
»Auch die Frage, wer ihn erhängt hat«, warf ich ein.
»Das auch«, bestätigte Christian, ging aber nicht weiter darauf ein.
»First thing first. Warum haben sie ihn überhaupt festgenommen? Ich meine, er war zwar ein Krimineller, aber sicher nicht der erste, auf den die Polizei gekommen ist, als sie nach einem Meisterdieb gesucht haben.« Jetzt sah er mich triumphierend an. »Daran hast du nicht gedacht, was?«
»Nein, habe ich nicht.«
Ich hatte zwar gedacht, dass es für einen neunzehnjährigen Säufer eine stolze Leistung war – wenn er es denn gewesen war –, aber ich war nicht auf die Idee gekommen, zu fragen, wie die Polizei ihn so schnell hatte schnappen können. Und warum.
»Guck mal.« Christian beugte sich über den Tisch vor. »Meine Quelle erzählt, dass irgendjemand die Polizei angerufen und ihr den Tipp gegeben hat, mal mit Petur Kári zu reden. Das war alles. Das war alles. Sie haben keine Ahnung, wer es war, nur dass es eine Männerstimme war.«
»Vielleicht einer seiner feuchtfröhlichen Freunde, der sich für irgendwas rächen wollte?«
»Ist nicht ausgeschlossen, aber unwahrscheinlich.« Christian war jetzt Herr über seinen Rausch und sprach klar und deutlich: »Der Anrufer muss irgendwas mit Peturs Tod zu tun haben, aber einen Menschen in einer Zelle im Polizeipräsidium aufzuhängen, dazu sind die Kerle, mit denen Petur Kári sich herumtrieb, nicht in der Lage.«
»Wieso bist du so sicher, dass er sich nicht selbst aufgehängt hat?«
»Es gibt nicht den geringsten Zweifel daran, dass ihm sein Gürtel abgenommen worden ist. Im Laufe der Nacht hat sich also irgendjemand in seine Zelle geschlichen und ihn erhängt.«
Wir dachten darüber eine Weile schweigend nach.
»Der Kerl, der angerufen hat«, sagte ich langsam, »der wollte Schaden anrichten. Jedenfalls hat er die Polizei auf die richtige Spur gebracht.«
»Wie kann Petur Kári die richtige Spur gewesen sein? Wir waren uns doch grade einig, dass er gar nicht in der Lage war, etwas, was auch nur annähernd wie ein Bankraub aussieht, zu begehen?«, widersprach Christian mir ungeduldig.
»Das schon, aber es passt zusammen und gleichzeitig nicht.« Ich ließ mir reichlich Zeit. »Die Polizei nimmt Petur Kári fest, der bestimmt nicht den Bankraub begangen hat, aber – und das ist der entscheidende Punkt – er will nichts sagen. Das widerspricht den Erfahrungen, die die Polizei sonst mit ihm gemacht hat. Kurz darauf wird er umgebracht. Summa summarum: Die Person, die die Polizei auf Petur Kári hetzt, weiß, dass Petur Kári etwas weiß. Aber warum ruft er die Polizei an? Und wer hat den armen Tropf unschädlich gemacht?«
In diesem Moment klingelte der Barkeeper, um uns mitzuteilen, dass die Bar in einer Viertelstunde schließen würde. Christian und ich hamsterten Vorräte und unterhielten uns nunmehr über die färöische Fußballmannschaft. Wir fragten uns, ob es wohl klug sei, an den internationalen Meisterschaftskämpfen teilzunehmen. Keiner von uns beiden hatte viel Ahnung vom Fußball, deshalb amüsierten wir uns prächtig.
Gegen ein Uhr trennten wir uns an der Kreuzung von Tróndargøta und Niels Winterhsgøta. Christian war nicht ganz sicher auf den Beinen, als er langsam zum Haus der Heilsarmee ging.
8
Es war nach acht Uhr, als das Telefon mich weckte. Karl war dran.
»Komm zum Krankenhaus, Hannis. Wir treffen uns in einer halben Stunde in der Eingangshalle.«
Ich versuchte zu tun, als wäre ich wach, aber mein Hals war rau wie Sandpapier, deshalb war das Einzige, was ich hervorbrachte, ein heiseres Brummen.
»Gestern Abend wieder im Bierclub gewesen? Das letzte Mal im Polizeirevier hast du doch strahlend gesund ausgesehen, aber ich hätte es besser wissen sollen.«
»Warum soll ich zum Krankenhaus kommen?« Karls Äußerungen über meine Lebensführung kommentierte ich lieber nicht, an sie war ich schon gewöhnt.
»Sieh zu, dass du in einer halben Stunde da bist.« Er legte auf.
Ich lag noch eine Weile mit geschlossenen Augen und dem Hörer in der Hand da. Fast wäre ich wieder eingeschlafen, aber das Tuten des Telefons hinderte mich daran. Schließlich riss ich mich zusammen und stand auf – und ich dachte sogar daran, den Telefonhörer aufzulegen.
Ich zog die Vorhänge zurück und schaute in dem Lichtschacht einen Meter vom Fenster entfernt auf eine Betonmauer, dort, wo der Fußweg der Jóannes Paturssonargøta anfängt.
