Read the book: «Die Liebenden und der Narr»
Isolde Kurz
Die Liebenden und der Narr
SAGA Egmont
Die Liebenden und der Narr
Copyright © 1935, 2018 Isolde Kurz und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
All rights reserved
ISBN: 9788711446065
1. Ebook-Auflage, 2018
Format: EPUB 2.0
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Zur Zeit der Vizekönige lebten in Neapel zwei vornehme und reichbegüterte Edelleute spanischen Geblüts, deren Paläste nahe aneinanderstießen und die seit ihrer frühsten Jugend engste Freundschaft hielten. Beider Familien waren schon früh mit den Aragonesen nach Neapel gekommen und besaßen große Güter und Lehen im Neapolitanischen wie auch in Sizilien. Wo von edler Männerfreundschaft die Rede war, nannte man nicht mehr Orestes und Pylades, sondern nur noch Don Pedro di Mendoza und Don Alonzo Navarro.
Beide traten sie nach der Sitte der Zeit früh in den Ehestand und beschlossen, daß, falls ihnen Sohn und Tochter geboren würden, diese schon im voraus als Verlobte gelten sollten. Don Pedro wurde zuerst Vater eines kräftigen Knaben, den sie Don Ferrantino nannten, nach dem kriegsberühmten Fernando d’Avalos, Marchese di Pescara, der als ein Freund des Mendoza den Kleinen aus der Taufe hob. Die Gattin Don Alonzos genas zwar gleichfalls zuerst eines Söhnleins, das aber durch Schuld der Amme mit wenigen Monaten starb. Danach kränkelte die junge Mutter längere Zeit und gebar erst nach mehreren Jahren ein bildschönes Mägdlein, die kleine Donna Sol, nach der Tochter des Cid so benamst.
Die Kinder wuchsen miteinander auf und spielten täglich zusammen in einem mit hohen Bäumen bestandenen, gartenähnlichen Säulenhof, der die beiden Paläste durch kleine Seitentore verband. Dem Mendoza wurden dann mit der Zeit noch weitere Kinder geboren, die alle in dem Hofraum spielten, wogegen die Ehe des Navarro fernerhin unfruchtbar blieb. Aber die zwei zuerst Dagewesenen hielten sich nahe zusammen, sie hatten nicht nur all ihr Spielzeug gemeinsam, während die jüngeren davon ausgeschlossen waren, sondern errichteten auch aus zusammengewälzten Steinen einen kleinen Wall, der ihre Burg vorstellte. Hinter diesen Steinen hielten sie als Schloßherr und Schloßherrin abgesondert Hof, und niemand durfte ohne ihre Erlaubnis den Raum betreten. Die Kleinen wußten nämlich, daß sie seit ihrer Geburt verlobt waren: ihre schwatzhaften Wärterinnen hatten ihnen das verraten. Wer nun dächte, sie hätten bei ihren zarten Jahren die Bedeutung dieses Wortes nicht verstanden, der würde irren, denn die Kinder südlicher Zonen bringen die Vorstellung der Geschlechtsliebe mit zur Welt – wie die der kälteren vermutlich auch. Don Ferrantino und Donna Sol wuchsen also im Spiel unvermerkt in die Liebe hinein. Der kleine Gatte betrug sich zart und ritterlich gegen die Gattin, hielt aber auch auf seine Rechte und Würden, und wenn sie sich veruneinigten, sagte er: Du hast mir zu gehorchen, denn ich soll dein Herr sein. – Dafür verstand es sich von selbst, daß er ihr die besten Leckerbissen brachte und alle ihre Wünsche erfüllte. Und es mußte ein sehr schwarzer Tag im Kalender sein oder sie an diesem Tage sehr eigensinnig, wenn er sich einmal im Zorn so weit vergaß, nach ihr zu schlagen. Das bereute er auch gleich bitterlich, küßte sie und half ihr weinen. Don Alonzo und Don Pedro hatten in ihrer Frühzeit gemeinsam als Pagen am Hofe gedient und folgten erwachsen den Fahnen ihres Königs, so oft es gegen die Lilien von Frankreich ging. Sie halfen dem Marchese Pescara Mailand zurückerobern, und zwei Jahre später fochten sie vor Pavia mit, wo sie die Ehre hatten, den König Franz von Frankreich nach seiner Gefangennehmung zu