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Heinrich von Kleist
Die Verlobung in St. Domingo
Saga
Die Verlobung in St. DomingoCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1811, 2020 Heinrich von Kleist und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726749588
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 3.0
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Die Verlobung in St. Domingo
Zu Port au Prince, auf dem französischen Anteil der Insel St. Domingo, lebte zu Anfang dieses Jahrhunderts, als die Schwarzen die Weissen ermordeten, auf der Pflanzung des Herrn Guillaume von Villeneuve ein fürchterlicher alter Neger, namens Congo Hoango. Dieser von der Goldküste von Afrika herstammende Mensch, der in seiner Jugend von treuer und rechtschaffener Gemütsart schien, war von seinem Herrn, weil er ihm einst auf einer Überfahrt nach Cuba das Leben gerettet hatte, mit unendlichen Wohltaten überhäuft worden. Nicht nur, dass Herr Guillaume ihm auf der Stelle seine Freiheit schenkte und ihm bei seiner Rückkehr nach St. Domingo Haus und Hof anwies; er machte ihn sogar emige Jahre darauf gegen die Gewohnheit des Landes zum Aufseher seiner beträchtlichen Besitzung und legte ihm, weil er nicht wieder heiraten wollte, an Weibes Statt eine alte Mulattin, namens Babekan, aus seiner Pflanzung bei, mit welcher er durch seine erste verstorbene Frau weitläufig verwandt war. Ja, als der Neger sein sechzigstes Jahr erreicht hatte, setzte er ihn mit einem ansehnlichen Gehalt in den Ruhestand und krönte seine Wohltaten noch damit, dass er ihm in seinem Vermächtnis sogar ein Legat auswarf; und doch konnten alle diese Beweise von Dankbarkeit Herrn Villeneuve vor der Wut dieses grimmigen Menschen nicht schützen. Congo Hoango war bei dem allgemeinen Taumel der Rache, der auf die unbesonnenen Schritte des Nationalkonvents in diesen Pflanzungen aufloderte, einer der Ersten, der die Büchse ergriff und, eingedenk der Tyrannei, die ihn seinem Vaterlande entrissen hatte, seinem Herrn die Kugel durch den Kopf jagte. Er steckte das Haus, worein die Gemahlin desselben mit ihren drei Kindern und den übrigen Weissen der Niederlassung sich geflüchtet hatte, in Brand, verwüstete die ganze Pflanzung, worauf die Erben, die in Port au Prince wohnten, hätten Anspruch machen können, und zog, als sämtliche zur Besitzung gehörige Etablissements der Erde gleichgemacht waren, mit den Negern, die er versammelt und bewaffnet hatte, in der Nachbarschaft umher, um seinen Mitbrüdern in dem Kampfe gegen die Weissen beizustehen. Bald lauerte er den Reisenden auf, die in bewaffneten Haufen das Land durchkreuzten; bald fiel er am hellen Tage die in ihren Niederlassungen verschanzten Pflanzer selbst an und liess alles, was er darin vorfand, über die Klinge springen. Ja, er forderte in seiner unmenschlichen Rachsucht sogar die alte Babekan mit ihrer Tochter, einer jungen fünfzehnjährigen Mestize, namens Toni, auf, an diesem grimmigen Kriege, bei dem er sich ganz verjüngte, Anteil zu nehmen; und weil das Hauptgebäude der Pflanzung, das er jetzt bewohnte, einsam an der Landstrasse lag und sich häufig während seiner Abwesenheit weisse oder kreolische Flüchtlinge einfanden, welche darin Nahrung oder ein Unterkommen suchten, so unterrichtete er die Weiber, diese weissen Hunde, wie er sie nannte, mit Unterstützungen und Gefälligkeiten bis zu seiner Wiederkehr hinzuhalten. Babekan, welche infolge einer grausamen Strafe, die sie in ihrer Jugend erhalten hatte, an der Schwindsucht litt, pflegte in solchen Fällen die junge Toni, die wegen ihrer ins Gelbliche gehenden Gesichtsfarbe zu dieser grässlichen List besonders brauchbar war, mit ihren besten Kleidern auszuputzen; sie ermunterte dieselbe, den Fremden keine Liebkosung zu versagen bis auf die letzte, die ihr bei Todesstrafe verboten war; und wenn Congo Hoango mit seinem Negertrupp von den Streifereien, die er in der Gegend gemacht hatte, wiederkehrte, war unmittelbarer Tod das Los der Armen, die sich durch diese Künste hatten täuschen lassen.
