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Jean Bolinder
Wer ist dein Richter?

Ein Bergh-Krimi

Saga

In christening thou shalt have two godfathers;

Had I been judge, thou shouldst have had ten more,

To bring thee to the gallows, not the font.

Du wirst zwei Paten bei der Taufe haben;

Wär ich dein Richter, kriegtest du zehn mehr,

Zum Galgen, nicht zum Taufstein, dich zu bringen.

Shakespeare

Der Kaufmann von Venedig

Akt IV, Scene I

Erster Teil

Erstes Kapitel

Das Bild starrte mich von der Staffelei an. Ein mageres Gesicht mit tiefliegenden Augen. Das Hemd am Hals offen.

Das Gesicht hatte sein eigenes Leben. Es grinste mich höhnisch an und veränderte sich fortwährend wie ein Spiegelbild in windbewegtem Wasser. Das Gesicht verbeulte und verzerrte sich, bis mir der Anblick Verwirrung und Unbehagen bereitete. Die Proportionen stimmten nicht. Kinn und Hals wurden plötzlich katzenhaft. Ein Bild im Bild, und das Ganze verwandelte sich noch mehr. Eine bösartige Katze starrte mich aus neapelgelben Augen an, und ich fühlte, wie mir der kalte Schweiß ausbrach.

Vorsichtig führte ich den Pinsel über die Leinwand, um die Katze verschwinden zu lassen. Ich führte den Pinsel gegen den Strich, worauf die Katze fauchte und einen Buckel machte. Sie schlug mit der Pfote nach meiner Hand und kratzte mich in Sekundenschnelle. Ein kadmiumroter Striemen zeichnete sich auf der hellen Haut ab.

Ich schloß die Augen, um dem lähmenden Gedankenkreis zu entrinnen. Als ich wieder hinschaute, blickte mir mein Vater von der Leinwand entgegen. Er sah vorwurfsvoll aus, und ich hörte meine Schuld durch die Dunkelheit ihm zurufen.

„Wenn er nur nicht die Katze sieht!“ dachte ich. „Wenn er nur nicht merkt, daß ich die Katze mit dem Pinsel gegen den Strich gestreichelt habe.“

Durch die Farbe traten titanweiße Flecken hervor. Zuerst war es wie ein Ausschlag, dann aber verbreiteten und vergrößerten sich die Flecken, bis sie ineinander flossen und ein schimmerndes weißes Rechteck entstand.

In dem Weiß ahnte ich die Katze. Sie schlich durch den Schneefall und lauerte mir auf. Mein Vater war längst in das Weiß fortgeradelt und war weder mit Rufen noch mit Wünschen mehr zu erreichen.

Ich gab es auf. Ich konnte an diesem Tage keine Ordnung in mein Selbstporträt bringen. Es blieb unvollendet und unsinnig.

Draußen blies ein frischer Wind von der Laholmsbucht her. Es roch nach Salz und Grün, und die Sonne stach in die Augen.

Zweites Kapitel

Ich haßte sie.

Ich mußte sie hassen. Sie war eine Noijbe, und ich haßte alle Noijbes.

„Guten Tag“, sagte sie und lachte. „Ich heiße Beatrice. Gestehen Sie ruhig, daß Sie mir gefolgt sind.“

Ich haßte sie, und doch liebte ich sie. Als sie mich anlachte, liebte ich sie. Es war, als hätte ich sie schon immer geliebt, obwohl ich sie zum erstenmal sah. Als ob wir in einem früheren Leben vereinigt gewesen und bis jetzt getrennt worden wären. Jeder war allein umhergeirrt. Wir hatten einander entbehrt, ohne zu wissen, was uns fehlte. Bis wir wieder vereinigt wurden.

„Dan Johansson“, stellte ich mich vor und reichte ihr meine farbenbekleckste Hand. „Ich hörte, daß Sie heute Geburtstag haben, und habe Ihnen eine Kleinigkeit mitgebracht.“

Es war nur eine Skizze, die ich für meinen Blitzbesuch in Nybo hervorgeholt hatte.

„Dan Johansson ist Maler, mußt du wissen“, sagte Marianne Bundin, als ob mein Geschenk irgendwie erklärt werden müßte.

„Das brauchst du nicht zu betonen“, erwiderte Beatrice. „Das sehe ich an dem Bild! Es ist richtig spannend. Ein Anschlag oder eine Andeutung von etwas Bestimmtem. Es kommt mir vor wie eine Mitteilung für mich persönlich ... ein ganz verwirrendes Geschenk, das Sie mir gemacht haben, Dan.“

Sie ließ es nicht zu, daß ich sie haßte. Als sie sprach, hätte sie mir zuwider sein müssen; statt dessen bewirkte sie, daß ich sie liebte. Trotz allem, was sie vertrat.

Das war Anfang Juni 1973. Vor dem Hause der Familie Noijbe blühte der Flieder, und der Goldregen hatte einen besonders hellen Kadmiumton. Der Hallandsche Landrücken glitt in weichen Linien zu den kecken Strandumrissen der Laholmsbucht hinab. Das Wasser war so grün, wie August Becker es zu malen pflegte, und der Horizont verschwamm indigoblau.

Absurd, an einem solchen Tag Haß zu fühlen!

Aber ich dachte die ganze Zeit an die Worte meiner Mutter: Daß die Noijbes meinen Vater umgebracht hatten. Sie waren schuld, nicht ich. Der kindliche Schrecken, den ich durchs Leben mit mir herumtrug, war unbegründet. Die Noijbes waren schuld, und ich mußte es beweisen. Ich hatte mich bei ihnen eingenistet wie ein Soldat in einem Trojanischen Pferd, und ich war mit meinem Haß bewaffnet.

Beatrice fegte mit Kaffeekanne und Kuchenschüssel herein. Sie war wie ein Frühlingshauch in einem muffigen Krankenzimmer, kühl, frisch und unehrerbietig. Ihr Körper war schmal und sehnig, das kurzgeschnittene Haar dunkel und ungebändigt. Sie konnte ein wenig ungeduldig wirken, aber hinter der Maske fand man mehr Wärme, als ihr Verhalten ahnen ließ. Die Brüste waren klein, die Schultern ausdrucksvoll. Das Gesicht enthüllte nichts von dem, was die Schultern verrieten. Mir fiel ihr feiner und doch kräftiger Nacken auf.

Sie war funktionell wie die Ausstellung in Stockholm, in deren Zeichen sie das Licht der Welt erblickt hatte.

Aber ich greife den Tatsachen voraus. Als sie den Kaffee hereinbrachte, wußte ich noch nichts von der Ausstellung. Da haßte und liebte ich sie nur.

