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Ein Namenloser
Gustav Sack
Roman
Saga
Der Namenlose
Tote sind es, deren Gestalten diese Blätter heraufbeschwören, denn auch die blonde Claire ist seit mehreren Jahren tot ...
Dem »verbummelten Studenten«, der den Namen meines Mannes bekannt gemacht hat, folgt heute der »Namenlose«. Es ist der zweite und letzte abgeschlossene Roman, den er uns hinterlassen hat, denn der dritte, »Paralyse«, ist Bruchstück geblieben.
Der »Namenlose« steht erkenntnistheoretisch zwischen dem in der Philosophie scheiternden »Studenten« und dem »freien Menschen« der »Paralyse«. Von ihm sagt Sack selbst, als er gelegentlich die Entwicklungslinie seiner großen Arbeiten skizziert:
Der Namenlose. – Der Götterglaube ist völlig überwunden; um aber im Relativismus und Positivismus bestehen zu können, Stütze und Verbindung mit dem Innersten der Natur durch geschlechtliche Liebe.
Dieser schonungslos ehrliche Bericht einer sinnlichen Leidenschaft wäre, viel eher noch als Loos und Erichs Verbindung im »Studenten«, eine »dumme Liebesgeschichte«, die allenfalls durch einen krankhaften Paroxismus der erotischen Gefühle sich auszeichnete, wenn nicht das Denken die an sich kleinen Begebenheiten mit unerbittlicher Schärfe durchsetzte und zersetzte. Es sind, wie immer bei Sack, die Ereignisse im Gehirn, die den eigentlichen Gang der Handlung bilden, aus dem an sich leicht trivialen Stoff tragische Kraftvergeudung und Untergang gestaltend.
Sack schrieb den »Namenlosen« in Schermbeck, seinem Heimatort. Unmittelbar nach Beendigung des Dienstjahrs in Rostock, dessen photographisch getreue Wiedergabe der Roman ist, wurde mit den Vorarbeiten begonnen. Von diesen abgesehen, erfolgte die erste gültige Kladdeniederschrift in dem erstaunlich kurzen Zeitraum vom 5. Dezember 1912 bis zum 17. Januar 1913. Sacks damalige ungeheure innere und äußere Verlassenheit zeigt die Bemerkung, mit der er mir dann das Manuskript, das zunächst den Titel »Mein Sommer 1912« getragen hatte, übersandte: daß er auf der Welt niemanden wisse, dem er es lieber schicke als mir. Wir hatten zu jener Zeit erst wenige Briefe gewechselt und uns noch nicht gesehen.
Nach der Rücksendung erfolgte sofort die letzte Überarbeitung und Reinschrift, die durchwegs formale Änderungen brachte. Bedeutungsvoll war die Einschaltung der umfangreichen Diskussion der Kameraden auf dem Schießplatz. Sie ist eine temperamentvolle Auseinandersetzung mit den in Hans W. Fischers »Dreißigjährigem« aufgestellten Theorien. Das Buch war ihm inzwischen durch mich geschickt worden.
Im Frühjahr 1913 war der »Namenlose« druckfertig, in der heute vorliegenden Fassung. Niemand wollte ihn drucken. Es mußte 1919 werden, ohne Sack, bis er den Weg in die Öffentlichkeit fand. Nun stellt er sich neben seinen älteren Bruder, den vielgenannten verbummelten Studenten, um mit ihm für den großen Toten zu zeugen, bis auch die übrigen Werke erscheinen und das ernste Bild vollenden werden.
München, 8. Februar 1919.
Paula Sack.
