Read the book: «Gesunde Kinder in der Kita»

Die Autoren

Jochen Rübo ist Leiter der Kinderklinik im Karl-Leisner-Klinikum und Leiter des Sozialpädiatrischen Zentrums in Kleve. Als Dozent für Medizin und Gesundheit im Kindesalter an der Hochschule Rhein-Waal vermittelt er sein Expertenwissen an angehende Kindheitspädagoginnen.

Helmut Prior ist an der Hochschule Rhein-Waal Professor für Kindheitspädagogik und Prävention. Schwerpunkte sind die Gesundheitsbildung und die gesunde und partizipative Entwicklung von Bildungs- und Betreuungseinrichtungen für Kinder.
Jochen Rübo, Helmut Prior
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1. Auflage 2020
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-036032-7
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-036033-4
epub: ISBN 978-3-17-036034-1
mobi: ISBN 978-3-17-036035-8
Vorwort
Dieser Band Gesunde Kinder in der Kita – Handlungswissen für Erzieherinnen befasst sich praxisorientiert mit den medizinischen und sozialen Grundlagen für ein gesundes Aufwachsen von Kindern. Dazu gehört die Frage, welche Herangehensweisen aus moderner kinderärztlicher Sicht wichtig sind, damit Kinder gesund durch die Zeit in der Kita gehen, aber auch die Frage, wie Kitas in ihrer Gesamtheit als gesunde Lebenswelten für Kinder und Erzieherinnen entwickelt werden können. Der Fokus liegt auf praktischer Information zu Fragen, die in Kindertagesstätten, Horten und bei der Tätigkeit als Tagesmutter häufig vorkommen.
Ausgehend von der Einführung in einen aktuellen Gesundheitsbegriff und der Vorstellung der wichtigsten Faktoren für die Gesundheit von Kindern werden die Grundlagen von Prävention und Entwicklungsdiagnostik behandelt. Dazu gehören Durchführung, Inhalte und rechtliche Rahmenbedingungen der Vorsorgeuntersuchungen U1 bis U9. Die Erörterung von Unfällen und medizinischen Notfällen ermöglicht eine Vorbereitung auf adäquates Handeln, auch in organisatorischen und rechtlichen Fragen. Aktuelles Wissen zu Impfungen und den Empfehlungen der ständigen Impfkommission erlauben eine kompetente Begleitung der Kinder in Erziehungspartnerschaft mit den Eltern. Zu den wichtigsten Infektionskrankheiten werden nicht nur die Verläufe vorgestellt, sondern die rechtlichen Grundlagen des Infektionsschutzes und Maßnahmen zur Vermeidung von Ansteckung bei Kindern und Erzieherinnen sowie das Management von Infektionen in Einrichtungen. Handlungsorientierung bietet das Buch auch beim Verdacht auf häusliche Gewalt. Als Grundlage für den kompetenten Umgang mit Kindern mit besonderen Bedürfnissen werden Ursachen und Erscheinungsbilder von Behinderungen mit den jeweiligen medizinischen Fördermöglichkeiten vorgestellt.
Im Anschluss wechselt die Perspektive zur Einrichtung in ihrer Gesamtheit als Ort, den es gesundheitsförderlich zu gestalten gilt. Kriterien werden vorgestellt, anhand derer eine Gute Gesunde Kita entwickelt werden kann. Wichtige Komponente dabei ist die Gesundheit der dort tätigen Fachkräfte. Vor diesem Hintergrund werden besondere Belastungen von Erzieherinnen und anderen Fachkräften in Kitas erörtert und Lösungsoptionen vorgestellt. Abschließend wird die Kita als Teil von Wohnumfeld und Sozialraum betrachtet, die ihre Aufgaben zur Gesundheitsförderung bei Kindern am besten als Partner in einem Kompetenznetzwerk erfüllen kann.
