Read the book: «Magnus Garbe»
Gerhart Hauptmann
Magnus Garbe
Tragödie
Saga
Magnus Garbe
Coverbild/Illustration: Shutterstock
Copyright © 1942, 2021 SAGA Egmont
Alle Rechte vorbehalten
ISBN: 9788726956931
1. E-Book-Ausgabe
Format: EPUB 3.0
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Dieses Werk ist als historisches Dokument neu veröffentlicht worden. Die Sprache des Werkes entspricht der Zeit seiner Entstehung.
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Dramatis Personae
Magnus Garbe, Bürgermeister
Felicia, seine Frau
Monica, eine Begine
Jan Gossaert, Maler
Dominik, Diener
Peter Plank, Schreiner
Doktor Cornelius Anselo, Ratsherr und Arzt
Gößwein, Ratsdiener
Doktor Johannes Wyk, Syndikus der Stadt
Eine Schaffnerin
Zwei junge Mägde
Eckart, Winzer
Jörg, Enkel Eckarts
Jakob, Enkel Eckarts
Hans Meulin, Bader
Adam, Scharfrichter
Görg, Heinz, seine Gesellen
Apollonia Fischrossin, Magd Adams
Drei Dominikanerpatres
Bruder Thomas, Dominikanermönch
Bruder Reinhold, Dominikanermönch
Ein dritter Dominikanermönch
Das Stück spielt im 16. Jahrhundert in einer reichsfreien Stadt.
Erster Akt
Hoher getäfelter Raum in einem Patrizierhause. Eine Staffelei mit Bildtafel darauf ist aufgestellt. Felicia Garbe, die junge Frau des Bürgermeisters Magnus Garbe, tritt ein. Sie ist gesegneten Leibes. Monica, eine Begine, begleitet sie.
Felicia. Wieder soll ich gemalt werden, Monica?
Monica. Ja.
Felicia. Ich bin unruhig.
Monica. So sollt Ihr dem Maler nicht zu dem Bild sitzen, Frau Bürgermeisterin!
Felicia. Magnus will es. Aber sage mir doch um Gottes willen, was ist es für ein Rauch, der über den Marktplatz zieht? Oder wären es Wolken, Monica? Die Sonne ist doch heut an einem wolkenlosen Himmel aufgegangen. Welche Schatten! – Welche eilenden Schatten, Monica! Es ist sonderbar, wie du immer unter dem Schatten erbleichst. – Sollte ein Brand in der Vorstadt ausgebrochen sein?
Monica. Es ist auch mitunter etwas in der klaren Luft, was den Essenqualm in die Gassen drückt.
Felicia. Ich fürchte, der Maler wird nicht sehen. Findest du es eigentlich richtig, wenn man eine Frau malt, die gottgesegneten Leibes ist?
Monica. In der Kapelle unseres Beginenhauses ist ein Altarbild. Ihr kennt es selbst. Die heilige Jungfrau Maria besucht die heilige Elisabeth. Die heiligen Frauen sind im Hause des Zacharias beieinander. Zu der Zeit aber trägt Elisabeth, wie Ihr wißt, Johannes den Täufer unter dem Herzen.
Felicia. Versündige dich nicht, Monica! Gott kennt mein Inneres, er weiß gewiß, ich vergleiche mich mit seinen Heiligen nicht.
Monica. Die Meister der Malerei haben oft im Stande der Sünde befindliche Menschen zu Vorbildern ihrer Altartafeln genommen.
Felicia. Dann hat Gott ihren Griffel, hat Gott ihren Pinsel geführt. Ihr frommes Beginnen ist durch den Heiligen Geist durchglüht, gereinigt und ins Wunderbare verändert worden. Ich bin nur ein schlechtes, ein sündiges Weib.
Monica. Seid Ihr schon keine Himmelskönigin, ich nenne Euch wenigstens eine irdische.
Felicia. Immer sprichst du ungehörige, törichte Worte, Monica. Willst du die strafende Hand des Himmels herabfordern?
Monica. Dazu seid Ihr eine unserer heiligen Kirche zu demutsvoll ergebene Dienerin.