Ihr Bruder, Erland Noijbe, betrachtete mit Abscheu die Mahlzeit. Seine Frau machte sich daran, den Kaffee einzuschenken. Sie war blond und blauäugig und hochschwanger. Sie trug ein blödsinniges Umstandskleid, das geziert kleinmädchenhaft aussah, denn es hatte Rüschen und Puffärmel.

„Soll das heißen“, meckerte Erland zu Beatrice hinüber, „daß wir dieses Rattengift ohne einen kleinen Schuß Kognak trinken sollen?“

„Du weißt, Papa kommt heute abend“, antwortete Beatrice und kramte aus einer Kommode einen X-Haken hervor.

„Na, und?“ knurrte Erland, erhielt aber keine Antwort. Bald hing meine Skizze an dem X-Haken. Darauf waren ein Stückchen Strand mit zottigen Grasbüscheln, die Silhouette einer Brücke mit blasigem Gegenlichtwasser und ein kleiner Junge, der mit einer Plastikschaufel grub. Ich hatte sie vor einer halben Stunde unter meinen Bildern in Nybo ausgesucht, und zwar mit voller Absicht, um etwas zu übergeben, das mir gleichgültig war. Jetzt merkte ich, daß ich das richtige Bild für Beatrice gewählt hatte. Sie hatte die Skizze als persönliche Mitteilung bezeichnet, und das war sie auch.

„Mir gefällt das Bild“, sagte sie. „Es ist in gewisser Weise idyllisch, hat aber einen interessanten, beunruhigenden Unterton. Als ob der kleine Junge im nächsten Augenblick sterben würde. Oder als ob die ganze Landschaft zum Untergang verurteilt wäre.“

Sie wußte es genau. Unsere Kommunikation war hundertprozentig.

„Malen Sie nur Landschaften?“ erkundigte sich Eva Noijbe.

„Nein. Gerade jetzt bin ich an einem Selbstporträt. Aber ... es will nicht fertig werden. Ich ändere es immer wieder um, und nie bin ich damit zufrieden.“

„Künstler sind Egoisten“, äußerte sich Erland Noijbe. „Sie lassen sich von der unerhörten Aufgabe lähmen, ihre eigene Seele einzufangen. Wahrscheinlich finden sie nichts so sublim wie die eigene Seele.“

Erland war zu dick für den Stuhl, auf dem er saß. Anscheinend hatte er in letzter Zeit stark zugenommen, denn er platzte auch aus den Kleidern. Ein paar Hemdenknöpfe waren aufgegangen, und die Hosen spannten sich eng um die fetten Schenkel. Er hatte die bleichsüchtige Korpulenz, die manche Alkoholiker bekommen.

Der gewichste Schnurrbart schien ein verzweifelter Versuch zu sein, sich das fehlende Ansehen einer Persönlichkeit zu verleihen. Die Mundwinkel hingen nach unten, und die scharfen Falten zum Kinn verstärkten den mißmutigen Ausdruck. Die himmelblauen Augen unter den geschwollenen Lidern hatten einen furchtsamen und selbstbedauernden Blick.

Ihn haßte ich. Haßte seinen überheblichen Ton und sein unverschämtes Auftreten. Er war ein echter Noijbe. Ein echter Mörder.

Ich dachte an einen Frühlingsabend in Uppsala zurück. Tage und Nächte des Grübelns waren ihm vorausgegangen. Angst. Dann faßte ich endlich einen Entschluß. Ohne meinen Mantel anzuziehen, ging ich den ganzen langen Weg zur Polizeiwache am Marktplatz. Ging rasch durch die Tür zu dem Pult, schob einen Mann weg, der mit dem diensthabenden Polizeibeamten über einen Fahrraddiebstahl sprach, und sagte mit einer Stimme, die vor Erregung und Entsetzen zitterte:

„Ich habe ihn getötet. Ich halte die Schuld nicht mehr aus. Kann sie nicht mehr ertragen. Hören Sie, ich habe ihn ermordet. Hören Sie mich nicht? Hören Sie mich nicht? Hören Sie mich nicht ...“

Drittes Kapitel

„Ja, heute abend kommen Vater und Irma“, sagte Erland, „und vielleicht noch mehr von der alten Garde, um eine Rede auf dich zu halten, Schwesterlein. Also will ich meine kleine Rede jetzt halten. Wenn du sie zu trocken findest, bist du selbst schuld.“

„Du wirst heute abend noch mehr als genug zu trinken bekommen“, versetzte Beatrice unmutig. „Beklag du dich nicht.“

„Nun wird er von sich selbst reden“, flüsterte Marianne mir zu. „Erland spricht nie von etwas anderem als von sich selbst. Außer meinem Mann Jöran, der Gott sei Dank bei den Kindern in Gotland bleiben mußte, ist Erland der schlimmste Egoist, den ich kenne.“

„Ich selbst bin um zehn Uhr vormittags an einem kalten, windigen Novembertag 1935 geboren“, unterrichtete uns Erland. „Es schneite, und es war der Todestag Karls XII. Deshalb habe ich mich immer ein wenig verfroren und auf der Schattenseite des Lebens gefühlt ...“

Erland war Schriftsteller. Nach mehreren mißglückten Romanen gelangte er zu einem gewissen Erfolg, da eines seiner Bücher vom Fernsehen verfilmt wurde. Das mit der Schattenseite des Lebens war also mit Vorbehalt aufzunehmen.

„Du, Schwesterchen, hast dich immer auf der Sonnenseite des Lebens befunden“, fuhr Erland fort. „Du wurdest auf der Funkausstellung in Stockholm geboren ...“ „Ich muß doch bitten“, fiel Beatrice ein, „ich wurde in Linköping geboren. Vater war allerdings in Stockholm auf der Ausstellung. Egoistisch wie alle Männer.“

„Jetzt halte ich eine Rede“, sagte Erland ärgerlich, aber niemand hörte ihm mehr zu, außer vielleicht seiner Frau. Marianne war damit beschäftigt, kleine Blumen in einem Silberbecher zu ordnen, und Beatrice erzählte mir: „Diesen Becher bekam ich als Taufgeschenk von Tante Irma und ihrem damaligen Verlobten. Ich hole ihn immer an meinem Geburtstag und an meinem Tauftag hervor. Mein Tauftag ist übrigens Vaters Geburtstag. Wir feiern ihn immer hier.“

Ich ließ mir den Becher von Marianne geben und las die Gravierung: „Für Beatrice von ihren Taufpaten Irma und Kurt.“

Die anscheinend harmlose Widmung rüttelte mich auf. Ich wußte, daß sie ein Fadenende der ganzen verwikkelten Geschichte war, die hinter meinem Haß auf die Familie Noijbe lag. Ich bemühte mich, einen unverfänglichen und gleichgültigen Ton anzuschlagen, als ich fragte: „Irma und Kurt — Verwandte von Ihnen?“

„Irma ist meine Patin“, antwortete Beatrice, und ihre Stimme hatte etwas Abweisendes. „Eine Verwandte ist sie eigentlich nicht. Aber ...“ Sie unterbrach sich und sagte gleichsam begütigend: „Sie kommt heute abend. Dann werden Sie sie kennenlernen. Sie bleiben doch zum Essen?“

„Gern, danke“, gab ich zurück. „Wer ist denn Kurt? Kommt er auch?“

Ich wußte, wer Kurt war. Aber Beatrice wußte nicht, daß ich ihn vom Hörensagen kannte. Er hatte in meiner Lebenstragödie eine sehr wichtige Rolle gespielt. Nun wollte ich unter allen Umständen herausfinden, welche Rolle es gewesen war.

