Read the book: «Motorik und Wahrnehmung im Kindesalter»

Der Autor

Dr. med. Henning Rosenkötter ist Kinder- und Jugendarzt, Neuropädiater und Familientherapeut. Er war Ärztlicher Direktor des Sozialpädiatrischen Zentrums im Klinikum Ludwigsburg, hatte Lehraufträge für den Studiengang Frühkindliche und Elementarbildung an der Pädagogischen Hochschule in Heidelberg und der Evangelischen Hochschule in Freiburg.
Henning Rosenkötter
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2., überarbeitete Auflage 2021
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-036236-9
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-036237-6
epub: ISBN 978-3-17-036238-3
mobi: ISBN 978-3-17-036239-0
Vorwort der Herausgeberin und der Herausgeber
Die Lehrbuchreihe »Entwicklung und Bildung in der Frühen Kindheit« will Studierenden und Fachkräften das notwendige Grundlagenwissen vermitteln, wie die Bildungsarbeit im Krippen- und Elementarbereich gestaltet werden kann. Die Lehrbücher schlagen eine Brücke zwischen dem aktuellen Stand der einschlägigen wissenschaftlichen Forschungen zu diesem Bereich und ihrer Anwendung in der pädagogischen Arbeit mit Kindern.
Die einzelnen Bände legen zum einen ihren Fokus auf einen ausgewählten Bildungsbereich, wie Kinder ihre sozio-emotionalen, sprachlichen, kognitiven, mathematischen oder motorischen Kompetenzen entwickeln. Hierbei ist der Leitgedanke darzustellen, wie die einzelnen Entwicklungsniveaus der Kinder und Bildungsimpulse der pädagogischen Einrichtungen ineinandergreifen und welche Bedeutung dabei den pädagogischen Fachkräften zukommt. Die Reihe enthält zum anderen Bände, die zentrale bereichsübergreifende Probleme der Bildungsarbeit behandeln, deren angemessene Bewältigung maßgeblich zum Gelingen beiträgt. Dazu zählen Fragen, wie pädagogische Fachkräfte ihre professionelle Responsivität den Kindern gegenüber entwickeln, wie sie Gruppen von Kindern stressfrei managen oder mit Multikulturalität, Integration und Inklusion umgehen können. Die einzelnen Bände bündeln fachübergreifend aktuelle Erkenntnisse aus den Bildungswissenschaften wie der Entwicklungspsychologie, Diagnostik sowie Früh- und Sonderpädagogik und bereiten für den Einsatz in der Aus- und Weiterbildung, aber ebenso für die pädagogische Arbeit vor Ort vor. Die Lehrbuchreihe richtet sich sowohl an Studierende, die sich in ihrem Studium mit der Entwicklung und institutionellen Erziehung von Kindern befassen, als auch an die pädagogischen Fachkräfte des Früh- und Elementarbereichs.
Im vorliegenden Band präsentiert der bekannte Kinderarzt und ehemalige Chefarzt des Sozialpädiatrischen Zentrums im Klinikum Ludwigsburg, Dr. Henning Rosenkötter, zentrales Grundlagenwissen für die Entwicklungsbereiche von Motorik und Wahrnehmung und deren Störungen und Diagnostik unter einer neuropädagogischen Perspektive. Dieses Wissen ist auch für die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Fachkräften aus Medizin und Therapie sinnvoll. Denn an Kitas wird heute der Anspruch gestellt, auch Kinder mit Beeinträchtigungen in den genannten Bereichen zu erkennen, ein abgestimmtes pädagogisches Angebot zu machen und auch fachkundige externe Unterstützung durch Experten zu vermitteln. Der Bogen des Buches ist weit gespannt. Er reicht von der Körper-, Hand- und Grafomotorik und ihren Störungsformen über die visuelle, auditive und taktil-kinästhetische Wahrnehmung und ihren Störungsformen bis hin zu den damit verknüpften Funktionen von Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Emotionen.
In der vorliegenden zweiten Auflage hat der Autor neue Erkenntnisse zu den einzelnen Bereichen integriert und die einzelnen Kapitel überarbeitet, um die komplexe Materie der Leserschaft verständlich zu machen. Dabei erleichtern zahlreiche Abbildungen den Nachvollzug der Inhalte.
Münster, Freiburg und Heidelberg im März 2021
Manfred Holodynski, Dorothee Gutknecht und Hermann Schöler
Inhalt
1 Vorwort der Herausgeberin und der Herausgeber
2 Einleitung
3 1 Vom Gehirn und vom Neuron
4 Zusammenfassung in Form eines Glossars
5 Weiterführende Literatur
6 2 Motorik
7 2.1 Das pyramidale System
8 2.2 Das extrapyramidale System und das Kleinhirn
9 2.3 Das spinale System
10 2.4 Zusammenfassung: Das motorische System
11 Weiterführende Literatur
12 3 Die Entwicklung der Körpermotorik
13 3.1 Motorische Entwicklung im 1. Lebensjahr
14 3.2 Motorische Entwicklung vom 2. bis 6. Lebensjahr
15 3.3 Diagnostik mit standardisierten und normierten Tests
16 3.4 Zusammenfassung
17 Weiterführende Literatur
18 4 Störungen der Körpermotorik
19 4.1 Medizinische Diagnostik
20 4.1.1 Kinderärztliche Untersuchung in den ersten Lebensjahren
21 4.1.2 Die ärztliche Untersuchung von Vorschulkindern
22 4.1.3 Merkmale einer motorischen Störung
23 4.2 Einteilung der motorischen Störungen
24 4.3 Umschriebene Entwicklungsstörung motorischer Funktionen (UEMF)
25 4.4 Schwere Störungen der motorischen Entwicklung
26 4.5 Behandlung körpermotorischer Störungen
27 4.6 Zusammenfassung
28 Weiterführende Literatur
29 5 Die Entwicklung der Handmotorik
30 5.1 Einführung
31 5.2 Untersuchung der Handbewegungen und ihrer Störungen
32 5.3 Maßnahmen bei Störungen der Handmotorik
33 Weiterführende Literatur
34 6 Visuomotorik und Grafomotorik
35 6.1 Einführung
36 6.2 Sitz- und Stifthaltung
37 6.3 Entwicklung der Grafomotorik
38 6.4 Diagnostik
39 6.5 Förderung und Therapie
40 6.6 Zusammenfassung
41 Weiterführende Literatur
42 7 Lateralisation und Händigkeit
43 7.1 Evolution und Händigkeit
44 7.2 Geschlecht und Lateralisation
45 7.3 Genetik und Lateralisation
46 7.4 Die Entwicklung der Händigkeit
47 7.5 Diagnostik
48 7.5.1 Händigkeit
49 7.5.2 Füßigkeit, Ohrigkeit, Äugigkeit
50 7.5.3 Lateralisation und Sprache, Lesen, Schreiben
51 7.6 Förderung und Therapie
52 7.7 Zusammenfassung
53 Weiterführende Literatur
54 8 Wahrnehmung, Kognition, Intelligenz und Lernen
55 8.1 Wahrnehmung
56 8.2 Lernen
57 Habituation, Sensitivierung und assoziatives Lernen
58 8.2.1 Lernen und Reifung
59 8.2.2 Die zeitliche Informationsverarbeitung und das Erleben von Zeit
60 8.2.3 Die Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung
61 8.3 Kognition
62 8.4 Intelligenz
63 8.5 Untersuchungsverfahren
64 8.5.1 Entwicklungstests
65 8.5.2 Intelligenztests
66 8.5.3 Sprachfreie Intelligenztests
67 8.6 Zusammenfassung
68 Weiterführende Literatur
69 9 Sehen und visuelle Wahrnehmung
70 9.1 Einführung
71 9.2 Funktionen der visuellen Wahrnehmung
72 9.3 Das Sehen
73 9.4 Störung der visuellen Wahrnehmung
74 9.5 Diagnostik
75 9.6 Förderung und Therapie
76 9.7 Visuelle Wahrnehmung und Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben
77 9.8 Rechenschwäche (Dyskalkulie)
78 9.9 Zusammenfassung
79 Weiterführende Literatur
80 10 Hören, auditive Wahrnehmung und Sprache
81 10.1 Das Hören
82 10.1.1 Zur Physiologie des Hörens
83 10.1.2 Töne und Lautstärke
84 10.1.3 Höruntersuchung
85 10.1.4 Hörstörungen
86 10.2 Auditive Wahrnehmung
87 10.2.1 Funktionen der auditiven Wahrnehmung
88 10.2.2 Störungen der auditiven Wahrnehmung
89 10.2.3 Ursachen für eine auditive Wahrnehmungsstörung
90 10.2.4 Symptome einer auditiven Wahrnehmungsstörung
91 10.2.5 Förderung und Therapie
92 10.3 Auditive Wahrnehmung und Sprache
93 10.3.1 Die Entwicklung der Prosodie
94 10.3.2 Lauterkennung
95 10.3.3 Die normale Sprachentwicklung
96 10.3.4 Die verzögerte und die gestörte Sprachentwicklung
97 10.3.5 Frühe Sprachförderung
98 10.4 Prävention
99 10.4.1 Die phonologische Bewusstheit: Eine Vorläuferfähigkeit
100 10.4.2 Prävention von Lese-Rechtschreibschwierigkeiten
101 10.5 Lese-Rechtschreibstörung
102 10.6 Zusammenfassung
103 Weiterführende Literatur
104 10.7 Lärm und Geräuschempfindlichkeit
105 10.7.1 Lärm
106 10.7.2 Lärmschädigung und Innenohr
107 10.7.3 Lärm in der Umwelt
108 10.7.4 Lärm in der Kita
109 10.7.5 Was kann man gegen Lärmbelästigungen tun?
110 10.7.6 Geräuschüberempfindlichkeit (Hyperakusis)
111 10.7.7 Zusammenfassung
112 Weiterführende Literatur
113 11 Taktil-kinästhetische Wahrnehmung
114 11.1 Wahrnehmungssysteme
115 11.2 Rezeptoren
116 11.3 Funktionen der taktil-kinästhetischen Wahrnehmung
117 11.4 Taktil-kinästhetische Wahrnehmungsstörungen
118 11.5 Zusammenfassung
119 Weiterführende Literatur
120 12 Gleichgewicht
121 12.1 Funktionen der vestibulären Wahrnehmung
122 12.2 Förderung und Therapie
123 13 Gedächtnis
124 13.1 Langzeitgedächtnis
125 13.2 Arbeitsgedächtnis
126 13.3 Diagnostik von Gedächtnisleistungen
127 13.4 Symptomatik von Gedächtnisproblemen
128 13.5 Förderung und Therapie
129 13.6 Zusammenfassung
130 Weiterführende Literatur
131 14 Aufmerksamkeit
132 14.1 Symptomatik und Diagnostik der Aufmerksamkeitsstörung
133 14.2 Differentialdiagnose und Komorbidität
134 14.3 Ursachen der Aufmerksamkeitsstörung
135 14.4 Aufmerksamkeit und Medien
136 14.5 Therapie von Aufmerksamkeitsstörungen
137 14.6 Therapie mit Medikamenten
138 14.7 Zusammenfassung
139 Weiterführende Literatur
140 15 Das »Ich«, Emotionen und ihre neuronale Verankerung im Gehirn
141 15.1 Emotionen
142 15.2 Mandelkerne und Angst
143 15.3 Limbisches System und Emotionen
144 15.4 Spiegelneurone und Empathie
145 15.5 Neurotransmitter und emotionale Informationsverarbeitung
146 15.6 Angst und Trauma
147 15.7 Stresserleben und Epigenetik
148 15.8 Emotion und Lernen
149 15.9 Zusammenfassung
150 Weiterführende Literatur
151 Literatur
Einleitung
Bislang weiß kein Mensch genau, was Neuropädagogik ist. Diejenigen, die darüber sprechen und schreiben, halten es meist für eine moderne Form der Pädagogik, welche die Erkenntnisse der Neurowissenschaften integriert. Warum könnte es nicht auch eine Form der Nervenheilkunde sein, die an Ergebnissen der Pädagogik interessiert ist? Immerhin soll der Begriff in den 1970er Jahren von dem Ehepaar Gobiet für eine Frühförderung in der Rehabilitation von Schädel-Hirn-Verletzten »erfunden« worden sein. In den 1990er Jahren wurde er von dem Neuropsychologen und Neurochirurgen A. Klinger und dem Neurochirurgen und Rehabilitationsmediziner A. Zieger zu einem Konzept der Frührehabilitation erweitert.
Die Entwicklungsbiologin A. K. Braun stellt in Magdeburg Überlegungen zu einer interdisziplinären Forschungsrichtung »Neuro-Pädagogik« an. Begründet die Einrichtung eines »Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen« in Ulm die gelegentlich besserwisserische Einmischung der Medizin in die Pädagogik? Wird hier nicht suggeriert, die Medizin könne endlich den Schlüssel zur Bildungsdebatte liefern: Was Pädagogen dringend bräuchten, um den PISA-Schock zu überwinden? Wenn nun die Erklärung für Aufmerksamkeitsstörungen, Gedächtnislücken, Aggressivität im Kindergarten oder gleich das ganze Körper-Seele-Problem mit der Durchblutung des Nucleus accumbens, der Zelldichte des Hippocampus und der Funktion der Spiegelneurone erklärt werden könnten, wäre die Pädagogik unter dem Dach der Neurowissenschaften gut aufgehoben. Da wundern kritische Überlegungen nicht, auch nicht die Fragen »Wie viel Neuro braucht die Schule wirklich?« oder »Wo ist denn da die gleiche Augenhöhe?«
In dem Wort »Neuropädagogik« – wie auch in anderen zusammengesetzten Wissenschaftsgebieten wie z. B. Neurophysiologie, Entwicklungsneurobiologie, Neurogenetik, Neuropsychologie – steckt auch der Wunsch, Fachrichtungen, die bislang wenig miteinander anfangen konnten, zu beider Nutzen interdisziplinär und fachübergreifend kooperieren zu sehen. Nach vielen Jahren, in denen immer stärker spezialisierte Fachdisziplinen in traditioneller Weise Wissen vertieft und vervielfältigt haben, scheint für viele der Zeitpunkt gekommen zu sein, den Kopf über den Tellerrand erhebend nach anderen zu suchen, die gleichfalls in der eigenen Suppe sieden. Sie bereichert Methoden- und Interpretationsvielfalt. Das Wissen aus der Pädagogik bereichert somit nicht nur den Neurowissenschaftler und das Wissen aus der Neurologie bereichert nicht nur den Pädagogen, sondern das breitere und multiplizierte Wissen beider Fachbereiche dient dem zu fördernden Kind, dient dem kranken Patienten und dient der Gesellschaft.
Als Mediziner versuche ich, den Teil der Neurowissenschaften zu erklären, von dem ich mir vorstellen kann, dass er für Pädagogen, namentlich Frühpädagogen, hilfreich sein könnte: zur Erklärung, zum Verstehen, beim Suchen nach alternativen Lehrmethoden, auf der Suche nach Auswegen und zur Ermutigung für eine interdisziplinäre Zusammenarbeit. Wie viel davon und wie es für Sie nutzbringend sein wird, bleibt Ihnen überlassen. Durch den theoretischen Berg von Griesbrei muss man sich auch in anderen Disziplinen futtern, um bei den herzhaften Gerichten anzukommen. Ganz wird man die Theorie jedoch nicht vermeiden können, wenn man die Erklärung für Konzepte und Therapien sucht. Hoffentlich werden Sie viel für sich mitnehmen und hoffentlich werden dann Ihre Erkenntnisse oder Widersprüche irgendwie zu mir zurückkehren, damit ich am Ende auch mehr von Pädagogik weiß. Schließlich hoffe ich gar, dass dieses Buch auch einigen medizinischen Therapeuten (Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie) und Therapeuten angrenzender Berufe hilfreich sein kann.
Henning Rosenkötter
Anmerkung: Der besseren Lesbarkeit halber spreche ich von Pädagoginnen, pädagogischen Fachkräften und Erzieherinnen. Männliche Kollegen sind natürlich ebenfalls gemeint. Wenn ich von Pädagogen, Ärzten und Psychologen spreche, meine ich auch Pädagoginnen, Ärztinnen und Psychologinnen.
1 Vom Gehirn und vom Neuron
Das menschliche Gehirn besteht aus etwa 100 Milliarden Nervenzellen (Neurone), die durch etwa 100 Billionen Kontaktstellen (Synapsen) miteinander in Verbindung stehen. Unter dem Begriff Zentralnervensystem (ZNS) werden das Gehirn und das Rückenmark zusammengefasst. Als peripheres Nervensystem werden alle Anteile außerhalb des ZNS bezeichnet: vor allem die motorischen Nerven, die das Rückenmark verlassen, und die sensiblen Nerven, die vom Gewebe zum Rückenmark kommen, und auch das vegetative Nervensystem. Der Kortex, die Rinde des Großhirns, ist 2–5 mm dick und so stark gefaltet, dass seine Oberfläche 1800 Quadratzentimeter einnimmt. Diese dichte Zellschicht wird die graue Substanz genannt, während die zu- und wegführenden Nervenfasern die weiße Substanz bilden. Die Nervenfasern verbinden die Hirnzentren miteinander, oder sie verlassen das Gehirn in dichten Bündeln zum Rückenmark hin, von wo sie ihre Signale als motorische Nerven zu den Muskeln (efferente Nerven) leiten, oder dem Gehirn als sensible Nerven Informationen aus der Peripherie (afferente Nerven) bringen.

