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Gery Wolfsjäger

Casmilda's Gewinn durch Verlust

Eine Geschichte der Selbstfindung

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

Kapitel 1 Lebhafte Mitt-Zwanziger… und ihre Freizeit

Kapitel 2 Sexuelle Neigungen

Kapitel 3 Normaler Friseusen - Alltag

Kapitel 4 Schmerz kommt bitte in den privaten Müll!

Kapitel 5 Frau liebt Frau

Kapitel 6 Der Arbeitskollege als Lustobjekt

Kapitel 7 Wer mit wem und weshalb?

Kapitel 8 Rache ist lüstern

Kapitel 9 Der Versuch, die Realität zu verdrängen

Kapitel 10 Der Versuch, die Realität zu hinterfragen

Kapitel 11 Casmilda‘s Zerstörung der Fassade

Kapitel 12 Wohlig verdrängte Vergangenheit

Kapitel 13 Gib mir meine Weiblichkeit wieder!

Kapitel 14 Zuhause sein

Epilog 2 Jahre später

Danksagung

Impressum neobooks

Vorwort

Für Angela, deren Freundschaft mich zu diesem Werk inspirierte

Kapitel 1 Lebhafte Mitt-Zwanziger… und ihre Freizeit

„Welcher Teufel hat mich denn da wieder geritten?“

Casmilda las sich die Sms durch, die sie am Vortag im betrunkenen Zustand an Marco gesandt hatte.

„Ich weiß nicht, welcher es dieses Mal war!“, meinte ihre Freundin Cornelia, die sich dabei ein gewisses Grinsen, bei dem ihre Mundwinkel beinahe über die Ohren lappten, nicht verkneifen konnte.

Sie saßen bei Junk-Food-Mood - einem namhaften Fast Food-Restaurant - in der Mariahilferstraße, im sechsten Bezirk in Wien.

Aus dem Radio ertönten verträumte Songs über die Liebe. Die weichen Sonnenstrahlen glitten durch die Fensterscheiben des Lokals und spielten mit Connys Haar. Vor einer Woche hatte Casmilda ihrer Freundin und Kollegin ihre langen Naturlocken gefärbt, schokoladenbraun mit goldblonden Strähnen.

Die letzte Nacht hatten sie im Dance for Chance verbracht, einer bekannten Wiener Diskothek. Konsequent hatten sie die Männer ignoriert, die ihnen ständig Drogen angeboten hatten, oder sie auf ein Getränk einladen wollten. Zwar waren diese ziemlich attraktiv, aber was konnten sie sich schon von ihren zugedröhnten, betrunkenen Zuständen erwarten? Der erste Eindruck zählte bekanntlicherweise, obwohl man Vorurteile außer Acht lassen sollte, andererseits war eine gewisse Skepsis mit Intuition zu vergleichen. Beide Dinge ähnelten einander, wobei sie vor Dummheiten schützen sollten. Und doch, Vorurteile sendeten ihre Botschaften vom Gehirn aus, Intuition lag im Herzen oder im Bauchgefühl. Vorurteile hatten außerdem einen billigen Beigeschmack: aus Angst oder Ungeduld, jemandem eine Chance zu geben, wurde er in eine Schublade gesteckt, ohne ihn vorher ausreichend kennenzulernen. Viele männlichen Wesen ließen sich außerdem heutzutage von der allseits verbreiteten modernen Emanzipation der Frau einschüchtern, die sich unter anderem in einem gewissen Selbstvertrauen ausdrückte. Somit sollte jede Frau in gewisser Weise nachsichtig sein. Die Männer, die Casmilda und Conny jedoch Drogen angeboten hatten, wirkten bei Weitem nicht schüchtern, trotz des weiblichen Selbstvertrauens, das Conny und Casmy ausstrahlten, doch hinter ihrer rauhen Fassade verbarg sich möglicherweise ein weicher Kern.

Ach, wie dumm nur, dass das Leben nicht so ablief wie in Kitschromanen!, dachten Casmy und Conny beinahe gleichzeitig, während sie ihre Burger aßen. In diesen romantischen Geschichten schaffte es die Protagonistin immer wieder, einen hart gesottenen Mann in einen kuschelbedürftigen Liebhaber zu verwandeln. Wie glücklich wären sie in so einer Welt der Harmonie! Von Zufriedenheit und innerem Standbein wollten die jungen Frauen in ihren dahinschwelgenden Gedanken nichts wissen, denn darüber berichten Kitschromane nicht. Sie wollten lieber hoch oben in den Wolken fliegen, vielleicht sogar auf Nummer sieben, anstatt sich den Boden der Tatsachen anzusehen. Daher genehmigten sich Casmilda und Cornelia zwischendurch liebend gerne die Welt des Kitsches, da sie die Ausflucht des Alltages in die Illusion sehr genossen.