Felicia. Ach, könntest du Menschen auf Herz und Nieren prüfen ... Aber sage, warum erscheint dir ein solches armes Weib als Königin, das angstvoll seine Stunde erwartet?
Monica. So mancher habe ich beigestanden und keine gefunden, die so fröhlich ihrer Stunde entgegengegangen ist.
Felicia. Bange bin ich und bin auch fröhlich. Weshalb nennst du mich Königin?
Monica. Eure Schönheit rühmt man bis an des Kaisers Hof. Ihr seid reich wie die Fugger. Magnus Garbe ist der prächtigste und mächtigste Mann in der Stadt.
Felicia. Magnus Garbe hat auch seine Schmerzen.
Maler Jan Gossaert kommt.
Jan Gossaert, etwas außer Atem. Ich habe Euch warten lassen, vergebt!
Felicia. Könnt Ihr uns denn nicht sagen, was für ein Rauch noch immer die Stadt verfinstert?
Jan Gossaert, mit geflissentlicher Eile seine Arbeit aufnehmend. Würdet Ihr nun wohl den Platz auf dem Sessel einnehmen?
Felicia, lächelnd. Er hört nicht. Das Fieber der Arbeit hat unseren Meister bereits mit allen Sinnen gefangengenommen.
Jan Gossaert. Oh, war ich zerstreut? Es ist möglich. Ich bin sehr hastig gelaufen.
Felicia. Habt Ihr Euren gewohnten Morgengang vor der Stadt durch die Gärten gemacht?
Jan Gossaert. Ihr habt recht, ich war in den Gärten und Weinbergen.
Felicia. Sind die Winzer zufrieden?
Jan Gossaert, immer zerstreut. Die Stöcke haben gut angesetzt. – Da der Pinsel in seiner Hand allzu stark zittert, legt er ihn weg. Verzeiht, meine Hand ist noch etwas unsicher!
Felicia. Meister, was ist Euch zugestoßen?
Jan Gossaerthat sich erschöpft und tief erblassend niedergelassen. Bei Gott, es ist mir nichts zugestoßen. – Außer, daß ich gedacht und gesonnen habe; was ein Fehler ist. Wer grübelt, kann nur immer zu ein und demselben Schluß kommen.–
Felicia. Zu welchem?
Jan Gossaert. Daß die Welt am hellen Tage vom Satan verfinstert ist.
Felicia. Ich habe das zuletzt von der Kanzel der Kathedralkirche herunter gehört, Meister. Ein Dominikaner von auswärts predigte. Von Euch aber war ich bisher das Loblied der Schöpfung gewohnt. Vielleicht wollt Ihr mir nun aber meine erste Frage beantworten, was es mit dem ziehenden Rauch für eine Bewandtnis hat!
Monica macht dem Maler abwehrende Zeichen.
Jan Gossaert. Nein, ich kann sie Euch nicht beantworten.
Felicia. Ihr seid übereingekommen – sogar Magnus, mein Mann, nicht ausgenommen–, mich in allerlei Sachen zu hintergehen. Ihr tut sehr unrecht, daran zu glauben, daß ein solches Versteckenspiel einem Weibe meiner Art und besonderen Umstände dienlich ist. Und endlich: allzu Offenbares verbirgt sich nicht.
Monica. Nun also: das Haus der Witwe des Magisters Johannes Textor, heißt es, soll in Brand geraten sein.
Felicia. Unser Augustiner soll für das Seelenheil des armen Magisters noch heut in der Hauskapelle Messe lesen. Glaubt Ihr übrigens, der Einzug des heiligen päpstlichen Tribunals in die Stadt könne irgend jemand verborgen bleiben? Meint Ihr, ich hörte das tägliche, ja fast stündliche Brausen unserer gewaltigen Kirchenglocken nicht, deren einige ich schon kannte, als sie der Meister Erzgießer aus dem Mantel schlug? Eine jede, die anschlägt, nenne ich ja mit Namen; Glockenspiele und Armsünderglöckchen auch.