Ein Namenloser
Etwas Grauenhaftes ist ausgebreitet, klanglos lichtlos – eine finstere Häufung erboster Atome. Hier zu kompakten, ruhlos in sich rasenden Klumpen verfilzt, dort von einander sich reißend, flüchtig, eins des anderen Feind. Wahllos stößt und bebt und kreist und zittert und wirbelt das Durcheins in schauriger Sinnlosigkeit. Wohl schlagen die von einander sich reißenden, flüchtigen, die eins des anderen Feind sind, zuweilen in fieberndem Rhythmus hin und wider und als rasende Welle pflanzt sich ihr zitterndes Fieber fort und bringt die kompakteren ruhlos in sich rasenden zu größerem Rasen. Wohl flüchten rollende Punkte, die jene anderen rastlos umkreisen, wie eine gehetzte Schar von hier nach dort, von dort nach hier und bringen den Tanz des Chaos zu größerem Chaos. Wohl stößt und prallt und kreist und rollt und zittert und strömt das in sich unentwirrbar schier, jedes der Kreisenden, der Gehetzten, der Wirbelnden, der Gestoßenen und Stoßenden nach seinem Gesetz und seiner Art. Wohl weiß ich die Formel dafür, wohl kenne ich ihre Geschwindigkeit, ihren Weg und ihr Gewicht und weiß, wie ihr Wirbel und Zusammenhang war und sein wird – aber es ist Finsternis und Schweigen, finsterster, schweigendster Wahnsinn. Und einst nimmt auch dieses, die Mannigfaltigkeit der Schwingungsgeschwindigkeit der einzelnen, ein Ende und es ist nichts denn ein rätselhaft grauenhafter Klumpen voll Gleichartigkeit, von ruhlos gleichartig zitternder Globen, klanglos, lichtlos, zeitlos, der lebende Tod. Denn die Formel weist t = unendlich und die Intensitätsunterschiede sind hin. Die Entropie hat ihr Maximum, zu dem sie strebte, erreicht.
Das ist deine Welt. –
Aber sie genügt mir nicht; denn, abgesehen von der Unbegreifbarkeit der Atome und der Entstehung des Bewußtseins aus der Bewegung dieser Atome, stellt die Mechanik und Atomistik, mittels derer ihr eure Welt eindeutig beschreibt, nur eine Seite des Unergründlichen dar. Ihr benutzt formaloptische und Tastempfindungen – haben die ein Vorrecht vor den Empfindungen des Gehörs, des Geruchs und des materialoptischen Sehens? Sie sind ebenso berechtigt, die Grundlage eines Weltbildes abzugeben. Ihr redet vom topochemischen Sinn: wieviel mehrere solcher Sinne mag es geben und damit wieviel mehrere Seiten der Welt? – Und sollte ich alle, sollte ich ihre Unzahl kennen, so bliebe damit meine Welt immer nur eine Sinnenwelt, eine Vorstellung und ein Bild, ein Bild, das meine abstrahierenden und ordnenden – an und für sich aus bestimmten Verhältnissen heraus gewordenen – Denkformen aus dem Material der Sinnesempfindungen geschaffen haben. Und über dieses Bild, über dieses Produkt meiner Organisation und des ebenso unergründlichen Außer-Mir, komme ich nicht hinaus. Und wer überhaupt berechtigt mich, kausale Beziehungen zwischen diesem Bild und meinen Sinnen und jener Außenwelt aufzustellen, wer beweist mir die Gültigkeit einer transzendenten Kausalität?
Aber ich bleibe bei meinem Phänomenalismus stehen, trotzdem ich weiß, daß er als korrelativen Begriff den der Substanz fordert, des Dinges an sich. Aber dieses Ding an sich ist ein logisches Unding: wenn Alles im letzten Grunde x ist, so kann dieses x nur bestehen durch seinen Gegensatz zu einem y – aber dieses y soll wieder gleich x sein. Und versteige ich mich zu jenem extremen Idealismus und nenne das Allem Zugrundeliegende Geist, Wille oder umfassendes Bewußtsein, so begehe ich den gleichen logischen Fehler. Wie komme ich da heraus? –
Aber auch lachend und brausend wälzt sich die Welle mit grünlichem Gischt zu mir, als schimmernder Kegel schleudert sich der Sonne Licht strahlend vom spiegelnden Meer in den Raum zurück, und Klänge, wiegende Klänge, zuckt nicht und tanzt nicht mein Fuß? umfluten umflattern mich, ein Duft überfällt mich, ein betörender betäubender, es knirscht der Sand und ein Leib preßt sich an mich, zwei harte Brüste und ein blondes Gelock, da wende ich mich – – –
Blitzte das? Brennt die Welt?
Ich will von meiner Liebe schreiben, von meinem Sommer neunzehnhundertundzwölf.
Aber sei stark mein Herz und bleibe kühl mein Kopf, dann taucht sie zu sichtbar wieder auf vor euch mit ihrem Haargezottel von Gold und ihren Augen von Amethyst, dann flutet mein Blut, dann breiten sich meine Arme und meine Augen brennen und bitten – –
Claire hieß sie, war zwanzig Jahr, blauäugig und blond und ihr Gesichtchen geschnitten zart wie das einer Gemme; ich aber trug damals den Rock der Füsiliere. Und der und mein braunes Gesicht hatte es ihr angetan und meine Keckheit, mit der ich sie am ersten Abend dem Anderen nahm. Aber weswegen flackerte ihr Auge auf und brannte sogleich in meinem fest, so fest, daß mein bleicherer Freund mich bat: Sieh sie doch nicht ewig an, du hast doch die andere!
