Read the book: «Verschwunden in Deutschland»
Imke Müller-Hellmann
Verschwunden in Deutschland
Lebensgeschichten von KZ-Opfern
Auf Spurensuche durch Europa
Saga
Ebook-Kolophon
Imke Müller-Hellmann: Verschwunden in Deutschland. © 2014 Imke Müller-Hellmann. Alle Rechte der deutschen Ausgabe © Osburg Verlag Hamburg [2015] www.osburg-verlag.de. Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen 2016 All rights reserved.
ISBN: 9788711449301
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com - a part of Egmont, www.egmont.com.
Engerhafe
Mein Urgroßvater hieß Detmer Ihnen Detmers. Er war ein Bauunternehmer, der Häuser baute und Särge, und er kam aus Münkeboe in Ostfriesland. Er ist 81 Jahre alt geworden und dann, 1959, an Blasenkrebs gestorben. Begraben wurde er auf dem Friedhof in Münkeboe und man gab ihm einen Grabstein mit seinem Namen. Im selben Grab liegen die sterblichen Überreste sechs weiterer Menschen, Menschen, die noch Kinder oder schon Frauen waren, als sie starben, ihre Namen stehen nicht auf dem Grabstein. Es waren seine beiden Frauen Elsche Detmers, geborene Henning, die jung an Tuberkulose erkrankte, und seine zweite Frau Auguste Detmers, geborene Siekmann, die als Diakonissin seine erste Frau in ihrer Krankheit und ihrem Sterben gepflegt hatte. Auguste wiederum starb mit 67 Jahren an den Folgen eines Unfalls, bei dem Detmer Ihnen im Garten von einem Baum gestürzt und auf sie gefallen war. Drei Kinder von Detmer und eine Enkelin mussten auch noch vor ihm in das Grab, das seinen Namen trägt: drei Söhne, die er alle Ihne genannt hatte, und von denen keiner die ersten Jahre überlebte, und eine Tochter meiner Oma, die tot zur Welt kam, sie blieb ganz ohne Namen.
In dem Haus mit dem Garten, wo mein Urgroßvater auf meine Urgroßmutter fiel, ist meine Großmutter zur Welt gekommen. Am 28. März 1917 erblickte sie das Licht Ostfrieslands, ein Flecken Land zwischen Ems und Jade, flach und weit mit schrägen Bäumen und geraden Windmühlen, die dem Wind trotzen, der beständig vom Meer herüberweht. Das Land gehört zu den Wolken und den Kühen und die gehören zu den Bauernhöfen mit den tief gezogenen Dächern und die wiederum zu den Menschen mit den Holzclogs, die eine eigene Sprache haben und gerne Tee trinken, genau genommen 2,5 Kilo pro Kopf und Jahr, das ist zehnmal so viel wie hinter den Mooren, weiter südlich in Deutschland.
Als die Moore im Süden und das Meer im Norden dieses Stück Land noch gut umschlossen, hatte erst Radbod das Sagen, der großfriesische König. Nach dem kam Karl der Große und mit ihm der christliche Glaube, den Luidger und Willehad verbreiteten. Dann kamen die Redjeven, die Rechtsprecher und Ratsmänner, dann die Hovedlinge, die Häuptlinge, dann die Grafen, die Fürsten, die Preußen, schließlich Kaiser Wilhelm II. und dann der Führer.
Als meine Großmutter in diesem Stück Land ins Leben eintrat und noch nicht verstrickt war in die politischen Ereignisse und noch keinen Bluthochdruck hatte von 2,5 Kilo Schwarztee im Jahr, waren Lüdde, Anni und Minni schon da. Besagte Auguste Detmers, geborene Siekmann, ehemalige Diakonissin, kam also doch zu dem eigentlich in ihrem Leben nicht vorgesehenen Zustand, meine Großmutter Elli, die nach der ersten Frau ihres Vaters Elsche genannt worden war, aus ihrem Körper zu pressen. Es wurde in der Familie üblich, kürzlich Verstorbene aus den eigenen Reihen durch die Weitergabe ihrer Namen an Neugeborene in Erinnerung zu behalten und sie so zu ersetzen. Nun hatte Detmer also wieder eine Elli.
