Read the book: «Ein stilles Dorf in Kent»

Font::

Ein stilles Dorf in Kent

1  Titelseite

2  Impressum

3  Skizze von Howlethurst

4  Kapitel 1

5  Kapitel 2

6  Kapitel 3

7  Kapitel 4

8  Kapitel 5

9  Kapitel 6

10  Kapitel 7

11  Kapitel 8

12  Kapitel 9

13  Kapitel 10

14  Kapitel 11

15  Kapitel 12

16  Kapitel 13

17  Kapitel 14

18  Kapitel 15

19  Kapitel 16

20  Kapitel 17

21  Kapitel 18

22  Kapitel 19

23  Kapitel 20

24  Kapitel 21

25  Kapitel 22

26  Kapitel 23

27  Über die Autorin

28  Die Olivia Lawrence-Fälle

Titelseite

Gerda M. Neumann

Ein stilles Dorf in Kent

Olivias fünfter Fall

Impressum

Copyright © 2017 der vorliegenden Ausgabe: Gerda M. Neumann.

Erstausgabe.

Satz: Eleonore Neumann.

Umschlaggestaltung: © Copyright by Benjamin Albinger, Berlin.

www.epubli.de

Verlag: Gerda Neumann

Druck: epubli ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Skizze von Howlethurst


Skizze von Howlethurst

Kapitel 1

Könntet ihr womöglich mit Leonards Auto kommen, Puck?‹

›Sicher! Wir können auch mit der Bahn kommen, wenn dir das lieber sein sollte? Allerdings hättest du dann die Fahrerei nach Staplehurst am Hals.‹

›Das macht nichts. Gar nichts. Wunderbar, Puck, ganz wunderbar. So machen wir es.‹

Olivia, die sich diesen Dialogfetzen in Erinnerung rief, während die Zugbremsen rumorten, blitzte Leonard vergnügt an: »Welches Geheimnis wohl auf uns wartet?« Und der Zug kam zum Stehen. Fast schneller als die Waggontüren sich öffneten, sprang sie auf den Bahnsteig und umarmte ihren Onkel.

Raymund Fisher war physisch betrachtet ein kleiner Mann, nicht viel größer als seine Nichte, also etwa ein Meter siebzig groß. Dazu hager, mit tiefen Furchen im Gesicht und, wie zur Milderung dieser Lebensspuren, einem sich allmählich lichtenden Dschungel grauer Locken. Olivia war überzeugt, dass er sie jetzt, wo er auf dem Lande lebte, gelegentlich eigenhändig mit der Schere traktierte. Er erwiderte ihre Umarmung mit Freuden. Dann umfasste er ihre Schultern und schob sie so weit von sich, dass er sie ansehen konnte. Zwei gleiche dunkelbraune Augenpaare versicherten sich ihrer Zusammengehörigkeit. Raymund Fisher drückte noch einmal die Schultern seiner Nichte, bevor er sich Leonard zuwandte.

Er mochte Olivias Freund oder Lebenspartner oder wie immer er ihn bezeichnen sollte – wie viel einfacher war es doch gewesen, als so eine Beziehung zur Ehe geführt hatte und man einfach von dem ›Mann‹ reden konnte – aber er war wohl wieder einmal unnötig kompliziert: Der baumlang vor ihm aufragende Mann war inzwischen auch für ihn einfach ›Leonard‹ und sie verstanden sich ausgezeichnet.

Während der Autofahrt schwiegen sie. Olivia schaute auf das vorbeiziehende Land: die heckenumsäumten Weiden, den lichten Wald, die roten Ziegelsteinhäuser von Sissinghurst und wieder auf Wald. Sie unterdrückte einen Seufzer: »Es ist so schön hier, Raymund, ich verstehe gerade überhaupt nicht, warum ich so lange nicht hier gewesen bin!«

»Das kann ich dir sagen, Puck, weil ich nicht hier sein wollte. Ich bin lieber nach London gekommen. Anns Tod hat mir diese ländliche Idylle entschieden verleidet… aber langsam wird es besser. Als in diesem Frühjahr die Osterglocken blühten und die bescheidenen Primeln unter den Hecken, fand ich das Leben alles in allem doch wieder ganz schön.«

Olivia nickte stumm. Bilder ihrer Tante Ann schoben sich vor die vorbeiziehende Landschaft. Ihre hellen, lachenden Augen in dem klaren alterslosen Gesicht, die glatten, kurzen Haare, die immer hellbraun geblieben zu sein schienen und allen Wetterunbillen standhielten, und die weitgeöffneten Arme, die sie zur Begrüßung fest an den weichen molligen Körper zogen. Gerade bevor eine unerwartete Traurigkeit sich ihrer bemächtigte, waren sie angekommen. Der Wagen hielt vor einer schwarzen Haustür. Den kurzen Weg von der Straße dorthin säumte Heiligenkraut. ›Es gibt kein gastlicheres Willkommen‹, dachte Olivia auch dieses Mal und wehrte sich entschlossen gegen die lauernde Traurigkeit. Der Zugang öffnete sich wie ausgestreckte Arme und machte Platz für zwei bequeme Holzsessel rechts und links neben der Haustür. Wer immer kam, er konnte sich niederlassen. Das Haus selbst war ein Fachwerkhaus aus der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts mit schiefen Wänden, einem behäbigen Dach und geziegelten Schornsteinen.

Raymund führte seine Gäste ins Bad, damit sie sich frisch machen konnten. Er selbst richtete den vorbereiteten Lunch, plötzlich ein wenig aufgeregt und ein klein wenig umständlich. Olivia versuchte zu helfen, doch er ließ es nicht zu. Also sah sie sich um. Onkel und Tante hatten das Haus zu beiden Seiten ausgebaut: Neben der Küche ein großes Bad und auf der gegenüberliegenden Seite neben dem Wohnzimmer eine Bibliothek, damit war der Garten zur Straße hin vollständig abgeschirmt, nur ein schmaler Weg an der Badezimmermauer entlang stellte die Verbindung nach draußen her. Anschließend hatten sie das Haus nach hinten geöffnet: Rückwand von Küche und Wohnzimmer markierten lediglich einige Stützsäulen, dahinter erstreckte sich in der vollen Ausdehnung des alten Hauses ein Wintergarten. Hier stand der Esstisch, an den Raymund sie nun einlud, Platz zu nehmen. Leonard trennte sich von dem ersten Bücherregal, an dem er hängen geblieben war, Bücher zur Geschichte von Kent und Gartenbücher. »Nicht nur«, Raymund deutete auf die beiden untersten Fächer, »dort stehen Bücher über Oxford und die Themse und so weiter. Die Vergangenheit lebt noch, wenn auch etwas abgesenkt.«