Die andere war ihre Schwester, die eine Freundin für diesen Abend hatte mitbringen müssen.
In der Nacht, die diesem in roter Trunkenheit endenden Abend folgte, stahl sie sich den ersten Kuß. Einige Tage später, es war um Ostern, fuhr ich in die Heimat.
Hier verdrängten meine Brüche und Heiden ihr Bild. Nur, daß ich meinen Bäumen, meinen mürrischen Wacholdern und vergrämten Moorbirken fremder in die Augen sah. War es so, weil ihr mächtiger Bruder, das Meer, mich wieder angesprochen und angebraust hatte, oder zürnten sie mir, weil ich wieder im Begriff stand, mit meiner Liebe zu den Menschen zu gehen? Ich trug so oft mein nacktes Herz ratlos zwischen beiden hin und her und es war viel Zürnens, viel zärtlicher Eifersucht und viel Versöhnens zwischen uns.
Als ich zurückgekehrt war und zu unserem ersten Stelldichein ging, hatte ich das Gefühl, als schöbe hinter mir eine Riesenfaust. Nicht wie nachher, wo ein Seil zwischen uns gespannt schien, an dem wir uns näher, immer näher zu einander zogen, nein zwei Fäuste wie Felsen stießen uns auf einander zu und aus den niedrigen Abendwolken lugte das Gesicht des Riesen. Doch als ich sie kommen sah mit ihrem wiegenden, losen und schlenkernden Gang – siehe! da zitterte schon das Seil und beflügelten Schrittes, liefen wir nicht? eilten wir an ihm auf einander zu. Bis ich, ich nehme gerade die grüßende Hand von der Mütze und strecke sie ihr entgegen, zurück geschlagen werde. Wie eine feuchtwarme Luft prallt etwas gegen mich und preßt die Lunge – aber sie sieht mich fragend an, da reiche ich ihr die Hand:
Wie schön, daß du kommst. Wie gut von dir.
Stieß mich ihr fahl vom Lampenlicht beleuchtetes Gesicht zurück? Oder war es ihre unfreie Art der Begrüßung? Denn Claire kommt in einem kleinen Winkel auf einen zu und schlenkert mit den Armen und bewegt merkwürdig den hübschen Kopf und sieht, wenn sie die Hand reicht, an einem vorbei. Aber ich will ironisch sein und von meinem warnenden Guten Geist reden – ist doch die ganze Wissenschaft Ironie! Der Gute warnende Geist ist ebenso Forderung und Schöpfung des Gefühls als es Moleküle und Dynamiden sind. Was reden wir von ihnen, als ob wir an sie glaubten, und glauben doch nicht an sie?
Wir sagten ein paar dumme Worte; jedes erste Wort bei der Begrüßung ist dumm: wir wollen Zeit haben, uns in uns zu verkriechen und den Mitmenschen hervorzukehren. Dann nahm ich ihren Arm und ging mit ihr in ein Café. Hier setzten wir uns in eine verschwiegene Ecke, und Claire erzählte. Und erzählte mir, daß ich der zwölfte oder dreizehnte ihrer Liebhaber sei. Und nach diesem Geständnis legte, sie ihre Hand auf mein Knie und lehnte den Kopf an meine Schulter und schmeichelte:
Weswegen soll ich dir nicht die Wahrheit sagen?
Hielt sie mich für unerfahren und war schon so klug, um zu wissen, daß Mädchen solcher Art auf Neulinge den berückendsten Eindruck machen? Oder kokettierte sie mit der frivolen Weise, mit der sie ihre »Verdorbenheit« eingestand? Oder hatte sie mich lieb und wollte gleich am Anfang reine Bahn zwischen uns schaffen? War es ein Gemisch von diesen Drein?
Aber sie bezauberte mich und sah, wie sie mich bezauberte, und schnitt nun auf und ich ließ es an ähnlichen Beichten und Märchen nicht fehlen und hatte noch größeren Erfolg, denn ich erzählte raffinierter. So zeigten wir uns unsere schlechtesten Seiten, gaben uns interessanter als wir waren und verliebten uns immer mehr dabei.