Elli heiratete Adolf Janssen Müller. Adolf war auch das Kind einer zweiten Frau. Diese war Altje Müller, die ihren unehelichen Sohn Klaas in die Ehe mit Johann Müller brachte, der wiederum schon vier Kinder aus erster Ehe hatte: Johann, Bole, Herti und Hima. Altje und Johann bekamen noch einmal fünf Kinder zusammen: Johanna, Maria, Adolf, Okkeline und Etta. Altje war sich sicher, dass Adolf auch eine Tochter werden würde und wollte diese nach sich selber benennen, aber es wurde ein Sohn und aus dem Namen Altje wurde der Name Adolf. Das war 1914.
30 Jahre später kam mein Vater zur Welt, sie haben ihn auch Adolf genannt, das war 1944. Adolf Detmer. Sein Vater Adolf Janssen war im Krieg an der Ostfront und so hatte Elli wieder einen Adolf. Adolfs Kinder fanden diesen Namen in unterschiedlichem Ausmaße merkwürdig bis unangenehm, Adolf selber nicht. Dieser Name stehe für seinen Vater und nicht für ihren Führer, so erklärte er, und das erklärte er auch in der Zeit, 25 Jahre nach seiner Geburt, in der strukturelle Parallelen zwischen Vätern und Führern in seiner Generation vermehrt diskutiert wurden. Adolf jedoch wohnte diesen Gesprächen nicht bei und so blieb ihm das gute Gefühl zu seinem Namen erhalten.
Zwischen 1940 und 1948 lebte meine Großmutter in Engerhafe, einem kleinen Ort am westlichen Rand der ostfriesischen Geest der Gemeinde Südbrookmerland. Dort hatte der Häuptling Keno tom Brok seinen Sitz auf einer Burg ganz in der Nähe gehabt. Sein Sohn Ocko tom Brok dehnte seine Macht auf beinahe ganz Ostfriesland aus, aber das gefiel den freiheitsliebenden Ostfriesen nicht, und auch nicht den konkurrierenden Häuptlingen, und so kam es unter Häuptling Focko Ukena am 28. Oktober zur »Letzten Schlacht auf den Wilden Äckern«. Das war 1427. 506 Jahre später hatten die Ostfriesen, und nicht nur die, wieder einen Häuptling, mit einem anderen Namen, jetzt sagte man »Führer«. Dieser befahl am 28. August 1944 den Bau des »Friesenwalls«, der die gesamte Nordseeküste in zwei Stellungen gegen eine befürchtete Invasion schützen sollte. Geplant waren Wälle an der Küste, Unterstände direkt am Seedeich, und Kanonenstände und Panzergräben im Hinterland. Die Panzergräben sollten oben vier bis fünf Meter breit werden und an der Sohle 50 Zentimeter. Und sie sollten bis zu drei Meter tief in die Erde gegraben werden.
Elli lebte an diesem 28. August 1944 an der Ostseite der Kirche, ein wenig links, wenn man abgebogen ist. Es ist eine alte Kirche, eine einschiffige, hoch aufragende Anlage aus dem 13. Jahrhundert, die auch schon der »Schlacht auf den Wilden Äckern« gleichmütig zugesehen hatte. An der Nordseite der Kirche, über die Straße hinweg, im Gelände des Pfarrgartens, wurde von Oktober bis Dezember 1944 ein Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme errichtet, ein oder zwei Steinwürfe von dem Haus an der Ostseite entfernt. 2200 Männer wurden in fünf unbeheizten Baracken zusammengepfercht, in denen lediglich die dreistöckigen Betten Platz hatten, die sich jeweils zwei bis drei Männer pro Strohsack teilten. Die notdürftig bekleideten und ausgehungerten Häftlinge mussten den Zaun ziehen, der sie einsperrte, und die Wachtürme bauen, mit denen man sie bewachte. Dann marschierten sie jeden Morgen um sechs zum Bahnhof Georgsheil, fuhren in Güterwagen nach Aurich und liefen durch Aurich hindurch zur Arbeitsstelle. Dort gruben sie die bis zu drei Meter tiefen Gräben in den nassen Kleiboden, standen stundenlang bis zu den Knien im Wasser, waren Regen, Schneeregen und Sturmböen in ihren zerrissenen Lumpen ausgesetzt. Wer zusammenbrach, wurde geschlagen, bis er weitermachte oder nicht mehr weitermachte. Auf dem abendlichen Rückmarsch mussten die Überlebenden ihre toten und halbtoten Kameraden mitschleppen. Weil sie selber keine Kraft mehr hatten, zogen sie die ausgemergelten Körper an den Füßen hinter sich her, sodass die Köpfe immer wieder auf das Pflaster schlugen. Die Lumpen rutschten dabei über die Gesichter und verbargen die verhungerten Körper nicht mehr.