Abb. 1.1: Die Lappen des Großhirns und zwei wichtige Hirnfurchen
Den größten Raum im ZNS nimmt das Großhirn ein. Es besteht aus einer linken und einer rechten Großhirnhemisphäre. Beide sind durch ein breites Faserbündel, den Balken (Corpus callosum), miteinander verbunden. Sie werden in jeweils vier Lappen unterteilt (
Abb. 1.1): Stirnlappen (Frontallappen), Scheitellappen (Parietallappen), Schläfenlappen (Temporallappen) und Hinterhauptslappen (Okzipitallappen). Das Stirnhirn und der Scheitellappen sind durch eine tiefe Furche, die Zentralfurche (Sulcus zentralis) voneinander getrennt. Jeder Lappen hat seine eigenen Windungen und Furchen. So liegt die vordere Zentralwindung (Gyrus präzentralis) vor, die hintere Zentralwindung (Gyrus postzentralis) hinter der Zentralfurche. Die Sylvische Furche trennt den Stirnlappen vom Schläfenlappen.
Zwischen den Großhirnhemisphären und um den dritten Hirninnenraum (Ventrikel) herum liegt das Zwischenhirn. Es besteht aus dem Thalamus, dem darunter liegenden Hypothalamus und der kleinen, hormonbildenden Hypophyse. Der Thalamus ist eine außerordentlich wichtige Sammel- und Umschaltstelle. Außer der Riechbahn werden dort alle ankommenden Informationen (sensorisch, optisch, akustisch) von der einen Nervenbahn auf mehrere andere verteilt. Solche Umschaltzentren werden im Gehirn auch häufig Kern (Nucleus) genannt. Für das Sehen und das Hören gibt es im Thalamus Umschaltstationen, die dem Thalamus wie kleine Vorwölbungen aufgesetzt sind, die so genannten Kniehöcker. Aber auch alle ausgehenden Signale wie z. B. die motorischen Befehle werden im Thalamus umgeschaltet. Der Thalamus ist daher das unter der Rinde liegende Tor zum Kortex des Großhirns. Im Hypothalamus werden wichtige unbewusste Regulationen gesteuert: der Wasserhaushalt, die Temperaturregulation, die Nahrungsaufnahme.

Abb. 1.2: Zwischenhirn, Mittelhirn, Hirnstamm, Kleinhirn
Das Mittelhirn ist ein kleiner Gehirnteil, der das Zwischenhirn und die Brücke (Pons) miteinander verbindet. Brücke und das darauf sitzende Kleinhirn (Zerebellum) bilden zusammen eine funktionelle Einheit (
Abb. 1.2). Das Kleinhirn übernimmt Aufgaben in der Feinsteuerung der Motorik und in der Seh- und Hörwahrnehmung. Seine Fältelung und seine Zellstruktur sind besonders fein differenziert und dicht. Die Oberfläche des Kleinhirns erreicht eine erstaunliche Größe: Sie entspricht 75 % der Oberfläche des Großhirns.
Unterhalb des Zwischenhirns liegt der Hirnstamm. Dazu gehören das Mittelhirn, die Brücke und das verlängertes Rückenmark (Medulla oblongata). (Der Begriff Stammhirn bezeichnet den Hirnstamm und zusätzlich noch das Zwischenhirn.). Im Hirnstamm verlaufen nicht nur auf- und absteigende Bahnen, sondern er ist auch der Sitz zahlreicher Hirnnervenkerne. Als Hirnnerven werden diejenigen Nerven bezeichnet, die nicht aus dem Rückenmark entspringen, sondern direkt aus dem Gehirn kommen. Sie verlassen den knöchernen Schutz des Gehirns an verschiedenen Stellen des Schädels und versorgen überwiegend die Organe des Kopfes. Die Hirnnervenkerne III, IV und VI steuern die Bewegungen der Augäpfel, der Hirnnervenkern VII (Fazalisnerv) ist für die Steuerung der Mimik wichtig und der VIII. Hirnnerv sammelt die Informationen vom Innenohr und vom Gleichgewichtsorgan. Nur der X. Nerv, der sogenannte Vagusnerv, zieht eine längere Bahn: Er ist ein Hauptnerv des vegetativen Nervensystems und steuert die Tätigkeit vieler innerer Organe.
Abbildung 1.3 zeigt die Mitte des Gehirns in einer mittleren Schnittebene, gewonnen mit einer Untersuchung, die Kernspintomographie oder Magnetresonanztomographie (MRT) genannt wird. Das MRT ist ein bildgebendes Verfahren, das eine Darstellung der Struktur des Gewebes erlaubt. Das Bild zeigt auch die Gürtelwindung (Gyrus cinguli) oberhalb des Balkens, die zum limbischen System gehört (
Abb. 1.3).

Abb. 1.3: Mittelschnitt durch das Gehirn in der Magnetresonanztomographie (MRT)
Ein anderes wichtiges Kernsystem befindet sich im Hirnstamm: die Formatio retikularis. Der Name (»netzartige Bildung«) rührt aus der diffus und maschenartig miteinander verbundenen Struktur, die wie ein Netz von vielen Kerngebieten wirkt und Anschluss an den Thalamus und an das Rückenmark hat. Die Formatio retikularis ist für zahlreiche unbewusste Funktionen verantwortlich: Kreislauf und Atemzentrum, Brechzentrum, Schmerz, Emotionen, Harnblasensteuerung, Anteile der Bewegungssteuerung und über den Nucleus accumbens und den Nucleus ruber Anteile der Aufmerksamkeitssteuerung.
Nach diesem Blick auf das Gehirn von außen wenden wir uns nun der Feinstruktur des ZNS zu. Beginnen wir mit der Funktion der Nervenzellen, den Neuronen (
Abb. 1.4). Sie erfassen und verarbeiten alle Informationen, die das Gehirn erhält, und sie können gleichzeitig senden und empfangen. Das eingehende Signal kommt entweder über ankommende (afferente) Nervenfasern anderer Neurone oder durch eigene Fasern, die Dendriten. Die Verbindungsstellen (Synapsen) mit anderen Nervenzellen kontaktieren mit ihnen direkt am Zellkörper oder über Synapsen, die auf den Dendriten liegen. Bei manchen Nervenzellen gibt es eine besonders starke und lange auslaufende Faser: das Axon. Eine Erregung im Neuron wandert besonders schnell über das Axon, weil es über Abschnitte verfügt, die Markscheiden genannt werden. Diese Markscheiden-Abschnitte haben Verengungen und Einschnürungen, die Schnürringe.
Markscheiden bestehen aus Myelin-Lamellen, die von speziellen Zellen gebildet werden und sich wie Spiralen um die Axone winden. Myelin heißt Mark und ist eine gewundene Membran. Solche markumwickelten Axone können die Erregung schneller leiten als marklose Fasern. Die hohe Übertragungsgeschwindigkeit der markhaltigen (myelinisierten) Fasern kommt dadurch zustande, dass das Myelin wie eine Isolationsschicht wirkt. Dadurch wird die Veränderung der elektrischen Ladung nicht kontinuierlich fortgeleitet, sondern sie springt von einem nicht markumlagerten Schnürring zum nächsten. Myelin bildet sich in der ganzen Kindheit und Jugend und ist der Grund dafür, dass die Erregungsübertragung mit zunehmendem Alter immer schneller wird und das Volumen des Gehirns noch ständig zunimmt, obwohl ab der Geburt keine neuen Neurone mehr gebildet werden.

Abb. 1.4: Ein Neuron (1: Dendriten (blau), 2: Zellkörper, 3: Axon, 4: Zellkern, 5: Myelinscheide (weiß), 6: Schnürring)
Die Fortleitung von Signalen im Neuron beruht auf chemischen und elektrischen Vorgängen. Zwischen dem Inneren der Nervenzelle und der Umgebung besteht ein elektrisches Spannungsgefälle, ein elektrisches Potenzial. Diese Spannung kann an der Zellmembran fein abgestuft werden, je nach der Stärke der Erregung des Neurons. Diese wiederum wird von der Stärke der eingehenden Signale bestimmt. Überschreitet das Potenzial an den ausgehenden (efferenten) Fasern eine bestimmte Schwelle, wird plötzlich ein Aktionspotenzial ausgelöst. Die Auslösung folgt dem Alles-oder-Nichts-Prinzip, d. h. entweder ist die Erregung überschwellig und das Potenzial wird ausgelöst oder es wird nicht ausgelöst. Es gibt nur Null (Ruhe) oder Eins (Erregung). Das Aktionspotenzial breitet sich mit großer Geschwindigkeit in den auslaufenden Fasern aus.
Den elektrischen Ruhezustand eines Neurons nennt man Ruhepotenzial. Damit ist gemeint, dass die Zellmembran eine Spannung aufrechterhält, indem ständig durch eine chemische Reaktion Natrium aus der Zelle herausgepumpt und Kalium hineingelassen wird. Diese Natrium-Kalium-Pumpe führt an der Zellmembran zu einem Spannungsungleichgewicht, eben dem Ruhepotenzial. In der Membranwand gibt es Kanäle für Ionen, durch die bei einer bestimmten Spannung zwischen dem Inneren der Zelle und dem Zellaußenraum schlagartig innerhalb einer Millisekunde Natriumionen in das Zellinnere einströmen. Das Ruhepotenzial, eine im Zellinneren negative Ladung, kehrt sich nun plötzlich in eine positive Ladung um. Diesen Potenzialumschwung nennt man ein Aktionspotenzial. Es kann über das Axon an andere Zellen fortgeleitet werden. Das Aktionspotenzial besteht aus einem Entladungsanteil (Depolarisation) und einer kurzen Phase, in der der Natriumeinstrom nach einer Millisekunde abgestoppt und Kalium ausgeschleust wird (Repolarisation), um den ursprünglichen Ruhezustand wiederherzustellen. Nach Ablauf des Aktionspotenzials ist das Neuron für 1–2 Millisekunden nicht wieder erregbar (Refraktärzeit). Von außen kommende Reize können zwar aufgenommen werden, aber sie führen nicht zu einem neuen Aktionspotenzial.

Abb. 1.5: Struktur einer Synapse zwischen Axon und Dendrit
Wenn die Erregung mit einem Aktionspotenzial über ein Axon läuft, wird sie über viele knospenartige Ausläufer (Synapsen) an benachbarte Zellkörper und deren Dendriten weitergegeben. In diesen Synapsenknöpfchen gibt es Bläschen, die prall mit Botenstoffen (Neurotransmittern) gefüllt sind. Ihnen gegenüber liegt an der Synapse des benachbarten Zellkörpers oder Dendriten eine Empfangsmembran. Kommt nun das Aktionspotenzial an die Synapse, werden die Neurotransmitter innerhalb von einer Millisekunde aus den Bläschen entlassen und durch die Synapsenmembran in den Zwischenraum zwischen Synapse und Empfangsmembran (postsynaptische Membran) geschickt (
Abb. 1.5). Den Synapsenspalt überschreiten sie und gelangen an der Empfangsmembran auf spezielle Rezeptoren, die spezifisch immer nur einen bestimmten Botenstoff binden. Die Bindung der Botenstoffe an die Rezeptoren löst in der Nachbarzelle wieder einen Spannungsunterschied aus. Je nach Art des Neurotransmitters und je nach Art des Rezeptors wirkt dieses Potenzial an der Nachbarzelle erregend oder hemmend.
Das einzelne Neuron kann also nach dem Alles-oder-Nichts-Prinzip erregt werden und eine Erregung aussenden oder nicht. Wie kann es dann eine Abstufung der Erregung geben? Es gibt zwei Antworten: Zum einen wirkt sich die Stärke des Reizes auf die Anzahl der Aktionspotenziale pro Zeiteinheit aus. Die andere Antwort ergibt sich, wenn man eine Gruppe von Neuronen betrachtet: Manchmal überwiegen die hemmenden, manchmal die erregenden Impulse. Die Modulation einer Information geschieht durch die Summe von erregenden und hemmenden Einflüssen. Die Feinjustierung ist also in der Zusammenarbeit von funktionell kooperierenden Neuronen möglich.
Eine Sonderform einer synaptischen Verbindung ist die Verbindung zwischen einem Axon und einer Muskelzelle: Die Stelle, an der eine Synapse auf eine Muskelfaser trifft, nennt man die motorische Endplatte. Das ankommende Axon bildet einen synaptischen Endkolben, der viele kleine Energie liefernde Zellorganellen (Mitochondrien) und Bläschen (Vesikel) enthält (
Abb. 1.6).