Beatrice antwortete mir nicht. Statt dessen blickte sie zu Erland hinüber, der sich aus einem Barschrank eine Whiskyflasche geholt hatte und sich mit einem Drink versah.

„Man kann einen Siebenunddreißigjährigen nicht mehr erziehen“, murmelte sie und zuckte die Schultern. „Das wird ja heiter werden, wenn Papa kommt.“

Als ich vor ein paar Tagen auf Erland gestoßen war, hatte er in der Bar des Hotels Båstad Bloody Mary getrunken. Eva und Marianne hatten ihn wie unglückliche Kükenmütter umflattert. Das hatte nichts geholfen. Im Verlauf des Abends war er immer betrunkener geworden.

Da ich selbst einst auf dem Wege gewesen war, Alkoholiker zu werden, kannte ich das Verhaltensschema gut. Und ich freute mich, daß ein Noijbe auf den Weg bergab geraten war. Gleichzeitig nahm ich die Gelegenheit wahr, mit ihm in Verbindung zu treten, ich kannte ja Marianne von früher her.

Ihr hatte ich es auch zu verdanken, daß ich zu dem Geburtstagskaffee mitgenommen worden war. Das hatte nun zu einer Einladung zum Abendessen geführt.

„Möchten Sie vielleicht auch etwas trinken, Dan?“ fragte Beatrice. „Da die Flasche doch zum Vorschein gekommen ist ...“

„Nein, danke. Ich trinke keinen Alkohol mehr. Aber Sie haben meine Frage nach Kurt nicht beantwortet. Wer war ... ich meine, wer ist er?“

Es verwirrte mich, daß ich mich versprochen hatte; doch niemand schien es bemerkt zu haben. Dann aber begegnete ich Erlands Blick im Spiegel über Beatrices Kopf. Er sah mich verschlagen und berechnend an, als ob er hinter etwas gekommen wäre, das er für seine Zwecke auszuschlachten gedachte.

Zuerst erhielt ich wieder keine Antwort auf meine Frage, aber dann sagte Erland: „Er hieß Kurt von Spoor. Er ist tot. Körperlich und ... geistig. Sein Andenken ist ausgelöscht, wie man das Andenken an einen verhaßten Diktator in einem totalitären Staat auslöscht, indem man seinen Namen von allen Erinnerungsstätten und Inschriften entfernt.“

Nachdenklich fügte er hinzu: „Wenn man sich vorstellt, daß einer, der gelebt hat, so tot sein kann ... Daß man sich nicht an ihn erinnert. Keiner will sich mehr an ihn erinnern. Dabei war er doch Beatrices Pate ...“

Viertes Kapitel

Knut: Was ist das für ein Fahrgast? Mit wem habe ich die Ehre?

Maske: Ich bin dein bester Freund.

Knut: Danke ergebenst, aber wie ist der Herr zu titulieren? Wie ist der Name, wenn ich fragen darf?

Maske: Ich heiße Tod.

Knut: Ergebener Diener, hochwürdiger Herr! Aber bitte um Entschuldigung, wenn ich mich so schnell wie möglich auf die Beine mache.

Das war 1943. Ein Kriegswinter vor über dreißig Jahren. Noch erinnere ich mich an den Dialog Wort für Wort. Wir saßen in der Aula der städtischen Mittelschule von Tågby und sahen eine Theatervorstellung. Gevatter Tod hieß das Stück, und es war von dem schwedischen Dramatiker August Blanche.

Ich war vierzehn Jahre alt; ich trug Knickerbocker und ein Hemd mit Manschettenknöpfen. Bald sollte ich die Schule verlassen und auf die Kunstakademie gehen.

Die Vorstellung begann und damit meine große Niederlage. Ich wurde von schrecklicher Angst ergriffen, als der Tod die Bühne betrat, und ich zitterte am ganzen Leib. Dann kamen unmännliche Tränen, die ich nicht beherrschen konnte. Ich stürzte aus der Aula, verfolgt von den verwunderten Blicken der Schulkameraden.

Das, was auf der Bühne gesprochen worden war, hatte etwas in meiner Seele berührt. Ich wußte nicht, daß es mit dem zusammenhing, was mich viele Jahre später in eine Heilanstalt brachte.

Als Erland nun von Beatrices totem Paten sprach, überkam mich etwas von der alten Angst. Sie stand zwischen mir und der Pflicht, die ich erfüllen mußte, aber die Pflicht war stärker. Die Pflicht und der Zwang, die Noijbes zu entlarven.

„Warum müssen alle Erinnerungen an Kurt ausgelöscht werden?“ fragte ich mit einer Stimme, die nicht gerade fest war.

Beatrice wehrte ab: „Lieber Dan, wir wollen von der Sache nicht mehr reden. Das ist ein wunder Punkt in meiner Familie, verstehen Sie. Wir Kinder haben nie erfahren, warum.“

„Einmal fragte ich Papa“, sagte Erland. „Worauf er explodierte! Ich weiß nur, daß Kurt tot ist. Und daß mit seinem Tod irgend etwas Furchtbares und Unerfreuliches verbunden ist.“

Er nippte an seinem Whisky und raunte mir dann zu: „Fragen Sie Irma. Sie kommt heute zum Abendessen. Fragen Sie jemand, der nicht zur Familie gehört.“

Beatrice waren seine Worte nicht entgangen, und sie wurde ganz blaß.

„Nein, was Sie auch tun, fragen Sie Irma auf keinen Fall“, drang sie in mich. „Sie dürfen unter keinen Umständen mit ihr über Kurt sprechen. Das würde zu einer Katastrophe führen!“

Die Sonne schien durch ein Seitenfenster und warf einen weißen Fleck auf den Boden. Mitten in dem Lichtfleck schlief die dänische Dogge Elof.

