Read the book: «Der schottische Bankier von Surabaya»

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FRAUEN IM SINN


Verlag Krug & Schadenberg

Literatur deutschsprachiger und internationaler

Autorinnen (zeitgenössische Romane, Kriminalromane,

historische Romane, Erzählungen)

Sachbücher und Ratgeber zu allen Themen

rund um das lesbische Leben

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Ian Hamilton

DER SCHOTTISCHE BANKIER
VON SURABAYA

Ein Ava-Lee-Roman

Aus dem amerikanischen Englisch

von Andrea Krug

K+S DIGITAL

Für meine Tante Margaret Burns und in Gedenken an ihren Gatten und meinen guten Freund Dr. Archie Burns

Inhalt

PROLOG

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

DANKSAGUNG

PROLOG

MIT RACHEGEFÜHLEN UMZUGEHEN war sie nicht gewohnt.

In geschäftlichen Angelegenheiten gab es Zeiten, in denen die Dinge anders liefen als geplant und sie sich als Verliererin wiederfand. Dennoch betrachtete sie es als rein geschäftliche Angelegenheit, und diejenigen, die ihr Probleme bereiteten, übten einfach nur ihr Recht aus, die Dinge so zu regeln, wie sie es für richtig hielten.

Das hier war anders. Er hatte es in etwas Persönliches verwandelt – in etwas sehr viel Persönlicheres, als sie es sich je hätte vorstellen können.

Sie lag im Dunkeln da, fror trotz der dicken Bettdecke, und dachte an den Tag, der in Kürze anbrechen würde.

Sie würde ihn kriegen. Sie würde ihm wehtun. Der Gedanke brachte keinen Frieden. Er flitzte ungehemmt in ihrem Kopf herum, sprang von Schmerz zu Schmerz.

Sie betete, dass sie ruhig und beherrscht sein würde, wenn der Augenblick kam. Vielleicht war es Rache, die sie suchte, aber sie sollte still vonstattengehen und diskret.

1

ES WAR DER FREITAG vor dem Labour Day Wochenende, dem letzten Wochenende des kanadischen Sommers, und Ava Lee erwachte in dem Bewusstsein, dass die beiden Monate, die sie in relativer Zurückgezogenheit verbracht hatte, dem Ende zugingen.

Einen Augenblick lag sie still da, lauschte auf das Gezwitscher, mit dem die Vögel sie jeden Morgen durch das offene Schlafzimmerfenster begrüßten. Sie hörte die Blätter rascheln und das Wasser des Sees gegen den Steg schwappen und wusste, dass Wind aufgekommen war.

Sie bewegte ihre Beine und verspürte ein Brennen im rechten Oberschenkel. Zweieinhalb Monate zuvor war sie beim Eindringen in ein Haus in Macao angeschossen worden. Zum Glück hatte die Kugel keinen Knochen erwischt und keine Arterie verletzt. Sie war zwei Tage später nach Kanada zurückgeflogen und hatte Krücken benutzt, die bald durch einen Stock und später durch Humpeln ersetzt worden waren. Zu ihrer Überraschung war sie in der Lage gewesen, kurz nach ihrer Ankunft in dem Cottage mit einem bescheidenen Workout zu beginnen. Da sie außerordentlich fit war und die Kugel keinen tiefergehenden Schaden angerichtet hatte, ging es im Wesentlichen um die Behandlung der Schmerzen. Morgens spürte sie in dem Bein für gewöhnlich gar nichts, doch dann meldete sich der Schmerz wieder, willkürlich, brennend und pochend; er schien zu zucken, schien fast lebendig.

Ava war auf Schuldeneintreibung spezialisiert. Es war ein Job, der Gefahr mit sich brachte, und im Laufe der mehr als zehn Jahre, die sie mit Onkel, ihrem Partner in Hongkong, inzwischen zusammenarbeitete, hatte man mit dem Messer auf sie eingestochen, sie getreten und mit Fausthieben traktiert, mit einem Montiereisen geschlagen und mit einem Gürtel ausgepeitscht. Nichts von alledem hatte sie dauerhaft gezeichnet; nichts davon suchte sie so beharrlich heim wie die Muskelerinnerung an diese Kugel.

Sie schlug die Decke zurück und betrachtete ihr Bein. Der Arzt in Macao hatte gute Arbeit geleistet, als er die Kugel aus ihrem Schenkel entfernt und die Wunde versorgt hatte, aber er war kein kosmetischer Chirurg. Maria, ihrer Geliebten, hatte es den Atem verschlagen, als sie die rohe rote Narbe das erste Mal sah, die sich schließlich in einen weniger hässlichen rosafarbenen Wurm verwandelt hatte.

Sie glitt aus dem Bett, zog ihre Adidas-Trainingshose an und verließ das Schlafzimmer. Sie tappte leise durch den Flur, um ihre Mutter nicht zu stören, und trat in die Küche. Heißes Wasser stand in der Thermosflasche, die sie aus ihrer Wohnung in Toronto mitgebracht hatte, auf dem Küchentresen bereit. Sie öffnete ein Tütchen Starbucks VIA Instant Coffee und bereitete sich ihre erste morgendliche Tasse Kaffee zu.

Die Sonne stand schon ein gutes Stück oberhalb des Horizonts, aber Ava konnte noch die letzten Reste des Morgentaus auf dem Holzsteg glitzern sehen. Sie öffnete die Küchentür und verspürte eine leichte Kühle in der Luft. Sie zog ihre Adidas-Trainingsjacke über, steckte das Handy ein, schnappte sich ein Geschirrtuch, klemmte sich den Laptop unter den Arm und ging, den Kaffee balancierend, über das nasse Gras zum Steg hinunter.

Ava begann jeden Morgen mit einem Kaffee und ihren elektronischen Geräten auf dem Steg. Sie wischte den Tau von dem hölzernen Muskoka-Stuhl und ließ sich darin nieder. Ihr Kaffee fand auf der einen breiten Armlehne Platz, ihr Laptop bequem auf der anderen. Sie schaltete den Computer ein und dann das Handy.

Es war kurz nach neun, und die E-Mails aus jenem Teil ihrer Welt, in dem der Tag gerade anbrach, kamen als Erstes. Maria hatte um acht Uhr gemailt. Ich habe eine Platzkarte für den Bus nach Casino Rama, der heute Nachmittag um vier hier abfährt. Ich werde gegen 17:30 beim Rama ankommen. Soll ich ein Taxi zum Cottage nehmen?

Ava wollte gerade antworten, doch dann griff sie zum Telefon. Maria würde inzwischen an ihrem Schreibtisch in der kolumbianischen Handelskommission sitzen. Sie wählte ihre Durchwahlnummer.

»Hallo, mein Liebling«, sagte Maria.

»Ich hole dich am Casino Hotel ab«, sagte Ava.

»Deine Mutter zieht wieder ins Hotel?«

»Ja.«

»Sie mag mich nicht.«

»Das ist nicht wahr.«

»Sie mag mich nicht um sich haben, und wenn es sich nicht vermeiden lässt, sagt sie nie mehr als zwei Dinge zu mir: dass ich gute Manieren habe und dass mir kräftige Farben gut stehen.«

»Das sind Komplimente.«

»Sie fühlt sich unbehaglich in meiner Gesellschaft.«

»Nein, sie fühlt sich unbehaglich in unserer Gesellschaft. Obwohl wir nie darüber gesprochen haben, weiß ich, dass sie nicht im Cottage bleiben kann, wenn du hier bist, weil sie nicht aufhören könnte, daran zu denken, was in unserem Schlafzimmer vorgeht. Sie ist sehr chinesisch und sehr katholisch, und so sehr sie sich auch um Verständnis bemüht – es hat Grenzen. Ist deine sehr kolumbianische, sehr katholische Mutter anders?«

»Nein«, erwiderte Maria leise.

»Dann sehe ich dich also heute Abend. Die Wettervorhersage für das Wochenende ist phantastisch.«

Ava wandte sich wieder ihrem Laptop zu. Ihre Schwester Marian hatte ihr eine ihrer typischen neuigkeitsgespickten E-Mails geschickt. Die Mädchen gehen ab Dienstag wieder in die Schule. Neue Uniformen für sie dieses Jahr. Ich habe sie vor über einem Monat gekauft, und währenddessen musste ich daran denken, wie Mummy das immer bis auf den letzten Drücker aufgeschoben hat und wie wir dann immer in langen Schlangen anstehen mussten, was Stunden dauerte, und am Ende hatten wir Glück, wenn wir noch Uniformen in unserer Größe bekamen.

Ava seufzte. Ihre Mutter und ihre Schwester waren Persönlichkeiten, die nicht gut zusammenpassten, eine Tatsache, die noch brisanter wurde, als Marian einen spießigen Beamten heiratete, einen gweilo, der nicht in der Lage war, eine Frau wie Jennie Lee zu verstehen.

Und ich fasse es nicht, dass sie tatsächlich zwei Monate lang bei Dir im Cottage geblieben ist, fuhr Marian fort. Uns hat sie in unserem Cottage in den Gatineaus nur ein einziges Mal besucht und für nicht mal eine Woche. Sie hat gesagt, sie mag keine Kriebelmücken, Eichhörnchen, Waschbären, Pferdebremsen, Stechmücken, unbefestigten Wege und kalten Seen.

Umarme die Mädchen von mir, antwortete Ava. Sie werden bestimmt ein tolles neues Schuljahr haben. Und was Mummy angeht, tja, anfangs kam sie, weil sie wusste, dass ich ihre Hilfe brauchte, und sie blieb, weil ich den Kühlschrank mit chinesischem Essen gefüllt habe, weil ich chinesisches Kabelfernsehen organisiert habe, weil ich ihr gesagt habe, sie könne ihre Freundinnen aus Richmond Hill einladen, um Mah-Jongg zu spielen, und weil ich sie fast jeden Abend zum Casino Rama gefahren habe, um Baccara zu spielen.

Das Cottage befand sich am Lake Couchiching, in der Nähe der Kleinstadt Orillia, ungefähr eine Autostunde von den nördlichen Ausläufern Torontos und nur fünfzehn Minuten von dem Casino entfernt. Ava hatte es im Internet entdeckt; sie war erstaunt, etwas zu finden, das ihr die Abgeschiedenheit bot, die sie sich wünschte, und sich dennoch in der Nähe guter Restaurants befand und der Dienstleistungen, die sie gewohnt war.

Sie arbeitete ihre E-Mail-Liste ab, löschte die meisten Nachrichten, bis sie zu dem Teil ihrer Welt gelangte, an dem der Tag sich dem Ende neigte. Es gab E-Mails von Amanda Yee, der Verlobten ihres Halbbruders, aus Hongkong und von May Ling Wong aus Wuhan. Ava hatte Amanda während der Macao-Sache kennengelernt, und sie waren Freundinnen geworden. Amanda war Jack Yees einziges Kind. Jack besaß ein Handelsunternehmen, das gelegentlich – keineswegs ungewöhnlich für Händler – Probleme mit Lieferanten oder Kunden hatte. Er hatte Onkel und Ava bereits zwei Mal beauftragt, sein Geld wiederzubeschaffen. Sie waren beide Male erfolgreich gewesen und hatten einmal sogar sein Leben gerettet.

Ava hatte nicht gewusst, dass Amanda und Jack miteinander verwandt waren, als sie Amanda als Verlobte ihres Halbbruders kennenlernte. Es war ein Kennenlernen unter schwierigen Umständen gewesen, inmitten einer Entführung und dem finanziellen Fiasko, das das Unternehmen ihres Halbbruders Michael und das Wohlergehen der gesamten Familie bedrohte. Doch Amanda hatte sich als Fels in der Brandung erwiesen und sich Avas Respekt verdient. In ihrer E-Mail schrieb Amanda von ihren Sorgen um Hochzeitstermine und geeignete Lokalitäten, und – Freundschaft und Respekt hin oder her – das waren zwei Themen, für die Ava kein Interesse aufbrachte.

May Lings Mail war bunt und ausführlich. Ava hatte May Ling als Klientin kennengelernt. Sie und ihr Mann Changxing waren das wohlhabendste Paar in der Provinz Hubei und zählten zu den wohlhabendsten in ganz China. Sie hatten Ava und Onkel engagiert, um die Betrüger ausfindig zu machen, die ihnen gefälschte fauvistische Gemälde verkauft hatten, und ihr Geld zurückzuholen. Es war kein einfacher Job gewesen, der noch komplizierter wurde, als die Wongs beschlossen, auch noch Rache üben zu wollen. Lügen wurden erzählt, böse Taten folgten, und gleich zu Beginn der Bekanntschaft von Ava und May Ling kamen Misstrauen und Zorn ins Spiel. Doch die Unstimmigkeiten wurden beigelegt, und May hatte zu Avas Erfolg in Macao beigetragen, ja ihn nachgerade erst ermöglicht. Inzwischen waren die beiden Frauen Freundinnen. Und vielleicht wurde sogar mehr daraus. Mays E-Mails waren mitteilsam, voll von Neuigkeiten aus ihrem Geschäftsleben und anderen Dingen, die sich in ihrem Leben ereigneten. Sie stellte Fragen, bat um Rat, aber im Grunde schrieb sie an Ava, als schriebe sie Tagebuch. Anfangs war Ava irritiert gewesen, wenn May sehr persönlich wurde. Sie fand, sie müsse nichts von Mays Ängsten wissen, müsse keine Details aus ihrer Ehe und ihrem Sexleben erfahren. Doch dann gewöhnte sie sich an Mays Offenheit und stellte fest, dass sie – zögerlich – anfing, May auch von sich zu erzählen. Sie waren nie körperlich intim gewesen und würden es auch nie werden, aber es gab eine gefühlsmäßige Bindung zwischen ihnen. May Ling, eine Taoistin, sagte, es sei das qi – die Lebensenergie –, das zwischen ihnen fließe.

Ungefähr einmal in der Woche rief May an. Sie war klug, tough und witzig und konnte Avas Stimmung im Nu aufhellen. Während eines dieser Telefonate hatte May Ava gefragt, ob sie Interesse hätte, geschäftlich bei ihr einzusteigen. Es sei an der Zeit, dass sie und ihr Mann in Nordamerika investierten, und sie bräuchten jemanden, der dieses Engagement in die Wege leitete.

»Ich würde keine gute Angestellte abgeben«, sagte Ava.

»Dann eine Partnerin«, erwiderte May.

»Ich habe einen Partner, und ich habe ein Unternehmen.«

»Ava, du weißt, dass Onkel das nicht mehr lange machen kann, und ich kann mir nicht vorstellen, dass du das ohne ihn fortführen möchtest.«

Seit zehn Jahren waren Ava und Onkel Partner im Inkassogeschäft. Sie hatten sich kennengelernt, als sie beide unabhängig voneinander denselben Dieb verfolgten, und sie hatten fast auf Anhieb eine Verbindung gespürt. Er war mittlerweile Ende siebzig oder vielleicht auch schon in den Achtzigern – sie wusste es nicht –, und er war längst mehr als ein Geschäftspartner geworden. Er war ein Mentor, beinahe ein Großvater, und er war der wichtigste Mann in ihrem Leben. Das war die Ursache ihres Dilemmas. Sie war den Stress, den ihr Job mit sich brachte, leid; sie hatte die Art von Menschen, die sie verfolgen musste, satt, und sie fing an, sich zu fragen, wie lange ihr Glück noch andauern mochte, wenn es darum ging, Kugeln und Messern auszuweichen.

Während ihrer Genesung hatte sie darauf gewartet, dass der Drang, wieder an die Arbeit zu gehen, sich bemerkbar machte. Das war nicht geschehen. Schließlich begann sie sich zu fragen, ob er möglicherweise überhaupt nicht zurückkehren würde.

Während ihrer Rekonvaleszenz war Onkel telefonisch mit ihr in Verbindung geblieben. Er schnitt keine geschäftlichen Themen an und fragte auch nicht, wann sie zurückkäme; seine Fragen galten allein ihrer Gesundheit sowie ihrer Familie und ihren Freundinnen. Er sprach über May Ling, mit der er gut bekannt war. Er hatte Ava gedrängt, sich mit ihr zu versöhnen, als ihre Beziehung auf dem Tiefpunkt war, und seine Einschätzung von May Lings Charakter hatte sich als richtig erwiesen.

»Die Frau hat guanxi, Einfluss, und könnte dir in den kommenden Jahren eine sehr mächtige Verbündete sein. Du musst ihr nahe bleiben«, hatte er einmal am Telefon gesagt.

Ava hatte keine Ahnung, ob Onkel von Mays Angebot wusste, und sie hatte nicht vor, ihm davon zu erzählen. »Ich habe einen Geschäftspartner«, erwiderte sie.

»Ja – einen, der nicht ewig da sein wird.«

»Ich habe einen Geschäftspartner«, wiederholte sie.

»Ich behaupte nichts Gegenteiliges«, sagte er.

Ava glaubte, dass sie und May Ling sich im Laufe der Zeit so verbunden fühlen könnten wie sie und Onkel – es war die Art Verbundenheit, bei der das Vertrauen absolut und Vergebung niemals nötig war. Die Chance, richtige Geschäfte zu machen, ein Unternehmen aufzubauen, war ein attraktives Angebot. Ava war Wirtschaftsprüferin mit Abschlüssen von der York University in Toronto und dem Babson College bei Boston, und ihr gefiel die Vorstellung, ihre Qualifikation für etwas anderes zu nutzen als dafür, gestohlenes Geld aufzuspüren und zurückzuholen. Doch wie sie es auch drehte und wendete – es lief immer auf dasselbe hinaus: Sie konnte Onkel nicht verlassen. Er liebte sie, das wusste sie, und ihr war klar, dass sie die Tochter – oder zutreffender: die Enkelin – war, die er nie gehabt hatte. Sie liebte ihn ebenfalls. Weder er noch sie hatte das Wort Liebe je ausgesprochen. Ihre Beziehung beruhte auf Dingen, die nie gesagt worden waren und auch nicht gesagt werden mussten.

Ava trank ihren Kaffee aus und überlegte, ob sie noch einen trinken oder mit ihrem Workout beginnen sollte. Zu Beginn ihrer zweiten Woche im Norden hatte sie ihr Training wiederaufgenommen. Sie hatte mit einem Morgenspaziergang begonnen, war dann dazu übergegangen, im Wechsel zu gehen und zu laufen, dann zu joggen, und inzwischen war sie in der Lage, eine ziemliche Strecke in fast ihrem alten Tempo zurückzulegen. Jeden zweiten Tag beschränkte sie ihren Lauf und ging zum Seeufer hinunter, um in langsamer Abfolge Bak-Mei-Bewegungsformen zu absolvieren, wie sie es gelernt hatte. Nur eine Handvoll Menschen in Kanada übten diese Kampfkunst aus. Sie wurde eins zu eins gelehrt, traditionellerweise vom Vater an den Sohn weitergegeben oder, in ihrem Fall, vom Lehrer an die Schülerin. Bak Mei war nicht schön anzusehen, aber sehr effektiv – es war darauf angelegt, größtmöglichen Schaden anzurichten. Ava war eine Expertin darin geworden.

»Ava, darf ich mich zu dir gesellen?«

Die Stimme ließ sie zusammenfahren. Sie blickte hoch und sah ihre Mutter mit zwei Tassen neben sich stehen.

»Ich habe dir noch einen Kaffee gemacht«, sagte Jennie Lee.

»Danke. Ich bin überrascht, dass du so früh auf bist.«

»Ich konnte nicht schlafen.«

»Bedrückt dich etwas?«

Jennie reichte ihrer Tochter einen Kaffee und ließ sich dann ungeachtet der Feuchtigkeit in dem zweiten Muskoka-Stuhl nieder. »Ich möchte dich um einen Gefallen bitten«, sagte sie, den Blick auf den See gerichtet.

Jennie ging auf die Sechzig zu, aber selbst ohne Make-up und im Licht der Morgensonne sah sie aus wie eine Frau in den Vierzigern.

»Worum geht’s?«, fragte Ava.

»Ich möchte, dass du mich um drei Uhr zum Casino fährst.«

»So früh, Mummy? Maria kommt erst um halb sechs dort an.«

»Ich weiß, aber ich möchte, dass du dort mit jemandem redest.«

»Mit wem?«

»Mit Theresa Ng.«

»Wer ist Theresa Ng?«

Jennie Lee holte eine Schachtel du Maurier extra mild Kingsize Zigaretten aus der Tasche ihres Morgenmantels, zündete sich eine an und blies den Rauch in Richtung See. »Sie arbeitet als Baccara-Dealerin im Rama.«

»Warum sollte ich mit einer Baccara-Dealerin sprechen?«

»Sie hat ein Problem.«

»Ich bin keine Lebensberaterin.«

Jennie nahm zwei weitere tiefe Züge von ihrer Zigarette und warf sie dann auf den Boden. »Sie hat ein Geldproblem.«

»Woher weißt du das?«

»Ich habe sie gefragt, warum sie so bedrückt aussieht.«

Avas Mutter schloss schneller Freundschaften als andere Menschen ihre Kleidung wechselten. Es gab kein Geschäft, das sie betrat, kein Restaurant, das sie besuchte, in dem sie die Bedienung oder die Verkäuferin nicht nach ihrem Namen und ihrem Befinden fragte.

