Read the book: «Autorität»

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JEFF VANDERMEER

AU
TORI
TÄT

Band 2 der Southern-Reach-Trilogie

Aus dem Englischen von Michael Kellner


Verlag Antje Kunstmann

Für Ann

BESCHWÖRUNGEN
000

In seinem Traum ist es früher Morgen, der Himmel tiefblau mit einem Anflug von Licht. Von der Klippe starrt Control in einen Abgrund, auf eine flache Bucht. Die sich ständig verändert. Er kann endlos tief in das Stillwasser hineinsehen. Er sieht die Seeungeheuer, die dort entlanggleiten, wie Unterseeboote oder glockenförmige Orchideen oder breite Schiffsrümpfe, lautlos, in ständiger Bewegung, ihre schiere Größe strahlt eine derartige Macht aus, dass er noch aus dieser großen Entfernung die Spur der Verwüstung spürt, die sie hinter sich herziehen. Er starrt stundenlang auf ihre Körper, ihre Bewegungen hinab, lauscht ihrem Raunen, das bis zu ihm hochdringt … und dann fällt er. Langsam, viel zu langsam, fällt er lautlos in das dunkle Wasser, taucht ohne Spritzer oder Wellenschlag ein. Und fällt immer weiter.

Manchmal kommt der Traum über ihn, während er wach ist, als hätte er etwas übersehen, und dann sagt er lautlos wieder und wieder seinen Namen vor sich hin, bis die reale Welt zu ihm zurückkehrt.

001: ABSTURZ

Erster Tag. Der Auftakt seiner letzten Chance.

»Das sind die Überlebenden?«

Control stand hinter dem verschmutzten Einwegspiegel neben der stellvertretenden Direktorin von Southern Reach und starrte auf die drei Personen im Verhörraum. Rückkehrer der zwölften Expedition nach Area X.

Die stellvertretende Direktorin, eine große, dünne Schwarze in den Vierzigern, gab keine Antwort, was Control nicht überraschte. Er hatte den Montag dazu genutzt, sich in seinem Haus einzurichten, und seit er an diesem Morgen hier eingetroffen war, hatte sie kein überflüssiges Wort an ihn gerichtet. Überhaupt hatte sie ihn kaum beachtet. Erst als er sie und die Belegschaft aufgefordert hatte, ihn »Control« zu nennen, und nicht »John« oder »Rodriguez«, hatte sie einen Augenblick gezögert und erwidert: »Dann sagen Sie bitte Patience zu mir, und nicht Grace.« Er fand es interessant, wie sie einen Namen mit direkter Bedeutung durch einen anderen ersetzte. »Ist mir recht, ich kann Sie einfach Grace nennen«, sagte er in der Annahme, dass ihr das nicht gefallen würde. Sie konterte, indem sie durchgängig von ihm als dem »kommissarischen« Direktor sprach. Da war durchaus etwas dran: Bis er zum richtigen Direktor aufgestiegen wäre, würde sie noch lange Herrin über die Verwaltungstätigkeiten sein, über Fristen und formgerechte Abläufe, über Entlassungen und Neueinstellungen des Personals. Bis er so weit war, mochte die Machtfrage offenbleiben.

Aber für Control war sie weder Patience noch Grace. Für ihn hatte sie nichts Duldsames oder Anmutiges an sich, sondern im Gegenteil etwas Düsteres und Unruhestiftendes. Sie hatte dafür gesorgt, dass er sich ein altes Einführungsvideo über Area X ansehen musste, von dem auch sie wusste, dass es oberflächlich und veraltet war. Sie hatte klargemacht, was sie von seiner Anwesenheit hielt, und war ihm geradezu feindselig begegnet.

»Wo hat man sie gefunden?«, fragte er jetzt. Wobei er eigentlich fragen wollte, warum man sie nicht getrennt gehalten hatte. Weil hier seit geraumer Zeit alles aus dem Ruder lief, weil ihre Abteilung schon seit einiger Zeit vor die Hunde ging, oder besser vor die Ratten, die im Keller saßen und alles zernagten?

»Steht alles in den Akten«, sagte sie und meinte damit, dass er die schon längst hätte lesen können.

Dann ging sie aus dem Zimmer.