Jochen Rübo ist Leiter der Kinderklinik im Karl-Leisner-Klinikum und Leiter des Sozialpädiatrischen Zentrums in Kleve. Als Dozent für Medizin und Gesundheit im Kindesalter an der Hochschule Rhein-Waal vermittelt er sein Expertenwissen an angehende Kindheitspädagoginnen.
Helmut Prior ist an der Hochschule Rhein-Waal Professor für Kindheitspädagogik und Prävention. Schwerpunkte sind die Gesundheitsbildung und die gesunde und partizipative Entwicklung von Bildungs- und Betreuungseinrichtungen für Kinder.
Die Verbindung der beiden Perspektiven mit unterschiedlichen theoretischen und praktischen Ansätzen ermöglicht ein umfassendes und facettenreiches Bild zur Gesundheitsförderung in der Kita als Basis für Studium, Fortbildung und Weiterbildung von pädagogischen Fachkräften.
Kleve im Mai 2020
Jochen Rübo und Helmut Prior
Inhaltsverzeichnis
1 Vorwort
2 1 Gesundheit und Medizin
3 1.1 Wichtige Faktoren, die für die Gesundheit eines Kindes verantwortlich sind
4 1.1.1 Körperliche Voraussetzungen
5 1.1.2 Umweltfaktoren
6 1.1.3 Psycho-soziale Faktoren
7 1.2 Medizinische Möglichkeiten
8 2 Vorsorgeprogramme zur Kindergesundheit in Deutschland
9 2.1 Mutterschutzrichtlinien
10 2.2 Schwangerschaftsvorsorge-Untersuchungen
11 2.3 Vorsorgeuntersuchungen für Kinder
12 2.3.1 U1-Untersuchung (unmittelbar nach Geburt)
13 2.3.2 U2-Untersuchung (3.–10. Lebenstag)
14 2.3.3 U3-Untersuchung (4.–5. Lebenswoche)
15 2.3.4 U4-Untersuchung (3.–4. Lebensmonat)
16 2.3.5 U5-Untersuchung (6.–7. Lebensmonat)
17 2.3.6 U6-Untersuchung (10.–12. Lebensmonat)
18 2.3.7 U7-Untersuchung (21.–24. Lebensmonat)
19 2.3.8 U7a-Untersuchung (34.–36. Lebensmonat)
20 2.3.9 U8-Untersuchung (43.–48. Lebensmonat)
21 2.3.10 U9-Untersuchung (60.–64. Lebensmonat)
22 3 Notfälle im Kindesalter
23 3.1 Notfälle und Unfälle – Erste Hilfe-Maßnahmen
24 3.1.1 Der akute Herz-Atem-Stillstand – Lebensrettende Maßnahmen
25 3.1.2 Verschlucken von Fremdkörpern
26 3.1.3 Medizinische Notfälle
27 3.1.4 Unfallbedingte Notfälle
28 3.2 Versicherungsrechtliche Bestimmungen
29 3.2.1 Sachliche Voraussetzungen
30 3.2.2 Organisatorisches Vorgehen bei Unfällen und Notfällen
31 3.2.3 Dokumentationspflichten
32 3.3 Schlussbemerkung
33 4 Schutzimpfungen
34 4.1 Einführung
35 4.2 Rechtliche Grundlagen
36 4.3 Impfstoffe
37 4.4 Der Impfkalender der Ständigen Impfkommission (STIKO)
38 4.5 Informationen zu den Erkrankungen im aktuellen Impfkalender
39 4.5.1 Tetanus (Wundstarrkrampf)
40 4.5.2 Diphterie
41 4.5.3 Keuchhusten (Pertussis)
42 4.5.4 Hämophilus influenza B
43 4.5.5 Kinderlähmung (Poliomyelitis)
44 4.5.6 Hepatitis B (infektiöse Leberentzündung)
45 4.5.7 Pneumokokken (Streptococcus pneumonia)
46 4.5.8 Rotaviren
47 4.5.9 Masern
48 4.5.10 Mumps
49 4.5.11 Röteln
50 4.5.12 Windpocken
51 4.5.13 Meningokokken Gruppe C
52 4.6 Nebenwirkungen und Komplikationen der Impfungen
