Read the book: «Die Nachtigall»
Hans Christian Andersen
Die Nachtigall
Saga
Die Nachtigall ÜbersetztJulius Reuscher Coverbild / Illustration: Shutterstock Copyright © 1843, 2019 Hans Christian Andersen und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726379853
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
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Die Nachtigall.
In China, das weisst du ja wohl, ist der Kaiser ein Chinese, und alle, die er um sich hat, sind Chinesen. Es sind nun viele Jahre her, aber gerade deshalb ist es wert, die Geschichte zu hören, ehe sie vergessen wird. Des Kaisers Schloss war das prächtigste der Welt, ganz und gar von seinem Porzellan, so kostbar, aber so spröde, so misslich daran zu rühren, dass man sich ordentlich in acht nehmen musste. Im Garten sah man die wunderbarsten Blumen, und an die allerprächtigsten waren Silberglocken gebunden, welche erklangen, damit man nicht vorbeigehen möchte, ohne die Blumen zu bemerken. Ja, alles war in des Kaisers Garten sein ausgedacht, und er erstreckte sich so weit, dass der Gärtner selbst das Ende nicht kannte. Ging man immer weiter, so kam man in den herrlichsten Wald mit hohen Bäumen und tiefen Seen. Der Wald ging gerade hinunter bis zum Meere, welches blau und tief war; grosse Schiffe konnten unter den Zweigen hinsegeln, und in diesen wohnte eine Nachtigall, welche so herrlich sang, dass selbst der arme Fischer, der so viel anderes zu tun hatte, still hielt und horchte, wenn er nachts ausgefahren war, um das Fischnetz aufzuziehen, und dann die Nachtigall hörte. „Ach Gott, wie ist das schön!“ sagte er, aber dann musste er auf sein Netz acht geben und vergass den Vogel; doch wenn dieser in der nächsten Nacht wieder sang, und der Fischer kam dorthin, sagte er wieder: ,,Ach Gott, wie ist das schön!“
Von allen Ländern kamen Reisende nach der Stadt des Kaisers und bewunderten dieselbe, das Schloss und den Garten; doch wenn sie die Nachtigall zu hören bekamen, sagten sie alle: „Das ist doch das Beste!“
Die Reisenden erzählten davon, wenn sie nach Hause kamen und die Gelehrten schrieben viele Bücher über die Stadt, das Schloss und den Garten, aber die Nachtigall vergassen sie nicht, sie wurde am höchsten gestellt; und die, welche dichten konnten, schrieben die herrlichsten Gedichte über die Nachtigall im Walde bei dem tiefen See.
Die Bücher durchliefen die Welt, und einige kamen dann auch einmal zum Kaiser. Er fass in seinem goldenen Stuhl, las und las, jeden Augenblick nickte er mit dem Kopfe, denn es freute ihn, die prächtigen Beschreibungen der Stadt, des Schlosses und des Gartens zu vernehmen. „Aber die Nachtigall ist doch das Allerbeste!“ stand da geschrieben.
„ Was ist das?“ fragte der Kaiser. „Die Nachtigall kenne ich ja gar nicht! Ist ein solcher Vogel hier in meinem Kaiserreiche und sogar in meinem Garten? Das habe ich nie gehört; so etwas soll man erst aus Büchern erfahren?“
Da rief er seinen Haushofmeister. Der war so vornehm, dass, wenn jemand, der geringer war als er, mit ihm zu sprechen oder ihn um etwas zu fragen wagte, er weiter nichts erwiderte als: „P!“ Und das hat nichts zu bedeuten.
„ Hier soll ja ein höchst merkwürdiger Vogel sein, welcher Nachtigall genannt wird!“ sagte der Kaiser. „Man spricht, dies sei das Allerbeste in meinem grossen Reiche; weshalb hat man mir nie etwas davon gesagt?“
„ Ich habe ihn früher nie nennen hören,“ sagte der Haushofmeister. „Er ist nie bei Hofe vorgestellt worden!“
„ Ich will, dass er heute abend herkomme und vor mir singe!“ sagte der Kaiser. „Die ganze Welt weiss, was ich habe, und ich weiss es nicht!“
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