Es war früh und noch nicht Mitternacht, als ich die entscheidende Frage tat; und mich gleich über meine Plumpheit ärgerte. Es klang so roh in unsere Verliebtheit hinein und sie antwortete nicht darauf, sie ging ja von selber mit.
Ich liebe diese schweigsamen Heimwege mit ihrem kleinen Bangen und zagenden Erwarten. Es liegt ein so prickelndes Gefühl von etwas Verbotenem, von Sünde darin – und wen von uns reizt, isoliert und erhebt nicht das bloße Wort Sünde schon? Hätten wir mehrere solcher angenehmen Atavismen!
Aber als ich frühmorgens, da die Sonne noch schlief, zur Kaserne ging, war mir die kleine Blondine gerade nicht zuwider, ich wußte schon, daß ich nicht so leicht von ihr lassen konnte, aber es war mir, als sei ich etwas enttäuscht. Hatte ich sie noch interessanter erwartet? Doch nach den ersten Turn- und Exerzierstunden sah ich das Ereignis mit anderen Augen an; mein Körper war froh und leicht, ich war ihr dankbar und dachte mit verliebtem Lächeln an sie. Und dieses verliebte Lächeln sah man in der Folgezeit öfter um meine Lippen. –
»Eßt, trinkt und liebt, denn alles andere ist keinen Stüber wert,«
sagt Sardanapal und der Übersetzer schreibt: Tut, was euer Magen euch befiehlt – ihr könnt nicht anders; folgt dem, zu dem die Gattung euch treibt – ihr könnt nicht anders; und dann trinkt, auf daß ihr beides vergeßt. Und alles andere, was keinen Stüber wert ist, das ist auch nur ein vergeistigter Betäubungstrank. Eßt, liebt und trinkt! Das ist eine Welt!
Doch sollte man sie zuweilen nicht fast lieben gerade wegen dieses Betäubungstrankes?
Der Frühling kam und nach beendetem Dienst wandelte ich mit ihr in sein Kommen hinaus. Unter verliebtem Geplauder und verliebteren Dummheiten nahmen wir das Knospen und Drängen, das ahnungsvolle Klopfen und süße Pulsieren des ungeborenen Sommers in uns auf. Je blauer der Himmel und je duftiger der Hauch einer erwachenden Birke, um so verliebter sahen wir uns in die Augen, und je verliebter wir uns in die Augen sahen, um so blauer war der Himmel und um so duftiger der Hauch jener Birke. Wir waren der verkörperte Lenz, wir dachten der Nacht, die vergangen, und sehnten uns nach der kommenden, aber unser Geplauder blieb harmlos wie das zweier verliebter Bachstelzen.
Aber sobald die Lampen brannten und wir unter Menschen waren, war es aus mit unserem Bachstelzenidyll. Dann war sie das kleine Dirnchen, frivol und pervers, und hinter ihren lüsternen Augen saß der – Haß. Das war wie eine schwüle Gewitterluft, wir hatten uns maßlos gern und wußten uns durch Gleichgültigkeit und Eifersucht nicht genug zu quälen; das war ein wollüstiges Schweben zwischen Bissen und Tränen. Wir jammerten über das Leid, das wir uns antaten, aber dieses Leid tat uns so wohl. Und unsere Nächte wurden wild. Da verschwand das verliebte Lächeln, das man in den ersten Dienststunden auf meinen Lippen zu sehen gewohnt war, meine Augen glühten müde und ich dachte den ganzen Tag mit unruhiger Sehnsucht an sie. –
An einem Abend aber, da draußen ein warmer Regen fiel und der Wind von Süden kam, lag sie müde und gebrochen in ihrem Stuhl, ihre Stimme war weich und tief und es dünkte mir, als leuchte auch ihr Haar weniger keck. Sie sah mich mit ihren blauesten Augen an, stützte langsam den Kopf in die Hand und fragte mich:
Sage, Liebling, was hast du eigentlich an mir? Weswegen hast du mich so lieb?
Ich habe dich nicht lieb.
Nein, laß das heute. Weswegen hast du mich so lieb?
Nun, ich habe dich eben lieb.
Weswegen?
Weswegen hat man wohl ein Mädchen lieb?
Du hast doch schon mehrere lieb gehabt. Weswegen gerade mich so sehr?
Ich habe dich nicht lieber als andere.