In Maßen konnte ihrer Meinung nach ein wenig Illusion sogar die Realität beflügeln oder erträglicher machen.

Das Maß ließ sich jedoch sehr leicht überspannen. Auch Glücksgefühle führten zur Sucht – man könnte diese Abhängigkeit sogar gewissermaßen als Bestandteil der klassischen Depression beschreiben, denn ein Zuviel des Glücks würde andererseits den Realitätssinn verschleiern. Früher oder später würde den Beiden langweilig werden, oder ihre übertriebene Euphorie sie letztendlich in eine Psychiatrie führen. Dort hätten sie endlich wieder einen Grund, unglücklich zu sein, es gäbe ihnen paradoxerweise den passenden Ausgleich zu ihrem seligen Lebenskick.

Casmilda empfand ein enormes Glücksgefühl, als sie lächelnd auf ihr Handy blickte. Den inneren „Teufel“, den sie für die Nachricht verantwortlich machte, benannte sie in einen einfühlsamen Gefühlsmenschen um. Obwohl Marco ihr nicht geantwortet hatte, breitete sich in ihrer Brust ein Gefühl der Hoffnung und Glückseligkeit aus, und sie strahlte mit einem verträumten Blick versonnen in die Ferne.

„Willst du wirklich mehr von ihm als seine flüchtige Bekanntschaft?“, fragte Conny, die Casmildas Sms als übertrieben emotional deutete.

„Oh“. Casmilda fühlte sich beim Tagträumen ertappt, klimperte mit ihren langen Wimpern und öffnete den Mund in einer starren, lächelnden Haltung, ehe sie zu sprechen begann.

„Nun“, sagte sie in einem zärtlichen Flüsterton , „was bedeutet mehr? Ich möchte ihn jedenfalls kennenlernen.“

Die Sms bestand aus klaren Worten: „Hallo Marco, bist du wirklich so stark wie die Anmut deiner Muskeln es verspricht, so sanft wie dein charmantes Lächeln, deine einfühlsamen Worte? So zeige es mir. Deine Casmilda.“

Casmy wusste selbst, dass ihr Hang zur Romantik bei diesen Worten mit ihr durchgegangen war, doch der Alkohol hatte ihre Hemmschwelle am gestrigen Abend vollkommen hinweggeschwemmt. Zum ersten Mal hatten sie Tequila und Co dazu gebracht, ihre Gefühle auf romantische und doch diplomatische Art und Weise zu vermitteln.

Der März dieses Jahres beschreib ein ziemlich verwirrendes Wetterspiel aus entsetzlicher Wärme und Kälte. Casmy und Conny liebten Sonne, deshalb gaben sie sich mit diesen halben Sachen von warmem Klima kaum zufrieden. Doch immerhin hatten sie einen Ausflug in sonnige Gefilde geplant. Dort wollten sie sich den heißen Temperaturen ebenso hingeben wie den attraktiven Männern, die sie dort erwarteten, sowie möglicherweise einer kleinen Phase des abschließenden Liebeskummers, wenn das Feuer der Urlaubsaffäre erloschen war.

Sie wussten wie schön der Sommer in Wien sein konnte, wie leidenschaftlich die durchtrainierten Männer ihre Muskeln auf der Donauinsel zum Ausdruck brachten, aber die Neugierde des Unbekannten hatte sie wieder einmal erfasst, wie die Neugierde auf ein Paket, das es auszupacken galt.

Casmilda spielte mit ihren schulterlangen, aubergine getönten Haaren, um ihrem unbewussten Wunsch nach Geborgenheit eines Mannes Ausdruck zu verleihen. Sie liebte es, wenn Männer ihre glänzende Mähne streichelten.

„Meinst du, Marco würde mit uns nach Mallorca fliegen?“ fragte Casmilda.

„Wie wär’s wenn du ihn einfach fragst, Dummerchen? Du bist doch sonst nicht so schüchtern!“, erwiderte Cornelia, und zwinkerte ihrer Freundin vergnügt zu.

Diese zuckte mit den Schultern.

„Es sind nur noch zwei Monate bis zu unserem Urlaubsantritt“, meinte Casmy. „Ich sollte ihn wohl bald fragen, nicht wahr?“, fügte sie lächelnd hinzu.