bewachen. Bevor sie aber diesmal ins Feld aufbrachen, wollten sie die Verschwägerung auf alle Fälle sicherstellen und ließen ihre Kinder feierlich vor geladenen Zeugen die Ringe wechseln, was nach der Sitte der Zeit soviel war wie ein gültiger Eheschluß. Die kleine Braut sah entzückend aus, wie sie in der Hauskapelle neben dem Bräutigam vor dem Altare stand in dem langen goldgestickten Röckchen, das ihr nach damaliger Kindermode bis zu den in roten Atlasschuhen steckenden Füßchen reichte, den dunklen Krauskopf mit Perlenschnüren durchflochten. Don Ferrantino, der gleichfalls ein schönes Kind war, stellte mit dem langen, gescheitelten Haar, das ihm auf den Spitzenkragen niederfiel und mit seinem kleinen Degen an der Seite einen ihrer würdigen Gesponsen dar. Damit waren die Kleinen also jetzt rechtskräftig verbunden. Der Knabe zählte wenig über sieben Jahre und Donna Sol stand zwischen dem vierten und fünften. Die Zeremonie machte besonders auf Donna Sol einen unauslöschlichen Eindruck und brachte ihr Köpfchen auf sonderbar verfrühte Gedanken. Sie gab sich den Anschein, als wollte sie jetzt in ihrer ,Burg‘ mit dem kleinen Gatten ein fürstliches Beilager halten, und da Ferrantinos Mutter zur Zeit neuen Familienfreuden entgegensah, reizte der Anblick die Kleine zur Nachahmung, daß sie sich auf den Leib eine Puppe band, ihr langes Röckchen darüber hinunterzog, um den nötigen Umfang herzustellen, und erklärte, sie sei gleichfalls guter Hoffnung.
Die Kinderfrauen lachten sich Tränen über diesen Spaß und erzählten ihn den Müttern, die nicht wenig erschraken und in Abwesenheit der Väter nicht wußten, wie die Kinder künftig auseinanderhalten. Es wurde beschlossen, die Zugänge zu dem gemeinsamen Spielplatz abzusperren und beiderseits die Kinder im eigenen Hause zu beschäftigen. Um aber auch ihre Gedanken voneinander abzulenken, erhielt Donna Sol ein allerliebstes kleines Hündchen mit langen schwarz und weißen Haaren und einem bunten Band um den Hals, das sie den ganzen Tag auf dem Arm herumschleppte und des Nachts in ihrem Bettchen schlafen ließ. Don Ferrantino wurde beseligt durch das Geschenk eines kleinen, aber feurigen Zwergpferdchens, auf dem er unter Anleitung eines Stallmeisters innerhalb eines abgesteckten Rasenplatzes den ersten Reitübungen oblag. Eine Weile hielt der Reiz des Neuen vor, dann aber trat die alte Gewohnheit in ihre Rechte. Die Kinder verlangten wieder miteinander zu spielen, Donna Sol wollte dem kleinen Gemahl ihr Hündchen, das schon allerlei Künste von ihr gelernt hatte, vorführen, er vor ihr als Reiter glänzen. Nun gab es von beiden Seiten Bitten und Tränen, und die Mütter wußten nicht mehr, wie die Absperrung aufrechterhalten, die ohnehin von den Kinderfrauen heimlich umgangen wurde.
Mittlerweile kamen die Väter sieggekrönt aus dem Felde zurück, und als sie von der neuen Hausordnung und ihrer Ursache hörten, fanden sie die Besorgnisse der Mütter übertrieben und nahmen den verfrühten Liebesdrang des kleinen Ehepaars von der scherzhaften Seite. Um nicht durch das Verbot den Anreiz zu vermehren, entschieden sie, daß der gemeinsame Tummelplatz wieder geöffnet werden und den Kindern das Beisammensein gestattet sein solle, jedoch unter vermehrter Obhut. Don Ferrantino brachte sein Pferdchen mit und Donna Sol ihren Hund, er machte ihr seine Reiterkünste vor und setzte sie auch dann und wann selber auf den Rücken seines Tieres, wobei das Hündchen auf ihrem Schoß nicht fehlen durfte. So hatten sie Kurzweil genug und genossen Tage glückseliger Kindheit.
Doch nicht lange hatten die vereinigten Familien sich der Wiederkehr ihrer Häupter zu erfreuen, da ging der Friede der Halbinsel aufs neue in die Brüche.