„Was ist Ihr Beruf?“ fragte ich Beatrice. „Ich würde wetten, Sie üben eine künstlerische Tätigkeit aus. Weil Sie ein so feines Gefühl für Kunst haben.“

„Ich habe mit Mode zu tun“, antwortete sie. „Entwerfe Kleider und so. Das hier habe ich selbst gemacht.“

Sie wies kokett auf ihr veronesergrünes, weiß abgesetztes Kleid. Es war einfach und gleichzeitig ein wenig romantisch-mädchenhaft. Ein Mittelding von beginnendem Empire und leichtsinnigem Rokoko, zum Beispiel mit einer Andeutung von Puffärmeln.

Der Rock schwebte mutwillig um ihre schlanken Beine und verlieh ihr zusammen mit dem unentwickelten Busen die knabenhafte Keuschheit, die paradoxerweise die Charleston tanzenden jungen Mädchen der zwanziger Jahre so anziehend gemacht hatte.

Plötzlich erkannte ich, daß sie mir nicht nur ihr Kleid zeigte, sondern mehr von sich selbst.

Ich begegnete dem Blick ihrer großen hellbraunen Augen. Da lachte sie ein wenig verlegen und verschwand.

„Ich muß nach dem Essen sehen“, rief sie mir über die Schulter zu, wie um ihr Verhalten zu erklären.

Wir stammten aus demselben Kirchspiel. Ihr Vater, General Noijbe, besaß ein großes Gut vier Kilometer von meinem Elternhaus Strålnäs entfernt, den Herrenhof Frälsetorp, und dort war sie aufgewachsen. Aber ich konnte mich nicht erinnern, sie als Kind jemals gesehen zu haben. Ich war erst sieben Jahre alt, als meine Mutter mit mir nach Tågby zog, und Beatrice mochte damals fünf gewesen sein.

Sie konnte sich an mich ebensowenig erinnern. Gottlob hatte ich einen so gewöhnlichen Nachnamen, daß sie mich nicht mit einem gewissen Gendarm Johansson in Verbindung brachte, den an einem verschneiten Novembertag 1935 der Tod ereilt hatte. Auf dem Weg zwischen Strålnäs und Boxholm.

„Ich hasse sie“, dachte ich verzweifelt. „Sie und das ganze Noijbe-Gesindel. Mördersippe!“

Erland hatte sich mit einem neuen Whisky versorgt. Er schien sich mit der Umwelt versöhnt zu haben und zeigte sich auch mir gegenüber freundlich gestimmt.

„Wissen Sie, Dan“, flüsterte er mir vertraulich zu, „das mit Kurt ist hochinteressant. Wenn Irma auftaucht, werde ich sie, hol’s der Teufel, fragen. Mögen die andern sagen, was sie wollen!“

„Tun Sie das“, spornte ich ihn an.

In diesem Augenblick kam ein Auto über den Kiesweg gefahren. Es war ein schwarzer Mercedes-Diesel, am Steuer saß eine sechzig- bis siebzigjährige Dame. Sie hatte aufgestecktes Haar und wirkte altmodisch elegant. Beatrice lief die Treppe hinunter und schloß sie in die Arme.

„Wenn man vom Teufel spricht“, murmelte Erland düster.

„Ist das Irma?“ fragte ich leise.

Er nickte. Dann flüsterte er zurück: „Jetzt werde ich sie fragen. Das alte Schätzchen ahnt nicht, was ihm blüht!“

Fünftes Kapitel

Irma Bergner war trotz ihrer Jahre eine sehr schöne Frau. Das helle Haar war vermutlich gefärbt, aber es sah so weich und glänzend aus wie bei einem jungen Mädchen. Die Augen waren blau und groß, die Wangen frisch. Ich mußte an eine Heckenrose an einem kühlen Herbsttag denken. Ihre Farbe ist besonders intensiv, wenn der erste Frost zugebissen und der Tod unter den Gewächsen und Blättern ringsum Ernte gehalten hat. Schade nur, daß Irma Bergner ihre Schönheit nicht durch einfache Kleidung und Schmucklosigkeit wirken ließ. Statt dessen war sie so überladen, daß sie in dieser Umgebung protzig erschien.

Der Kaffee wurde eingeschenkt und der Kuchen angeboten. Irma aß mit gutem Appetit und sprach vom Wetter, vom unanständigen Fernseh-Programm und von der Gesundheit des Generals.

„Sie war mit Kurt von Spoor verlobt“, berichtete mir Erland in Verschwörerton. „Dann starb er, wie es halt so ging. Sie soll den Armen überredet haben, sich das Leben zu nehmen. Später verheiratete sie sich mit einem Direktor Bergner. Können Sie sich vorstellen, daß sie zu ihrer Zeit eine so unglaubliche Schönheit war, daß sich alle Männer die Beine nach ihr abgelaufen haben?“ „Das kann ich wirklich. Sie hat eine wundervolle Kopfform. Und wie ging es mit dem Bergner?“

„Er starb ... lassen Sie mich überlegen ... 1959, glaube ich.“

„Hat er sich auch ihretwegen das Leben genommen? Durch Überredung oder sonst eine raffinierte Methode?“

„Durchaus möglich“, murmelte Erland. „Nein, wir dürfen nicht ungerecht sein. Er stürzte mit 132 anderen in Südamerika ab. War es nicht in Argentinien? Irma war damals zu Hause in Schweden und muß also als unschuldig angesehen werden.“

Irma hatte ihr Geplauder eine Weile auf Marianne Bundin konzentriert. Sie hatte in Marianne das „Töchterchen des Arztes“ erkannt und wollte wissen, wie es „dem guten Doktor“ und „der entzückenden Doktorfrau“ ging.

Erland zeigte bereits, daß er mehr zu sich genommen hatte, als ihm gut tat. Er hockte schwerfällig in seinem Sessel und stierte vor sich hin.

„Fragen Sie sie nach Kurt“, ermahnte ich ihn und wies mit dem Kinn auf Irma. „Wenn Sie’s wagen!“

„Ob ich’s wage?“ zischte er aggressiv. „Hältst du mich für feige, du kleiner Farbenkleckser?“

Er erhob sich und nahm den Silberbecher vom Tisch. Ein Gänseblümchen fiel aufs Tischtuch, ohne daß er es merkte.

„Du, Irma“, begann er mit schwerer Zunge, „diesen Becher habe ich immer so schön gefunden. Wie ist es damit, hat Beatrice ihn nicht von dir zur Taufe bekommen?“

Irma brach mitten in ihrem Geplauder mit Marianne Bundin ab. Ihre Augen wurden wachsam. Das Gesicht straffte sich, der Mund wurde hart und bestimmt.

„Ja, allerdings“, sagte sie mit kalter, klarer Stimme.