Während sie munter zugriffen, das Frühstück in Fulham lag nun doch eine Weile zurück, tauschten sie Neuigkeiten aus. Olivia hatte die Übersetzung eines modernen Romans ins Deutsche fast beendet, Leonard war gerade wieder in Mombasa gewesen, bei großen Wiederaufforstungsprojekten, an denen er als Wissenschaftler der London School of Economics teilnahm. Onkel Raymund stellte viele Fragen und gewann dabei seine alte, Olivia so sehr vertraute Gelassenheit zurück. Er selber hatte die letzten Wochen hindurch gelesen, wie auch all die Monate davor, viele Bücher, die er sein Leben lang schon hatte lesen wollen, war Fragen nachgegangen, zu denen er immer schon Antworten hatte bekommen wollen. Und nichts von alledem hatte mit seinem Fachgebiet als Universitätsprofessor zu tun gehabt. »Wisst ihr, Militärgeschichte ist nicht geeignet, persönliche Fragen zu beantworten. Ganz gelegentlich denke ich in den letzten Wochen wieder an meine alte Profession, aber noch drängt es mich nicht zur Rückkehr.«

Olivia sah ihn aufmerksam an: »Aber mit irgendwelchen strategischen Fragen beschäftigst du dich, sonst hätten wir nicht mit der Bahn kommen sollen.« Ein Grummeln, das fast aus Raymunds Brustkorb zu kommen schien, ersetzte die Antwort und ließ Olivia und Leonard kurzfristig den Atem anhalten. Ein ganz ähnliches Grummeln schien von den Palmen her zu antworten, die am anderen Ende des Wintergartens um eine Sitzgruppe herumstanden. Der Haufen aus Kissen und Decken, der dort lag, bewegte sich und ein Katzengesicht schob sich verschlafen aus der Lücke unter der Decke heraus. Die beiden Gäste starrten es an und die schrägen Bernsteinaugen starrten sie an. Onkel Raymund nahm das verschlafene Tier auf den Arm: »Siehst du, das ist Olivia und da drüben, das ist Leonard, zwei sehr enge Familienmitglieder, du solltest dich mit ihnen anfreunden, bitte.« Und mit einem leisen Lächeln fuhr er fort: »Darf ich vorstellen: Marmalade, Nachfahrin von Jock III. Hausherr über Chartwell.«

»Das ist nicht wahr!«

»Aber ja, Puck, natürlich ist es wahr.« Das Lächeln in seinen Augen verstärkte sich, während er sachlich erklärte: »Winston Churchill wünschte sich, dass immer ein Nachfahre seines Katers Jock auf Chartwell leben sollte. Und ihr wisst ja, erfüllbaren Wünschen kommt der National Trust durchaus nach. Katzen haben aber nun mal nicht nur einen Nachkommen und so fand ein alter Freund nach Anns Tod, es sei eine gute Idee, mir eine Nachfahrin von Churchills Kater in Obhut zu geben… für einen alten Militärhistoriker nachgerade eine Schuldigkeit… Wie dem auch sei, ich habe diesem lieben Gesicht nicht lange widerstanden.«

»Du hast mir nie davon erzählt!«

»Nein. Zu Anfang war es mir ein wenig peinlich, fürchte ich. Und dann dachte ich, es sei das nächstliegende, ihr würdet euch einfach kennenlernen.«

Olivia war zu ihrem Onkel an die Glasfront getreten und betrachtete das Tier auf seinem Arm: Es hatte weiches ingwerfarbenes Fell mit einem leichten Tigermuster, einen weißen Brustlatz, weiße Pfoten und eine rosa Nasenspitze wie ein Jaguar. Leise begann sie mit ihr zu reden, nach kurzem Zögern schnupperte Marmalade in den Luftraum zwischen sich und der fremden Frau. Raymund setzte sie auf den Boden und öffnete die Tür: »Kommt, wir gehen ein wenig durch den Garten.«

Der Garten war von hohen Hecken umschlossen. Dem Wintergarten gegenüber standen Haselnusssträucher im ersten Frühlingsgrün, zur rechten, auf der Seite der Bibliothek, wuchs eine dichte Taxushecke, davor lagen einige Gemüsebeete, und zur linken, nach Süden, schloss eine Lorbeerhecke das Grundstück ab. Es war groß genug, dass man sich bedenkenlos draußen unterhalten konnte. Marmalade strich um sie herum und entschied sich dann, Leonard genauer kennenzulernen. »Das letzte Jahr war ein schlechtes Haselnussjahr, in diesem Frühjahr sehen die Sträucher vielversprechender aus.« Raymund schlenderte auf die Hecke zu.

»Klingt wie die Gesprächseröffnung eines MI5-Agenten.« Keine Reaktion.

»Schau, die Wolfsmilch blüht, die Leberblümchen nicht mehr, aber bald werden die Akelei wieder Blau vor die Hecken bringen. Da drüben übrigens«, er deutete nach links an die Füße eines besonders mächtigen Strauches, »werden etwas später wilde Akelei blühen, sie sind weinrot und klein, eine bescheidene, sehr schöne Waldblume.« Olivia liebte Gärten. So hatte sie kein Problem mit dem Thema, das ihr Onkel beharrlich verfolgte. Gleichzeitig wuchs die Neugier auf das, was er nicht erzählte, mit mindestens gleicher Beharrlichkeit.

Die Rettung bog im schwarzen Anzug um die Ecke des Wintergartens. Der Anzug gehörte zu einem korpulenten, mäßig großen Mann. Dessen kahlen Schädel umstand ein dichter, sorgfältig gestutzter Kranz grauer Haare. Auf der Nase saß eine unauffällige Hornbrille. Den Oberkörper leicht zur Seite geneigt eilte der Pfarrer die Gartenpfade entlang, die Rechte zum Gruß ausgestreckt. »Miss Lawrence, wie schön, Sie zu sehen. Es freut mich wirklich sehr.« Höflich reichte sie ihm ihrerseits die Hand. Sie hatte Pfarrer Mottram vor drei oder vier Jahren kennengelernt, als sie Tante und Onkel in ihrem neuen Haus besucht und sich im Sonntagsgottesdienst wiedergefunden hatte. Raymund spielte die Orgel. In Oxford hatte er es zwei Jahrzehnte hindurch jeden Abend unter der Woche getan, in der Kapelle seines Colleges. Hier in Howlethurst in Kent, seinem neuen Wohnort, spielte er nun bei allen größeren Gottesdiensten. Auf diesem Wege war er zu einem bekannten und anerkannten Gemeindemitglied geworden, wiewohl er gerade mal vier Jahre in Howlethurst lebte, davon die Hälfte der Zeit als Witwer. Olivia hatte den Pfarrer allerdings wesentlich zurückhaltender in Erinnerung. Im Moment wirkte er ein wenig seltsam, mit einer unterdrückten Unruhe, die anscheinend mit ihr zu tun hatte. Seine eindringliche Musterung beendete sie, indem sie ihm Leonard vorstellte.

»Mr Kilpatrick«, seine Wendung zu dem Mann etwas abseits auf dem Rasen verlief so heftig, dass er dabei Marmalade mit dem Fuß anstieß. Gekränkt marschierte sie davon; auch sie schien ihren alten Freund heute verändert zu finden. »Es freut mich natürlich außerordentlich, dass Sie Ihre Frau begleitet haben. Jeder Denker mehr erhöht die Möglichkeit, unser Problem zu erhellen. Gerade die Unvoreingenommenheit eines Außenstehenden scheint mir Hilfe zu versprechen. Raymund und ich sind ratlos, müssen Sie wissen. Vollständig ratlos. Verstehen Sie?«

»Um ehrlich zu sein – nein. Ich habe keine Ahnung, wovon Sie sprechen«, bekannte Leonard.

