Read the book: «Kleine Geschichte des schlechten Benehmens in der Kirche»
Liturgie & Alltag
in Zusammenarbeit mit dem
Institut für Liturgie- und Alltagskultur e. V.
Guido Fuchs
Kleine Geschichte des schlechten Benehmens in der Kirche

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© 2021 Verlag Friedrich Pustet, Regensburg
Gutenbergstraße 8 | 93051 Regensburg
Tel. 0941/920220 | verlag@pustet.de
ISBN 978-3-7917-3246-6
Umschlaggestaltung: Martin Veicht, Regensburg
Umschlagbild: commons.wikimedia.org
Satz und Layout: MedienBüro Monika Fuchs, Hildesheim
Druck und Bindung: Friedrich Pustet, Regensburg
Printed in Germany 2021
eISBN 978-3-7917-6203-6 (epub)
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Inhaltsverzeichnis
Ein Adventsgottesdienst
Einführung
1. „Was soll ich dazu sagen? Soll ich euch etwa loben?“
Falsches, schlechtes und störendes Benehmen
2. „Grüß Gott!“
Vom Betreten des Gotteshauses und dem Verhalten dabei
3. Nicht Zeit-gemäß
Zuspätkommen und verfrühtes Gehen
4. „Saloppes Benehmen ist unangebracht!“
Haltungen im Gottesdienst und Verhalten bei der Kommunion
5. Schleier auf, Hut ab, Strümpfe an
Von Kopfbedeckungen und angemessener Kleidung
6. „Hast du gelacht, geschwätzt und andere verstöret?“
Schwätzen, Klatschen, Fotografieren und anderes Stören
7. „Wachet auf!“
Schlafen während des Gottesdienstes und in der Kirche
8. Mit der Bratwurst in der Hand
Essen und Trinken im Gottesdienst und im Kirchenraum
9. „Wie Weihrauch steige …“
Rauchen, Schnupfen, Tabakkauen
10. „Spucken und jede andere Verunreinigung ist verboten!“
Von allerlei Ausscheidungen
11. „Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr …“
Betteln und Handeln in der Kirche
12. „Ein Hund kam in die Kirche …“
Tiere im Gottesdienst
13. „Hilfe, die Herdmanns kommen“
Die weihnachtlichen Gottesdienste und ihre Schwierigkeiten
14. Einen Jux wollen sie sich machen
Schüler und Jugendliche im Gottesdienst
15. „Wenn das schon am grünen Holze geschieht …“
Unwürdiges Verhalten der liturgischen Dienste
16. Diakon, Kirchenschweizer, Hundepeitscher
Verschiedene Ordnungsdienste im Gottesdienst
17. „Bedenke, was die Kirche ist, und in der Kirche, wo du bist!“
Die Vermittlung angemessenen Verhaltens in Wort und Bild
18. „Das kann ich nicht loben …“
Mangelnder Gemeinschaftssinn heute
„Was ist da geschehen!“
Einsichten, Fragen, Herausforderungen
Anhang
Häufiger zitierte Literatur
Verschiedene „Kirchen-Knigge“
Bildnachweis
Ein Adventsgottesdienst
Einführung
Im Prolog seines Romans „Wir in Kahlenbeck“ (2012) beschreibt Christoph Peters einen Gottesdienst in dem fiktiven Ort Henneward an der deutsch-holländischen Grenze, an dem auch die Schüler des „Collegium Gregorianum Kahlenbeck“ teilnehmen. Es ist ein katholisches Internatsgymnasium für Jungen – angelehnt an das reale „Collegium Augustinianum Gaesdonck“ (bei Goch), wo Peters selbst Schüler war. Der Roman ist zeitlich in den 1980er-Jahren angesiedelt, die Schüler, die in ihm eine wesentliche Rolle spielen, gehören den oberen Klassen an, der Protagonist Carl Pacher ist knapp 15. Er interessiert sich für Fische, aber auch für Theologie, ist fromm erzogen und leidet unter dem Verhalten seiner Mitschüler in diesem ausführlich beschriebenen adventlichen Gottesdienst, zugleich auch an seiner eigenen Unfähigkeit, dem etwas entgegenzusetzen.