Auf dieser Seite schien man fast unter der Erde zu wohnen. Aber wenn ich den Kopf schräg legte, konnte ich über den Rand sehen, in den Himmel. Nun ja, Himmel war wohl etwas übertrieben, denn ich schaute in eine dichte, graue Daunendecke. Südwind im Oktober bedeutete oft so dichten Nebel, wie ich ihn auch in meinem Kopf verspürte.
Der Kaffee bereitete sich selbst zu, während ich im Bad war, und ich trank ihn, während ich mich anzog. Ich warf meinen Mantel über und ging los.
Karl wanderte in der großen Eingangshalle bereits auf und ab, als ich ankam. Der Kiosk war noch nicht geöffnet und die Halle wirkte wie ausgestorben. Zwei bleiche Patienten saßen an einem Tisch und sprachen miteinander, aber dieses Zeichen zerbrechlichen Lebens unterstrich nur noch die Leere. Wenn da nicht der ungeduldige Karl gewesen wäre, könnte ein Fremder das Entree als Vorhof der Hölle und nicht als geschäftige Landesinstitution ansehen. Obwohl diese Auffassung vielleicht gar nicht so falsch war.
»Da bist du ja. Ich warte schon seit einer Viertelstunde.« Karl sprach laut und seine Worte wurden zwischen den Wänden und dem Steinfußboden hin und her geworfen. Die Patienten drehten sich um und schauten vorwurfsvoll zur Glastür, als würden sie uns anklagen, die Stille zu stören, die auf der Schwelle zur letzten Ungewissheit gefordert wird.
Karl bemerkte es und flüsterte nur noch: »Komm mit!« Schnell ging er zu einer Schwingtür und ich folgte ihm. Wir kamen in einen langen, weißen Flur, auf dem die Wagen mit Krankenhausutensilien an den Wänden standen und wo kein Mensch zu sehen war.
»Was willst du von mir?«, fragte ich ungeduldig. Jetzt hatte ich ernsthaft das Gefühl, dass das Ganze unangenehm enden würde.
»Warte noch ein bisschen. Du wirst es schon noch erfahren.«
Wir gingen weiter. Durch Schwingtüren und über andere Flure. Ich spürte ein würgendes Unbehagen. Weißes Metall und dann dieser Krankenhausgeruch. Man braucht eine überdurchschnittliche Kondition, um sich in diesem Milieu wohlzufühlen.
Karl blieb vor einer Tür mit einem runden Fenster stehen. Dahinter waren mehrere grün gekleidete Menschen zu sehen.
»Es ist kein erhebender Anblick, deshalb hoffe ich, dass du nicht zu gut gefrühstückt hast.« Er öffnete die Tür und machte mir ein Zeichen, ihm zu folgen. Plötzlich fiel mir auf, wie erschöpft er aussah, dass er dunkle Schatten unter den Augen und Müdigkeitsfalten im Gesicht hatte.
Ein dünner, nackter Körper lag in der Mitte des Raums auf einem Metalltisch, der Rinnen wie ein Tranchierbrett hatte. Und genau das war der Tisch auch: ein Tranchierbrett. Ich erkannte den Toten sofort, auch wenn er einer der Wachsfiguren in Madame Tussauds Kabinett ähnelte und viel kleiner wirkte als zu Lebzeiten.
Christian würde nie wieder Pól F.s Gedichte rezitieren oder in Bierclubs sitzen und herumtönen und über die Politiker unseres Landes herziehen. Er lag auf dem Bauch, und aus seinem Nacken ragte der schwarze, geriffelte Griff eines Messers.
Einer der grün gekleideten Pathologen – ich war mir nur zu klar darüber, dass es sich hier um die pathologische Abteilung handelte – schob eine Hand unter Christians Gesicht und hob seinen Kopf vom Tisch. Die Spitze des Messers ragte vorn aus seinem Hals hervor. Die Hand des Pathologen in dem milchweißen Gummihandschuh, die den dunkel gelockten Jünglingskopf über dem glänzenden Metalltisch hochhielt, ließ mich an eine perverse Inszenierung des Hamlet denken. Das Landeskrankenhaus führt Hamlet im Sezierraum auf Die Hauptrolle wird gespielt von dem bekannten Pathologen und Geißelungsspezialisten ...!
»Hannis!« Karl packte mich am Arm. »Komm mit raus auf den Flur.«
Ich kam zu mir und sah, dass Hamlet und ein weiterer Arzt sich bereit machten zu sezieren. Sie hatten beide weiße Gummischürzen umgebunden, trugen Operationshauben und einen Mundschutz. Zwei Krankenschwestern in der gleichen grünen Montur standen bereit, um zu assistieren. Eine von ihnen war dabei, ein Mikrofon anzuschließen, das über dem Seziertisch hing. So konnten die Ärzte ihre unappetitlichen Geschichten erzählen, während sie arbeiteten.
An der Tür stand ein uniformierter Polizeibeamter und versuchte, an die Decke zu starren, um den Vorgängen am Metalltisch zu entgehen. Aber nach seiner Gesichtsfarbe zu urteilen, gelang es ihm nicht so recht. Ich fühlte mich auch reichlich flau und war froh, noch nichts gegessen zu haben.