Das hatte meine Großmutter gesehen, diesen Treck hatte sie gesehen und nie mehr vergessen, davon hat sie immer wieder erzählt.
Bald gingen die Bewohner aus Engerhafe schnell ins Haus, wenn sie die Holzschuhe auf der Straße hörten, die Bewohner in Aurich auch. Sie ertrugen es nicht, diesen Anblick und den Gestank.
Elli hatte ein Baby und ein Kleinkind, einen Mann an der Front und eine Tochter im Grab. Rückenschmerzen vom Torfabbauen als Kind, Bluthochdruck und rote Augen beim Weinen. Und Angst. Ein Fahrrad mit Lumpen um die Felgen, den Glauben an den Herrgott, den Glauben an die deutsche Nation. Einen kleinen Adolf, wenn der große nicht wiederkam, und die Überzeugung, dass es der andere Adolf schon richten wird, irgendwie.
188 Männer haben die zwei Monate im KZ Engerhafe nicht überlebt. 68 Polen, 47 Niederländer, 21 Letten, 17 Franzosen, neun Russen, acht Litauer, fünf Deutsche, vier Esten, drei Belgier, zwei Italiener, ein Slowene, ein Däne, ein Spanier, ein Tscheche. Die ersten zehn wurden in fünf Holzkisten beerdigt, die darauf Folgenden nur noch mit Dachpappe und Draht umwickelt und die Übrigen in Papiersäcken oder völlig nackt verscharrt. Die Ersten lagen einen Meter tief, die Letzten nur noch 40 Zentimeter. Anfangs schmückte ein deutscher Wachmann die Gräber, mit kleinen Holzkreuzen, die er selber angefertigt hatte. Das wurde ihm untersagt. Dann gab es auch keine einzelnen Gräber mehr, nur noch Massengräber. Zwei Tage nachdem der Letzte neben der Kirche verscharrt worden war, feierte Elli dort Weihnachten und der kleine Johann, ihr erster Sohn, hörte die Frage »Mensch, wo gehst du hin?«, die der Pfarrer mehrfach in die Kirche gerufen hatte, und rief genervt zurück: »Wo gehst du denn hin?« Die 2000 Häftlinge wurden zurück nach Neuengamme gebracht. Dort oder auf den »Todesmärschen«, zu denen sie am Ende des Krieges gezwungen wurden, um die KZs zu vertuschen, oder in der Ostsee auf den Dampfern Cap Arcona und Thielbek nahm man ihnen ihr Leben.
Adolf Janssen kam doch noch zurück. Eine Verwundung rettete ihn. Elli und Adolf lebten mit Johann, Adolf und Auguste in Engerhafe und dann in Emden. Alle drei Kinder kehrten Ostfriesland später den Rücken zu. Elli blieb und Gräber blieben und Namen. Adolf Janssen starb am 9. Juli 1978 an Magenkrebs, Ellis Bruder Lüdde starb 1979, Minni 1988 und Anni 2001.
2005 stand Elli 88-jährig, schief und mit Stock, mit ihrer Enkeltochter auf dem Friedhof in Engerhafe. Sie ging nicht mit hinein in die kleine Anlage, die mit Buchsbaum abgetrennt ist. In der Mitte war eine Hecke in Kreuzesform.
Elli blieb draußen und schaute in den Abendhimmel. Die Enkelin las die Namen.
Bertulis Veinsberg, Gerrit Paul Edzes, Chaiw Jorkelski, Anton Skuda, Raymond Hermel, Josef Nowak, Israel Kowalis, Jan Michalski, Konstantin Spirikow.
Und Elli wartete.
Turis Krimus, Juri Lüü, Johannes Murs, Antoni Klosinski, Henry Eppler Sørensen, Isaak Kukies, Ignatz Velionaks, Eugenjusz Dzerner, Hirsch Kagan.
Und Elli sagte: Gib mir die Autoschlüssel, ich kann nicht mehr stehen.
Eugenjusz Nowinski, Kārlis Helfers, Maks Mateski, Dirk Dorland, Saul Izer, Karls Lanowsnis, Albin Chmielewski.
Und Elli nahm die Autoschlüssel.
Und ging.