Jan Gossaert. Also ist Euch das eine kein Geheimnis, hochmögende Frau: daß die Canes Domini die Gebeine des Magisters aus dem Grabe gewühlt, durch die Gassen geschleift und verflucht haben. Auch der rauchende Schutthaufen des Hauses ist verflucht, das er seiner Witwe und seinen Kindern als Zufluchtsort hinterließ. Sic fiat locus sanctionum et cedat in locum sterquilini et foetoris.
Der alte, würdige Diener Dominik tritt ein.
Dominik. Peter Plank ist da. Er bringt die Wiege.
Felicia. Habt Ihr etwas dawider, Meister, wenn ich die Wiege hier besichtige?
Jan Gossaert. Bewahre Gott! Eine Wiege zu sehen ist immer erquicklich. Obgleich Salomo den Tod und die Toten lobt und glücklicher schätzt als die Lebenden und hinzusetzt: »Der noch nicht ist, ist besser denn alle beide, weil er des Bösen, das unter der Sonne geschieht, nicht innewird.« – Aber eine Wiege zu sehen bringt einen Hauch von Beseligung, als frühester Gedanke der Mutterliebe.
Auf einen Wink Feliciens hatte sich Dominik entfernt. Er ist nun mit Peter Plank, dem Schreiner, der eine Wiege trägt, wieder eingetreten.
Felicia. Tretet her, Peter Plank! Ich darf mich nicht rühren, dieweil ich ein Bild geworden bin. Aber Ihr auch, wie es scheint. Was gibt's mit Euch?
Dominik. Dem Meister Schreiner ist eine getigerte Dogge über den Weg gelaufen.
Felicia. Was willst du damit sagen, braver Dominik?
Dominik. Es geht das Gerücht, ein wutkranker Hund mache die Stadt unsicher.
Peter Plank. Er hing den Kopf, zog den Schwanz zwischen die Beine, trottete planlos kreuz und quer und ließ die Zunge zum Halse heraushängen.
Felicia. Ihr sagt, ein wutkranker Hund mache die Stadt unsicher?
Dominik. So geht das Gerücht.
Jan Gossaert. Es schleicht ein wutkranker Hund durch die Gassen herum?
Dominik. So redet man.
Monica. Ihr seid einem tollwutkranken Hund begegnet, Peter Plank?
Peter Plank. Und habe gesehen, wie er einem jungen Rinde mit einem Biß ein tellergroßes Stück Fleisch aus dem Schenkel gerissen hat.
Felicia. Habt Ihr es denn heute alle auf ein armes Weib abgesehen, das im Herzen fröhlich ist? Wißt, ich bin fröhlich in meinem Herzen! Ich will nichts wissen von Euren eingebildeten Schrecken. Bleibt draußen mit Eurer gottlosen Bangigkeit!
Jan Gossaert. Ich unterscheide nun weder Form noch Farbe mehr.
Monica. Ist's Mittag, oder ist's Mitternacht?
Felicia. Dominik, bringe nun die Wachskerzen! Ein Sturm erhebt sich. Am Himmel steht eine schwarze Wolkenwand.
Jan Gossaert. Scherben! Ein Fenster! – Himmel, welche rasende Staubwolke über den Marktplatz steigt!
Felicia. Wofür sind wir im Brachmond? Es ist ein Gewitter. Geh, man soll durch das Haus alle Fenster schließen, Monica!
Jan Gossaert. War das ein Blitz?
Peter Plank. Es war kein Blitz, Meister. – Jesus, Maria und Joseph! Er zittert und faltet die Hände.
Jan Gossaert. Aber nun war es einer.
Peter Plank. Jetzt ist eine mächtige Feuerkugel von der obersten Spitze am Turm der Erlöserkirche herunter das Dach entlanggerollt und auf das Rathaus übergesprungen. Ich habe gesehen, wie sie mit einer Flamme über den ganzen Himmel auseinanderging.
Felicia. Von der Erlöserkirche, wo heute das heilige Tribunal versammelt ist?
Jan Gossaert. Von der Erlöserkirche, wo heute das heilige Tribunal versammelt ist. Ich habe die Kugel auch gesehen.