Nun weiss jedermann, dass im Jahre 1803, als der General Dessalines mit 30.000 Negern gegen Port au Prince vorrückte, alles, was die weisse Farbe trug, sich in diesen Platz warf, um ihn zu verteidigen. Denn er war der letzte Stützpunkt der französischen Macht auf dieser Insel, und wenn er fiel, waren alle Weissen, die sich darauf befanden, sämtlich ohne Rettung verloren. Demnach traf es sich, dass gerade in der Abwesenheit des alten Hoango, der mit den Schwarzen, die er um sich hatte, aufgebrochen war, um dem General Dessalines mitten durch die französischen Posten einen Transport von Pulver und Blei zuzuführen, in der Finsternis einer stürmischen und regnerischen Nacht jemand an die hintere Tür seines Hauses klopfte. Die alte Babekan, welche schon im Bette lag, erhob sich, öffnete, einen blossen Rock um die Hüften geworfen, das Fenster und fragte, wer da sei? „Bei Maria und allen Heiligen,“ sagte der Fremde leise, indem er sich unter das Fenster stellte:,,beantwortet mir, ehe ich Euch dies entdecke, eine Frage!“ Und damit streckte er durch die Dunkelheit der Nacht seine Hand aus, um die Hand der Alten zu ergreifen, und fragte: „Seid Ihr eine Negerin?“ Babekan sagte: „Nun, Ihr seid gewiss ein Weisser, dass Ihr dieser stockfinstern Nacht lieber ins Antlitz schaut als einer Negerin! Kommt herein,“ setzte sie hinzu, „und fürchtet nichts; hier wohnt eine Mulattin, und die einzige, die sich ausser mir noch im Hause befindet, ist meine Tochter, eine Mestize!“ Und damit machte sie das Fenster zu, als wollte sie hinabsteigen und ihm die Tür öffnen; schlich aber, unter dem Vorwand, dass sie den Schlüssel nicht sogleich finden könne, mit einigen Kleidern, die sie schnell aus dem Schrank zusammenraffte, in die Kammer hinauf und weckte ihre Tochter. „Toni!“ sprach sie: „Toni!“ — „Was gibt’s, Mutter?“ — „Geschwind!“ sprach sie. „Aufgestanden und dich angezogen! Hier sind Kleider, weisse Wäsche und Strümpfe! Ein Weisser, der verfolgt wird, ist vor der Tür und begehrt eingelassen zu werden!“ — Toni fragte: „ein Weisser?“ indem sie sich halb im Bett aufrichtete. Sie nahm die Kleider, welche die alte in der Hand hielt, und sprach:,,Ist er auch allein, Mutter? Und haben wir, wenn wir ihn einlassen, nichts zu befürchten?“ — „Nichts, nichts!“ versetzte die Alte, indem sie Licht anmachte: „er ist ohne Waffen und allein, und Furcht, dass wir über ihn herfallen möchten, zittert in allen seinen Gebeinen!“ Und damit, während Toni aufstand und sich Rock und Strümpfe anzog, zündete sie die grosse Laterne an, die in dem Winkel des Zimmers stand, band dem Mädchen geschwind das Haar nach der Landesart über dem Kopf zusammen, bedeckte, sie, nachdem sie ihr den Latz zugeschnürt hatte, mit einem Hut, gab ihr die Laterne in die Hand und befahl ihr, auf den Hof hinabzugehen und den Fremden hereinzuholen.