Der unglückliche Papst Clemens VIL, dem alles mißlang, was er einfädelte, hatte in dem neuaufgeflammten Ringen zwischen Karl V. und Franz I. die falsche Karte ausgespielt und sollte es furchtbar büßen. Der Kaiser sandte seine Heere gegen ihn, und in dem Rachezug, der sich unter dem Konne- tabel von Bourbon auf die Ewige Stadt heranwälzte, befanden sich auch die beiden spanisch-neapolitanischen Edelleute Don Pedro und Don Alonzo. Sie zogen ungern gegen das Oberhaupt der Christenheit ins Feld, denn sie waren beide gehorsame Söhne der Kirche, aber die Lehenspflicht gegen den beleidigten Kaiser ging allem vor. Sie kämpften wieder Seite an Seite, und wie sie lebenslänglich alle Geschicke teilten, so teilten sie jetzt auch den Tod. Ein Falkonettschuß von der Mauer riß beide zugleich, da sie beieinanderstanden, nieder, Don Alonzo blieb auf der Stelle tot. Don Pedro lebte noch lange genug, um ein Paternoster zu sprechen und um Verzeihung seiner Sünden zu beten, dann verstummte auch er für immer.
Beide Häuser waren nun verwaist, aber ganz verschieden wirkte der Verlust der Väter auf die Schicksale der Hinterbliebenen. Donna Sols Mutter war einst wider ihre Neigung auf elterlichen Befehl in die Ehe mit dem Navarro getreten, denn ihr Herz hatte anders gewählt. Da ihr die Großmut ihres Gatten im Testament die zugebrachte Mitgift auf das Doppelte erhöht hatte, genoß sie als Witwe die Freiheit, über ihre Hand zu verfügen, und schenkte sie nunmehr dem einst Geliebten, der unterdessen von einer gleichfalls nicht beglückenden Ehe wieder frei geworden war. Bis zu Donna Sols Verheiratung, die Don Alonzos einzige Erbin war, durfte die Mutter deren große Einkünfte mitgenießen. Anders stand es um die Witwe und die Kinder Don Pedros. Für diese wurde der Verlust des Familienhauptes verhängnisvoll. Verwandte stellten sich mit unerwarteten Erbansprüchen ein, es kam zu langwierigen Prozessen, die einen großen Teil des Vermögens verschlangen, Güter mußten verkauft werden, der Vormund selbst riß unter allerlei Vorwänden einen Teil der Habe an sich, und der Rest war nicht mehr ausreichend, alle Söhne und Töchter standesgemäß zu versorgen.
Der Nächste, der den Wandel des Geschicks zu spüren bekam, war der Erstgeborene, Don Ferrantino. Er hatte nie anders gewußt, als daß er bei Eintritt in die reiferen Knabenjahre wie einst sein Vater am spanischen Hof Pagendienst nehmen sollte, um seine ritterliche Ausbildung zu vollenden und sich zugleich dem Thronerben als Jugendgespielen für spätere Tage zu empfehlen. Da rief ihn eines Tages sein Vormund zu sich und kündigte ihm an, daß die Mittel zu dem bisher verfolgten Erziehungsplan erschöpft seien, daß man den Hauslehrer, einen Gelehrten von Ruf, habe entlassen müssen, und daß er jetzt seine Ausbildung in minder kostspieliger, aber fruchtbarerer Weise vollenden müsse. Es sei ja ebenso ehrenvoll, seinem Landesherrn mit dem Kopf wie mit der Faust zu dienen, und Don Ferrantino mit seinen vortrefflichen Gaben werde es nicht schwer fallen, sich ein hohes Staatsamt zu erwerben, das ihn berechtige, seine Ansprüche an Donna Sol geltend zu machen, ohne als Bettler neben ihr zu stehen; alsdann würde er mit dem Erbe der Navarro den vorigen Glanz des Hauseé Mendoza wiederherzustellen in der Lage sein.
Diese Mitteilungen, die alle Aussichten auf eine ritterliche Laufbahn vernichteten, trafen den Sohn des kriegerischen Geschlechtes schwer. Allein sein durchdringender Verstand übersah die Lage vollkommen, mit starkmütigem Entschluß begrub er die lockenderen Wünsche und erklärte, daß er bereit sei, sich der Fügung des Schicksals zu unterwerfen.