Der Pfarrer vollführte eine weitere heftige Bewegung um seine Achse: »Raymund, soll das heißen, du hast noch nicht über unser Problem gesprochen? In all der Zeit?«

»In all der Zeit! Olivia und Leonard sind gerade mal anderthalb Stunden hier. Und das nach zwei Jahren! Da muss man doch erst einmal in Ruhe ankommen.«

»Wenn du dazu die Ruhe hast… ich meine, es ist ja nicht so, dass ihr euch die Jahre hindurch nicht gesehen hättet.«

»Roger…« Raymunds Hand legte sich leicht um den Oberarm seines Freundes, »wir werden es jetzt tun, nachdem wir Tee gekocht und Fenster und Türen geschlossen haben.«

Olivia musterte unauffällig den sichtlich rastlosen Pfarrer, während sie Teegeschirr zu jener Sitzecke des Wintergartens trug, die dem Wohnzimmer vorgelagert war und mit einer reichen Sammlung großer Topfpflanzen wie die Lichtung in einem Hain wirkte. Ganz natürlich hatte Marmalade hier ihren Schlafplatz bekommen, fand sie. Mitten auf dem Tisch thronte die Plätzchendose ihrer Tante, so wie immer. Sie musste einfach hineingucken – und staunte: Duft von frischem Ingwer strömte ihr entgegen. »Ingwerplätzchen! Raymund, darf ich kosten?«

»Selbstverständlich! Greif zu!«

Sie knabberte an dem knusprigen und gleichzeitig ein wenig klebrigen Keks und schaute zu, wie ihr Onkel das gerade nicht mehr kochende Wasser geruhsam über die Teeblätter goss. Schließlich war die große Kanne gefüllt. »Die Plätzchen sind auch gut, aber ganz anders als die von Ann.«

»Aber ja, Puck! Sei nicht enttäuscht, alles im Leben ändert sich einmal. Und gerade für Ingwerplätzchen, denke ich, hat jede englische Hausfrau ihr Geheimrezept. Diese enthalten bestimmt irgendetwas von der Quitte. Sie sind von Aphra Mottram, weißt du…«

⋆

Olivia sah zum Pfarrer hinüber; Roger Mottram verteilte das Teegeschirr mit leicht zitternden Händen, verrückte dabei jedes Teil mehrmals, bis er die Hände zurückzog, und dann doch noch einen Löffel anders legen musste. Sie kam die letzten paar Schritte zu ihrem Onkel heran: »Gewinnt sie auch Aufputschmittel aus Quitten… wenn man sie lange genug liegen lässt und dann auspresst, zum Beispiel… Pferde sollen durch den Genuss von Fallobst in die seltsamsten Zustände geraten sein…« Sie musste endlich doch lachen, wenn auch leise: »Du alter Stratege, dein Freund ist deiner Disziplin nicht gewachsen. Nun erlöse ihn endlich und rede.«

Raymund Fisher ließ sich noch immer Zeit. Er schenkte Tee ein und barg die Kanne sorgfältig unter einer gefütterten Haube. Er reichte ihnen das Kännchen mit heißer Milch und wartete, bis jeder genommen hatte, er reichte den Zucker, den außer Roger Mottram niemand gebrauchte. Dabei redete er gerade so viel über seine einzelnen Handgriffe, dass daneben kein anderes Thema aufkommen konnte. Er öffnete die Plätzchendose und trug den Deckel zu einem Beistelltischchen. Endlich setzte er sich. Doch lag die Rolle des Majordomus so zweifelsfrei bei ihm, dass keiner sich rührte. Olivia beobachtete den Schalk hinten in seinen Augen, die wachsende Sorge in der Miene des Pfarrers und Leonards zunehmende Verwunderung. Sie trank dabei in kleinen Schlucken ihren heißen Tee.

⋆

»Roger, du bist dran«, äußerte Raymund beiläufig und griff zu seiner Teetasse.

Roger schnaufte tief und geräuschvoll, reinigte seine vor Schreck überlaufende Nase noch geräuschvoller und setzte sich stöhnend wie ein alter Mann wieder in seinen Sessel.

»Also weißt du, alter Freund, du wirst doch nicht angeklagt – wenigstens will ich hoffen, dass es am Ende so ist.« Raymund behielt seine Leichtigkeit bei. »Erzähle einfach von deinen Beobachtungen. Ich bin sicher, Olivia und Leonard werden sie zuerst einmal als unerwartetes Gesprächsthema auffassen.«

Pfarrer Mottram leerte seine noch dampfende Teetasse in einem Zug. ›Vermutlich Raucher‹, schloss Olivia im Stillen, ›ein wenig ungewöhnlich für diesen Typ Ehemann.‹ Er stellte die Tasse ab und stützte die freigewordene Hand auf das vorgeschobene Knie. »Sie werden gleich verstehen, warum mir das Reden so schwer fällt. Die Sache ist die, in meiner Gemeinde mehren sich seit einigen Jahren die Todesfälle unter den älteren Mitbürgern. Nicht gerade spektakulär, aber doch deutlich nicht mehr normal, wenn ich das so sagen darf. Ich weiß eigentlich nicht einmal, an welchem Punkt ich ernsthaft ins Grübeln kam. Ich sprach mit meiner Frau darüber und praktisch, wie sie ist, schlug sie vor, so etwas wie eine Statistik zu erstellen. Wir taten das auf der Basis des Kirchenbuches für die letzten zehn Jahre.« Nach kurzer Pause, in der die Falte über seinem Nasenrücken sich zur Furche vertiefte, nahm er Olivia fest in den Blick: »In den letzten drei Jahren starben pro Jahr nahezu doppelt so viele Mitbürger zwischen sechzig und achtzig wie in den sieben Jahren davor.« Er schwieg.

Olivia sah, dass er eine Reaktion von ihr erwartete. »Darf ich fragen, was dieser Befund in absoluten Zahlen bedeutet?«

Roger Mottram atmete hörbar durch. »Ja, selbstverständlich. In den ersten sieben Jahren, die wir durchsahen, waren es drei, gelegentlich vier Todesfälle, in den letzten drei Jahren zunächst acht, im letzten Jahr zehn.« Er sah Olivia ernst an: »In absoluten Zahlen scheint das nicht viel zu sein, schließlich handelt es sich um ältere Menschen. Aber wir hatten in den letzten Jahren keine schweren Erkältungswellen, keine ungewöhnlichen Grippeserien, warum dann also? Und warum so konstant?«

»Gab es in den anderen Altersgruppen auch veränderte Todesraten?« erkundigte Leonard sich sachlich.