»Was hat das mit mir zu tun?«

Jennie legte den Kopf an die Rückenlehne des Stuhls und wandte ihn dann langsam ihrer Tochter zu. »Nur weil wir nie darüber reden, wie du deinen Lebensunterhalt verdienst, heißt das nicht, dass ich es nicht weiß.«

»Wirklich?«

»Ja, wirklich. Ich hatte immer schon den Verdacht, dass du all das Geld, das du verdienst, nicht machst, weil du eine gute Wirtschaftsprüferin bist. Ich fand es auch seltsam, dass du mit Onkel zusammenarbeitest, aber ich habe all die Gerüchte über seine Triaden-Verbindungen ignoriert und mir gesagt, dass er ein alter Mann ist, der inzwischen zu anderen Dingen übergegangen ist. Doch alle Zweifel, die ich hatte, waren ausgeräumt, nachdem du in Hongkong und Macao warst und das Leben von Michaels Partner und ihr Unternehmen gerettet hast.«

»Michael war nicht in Macao.«

»Ava, bitte behandele mich nicht wie eine Idiotin oder als könnte ich die Wahrheit nicht verkraften.«

Ava trank in kleinen Schlucken ihren Kaffee und schaute auf das Wasser hinaus, das mit Menschen getüpfelt war, die von Kanus und kleinen Booten aus angelten. Die Jetskis bevölkerten den See gewöhnlich erst nach dem Mittagessen, und sie verschwanden wieder vor dem Abendessen und überließen den See bis zum Einfall der Dämmerung wieder den Angelnden. »Macao war emotional wie physisch sehr hart für mich«, sagte sie. »Ich rede nicht gern darüber.«

»Andere Mitglieder der Familie, einschließlich Michael, haben genug geredet, so dass alle wissen, was passiert ist.«

»Und ich bin sicher, dass es übertrieben ist.«

»Wie – hast du Michaels Partner und das Unternehmen etwa nicht gerettet?«

»Ich hatte Hilfe.«

Jennie machte eine wegwerfende Geste. »Du hast die Hauptrolle gespielt. Das wissen wir alle. Als dein Vater von der Geschichte erfuhr, konnte er seine Gefühle nicht beherrschen. Es war das erste Mal, dass ich ihn habe weinen sehen. Und dann habe auch ich geweint, weil ich wusste, dass du nicht nur Michael gerettet hast, sondern die gesamte Familie. Wenn du nicht das ganze Geld zurückgeholt hättest, dann hätte dein Vater seine Bankkonten geleert, um Michaels Verluste abzudecken. Und wo stünden wir dann? Seine Arbeit all die Jahre wäre verloren, und meine Absicherung und die der anderen Frauen und Kinder wäre gefährdet gewesen.«

»Ich habe getan, was ich tun musste.«

»Du meinst, du hast getan, wozu du dich entschieden hattest, und deshalb bin ich sehr stolz. Als ich dich und Marian großgezogen habe, habe ich genau darum gebetet – dass meine Mädchen zu Frauen heranwachsen, die sich selbst treu sind.«

»An manchen Tagen ist das schwerer als an anderen«, sagte Ava. »An solchen Tagen denke ich oft an dich und wie unbeirrbar du bist.«

»Ava, du brauchst nicht –«

»Ich meine es, wie ich es sage.«

»Nun, es stimmt, dass die Beziehung zu deinem Vater eine Prüfung für mich war. Als ich ihn geheiratet habe, wusste ich, worauf ich mich einlasse: die zweite Frau eines Mannes, der seine erste nicht verlassen würde. Ich dachte, ich könnte damit umgehen, aber wir alle zusammen in Hongkong – das ging nicht. Also bin ich mit euch nach Kanada gezogen. Das war meine Entscheidung, Ava, nicht seine. Und als wir erst einmal hier waren, habe ich meine Ehe auf eine neue Basis gestellt, die mir genehm war und mir den Raum ließ, mich um euer Wohlergehen zu kümmern. Ich hätte alles für euch Mädchen getan.«

Ava beugte sich hinüber und legte ihre Hand kurz auf die ihrer Mutter. »Das wissen wir.«

»Und euer Vater und ich haben es inzwischen für mehr als dreißig Jahre hingekriegt.«

»Ich weiß, dass das nicht einfach war.«

»Nein, das war es nicht und das ist es nicht. Ich weiß, was andere, insbesondere nicht Nicht-Chinesen, über meine Ehe sagen und denken. Sie verstehen unsere Kultur und unsere Tradition nicht, und in ihren Augen bin ich manchmal eine Geliebte und manchmal eine Hure. Ich tue einfach so, als ob ich sie nicht höre und kümmere mich um meine Angelegenheiten und mein Leben in dem Wissen, dass es das Leben ist, für das ich mich entschieden habe – nicht ein Leben, das mir aufgenötigt wurde.«

»In der Hinsicht sind wir uns ähnlich. Keine von uns kann es leiden, gesagt zu bekommen, was sie tun soll.«

»Was dich angeht, betrachtet dein Vater es als Segen, bei mir hingegen als Fluch«, erwiderte Jennie.

Ava schloss die Augen. Sie hatte keine Lust auf eine Diskussion über ihren Vater oder die komplizierten Familienverhältnisse, die er geschaffen hatte – ihre Mutter und ihre Schwester und sie selbst allein in Kanada, ihr Vater und seine erste Frau und vier Söhne in Hongkong und eine dritte Frau mit zwei kleinen Kindern in Australien.

»Diese Theresa Ng – ist das eine Freundin von dir?«, fragte Ava.

Ihre Mutter trank einen Schluck Kaffee und holte eine weitere Zigarette hervor. Ava sah, wie sich ihr Kiefer entspannte. »Mittlerweile schon.«

»Und du sagst, sie hat ein Geldproblem?«

»Ja, und ich habe ihr erzählt, dass du gut darin bist, diese Art von Problem zu lösen, und deshalb hat sie mich gebeten, dich zu fragen, ob du mit ihr sprechen würdest.«

»Onkel und ich nehmen normalerweise keine kanadischen Klienten.«

»Sie ist halb Vietnamesin, halb Chinesin.«

»Aber ihr Problem liegt hier in Kanada?«

»Ja, ich glaube schon.«

»Nun, hierzulande kann sie andere Optionen verfolgen. Sie könnte sich eine Anwältin nehmen, einen guten Steuerberater oder sogar eine hiesige Inkassofirma beauftragen. Das hier ist ein Land, in dem Gesetze tatsächlich greifen.«

»Sie würde sich da nicht gut aufgehoben fühlen. Und soweit ich das verstanden habe, ist ihr Problem ziemlich kompliziert.«

»Inwiefern?«

»Sie ist sehr ausweichend, was die Details angeht. Wenn ich sie darauf anspreche, schüttelt sie bloß den Kopf und seufzt.«

»Mummy, ehrlich … Ich glaube nicht, dass das ein Job für mich ist.«

Jennie Lee nahm einen tiefen Zug von ihrer Zigarette, und Ava sah, wie sich ihre Kiefermuskeln wieder spannten. »Die Sache ist die: Ich habe ihr schon gesagt, dass du mit ihr sprechen würdest.«

»Ich wünschte, das hättest du nicht getan.«

»Nun, das habe ich aber, und jetzt ist es nicht mehr rückgängig zu machen.«

»Warum?«

»Sie hat heute eigentlich gar keinen Dienst. Sie kommt den ganzen Weg von Mississauga hierher, nur um sich mit dir zu treffen.«

Ava seufzte. »Ich wünschte, du würdest so etwas nicht tun.«

»Es tut mir leid. Aber du brauchst sie doch nur anzuhören und ihr den richtigen Weg aufzuzeigen.«

Ava legte die Hände aufs Gesicht und rieb sich frustriert die Augen. »Versprich nie wieder irgendwelchen Leuten, dass ich sie treffen würde. Onkel und ich haben unsere eigene Vorgehensweise, und ich übernehme keine freien Aufträge.«

»Heißt das, dass du mich heute früher zum Casino fährst?«

»Ja, ich fahre dich früher zum Casino.«

»Danke. Und wirst du dir die Zeit nehmen, mit Theresa zu sprechen?«

»Ja, ich werde mit der Frau sprechen, aber das ist auch alles. Du hast weiter keine Versprechungen gemacht, hoffe ich.«

»Nein.«

»Gut. Also: Wie groß ist das Problem, das diese Baccara-Dealerin hat?«

»Zwischen drei und dreißig Millionen Dollar.«

»Was?!«

»Wie gesagt, sie hält sich bedeckt, was die Details angeht.«

2

DER PARKPLATZ DES CASINOS füllte sich bereits, und spätestens um sechs Uhr würde er über das lange Wochenende übervoll sein.

»Fahr weiter um die Ecke. Ich habe Theresa gesagt, wir würden sie da treffen, wo die Busse alle ankommen.«

Dort war keine Parklücke zu sehen, und die Autos kreisten umher wie die Geier. Ava fädelte sich in den Reigen ein; sie begann sich über die Vagheit ihrer Mutter zu ärgern. »Noch fünf Minuten – dann setze ich dich ab und verschwinde«, sagte sie.

Jennie Lee hielt ihre Aufmerksamkeit auf den Casino-Eingang gerichtet und ignorierte die Bemerkung ihrer Tochter.

»Hast du mich gehört?«

»Da ist sie«, sagte sie dann. »Die kleine Frau in Jeans und der roten Bluse.«

Ava fuhr so nah wie möglich an den Eingang des Casinos heran und hielt. Jennie öffnete die Tür und lief zu Theresa hinüber. Sie sprachen kurz miteinander; Jennie schien ins Casino hineingehen zu wollen, aber Theresa schüttelte den Kopf. Dann kamen die beiden Frauen auf den Wagen zu. Jennie stieg vorn ein, Theresa hinten.

»Theresa sagt, sie kann nicht im Casino mit uns sprechen. Angestellten ist es nicht erlaubt, mit Gästen Umgang zu haben«, erklärte Jennie. »Auf dem Highway 14 gibt es kurz vor der Rama Road einen Tim Hortons Coffee-Shop. Warum fahren wir nicht dort hin?«

Ava versuchte an sich zu halten. Wenn Theresa doch wusste, dass sie im Casino nicht miteinander sprechen konnten, warum bat sie dann darum, sich hier mit ihr zu treffen? Warum nicht direkt bei Tim Hortons? Abgesehen davon wusste ihre Mutter, dass Ava Tim Hortons nicht leiden konnte; mit ihrem Vorschlag zahlte sie Ava heim, dass sie bei der Parkplatzsuche so grantig gewesen war.

»Es tut mir so leid, Ihnen diese Umstände zu bereiten«, sagte Theresa Ng.

Ava schaute im Rückspiegel in Theresas rundes Gesicht: blasse Lippen, kein Make-up; das Haar zu einem strengen Zopf zurückgebunden, so dass ihre nervös und verschüchtert blickenden Augen noch betont wurden. Die Frau lächelte, zeigte wunderschöne weiße Zähne, und ihre rechte Hand zupfte den Saum ihrer roten Seidenbluse zurecht.

»Kein Problem«, sagte Ava.

Tim Hortons war so typisch kanadisch wie Curling und das Tragen von Shorts, kaum dass die Frühlingstemperatur zehn Grad Celsius erreichte. Das Land liebte diese Kette, das wurde einmal mehr deutlich, als Ava sich mit ihrem Audi A6 auf dem Highway 12 dem Lokal näherte. Vor dem Drive-Through-Schalter hatte sich eine Schlange gebildet, die fast bis zur Hauptstraße reichte, und das war keineswegs ungewöhnlich – so sah es vermutlich in diesem Moment bei jedem Tim Hortons in ganz Kanada aus.

Ava fand eine Lücke auf dem vollen Parkplatz. Sie stieg aus und ging schnellen Schrittes zu dem Coffee-Shop hinüber; ihre Mutter und Theresa folgten ihr, ins Gespräch vertieft. Ava hörte, wie Theresa sich bei Jennie dafür entschuldigte, ihr so viel Mühe bereitet zu haben. Die Entschuldigung ist an die Falsche gerichtet, dachte Ava, aber sie schien aufrichtig gemeint, und die Frau machte einen sympathischen Eindruck.

Theresa bestand darauf, für Avas Flasche Wasser und Jennies Tee zu bezahlen. Sie fanden einen Tisch hinten im Lokal und wischten die Donut-Krümel und Kaffeeflecken mit einer Serviette fort.

»Theresa ist halb Vietnamesin, halb Chinesin«, erklärte Jennie noch einmal. »Ihre Mutter stammt ursprünglich aus Shanghai. Sie sind in den siebziger Jahren hierhergekommen, als die Kommunisten auch den Süden übernahmen. Sie und ihre Mutter und ihre drei Schwestern.«

»Meine beiden Brüder sind später nachgekommen«, fügte Theresa hinzu.

»Sie sind alle katholisch – so wie wir«, ergänzte Jennie.

Katholisch und teils aus Shanghai stammend. Kein Wunder, dass meine Mutter helfen will, dachte Ava.

»Wir wohnen alle in Mississauga, in derselben Straße«, fuhr Theresa fort. »Anfangs haben wir alle zusammen in einem Haus gelebt – meine Schwestern, meine Mutter und ich. Wir sind alle arbeiten gegangen, haben das Haus abbezahlt und dann ein weiteres gekauft, in das meine älteste Schwester nach ihrer Heirat mit ihrem Mann gezogen ist. Als wir auch das abbezahlt hatten, haben wir ein weiteres Haus gekauft und so weiter. Heute besitzen wir sechs Häuser in der Straße. Alle wohnen nah beieinander – es ist perfekt.«

»Sie haben es weit gebracht.«

Theresa senkte den Kopf, und um ihre Mundwinkel erschienen Sorgenfalten. »Wir hatten es zu noch weit mehr gebracht.«

Ava wartete darauf, dass sie fortfuhr. Als das nicht geschah, tätschelte Jennie Theresas Hand. »Sie müssen sich nicht schämen.«

»Erzählen Sie mir, was passiert ist, und lassen Sie sich ruhig Zeit«, sagte Ava.

Theresa blickte auf. Zorn blitzte durch die aufsteigenden Tränen. »Meine Familie hat Geld in einen Fonds investiert, der von einem Mann verwaltet wurde, der der Freund eines Freundes meines ältesten Bruders ist. Angeblich war es eine sichere Geldanlage, mit einer Rendite von ungefähr zehn Prozent im Jahr.«

Der Name Ponzi schoss Ava durch den Kopf. Der Mann hatte mit seiner Betrugsmasche in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zahlreiche Anleger in den USA um ein beträchtliches Vermögen gebracht.

»In den ersten zwei Jahren trafen die Schecks mit der Ausschüttung jeden Monat pünktlich wie ein Uhrwerk bei uns ein, also haben wir mehr und mehr Geld investiert«, fuhr Theresa fort. »Dann begannen die Probleme, und es ging alles sehr schnell. Eines Tages kam der Scheck zu spät – vielleicht zwei Wochen später –, und die Leute wurden schon nervös. Aber dann kam die Zahlung, zusammen mit einem Schreiben, in dem es hieß, bei der Bank habe es ein kleines technisches Problem gegeben. Doch im darauffolgenden Monat ließ die Zahlung wieder auf sich warten. Mein Bruder ist zum Büro des Anlageberaters gegangen und stand vor verschlossenen Türen. Das war’s dann. Ende. Aus.«

»Wie hieß der Finanzdienstleister?«

»Emerald Lion.«

Ava ging ihr Gedächtnis durch, wurde aber nicht fündig. »Ich erinnere mich nicht, von denen je gelesen oder gehört zu haben.«

»Sie wurden in Sing Tao und den anderen chinesischen Zeitungen erwähnt«, sagte Jennie.

»Und in den vietnamesischen«, fügte Theresa hinzu.

»Wann?«

»Vor etwa sechs Monaten.«

»Und was hatten die Zeitungen zu sagen?«

»Wie meinen Sie das?«

»Wie wurde darüber berichtet? Wurde davor gewarnt?«

»Zwischen den Zeilen. Aber sie waren sehr vorsichtig, weil niemand von ihnen mit Lam Van Dinh gesprochen hatte.«

»Er hat den Fonds verwaltet?«

»Ja.«

»Und was haben die zuständigen Behörden gesagt?«

Theresas Gesicht wurde ausdruckslos.

Ava fragte weiter: »Der Fonds war registriert, oder? Die Wertpapier- und Börsenaufsichtsbehörde hat ihn doch sicherlich geprüft?«

»Ich weiß von keiner Aufsichtsbehörde, und ich habe keine Ahnung, ob der Fonds registriert war.«

»Theresa, eine Abteilung der Ontario Securities Commission befasst sich mit Investmentfonds. Um legal in der Provinz operieren zu dürfen, musste Emerald Lion bei ihnen registriert sein.«

»Darüber weiß ich nichts.«

»Nun, dann gibt es auch noch die Polizei. Sie sind doch sicher zur Polizei gegangen?«

»Einer der anderen, die ihr Geld verloren haben, ist zur Polizei gegangen, hat dann aber beschlossen, die Sache nicht weiterzuverfolgen.«

»Und warum nicht?«

Theresas verkniffene Miene verriet ihr Unbehagen. Sie warf Jennie einen flüchtigen Blick zu, Fragezeichen in den Augen.

»Sie hatten Angst«, erklärte Jennie Lee.

»Wovor?«

Jennie wandte sich an Theresa. »Sie können Ava vertrauen, das habe ich Ihnen doch gesagt. Sie hat schon Menschen mit größeren Problemen als Ihrem geholfen, und sie weiß, wie man den Mund hält. Nicht wahr, Ava?«

»Mummy, ich bin nicht sicher –«

»Theresa, erzählen Sie ihr, was passiert ist«, sagte Jennie beharrlich.

»Bargeld.«

Ava blinzelte. »Jetzt bin ich mehr als verwirrt.«

»Sie alle haben diesem Lam Bargeld gegeben«, sagte Jennie.

»Das war die Idee meines Bruders«, ergänzte Theresa. »Er sprach mit einem Freund, der einige vietnamesische Lebensmittelgeschäfte mit veralteten Registrierkassen besitzt, aus denen er Geld genommen hat. Das Problem war, dass er mehr Bargeld hatte, als er ausgeben konnte, ohne Verdacht zu erregen. Ich meine, versuchen Sie mal ein Auto bar zu bezahlen oder ein Haus. Und dann hatte er Angst vor der kanadischen Steuerbehörde und der Polizei. Man kann solches Geld heute nicht mehr einfach bei einer Bank einzahlen, ohne dass sie tausend Fragen stellen. Also ist er mit Lam ins Geschäft gekommen.«

»Und was hat Lam mit dem Geld gemacht?«

»Es hieß, er habe ein Arrangement mit der Bank Linno in Indonesien getroffen. Sie hätten eine Niederlassung in Toronto. Er würde das Geld dort auf das Fondskonto einzahlen. Er sagte, er hätte Hunderte von kleinen Investoren in diesem Fonds und dass er jede Woche Geld von ihnen bekäme und deshalb regelmäßig investieren könne, ohne die ganzen Umstände, die ihm die kanadischen Banken bereiten würden.«

»Wie viele Investoren gab es?«

Theresa zuckte die Achseln. »Das weiß ich nicht genau, aber nicht mehrere Hundert, denn beim ersten Mal musste man mindestens Hunderttausend in bar einzahlen.«

»Alle haben bar eingezahlt?«

»Natürlich. Das war der Sinn und Zweck.«

»Sie meinen, Geldwäsche war der Sinn und Zweck?«

»Wir wollten doch bloß unser Geld ausgeben, ohne dass uns die Behörden auf die Schliche kamen.«

»Sie haben also Bargeld eingezahlt und Schecks von einer angeblich seriösen Investmentgesellschaft erhalten, richtig?«

»Ja.«

»Und diese Schecks wurden bei der Bank in Indonesien gutgeschrieben?«

»Ja.«

»Also gab es keine Nachfragen von Seiten der Bank, und Sie konnten Geld abheben, wie Sie wollten, ohne sich Sorgen machen zumüssen.«

»Ja.«

»Haben Sie diese Einkünfte der kanadischen Steuerbehörde gemeldet?«

»Nein. Lam hat gesagt, das bräuchten wir nicht.« Theresa spielte nervös mit ihrer Serviette.

»Das ist Unsinn. Die Investmentgesellschaft hätte für alle Auszahlungen T5-Bescheinigungen für Einkünfte aus Kapitalvermögen ausstellen müssen.«

»Sie haben uns nichts dergleichen ausgestellt. Sie haben uns nur einen monatlichen Kontoauszug geschickt, aus dem hervorging, wie viel Geld wir in dem Fonds hatten.«

»Haben sie Ihnen gesagt, wie das Geld investiert wurde?«

»Nein.«

»Diese Menschen setzen nicht viel Vertrauen in Behörden oder Banken«, sagte Jennie zu Ava, als säße Theresa nicht direkt neben ihr.

»Sieht ganz so aus, aber ihr Vertrauen in einen Fonds zu setzen, der vermutlich weder reguliert noch registriert war und dessen Hauptvorzug darin lag, dass er von einem vietnamesischen Landsmann verwaltet wurde, scheint sich nicht bewährt zu haben«, erwiderte Ava. Sie sah, wie Theresa errötete. »Tut mir leid«, sagte sie. »Ich wollte nicht so hart sein.«

»Schon gut, Sie haben ja vollkommen recht.«

»Theresa, wie lange waren Sie an dem Fonds beteiligt?«

»Über zwei Jahre.«

»Wie viel haben Sie in der Zeit ausbezahlt bekommen?«

»Über zweihunderttausend Dollar.«

»Mein Gott. Wie viel Geld hatten Sie denn investiert?«

»Fast drei Millionen Dollar.«

Ava glaubte sie falsch verstanden zu haben und fragte nach: »Sie meinen, die gesamte Fondseinlage belief sich auf drei Millionen?«

»Nein, sie belief sich auf über dreißig Millionen, soweit wir wissen. Meine Familie hatte drei Millionen investiert.«

»Wie sind Sie –«, begann Ava.

