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DIAGNOSE KREBS

Leben ist eine Alternative

Von Dr. Herbert Kappauf

Der Titel meiner Vorlesung muss in seinem geschichtlichen Zusammenhang gesehen werden.

1979 hat Maxie Wander ihr Buch „Leben wäre eine prima Alternative“ veröffentlicht. In Deutschland war es das erste Buch, in dem das Thema Krebskrankheit - bis dahin tabuisiert - öffentlich diskutiert wurde.

1979 ist auch das Jahr, in dem ich meine Arbeit an der damals zweiten Schwerpunktklinik für Krebserkrankungen in Deutschland begonnen habe.

Damals stand Krebs noch nicht im Zentrum der medizinischen Forschung und Aufmerksamkeit. Mit meinem damaligen Chef, Professor Gallmeier, diskutierten wir immer wieder, dass dieser Konjunktiv „Leben wäre eine prima Alternative“ nicht der Wirklichkeit entsprechen darf, die Krebsbetroffene vorfinden. Menschen mit einer Krebserkrankung sollen trotz ihres Leidens im und am Leben bleiben.

So entstand dann 15 Jahre später das Buch „Nach der Diagnose Krebs - Leben ist eine Alternative“.

Zu diesem Zeitpunkt war die Öffentlichkeit schon wesentlich besser über das Thema Krebs informiert.

Man muss sich ganz klar vor Augen halten: Krebs ist nicht eine einzige Erkrankung. Mit „Krebs“ bezeichnen wir eine ganze Bandbreite von etwa 200 verschiedenen Erkrankungen. Diese sind so unterschiedlich wie Herzinfarkt, Krampfadern und Schlaganfälle: Bei allen handelt es sich um Gefäßerkankungen. Heutzutage würden wir aber niemals allgemein fragen: „Wann gibt es endlich eine Therapie gegen Gefäßerkrankungen?“

Bei Krebserkrankungen ist dieser Ansatz jedoch noch oft zu finden, wie dieser gängige Satz zeigt: „Wann ist die Geisel Krebs endlich besiegt?“

Dabei wird vergessen, dass bei vielen Krebserkrankungen heutzutage gute Heilungschancen bestehen, die vor 30 Jahren noch nicht denkbar waren.

Die Erfolge der modernen Krebsmedizin wirken sich auf die altersbezogene Tumorhäufigkeit und die Tumormortalität aus.

Dazu steht im Widerspruch, dass Tumorerkrankungen – in Bezug auf die Gesamtbevölkerung –zunehmen! Wie ist das zu erklären?

Zwei Drittel aller Krebserkrankungen betreffen Menschen, die älter als 65 Jahre sind. Durch die Überalterung der Bevölkerung nehmen die Krebserkrankungen also -absolut gesehen - zu. Dabei nimmt die Häufigkeit an Neuerkrankungen und auch die Sterblichkeitsrate in den jüngeren Altersgruppen, z. B. von 40 bis 50 Jahren, ab. Die Verschiebung des Altersdurchschnitts der Bevölkerung trübt also den Blick auf die Erfolge, die wir in der Krebsmedizin erzielt haben.

Trotzdem wurde 2010 bei etwa 450.000 Menschen in Deutschland eine neue Krebserkrankung diagnostiziert. Wieder erscheint diese Zahl beträchtlich. Eine Krebserkrankung ist aber heute nicht mehr gleichbedeutend mit einem Todesurteil. Viele Menschen überleben und leben trotz und mit ihrer Krebserkrankung. Die Aussage: „Ich bin oder war krebskrank“ trifft für immer mehr Menschen zu. Nochmals möchte ich betonen, dass die Anzahl der Krebserkrankungen in der Bevölkerung kein Hinweis darauf ist, dass in der Krebsmedizin keine Erfolge erzielt werden.

Ein 65-jähriger hat heutzutage im Durchschnitt noch 15 bis 20 Jahre zu leben. Selbst 80jährige haben durchschnittlich noch knapp 10 Jahre vor sich.

Auch für die älteren Bevölkerungsgruppen in unserer Gesellschaft hat die Krebsmedizin also eine Bedeutung. Unsere Aufgabe ist es, für jeden eine maßgeschneiderte Therapie zu entwickeln, die ihm längerfristig ein Überleben mit seiner Krankheit ermöglichen.

Eine Krebserkrankung kommt plötzlich ins Leben. Auch wenn jeder weiß, dass es sich um eine häufige Erkrankung handelt, reagiert der Betroffene auf die Diagnose meist so, wie es der Komponist Ralph Siegel in der Süddeutschen Zeitung beschrieben hat: „Ich wollte mich noch ein paar Jahre durchs Leben mogeln, aber dann kam der Krebs. Seitdem ist vieles für mich anders.“

Das Interview mit ihm wurde als „Gespräch über Musik und Tod“ veröffentlicht. Vor 30 Jahren wäre ein solches Interview bei oder nach der Diagnose Krebs noch nicht denkbar gewesen. Auch von journalistischer Seite wurde das Thema lange Zeit tabuisiert.

Dies hat sich weitgehend geändert. Krebs wird nicht mehr nur als Todesurteil dargestellt, die Schwarz-Weiß-Malerei der Medien lässt nach.

Es wird objektiver über die Erfolge in der Krebsmedizin berichtet, vermehrt werden die kleinen Etappensiege dargestellt: Verbesserte Medikamente, begleitende Therapien gegen Nebenwirkungen der modernen Chemotherapie und verbessere Lebensbedingungen bei noch nicht heilbaren Krebserkrankungen.

Auch die Krebserkrankung von Menschen aus dem öffentlichen Leben wird freimütig angesprochen. Ich zitiere aus der Yellow Press: „Blasse Haut, eingefallene Wangen, den Kopf unter einem Tuch verborgen seit der Diagnose Brustkrebs“. Heutzutage erscheinen junge Frauen in Chemotherapie ästhetisch schön auf den Titelseiten, zum Beispiel Sylvie van der Vaart für die Zeitschrift „Stern.“

Krebspatienten werden als Menschen dargestellt, die trotz der Erkrankung ihre Gestaltungssouveränität im Leben behalten. Menschen, für die „Leben“ nicht eine prima Alternative wäre, sondern eine Alternative ist.

Ein Mensch der von seiner Krebserkrankung erfährt, ist verschiedenen Belastungsphasen ausgesetzt. Da ist zuerst der Schock nach erhaltener Diagnose. Die Angst, „Ich könnte an dieser Erkrankung sterben“ und „Werde ich an dieser Erkrankung sterben?“. Sie besteht unabhängig davon, ob objektiv eine gute oder eine schlechte Heilungschance besteht. Selbst bei einer Vollremission, wenn der Tumorherd operativ, durch Strahlen- oder medikamentöse Tumortherapie beseitigt wurde, können sich die Patienten nicht vollkommen sicher fühlen. Das Leben nach der Krebserkrankung wird von Rezidivängsten begleitet: „Wird der Krebs wiederkommen?“

Wenn beim Patienten wirklich ein Krankheitsrückfall auftritt, muss er sich erneut damit auseinandersetzen, ob noch einmal eine Chance auf Heilung besteht oder ob akzeptiert werden muss, dass sein Weiterleben begrenzt ist.

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0+
Release date on Litres:
30 July 2025
Volume:
21 p. 1 illustration
ISBN:
9783831257072
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Bookwire
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