Der Pfarrer schrak zusammen: »Das weiß ich nicht exakt zu sagen. Wir haben nur die Fälle zusammengezählt, von denen ich sprach.« Er sah Leonard ein wenig verstört an: »Wir können das nachholen, wenn Sie das für wichtig halten.«

»Ob es wichtig ist, wissen wir erst hinterher«, reagierte Leonard beruhigend, »wenn Sie wollen, kann ich es gern nachher für Sie auszählen.«

»Wenn Sie dazu bereit wären… wir könnten es zusammen machen. Dann gewinnen wir wissenschaftliche Klarheit – gewissermaßen. Das wäre tatsächlich beruhigend.«

Raymund verteilte erneut heißen Tee, dieses Mal sagte er kaum ein Wort. Olivia sah ihren Onkel aufmerksam an. Sie wagte nicht zu schließen, was der alte Fuchs im Schilde führte. Leonard nahm sich erneut des Themas an: »Haben Sie mit jemandem über Ihre Entdeckung gesprochen? Zum Beispiel mit dem zuständigen Arzt?«

Wieder holte Mr Mottram tief Luft: »Ja, das tat ich.«

»Und?«

»Ja, wissen Sie, seitdem bin ich eigentlich erst richtig beunruhigt. Dr. Chalklin hörte sich meine Sorgen ruhig an. Danach bat er lediglich um eine Liste der Todesfälle der in Frage stehenden Jahre. Kein Wort mehr. Ich brachte sie ihm und eine Woche später bat er mich am Abend zu sich und ging die Liste durch, indem er mir zu jedem Fall die Todesursache erläuterte. Alles schien so normal, dass ich mich fast schämte, ihm so viel Mühe gemacht zu haben. Wieder ließ er sich kein Wort zu viel entfallen. Als Arzt darf er das einerseits nicht, andererseits könnte ihm mein Berufsstand doch eine Ausnahme von seiner Schweigepflicht ermöglichen.«

»Warum steigerte dieses Gespräch Ihre Unruhe?«

»Ja, wieder eine berechtigte Frage.« Er sah Leonard eine Weile lang schweigend an. »Ich fürchte, diese sachliche Neutralität machte mich fertig. Er stellte medizinische Tatsachen fest, zu denen sich nichts hinzufügen ließ. Dabei muss man sich doch wundern dürfen! Selbst die Wissenschaft müsste ihren Fortschritt einstellen, wenn die Forscher verlernen würden, sich zu wundern – aber das sah er nicht ein.«

»Ist Dr. Chalklin ein guter Arzt?« Olivia sah über ihre dampfende Teetasse hinweg zu Mr Mottram. Der musterte sie eine geraume Weile, währenddessen sie feststellte, dass er zwar etwas ruhiger geworden war, aber auch sehr viel ernster.

»Das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Seine fachliche Kompetenz bestreitet niemand, jedenfalls hätte ich das nie gehört. Ebenso wenig weiß ich von gravierenden Fehlentscheidungen. Er hält engen Kontakt zur medizinischen Forschung, er ist neuen Medikamenten oder sonstigen Therapien gegenüber aufgeschlossen. Alles bestens. Und doch will mir scheinen, dass da etwas fehlt. In meinen Augen ist die Medizin keine reine Naturwissenschaft, doch das bestreitet Dr. Chalklin entschieden.«

»Behandelt er Migränepatienten?«

»Persönlich weiß ich von einem Fall. Er nahm eine genaue Untersuchung vor, befragte sein pharmazeutisches Handbuch und verschrieb Tabletten, die auch halfen. Ansonsten hätte er seinen Patienten sicherlich zum Spezialisten überwiesen. Streng sachlich das Ganze.«

»Wie lange ist er Arzt hier in Howlethurst?«

»Bald dreißig Jahre müssen es sein; er war schon da, als meine Frau und ich hierherkamen vor vierundzwanzig Jahren.«

»Wie gut kennen Sie einander?«

»Auch das ist schwer zu sagen. Natürlich kommt in so vielen Jahren alles Mögliche zur Sprache. Aber was nicht zu Sprache kommt, ist vermutlich wesentlich mehr und wäre bedeutend interessanter. Ich denke, ich kenne ihn nicht sehr gut. Und auch sonst niemand hier.«

»Mit wem haben Sie noch über Ihre Beobachtung gesprochen?« schaltete Leonard sich dazwischen.

Mr Mottrams Kopf flog herum: »Was sagten Sie? Ach ja richtig, entschuldigen Sie. Wer sonst noch.« Er versuchte, ruhig durchzuatmen, bevor er antwortete. »Da ist niemand. Es ergab sich vor einigen Wochen, dass ich mit dem Chief Inspector von Cranbrook sprach, zugegeben sehr neutral. Doch seine Reaktion war klar: Derartige Verdachtsmomente fallen unter seine Wahrnehmungsschwelle.«

»Und ein Apotheker?«

»Nein. Die gängigen Medikamente hat Dr. Chalklin vorrätig, besorgt sie in dringenden Fällen auch, hier auf dem Land gibt es diesen täglichen Lieferservice, sehr praktisch. Ansonsten kauft man seine Hustenbonbons in Cranbrook oder Tenterden. Alles sehr anonym.«

»Das heißt: Von Ihren konkreten Sorgen wissen Dr. Chalklin und Ihr Freund Raymund hier, sonst niemand?« fasste Leonard zusammen. »Kein alter Studienfreund wer-weiß-wo in England?«

»Nein, niemand, außer meiner Frau natürlich. Aber sie redet sicher mit niemandem darüber.«

Raymund Fisher sah in die Runde, dann erhob er sich und holte Gläser und eine Flasche Sherry. Ruhig und schweigend goss er ein, alle drei sahen ihm wortlos zu und hoben wortlos ihre Gläser. »Ich trinke darauf, dass wir dieses Problem aufklären können!« Olivia, die während dieser kleinen Zeremonie Pfarrer Mottram im Blick behalte hatte, schaute überrascht zu ihrem Onkel. »Ganz recht, Puck, wir setzen unsere Hoffnungen in deinen Scharfsinn.«

Olivias dunkelbraune Haare flogen um ihren Kopf, der Sherry geriet in schweren Seegang und beruhigte sich wieder, genau wie die glatten Haare wieder in ihre alte Position zurückglitten. »Damit wäre die Katze also aus dem Sack…«

»Lediglich Rogers Hoffnung – für eine Katze viel zu defensiv.«

Ihre dunklen Augen wanderten in den Garten hinaus, nach einer regungslosen Minute kehrten sie zum Gemeindehirten zurück. »Was ist passiert? Warum wollen Sie jetzt auf einmal aktiv werden?« Als er zurückschrak, schüttelte sie noch einmal den Kopf, dieses Mal nur andeutungsweise. »Der Fall beschäftigt Sie offensichtlich schon eine ganze Weile. Irgendetwas muss passiert sein, das Ihre Beobachtungen zu einem wirklichen Verdacht hin verschoben hat. Sonst säßen wir nicht hier.«

Pfarrer Mottram räusperte sich, rückte in seinem Sessel nach vorn und begann: »Sie haben recht. Vor zwei Wochen starb Delia Large. Ihr gehörte das schöne Haus drei Grundstücke von hier Richtung Hauptstraße. Sie war eine enge Freundin meiner Frau, deshalb kennen wir ihre Verhältnisse recht gut. Und deswegen verstehen wir ihren plötzlichen Tod überhaupt nicht. Dr. Chalklin hat Sekundenherztod diagnostiziert. Das stimmt vermutlich, aber wie kam es dazu? Sie hatte ein schwaches Herz, aber es sah nicht bedrohlich aus. Außerdem war sie gerade in der letzten Zeit sehr entspannt.«