Felicia. Auch Magnus Garbe ist in der Kirche.
Jan Gossaert. Ich dachte, nun würde ein wahrer Sinaidonner die Grundfesten unserer Stadt erschüttern.
Peter Plank. Es donnert nicht, und es regnet nicht.
Felicia. Es ist nichts. Ich glaube, es zieht vorüber. Zeiget mir nun endlich, was Ihr gemacht habt, Peter Plank!
Peter Plank, mit der Wiege zu Felicia tretend. Sie ist einfach, nach Eurer Weisung geraten. Es liegt nicht an mir, wenn sie für Euer Haus allzu einfach ist.
Felicia. Die Krippe des Heilands war noch einfacher.
Jan Gossaert. Es löscht nicht den Staub. Die verschmachtete Erde dürstet nach Wasser nicht anders, als die Welt nach dem Erlöser schreit. Aber der Schoß des Himmels bleibt verschlossen.
Felicia bewegt die Wiege und singt dazu leise
Da droben auf jenem Berge,
da wehet der Wind,
da sitzt die Maria
und wieget ihr Kind.
Sie wiegt es mit ihrer schneeweißen Hand,
dazu braucht sie kein Wiegenband.
Jan Gossaert. Was habt Ihr gesungen, himmlische Frau? Was habt Ihr gesungen, allerseligste Königin?
Felicia. Ihr sündigt, Meister.
Jan Gossaert. Es riecht nach Schwefel. Brennender Sturm deckt die Dächer ab, der leere Himmel kann nicht gebären; aber Euch, holdseligste Frau, wird inmitten der Wirrnis das holdseligste Kindlein beschert werden.
Felicia. Verzeih uns Gott, was an Euren Worten unfromm, eitel und nicht gar demütig ist. Aber möge er meine Stunde segnen! – Monica kommt wieder. Habt ihr Türen und Fenster wohl verwahrt?
Monica. Ja. – Es ist allbereits wieder heller geworden. Der Bürgermeister mit einigen Ratsherren schreitet über den Markt heran.
Felicia. Dann wollen wir alles eilig forträumen.
Felicia erhebt sich eilig, winkt dem Meister zum Abschied und entfernt sich. Dominik, der mit Monica gekommen war, hilft die Malutensilien hinaustragen. Der Maler entfernt das Bild. Es ist alles in Hast gegangen; darüber ist die Wiege vergessen worden und stehengeblieben. Magnus Garbe, der Bürgermeister, und Doktor Cornelius Anselo, der Ratsherr und Arzt, begleitet vom Ratsdiener Gößwein, treten ins Zimmer.
Garbe. Lege einstweilen alles dort auf den Tisch, braver Gößwein!
Der Ratsdiener legt einen gewaltigen Stoß Akten ab, macht seine Verbeugung und entfernt sich.
Garbe, auf die Verbeugung des Ratsdieners, ihn damit gleichsam entlassend. Leb wohl! – Er geht langsam umher, übergibt Dominik, der erscheint, Barett und Handschuhe, prüft ohne Eile, nachdem Dominik sich entfernt hat, ob alle Türen geschlossen sind, tritt dann ebenso dem Arzt und Ratsherrn gegenüber. Nun sind wir allein, lieber Doktor Anselo.
Doktor Anselonickt ernst mit dem Kopf. Beide sehen einander gerade und tief in die Augen. So ist's, Magnus Garbe, wir sind allein.