Jennie fiel ihr ins Wort. »Theresa, ich hätte gern noch einen Tee. Sind Sie so nett, mir noch einen zu holen? Und Ava, was ist mit dir? Noch ein Wasser?«

Theresa schien nur allzu froh, sich davonmachen zu können. Als sie außer Hörweite war, sagte Jennie zu Ava: »Ich weiß, was du fragen wolltest, und ich finde nicht, dass du diese Frage stellen solltest. Spielt es wirklich eine Rolle, wie sie an so viel Bargeld gekommen sind? Sie alle arbeiten hart und sie sparen eisern. Belass es dabei. Es ist unangenehm genug für sie.«

»Mummy, indem sie die Einkünfte nicht angegeben haben, haben sie bereits gegen das Gesetz verstoßen. Das Geld dann zu waschen verschlimmert den Tatbestand.«

»Seit wann bist du so kanadisch-korrekt?«, fragte Jennie. »Dürfen nur die Großen und Reichen tun, was immer sie wollen, um Steuerzahlungen zu vermeiden?«

»Das ist nicht der Punkt.«

»Nein, der Punkt ist, dass Theresa und ihre Familie jahrelang geschuftet und alles wieder in ihre Familie gesteckt haben, und nun ist das Geld weg und sie möchten, dass du ihnen hilfst, es wiederzubeschaffen. Damit verdienst du doch deinen Lebensunterhalt, stimmt’s?«

»Das weißt du.«

»Und wenn du das in Asien machst, seid ihr, du und Onkel, dann auch so kleinlich, wenn es darum geht, wie eure steinreichen Klienten an ihr Geld gekommen sind und wie sie es wieder in ihren Besitz bringen?«

Ava lehnte sich zurück und starrte ihre Mutter an. »Du weißt nichts über die meisten meiner Klienten und über die gebührende Sorgfalt, mit der wir vorgehen«, erwiderte sie.

»Ich kenne Tommy Ordonez, weil du mich um Hilfe gebeten hattest, erinnerst du dich? Du musstest seine Schwägerin in Vancouver ausfindig machen. Als du mich angerufen hast, habe ich dich da gefragt, wie Ordonez zum reichsten Mann der Philippinen geworden ist? Habe ich dich nach der gebührenden Sorgfalt gefragt? Ich kann mich nur erinnern, dass meine Tochter meine Hilfe gebraucht hat.«

Ava und Onkel hatten mehr als fünfzig Millionen Dollar für Ordonez zurückgeholt – Geld aus seinen Unternehmen, das sein Bruder bei einem Online-Poker-Betrug verloren hatte. In Avas Kopf tauchte ein Argument nach dem anderen auf, was den Unterschied zwischen jenem Fall und Theresa Ngs Problem anging, und verschwand ebenso schnell wieder. Aus Auseinandersetzungen mit ihrer Mutter ging sie selten als Siegerin hervor, und schon gar nicht, wenn Jennie beschlossen hatte, dass sie keinen Millimeter nachgeben würde, egal was Ava an logischen Argumenten aufbieten mochte.

Theresa kehrte mit zwei Tassen und einer Flasche Wasser auf einem Tablett zurück. Sie wich Avas Blick aus, und Ava verspürte einen Anflug von Mitleid mit ihr.

»Also, Theresa, dieser Lam hat aufgehört, Ihnen Dividenden zu zahlen, und ist seit sechs Monaten verschwunden«, sagte sie, als Theresa ihnen die Getränke hingestellt und sich wieder hingesetzt hatte.

»Ja, so in etwa.«

»Und weder Sie noch irgendjemand von den anderen, die Geld verloren haben, hat sich an die Behörden gewandt – bis auf die eine Person, die zur Polizei gegangen ist, dann aber einen Rückzieher gemacht hat.«

»Ja, so ist es.«

»Sie haben also absolut nichts unternommen, um zu versuchen, Ihr Geld zurückzubekommen?«

»Wir haben versucht, Lam ausfindig zu machen.«

»Wie?«

»Wir haben einen Privatdetektiv engagiert. Einen Kanadier. Ich glaube nicht, dass er uns wirklich ernstgenommen hat.«

»Und was hat er herausgefunden?«

»Nichts.«

»Und wieso glauben Sie, ich könnte mehr Erfolg haben?«

»Wir glauben zu wissen, wo Lam jetzt ist.«

»Sie glauben es?«, fragte Ava.

»Vor vier Tagen hat mich meine Schwester angerufen, die zusammen mit meiner Mutter Verwandte in Saigon besucht – Ho-Chi-Minh-Stadt, wie es heute heißt, aber für uns ist es immer noch Saigon. Sie hatten unsere Cousins und Cousinen zum Essen ins Hyatt im Zentrum eingeladen, und als sie gingen, fuhr ein großer BMW vor dem Hotel vor. Meine Schwester schwört, dass sie Lam aus dem Wagen steigen und ins Hotel gehen sah.«

»Woher wusste sie, dass er es war?«

»Sein Foto war in allen hiesigen vietnamesischen Zeitungen, als die Fondsgesellschaft in Schwierigkeiten geriet, und meine Schwester sagt, dass sie ihn von dem Foto her erkannt hat. Und natürlich hat sie ihn bei seinem Namen gerufen. Sie hat gesagt, er habe sich sofort umgedreht, sie angesehen und sei dann ins Hotel gerannt.«

»Er war es«, sagte Jennie und nickte Theresa zu.

Theresa erwiderte ihr Nicken und schaute dann Ava an. Aus ihren Augen war die Ungewissheit verschwunden und von einem Zorn ersetzt worden, der an Hass grenzte. »Ich war gleichzeitig aufgebracht und glücklich. Ich habe mit meiner übrigen Familie gesprochen, und wir haben meine Schwester gebeten, jeden Abend zu dem Hotel zurückzukehren und zu sehen, ob sie mit ihm sprechen könnte. Er hat sich nicht wieder blicken lassen. Unterdessen habe ich Ihrer Mutter alles erzählt, und sie war so freundlich, auf die Möglichkeit hinzuweisen, dass Sie uns vielleicht helfen könnten.«

»Ich habe keine Versprechungen gemacht«, versicherte Jennie Ava. »Ich habe Theresa nur erzählt, dass du und der Mann in Hongkong, mit dem du zusammenarbeitest, sehr gut darin seid, Geld wiederzubeschaffen. Das stimmt doch schließlich, oder?«

»Ja, mehr hat sie nicht gesagt«, bestätigte Theresa.

Ava verspürte den Druck dennoch. »Sie müssen wissen, dass nicht ich entscheide, welche Fälle wir übernehmen und welche nicht. Ich muss mit meinem Boss in Hongkong sprechen. Sie haben uns nicht gerade viele Anhaltspunkte geliefert. Ich meine, ein mögliches Auftauchen vor einem Hotel –«

»Meine Schwester hat sein Autokennzeichen aufgeschrieben – das haben Sie also auch.«

»Gut, das ist hilfreich, aber die Summe, um die es geht, spielt ebenfalls eine Rolle. Ich möchte Sie nicht beleidigen, Theresa, oder die Bedeutung herunterspielen, die sie für Sie hat, aber es ist weniger, als wir normalerweise in Erwägung ziehen würden.«

Theresa warf Jennie einen flehenden Blick zu.

»Aber du wirst mit Onkel reden, ja?«, fragte Jennie.

Ava seufzte. Sie wusste, dass ihre Mutter kein Nein als Antwort akzeptieren würde. »Okay, ich rede mit ihm. Aber ich verspreche nichts.«

»Danke«, sagte Theresa.

»Und dann ist da noch unser Honorar. Wir kommen für unsere Auslagen auf – für alle –, aber wir behalten dreißig Prozent ein von dem, was wir eintreiben. Ist das annehmbar für Sie?«

»Und wenn Sie nichts zurückholen?«

»Dann sind die Ausgaben dennoch unsere Kosten, nicht Ihre.«

Theresa nickte. »Siebzig Prozent von etwas ist besser als hundert Prozent von nichts.«

»Müssen Sie mit Ihrer Familie sprechen?«

»Nein, ich kann die Entscheidung treffen, und ich denke, dass es ein faires Angebot ist.«

»Okay. Ich muss dennoch mit Hongkong sprechen, um grünes Licht zu bekommen.«

»Ava, kannst du ihr nicht jetzt gleich zusagen?«, drängte Jennie sie.

»Mummy, das geht nicht.«

»Aber du gibst dein Bestes, was Onkel angeht, ja?«

»Ja, ich gebe mein Bestes, aber ich kann nichts versprechen.«

»Ava.« Jennie ließ nicht locker.

»Ich kann nichts versprechen«, wiederholte Ava.

3

DAS LABOUR DAY WOCHENENDE hat eine besondere Wirkung auf die kanadische Psyche, und Ava war keineswegs immun dagegen. Das Wochenende signalisiert das Ende des Sommers, den Beginn eines neuen Schuljahres für praktisch jedes Kind im ganzen Land und das Aufschlagen einer neuen Seite im Leben vieler Menschen. Es markiert auf seine Weise, dass die Zeit des Müßiggangs vorüber ist und die Zeit der ernsthaften Arbeit wieder einsetzt. Einen Plan gefasst zu haben wäre ein guter Anfang gewesen, aber Ava hatte keinen Plan. Sie wusste nichts mit sich anzufangen und litt unter der Art von Melancholie, wie sie Menschen oft am 2. Januar heimsucht.

Am Freitagabend holte sie Maria an der Bushaltestelle vor dem Rama ab. Sie machten sich ein faules Wochenende; sie aßen, tranken, gingen spazieren, lasen, liebten sich. Maria war einer der am wenigsten fordernden Menschen, denen Ava je begegnet war. Sie schien zufrieden zu sein, wenn sie auch nur kleine Dinge taten – oder auch überhaupt nichts –, solange sie nur mit Ava zusammen war. Manchmal fühlte Ava sich deswegen schuldig, und sie stellte fest, dass sie es wettzumachen suchte, indem sie Aktivitäten plante, die sie, wäre sie allein, nie in Erwägung gezogen hätte. Und so fuhren sie am Sonntag gen Norden nach Midland, um die Kirche Martyrs’ Shrine zu besuchen.

Sie waren beide katholisch, beide trugen sie Kruzifixe und beide beteten sie oft auf ihre je eigene stille Weise. Genau wie Jennie versäumte Maria kaum jemals eine Sonntagsmesse, aber da sie wusste, mit welcher Abneigung Ava der Institution Kirche begegnete, verzichtete sie bei ihren Wochenendtrips in den Norden darauf. Und so kam es als Überraschung für sie, als Ava diesen Ausflug nach Midland vorschlug. Ava überlegte, ob sie ihre Mutter einladen sollte, sich ihnen anzuschließen, aber da sie am Montag alle drei zusammen im Auto in die Stadt zurückkehren würden, ließ sie es bleiben. Eine gemeinsame Fahrt genügte ihr vollauf.

Sie verließen das Cottage um kurz nach acht, und auf den Straßen war es so ruhig, dass sie die Kirche um kurz vor neun erreichten und damit früh genug für die Zehn-Uhr-Messe waren. Sie spazierten über das weitläufige Gelände und standen dann hinter der Kirche und lasen die grausigen Einzelheiten über das Martyrium der Missionare. Die meisten von ihnen waren von den Huronen ausgiebig gefoltert worden. Maria war besonders betroffen von dem Leiden Jean de Brébeufs und bestand darauf, Ava die Einzelheiten vorzulesen.

Maria war Kolumbianerin. Sie hatte einen Studienabschluss in Englisch und Betriebswirtschaft von der Universität von Bogotá. Sie war stellvertretende Handelskommissarin im kolumbianischen Generalkonsulat in Toronto, und zwar mit einem auf vier Jahre befristeten Vertrag, von denen zwei bereits verstrichen waren – eine Tatsache, über die sie nicht sprachen. Ava verstand nicht recht, wie der Katholizismus bei all der akademischen Bildung noch so wirkmächtig durch Marias Adern fließen konnte. Ava selbst hatte nie eine wahre Leidenschaft für die Religion empfunden, und die Haltung der Kirche in Sachen sexuelle Orientierung unterminierte jede andere emotionale Bindung, die sie womöglich verspüren mochte. Dennoch fand sie von Zeit zu Zeit Trost im Gebet, und sie war absolut tolerant, was den Glauben anderer Menschen anging.

Die Kirche füllte sich rasch, vor allem mit Sommergästen, vermutete Ava. Das Gebäude war fast ausschließlich aus Holz errichtet worden, und zwar nach Art der großen Langhäuser, die die Huronen und Algonquins einst gebaut hatten. Sogar das Dach war mit riesigen Platten aus getrockneter Birkenrinde gedeckt. Die Messfeier begann, und Maria überließ sich schnell dem Ablauf, ihr Gesicht strahlte, ihre Stimme erscholl laut während der Refrains, die Arme ausgestreckt, die Handflächen nach oben weisend. Avas Gedanken hingegen begannen nach fünf Minuten zu wandern; sie spielte die Optionen durch, die sich für ihr weiteres Leben boten.

Wieder dachte sie an May Ling und ihr Angebot. Es war schmeichelhaft und würde ihr gewiss gutes Geld einbringen. Aber sie brauchte das Geld nicht, und sie hatte mittlerweile so lange im Grunde allein gearbeitet, dass sie nicht sicher war, wie gut sie sich in eine strukturiertere Beschäftigung dreinfinden würde. Es war keineswegs so, dass sie Strukturiertheit ablehnte, aber die Vorstellung, dass diese ihr auferlegt wurde und nicht selbstgewählt war, behagte ihr nicht.

Vielleicht sollte ich mich selbstständig machen, überlegte sie. Doch was würde Onkel dann tun? Sie spielte diesen Gedanken zum wohl zehnten Mal in zehn Tagen durch. Er hatte nie davon gesprochen, sich zur Ruhe zu setzen, und sie fragte sich, ob je der Tag kommen würde, an dem er sich von der Arbeit zurückzog. Was hatte er denn sonst auch? Er hatte keine Familie. Er hatte keine Hobbys außer Pferdewetten, und das reichte nicht aus, um einen Mann beschäftigt zu halten, dessen Verstand noch scharf und dessen Abenteuerlust ungebrochen war.

Nun, ich könnte noch eine Zeitlang nichts tun, dachte sie weiter. Und dann begann ein seltsames Gefühl an ihr zu nagen. War sie überhaupt fähig, nichts zu tun? Mimi, ihre beste Freundin, hatte einen guten Job. Maria liebte ihre Arbeit. Selbst ihre Mutter konnte als erwerbstätig gelten, wenn man es als Beruf betrachtete, Mah-Jongg um Geld zu spielen. Der einzige Mensch, den sie kannte, der tatsächlich nichts machte, war Derek, Mimis Mann und Avas bester Freund. Genau wie Ava praktizierte er Bak Mei, und so hatten sie sich kennengelernt – als die beiden einzigen Bak-Mei-SchülerInnen von Großmeister Tang. Derek war das einzige Kind einer wohlhabenden Hongkonger Familie, und nach seinem akademischen Abschluss hatte er sich entschieden, in Toronto zu bleiben und ein Leben des Müßiggangs zu führen, das er nur gelegentlich unterbrach, wenn Ava ihn für einen Job brauchte. Doch selbst diese Jobs gab es nun nicht mehr. Mimi war schwanger, und Ava konnte ihren Mann, einen angehenden Vater, nicht darum bitten, sich einem Risiko auszusetzen.

Ava wurde in ihren um Derek kreisenden Gedanken unterbrochen, als Maria sich zu ihr neigte und flüsterte: »Diese Frau da hat dich angestarrt.«

»Welche Frau?«

»Die da drüben rechts, ein paar Reihen weiter.«

Ava sah nur Hinterköpfe, und dann entdeckte sie einen, dessen Haar streng zurückgebunden und mit einem roten Gummiband zusammengehalten war. Als die Predigt endete, drehte die Frau sich um und schaute sie an. Es war Theresa Ng. Ava grüßte sie mit einem Lächeln.

Sie hatte nicht mehr an Theresa gedacht, seit sie ihren Laptop am Freitagabend heruntergefahren hatte. Nachdem sie von ihrem Treffen zurückgekehrt war, hatte Ava ihren Rechner gestartet, um ihre E-Mails zu checken, hatte dann aber, beinahe automatisch, »Emerald Lion« in die Suchmaschine eingegeben. Es gab eine kleine Notiz über die Firma im Wirtschaftsteil der Globe and Mail, aber ohne jegliche Details.

Ava rief die Sing Tao Website auf und fand dort mehrere Berichte. Der erste war länger als der in der Globe, aber erstaunlicherweise ebenso vage, was Einzelheiten anging. Es wurde erwähnt, dass Emerald Lion ein privater Investmentfonds war, der in Schwierigkeiten steckte. Zahlen wurden nicht genannt, und die Geschichte bestand im Wesentlichen aus Zitaten von ungenannten Investoren, die forderten, dass der Fondsmanager Rede und Antwort stand.

Ein und dasselbe Foto von Lam illustrierte jeden Artikel. Langes, schmales Gesicht. Traurige, halb geschlossene Augen. Volles Haar, streng zurückgekämmt, und ein dichter, buschiger Schnäuzer – ungewöhnlich für einen Asiaten. Er war optisch kaum verwechselbar, und wenn Theresas Schwester meinte, ihn gesehen zu haben, dann hatte sie das vermutlich. Nicht dass es eine Rolle spielte. Ava sah keinen Grund, den Auftrag anzunehmen – außer um ihre Mutter zu beschwichtigen. Sie hatte beschlossen, Onkel am Dienstag anzurufen, denn es war ihr wichtig, ihr Wort zu halten, aber sie wusste bereits, dass er einen so unbedeutenden Auftrag nicht würde übernehmen wollen. Theresa und ihre Mutter würden enttäuscht sein. Um der scharfen Zunge ihrer Mutter zu entgehen, würde Ava alles auf Onkel schieben.

Als die Messe zu Ende war, erhoben sich die Menschen, um die Kirche zu verlassen. Maria blieb wie immer zurück, sie kniete noch für ein letztes Gebet nieder. Ava saß geduldig da, und als Maria fertig war, nahm sie ihre Hand und machte sich mit ihr zusammen auf den Weg zum Ausgang.

Die Kirche war nur schwach beleuchtet, und der Kontrast zwischen dem dämmrigen Inneren und der Welt draußen, wo die Sonne ungefiltert schien, war beinahe blendend. Während Ava sich bemühte, ihr Sehen anzupassen, sagte Maria: »Da ist diese Frau wieder.«

Zu ihrer Rechten stand Theresa Ng mit einer älteren Frau. Ehe Ava reagieren konnte, war Theresa auch schon bei ihr, die andere Frau im Schlepptau.

»Das ist Ava Lee. Sie ist die Frau, die uns helfen wird.«

Ava verschlug es die Sprache.

»Das ist meine Mutter«, fuhr Theresa fort. »Ich habe ihr gesagt, dass ich heute vor der Arbeit hierherkommen würde, um zu beten – um Gott zu danken, dass er uns Sie gesandt hat, und sie hat darauf bestanden, mich zu begleiten.«

Ava wusste immer noch nicht, was sie sagen sollte.

Theresas Mutter trat vor, Tränen in den Augen, und ergriff Avas Hand. »Gott segne Sie«, sagte sie.

»Tante, bitte –«, sagte Ava.

»Gott segne Sie dafür, dass Sie uns helfen.«

»Tante –«

Theresa griff ein. »Es tut mir leid, dass wir Sie an einem Sonntag, noch dazu vor der Kirche, stören.«

Ava war Theresa dankbar, dass sie zumindest ihre Mutter zurückhielt. »Ich rufe Sie im Laufe der kommenden Woche an, okay?«, sagte sie.

Theresa nickte und schien ein wenig verwirrt.

Was hat Mummy ihr erzählt, nachdem ich die beiden abgesetzt habe?, fragte Ava sich.

Sie spürte einen frostigen Hauch in der Luft, einen Vorboten des Herbstes und eine Erinnerung daran, dass sie in etwa zwanzig Stunden nach Süden fahren würde, zurück nach Toronto, zurück in ein Leben, dem sie zwei Monate lang ausgewichen war.

4

AVA WOHNTE IN EINEM APARTMENT in Yorkville, im Zentrum Torontos, umgeben von Boutiquen, Kunstgalerien, Restaurants und den Ladengeschäften auf der nahegelegenen Bloor Street, die ein weltweites Spektrum an Kleidung, Schmuck und Lederwaren der Luxuskategorie präsentierten. Es war früher Montagnachmittag, als sie vor ihrem Gebäude vorfuhr, die Schlüssel ihres Audi A6 dem Concierge reichte und mit Maria zusammen den Fahrstuhl hinauf zu ihrer Eigentumswohnung nahm.

Die Fahrt von Orillia hatte lange gedauert, war aber ohne Zwischenfälle verlaufen. Sie hatte ihre Mutter an ihrem Haus in Richmond Hill im Norden Torontos abgesetzt und dann den Don Valley Parkway in die Innenstadt genommen. Maria wohnte in einer Seitenstraße der Danforth Avenue, der östlichen Verlängerung der Bloor Street, nur wenige Kilometer entfernt, aber sie verbrachte den Nachmittag mit Ava, die ihren Vorrat an Instantkaffee bei Starbucks direkt gegenüber ihrer Wohnung aufstockte und Lebensmittel bei Whole Foods auf der Avenue Road einkaufte. Sie aßen in einem japanischen Restaurant zu Abend und kehrten in Avas Wohnung zurück, um Sex zu haben. Anschließend ging Maria, um sich auf die anstehende Arbeitswoche vorzubereiten.

