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In den Wolken

Eine Waldgeschichte von Heinrich Noë

Inhaltsverzeichnis

Eine Waldgeschichte von Heinrich Noé

1.

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3.

4.

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6.

7.

8.

Impressum

In den Wolken

Eine Waldgeschichte von Heinrich Noé
1.

Nordöstlich von Görz, ungefähr zwölfhundert Meter über der Thalsohle, auf welcher diese anmuthige Stadt aufgebaut ist, ragt eine mächtige Hochfläche. Man nennt sie den Ternovaner Wald. Dieselbe zieht sich in der Richtung nach Idria hin. Mehr als neuntausend Hektare sind mit hochstämmigem Wald bedeckt, welcher an Ueppigkeit seinesgleichen kaum hat in den Gebieten Deutschlands und des österreichischen Kaiserreiches. Es ist ein Stück Nordland, welches sich gerade über den warmen Gefilden des Südens erhebt.

Der Jäger, der das Reh in seinem Dickicht jagt, sieht dort, wo sich dasselbe lichtet, auf das blaue Meer und seine weißen Segel hinab. Der Morgenstrahl macht ihm sogar in seiner Waldwohnung die ferne Stadtder Lagunen, das märchenhafte Venedig, sichtbar.

In diesem weiten Walde führen verschiedene Förster, lauter Deutsche, ein einsames Leben. Sie sind weltabgeschieden wie wenige ihrer Standesgenossen. Görz ist der nächste Ort, an welchem sie das erreichen, was man in Bezug auf die menschliche Gesellschaft Welt zu nennen pflegt. Dorthin aber müssen sie, abgesehen von der Entfernung in der Luftlinie, mehr als dreitausend Fuß hinab, und, was noch mehr in Betracht kommt, auf dem Rückwege wieder herauf steigen. Und gerade im Winter, in dessen stürmischer und trauriger Zeit das Bedürfniß nach dem Verkehr mit Menschen sich am meisten fühlbar macht, ist ein solcher Gang überaus beschwerlich. Die Wege sind mit Schnee und Eisplatten belegt, so daß ohne die Zuhilfenahme von Fußeisen, welche sich der Wanderer an den Schuhen befestigt, die glatten Hänge nicht überwunden werden können. Dazu kommt noch der heftige erstarrende Sturmwind, die Bora, die sich häufig genug einstellt. Wehe demjenigen, dessen sie sich bemächtigt!

Die Förster, welche in weit von einander entfernten Häusern wohnen, haben im Volksmunde den Namen „die Waldteufel“ erhalten. Es ist damit nicht gesagt, daß sie für schlimme Menschen gehalten werden, sondern die Leute wollen damit auf ihr einsames Leben im Hochwalde hindeuten.

In einem Forsthause, welches unweit der Mittagsspitze steht, die von den Slaven Poldanovec genannt wird, wohnte einer jener Förster, welcher schon viele Jahre in dieser Waldeinsamkeit zugebracht hatte. Man nannte ihn den Eisenhans. Und gewiß verdiente er diesen Namen. Es war in der That seiner Zeit ein eiserner Mann gewesen. So wetterhart, wie er, war keiner. Keine Bora war heftig genug, um ihn von irgend einem Dienstgange abzuhalten. Er war der Schrecken der Wilddiebe und anderer Forstfrevler.

Gleichwohl bekommen wir ihn im Anfange unserer Geschichte in einer Stellung zu sehen, welche nicht mit den beschriebenen Eigenschaften zusammen zu stimmen scheint.

Wir sehen ihn nämlich, wie er im pfadlosen Wald, auf dessen schneeüberwehtem Boden nicht eine einzige Spur einen Weg andeutet, auf allen Vieren sich durch den Schnee hindurchschleicht. Thut er dies, um ein Wild zu überlisten? Thut er es, um irgend einem Uebelthäter beizukommen?

Im Dickicht der schneebelasteten Bäume wäre solches Schleichen in beiden Fällen nicht nothwendig gewesen.

Wenn uns das Auge keinen Aufschluß darüber geben kann, warum der Eisenhans eine für einen waldgewaltigen Förster so sonderbare Stellung einnimmt, so würde uns das Gehör darüber sofort unterrichten.

Es geht ein Stöhnen und Dröhnen durch den Wald, als ob ein Wassersturz gleich dem Niagara in einer Entfernung von wenigen Schritten von uns zur Tiefe ginge. Aus allen Dickichten dringen klagende, heulende Stimmen hervor.