Doch! Doch! Du hast mich über alles in der Welt lieb.
Ich habe dich lieb, weil du unglücklich bist,
Liebling!
weil du, versteh mich recht, gerade nicht unglücklich, aber doch anders als die anderen Mädchen bist. Ich denke dann, wenn wir uns länger kennen, kann ich dir sagen, was mich quält, und es tut wohl, einem sein Herz ausschütten zu dürfen, von dem man weiß, daß er auch nicht immer auf Rosen lag. Vielleicht ist es das, vielleicht auch nicht. Das weiß man ja nie genau.
Doch, das weiß man.
Das weiß man nicht. Wenn ich dich nun lieb habe, weil du oft so widerspenstig bist und dann wieder alles tust, was ich will? Aber vielleicht liebe ich dich nur, weil ich dich einem Anderen weggenommen habe.
Aber sie schüttelte den Kopf und lächelte in sich hinein. –
Wir wollen nun gehen. Und nimm es mir nicht übel, wenn ich dich nicht ganz heim begleite. Ich muß morgen früh zum Dienst.
Du! Ich geh mit dir!
Da lachte ich und küßte sie und wir – stolperten heim. – –
Es dämmert und die Kompagnie steht auf dem Kasernenhof und der Feldwebel vor ihr und flucht mit meinem Korporal; ich aber bin auf der vierten Korporalschaftsstube, bleich und mit einem verliebten Lächeln um den Mund, noch umhüllt von dem Duft ihres Körpers und versunken in die Liebkosungen der Nacht. Mein Putzer schnallt und gürtet an mir, wir gehen hinunter und die Kompagnie rückt ab.
Wo magst du sein? Schläfst du noch? Nachmittags soll ich dich beim Rückmarsch sehen – wo denn noch?
Aber die Gedanken verwirren sich, werden wirr, verfliegen und Bilder beginnen zu gaukeln. Zerwühlte Kissen und weiße Hüften –. Doch auch die Bilder verwirren sich, werden wirr, verfliegen. Aus den flüchtenden klingt ein Schrei so hell, er echot, hallt matt und matter, schwillt leise aus ferner ferner Ferne an und klingt und stirbt. Und jetzt umflutet ihn das Gefühl, bildlos wortlos – o du süße tief gesättigte Ruh! Ein Duft umflattert ihn noch, ein nicht bestimmbarer, süßer, zuwidrer –. Die langen Reihen der Helmspitzen pendeln taktmäßig hin und her, auf und nieder wogen die Tornister und gelbbraunen Zelte – Helmspitzen, Zelte – o du goldbraune purpurne Nacht!
Da hält die Kompagnie, er prallt auf den Tornister seines Vordermannes, sein Helm kollert zur Erde und er erwacht.
Die Marschpause ist hin, der Marsch geht fort – ja wo geht er denn hin? Wie ein blauschwarzes seidenes Riesentuch liegt zu meiner Rechten die See und trägt braune und silberne Segel, und die Möwenschwärme sind wie weiße auf und nieder tanzende Staubpunkte auf ihm.
Da liegst du unsterblich und selbstgewiß in dir wie ein Gott und bist doch wie ein ruhloses Raubtier über die Erde gebraust. Kein Ort, und wäre es der Mount Everest selbst, auf dessen Schnee die Ewigkeit zu wohnen scheint, wo du nicht einmal in deiner blauen Herrlichkeit träumtest und glaubtest zur Ruhe gekommen zu sein. Aber eine Stunde einer größeren Weltenuhr schlug und wie ein nicht zu sättigender Feind rolltest du fort und warfst dich gierig über ein anderes Land. Wie nah fühl ich mich dir! Ich wanderte und wanderte und ruhte hier und dort und träumte für Sekunden einen blauen Ewigkeitstraum, dann riß es mich weiter ruhelos wie der Hunger das Tier. Aber das waren klingende berauschende Worte, in denen ich meine kurze Rast und Ruhe fand, das waren stolze und in die Ewigkeit langende Formeln – und nun vergaß ich mich und in einem Dirnchen verlor ich mich. Ein offener Busen und ein lüsternes Lächeln, das ist nun für mich die Rast und das seidenweiche Faulbett, auf dem ich die Welt vergesse. Ich weiß und lernte es immer gewisser mit der Zeit, daß kein dauernder Rastort für mich gebaut ist, aber ich will mich nicht schlafen legen in einem Proletariertrieb, in einer Herdenlust – ich trenne mich von ihr! –
In Schützenlinien lagen wir und beschossen Kopfscheiben, die sich undeutlich vom Boden abhoben, hinter ihnen gleißte weißer Dünensand und wogte das Meer. Tief sog ich die salzige Meeresluft ein und schoß niemals so gut wie damals in Elsenhorst.