Und dann war da noch jemand, der hier eigentlich nicht hingehörte. Das war Haraldur. Er trug wie gewöhnlich seinen blauen Overall, aber sein Gesicht war nicht so rosig wie üblich. Oder aber die Beleuchtung war so stark, dass alle Farben verblassten.
Auf dem Flur eilte der junge Polizist von dannen. Zweifellos auf der Suche nach einer Toilette. Wir drei blieben einen Moment stehen, um uns zu sammeln, wobei wir darauf achteten, dem Fenster in der Tür den Rücken zuzukehren.
»Haraldur hat ihn heute Morgen gegen halb sieben gefunden. Er schwamm in dem dreckigen Wasser von Skítivík.« Karl sprach gedämpft und starrte auf die weiße Wand direkt vor uns.
Skítivík ist eine kleine Bucht auf der Westseite von Tinganes. Den Namen findet man wahrscheinlich nirgends gedruckt, aber so nannten wir die Bucht als Kinder. Damals dachte ich, dass sie nach allem, was da herumlag und -schwamm, genannt wurde, aber später erfuhr ich, dass ursprünglich der Name wörtlich zu verstehen war.
»Ich bin heute Morgen früh aufgestanden«, berichtete Haraldur. »Das Wetter war gut, die Strömung auch. Es war noch nicht so eine undurchdringliche Suppe wie jetzt. Ich wünschte, ich wäre nicht rausgefahren.« Kurz schien es, als würde Haraldur ganz in seine eigenen Gedanken versinken, doch im nächsten Augenblick war er wieder bei uns. »Bevor ich an Bord gegangen bin, bin ich noch mal ans Ufer, um zu pinkeln. Er lag direkt am Ufer, vor meinen Füßen. Erst als ich ihn aus dem Wasser geholt hatte, habe ich gesehen, dass es Christian war.«
Jetzt ergriff Karl das Wort: »Wir sind nicht auf den Kopf gefallen, Hannis. Wir wissen bereits, dass du und Christian nach Mitternacht gemeinsam das Bacchus verlassen habt. Und nach allem, was wir bis jetzt herausgekriegt haben, bist du der Letzte, der ihn lebend gesehen hat ...«
Karls Worte hingen in der Luft, hätten aber ebenso gut in Granit gehauen sein können. Das war also der Grund, warum ich an einem nebelverhangenen Mittwochmorgen im Landeskrankenhaus auftauchen sollte.
»Wir haben uns am Haus der Pfingstgemeinde getrennt, und das Letzte, was ich von ihm gesehen habe, war, wie er in die Tórsgøta abgebogen ist.«
»Wohin wollte er?«
»Nach Hause, nehme ich mal an. Etwas anderes hatte er bestimmt nicht im Sinn.«
»Er ist nicht zu Hause gewesen.« Karl wanderte auf und ab, die Hände auf dem Rücken. »Er hat bei einer Frau in Djóni í Geilsgøta ein Zimmer gemietet, aber sie sagt, er sei in dieser Nacht nicht nach Hause gekommen. Hat er dir erzählt, woran er arbeitet?«
»Wir haben über Petur Kári Magnussen geredet. Christian war sich sicher, dass es kein Selbstmord war, sondern dass jemand nachgeholfen hat. Er hat auch behauptet, dass ihr einen Hinweis bekommen hättet, Petur Kári zu verhaften.«
»Hat er das gesagt?« Karls Stimme klang müde, aber man konnte die Wut in ihr hören. »Das Revier leckt wie ein Sieb. Wir könnten ebenso gut Lautsprecher auf der Straße installieren oder einen heißen Draht zu den Zeitungen.«
»Es stimmt also?«
»Du kannst dir deine Frage sparen, Hannis. Ich darf nichts sagen, und schon gar nicht zu dir. Wenn du etwas wissen willst, musst du zu Piddi gehen.« Er drehte sich um und schaute durch die Scheibe in der Tür.
Wie er so dastand, in zerknittertem hellem Mantel und schmutzigen Schuhen, gebeugt und mit dem Ansatz einer Glatze, war er die Müdigkeit in Person.
Drei Morde in vierzehn Tagen, das steckt man nicht so einfach weg. Und einer davon auch noch im Polizeirevier begangen. Deshalb kommentierte ich seinen Vorschlag, mit Piddi zu sprechen, lieber nicht. Er war wohl auch nicht ganz ernst gemeint.
»Es sieht so aus, als würde es nicht mehr lange dauern. Ihr könnt jetzt verschwinden, ich bleibe hier, bis sie fertig sind mit der Obduktion.« Er machte eine Pause. »Und, Hannis, du weißt, wie viel du darüber schreiben darfst.«
Das wusste ich nur zu gut. Unter diesen Umständen konnte ich eigentlich gleich meinen Job als Journalist an den Nagel hängen.
Haraldur, der ein wenig von seiner normalen Gesichtsfarbe zurückerlangt hatte, ging langsam den Flur entlang und ich folgte ihm.
9
Wir verließen das Krankenhaus und liefen eine Weile schweigend nebeneinander her. Bei der Gullsvingið am Westkai blieben wir kurz stehen und schauten auf einen der Neubauten der Schiffswerft hinunter.