»Gab es dafür einen besonderen Grund?«

»Sie erwartete ihre Großnichte, die den Sommer bei ihr verbringen wollte. Sie liebte diese Nichte sehr, entsprechend freute sie sich auf die gemeinsame Zeit.«

»Was können Sie mir über diese Nichte erzählen?«

»Susan Large hat eine etwas ungeordnete Kindheit im Rücken: Die Eltern trennten sich, als sie in der Grundschule war, der Vater ging nach Cardiff, die Mutter lebte in kurzfristigen Beziehungen und nahm sich wenig Zeit für ihre Tochter. Deshalb drängte der Vater darauf, sie ins Internat zu geben. Sie besuchte mehrere, warum weiß ich nicht. Danach ging sie nach Indien und arbeitete in einem Waisenhaus in einem Tal am Fuße des Himalaya. Im Sommer wären es drei Jahre gewesen. Ihre Großtante hoffte, dass sie sich jetzt nach einer Lebensperspektive in England umsehen wollte.«

»Wo ist sie im Augenblick?«

»Drei Häuser weiter. Ihre Großtante hat ihr das Haus hinterlassen.«

»Wo war sie beim Tod ihrer Tante?«

»In Indien.«

»Wusste sie vom Inhalt des Testamentes?«

»Nein.«

»So sicher?«

»Ja. Wir waren bei der Testamentseröffnung dabei. Ihre – und auch die Reaktion ihres Vaters – lassen keinen Zweifel zu.«

»Müssten wir uns mit dem Vater näher beschäftigen?«

»Ich denke nicht. Er lebt noch immer in Cardiff, in einer zweiten Ehe, wieder mit einer Tochter. Alle drei kamen jeden Sommer für eine Woche zu Besuch. Das übrige Jahr hindurch hielt er telefonisch lockeren Kontakt zu Delia Large. Sie verstanden sich gut, ohne einander sehr nahe zu stehen.«

»Wissen Sie etwas über das Verhältnis zwischen Vater und Tochter?«

Mr Mottram leerte sein Sherryglas, in Ruhe, stellte Olivia bei sich fest. »Ich fürchte, darüber weiß ich nichts«, bekannte er bedauernd. »Aber das könnte ein gutes Thema für Sie sein, wenn Sie mit der jungen Frau ins Gespräch kommen, meinen Sie nicht?«

»Wenn…« Sie sah einen nach dem anderen genau an: Leonard bemühte sich, ein neutrales Gesicht zu machen, Raymund schaute ernst und offen, Roger Mottram voll erwartungsvoller Hoffnung. Wie kam er nur dazu, sie war Übersetzerin und Journalistin und zwar gern. Nur weil die Neugierde sie sehr gelegentlich in einen Mordfall hineingerissen hatte, musste sie doch nicht zwangsläufig zur Wiederholungstäterin werden. Sie seufzte hörbar: »Wissen Sie, ich bin alles andere als ein Profi im Aufstöbern von Erklärungen für verwirrende Befunde oder auch für eine so klare Frage wie die: Wer hat Delia Large ermordet. Mit einem solchen Verdacht sollte man doch die Polizei in Bewegung setzen können.«

»Du übersiehst den Totenschein von Dr. Chalklin, Puck«, erinnerte Raymund sie sanft und zurückhaltend. »Aphra und Roger sind aus einer Reihe von Gründen anderer Meinung als er, aber das interessiert unter diesen Umständen keine offizielle Stelle.«

Mr Mottram erhob sich etwas schwerfällig und trat hinter seinen Sessel. Beide Hände auf die Lehne gelegt, sah er Olivia verständnisvoll an und entschuldigte sich sehr förmlich. Nichts lag ihm ferner, als sie zu bedrängen. Leonard stand ebenfalls auf: »Ich könnte Sie ins Pfarrhaus begleiten, und wir schauen, ob wir aus Ihren Kirchenbüchern noch mehr Statistiken herauslesen können und ob uns das weiterbringt. Am hellen Tag macht sich so etwas Trockenes besser als am Abend… wenn sie einverstanden sind.« Erleichtert stimmte der Pfarrer zu. Leonard umarmte Olivia: »Es wird ein wenig dauern, mir sind noch einige Fragen eingefallen.« Und schon eilte er hinter Mr Mottram durch den Garten davon.

Mit leicht geneigtem Kopf sah Olivia ihnen nach: »Kommt der Pfarrer immer so inoffiziell hinten herum zu dir?«

»Normalerweise nur, wenn ich den Türklopfer nicht höre, was im Garten immer der Fall ist.« Ihr Onkel überlegte kurz. »Genau betrachtet macht er das auch erst seit Anns Tod. Seltsam? Es hat mich, glaube ich, nie gestört.«

Kapitel 2

Raymund Fisher ging hinaus in den Garten. Leise rief er nach Marmalade. Das Katzenmädchen schob sich mit durchhängendem Kreuz unter der Buchsbaumabgrenzung zum Gemüsegarten hindurch, streckte sich behaglich und spazierte heran, strich um die Beine seines Besitzers und wandte sich neugierig Olivia zu. Folgsam hockte diese sich nieder und kraulte die junge Dame hinter den Ohren. Leise erzählte sie ihr, wie hübsch sie sei, doch nicht lange, dann musste sie lachen. »Wie viel närrisches Zeug man aus dem Stegreif zu reden imstande ist!« Sie streckte sich nun ebenfalls. Einen Handstandüberschlag oder andere unerwartet ausgreifende Aktionen verkniff sie sich angesichts des Katzenmädchens. Seit den Balletträumen ihrer Schulzeit halfen ihre die seinerzeit vieltrainierte Übungen, ihrem inneren Menschen Luft zu verschaffen und sich zu entspannen. Das ging nun nicht, aber es bedeutete ihr gerade nicht viel. »Ach, Raymund, wie schön es bei dir ist! Schau mal«, sie schlenderte zu den Rosen hinüber, »das dunkle Rot der jungen Blätter über einem Meer blauer Frühlingsanemonen.«

Während er sein Rosenbeet betrachtete, nahm der Onkel zum ersten Mal Stellung: »Puck, selbstverständlich kannst du Rogers Ansinnen ablehnen.«

Olivia sah ihn an: »Warum hast du mir nichts gesagt?«

»Du weißt, dass ich die Dinge nicht gern unnütz herum rolle. Er sollte es dir zuerst einmal selber erzählen, handelt es sich doch um sein Problem. Ihm würdest du helfen, nicht mir, jedenfalls nicht in erster Linie.«

»Aber du nimmst es genauso ernst?«

»Bis zum Tode von Mrs Large nahm ich es ernst, weil ich Roger sehr ernst nehme. Aber ich sah weder eine Möglichkeit noch wirklich eine Notwendigkeit zum Handeln. Jetzt, denke ich, ist der Zeitpunkt zum Handeln gekommen, weil Rogers Verdacht für mich unabweisbar zu sein scheint, ich sage scheint, und außerdem ein erster Ansatzpunkt für Fragen greifbar ist.«

Er sah sie offen an. Langsam schlenderten sie an den verschiedenen Rosen entlang. Schließlich blieb Olivia stehen: »Der einzige Schluss, den deine Äußerung zulässt, ist der, dass auch du den Tod von Mrs Large für Mord hältst.« Sie sah ihn fest an. »Demnach wäre die Überzahl der Todesfälle ebenfalls auf Mord zurückzuführen. Und da Morden kein Gesellschaftssport ist, hättet ihr einen Serientäter unter euch.«

»Vermutlich eine Täterin.«

Olivia wartete.