Control blieb allein zurück, um über die Akten vor ihm auf dem Tisch zu grübeln – und die drei Frauen hinter dem Einwegspiegel. Natürlich hatte er die Akten gelesen, aber er hatte gehofft, den Widerstand der stellvertretenden Direktorin brechen zu können und vielleicht zu erfahren, was sie persönlich davon hielt. Er hatte auch einen Teil ihrer Personalakte gelesen, doch auch das half ihm kaum dabei, sie zu verstehen, sich ein Bild von ihr zu machen, jedenfalls nicht mehr, als ihr Verhalten ihm gegenüber verriet.

Sein erster Arbeitstag war noch keine vier Stunden alt, und schon fühlte er sich von dem schäbigen, seltsamen Gebäude wie verseucht, von dem abgewetzten grünen Teppichboden und den angestaubten Ansichten des Personals, soweit er es kennengelernt hatte. Alles war von einem Gefühl des Niedergangs durchdrungen, sogar die Sonnenstrahlen, die müde durch die hochgelegenen, rechteckigen Fenster fielen. Er trug seinen üblichen schwarzen Blazer zur Anzughose, ein weißes Hemd mit hellblauer Krawatte und am Morgen polierte schwarze Schuhe. Mittlerweile fragte er sich, warum er sich überhaupt die Mühe gemacht hatte. Er hätte darüberstehen sollen – was er nicht tat – und hasste solche Gedanken, aber es fiel ihm schwer, sie zu unterdrücken.

Control ließ sich Zeit, die Frauen zu betrachten, obwohl sich aus ihrem Aussehen wenig schließen ließ. Sie alle steckten in der typischen Uniform, die zu gleichen Teilen nach Armee und nach Gefängnis aussah. Man hatte ihnen die Haare geschoren, als wären sie schlicht von Läusen und nicht von etwas Unerklärlichem befallen. Ihre Gesichter zeigten alle den gleichen Ausdruck, um nicht zu sagen, sie zeigten überhaupt keinen Ausdruck. Im Flugzeug hatte Control sich noch ermahnt, ihre Namen zu ignorieren. Bemesse sie zunächst nur aufgrund ihrer Funktionen. Dann alles andere ergänzen. Aber Zurückhaltung war nie seine Stärke gewesen. Er liebte es, sich in neue Aufgaben zu stürzen, auf der Suche nach Details, die die Lage erhellten, ohne ihn dabei zu überwältigen.

Die Vermesserin hatte man in einem Lehnstuhl auf der rückwärtigen Veranda ihres Hauses gefunden.

Die Anthropologin war von ihrem Ehemann gefunden worden, als sie an den Nebeneingang seiner Arztpraxis klopfte.

Die Biologin wurde auf einem überwucherten Grundstück einige Blocks von ihrem Haus entfernt entdeckt, wo sie auf eine zerbröckelnde Backsteinmauer starrte.

Wie die Mitglieder früherer Expeditionen konnte keine von ihnen sich daran erinnern, wie sie über die unsichtbare Grenze den Weg aus Area X hinausgefunden hatte. Keine von ihnen wusste, wie sie durch die Sperren und Zäune und anderen Hindernisse gekommen war, die das Militär entlang der Grenze installiert hatte. Keine von ihnen hatte eine Ahnung, wo das vierte Expeditionsmitglied abgeblieben war – die Psychologin, die realiter Direktorin von Southern Reach war und sich gegen alle Einwände an die Spitze der zwölften Expedition gesetzt hatte, inkognito.

Keine von ihnen schien sich an überhaupt etwas erinnern zu können.

Am Morgen beim Frühstück in der Cafeteria hatte Control durch die durchgängige Fensterfront auf den Innenhof mit seiner Unzahl von Steintischen geschaut, und dann auf die langsam vorrückende Schlange vor der Essensausgabe – zu kurz, schien ihm, für so ein großes Gebäude –, ehe er Grace fragte: »Warum freut sich hier keiner so richtig, dass die Expedition zurück ist?«

Sie hatte ihn leidgeprüft angesehen, als sei er ein besonders begriffsstutziger Schüler beim Förderunterricht. »Was glauben Sie wohl, Control?« Inzwischen sprach sie seinen Namen betont ironisch aus, sodass er sich wie das Senkblei an der Fliegenrute seines Opas fühlte, das schon den Schlammboden Dutzender von Seen gesehen hatte. »Wir haben das alles schon mal mit der letzten Expedition durchgemacht. Neun Monate Verhör haben sie ertragen, aber wir haben nichts herausgefunden. Währenddessen starben sie einen langsamen Tod. Was für ein Gefühl hätten Sie da?« Lange Monate der Orientierungslosigkeit, und dann der Tod durch eine besonders bösartige Form von Krebs.