Das Schiff war noch rostfarben, aber es sah so aus, als sollte es bald angestrichen werden. Trotz Nebel konnten wir deutlich die Männer sehen, die zwischen der Helling und der großen Maschinenhalle hin- und herliefen, während das Ende der Helling bereits im feuchten Dunst verschwand. Ab und zu hörten wir Hammerschläge und das Kreischen elektrischer Maschinen, dann wurde es wieder ganz still. Normalerweise machte es Spaß, Menschen bei der Arbeit zuzuschauen, vor allem von einem Aussichtspunkt wie diesem, der etwas von der Perspektive unseres Herrgotts hatte. Aber heute stand uns der Sinn nicht nach Spaß.
»Das wird gut tun, aus diesem Regenwetter rauszukommen.« Haraldur schaute in den Himmel, während er sprach. »Weiße Strände und Palmen und kein Gerede von Steuern, Personenkennziffern und Auslandsverschuldung.«
»Willst du verreisen?« Ich war verblüfft. Schon seit langer Zeit war Haraldur für mich zu einem Teil von Tórshavn geworden. Dass er plante, das Land zu verlassen, war so unerhört, als hätte Rasmus Effersøe seinen Sockel verlassen und wäre über den Tinghúsplena spaziert.
»Ich habe eine Heuer als Ablöser auf einem Gastanker gekriegt, der zwischen San Francisco, Hawaii und den Marshallinseln fährt. Vorläufig für vier Monate. Ich warte nur auf den Bescheid, der kann jeden Augenblick kommen.«
»Und was ist mit dem Eyskarið?«
»Da ist ja im Augenblick nicht viel zu tun, und nur herumzurennen und Architekten und Handwerker zu beaufsichtigen, dazu habe ich keine Lust mehr.«
»Na, das wird hoffentlich auch ohne dich klargehen, aber mit wem soll ich dann zum Fischen rausfahren?« Ich versuchte, ironisch zu klingen, aber die Wahrheit war, dass ich Haraldur schon jetzt vermisste. Er war für mich wie ein Fels in der Brandung, besonders in diesen Tagen.
»Es gibt genug Boote, du wirst sehen, das ergibt sich.« Haraldur ging langsam den Weg zwischen der Schiffswerft und der alten Navigationsschule hinunter. »Übrigens, ehe ich es vergesse. Ich wollte dir noch etwas sagen.« Wir gingen gemeinsam nach Rættará hinunter.
»Als du mich in der Konditorei nach Páll Hansen und Gaia International gefragt hast, da habe ich gesagt, dass ich nichts über deren Machenschaften wüsste. Was Páll Hansen betrifft, stimmt das auch. Da weiß ich nur, dass ich an dem bewussten Tag frisches Walfleisch und Speck zu Mittag gegessen habe. Ich hatte ein Stück Speck in der einen Hand und ein Klappmesser in der anderen, als er starb. Ich glaube, ich bin mehrere Minuten so sitzen geblieben, so verblüfft war ich, als er anfing, im Radio zu röcheln. Zuerst habe ich gedacht, es wäre ein Scherz, aber dann wurde mir schnell klar, dass da etwas absolut nicht stimmte.«
Haraldur schwieg eine Weile, während wir langsam auf Skálatrøð und die vielen Boote zuschlenderten. Unten bei den Pontons setzten wir uns auf eine Bank und Haraldur griff den Faden wieder auf: »Was Gaia betrifft, so habe ich nicht genau verfolgt, was die Zeitungen geschrieben haben. Beispielsweise hatte ich keine Ahnung, dass Páll Hansen für die Kerle gearbeitet hatte. Aber vielleicht stand das auch gar nicht in der Zeitung?« Für einen Augenblick verfiel er ins Grübeln.
»Aber etwas habe ich doch gehört. An einem Abend, als ich hinterm Tresen im Eyskarið stand, war da ein mehr als angesäuselter Typ und plapperte vor sich hin. Ich habe nicht besonders darauf geachtet, aber ich kann mich noch gut daran erinnern, dass er sagte, Hanus í Rong sei der Mann, der hinter Gaia stünde, und es sei seine Schuld, dass so viele Menschen so viel Geld verloren hätten. Ich hatte Zweifel, doch er beharrte auf seiner Meinung und ergänzte noch, dass er das ja wohl wissen müsse, da er einer der Steuerprüfer bei Gaia gewesen sei.«
»Hanus í Rong. Ist das nicht der Reeder und Laienprediger?«, fragte ich verblüfft.
»Stimmt genau. Das, was einem Propheten hier im Land am nächsten kommt. Aber ich weiß nicht, ob an den Vorwürfen des Steuerprüfers etwas dran ist. Er war ziemlich angeheitert. Andererseits würde es mich gar nicht wundern. Diese Gläubigen streifen sich doch die göttliche Haut über und wieder ab, wie andere ihre Hemden wechseln.«
Haraldur steckte eine Hand in die Tasche und holte seine Kautabakdose hervor. Er schob sich einen Streifen hinter die Unterlippe, spuckte aus und reckte sich.
»Du kannst ja mal mit dem Steuerprüfer reden. Er arbeitet bei einem der großen Betriebe an der Hoyvíksvegur und lebt sicher wie die Made im Speck, jetzt, wo das Land von seinesgleichen regiert wird. Ich könnte mir auch gut zwei Bierclubdirektoren in Tinganes vorstellen.«
»Wie heißt dieser Steuerprüfer?« Ich unterbrach Haraldurs Wunschtraum.