»Die meisten Toten sind Frauen«, ergänzte ihr Onkel, »ich glaube, man darf das aus Rogers Befund schließen. Es geschieht vollkommen gewaltfrei und aus präziser Kenntnis der Verstorbenen. Nur so ist es möglich, dass Dr. Chalklin immer eine natürliche Todesursache diagnostiziert. Deshalb halte ich es für die Handschrift einer Frau.«

»Wenn auch du den Tod der Mrs Large für Mord hältst, wäre das trotz Dr. Chalklin der Zeitpunkt, die Polizei zu benachrichtigen.«

»Die wird uns auf den Totenschein zurückverweisen.«

»Also steht Dr. Chalklin zwischen euch und der Polizei.«

»So kann man es sehen.«

»Hältst du es wirklich für vollkommen zwecklos, mit ihm über den letzten Fall, nur über den letzten, noch einmal zu reden?«

»Es ist zwecklos. Roger hat es versucht und wurde kompromisslos abgeschmettert. Chalklin lässt nur Fakten gelten.«

»Hmm, mit so einem Menschen kann man sich im Grunde nicht persönlich unterhalten.«

»Das unternimmt auch niemand. Aber bevor er beginnt, dir leid zu tun, kann ich dich beruhigen: Er hat ein kleines Apartment in London. Dorthin fährt er, sobald die Praxis geschlossen ist. Das Leben dort scheint mir ein durchaus geselliges zu sein, sonst müssten allmählich kauzige Züge an ihm sichtbar werden. Das ist nicht der Fall.«

Ihr Schlendern durch den Garten kam vor dem Wintergarten wieder zum Stehen. Gemeinsam sahen sie auf die ruhige Rasenfläche, die geraden Linien des Buchsbaums und die überall neu erwachenden Stauden. »Mein Problem ist«, hob Raymund an, »dass ich niemanden außer dir sehe, der sich dieses Falles annehmen würde. Und gleichzeitig habe ich beträchtliche Angst um dich.« Wieder sah er seiner Nichte ernst und offen in die Augen. »Wir haben eine Feindin, dürfen allerdings bereits hier nicht vergessen, dass das Geschlecht unseres Gegenübers nur eine These ist. Sehr streng betrachtet, ist bereits die Annahme einer Feindin eine These. Nehmen wir an, diese These stimmt. Dann müssen wir uns ganz klar darüber sein, dass die Frau gefährlich ist. Tatsächliche Gefahr für dich, vor allem für dich, in der Konsequenz sogar für mich, besteht aber erst, wenn klar wird, was du tust.«

»Verstehe. Um beim Anfang zu beginnen: Warum sollte ich mit dem Zug kommen?«

»Nun, in unseren ersten Jahren hier, in der Zeit also, in der deine detektivischen Fähigkeiten offensichtlich wurden, hast du uns gelegentlich besucht. Irgendwer hat sich deinen alten Saab bestimmt gemerkt. Seit Anns Beerdigung warst du nicht mehr hier, das heißt, wenn du dein Aussehen ein klein wenig verändern würdest, könntest du als eine andere Nichte durchgehen, keiner hier weiß die Zahl meiner Verwandten. Das wäre für dich sehr viel sicherer.«

»Du hast wirklich Angst?«

»Lass uns jetzt nicht über wirklich und theoretisch debattieren. Ich gebe zu, dass ich sicherlich nicht folgenlos mein Leben mit Kriegsgeschichte verbracht habe. Eines der obersten Gebote ist, dass der Feind nie wissen darf, was man im Schilde führt. Schon vor zweieinhalbtausend Jahren schrieb Sun Tsu in China, dass jede Kriegsführung auf Täuschung gründet. Die Menschen haben sich nicht verändert, also wollen wir das beherzigen.« Er lächelte. »Marmalade braucht ihr Futter. Also lass uns hineingehen.«

Ein ingwerfarbener Pfeil tauchte umgehend von irgendwoher auf und schloss sich der Kolonne in die Küche an. Raymund öffnete eine Dose mit Lachs, füllte die genaue Hälfte des Inhalts auf einen Teller und zerteilte die Masse in kleine Bissen. Der Teller hatte seinen Platz neben der Küchenanrichte, das Trinkwasser wurde erneuert, dann ging Raymund in den Wintergarten, er zögerte kurz, schloss dann aber energisch die Tür zum Garten und streckte seinen Arm Richtung Teetisch aus: »Lass uns hier Platz nehmen. Der Garten ist groß, ich bin überzeugt, bei normaler Lautstärke kann niemand mithören. Aber Schlachtpläne entwirft man grundsätzlich in geschlossenen Räumen. Wobei mir auffällt, dass ich gerade über dich verfüge. Das liegt mir völlig fern. Du hast natürlich die Freiheit, abzuwinken.«

Olivia schlang die Arme um ihren Onkel: »Nein, habe ich nicht, weil ich sehe, welche Sorgen du dir machst. Wäre es nur ein Problem von Pfarrer Mottram, dann vielleicht. So nicht.« Sie drückte ihm einen Kuss auf jede Wange und gab ihn frei. »Ein technisches Problem ist die Zeit. Dieser Fall kann sich hinziehen. Also werde ich meine Arbeit mit hierherbringen und schauen, alles gleichzeitig zu machen. Das schadet nichts, ein Prickeln in den Adern erhöht die Lebendigkeit. Damit bist du einverstanden?«

»Selbstverständlich, mehr als das. Ich werde mich zu deinem Hüter machen und zu deinem Koch und zu deinem Assistenten, wenn ich das kann.« Beide waren nach dieser Entscheidung sehr vergnügt.

⋆

Die Dämmerung senkte sich bereits über die dreieckige, ziemlich große Rasenfläche, die den Mittelpunkt des kleinen Ortes ausmachte, als Leonard vom Pfarrhaus zurückkam. Gemeinsam machten die drei sich an die weitere Vernichtung des Lunches. Er schmeckte ein wenig angetrocknet, niemand hatte tagsüber weiter an die Speisen auf dem Esstisch gedacht. Aber sie achteten wenig darauf.

