Read the book: «Die Nachbarfamilien»
Hans Christian Andersen
Die Nachbarfamilien
Saga
Die Nachbarfamilien ÜbersetztJulius Reuscher Coverbild / Illustration: Shutterstock Copyright © 1835, 2020 Hans Christian Andersen und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726520576
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk
– a part of Egmont www.egmont.com
Die Nachbarfamilien.
Man hätte wahrlich glauben mögen, dass in dem Dorfteide etwas im Werke sei, aber da irrte man sich! Alle Enten, wie sie gerade auf dem Wasser lagen, oder auf dem Kopfe standen, denn das konnten sie, schwammen auf einmal an das Land; im nassen Lehmboden konnte man die Spuren von ihren Füssen sehen. Das Wasser kam stark in Bewegung, kurz zuvor war es hell wie ein Spiegel, man erblickte darin jeden Baum, jeden Busch in der Nähe, und das alte Bauernhaus mit den Löchern im Giebel und dem Schwalbenneste, aber namentlich den grossen Rosenstrauch voller Blumen, welcher von der Mauer über das Wasser hinaus hing, und das Ganze stand gleich einem Gemälde darin, aber alles auf dem Kopfe. Als das Wasser aber unruhig wurde, da lief das eine in das andere, das ganze Bild war fort. Zwei Entenfedern, die den auffliegenden Enten entfielen, schaukelten auf und nieder, gerade, als ob es windig wäre; aber es war gar kein Wind, und dann lagen sie stille, das Wasser wurde wieder spiegelglatt. Man sah deutlich den Giebel mit dem Schwalbenneste und erblickte den Rosenstock; jede Rose spiegelte sich, sie waren sehr schön, aber sie selbst wussten es nicht, denn niemand hatte es ihnen gesagt. Die Sonne schien zwischen die seinen Blätter hinein, die mit Duft gefüllt waren; und es war einer jeden Rose gerade wie es uns ist, wenn wir, in Gedanken versunken, uns recht glücklich fühlen.
„Wie schön ist das Dasein!“ sagte jede Rose. „Das einzige, was ich wünschen möchte, wäre, dass ich die Sonne küssen könnte, weil sie so warm und klar ist. — Ja, die Rosen dort unten im Wasser möchte ich auch küssen; sie gleichen uns ganz genau. Ich möchte die süssen, jungen Vögel dort unten im Neste küssen; ja es gibt auch viele oben über uns; sie stecken die Köpfe heraus und piepen ganz leise, sie haben gar keine Federn, wie ihr Vater und ihre Mutter. Das sind gute Nachbarn, die wir haben, sowohl die über, wie die unter uns. O, wie schön ist das Dasein!“
Die kleinen Jungen oben und unten — die unten waren nur der Wiederschein im Wasser — waren Sperlinge, Vater und Mutter waren Sperlinge; sie hatten das verlassene Schwalbennest vom vorigen Jahre eingenommen, in diesem lagen sie und waren zu Hause.
„Sind das Entenkinder, die dort schwimmen?“ fragen die jungen Sperlinge, als sie die Entenfedern auf dem Wasser treiben sahen.
„Fragt vernünftig!“ sagte die Mutter. „Seht ihr denn nicht, dass es Federn sind, lebendiges Kleiderzeug, wie ich es habe und wie ihr es bekommen werdet, aber unseres ist feiner! Ich wollte übrigens, wir hätten sie hier oben im Neste, denn sie wärmen. Ich möchte wissen, worüber die Enten so erschraken! Da muss etwas im Wasser gewesen sein, denn ich war es sicher nicht, obgleich ich freilich etwas laut »Piep« zu euch sagte. Die dickköpfigen Rosen müssten es wissen, aber die wissen gar nichts, die sehen sich nur selbst an und riechen. Es sind mir recht langweilige Nachbarn!“
„Hört die lieben, kleinen Vögel dort oben!“ sagten die Rosen, „sie wollen jetzt auch anfangen zu singen! — Sie verstehen es noch nicht recht, aber es wird schon kommen! — Was das für ein grosses Vergnügen sein muss! Es ist recht ergötzlich, solche lustige Nachbarn zu haben!“
Gleichzeitig kamen zwei Pferde im Galopp an, sie sollten getränkt werden; ein Bauernknabe sass auf dem einen, und er hatte alle seine Kleider, seinen schwarzen, grossen und breiten Hut ausgenommen, abgelegt. Der Knabe pfiff gerade, als wenn er ein kleiner Vogel wäre, und ritt dann in die tiefste Stelle des Teiches; und als er zum Rosenstock herüberkam, riss er eine der Rosen ab und steckte sie auf den Hut, so glaubte er recht geputzt zu sein, und ritt dann damit sort. Die andern Rosen blickten ihrer Schwester nach und fragten einander: ,,Wohin reist sie?“, aber das wusste keine.
The free sample has ended.