Garbe. Ihr meint, wie zwei klare Köpfe unter Rasenden. Nun, solange wir hier sind, Auge in Auge, haben wir ja, Gott sei Dank, auch zwischen sie und uns eine undurchdringliche Wand gestellt. Und, Anselo, hier muß ich reden. Dieser Blutmensch, der sich in Blut berauscht, mit dem Trieb eines Marders: dieser Mönch, dem das Fieber des Irrsinns in den Augenhöhlen glüht – will er die deutschen Städte entvölkern? Wo kommt er her? Mit welcher Vollmacht? Will man leugnen, daß Rom eine welsche Stadt, der Dominus apostolicus ein Welscher ist? Leges sacrosanctae! Was ist denn das? Will der Papst mit alten, vor mehr als dreihundert Jahren von einem Kaiser erschlichenen Gesetzen Deutschland in einen Kirchhof verwandeln? – Ecclesia non sitit sanguinem, wie es heißt. Aber wenn die Kirche kein Blut vergießt, so macht sie die Fürsten und Städte zu ihren Scharfrichtern. Unsere Gerichte, unsere Richter müssen zusehen, trotz unserer besseren Einsicht zusehen, wenn ihre blinde Glaubenswut mit blindem Wahnwitz um sich greift, in einem sogenannten Gerichtsverfahren, ohne offene Zeugen; ohne Beweise, ohne Verteidigung, wo jeder so gut wie geköpft, gehängt, ertränkt, gerädert und nach unzähligen gräßlichen Martern des peinlichen Verhörs in den Foltergewölben ermordet ist, den die Lüge eines heimlichen Denunzianten auch nur mit dem schwächsten Verdacht streift. Ich sage, wir müssen bei alledem zusehen, obgleich wir Christen und Deutsche sind, obgleich wir Bürgermeister, Senatoren, Richter und Bürger selbsterbauter, selbstgeschaffener reichsfreier Städte sind. Sie morden nicht selbst, beileibe! Wir müssen ihre Blutknechte sein, müssen sine visione auf dem Schindanger ihre Schandurteile vollstrecken. – Als heute die Verhandlung in der Erlöserkirche zu Ende war und das arme Schneiderlein – ich kenne ihn gut: er trübt kein Wässerchen–, dem man mit heuchlerischer Milde sein verstecktes Todesurteil gesprochen hatte, auf die Knie fiel und in Herzensqual laut zu Gott betete, da brach der ganze voll Menschen gepfropfte Dom in Lachen aus, daß der Schall wie Geheul der Hölle von den Gewölben aller drei Schiffe wiederkam. Ich habe da nichts von Christus gespürt, aber dafür umso mehr Gestank aus dem Rachen eines reißenden Tieres. – Und doch war an dem Körper des armen Schneiderleins, das weder lesen noch schreiben kann, so schon kein Glied mehr heil. Man hatte ihn Woche um Woche in einem stinkenden Kerker verkommen lassen und ihn von dort nur auf die Folter geführt. Er ist gestreckt, mit glühenden Zangen zerrissen, mit Schrauben und unter die Nägel getriebenen Pflöcken geschunden worden, bis er gebrüllt hat, was man ihm vorsagte: eben das, was man hören wollte und wodurch, wie diese geistlichen Folterknechte meinen, sein Abfall von der reinen Lehre der Kirche erwiesen ist. Und dabei ist die Asche des Holzstoßes vor dem Tor, auf dem vier arme Sünder verbrannt worden sind, noch nicht kalt geworden.
Doktor Anselo. Sprecht Euch aus, es tut wohl, bester Bürgermeister!
Garbe. Schweigen: ich sterbe fast daran. Ich wollte den geistlichen Bluthund nicht hereinlassen. Wir haben eigene weltliche und eigene geistliche Gerichtsbarkeit in der Stadt. Wozu haben wir unsere Türme, Mauern und Wehrgänge, wozu unsere Torwachen? Haben wir nicht Reisige und Fußknechte? Und sind wir nicht eine stolze reichsfreie Stadt? Aber unser Stolz wird mit Füßen getreten. Der erste beste hergelaufene Dominikanermönch schlägt ihn uns wie einen blutigen Lappen um den Kopf. Ja, wenn der Senat zusammenstünde ...
Doktor Anselo. Er ist von erbärmlicher, ist von schlotternder Furcht gepackt. Alle diese stolzen Patrizier sind stumm wie Fische und gehorsam wie Hündlein geworden, denen man die Peitsche zeigt, mit der man sie eben gezüchtigt hat. Aber wenden wir uns nun von der allgemeinen Not zu dem besonderen Glück Eures Hauses! Er weist auf die Wiege.