Die Bora ist über den Ternovaner Wald gekommen, und wenn der Eisenhans sich aufrichten wollte, würde sie ihn in die eisig verglasten Schneehaufen hineinwerfen. Kein Mensch vermöchte sich auf den Füßen zu erhalten, auch der Eisenhans nicht.

Die Mühsal eines solchen Sichfortbewegens verhinderte den Eisenhans nicht, von Zeit zu Zeit ingrimmige Verwünschungen auszustoßen. Er richtete diese gegen sich selbst. Warum war er auch so unvorsichtig gewesen und hatte sich beim Fortgehen nicht mit Fußeisen versehen? War es doch Winter und konnte die Bora mit einem Schlag über das Land kommen, wie es auch thatsächlich geschah.

Indessen bewährte es sich auch hier wieder, daß schlimme Erlebnisse mitunter ihr Gutes haben.

Wäre der Förster aufrecht gegangen, so wäre er nicht mit der Nase auf eine von Schneestaub überwehte Schlinge gestoßen. Sicherlich wäre ihm diese entgangen.

In dem zugezogenen Theile derselben steckte ein Hase, der zu einem Klumpen zusammengefroren war.

Dieser Anblick verblüffte den Eisenhans so, daß er darüber die Bora und das ganze Ungemach vergaß.

„Hab ich dich endlich einmal!“ sagte er laut vor sich hin. „Diesmal hast du dich wohl selbst gefangen, Meßner!“

Mit einem Blick sah er das Vergangene, das Gegenwärtige und das Zukünftige vor sich.

Der Meßner des Dörfleins, welchen er längst im Verdacht der Wilddieberei und schon hundert Mal mit dem Tode bedroht hatte, mußte diese Schlinge gelegt haben. Es konnte nicht fehlen, daß derselbe in allernächster Zeit hierher kommen und nachschauen würde. Der Förster hatte nun einen bestimmten Anhalt, wo er den Frevler auf frischer That packen zu können hoffen konnte. Besonders günstig war der Umstand, daß der Meßner nicht durch die Spuren des Försters im Schnee gewarnt zu werden vermochte. Denn bei dem Sturm, welcher herrschte und voraussichtlich anhielt, mußte das fortwährend aufgewühlte Schneepulver bald jede Fußstapfe bis zur Unkenntlichkeit verwehen.

Da der Eisenhans sein Revier kannte wie seine eigene Tasche, so bot es ihm keine Schwierigkeit, sich die Stelle genau zu merken. Sie lag überdies kaum zweihundert Schritte vom Forsthaus ab und war nur durch einen Bühel, auf welchem man des Schutzes wegen, welchen die Bäume bieten, ein kleines Stück Urwald stehen gelassen hatte, von demselben getrennt.

Vorläufig aber mußte der Förster seinen seltsamen Gang auf allen Vieren fortsetzen. Erst, nachdem er eine Gruppe von ungeheuren Tannen erreicht hatte, die sich bis zum Fuße jenes Bühels fortsetzte, gelang es ihm, sich wieder aufzurichten.

Er vermochte einige Schritte weiter zu gehen, indem er sich an dem festen Geäste hielt, unter welchem zudem sehr wenig Schnee lag.

Plötzlich horchte er überrascht auf. Mitten durch das Schwirren und Pfeifen der Bora vernahm er deutlich Glockenhall. War es denn möglich, daß man schon zur Vesper läutete? Er verglich seine Uhr.

Wenn diese richtig ging – und er hatte allen Grund es anzunehmen – so fehlten noch zwei Stunden bis zur Zeit des Vesperläutens. Oder wagte es der nichtswürdige Meßner, in Abwesenheit des Geistlichen heute nach seinem Gutdünken vor der Zeit zu läuten, um bis zum Einbruch der Dämmerung eine längere Frist zum Absuchen seiner Schlingen vor sich zu haben? Von den armseligen Leuten, die unter den schwarzen Strohdächern in ihren Hütten wohnten, hatte ohnehin kaum einer eine Uhr, das Gebahren des Meßners zu überwachen. Mit einem Male aber schwieg das Geläute und klang so sonderbar aus, wie es der Eisenhans nach seiner Erinnerung kaum jemals gehört hatte.

Jetzt besann er sich, was da vorging. Es war allerdings ein seltener Fall. Nicht der Meßner hatte die Glocke in Bewegung gesetzt, sondern die Bora, welche heute so wüthete, wie schon seit vielen Jahren nicht mehr.