„Ja, aber andererseits haben wir ihn erst kürzlich kennengelernt, meine Liebe. Du und ich hingegen teilen seit Anbeginn unserer Lehrzeit diverse Launen und Tagesverfassungen miteinander, zehn lange Jahre. Himmel, wie die Zeit vergeht!“, seufzte Conny, um anschließend nachdenklich die Stirn zu runzeln.

„Ich habe eine Idee, wir vergessen dieses spanische Last – Minute – Angebot und bleiben hier, um sein Wesen genauer unter die Lupe zu nehmen, was natürlich in erster Linie deinem Interesse naheliegt!“

Casmilda blinzelte überrascht. Seit einigen Monaten beschäftigten sie sich mit der Diskussion, wo sie ihren Sonnengebeten am besten nachgehen könnten. Cornelia ignorierte die Verblüffung ihrer Freundin und lehnte sich bequem in ihrem Stuhl zurück, um ihrem Gedanken eine freudige Entspannung zu verleihen. Sie wechselte die Stellung ihrer Beine, die sie übereinandergeschlagen hatte.

„Das ist typisch für dich Conny, kein Wunder, dass deine Bindungen erlischen, kurz nachdem sie entflammt sind, du machst dich von Männern abhängig! Soll Marco doch hier bleiben, wir machen uns alleine unseren Spaß, auf Mallorca gibt es bestimmt viele attraktive Touristen!“

Nun war es Cornelia, die einen verdatterten Blick aufsetzte und sich die Hände in die Hüften stützte.

„Meine Liebe, kann es sein, dass du plötzlich Angst davor hast, dich Marco zu nähern? Vorhin hast du noch in den höchsten Tönen von ihm geschwärmt, und jetzt redest du plötzlich von irgendwelchen Touristen!“, spöttelte Conny in gespielt dramatischem Ton.

„Vergiss nicht,“, seufzte Casmy, „wir arbeiten im selben Salon. Also ist es wohl das Beste, wenn ich mir die Sache mit ihm aus dem Kopf schlage – und aus dem Herzen. Außerdem hat er seinen Urlaub vielleicht bereits geplant, und verbringt ihn außerhalb Wiens.“ Conny fühlte mit ihr und strich ihr kurz über den Kopf.

„Du hast recht. Lass' lieber die Finger von ihm. Tut mir leid für dich, aber du weißt ja: Privates und Geschäftliches zu trennen ist die Basis für eine gute Teamarbeit!“

Casmilda konnte Cornelia nicht widersprechen. Dennoch schwärmte sie für Marco, und sie wusste über die Schwäche ihres Verstandes gegenüber diesem Gefühl Bescheid.

Wenige Augenblicke später unterhielten sie sich zur Abwechslung über ein bodenständiges, realistisches Thema: die Finanzierung des Hotels und des Flugs .Das Endergebnis des Debakels hinderte sie daran, nach Mallorca zu reisen. Sie entschieden sich für einen Aufenthalt in Wien, weil ihre Ersparnisse kein anderes Urlaubsziel zuließen. Zwar rentierte sich der Luxus des Quartiers und auch der Flug um Haaresbreite, aber letztendlich müssten sie auf den Eintritt in die diversen Discotheken, die der Ballermann 6 hergab, verzichten, da diese Kosten ihr Budget überstiegen, ganz zu schweigen von den Getränkepreisen. Sie verabschiedeten sich also gedanklich von ihrem Sommertrip ins Ausland und beschlossen, sich davon nicht die Vorfreude auf die hitzige Jahreszeit verderben zu lassen.

Das Haarstudio Die fliegende Schere hatte im Mai 3 Wochen lang geschlossen, somit blieb genügend Zeit, einmal so richtig ausspannen zu können. Conny nippte an ihrem Cherry-Shake. Sie dachte kurz über Marco nach, den auch sie sehr attraktiv fand. Aber mehr war da nicht. Mehr durfte da nicht sein. Weder Conny noch Casmy konnten sich Gefühle, sexuelle Erlebnisse oder zu viel Freizeit mit Marco erlauben, es würde dem Geschäftsleben nichts Gutes abgewinnen. Außerdem definierte ein Ehrenkodex in ihrer Freundschaft, sich nur objektiv in die aktuelle oder bereits beendete Liebesbeziehung ihres Gegenübers einzumischen, ganz gleich, welcher Intensität diese entsprang, somit waren Flirt – oder Annäherungsversuche jeglicher Natur für die jeweilige beste Freundin tabu.

