Read the book: «Das alte Haus»
Hans Christian Andersen
Das alte Haus
Saga
Das alte Haus Übersetzer Julius Reuscher Coverbild / Illustration: Sutterstock Copyright © 1848, 2020 Hans Christian Andersen und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726520484
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 2.0
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Da stand in einer Nebenstrasse ein altes, altes Haus, welches fast dreihundert Jahre alt war; denn das konnte man an dem Balken lesen, wo die Jahreszahl zugleich mit Tulpen und Hopfenranken ausgeschnitten war. Da standen ganze Verse in der Schreibart der alten Zeit, und über jedem Fenster war im Balkon ein Gesicht ausgeschnitzt, das sehr verzerrt aussah. Das eine Stockwerk reichte weit über das andere hervor, und unter dem Dache war eine bleierne Rinne mit einem Drachenkopf angebracht; das Regenwasser sollte aus dem Rachen herauslaufen, aber es lief aus dem Bauch, denn es war ein Loch in der Rinne.
Alle die andern Häuser in der Strasse waren neu und hübsch. mit grossen Fensterscheiben und glatten Wänden. Man konnte wohl sehen, dass sie mit dem alten Hause nichts zu tun haben wollten, sie dachten wohl: ,,Wie lange soll dieses alte Gerümpel hier noch zum allgemeinen Ärgernis in der Strasse stehen! Auch springt der Erker so weit hervor, dass niemand aus unsern Fenstern sehen kann, was auf jener Seite vorgeht! Die Treppe ist so breit, wie zu einem Schlosse und so hoch, wie zu einem Kirchturm. Das eiserne Geländer sieht aus wie die Tür zu einem Erbbegräbnisse, und dann hat es messingene Knöpfe. Es ist recht gewöhnlich!“
Gerade gegenüber in der Strasse standen auch neue Häuser, sie dachten wie die andern, aber am Fenster sass hier ein kleiner Knabe mit frischen, roten Wangen, mit hellen, strahlenden Augen; ihm gefiel das alte Haus noch am meisten, und das sowohl im Sonnenschein wie im Mondenschein. Sah er hinüber nach der Mauer, wo der Kalk abgefallen war, dann konnte er sitzen und die sonderbarsten Bilder herausfinden, gerade wie die Strasse früher ausgesehen haben mochte, mit Treppen, Erkern und spitzen Giebeln, er konnte Saldaten mit Hellebarden sehen, und Dachrinnen, die wie Drachen und Lindwürme herumliefen. — Das war so recht ein Haus zum Anschauen; und da drüben wohnte ein alter Mann, der trug Kniehosen, hatte einen Rock mit grossen, messingenen Knöpfen und eine Perücke, der man es ansehen konnte, dass es eine wirkliche Perücke war. Jeden Morgen kam ein alter Aufwärter zu ihm, welcher rein machte und Gänge besorgte, sonst war der alte Mann in den Kniehosen ganz allein in dem alten Hause. Manchmal kam er an das Fenster und sah hinaus, und der kleine Knabe nickte ihm zu, und der alte Mann nickte wieder, so wurden sie miteinander bekannt und waren Freunde, obgleich sie nie miteinander gesprochen hatten; aber das war auch gar nicht nötig.
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