Abb. 1.6: Motorische Endplatte: eine Synapse an der Muskelfaser
Die Vesikel sind vollgestopft mit dem Neurotransmitter Acetylcholin. Kommen Aktionspotenziale über das zuleitende Axon an, so öffnen sich Kalziumionenkanäle. Die acyetylcholinhaltigen Bläschen entleeren sich an der Zellmembran in den synaptischen Spalt. Das freigesetzte Acetylcholin bindet sich an die Rezeptoren der Muskelfaser-Endplatte. Dies ist das Signal zur Kontraktion der darunter liegenden Muskelfaser. Die Größe einer motorischen Einheit entscheidet, wie viele Skelettmuskelfasern sich gleichzeitig zusammenziehen.
Zusammenfassung in Form eines Glossars
1. Makroskopie
Aufbau des Zentralnervensystems
Großhirn und Zwischenhirn: Das Großhirn wird beidseits in vier Lappen eingeteilt: Stirn-, Scheitel-, Schläfen- und Hinterhauptslappen. Die Hirnwindungen (Gyri) haben eine symmetrische Architektur. Von den trennenden Rinnen (Sulci) sind zur Orientierung besonders die Zentralfurche und die Sylvische Furche wichtig. Das darunterliegende Zwischenhirn besteht aus dem Thalamus, dem Hypothalamus und der Hypophyse.
Brücke und Kleinhirn: Die Brücke (Pons) und das Kleinhirn (Zerebellum) bilden eine funktionelle Einheit. Das Kleinhirn ist in sehr feine Falten gegliedert und hat annähernd so viele Neuronen wie das Großhirn. Die Großhirnschenkel und der dicke Beginn des Rückenmarks (Medulla oblongata) bilden den Hirnstamm. Dort verlaufen auf- und absteigende Bahnen und entspringen die Hirnnerven. Dies sind Nerven, die direkt aus dem Gehirn kommen.
Kern: Als Kern (Nukleus) bezeichnet man dichte Ansammlungen von Neuronen, die als Umschaltstelle und Verbindung zwischen verschiedenen Hirnzentren dienen. Das netzartige Kerngebiet der Formatio retikularis hat vielfältige unbewusste Funktionen: Steuerung von Kreislauf und Atmung, Schmerz, Emotionen, Harnblasensteuerung, Anteile der Bewegungssteuerung und der Aufmerksamkeitssteuerung.
2. Mikroskopie
Aufbau des Neurons
1. Nervenzellkörper
2. Ausläufer:
Dendrit: kurz und verzweigt; zuführende Fortsätze nehmen die ankommende Erregung auf und leiten sie zum Nervenzellkörper. Axon: wegführender Fortsatz, leitet die Erregung vom Nervenzellkörper fort; entspringt im Zellleib und zieht als Fortsatz zu anderen Nervenzellen oder zu einem Muskel
Synapse: Umschaltstelle für die Erregungsübertragung von einer Nervenzelle auf eine zweite oder von einer Nervenzelle auf ein Erfolgsorgan. Die Erregungsübertragung erfolgt durch chemische Überträgerstoffe (Transmitter)
Markscheidenzellen: Zellen, die Mark (Myelin) bilden
Schnürring: Einschnürung zwischen zwei Markscheidenzellen
Leitungsrichtung von Nervenfasern:
1. afferent: von der Peripherie zum Gehirn und Rückenmark, z. B. sensible Nervenfasern, die Reize von einem Sinnesorgan an das ZNS vermitteln
2. efferent: vom ZNS zum peripheren Nervensystem
Alles-oder-nichts-Gesetz: Als Antwort auf einen Reiz kommt entweder ein vollständiges oder gar kein Aktionspotenzial. Ausschlaggebend ist, ob der Reiz über dem Schwellenwert liegt. Nach einer Reizung bleibt der Nerv für eine bestimmte Zeit unerregbar (refraktär). Die Stärke des Reizes wirkt sich auf die Anzahl der Aktionspotenziale pro Zeiteinheit aus. Neuronengruppen können die Stärke einer Reizantwort über die Zahl der erregenden oder hemmenden Synapsen modulieren.
Der periphere Nerv: In einem peripheren Nerv laufen mehrere Nervenfasern, die von Markscheiden umhüllt sind. Er enthält afferente und efferente Nervenfasern, teilt sich mehrfach auf oder vereinigt sich mit anderen Nerven. Die über die Schnürringe springende Erregung pflanzt sich schneller fort als bei marklosen Axonen, an denen die Erregung kontinuierlich entlangläuft.
Weiterführende Literatur
Carter, R. (2019). Das Gehirn. München: Dorling Kindersley.
Faller, A. & Schünke, G. (2016). Der Körper des Menschen. Stuttgart: Thieme.
Huch, R. & Jürgens, K. (2019). Mensch, Körper, Krankheit. München: Urban & Fischer.
2 Motorik
Definition
Motorik bedeutet sowohl Bewegung als auch Haltung. Haltung und Bewegung werden vom zentralen und vom peripheren Nervensystem gesteuert und kontrolliert, teils bewusst und teils unbewusst.
Zu Beginn sollen einige Begriffe erläutert werden. Die vom Zentralnervensystem (ZNS) kontrollierte, bewusste Bewegung ist die Willkürmotorik. Als Körpermotorik bezeichnet man die Koordination der Haltung und Bewegung von Rumpf und Extremitäten. Unter Handmotorik versteht man die Handgeschicklichkeit und die Koordination der Fingerbewegungen. Statomotorik meint die Regulierung von Gleichgewicht, Aufrichtung und Gang.
Motorik ist eingebettet in ein System, das sich gegenseitig beeinflusst und kontrolliert. Dazu gehören das motorische, das sensible und das vegetative System. Diese drei Systeme haben unterschiedliche Aufgaben.
• Motorisches System
Steuerung der Willkürbewegungen und der reflektorischen, unbewussten Anpassung der Muskelaktivitäten an die äußeren Bedingungen.
• Sensorisches System
Erfassung und Verarbeitung (taktil-kinästhetische Wahrnehmung) von Signalen der Sinnesorgane in der Muskulatur, den Sehnen und den Gelenken an die Gehirnzentren, evtl. mit Bewusstwerdung.
• Vegetatives (autonomes) System
Koordination und Anpassung der Tätigkeit der inneren Organe (Atmung, Herz und Kreislauf, Verdauung, Blase). Es arbeitet »autonom«, also ohne bewusste Kontrolle.
Die Sensorik ist das System des Fühlens und der Körperwahrnehmung. Betrachten wir beide Systeme, Motorik und Sensorik, als eine Einheit, in der das eine System ständig Informationen des anderen Systems verarbeitet und rückmeldet, so sprechen wir von Sensomotorik (auch
Kap. 11). Die Steuerung der Motorik ist jedoch nicht allein Aufgabe des taktil-kinästhetischen Systems, sondern es sind auch Teilbereiche der visuellen Verarbeitung, der Hörverarbeitung und des Gleichgewichtssystems beteiligt. Denken wir hingegen vor allem an ein Zusammenwirken von Motorik mit der psychischen und kognitiven Entwicklung, so sprechen wir von Psychomotorik.
Der unbewusste Antrieb zu einem Bewegungsablauf geht von subkortikalen, also unter der Hirnrinde gelegenen Motivationsarealen im Stirnhirn und im limbischen System aus. Das limbische System hat eine besondere Bedeutung bei der Verarbeitung von Emotionen und bei Gedächtnisleistungen. Emotionen sind ja oft ein wichtiger Antrieb für Bewegungsleistungen (ausführlich dazu
Kap. 15). Automatisierte Bewegungen wie Hüpfen und Fahrradfahren werden anfangs bewusst erlernt, später unbewusst gesteuert.

Abb. 2.1: Großhirnareale der motorischen Steuerung
Bewusste Bewegungsmuster wie z. B. das Ausweichen vor einem Hindernis werden im supplementär-motorischen Kortex und im prämotorischen Kortex geplant (
Abb. 2.1). Das detaillierte Bewegungsprogramm entsteht in einem Zusammenwirken von supplementär-motorischem Kortex, Basalganglien (das sind große Kerngebiete unterhalb der Hirnrinde) und Kleinhirn.
2.1 Das pyramidale System
Die Aktivierung der Bewegung ist Aufgabe der Pyramidenzellen des motorischen Kortex, einer Hirnwindung, die vor der großen Zentralfurche liegt (Gyrus präzentralis). Die Pyramidenzellen sind große Neurone mit einem fast dreieckigen Zellkörper. Die Steuersignale der Pyramidenzellen werden nun über die Pyramidenbahn in das Rückenmark weitergeleitet (
Abb. 2.2). Die Pyramidenbahn wird von den absteigenden Axonen der Pyramidenzellen gebildet. Ihren Namen hat sie wohl aber nicht durch diese charakteristisch geformten Zellen, die es auch in anderen Bereichen des Großhirns gibt, sondern von der länglichen Vorwölbung, die die Bahn im verlängerten Rückenmark verursacht (pyramis = Kegel). Die meisten Axone kreuzen im verlängerten Mark (Medulla oblongata) auf die Gegenseite. Die anderen steigen ungekreuzt ab. Die Fasern, die aus der motorischen Rinde der linken Hemisphäre stammen, kommen im rechten Anteil des Rückenmarks an und umgekehrt. Im Rückenmark erreichen sie diejenigen Segmente, für deren Steuerung sie zuständig sind, z. B. liegen die Segmente für die motorische Steuerung der Arme im Rückenmark der Halswirbelsäule und die Segmente für die Steuerung der Beine im Rückenmark der Lendenwirbelsäule und des Kreuzbeins. Die Axone der Pyramidenbahn enden an den Neuronen des peripheren Nervs. Dort werden sie auf die peripheren Nerven umgeschaltet. Diese Neuronen, die die Verbindung zu den Muskelfasern herstellen, heißen Motoneurone und sind über den peripheren Nerv, der das Rückenmark und die schützende Wirbelsäule verlässt, mit den entsprechenden Muskelfasern verbunden. Der periphere Nerv zieht in den Gliedmaßen oder am Rumpf entlang zu den beteiligten Muskeln.

Abb. 2.2: Die Pyramidenbahn: Das im Rückenmark absteigende Faserbündel aus dem motorischen Kortex erreicht die verschiedenen Rückenmarksebenen.
2.2 Das extrapyramidale System und das Kleinhirn
Neben dem sehr direkt, aber auch etwas grob steuernden pyramidalen System ist das extrapyramidal-motorische System parallel geschaltet. Es regelt die Haltungs- und Bewegungseinstellungen sowie die Muskelspannung (Tonus) und unterstützt die Verschaltung zum Kleinhirn. Es bezieht seine Signale vornehmlich aus dem prämotorischen und supplementären Kortex und gibt sie über Synapsen an die Basalganglien weiter. Die Basalganglien (auch Stammganglien genannt) sind große Kerngebiete unterhalb der Hirnrinde (subkortikal), die über eine Rückmeldeschleife über den Thalamus zur Großhirnrinde eine motorische Regulation leisten. Darüber hinaus sind sie in die Handlungsplanung, das vorausschauende Handeln, die motorische Spontaneität und Selektion sowie die Bildung von Handlungsabfolgen einbezogen.
In einer zweiten Schleife zur Feinregulation und Verknüpfung werden Signale der Pyramidenzellen in einem Nebenschluss zum Kleinhirn geleitet. Das Kleinhirn ist u. a. für die Steuerung der Bewegungen zuständig, also für Koordination, Feinabstimmung, unbewusste Planung und das Erlernen von Bewegungsabläufen. Darüber hinaus ist das Kleinhirn parallel zum Großhirn an der Verarbeitung optischer und akustischer Signale beteiligt.
2.3 Das spinale System
Das Rückenmark (Medulla spinalis) ist derjenige Teil des ZNS, der im Wirbelkanal der Wirbelsäule verläuft. Das spinale System umfasst also einerseits absteigende Bahnen der Motorik und andererseits aufsteigende Bahnen der Sensorik zur Weiterleitung der gefühlten Informationen. Auf jedem Segment des Rückenmarks verlassen periphere motorische Nerven rechts und links über die vordere Nervenwurzel den schützenden Nervenkanal. Die hintere Nervenwurzel wird auch als sensibles Neuron bezeichnet. Sie leitet Impulse aus dem Körper zur grauen Substanz des Rückenmarks.
Reflexe sind programmierte Bewegungsabläufe. Auf einen spezifischen äußeren Reiz folgt eine schnelle, typische und reproduzierbare Reaktion. Da das Gehirn an der Reflexbildung nicht oder nur gering beteiligt ist, laufen Reflexe unbewusst ab. Diese Reaktionen sind daher sehr schnell und schützen uns in kurzer Zeit. Die kürzeste Verschaltung zwischen einem Motoneuron und einem sensiblen Neuron ist der Muskeleigenreflex. Wird z. B. die Kniesehne durch einen Schlag mit einem Gummihammer gedehnt, sendet das sensible Neuron das Dehnungssignal über einen sensiblen Nerv an das Rückenmark. Dort wird es direkt auf ein Motoneuron umgeschaltet und gelangt über den motorischen Nerv zum zugehörigen Muskel. Beim Kniesehnenreflex zieht sich der streckende Oberschenkelmuskel zusammen und bewirkt eine Streckbewegung im Kniegelenk. Solche Reflexreaktionen haben den Vorteil, sehr schnell und automatisiert abzulaufen. Rhythmische Bewegungsmuster wie Laufen oder Hüpfen vereinen in sich Merkmale von Willkürbewegung und von unwillkürlichen, durch Reflexe beeinflusste Bewegungen. Der Beginn kann willkürlich, also kortikal und subkortikal ausgelöst und am Ende bewusst kontrolliert werden. Einmal ausgelöst, sind solche wiederkehrenden und erlernten Muster aber fast automatisch auf reflexhafte Weise ohne großen Aufwand zu bewältigen. Wenn man einmal das Laufen, das Schwimmen, das Autofahren oder das Ballwerfen erlernt hat, können deren unbewusste Bewegungsanteile rasch und zuverlässig abgerufen werden. Wenn ein erlernter Bewegungsablauf modifiziert und an neue Bedingungen angepasst werden soll, muss er bewusst gesteuert und geübt werden, um dieses neue Muster wieder zu automatisieren. Das spinale System hilft auch dabei, das Wechselspiel zwischen Anspannung (Kontraktion) und Entspannung von gegensinnig arbeitenden Muskeln zu steuern. So können das Beugen und Strecken des Unterarms oder des Unterschenkels nur im Wechselspiel zwischen gegensinnig arbeitenden Beuge- und Streckmuskeln wirksam werden.
Neben dem Eigenreflex gibt es noch andere Arten von Reflexen. So schützt uns der angeborene Lidschlussreflex vor einer Augenverletzung. Darüber hinaus gibt es erlernte (konditionierte) Reaktionen, wie die bedingte Sekretproduktion, die allein auf den durch Training zum bedingten (konditionierten) gewordenen Glockenton beim Pawlowschen Hund ausgelöst werden kann. Solche Arten von erlernten Reaktionen erfordern ein Zusammenspiel verschiedener Hirn- und Rückenmarkszentren.
Beim Säugling gibt es zwei Arten von Reflexen, die wir kennen sollten: die Neugeborenen-Reflexe, die leider manchmal noch Primitiv-Reflexe genannt werden, und die reflexähnlichen Säuglings-Reaktionen.
Als Neugeborenen-Reflexe werden angeborene Reflexbewegungen bezeichnet, an denen mehrere Muskelgruppen beteiligt sind und die nach vier bis acht Wochen spontan abklingen. Dazu gehören u. a. der Saugreflex, der Suchreflex, der Schreitreflex, der Fußgreif- und der Handgreifreflex. Nur eine schwache Form des Fußgreifreflexes kann manchmal noch über einige Monate ausgelöst werden. Die Neugeborenen-Reflexe statten den kleinen Säugling mit nützlichen Bewegungsschablonen aus, die überlebenswichtig sind: Der Suchreflex wird bei Berührung der Wange ausgelöst und führt zu einer Bewegung des Köpfchens zur Seite und zu einer Öffnung des Mundes. Er erleichtert das Auffinden der mütterlichen Brustwarze. Der Saugreflex tritt sofort ein, wenn die Lippen berührt werden. Der Saugreflex wird schon im Mutterleib genutzt: Das ungeborene Kind lutscht manchmal stark an seinem Daumen. Bekommt der Säugling Milch, wird gleichzeitig der Schluckreflex ausgelöst. Auch der Schluckreflex wird schon vor der Geburt im Ultraschallbild beobachtet: Das Kind schluckt Fruchtwasser.
Die Säuglingsreaktionen sind Haltungs- und Stellreaktionen. Ihre komplexen Muster erfüllen eigentlich nicht mehr die Charakteristika von Reflexen, da der Ausprägungsgrad je nach Alter und Reifung des Kindes unterschiedlich sein kann und auch vom Wachheitsgrad und von emotionalen Faktoren abhängt. Zu den Säuglingsreaktionen zählen die »Landau-Reaktion« (Kind wird auf der Hand aus der Bauchlage hochgehoben), die Unterstützungsreaktion (Kind wird senkrecht unter den Armen gehalten und auf eine Unterlage gestellt) und die Traktionsreaktion (Kind wird aus der Rückenlage langsam an den Händen hochgezogen).
2.4 Zusammenfassung: Das motorische System
1. Pyramidales System: direkte Verbindung der Pyramidenzellen der motorischen Rinde mit Neuronen im Rückenmark
2. Extrapyramidales System: supplementär-motorischer Kortex, motorischer Kortex, Basalganglien
3. Kleinhirn: Verbindung zum assoziativen und zum motorischen Kortex und zur Muskulatur
4. Spinales System: Rückkopplungsschleife zwischen Muskeln und Rückenmark
Reflexe sind unbewusst ablaufende, vorprogrammierte Bewegungsmuster. Der Muskeleigenreflex verschaltet auf dem kürzesten Weg über das Rückenmark einen Dehnungsreiz mit einem motorischen spinalen Neuron. Reflexe und komplexe reflexartige Reaktionen ergänzen die Willkürmotorik mit automatisierten Bewegungsmustern. Die angeborenen Neugeborenen-Reflexe klingen in den ersten Lebenswochen und -monaten spontan ab. Säuglingsreaktionen und konditionierte Reflexe sind komplexe Bewegungsabläufe, die von Vigilanz, Emotion und bewussten und erlernten Mustern modifiziert werden.
Weiterführende Literatur
Brühlmann-Jecklin, E. (2016). Arbeitsbuch Anatomie und Physiologie. München: Urban & Fischer/Elsevier.
Putz, R. & Pabst, R. (2007). Sobotta – Der komplette Atlas der Anatomie des Menschen in einem Band. München: Urban & Fischer/Elsevier.
Vaupel, P. & Schaible, H.-G. (2015). Anatomie, Physiologie, Pathophysiologie des Menschen. Stuttgart: Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft.
3 Die Entwicklung der Körpermotorik
3.1 Motorische Entwicklung im 1. Lebensjahr
Die motorische Entwicklung von Kindern weist eine hohe Variabilität auf, nicht nur inter-, sondern auch intraindividuell. In erster Linie hängt dies wohl von unterschiedlichen, genetisch bedingten Veranlagungen und unterschiedlicher Reifung der Kinder ab. Bei vielen Kindern verläuft die motorische Entwicklung diskontinuierlich: Sie ist oft von scheinbaren Pausen, von Schüben oder Sprüngen gekennzeichnet. Die Reifung der Nervenbahnen verläuft von zentral nach peripher. Das erklärt, warum rumpf- und kopfnahe Muskelgruppen frühzeitiger zu komplexen Bewegungsmustern in der Lage sind als periphere. Dieses Reifungsphänomen wird uns später bei der Entwicklung der Handmotorik noch einmal begegnen. Zudem spielen Umgebungsbedingungen, fördernde wie hemmende, eine große Rolle. So ist das »Auslassen« oder »Verspätet-Kommen« von motorischen Entwicklungsschritten möglicherweise eine Entwicklungsbesonderheit oder ein Anzeichen für eine Entwicklungsstörung. Eine Klärung kann durch eine detaillierte Verlaufsbeobachtung und eine fachärztliche Untersuchung herbeigeführt werden. Aus diesen Gründen sind die nachfolgenden Altersangaben nicht als eine starre Grenze zu betrachten. Vielmehr sollen die Zeitangaben eine Orientierung geben.
Die Entwicklung der Motorik läuft also keineswegs für alle Kinder nach einem einzigen »Fahrplan« ab. Etwa 10–15 % aller Kinder lassen gewisse Stadien der Entwicklung aus, holen sie später nach, oder diese Stadien erfolgen nicht in gleicher Reihenfolge. Es gibt durchaus Kinder, die zum Stehen und Gehen kommen, ohne vorher gerobbt oder gekrabbelt zu haben. Einige ziehen es vor, auf dem Hosenboden vorwärts zu rutschen (shuffling), andere bewegen sich durch Rollen oder Kreisrutschen vorwärts. Möglicherweise zeigen sich hier verschiedene Ausprägungen einer genetischen Veranlagung. Diese Kinder sollten kinderärztlich gut untersucht werden, aber keineswegs brauchen sie immer eine physiotherapeutische Behandlung oder stellen eine Risikogruppe für spätere Störungen der Lernfähigkeit dar.
Hinzu kommt, dass manche Kinder ängstlich oder vorsichtig sind, wenn sie das Hinstellen oder Laufen lernen. Sie setzen sich lieber langsam auf den Po, als einen Sturz zu riskieren. Andere sind besonders mutig und stürzen sich geradewegs in gefährliche Situationen. Schließlich gibt es auch jene Kinder, die sich lieber für Spiele oder Bilderbücher interessieren, als ihre motorischen Fähigkeiten zu üben. Unterschiede also, die es auch bei Erwachsenen gibt und die nicht unbedingt Anlass zu Sorge sein müssen. Die individuellen Unterschiede in der motorischen Entwicklung werden durch die interindividuelle Variabilität deutlich: So erlernen Kinder das Hinsetzen mit 9–14 Monaten, das Entlanggehen an Möbeln mit 8–14 Monaten und das freie Gehen mit 10–18 Monaten.
Den folgenden Altersangaben liegt das Konzept der Grenzsteine und Meilensteine (Michaelis und Niemann, 2010; Nennstiel-Ratzel, Lüders, Arenz, Wildner & Michaelis, 2013) zugrunde. Beim Konzept der »Grenzsteine« wird davon ausgegangen, dass die Entwicklung aller Kinder regelhaft und determiniert verläuft und Zeitpunkte definiert werden können, an denen 90–95 % aller Kinder einen bestimmten Entwicklungsschritt sicher erreicht haben. Bei Nicht-Erreichen eines »Grenzstein«-Entwicklungsschrittes besteht der Verdacht auf eine Entwicklungsstörung, und weitergehende Untersuchungen müssen veranlasst werden. Das Konzept der »Meilensteine« definiert hingegen eine normale Entwicklung. Es hat den Vorteil, dass sich darin die Variabilität der Entwicklung abbildet. Meilensteine sind aber nicht geeignet, um Bewegungsstörungen zu definieren. Die folgenden Zeitangaben für eine »normale« motorische Entwicklung sind also als »Meilensteine« zu verstehen.
Vor der Geburt: Mit Ultraschalluntersuchungen des menschlichen Fötus kann man Kindsbewegungen ab der 8. Schwangerschaftswoche (SSW) erkennen. Die Bewegungsmuster werden in den folgenden Wochen immer differenzierter. Ab der 10. SSW kann man darstellen, wie das Kind einen Arm oder ein Bein bewegt oder den Kopf dreht. Hand zum Gesicht bringen, Atembewegungen, sich strecken, Mund öffnen, Kopf vorbeugen und Gähnen kann ab der 11. SSW gesehen werden.
Von dort aus ist es bereits ein langer Weg bis zum Neugeborenen, das neben symmetrischen Bewegungen bereits differenzierte Bewegungsmuster einzelner Extremitäten zeigt. Das Neugeborene strampelt oft symmetrisch, teils aber auch wechselseitig (alternierend). Die Haltung wird von Neugeborenen-Reflexen mitbestimmt. Abbildung 3.1 zeigt die typische Fechterhaltung des asymmetrisch-tonischen Nackenreflex (ATNR): In Rückenlage werden die gesichtsseitigen Extremitäten bei passiver Drehung des Kopfes gestreckt. Dieser Reflex klingt spontan bis zum 6. Lebensmonat ab.