Er nickte langsam. Natürlich, sie hatte recht. Sein Vater war an Krebs gestorben. Er hatte nicht darüber nachgedacht, welche Wirkung diese Vorgänge auf die Mitarbeiter gehabt haben mochten. Für ihn waren das immer noch abstrakte Worte, ein Bericht, den er im Flugzeug auf dem Weg hierher gelesen hatte.

Hier in der Cafeteria war der Teppichboden in einem Dunkelgrün gehalten, von dem sich ein stilisiertes Pfeilmuster in Hellgrün abhob; alle Pfeile zeigten auf den Innenhof.

»Warum ist es hier drinnen nicht heller?«, fragte er. »Wohin verschwindet das ganze Licht?«

Aber für den Augenblick hatte Grace keine Lust mehr, seine Fragen zu beantworten.

Als eine der drei – die Biologin – den Kopf ein klein wenig wandte und in den Einwegspiegel schaute, als könne sie ihn sehen, wich Control diesem Blick mit einer Art verspäteter Beschämung aus. Diese Art der Überwachung hatte etwas Unpersönliches, Professionelles, aber möglicherweise fühlte es sich anders an, wenn man selbst unter einer solchen Beobachtung stand.

Niemand hatte ihm gesagt, dass er bereits an seinem ersten Tag die desorientierten Rückkehrer aus Area X verhören sollte, und doch musste Central es schon gewusst haben, als man ihm diese Position anbot. Die Expeditionsteilnehmer waren schon vor fast sechs Wochen aufgegriffen und vier Wochen lang in einem Musterungszentrum weiter im Norden verschiedenen Tests unterzogen worden, bis man sie nach Southern Reach gebracht hatte. Etwa zur gleichen Zeit hatte man ihn nach Central beordert, wo er zwei Wochen lang Instruktionen bekam, es aber auch viel Leerlauf gab; ganze Tage, an denen nichts passierte, die einfach nur zum Vergessen waren. Fast schien es so, als wäre dieses Timing von Anfang an geplant gewesen. Dann zog das Tempo an und alles bekam eine gewisse Dringlichkeit.

Dies und ein paar andere Dinge hatten das Gefühl von Sinnlosigkeit und Verbitterung hervorgerufen, das ihn seit seiner Ankunft auch hier immer wieder befiel. Voice, nichts als eine Stimme, sein primärer Kontakt zu den oberen Diensträngen, hatte während eines ersten Briefings angedeutet, im Lichte seiner Vorgeschichte sei dies ein einfacher Auftrag. Southern Reach war zu einer nachgeordneten Behörde in der Provinz geworden, die ein schlafendes Geheimnis hütete, das jetzt, wo sich alles um Terrorismus und den ökologischen Kollaps drehte, niemanden mehr besonders interessierte. Voice hatte, auf ihre barsche Art, seine Mission als typischen Fall bezeichnet, bei dem seine Aufgabe »zunächst einmal« darin bestand, »sich einzugewöhnen, die Lage einschätzen, zu analysieren und dann in die Tiefe zu gehen«, eine für ihn inzwischen durchaus ungewöhnliche Anweisung.

Controls zugegebenermaßen durchwachsene Karriere hatte als Agent im Außendienst begonnen: Überwachung inländischer Terrorzellen. Dann war er befördert worden, Datensynthese und Organisationsanalyse, zwei Dutzend oder mehr Fälle, und in ihrer Ähnlichkeit der eine so banal wie der andere; über keinen durfte er sprechen. Die Öffentlichkeit bekam davon nichts mit: Die geheime Geschichte von gar nichts. Aber er war immer mehr in die Rolle eines Feuerwehrmanns gerutscht, hauptsächlich deshalb, weil er bestimmte Probleme anderer rasch erfassen konnte, schneller jedenfalls als seine eigenen. Inzwischen war er achtunddreißig, und wenn er sich mit überhaupt etwas einen Namen gemacht hatte, dann damit. Das bedeutete aber auch, dass er nie den ganzen Fall begleitete, obwohl er inzwischen genau das einmal wollte: etwas von Anfang bis Ende durchziehen. Das Problem war nur, dass ein Feuerwehrmann dieser Art ausgesprochen unbeliebt war – »Hallo, ich zeig euch mal, was ihr falsch macht« –, besonders, wenn ihm der Ruf vorauseilte, selbst schon lange die Feuerwehr zu brauchen.

