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Isolde Kurz
Mittagsgespenst
Erzählung
Saga
Man saß am Abend vor der Abreise noch in Florenz beisammen, ein Häuflein deutscher Freunde, das den Winter in Italien verbracht und das Land auf den bekannten Touristenwegen durcheilt hatte. Alle waren freudensatt und sehnten sich nach Hause. Die erschöpfte Bewunderung, die schon seit lange keine Worte mehr fand, schlug in Mißmut um, und man begann dem Lande gram zu werden, das man mit so großem Entzücken betreten hatte, denn man fühlte, daß ein Menschenalter nicht ausreichen würde, um die ganze Tiefe seines Reichtums zu ergründen.
Ein junger Künstler, der am weitesten gekommen war und am schärfsten gesehen hatte, gab dieser Stimmung zuerst Ausdruck.
„Ich möchte doch nicht in einem Lande leben, wo schon alles gethan ist,“ sagte er, „es würde mich entmutigen und erdrücken. Ueberall vertreten uns hier die Toten den Weg, und Schillers berühmter Vers verkehrt sich hier ins Gegenteil, denn ihnen gehören die Stunden und der Lebende hat Unrecht.“
„Und die italienische Natur ist eigentlich gar keine Natur“, warf eine junge Frau ein, „sondern nur wie ein Staffeleibild, ein Ding zum Anschauen. Man kommt nie hinein, immer ist man draußen. Da lob' ich mir unsre deutschen Eichenwälder mit ihren feuchten Moosbänken und rieselnden Bächlein. Die sind uns nahe und reden unsre Sprache. Aber giebt es etwas Hochnasigeres als diese Zypressen und Pinien, die mit sich selber glücklich sind und dem Menschen zu sagen scheinen: ‚Bleib mir vom Leib, – ich habe nichts mit dir gemein‘. – Oder vielmehr, sie sagen ihm gar nichts, sie übersehen einfach seine Gegenwart.“
„Ich,“ sagte ein andrer, „habe an Italien nichts auszusetzen, als daß es hier zu hell ist, und daß das Sonnenlicht in jede Ritze dringt. Da ist gar nichts Verschleiertes, kein Dämmerwinkelchen für die Phantasie, kein Platz für Geister, Irrlichter und Kobolde. Ich möchte nicht in einem Lande leben, das keine Gespenster hat.“
„Steht es denn fest, daß Italien keine Gespenster hat?“ fragte die Gesellschaft.
„Felsenfest. Ich berufe mich auf den jungen Vetturino, der uns durch die Maremma führte. Den habe ich nach Geistergeschichten ausgefragt, so lange ich neben ihm auf dem Kutschbock saß. Zuerst verstand er mich gar nicht, bis ich ihm erklärte, was Gespenster seien – die Seelen der Verstorbenen, die wiederkämen. Darauf sah er mich mit ernsthafter Verwunderung an und schüttelte den Kopf. Bei ihm daheim im Sienesischen, sagte er, wisse man nichts von solchen Dingen, da seien die Toten noch immer ruhig liegen geblieben, wo man sie eingescharrt habe. Aber auf einmal ging ihm ein Verständnis auf und er fügte hinzu: ‚Ja, jetzt erinnere ich mich – als ich noch klein war und zur Schule ging, da hörte ich von einem gewissen – wie hieß er nur? – Lazarus, mein‘ ich – der soll wieder aufgestanden sein. Aber man muß nicht alles glauben, was die Leute sagen.‘“
Alle lachten. Aber einer, der bisher geschwiegen, ergriff jetzt das Wort, und die Gesellschaft hörte ihm aufmerksam zu, denn er war ein Sonderling, der nur redete, wenn er etwas zu sagen hatte, und überdies bewohnte er das Land, das die Andern im Flug durchreisten, schon seit zwanzig Jahren.
„Keine Gespenster?“ begann er langsam und monoton. – „Ja, wenn Sie von den grauen oder schwarzen huschenden Schattengestalten des Nordens reden, dann stimme ich Ihnen bei, die giebt es hier nicht, die Sonne würde sie sofort aufzehren. Aber wären Sie meinem Rat gefolgt und hätten einen Hochsommer in Italien verlebt, statt beim ersten Sonnenstrahl das Weite zu suchen, dann wüßten Sie, was italienische Gespenster sind.“
Er sprach mit einer tiefen, wenig modulierten Stimme, die etwas Hypnotisierendes hatte.
„Gespenster im Hochsommer?“ fragten einige zweifelnde Stimmen.