Edward Gregorek, Cornelis van Drie, Stefan Szanawski, Badislaw Jenarcik, Roger Levy, Kazimierz Milczarek, Alphons Derknideren, Roman Wyganowski, Josef Ambroziak, Israel Meierowitsch, Peteris Avotnisch, Wladislaw Stepien, Akim Fiodorow, Tadeusz Blazejewski, Sebastien Kinberg, Andries Schipper, Wladislaw Capanda, Edward Prus, Daniel Weijs, Hendrik Olofsen, Augusts Sniedze, Janis Musikants, Witold Pyrek, Kasimir Kieszskowski, Johann van Wijngaarden, Tomasz Edward Gruca, Witold Jerzy Rzadkowski, Jerzy Dybowski, Jazeps Stankewitsch, Tadeusz Sassek, Henryk Godlewski, Arie Kiesling, Jacob Lodewijk Hamming, Marten de Vries, Janis Camans, Jaamis Kwiesis, Nicolas Boyard, Antonio Messarotti, Omer Marechal, Johannes Flapper, Siemions Valtins, Peter Josephus Vranken, Otto van Noggeren, Louis Raymond Bouchet, Lambertus Schuitema, André Albert Coste, Jozef Wozniak, Theo Stok, Feiwa Cosne, René Levij, Ladislaus Jasinski, Manuel Canto Guerrero, Leon Wojciechowski, Willem Petersen, Adrien Bessas, Heinrich Rieck, Josef Abramowitsch, Hendrik Vermeulen, Louis Marie L. Arband, Hendrikus Muldery, Elmars Stumbergs, Willem Klaassen, Lammert Wever, Josef Tewzak, Leon Kalaruch, Felix Wieclaw, Willem Heine, Rients Westra, Bronislaw Waleka, Edward Bogacki, Jan Elibert van der Helden, Israel Smorgonski, Rudolf Sejkora, Timofej Salij, Michel Malerzyty, Henryk Laszkiewics, David Koton, Solomon Kulkes, Owsicj Prusak, Vladislaus Vilecoskis, Sander de Beun, Witold Piotrowski, Fiodors Strogonows, Stanislaw Golaszewski, Dirk Zuidam, Georges Richemond, Peter Verbeek, Gustaaf Baccauw, Harald Cimsetis, Virgilis Carniel, Bronislaw Krol, Aart van Someren, Konstantin Kujawski, Janis Skutuls, Oscher Levin, Janusz Magierza, Geurt van Beek, Pansili Jurjew, Maarten ter Vrugte, Leendert Serier, Cornelius Bak, Louis André Guiot, Willem van de Pol, Adolf Sientniks, Nikolay Wlassow, Johann Dracht, Tadeusz Skrzypezak, Jan Wisniewski, Georges Charles Raillard, Theodors Baumanis, Mieczyslaw Tcharzewski, Matwey Sklas, Michel Kultis, Arwed Wikard, Ottis Witola, Michel Grange, Josef Lyakowski, Henryk Lukasik, Miecyslaw Lebroda, Frederik Kroeze, Henriyk Krysiek, Gustave Weppe, August Chlebek, Claas de Vries, Eduard Randberg, Leyba Brenner, Jakob de Graaf, Stanislaw Mastaleiz, Jan Skrzeczyna, Louis Vincent, Herbert Strobel, Cornelius de Roij, Roger Edmond Peres, Henricus Rutgers, Johannes Gortzak, Wladislaw Golaszewski, Bronislaw Miesiel, Aleksander Taraneks, Reijer Kleyer, Wladislaw Tchorek, Johann Meyboom, Jan Hoefmann, Roman Rulkowski, Eugeniusz Weijcmann, Ewald Neumann, Franc Sovdat, Jan Dawidowski, Jakob van Etten, Jan Klasztozny, Gijsbert van den Top, Adriane Mandel, Arkady Lardrow, Erich Siebert, Wladimir Dmytrow, Pieter van der Weij, Stanislaw Pietrzyk, Afanasi Dimitriew, Gerrit Hellendorn, Elgasz Chajes, Stanislaw Sawicki, Creslew Ochmann, René Godelier und Joseph Denoyette.1
Neuengamme
Neuengamme liegt am Ostrand der Stadt Hamburg an einem Nebenarm der Elbe. Der Zug braucht vom Hauptbahnhof bis Bergedorf zehn Minuten und von da ab fährt ein Bus. Er überquert eine Autobahnbrücke und dann beginnen die Wiesen, von Kanälen durchzogen, die unter einem weiten Himmel liegen, der hellblau ist heute, ohne Wolken.