Es fing immer gut an, aber es endete längst nicht immer gut.

Voice hatte es auch versäumt zu erwähnen, dass Area X hinter einer Grenze lag, deren Wesen selbst nach mehr als dreißig Jahren niemand zu begreifen schien. Nein, das hatte er erst beim Durchsehen der Akten und der Wiederholung des Videos erfahren.

Auch hatte ihm keiner gesagt, dass die stellvertretende Direktorin ihn so hassen würde, weil er die verschollene Direktorin ersetzte. Obwohl er es sich hätte denken können: Den spärlichen Informationen in ihrer Personalakte zufolge stammte sie aus einem kleinbürgerlichen Umfeld, war zunächst auf eine öffentliche Schule gegangen und hatte härter als andere arbeiten müssen, um ihre jetzige Position zu erreichen. Während Control gerüchteweise zu einer Art unsichtbarer Dynastie gehörte, was naturgemäß Vorurteile schürte. An den Tatsachen war nicht zu rütteln.

»Sie sind jetzt so weit. Kommen Sie mit.«

Grace stand plötzlich wieder in der Tür. Es klang wie ein Befehl.

Er kannte zahlreiche Mittel, den Widerstand eines Mitarbeiters zu brechen. Möglicherweise musste er alle anwenden.

Control nahm zwei der drei Aktenmappen vom Tisch und zerriss sie, den Blick fest auf die Biologin geheftet; er spürte die Spannung in den Handflächen und ließ das Papier in den Abfallkorb fallen.

In seinem Rücken erklang ein ersticktes Keuchen.

Dann drehte er sich um – und sah sich dem geballten wortlosen Zorn der stellvertretenden Direktorin gegenüber. Aber ihre Augen verrieten auch, dass sie auf der Hut war. Gut.

»Warum hebt ihr diese ganzen Papiere auf, Grace?«, fragte er und ging einen Schritt auf sie zu.

»Die Direktorin hat darauf bestanden. Haben Sie das absichtlich gemacht?«

Er ignorierte sie. »Grace, warum vermeiden alle hier die Worte Alien oder Außerirdische, wenn es um Area X geht?« Auch er hatte diese Worte bisher gemieden. Seitdem er die Wahrheit kannte, hatte sich zuweilen in ihm ein gewaltiger Abgrund aufgetan, aus dem Schreie des Unglaubens und der Fassungslosigkeit drangen. Aber er hat sich nichts anmerken lassen. Er hatte ein perfektes Pokergesicht; das hatte er immer wieder gehört, von Geliebten, Verwandten und sogar völlig Fremden. Er war gut eins achtzig groß. Immer gelassen. Ein kompaktes Muskelpaket von einem Sportler. Er konnte ohne Anstrengung meilenweit laufen und hielt sich etwas auf seine gesunde Ernährung und sein regelmäßiges Training zugute, obwohl er dem Whiskey nicht abgeneigt war.

Sie hielt dagegen. »Niemand weiß Genaues. Man sollte keine vorschnellen Schlüsse ziehen.«

»Selbst nach so vielen Jahren nicht? Ich brauche nur eine von ihnen zu interviewen.«

»Wie bitte?«

Die Anspannung in seinen Händen übertrug sich auf das Gespräch.

»Ich brauche die anderen Unterlagen nicht, weil ich nur eine von ihnen verhöre.«

»Sie müssen alle drei verhören.« Als ob sie es einfach nicht begriffen hätte.

Er drehte sich um, um die verbliebene Mappe zu nehmen. »Nein. Nur die Biologin.«

»Das ist ein Fehler.«

»Siebenhundertdreiundfünfzig ist kein Fehler«, sagte er. »Siebenhundertzweiundzwanzig ist auch kein Fehler.«

Sie kniff die Augen zusammen. »Irgendetwas stimmt mit Ihnen nicht.«

»Lassen Sie die Biologin hier«, sagte er und ahmte ihren Tonfall nach, ohne weiter auf sie einzugehen. Ich weiß etwas, das du nicht weißt. »Schicken Sie die anderen zurück in ihr Quartier.«

Grace starrte ihn an, als sei er irgendein Nagetier, von dem sie nicht wusste, ob sie es verabscheuen oder bemitleiden sollte. Aber einen Augenblick später nickte sie steif und ging.