Die Tannen, unter welchen er sich befand, standen so dicht nebeneinander und breiteten über den Boden ein so mächtiges Schirmdach aus, daß nur wenige Schneeflecke auf dem Boden zu sehen waren.

Da ereignete sich etwas, wodurch der erfrorene Hase, die Schlinge und der Meßner augenblicklich in Vergessenheit geriethen. In zwei nebeneinander liegenden, das struppige Heidekraut halb verdeckenden Schneeflecken bemerkte der Eisenhans Spuren, bei deren erstem Anblick er wie eingewurzelt stehen blieb. Nichts regte sich an ihm außer den Wimpern des blinzelnden Auges.

Die Krallen, welche hier im Schnee ihren Abdruck hinterlassen hatten, waren die eines katzenartigen Thieres.

Für eine Wildkatze oder irgend einen verwilderten, einer Bauernhütte entlaufenen Kater waren sie viel zu groß. Sie mußten also von einem Luchs herrühren. Nun hatte aber der Eisenhans seit mehr als zehn Jahren von dem Erscheinen eines solchen Thieres in den weiten Revieren des Ternovaner Waldes weder etwas gespürt noch vernommen. Es war also das genaueste Zusehen vonnöthen.

Doch je mehr der Förster die Fährte betrachtete, desto sicherer wurde er in seinem Urtheil, daß hier ein echter Luchs vorübergewechselt haben müsse. Vermuthlich war derselbe auf der Witterung nach den Schafen, die noch vor wenigen Tagen auf der schneefreien Südabdachung des Bühels geweidet hatten, hier herumgeschlichen.

Das wäre ein Jagdglück sondergleichen gewesen, dieses seltenen Räubers habhaft zu werden. Es mußte auf Wochen hinaus den Gesprächsstoff weit und breit unter den Waldteufeln abgeben. Wenn die Spur nicht trog, so war es ein starkes Thier, das wohl seinen halben Centner Gewicht haben konnte. Dann mußte es ein Fell haben, dessen Werth nicht unter dreißig Gulden zu schätzen war, dem Eisenhans also ein schönes Schußgeld eintrug.

Höchst zufrieden mit der von ihm gemachten Wahrnehmung wandte er sich nunmehr dem nahen Forsthause zu. Das Gefühl der Erstarrung, welches ihn während seiner Wanderung überkommen hatte, war ihm über dieser Aufregung völlig entschwunden.

2.

Im Hause empfing Regina, die Tochter des Försters, ihren Vater mit sanften Vorwürfen darüber, daß er bei einem solchen Wetter seine Gesundheit unnöthig aufs Spiel setze.

„Kein Mensch läßt sich sehen draußen bei dem Sturme,“ sagte das Mädchen. „Kein Thier verläßt seine Höhle, kein Raubschütze wagt sich in den Wald, der ärmste Mensch geht nicht hinaus, um Feuerschwämme oder Zunderpilze zu sammeln.“

Der Eisenhans brummte einige unverständliche Worte, welche vielleicht bedeuten sollten, daß die Weiber derlei nichts anginge, in den Bart, dann hängte er seine Büchse an die Wand, zog die schneebedeckten Schuhe und Jägerstrümpfe aus und machte es sich bequem hinter dem grünen Kachelofen, der fast den dritten Theil der Stube einnahm.

Die Stimme des zunehmenden Sturmes schien dem Mädchen Recht zu geben. Es war eine Bora, wie man sie kaum jemals erlebt hatte. Die alte Linde vor dem Fenster, deren Zweige, eben der Bora, des Nordoststurmes wegen, alle gegen Südwest gewachsen waren, schien zu beben, obwohl sie sich mit hundertjährigem Wurzelwerk weit verästelt an den Felsblöcken des moosüberwachsenen Bodens festhielt. Man hörte bis in die Stube herein aus dem Walde herüber das Krachen abgeknickter Zweige.

Der Eisenhans aber hätte sich nicht viel darum gekümmert, wenn auch das Haus selbst gewackelt hätte wie eine Wiege. Seine Gedanken waren nur auf eines gerichtet: den Luchs, und immer wieder den Luchs!

Wenn es nicht gar so gestürmt hätte, er würde sofort den weiten Weg in die Stadt hinab zum Forstmeister angetreten und ihm die unerhörte Neuigkeit hinterbracht haben.

Seit einer langen Reihe von Jahren hatte man, wie gesagt, nichts mehr von einem solchen Eindringling gehört. Derselbe mußte aus den Wäldern von Kroatien, aus dem Uskokengebirge, herübergekommen sein. Mochte dem sein wie immer, jetzt hieß es, dem Räuber so schnell wie möglich an den Leib zu gehen.