Abb. 3.1: Haltung des Neugeborenen in Rückenlage
Im dritten Monat wird der Kopf im gehaltenen Sitzen schon eine halbe Minute lang aufrecht gehalten. In der Bauchlage stützt sich der Säugling auf beiden Unterarmen ab, hebt den Kopf über 45° und hält ihn eine Minute lang hoch (Unterarmstütz;
Abb. 3.2). Die meisten Neugeborenen-Reflexe sind zu dieser Zeit schon abgeklungen.
Im vierten Monat wird in Bauchlage der sichere Stütz auf den Handwurzeln erreicht (Handwurzelstütz;
Abb. 3.3). Beim Hochziehen aus der Rückenlage wird der Kopf etwas angehoben, und die Beine werden gebeugt.

Abb. 3.2: Haltung des Säuglings in Bauchlage: Unterarmstütz

Abb. 3.3: Haltung des Säuglings in Bauchlage: Handwurzelstütz
Im sechsten Monat streckt das Kind die Beine, wenn es zum Stand hochgehoben wird, und übernimmt für wenige Sekunden das Körpergewicht. In Sitzhaltung ist die Kopfkontrolle schon so stabil, dass der Kopf auch bei einer Neigung des Rumpfes gehalten werden kann. In Bauchlage kann der Rumpf auch auf gestreckten Armen und offenen Händen abgestützt werden.
Am Ende des siebten Monats können fast alle Kinder von der Bauchlage in eine Seitenlage wechseln und über einige Sekunden einen Arm frei von der Unterlage halten (
Abb. 3.4). So wird das Greifen auch aus der Bauchlage heraus möglich. Diese Rotation, eine korkenzieherartige Drehung des Rumpfes, wird erst im Schultergürtel möglich, dann im Rumpf und zuletzt im Beckengürtel. Sie ist die Vorbedingung für das Drehen aus Bauchlage in Rückenlage und zurück. In Rückenlage erreicht das Kind mühelos seine Füße und spielt mit ihnen. Wenn man es am Rumpf hochhält, federt und tanzt es auf der Unterlage. Manche Kinder beginnen mit einer Art seitlichem Rollen sich fortzubewegen, andere rutschen in Bauchlage mit Kriechbewegungen nach rückwärts.

Abb. 3.4: Haltung des Säuglings beim Wechsel von Bauch- in Seitenlage
Im achten Monat können sich die Kinder aus dem gehaltenen Sitzen zur Seite hin abstützen. Mühelos beherrschen sie jetzt Rotationsbewegungen des Rumpfes. Manche kommen schon zu einem Robben oder aus einem gehaltenen Krabbeln in die sichere Sitzposition zurück. Beim gehaltenen Stehen übernehmen sie nun das ganze Gewicht (
Abb. 3.5). Der Kopf ist sicher im Raum eingestellt, auch wenn man das Kind in Seitlage bringt oder schräg hochhebt.

Abb. 3.5: Haltung des Säuglings beim Sitzen
Im neunten Monat nimmt das Kind Bauch- und Rückenlage nur noch kurz ein. Es dreht sich jetzt aus der Bauch- in die Seitlage und dann flüssig zum Sitzen, manchmal aber auch aus der Bauchlage erst in den Vierfüßerstand und dann über Seitverlagerung zum Sitzen (
Abb. 3.6). Im Sitzen kann es sich gut nach vorne und zur Seite abstützen. Im Stehen übernimmt es jetzt das Gewicht des Körpers über eine Minute lang, wenn es nur noch an den Händen gehalten wird. Es wippt auf und nieder. Alle Kinder können sich jetzt durch Robben fortbewegen. Viele kommen bereits aus dem Vierfüßerstand zum Krabbeln. Manche Säuglinge ergänzen den Vierfüßerstand oder ersetzen ihn durch den Bärengang. Dabei stützen sie sich auf den Händen und Füßen ab und recken den Po hoch.