Es ist eine ganze Reihe von Beispielen schlechten Verhaltens der Schüler im Gottesdienst, die in diesem Prolog geschildert werden: lautes Reden miteinander während der ganzen Zeit; Anrempeln und Treten anderer Schüler sogar beim Kommuniongang; Popeln in der Nase und Wegschnippen des Popels; Furzen und Spucken; Kaugummi-Kauen; Verunglimpfen von liturgischen Texten durch Parodieren und Zitieren anderer Lieder; Ablehnen des Mitsprechens der Gebete; lautes Lachen – insgesamt eine sich durchziehende Ehrfurchts- und Rücksichtslosigkeit.
Die Erwachsenen aus dem Ort, die an diesem Gottesdienst teilnehmen, benehmen sich teilweise ebenfalls schlecht: Die Männer stehen überwiegend im Vorraum unter dem Turm, einige gehen während des Gottesdienstes vor die Kirche, rauchen und unterhalten sich dort über Schweinepreise und die Schließung der Molkerei. „Was ihre Söhne tun, haben sie auch schon getan“, schreibt Peters. Selbst der Priester gibt kein gutes Bild ab, er kratzt sich, während er das Evangelium verkündet, mit ausgestrecktem Zeigefinger im Ohr. Und: Keiner der Erwachsenen schreitet bei dem störenden Verhalten der Schüler ein.
Natürlich geschieht das alles nur im Roman und nicht in der Wirklichkeit. Aber von der Wirklichkeit ist diese Beschreibung nicht allzu weit entfernt, wie ich es von meinem eigenen Erleben als Schüler im Internat und später als Präfekt in einem Seminar her weiß. Vielleicht ist es ein bisschen viel für einen Gottesdienst; Christoph Peters hat hier, wie er mir bestätigte, seine eigenen jahrelangen Erfahrungen aus verschiedenen Gottesdiensten während der Internatszeit zusammengetragen und zu dieser Szene komponiert.
Ich habe die Schilderung dieses Gottesdienstes als Einstieg in das Buch gewählt, weil in diesem Prolog nicht nur verschiedene Formen schlechten Benehmens zur Sprache kommen. Es wird vielmehr deutlich, dass die Fragen nach dem angemessenen Verhalten nicht nur die Gemeinde in den Kirchenbänken betrifft, sondern auch die liturgischen Dienste. Und es stellt sich die Frage danach, wer eigentlich zuständig ist, dass es ein dem Gottesdienst angemessenes Verhalten gibt.
Diesen und anderen Aspekten möchte ich in diesem Buch nachgehen. Es ist keine durchgängige Geschichte schlechten Benehmens, die es im Sinne einer Entwicklung nicht gibt. Vielmehr möchte ich einzelnen Phänomenen nachspüren und sie einordnen.
Dabei muss man auch den konfessionellen Kontext berücksichtigen; bisweilen kommen einem die Gebräuche in anderen Kirchen fremd, sonderbar, vielleicht auch unehrfürchtig vor, verglichen mit den eigenen Praktiken. Das ging vor allem Reisenden in früheren Jahrhunderten so, wenn sie Kirchen und Gottesdienste in anderen Ländern besuchten und sich über manche Verhaltensformen wunderten. Die jeweilige theologische Einschätzung des gottesdienstlichen Raumes spielt dabei eine wichtige Rolle und damit die Frage, was in ihm möglich und erlaubt ist und was nicht.
Weiterhin sind die Zeitumstände ein wichtiger Faktor: Ein kirchlicher Raum war allein durch seine Größe im Mittelalter und später noch von ganz anderer Bedeutung in der Lebenswelt der Menschen als heute. In Zeiten, in denen es noch keine Kirchenbänke gab, war eine größere Bewegung in den Räumen möglich, was auch zur Un-Ordnung beitragen konnte. Die katholische Messe wurde jahrhundertelang mit dem Rücken zum Volk zelebriert, was sicher nicht zu dessen Disziplinierung beitrug. Auch die Licht- und Sichtverhältnisse waren früher nicht so wie heute; es gab mehr dunkle Nischen hinter Säulen und in Seitenkapellen, die unangemessenem Verhalten Raum gaben. Schließlich wurde der katholische Gottesdienst bis Mitte des 20. Jahrhunderts überwiegend auf Latein gehalten, die Gläubigen waren gar nicht in der Weise beteiligt, wie das heute der Fall ist. Auch das spielte für das Verhalten eine Rolle.