»Arngrímur Brestisoyggj. Einer dieser jungen Typen von der Wirtschaftshochschule, die vom gemeinsamen Markt reden, von internationaler ökonomischer Zusammenarbeit, dass die Grenzen aufgehoben werden sollten und anderen schönen Dingen. Wenn sich ihm die Möglichkeit bietet, wird er sich aufstellen lassen und ganz sicher ins Ting gewählt werden.«
»Wer ist Hanus í Rong? Ich meine, wie ist er, was ist sein Ziel?«
Haraldur schaute auf seine Uhr und stand auf. »Eigentlich weiß ich überhaupt nichts über ihn. Habe nur mal bei der Post ein paar Worte mit ihm gewechselt, du weißt schon, Guten Morgen und was übers Wetter.«
Jetzt trippelte er ungeduldig.
»Jetzt muss ich aber nach Hause, telefonieren. Die Heuer, weißt du.«
Als Haraldur gegangen war, blieb ich noch ein wenig sitzen, starrte vor mich hin und kam ins Grübeln. Aber das dauerte nicht lange, denn bald zitterte ich vor Kälte. Milder Nebel, aber immerhin waren wir schon mitten im Oktober.
10
Als im Radio die Mittagsmusik begann, saß ich im überfüllten Kaffivognur auf der Østre Brygge und genoss die Zeitung der Konservativen und einen Becher Kaffee. Ich war wegen Christian Joensen immer noch zu aufgewühlt, um etwas Festes zu mir zu nehmen. Der Inhalt der Zeitung war wie üblich vorhersehbar und trotz heftiger Angriffe auf Personen und Institutionen herrlich beruhigend. Also gab es immer noch etwas, was beständig war.
Im Übrigen hatten mich die letzten Tage in Bezug auf die Zustände in unserem Land unsicher werden lassen. Irgendetwas lief hier verdammt falsch, und hinter dem Ganzen gärte eine Krämermentalität und noch etwas anderes, das ich kaum erahnte. Es war meine Aufgabe als Journalist, die Zusammenhänge herauszufinden. Von dieser Aufgabe war ich nicht gerade begeistert.
»Verflucht! Wenn das nicht Hannis ist!«
Jeansstoff beugte sich zu mir herunter und erstickte mich fast in Schnapsgeruch. Er lehnte sich schwer gegen mich, sodass der halb volle Kaffeebecher umfiel. Ich stand auf und konnte das Stoffbündel so weit zur Seite schieben, dass ich dem Kaffee entging und sehen konnte, um wen es sich da handelte.
Eine Folge von Erinnerungen kam mir in den Sinn. Das Gymnasium in Hoydalur, der weitgestreckte Rasen, der Bach, auf dem wir im Winter Schlittschuh liefen, die Lehrer, die ersten Feten, Schüler, die auf dem Boden lagen und ihren Rausch ausschliefen.
»Na, erkennst du mich wieder?« Die Stimme war etwas belegt, aber gut zu verstehen. Ihr Besitzer hatte Übung darin, angetrunken zu sein. Das war sein alltäglicher Zustand.
Natürlich erkannte ich ihn wieder, aber einen kurzen Moment lang kämpfte ich mit meinen Gefühlen. Mit der Borniertheit, die mit dieser Sorte Menschen nichts zu tun haben möchte, weil deren Unglück ja ansteckend sein könnte, und außerdem machten sie nur Ärger. Am besten, sie blieben im Verborgenen und kamen gar nicht hervor. Aber gleichzeitig war da das Gefühl, dass es nicht in Ordnung wäre, alte Schulfreunde zu verleugnen – was ich am liebsten getan hätte –, und dass ich mit dem Mann reden müsste.
»Natürlich erkenne ich dich wieder, Birgir. Setz dich doch.« Ich deutete auf einen Stuhl mir gegenüber.
Die junge Frau am Tresen kam zu uns herüber und wischte wütend den Kaffee vom Tisch.
»Solche Leute haben hier keinen Zutritt. Unser Direktor will das nicht. Mit denen hat man nur Ärger.« Ihre Stimme zitterte vor Wut und sie sprach, als säße ich allein am Tisch. »Soll ich ihn rausschmeißen?«
»Nein, schon gut. Bring uns lieber zwei Becher Kaffee.«
Sie ging.
Inzwischen betrachtete ich Birgir, der sich mit dem Kinn auf der Brust und geschlossenen Augen gesetzt hatte. Die Worte der Kellnerin hatte er gar nicht zur Kenntnis genommen. Sicher war er so etwas gewohnt.
Wie er so dasaß, schmutzig, nach Schnaps und altem Schweiß stinkend, verstand ich die junge Frau. Er war wirklich kein appetitlicher Anblick. Was von seinem Haar noch übrig war, war blond und hing klebrig bis in Ellbogenhöhe herunter. Auf dem Schädel, auf der Stirn und auf einer Wange hatte er verschorfte Wunden. Entweder war er im Suff hingefallen oder er hatte sich geprügelt. Wahrscheinlich traf beides zu.