53 5 Infektionskrankheiten in Gemeinschaftseinrichtungen
54 5.1 Definition: Infektion
55 5.2 Infektionen bei Kindern
56 5.2.1 Atemwegsinfektionen
57 5.2.2 Magen-, Darminfektionen
58 5.2.3 Weitere spezifische Infektionskrankheiten
59 5.3 Infektionsschutzgesetz (IfSG)
60 6 Kindesmisshandlung und Vernachlässigung
61 6.1 Formen intrafamiliärer Gewalt gegen Kinder und Jugendliche
62 6.1.1 Körperliche Misshandlung
63 6.1.2 Körperliche und seelische Vernachlässigung
64 6.1.3 Sexuelle Misshandlung
65 6.2 Häufigkeit von Kindesmisshandlung und Vernachlässigung
66 6.2.1 Häufigkeit von Kindesmisshandlung
67 6.2.2 Häufigkeit von sexueller Misshandlung
68 6.3 Risikofaktoren von Kindesmisshandlung und Vernachlässigung
69 6.4 Diagnostik bei Verdacht auf Kindesmisshandlung
70 6.5 Vorgehen bei Verdacht auf Kindesmisshandlung
71 6.6 Interventionen bei Kindeswohlgefährdung
72 6.7 Prävention von Misshandlung und Vernachlässigung
73 6.8 Prävention von (sexueller) Gewalt in Institutionen
74 7 Das Kind mit Behinderung
75 7.1 Rechtliche Grundlagen
76 7.2 Statistik
77 7.3 Ursachen für Behinderungen im Kindesalter
78 7.3.1 Angeborene Behinderungen
79 7.3.2 Erworbene Behinderungen
80 7.4 Formen von Behinderung
81 7.5 Förderung und Therapie bei Behinderung
82 8 Kindertagesstätten als Orte der Gesundheit
83 8.1 Gesundheitsbezogene Qualitätsentwicklung
84 8.2 Qualitätsentwicklung gemeinsam mit den Kindern
85 8.3 Gesundheitsförderung und Organisationsentwicklung
86 8.4 Gesundheitsförderung als Leitungsaufgabe
87 8.5 Kitastruktur und Arbeitsfähigkeit der Fachkräfte
88 9 Gesundheitliche Herausforderungen für Fachkräfte in Kindertagesstätten
89 9.1 Infektionen
90 9.2 Lärm
91 9.3 Emotionale Belastungen und Emotionsarbeit
92 9.3.1 Emotionsarbeit
93 9.3.2 Mechanismen der Emotionsarbeit
94 9.4 Stress
95 9.5 Burnout
96 9.6 Handlungsoptionen
97 10 Familie, Wohnumfeld und Sozialraum
98 10.1 Einbeziehung von Familien
99 10.2 Kooperation mit den Eltern gestalten
100 10.3 Entwicklung des Sozialraums
101 10.4 Gesundheitsqualität des urbanen Raums
102 10.5 Raum für Kinderspiel
103 10.6 Vernetzung im Sozialraum
104 Stichwortverzeichnis
1 Gesundheit und Medizin
Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert Gesundheit als »einen Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen«. (»Health is a state of complete physical, mental and social wellbeing and not merely the absence of disease or infirmity.« Verfassung der Weltgesundheitsorganisation, New York 1946). In ihrer Verfassung spricht die WHO auch bereits in der Präambel die Gesundheit von Kindern direkt an: »Die gesunde Entwicklung von Kindern ist von basaler Bedeutung; die Fähigkeit, harmonisch in einer sich wandelnden Umwelt zu leben, ist essentiell für eine solche, gesunde Entwicklung.« Der komplette Text findet sich auf der Homepage der WHO (www.who.int).