Er entspannte sich, atmete tief aus. Obwohl sie seinen Anweisungen Folge leisten musste, hatte sie für die nächsten ein oder zwei Wochen bei den Mitarbeitern immer noch das Sagen, konnte ihm auf tausenderlei Arten dazwischenfunken, solange er hier nicht vollständig integriert war.

War es Alchemie oder echte Magie? Täuschte er sich? Und spielte das überhaupt eine Rolle, denn wenn er sich täuschte, war dann nicht das eine wie das andere?

Ja, es spielte eine Rolle.

Es war seine letzte Chance.

Seine Mutter hatte es ihm gesagt, bevor er hierhergekommen war.


Dachte er an seine Mutter, hatte Control häufig einen Blitz vor Augen, der in weiter Entfernung über den nächtlichen Himmel zuckte. Nur kurz da, und gleich wieder fort, aber immer einprägsam. Vielleicht fragte man sich, woher der Blitz kam. Aber sicher wissen konnte man es nicht.

Jackie Severance war ein Einzelkind, trat wie ihr Vater in den Dienst ein und überflügelte ihn bald. Inzwischen arbeitete sie auf einer Hierarchieebene weit oberhalb dessen, was ihr Vater erreicht hatte, und schon Jack Severance war ein hochdekorierter Agent gewesen. Er hatte sie streng auf eine Führungsposition hin erzogen. Soweit Control wusste, hetzte er sie als Kind über Geländeparcours und ließ sie mit einem Bajonett auf Mehlsäcke losgehen. Fotoalben der Familie, durch die man das hätte verifizieren können, gab es praktisch nicht. Was immer er auch mit ihr machte, er hatte ihr eine Art beiläufiger Grausamkeit eingeimpft, den Anspruch, immer Höchstleistungen zu vollbringen, und wohl absichtlich eine Eigenschaft, die sich als Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal anderer zeigte.

Als fernen Blitz am Himmel hatte Control sie glühend bewundert, hatte ihr sogar nachgeeifert, wenn auch auf einem ganz anderen Level … aber als Elternteil war sie ausgesprochen unzuverlässig, sogar, wenn sie da war; sie holte ihn nicht pünktlich von der Schule ab, vergaß sein Pausenbrot oder ihm bei den Hausaufgaben zu helfen – selten beständig, was den Alltag in der hiesigen Welt betraf. Jedoch unterstützte sie ihn jederzeit, nachdem er sich Hals über Kopf in den Dienst gestürzt hatte.

Opa Jack hingegen war nie besonders begeistert von dieser Idee gewesen; eines Tages hatte er ihn gemustert und gesagt: »Ich glaube, er hat nicht den richtigen Charakter dafür.« Diese Feststellung hatte einen sechzehnjährigen Jungen am Boden zerstört, der schon nichts anderes als den Dienst im Kopf hatte, aber es hatte auch dazu geführt, dass er noch zielstrebiger wurde, noch konzentrierter, noch stärker dem Himmel und dem Blitz zuneigte. Später glaubte er, dass Opa genau dies beabsichtigt hatte. Opa konnte unberechenbar wie ein Buschfeuer sein, während seine Mutter mehr eine eisblaue Flamme war.

Er war acht oder neun, als sie zum ersten Mal zusammen in das Sommerhaus am See fuhren – »unser eigener kleiner Agentenklub«, wie seine Mutter es genannt hatte. Nur er, seine Mutter und Opa. In der Ecke gegenüber der ramponierten Couch stand ein alter Fernseher. Opa ließ ihn die Antenne hin und her drehen, um den Empfang zu verbessern. »Noch ein bisschen nach links, Control«, sagte er. »Nur noch ein bisschen.« Seine Mutter war derweil im Nebenzimmer und sah ein paar Berichte durch, die sie aus dem Büro mitgebracht hatte und die der Geheimhaltung unterlagen. So kam er zu seinem Spitznamen, ohne zu wissen, dass Opa sich bloß des Agentenjargons bedient hatte. Er war ein Kind und stolz auf diesen coolen Spitznamen, den sein Opa ihm aus Zuneigung gegeben hatte. Aber er war clever genug, jahrelang mit niemandem über die Herkunft des Namens sprechen, der nicht zur Familie gehörte, nicht mal mit seinen Freundinnen. Er ließ sie glauben, er hätte ihn auf der Highschool als Ersatz-Quarterback bekommen. »Ein bisschen weiter nach rechts, Control.« Wirf den Ball wie ein Star. Seine ganze Aufmerksamkeit galt den Fängern, zu sehen, wo sie waren, und sie über den Haufen zu rennen. Selbst wenn das nur im Training gut klappte, so empfand er doch eine ganz besondere Befriedigung durch die Präzision, die aus Vorahnung und Geometrie entstand.