Abb. 3.6: Übergang in den Vierfüßerstand
Im 10. und 11. Monat können sich alle Kinder durch Krabbeln fortbewegen. Sie sitzen stabil mit gestreckten Beinen (Langsitz). Der Rücken ist dabei aufrecht und gerade. Abstützen oder Abrollen zur Seite gelingen flüssig. Sie ziehen sich an Möbeln oder an den Erwachsenen zum Stand hoch, aus dem Knien, aus dem Sitzen oder aus dem Vierfüßerstand über das Hinknien auf einem Knie. Sie machen im Stand Schrittbewegungen auf der Stelle oder einzelne Schritte zur Seite, z. B. an einem niedrigen Tisch oder Hocker entlang. An beiden Händen gehalten machen sie einzelne Schritte nach vorne.
Am Ende des 12. Monats gehen fast alle Kinder einige Schritte an Möbeln entlang. Viele machen auch schon Schritte, nur an einer Hand gehalten. Das Sitzen gelingt in gutem Gleichgewicht und mit Abstützen nach allen Seiten. Die Beine sind dabei etwas abgespreizt.
3.2 Motorische Entwicklung vom 2. bis 6. Lebensjahr
Motorische Entwicklung im 2. Lebensjahr
Auch nach dem ersten Lebensjahr beruht die Diagnostik in erster Linie auf Beobachtung, mit einem Auge auf den zeitlichen Ablauf (»Wann?«) und mit dem anderen Auge auf die Qualität der Bewegungsabläufe ausgerichtet (»Wie?«). Wesentliche Teile der folgenden Beobachtungen sind dem »Beobachtungsbogen Kita 1–6« (Rosenkötter, 2016) entnommen.
Im Alter von 14 Monaten (10–18 Monate) kann ein Kind eine Stufe oder Erhöhung hinauf und herunter klettern. Es schiebt einen Puppenwagen oder einen Stuhl vor sich her, es kann um ein niedriges Tischchen gehen und sich dabei mit einer Hand halten, es kann sicher und frei laufen, es bückt sich mit guter Balance.
Mit 15 Monaten kann es einige Schritte rückwärtsgehen, und es kann ein Spielzeug hinter sich herschleppen. Mit 18 Monaten lernt es zu rennen, Treppen mit Festhalten hinauf zu klettern und einen Ball mit einem Fuß zu kicken.
Mit 24 Monaten (18–36 Monate) kann das Kind von einer Stufe herunter hüpfen. Es hilft beim An- und Ausziehen mit. Es kann einzelne Schritte auf Zehenspitzen gehen. Viele Kinder können in diesem Alter drei Sekunden auf einem Bein stehen, wenn sie sich dabei mit einer Hand festhalten. Es gelingt ihnen sogar, mit beiden Beinen auf der Stelle zu hüpfen ohne hinzufallen. Das Kind wirft mit beiden Händen oder einer Hand einen Ball in einen Korb oder einen Eimer.
Mit 30 Monaten steigt das Kind zwei Treppenstufen aufwärts und hält sich dabei nur noch mit einer Hand am Geländer oder an einer Person fest. Es kann schnell und mit Armschwung gehen und beidbeinig vorwärts hüpfen. Es kann mit einem Dreirad vorwärtsfahren, indem es die Pedale alternierend tritt. Einen leichten Ball (ca. 20 cm Durchmesser) kann es über Kopf werfen oder mit beiden Armen fangen.
Fragen zur motorischen Entwicklung im 3. Lebensjahr
• Kann das Kind auf einer Bank balancieren?
• Kann es beidbeinig von der Bank oder von der untersten Treppenstufe hüpfen, ohne sich abzustützen oder hinzufallen?
• Kann es 2–3 Sekunden auf einem Bein freihändig stehen?
• Kann es beidbeinig über einen Strich, ein auf dem Boden liegendes Seil oder einen Stab springen?
• Kann es einen Ball mit den Armen/Händen fangen?
• Kann es den Ball in einen Korb werfen? (Ball 10–15 cm Durchmesser, z. B. in einen Papierkorb oder Eimer).
Fragen zur motorischen Entwicklung im 4. Lebensjahr
• Bewegt sich das Kind leicht um Hindernisse herum, und vermeidet es mühelos Zusammenstöße mit anderen Kindern?
• Kann es Bewegungen nachahmen oder auf Aufforderung ausführen?
• Kann es Dreirad fahren?
• Kann das Kind die Treppe drei Stufen im Erwachsenenschritt hinuntergehen, ohne sich festzuhalten?
• Kann es 5 Sekunden auf einem Bein stehen?
• Kann es beidbeinig über ein flaches Hindernis von mind. 20 cm Breite hüpfen?
• Kann das Kind auf einem 20 cm breiten Streifen (z. B. Stoff, Teppich oder Papier) rückwärts balancieren?
Fragen zur motorischen Entwicklung im 5.–6. Lebensjahr
• Steigt das Kind Treppenstufen auf und abwärts im Wechselschritt?
• Kann es einen Ball werfen und fangen? (Abstand mind. ein Meter)
• Kann das Kind fünf- bis siebenmal auf einem Bein auf der Stelle hüpfen?
• Kann es 8 Sekunden lang auf einem Bein frei stehen? (Die meisten Kinder können den Einbeinstand auch mit geschlossenen Augen durchführen. Dies erfordert eine gute Funktion des Gleichgewichtssinns. Muss das Kind dabei starke Ausgleichsbewegungen der Arme machen, mit den Armen rudern?)
• Balanciert das Kind mind. zehn Schritte rückwärts auf einem Strich? (Hierfür einen 10 cm breiten und 2 m langen Streifen aus Papier oder Teppichstoff verwenden. Dabei beobachten: Macht es starke Ausgleichsbewegungen mit den Armen? Sucht es Halt? Zeigt es Mitbewegungen der Arme oder des Mundes? Übertritt es häufig die markierte Linie?)
• Kann das Kind einen Ball je dreimal mit der linken und der rechten Hand prellen?
• Kann es beidbeinig symmetrisch und mit guter Schnellkraft auf einem Trampolin hüpfen?
• Kann das Kind beidbeinig seitwärts über einen Strich oder ein Seil hüpfen? (Das Kind sollte viermal mit beiden Beinen seitlich über ein Seil / einen Strich / eine Linie hüpfen)
• Kann es Überkreuz-Bewegungen ausführen? (Die Bezugsperson sitzt dem Kind gegenüber und bittet es, Bewegungen nachzuahmen. Dabei überkreuzen die Arme die Mittellinie des Körpers: Die rechte Hand wird auf das linke Knie gelegt, der linke Zeigefinger berührt die rechte Nasenseite, die linke Hand fasst an das rechte Ohr, die linke Hand wird auf den Kopf gelegt und die rechte fasst an das linke Ohr)
Beginn der Nutzung von (Fort-)Bewegungsmitteln
Nach Largo (2019) erlernt ein Kind den Gebrauch von (Fort-)Bewegungsmitteln in folgenden Altersstufen:
| • Dreirad: | 2;6–3;9 Jahre |
| • Schaukel: | 2;9–4;0 Jahre |
| • Roller: | 3;9–5;0 Jahre |
| • Fahrrad: | 4;0–7;0 Jahre |
3.3 Diagnostik mit standardisierten und normierten Tests
Die folgenden beiden Tests können von darin gut ausgebildeten pädagogischen und therapeutischen Fachkräften genutzt werden.
Motoriktest für 4–6 Jahre (MOT 4–6)
Mit dem MOT 4–6 (Zimmer, 2015) sollen allgemeine motorische Grundfähigkeiten von Kindern im Alter von vier bis sechs Jahren untersucht werden. Dazu zählen gesamtkörperliche Gewandtheit, feinmotorische Geschicklichkeit, Gleichgewicht, Reaktion, Bewegungsgenauigkeit, Sprungkraft und Schnelligkeit.
Im folgenden Kasten sind die einzelnen Aufgaben aufgelistet.
Aufgaben des MOT 4–6
• Reifen überspringen: beidbeinig rein und raus
• Balancieren vorwärts: Balken 2 m Länge und 10 cm Breite
• Punktieren: möglichst schnell Punkte zeichnen, 10 Sek.
• Zehengriff: Tuch mit Zehen greifen und übergeben
• Seil seitlich überspringen: von beiden Seiten, 10 Sek.
• Stab auffangen: nach Loslassen, 4 Felder, Gymnastikstab
• Tennisbälle in Karton: 3 Bälle, 2 Kartons, 4 m Abstand
• Balancieren rückwärts: Balken 2 m Länge und 10 cm Breite
• Zielwurf auf Scheibe: Tennisball, 3 m Abstand, 30 cm Ziel
• Streichhölzer einsammeln: 40 Stück einzeln in Schachtel
• Durch Reifen winden: ohne mit Händen den Boden zu berühren
• Einbeiniger Sprung: in Reifen springen und 5 Sek. stehenbleiben
• Tennisring auffangen: aus 4 m geworfen Hampelmannsprung: 10 Sek.
• Sprung über Seil: beidbeinig
• Rollen um Längsachse: ohne Arme und Beine anzuwinkeln
• Aufstehen und Halten eines Balles: aus Schneidersitz, Ball über Kopf
• Drehsprung in einen Reifen: aus Stand beidbeinig mit ½-Drehung
Körperkoordinations Test (KTK)
Der KTK (Kiphard & Schilling, 2017) beurteilt koordinative Grundqualitäten von Kindern im Alter von 5 bis 14 Jahren.
Aufgaben des KTK
• Rückwärts Balancieren: Balken 3 m, Anzahl der Schritte, bis ein Fuß den Boden berührt
• Monopedales Überhüpfen: sukzessive aufgeschichtete Schaumstoffplatten, übersprungene Höhe
• Seitliches Hin- und Herspringen: 2 × 15 Sek. auf 100 × 60 cm Holzbrett über Mittelsteg, Anzahl der Sprünge
• Seitliches Umsetzen: seitliches Bewegen auf Holzbrettchen, ohne Füße auf Boden, Anzahl Umsetzungen in 2 × 20 Sek.
Folgende Testverfahren sind aufwändig und erfordern spezielle medizinisch-psychologische Kenntnisse. Sie sollen hier zur Information aufgeführt werden.
Zürcher Neuromotorik
Die Zürcher Neuromotorik (Largo, Fischer, Caflisch & Jenni, 2007) ist ein Inventar motorischer Basisleistungen für 5- bis 18-Jährige und erfasst die Bewegungsqualität in spezifischen motorischen Aufgaben und das Auftreten assoziierter Mitbewegungen, z. B. repetitive und alternierende Fuß-, Hand- und Fingerbewegungen, Springen nach vorne und zur Seite, Zehen-, Spitzen- und Hackengang. Zentrale Leistungskriterien sind die Geschwindigkeit von Bewegungen (Largo et al., 2001a) sowie die Reifungsprozesse der assoziierten Mitbewegungen und der Geschwindigkeit bei repetitiven Finger-, Hand- und Fußbewegungen, sequentiellen Fingerbewegungen und im Steckbrett-Test (Largo et al., 2001b).
Movement Assessment Battery for Children (Movement-ABC-2)
Mit der MABC-2 (Petermann, Bös & Kastner, 2015) sollen bei 3- bis 17-Jährigen (dabei eine Altersgruppe von 3;0–6;11 Jahre) fein- und grobmotorische Fähigkeiten mit drei Untertests beurteilt werden: Handgeschicklichkeit (HG), Ballfertigkeit (BF) und statische und dynamische Balance (BL).
Umfangreiche Entwicklungstests enthalten in der Regel Untertests mit motorischen Skalen, auf die wir im Kapitel 8 noch näher eingehen werden, z. B. der Ent wicklungstest für Kinder von sechs Monaten bis sechs Jahre – Revision (ET 6-6-R; Petermann & Macha, 2015), die Bayley Scales of Infant and Toddler Development III (Bayley-III; Bayley, 2015) für 1–42 Monate und die Münchener Funktionelle Entwicklungsdiagnostik (MFED; Hellbrügge, Lajosi, Menara, Schamberger & Rautenstrauch, 1994) für 1–36 Monate alte Kinder.
3.4 Zusammenfassung
Die grobmotorische Entwicklung ist inter- und intraindividuell sehr variabel. Sie hängt von genetischen und sozialen Faktoren sowie von Reifungsprozessen des ZNS ab. Die Beurteilung des motorischen Entwicklungsstandes orientiert sich an Erfahrungs- und Normwerten unter Berücksichtigung der Variabilität. Sie verlangt ein gut geschultes Auge und eine genaue Kenntnis der altersabhängigen Entwicklungsschritte. Motorik-Tests bzw. Motorik-Aufgaben aus entwicklungsdiagnostischen Inventaren können dabei sehr hilfreich sein.
Weiterführende Literatur
Flehmig, I. (2007). Normale Entwicklung des Säuglings und ihre Abweichungen: Früherkennung und Frühbehandlung. Stuttgart: Thieme.
Hellbrügge, T. & Walderdorff, H. v. (2010). Die ersten 365 Tage im Leben eines Kindes. München: Knaur.
Largo, R. H. (2019). Babyjahre: Entwicklung und Erziehung in den ersten vier Jahren. München: Piper.
Michaelis, R. & Niemann, G. W. (2016). Entwicklungsneurologie und Neuropädiatrie: Grundlagen, diagnostische Strategien, Entwicklungstherapien und Entwicklungsförderungen. Stuttgart: Thieme.
Netter, F. H. (2015). Atlas der Anatomie. München: Urban & Fischer/Elsevier.
Touwen, B. C. L. (1982). Die Untersuchung von Kindern mit geringen neurologischen Funktionsstörungen. Stuttgart: Thieme.
4 Störungen der Körpermotorik
In diesem Kapitel werden wir uns mit Auffälligkeiten der motorischen Entwicklung und unterschiedlichen Störungsbildern befassen. Auf neurologische Krankheitsbilder oder genetische Erkrankungen können wir hier nicht eingehen. Das Spektrum der Bewegungsstörungen reicht von weitgehend isolierten motorischen Störungen bis hin zu motorischen Behinderungen. Motorische Störungen sind manchmal mit anderen Entwicklungsauffälligkeiten verbunden. Eine umfassende medizinische Abklärung ist erforderlich:
• bei Verdacht auf schwerwiegende oder gar zunehmende Symptome,
• bei einer allgemeinen Entwicklungsverzögerung,
• bei einer geistigen Behinderung.
Die Häufigkeit von motorischen Störungen bei Kindern wird mit 4–6 % angegeben (Karch, 2002; s. auch v. Suchodoletz, 2005). Jungen sind zwei bis dreimal häufiger betroffen als Mädchen. Obwohl viele Beobachtungen dahin deuten, dass die Zahl der Kinder mit motorischen Störungen in den vergangenen Jahren zugenommen hat, lässt sich wissenschaftlich dafür bislang kein Beleg finden. Dabei muss allerdings berücksichtigt werden, dass in den Studien häufig unterschiedliche Kriterien für die Diagnose einer motorischen Störung angewandt wurden. Die Häufigkeit einer motorischen Behinderung durch eine Zerebralparese (s. u.) liegt bei 2–3 pro tausend Kindern. Kinder mit einer allgemeinen Entwicklungsretardierung oder einer geistigen Behinderung haben sehr häufig (mind. in 70 % der Fälle; Polatajko, 1999) auch eine Störung oder Verzögerung der motorischen Funktionen. Auch Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen haben gehäuft Auffälligkeiten in der motorischen Entwicklung, allerdings mehr in der Hand- und Visuomotorik als in der Körpermotorik (Danielsson, Daseking & Petermann, 2010). Ein direkter Zusammenhang zwischen motorischer und sprachlicher Entwicklung konnte jedoch nicht belegt werden.
Frühe Symptome einer motorischen Störung im Säuglingsalter sind:
• das verspätete Erreichen wichtiger Entwicklungsstufen (motorische Retardierung),
• die unbeholfene und schwerfällige Art der Bewegungsmuster,
• Bewegungsarmut,
• geringe Variabilität der Bewegungen,
• überschießende Bewegungen,
• das Ausbleiben komplexer Bewegungsmuster,
• Haltungsauffälligkeiten, konstante Haltungs- oder Bewegungsasymmetrien,
• konstante Störungen der Muskelanspannung (Tonus) und
• Übererregbarkeit und Schreckhaftigkeit (Hyperexzitabilität).
Bei ausgeprägten motorischen Störungen ist meist eine Frühdiagnose in den ersten Lebensmonaten möglich, bei leichteren Auffälligkeiten im 2.–4. Lebensjahr, bei neurologischen Erkrankungen im Verlauf der Erkrankung. Die schwerste Form einer motorischen Störung ist die Körperbehinderung. Damit wird eine Schädigung oder Erkrankung des Stütz- und Bewegungsapparates bezeichnet, die einen Mensch mit einer solchen Behinderung »in Wechselwirkung mit einstellungs- und umweltbedingten Barrieren an der gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate hindern können« (§ 2.1 SGB IX).
4.1 Medizinische Diagnostik
4.1.1 Kinderärztliche Untersuchung in den ersten Lebensjahren
Wir wollen jetzt einmal aufzeigen, welche medizinischen Untersuchungen ein Kinderarzt (Fachbezeichnung: Kinder- und Jugendmedizin), ein Entwicklungsneurologe (Fachbezeichnung: Sozialpädiatrie) oder ein Kinderneurologe (Fachbezeichnung: Neuropädiatrie) durchführt. Beispielhaft werden die Untersuchungen der ersten Lebensjahre dargestellt.
Eine normale Schwangerschaft dauert 38–42 Schwangerschaftswochen. Bei der ersten Vorsorgeuntersuchung sofort nach der Geburt (U1) bestimmen Geburtshelfer den Apgar Wert.
Dieser Wert wurde nach Virginia Apgar (1953) benannt und dient einer Beschreibung des Zustands des Neugeborenen. Es werden fünf Zustandsmerkmale bewertet: die Herzfrequenz, der Atemantrieb, die Reflexe, der Muskeltonus (Muskelspannung) und die Hautfarbe. Für die Beurteilung der Funktionstüchtigkeit dieser Merkmale können jeweils 0 oder 1 oder 2 Punkte, max. also 10 Punkte vergeben werden, jeweils immer 1, 5 und 10 Minuten nach der Geburt (z. B. 8/8/10, d. h. nach 1 und 5 Minuten wurden 8 Punkte, nach 10 Minuten die volle Punktzahl vergeben).
Kinderärzte untersuchen die Kinder danach mindestens in den vorgegebenen Zeitabständen der folgenden Vorsorgeuntersuchungen (U).
Zeitpunkte der Kinderuntersuchungen
| U1 | bei Geburt |
| U2 | 3.-10. Lebenstag |
| U3 | 4.-5. Woche |
| U4 | 3.-4. Monat |
| U5 | 6.-7. Monat |
| U6 | 10.-12. Monat |
| U7 | 21.-24. Monat |
| U7a | 34.-36. Monat |
| U8 | 46.-48. Monat |
| U9 | 60.-64. Monat |
Neben der ärztlichen Untersuchung werden dabei auch Körperlänge, Körpergewicht und Kopfumfang gemessen und mit Normwerten, hier mit sog. Perzentilen (beispielhaft die Perzentile für den Kopfumfang
Abb. 4.1), verglichen. Diese Normen bieten gleichzeitig die Möglichkeit, den individuellen Entwicklungsverlauf zu beobachten. Die gesamte Kinderuntersuchung (KU) dient selbstverständlich nicht allein der Beurteilung der motorischen Entwicklung, sondern der Einschätzung des gesamten Entwicklungsstands.