Ava saß am Fenster und schaute auf die Avenue Road hinunter. Der Verkehr kam nur langsam voran und würde in den kommenden Tagen, wenn sich die Stadt nach dem langen Wochenende wieder bevölkerte, noch langsamer werden. Was zum Teufel fange ich mit mir an?, fragte sie sich, ehe sie zu Bett ging.

Sie schlief gut, war um halb acht wieder auf den Beinen, kochte Kaffee und holte die Zeitung herein. Sie trug Zeitung, Kaffee und ihren Laptop zu dem kleinen Tisch am Küchenfenster und blickte hinaus. Die Straße unter ihr wimmelte von Fahrzeugen, Fußgängerinnen und Fußgängern – alle wollten irgendwohin, alle hatten irgendetwas zu tun.

Sie fuhr den Laptop hoch und nahm sich ihre E-Mails vor. May Ling hatte ihre täglichen Aufzeichnungen geschickt und drängte Ava, ernsthaft darüber nachzudenken, sich geschäftlich zusammenzutun. Amanda Yee schrieb, ihr Vater sei von den Unternehmensplänen, die sie zusammen mit May Ling entwickelt hatte, sehr beeindruckt und überließ ihr mehr und mehr Verantwortung; zum ersten Mal rede er sogar davon, sich aus dem Geschäftsleben zurückzuziehen. Michael erwähnte sie nicht. Ava hatte keinen Grund zu der Annahme, dass das ein schlechtes Zeichen war, aber dennoch vermutete sie es. Mimi hatte gemailt, um zu sagen, dass sie und Derek ein Haus in Leaside kaufen würden, einer Wohngegend, die von Karrierevätern und Cappuccino-Müttern bevölkert war. Ava spürte bereits, wie Mimi ihr entglitt. Und dann schrieb auch noch ihr Vater Marcus, dass die Krise mit Michael ihn zu dem Schluss gebracht habe, Liquidität zu benötigen. Er würde all seine Besitztümer verkaufen und das Geld in sicheren Rentenpapieren mit guter Verzinsung anlegen. Das würde ihm erlauben, mehr Zeit mit seiner Familie zu verbringen, schrieb er. Mit welcher?, fragte Ava sich.

Alles ist im Fluss, alle verändern sich, dachte sie, und ihr Gefühl der Ziellosigkeit verstärkte sich.

Sie beschloss, eine morgendliche Joggingrunde einzulegen, sobald der Verkehr nachließ, und später am Nachmittag zu dem Haus hinüberzugehen, in dem sie in Bak Mei unterwiesen wurde und trainieren konnte. Sie hatte noch nicht zu ihrer früheren Form zurückgefunden, war aber nahe dran, und der Schmerz, den das Training mit sich brachte, war zu bewältigen.

Sie schlug die Zeitung auf, überflog die Nachrichten und widmete sich dann dem Wirtschaftsteil. Das Wort Ponzi sprang ihr in der Schlagzeile auf der ersten Seite ins Auge. Der Artikel hatte nichts mit Theresa Ngs Lage zu tun, aber er ließ ihren Namen in Avas Gedanken auftauchen und erinnerte sie daran, dass sie eine Verpflichtung zu erfüllen hatte. Sie griff zum Telefon und rief in Hongkong an.

Als Onkel nicht an sein Handy ging, versuchte sie es in seiner Wohnung. Lourdes, seit über dreißig Jahren seine Haushälterin, nahm den Anruf entgegen. »Ava, er hat sich hingelegt«, sagte die Philippinin. Ava vernahm eine Spur Besorgnis in ihrer Stimme.

»Stimmt etwas nicht mit ihm?«

»Lebensmittelvergiftung, sagt er.«

»Schon wieder? Hatte er nicht vor einigen Monaten schon mal eine?«

»Und seitdem etliche Male.«

»War er beim Arzt?«

»Er weigert sich.«

»Wie sehen die Symptome aus?«

»Er wird fiebrig und kriegt dann Schüttelfrost, übergibt sich, hat Durchfall. Ich zwinge ihn, warmes Wasser in kleinen Schlucken zu trinken, damit er nicht austrocknet.«

Ava hatte keine Veränderung bei ihm wahrgenommen, aber schließlich hatte sie ihn seit Macao auch nicht gesehen. Er hatte sie regelmäßig angerufen und war ihr wie immer erschienen. »Hast du mit Sonny gesprochen?«

»Noch nicht, aber das werde ich.«

»Nun, sag Onkel, dass ich angerufen habe, und wenn es ihm möglich ist, soll er mich zurückrufen.«

Ava ging ins Bad, um sich fertig zu machen. Während sie sich die Zähne putzte und das Haar kämmte, dachte sie über Onkel nach. Er war Ende sechzig oder Anfang siebzig gewesen, als sie sich kennengelernt hatten, und selbst wenn sie ihre gemeinsamen Jahre hinzurechnete, kam er ihr alterslos vor. Der Gedanke, er könnte es nicht sein, deprimierte sie.

Ihr Lauf dauerte nahezu eine Stunde. Sie lief auf der Avenue Road nach Norden, am Upper Canada College entlang, wo die Söhne von Kanadas Elite nun in die Schule zurückgekehrt waren. Weitere Kinder trafen ein, während sie vorbeilief, dann durchquerte sie die wohlhabende Gegend von Forrest Hill und wandte sich anschließend nach Osten. Sie lief nach Mount Pleasant, dem westlichen Rand von Leaside – Mimis und Dereks neues Zuhause – und dann nach Süden, wobei sie Kinderwagen und philippinischen yayas auswich. Als sie die Bloor Street erreichte, wandte sie sich nach rechts und kehrte nach Yorkville zurück.

Es war fast zehn, als sie in ihr Apartment zurückkehrte. Das Benachrichtigungslicht ihres Telefons blinkte. Ava schaute auf die letzte Telefonnummer und sah, dass es Onkels war. Sie überlegte einen Moment, ob sie erst duschen sollte, doch dann griff sie zum Telefon und rief in seiner Wohnung in Hongkong an.

»Wei«, sagte Onkel.

»Ich bin’s – Ava.«

»Ist alles in Ordnung?«, fragte er.

»Dasselbe wollte ich dich gerade fragen.«

»Mir geht es gut. Aber du rufst für gewöhnlich nicht an, wenn nichts Dringendes ist.«

»Tut mir leid, wenn ich dich beunruhigt habe«, erwiderte sie und freute sich, dass seine Stimme fest geklungen hatte. »Die Sache ist die, dass wir eine Art Auftrag angeboten bekommen haben und ich das Ganze mit dir besprechen und deine Meinung hören möchte.«

»Eine Art Auftrag?«

»Einen kleinen Auftrag. Von einer Vietnamesin, die meine Mutter kennt. Sie und ihre Familie sind um etwa drei Millionen kanadische Dollar geprellt worden.«

»Erzähl mehr«, sagte er.

Seine Reaktion überraschte sie. Ava hatte erwartet, dass er es rundheraus ablehnen würde, weil die Summe so viel kleiner war als bei den Aufträgen, die sie gewöhnlich annahmen. Ava erklärte Theresa Ngs Dilemma, und Onkel hörte zu, ohne sie zu unterbrechen. Als sie fertig war, fügte sie hinzu: »Ich fühle mich verpflichtet, ihr heute oder morgen eine Antwort zu geben. Ich möchte nicht, dass sie falschen Erwartungen nachhängt.«

Onkel war so still, dass Ava sich fragte, ob er noch dran war. Dann sagte er: »Die Gesamtsumme beläuft sich auf ungefähr dreißig Millionen, sagst du.«

»Ja, das ist die Zahl, die sie genannt hat.«

»Dreißig Millionen zurückzuholen ist durchaus von Interesse für mich.«

Ava fragte sich, ob er sie richtig verstanden hatte. »Onkel, Theresa hat drei Millionen verloren, nicht dreißig.«

»Ich weiß. Aber all die anderen, die ihr Geld verloren haben – glaubst du nicht, dass sie es auch zurückhaben wollen?«

»Ich bin sicher, dass sie das wollen, aber sie haben sich nicht an uns gewandt.«

»Vielleicht weil sie nicht wissen, wer wir sind.«

Worauf, zum Teufel, will er hinaus?, dachte sie. Es war nicht seine Art, Dinge zu verkomplizieren. »Onkel, ich werde diesen Leuten nicht nachjagen, um einen nach dem anderen zu bitten, uns zu engagieren.«

»Aber es gibt keinen Grund, Theresa Ng daran zu hindern, sie zu kontaktieren, oder? Lass sie die Arbeit übernehmen. Sag ihr, sie soll sich an die Leute wenden und sie dazu bringen, uns ebenfalls zu engagieren, lass sie eine Versammlung einberufen, wenn nötig. Drei Millionen sind für uns nicht von Interesse, aber wenn es ihr gelingt, ein Auftragsvolumen von mindestens zwanzig Millionen zu akquirieren, dann lass uns die Sache übernehmen.«

Das war nicht das, was sie erwartet hatte, und sie brauchte eine Minute, um Onkels Vorschlag zu überdenken. Auf den ersten Blick ergab es Sinn, zumindest wenn sie die Absicht hatte, bei Onkel zu bleiben. Wie konnte sie ihm sagen, dass sie mit ihren Gedanken nicht ganz bei der Sache war? Wie konnte sie ihm erzählen, dass sie ernsthaft andere Optionen erwog? Auf keinen Fall während dieses Telefongesprächs, dachte sie. In gar keinem Fall am Telefon. Wenn und falls der Tag kam, an dem sich ihre Wege trennten, dann musste sie ihm das von Angesicht zu Angesicht sagen. »Okay«, stimmte sie zu. »Ich rufe Theresa an und frage sie, ob sie mit diesem Vorschlag einverstanden ist. Wenn ja, gebe ich ihr eine Woche, um die Sache auf die Beine zu stellen. Wie klingt das?«

»Das klingt vernünftig.«

Ava schwieg einen Moment. »Lourdes hat mir von der Lebensmittelvergiftung erzählt«, sagte sie dann so beiläufig wie möglich.

»Das war nichts weiter.«

»Ich finde es ungewöhnlich, dass du das so häufig hast.«

»Ich muss aufhören, dieses Billig-Sashimi zu essen.«

»Daran lag es?«

»Jedes Mal.«

»Du hast Geld genug, um dir tausend Mal am Tag das teuerste Sashimi in Tokio zu bestellen.«

»Der Mensch ist ein Gewohnheitstier.«

Sie wusste, dass er damit sein wohlüberlegtes Haushalten mit dem Hongkong-Dollar meinte. »Meine Mutter würde sagen: Da ehrt jemand den Pfennig, während ihm der Taler durch die Finger rinnt!«.

»Deine Mutter kennt eine Menge Binsenweisheiten.«

»Das heißt nicht, dass sie nicht stimmen.«

Er lachte. »Ich werde künftig besser achtgeben.«

Ava legte auf. Sie war beruhigt, was sein Unwohlsein anging, zugleich aber frustriert, weil er nicht gesagt hatte, sie solle den Fall Theresa Ng ablehnen. Wo sie ihm doch die Absage in die Schuhe hatte schieben wollen. Nun würde sie darauf bauen müssen, dass Theresa nicht genügend weitere Klienten zusammenbrachte.

5

IHRE MUTTER WAR KAUM ERWACHT, als Ava sie anrief. Ihre Stimme klang kehlig, kratzig. »Ich habe bis heute früh um sechs Mah-Jongg gespielt«, sagte Jennie.

»Wie viele Stunden am Stück waren das?«, fragte Ava.

»Nicht so viele. Wir haben um zwei eine Pause eingelegt und sind ins Big Mouth Kee gegangen, um gebratene Nudeln zu essen.«

»Soll ich dich lieber später noch mal anrufen?«

»Worum geht’s?«

»Um Theresa.«

»Nein, nein, lass mal. Erzähl mir jetzt gleich, wie du dich entschieden hast.«

Ava konnte sich nicht erinnern, wann ihre Mutter das letzte Mal so erpicht darauf gewesen war, so früh am Morgen über irgendetwas zu reden. »Ich habe mich noch nicht entschieden. Ich habe mit Onkel gesprochen, und er sagt, er habe kein Interesse daran, drei Millionen Dollar nachzujagen.«

»Ava!«

»Warte, Mummy, flipp nicht gleich aus. Es ist nicht so, wie es scheint.«

»Wie ist es dann?«

»Weißt du, uns kostet es gleich viel Geld und Zeit, drei Millionen nachzujagen wie zwanzig oder dreißig Millionen. Onkel hat vorgeschlagen, dass Theresa einige der anderen Leute kontaktiert, die ebenfalls betrogen wurden, und sie dazu bringt, uns ebenfalls zu beauftragen. Wenn wir genügend Leute und eine genügend große Gesamtsumme zusammenkriegen, dann ist er einverstanden, den Auftrag zu übernehmen.«

Ihre Mutter schwieg, und Ava wusste, dass sie innerlich kochte. Ava begriff, dass sie Theresa längst erzählt hatte, dass es beschlossene Sache war, und ihre Worte zurückzunehmen war das Letzte, was ihre Mutter wollte. »Theresa glaubt, dass du den Fall übernommen hast«, gestand Jennie ein.

»Ich weiß nicht, wie sie darauf kommt, denn ich habe ihr keine Zusage gemacht. Und selbst wenn, bin ich doch Onkel unterstellt, und letztlich trifft er die Entscheidung.« Damit lieferte Ava ihrer Mutter den Vorwand, den sie benutzen konnte.

»Das wird nicht leicht für sie sein, weißt du«, sagte Jennie. »Außerhalb ihrer engeren Familie sind Vietnamesen sehr verschlossen. Selbst wenn sie dich engagieren wollten, würden sie doch nicht wollen, dass alle anderen wissen, wie viel Geld sie investiert und verloren haben.«

»Ich würde das vertraulich behandeln. Wenn es ihr gelingt, sie dazu zu bewegen, uns zu engagieren, würden wir individuelle Verträge mit ihnen abschließen. Sie würden niemandem irgendetwas offenbaren müssen.«

»Ich spreche mit ihr.«

»Das ist die einzige Chance.«

»Das war überflüssig!«, fauchte Jennie.

»Tut mir leid.«

Jennie seufzte. »Mir auch. Sie ist einfach eine so nette Frau, und mir ist wirklich daran gelegen, dass du ihr hilfst.«

Ava spürte, wie sich die Vorboten von Schuldgefühlen anschlichen. »Ich möchte ihr auch helfen. Also rede mit ihr und lass sie weitere Leute an Bord holen. Als ich mit Theresa gesprochen habe, hat sie gesagt, dass sie monatliche Abrechnungen von Emerald Lion bekommen hat. Die anderen müssen bloß die letzte Abrechnung mitbringen, damit ich schwarz auf weiß habe, was man ihnen schuldig ist. Ich brauche außerdem von allen ihre Bankverbindung – Name der Bank, Adresse der Zweigstelle, Kontonummer. Dann sehen wir weiter.«

»Ich wünschte, du würdest keine weiteren Leute in die Sache hineinziehen müssen.«

»Onkel will es so.«

»Und du tust immer, was er will?«

»Ja«, log Ava.

Theresa würde mindestens einige Tage brauchen, um Kontakt zu den anderen Geschädigten aufzunehmen und mit ihnen zu sprechen, und es war keinesfalls sicher, dass sie Ava und Onkel engagieren würden. Dreißig Prozent zu zahlen würde manchen von ihnen schwerfallen, auch wenn, wie Theresa gesagt hatte, siebzig Prozent von etwas besser waren als hundert Prozent von nichts.

Onkel hatte ihr an dem Tag, an dem er sich mit ihr zusammentat, eine grundlegende Wahrheit über seine Klientel vermittelt. »Anfangs sind sie alle immer hocherfreut, dass wir ihnen helfen wollen, und sie sind bereit, fast jede Summe zu zahlen, die wir verlangen. Doch in dem Augenblick, in dem wir das Geld haben, fällt ihnen wieder ein, dass es alles ihnen gehört hat, und dann gönnen sie uns nicht einmal fünf Prozent, geschweige denn dreißig.« Aus dem Grund ließ Onkel das wiederbeschaffte Geld gewöhnlich über ihr eigenes Bankkonto laufen. Auf diese Weise konnte er das Honorar einbehalten, ehe er die Restsumme an die Klienten weiterleitete.

Ava duschte und zog sich an. Es war fast schon Zeit fürs Mittagessen, und wo sie nun wieder in der Stadt war, verspürte sie Appetit auf Dim Sum. Sie rief Mimi an, die in fußläufiger Nähe zu Avas Apartment arbeitete, um sie zu fragen, ob sie mit ihr zusammen Mittag essen wollte. Mimi sagte, sie habe ein Lunch-Meeting bei sich im Büro, und so rief Ava bei Maria im Konsulat an, erfuhr aber, dass Maria bei einem Geschäftstermin in Oakville war, einem Vorwort im Westen Torontos. Ava hatte keine Lust auf sonstige Gesellschaft, also musste sie entweder allein Dim Sum essen oder gar nicht.

Das Dynasty Restaurant lag in östlicher Richtung an der Yorkville Avenue, keine fünf Minuten zu Fuß von Avas Wohnung entfernt. Sie bestellte Sauer-Scharf-Suppe, Har Gau, Hühnerfüße und Tofu, gefüllt mit gedünstetem Schweinefleisch. Als sie sich der Suppe widmete, klingelte ihr Handy. Die Nummer begann mit 905, gehörte also zu einem Außenbezirk Torontos, und war Ava unbekannt.

»Ava Lee«, sagte sie.

»Hier spricht Theresa. Ihre Mutter hat mich angerufen und mir erzählt, was Ihr Boss gesagt hat.«

»Ja?«

»Es ist erledigt.«

»Es ist erledigt?«

»Mein Bruder und ich haben einige der Leute, die wir kennen, kontaktiert, und sie haben das gleiche gemacht. Ich denke, wir haben etwa zwölf Parteien zusammen, die bereit sind, Sie zu engagieren.«

»Auf wie viel beläuft sich die Gesamtsumme?«

Theresa zögerte. »Das kann ich nicht sagen. Wir wollten die Leute nicht fragen, wie viel sie verloren haben. Ihre Mutter hat mir gesagt, was Sie wissen wollen, und wir haben diese Informationen weitergeleitet. Alle, die zu dem Treffen kommen, werden ihre Unterlagen mitbringen. Sie müssen die Informationen jedoch vertraulich behandeln. Das ist Ihnen klar, oder?«

»Ich habe meiner Mutter auch gesagt, dass es mehr als zwanzig Millionen sein müssen. Und nicht mehr als zwanzig Personen.«

»Ava, ich glaube, es geht um mehr als zwanzig Millionen, aber um das mit Sicherheit sagen zu können, müssen Sie sich die Unterlagen ansehen. Deshalb haben wir das Treffen organisiert.«

»Das Treffen?«

»Wir haben alle gebeten, sich um neunzehn Uhr im Pho Saigon Ho Restaurant auf dem Highway 10 – Hurontario Street – in Mississauga einzufinden und ihre Unterlagen mitzubringen.«

»Wann?«

»Heute.«

»Das ist kurzfristig.«

»Unsere Leute können es alle einrichten. Es ist ihnen viel zu wichtig, um sich nicht darauf einzulassen. Und Ihre Mutter hat gesagt, Sie seien momentan arbeitslos.«

Arbeitslos!, dachte Ava. Von zwei Frauen unter Druck gesetzt trifft es wohl besser. Warum hatte sie nicht nein gesagt, als sie sich in Orillia getroffen hatten? Warum hatte Onkel nicht nein gesagt? »Pho Saigon Ho?«, sagte sie und sah sich in der Falle.

»Ja, dort gibt es ein Hinterzimmer, das wir nutzen können. Der Besitzer gehört zu denjenigen, die um ihr Geld gebracht wurden.«

»Gut, ich werde da sein.«

»Wunderbar! Vielen, vielen Dank.«

»Und Theresa, bringen Sie mir bitte für alle Fälle das Kennzeichen des Wagens mit, aus dem Ihre Schwester Lam in Ho-Chi-Minh-Stadt hat aussteigen sehen.«

»Ich habe es hier. Soll ich es Ihnen geben?«

»Warum nicht«, sagte Ava.

Während Theresa ihr das Kennzeichen durchgab, ging Ava eine der Maximen von Saul Alinsky, dem großen Wegbereiter des Community Organizing, durch den Sinn: Wenn du keine Entscheidung triffst, wird es jemand anders für dich tun. Sie hatte es vor sich hergeschoben, hatte versucht, Onkel die Entscheidung zuzuschieben, und am Ende hatte sie sich in den Erwartungen anderer verfangen. Alinsky hatte über Boris Pasternaks Protagonisten Doktor Schiwago geschrieben, der sich zwischen Lara, seiner Geliebten, und Tonya, seiner Frau, hin- und hergerissen fühlte. Er konnte sich nicht für eine der beiden Frauen entscheiden – sein Pech, dass er nicht Chinese war, dachte Ava. Dann hätte er beide haben können –, und als er eines Tages von Lara zu Tonya zurückreitet, erfüllt von Zweifeln und Schuldgefühlen, wird er im Wald von roten Partisanen aufgegriffen und gezwungen, jahrelang als Feldarzt für sie zu arbeiten. Wenn er eine Entscheidung getroffen hätte, so Alinsky, dann wäre sein Leben völlig anders verlaufen. Ava teilte seine Ansicht. Ihr selbst hingegen konnte man normalerweise eher nachsagen, dass sie zu entscheidungsfreudig war. Nun hatte Theresa quasi die Rolle der roten Partisanen übernommen.

»Wie viele Leute werden da sein?«, fragte Ava.