Wie an dem literarischen Gottesdienst von Christoph Peters gut zu sehen ist, neigen bestimmte Gruppen und Altersstufen vielleicht eher zu schlechtem Benehmen in der Kirche. Auch werden Gottesdienste zu besonderen Anlässen oft von Menschen besucht, die keinen unmittelbaren Zugang zum liturgischen Geschehen haben und sich mit einem angemessenen Verhalten eher schwertun. Allerdings können, wie ebenfalls an dem Beispiel zu erkennen ist, auch die liturgischen Hauptakteure, die Dienste, zu schlechtem Benehmen neigen, was doppelt schwer wiegt, weil sie doch eigentlich anderen ein Vorbild sein sollen. Denn wer gibt Hinweise zum Benehmen im Gottesdienst und in der Kirche und wie werden die Gläubigen oder auch die Besucher einer Kirche denn über angemessenes Verhalten informiert und aufgeklärt? Und welche Folgen, unter Umständen Sanktionen, zieht falsches Verhalten nach sich?
Und es geht natürlich auch um die Frage nach den Hintergründen unpassenden Benehmens: Geschieht es aus Unwissenheit oder religiösem Desinteresse, steckt Auflehnung gegen die (kirchliche) Obrigkeit bzw. gesellschaftliche Normen dahinter oder einfach nur menschliche Schwäche? Inwieweit trägt auch die Liturgie selbst dazu bei, dass Menschen sich nicht der Feier entsprechend verhalten?
Über schlechtes Benehmen im Gottesdienst erfährt man nur selten etwas aus liturgiewissenschaftlicher Literatur – eher aus katechetischen, pastoraltheologischen oder religionspädagogischen Arbeiten, oft aus früherer Zeit, aber auch aus historischen und kulturanthropologischen Darstellungen. Es lässt sich indirekt aus kirchenamtlichen Äußerungen und oberhirtlichen Dekreten sowie Kirchenordnungen ablesen, es wird in Predigten und Katechismen angemahnt und in Beichtspiegeln erfragt. Frühere Verhaltensweisen lassen sich auch aus bildlichen Darstellungen von Kirchenräumen und den in ihnen agierenden Menschen ablesen. In heutiger Zeit geben oft diverse Piktogramme an Kirchentüren und Verhaltenshinweise in den Kirchen Aufschluss über ein (nicht) erwünschtes Verhalten, wie auch zahlreiche Ratgeber zum Verhalten in Kirchen und Gottesdiensten („Kirchen-Knigge“). Über unangemessenes Benehmen kann man auch immer wieder in Zeitungen und anderen Medien lesen.
Angesichts des weiten Feldes schlechten Benehmens in der Kirche und im Gottesdienst über die Jahrhunderte hinweg kann dieses Buch nur einen Streifzug bieten, Phänomene aufzeigen, Hintergründe andeuten, Anregungen geben. Auf Anmerkungen wurde verzichtet, zitierte Literatur wird im Text selbst genannt bzw. im Anhang aufgeführt.
Im Sinne der Illustration sind nicht nur Bilder, sondern gelegentlich auch Zitate aus belletristischer Literatur eingefügt, die mit einem entsprechenden Hinweis gekennzeichnet sind.
Gekennzeichnet sind ebenfalls Zusendungen zum Projekt „Schlechtes Benehmen im Gottesdienst“ des „Instituts für Liturgie- und Alltagskultur“, mit denen die Ausführungen des Textes durch persönliche Schilderungen konkretisiert werden. Für sie bedanke ich mich herzlich.