Neben Leonards Teller lag ein Stoß Papier. »Ich fürchte, ich war ein wenig pedantisch und kann nur hoffen, dass Mr Mottram es mir nicht nachträgt. Howlethurst ist ein ziemlich amorphes Gebilde. Stört es dich, Raymund, wenn ich die Karte ausbreite?«

Die Essensreste trockneten weiter vor sich hin, während die drei sich wie Verschwörer oder wie Generäle, das war eine Perspektivenfrage, an der anderen Tischhälfte über die Karte beugten. »Hier ist der dreieckige Green mit der Kirche an der Südspitze und den ältesten Häusern des Ortes an seinen Flanken, hier steht dein Haus. Die Hauptstraße schließt den Platz nach Norden ab. Wir wollen die Himmelsrichtungen nicht nautisch genau nehmen, denke ich. Hier an der Westgrenze von Howlethurst liegt das alte Herrenhaus, einen guten Kilometer nach Norden ein Internat, nach Nordosten schräg hinüber sicher fünf bis sechs Kilometer entfernt das Krankenhaus, erstaunlich genug. Zieht man von dort eine imaginäre Linie nach Süden zur Haupt- oder Landstraße, ergibt sich ein weiteres, sehr viel größeres Dreieck, in dem einige Farmen liegen.« Seine beiden Zuhörer nickten stumm.

»Mottrams Daten und Erinnerungen führen zu folgendem Ergebnis: im Internat hier«, Leonards Finger tippte kurz auf die Karte, »starb in den letzten zehn Jahren niemand. An die Todesfälle auf den Farmen erinnert sich Mottram noch, an jeden einzelnen. Das hat mich sprachlos gemacht. Er hielt sie allesamt für genauso ›normal‹ wie Dr. Chalklin, aber ganz sicher ist er sich inzwischen nicht mehr – so, wir überqueren die Hauptstraße und wenden uns damit dem eigentlichen Ort zu: nochmal – hier das grüne Dreieck des Green. Vom Green nach Westen hat die Hauptstraße auf beiden Seiten eine geschlossene Bebauung, nach Norden einreihig, nach Süden eine größere Siedlung mit Mietshäusern, jeweils sechs Wohnungen pro Haus, an der Straße ein großes Wirtshaus. Dem Green gegenüber reihen sich einige Geschäfte an der Straße auf, dahinter und weiter nach Osten gibt es etliche Wohnstraßen, bis der Ort am Sportplatz endet.« Er richtete sich auf. »Lassen wir die Karte liegen, ich habe Hunger.«

Olivia blieb noch daran hängen: »Hier führt ein Fußweg von der Kirche nach Süden zu einzelnen Häusern…«

»Dort wird es dir gefallen. Die Kirche liegt auf dem höchsten Punkt. Wenn du den Kirchhof verlässt und das Wäldchen hinter dir hast, liegt dir Kent zu Füßen.«

»Warum waren wir da nie?«

»Ich fürchte, Ann hat deine Besuche genutzt, um im Land herumzufahren, Ziele genug gibt es ja.« Mit diesem Stichwort schweiften Olivias Gedanken in die Grafschaft hinaus, durch den Haselnussgang von Sissinghurst im Mai oder über die dortige Wiese mit Bäumen voll reifer Äpfel und darunter Herbstzeitlose dicht an dicht, zu den Hopfenhäusern und den Weiden voller Lämmer und den Straßenrändern voller Osterglocken, zu dem alten Haus von Rudyard Kipling aus honiggelbem Kalkstein, eingenistet in ein stilles Tal, allerdings war das bereits Sussex. Doch die Landschaft wusste von diesen Grafschaftsgrenzen nichts, und den Menschen waren sie heute auch nicht mehr wichtig. Sie dachte an ihre Tante.

Entschlossen griff Olivia sich einen Apfel und begann ihn zu vierteln. »Leonard, auf deinen Zetteln steht doch sicher noch mehr.«

»Ja, richtig. Ich habe mich für die Bevölkerungsstruktur interessiert. Ihr wisst, Kent-Sussex-Surrey sind beliebte Gegenden für Alterswohnsitze. Aber das gilt wohl eher für die Küste, für Städtchen wie Tunbridge Wells und Tenterden. Howlethurst jedenfalls hat sich kaum vergrößert, und wenn, waren es Ansässige, die nun eigene Familien gegründet haben. Es sind also keine älteren Menschen zugezogen, dennoch starben deutlich mehr als früher. Pfarrer Mottram macht sich zurecht Gedanken, auch wenn ich als harmloser Mensch immer auch eine harmlose Erklärung für möglich halte. Statistische Unregelmäßigkeiten sind so selten nicht.«

»Dein Blick auf die Karte legt nahe, dass du die Todesfälle konkret auf der Karte aufgesucht hast.«

»Auch das haben wir unternommen. Es wohnten mehr der Toten hier um den Green und in den angrenzenden Straßen als weiter nach Norden in den neueren Häusern, aber das sagt nichts aus, weil der Ort von innen nach außen ziemlich organisch gewachsen ist, will sagen, innen wohnen mehr ältere Menschen als außen. Bei den Farmen wird eine Einschätzung schwieriger. Man müsste erst einmal feststellen, wie viele Menschen auf ihnen jeweils wohnen und so weiter.«

»Die Wissenschaft versagt«, stellte Raymund trocken fest.

Leonard nickte: »So ist es, leider. Damit muss der gesunde Menschenverstand entscheiden, ob die fünf bis sechs, im letzten Jahr geschätzten zehn Todesfälle über der Norm Mottrams Unruhe rechtfertigen oder eine Kapriole der Natur sind.«

»In Prozentzahlen haben wir es mit einer Steigerung von fünfzig bis schließlich einhundertfünfundzwanzig zu tun«, ergänzte Raymund, »das ist schon fast eine Entscheidungshilfe.«

Leonards Augen suchten die von Olivia: »Du hast dich entschieden?« Sie nickte.

Kapitel 3

Am Sonntagnachmittag waren Olivia und Leonard nach London zurückgekehrt. Am Dienstagabend bezog Olivia das Zimmer ihrer Tante in Howlethurst. Es nahm fast die Hälfte des Dachgeschosses ein mit einem normalen Gaubenfenster nach vorn und einem halbrunden am Boden nach hinten zum Garten. Auf dunkelrotem Teppichboden standen weiße Möbel, die Wände waren zart altrosa, auf den leichten weißen Vorhängen blühten Rosen. Raymund hatte den Raum in den vergangenen anderthalb Tagen wieder zum Leben erweckt. Mit Rogers Hilfe hatte er einen alten Gartentisch aus dem Pfarrhaus vor das große Fenster gebracht als Schreibtisch, die Frisierkommode hatten sie etwas zur Seite geschoben, Olivia konnte sie aber durchaus noch benutzten, wenn sie wollte. Neben dem Fenster stand nun eine große Palme, und am Boden vor dem Gartenfenster hatte er die leeren Töpfe mit Zwergrosen in verschiedenen Rosatönen gefüllt.

Olivia hatte ausgepackt und ihre Arbeit wie üblich in chronologischer Reihenfolge nebeneinander angeordnet. Es brach mal wieder eine Zeit äußerster Disziplin an. Im Augenblick stand sie am Fenster und schaute hinaus auf die dreieckige Rasenfläche. Überrascht entdeckte sie, dass die frischen Triebe der Linden den Blick bereits jetzt hinderten auszuschweifen.