Inzwischen war auf das Gebell einiger Hofhunde ein Knabe, namens Nanky, den Hoango auf unehelichem Wege mit einer Negerin erzeugt hatte und der mit seinem Bruder Seppy in den Nebengebäuden schlief, erwacht; und da er beim Schein des Mondes einen einzelnen Mann auf der hinteren Treppe des Hauses stehen sah: so eilte er sogleich, wie er in solchen Fällen angewiesen war, nach dem Hoftor, durch welches derselbe hereingekommen war, um es zu verschliessen. Der Fremde, der nicht begriff, was diese Anstalten zu bedeuten hatten, fragte den Knaben, den er mit Entsetzen, als er ihm nahe stand, für einen Negerknaben erkannte: wer in dieser Niederlassung wohne? und schon war er auf die Antwort desselben: dass die Besitzung seit dem Tode Herrn Villeneuves dem Neger Hoango anheimgefallen, im Begriff, den Jungen niederzuwerfen, ihm den Schlüssel der Hofpforte, den er in der Hand hielt, zu entreissen und das weite Feld zu suchen, als Toni, die Laterne in der Hand, vor das Haus hinaustrat. „Geschwind!“ sprach sie, indem sie seine Hand ergriff und ihn nach der Tür zog: „hier herein!“ Sie trug Sorge, indem sie dies sagte, das Licht so zu stellen, dass der volle Strahl davon auf ihr Gesicht fiel. — „Wer bist du?“ rief der Fremde sträubend, indem er, um mehr als einer Ursache willen betroffen, ihre junge, liebliche Gestalt betrachtete. „Wer wohnt in diesem Hause, in welchem ich, wie du vorgibst, meine Rettung finden soll?“ — „Niemand, bei dem Licht der Sonne,“ sprach das Mädchen, „als meine Mutter und ich!“ und bestrebte und beeiferte sich, ihn mit sich fortzureissen. „Was, niemand!“ rief der Fremde, indem er mit einem Schritt rückwärts seine Hand losliess: „hat mir dieser Knabe nicht eben gesagt, dass ein Neger, namens Hoango, darin befindlich sei?“ — „Ich sage, nein!“ sprach das Mädchen, indem sie mit einem Ausdruck von Unwillen mit dem Fuss stampfte; „und wenngleich einem Wüterich, der diesen Namen führt, das Haus gehört: abwesend ist er in diesem Augenblick und auf zehn Meilen davon entfernt!“ Und damit zog sie den Fremden mit ihren beiden Händen in das Haus hinein, befahl dem Knaben, keinem Menschen zu sagen, wer angekommen sei, ergriff, nachdem sie die Tür erreicht, des Fremden Hand und führte ihn die Treppe hinauf nach dem Zimmer ihrer Mutter.
„Nun,“ sagte die Alte, welche das ganze Gespräch von dem Fenster herab mit angehört und bei dem Schein des Lichts bemerkt hatte, dass er ein Offizier war: „was bedeutet der Degen, den Ihr so schlagfertig unter Eurem Arme tragt? Wir haben Euch!“, setzte sie hinzu, indem sie sich die Brille aufdrückte, „mit Gefahr unseres Lebens eine Zuflucht in unserem Hause gestattet; seid Ihr hereingekommen, um diese Wohltat nach der Sitte Eurer Landsleute mit Verräterei zu vergelten?“ — „Behüte der Himmel!“ erwiderte der Fremde, der dicht vor ihren Sessel getreten war. Er ergriff die Hand der alten, drückte sie an sein Herz, und indem er nach einigen im Zimmer schüchtern umbergeworfenen Blicken den Degen, den er an der Hüfte trug, abschnallte, sprach er: „Ihr seht den elendesten der Menschen, aber keinen undankbaren und schlechten vor euch!“ „Wer seid Ihr?“ fragte die Alte; und damit schob sie ihm mit dem Fuss einen Stuhl hin und befahl dem Mädchen, in die Küche zu gehen und ihm, so gut es sich in der Eile tun liess, ein Abendbrot zu bereiten. Der Fremde erwiderte: „Ich bin ein Offizier von der französischen Macht, obschon, wie Ihr wohl selbst urteilt, kein Franzose; mein Vaterland ist die Schweiz, und mein Name Gustav von der Ried. Ach, hätte ich es niemals verlassen und gegen dies unselige Eiland vertauscht! Ich komme von Fort Dauphin, wo, wie Ihr wisst, alle Weissen ermordet worden sind, und meine Absicht ist, Port au Prince zu erreichen, bevor es dem General Dessalines noch gelungen ist, es mit den Truppen, die er anführt, einzuschliessen und zu belagern.“ — „Von Fort Dauphin!