„Schlechtes Benehmen im Gottesdienst“ gehört zu den Themen aus dem Grenzbereich zwischen Liturgie und Alltag, mit denen ich mich an der Universität Würzburg in den letzten Jahren verschiedentlich befasst habe. Auf das Phänomen des angemessenen Verhaltens stieß ich dabei öfter: im Zusammenhang etwa mit „Heiligabend“, „Fronleichnam“ – besonders aber bei dem Thema „Essen und Trinken im Gottesdienst und in der Kirche“, bei dem es um liturgische Mahlfeiern und Mahlzusammenhänge im Laufe der Geschichte ging. Deshalb soll auch das vorliegende Buch seinen Platz in der Reihe „Liturgie & Alltag“ haben. Für einen Druckkostenzuschuss des Bistums Hildesheim möchte ich mich herzlich bedanken.
Zum Bild auf dem Cover
Das Bild zeigt einen Ausschnitt des Gemäldes von Emanuel de Witte „Das Innere der Oude Kerk in Delft“ (um 1650). Dass die Männer und Knaben Hüte tragen, ist für die Zeit und die Niederlande nicht ungewöhnlich; das war kein schlechtes Benehmen, sondern Ausdruck der anderen Einstellung gegenüber dem Kirchenraum sowie der politischen Freiheit. Auch Hunde waren damals kein seltener Anblick in Kirchen. Der das Bein hebende Hund sowie die an die Säule kritzelnden Buben sind aber womöglich bewusst ins Bild gesetzt worden, um beim Betrachter die Reaktion „So etwas macht man doch nicht!“ hervorzurufen.
1. „Was soll ich dazu sagen? Soll ich euch etwa loben?“
Falsches, schlechtes und störendes Benehmen
Korinth. Um das Jahr 50 n. Chr. ist die griechische Hafenstadt eine pulsierende Multikulti-Metropole fast neuzeitlichen Zuschnitts mit etwa 100 000 Einwohnern, darunter viele römische Veteranen und freigelassene Sklaven. Verschiedene Ethnien und Religionen prägen die Hauptstadt der Provinz Achaia. Seit Neuestem gehören dazu auch Menschen, die an einen jüdischen Rabbi namens Jesus glauben, der etwa 20 Jahre zuvor in Jerusalem am Kreuz hingerichtet wurde, aber nach dem Zeugnis verschiedener Frauen und Männer drei Tage später von den Toten erweckt wurde und zu Gott, den er seinen Vater nannte, zurückgekehrt ist. „Christus“ nennen ihn seine Anhänger, „Gesalbter“. Die kleine christliche Gemeinde wurde von Paulus gegründet, der auf seiner Missionierungstour von Thessalonich über Athen auch nach Korinth kam, wo er etwa anderthalb Jahre blieb. Diese Gemeinschaft der Christusgläubigen bestand ebenfalls aus vielen Angehörigen der unteren Bevölkerungsschicht, aber auch aus einigen wohlhabenden Familien. Nach seiner Abreise gab es Streitigkeiten unter der etwa zweihundert Personen umfassenden Gemeinde, die auch Paulus zu Ohren kamen und auf die er in einem Brief einging, den er um das Jahr 55 an die Korinther schrieb. Dabei geht es auch um unpassendes Verhalten im Gottesdienst:
„Das kann ich nicht loben, dass ihr nicht zu eurem Nutzen, sondern zu eurem Schaden zusammenkommt. Zunächst höre ich, dass es Spaltungen unter euch gibt, wenn ihr als Gemeinde zusammenkommt. […] Wenn ihr euch versammelt, ist das kein Essen des Herrenmahls; denn jeder nimmt beim Essen sein eigenes Mahl vorweg und dann hungert der eine, während der andere betrunken ist. Könnt ihr denn nicht zu Hause essen und trinken? Oder verachtet ihr die Kirche Gottes? Wollt ihr jene demütigen, die nichts haben? Was soll ich dazu sagen? Soll ich euch etwa loben? In diesem Fall kann ich euch nicht loben“ (1 Kor 11,17–22).