Abb. 4.1: Perzentile für die Entwicklung des Kopfumfangs im KU-Heft
Falls es in der Vorsorgeuntersuchung Hinweise für eine neurologische Erkrankung, eine Entwicklungsstörung oder eine drohende Behinderung gibt, führt der Kinderarzt eine neurologische Untersuchung durch, oder er veranlasst sie beim Sozialpädiater oder Neuropädiater. Beispielhaft sind die Grundzüge einer kinderneurologischen Untersuchung im 1. und 2. Lebensjahr im folgenden Kasten aufgelistet.
Neurologische Untersuchung im 1. und 2. Lebensjahr
• Verhaltenszustand, Wachheit, Erregbarkeit
• Hören
• Sehen
• Mimik und Schlucken
• Spontane Haltung in Rückenlage, in Bauchlage, im Sitzen
• Spontane Bewegung
• Muskelspannung (Tonus)
– Normal, zu schlaff und zu geringer Widerstand (hypoton), zu stark angespannt und zu hoher Widerstand gegen passive Bewegung (hyperton)
• Muskeleigenreflexe, z. B. Kniesehnen- (Patellar-)Reflex
• Fremdreflexe
– Reizung der Haut (z. B. der Bauchhaut) löst eine Muskelkontraktion aus
– Babinski-Reflex (wenn es bei Bestreichen der seitlichen Fußsohle zu einer Spreizung der Zehen und einer Aufrichtung der Großzehe kommt, wäre das ein Hinweis für eine Schädigung der Pyramidenbahn)
• Neugeborenen-Reflexe
– z. B. Hand- und Fußgreifreflex, Such- und Saugreflex, Schreitreflex (klingen innerhalb der ersten Lebensmonate ab; ein Fortbestehen dieser Reflexe spricht für eine Hirnschädigung oder eine Erkrankung)
• Motorische Reaktionen
– Hochziehen zur Sitzposition
– Schwebende Bauchlage (Landau-Reaktion)
– Übernahme von Gewicht im gehaltenen Stehen
– Übernahme von Rumpfstabilität und Abstützreaktion beim Seitkippen aus dem Sitzen
• Körpermotorik
– Stabilität der Rückenlage
– Aufrichtung aus Bauchlage
– Sitzen
– Kriechen (Robben), Krabbeln, Po-Rutschen
– Hochziehen zum Stand
– Gehaltenes und freies Gehen
• Handmotorik
– Hand-Hand- und Hand-Augen-Kontakt
– Daumen-Zeigefinger-Opposition mit gestreckten Fingern
– Pinzettengriff
– Faustgriff oder erster 3-Finger-Griff beim Malen
Zu den speziellen Untersuchungstechniken im ersten Lebensjahr zählen auch die »Lagereaktionen« und die Beurteilung der »General Movements«. Begründet von Prechtl (2001) und fortgeführt von Hadders-Algra (2004; s. auch Groen, De Blancourt, Postema & Hadders-Algra, 2005) besteht die Diagnostik der »General Movements« in einer akribischen Beobachtung komplexer Bewegungsmuster der Neugeborenen und Säuglinge. Die Qualität der Bewegungsmuster entspricht dem jeweiligen Reifungsstand. Abnorme Spontanbewegungen werden nach den Kriterien Flüssigkeit, Variabilität und Komplexität unterschieden. Konstante Asymmetrien, verkrampfte oder irreguläre Muster sowie fehlende Anteile einer normalen Entwicklung deuten mit hoher Wahrscheinlichkeit auf eine spätere Bewegungsstörung hin. Die Treffsicherheit der Untersuchung und die prognostische Aussagekraft sind bei gut geschulten Diagnostikern sehr hoch (Cioni, Prechtl & Ferrari, 1997; Hadders-Algra & Groothuis, 1999).
4.1.2 Die ärztliche Untersuchung von Vorschulkindern
Die neurologische Untersuchung von Vorschul- und Schulkindern ähnelt schon mehr der Untersuchung eines Erwachsenen. Neben der Beurteilung des Verhaltens, der Aufmerksamkeit und der Wachheit sind folgende Bereiche besonders wichtig:
• Hören, Sehen, Augenbewegungen
• Mimik und Zungenbewegung
• Spontane Haltung und spontane Bewegung, Wirbelsäule, Fußform, Zehenstellung
• Gelenkbeweglichkeit
• Muskelspannung (Tonus), Muskelkraft, Muskelmasse und -form
• Muskeleigenreflexe und Fremdreflexe, Babinski-Reflex
• Körpermotorik, koordinative Fähigkeiten, z. B. ein- und beidbeiniges Hüpfen, von einem kleinen Hocker springen, vor- und rückwärts balancieren mit offenen und geschlossenen Augen usw.
• Handmotorik (Hände und Finger)
• Körperlänge, Körpergewicht, Kopfumfang.
Die Diagnostik der Bewegungsmuster wird Motoskopie genannt. Ein ausführliches Untersuchungsschema hat Touwen bereits 1982 vorgelegt. Ein wichtiges Merkmal dieses Untersuchungsschemas ist die Beobachtung assoziierter Bewegungsmuster: Das sind unwillkürliche Mitbewegungen, z. B. der Zunge, des Mundes oder der anderen Körperseite, die bei Kindern bis zu sechs Jahren in gewissem Maße normal sind. Auch Erwachsene kennen das: Bei einer sehr diffizilen handmotorischen Aufgabe oder beim Zehengang verzieht sich manchmal der Mund, die Zunge wird ein bisschen vorgestreckt oder die gegenseitige Hand spiegelt die Bewegung der ausführenden Hand. Solche assoziierten Bewegungen lassen sich bei einer leicht durchzuführenden Aufgabe sehen: Das Kind steht mit ausgestreckten Armen und gespreizten Fingern. Es soll dann den Mund öffnen und die Augen schließen. Kinder bis zu acht Jahren haben unter dieser Bedingung häufig assoziierte Bewegungen und Haltungsasymmetrien. Stark ausgeprägte assoziierte Bewegungen können ein Hinweis für eine neurologische Erkrankung sein.
Wenn die neurologische Untersuchung keine ausreichende Klarheit der Befunde schafft, sollte der Kinder- und Jugendarzt weitergehende Untersuchungen durchführen oder veranlassen.
Weitergehende Untersuchungen
• Blut, Urin zur Prüfung, ob eine Infektion oder eine Stoffwechselstörung vorliegt
• Ultraschalluntersuchung des Gehirns (ist bei Säuglingen möglich, bei denen die Fontanelle noch nicht geschlossen ist)
• Kernspintomographie (MRT) bei Verdacht auf raumfordernden Prozess, Fehlbildung, Erweiterung der Hirninnenräume (Hydrozephalus), perinatale Hirnschädigung
• Genetische Untersuchungen zur Prüfung von Fehlbildungskrankheiten (Syndrome)
• Elektrophysiologische Untersuchungen mittels Hirnstromuntersuchung (EEG), Nervenleitgeschwindigkeit (NLG), Elektromyogramm (EMG) bei Verdacht auf Epilepsie, Muskelerkrankung, Erkrankung des peripheren Nervensystems.
In der Sportwissenschaft werden die motorischen Leistungen ähnlich wie in der Medizin unterteilt: Bei der Körpermotorik werden die Lokomotionsbewegungen, großmotorische Teilkörperbewegungen und die Haltung unterschieden und entsprechend untersucht. Unterschiede zur oben dargestellten ärztlichen Diagnostik bestehen darin, dass neben den Fähigkeiten der Koordination, der Haltung und der Muskelanspannung auch die Ausdauer, die Belastbarkeit und die Schnelligkeit eine wesentliche Rolle spielen. Oberger und Mitarbeiter (Oberger, Opper, Karger, Worth, Geuder & Bös, 2010) differenzieren zehn Leistungsbereiche: aerobe und anaerobe Ausdauer, Kraftausdauer, Maximalkraft, Schnellkraft, Aktionsschnelligkeit, Reaktionsschnelligkeit, Koordination unter Zeitdruck, Koordination bei Präzisionsaufgaben und Beweglichkeit. In der ärztlichen Praxis scheitert eine Ausdauerdiagnostik meist an den Kosten und der Zeit. In einem pädagogischen Kontext sind aber Faktoren wie Ausdauer, Schnellkraft und Reaktionsgeschwindigkeit leichter zu beobachten und können sehr wertvolle Hinweise für die motorische Leistungsfähigkeit eines Kindes geben.
4.1.3 Merkmale einer motorischen Störung
Bei einer neurologischen Untersuchung können sich verschiedene motorische Auffälligkeiten präsentieren. Diese Symptome sind (An-)Zeichen, also noch kein Ausdruck einer Störung. Auf eine neurologische Auffälligkeit können folgende Symptome deuten:
• Zustand herabgesetzter Muskelspannung (Hypotonus)
• Zustand erhöhter Muskelspannung (Hypertonus)
• gesteigerte Reflexerregbarkeit (Hyperreflexie)
• Überstreckung des Rumpfes (Opisthotonus)
• allgemeine Übererregbarkeit (Hyperexzitabilität)
• Seitendifferenzen im Tonus, in der Haltung, in der Bewegung oder in den Reflexen (Asymmetrie)
• verspätetes Abklingen der Neugeborenen-Reflexe (Persistenz von Neugeborenen-Reflexen)
• angeborene oder erworbene, knöcherne oder muskulär bedingte Extremitätenfehlstellungen.
4.2 Einteilung der motorischen Störungen
Die motorischen Störungen werden in willkürliche und unwillkürliche Formen unterschieden. Störungen der willkürlichen Motorik sind:
• Schlaffe Parese (Lähmung): geringe Muskelanspannung (Hypotonus) und geringe Kraft
• Spastische Parese: starke Muskelanspannung, die aber nicht selektiv genug und schlecht dosiert ist
• Ataxie: zeitlich-räumliche Störung der Koordination, Bewegungsunsicherheit mit falscher Anspannung und überschießend-ausfahrenden Bewegungen (z. B. in der Handmotorik) oder mit unflüssigen und wackeligen Mustern (Gangataxie).
Unwillkürliche, nicht an eine Intention gebundene Muskelkontraktionen werden als Dyskinesie oder dyskinetische Bewegungsstörung bezeichnet. Zu den Dyskinesien zählen u. a. Tics: unwillkürliche, schnelle und stereotype Bewegungen, manchmal mit Lautäußerung.
Hypotone Haltungsstörung
Kinder mit schlechter Muskelanspannung, schlaffem Tonus und hypotoner Bewegungs- und Haltungsstörung machen uns oft Sorgen. Sie werden zwar oft ermahnt, sich besser zu halten, aber sie können ihre Körperspannung nicht dauerhaft hochhalten. Ursächlich ist oft eine Veranlagung. Erst viel später, in der Pubertät, kann sich der Tonus unter dem Einfluss der Hormone verbessern. Eine Therapie ist dann sinnvoll, wenn andere Entwicklungsschwierigkeiten parallel bestehen: Eine hypotone Mundmuskulatur und Mimik erschweren z. B. die Behandlung einer Sprech- oder Sprachstörung. Oder: Bei gleichzeitiger Beeinträchtigung der Handmotorik ist eine therapeutische Verbesserung des Tonus notwendig, um in einer guten Körperhaltung üben zu können. Hypotone Neugeborene und Säuglinge erfordern eine detaillierte neurologische Untersuchung und Abwägung. Eine Muskelschwäche ist zwar nur ein wenig spezifisches Krankheitszeichen, aber sie kann auf eine Reihe von krankhaften Störungsbildern hinweisen: Muskelerkrankungen, Erkrankungen des Rückenmarks, genetische Erkrankungen und Stoffwechselerkrankungen (Enders, 2010).
Hypertone Haltungsstörung
Auch eine erhöhte Muskelanspannung kann zu gewissen Haltungs- und Bewegungsauffälligkeiten führen. Nehmen wir als Beispiel den Zehenspitzengang: Es gibt Kinder, die immer auf der Fußspitze stehen oder gehen. Physiotherapeutisch sind sie häufig nur schwierig zu behandeln, sie benötigen dann eine orthopädische Therapie.
4.3 Umschriebene Entwicklungsstörung motorischer Funktionen (UEMF)
Die häufigste motorische Störung ist die Umschriebene Entwicklungsstörung motorischer Funktionen (UEMF). Mindestens 5–6 % aller Kinder sind betroffen. Manche Autoren gehen sogar von 15 %-20-% aus. Dabei spielen Definition, Diagnostik und Abgrenzung eine besondere Rolle. Jungen sind viel häufiger (2 : 1 bis 7 : 1) betroffen als Mädchen (Zahlen aus der AWMF-Leitlinie bei UEMF; Blank, 2011). Ob gesellschaftliche Faktoren, Ernährung und Bewegungsarmut zu einer Zunahme motorischer Störungen führen, ist noch nicht gesichert, vieles spricht aber dafür.
Der Oberbegriff »Umschriebene Entwicklungsstörung (UES)« bedeutet, dass das Kind ansonsten unauffällig ist. Eine UES ist also eine isolierte und umschriebene Funktionsstörung in der kindlichen Entwicklung, bedingt durch eine gestörte Informationsverarbeitung im Zentralnervensystem. Der Begriff Entwicklung legt nahe, dass die Störung nur vorübergehend ist bzw. durch Übung und/oder durch Reifung des ZNS im Laufe der Zeit weitgehend abklingt. Damit ist aber nicht ausgeschlossen, dass eine solche Schwäche oder Störung vollständig oder abgeschwächt bis ins Erwachsenenalter persistiert.
Definition
Nach der Internationalen Klassifikation von Krankheiten (International Classification of Diseases, ICD-10: F82) weist eine UES folgende Merkmale auf:
• Schwerwiegende Beeinträchtigung der Entwicklung, erheblich unter dem altersentsprechenden Niveau,
• Beeinträchtigung der Aktivitäten des täglichen Lebens oder der schulischen Leistungen,
• Ausschluss einer geistigen Störung, einer neurologischen Erkrankung, schwerwiegender psychosozialen Auffälligkeiten, einer Seh- oder Hörbehinderung.
Der heute noch häufig gebrauchte ältere Begriff »Teilleistungsstörung« (Frostig & Müller, 1981; Lempp, 1978) besagt, dass komplexe Funktionen des Gehirns betroffen sind, die der Anpassungsleistung des Zentralnervensystems dienen. Damit wird impliziert, dass es mehrere Ebenen von kognitiven Funktionen und Lernvorgängen gibt, die in der Informationsaufnahme, -verarbeitung und -ausgabe parallel arbeiten und sich mit Hilfe von Rückmeldesystemen gegenseitig beeinflussen.
Erscheinungsbild
Kinder mit einer UEMF wirken unbeholfen, tapsig, tollpatschig, ungeschickt: Sie stoßen oft unbedacht an, lassen Gegenstände fallen, rempeln andere Kinder an, kommen nur ungeschickt an Hindernissen vorbei, haben unzureichend gesteuerte Gleichgewichtsreaktionen, stolpern über geringe Hindernisse, zeigen Ungeschicklichkeiten beim Anziehen, beim Werfen und beim Fangen, wirken in den Bewegungen plump, können Kraft, Richtung und Ausmaß einer Bewegung nur schlecht »berechnen«, planen, vorhersehen.
Synonym für eine UEMF werden auch folgende Begriffe verwendet:
• Ungeschicktes Kind
• Entwicklungsdyspraxie
• Motorische Teilleistungsstörung
• Sensorische Integrationsstörung
• Developmental Coordination Disorder
Diese Kinder sind häufig Spott, Kritik, Ermahnung, Verbesserungen, Hänseleien und Ausgrenzungen ausgesetzt. Daher wundert es kaum, dass psychische Sekundärsymptome häufig sind, zumindest sind Vermeidung von Bewegung und Unlust sowie psychosomatische Reaktionen (Bauch- oder Kopfschmerzen, sekundäres Einnässen, Schlafstörungen) zu beobachten.
Begleitende Entwicklungsstörungen (Komorbiditäten) sind bei motorischen Störungen häufig. So können mit einer körpermotorischen Störung eine Störung der handmotorischen Koordination, eine Sprachentwicklungsstörung, eine Verhaltensstörung, eine Aufmerksamkeitsstörung oder eine emotionale Störung einhergehen.
Ursachen
Als Ursachen für eine Umschriebene Entwicklungsstörung motorischer Funktionen (UEMF) werden familiäre Veranlagung, psychosoziale Faktoren und Beeinträchtigungen vor, während und direkt nach Geburt (prä- und perinatale Risikofaktoren) genannt, von denen im folgenden Kasten die wichtigsten aufgelistet sind. Eine Veranlagung ist häufig anzunehmen. Kann man taktvoll nachfragen, wird man sehr häufig hören, dass auch andere Familienmitglieder als Kind (oder sogar noch als Erwachsener) motorisch ungeschickt oder spätentwickelt waren.
Risikofaktoren gelten nicht nur als prädisponierend oder auslösend für leichte motorische Beeinträchtigungen, sondern auch für schwere motorische Störungen und Störungen der geistigen Entwicklung.
Einige Risikofaktoren für eine Umschriebene Entwicklungsstörung motorischer Funktionen (UEMF)
1. Mütterliche Risikofaktoren
• EPH-Gestose (Stoffwechselkrankheit in der Schwangerschaft mit Ödemen, vermehrter Eiweißausscheidung der Nieren und Bluthochdruck, auch: HELPP-Syndrom, Eklampsie)
• Schwere Erkrankung, Schock, Trauma, Narkose während der Schwangerschaft
• Epilepsie
• Bestimmte Infektionen (HIV, Röteln, Windpocken, Zytomegalie-Virus)