„Hier steht aber Irma und Kurt“, fuhr Erland fort. „Wer ist Kurt? Ich wollte schon immer wissen, wer das ist. Oder war. Und Beatrice nimmt es auch wunder. Ich finde, es ist unser Recht, das zu erfahren. Er war immerhin Beatrices Taufpate. Und seinen Paten möchte man doch kennenlernen. Oder wenigstens wissen, wer es war. Oder etwa nicht?“

Sicher fünfzehn Sekunden lang war es totenstill im Zimmer. Totenstill bis auf das Ticken einer Standuhr, das leise Schnarchen des Hundes Elof und das Knistergeräusch zweier Zwergpapageien im Bauer.

Dann stand Irma auf. Sie war sehr blaß geworden, und ihre Augen schienen tiefer in den Höhlen zu liegen als zuvor.

„Was du nicht wissen willst!“ war das einzige, was sie sagte, ehe sie auf dem Absatz kehrtmachte und hinausschwebte.

Wir hörten einen Wagenschlag zuknallen. Der Mercedes fuhr an, und wir sahen ihn in einer Wolke von Staub und stiebendem Kies hügelabwärts verschwinden.

Sechstes Kapitel

Einige Stunden waren vergangen. Ich war nach Båstad hinuntergefahren, um mich umzuziehen.

Mein unvollendetes Selbstporträt starrte mir höhnisch entgegen. Ich hatte das Gefühl, die Noijbes zermalmen zu müssen, bevor ich es fertigmalen konnte.

General Noijbe wurde zum Abendessen erwartet. Zum erstenmal sollte ich Aug in Auge mit dem Manne stehen, der mein Leben geprägt hatte.

Es gab einen Traum, den ich immer wieder träumte: Mein Vater radelt auf einem verschneiten Landweg. Die ganze Landschaft ist weiß. Auch das Gesicht meines Vaters ist weiß, und er blickt mir entgegen. Ich selbst befinde mich hoch oben und betrachte alles gleichsam von einer Anhöhe aus. Oder durch eine Glasscheibe.

Da entdecke ich auf dem Weg eine Katze. Sie ist noch weißer als die Landschaft. Eine titanweiße Katze in einer zinkweißen Landschaft. Die Katze ist klein, aber sie wächst. Zuerst langsam, dann immer schneller. Sie löscht alles aus, den Boden, das Fahrrad, meinen Vater ... Alles ist weiß und die Luft so verdünnt, daß ich nicht genug Sauerstoff in die Lungen bekomme. Ich erwache und schnappe nach Luft. Das Herz schlägt wild in meiner Brust. Furchtbare Angst beschleicht mich, und ich rufe: Papa, Papa, wo bist du?

Schuldgefühl. Ich trank mehr und mehr. Zwangsvorstellungen und Zwangshandlungen. Die endgültige Katastrophe an einem eiskalten Frühjahrsabend in Uppsala. „Hören Sie, ich habe ihn ermordet. Hören Sie mich nicht? Hören Sie mich nicht?“

Das Jahr in der Heilanstalt. Das Bewußtsein, das während des Traumes wachblieb, wurde immer seltener. Als ich entlassen wurde, war ich auf dem Weg, ins Gleichgewicht zu kommen. Aber ich mußte Bescheid wissen. Mußte vollständige Klarheit gewinnen. Und meine Mutter sah mich mit einem Gesicht an, das in fast vierzigjähriger Einsamkeit gealtert war. „Es sind die Noijbes. Ich hasse sie, Dan. Du mußt sie auch hassen. Das bist du deinem Vater schuldig. Und mir. Und dir übrigens auch.“

Nachdem ich den Blick meines mißglückten Selbstporträts wütend zurückgegeben hatte, ließ ich zum zweitenmal an diesem Tage meinen Saab zum Haus der Noijbes auf dem Hallandhügel hinaufschnurren. Die grünen Laubvorhänge öffneten sich plötzlich, und ich sah das türkis- und ultramarinfarbene Wasser der Laholmsbucht endlos unter mir liegen. Licht und Schatten tanzten über die halländischen Ebenen. Es war ein wenig neblig geworden. Die Farben wurden gedämpft und veränderten sich mit der Lichtstärke. Sollte der sonnige Tag mit Regen enden?

Auf dem Vorplatz standen mehrere Wagen. Marianne Bundins rote Hundehütte. Beatrices linienschöner, elfenbeinfarbener Jaguar. Erlands weißer Triumph Spitfire. Und ein großer Mercedes, noch größer und glänzender als der, mit dem Irma am Nachmittag gekommen war.

Das mußte das Auto des Generals sein. Ich war ein bißchen enttäuscht. Ich hatte einen Lincoln oder einen Rolls-Royce erwartet.

„Guten Abend, Dan. Herzlich willkommen. Erlauben Sie, daß ich Sie mit meinem Vater bekannt mache.“

Beatrice war auf mich zugetreten. Ich vermochte nicht zu entscheiden, ob sie nur die gewöhnliche Liebenswürdigkeit der Gastgeberin entfaltete oder ob ihr Ton mehr enthielt. Auf jeden Fall fehlte der spontane Kontakt, den ich bei unserer ersten Begegnung gefühlt hatte. Aber es lag etwas anderes vor. Erwartung?

Der General war groß und hager. Er hatte ein weißes Schnurrbärtchen unter einer Stupsnase, und das glatte weiße Haar war in der Mitte gescheitelt. Seine Gesichtsfarbe war ziemlich bleich, die dünnen Lippen hatten einen bläulichen Ton.

Er sah aus wie der gebieterische gestiefelte Kater in meinem alten Märchenbuch.

Beatrice stellte mich ihm vor: „Das ist Dan Johansson, Papa. Er ist ein hervorragender Kunstmaler. Ein guter Freund von Marianne Bundin.“

Der General nahm meine Hand und drückte sie stumm. Dann machte er eine Bewegung zum Fenster hinüber und bemerkte mit Bezug auf den strahlenden Sommerabend: „Warum malt man Bilder, Herr Johansson? Kann mir nichts Unnötigeres denken. Wenn die Natur an sich so schön ist, daß sie sich nicht übertreffen oder nachschaffen läßt.“

Der Mann, der meiner Überzeugung nach meinen Vater ermordet hatte und dessen Ehre und Stellung ich anzuschwärzen oder niederzureißen gedachte, hatte zuerst angegriffen.

Er hatte tatsächlich schon vor dem Kampf mit dem Händeschütteln zugeschlagen.