Sandwolken und Spritzer fuhren zwischen den Zielen auf, die Luft ward zerschlagen von dem harten peitschenartigen Geknatter, durch das singend die Geschosse schwirrten, in den Pausen aber wogte und brauste die See. Und Claires Bild sank und sank, ich dachte nicht mehr an Trennung, ich war schon meilenweit von ihr fern.
Eine Barke tauchte am Horizont auf, über die Dünen hinweg hielt ich auf sie hin. Der Knall verschwand zwischen den übrigen, aber hoch über die anderen erhob sich das Geschoß – wo flog es hin?
Wie die Barke an ihrer Stelle stehen blieb still wie ein fernes Gespenst und ich nicht weiß, ob meine Kugel sie erreicht oder wohin sie sich verirrt hat, so steht auch fern wie ein Gespenst das Ziel, auf das mein Sehnen fliegt: sei frei!
Ob mein Pfeil es erreicht, oder vorbei ins Leere schwirrt und kraftlos in die Wasser fällt, – was geht’s mich an! Die Richtung war da und meine Sehnsucht flog. –
»Morgen marschieren wir
zu dem Bauer in das Nachtquartier.
Wenn ich werde scheiden,
muß mein Mädel weinen
und wird traurig sein.«
Laut und metallisch klingt es und taktmäßig hallen die Schritte. Die Spaten und Seitengewehre klappen, in den Feldflaschen gluckst es ab und zu, taktmäßig ab und zu und die Helmspitzen schwanken nach links, nach rechts, die Tornister wogen auf, wogen ab –
wenn ich werde scheiden,
muß mein Mädel weinen
und wird traurig sein.
Das ist das Schöne auf diesen Märschen, daß man keinen Gedanken halten kann. Immer wieder muß man ihn einfangen, immer wieder entschlüpft er und schließlich ist er fort. Der Tornister zieht und zerrt, der Schweiß tropft, in gleichmäßigen Abständen Tropfen um Tropfen von der Stirne über den Nasenrücken herab. Dort hängt er und schaukelt und gleißt bald wie ein wasserheller Hyalith, bald wie ein gelblicher Karneol. Dann schiebt sich die Unterlippe vor, die Brauen ziehen sich zusammen, die Stirne kraust sich, ein energischer Hauch und er zerstiebt und zersprüht. Und das wiederholt sich fort und fort, die Füße brennen und die Zunge klebt – aber der Gedanke ist fort.
– wenn ich werde scheiden,
muß mein Mädel weinen
und wird traurig sein.
Das geht immer fort, das klingt mir nicht nur im Ohr, das senkt sich durch alle Poren ins Fleisch und durchdringt rhythmisch den ganzen Leib. Und wenn brütende Stille über den schwankenden Helmen und arbeitenden Lungen liegt, nur der schlurfende hallende Schritt, das Knarren und Klappen der Montur uns stumpf begleitet, wenn erst zaghaft einer, dann einfallend laut und metallisch der ganze müde Trupp ein anderes Lied anstimmt, mich durchdringt und durchpulst nur:
– wenn ich werde scheiden,
muß mein Mädel weinen
und wird traurig sein.
Das zaubert in mir zusammen mit Durst und Müdigkeit, dem vorwärts drängenden Gefühl, in das jeder Entschluß körperlich ausklingt, und den Nachwehen der Nacht eine schwermütigsehnsüchtige, mich mit ihrer Schwermut und Sehnsucht süß berauschende Stimmung hervor.
Vor uns an einer Wegebiegung blinkt es in der Sonne, stechend prallen ihre Strahlen von den gelb geputzten Hörnern – ein kurzes Halten und ein kurzes Verschnaufen, und weiter geht es, die Musik spielt und die Beine fliegen.