»Mindestens vierzig, vielleicht auch mehr.«

»Wie viele verstehen und sprechen Englisch?«

»Einige.«

»Ich brauche jemanden, der oder die übersetzt. Ich möchte nicht, dass es irgendwelche Missverständnisse gibt.«

»Der Restaurantbesitzer kann das übernehmen.«

Ava hatte eine Vorlage ihres Standardvertrages auf ihrem Laptop, aber sie hatte keine Ahnung, wie viele Kopien sie brauchen würde. »Theresa, ich möchte, dass eine Person für jede Familie, für jede Partei unterschreibt. Wie viele werden das dann sein?«

»Zumindest die zwölf, die ich bereits erwähnt habe.«

»Gut, dann bringe ich auf alle Fälle zwanzig Vertragsausfertigungen mit.«

Ava sah auf die Uhr und überlegte, Onkel anzurufen. Dann entschied sie sich dagegen. Sie wartete lieber ab, bis sie wusste, wie viel Geld genau sie hinterherjagen würden.

6

DEN FRÜHEN NACHMITTAG verbrachte sie damit, sich auf das abendliche Treffen vorzubereiten. Alles, was es wirklich erforderte, war, die Vertragsausfertigungen auszudrucken und ihren Schrank durchzusehen und die Röcke, Hosen und Blusen, die sie zu geschäftlichen Anlässen trug, herauszuholen. Ihre Business-Outfits hatten monatelang kein Licht gesehen. Sie probierte Verschiedenes an und stellte zu ihrer Überraschung fest, dass die Röcke und Hosen ein bisschen locker saßen. Die Blusen, eine breite Kollektion überwiegend von Brooks Brothers, alle mit Umschlagmanschetten, saßen so enganliegend wie zuvor. Für eine Chinesin hatte Ava große Brüste, und sie sah keinen Grund, dies zu kaschieren.

Sie legte einen schwarzen Rock heraus, der bis zum halben Knie ging, und dazu eine weiße Leinenbluse mit abgewandeltem Italienischem Kragen. Dann schaute sie auf die Uhr. Sie hatte noch Stunden vor sich, ehe sie sich auf den Weg nach Mississauga machen musste. Ihr Bak-Mei-Lehrer unterrichtete in einem Haus ein Stück nördlich von ihrem Apartment, gleich westlich der Avenue Road. Er hatte nur eine Bak-Mei-Schülerin und einen -Schüler, sie und Derek. Seinen Hauptlebensunterhalt verdiente er damit, große Abendklassen in anderen Kampfkünsten zu unterrichten. Derek und Ava trainierten separat – Bak Mei wird stets eins zu eins unterrichtet –, und wenn sie in der Stadt war, stimmten sie ihre Stunden miteinander ab. Großmeister Tang mussten sie nicht anrufen. Die Nachmittage waren immer offen, und er war nahezu immer da und freute sich, Ava oder Derek zu sehen.

Ava beschloss, Derek nicht anzurufen. Es war nur ein kurzer Weg bis zu dem Haus, und wenn Tang nicht da war oder Derek bei ihm war, würde sie wieder heimgehen. Sie hatte im frühen Teenageralter mit dem Kampfkunstunterricht angefangen und rasch Talent gezeigt. Sie war schnell, wendig und furchtlos, und sie liebte das Training. In wenigen Monaten hatte sie alle anderen in der Gruppe der Gleichaltrigen überflügelt, so dass ihr Lehrer sie mit den Erwachsenen trainieren ließ. Zwei Jahre später hatte sie ein Niveau erreicht, das an das ihres Lehrers grenzte. Er nahm sie beiseite und fragte sie, ob sie Interesse habe, Bak Mei zu lernen. Seitdem ging sie zu jenem Haus in Toronto, um von Großmeister Tang zu lernen.

Bak Mei ist nahezu die perfekte Kampfkunst für Frauen. Die Schläge sind schnell, leicht und kurz und quasi explosiv, wenn die geballte Energie freigesetzt wird. Bak Mei erfordert nicht viel körperliche Kraft, um wirkungsvoll zu sein. Bak-Mei-Angriffe zielen darauf ab, Schaden zuzufügen. Sie zielen auf die empfindlichsten Stellen des Körpers wie Ohren, Augen, Kehle, Unterarme, Seiten, Magen und Leisten. Tritte erfolgen in den unteren Bereich, selten oberhalb der Taille.

Ava war es nicht leichtgefallen, sich Bak Mei anzueignen. Derek war vermutlich der Begabtere von ihnen, aber sie war beharrlich geblieben. Und auch wenn sie ihm kräftemäßig unterlegen war, machten ihre blitzschnellen Reflexe und ihre Fähigkeit, Schwachpunkte mit unfehlbarer Präzision zu treffen, sie zu einer überragenden Kämpferin.

Der Großmeister lebte in einem unscheinbaren zweistöckigen Backsteinhaus. Er hatte keinen Grund, in der Nachbarschaft oder unter den Kampfkunststudierenden Werbung für sich zu machen. Alle in Toronto, die sich auch nur im Geringsten für Kampfkünste interessierten, wussten, wer er war und wo er zu finden war.

Ava klingelte an der Eingangstür mit dem eingelassenen Fenster. Wenn er da war, würde er aufmachen. Sie wartete annähernd eine Minute, ehe sie ihn die Treppe herunterkommen sah. Sie hatte keine Ahnung, wie alt er war, vielleicht Mitte fünfzig, doch seine übliche Kluft aus Jeans und einem weißen T-Shirt zeigte den Körper eines Zwanzigjährigen. Er lächelte, als er sie sah, und Ava winkte ihm zu. Tang öffnete die Tür und neigte kaum wahrnehmbar den Kopf. »Willkommen daheim«, sagte er.

Sie trainierten zwei Stunden und konzentrierten sich auf sämtliche Grundformen. Auf sich allein gestellt neigte Ava dazu, sich auf den Panther, die Schlange und manchmal den Kranich zu konzentrieren. Tang verwendete fast eine halbe Stunde auf den Drachen und dann eine weitere längere Zeitspanne auf den Tiger. Er kannte Avas Vorlieben und er kannte ihre Schwächen, und er sah keinen Grund, nicht nach Perfektion zu streben. Ava wuchs mit der Herausforderung.

Es war nahezu fünf Uhr, als sie in ihre Wohnung zurückkehrte. Ihr ganzer Körper fühlte sich so geschmeidig an wie ein Gummiband. Sie duschte schnell und zog sich an. Im Cottage oben im Norden hatte sie nicht nur keine formelle Kleidung getragen, sondern auch keinen Schmuck. Jetzt holte sie ihre Cartier Tank Française Uhr aus der Schatulle, legte das goldene Kruzifix an, ging dann durch ihre Kollektion von Manschettenknöpfen und wählte das Paar aus grüner Jade, das sie in Beijing gekauft hatte. Schließlich bürstete sie ihr schulterlanges Haar, es war samtschwarz und fein wie Seide, und steckte es mit einer Elfenbeinhaarspange hoch. Ava besaß eine große Kollektion an Haarnadeln, Kämmen und Spangen, aber die Elfenbeinhaarspange war ihr Glücksbringer. Ohne sie würde Ava keinem Auftrag nachgehen.

Sie rief unten an, um ihren Wagen holen zu lassen. Bei gewöhnlichem Verkehr waren es nicht mehr als dreißig Minuten bis Mississauga, aber es war halb sechs, und sie wusste, dass der Gardiner Expressway verstopft sein würde.

Sie brauchte dreißig Minuten, um die University Avenue Richtung Süden bis zum Gardiner Expressway entlangzukriechen, und dann folgten weitere fünfundvierzig Minuten Stop-and-Go, als sie auf dem Queen Elizabeth Highway Richtung Westen fuhr, den Ontario-See zu ihrer Linken. Als sie die Hurontario Street erreichte, wandte sie sich nach Norden.

Mississauga, eine Stadt mit einer halben Million Einwohnerinnen und Einwohnern, grenzte direkt an den Großraum Toronto. Es war ein sich ausbreitender Ballungsraum mit Wohnsiedlungen, Apartmenthäusern, Einkaufsmeilen und vereinzelten großen Einkaufszentren. Das Restaurant befand sich nur einen Kilometer nördlich des Queen Elizabeth Way, und zwar – keineswegs überraschend – in einer Einkaufsmeile.

Ava nahm den Stapel Vertragsausfertigungen und klemmte ihn sich unter den Arm. Sie war zehn Minuten zu früh dran, aber Theresa war bereits da und stand an der Eingangstür. Sie kam Ava entgegengeeilt. »Lassen Sie mich Ihnen mit den Unterlagen helfen.«

Als Ava ihr in das Restaurant folgte, begegneten ihr die Aromen von Koriander und Nuoc Mam, vietnamesischer Fischsauce. Theresa ging bis nach hinten durch. In dem Lokal befanden sich etwa zwölf Personen, und Ava dachte schon, Theresa hätte sie getäuscht, was die Zahl der Teilnehmenden anging. Doch dann vernahm sie Stimmengemurmel jenseits einer geschlossenen Tür. »Sie sind alle schon da«, sagte Theresa und öffnete die Tür.

Es waren ungefähr sechzig Personen, die in vier Reihen hintereinander saßen. Im Raum wurde es schlagartig still, als die beiden Frauen eintraten. Alle Blicke waren auf Ava gerichtet.

»Ich muss sagen, ich bin überrascht, dass Sie so schnell so viele Menschen zusammengetrommelt haben.«

»Sie sind verzweifelt. Sie können sich an niemanden sonst wenden – das haben mein Bruder und ich ihnen klargemacht.«

Theresa ging zu einem Tisch mit zwei Stühlen im vorderen Teil des Raumes und legte die Vertragsausfertigungen hin. Ein großer dünner Mann mit stahlgrauem Haar erhob sich von seinem Platz in der ersten Reihe und trat zu ihnen. »Das ist Eddie Trinh«, stellte Theresa ihn Ava vor. »Ihm gehört dieses Restaurant. Er wird als Dolmetscher fungieren.«

Trinh schüttelte Ava die Hand und setzte sich dann an den Tisch, die Arme vor der Brust verschränkt. Ava blieb stehen und blickte die versammelten Menschen an. Die meisten von ihnen waren mittleren Alters oder älter; höchstwahrscheinlich Boat People oder deren Kinder – gute, hart arbeitende Immigrantinnen und Immigranten mit altmodischen asiatischen Werten.

»Ich werde langsam sprechen und versuchen, nicht zu viel auf einmal zu sagen«, erklärte sie, an Trinh gewandt. »Es ist wirklich wichtig, dass alles ausführlich erklärt wird – wenn ich also zu schnell bin oder Sie etwas nicht verstanden haben, lassen Sie es mich bitte sofort wissen.«

Er nickte und stellte sich dann neben sie.

»Guten Abend. Mein Name ist Ava Lee«, begann sie. Sie sprach knapp eine halbe Stunde, erklärte, wer sie und Onkel waren und wie ihr Unternehmen funktionierte. Sie nahm eine der Vertragsausfertigungen und ging sie Seite für Seite durch. Als sie auf die dreißig Prozent Erfolgshonorar zu sprechen kam, sah sie, wie die Leute Blicke austauschten. Sie erklärte bis ins Detail, dass sie und Onkel die Auslagen trugen, ungeachtet des Ergebnisses.

»Noch eine letzte Sache«, sagte sie schließlich. »Wenn wir diesen Auftrag übernehmen, arbeiten wir still und diskret. Niemand von Ihnen kann uns kontaktieren, und wir werden niemanden von Ihnen kontaktieren, es sei denn, es gibt etwas Entscheidendes zu berichten oder wir brauchen weitere Informationen. Wenn sich eine dieser Situationen ergibt, werde ich Theresa Ng anrufen – sie wird die Mittelsperson sein. Also erwarten Sie keine Zwischenberichte und erwarten Sie keinen unmittelbaren Erfolg. Diese Dinge erfordern oftmals eine Menge Zeit, und deshalb machen wir keine Versprechungen in Bezug auf die Dauer oder das Ergebnis unserer Arbeit. Wir werden unser Bestes tun, und zwar so schnell wie möglich, aber es kommt vor, dass wir keinen Erfolg haben. Gibt es hier jemanden, der oder die das nicht akzeptiert?«

Ava blickte auf eine Mauer ausdrucksloser Gesichter. »Okay, dann lassen Sie uns die Verträge unterschreiben. Eine Person pro Familie, und ich muss die letzte Abrechnung sehen, die Sie von der Emerald Lion Fondsgesellschaft erhalten haben. Wir setzen die Summe in den Vertrag ein, und dann unterzeichnen Sie zwei Ausfertigungen und fügen Namen, Adresse, Telefonnummer hinzu. Ich unterschreibe den Vertrag im Namen unseres Unternehmens. Sie erhalten die eine Ausfertigung, ich die andere. Wenn Sie nun bitte nacheinander nach vorn kommen möchten.« Ava setzte sich hinter den Tisch und nahm den Mont Blanc Stift aus ihrer Tasche.

Trinh und Theresa sorgten dafür, dass sich an der Wand entlang eine Schlange bildete.

»Ich fange an«, sagte Theresa.

Eine nach der anderen traten siebzehn Personen an den Tisch und reichten Ava eine Abrechnung mit dem Logo eines smaragdgrünen Löwen und einen Zettel mit ihrer Bankinformation. Ava übertrug die Bankinformationen in ihr Notizbuch, und nach jedem unterzeichneten Vertrag trug sie den Familiennamen und die geschuldete Summe in eine fortlaufende Liste ein. Beim zehnten Vertrag war sie bereits bei über fünfzehn Millionen Dollar. Nachdem der letzte Vertrag unterschrieben war, belief sich die Gesamtsumme auf zweiunddreißig Millionen. Ava wurde klar, dass Lam Van Dinh vermutlich eine ganze Menge mehr Geld veruntreut hatte, als ihr berichtet worden war.

Nach der letzten Unterschrift schob Ava ihre Vertragsausfertigungen zusammen und verstaute sie in ihrer Chanel-Tasche. Die Menschen blieben noch, unterhielten sich miteinander und warfen Ava verstohlene Blicke zu. Sie konnte sich vorstellen, dass sie alle möglichen Fragen hatten, aber sie wusste, dass die meisten davon hypothetisch waren, und sie war nicht in der Stimmung für Mutmaßungen.

Es war nach acht, als sie das Pho Saigon Ho Restaurant verließ. Theresa und Eddie Trinh begleiteten sie zur Tür. Sie sah ihnen an, dass sie ebenfalls etliche Fragen hatten oder zumindest die beiden, die jeder Klient, jede Klientin hatte: Wie lange wird das dauern? Wie viel glauben Sie zurückholen zu können?

»Ich habe gemeint, was ich da drinnen gesagt habe«, erklärte Ava. »Ich habe keine Ahnung, ob es mir gelingt, Lam zu finden, oder, wenn ich ihn finde, ob er das Geld hat oder, falls er es hat, wie viel ich zurückholen kann. Und das kann sich wochenlang hinziehen.«

Trinh setzte an zu sprechen, aber Theresa kam ihm zuvor. »Danke, Ava. Ich vertraue darauf, dass Sie sich melden, wenn etwas Wichtiges passiert.«

»Ja, wenn etwas Wichtiges passiert«, bestätigte Ava. »Eine Sache wüsste ich noch gern: Wie heißt dieser Freund Ihres Bruders, der ein Freund von diesem Lam ist – derjenige, der Ihnen dieses Schlamassel eingebrockt hat?«

»Lac – Joey Lac.«

»Wie kann ich ihn erreichen?«

Theresa schwieg einen Moment »Ich bin nicht sicher, ob er mit Ihnen sprechen wird.«

»Warum nicht?«

Eine weitere, längere Pause. »Als der Schlamassel anfing, ist mein Bruder zu ihm gegangen und hat ihm gesagt, er müsse etwas für uns tun und für unsere Freunde, denen wir den Fonds empfohlen hatten. Er hat gesagt, er würde es versuchen, und vielleicht hat er das auch, aber es ist nichts passiert. Mein Bruder ist sehr wütend geworden, und sie haben sich gestritten, und mein Bruder … er hat ihn geschlagen. Seitdem hat er von Joey nichts mehr gehört.«

»Theresa, Sie müssen Ihren Bruder für mich anrufen und Ihr Bruder muss Joey Lac anrufen oder zu ihm gehen und irgendwie Frieden schließen. Es ist wichtig, dass ich mich mit ihm treffen kann. Geben Sie Ihrem Bruder meine Telefonnummer und bitten Sie ihn, sie an Lac weiterzugeben. Ich würde gern so schnell wie möglich mit ihm sprechen.«

»Vielleicht sollte ich ihn selbst anrufen.«

»Wenn Sie das für das Beste halten.«

»Ja.«

»Gut. Aber wenn Sie mit ihm sprechen, bleiben Sie bitte beharrlich. Ich treffe ihn, wann immer er will, und mir ist egal, wo.«

7

DIE FAHRT ZURÜCK IN DIE STADT ging zügig, und gegen neun Uhr saß Ava in dem italienischen Restaurant, das nur wenige Schritte von ihrer Wohnung entfernt war, und machte sich über einen Teller Linguine mit Wildbroccoli und Portobello-Champignons her. Ihr schwarzes Moleskin-Notizbuch lag offen auf dem Tisch, und beim Essen erstellte sie eine Liste der Dinge, die sie am folgenden Tag erledigen wollte. Sie legte für jeden Auftrag ein neues Notizbuch an. Darin hielt sie Namen, Telefonnummern, Zeitangaben, Zusammenfassungen von Gesprächen, zu stellende und beantwortete Fragen und ihre Gedanken zum jeweiligen Stand des Falles fest. Wenn der Auftrag erledigt war, wanderte das Notizbuch in ein Tresorfach bei ihrer Bank. Derek und Mimi neckten Ava immer, weil sie so altmodisch war, aber sie fand, etwas mit einem Stift zu Papier zu bringen verankerte Erinnerungen und befeuerte ihre Phantasie. Inzwischen lagen drei Monate zwischen dem letzten und dem neuen Notizbuch. Und während sie schrieb, verspürte sie die ersten Regungen von Vorfreude. Vielleicht habe ich die Arbeit ja doch vermisst, dachte sie.

Sie rief bei Onkel zu Hause an und hatte Lourdes am Telefon.

»Ist er ausgegangen?«

»Nein, er liegt noch im Bett.«

Ava schaute auf die Uhr. Wann hatte Onkel je so lange geschlafen? »Er soll mich so bald wie möglich zurückrufen«, sagte sie.

Sie verspeiste gerade die letzten von einem Schälchen bunter Oliven, als Onkels Hongkonger Nummer auf ihrem Handy aufleuchtete.

»Wei«, sagte sie und ahmte damit seine übliche Antwort nach.

»Du klingst glücklich«, bemerkte er.

»Wir haben einen Auftrag. Wir haben siebzehn Klienten, die um insgesamt zweiunddreißig Millionen kanadische Dollar geprellt wurden.«

»Gut, gut. Es ist schön, wieder zu arbeiten. Ich hatte mich allmählich schon gefragt, ob du womöglich vor mir in den Ruhestand gehen würdest.«

»Niemals«, erwiderte sie. Sie wusste, dass ihm ihre Unsicherheit nicht entgangen war.

»Wann legst du los?«

»Sofort. Es gibt einige Dinge, die ich hier morgen erledigen will. Und ich habe ein vietnamesisches Autokennzeichen, dem du für mich nachgehen müsstest.«

»Gib es mir durch.«

Sie las ihm die Angaben vor und fragte dann: »Wie sieht’s mit unseren Kontakten in Ho-Chi-Minh-Stadt aus?«

»Hervorragend.«

»Demnach sollte das nicht allzu lange dauern?«

»Ein Anruf, vielleicht zwei – mehr nicht.«

»Und wenn ich dort hinmuss?«

»Dann wirst du alle Unterstützung bekommen, die du brauchst. Wir haben dort einige alte Kollegen, die noch immer aktiv sind, und sie haben Freunde bei der Polizei und beim Militär.«

»Könntest du sie dann zusätzlich zu dem Nummernschild bitten, uns alles wissen zu lassen, was sie über einen gewissen Lam Van Dinh in Erfahrung bringen können? Er wurde vor ungefähr einer Woche in Ho-Chi-Minh-Stadt gesehen, von daher muss es einen Vermerk über seine Einreise ins Land innerhalb der letzten sechs Monate geben. Er wird seine Aufenthaltsadresse in das Einreiseformular eingetragen haben müssen. Sie könnte natürlich falsch sein, aber man kann nie wissen.«

»Ich kümmere mich darum.«

»Danke.«

Er schwieg einen Moment, dann sagte er langsam: »Ava, ich hatte mir wirklich Sorgen gemacht, dass du genug von unserem Leben haben könntest. Ich hätte es dir nicht übelgenommen, wenn du dich mit May Ling zusammengetan hättest.«

Wieso weiß er von May Ling?, dachte Ava, obwohl die Tatsache, dass er es ansprach, sie mehr noch erstaunte als die Tatsache, dass er davon wusste. »Ich habe darüber nachgedacht«, erwiderte sie.

»Das solltest du auch.«

»Ich glaube, ich bin für diese Art Veränderung noch nicht bereit.«

Wieder schwieg er, und sie spürte, dass er noch etwas hinzufügen wollte. Doch dann sagte er nur: »Ich rufe dich an, wenn ich die Informationen habe.«

Es war ein kühler Abend, und Ava spürte, wie sie fröstelte, als sie zu ihrem Apartment zurückging. Sie bildete es sich nicht länger ein – der Sommer war vorüber.