Die drei Stylisten wohnten in einem Jugendwohnhaus im 12. Bezirk, Meidling. Die U4 – Station „Meidling Hauptstraße“ befand sich in der Nähe jenes Gebäudes. Das Haarstudio war ebenfalls öffentlich mit der U4 gut zu erreichen, vom Schwedenplatz entfernt waren es nur ein paar Schritte in Richtung Rotenturmstraße, sowie zur Vorlaufstraße Nr. 19.

Im Jugendwohnhaus lebten Menschen verschiedenster Herkunft. Marco war gebürtiger Italiener und von Linz nach Wien gezogen, Casmy kam aus Wilhelmsburg im Bezirk St. Pölten Land, und Cornelia stammte aus dem weinreichen Burgenland. Rein zufällig ergab es sich, dass sie alle im selben Wohnheim untergebracht waren, sowie im selben Geschäft arbeiteten. Conny und Casmy wohnten bereits seit Anbeginn ihrer Lehrzeit in Wien. Marco war erst vor 5 Wochen eingezogen.

Es war nur Bewohnern außerhalb Wiens sowie einreisenden Ausländern die Erlaubnis vorbehalten, in diversen Jugend – und Studentenwohnheimen zu leben. An und für sich gab es auch eine Vorschrift, die die Altersgrenze für das Beziehen einer Wohnung konkret festlegte, aber die Bewohner hätten teilweise rein theoretisch die Väter oder Mütter der jüngeren Insassen sein können. Die Verwaltung jedoch blickte über diesen kleinen Regelverstoß hinweg.

Casmy und Conny nutzten diese älteren Menschen als abschreckendes Beispiel. Die Aussicht, noch in gehobenem Alter in einer Stätte zu wohnen, die für Studenten und Lehrlinge oder junge Leute mit geringem Einkommen vorgesehen war, sollte ihnen kein Vorbild sein.

Im gesamten Jugendwohnhaus gab es diverse Freizeiteinrichtungen wie beispielsweise einen Fitness, – Musik – und Partyraum, einen Tischtennistisch, den Squash – Bereich, Internetzugang sowie einen Tennisplatz. Nicht zu vergessen waren natürlich die Getränke – und Snack-Automaten, die Bibliothek und die gemütlichen Couchen und Sitzecken.

Die Zeiger der Uhr im Restaurant zeigten 18:30.Sie nahmen die letzten Bissen ihrer Happy – Schmecky – Burger zu sich, kauften für unterwegs noch eine Sweetmouse – Kirschschnitte , und verließen das Fastfood– Restaurant. Junk – Food – Mood hatte seine Eröffnung vor einem Jahr gefeiert, die Menüs waren an jenem Tag dementsprechend günstig gewesen. Auch danach bewegten sich die Preise in einem durchaus toleranten Rahmen, allerdings enthielt der Speiseplan nicht unbedingt Nahrungsmittel, die sich mit diversen Schlankheitskuren gut vereinbaren ließen. Die Zeitungen berichteten mehr oder minder theatralisch über wilde, klatschsüchtige Skandale: „Happy – Schmecky – Burger lassen Sie bei regelmäßigem Konsum nach drei Monaten aussehen wie ein Walross, da ein Stück so viele Kalorien enthält wie drei gebackene Schweineschnitzel“, oder „Die Desserts bei Junk – Food – Mood sind mit Stoffen angereichert, mit denen Sie möglicherweise Fenster putzen könnten!“ Die Ernährungswissenschaftler im Fernsehen neigten ebenfalls gerne zu ähnlichen Übertreibungen, aber Casmy und Cornelia wussten, warum sie in letzter Zeit ständig den Fitnessraum im Jugendwohnhaus aufsuchten, insofern sie ihren inneren Schweinehund dazu überwinden konnten.

Die jungen Frauen gähnten, als sie den Gehsteig der Mariahilferstraße betraten, da die Nacht im Dance for Chance ihre Nachwirkungen zeigte. Zwei geschlagene Stunden waren sie nun in diesem muffigen Schuppen gesessen. Beim Betreten des Restaurants hatten sie die Burger, Süßigkeiten oder Milchshakes als äußerst delikat empfunden, doch beizeiten begann ihr abgespanntes Gehirn zu begreifen, wie die Gerüche gesunden Essens sich im Vergleich anfühlten.

Connys Handy klingelte, als sie auf dem Gehsteig standen.