In der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen erkennen die Vertragsstaaten »das Recht des Kindes auf das erreichbare Höchstmaß an Gesundheit an« (www.kinderrechtskonvention.info).

Abb. 1.1: Logo der Kinderrechtskonvention
Dieses Ziel zu erreichen, muss gerade in wohlhabenden Staaten wie der Bundesrepublik Deutschland Ziel aller Akteure sein, die sich um Kinder kümmern. Eine kindgerechte Medizin ist dabei ein wesentlicher Baustein.
Wortlaut des Artikels 24 der Kinderrechtskonvention zum Thema Gesundheitsvorsorge (www.kinderrechtskonvention.info)
Artikel 24
(1) Die Vertragsstaaten erkennen das Recht des Kindes auf das erreichbare Höchstmaß an Gesundheit an, sowie auf Inanspruchnahme von Einrichtungen zur Behandlung von Krankheiten und zur Wiederherstellung der Gesundheit. Die Vertragsstaaten bemühen sich sicherzustellen, dass keinem Kind das Recht auf Zugang zu derartigen Gesundheitsdiensten vorenthalten wird.
(2) Die Vertragsstaaten bemühen sich, die volle Verwirklichung dieses Rechts sicherzustellen, und treffen insbesondere geeignete Maßnahmen, um
a. die Säuglings- und Kindersterblichkeit zu verringern;
b. sicherzustellen, dass alle Kinder die notwendige ärztliche Hilfe und Gesundheitsfürsorge erhalten, wobei besonderer Nachdruck auf den Ausbau der gesundheitlichen Grundversorgung gelegt wird;
c. Krankheiten sowie Unter- und Fehlernährung auch im Rahmen der gesundheitlichen Grundversorgung zu bekämpfen, unter anderem durch den Einsatz leicht zugänglicher Technik und durch die Bereitstellung ausreichender vollwertiger Nahrungsmittel und sauberen Trinkwassers, wobei die Gefahren und Risiken der Umweltverschmutzung zu berücksichtigen sind;
d. eine angemessene Gesundheitsfürsorge für Mütter vor und nach der Entbindung sicherzustellen;
e. sicherzustellen, daß allen Teilen der Gesellschaft, insbesondere Eltern und Kindern, Grundkenntnisse über die Gesundheit und Ernährung des Kindes, die Vorteile des Stillens, die Hygiene und die Sauberhaltung der Umwelt sowie die Unfallverhütung vermittelt werden, daß sie Zugang zu der entsprechenden Schulung haben und daß sie bei der Anwendung dieser Grundkenntnisse Unterstützung erhalten;
f. die Gesundheitsvorsorge, die Elternberatung sowie die Aufklärung und die Dienste auf dem Gebiet der Familienplanung auszubauen.
(3) Die Vertragsstaaten treffen alle wirksamen und geeigneten Maßnahmen, um überlieferte Bräuche, die für die Gesundheit der Kinder schädlich sind, abzuschaffen.
(4) Die Vertragsstaaten verpflichten sich, die internationale Zusammenarbeit zu unterstützen und zu fördern, um fortschreitend die volle Verwirklichung des in diesem Artikel anerkannten Rechts zu erreichen. Dabei sind die Bedürfnisse der Entwicklungsländer besonders zu berücksichtigen.