Mit zunehmendem Alter wurde er zu »Control«. Schon damals spürte er die Herablassung, die in dem Wort mitschwang, aber er fragte Opa nie, wie er es genau gemeint und ob er ihn irgendwie gegen sich aufgebracht hatte, weil er damals genauso viel Zeit mit Lesen im Haus wie beim Angeln auf dem See verbrachte.

Er hatte also diesen Namen angenommen, hatte ihn adaptiert und war dabei geblieben. Aber noch nie hatte er Arbeitskollegen aufgefordert, ihn mit »Control« anzureden – bis heute. Er konnte nicht einmal sagen, warum. Es war ihm einfach so eingefallen, als könne er noch einmal ganz von vorne anfangen.

Ein bisschen nach links, Control, und vielleicht bekommst du dann diesen Lichtblitz zu fassen.


Warum ein leeres Grundstück? Das fragte er sich, seit er am Vormittag das Überwachungsvideo gesehen hatte. Warum war die Biologin bei ihrer Rückkehr zu einem leeren Grundstück gegangen und nicht in ihr Haus? Die beiden anderen waren an einen Ort zurückgekehrt, an den sie eine persönliche, eine emotionale Bindung hatten. Aber die Biologin hatte stundenlang auf diesem verwilderten Grundstück gestanden, ohne irgendeine Reaktion auf ihre Umwelt zu zeigen. Control hatte unzählige Videos von Verdächtigen gesehen und dadurch eine besondere Aufmerksamkeit selbst für die kleinsten Eigenarten oder nervösen Ticks entwickelt, die eine Botschaft enthalten konnten … aber auf diesem Band war nichts dergleichen zu sehen.

Erst als verspätete Reaktion auf den Fund der anderen beiden begann Southern Reach nach ihr zu suchen und wurde schließlich durch einen Einsatzbericht der örtlichen Polizei fündig, die sie wegen Landstreicherei festgenommen hatte.

Und dann war da die Sache mit der Kürze. Vorher und nachher.

753.722.

Eine schwache Spur, aber Control spürte inzwischen, dass es bei diesem Einsatz auf die Details ankam, auf detektivischen Spürsinn. Nichts würde einfach sein. Sein Pech, dass er es nicht mit einem Idioten von Amateurbombenbastler zu tun hatte, bewaffnet mit einer Dose Unkraut-Ex und der Light-Version irgendeiner Ideologie, der nach zwanzig Minuten im Verhörraum zusammenbrach.

Während der Befragungen im Vorfeld der zwölften Expedition, die Entscheidungsgrundlage für die Teilnahme war, hatte die Biologin – der Abschrift in ihrer Akte zufolge – es fertiggebracht, mit nur 753 Wörtern auszukommen. Control hatte sie gezählt. Auch das Wort Frühstück war dabei, als vollständige Antwort auf eine Frage. Control bewunderte diese Antwort.

Er hatte die Worte wieder und wieder während der langen Stunden gezählt, in denen sie seinen Computer installiert hatten, seine Security Card ausstellten, ihn mit Passwörtern und Key Codes versorgten und er all die anderen Rituale durchlief, die ihm auf seinem Weg durch verschiedene Behörden und Ressorts immer wieder begegnet waren.

Grace hatte zwar versucht, ihn in einer Art Besenkammer weitab vom Geschehen unterzubringen, aber er bestand darauf, das Büro der bisherigen Direktorin zu beziehen. Er bestand auch darauf, dass alles in diesem Büro verblieb, selbst persönliche Dinge. Grace missfiel offensichtlich die Vorstellung, dass er in den Sachen der Direktorin herumstöberte.