„Was? Das wirst du noch bereuen! Du wirst nie eine Frau kennenlernen, die dein Wesen über längere Zeit toleriert, das schwöre ich dir!“

Mit hastigen Bewegungen drückte sie auf den roten Knopf und warf ihr Mobiltelefon in die Handtasche. „Was hast du?“ fragte Casmilda entsetzt. Besorgt blickte sie in das traurige Gesicht ihrer Freundin, dessen Augen sich langsam mit Tränen füllten. Sie tätschelte sanft ihren Arm.

„Er will unsere Beziehung aufgeben!“, entfuhr es Conny lauter, als sie beabsichtigt hatte.

„Wer?“

„Drei Mal darfst du raten!“

„Äh, Jakob?“

„Nein, diese Liaison ist seit sieben Wochen passé, es geht um Daniel! “

„Oh, entschuldige, da habe ich mich wohl vertan, du wechselst ja auch die Männer wie die …..“

„Ruhe!“

„Ich bin ja schon still. Tut mir leid, das war nicht sehr einfühlsam von mir. Ach ja, zurück zu Daniel: so ein gemeiner Typ. Und warum will er sich von dir trennen?“ Casmy fragte sich, inwiefern sie diesem übertrieben Drama ihre Ernsthaftigkeit beisteuern konnte.

„Er meinte nur, seine Intuition rate ihm zu dieser Handlung. Doch wieso quält er mich drei Wochen lang mit seinem romantischem Getue, um mich schließlich derart kalt abzuservieren?“

Casmilda tippte sich nachdenklich mit dem Finger an die Stirn Ihr kam ein Gedanke.

„Entweder hat er sich emotional noch nicht von seiner Ex-Freundin gelöst, eine ganz andere Person hinter deinem Rücken kennen gelernt, oder er ist schwul.“ Letzteres sollte ein Witz sein, um Conny aufzuheitern. Aber der Versuch war vergebens. Conny verzog keine Miene. Casmilda seufzte und hob erneut an zu sprechen.

„Wer weiß, vielleicht ist er oberflächlich und wollte nur eine rein sexuelle Beziehung mit dir führen, ohne Regeln von Treue oder Rechenschaft. Das würde dann wohl allerdings auch bedeuten, dass du nicht den Typ Frau repräsentierst, den er auf sexueller Ebene attraktiv findet!“

„Aufbauende Worte, danke!“ Conny verschränkte trotzig die Arme vor der Brust.

„Tut mir leid, wenn ich noch folgendes Ass im Ärmel habe, aber andererseits solltest du dir Gedanken darüber machen, welchen Beitrag du selbst leistest, der die Männer in die Flucht schlägt. Schließlich sagst ausgerechnet du zu Daniel, er sei ein Typ, dessen Eigenschaften schwierig zu tolerieren seien. Damit hättest du dich gut und gerne selbst meinen können.“

„Lass’ mich jetzt kurz in Ruhe, bitte!“ Conny hatte ihr scheinbar kaum zugehört und schwelgte mit ihren Gedanken in einer Opferhaltung.

Die zwischenmenschliche Liebe ist die komplexeste Erfindung der Menschheit, die es gibt, schoss es der frustrierten jungen Dame durch den Kopf. Sie glaubte, fähig zu sein, eine Beziehung zu führen, und den Partner sowie sie selbst glücklich machen zu können, wirkte aber auf Männer durch ihr überempfindliches, launisches Wesen ziemlich unreif, trotz der 25 Jahre, die ihr Alter beschrieben. Casmy war zwei Monate älter als Conny.

Casmilda fragte sich ernsthaft, was Cornelia bedrückte. Es fiel ihr schwer, diese Situation wirklich akzeptieren zu können. Conny hatte Daniel doch nur drei Wochen gekannt, und nun verhielt sie sich, als sei ihr Herz gebrochen. Konnte Liebe auf den ersten Blick sie tatsächlich so sehr verletzen, wenn sie nicht erwidert wurde? Sie fragte sich, wie sie sich fühlen würde, wenn Marco ihr eine Abfuhr erteilen würde, auch, wenn sie nicht in ihn verliebt war, sondern nur für ihn schwärmte. Ihr Herz machte dabei einen traurigen Satz und sie verdrängte den Gedanken sofort wieder. „Diese Sache ist sowieso hinfällig“, meldete sich ihr innerer Kritiker zu Wort. Ihr Herz jedoch war ganz anderer Ansicht.