»Bitte schön!« Sie stellte die Becher so hart auf den Tisch, dass der Kaffee überschwappte und sich auf dem Tisch ergoss. Ich tat, als wenn nichts wäre, und sie ging zurück zum Tresen, auf dem trockenes Gebäck unter einer Glashaube auf Liebhaber wartete.
»Alles nur vom Feinsten. Unser Direktor! Fehlt nur noch, dass der Kaffivognur einen in Leder gebundenen Jubiläumsband herausbringt.« Birgir lachte vor sich hin. »Oder was meinst du, Hannis?« Er versuchte, mich anzusehen, hatte aber nicht die Kraft, seine Augen ganz zu öffnen. »Oder habe ich etwa nicht recht?« Letzteres flüsterte er in sein schmutziges Hemd.
»Spendierst du ein Bier?« Jetzt waren seine Augen weit aufgerissen. Sie waren blutunterlaufen, nur in der Mitte war ein bisschen Blau zu sehen. Aber das ironische Grinsen war unverwechselbar. Das hatte sich seit der Schulzeit nicht geändert. »For old time’s sake«, fügte er hinzu. Auch seine Angewohnheit, englische Phrasen zu benutzen, hatte er beibehalten.
Als ich mit zwei Restorff zurückkam, nahm Birgir sofort einen großen Schluck. Dann klemmte er sich die Flasche zwischen die Knie und holte aus seiner Brusttasche ein Fläschchen Aqua Velva, dessen Inhalt er in die Bierflasche füllte. Er schüttelte sie ein paarmal, setzte sie an den Mund und trank die Hälfte aus.
»Ah, das tat gut.« Er schaute den leeren Flachmann an und ließ ihn auf den Boden fallen. Die Musik aus dem Radio und die Gespräche an den anderen Tischen sorgten dafür, dass niemand etwas merkte. Birgir trank noch ein wenig und es schien, als würde er etwas wacher.
»Möchtest du probieren?« Er reichte mir die Flasche.
»Nein danke. Ein andermal vielleicht.«
Vor mehr als zwanzig Jahren hatte ich einmal aus Versehen einen Schluck von dieser Mischung aus Bier und Aqua Velva getrunken und konnte den ekligen Geschmack immer noch spüren.
»Habe ich auch gar nicht erwartet.« Er lächelte. »Als Dank dafür, dass du das hier nicht probieren musst, kannst du mir eigentlich dein Bier geben. Du trinkst es ja sowieso nicht.«
Ich schob ihm die Restorff-Flasche hinüber. Er hatte recht. Das färöische Piss-Bier ist nicht gerade das Getränk, das ich im Paradies trinken möchte.
Wir saßen eine Weile da und lauschten den Lokalnachrichten. Diese Minute verging schnell. Die Fischzuchtbetriebe forderten Unterstützung, sie sagten, dass es nicht angehen könnte, dass ein freies Unternehmen allein zurechtkommen sollte. Die Landesregierung wollte die Sache überdenken.
Nicht ein einziges Wort über einen Toten in Skítivík.
Birgir brummte vor sich hin, während er etwas von meinem Bier in seine Flasche goss. Das Getränk war jetzt sicher reichlich dünn geworden, aber vielleicht genügte es ja schon, wenn nur etwas von dem Geschmack übrig war?
»Kanntest du Petur Kári Magnussen?« Ich konnte ebenso gut die Gelegenheit gleich nutzen, auch wenn ich Birgir für zu intelligent hielt, um sich mit einem Typen wie Petur Kári abzugeben. Aber in der Gemeinschaft Durstiger gab es viele sonderbare Mitglieder.
»Petur Kári Magnussen?« Er sah mich fragend an. »Ach, du meinst Paki, den Typen, der sich im Polizeirevier aufgehängt hat?«
»Ja.«
»Nein, den kannte ich nicht besonders gut. Habe ihn häufiger gesehen, aber er war immer zugedröhnt, sodass man gar nicht mit ihm reden konnte.«
Umso erstaunlicher, dass er eine Bank ausrauben konnte, dachte ich.
»Warum fragst du?« Birgir war nicht schöner geworden, aber in seinen blau-roten Augen blitzte es auf.
»Nur so. Vielleicht schreibe ich einen Artikel über menschliche Wracks in Tórshavn.« In dem Moment, als ich die Worte aussprach, wurde mir bewusst, was ich gesagt hatte.
»Und deshalb möchtest du erst mal mit mir reden.« Birgir sah mich ironisch an. »Du hältst mich wohl für einen Spezialisten auf diesem Gebiet?«
»So habe ich das nicht gemeint. Ich dachte nur ...« Ich wusste nicht, wie ich fortfahren sollte.
Birgir lachte. »Mach dir nichts draus. Ich weiß, wer ich bin. Und das ist mehr, als man von vielen sagen kann, die ganz nach oben gekommen sind.«
Er wühlte in seinen Taschen, suchte sicher nach Zigaretten. Ich bot ihm eine von meinen Prince an und zündete sie ihm auch an. Er inhalierte ein paarmal.
»Der Grund, weshalb du dich mit Paki beschäftigen willst, geht mich auch gar nichts an. Aber ich kann dir leider nicht helfen.«
»Kennst du die Leute, die mit ihm rumhingen?«
»Vielleicht den einen oder anderen.« Er trank einen ordentlichen Schluck.