“ rief die Alte. „Und es ist Euch mit Eurer Gesichtsfarbe geglückt, diesen ungeheuren Weg mitten durch ein in Empörung begriffenes Mohrenland zurückzulegen?“ „Gott und alle Heiligen,“ erwiderte der Fremde, „haben mich beschützt! — Und ich bin nicht allein, gutes Mütterchen; in meinem Gefolge, das ich zurückgelassen, befindet sich ein ehrwürdiger alter Greis, mein Oheim, mit seiner Gemahlin und fünf Kindern; mehrere Bediente und Mägde, die zur Familie gehören, nicht zu erwähnen; ein Tross von zwölf Menschen, den ich mit Hilfe zweier elenden Maulesel in unsäglich mühevollen Nachtwanderungen, da wir uns bei Tage auf der Heerstrasse nicht zeigen dürfen, mit mir fortführen muss.“ „Ei, mein Himmel!“ rief die Alte, indem sie unter mitleidigem Kopfschütteln eine Prise Tabak nahm. „Wo befindet sich denn in diesem Augenblick Eure Reisegesellschaft?“ — „Euch,“ versetzte der Fremde, nachdem er sich ein wenig besonnen hatte:,,Euch kann ich mich anvertrauen; aus der Farbe Eures Gesichts schimmert mir ein Strahl von der meinigen entgegen. Die Familie befindet sich, dass Ihr es wisst, eine Meile von hier, zunächst dem Möwenweiher, in der Wildnis der angrenzenden Gebirgswaldung: Hunger und Durst zwangen uns vorgestern, diese Zuflucht aufzusuchen. Vergebens schickten wir in der verflossenen Nacht unsre Bedienten aus, um ein wenig Brot und Wein bei den Einwohnern des Landes aufzutreiben; Furcht, ergriffen und getötet zu werden, hielt sie ab, die entscheidenden Schritte deshalb zu tun, dergestalt, dass ich mich selbst heute mit Gefahr meines Lebens habe aufmachen müssen, um mein Glück zu versuchen. Der Himmel, wenn mich nicht alles trügt,“ fuhr er fort, indem er die Hand der Alten drückte, „hat mich mitleidigen Menschen zugeführt, die jene grausame und unerhörte Erbitterung, welche alle Einwohner dieser Insel ergriffen hat, nicht teilen. Habt die Gefälligkeit, mir für reichlichen Lohn einige Körbe mit Lebensmitteln und Erfrischungen anzufüllen; wir haben nur noch fünf Tagereisen bis Port au Prince, und wenn ihr uns die Mittel verschafft, diese Stadt zu erreichen, so werden wir euch ewig als die Retter unseres Lebens ansehen.“ — „Ja, diese rasende Erbitterung“, heuchelte die Alte. „Ist es nicht, als ob die Hände eines Körpers, oder die Zähne eines Mundes gegeneinander wüten wollten, weil das eine Glied nicht geschaffen ist wie das andere? Was kann ich, deren Vater aus St. Jago von der Insel Cuba war, für den Schimmer von Licht, der auf meinem Antlitz, wenn es Tag wird, erdämmert? Und was kann meine Tochter, die in Europa empfangen und geboren ist, dafür, dass der volle Tag jenes Weltteils von dem ihrigen widerscheint?“ — „Wie?“ rief der Fremde. „Ihr, die Ihr nach Eurer ganzen Gesichtsbildung eine Mulattin und mithin afrikanischen Ursprungs seid, Ihr wäret samt der lieblichen jungen Mestize, die mir das Haus aufmachte, mit uns Europäern in einer Verdammnis?“ — „Beim Himmel!“ erwiderte die Alte, indem sie die Brille von der Nase nahm; „meint Ihr, dass das kleine Eigentum, das wir uns in mühseligen und jammervollen Jahren durch die Arbeit unserer Hände erworben haben, dies grimmige, aus der Hölle stammende Räubergesindel nicht reizt? Wenn wir uns nicht durch List und den ganzen Inbegriff jener Künste, die die Notwehr dem Schwachen in die Hände gibt, vor ihrer Verfolgung zu sichern müssten: der Schatten von Verwandtschaft, der über unsere Gesichter ausgebreitet ist, der, könnt Ihr sicher glauben, tut nicht!“ — „Es ist nicht möglich!“ rief der Fremde; „und wer auf dieser Insel verfolgt euch?