1.1 Wichtige Faktoren, die für die Gesundheit eines Kindes verantwortlich sind
1.1.1 Körperliche Voraussetzungen
Von den Eltern stammt das Erbgut, das in Genen kodiert auf Chromosomen in allen Zellen des Körpers den Bauplan des Körpers enthält. Modifiziert von Umweltfaktoren bestimmt das Erbgut maßgeblich die Entwicklung: von der Augen- und Haarfarbe, über die wahrscheinliche Körpergröße bis hin zur Wahrscheinlichkeit, einen Bluthochdruck oder eine Krebserkrankung im Verlauf des Lebens zu bekommen. Das Erbgut selber kann bereits bei der Zeugung Auffälligkeiten erhalten, so z. B. fehlende oder überschüssige Chromosomen, die dann zu charakteristischen Auffälligkeiten, wie z. B. die Trisomie 21, das Down-Syndrom führen. Kleinere chromosomale Schädigungen sind für eine größere Anzahl von angeborenen chromosomalen Veränderungen verantwortlich, die dann zu körperlichen und/oder mentalen Leistungseinbußen führen. Während der Schwangerschaft können äußere Einflüsse, wie z. B. Infektionen der Mutter (z. B. Röteln), schädliche Substanzen (z. B. Alkohol) und ionisierende Strahlen (z. B. Röntgenstrahlen, Atomenergie), das ungeborene Kind schädigen und zu lebenslangen Beeinträchtigungen führen. Während eine Beeinflussung des Erbgutes bei natürlicher Zeugung nicht möglich und ethisch äußerst fragwürdig wäre, muss das Ziel einer präventiven Gesundheitspolitik sein, schädigende Einflüsse auf die Mutter und das ungeborene Kind durch Aufklärung, sehr vorsichtigen Umgang mit Strahlung und Medikamenteneinnahmen und weitgehenden Schutz in der Arbeitswelt zu gewährleisten. Dazu gehören in Deutschland eine strikte Überwachung der Zulassung von Medikamenten, die in der Schwangerschaft eingesetzt werden sollen, Aufklärungskampagnen über die Gefahr einer Alkoholembryopathie durch Alkoholgenuss während der Schwangerschaft, konsequente Arbeitsschutzrichtlinien für die Schwangerschaft und vor allem ein von den Krankenkassen finanziertes, umfangreiches Vorsorgeprogramm während der Schwangerschaft.
1.1.2 Umweltfaktoren
Wesentliche Umweltfaktoren, die die Gesundheit eines Kindes beeinflussen, sind zunächst die Versorgung mit sauberem Trinkwasser und altersgemäßer ausgewogener, gesunder und frischer, vielseitiger Nahrung. Global gesehen ist dies für viele Kinder keine Selbstverständlichkeit trotz der intensiven Bemühungen der Vereinten Nationen in den letzten Dekaden, die zu einem deutlichen Rückgang von Hunger und Unterversorgung in der Welt gesorgt hat. In Deutschland spielt die Trinkwasser- und Nahrungsversorgung auch für finanziell schwächer Gestellte keine wirkliche Problematik dar. Schwieriger ist es, den Eltern in einer Überflussgesellschaft die Notwendigkeit einer gesunden Ernährung nahe zu bringen. Themen sind Übergewicht und Fehlernährung mit den gesundheitlichen Folgen.
Neben den basalen Bedürfnissen nach Nahrung und Wasser benötigt ein Kind eine gesicherte menschengeschaffene Umwelt: Wärme, Unterkunft, Hygiene, Kleidung, Schutz vor Gefahren, Möglichkeit zur altersgerechten Körper- und Bewegungskultur, eine unbelastete, natürliche Umgebung. Die politisch Verantwortlichen und die gesamte Gesellschaft müssen sich bemühen, in ihren Entscheidungen diese wesentlichen Bedürfnisse der Kinder zu berücksichtigen, die Verteilung des Wohlstands gerecht zu gestalten und die Bewahrung der Umwelt für die kommenden Generationen als wichtiges Ziel anzuerkennen.
1.1.3 Psycho-soziale Faktoren
Abgesehen von der Stillung der essentiellen Bedürfnisse – Atmen, Trinken, Essen – ist aber für die Gesundheit die Liebe das Wichtigste. Die Liebe, die Eltern, Großeltern, Geschwister, Verwandte und Freunde dem Kind entgegenbringen, ist das Licht, das ein Kind zum Erblühen bringt. Ein Kind benötigt das Gefühl der Geborgenheit, ein Urvertrauen muss sich frühzeitig entwickeln. Intakte soziale Bedingungen, Zuwendung, Fürsorge, keine dauernde Über- oder Unterforderung, Freiheit mit Gestaltungsmöglichkeiten sind wichtige Faktoren.