Casmilda hatte ihren Arm um Connys Taille gelegt. Conny schwieg und weinte still. Ihr Kopf lag auf der Schulter ihrer Freundin. So schritten sie Arm in Arm die Straße entlang, bis sie sich schließlich auf einer Bank niederließen. Es gab viele Momente, in denen Casmilda Cornelia nicht verstand, aber sie war für sie da, wann auch immer sie ihre Hilfe brauchte. Sie setzten sich auf eine Parkbank. Auch Situationen, in denen Cornelia in solchen Momenten der Traurigkeit frustriert und lautstark ihren Kummer zum Besten gab, mitten auf der Straße oder auch in einem Café, nahm Casmilda einfach hin - diese Szenen waren ihr schon lange nicht mehr peinlich. Auch in einer Freundschaft konnte ein verinnerlichtes Gewohnheitstier Wunder bewirken.

Conny zeigte ihre Launen auch gut und gerne am Arbeitsplatz. Ungeduldig verdrehte sie des Öfteren entnervt an einem Dienstagmorgen die Augen– montags hatte Die fliegende Schere geschlossen - , weil sie sich darüber ärgerte, dass jemand ihre rosa Schnitt-Fit – Schere verlegt hatte, bis ihr die Erleuchtung kam, jene aufgrund von Schwarzarbeit am Wochenende noch in ihrer Handtasche liegen gelassen zu haben .Diese Kleinigkeit beschrieb nur ansatzweise ihre überempfindliche, tollpatschige Natur. Eines Tages, als sie einem attraktiven Mann hinterherstarrte, weil er ihres Erachtens nach einen tollen Hintern besaß, lief sie wenige Augenblicke später gegen ein riesiges, kaum übersehbares Stoppschild. Ein prägnantes, ironisches Massaker krönte schließlich ihre Tollpatschigkeit. Sie stieß ein frustriertes „Scheiße!“ aus und stand 2 Sekunden später in einem Hundehaufen.

Bei jeder dieser Pannen war Casmy dabei gewesen, die derartigen Situationen einen Heidenspaß abgewann. Sogar die überempfindliche Conny schaffte es mittlerweile, ihre Lachmuskeln bei jenen Erinnerungen anzuspannen.

Cornelia wurde bewusst, dass sie ihr Make – Up in Ordnung bringen musste, da ihre Tränen ihr mühevoll errichtetes Werk zunichte machten.

„Geht es dir jetzt ein wenig besser?“, fragte Casmilda, während sie ihre Hand hielt.

„Nein, um ehrlich zu sein, nicht. Du hast Recht, ich sollte mich nicht grämen, wir haben uns nur drei Wochen lang gekannt. Ich bringe mich ständig in derartige Situationen, wie du ebenfalls richtig erkannt hast, und dieses innere Zugeständnis tut mir weh. Wie kann ich mit mir selbst ins Reine kommen?“

Casmilda hatte eine glänzende Antwort parat, doch sie wurde unterbrochen. Ihr blieb der Mund offen stehen, und die langen Wimpern schienen gen Himmel zu wachsen, zumindest fühlte es sich so an.

Da, einen Meter von ihr entfernt, ging er schnellen Schrittes seinen Weg, wohin auch immer. Marco.

„Hey Marco, hallo, bleib' doch mal stehen!“, rief sie ihm von weitem zu. Sie fühlte eine tiefe Euphorie in ihr aufsteigen, und ihr Herz begann zu pochen, als er sich langsam zu ihr umdrehte. Er lächelte, als er sie erkannte, und Casmilda stieg die Röte ins Gesicht, da sie sein attraktiver Anblick aus der Fassung brachte. Er machte auf dem Absatz kehrt und bewegte sich auf die beiden Frauen zu. Der hübsche Italiener trug ein weißes, ärmelfreies Shirt, eine kurze schwarze Hose, und sein Haar hatte er mit Wet-Gel einen Stand verliehen, der ihn ein wenig größer wirken ließ, da er mit 1,75cm nicht unbedingt eine stattliche Körpergröße aufwies. Hingegen unterstrichen seine dunkelbraune Haut und die charismatischen Augen die Attraktivität seiner Ausstrahlung, die von seinen stark hervortretenden Muskeln an Brust, Armen und Beinen vollendet wurde. Casmy erschienen seine Bewegungen wie ewige Kilometer, da in diesem Moment ihre Sehnsucht nach seiner strotzenden, beschützenden Kraft eine eigene Persönlichkeit anzunehmen schien. Darüber hinaus liebte sie es, ihm zuzusehen, wie er seinen tollen, braungebrannten Körper in der Sonne wiegte.