Der Bus passiert eine Flussbrücke und erreicht das Dorf, das beschaulich wirkt. Links und rechts alte Bauernhöfe, reetgedeckt, grüne Fensterläden, Jahreszahlen und Segenswünsche über den Türen. Gewächshäuser stehen in zweiter Reihe und der Bus überholt einen Traktor, der dafür rechts ranfahren muss. Hinter dem Dorf liegen Äcker, aufgebrochene Erde, grobe Schollen, und am Horizont stehen Windräder, fünf oder sechs an der Zahl, und nur das Windrad ganz rechts dreht sich langsam.
Ich sitze allein im Bus und für einen Tag Anfang März ist es außergewöhnlich warm. Ich krempele die Ärmel des Pullovers hoch und dann sehe ich die langgezogenen Klinkergebäude am Ende des Feldes. Kälte kriecht mir den Rücken hinauf und packt im Nacken fest zu; noch nie habe ich die Gebäude eines ehemaligen KZs besucht. Der Bus biegt ab und hält, ich blicke geradeaus, die Fahrerin dreht sich um. Ob ich nicht zur Gedenkstätte wollte, fragt sie mich, sie hat die Sonnenbrille abgenommen und blickt mich misstrauisch an. Ich nicke, sie macht die Türen auf, ich greife den Rucksack und stehe draußen.
Das Gelände ist groß. Zwei lange Gebäude stehen sich gegenüber und zwischen ihnen sind die einstigen Häftlingsblocks angedeutet: Aufgeschichtete Steine, handhoch, die von niedrigen Zäunen eingefasst sind. Es ist ein weiter Platz und es ist still. Ich setze mich auf eine Stufe, in der Ferne sind die Rufe einer Schar Kraniche zu hören, die Richtung Nordosten ziehen, sehr weit oben. Ein Übersichtsplan zeigt die Lage der ehemaligen Produktionsstätten der Zwangsarbeit: Klinkerwerk und Rüstungshallen, den Stichkanal und das Hafenbecken, dazu SS-Hauptwache und -garagen. Eingezeichnet sind auch die Fundamentreste des Arrestbunkers, ein Mahnmal und das Haus des Gedenkens.
Ich laufe über den Platz, betrete ein Klinkergebäude, »Ehemaliger Waschraum«, steht auf dem Schild an der ersten Tür, der Gang ist lang und alle Fenster stehen weit auf, ein Sommertag mitten im März, ich bin die einzige Besucherin heute. »Da lang«, sagt der Mann im Eingangsbereich und streckt müde einen Arm in eine Richtung aus. Ich laufe an nachgebauten Stockbetten vorbei, an gestreifter Häftlingskleidung und an Bildern, die Szenen des Lageralltags zeigen, die Inhaftierte gemalt haben. Auf großen Stoffbahnen sind Zitate aus Briefen oder Interviews von ehemaligen Häftlingen zu lesen: »Harret die Weile noch aus, bald ist der Kreis wieder rund und der Mensch wieder gut«, zitiert Reinhold Meyer, ein Mitglied des Hamburger Zweigs der »Weißen Rose«, in seinem letzten Brief den Dichter Martin Beheim-Schwarzbach. Auf Tischen liegen kleine rote Ordner, die Einzelbiografien erzählen, lachende und ernste Gesichter schauen von den Umschlagdeckeln. Die Wände der Räume sind weiß, der Boden beige und die Fenster sind ebenso weiß. Ich überfliege die Bilder und Zahlen, auf großen Plakaten wird die Geschichte des Lagers erzählt.
Das KZ wurde 1938 als Außenlager des KZs Sachsenhausen errichtet, 1940 wurde es eigenständig. Das SS-Unternehmen Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH kaufte das 50 Hektar große Gelände mit der stillgelegten Ziegelei der Stadt Hamburg ab und die Stadt unterschrieb einen Vertrag über 20 Millionen Ziegel im Jahr für neue Prachtbauten am Ufer der Elbe.
1938 waren es 100 Häftlinge und 1940 knapp 3000, am Ende des Jahres waren 430 von ihnen tot. Die Häftlinge bauten das Lager, gruben einen Stichkanal zum Elbseitenarm, bauten Ton in den Gruben ab und brannten die Klinkersteine.