Siebentes Kapitel

„Liebe Beatrice“, sagte der General, als wir später am Abend mit dem ausgezeichneten Essen fertig waren. „Die Jahre vergehen. Merkt man es nicht selbst, so begreift man es, wenn das eigene Kind herangewachsen und ein reifer Mensch geworden ist.“ Mit einem Blick auf Erland verbesserte er sich: „Ein mehr oder weniger reifer Mensch.“

Nach einer Pause fuhr er fort: „Na ja, jedenfalls erinnere ich mich gut an den Tag, an dem du geboren wurdest. Das war 1930 während der Ausstellung in Stockholm. Ich meine die berühmte Funkausstellung. Einige von uns waren hingefahren, um all das Neue, eingehend Beschriebene zu sehen. Ja, Mariannes Vater, der Doktor, und auch dein Onkel Tor, der Forschungsreisende, waren eigens mitgekommen. An diesem Tag lernten wir übrigens deine Patin Irma kennen. Das war der Grund, daß sie deine Patin wurde.“

Draußen vor den Fenstern zog sich der Nebel mit einem Stich ins Kobaltblau zusammen, und die ersten Regentropfen klopften an die Scheiben. Die kleinen Papageien bewegten sich unruhig in ihrem Bauer und zwitscherten neurotisch.

„Tor und ich waren damals junge Leutnants, und wir hatten gerade Svea Livgardes Konzert gehört, als es mir in den Sinn kam, in Linköping anzurufen, um zu erfahren, wie es deiner Mutter ging. Und da sagte man mir, ich sei Vater geworden. Ich hätte eine Tochter, die über drei Kilo wog, und ihr beide, du und deine Mutter, wäret wohlauf. Das war der freudigste Augenblick in meinem Leben!“

Erland schnitt eine Grimasse. „Als ich geboren wurde, war es natürlich keine große Sache.“

„Red keinen Unsinn“, verwies ihn der General. „Ich meine selbstverständlich, es war bis dahin das freudigste Ereignis. Fünf Jahre später war ich auch sehr glücklich. Da bekam ich einen Sohn. Aber das ist eine andere Geschichte.“

„Wo warst du damals, Papa?“ fragte Erland, dessen Interesse sofort erwachte.

„Das war 1935 während des großen Manövers oben in Norrland. Das war auf seine Weise auch ein denkwürdiges Ereignis. Der Kronprinz kam zur Inspektion, er war da, als wir uns nachmittags im Stabszelt einfanden. Der Oberst, ein alter Biedermann, ließ mich vortreten und sagte: ‚Königliche Hoheit, das ist Hauptmann Noijbe. Er hat heute einen Sohn bekommen.‘ Ich faßte mir ein Herz und fragte: ‚Erlauben Eure Königliche Hoheit, daß ich meinen Sohn Gustav Adolf nenne?‘ Er lachte und nickte gnädig. Darum heißt du Erland Gustav Adolf Noijbe, mein Sohn.“

„Das klingt sehr patriotisch“, bemerkte Erland. „Soviel ich weiß, wurde in einer Zeitung darüber geschrieben.“ Der General nickte mit zufriedener Miene. Ich fand die Beziehung zwischen ihm und seinen Kindern sonderbar. Sie hielten eine unpersönliche und gefühllose Distanz.

„Es war für mich beide Male ergötzlich, Vater zu werden“, sprach der General weiter. „Bei der Ausstellung in Stockholm zogen wir in eins der Restaurants und stießen mit Sekt an.“

Erland, der sich deutlich für nichts anderes als sich selbst interessierte, hörte nicht mehr zu. Statt dessen ergriff er den Silberbecher mit den Blumen, der mitten auf dem Tisch stand, und betrachtete ihn. Beatrice bekam dann einen langen Blick ab. Aber sie schaute geflissentlich ihren Vater an, dessen Rede kein Ende zu nehmen schien.

„Sehen Sie sich das an“, flüsterte er mir über Marianne zu, die zwischen uns saß. „Sie hat den Becher ausgetauscht.“

Damit schob er mir den Becher zu. Er enthielt immer noch dieselben Blumen wie am Nachmittag, und es war ein ähnlicher Becher. Aber er war nicht graviert. Es fehlte die Inschrift von dem geheimnisvollen Kurt.

„Als wir vier dort auf dein Wohl tranken, Beatrice, tauchte Irma auf. Oh, sie war wirklich eine entzückende Frau. Die schönste Frau, die ich je im Leben gesehen hatte, vollkommen ...“

Erland richtete sich auf und sah seinen Vater so durchdringend an, daß der General aus der Fassung geriet und plötzlich schwieg. Die Stille wirkte um so nachdrücklicher, als alle spürten, daß sich etwas Besonderes vorbereitete. Daß eine Entladung eintreten würde.

Es war unerträglich heiß geworden, und draußen hatte es sich eingeregnet. Mir klebte das Hemd am Leibe, und ich sah, daß dem General der Schweiß auf der Stirn stand. Er zog ein Taschentuch aus der Brusttasche hervor und wischte sich die Stirn ab, während er sich unbehaglich umblickte.

„Du sagtest, ihr hättet zu viert Sekt getrunken“, bemerkte Erland, „und dann wäre Tante Irma aufgetaucht. Sie gehörte also nicht zu den vier Sekttrinkern.“

„Erland!“ rief Beatrice drohend.

„Also ...“ begann der General, kam aber nicht weiter.

Erland streckte fünf Finger in die Luft. „Du warst einer der Sekttrinker“, sagte er und zählte den Daumen ab. „Zweitens der Doktor. Drittens Onkel Tor. Das macht drei. Nicht vier! Wer war der vierte?“

Angeheitert schwenkte er demonstrativ die Hand, an der er Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger abgezählt hatte. Ringfinger und kleiner Finger ragten als ein schiefes V in die Höhe.

„Ich ... ich ...“ stammelte der General.

„Ich werde dir sagen, wer Nummer vier war“, polterte Erland. „Es war Kurt von Spoor. Stimmt’s?“

Der General sackte zusammen wie ein Schneehaufen an der Märzsonne. Er sah seinen Sohn mit tiefem Abscheu an. „Ich habe ein für allemal erklärt, du sollst die alte Geschichte ruhen lassen. Sie ist tot und begraben. Ich verbiete dir ...“

Erland ließ sich jedoch nicht einschüchtern. Er fuhr fort: „Und Kurt von Spoor ist ebenfalls tot und begraben. An seinem Tod war etwas Merkwürdiges, nicht wahr? Sonst würdet ihr, du und die andern, doch nicht so verzweifelt bemüht sein, nicht von ihm zu sprechen. Was ist mit ihm geschehen? Hat ihn jemand umgebracht?“

Es war, als hätte der General unsere Anwesenheit vergessen. Er starrte hölzern vor sich hin und sagte tonlos: „Wenn ich das wüßte ... Wenn ich das nur wüßte ...“

Achtes Kapitel

Wie gewöhnlich kreisten Erinnerungen in meinem Kopf, als ich in Båstad in der Hotelbar saß. In die Erinnerungen mischte sich die unüberwindbare Angst.