„Hallo ihr Beiden“, begrüßte er Casmilda und Conny mit einem Handschlag. „Ich habe euch leider nicht gesehen.“

„Macht doch nichts“, entgegnete Casmilda, die gerade mit der Sonne um die Wette strahlte, „ich habe dich gesichtet und nun bist du hier.“

Marco setzte sich zu ihnen. Der Schweiß lief ihm von der Stirn, was Casmilda als höchst erotisch empfand, weil sie die Tropfen am liebsten sanft mit ihren Fingern weggewischt hätte. Wie gerne würde sie näher an ihn heranrutschen. Doch er wandte seine Aufmerksamkeit Cornelia zu.

„Conny, geht es dir nicht gut?“, wollte Marco wissen, der in das Gesicht einer Frau blickte, die dringend ein neues Make-Up nötig hatte und vor allen Dingen ein Taschentuch. Marco reichte ihr eines aus seiner Hosentasche.

„Danke Marco, das ist lieb von dir. Casmy und ich haben keine dabei!“, stammelte Conny verlegen, ohne seine Frage zu beantworten.

Sie ärgerte sich über diesen Frevel. Daniel war auch freundlich zu ihr gewesen, und hatte ihr binnen kurzer Zeit sehr weh getan. Andererseits konnte sie solch attraktiven, männlichen Wesen nicht böse sein. Außerdem hatte er mit charmanter, einfühlsamer Stimme nach ihrem Befinden gefragt, somit vergaß sie ihre nachtragende Natur.

„Was machst du denn hier?“, wollte Casmilda wissen, als sie ihren Kopf in einer verträumten Schräglage auf ihre Hand stützte.

„Ich war gerade bei meiner Großmutter zu Besuch, sie wohnt gleich in der Nähe des Westbahnhofs.“ Er warf Conny einen kaum merklichen Seitenblick zu. „Soll ich euch lieber alleine lassen? Unsere Kollegin scheint Trost zu brauchen“, fragte er, seinen Blick wieder Casmy zugewandt. Obwohl diese genau wusste, wie Recht der hübsche Italiener hatte, flehte sie ihn innerlich an, zu bleiben.

„Wie du willst, Marco, du störst jedoch in keinster Weise!“, entgegnete sie mit einem zuckersüßen und doch aufrichtigen Lächeln.

„Hau’ ab!“, hätte Conny aufgrund ihres gebrochenen Herzen am liebsten geschrien, doch sie ließ es bleiben. Für Marco würde sie sich ausnahmsweise zusammennehmen.

Casmildas Worte sprudelten aus ihr heraus, ehe sie sie aufhalten konnte. Nervös stammelte sie: „Äh, Marco, übrigens, wegen der Sms gestern, das war irgendwie…“

„Sehr direkt!“, beendete Marco den Satz, wobei sein aufrichtiger Blick keine Vermutung aufkommen ließ, wie er ihre Nachricht bewertete.

„Ja, da hast du wohl die richtigen Worte getroffen. Aber vergiss sie einfach und lösche sie, ich hatte ein bisschen zu viel getrunken.“ Casmilda verletzte sich an ihren eigenen Worten, was sich in ihrer Herzgegend mit einem ziehenden Stechen bemerkbar machte. Intuitiv legte sie die Hand an jene sensible Körperstelle, wie um damit den Schmerz lindern zu können. Doch es war das Beste, sich von Marco privat zu distanzieren.

„Wenn du das sagst“, meinte Marco mit einem strahlenden Charisma, das seine Worte weder arrogant noch kalt erklingen ließ, sondern einfach von Herzen freundlich wirkte.

Anfangs hatte sie ein ganz anderes Bild von ihm. Er hatte erst vor vier Wochen im Salon angefangen zu arbeiten. Casmilda hasste ihn, denn er wirkte arrogant und schleimte sich scheinbar mit seinem technischen Gerede über Haarschnitte – und Colorationen bei ihrem Vorgesetzten ein. Eines Tages lächelte er die junge Friseuse jedoch verlegen an, und sie begann innerlich für ihn zu schwärmen. Als die beiden miteinander ins Gespräch kamen und merkten, dass sie im selben Studentenwohnheim lebten, tauschten sie ihre Telefonnummern aus, um sich für einen Plausch in ihrer Freizeit zu verabreden. Conny beobachtete das Geschehen und ein kleiner Anflug von Eifersucht zierte ihr Gesicht. Wenige Tage später hatte Marco Casmy gefragt, wann sie denn Lust hätte, besagten Drink zu konsumieren, daraufhin entgegnete sie nur lässig, sie hätte Orangensaft zuhause, „aber trotzdem danke“.