1941 kamen für die Arbeit 1002 Häftlinge aus Auschwitz, später dann belgische und niederländische Widerständler und Kommunisten, die schnell verstarben, »Vernichtung durch Arbeit« nannten die Nationalsozialisten das. 1000 sowjetische Kriegsgefangene wurden in separate Baracken gesperrt, sie arbeiteten nicht, sie verhungerten.
Anfang 1942 kam es zu einer Epidemie, der 1000 Menschen erlagen, und dann wurde das »SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamt« eingerichtet, das nun darauf drängte, dass die Inhaftierten nicht allzu früh sterben sollten, weil die KZs von wirtschaftlicher Bedeutung seien. Die Häftlinge bekamen mehr Nahrung und mussten Motoren, Torpedos, Zeitzünder, Tarnnetze, Patronenkästen und automatische Gewehre bauen. Ende 1942 waren 10 000 Häftlinge in Neuengamme, von ihnen starben 3140 im Laufe des Jahres, Arbeitsunfähige waren nach Dachau deportiert worden, jüdische Häftlinge nach Auschwitz und sowjetische Häftlinge hatte man mit Gas umgebracht, ebenso wie andere versehrte Kriegsgefangene.
1943 begann man, die Häftlinge außerhalb des Lagers zur Arbeit zu zwingen, wie zum U-Boot-Bunkerbau in Bremen oder zur Trümmerbeseitigung in Hamburg. Im Sommer des Jahres 1943 waren 9500 Menschen inhaftiert, 2700 von ihnen in provisorischen Außenlagern.
1944 erhöhte sich die Anzahl der militärischen Niederlagen der Wehrmacht und die Versorgungslage in Deutschland wurde prekär. Die Lebensbedingungen im KZ verschlimmerten sich und in diesem Jahr wurden 25 000 Menschen aus 28 Nationen in das Lager verschleppt. Tausende von ihnen aus dem KZ Compiègne in Frankreich, das wegen der Landung der Alliierten in der Normandie geräumt worden war, 1030 Männer kamen aus Lettland, 500 aus Bergen-Belsen, die gegen entkräftete Häftlinge »ausgetauscht« worden waren und 589 Männer aus Putten. Putten ist ein Ort in den Niederlanden, der als Vergeltung für einen Anschlag auf ein Auto mit vier deutschen Offizieren, von denen einer starb, von der deutschen Wehrmacht zerstört wurde. Alle 661 männlichen Bewohner wurden in KZs deportiert, sechs starben in Engerhafe, zurück nach Putten kehrten 49. Am Ende des Jahres betrug die Zahl der Häftlinge 48 800, 8000 Menschen waren verstorben, und ein SS-Arzt hatte medizinische Versuche an Kindern und Erwachsenen durchgeführt, danach wurden die Probanden erhängt. Es gab eine Bibliothek mit 800 Büchern – und ein Lagerbordell als »Anreiz für höhere Leistungen«. Heinrich Himmler hatte dies angeordnet, und wer diese Idee in Frage stelle, der würde weltfremd sein, so steht es in der geheimen Verschlusssache zu diesem Befehl.
1945 waren es 49 000 Häftlinge, unter ihnen 10 000 Frauen, und im März begann die Räumung des Lagers, die Häftlinge wurden auf die »Todesmärsche« gezwungen oder in Zügen evakuiert, 20 000 von ihnen nach Bergen-Belsen, Sandbostel und Wöbbelin, viele Tausende verhungerten. Ein Häftlingszug wurde vom britischen Militär bombardiert, 2000 Menschen starben, und 6400 Häftlinge kamen auf den Schiffen Cap Arcona und Thielbek durch englische Bombardements in der Neustädter Bucht ums Leben. Die Akten des Konzentrationslagers wurden vernichtet, um die Spuren zu verwischen, das Lager wurde aufgeräumt und teilweise demontiert.
In einem Raum der Ausstellung sind auf einer großen Europakarte alle KZs eingezeichnet, auch die Vernichtungs- und Außenlager. Im Zentrum ist Deutschland. Es sind kleine farbige Dreiecke, die das ganze Land überziehen, in dem 915 000 Männer in die SS eingetreten waren, 37 000 davon in die »Totenkopfverbände«, das Wachpersonal der KZs.