Um die Zeit, wo das geschah, hatte Ferrantino das dreizehnte Jahr vollendet, und Donna Sol, die zwi- sehen dem zehnten und elften stand, wohnte im Palast ihres Stiefvaters, des Grafen Angravalle; Dieser, der keine Verschwägerung mit dem verarmten Haus Mendoza wollte, hatte den ferneren Verkehr der beiden Kinder für unstatthaft erklärt, weil Donna Sols Ruf bei ihrem Heranwachsen darunter leiden würde. Die zwei liebten sich aber noch so leidenschaftlich wie je und fanden trotz ihrer Jugend Mittel und Wege, das Verbot zu umgehen. Der Palast Angravalle lag mit der Rückseite in einem wenig begangenen Gäßchen, Dort hinaus ging ein niedriges Gelaß, das zum Aufbewahren von Holz und leeren Fässern diente. An dem einzigen Fenster, das leider vergittert war, erwartete die kleine Verliebte ihren Ritter allabendlich zu einer Plauderstunde. Ihre ehemalige Wartefrau, eine getaufte Mohrin, die ins Haus Angravalle mitgenommen worden war, stand den Kindern bei und trug die Zettelchen hin und her, worin sie sich die Stunden der Zusammenkunft und ihre frühzeitigen Liebesergüsse, die durch die Trennung noch feuriger geworden waren, mitteilten. Denn Don Ferrantino war schon ein halber Gelehrter und wußte sich trefflich mit der Feder auszudrücken; Donna Sol ging zwar nicht auf die Erlangung von Wissen aus, war aber doch geweckten Geistes und lernte gleichfalls mit Feuereifer Lesen und Schreiben, um sich mit dem kleinen Gemahl, den man ihr fernhielt, wenigstens schriftlich unterhalten zu können. Ihr Äußeres übertraf im Heranwachsen noch die Erwartungen, die ihre reizende Kindheit erregt hatte, und man konnte wohl sehen, daß sie in Bälde zu den schönsten Frauen ihrer Zeit gehören würde.
Sie tauschten also am Fenster ihre Gefühle aus, die der vulkanische Boden, der Blumen und Früchte im Übermaß zeitigte und dann und wann unter ihren Füßen schütterte, so früh gereift hatte. Und nie verließ der junge Liebesritter das Gäßchen, daß er nicht, behende wie er war, zu dem vergitterten Fenster emporkletterte, wo alsdann das Pärchen seine Gesichter durch das Eisengitter zwängte, um sich Küsse zu tauschen, die immer zärtlicher und immer feuriger, wurden. Und hätten die verwünschten Stäbe nicht allem Rütteln und Schütteln widerstanden, so wäre Don Ferrantino mit Donna Sols Hilfe längst in das Gelaß eingestiegen, und alsdann hätte das Haus Angravalle seltsame Überraschungen erleben können.
Don Ferrantino hatte einen mütterlichen Oheim in Bologna, unter dessen Obhut er sich auf einer der dortigen Schulen zum Studium der Rechte an jener hochberühmten Universität vorbereiten sollte. Ohne alles Schwanken hatte er diese Berufswahl getroffen, denn sein Dichten und Trachten ging darauf aus, die Prozesse um seine und seiner Geschwister Erbgüter, deren Gang er trotz seiner großen Jugend ganz wohl verfolgt hatte, wieder aufzunehmen, sobald er mit genügender Gesetzeskenntnis ausgerüstet wäre, und auch dem ungetreuen Vormund seinen Raub wieder abzujagen.
Der Abschied von Donna Sol ging unter heißen Küssen und Tränen vor sich. Sie drängten ihre Köpfe so nahe zusammen, daß er hernach den seinen kaum mehr aus dem Gitter zurückziehen konnte, und benetzten sich gegenseitig mit dem strömenden Wasser ihrer Augen. Bevor sie sich trennten, verabredeten sie, sich häufig zu schreiben. Die Mohrin und ein zuverlässiger Diener des Hauses Mendoza, einer der wenigen, die ihnen geblieben waren, sollten die Briefe befördern. Schon seit längerer Zeit hatte Ferrantino eine Geheimschrift ausgedacht, mittels deren er unter den landläufigen Worten und Wendungen einen besonderen Sinn verstecken konnte, Donna Sol hatte den Schlüssel von ihm empfangen, der leicht zu handhaben und schwer zu entdecken war, denn er bestand nur in der ganz unauffälligen Kennzeichnung einzelner Wörter im Satze. Die Kinder hatten ja nur kindische Angelegenheiten miteinander zu verhandeln, aber des Knaben erfindungsreicher Geist empfand ein Bedürfnis nach verwickelten und spitzfindigen Dingen, woran er sich üben konnte, und beide dünkten sich mit ihrer Geheimschrift sehr erwachsen und wichtig. In dieser führten sie ihren ganzen Briefwechsel, so daß, falls jemals der eine oder andere ihrer Zettel im Haus Angravalle abgefangen würde, doch niemand aus dem Inhalt einen geheimen Nebensinn entnehmen konnte.