Das Einfachste wäre vielleicht gewesen, Fallen auszulegen. Das kam aber dem alten Jäger nicht weidmännisch genug vor. Eine Treibjagd bot ihre Schwierigkeiten, denn im Kalkboden des Waldgebietes giebt es zahllose Klüfte und Höhlungen, von welchen die eine mit der anderen in Verbindung steht. Den Räuber, welcher sein Handwerk fast nur bei Nacht treibt, aufzuspüren, war zudem dermalen besonders schwierig. Im tiefen Walde, dort, wo eine zusammenhängende Schneedecke lag, war dieselbe entweder gefroren, oder der Sturm wühlte sie fort und fort auf, so daß die Spuren immer wieder überweht werden mußten.

Für heute war nichts zu machen. Doch gedachte er, gegen die ersten Morgenstunden hin, in welchen die Bora oft etwas an Kraft verliert, einen Boten in die Stadt hinabzuschicken, um dem Forstmeister von dem aufgespürten Wundertiere Mittheilung zu machen, denn dieser würde es ihm gewiß niemals verziehen haben, wenn er ihm die Gelegenheit zu einem derartigen Weidgange unterschlagen hätte.

Regina hörte ohne sonderliche Theilnahme die lange Mittheilung ihres Vaters über die gemachte Entdeckung an. War sie auch Jägerskind, so hatte sich doch allmählich in ihr eine Empfindungsweise entwickelt, welche sich von ihrer gewohnten Umgebung mehr und mehr abwendete. Ihr Vater hatte, um ihr über die Einsamkeit hinwegzuhelfen, in welcher sie sich bei seiner langen Abwesenheit von Hause so häufig befand, aus der Stadt einen Büchervorrath kommen lassen, den er so oft als möglich erneuerte. Er wollte damit seinem Augapfel, dem leibhaftigen Abbild seiner verstorbenen Frau, welche so viele Jahre hindurch in dieser Einöde seine treue Gefährtin gewesen war, nicht nur Gelegenheit schaffen, sich selbständig zu unterrichten, sondern auch das Leben des jungen Mädchens bei ihm, dem ergrauenden Manne, erheitern.

Das geschah allerdings, es geschah aber noch etwas mehr. Regina lernte so viele Dinge aus der Welt kennen, von welcher sie selbst in Gebirg, Wald, Ebene, Städten, Flüssen und Meer einen so schönen Theil, freilich gleichsam nur aus den Wolken, tagtäglich überblickte. Was mußten sich dort unten, jenseit des Gewölkes für wunderbare Dinge zutragen! Was mochte es dort für schöne Häuser, für merkwürdige Menschen geben, was mochte dort alles zu sehen sein!

Regina befand sich nicht in der nämlichen Lage wie so manches Mädchen, welches in einem weltabgelegenen Dorfe sich ähnlichen Gedanken hingiebt. Jenes ahnt nur, daß in weiter Entfernung irgendwo die Dinge vorhanden sein müssen, welchen sich seine Einbildungskraft zuwendet. Regina aber sah unten die Thürme und weißen Paläste. Sie erblickte die Schiffe auf dem Meere und die Rauchsäulen der Dampfer, welche am Gesichtskreise verschwanden oder aus fernen Ländern kamen, von deren Wundern sie in ihren Büchern gelesen hatte.

Das alles überschaute sie. Wenn sie aber vor die Thüre traf, gerieth sie alsbald in das Dickicht der Tannen, von welchen die alten Flechten herabhingen, grau wie der Bart ihres Vaters. Tage lang sah sie keine andere lebendige Gesellschaft als die Schafe und Ziegen, die auf den Rodungen weideten. Während aus der Tiefe herauf, nach welcher sie so oft mit dem Fernrohre ihres Vaters hinabsah, Paläste zu ihr emporblickten, hatte sie zu Nachbarn nur die Insassen strohgedeckter Hütten, in welchen arme, halb verhungerte Leute zwischen Schmutzlachen ihr Wesen trieben.

Daher kam es, daß sie häufig an Sommerabenden, wenn die häusliche Arbeit verrichtet war, mit einem ihrer Bücher hinausging zu einem Sitze, der am Stamme einer mächtigen Tanne angebracht war. Der Baum streckte seine dichten Zweige so weit aus, daß sie dort, wenn sie auf der Bank saß, sich stets im Schatten befand. Hier blieb sie, während der Vater in den abendlichen Wald hinein auf den Anstand ging, oft sitzen, bis die Sonne hinter dem Horizonte versank. Dann wandelten ihre Gedanken über das von den letzten Strahlen purpurn übergossene Meer hin und folgten dem Gestirne, welches sich anschickte, anderen Himmelsstrichen zu leuchten.