Einige Räume weiter hängt eine ähnliche Karte, diesmal von Norddeutschland. Es sind Kreise, die für die 86 Außenlager von Neuengamme stehen, und die Namen der Firmen sind aufgelistet, die die Arbeitskraft der Häftlinge in Anspruch nahmen: Hew, Grün & Bilfinger, Wayss & Freytag, Blohm & Voss, die Borgward-Werke, Drägerwerk, Rheinmetall, die Stadt Bremen und viele mehr. 1945 waren es 40 000 Menschen, 28 000 Männer und 12 000 Frauen, die in den provisorischen Barackenlagern und in leer stehenden Gebäuden im ganzen Norden des Landes lebten, in der Rüstungsproduktion und in Industrieanlagen, bei Bauvorhaben, Instandsetzungen und der Trümmerbeseitigung schufteten.
Sechs der 86 Außenlager waren die Panzergraben-Kommandos in Meppen-Versen und Meppen-Dalum, Husum und Ladelund, Hamburg-Wedel und Engerhafe. Tausende von Zivilarbeitern – Schuljungen und nicht wehrpflichtige Männer – hatten nicht ausgereicht, um die Befestigungsarbeit des »Friesenwalls« zu leisten. Im letzten Ausbaubericht für den Seekommandantenbereich Ostfriesland vom 22.12.1944 ist notiert, dass um Aurich herum ein 45,44 km langer Graben und insgesamt 15,8 km Annäherungsgräben ausgehoben, 10 392 Minensperren, 1436 MG-Feuerstellungen, 176 Geschütz- und Flakfeuerstellungen, 10 Unterschlupfe, ein Unterstand und 698 Ringstände angelegt wurden. Ostfriesland galt nach einer Meldung des »Führungsstabs Nordseeküste« an das Oberkommando des Heeres vom 3. Januar 1945 als »bedingt verteidigungsfähig«, die »Rundumverteidigung Aurichs« als 100 Prozent intakt.
In dem Ausstellungsraum, der von den Außenlagern berichtet, sind Fotos zu sehen und Namen zu lesen, von Ortschaften und Betrieben. Eine Zeichnung von Hans Peter Sørensen zeigt viele Menschen mit gelben Kreuzen auf dem Rücken, die mit Spaten in einem Graben stehen und von einem Mann in Uniform und mit einem Knüppel angetrieben werden. Die Zeichnung zeigt den Panzergrabenbau in Hamburg, 150 Dänen sind bei dem Einsatz dabei gewesen, es ist das zehnte Bild von Sørensens Neuengamme-Mappe von 1948. Auch in Engerhafe trugen die Häftlinge gelbe Kreuze auf ihren Rücken, »Gelbkreuzler« wurden sie deshalb genannt. Ich finde eine Mappe über das Außenlager Engerhafe, mit einem Bericht aus der Kirchenchronik von Pfarrer Janßen, der ab Ostern 1944 die ehemals unbesetzte Pfarrstelle übernahm. Er berichtet von der Erweiterung des Kirchhofs um den neuen Friedhofsteil hinter dem Glockenturm und dass sich das Barackenlager, sobald es mit Gefangenen belegt worden war, zu einer »großen Not der Gemeinde« gestaltete. Die Bewachung sei durch nicht voll kriegsverwendungsfähige Marinesoldaten erfolgt und die Aufsicht hätten »Kapos«, deutsche Sicherheitsverwahrte, gehabt. Die 600 Schwächsten der Häftlinge seien nach sechs Wochen wieder abtransportiert und dem Totengräber insgesamt 187 Tote gemeldet worden. Pfarrer Janßen schließt mit den Worten: »Gemeindeglieder beobachteten empört Misshandlungen und nicht zu verantwortende Missstände. Ich darf sagen, dass die ganze Gemeinde« – an dieser Stelle ist das Zitat unterbrochen – »empört war. Im Winter stand das Lager leer.«
187 Tote, schreibt Janßen, seien bekannt. Auf dem Gedenkstein in Engerhafe ist es ein Name mehr. Ich habe die Namen auf einem Zettel in meiner Hosentasche, ich habe sie vorgelesen, auf Lesungen, alle 188 hintereinander, immer war es sehr still im Raum. Nach jedem Vortragen habe ich mich gefragt, was das für Menschen waren, die in Engerhafe ihr Leben ließen, was ihre Lebensgeschichten waren, wer sie vermisste. Die Nachfahren, so dachte ich, müssten doch irgendwo sein, irgendwo ihre Kinder. Ich würde sie gerne treffen und nach ihren Vätern und Großvätern fragen. Doch wo finde ich sie?