• Medikamente, Nikotin, Alkohol, andere Drogen
• Diabetes in der Schwangerschaft
• Ungünstige sozioökonomische Situation (Arbeitslosigkeit, Armut, unzureichende Wohnung oder Ernährung)
• Schwierige psychosoziale Situation (psychische Erkrankung, Gewalterfahrung, alleinstehend und/oder minderjährige Mutter)
2. Kindliche Risikofaktoren
• Frühgeburt vor der 36. SSW
• Geburtsgewicht < 1500 g
• Mehrlingsgeburt
• Sauerstoffmangel, mangelhafte Durchblutung, Schock (vor der Geburt)
• Asphyxie (Apgar nach 5 Min. < 7)
• Schwere Infektionen nach der Geburt
• Atemnotsyndrom durch Lungenunreife, Langzeit-Beatmung
• Neugeborenen-Krampfanfälle
• Genetische Erkrankung
• Stoffwechselerkrankung
4.4 Schwere Störungen der motorischen Entwicklung
Sehr viel seltener als die Umschriebene Entwicklungsstörung motorischer Funktionen sind andere Bewegungsstörungen. Davon ist die wichtigste die Zerebralparese (wörtlich: Hirnlähmung; Infantile Zerebralparese; G80 nach ICD-10; DIMDI, 2020). Ursachen sind Hirnblutungen und Verlust von Hirngewebe durch Sauerstoffmangel, Blutdruckschwankungen, Infektionen, Hirnblutungen und Unfälle vor der Geburt (pränatal), im Laufe der Geburt (perinatal) oder nach der Geburt (postnatal), also die gleichen Risikofaktoren, die oben aufgeführt sind. Eine Infantile Zerebralparese (ICP) verursacht unterschiedliche Bewegungsstörungen, die durch eine Veränderung der Muskelspannung (Tonus), einen Verlust an Muskelkraft und eine Koordinationsstörung der Muskulatur charakterisiert sind. Die infantile Zerebralparese kommt bei etwa bei 0,3 %, also bei drei von 1000 aller Lebendgeborenen vor. Besonders Frühgeborene sind von dieser Krankheit betroffen. So leiden sehr kleine »Frühchen« etwa 100-300-mal häufiger an einer ICP als am errechneten Termin geborene Babys. Die Zerebralparese wirkt sich primär als eine körperliche Behinderung aus. Sie beeinträchtigt die willkürlichen Bewegungen und deren Koordination. Betroffene Kinder werden meist Spastiker genannt.
Infantile Zerebralparese (ICP)
Die ICP ist eine hirnorganische Bewegungsstörung. Sie führt zu einer Störung von Bewegung, Haltung und Motorik, ist bleibend, aber nicht unveränderlich und entsteht durch eine nicht fortschreitende Störung oder eine Verletzung des sich entwickelnden oder unreifen Gehirns.
Unterformen der ICP sind die spastische Zerebralparese (in 75 % der Fälle), seltener die athetotische ICP und die ataktische ICP.
Formen der Zerebralparese
• Spastik
– Störung der Haltung und der Bewegungsabläufe
– Erhöhte Muskelanspannung (Hypertonus): in den Armen hoher Beugetonus, in den Beinen hoher Strecktonus, im Rumpf Überstreckung oder niedriger Tonus
– Gesteigerte Muskeleigenreflexe (MER), die jede Spontanbewegung derart verstärken, dass die Bewegungssteuerung gestört wird
– Babinski-Reflex als Zeichen einer Schädigung der Pyramidenbahn vorhanden
– Verspätetes Abklingen der Neugeborenen-Reflexe: Kinder mit Spastik können einen Gegenstand oft nur schwer loslassen, weil der Greifreflex persistiert. Der Schluck- und der Würgereflex bleiben so stark bestehen, dass sie die Nahrungsaufnahme und die Mundmotorik behindern.
Die abnormen Bewegungsabläufe sind gekennzeichnet durch
– Verzögerte Umsetzung bei Bewegungsbeginn
– Schlechte zeitliche und räumliche Koordination
– Verringerte Kraft
– Abnorme Körperhaltung
– Verlangsamte Bewegungsgeschwindigkeit
– Vermehrte Aktivierung der gegensätzlichen Muskelgruppen.
• Athetose: unwillkürliche langsame, ausfahrend schlängelnde Bewegungen von Händen oder Füßen, oft mit Gelenküberdehnung
• Ataxie: überschießende oder ruckartig verwackelte Bewegungen, die das Ziel nicht flüssig erreichen, abnorme Kraft und Genauigkeit.
Die ICP tritt äußerlich in unterschiedlicher Verteilung, je nach Lokalisation der Hirnschädigung auf als
• Tetraparese: Lähmung aller vier Extremitäten
• Diparese: Lähmung der oberen oder (meist) unteren Extremitäten
• Hemiparese: Halbseiten-Lähmung der rechten oder der linken Körperseite
• Monoparese: Lähmung überwiegend nur einer Extremität.
Der Schweregrad einer ICP und der Erwerb motorischer Funktionen wird mittels des »Gross Motor Functions Classification System« (kurz GMFCS: System zur Klassifizierung der grobmotorischen Fähigkeiten) beschrieben (Palisano et al., 2008).
Die ICP ist oft häufig begleitet von
• Epilepsie (30–50 %)
• Psychischen Störungen, Verhaltensstörungen
• Augensymptomen (Schielen), Störungen der zentralen Sehverarbeitung
• Hör-, Sprech- und Sprachstörungen
• Minderwuchs und Muskelschwund der betroffenen Körperteile
• Entwicklungsverzögerung, geistiger Behinderung.
4.5 Behandlung körpermotorischer Störungen
Störungen der Körpermotorik werden mit verschiedenen Methoden behandelt. Bei Kindern mit schweren Bewegungsstörungen wie der Zerebralparese ist das Ziel der Behandlung, die abnormen Bewegungsabläufe und die Haltungskontrolle zu verbessern, um möglichst flüssige und zielgerichtete Bewegungen zu erreichen. Bei Kindern mit einer Umschriebenen Entwicklungsstörung motorischer Funktionen (UEMF) liegt das Hauptgewicht auf einer Bewegungsförderung im Alltag und auf Maßnahmen zur Verbesserung von Körperhaltung und von Bewegung. Eine UEMF sollte nur dann physiotherapeutisch behandelt werden, wenn die Alltagsfunktionen des Kindes beeinträchtigt sind und wenn beim Kind Leidensdruck besteht bzw. Beeinträchtigungen durch Begleit- oder Sekundärstörungen vorliegen.
Therapieformen und Fördermöglichkeiten
Grundsätzlich soll bei der Planung von Fördermaßnahmen oder Therapien bedacht werden, dass in einer Übersichtsarbeit (z. B. Schlack, 1994) keine Überlegenheit eines bestimmten Ansatzes gefunden wurde. So bleibt die Pflicht, jede Maßnahme individuell zu gestalten. Sicher ist es hilfreich, neben den breiten Überschneidungszonen pädagogischen und medizinischen Handelns auch die Unterschiede zu berücksichtigen und für das Kind zu nutzen.
Jeder Intervention geht eine Diagnose voraus. Bei einer medizinischen Behandlung werden u. a. ihre Dauer und Häufigkeit festgelegt, da die Leistungen vom Arzt per Rezept verordnet, meist an eine Therapeutin/einen Therapeuten delegiert und von der Krankenkasse finanziert werden. Die Regel ist die Einzelbehandlung, meist einmal wöchentlich mit einer festgelegten Dauer. Das Behandlungsprinzip ist in erster Linie funktionell und auf das Symptom gerichtet. Bei einer Therapie riskiert man daher, sich einseitig auf das aktuelle Defizit zu beschränken. Der Therapieerfolg sollte kontrolliert werden. In schweren Fällen steht zur interdisziplinären Diagnostik und Therapie ein Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ) zur Verfügung. Oft wird von den Eltern erwartet, dass sie als Co-Therapeuten die Behandlung zu Hause unterstützen und fortsetzen.
Vor dem Beginn pädagogischer Fördermaßnahmen in Kitas oder Schulen steht eine Diagnostik, in der Regel in Form einer Beobachtung. Die Förderung wird meist von den dort tätigen pädagogischen Fachkräften geplant und durchgeführt. Die Dauer der Maßnahme ist variabel, folgt seltener einer festgelegten Behandlungsform, wird vom Sozial- oder Schulsystem oder privat finanziert. Die Regel ist die Förderung in der Kleingruppe. Die Häufigkeit und Dauer der Förderung hängen von der Kapazität der Fachkraft oder der Institution ab. Die Eltern werden informiert, fungieren aber nicht als Co-Therapeuten. Bei der Förderung wird versucht, mehrere Aspekte des Problems zu berücksichtigen. Einer Fördermaßnahme droht dadurch methodische Beliebigkeit. Für schwere Fälle gibt es interdisziplinäre Frühförderstellen oder interdisziplinär arbeitende Sonderschulen für Körper- und Mehrfachbehinderte.
Zur pädagogischen Förderung motorischer Auffälligkeiten oder Störungen stehen zahlreiche Konzepte zur Verfügung, die sich teilweise überlappen und daher nicht immer gut voneinander abgrenzbar sind. Die folgende Liste enthält eine Reihe von Ansätzen, die u. a. motorische Bildung und Förderung zum Ziel haben:
• Pädagogische Bewegungsförderung
• Kindersport
• Kindersportschule
• Psychomotorik
• Motopädie, Motopädagogik
• Montessori-Pädagogik
• Heilpädagogik.
Ohne eine Rangfolge der Wertigkeit der genannten Ansätze zu riskieren, wollen wir einige wichtige Übungsbereiche der Bewegungsförderung aufzählen: Balancieren und andere Gleichgewichtsübungen, Rechts-Links-Wechsel, Tempowechsel, Richtungswechsel einschließlich vorwärts-rückwärts-Wechsel, Übungssequenzen i. S. eines Zirkeltraining, Ausdauer, Klettern, einbeiniges Hüpfen, Ball fangen und werfen, Einbeziehen von Musik und besonders Rhythmik. Von einem kleinen Hocker hüpfen, ein- oder beidbeiniges Hüpfen, Treppensteigen, Ball fangen und Ball werfen und vor allem das Trampolinspringen sind nicht nur fördernde, sondern besonders auch diagnostisch sehr relevante Übungen. Sammlungen praktischer Übungsbeispiele gibt es in großer Zahl (s. z. B. Friedl & Kauß, 2011; Grüger & Wöstheinrich, 2010). Eine Fördermaßnahme muss den zur Verfügung stehenden Gegebenheiten angepasst werden: Gibt es einen Bewegungsraum? Wie groß sind die Außenflächen? Wie gut ist die Einrichtung materiell ausgestattet? Gibt es eine Kooperation mit Vereinen oder mit Eltern? Welche Ausbildung hat die pädagogische Fachkraft? Usf.
Bei Kindern und Jugendlichen mit Bewegungsstörungen und bei einem Leidensdruck des Kindes sind medizinische Therapiemaßnahmen angezeigt. Die Therapie wird von Fachkräften mit Ausbildung in Physiotherapie, Ergotherapie oder Motopädie durchgeführt. Das Ziel ist die Verbesserung der motorischen Geschicklichkeit, der Körperwahrnehmung, der statischen und der dynamischen Balance, der Körperhaltung und der Bewältigung von Alltagsanforderungen. Wie auch bei einer Förderung in pädagogischen Einrichtungen ist auch immer ein Ziel medizinischer Maßnahmen, psychische Sekundärstörungen zu verhindern, abzubauen oder zumindest zu mindern.
Im folgenden Kasten sind verschiedene Therapieformen gelistet, mit denen die Breite des heutigen Spektrums verdeutlicht wird, deren Einzelformen jeweils eigene Indikationen haben und Teil eines individuell abgestimmten komplexen Therapieplans sein können. Mit der Aufzählung ist keine Reihung nach Wichtigkeit verbunden.
Therapieformen und Hilfsmittel bei motorischen Störungen
1. Therapeutische Maßnahmen
• Physiotherapie (Krankengymnastik): Verbessert die Eigenaktivität in Alltagshandlungen, verbessert oder bahnt Üben und Lernen von Bewegungen und Bewegungsabläufe, auch mittels spezieller Hilfen und Hilfsmitteln
• Bobath-Therapie (s. u.)
• Vojta-Therapie (s. u.)
• Osteopathie, Manualtherapie, Kraniosakraltherapie: komplementäre Therapieformen, die in Bewegungssteuerung und Propriozeption eingreifen. Die Manipulationstechniken, die die Therapeuten mit ihren Händen anwenden, sind sanft und nicht schmerzhaft. Sie mildern die Sekundärsymptome wie Gelenkfunktionsstörungen, muskuläre Hypertonie und Schmerzen in Folge von Muskelkontrakturen, muskuläre Bewegungseinschränkung (Riedel, 2007)
• Psychomotorik, Motopädie (Einzel- und Gruppentherapie), therapeutisches Schwimmen
• Psychologische Behandlung: Kinder und Jugendliche mit ICP leiden oft an mangelndem Selbstvertrauen, an Ängsten, an Aufmerksamkeitsstörungen und an aggressivem und oppositionellem Verhalten (Kunde-Trommer, 2007)
• Laufbandtraining: An die Behinderung angepasste Therapie verbessert die Kondition und übt Bewegungsabläufe ein, ggf. unter Verminderung des eigenen Körpergewichts durch Entlastung durch Haltegurte
• Constraint Induced Movement Therapy (CIMT): Bei Halbseitenlähmungen wird die Bewegungsfähigkeit der nicht-betroffenen Körperseite vorübergehend eingeschränkt. Das ständige Üben mit der betroffenen Körperseite kann zu einer Verbesserung der Funktionen führen (Mall, 2007)
• Vibrationstherapie (Galileo): Verbessert die Durchblutung, kräftigt den Muskel und den Knochenbau
• Hippotherapie: physiotherapeutische Reittherapie verbessert den Tonus des Rumpfes und die Aufrichtung, vermindert Asymmetrie, reguliert die sensomotorische Schleife, lockert Verspannung, erzeugt hohe Motivation durch das Tier
• Therapeutisches Schwimmen (Durlach, 2007)
• Botox-Injektionen: Injektionen mit Botolinum-Toxin in den spastischen Muskel vermindern den erhöhten Muskeltonus und erleichtern die physiotherapeutische Behandlung und die Hilfsmittelversorgung (Berweck et al., 2006)
2. Hilfsmittel
• Einlagen, Fußorthesen, Unter- oder Oberschenkelorthesen
• Nachtschienen, Handschienen, elastische Handschuhe
• Korsett, Stützapparate
• Therapiefahrrad
• Rollstuhl
• Walker (z. B. NF-Walker, Innowalk, erlauben das Üben der aufrechten Fortbewegung).
Die Hilfsmittelversorgung ist bei Kindern mit Zerebralparese sehr wichtig geworden. Optimal ist dabei eine enge Zusammenarbeit zwischen Kinderarzt, Sozial- oder Neuropädiater, Orthopädie und Orthopädiemechaniker. Therapieformen, die unter dem Begriff »Osteopathie« zusammengefasst werden können, sind in der Schulmedizin noch nicht überall anerkannt, haben in den letzten Jahren gleichwohl an großer Bedeutung gewonnen. Dabei werden Teile des Skelett- und des Bindegewebssystems manuell behandelt. Auch in der Kraniosakraltherapie werden Handgrifftechniken angewandt, meist am Schädel und am Kreuzbein, um Einfluss auf Rhythmen des menschlichen Organismus zu nehmen.
Die in Deutschland am häufigsten angewandten Formen der Physiotherapie sind die Methoden einer tschechischen Physiotherapeutin und von zwei tschechischen Ärzten: Vaclav Vojta und das Ehepaar Karel und Berta Bobath.
Vojta-Therapie
Der Reflexlokomotion liegen »globale Muster« zugrunde, die Vojta 1954 beschrieb (Vojta, 2008; Vojta & Peter, 2007). Damit sind Fortbewegungsmuster gemeint, die durch Druck und Zug an verschiedenen Körperpartien in immer gleicher Weise auslösbar sind. Der Begriff »Reflex« wird also nicht im klassischen Sinne der Neurologie verstanden. Diese gesetzmäßig ablaufenden motorischen Reaktionen werden durch gezielte Reize in den verschiedenen Körperlagen (Rücken-, Seiten-, Bauchlage) ausgelöst. Sie enthalten Bestandteile der menschlichen Bewegungsabläufe wie Greifen, Umdrehen, Robben, Krabbeln und Gehen.
Ziel der Reflexlokomotion ist es, die automatische Steuerung der Körperhaltung, die Stützfunktion der Extremitäten und die dafür erforderlichen Muskelaktivitäten zu bahnen. Krankhafte Ersatzmuster können mittels der Reflexlokomotion umgestaltet oder in ihrer Ausprägung reduziert werden. Es kommt dabei oft zu Abwehr- und Ausweichverhalten des Kindes. Die Behandlung stellt hohe körperliche Ansprüche an das Kind und hohe emotionale Ansprüche an die Mutter bzw. die Eltern (s. auch die Homepage der Internationalen Vojta Gesellschaft e. V.: www.vojta.com).
Bobath-Therapie