Der Gottesdienst, den er anspricht, ist das sogenannte Herrenmahl, die Eucharistiefeier, freilich nicht wie heute in einem stilisierten Mahl mit Oblaten (Hostien) und einem Schluck Wein, sondern in Verbindung mit einem vorausgehenden Sättigungsmahl. Der von Paulus getadelte Missstand wird verständlicher, wenn man sich vor Augen hält, dass es bei den Festmählern in der Antike sehr oft unterschiedliche Speisen je nach dem Rang der Geladenen gab. Und: Offensichtlich konnten nicht alle zur selben Zeit schon anwesend sein. Die Begüterteren konnten sich bei dem Mahl bereits an Speisen und Getränken laben, bis die anderen eintrafen, die bis abends – das Herrenmahl fand am Abend statt – arbeiten mussten. Was schon bei einem profanen Gastmahl zu Ärgernis führen kann, ist im Zusammenhang des „Herrenmahls“ geradezu ein Skandal, weil hier das Wesen des eucharistischen Mahles, das ja Communio, Gemeinschaft mit dem Herrn und untereinander ausdrücken soll, ad absurdum geführt wird. „Wenn ihr euch versammelt, ist das kein Essen des Herrenmahls“, sagt Paulus daher ganz direkt und fügt noch überspitzt hinzu, dass so der eine schon betrunken ist, während der andere noch hungert.
Für die junge Christengemeinde in Korinth war dieser Tadel ein Augenöffner: In ihrer Gemeinschaft kamen Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten zusammen – anders als in sonstigen Vereinigungen –, und doch waren sie alle gleich, sollten auch bei den Zusammenkünften gleich behandelt werden. Das war das Neue der Botschaft Jesu, das musste erst gelernt werden. Durch das überkommene Verhalten der Wohlhabenden wurden die Ärmeren auch noch als solche bloßgestellt und gedemütigt, wie Paulus schreibt. Auch das richtete sich gegen das Evangelium Jesu, der die Armen seligpries.
Schlechtes Benehmen, unhöflich, gedankenlos?
Aber wie ist dieses Verhalten zu bezeichnen? Als schlechtes Benehmen? Oder nur als Unhöflichkeit, als Gedankenlosigkeit? Man sieht an diesem Beispiel, dass es bei Klagen über das Verhalten im Gottesdienst zunächst nicht nur um Äußerlichkeiten wie das Betreten einer Kirche in unpassender Kleidung oder das Popeln in der Nase oder Schlafen während der Predigt ging. Das alles gab es in der Geschichte und gibt es auch heute noch. Manches Verhalten aber richtet sich gegen das Wesen des Gottesdienstes selbst und zugleich auch gegen die, die an ihm teilnehmen, ohne dass dies gleich negativ auffällt.
Das führt aber auch zu der Frage, was schlechtes Benehmen im Gottesdienst alles umfasst und ob es einen Unterschied zwischen Verhalten und Benehmen gibt. Im Zusammenhang des Themas begegnen beide Begriffe – Benehmen und Verhalten – oft austauschbar, sie stellen aber, genau betrachtet, Unterschiedliches dar:
„Benehmen“ im Sinne eines richtigen bzw. angemessenen Benehmens ist die Summe der Verhaltensweisen und Äußerungen, die den Wertvorstellungen einer Gemeinschaft oder Gruppe in bestimmten Situationen entsprechen. Unterschiedliche Kulturen bzw. Subkulturen definieren richtiges bzw. gutes Benehmen möglicherweise jeweils anders. Das erklärt, dass im kirchlichliturgischen Bereich konfessionell unterschiedliche Verhaltensweisen, die auch als Benehmen gewertet werden, auftreten können.
„Verhalten“ hingegen zielt im gottesdienstlichen Zusammenhang eher auf Vorgänge, Handlungen und Haltungen (im wahrsten Sinne des Wortes). Ein gutes Beispiel dafür bieten die Verhaltensregeln für den Gottesdienst, wie sie im „Orthodoxen Glaubensbuch“ von Andrej Lorgis und Michail Dudko (2001) dargelegt werden; so werden hier etwa genaue Hinweise auf das Verhalten vor der Kirche, in der Kirche, zur Verehrung der Ikonen und zum Gebetsgedenken gegeben.