Ich verlasse das Ausstellungsgebäude und überquere den Platz. Die Sonne steht tief, Güllegeruch liegt in der Luft, und ich laufe die Straße, auf der auch der Bus gefahren war, ein bis zwei Kilometer hinunter. Sie ist schnurgerade, links trennen Eichen den Asphalt von dem in der Nachmittagssonne liegenden Feld und rechts trennen ein Graben und eine Reihe von Pappeln die Straße vom KZ-Gelände. Ein Wachturm ist erhalten und das alte Klinkerwerk. Auf einer Gedenktafel steht, dass es 106 000 Menschen waren, die das KZ durchliefen, und mindestens 42 900 ließen dabei ihr Leben. Andere Schätzungen sprechen von 55 000. Ein Weg führt zu einer Figur aus Bronze, sie liegt verdreht auf dem Boden, die Rippen schauen hervor und der Kopf liegt auf der Erde. Auf den Knien stützt sie sich ab, ein Arm ist ausgestreckt und die Finger der Hand sind gespreizt. »Der gestürzte Häftling« heißt die Skulptur von Françoise Salmon, eine französische Bildhauerin, die mehrere KZs überlebte. Eine hohe Stele daneben trägt große Lettern: »Euer Leiden, euer Kampf und euer Tod sollen nicht vergebens sein.«
Das Haus des Gedenkens ist ein quadratischer Raum, der eine umlaufende höhere Ebene hat, an deren dunkelrot gestrichenen Wänden meterlange weiße Stoffbahnen hängen. Alle bekannten Namen der Toten sind schwarz und chronologisch nach Todestagen untereinander aufgedruckt. An einigen Stoffen hängen Fotos und Blumen oder Grüße auf Papier. Cinja van Laaten schreibt in Kinderschrift an Johann van Laaten: »Du hast alles richtig gemacht. Ruhe in Frieden. Tod mit 32 Jahren.« Unten im Raum gibt es einen Tisch, auf dem vier in weiß-beiges Leinen gebundene, fotoalbenähnliche, schwere Bücher liegen: Die Totenbücher des KZs Neuengamme. Den Toten I bis IV steht auf den abgegriffenen Einbänden, jedes Buch hat 500 Seiten. Ich ziehe den Zettel aus meiner Hosentasche, ich falte ihn auseinander, setze mich und fange an: Bertulis Veinsberg. Ich finde ihn genauso geschrieben, wie auf dem Stein in Engerhafe, dazu die Information, dass er am 31. August 1903 in Lettland geboren wurde und dass er am 20. Oktober 1944 starb. Der zweite Tote in Engerhafe war Cervil Paul Edjes. Ich finde ihn nicht, vielleicht ein Buchstabendreher, ich überfliege seitenweise Eintragungen mit E, es dauert sehr lange. Edzes, das könnte er sein, Gerrit Paul Edzes, Buchhändler, geboren am 24. Dezember 1913 in Groningen, gestorben am 31. Oktober 1944. Ich notiere alles mit Bleistift auf den Zettel hinter den Namen. Dann der dritte, Chaiw Jorkelski. Ich suche, ich finde ihn nicht, womöglich wieder ein Buchstabendreher, ich überlege, wie man die Buchstaben in welche Richtung verdreht haben könnte, blättere und überfliege, endlich habe ich ihn, Chaim Iskolski, Bäckermeister aus Mir, geboren am 20. Mai 1904. Der Museumsangestellte tippt mir auf die Schulter, es ist Schließzeit. Ich habe drei von 188 Namen gefunden und dafür über eine Stunde gebraucht, ich werde noch Tage an diesen Büchern verbringen. Ich frage ihn: »Gibt es die Namen auch im Netz?« Er schüttelt den Kopf, aber verschwindet in seinem Aufseherhäuschen und kommt mit einer CD-ROM wieder, die ich erwerbe und mit der ich viele Abende zu Hause verbringen werde.
Der Aufseher schließt hinter mir die Tür und ich setze mich auf die Bank in der Bushaltestelle. Die Sonne scheint tief über dem Feld und ein Traktor fährt in der Ferne langsam vor einer Baumreihe entlang. Ich habe die Arme vor der Brust verschränkt, ich sehe der Sonne lang zu, und dann fasse ich einen Entschluss: Ich werde Nachfahren finden, ich werde sie besuchen und sie nach den Lebensgeschichten ihrer Angehörigen fragen.