Sie rief Maria an, um ein bisschen mit ihr zu plaudern, erreichte aber nur den Anrufbeantworter. Sie hinterließ eine Nachricht, dann schaltete sie den Fernseher ein und fand eine chinesische Seifenoper, die im siebzehnten Jahrhundert in der Qing-Dynastie spielte. Es war ein heimliches Laster von ihr. Ihre Mutter guckte diese Soap seit mehr als zwanzig Jahren und irgendwie hatte sie auch Avas Interesse geweckt und sie gefesselt. Die höfischen Intrigen waren zeitlos. Es war diese Soap, die ihre Mutter während der Zeit am See am meisten vermisst hatte, und obwohl Ava es ungern zugegeben hätte, hatte auch sie sie ein wenig vermisst.

Der Verlauf der Handlung war so vorhersehbar, dass Ava innerhalb von zehn Minuten auf dem Laufenden war, obwohl ihr zwei Monate fehlten. Wie sich herausstellte, war Marathonnacht, und Ava war mitten in der dritten Folge, als ihr Handy klingelte – gerade als der Provinzgouverneur seiner bestürzten, zornigen Frau zu erklären versuchte, warum man ihn mit einer jungen Frau gesehen hatte, die die Arme um seinen Nacken geschlungen hatte. »Wo warst du?«, fragte sie in dem Glauben, es sei Maria.

»Wei«, sagte Onkel.

»Ah, Onkel. Ich hatte jemand anderen erwartet.«

»Soll ich lieber später noch mal anrufen?«

»Nein, natürlich nicht.«

»Ich habe die Informationen zu dem Auto und zu Lam.«

»So schnell? Es ist ja kaum drei Stunden her.«

»Ich habe ja gesagt, dass wir gute Kontakte in Ho-Chi-Minh-Stadt haben.«

»Offensichtlich.«

»Der Wagen hat dort ziemliches Interesse geweckt.«

»Wieso?«

»Er ist auf Lam Duc Dinh zugelassen.«

»Ein Verwandter?«

»Ja, sein älterer Bruder … und wohl der führende Neurochirurg Vietnams.«

»Interessant.«

»Das finden unsere Freunde auch. Sie sind überaus neugierig, warum ich mich nach einem Wagen erkundige, der einem so angesehenen Mann gehört.«

»Und du hast es ihnen gesagt?«

»Ich habe ihnen erklärt, dass unser Interesse dem Bruder gilt.«

»Wussten sie irgendwas über ihn?«

»Er ist vor ungefähr fünf Monaten in Ho-Chi-Minh-Stadt gelandet, und dem Vernehmen nach wohnt er im Haus seines Bruders.«

»Wissen sie sonst noch was über ihn?«

»Nicht sehr viel. Er hat Vietnam vor zwanzig Jahren verlassen, um in Kanada die Universität zu besuchen. Bisher ist er in unregelmäßigen Abständen nach Vietnam zurückgekehrt, immer für nur eine Woche, wahrscheinlich um seine Familie zu besuchen.«

»Also keine kriminellen Aktivitäten?«

»Nichts Aktenkundiges.«

»Ich denke, ich werde nach Ho-Chi-Minh-Stadt fliegen.«

»Wirst du einen Abstecher nach Hongkong machen?«

»Natürlich.«

»Es würde mich freuen, dich zu sehen«, sagte Onkel.

Er klingt sentimental, dachte sie, und das sieht ihm gar nicht ähnlich.

»Mich freut es auch, dich zu sehen«, erwiderte sie und fragte sich, was genau in seinem Kopf vorgehen mochte. »Aber ehe ich die Flüge buche: Könntest du dir bestätigen lassen, dass Lam noch dort ist? Du hast das Haus seines Bruders erwähnt …«

»Er ist dort. Unsere Leute haben ihn im Garten werkeln sehen.«

»Woher wussten sie, dass er es ist?«

»Ava, sie haben sein Passfoto.«

»Natürlich«, sagte sie und kam sich dumm vor. »Sie haben aber nicht mit ihm gesprochen, oder?«

»Keine Sorge. Sie haben sich ihm nicht genähert.«

»Dann ist ja alles klar. Ich versuche, morgen Abend noch zu fliegen. Ich werde den Cathay-Pacific-Flug nach Hongkong nehmen und von dort aus weiterfliegen.«

»Buch keinen Flug nach Ho-Chi-Minh-Stadt vor dem späten Vormittag oder frühen Nachmittag. Dann können wir zusammen frühstücken, ehe du weiterfliegst.«

»Das mache ich. Und ich maile dir meine Flugdaten, sobald ich sie habe.«

»Schön, dass du wieder im Einsatz bist«, sagte er.

»Wir sehen uns in Hongkong«, erwiderte sie und beendete das Gespräch.

Ich kehre an die Arbeit zurück, dachte sie.

8

AVA SCHLIEF UNRUHIG; ihr Vater tauchte wieder in ihren Träumen auf, und am Rande lungerte ihr Halbbruder Michael herum. Sie waren in irgendeiner großen Stadt in den Vereinigten Staaten, in einem Komplex bestehend aus Büros und Fabriken und Hoteletagen, alles vermischt, und sie mussten zum Flughafen. Ihr Vater schickte sie los, um ihrer beider Gepäck zu holen, während er auscheckte. Ava verirrte sich in einem Gewirr aus Gängen, stieg kopflos von einem Fahrstuhl in den nächsten, während die Zeit verrann. Türen öffneten sich zu Räumen mit Fließbändern, andere Räume waren mit Schreibtischen vollgestopft, und Büroangestellte hielten sie für verrückt, als Ava sie verzweifelt nach dem Eingang zum Hotel fragte. Während ihre Abreise näher rückte, wuchs ihre Panik. Das war der Augenblick, als Michael erschien, in einem Atrium zwei Stockwerke über ihr, und ihr zurief, sie solle zu ihm kommen. Sie traute sich nicht, die Fahrstühle zu nehmen, sondern lief im Treppenhaus hoch. Doch als sie zwei Stockwerke höher ankam, fand sie die Ausgangstür nicht. Dort war überhaupt keine Tür.

Sie fuhr aus dem Schlaf hoch und warf einen raschen Blick auf ihren Wecker. Es war kurz nach sieben, und sie war froh, aufstehen zu können; sie fand es seltsam, dass der Traum mit seinem wiederkehrenden Thema vom verlorenen Vater und dem fernen Bruder sie in der zweiten Nacht, die sie wieder in der Stadt war, heimsuchte. Oben im Norden hatte sie geschlafen wie ein Stein.

Ava ging zur Tür, um die Zeitung hereinzuholen, und kochte sich einen Instantkaffee. Sie setzte sich an den Tisch beim Fenster und las ein bisschen schneller als am Vortag. Sie hatte jetzt anderes zu tun.

Als sie geduscht, sich angezogen und zwei weitere Tassen Kaffee getrunken hatte, ging sie drei Mal ihre Garderobe durch, ehe sie sich schließlich für zwei Hosen entschied, einen kurzen Rock, vier Businessblusen und zwei Paar Schuhe. Sie legte alles auf dem Bett aus und fügte dann ihr Reisenecessaire, BHs, Slips, drei T-Shirts, Joggingschuhe, Shorts, ihre Adidas-Nylonjacke und -Trainingshose hinzu. Ich werde einen richtigen Koffer brauchen, wenn ich das alles mitnehmen will, dachte sie, als sie den Haufen Kleidung auf ihrem Bett betrachtete. Zwei Blusen, der Rock und ein Paar Schuhe kehrten in den Schrank zurück. Wenn sie ihre Laufschuhe trug und ihr Adidas-Outfit, passte alles andere in ihre Shanghai Tang Ledertasche und damit ins Handgepäck.

Als sie mit dem Packen fertig war, setzte sie sich in die Küche und griff zum Telefon. In schneller Abfolge rief sie Maria, Mimi und ihre Schwester Marian an und erzählte ihnen, dass sie einen Auftrag übernommen hatte und zumindest einige Tage außer Landes sein würde. Keine von ihnen schien überrascht. Marian meinte: »Ich hatte mich schon gefragt, wie lange es wohl dauern würde, bis du wieder im Einsatz wärst.« Mimi bat sie, in Verbindung zu bleiben. Und Maria, die, so befürchtete Ava, sich um ihre Anwesenheit beraubt fühlen würde, fragte bloß: »Die Frau in der Kirche?« Ava war leicht konsterniert über den allgemeinen Mangel an Besorgnis, aber dann wurde ihr klar, dass keine von den dreien von der Seelenforschung wusste, die sie in den vergangenen Monaten betrieben hatte. Sie dachten, es wäre business as usual, und das bedeutete, dass Ava in ein Flugzeug stieg und irgendwo hinflog.

Ihre Mutter rief sie als Letztes an. Für Jennie war es immer noch ein bisschen früh, und ihre Stimme war schwer vor Schlaf. »Du fliegst heute?«

»Woher weißt du das?«

»Theresa hat mich gestern am späten Abend angerufen. Sie ist dir sehr dankbar. Und ich auch.«

»Ich habe keine Versprechungen gemacht, und das solltest du auch nicht. Ich werde mein Bestes tun.«

»Ich bin einfach nur froh, dass du es versuchst.«

»Versuchen ist das richtige Wort.«

»Fliegst du über Hongkong?«

»Ja.«

»Bleibst du länger dort?«

Ava zögerte. Sie wusste, worauf das hinauslief. »Nur ein paar Stunden. Ich habe gerade Zeit genug, mich mit Onkel zu treffen.«

»Ruf deinen Vater dennoch an, wenn du da bist. Wenn dich jemand sieht und ihm erzählt, dass du in Hongkong warst und du ihn nicht mal angerufen hast, wird er gekränkt sein.«

»Ich werde ihn anrufen.«

»Gut. Wenn ich heute Abend mit ihm spreche, sage ich ihm, dass du dich melden wirst.«

Ava wollte protestieren, zügelte sich aber. Marcus und Jennie telefonierten täglich miteinander, und sie war überzeugt, dass es nicht einen Tag gab, an dem sie und Marian nicht auch Thema waren. Und wenn Jennie mit Marcus sprach, würde Marcus es Michael gegenüber erwähnen und Michael Amanda gegenüber und Amanda May Ling gegenüber. Sechs Monate zuvor war Avas Leben entschieden einfacher gewesen.

Ihr Handy klingelte.

»Mummy, mein anderes Telefon … Ich muss rangehen.«

»Ruf mich zwischendurch mal an.«

»Nur wenn du versprichst, mich nicht zu fragen, wie ich mit Theresas Fall vorankomme.«

»Ava, sei nicht so gemein.«

»Hab dich lieb.« Ava beendete das Gespräch und griff nach ihrem Handy.

Es war Theresa Ng, die deprimiert klang. »Ich habe mit Joey Lac gesprochen. Er weiß nicht, ob er sich mit jemandem treffen möchte.«

»Er weiß es nicht oder er will es nicht?«

»Sie werden ihn anrufen müssen, um es herauszufinden.«

»Theresa, als Sie gesagt haben, dass Ihr Bruder ihn geschlagen hat – was genau ist da passiert?«

»Sie haben sich gestritten, und mein Bruder hat die Beherrschung verloren.«

»Hat er Lac verletzt?«

»Ein bisschen.«

»Was heißt das?«

»Er hat ihn mit einem Baseball-Schläger am Bein erwischt.«

»Du lieber Himmel!«

»Es tut mir leid, Ava. Aber ich glaube nicht, dass sein Bein gebrochen ist oder so. Es ist nur eine Prellung, denke ich.«

Kein Wunder, dass Lac nicht auf ein Treffen erpicht ist, dachte Ava. »Geben Sie mir seine Telefonnummer«, sagte sie gereizt.

Ava wählte die Nummer – sie gehörte einer Steuerberatungskanzlei in Richmond Hill – und hing einige Minuten in der Warteschleife. Sie fing schon an zu glauben, dass Lac sich weigerte, ihren Anruf anzunehmen, als er sich schließlich mit einem schüchternen »Hallo« meldete.

»Mr. Lac, mein Name ist Ava Lee, und ich bin Wirtschaftsprüferin. Ich habe Ihre Nummer von Theresa Ng erhalten. Sie hat mir erzählt, dass Sie vor einiger Zeit ein unerfreuliches Gespräch mit ihrem Bruder hatten. Zuerst einmal möchte ich Ihnen sagen, dass ich Sie auf der beruflichen Ebene in Ihrer Eigenschaft als Steuerberater anspreche. Ich möchte Sie gern zu einem Gespräch treffen – nur Sie und ich –, um freundlich und zivilisiert über Lam Van Dinh und seinen Fonds zu sprechen. Denken Sie, das wäre möglich?«

»Ich weiß nichts darüber«, erwiderte er.

»Worüber wissen Sie nichts?«

»Über den Emerald Lion Fonds. Das habe ich Bobby auch gesagt.«

»Bobby ist Theresas Bruder?«

»Ja. Ich habe ihm gesagt, dass ich nichts Konkretes über den Fonds weiß.«

»Aber Sie kennen Lam Van Dinh?«

»Natürlich. Wir sind zusammen zur Schule gegangen und waren Freunde.«

»Dann möchte ich Sie unbedingt treffen und mit Ihnen reden.«

»Das verstehe ich nicht.«

Ava überlegte, wie viel sie ihm erzählen sollte. »Haben Sie von ihm gehört, seit er Kanada verlassen hat?«

»Nein. Ich weiß nicht einmal mit Gewissheit, dass er weg ist, obwohl ich nichts mehr von ihm gehört habe, und ich weiß, dass alle sagen, er habe sich aus dem Staub gemacht.«

»Nun, er hat mit ziemlicher Sicherheit das Land verlassen, und wir glauben auch zu wissen, wo er sich aufhält. Ich habe die Absicht, ihn aufzusuchen, um herauszufinden, was mit dem Geld geschehen ist.«

»Viel Glück«, sagte Lac spitz.

»Warum sagen Sie das so?«

»Ich glaube nicht, dass Sie auch nur einen Cent finden werden.«

»Und warum nicht?«

Er schwieg, und Ava wusste, dass sie sich mit ihm treffen musste. »Hören Sie, warum lade ich Sie nicht zum Mittagessen ein, statt dieses unangenehme Telefonat fortzuführen. Ich muss ohnehin nach Richmond Hill. Wissen Sie, wo das Restaurant Lucky Season ist?«

»Times Square?«

»Ja, genau. Ich treffe Sie dort um ein Uhr. Ich werde eine blaue Adidas-Jacke tragen.«

Als er nicht antwortete, sagte sie: »Wenn es Ihnen lieber ist, kann ich auch zu Ihnen ins Büro kommen … Mr. Lac, ich werde allein da sein. Es gibt absolut keinen Grund, nicht mit mir zu sprechen. Ich möchte nur verstehen, was für eine Art Mensch Lam ist – oder war –, und ich glaube, dabei können Sie mir helfen. Ich habe keinen anderen Beweggrund.«

»Ich kann nicht vor halb zwei«, sagte er zögerlich.

»Dann treffen wir uns um halb zwei. Danke, Mr. Lac, ich weiß das wirklich zu schätzen.«

Ava fuhr ihren Laptop hoch. Sie fand eine lange E-Mail von May Ling vor. Ava überlegte, ob sie ihr erzählen sollte, dass sie nach Asien flog, entschied sich dann aber dagegen. May konnte emotional anstrengend sein, und wo Ava jetzt wieder einen Auftrag übernommen hatte, musste sie sich konzentrieren. Das Gleiche galt für Amanda, wobei da noch etwas hinzukam: Ava wusste, Amanda würde über Michael sprechen wollen, und Ava war nicht bereit, sich in die verzwickte Lage der ersten Familie ihres Vaters verwickeln zu lassen.

Sie schob ihren Laptop beiseite und ging ihre Notizen vom Vorabend durch. Bank Linno stand ganz oben auf ihrer Liste, gleich hinter Joey Lac. Ava kannte mehrere indonesische Banken, aber Linno gehörte nicht dazu. Das war nicht weiter ungewöhnlich, denn es gab mehr als hundert Geschäftsbanken im ganzen Land. Sie loggte sich auf der Linno-Website ein und war prompt überrascht von der spärlichen Aussagekraft. Als sie sich die zugänglichen Informationen näher ansah, wurde die Sache noch seltsamer. Die Bank hatte ihren Hauptsitz in Surabaya auf der Insel Java. Surabaya hatte über drei Millionen Einwohnerinnen und Einwohner und war eine bedeutende Stadt, aber es war nicht Jakarta. In Jakarta, der Hauptstadt, hatte die Bank keine Zweigniederlassung, ja nicht einmal eine Zweigstelle. Ihre Aktivitäten beschränkten sich auf die Provinz Ost-Java. Der Liste der Zweigniederlassungen zufolge schien sie nur in Surabaya, Batu, Maland und Madiun tätig zu sein.

Wieso hat eine kleine indonesische Bank ein Büro in Toronto?, fragte Ava sich, als sie auf den Button INTERNATIONAL auf der Website klickte. Und wieso hat eben diese Bank Büros in New York, Rom, Caracas und Porlamar?

Sie öffnete das Branchenverzeichnis von Toronto und fand nichts außer einer 800-er Telefonnummer – keine Adresse, keine Ansprechpersonen, keine Servicenummern. Ohne groß zu überlegen, wählte Ava die angegebene Nummer. Es klingelte zwei Mal, dann schaltete sich die Voicemail ein. Ava legte auf. Äußerst merkwürdig, dachte sie.

Kanada hatte fünf große lizensierte Handelsbanken und eine sehr viel längere Liste von kleineren Geldinstituten und Genossenschaftsbanken. Das komplette Bankenwesen war streng reguliert und vielleicht das sicherste der Welt. Linno konnte durchaus ohne Lizenz operieren; es konnte eine »Near Bank« sein, ein banknahes Institut, das Finanzdienstleistungen, aber keine Bankgeschäfte im engeren Sinne anbot. Ava kannte etliche, die nicht direkt mit den Kunden arbeiteten, sondern mittels Finanzberatern, aber selbst die gaben zumindest ihre Servicenummern an.

Sie öffnete die Seiten der anderen internationalen Zweigniederlassungen – die Informationen dort waren ebenso spärlich. Dann kehrte sie zur Hauptniederlassung in Surabaya zurück. Die Informationen über die Aktivitäten der Bank in Indonesien waren weit detaillierter – sie schien das ganze Spektrum an Dienstleistungen für Privat- und Firmenkunden anzubieten. Ava übertrug die Namen der Zweigniederlassungen, die Anschriften, Telefonnummern und die E-Mail-Adressen in ihr Notizbuch. Es war Mittag in Toronto, Mitternacht in Surabaya. Da es keinen Sinn hatte anzurufen, schickte Ava eine E-Mail, in der sie um den Namen einer Ansprechperson und die Adresse des Büros in Toronto bat.

Als das erledigt war, packte sie den Laptop und ihr Notizbuch in die große Chanel-Tasche, die sie als Aktentasche nutzte, und rief unten an, um sich ihren Wagen aus der Garage holen zu lassen. Sie schaute sich in ihrem Apartment um. Sie war nur zwei Tage hiergewesen, aber es kam ihr sehr viel länger vor.

9

DIE FAHRT DEN DON VALLEY PARKWAY hinauf verlief so zäh wie immer, und der Verkehr ließ auch nicht nach, als sie auf den Highway 7 abbog und Chinatown North erreichte. Mittlerweile lebten ungefähr fünfhunderttausend Menschen chinesischer Herkunft im Großraum Toronto. Die erste große Welle war aus Hongkong gekommen, kurz vor der Eingliederung der ehemals britischen Kolonie, gefolgt von einem Zustrom aus dem Mutterland. In Toronto gab es chinesische Tageszeitungen, chinesische Radio- und Fernsehstationen, gigantische Einkaufszentren, die denen in Hongkong nachempfunden waren, sowie Restaurants – Hunderte von Restaurants –, die jede erdenkliche asiatische Küche anboten, kreiert von Chefköchen aus Spitzenrestaurants in Hongkong, Shanghai und Beijing, die Spitzengehälter für ihre Übersiedlung bekamen. Jennie Lee behauptete, dass die chinesischen Restaurants in Toronto inzwischen die besten der Welt waren, und Ava konnte ihr nicht widersprechen.

Als sie damals in Toronto angekommen waren, hatte sich die einzige Chinatown in der Innenstadt befunden. Jeden Samstagmorgen hatte Jennie Ava und Marian ins Auto geladen und sie zum Abakus- und Mandarin-Unterricht gebracht, während sie chinesisches Gemüse einkaufen ging und ihren geliebten thailändischen Jasminreis im Zehn-Kilo-Sack. Diese alte Chinatown war dicht bevölkert, und deshalb hatte Jennie sich mit ihren Töchtern in Richmond Hill, im Norden von Toronto, niedergelassen, wo sich im Laufe der Zeit eine wohlhabende, gebildete chinesische Community entwickelte.

Mimi hatte Ava einmal gefragt, warum so viele Chinesinnen und Chinesen nach Richmond Hill zogen. Die Antwort war einfach. Viele Jahre lang war Vancouver der bevorzugte Ankunftsort für chinesische Einwanderinnen und Einwanderer gewesen, und in Richmond, einer Stadt im Süden von Vancouver, hatten sie sich niedergelassen. Als Toronto Vancouver allmählich als wirtschaftliches Zentrum der chinesischen Community in Kanada ablöste, zogen viele im Westen angesiedelte Chinesinnen und Chinesen nach Osten. Und weil sie – wie alle Landsleute in Hongkong – den Namen Richmond kannten, landeten sie in Richmond Hill. Als Jennie mit ihren Töchtern nach Osten ging, um dem tristen Regenklima Vancouvers, wie sie es nannte und das sie viel zu sehr an Hongkong erinnerte, zu entrinnen, hatte es dort noch nicht viele Chinesinnen und Chinesen gegeben. Doch innerhalb weniger Jahre war Richmond Hill, Ontario, so chinesisch wie Richmond, British Columbia.