Da steht sie mitten auf dem Weg und weit vor der Stadt; die Zeit wurde ihrem unruhigen Herzchen lang, da kam sie uns entgegen – nun winkt sie und lacht und glüht mich an! Da ist alles verflogen, zerstoben und das Ziel in alle Winde zersprüht. – –
»Ich weiß nicht, was ich könnte sein, doch fühl ich, ich bin nicht, was ich sollte sein.«
Dieses Wort, auch von Sardanapal, hing mir, als ich nach dem Bade mich mit der Wollust der großen Müdigkeit in meinen Kissen streckte, an und ließ den Schlaf nicht zu mir kommen. Da nahm ich ein Buch, für das gerade in diesen Tagen die Zeitungen das große Tamtam schlugen, und versuchte zu lesen. Und während ich die Buchstaben mechanisch zu Wörtern und Sätzen zusammenstellte und diese sinnlos und fremd in die Unendlichkeit an mir vorüber trotten ließ, ward ich mir in tiefster Seelenruhe bewußt, daß mein Entschluß von Elsenhorst zusammengestürzt und der Pfeil meiner Sehnsucht wieder in den Wassern versunken war. Würde ich ihn noch einmal aufnehmen und ins Blaue senden? Aber mich bekümmerte das wenig, ich ließ es geschehen sein und war durchdrungen von der Unschuld des Fatums.
Auf der läuferbelegten Treppe glaube ich Schritte zu hören, leise, Diebsschritte, auf Spitzzehn – und ich wundere mich gerade über mich, daß ich ihr Kommen so wenig verwunderlich finde, da klinkt sie rasch die Türe meines Wohnzimmers auf, stutzt und sieht sich in dem leeren Zimmer um und wirft sich dann lachend über mich.
Aber Claire!
Du, ich konnte doch nicht anders! Und du am hellen Tag im Bett?
Als ob du das nicht gewußt hättest.
Sie sieht mich mit einem bösen Blick an, dann streift sie mein Nachthemd zurück und betrachtet ernsthaft die rosafarbenen Ellipsen, die ihre Zähnchen in meine linke Schulter gebissen haben. Und diese, meine Augen und meinen Mund bedeckt sie mit stürmischen Küssen und ich kann es nicht hindern, daß sie sich entkleidet und zu mir schlüpft. Ich will noch schelten und zürnen, aber sie preßt ihren warmen Körper in meine Arme und erstickt mein Zürnen und Schelten in ihrem roten Blut. Die Sonne sah weg und ging hinter die nächsten Dächer, und als sie mit ihren gelben und meergrünen Pinselstrichen über den Himmel fuhr und braune und goldrote Kleckse auf ihn warf, verließ mich Claire. Ich aber kam mir in dem Augenblick armseliger vor als der Straßenpflasterer da unten, über dessen ruhlos ödes Geklinke wir uns eben noch geärgert hatten.
Dann kleidete ich mich in mein bestes Extrazeug und verließ, eine Zigarette zwischen den Lippen und ein sorgloses Lächeln um den Mund, meine Wohnung. Ich hatte beschlossen, mich am Abend in Likören zu betrinken; die geben den schwersten Rausch und schlagen einen wie mit weichen Beilen zu Boden.
Ich bin so oft berauscht gewesen, wie der Schaum am Champagnerkelch war ich trunken; und war nüchtern wie der Fisch im kältesten Bergbach; ich habe gehaßt mit der Ausschließlichkeit und Wucht des sinnlosen Triebes und habe in wissenden Stunden diesen Haß glühend genossen; ich habe geliebt mit der brutalsten Gier und ein anderes Mal mit dem delikatesten Bewußtsein und Selbstgenuß; ich bin großmütig gewesen wie ein Tor und neidisch wie ein hungriger Hund, ich habe in einigen kurzen Minuten rauschlos in einem purpurnen Strudel des Glücks geschwommen und habe, öfter als ich es wissen mag, in wortloser Verzweiflung vor den Toren des Todes gestanden, und habe mich dann aus all dem Fremden, das mich zerdrücken und zerquetschen wollte, emporgerissen, wie von den braunen Riesenschwingen eines Adlerpaares getragen in einen Himmel der blauesten Poesie, in ein Elysium der süßesten Narkotika; ich habe in allem Wissen umhergetastet und bin an manchen Stellen bis auf den Grund getaucht – ach! die Meere waren seicht – und was ich aus alledem mitgebracht habe, ist das, daß ich gelernt habe, daß wir in einem Meer von ewigen Rätseln und Unergründlichkeiten schwimmen. Wir sind nichts denn ein Blitz in der Nacht, der einen kleinen Umkreis in ein fahles trügerisches Licht taucht. Was er da fahl und verschwommen und übergrell mit seinem Lichte beleuchtet, mit seinem Lichte schafft, das ist unsere Welt. Wir haben nichts, wir sind nichts als diese blitzartig auftauchenden Bilder. Und in ihnen ist keine Schuld und keine Güte, kein Schön und Häßlich, sie kamen so wie sie kommen mußten. Und daß wir die Fähigkeit haben, wir Schaum vom Schaume der Wellen, diese Bilder in der Erinnerung wieder zu schaffen und an ihnen weiter zu leiden, daß wir nicht vergessen können und dabei von einem wilden Hunger nach dem Wissen eines zureichenden Grundes für alles dieses gepeitscht werden, das ist unser Privileg und grundlosestes Leid.