»Sie stehen ein bisschen neben sich«, sagte Grace, als alle anderen gegangen waren. »Sie sind gar nicht richtig anwesend.«

Er nickte nur, denn es war sinnlos, abzustreiten, dass alles ein wenig seltsam war. Aber da er nun einmal hier war, um einen Lagebericht zu liefern und die Dinge ins Lot zu bringen, brauchte er schon eine genauere Vorstellung davon, wie weit alles den Bach hinunter war – oder wie irgendein Soziopath auf einem anderen Posten mal gesagt hatte: »Der Fisch stinkt vom Kopf her.« Fisch verweste gleichmäßig, Zellen zerfielen nicht nach Rangordnung oder Kaste, aber er hatte verstanden.

Control hatte sich sofort an den massiven Schreibtisch gesetzt, mitten hinein in das Wirrwarr von Stapeln von Aktenordnern, endlosen handgeschriebenen Notizen und Post-its. Der Drehstuhl eröffnete ihm einen großartigen Panoramablick auf die Bücherregale an den Wänden, zwischen denen Pinnbretter unter den Sedimenten von an- und umgesteckten Zetteln jeglicher Art verschwanden, und die wie merkwürdig fragile, aber doch planlose Kunstinstallationen wirkten. Die Luft war abgestanden, mit einem leichten Nachgeschmack von lange verglühten Zigaretten.

Schon Größe und Gewicht des Monitors auf dem Schreibtisch der Direktorin sprachen Bände, zeugten ebenso von seiner Überalterung wie die dicke Staubschicht auf der Oberseite. Er war halbherzig ein Stück zur Seite geschoben worden, wovon zwei ausgebleichte Muster auf der darunterliegenden Schreibunterlage samt Kalender zeugten, die sowohl seine alte Position als auch die des Laptops anzeigten, der den Monitor offenbar ersetzt hatte – wobei der Laptop nicht mehr aufzufinden war. Er nahm sich vor zu fragen, ob sie bei ihr zu Hause danach gesucht hatten.

Der Kalender war aus den späten Neunzigern; hatte die Direktorin zu der Zeit den Faden verloren? Er hatte eine plötzliche Vision von ihr während der zwölften Expedition in Area X, wie sie ziellos die Wildnis durchstreifte: eine kräftige, groß gewachsene Frau von vierzig Jahren, die jedoch älter wirkte. Schweigsam, mit sich selbst uneins, zerrissen. Von ihrer Verantwortung so ausgezehrt, dass sie sich sogar zu glauben erlaubte, sie wäre es den Menschen, die sie hinausschickte, schuldig, sie zu begleiten. Warum hatte sie niemand aufgehalten? Hatte sich niemand um sie gekümmert? War sie so überzeugend gewesen? Voice hatte sich dazu nicht geäußert. Ihre aufreizend lückenhafte Akte hatte Control nichts verraten.

Alles, was er sehen konnte, deutete darauf hin, dass sie sich gekümmert hatte, wenn auch wohl zuletzt darum, dass die Behörde funktionierte.

Sein linkes Knie stieß unter dem Schreibtisch an etwas Hartes: der Computer zum Monitor. Er fragte sich, ob er wohl auch in den Neunzigern den Dienst quittiert hatte. Control beschlich ein Gefühl, die Räume der IT-Abteilung nicht sehen zu wollen, die erbärmlichen, ausgelaugten Computer vergangener Dekaden, ein chaotisches, unfreiwilliges Museum aus Kunststoff und Kabeln und Platinen. Aber vielleicht stank der Fisch wirklich vom Kopf her und die Direktorin war vollständig zersetzt.

Derart computerlos – sein eigener Laptop entsprach noch nicht den Sicherheitsbestimmungen – hatte Control sich in die Abschriften der Einsatzgespräche mit den Teilnehmern der zwölften Expedition eingelesen. Die frühere Direktorin hatte diese in ihrer Funktion als Psychologin persönlich geführt.