Gibt es in der Persönlichkeitsstruktur der Eltern (z. B. Alkohol- oder Drogenabhängigkeit, aggressive Verhaltensstörung), im sozialem Umfeld (z. B. schwierige finanzielle Situation) oder aufgrund von Erkrankungen (z. B. psychische Störungen) berechtigte Sorgen, dass eine liebevolle Betreuung eines Kindes schwierig werden wird, müssen möglichst frühzeitig intensive Hilfsangebote etabliert werden, damit die Entwicklung des Kindes möglichst ungestört verlaufen kann.
1.2 Medizinische Möglichkeiten
Die Kinder- und Jugendheilkunde mit ihren Subspezialisierungen bemüht sich, ihren Beitrag zur Gesundheit der Kinder beizutragen. Zahlreiche medizinische Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte haben die Kindersterblichkeit auf ein historisch niedriges Maß gesenkt. Die Einführung der Impfungen und die ständige Weiterentwicklung der Impfstoffe haben Erkrankungen zurückgedrängt oder ausgerottet, denen früher ungezählte Kinder zum Opfer fielen. Die wissenschaftliche Erforschung neuer Heilverfahren hat Erkrankungen behandelbar gemacht, die noch in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts ein sicheres Todesurteil waren, dazu gehört z. B. die Leukämie, die heute fast 90 % der Betroffenen überleben. Schwere angeborene Herzfehler werden mit Hilfe der Herz-Lungen-Maschine erfolgreich operiert oder im Herzkatheterlabor mit speziellen Kathetertechniken behandelt. Die Verbesserung der Versorgung von Neugeborenen mit vielen technischen und medizinischen Innovationen ermöglicht heute das Überleben auch sehr kleiner Frühgeborener mit Geburtsgewichten von nicht einmal 500 g. In Zusammenarbeit zwischen Kinderärzten und Forschern werden Therapien auch für sehr seltene, sogenannte »Waisen-Erkrankungen« (orphan disease) entwickelt und verbessert, damit die Lebensqualität dieser Patienten steigt. Die Schmerz- und Palliativmedizin kümmert sich um die Kinder, denen trotz des medizinischen Fortschritts nicht zur Heilung ihrer Krankheit geholfen werden kann. Eine schmerzfreie und liebevolle Betreuung, möglichst im familiären Umfeld, ist Ziel dieses relativ jungen Teilgebietes der Kinderheilkunde.
Möglich werden diese Fortschritte auch durch eine zunehmende wissenschaftliche Untermauerung der Behandlungsstrategien durch gut geplante und durchgeführte Studien, die im Konzept der evidenzbasierten Medizin die Grundlage für Therapieempfehlungen bilden. Therapieverfahren sollen dadurch vergleichbarer und sicherer werden. Die Fachgesellschaften (z. B. die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin) verfassen dazu auf Grundlage der aktuellen wissenschaftlichen Evidenz Leitlinien, die allen klinisch tätigen Ärzten helfen, wissenschaftlich begründete Medizin anzuwenden (AWMF-Leitlinien).

Abb. 1.2: Logo der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). Die Leitlinien der AWMF sind im Internet abrufbar: www.awmf.org.
Daneben beschäftigt sich die Medizin mit präventiven Strategien, um Krankheiten vorzubeugen. Dazu gehören z. B. die Empfehlungen zu Kinderernährung, zu Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen. Die Sozialpädiatrie beschäftigt sich mit gesellschaftlichen Entwicklungen und deren Einfluss auf die Kindergesundheit. Stichworte sind z. B. Zivilisationskrankheiten, wie Übergewicht, oder Veränderungen der Lebenswelt durch Medienkonsum.
Die Kinder- und Jugendärzte versuchen, die Bedingungen für eine gesunde Kindheit in unserem Land mitzugestalten, und beraten in diesem Sinne die politischen Entscheider.