Garbeerblickt die Wiege, erschüttert. Oh, wie kommt die Wiege hierher? – Wahrhaftig, mich schwindelt's! Ich bin erschüttert.
Doktor Anselo. Es macht sich geltend, was Ihr an diesem Morgen gesehen, geduldet und an gerechter Empörung schweigend in Euch hineingeschlungen habt. Auch mich überkommt eine bleierne Schwere.
Garbe, nach längerem Schweigen, gefaßt. Alles löst sich in mir, alles versöhnt sich in mir. Außen Verdruß, Jammer, Christenverfolgung, schmählicher Tod, und hier innen Felicia und das Glück, das ich nicht gegen eine Hütte zwischen den vier Strömen des Gartens Eden vertauschen möchte. Wie bettet doch Gott die Evasöhne wunderlich! – Er begibt sich zur Wiege und wiegt sie gedankenvoll mit dem Fuß. Sonderbar! – Beinahe unfaßlich! – Ist es zu denken, auszudenken, daß ein Mann wie dieser Paulus Gislandus, dieser Mönch, Theolog und oberste Richter des Glaubensgerichts, dieser reißende Wolf in unserer christlichen Schafherde, von einer Menschenmutter in einer solchen Wiege gewiegt worden ist? Ich glaube es nicht. Ich kann es nicht glauben!
Doktor Anselo. Magnus Garbe, entschließt Euch dazu: glaubt an die grausige Wandelbarkeit der Menschennatur! denn sonst verfallt Ihr dem Aberglauben und müßt nach dem Malleus maleficarum greifen. Und ich gebe Euch zu, daß, wenn einer Beweise für das Dasein und Wirken eines verfluchten Satans suchte, er niemand Besseren finden könnte als diesen Mann, der, mit Vollmacht von Rom, wie die Pest unsere Städte entvölkert. Um eines bitte ich Euch als Arzt, Bürgermeister Garbe, laßt Eure Frau nichts wissen und nichts erfahren von dem Wüten dieser Abgrundmächte, die jetzt unsere Stadt heimsuchen, oder möglichst wenig davon! Es könnte sonst üble Folgen haben und das neue Leben gefährden, womit der Himmel Eure bisher kinderlose Ehe krönen will.
Feliciakommt herein. Du bist da! Es ist mir ein Stein von der Brust genommen, Magnus. Sie umarmt ihn und küßt ihn.
Garbe. Das Gewitter hat dich geängstigt, Felicia. Das Gewitter ist vorübergezogen.
Felicia. Jan Gossaert und alle führten so rätselhafte Reden. Was ist geschehen? Was ist in der Erlöserkirche geschehen, Magnus?
Garbe. Nichts ist geschehen, Felicia.
Felicia. Aber sie schreien doch auf der Gasse, daß der Blitz in das Dach geschlagen hat.
Garbe. Dann hat er jedenfalls nicht gezündet, und wir in der Kirche haben überhaupt nichts gemerkt davon.
Doktor Anselo. Wir haben es überhaupt nicht blitzen gesehen.
Felicia. Und hat das Glaubensgericht heut die Barmherzigkeit Jesu Christi walten lassen, Magnus?
Garbe. Wie immer übergab es die armen Sünder mit der Bitte um Schonung dem weltlichen Arm der Gerechtigkeit.
Felicia. Hättet Ihr wohl gedacht, Doktor Anselo, daß unsere schöne, reiche, arbeitsame und blühende Stadt ein gar so abscheuliches Sodom wäre? – Aber nun will ich sehen, ob die Tafel gedeckt ist. Sie geht unruhig nach dem anstoßenden Speisezimmer.
Dominik, der eingetreten ist. Es ist angerichtet, Frau Bürgermeister.
Felicia hat sich durch diese Worte nicht aufhalten lassen. Man sieht sie im anstoßenden Raum um die reichgedeckte Tafel herumgehen.
Doktor Anselo. Achtet auf Eure Frau, lieber Garbe!
Garbe. Ich soll auf sie achten? Inwiefern?