Ziel der Bobath-Therapie (Bobath, Bobath & Staehle-Hirsemann, 2005; Friedhoff, Schieberle & Gralla, 2007) ist die Differenzierung funktioneller Fähigkeiten, die Erweiterung der Handlungskompetenz und eine bestmögliche Selbstständigkeit im Lebensumfeld. Das Bobath-Konzept enthält keine standardisierten Übungen. Im Vordergrund stehen individuelle und alltagsbezogene therapeutische Aktivitäten. Sie betreffen die Bereiche Kommunikation, Nahrungsaufnahme, Körperpflege, An- und Auskleiden, Fortbewegung, Spiel und Beschäftigung (s. die Homepage der Vereinigung der Bobath-Therapeuten: www.bobath-vereinigung.de).
4.6 Zusammenfassung
Störungen der Motorik gehören zu den häufigsten Entwicklungsstörungen. Sie werden in den kinderärztlichen und kinderneurologischen Untersuchungen diagnostiziert. Das diagnostische Repertoire wird ergänzt durch standardisierte motoskopische Verfahren oder durch Motorik-Tests. Die verschiedenen Symptome einer abnormen Haltung, Muskelspannung oder Bewegung werden beschrieben.
Die häufigste motorische Störung ist die Umschriebene Entwicklungsstörung motorischer Funktionen (UEMF). Sie ist vor allem bedingt durch familiäre Veranlagung und Umgebungsbedingungen des Kindes. Die Kinder wirken ungeschickt und haben Schwierigkeiten in der Bewegungssteuerung und -planung. Viel seltener sind schwere motorische Störungen wie die Zerebralparese (ICP). Sie entsteht vor allem bei frühgeborenen Kindern durch Sauerstoffmangel und Durchblutungsstörung des Gehirns vor, während oder kurz nach der Geburt. Kinder mit ICP entwickeln neben einer Körperbehinderung oft auch Lernstörungen, Epilepsie, Schielen und Minderwuchs. Unterschieden wird eine spastische, eine ataktische und eine athetotische ICP.
Die Behandlung von motorischen Störungen richtet sich nach dem Schweregrad, der Beeinträchtigung des Alltagslebens und nach dem Leidensdruck des Kindes. Es kommen Fördermaßnahmen, vor allem Bewegungsförderung und psychomotorische Förderung, oder eine medizinische Therapie in Betracht. Säuglinge und kleine Kinder werden physiotherapeutisch behandelt. Bei Kindern mit Zerebralparese müssen individuelle Therapiekonzepte erarbeitet werden, vor allem mit Fördermaßnahmen, Physio- und Ergotherapie und Hilfsmittelversorgung.
Weiterführende Literatur
Blank, R. (Koordinator). (2011). AWMF-Leitlinie Umschriebene Entwicklungsstörung motorischer Funktionen (UEMF). Verfügbar unter: http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/022-017.html.
Flehmig, I. (2007). Normale Entwicklung des Säuglings und ihre Abweichungen. Stuttgart: Thieme.
Michaelis, R. & Niemann, G. W. (2016). Entwicklungsneurologie und Neuropädiatrie: Grundlagen und diagnostische Strategien. Stuttgart: Thieme.
Straßburg, H. M., Dacheneder, W. & Kreß, W. (2018). Entwicklungsstörungen bei Kindern: Praxisleitfaden für die interdisziplinäre Betreuung. München: Urban & Fischer.
Zimmer, R. (2019). Handbuch Psychomotorik: Theorie und Praxis der psychomotorischen Förderung von Kindern. Freiburg: Herder.
5 Die Entwicklung der Handmotorik
Definition
Handmotorik umfasst alle Bewegungen und Haltungen der Hände, besonders die Bewegungen aus den Handgelenken und Fingern. Die Koordination dieser Bewegungen nennt man Handgeschicklichkeit.
Die wichtigsten Bewegungen der Hand sind die Oppositionsbewegung und die Rotation. Als Opposition bezeichnet man die Fähigkeit des Daumens, sich den anderen Fingern gegenüber zu stellen. Der Daumen ist den anderen Fingern gegenüber um 130° gedreht. Dadurch wird die Opposition von Daumen und Zeigefinger erst möglich. Menschenaffen beherrschen diese Bewegung nicht. Beim Menschen sind die Daumenmuskeln besonders stark und vielfältig. Drehbewegungen (Rotation) erfolgen vorwiegend aus dem Handgelenk, aber auch aus den Fingern und dem Ellenbogengelenk.
5.1 Einführung
Wenn man auf die Handfläche oder die vordere Fußsohle eines wenige Monate alten Säuglings drückt, so werden der Handgreifreflex und der Fußgreifreflex ausgelöst: Die Hand und die Zehen klammern sich an das Objekt oder den dargebotenen Finger. Nach wenigen Monaten aber verliert sich dieser Neugeborenen-Reflex. An seine Stelle tritt das aktive, das bewusste Greifen. Ab dem Beginn dieses willkürlichen Greifens ist das Erlernen der Handmotorik an die Koordination von Auge und Hand gebunden. Das Bewusstwerden der eigenen Handbewegung und die Fähigkeit, sie mit den Augen zu kontrollieren, beginnen mit Ende des dritten Lebensmonats.
Von nun an folgt die Entwicklung der Handmotorik zwei Regeln, die eine immer differenziertere motorische Steuerung erlauben:
1. Die Reifung der Armmotorik schreitet von den Muskeln der Schulter und des Oberarms zu den Muskeln des Unterarms und der Hand.
2. Die Reifung der Handmotorik schreitet von der Handfläche zu den Fingerspitzen und vom Greifen mit allen Fingern zu der Gegenstellung (Opposition) von Daumen und Zeigefinger.
Mit vier Monaten streckt das Kind die Hand zu einem Objekt aus, öffnet die Hand, ergreift den Gegenstand, betrachtet ihn und führt ihn zum Mund. Die Hände spielen in der Körpermittellinie miteinander.
Mit fünf Monaten greift das Kind auch nach einem etwas entfernter gehaltenen Gegenstand, indem es den Arm streckt.
Mit sechs Monaten wird ein Gegenstand gezielt und mit der ganzen Handfläche (palmar) und dem gestreckten Daumen ergriffen. Interessante Gegenstände wandern von einer Hand in die andere. Das Kind beginnt, Hand- und Armbewegungen der Bezugsperson zu imitieren.
Im siebten und achten Monat lernt das Kind, kurzzeitig zwei Gegenstände mit beiden Händen gleichzeitig festzuhalten. Kleine Gegenstände werden nun mit gestreckten Fingern und dem gestreckten Daumen ergriffen, und zwar mit der Basis von Daumen und Zeigefinger, ohne dass die Handfläche den Gegenstand berührt (Scherengriff). Das Kind hantiert mit Spielzeug und setzt zwei Objekte in Bezug zueinander, z. B. indem es sie gegeneinanderschlägt.
Mit neun Monaten kann ein Kind einen Gegenstand absichtlich fallen lassen, nicht nur verlieren oder vom Tisch herunterwischen.
Mit zehn Monaten erwirbt das Kind den Pinzettengriff, zwischen dem Daumen und dem gestreckten Zeigefinger. Es kann damit z. B. einen Krümel, eine Rosine oder eine Erbse ergreifen. Beim Spitzgriff (oder Zangengriff) opponiert der Daumen zur Kuppe des gebeugten Zeigefingers. Daumen und Zeigefinger öffnen diese Klammer gerade so weit, wie der Größe des Objekts entspricht.
Am Ende des ersten Lebensjahrs kann das Kind einen Bleistift halten und damit ein bisschen auf Papier kritzeln. Es legt Spielzeug in eine Kiste und holt es heraus. Es betastet Oberflächen und unterscheidet Materialien und Oberflächen, für die Erwachsenen an Behagen und Unbehagen erkennbar.
Mit 11–15 Monaten wird die Handmotorik neu gefordert: Mit visueller Steuerung gelingen das Greifen eines Objekts, das Stapeln auf ein anderes Objekt und das gezielte Loslassen. Vor allem das gezielte Loslassen ist an eine Reifung der Großhirnrinde gebunden und an eine gute Auge-Hand-Koordination. Diese Fähigkeit wird nur wenige Wochen später in den Dienst eines Spiels gestellt: zwei Objekte kombinieren, Klotz in ein Kästchen legen, eine Puppe auf einen Stuhl setzen. Mit 13–21 Monaten gelingt auch das Stapeln von drei Klötzen und mit 18 Monaten mit vier Klötzen.
Erste Rotationsbewegungen kann man bereits mit 12–14 Monaten beobachten: Die meisten Kinder versuchen in diesem Alter, einen Verschluss mit leicht drehenden Hin- und Her-Bewegungen zu lösen. Das Drehen einer kleinen Kurbel, z. B. an einer Spieldose, gelingt im vollen Drehumfang mit 22 Monaten, das Aufschrauben einer Flasche mit 25–30 Monaten.
Bei den Altersangaben der folgenden Entwicklungsschritte besteht eine interindividuelle Variation von plus/minus vier Monaten.
Mit 18 Monaten kann die Handmotorik dazu dienen, einen Gegenstand mit einem anderen zu befördern, z. B. an einer Decke ziehen, um das darauf liegende Spielzeug herzuziehen. Etwa zum gleichen Zeitpunkt schüttet das Kind Flüssigkeit oder Sand von einem Behälter in einen anderen. Dazu ist eine drehende Handbewegung nötig, die die Handfläche am schüttenden Gefäß nach unten bringt. Die ersten »Türmchen« aus zwei, später vier Bauklötzen werden gestapelt und zwei Gegenstände miteinander kombiniert und in Beziehung gebracht.
Mit 19 Monaten Monate kritzelt das Kind kräftige Striche auf ein Papier. Mit 22 Monaten imitiert es einen waagerechten Strich und fasst dabei den Stift schon in der Mitte, manchmal sogar schon unten. Mit 24 Monaten erscheinen die ersten spiralförmigen Striche. Mit 36 Monaten kann das Kind einen Kreis zeichnen.
Mit 24 Monaten erreicht das Türmchen bereits eine Höhe von fünf Klötzen. Die Reifung der Visuomotorik zusammen mit gereifter Daumen-Zeigefinger-Opposition erlaubt das erste Auffädeln von dicken Holzperlen. Die Beziehung zwischen zwei Objekten geht jetzt weit über das Stapeln, Hineinlegen und Herausholen hinaus: Flüssigkeiten, Reiskörner oder Sand werden mit vorsichtig kippenden Bewegungen von einem Behälter in den anderen »gegossen«. Mit einer Schere zu schneiden ist eine recht schwierige Tätigkeit. Sie gelingt mit 28(–34) Monaten. Mit drei Jahren hat ein Kind die wesentlichen Muster der Handmotorik erreicht.
Im vierten bis sechsten Lebensjahr werden die erlernten Fähigkeiten verfeinert und in der Händigkeit abgestimmt. Dazu gehört auch die Zuweisung einer Halte- und einer Arbeitshand, wie es bei vielen Alltagshandlungen, Werktätigkeiten und Spielen notwendig ist.
5.2 Untersuchung der Handbewegungen und ihrer Störungen
Bei der Untersuchung der Handmotorik beobachtet man die Fähigkeit,
• eine Bewegung durchzuführen,
• das Bewegungsausmaß bzw. Einschränkungen der Bewegung,
• die Kraft der Bewegung,
• die Geschmeidigkeit und Flüssigkeit der Bewegung (Handgeschicklichkeit) und schließlich auch
• die Dauer der Handlungsplanung, nachdem man die Bewegung einmal vorgemacht hat.
Die Oppositionsfähigkeit des Daumens gegenüber allen anderen Fingern ist der wichtigste zu beobachtende Schritt bei der Diagnostik der Handmotorik.
Die Beobachtung von Handbewegungen gelingt im Alltag und mit wenigen Hilfsmitteln:
• Holzperlen auffädeln,
• die Stifthaltung (nicht das Malen!),
• einen Turm, dann eine Treppe aus sechs Holzklötzen bauen,
• eine Walze aus Knetgummi rollen,
• die Opposition von Daumen gegen den Zeige- und den Mittelfinger mit einer Spielzeugspritze,
• Rotationsbewegungen beim Drehen einer Schraube, eines Rades und eines Stiftes,
• eine kleine Perle oder eine Holzkugel, die zwischen Daumen und Zeigefinger auf- und ablaufen, und danach zwischen Daumen und Mittelfinger und am Ende zwischen Daumen und Ringfinger,
• Brot schmieren, einen Apfel schneiden,
• Knöpfe öffnen, einen Reißverschluss schließen.
Alle Bewegungen werden sowohl mit der rechten als auch der linken Hand ausgeführt. Neben der Untersuchung der Koordinationsfähigkeit gelingt so auch eine Einschätzung der Händigkeit. Steckbretter mit unterschiedlich großen Holzstiften und Bohrungen sind geeignet, die Geschwindigkeit und handmotorische Geschicklichkeit zu überprüfen (Pegboard-Test).
Im Bereich der medizinischen Diagnostik gibt es für spezielle Fragestellungen, z. B. bei Kindern mit Zerebralparese das Assisting Hand Assessment (AHA; Krumhilde-Sundholm, Holmefur, Kottorp & Eliasson, 2007) und das Manual Ability Classification System (MACS; Delhusen-Carnahan, Arner & Hägglund, 2007; Kuijper, van der Wilden, Ketelaar & Gorter, 2010). Ergotherapeuten nutzen häufig die Movement Assessment Battery for Children – 2nd Rev. (M-ABC-2; Petermann et al., 2015) und den Sensory Integration and Praxis-Test (SIPT) (Ayres, 1989).
Zur Beobachtung der Handmotorik in definierten Altersgruppen sind einzelne Beispiele aus dem »Beobachtungsbogen Kita 1–6 (BB 1–6)« (Rosenkötter, 2016) angeführt.
Handmotorik bis 36 Monate
• Greift das Kind sehr kleine Gegenstände präzise mit den Fingerkuppen? (z. B. kleine Holzperlen, Walzenstecker, kleiner als 1 cm im Durchmesser)
• Kann es Holzperlen auf eine Schnur fädeln? (Perlengröße 1–2 cm)
• Baut es einen Turm aus acht Klötzen? (Holzklötze, Kantenlänge etwa 3 cm, keine Lego- oder Duplosteine)
• Kann es ein Papier ungefähr in der Mitte falten? (Kann es ein Blatt ungefähr in der Mitte zu einem »Buch« und dann zu einem »Taschentuch« falten?)
• Malt es einen geschlossenen Kreis? (Die Aufgabe ist nur dann gelöst, wenn der Ausgangspunkt in den Endpunkt findet.)
• Malt es ein Kreuz nach? (bitte auf gleichem Blatt vormalen)
• Kann es auf- und zuschrauben? (z. B. eine Sprudelwasserflasche oder eine Dose, mit erkennbarer Gegenbewegung und Nachfassen)
Handmotorik bis 48 Monate
• Ist die Händigkeit festgelegt? (Malt, schneidet das Kind immer mit der gleichen Hand? Auch beim Auffädeln von Perlen, Schlagen einer Trommel im Rhythmus, Einsortieren von kleinen Gegenständen, Stapeln von Holzstäbchen auf den Packesel)
• Kann das Kind die Fingerbewegungen bei Fingerspielen ausführen?
• Kann es aus einer Knetkugel eine Walze formen?
• Kann es ein Schrägkreuz und ein Viereck nachmalen? (Vorgemalte Figuren werden auf gleichem Blatt nachgemalt.)
Diagnostische Methoden und Verfahren, mit denen allein die Motorik überprüft wird, sind selten. Die meisten Verfahren sind Papier-Stift-Verfahren, bei denen nicht nur Bewegung, sondern visuell gesteuerte Bewegung geprüft wird (
Kap. 6). Aber nicht alle geschickten Feinmechaniker, Uhrmacher und Goldschmiede können auch gut malen. Zu einer umfassenden Beurteilung der Bewegung gehört auch eine Beurteilung der Kraft und der Sensibilität (zur taktil-kinästhetischen Wahrnehmung auch
Kap. 11).
Handmotorik und Schulreife
Bislang gibt es nur Vermutungen, aber keine wissenschaftlich fundierte Evidenz, dass handmotorische Fertigkeiten helfen, mit Gegenständen und der Umwelt leichter in Bezug zu treten und so die kognitive Entwicklung bei jüngeren Kindern zu unterstützen. Eine Verzögerung der grafomotorischen Entwicklung kann selbstverständlich den Schreiberwerb erschweren. Sie kann aber nicht Ursache für eine Lese-Rechtschreibstörung (Legasthenie) sein. Bei vielen Einschulungsuntersuchungen werden Stifthaltung und Fähigkeiten im Zeichnen und Malen überbewertet.
Das bedeutet, dass die Schulfähigkeit/Schulbereitschaft nicht oder nur sehr begrenzt von motorischen Fähigkeiten abhängt. Kinder mit einer Verzögerung der handmotorischen oder grafomotorischen Entwicklung sind nicht generell in den Schulleistungen gefährdet. Eine Verzögerung der handmotorischen Entwicklung allein ist daher kein Grund, ein Kind nicht einzuschulen.
Die Anforderungen an die Handmotorik bei der Einschulung sind nicht normiert. Die folgende Aufstellung stellt eine Aufzählung wünschenswerter Fähigkeiten dar (Groschwald, Rosenkötter & Schuh, 2018).
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