Es ist einsam um mich und ich muß weiter von meiner Liebe erzählen, Bilder an Bilderreihen – mögen die Menschen sie nennen, wie es ihnen beliebt, sie sehen sie durch ihre Brille und lügen ihre eigene Schönheit oder ihren eigenen Schmutz hinzu – o meine Bilder! ihr seid jedes für euch eine Welt, ihr taucht auf wie ein Blitz und leuchtet eine Sekunde lang, um dann wieder in die Nacht zurückzusinken, aus der ihr gekommen seid und wiederkehren werdet. –
Während ich mich nun von weichen Rauschbeilen tiefer und tiefer ins Bodenlose hämmern ließ, ging Claire mit ihrer Freundin in ein Tanzlokal; dort fragte man sie, wo ich wäre.
Der ist wie alle, der gebraucht dich nur zu seinem Vergnügen. Seinem Herzen bist du nichts; bilde dir nur nichts ein.
Da starrte sie die Fragerin mit großen Augen an und ging fort, bleich wie der Kalk an der Wand.
Diese kleine Geschichte erzählte mir am nächsten Morgen, an einem Sonntag, einer meiner Kameraden, mit denen zusammen ich auf die Ausgabe der Parole wartete. Da stürmte ich fort und ließ Parole Parole sein, denn Dinge, die mir ans Herz gehen, muß ich mit mir zwischen Bäumen und Wolken abmachen.
In noch jungen Jahren wurde sie von ihrer neidischen Schwester verführt und skrupellos wurde dann die Frucht, die sich so leicht hatte pflücken lassen, fortgeworfen. Aber da sie arm war und keine tröstenden Phrasen und Gefühlchen gelernt hatte, tröstete sie sich weiter durch den Genuß. Und daß sie, als sie vorsichtiger wurde und ein »festes Verhältnis« begann, dem typischen Lumpen in die Hände fiel, ist auch die Regel. Und daß jener, als sie Mutter werden sollte, zu seinen Geschlechtsgenossen ging und sie bat, für ihn den gewissen Meineid zu leisten – wer von uns täte es nicht?
Dann trat sie in unsere Gemeinschaft zurück und ging nicht den Weg, den an ihrer Stelle Tausende gehen, sondern schlug sich durch, und hatte nichts als Elend und Arbeit und ihre Rachbegier und ihren Haß. Und fiel sie endlich doch wieder, weil ihr Blut sie trieb und der Hunger, wenigstens für Stunden dieses Elend zu vergessen, so möchte ich sie eine Heilige gegen die nennen, die durch richtig spekulierende Romane oder einen neugierigen Kitzel aus Langerweile dazu getrieben werden. Aber der, dem sie sich gab, war ein patent gekleideter Idiot. Sie will mehr, sie sucht es bei dem, bei dem, sie weiß selber nicht recht, was sie sucht. Sie verliert ihre Stellung und schließt die Augen vor sich – Nun erst recht! – und die Straßen und Tanzlokale haben sie wieder. Aber in ihren Augen ist noch ein Suchen, zuweilen glaubt sie es gefunden zu haben, dann flackern sie wohl auf – aber es war wieder nichts. Und das Suchen und der Glanz erlischt und ihre Augen werden hart und starr. So haben wir sie mit dem besten Gewissen und unter den allervergnügtesten Scherzen zu einem seelenlosen Ding gemacht, zu einem Geschlechtstier, dem wir nicht einmal die Fähigkeit seelisch zu leiden zutrauen. Es liegt etwas in diesen aufgerissenen und hoffnungslos ins Leere starrenden Augen, das nicht ganz durch eure mechanisch-physiologische Deutung der fischaugenähnlichen Starrheit des Dirnenblicks erklärt wird.