»Auch wenn ich mich um Grund und Boden gesoffen habe und ein Alki bin, wie man so schön sagt, habe ich immer noch einen gewissen Stolz. Und der besteht zum Teil darin, dass ich nicht mit Petur Kári und seinesgleichen verkehre. Ich will mich mit Anstand zu Tode saufen.«
Er machte mit der rechten Hand eine vornehme Handbewegung. Ich saß einem ramponierten Aristokraten gegenüber. Aber trotz allem einem Aristokraten.
»Ich gebe dir einen guten Rat: Geh zur Quelle, das ist der richtige Ort, wenn du Informationen über die Penner von Tórshavn haben willst.«
Ich hatte schon von der Quelle gehört, allerdings nichts Gutes. Es war eine Kneipe ohne Lizenz und noch illegaler als die üblichen Bierclubs. Wenn nur ein Bruchteil der Geschichten, die über den Laden kursierten, stimmen, waren Sodom und Gomorrha dagegen eine Sonntagsschule. Ich hatte bisher nie Lust verspürt, diesen Ort aufzusuchen, aber vielleicht jetzt?
»Wie kommt man rein? Ich bin nicht Mitglied.«
»Ich glaube nicht, dass die Mitglieder haben, aber wenn du nicht bezahlen kannst, kommst du nicht so ohne Weiteres rein. Warte mal, ich muss nachdenken. Und das bin ich nicht gewohnt.« Birgir lächelte sein halbes Lächeln, aber dann verschwand es wieder. »Jetzt erinnere ich mich. Das einzige Mal, dass ich da war, musste man dem Türsteher sagen, man kenne Heindrik, und dann kam man rein.«
»Wer ist Heindrik?«
»Keine Ahnung. Ich weiß auch nicht, ob das heute noch funktioniert. Ist schon ’n halbes Jahr her, seit ich da war.«
»Kannst du nicht mitkommen?« Auch wenn Birgir runtergekommen war, war er immer noch ziemlich clever.
»Ich komme nicht rein. Ich habe denen ein paar Wahrheiten gesagt und da haben sie mich rausgeschmissen. Aber wenn du mich unbedingt bei dir haben möchtest, kann ich dich gern besuchen. Ich gehe davon aus, dass du was zu trinken im Haus hast.«
Zuerst konnte ich mit mir selbst nicht ins Reine kommen, ob ich wirklich Lust hatte, von Birgir besucht zu werden.
»Machst du mir auf, wenn ich komme?« Er sah mich spöttisch an.
»Kommt drauf an.«
»Worauf?«
»Ob ich allein zu Hause bin oder Gesellschaft im Bett habe.«
Wir grinsten einander an. Es waren viele Jahre vergangen, aber wir kannten uns.
»Natürlich mache ich dir auf, Birgir.« Und als ich das sagte, meinte ich es auch so.
11
Der Nebel hielt sich. So ein richtiger Alltagsnebel, der keinerlei Spielereien mit wechselnden Beleuchtungen zuließ und sich auch nicht auf den Fjord hinaus verzog. Er hatte sich niedergelassen, um während seiner Arbeitszeit hier zu bleiben, und auch gegen ein paar Überstunden hatte er nichts einzuwenden. Gott weiß, ob er vielleicht eine Abmachung mit der Angestelltengewerkschaft hatte?
Das Tuten des Nebelhorns verfolgte mich spöttisch die Jónas Broncksgøta entlang. Die Feuchtigkeit legte sich auf meine Haare und mein Gesicht und schon nach wenigen Sekunden tropfte es von Nase und Kinn. Jetzt bereute ich, dass ich nicht das Auto genommen hatte. Kurz nachdem ich den Weiher an der Hoyviksvegur passiert hatte, kam ich zu einem großen, grauen Betonkasten mit roten Fenstern und schwarzem Dach. Es erinnerte ein wenig an eine Gemeindeschule aus den Siebzigern.
An der Betonmauer neben der großen Doppeltür stand mit großen Messingbuchstaben REVISION A/S. Darunter, mit kleineren Buchstaben, standen die Namen von fünf Männern, darunter der des Steuerprüfers, mit dem zu reden ich mir vorgenommen hatte.
Ich ging hinein und blieb einen Augenblick in dem kleinen Vorraum stehen, um die schlimmste Nässe abzuschütteln. Die Tropfen bildeten ein zufälliges Muster auf dem grauen Steinfußboden, und wenn ich mich beeilt hätte, hätte ich die Fliesen firnissen und ausstellen können. Aber ich war in einer ganz anderen Sache hier, deshalb ging ich weiter in einen großen Büroraum, in dem zehn Menschen vor ihren Computern saßen. Die meisten davon waren Frauen.
Zwischen ihnen und mir befand sich ein hoher Tresen. Ich legte meine Ellbogen darauf und wartete. Niemand sah auch nur von Tastatur und Bildschirm auf. Die reinsten Computerzombies.
An der langen Wand gegenüber dem Fenster gab es drei Türen und ganz am Ende des Raums eine Wendeltreppe, die nach oben führte. Diese Treppe kamen zwei schlanke Beine in schwarzen Strümpfen und dunklen, hochhackigen Schuhen herunter.