Das Lucky Season befand sich in einem Einkaufszentrum namens Times Square, das der Hongkonger Mall gleichen Namens nachempfunden war. Es war kein schickes Restaurant, aber man bekam ein köstliches und preisgünstiges Dim Sum. Jennie hatte das Lokal Jahre zuvor entdeckt und besuchte es seitdem mehrmals in der Woche. Jedes Dim-Sum-Gericht kostete zwei Dollar zwanzig, also etwa die Hälfte von dem, was man in den meisten anderen Lokalen am Highway 7 bezahlte, und vielleicht ein Viertel von dem, was die angesagten Restaurants wie das Lai Wah Heen in der Innenstadt von Toronto in Rechnung stellten. Das Lokal bot Platz für etwa vierhundert Gäste und war immer voll.

Ava kannte die Frau am Empfang – eine weitere von Jennie Lees unzähligen Freundinnen – und wurde sofort an einer Gruppe wartender Gäste vorbei zu einem Tisch geleitet. Niemand beklagte sich über die Vorzugsbehandlung. Beziehungen zu haben war akzeptierter Bestandteil des Alltagslebens in Richmond Hill; es wurde einem keineswegs geneidet – es wurde bewundert.

Die Restaurantmitarbeiterin erkundigte sich nach Jennie. Ava erklärte, dass ihre Mutter den Sommer in einem Cottage verbracht hatte. Die Frau – sie war in flachen Schuhen mindestens eins fünfundachtzig groß und hatte im Basketballteam der chinesischen Frauen mitgespielt – sah ungläubig zu Ava herunter. »Ich dachte, sie wäre nach Hongkong gefahren oder so. In einem Cottage kann ich sie mir nicht vorstellen.«

Ava zuckte die Achseln. »Sie hat es überlebt.«

»Möchten Sie Sauer-Scharf-Suppe?«, fragte die Frau.

»Ja, wie immer. Die bestelle ich jetzt schon. Und alles andere, wenn mein Gast eingetroffen ist.«

Wenn es ums Essen ging, war Ava erklärtermaßen voreingenommen. Sie glaubte, dass die chinesische Küche in all ihrer unglaublichen Vielfalt und ihrer Wertschätzung frischer Zutaten nicht zu übertreffen war. Und wenn sie nur ein einziges Gericht würde wählen dürfen, dann wäre es Sauer-Scharf-Suppe. Sie hatte sie, so meinte sie, buchstäblich tausendfach in Hunderten von Restaurants gegessen. Und jedes Mal, wenn sie sie aß, war sie anders – nicht nur von Restaurant zu Restaurant, sondern selbst in ein und demselben Restaurant an verschiedenen Tagen. Die fortwährende Überraschung entzückte sie. Die Vielfalt, was die möglichen Zutaten anging, sowohl die unabdingbaren als auch die wahlweisen, war so breit gefächert, dass kleine Abweichungen hier und da das ganze Geschmacksprofil verändern konnten. Wie der Name schon sagte, musste die Suppe scharf sein, deshalb gehörten Pfeffer- und Chilischoten auf jeden Fall hinein. Sie sollte außerdem eine leicht saure Note haben, also musste dem Hühnerfond, der die Grundlage bildete, Essig zugegeben werden, zusammen mit – und hier wurden Köchinnen und Köche wirklich kreativ – einer Kombination aus Tofu, Schweinefleisch, Bambussprossen, Mu-Err- und Shiitake-Pilzen, Sojasauce, Sesamöl, Zucker, Frühlingszwiebeln, Shrimps, Jakobsmuscheln und Entenfleisch.

Jedes Restaurant, das eine gute Sauer-Scharf-Suppe zu kochen wusste, konnte auf Ava zählen. Das Lucky Season servierte eine hervorragende und gehörte auf alle Fälle zu ihren Top Three. Ava mochte ihre Suppe besonders scharf, und der Koch im Lucky Season sparte nicht an schwarzem Pfeffer und Chili, ging maßvoll mit dem Essig um und fügte Streifen von roter und grüner Paprika hinzu. Seine Suppe war von hellbrauner Farbe, aber Ava hatte auch schon rote, rosa und dunkelbraune Varianten gegessen. Sie tunkte ihren Löffel ein und holte einen hellrosa Shrimp heraus, um den ein Mu-Err-Streifchen gewickelt war. Sie aß ihn und lächelte.

Joey Lac kam pünktlich. Ava hatte ihre Suppe bereits gegessen und plauderte mit der Restaurantmitarbeiterin, als sie einen Mann an der Tür stehen sah, der den Blick über den Gastraum schweifen ließ. Er war größer, als sie erwartet hatte, annähernd eins achtzig, und ziemlich gewichtig. Ava stand auf und winkte ihm zu. Er sah sie an und schaute dann um sich, als wolle er sich vergewissern, dass sie wirklich allein war. Theresas Bruder hat ihn paranoid gemacht, dachte Ava.

Schwerfällig kam er auf sie zu, Schweißperlen zeigten sich auf seiner Oberlippe und der Stirn. Ava streckte ihm die Hand hin. »Danke, dass Sie gekommen sind.«

»Sie sind anders, als ich erwartet hatte«, sagte er.

»Wieso?«

»Ich hatte jemand Älteren erwartet, eine Vietnamesin. Sie sind keine Vietnamesin, oder?«

»Nun, ich bin älter, als ich aussehe, und nein, ich bin keine Vietnamesin. Ich bin Chinesin. Warum überrascht Sie das?«

»Sie trauen nicht vielen Menschen, die keine Vietnamesen sind.«

»Vielleicht bin ich ihre einzige Hoffnung, ihr Geld zurückzubekommen. Oder vielleicht müssen sie, nach dem, was Lam ihnen angetan hat, neu einschätzen, wem sie vertrauen können.«

»Ich denke, es ist am wahrscheinlichsten, dass Sie ihre einzige Hoffnung sind«, erwiderte Lac und ließ sich bedächtig auf dem Stuhl ihr gegenüber nieder.

Ava setzte sich ebenfalls. »Wie dem auch sei. Noch einmal danke, dass Sie gekommen sind.«

»Ich wollte nicht, aber es ist besser, als wenn Sie in meinem Büro aufgekreuzt wären. Dort hat es schon genug Ärger gegeben, und mit meiner Familie ebenfalls. Ich kann von Glück sagen, dass ich meinen Job noch habe.«

Sofort tauchten Fragen in Avas Kopf auf, aber sie zügelte sich und nahm sich vor, nichts zu überstürzen. Lac war bereits nervös genug. »Lassen Sie uns was zu essen bestellen, und dann können wir reden«, schlug sie vor. »Gibt es etwas Bestimmtes, das Sie mögen oder nicht mögen?«

»Ich mag Hühnerfüße.«

»Entenfüße?«

»Die auch.«

Ava füllte das Dim-Sum-Menü aus und hielt es hoch, damit eine Bedienung es nahm, abzeichnete und zur Küche brachte.

»Ich habe außerdem Har Gau, mit Fischpaste gefüllte Auberginen und frittierten Tintenfisch bestellt.«

»Super«, sagte er ohne Enthusiasmus.

»Wo haben Sie studiert?«, fragte Ava.

»York University.«

»Ich auch. Welcher Jahrgang?«

»1990.«

»Ah, ich war ein paar Jahre nach Ihnen dort.«

»Was Sie nicht sagen«, erwiderte er und sah sie zum ersten Mal direkt an. »Erzählen Sie mir, was das für ein Unternehmen ist, für das Sie arbeiten. Und wieso glauben Sie, dass Sie Lam finden können und, falls es Ihnen gelingt, dass Sie einen Teil des Geldes wiederbeschaffen können?«

»Meine Firma ist in Hongkong angesiedelt«, antwortete sie, erfreut, dass er zur Sache kommen wollte. »Aufträge wie diesen übernehmen wir seit mehr als zehn Jahren. Menschen, die um ihr Geld gebracht werden und es auf traditionelle Weise nicht zurückbekommen, wenden sich an uns. Unsere Klientel sitzt vorwiegend in Asien. Wir haben eine außerordentlich hohe Erfolgsrate.«

»Am Telefon haben Sie gesagt, dass Sie wissen, wo Lam sich aufhält. Stimmt das?«

»Ja.«

»Spielt aber auch keine Rolle. Ich glaube nicht, dass er das Geld hat«, fuhr Lac fort.

»Irgendjemand hat es. Das Geld ist irgendwo hingegangen.«

»Und Sie werden es finden?«

Ava zuckte die Achseln. »Sie hatten Ärger auf der Arbeit deswegen?«

»Ein Klient hat Geld in den Fonds investiert.«

»Und mit Ihrer Familie?«

»Einer meiner Onkel.«

»Wie heißt er?«

»Louis Lac.«

Der Name klang vertraut. Ava holte ihr Notizbuch hervor und ging die Einträge durch, die sie in dem vietnamesischen Restaurant gemacht hatte. Da war er – er war um zwei Millionen Dollar betrogen worden.

»Ihr Onkel ist einer meiner Klienten. Er gehört zu denen, die uns beauftragt haben.«

Die Har Gau, Shrimps in Teigtaschen, wurden serviert, und Joey langte zu. Ava wartete, bis er sein erstes Har Gau verspeist hatte. Dann fragte sie: »Woher kennen Sie Lam?«

»Wir waren zusammen an der Uni. Wir haben im selben Jahr unseren Abschluss gemacht, und wir haben beide ein paar Jahre bei der Commonwealth Bank gearbeitet, ehe unsere Wege sich trennten. Wir sind immer in Verbindung geblieben. Wir waren eine ganze Clique, alles Vietnamesen – wir haben immer zusammengehalten. Es war ein gutes Netzwerk, ehe Lam diese Scheiße gebaut hat.«

Ava nahm sich ein Har Gau aus dem Bambuskörbchen und tunkte es in Chilisauce. »Sie waren also nicht der Einzige, der Interessenten Lams Fonds empfohlen hat.«

»Nein, aber ich bin der Einzige, auf den man mit einem Baseballschläger losgegangen ist.«

»Das war unnötig«, sagte sie. »Menschen werden zuweilen zu emotional, wenn es um Geld geht.«

Die übrigen Gerichte wurden serviert. Während Lac sich die Hühnerfüße vornahm, fragte Ava: »Was für ein Mann ist Lam?«

Lac hielt inne. »Ich dachte … Ich hielt ihn für einen guten Kerl, zumindest für einen anständigen. Er war Wirtschaftsprüfer, genau wie Sie und ich, und er hat seinen Beruf ernst genommen. Bis diese Scheiße passiert ist, hätte ich ihm ohne zu zögern mein Geld anvertraut.«

»Aber das haben Sie nicht.«

»Ich hatte nicht genug Geld, um in diesen Fonds einzusteigen.«

»Glück gehabt«, erwiderte Ava und bereute es auf der Stelle. Seine bisherige Schilderung verdiente keinen Sarkasmus. »Entschuldigung, ich habe es nicht so gemeint.«

»Ich habe mir schon Schlimmeres anhören müssen. Früher habe ich meinen Onkel immer gern besucht, aber die Zeiten sind vorbei. Und Bobby Ng und ich sind jahrelang Freunde gewesen. Auch vorbei. Lam hat das alles ruiniert.«

»Und Sie hielten ihn für einen guten Kerl.«

»Jep. Und in meinem tiefsten Inneren tue ich das bis heute.«

»Wieso?«

»Wenn Sie ihn finden, werden Sie das verstehen«, erwiderte Lac.

»Was soll das heißen?«

»Lam ist so klein, dass sein Vater ihn überreden wollte, Jockey zu werden. Und er ist ebenso schüchtern, wie er klein ist. An der Uni war er der Typ, der immer versucht hat, es allen recht zu machen – der sich mit allen gut stellen wollte. Er hat mir fast ein wenig leidgetan, bis ich ihn etwas besser kennenlernte und mitbekam, wie clever er ist und wie integer. Er könnte keiner Fliege was zuleide tun, wirklich nicht. Ich habe keine Ahnung, wie er in dieses Schlamassel geraten konnte, aber ich bin überzeugt, dass das so nicht geplant war – also dass keine böse Absicht dahintersteckte.«

»Wie können Sie da so sicher sein?«

»Ich habe ihn gesehen, gleich nachdem der Scheiß anfing. Das erste Mal, als er Probleme hatte, die Zahlungen zu leisten. Er hat mir erzählt, er hätte das komplette Geld investiert und dass die Ausschüttungen sich verzögerten, weil die Bank Schwierigkeiten mit einer neuen Software hätte. Er hat mir geschworen, dass das Geld sicher wäre, und ich habe ihm geglaubt.«

»Warum?«

»Ich hatte nicht den Eindruck, dass er mir was vorlog. Er war offenkundig besorgt, aber er konnte mir in die Augen sehen. Das hat mich überzeugt.«

»Sie haben ihn mehr als einmal getroffen?«

»Ja, ungefähr eine Woche später kam mein Onkel zu mir und bat mich, mit Lam zu sprechen, um sein Geld aus dem Fonds abzuziehen. Ich habe mich mit Lam in der Stadt getroffen. Er war ein völliges Wrack – er zitterte, er stotterte, er konnte gar nicht klar denken, er wirkte fast desorientiert. Er hat mir erzählt, dass er nicht schlafen könne und dass er Pillen nehme und angefangen habe zu trinken. Er hat sich ganz und gar nicht wie jemand verhalten, der Millionen von Dollar beiseitegeschafft hat und sich damit aus dem Staub machen wollte.«

»Was hat er in Bezug auf das Geld Ihres Onkels gesagt?«

»Er hat gesagt, im Vertrag stehe, dass mein Onkel ihm dreißig Tage vorher Bescheid geben müsse, ehe er sein Geld zurückfordern könne.«

»Stimmt das?«

»Keine Ahnung. Es war mir auch egal. Ich habe ihn dennoch gedrängt, als Freund. Er hat gesagt, er könne mir nicht helfen, und ist bloß noch nervöser geworden.«

»Und Sie hatten nicht den Verdacht, dass etwas nicht stimmt?«

»Er hat gesagt, die Art und Weise, wie die Investoren auf die verspätete Dividendenausschüttung reagiert hätten, habe ihn sehr bestürzt«, antwortete Lac. »Und nach dem, was Bobby Ng mir angetan hat, kann ich ihm das nicht verdenken.«

»Wie gesagt, das war vollkommen unangemessen.«

»Vielleicht machte Lam sich Sorgen wegen jemandem wie Bobby – jemandem, der vielleicht etwas Tödlicheres einsetzen würde als einen Baseballschläger.«

»Sie haben ihn nicht gefragt?«

»Ich war nicht gerade voll bei der Sache. Ich war mit der Frage beschäftigt, wie mein Onkel reagieren würde.«

Ava warf einen Blick in ihr Notizbuch. »Er hat das Geld in bar eingesammelt, richtig?«

»Das ist die vietnamesische Art.«

»Und bei der Bank Linno eingezahlt?«

»So hat er gesagt.«

»Was wissen Sie über diese Bank?«

Lac zuckte die Achseln. »Sie hatte eine Zweigstelle hier. In der College Street. Sie ist mittlerweile geschlossen.«

Ava verschlug es den Atem. »Woher wissen Sie das?«

»Ich bin dagewesen. Nachdem Lam verschwunden war, war das eine der wenigen Spuren, denen ich nachgehen konnte.«

»Und sie war geschlossen?«

»Ich habe mit einem Buchhalter gesprochen, der ein Büro auf derselben Etage hat, und er hat mir erzählt, dass sie übers Wochenende die Biege gemacht hätten. Der Vermieter war nicht besonders erfreut.«

»Kannte der Buchhalter jemanden, der dort gearbeitet hat?«

»Ich glaube nicht. Ich habe ihn nicht gefragt. Ich habe dann den Vermieter kontaktiert, um zu sehen, ob er mir den Namen und die Telefonnummer der Person gibt, die den Mietvertrag unterschrieben hat. Das hat er getan. Es war ein Typ aus Indonesien, den der Vermieter aufzuspüren versuchte.«

»Haben Sie in Indonesien angerufen?«

»Hab ich. Der Typ ist weder rangegangen, noch hat er mich zurückgerufen.«

»Wissen Sie seinen Namen noch?«

»Ich habe ihn im Büro.«

»Können Sie ihn mir zusammen mit der Telefonnummer mailen?«

»Klar.«

»Und den Namen und die Telefonnummer des Vermieters bitte auch.«

Lac runzelte die Stirn und presste die Lippen zusammen. »Ich mache das, aber ich glaube, Sie verschwenden Ihre Zeit.«

Ava schüttelte den Kopf und reichte ihm ihre Karte. »Meine E-Mail-Adresse steht hier drauf«, sagte sie. »Diese Sache mit der geschlossenen Zweigstelle – das ist doch sehr merkwürdig. Das ganze Geld von Lam zu nehmen und dann, wenn er in finanzielle Probleme gerät, die Türen zu verschließen …«

»Natürlich ist das seltsam, aber es war ja auch keine gewöhnliche Bank. Das Büro war im siebten Stock eines heruntergekommenen Gebäudes, und nach dem, was mir der Buchhalter erzählt hat, hat es nie viel Publikumsverkehr gegeben.«

»Was für eine Art von Bank ist das eigentlich? Ich habe mir deren Website angesehen und kaum Informationen gefunden.«

»Auf dem Schild an der Tür stand PRIVATE INVESTMENT-BANK, von daher haben sie vermutlich keine gewöhnlichen Bankleistungen angeboten.«

»Hatten sie eine Banklizenz?«

»Nicht dass ich wüsste, und ich habe gründlich recherchiert.«

»Da bin ich sicher«, erwiderte Ava.

»Es ist eine Sackgasse.«

»Wann haben Sie Lam das letzte Mal gesehen oder von ihm gehört?«

»Als ich mich mit ihm getroffen habe, um ihn zu bitten, meinem Onkel sein Geld zurückzugeben.«

»Hat er jemals über die Bank gesprochen?«

»Nicht ein Wort.«

»Und Sie glauben wirklich nicht, dass Lam sich mit dem Geld aus dem Staub gemacht hat?«

Lac warf den Kopf in den Nacken und kniff die Augen zusammen. »Nein, aber ich wünschte, ich würde es glauben. Das wäre einfacher, denn dann bestünde zumindest die leise Hoffnung, es zurückzubekommen. Aber es sieht Lam nicht ähnlich, Geld zu veruntreuen. Das ist nicht seine Art.«

»Das sagen Sie«, entgegnete Ava. »Aber wenn er es nicht veruntreut hat, wo ist es dann abgeblieben?«

10

AVA ÖFFNETE DIE AUGEN und blinzelte in das grelle Kabinenlicht. Sie blickte aus dem Fenster auf das Südchinesische Meer, das in der Morgensonne glitzerte und mit Schiffen gesprenkelt war, deren Anzahl mit jedem Kilometer, den sie sich Hongkong näherten, zunahm. Ava stand auf und streckte sich, dann ging sie in den Waschraum, um sich frischzumachen und einen klaren Kopf zu kriegen.

Chek Lap Kok International gehörte zu einer Reihe von neueren asiatischen Flughäfen – wie Bangkok, Singapur, Kuala Lumpur und Beijing –, die einzig darauf ausgerichtet waren, Menschen und Gepäck so effizient wie möglich durchzuschleusen. Der Flughafen besaß nichts von dem Charme des alten Kai Tak Airport in Kowloon, den man nach einer scharfen Kurve entlang der Berge direkt über die Hochhäuser Hongkongs zur Landebahn im Victoria Harbour angeflogen hatte, so dass die zum Trocknen aufgehängte flatternde Wäsche fast die Flügel des Flugzeugs zu streifen schien.

Lap Kok war auf einer künstlich erheblich veränderten Insel etwa zwanzig Kilometer von Hongkong entfernt errichtet worden. In Avas Augen besaß dieser Flughafen den Vorzug, dass sie nur etwa fünfzehn Minuten brauchte, um aus dem Flugzeug zu steigen, den Zoll zu passieren und ihr Gepäck (sofern sie es aufgegeben hatte) abzuholen. Um ins Stadtzentrum zu fahren, konnte sie den Airport Express-Zug nehmen oder mit dem Taxi die sechsspurige Schnellstraße in Küstennähe zurücklegen. Kai Tak war zwar nur eine zehnminütige Taxifahrt von Onkels Wohnung entfernt gewesen, aber es hatte länger gedauert, die Pass- und Zollkontrolle hinter sich zu bringen – die Schlangen in der Ankunftshalle reichten oft bis in die Gänge hinein – und für ein Taxi anzustehen, als die Fahrt von Chek Lap Kok aus.

Wie gewöhnlich, war Ava binnen Minuten durch die Pass- und Zollkontrolle und in der Ankunftshalle. Sie strebte auf den Taxistand zu, als sie hörte, wie jemand hinter ihr ihren Namen rief. Sie wandte sich um und erblickte Sonny. Er stand unter dem Zeichen mit der Aufschrift MEETING POINT.

Sie blinzelte und hielt dann nach Onkel Ausschau. Er war nirgends zu sehen. Sonny winkte unbeholfen. Ava ging auf ihn zu, und ihr stiegen Tränen in die Augen. Bei ihrer letzten Begegnung hatte er sie auf seinen Armen aus dem Haus in Macao getragen. Für die andere Seite war die Auseinandersetzung böse ausgegangen: drei Tote und ein Schwerverletzter; Ava war die Einzige, die auf ihrer Seite verwundet worden war. Sonny hatte ihr vermutlich das Leben gerettet.