Wie ich Beatrice gesagt hatte, trank ich keinen Alkohol mehr, schon seit mehreren Jahren. Dennoch zog es mich ins Wirtshausmilieu. Oft saß ich an einer Bar und trank Tomatensaft. Wenn mich jemand nach dem Grund fragte, konnte ich keine Erklärung abgeben. Vielleicht lag es nicht nur an der Umgebung, sondern ich wollte mich wohl auch erneut auf die Probe stellen.

Über dem Städtchen Båstad lag Dunkelheit. Einige Jünglinge in ausgebleichten Jeans und kragenlosem Hemd lungerten an der Bar herum. Über ihnen leuchtete eine fantastische Lampe in Braun und Gold. So etwas wie ein Eichenblatt bildete zusammen mit eigenartigen Blumen einen auf- und abwärtsgewundenen, sich auflösenden Haken.

An der Wand hinter den drehbaren Barstühlen zeigte eine Uhr unveränderlich auf zehn vor acht.

Nach der Entladung bei den Noijbes fühlte ich mich zerschlagen. Es war ja meine Schuld, daß das Geburtstagsfest verdorben worden war. Ich hatte es absichtlich gestört, wenn auch aus Pflichtgefühl und aus dem inneren Drang, etwas zu erfahren und mich zu rächen. Aber es war etwas dazwischengekommen. Ich liebte Beatrice ... oder etwa nicht?

Die Erinnerungen umgaben mich, und ich versuchte mir zu erklären, warum ich so war, wie ich war. Ich hatte die geschwätzigen Monologe schon hundertmal gehört, ohne Klarheit zu gewinnen.

Die Erinnerung ...

Mein Vater war Gendarm in Strålnäs, einer kleinen Ortschaft an der Eisenbahnlinie im südlichen Ostgotland, nahe bei der Grenze von Småland. Das Kirchspiel heißt Asbo. Das schöne Asbotal hat der schwedische Dichter Per Atterbom, der hier Ende des achtzehnten Jahrhunderts aufgewachsen ist, in seinen Gedichten besungen.

Woran erinnert man sich aus den ersten Jahren? Erinnert man sich wirklich, oder sind es vielleicht die Dinge, die einem die Eltern erzählt haben?

Jedenfalls glaube ich, daß ich mich deutlich an den Tag Ende des Jahres 1935 erinnere. Es hatte geschneit. Ich war draußen rodeln gewesen. Ich besaß einen solchen Holzschlitten, wie man sie früher hatte: aus unbemaltem gräulichem Holz, mit Eisenkufen. Zu Beginn des Winters war das Eisen rostig, und wenn man damit fuhr, hinterließen die Kufen braune Spuren im weißen Schnee.

Als ich die Diele unseres Hauses betrat, kam die weiße Katze herbeispaziert. Ohne jeden Grund bekam ich Lust, dem friedlichen Tier böse mitzuspielen, und ich wollte es am Schwanz hochheben. Die Katze schoß hin und her, während ich ihr nachjagte. Gerade als ich sie am Schwanz gepackt hatte, wurde die Küchentür geöffnet, und Mutter kam in die Diele.

Sie war damals noch jung. Ich weiß noch, wie weiß ihr Gesicht war, als sie sagte: „Dan, Vater ist tot. Er hat sich das Leben genommen!“

In diesem Augenblick brach meine Kindheitswelt auseinander. Vielleicht spaltete sich auch meine Persönlichkeit. Spaltete sich unmerklich und unwahrnehmbar, so daß es viele Jahre dauerte, bis man herausfand, daß ich ein zerrissener Mensch war.

Vater hatte, wie er Mutter mitteilte, einen Telefonanruf erhalten und war daraufhin nach Boxholm geradelt. Ich sehe ihn vor mir, wie er in dem starken Schneefall verschwindet; aber dieses Erinnerungsbild ist wahrscheinlich eine Konstruktion. Ich vermute, daß ich ihn in Wirklichkeit nicht fortradeln sah. Mit Sicherheit weiß ich nur, daß ich rodelte, während er sich auf den Weg machte.

Ungefähr eine halbe Stunde später wurde er am Straßenrand gefunden. Er hatte sich erschossen. Der Revolver lag neben ihm.

Man wunderte sich zwar, daß er nicht seine Dienstpistole benutzt hatte, aber das erklärte man sich damit, daß er in seiner Beamtenredlichkeit nicht das Material des Staates zum Selbstmord hatte verbrauchen wollen. Die Möglichkeit, daß er sich nicht selbst erschossen hatte, sondern ermordet worden war, konnte nicht ganz ausgeschlossen werden.

Nach Vaters Tod zogen wir von Strålnäs nach Tågby. Mutter arbeitete beim Fernsehen, und sie brachte es fertig, mich trotz ihrem geringen Einkommen in eine private Mittelschule zu schicken. Aber diese Chance wurde mir genommen ...

Ich war mir mittlerweile bewußt, krank zu sein. In mir war ein Zwang, den ich selbst unrealistisch und dumm fand, gegen den ich aber nichts tun konnte. Nacht für Nacht träumte ich von Vater, der im Schneefall fortradelte, und von der weißen Katze, die wuchs und wuchs, bis keine Luft mehr zum Atmen da war.

Die Aufführung des Stückes von August Blanche wurde zu einem schlimmen Wendepunkt in meinem Leben. Der Schwedischlehrer schilderte, wie er gestorben war, als er bei der Einweihung eines Denkmals für Karl XII. am hundertfünfzigsten Jahrestag des Todes dieses Königs in Stockholm eine Rede halten sollte.

Damals wußte ich es noch nicht, aber später stellte ich fest, daß er am gleichen Tag und im selben Monat wie mein Vater gestorben war. Möglich, daß dieses Zusammentreffen mich aufbrachte, obwohl es mir nicht bewußt war.

Als dann der Tod mit seiner grausigen Maske auf die Bühne kam, klappte ich zusammen. Für meine Kameraden war das natürlich eine größere Sensation als die ganze Theatervorstellung. Mit der Unbarmherzigkeit der Kinder zogen sie über mich her und machten sich herzlos über mich lustig.

Ich verlor alles Interesse an der Schule und fiel im Frühjahr in fünf Fächern durch. Mein Klassenlehrer sagte, ich sei ein fauler Nichtsnutz und hätte sein Vertrauen mißbraucht.

Meine Mutter sagte, ich hätte sie enttäuscht.