Während sie auf mich zu ging, hatte ich Zeit, sie mir näher anzusehen. Das Haar war blond gesträhnt, und fiel in sanften Wellen über ihre Schultern. Das braune Kleid in altmodischem Stil mit Volant betonte Brust und Hüften. Die Lippen waren dunkelrot geschminkt, die Augenbrauen schwarz, und goldene Sprenkel betonten das Grau ihrer Augen. Sie trug eine große Brille mit hellbraunem Gestell. An den Bügeln waren die Buchstaben CD sehr deutlich zu sehen. Sie war um die dreißig und hübsch genug, dass mir einfiel, dass ich nicht frisch rasiert und mein Hemd nicht gebügelt war.
»Ja?«, sagte sie in fragendem Ton.
Ich nannte meinen Namen und erklärte, dass ich gern mit Arngrímur Brestisoyggj sprechen wollte.
»Worum geht es?«
Mit ihr war nicht gut Kirschen essen. Und ihrem Aussehen nach zu urteilen, konnte ihr Gehalt nicht ganz bescheiden sein.
»Ich habe ein paar Fragen.«
»Was für Fragen?«
»Das kann ich Ihnen nicht sagen.«
»Ach!« Die grauen Augen schweiften ein wenig ab. Sicher war sie meiner bereits überdrüssig.
»Aber Herr Brestisoyggj ist sehr beschäftigt, ich kann ihn nicht jedes Mal stören, wenn jemand nach ihm fragt. Wenn Sie einen Termin hätten, wäre das etwas anderes.«
»Sagen Sie ihm, es geht um Gaia und um Páll Hansen.« Ich versuchte, ihr tief in die Augen zu sehen.
»Gaia und Páll Hansen.« Sie schaute zweifelnd drein, aber ich lächelte mein höflichstes Lächeln. Was ich zu benutzen pflege, wenn ich bissige Hunde beruhigen will.
Sie drehte sich auf dem Absatz um und ging die Wendeltreppe wieder hinauf.
Erneut hatte ich Gelegenheit, ihre Beine zu bewundern, während sie durch die Windungen tanzte. Ich wusste nicht, ob es mein Lächeln war, das den Ausschlag gegeben hatte, aber ich werde noch mal darüber nachdenken, vielleicht hatte ich darin ja so etwas wie eine Geheimwaffe.
Kurz darauf kam sie zurück. Ebenso stilsicher, ebenso hübsch und ebenso kalt.
»Herr Brestisoyggj kann Ihnen fünf Minuten einräumen.« Ihrer Stimme war zu entnehmen, dass sie damit nicht einverstanden war. »Es ist die erste Tür rechts, wenn Sie oben sind.«
Als ich oben auf die letzte Stufe trat, wurde mir klar, was unten gefehlt hatte: Den ganzen Flur entlang hingen große Gemälde. Unten hatte ich kein einziges Bild gesehen. Vielleicht war das ja Teil der Politik, auf diese Art die Unterschiede zwischen Direktoren und dem Personal deutlich zu machen? Oder meinten sie, dass Menschen, die unter einem gewissen Lohnniveau lagen, sich sowieso nichts aus Kunst machten?
Arngrímur Brestisoyggj entsprach seinem kraftvollen Namen nicht besonders. Das Erste, was auffiel, war sein Anzug aus Seide. Hellgrau, gestreift und sicher während eines Aufenthalts in Thailand genäht. Er changierte so stark, dass es eine Weile dauerte, bis man den schmächtigen, blassen Mann darin entdeckte. Obwohl er kaum die Mitte dreißig überschritten haben konnte, hatte er schon eine Halbglatze, und Nase und Kinn reckten einander in dem mageren Gesicht so sehr entgegen, dass man den Eindruck hatte, man stünde einem jungen Greis gegenüber.
»Nun, wird’s bald.«
Die Stimme war kalt und alles andere als höflich.
»Ich möchte wissen, wer Gaia International wirklich besitzt.«
Arngrímur Brestisoyggj warf mir aus seinem reflektierenden Panzer einen kalten Blick zu. »Das stand doch in den Zeitungen, deshalb kann ich nicht verstehen, warum du noch mal darüber schreiben willst.«
»Ich glaube nicht, dass die Presse alles erfahren hat. Ich glaube nicht, dass der Name eines bestimmten Reeders überhaupt erwähnt wurde.«
Der Blick des Steuerprüfers flackerte einen Augenblick lang, aber dann gewann er seine Fassung wieder.
»Mir ist nicht bekannt, dass ein Name nicht genannt worden sein soll. Wenn du mit solchen Spekulationen meine Zeit verschwenden willst, dann ...«
»Was hältst du von Hanus í Rong?«, fragte ich schnell.
Jetzt wurde sein Blick wirklich unsicher. Mir tat der kleine Mann in dem pompösen Anzug fast leid. Der Schweiß brach ihm auf der Stirn aus.
»Du musst jetzt gehen, ich habe keine Zeit mehr.« Er schob mich fast auf den Flur und schloss die Tür.
Ich leistete keinen Widerstand, er hatte mir bestätigt, was ich wissen wollte.
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