»Hey, Boss!«, sagte er. Er trug einen schwarzen Anzug, ein weißes Hemd und eine schwarze Krawatte, was ihn aber nicht weniger bedrohlich aussehen ließ. Er war gut eins achtzig groß, stämmig und trotz seiner Masse unglaublich agil. Ava kannte keinen Mann, der körperlich mehr zu fürchten war.

»Sonny«, sagte sie und streckte die Arme aus.

Sie umarmten einander – das war neu in ihrer Beziehung; das hatte Macao verändert.

»Schön, dich zu sehen. Wir waren nicht sicher, ob du zurückkommen würdest.«

»Ich auch nicht.«

Er griff nach ihrem Handgepäck. Sie wehrte sich dagegen, aber nur für einen Moment. Seite an Seite gingen sie zum Ausgang. Neben Sonny war sie sich immer klein vorgekommen, und jetzt, wo die Erinnerungen an Macao sie bestürmten, umso mehr. Sie hatte nicht über die Ereignisse nachgedacht, wie sie feststellte. Oder hatte es vorgezogen, alles zu vergessen. Wie auch immer – mit Sonny kam nun alles zurück.

»Ich habe Onkel gebeten, nicht zum Flughafen zu kommen«, sagte sie.

»Er hat mich trotzdem geschickt.«

Sie verließen das Flughafengebäude und hatten nur wenige Schritte bis zu dem silbernen S-Klasse-Mercedes, Onkels neuem Wagen. Er stand in einer Parkverbotszone; daneben ein Polizist. Der lächelte Sonny an, und einen Augenblick dachte Ava, er würde ihnen die Türen öffnen. Stattdessen nickte er leicht und entfernte sich. Ava wollte die Beifahrertür öffnen, aber Sonny legte ihr die Hand auf den Arm und öffnete die hintere Tür. »Onkel nimmt immer hinten Platz, wie du weißt.«

Sie zögerte und sah, wie Sonny die Stirn runzelte. Sie glitt auf den Rücksitz und stellte ihr Handy an, während sie das Terminal verließen. Es gab eine Sprachnachricht von Maria, die sehr viel niedergeschlagener klang als zuvor, als Ava verkündet hatte, dass sie ihre Arbeit wieder aufnehmen würde. In Toronto war es früher Abend, und Ava hätte sie erreichen können. Sie entschied sich dagegen. Wenn sie einem Auftrag nachging, versuchte sie ihr Privatleben und alle Ablenkungen, die damit verknüpft sein mochten, im Hintergrund zu halten. Es war eine gute Angewohnheit, die sie gleich wieder annahm.

»Wir fahren nicht ins Mandarin«, sagte Sonny und sah sie im Rückspiegel an. »Onkel hat gesagt, als du das letzte Mal hier warst, hättet ihr jook in Kowloon gegessen und das hätte euch Glück gebracht. Er möchte dich in demselben Restaurant treffen.«

»Ist gut«, sagte Ava.

Den ersten Teil der Fahrt nach Hongkong legten sie schweigend zurück. Sonny war selbst zu besten Zeiten nicht besonders gesprächig, Ava empfand Stille als absolut angenehm, und so war Schweigen für sie beide völlig natürlich. Doch als sie die Tsing-Ma-Brücke überquerten und Hongkong in Sicht kam, sagte Sonny: »Ich kann dir gar nicht sagen, wie glücklich er ist, dass du hier bist und dass ihr beide zusammen wieder einen Auftrag übernommen habt.«

»Ich freue mich auch, ihn wiederzusehen.«

»Er hat das gebraucht.«

»Was meinst du damit?«, fragte Ava.

»Er hat etwas gebraucht, das sein Interesse wieder weckt«, erklärte Sonny. »Lourdes und ich haben uns Sorgen um ihn gemacht.«

»Du machst mir Angst«, sagte Ava hastig. »Gibt es etwas, das ich wissen sollte?«

Sonny wandte sich kurz zu ihr um. »Wir sind uns nicht sicher.«

»Sonny, rede mit mir – bitte!«

»Im Grunde gibt es nichts, über das wir reden müssten. Es gibt keinen echten Grund zur Besorgnis. Es ist bloß so, dass es Tage gegeben hat, an denen er nicht aus dem Haus gegangen ist, und du weißt ja, dass das gar nicht seine Art ist. Und dann wieder gab es Tage, an denen er allein unterwegs war, ohne mir etwas zu sagen. Das ist auch nicht seine Art.«

»Weißt du, wo er war?«

»Nein.«

»Das ist wirklich merkwürdig.«

An seinen Augen im Rückspiegel sah sie, dass er unschlüssig war. »Lourdes denkt, dass er einfach bloß alt wird.«

»Er ist alt.«

»Natürlich ist er das, aber er hat sich nie alt verhalten. Sein Verstand war immer so scharf, und körperlich war er nie ein Mann, der Wehwehchen und Zipperlein hatte.«

»Was hat sich verändert?«

Sonny zögerte, und sie wusste, dass es ihm schwerfiel, über Onkel auf eine andere Weise zu reden als mit äußerstem, bedingungslosem Respekt. Selbst ihm gewöhnliche menschliche Gebrechlichkeit zuzuschreiben musste ihm wie eine Art Verrat vorkommen.

»Wir sind wie eine Familie, Sonny«, sagte sie.

»Er hat mit mir über die alten Zeiten geredet«, sagte Sonny langsam. »Wir sind nun schon seit mehr als zwanzig Jahren zusammen. Er hat mir damals aus der Patsche geholfen, weißt du. Ich war früher ziemlich aufbrausend, hab nie lange gefackelt. Ich hab immer gleich reagiert, ohne groß nachzudenken. Tja, und einmal bin ich zu weit gegangen. Ich war damals Anführer einer Gang in den New Territories. Onkel war der Boss – der große Boss –, und es war an ihm zu entscheiden, was mit mir passieren sollte. Er hätte einfach den Befehl geben können, aber stattdessen hat er nach mir geschickt und mit mir geredet. Ich war ihm nie zuvor begegnet. Es stellte sich heraus, dass wir eine ähnliche Kindheit gehabt hatten – es gab da eine Verbindung, wenn auch nur grob. Er hat gesagt, er glaubt, ich könnte ihm nützlich sein, wenn ich es schaffen würde, mich unter Kontrolle zu haben. Ich habe ihm gesagt: ›Ich weiß nicht, wie das geht.‹ Und Onkel hat geantwortet: ›Tu genau das, was ich dir sage. Versuch nicht länger, selbst zu denken. Auf die Art wird das Leben einfacher für dich.‹ Und so war es dann auch.«

Ava spürte, wie ihre Wangen heiß wurden. Die besondere Beziehung zwischen Sonny und Onkel war ihr nicht entgangen, aber sie hatte nie versucht, sie zu analysieren oder zu hinterfragen. Sie stand für sich und war Außenstehenden verschlossen. Ava hätte nie gedacht, dass Sonny derjenige sein würde, der sie zum Thema machte. Außerdem war sie überrascht, wie lange er geredet hatte. Sie hatte ihn nie mehr als zwei oder drei aufeinanderfolgende Sätze sagen hören. »Du sagst, er habe über die alten Zeiten geredet?«

»Ja, und das hat er vorher noch nie gemacht. Klar, wenn er mit Onkel Fong oder ein paar von seinen alten Gefährten zusammen war, dann haben sie schon über die Vergangenheit gesprochen, aber mit mir hat er das nie getan. Und jetzt tut er das.«

Sie verließen die Brücke und näherten sich im Schneckentempo dem Cross-Harbour-Tunnel nach Kowloon.

»Was hat er dir erzählt?«

»Es quält ihn, was mit den Gesellschaften passiert ist. Es gipfelte darin, als er dir bei der Sache mit dem Arschloch in Macao nicht helfen konnte. Er hat mir erzählt, als er Vorsitzender war, glaubte er Struktur in die Organisation gebracht zu haben und dass ein Schwur wieder etwas wert war. Doch sobald er ihnen den Rücken gekehrt hatte, ging alles wieder den Bach runter. Er hat das Gefühl, seine Zeit verschwendet zu haben – dass ein Teil seines Lebens vergeudet war.«

»Er hat immer noch so vieles, auf das er stolz sein kann.«

»Das scheint er nicht hören zu wollen.«

»Nun, ich werde mit ihm sprechen.«

Sonny verfiel wieder in Schweigen, und Ava fragte sich, ob ihm ihr Vorschlag missfiel. Aber dann sagte er: »Ja, ich glaube, das solltest du. Du bist vermutlich der einzige Mensch, dem er wirklich zuhört. Ich und Lourdes – wir sind wie alte Möbelstücke.«

Vor dem Tunnel hatte sich eine Schlange gebildet, und Ava wünschte, sie hätten sich an ihren Plan gehalten, sich auf der Hongkong-Seite zu treffen.

»Es wird nicht lange dauern«, sagte Sonny, als könnte er ihre Gedanken lesen.

»Diese Wehwehchen und Zipperlein, von denen du gesprochen hast – gibt’s da irgendwas Konkretes?«

»Er scheint öfter Magenprobleme zu haben als sonst, und er isst nicht mehr so viel wie früher. Lourdes sagt, er hätte Gewicht verloren.«

»Mir hat er erzählt, er hätte zu oft billiges Sashimi gegessen.«

»Blödsinn. Er hat seit Monaten nicht japanisch gegessen, es sei denn hinter meinem Rücken. Er hat sonst immer einen gesunden Appetit gehabt, aber in letzter Zeit stochert er im Essen bloß noch herum, und er hat eine Menge Gerichte von seinem Speiseplan gestrichen. Ich glaube, deshalb will er dich in Kowloon treffen. Morgens isst er jetzt immer Congee, und Lourdes sagt, manchmal auch abends.«

Ava fühlte sich ein wenig schuldbewusst, weil sie wegen des Cross-Harbour-Tunnels genervt gewesen war. »Hat er einen Arzt aufgesucht?«

»Das wissen wir nicht.«

»Wäre es möglich, dass er an den Tagen, an denen er ohne dich das Haus verlässt, vielleicht zum Arzt geht?«

Sonny schüttelte den Kopf und seufzte. »Daran habe ich noch gar nicht gedacht … Mist, warum bin ich nicht darauf gekommen?«

»Wenn er dir keinen Grund zu der Annahme gegeben hat – warum solltest du?«

»Aber du bist gleich darauf gekommen.«

»Ich bin genauso hinterlistig wie er.«

Sonny hieb mit der Hand aufs Lenkrad. »An den Tagen, an denen er mich nicht braucht, wie er sagt, werde ich meinen Hintern draußen vor dem Haus parken. Ich werde ihn beschatten.«

»Gute Idee«, erwiderte Ava, obwohl sie sich kaum vorstellen konnte, dass Onkel Sonnys Anwesenheit entgehen würde. »Und du könntest noch etwas tun: Sprich mit Lourdes und finde heraus, wer sein Arzt ist. Das würde ich nämlich auch gern wissen.«

»Mach ich«, sagte Sonny, als sie in den Tunnel eintauchten und die letzte Etappe nach Kowloon in Angriff nahmen.

Das Restaurant war in Tsim Sha Tsui, in der Nähe des Star Ferry Piers. Die Straße war mit Bussen und Taxis verstopft, und selbst Sonny konnte keinen Parkplatz finden, weder einen legalen noch einen illegalen. Er ließ sie am Eingang des Restaurants aussteigen und bat sie, ihn auf dem Handy anzurufen, wenn sie fertig waren.

Onkel war bereits da. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal mit ihm verabredet gewesen war und auf ihn hatte warten müssen. Am Eingang herrschte Gedränge, aber sie erspähte Onkel zwischen all den Menschen hindurch. Er saß in einer Nische mit einer Kanne Tee vor sich. Seine Füße baumelten über dem Boden. Wie Sonny trug er einen schwarzen Anzug und ein weißes Hemd, das bis zum Kragen zugeknöpft war. Sein Haar war noch immer überwiegend schwarz, wies aber mehr graue Strähnen auf, als sie in Erinnerung hatte. Sein Gesicht war beinahe faltenlos. Er war klein, nicht größer als sie, und er sah aus, als sei er ein wenig geschrumpft und habe, wie Sonny gesagt hatte, Gewicht verloren. Ava nahm ihn genau in Augenschein. Seine dunkelbraunen Augen schienen so lebhaft wie stets, und falls er sich Sorgen machte, ließ sein Blick das nicht erkennen.

Sie zwängte sich durch das Gedränge und ging auf ihn zu.

Er bemerkte sie, und ein Lächeln erhellte sein Gesicht. Er stand auf und streckte die Arme nach ihr aus. »So schön wie eh und je, mein Mädchen, so schön wie immer.«

Sie küsste ihn auf die Stirn. »Ich freue mich so, dich zu sehen!«

»Du hast nichts dagegen, hier zu essen?«

»Natürlich nicht. Du weißt, ich liebe Congee.«

»Ehrlich gesagt war mir nicht danach, mit dem Auto nach Hongkong zu fahren oder mich in der Rushhour in die Star Ferry zu zwängen.«

»Ich bin sicher, dass dir der Spaziergang gutgetan hat.«

Die Kellnerin wartete schon, um fix die Bestellung aufzunehmen, fix das Essen zu bringen, fix den Tisch erneut zu verkaufen, denn nichts brachte die Zeit zurück.

»Weißt du schon, was du möchtest?«, fragte Onkel Ava.

»Congee mit gehackten Frühlingszwiebeln.«

»Ich nehme das Gleiche, mit gesalzenen Eiern und eingelegtem Gemüse als Beilage«, sagte er zu der Kellnerin.

»Oh, ich möchte außerdem you tiao«, sagte Ava.

»Natürlich«, stimmte Onkel zu.

In wenigen Minuten wurde ihre Bestellung serviert. Congee und jook waren das Gleiche – ein einfacher Reisbrei. Ava fügte Sojasauce und weißen Pfeffer hinzu und tunkte eine you tiao, ein frittierte Hefestange, hinein. Onkel schlürfte seinen Reisbrei, wie er war, nahm aber zwischendurch einen Bissen von den Eiern und dem Gemüse. »Ich komme morgens oft hierher«, sagte er. »Lourdes wäre entsetzt, wenn sie das wüsste. Sie glaubt, sie mache den besten jook in Kowloon, und ich habe nicht das Herz, ihren Glauben zu zerstören.«

»Ich werde kein Wort darüber verlieren.«

»Während ich hier gesessen und auf dich gewartet habe, musste ich an das letzte Mal denken, als wir hier waren.«

»Mir ist, als wäre das Jahre her.«

»Ich habe mir solche Sorgen um dich gemacht.«

Sie sah von ihrer Reisschale auf und schaute ihn an. Da war sie wieder, diese Sentimentalität, aber seine Miene ließ nichts davon erkennen. »Es war nichts, mit dem wir schließlich nicht fertiggeworden wären, richtig? Letzten Endes haben wir Erfolg gehabt«, sagte sie.

»Gewissermaßen.«

»Es tut mir leid, dass ich den ganzen Sommer verbummelt habe.« Sie versuchte, sie wieder näher an die Gegenwart zu bringen. »Es hat Wochen gedauert, bis ich mein Bein wieder halbwegs normal gebrauchen konnte, und bis dahin war ich schon längst im Cottage und war richtig faul. Doch jetzt bin ich wieder im Einsatz, also lass uns die alten Sorgen vergessen.«

Er aß langsam, nahm Löffel um Löffel von seinem Reisbrei, als wäre es eine Hundert-Dollar-Schale Haifischflossensuppe, und schlürfte den Congee mit winzigen Schlucken. Er war nie ein schneller Esser gewesen, aber jetzt war er geradezu bedächtig. Ava hielt immer wieder inne, damit er nicht vollends ins Hintertreffen geriet.

»Du solltest wissen, dass ich Zweifel habe, ob mein Besuch in Ho-Chi-Minh-Stadt Erfolg verspricht«, sagte sie. »Es könnte ein kurzer Einsatz werden.«

»Warum denkst du das?«

Sie erzählte ihm in allen Einzelheiten von ihrem Treffen mit Joey Lac und auch, dass dieser absolut überzeugt war, dass Lam zu einer Unterschlagung dieses Ausmaßes nicht fähig war.

»Es sind immer diejenigen, die wir nicht in Verdacht haben, ehe es zu spät ist«, sagte Onkel und machte eine wegwerfende Geste.

»Aber Lac hat ihn gut gekannt.«

»Du wirst das bald genug herausfinden.«

»Welche Vorkehrungen hast du in Vietnam getroffen?«

»Am Flughafen wird ein Freund auf dich warten. Er wird Zivilkleidung tragen, ist aber bei der Polizei, District One. Er wird tun, was du von ihm verlangst … in angemessenem Rahmen, versteht sich.«

»Ich gehe nicht davon aus, dass Lam mir ernste Probleme bereiten wird. Er ist Finanzberater, kein Gangster.«

»Sei auf jeden Fall vorsichtig. Vergiss nicht, dass sein Bruder ein vermögender Mann ist, und er wird Freunde in Vietnam haben. In dem Land führt einen das zwangsläufig zur Polizei oder zur Armee.«

»Ich werde nichts Unüberlegtes tun«, erwiderte Ava und holte ihr Notizbuch aus der Tasche. Sie riss eine leere Seite heraus und schrieb die Informationen über die Bank Linno ab, die Lac ihr gemailt hatte. »Haben wir Kontakte in Indonesien?«, fragte sie.

»Einige. Hauptsächlich in Jakarta natürlich.«

Sie schob ihm den Zettel hin. »Diese Bank hat ihren Firmensitz in Surabaya. Ich habe nur einen Namen und dazu eine Telefonnummer und eine E-Mail-Adresse. Könntest du möglichst viel über diese Bank in Erfahrung bringen?«

»Die hängt mit Lam zusammen?«

»In der Tat.«

»Ich habe noch nie von dieser Bank gehört.«

»Sie war immerhin groß genug für eine Zweigstelle in Toronto, und dort hat Lam das Geld eingezahlt, das er eingesammelt hatte. Das Merkwürdige ist, dass die Filiale dichtgemacht wurde, kurz nachdem Lam in Schwierigkeiten geraten war.«

»Glaubst du, dass es da eine Verbindung gibt?«

Es war nicht seine Art, voreilige Schlüsse zu ziehen, ebenso wenig wie ihre. Langsam und bedächtig, das war immer ihre Devise gewesen – von A nach B nach C, bis sie am Ende anlangten, ohne Abkürzungen zu nehmen, denn Abkürzungen erwiesen sich in den meisten Fällen als sinnloses Unterfangen, als reine Geld- und Zeitverschwendung.

»Ich weiß nicht, was ich glauben soll«, entgegnete sie. »Ich muss erst mal Lam finden.«

»Ich werde zusehen, was ich in Indonesien in Erfahrung bringen kann«, sagte Onkel.

»Danke.«

Er legte seinen Löffel beiseite, das jook erst halb gegessen. »Ich muss sagen, dass ich überrascht war, als du mich anriefst, um über diesen Auftrag zu sprechen.«

Seine Miene war gleichmütig, aber Ava vernahm das leichte Zittern in seiner Stimme.

»Warum das?«

»Ich dachte, nach Macao hättest du vielleicht beschlossen, dass der Erfolg das Risiko nicht mehr aufwiegt. Ich meine, du hast genug Geld, um solche Aufträge nicht mehr übernehmen zu müssen, und du bist so verdammt clever, dass du alles Mögliche machen könntest, was immer du willst.«

Ava streckte die Hand aus und legte sie auf seine. »Es geht wieder um May Ling, nicht wahr?«

Er lächelte. »Sie ist nicht so subtil wie du, auch wenn sie das gern glaubt. Sie hat mich gestern angerufen, und zwar nicht zum ersten Mal, und mich doch tatsächlich gefragt, ob ich je daran gedacht hätte, nach Wuhan heimzukehren. Und als ich erwiderte, das hätte ich – was vor zehn oder fünfzehn Jahren auch so war –, meinte sie, Changxing und sie würden sich geehrt fühlen, wenn ich eine Position in ihrem Unternehmen einnähme, als eine Art Elder Statesman. Und das von einer Frau, die uns damals nicht engagieren wollte, weil es ihr widerstrebte, ihren Familiennamen mit meinem in Verbindung zu bringen. Es muss ihr ein dringendes Anliegen sein, sich mit dir zusammenzuschließen, wenn sie bereit ist, mich in Kauf zu nehmen.«

Ava sah keinen Sinn darin, nicht direkt zu sein. »Onkel, du hast dazu beigetragen, dass May und ich uns kennenlernen. Nun sind wir Freundinnen. Und ja, sie hat versucht mich zu bewegen, in ihr Unternehmen einzusteigen. Ehrlich gesagt, habe ich darüber nachgedacht, und ich habe beschlossen, dass ich noch nicht dazu bereit bin. Vielleicht eines Tages, aber im Augenblick noch nicht. Ist das für dich akzeptabel?«

»Natürlich. Du schuldest mir nichts.«

»Ich schulde dir alles«, erwiderte sie, schärfer und lauter, als sie beabsichtigt hatte.

Er wandte die Augen ab, sein Blick glitt zum Fenster hinüber. »Ich sehe, dass Sonny umherkreist. Wir müssen dich zum Flughafen bringen, und ich muss einige Anrufe nach Indonesien tätigen und vielleicht auf die Philippinen. Meine Kontakte nach Indonesien sind nicht so gut, aber ich weiß, dass Onkel Chang dort gut vernetzt ist.«

»Wenn du mit ihm sprichst, richte ihm Grüße von mir aus«, sagte Ava.

»Wir telefonieren jede Woche miteinander«, antwortete Onkel. »Er ist immer noch Tommy Ordonez’ rechte Hand, und ich schätze, dass das so bleiben wird, bis er stirbt.«

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442 p. 4 illustrations
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9783959172141
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