„Allerdings. Sie kommen eben von dem gewohnten Vorstellungskreis nicht los. Wenn Sie von Gespenstern hören, so denken Sie an eine Winternacht, verschneite Felder, an Sturmgeheul, Nebelgeriesel und tiefe Mitternachtsstunde. Dann kommen die ängstlichen, schleichenden Schatten, die sich fast mehr noch vor dem Lebenden fürchten als er vor ihnen. Hier aber hat die Nacht keine Stille und Einkehr in sich, also hat sie auch keine Gespenster, sie ist voll Lärm und Musik und gehört den Lebenden. Doch man zeige mir das verschwommene nordische Spukbild, das sich an Grauen mit dem weißen Phantom des Südens messen kann. Wie rette ich mich vor dem Mittagsgespenst, wenn es mich allein in der sonnverbrannten schattenlosen Campagna findet, wenn es mich anstiert mit seinen kalten, wie von der Helle abgeblaßten Seemannsaugen, die die ungeheuren Weiten von Wüste und Ozean in sich getrunken haben. Um die Sommersonnwend, zur Mittagszeit, beim betäubenden Geschmetter der Cikaden, auf weiten glühenden Ebenen, unter goldgelben Weizenfeldern, wo die Luft vor Hitze flimmert und sogar die Lerche schweigt, am flachen Meergestad, wo der brennende Sand zu spiegeln anfängt, da ist es zu Hause. Es kommt von Afrika herüber und bläst unterwegs den Schiffern seinen heißen Atem ins Gesicht, daß sie entseelt vom Bord taumeln. Wo es vorübergeht, da wagt kein Blümchen mehr zu blühen und kein Halm ist mehr grün. Und doch ist es ebenso schön wie es schrecklich ist. Ganz nahe bin ich ihm nur zweimal gekommen, das erste Mal in Pisa. Sie kennen Pisa? – Aber nein, Sie haben es ja nur bei Regenwetter gesehen. Nun stellen Sie sich den Domplatz vor unter der grellen Mittagssonne, abseits der Stadt, in weltverlorener Einsamkeit, seine steinernen Wundergewächse umwoben von der sinnverwirrenden überirdischen Helle, die ihnen das Körperliche nimmt und alle Gegenstände zu Visionen macht. Ein marmornes Märchen, ein versteinerter Mittagstraum inmitten einer smaragdgrünen Wiese. Der schiefe Turm, der dem Gesetz des Gleichgewichts Hohn spricht und das Auge erschreckt, Dom und Battistero blendend wie Schnee und gleichsam durchsichtig vor Helligkeit, dahinter das Camposanto und ganz im Hintergrunde die schwarze, finstere Stadtmauer wie die Grenze der Welt. Die Luft ist dann leicht wie Aether und aus der Erde, die nicht mehr lastet, dringen die Geister herauf und lagern sich vor der Friedhofthür. Das ist der rechte Ort für das Mittagsgespenst, seine fürstliche Metropole, und dort habe ich es zum erstenmal geahnt mit seinem Grauen, das aus dem Urgrund der Dinge heraufsteigt. Aber das war noch nichts – ein paar Jahre später sah ich es wirklich im Pesathal – “
Er verstummte auf einmal und versank in Nachdenken, wie es Einsiedler thun, die nur gewohnt sind, mit sich selbst zu reden.
„Erzählen!“ rief es von allen Seiten.
„Da ist eigentlich nichts zu erzählen, es ist nur ein Zustand und keine Geschichte.“
Da ihn aber die Gesellschaft nicht mehr loslassen wollte, so gab er nach und begann:
„Ich hatte an einem Frühsommer in den achtziger Jahren eines schönen Tags den Weg unter die Füße genommen, um, wie alljährlich um diese Zeit, meinen ganzen Menschen auszulüften und zu durchsonnen. Von San Casciano aus wanderte ich planlos ins Land hinein, mein Skizzenbuch unter dem Arm, in das ich mit dilettantischem Vergnügen Schlösser, Villen, phantastische Steinbrüche und Baumgruppen eintrug. Die Nacht verbrachte ich in einer schlechten Kneipe, aus der es mich schon vor Tagesanbruch wieder forttrieb. Nichts Wunderbareres, als so in kühler Morgenfrühe auf einsamen taufeuchten Campagnawegen der Sonne den Vorrang ablaufen, wenn der Himmel noch grau ist und das goldene W der Kassiopeia wie durch einen Gazeflor schimmert, bis ein rosiges Leuchten über den östlichen Hügeln beginnt, und, rollende Wolkenmassen vor sich her schiebend, die Sonne erscheint. Gewaltsam, chaotisch wiederholt sich jeden Morgen das Fiat lux, wie es Michelangelo gedacht hat, man meint den Schöpfergreis selbst zu sehen, wie er ringend Licht und Finsternis scheidet, und es ist nicht zu sagen, welch ungeheure Summe von Glück täglich dem Kulturmenschen verloren geht, der seine Morgenstunden zwischen zwei Betttüchern verdämmert.
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