1948 wurde ich eingezogen. Ich bekam einen Nervenzusammenbruch und wurde entlassen.

„Dein Vater war ein tüchtiger Soldat“, sagte meine Mutter, als ich heimkehrte.

Aber mein Vater war seit dreizehn Jahren tot. Der Mensch, der ihn getötet hatte, lief frei herum. Und ich, sein Sohn, war nicht stark genug, ihn zu rächen. Zum erstenmal seit fünfundzwanzig Jahren war ich nun auf dem Weg, das zu tun, was ich mußte.

Rache üben.

Neuntes Kapitel

In der Herrentoilette stand ein Mann und wusch sich das Gesicht. Die grünen Kacheln der Wände waren mit Blumen und Vögeln bemalt. Über dem Pissoir war ein kleiner Junge mit Segelboot abgebildet, ganz in Hellgrün, aber einer der Vögel hatte eine goldene Brust und blaßblaue Flügel.

„Es geht kein Zug mehr von Båstad“, sagte der Gesichtslose zu mir. „Früher gab es noch einen.“

Als ich in die Bar zurückkehrte, war sie schon ziemlich voll. Ich bestellte noch einen Tomatensaft und ließ mich an einem Fenstertisch nieder. Draußen strömte der Regen auf die Straße.

„Hallo, Dan. Da bist du ja. Darf ich mich zu dir setzen?“

Marianne Bundin war hereingekommen. Ihre braunen Haare umrahmten das hübsche ovale Gesicht mit der schmalen Nase und den blauen Augen. Sie trug eine Jacke und Jeans. Sie hatte sich also umgezogen, denn bei den Noijbes hatte sie ein türkisfarbenes Kleid mit schwarzem Lackledergürtel angehabt.

„Gern“, antwortete ich. „Ich bin hier ganz allein, und es freut mich, daß du gekommen bist. Möchtest du etwas trinken?“

„Ich hole es mir schon selbst“, erklärte sie. „Die Männerherrschaft ist tot und begraben und damit auch die Ritterlichkeit. Weißt du das nicht?“

Als sie von der Bar zurückkehrte, bemerkte sie: „Komisch, was der General da sagte. Daß er nicht weiß, ob der geheimnisvolle Kurt ermordet worden ist. Findest du nicht auch?“

„Es ist gräßlich zu glauben, man habe einen Menschen getötet“, sagte ich. „Ich habe es einmal erlebt, und ich möchte es nie mehr durchmachen.“

Sie sah mich ernst und fragend an. Offenbar erwartete sie eine Erklärung, und ich gab sie.

„Das war in Uppsala“, begann ich. „Damals trank ich zuviel und ... na ja, das bekam mir schlecht. Eines Morgens wußte ich beim Erwachen nicht mehr, was am Abend zuvor geschehen war. Ein schreckliches Gefühl, zumal mir übel war. Es wurde noch schlimmer, als ich die Zeitung aufschlug und las, daß am vorigen Abend ein Mann ermordet worden war. Ich dachte, vielleicht wäre ich der Mörder, und je mehr ich mich zu erinnern versuchte, desto überzeugter wurde ich. Schließlich glaubte ich mich zu entsinnen, wie ich ihn erwürgt hatte. Das panische Gefühl, das mich erfaßte, ist nicht zu beschreiben. Ich überlegte mir mindestens zehn Selbstmordarten, bevor ich beschloß, mich der Polizei zu stellen. Inzwischen waren mehrere Tage vergangen. Ich hatte nichts gegessen und mich nicht rasiert, hatte mich auch nicht umgezogen. Hatte allen Alkohol getrunken, der im Hause war; unten auf der Straße die Menschen kommen und gehen sehen. Die blauen Autobusse hatten an der Haltestelle gehalten und waren kurz darauf weitergefahren. Wenn es dämmerte, vertiefte sich mein Entsetzen. Jetzt wird es Zeit! Jetzt mußt du dir das Leben nehmen! Jetzt! Aber im Morgengrauen war ich noch am Leben, und ein neuer Tag verstrich draußen vor dem Fenster. Endlich faßte ich meinen Entschluß. Ich ging ohne Mantel den ganzen langen Weg zur Polizeiwache am Markt. Meine Golgathawanderung schloß mit einer Antiklimax. Es zeigte sich nämlich, daß der wahre Mörder bereits gefaßt worden war. Der Polizeikommissar, dem ich mein ‚Geständnis‘ ablegte, war sehr freundlich. Er beruhigte mich und riet mir, einen Psychiater aufzusuchen. Nach mehreren Unterredungen mit dem Psychiater ließ ich mich von ihm in eine Heilanstalt einweisen. Dort war ich ein ganzes Jahr.“

„Ach, sieh mal an“, hörte ich eine lallende Stimme. „Sie waren also im Irrenhaus. Ein ganzes Jahr?“

Ich blickte auf. Vor mir standen Erland Noijbe und seine Schwester Beatrice. Das waren die beiden Menschen, auf die ich Jagd machte, die meine Rache treffen sollte.

Statt dessen hatten sie mich nun in der Hand, da sie über mich und meinen wundesten Punkt Bescheid wußten.

Beatrice und Erland gingen zur Bar, um sich etwas zu trinken zu holen. Marianne sah ihnen stirnrunzelnd nach, und als sie außer Hörweite waren, beugte sie sich über den Tisch und fragte leise: „Ist die Sache mit Kurt von Spoor sehr wichtig für dich?“

„Wieso?“ gab ich mit möglichst gleichgültiger Miene zurück.“

„Ich merkte, daß du Erland anstacheltest“, erklärte sie, „daß du ihn dazu bringen wolltest, etwas zu tun. Vielleicht ist es nur so ein Gefühl, aber es würde mich nicht wundern, wenn du mehr in die Angelegenheit verwikkelt wärst, als du wahr haben willst.“

„Das bildest du dir bloß ein“, murmelte ich, aber es glückte mir nicht, überzeugend zu klingen.

„Ich bin nicht neugierig“, versicherte sie. „Das ist es nicht. Wenn du dich aber wirklich für Kurt und seinen geheimnisvollen Tod interessierst, kann ich dir vielleicht helfen. Sein Name erweckt nämlich einige Erinnerungen in mir.“

„Erzähle!“ drang ich eifrig in sie.

In diesem Augenblick kehrten Erland und Beatrice mit ihren Getränken zum Tisch zurück, und Marianne machte eine beiläufige Bemerkung über das Wetter. Erland war wie gewöhnlich mit sich selbst beschäftigt, aber Beatrice bedachte Marianne mit einem forschenden Blick. Offenbar war Marianne nicht die einzige, die sich in Gesellschaft nichts entgehen ließ.

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170 p. 1 illustration
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9788711444290
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