Verhalten und Benehmen können auseinanderklaffen. Es kann sich jemand liturgisch richtig verhalten im Sinne der Haltungen und vorgegebenen Verhaltensweisen, sich aber schlecht benehmen, weil er oder sie dabei lacht, schwätzt, Kaugummi kaut oder Ähnliches. Oder aber jemand verhält sich falsch, weil er bzw. sie die richtigen Verhaltensweisen nicht kennt, vollzieht aber den Gottesdienst in innerer Ehrfurcht mit.
Verhalten wie Benehmen sind ein äußerer Ausdruck, der einer inneren Einstellung entsprechen sollte. Das Verhalten ist dabei auch von bestimmten Regeln und Konventionen geprägt. Das Benehmen wiederum ist unabhängig von Ort und Situation. Prinz Asfa-Wossen Asserate, der vor Jahren ein viel beachtetes Benimm-Buch verfasst hat, bringt dies so auf den Punkt: Es reicht nicht aus, irgendwelchen Benimmregeln zu folgen – es geht um die innere Haltung und die Herzensbildung.
„Schlechtes Benehmen“ ist also ein weiter Begriff – die Bandbreite dessen, was im Gottesdienst unpassend, ungebührlich, ungehörig erscheint, ist groß und reicht von falschem Verhalten bis hin zu störendem Tun mit strafrechtlicher Relevanz.
Falsches Benehmen – oder besser: Verhalten – kann man da antreffen, wo Kirchenbesucher oder Gottesdienstteilnehmer nicht wissen, wie man sich zu bestimmten Gelegenheiten verhält, sitzen bleiben, wo man knien sollte, keine Reverenz machen etc. Auch die unpassende Kleidung gehört dazu. Es ist auch die Frage: Wie lernt man das, wenn man nicht darin aufwächst und entsprechend erzogen wurde? Dafür gibt es heute vielfach Ratgeber und Hinweise in Zeitungen und im Internet für Menschen, die unsicher sind, weil sie Kirchen und den christlichen Gottesdienst nicht oder nur wenig kennen. Manchmal findet man die jeweiligen Verhaltensweisen auch in den Kirchen angezeigt oder auf einem Verlaufsblatt des Gottesdienstes notiert.
Zum schlechten Benehmen gehört das, was in dem in der Einführung zitierten Prolog aus dem Roman „Wir in Kahlenbeck“ genannt wird; Dinge, die man macht, obwohl man weiß, dass sie sich (nicht nur in der Kirche) nicht gehören: lautes Reden, Kaugummi kauen, Handy und Smartphone nutzen, rauchen u. a. Meist werden sie auch auf Schildern und durch Piktogramme als verboten angezeigt, weil sie andere stören.
Störendes Verhalten umfasst all das, wodurch andere Gottesdienstteilnehmer oder Kirchenbesucher sich in ihrer Andacht gestört fühlen; das ist mehr als zum Beispiel lautes Reden. Die Störung des Gottesdienstes kann sogar ein strafrechtliches Tun sein und ist, wie auch beschimpfender Unfug, im Strafgesetzbuch (StGB) aufgeführt (vgl. S. 53).
Das Verhalten der Gemeinde in Korinth war ihrer Erfahrung nach nicht falsch oder schlecht – es passte nur nicht mehr zur Feier einer christlichen Gemeinschaft, weil sich nach dem Evangelium Jesu neue und andere Wertvorstellungen herausgebildet hatten, die auch das Verhalten untereinander regeln. Zu Veränderungen im Verhalten ist es in der Geschichte des Gottesdienstes und der Kirchen immer gekommen. Das Benehmen im Kirchenraum ist über die Jahrhunderte hinweg und auch in verschiedenen Regionen sehr unterschiedlich. Was uns heute nicht vorstellbar erscheint, war in früheren Zeiten nicht ungewöhnlich, umgekehrt hätte manches, was heute bei uns selbstverständlich ist, früher für Unverständnis gesorgt.
Beginnen wir nun unseren Gang durch Raum und Zeit des schlechten Benehmens mit dem Betreten der Kirche.