Doktor Anselo. Ist Euch nicht ihre Unruhe auffällig?
Dominik. Die Frau Bürgermeister wurde von dieser Ruhelosigkeit gefaßt, als der Schreiner die Wiege brachte – oder etwas später, als der Blitz in die Kirche schlug. Sie saß grade dem Maler Jan Gossaert. Plötzlich sprang sie auf und ließ ihn stehen.
Garbe. Es ist gar kein Blitz in die Kirche gefahren, Dominik.
Dominik. Dann weiß ich nicht, wodurch die Unruhe in unsere gnädige Frau gekommen ist.
Garbe. Mir erscheint sie wie immer und gar nicht unruhig.
Dominik. Sie ist aber nun eine ganze Weile ohne Rast, als ob sie etwas suchte, hin und her, hinauf und hinunter, durch alle Gemächer, Galerien und Kammern des Hauses geschritten, und zu verschiedenen Malen ist unsere liebe gnädige Frau bald nacheinander am Altar der Hauskapelle niedergekniet.
Doktor Anselo. Achtet auf Eure Frau, lieber Garbe!
Feliciakommt wieder in einer gewissen Gehobenheit. So! Nun ist mir wieder ganz frei zu Sinn. Kommt, liebe Herren, wir gehen zu Tisch!
Garbe. Kind, ist irgend etwas, was dich beunruhigt?
Felicia. Nichts, Magnus, seit du im Hause bist. – Wenn aber der Doktor sich einstweilen an den Tisch setzen will, so hätte ich noch ein ganz kleines Geheimnis mit dir. Erschrick nicht, es ist nicht der Rede wert, Magnus!
Doktor Anselo. Gut, aber ich leere Krüge und Schüsseln.
Er geht in den Speisesaal.
Felicia. Du sollst mir etwas versprechen, Magnus!
Garbe. Felicia, du beunruhigst mich.
Felicia. Liebster, du brauchst dich nicht beunruhigen. Ich habe es ganz gewiß von Gott, daß er dich nicht vor mir hinwegnehmen wird.
Garbe. Er, der uns diese Liebe ins Innere gab, er kann uns nur, wenn es einmal so weit ist, miteinander abrufen.
Felicia. Nein, Magnus, das eben ist es, ist das erste, was du mir nicht mit deinem Eide, nicht einmal vor Gott, sondern einfach nur in die Hand, bei unsrer Liebe, versprechen mußt.
Garbe. Und was, Felicia, muß ich versprechen?
Felicia. Daß du, auch wenn ich sterben sollte, weiterleben wirst.
Garbe. Wenn ich das nur vermag, Felicia!
Felicia. Man kann, was man muß. Du aber mußt es aus drei Ursachen. Ist es ein Knabe, den ich zur Welt bringe – Magnus Felix, wie er dann in der heiligen Taufe genannt werden wird –, so mußt du leben um seinetwillen. Ist es ein Mädchen, Liebster, auch dann. Hier hast du einen verschlossenen Brief, den du nur, wenn ich wirklich nicht mehr sein sollte, lesen mußt. Nie wirst du unser Kind einem Fremden anvertrauen, nie, solange es unerwachsen ist, aus deinem Hause, aus deiner Hut lassen.
Garbe. Wenn ich leben kann ... ich verspreche es dir. Aber ich bin voll Zuversicht ...
Felicia. Ja, Magnus, auch ich bin voll Zuversicht! Allein, sollte es dennoch anders beschlossen sein und nähme Gott auch Mutter und Kind zurück, so darfst du der Welt, dem armen Volk, dem deutschen Land und der Stadt nicht vorzeitig sterben. Sie haben dich alle nötig, Magnus! – Und endlich fürchte ich, ich möchte selbst im Himmel nicht selig sein, wenn ich deinen Tod verschuldete.
Sie verstummen in einem langen, langen Kuß.
Magnus Garbe, sich lösend. Komm! – Und nun wollen wir ruhigen Herzens und voll Vertrauen mit unsren Freunden zu Tisch gehen und dankbar die Gabe Gottes genießen.
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