Der junge Hairstylist verstand ihren Humor nicht ganz, bis sie anfing zu grinsen.

„Und eine Dusche habe ich auch, falls du mit mir mal schwimmen gehen möchtest, ich bin mit allem gut versorgt!“ Marco hatte zu lächeln versucht, war aber scheinbar zu verklemmt, um diese Witze zu begreifen. Somit war ihr gemeinsames Treffen auf einen ungewissen Zeitpunkt verschoben worden.

Marco hatte seine Marlboro zu Ende geraucht und zertrat die Kippe mit seinem Fuß, der an einem stark durchtrainierten Unterschenkel herausragte.

„Meine Lieben, ich muss jetzt wieder los. Meine Schwester wartet auf mich. Wir sehen uns dann am Dienstag!“

Er reichte ihnen höflich die Hand und ging seines Weges.

Wie familiär er ist, ging es beiden Damen durch den Kopf, ein Rätsel.

Casmy strich sich ihr aubergine getöntes Haar aus der Stirn, wo sich schon langsam der Schweiß sammelte. Dieser Mann hatte ihr den Kopf verdreht, und sie wusste über den Auslöser ihrer Schweißperlen sehr gut Bescheid – die Sonne alleine konnte sie bestimmt nicht hervorgerufen haben.

Marco hatte die Tönung auf ihr Haar appliziert. Sie trug an jenem Tag ein trägerloses Top, und ihre wohlgeformten Brüste kamen gut zur Geltung. Sie bemerkte, wie sehr er sich mit dem Auftragen des Präparates beeilte, und mit hochrotem Kopf bemerkte, dass sie sich zwischendurch mit den Fingern über den Busen strich. Seine offensichtliche Verklemmtheit gab ihr zu denken.

Conny hatte neues Make-Up aufgelegt und fühlte sich ein wenig besser. „Männer sind und bleiben Herzensbrecher“, meinte sie, um die Verantwortung für ihre Gefühle an Daniel abzuschieben. „Am liebsten würde ich jetzt da weitermachen, wo wir gestern aufgehört haben, auch, wenn ich immer noch einen Kater verspüre.“

„Wir brauchen unsere Gehirnzellen noch für andere Dinge. Konzentriere dich lieber auf deinen Selbstwert als Frau“.

Conny blickte ihre Freundin verdattert an. „Also willst du mir sagen, eine anstrengende Art an den Tag zu legen, mit der die Männer nicht umgehen können, ja? Ist es das, worauf du hinaus willst?“ In ihrer Stimme schwang ein nervöser und gleichzeitig aggressiver Tonfall mit.

„Um ehrlich zu sein: ja. Du bist von dir selbst nicht überzeugt, daher rührt dein unsicheres und oftmals launisches Auftreten. Es verschreckt die männlichen Wesen. Nimm dich selbst wie du bist, hab dich gerne, dann tun es auch andere. Das ist die Grundregel jeder Beziehung!“, entgegnete Casmilda und blickte Cornelia tief in die Augen. Dieser missfielen die Worte, weil sie über ihre eigene Schwäche Bescheid wusste, und dabei ertappt zu werden war ihr äußerst unangenehm. Ihr letztes Kontra bestand daher aus einem kurzen Schnauben, dann verließen sie die Bank und machten sich auf den Weg zur U-Bahn.

In Connys Gedanken ging ein typisches Schema vor, das wusste Casmy. Sie glaubte, eine Freundin müsse mehr Loyalität zeigen, und diese in Form von sanften Worten der Zustimmung und des Verständnisses ausdrücken. Casmilda kritisierte Conny stattdessen, um ihre Denkweise zu ändern, was dieser sicher gut täte.

Ihre kleinen Reibereien beschäftigen sich öfters mit der Thematik der Männerwelt. Anstatt sich jedoch gegenseitig zu verstehen, ging das Desaster immer wieder von neuem los: Casmy dachte anders als Conny, und die beiden verspürten keine Lust, sich in die Lage ihres Gegenübers zu versetzen. Casmilda betrachtete Conny des Öfteren als kindisch, wenn sie solche Szenen wie die oben genannte beobachtete, wobei Cornelia ihre Freundin dabei als unsensibel empfand.

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550 p. 1 illustration
ISBN:
9783738012484
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