In Controls Augen waren die anderen Rekruten wie ewig sprudelnde, überbordende Geysire gewesen: große, kichernde, rasende, Klischees verspritzende Schwätzer. Menschen, die im Vergleich zur Biologin den Mund nicht halten konnten … 4.623 Wörter … 7.154 Wörter … und als einsame Spitze die Linguistin, die in letzter Sekunde abgesprungen war: Sie hatte es in ihren Antworten auf 12.743 Wörter gebracht, darunter eine heroisch ausgeschmückte Kindheitserinnerung, »ungefähr so unterhaltsam wie ein Nierenstein, der sich durch den Schwanz nach draußen arbeitet«, wie jemand an den Rand gekritzelt hatte. Blieb nur noch die Biologin mit ihren 753 Wörter. Diese Art von Selbstkontrolle hatte ihn nicht nur auf die Worte achten lassen, sondern auf die Leerstellen zwischen ihnen. Zum Beispiel: »Ich habe alle meinen Außendienstjobs geliebt.« Allerdings war sie bei den meisten gefeuert worden. Sie glaubte, dass sie nichts über sich verraten hatte, aber jedes Wort – sogar Frühstück – war wie eine offene Tür. Frühstück gehörte nicht zu den glücklichen Kindheitserinnerungen der Biologin.

In den Abschriften, die nach ihrer Rückkehr entstanden waren, war der Geist spürbar. In den Leerstellen hatten sich Dinge gezeigt, die Control zögern ließen, die Worte laut auszusprechen, aus Angst, dass er den Unterton und die versteckten Bezüge doch nicht völlig verstanden hatte. Die distanzierte Beschreibung einer Distel … die Erwähnung eines Leuchtturms. Ein Satz oder zwei zu den Eigenarten des Lichts über den Marschen in Area X. Nichts davon hätte ihm so an die Nieren gehen sollen, aber er spürte ihre Anwesenheit, irgendwie, als würde sie hinter ihm stehen und ihm über die Schulter schauen. In den Interviews mit den anderen Expeditionsteilnehmern hatte er nichts dergleichen gespürt.

Dabei behauptete die Biologin, sich an ebenso wenig zu erinnern wie die anderen. Control war sich sicher, dass sich das als Lüge erweisen würde, wenn er ihr auf den Zahn fühlte. Aber wollte er ihr auf den Zahn fühlen? War sie so verschlossen, weil sich irgendetwas in Area X zugetragen hatte, oder entsprach das einfach ihrer Art? Plötzlich schien es ihm, als wäre ein Schatten über dem Schreibtisch aufgezogen. Er hatte das Gefühl, schon mal hier gewesen zu sein, oder ganz in der Nähe, und eben diese Überlegungen angestellt zu haben, an denen er fast zerbrochen wäre, oder sie waren durch ihn gebrochen? So oder so, es blieb ihm keine Wahl, als weiterzumachen.

Gut siebenhundert Wörter, nachdem sie zurückgekehrt war. Wie die beiden anderen. Aber bei ihr entsprach das in etwa ihrer Wortkargheit vor dem Aufbruch. Und dann gab es diese Auffälligkeiten, die bei den anderen fehlten. Wo die Anthropologin sagen mochte, »Die Wildnis war leer und unberührt«, hieß es bei der Biologin: »Überall gab es diese leuchtend rosafarbenen Disteln, sogar dort, wo das Süßwasser salzig geworden war … Das Licht der Abenddämmerung war eine schwache Glut, ein Leuchten.«

Dies und die Merkwürdigkeit des leeren Grundstücks ließen Control glauben, dass sich die Biologin tatsächlich an mehr erinnerte als die anderen. Dass sie vielleicht präsenter war als die anderen, es aber aus irgendwelchen Gründen verbergen wollte. Diese Situation war völlig neu für ihn, aber er erinnerte sich an einen Kollegen, der einmal einen Terroristen mit einer Kopfwunde verhört hatte. Dieser lag während der Verhöre im Krankenhaus und hoffte inständig, dass seine Erinnerung zurückkehren würde. Was sie auch tat. Aber er erinnerte sich nur noch an die Tatsachen, und nicht mehr an die selbstgerechten Beweggründe, die ihn zu seinen Aktionen getrieben hatten. Er konnte seine Taten nicht einschätzen, wusste nicht mehr weiter und wurde zur leichten Beute für die Fragesteller.

Control hatte mit der stellvertretenden Direktorin nicht über seine Überlegungen gesprochen, denn sollte er sich täuschen, dann würde das nur ihren negativen Eindruck von ihm verstärken – aber auch, um das Überraschungsmoment so lange wie möglich auf seiner Seite zu haben. »Tu niemals etwas nur aus einem einzigen Grund«, hatte Opa ihm mehr als einmal eingeschärft, und zumindest das hatte sich Control zu Herzen genommen.

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382 p. 5 illustrations
ISBN:
9783888979972
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