Der Herr Forstmeister, welcher im Sommer manchmal zur Jagd heraufkam, hatte diesen Brauch Reginas mehrmals beobachtet. Er scherzte in seiner freundlichen Weise darüber und er war es, der es veranlaßte, daß der Försterstochter, als sie an einem Sommerabend wieder ihrem Lieblingssitz zustrebte, eine eigenthümliche Ueberraschung zu theil ward. Als sie ihre Blicke der Tanne zuwendete, fand sie eine künstlerisch ausgestattete Holztafel daran befestigt, auf welcher in großen Buchstaben zu lesen war: „Sehnsuchtstanne.“

Das war nun schon einige Jahre her und gerade jener Theil des Waldes, in welchem sich die Sehnsuchtstanne erhob, war mittlerweile der Axt verfallen. Doch hatte der Forstmeister befohlen, daß dieser Baum nicht berührt werden dürfe. Er sollte als Denkmal an die Jugendzeit Reginas immer da stehen bleiben, bis ihn endlich einmal, wenn er alt und morsch geworden wäre, ein Herbststurm mitten unter die blauen Glockenblumen und die rothen Kelche des Heidekrautes hinstrecken würde, welche auf dem Grund unter seinen Zweigen gediehen.

Trotz ihres ungestümen Verlangens nach der Weite und trotz des schwärmerischen Nachsinnens, welchem sich Regina gerne im Bereiche der Sehnsuchtstanne hingab, hätte sie das Forsthaus niemals verlassen, so lange sie noch ihren Vater dort wußte. Mehrmals hatte eine Verwandte, welche in einer deutschen Hauptstadt wohnte, den Eisenhans aufgefordert, ihr seine Tochter auf eine Weile zu überlassen. Sie würde dort Gelegenheit finden, sich in allerlei nützlichen Dingen auszubilden und was noch derlei Vorstellungen mehr sind. Der Förster wäre bereit gewesen, einzuwilligen, das Mädchen aber antwortete mit einer festen und unerschütterlichen Weigerung.

Wenn sie nun doch hoffte, in nicht allzu ferner Zeit diese Einsamkeit verlassen zu können, so gründete sich diese Hoffnung auf manche gelegentliche Aeußerung des Vaters. Der Eisenhans sprach mitunter davon, sich zur Ruhe setzen und in die Stadt hinabziehen zu wollen. Die stürmischen Winter und der Mangel an Ansprache entrangen ihm manches vorübergehende Zeichen von Mißmuth. Das alles aber war wie weggeblasen, wenn die Herren vom Forstamt in der Stadt manchmal heraufkamen und ihm mehr Beschäftigung mitbrachten, als ihm oft lieb war. Noch gründlicher verging ihm jeder Gedanke an das Stadtleben, wenn der eine oder der andere von den Waldteufeln bei ihm vorsprach. Da ging es an ein Erzählen von Geschichten, von wirklichen oder erfundenen Erlebnissen aus dem Revier, welch letztere von den trefflichen Männern so oft erzählt worden waren, bis sie selbst daran glaubten. Da hörte man von Dachsbauen und Koppelhunden, von seltsamen Begegnungen mit Wölfen, von unglaublich wirksamen Treffern u. s. w.

Gerade heute hatte sich Regina der Hoffnung hingegeben, daß ihr Vater, wenn er aus diesem schrecklichen Sturme nach Hause käme, wieder einmal seinen Plan, um einen Ruheposten nachzusuchen, ins Auge fassen und besprechen werde. Die Zeit war günstig, denn nichts konnte der Eisenhans weniger leiden, als die Bora, welche ihn am Herumgehen im Walde hinderte. War es doch mitunter so arg, daß man am hellen Tage die Fensterläden schließen und die Lampe in der Wohnstube anbrennen mußte. Dann ging der Eisenhans wie ein gefangener Löwe in seinem Käfig hin und her, brummte und wünschte sich dahin, wo der Pfeffer wächst – und wo es keine Holz- und Wilddiebe giebt. So wäre es wahrscheinlich auch an diesem Abend gekommen, wenn nicht die Geschichte mit dem Luchs dem ganzen Denken des Försters eine andere Richtung gegeben hätte.

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70 p.
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9783754184905
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