In Bologna setzte der Knabe Lehrer und Mitschüler durch die Schnelligkeit und Schärfe seiner Auffassung in Staunen. Worüber andere mit Seufzen saßen und büffelten, das erschloß sich ihm von selbst und klammerte sich wie mit Widerhaken in seinem Gedächtnis fest. Es war nicht, als ob er die Studien suchte, sondern als suchten sie ihn. Niemals Sah man ihn träge und verdrossen, die schwierigsten Aufgaben waren just die, denen er am liebsten zu Leibe ging, und er ruhte nicht, bis er sie bezwungen hatte. Damit erfüllte er nicht nur ein stilles Gelöbnis, das er sich selber abgelegt hatte, sondern befriedigte ebensosehr einen Zwang seiner eigenen Natur. Die Schnelligkeit, womit er die Vorschule durchlief, erlaubte ihm schon nach zwei Jahren als jüngster Student der Universität von Bologna die Hörsäle zu besuchen. Ebenso eifrig widmete er sich aber den ritterlichen Künsten und versäumte nichts, was den natürlichen Anstand einer edelgeborenen Persönlichkeit erhöhen konnte. Vor allem war er sehr gewandt mit dem Stoßdegen, welche Waffe der Behendigkeit seiner Glieder ebenso entsprach wie der Klugheit und Schlagfertigkeit seines Geistes, daher seine Klinge bald zu den gefürchtetsten unter der Studentenschaft gehörte, mit Dienern und Pferden in einer Weise aufzutreten, die zwar, an dem ehemaligen Reichtum der Familie und dem neapolitanischen Luxus gemessen, bescheiden war, ihm aber in dem viel einfacheren Bologna den Ruf eines vollendeten jungen Edelmanns erwarb. Manche junge Schönheit sah ihm mit stillen Wünschen und Hoffnungen durchs Fenster nach, ohne zu ahnen, daß er schon in den allerfrühsten Kinderjahren den Ring einer anderen empfangen hatte.
Es war ein verwirrender Augenblick, als das junge Paar sich bei einem Ferienbesuch des Jünglings zum erstenmal erwachsen wiedersah. Donna Sol begab sich eben an der Seite ihrer Mutter zur Messe, und da sie nur ein paar Schritte bis zur Kirche hatten, gingen die Damen, von einem Dienstmann gefolgt, zu Fuße. Beide trugen nach spanischer Sitte den Schleier, aus dem die vollerblühte Schönheit der Mutter und die erst halberschlossene, noch vom Frühhauch umwehte der Tochter wie zwei Rosen an einem Stengel leuchteten. Don Fernando – er hatte jetzt die ortsübliche Verkleinerungsform seines Namens abgelegt und trug statt des Spieldegens einen richtigen an der Seite – kam ihnen in Begleitung seines jüngerenBruders entgegen. Er war bildschön geworden und erinnerte mit seinem knappsitzenden Seidenwams und dem modisch kurz geschnittenen Haar in nichts an einen Scholaren. Donna Sol erwiderte seinen Gruß mit niedergeschlagenen Augen, indem ihr ganzes Gesicht sich mit plötzlichem Purpur färbte. Donna Eleonora dankte nur obenhin mit einem hohen Blick, der ihn in der Entfernung hielt. Er durfte sich den Damen nicht nähern, denn die spanischen Familien hielten eine viel strengere Etikette aufrecht als die einheimischen, und besonders seitdem der steife Don Pedro di Toledo Vizekönig von Neapel geworden war, legt sich ein Hauch von Förmlichkeit erstarrend auf allen gesellschaftlichen Verkehr. Don Fernando geriet ganz außer sich über den Hochmut der Gräfin, und Donna Sols Benehmen, die ihn nicht einmal angeblickt hatte, stürzte ihn in ein Meer von Zweifeln. Aber durch die Mohrin, die ihm nachging, erfuhr er, daß ein Aufpasser den brieflichen Verkehr der jungen Leute verraten habe und daß es dem Mädchen verboten war, ein Zeichen mit ihm zu wechseln, daß aber Donna Sol ihn auf jede Gefahr hin sehen und sprechen wolle. Die mondlose Nacht begünstigte das Stelldichein, wäh rend von innen die Mohrin, von außen Fernandos Vertrauter Wache hielten. In der bergenden Dunkelheit erhitzten sich die frühen südlichen Flammen bis zur Siedeglut, die zwei gaben sich keine anderen Namen mehr als Gattin und Gatte, und nie wurde das trennende Gitter mehr verwünscht als an jenem Abend. Da die Überwachung, in der Donna Sol gehalten wurde, keine Möglichkeit befreiten Beisammenseins gewährte, kamen sie überein, daß Fernando so schnell wie möglich sein Studium vollende und nach erlangtem Doktorgrad ungesäumt seine Rechte auf die angetraute Gattin geltend mache. So schieden sie im seligen Rausch, der ihnen die nahe volle Vereinigung vorspiegelte.
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