“ „Der Besitzer dieses Hauses,“ antwortete die Alte: „der Neger Congo Hoango! Seit dem Tode Herrn Guillaumes, des vormaligen Eigentümers dieser Pflanzung, der durch seine grimmige Hand beim Ausbruch der Empörung fiel, sind wir, die wir ihm als Verwandte die Wirtschaft führen, seiner ganzen Willkür und Gewalttätigkeit preisgegeben. Jedes Stück Brot, jeden Labetrunk, den wir aus Menschlichkeit einem oder dem andern der weissen Flüchtlinge, die hier zuweilen die Strasse vorüberziehen, gewähren, rechnet er uns mit Schimpfwörtern und Misshandlungen an; und nichts wünscht er mehr, als die Rache der Schwarzen über uns weisse und kreolische Halbhunde, wie er uns nennt, hereinhetzen zu können, teils, um unserer überhaupt, die wir seine Wildheit gegen die Weissen tadeln, loszuwerden, teils, um das kleine Eigentum, das wir hinterlassen würden, in Besitz zu nehmen.“ — „Ihr Unglücklichen!“ sagte der Fremde; „ihr Bejammernswürdigen! — Und wo befindet sich in diesem Augenblick dieser Wüterich?“,,Bei dem Heere des Generals Dessalines,“ antwortete die Alte, „dem er mit den übrigen Schwarzen, die zu dieser Pflanzung gehören, einen Transport von Pulver und Blei zuführt, dessen der General bedürftig war. Wir erwarten ihn, falls er nicht auf neue Unternehmungen auszieht, in zehn oder zwölf Tagen zurück, und wenn er alsdann, was Gott verhüten wolle, erführe, dass wir einen Weissen, der nach Port au Prince wandert, Schutz und Obdach gegeben, während er aus allen Kräften an dem Geschäft teilnimmt, das ganze Geschlecht derselben von der Insel zu vertilgen, wir wären alle, das könnt Ihr glauben, Kinder des Todes.“ „Der Himmel, der Menschlichkeit und Mitleiden liebt,“ antwortete der Fremde, „wird euch in dem, was ihr einem Unglücklichen tut, beschützen! — Und weil ihr euch“, setzte er, indem er der Alten näherrückte, hinzu, „einmal in diesem Falle des Negers Unwillen zugezogen haben würdet, und der Gehorsam, wenn ihr auch dazu zurückkehren wolltet, euch fürderhin zu nichts helfen würde; könntet ihr euch wohl, für jede Belohnung, die ihr nur verlangen mögt, entschliessen, meinem Oheim und seiner Familie, die durch die Reise aufs äusserste angegriffen sind, auf einen oder zwei Tage in eurem Hause Obdach zu geben, damit sie sich ein wenig erholen?“ — „Junger Herr!“ sprach die Alte betroffen, „was verlangt Ihr da? Wie ist es in einem Hause, das an der Landstrasse liegt, möglich, einen Tross von solcher Grösse, als der Eurige ist, zu beherbergen, ohne dass er den Einwohnern des Landes verraten würde?“ — „Warum nicht?“ versetzte der Fremde dringend; „wenn ich sogleich selbst an den Möwenweiher hinausginge und die Gesellschaft noch vor Anbruch des Tages in die Niederlassung einführte; wenn man alles, Herrschaft und Dienerschaft, in einem und demselben Gemach des Hauses unterbrächte und, für den schlimmsten Fall, etwa noch die Vorsicht gebrauchte, Türen und Fenster desselben sorgfältig zu verschliessen?“ — Die Alte erwiderte, nachdem sie den Vorschlag während einiger Zeit erwogen hatte: dass, wenn er in der heutigen Nacht unternehmen wollte, den Tross aus seiner Bergschlucht in die Niederlassung einzuführen, er bei der Rückkehr von dort unfehlbar auf einen Trupp bewaffneter Neger stossen würde, der durch einige vorangeschickte Schützen auf der Heerstrasse angesagt worden wäre. — „Wohlan!“ versetzte der Fremde:,,so begnügen wir uns für diesen Augenblick, den Unglücklichen einen Korb mit Lebensmitteln zuzusenden, und sparen das Geschäft, sie in die Niederlassung einzuführen, für die nächstfolgende Nacht auf. Wollt Ihr, gutes Mütterchen, das tun?“ — „Nun,“ sprach die Alte, unter vielfachen Küssen, die von den Lippen des Fremden auf ihre knöcherne Hand niederregneten: „um des Europäers, meiner Tochter Vater willen, will ich euch, seinen bedrängten Landsleuten, die Gefälligkeit erweisen. Setzt Euch beim Anbruch des morgenden Tages hin und ladet die Eurigen in einem Schreiben ein, sich zu mir in die Niederlassung zu verfügen; der Knabe, den Ihr im Hofe gesehen, mag ihnen das Schreiben mit einigem Mundvorrat überbringen, die Nacht über zu ihrer Sicherheit in den Bergen verweilen und dem Trosse beim Anbruch des nächstfolgenden Tages, wenn die Einladung angenommen wird, auf seinem Wege hierher zum Führer dienen.“
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