Sie sauste die Treppe hinunter und fand Raymund am Herd: »Du magst süßsauer noch immer?«

»Hmhm, ja, es riecht köstlich. Kann ich helfen?«

»Oh nein! Ich bin der Koch, du erinnerst dich, wir haben ein Abkommen.«

Sie strich ihm liebevoll über den Rücken und ging langsam durch die Weite des offenen Erdgeschosses. Ihr Blick blieb an Anns Klavier hängen. Sanft strich sie mit der Hand über den glänzenden Lack und die Notenbücher. »Spielst du manchmal Klavier?« mit der Frage kam sie zurück in die Küche. »Das Instrument sieht irgendwie so aus.«

Raymund nickte stumm. Nach einer Weile räusperte er sich: »Ja, seit einigen Monaten spiele ich wieder. Weißt du, es tat dem Orgelspiel in der Kirche auf die Dauer nicht sehr gut, dass ich unter der Woche meine Finger so gar nicht trainierte.«

»Kann ich mir vorstellen. Ann würde sich sicher darüber freuen.«

»Das täte sie bestimmt. Weißt du, manchmal scheint es mir, als wären wir uns dort besonders nahe. Es tut mir gut – inzwischen – ich bin gleich fertig hier«, ergänzte er mit Blick auf seine Hände, wieder munterer.

Olivia ging zum Fenster und schaute auf den Green hinaus. Hier unten konnte sie unter den Linden hindurch Bänke am Rand des Green sehen und Leute. Allerdings hatte Ann Rosen vor das Küchenfenster gesetzt, die sich anschickten, mit ihren neuen Blättern den Blick zu durchkreuzen. »Ich glaube, dies ist der einzige Green in ganz England, der von Spalierbäumen umstanden ist.«

Raymund nickte zustimmend: »Magst du Avocado lieber als Creme oder in Scheiben?«

»Ich mag beides.«

»Das ist gut! Dann gibt es sie heute als Creme mit Naan-Brot, das gibt es auch zum Curry. Und übermorgen Scheiben mit Peperoni bestreut und Tomaten – das Lindenspalier ist, so weit ich weiß, tatsächlich das einzige in England. Howlethurst hatte im neunzehnten Jahrhundert schon mal einen tatenlustigen Pfarrer. Der stellte im Laufe der Jahre fest – so will es jedenfalls die Geschichte – dass das Miteinander seiner Pfarrkinder um den Green herum weitaus streitlustiger und auch sonst schwieriger war als notwendig. Sie wussten einfach zu genau übereinander Bescheid. Er beschloss, den Blick aufeinander zuzupflanzen, gewann seine Gemeinde für diese ungewöhnliche Idee, indem er ein allgemeines Dorfverschönerungsprojekt ins Leben rief, und alle machten mit.«

»Vom Küchenfenster hier unten sehe ich immer noch ganz gut.«

»Über die freie Fläche, aber nicht in die anderen Häuser«, konterte Raymund.

»Stimmt, die oberen Stockwerke sind verdeckt und unten haben fast alle relativ hohe Pflanzen stehen.«

»Niemand lässt sich gerne allzu genau beobachten, aber niemand unternimmt gern als erster etwas dagegen. Dazu brauchte es den Pfarrer.«

Olivia wandte sich wieder der Aussicht zu. Die Häuser waren sehr verschieden, verschieden groß und verschieden alt. »Wer wohnt in dem Haus gegenüber auf der anderen Rasenseite?«

»Welches genau meinst du?« kam die Rückfrage vom Herd, der in der Mitte der Küche stand. Raymund werkelte daneben an der Vorspeise. »Das rote oder das weiße?«

»Das rote mit den symmetrischen vorgebauten Erkern und dem säulenflankierten Hauseingang. Seine unteren Erkerfenster sind nicht zugepflanzt.«

»Dort lebt Mrs Graham. Und der größte Teil des Erdgeschosses beherbergt die hiesige Leihbücherei. Tagsüber braucht sie die Fenster nicht zu schützen, weil sich das halbe Dorf ohnehin drinnen tummelt. Abends zieht sie dann schwere Portieren vor. Ich für meinen Teil glaube allerdings, dass sie im ersten Stock ein privates Wohnzimmer hat und nur mit Besuch das untere benutzt.«

»Aha…« ein wenig ratlos wandte Olivia sich ihrem Onkel wieder zu.

»Ich werde versuchen, zusammenzufassen. Mrs Graham ist heute um die sechzig Jahre alt und grauhaarig, doch Witwe ist sie schon seit dreißig Jahren, ungefähr. Sie hat einen Sohn, der im Internat von Marlborough erzogen wurde und nur die Ferien hier verbrachte. Die alte englische Geschichte: Die Frauen sind sehr früh die meiste Zeit allein.«

»Erzähl mir jetzt aber bitte keine Biographie aus dem 19.Jahrhundert. Wer hinderte sie, ihr Haus zu verlassen und ihr Leben in die Hand zu nehmen?«

»Weiß ich nicht. Ich kannte sie damals nicht und Ann auch nicht. Kurz und gut: Es war wieder der Pfarrer, Rogers Vorgänger, der anregte, in einem der vorderen Räume eine Leihbücherei einzurichten. Irgendeiner der umliegenden Landsitze, genauer ein neuer Besitzer, der die alten Bücher nicht wollte, hatte sie der Gemeinde als Geschenk angeboten. Es handelte sich um eine ziemlich umfassende Sammlung, die allerdings erst im 19.Jahrhundert begonnen worden war und enthielt, was die damaligen Besitzer selber lasen, will sagen, genau das Richtige für eine Leihbücherei und wenig geeignet, sie zu Geld zu machen. Das war der Anfang. Heute steht nur noch in der Wohnküche ein Esstisch und vor dem Wohnzimmerfenster zum Garten eine Sitzgruppe. Alles andere im Erdgeschoss ist Bücherei. Wie sie sich darin fühlt, weiß ich noch immer nicht. Zwar helfe ich jeden Donnerstagnachmittag, aber wir unterhalten uns nicht privat.«

Raymund hatte unter dem Reden die Avocadocreme fertiggestellt. Er rührte das Curry noch einmal um und ging voraus zum Esstisch. Olivia folgte ihm mit einem Krug voll frischem Wasser, doch vorher zog sie die Küchenvorhänge zu. Er quittierte es mit einem leichten Lächeln um die Augen, während er die Kerzen auf dem Tisch anzündete. »Dir ist ungemütlich?«

»Ich habe gern den Rücken frei. Noch sind die Rosen vor dem Fenster nicht grün.«

»Nein, noch nicht. Wenn es so weit ist, sollte uns nicht mehr ungemütlich sein. Ich hoffe es wenigstens.« Während sie sich die Vorspeise schmecken ließen, überlegte Raymund weiter: »Ich mache auch meinerseits die bedauerliche Entdeckung, dass ich mich nicht so unbeteiligt fühle, wie ich es unter natürlichen Umständen täte, wenn ich dir von meinen Nachbarn erzähle.«

»Was hat sich verändert?«

»Bei allem, was ich dir erzähle, begleitet mich die Frage, ob ich irgendeinen Hinweis finde, der uns helfen könnte, Licht in Rogers Problem zu bringen.«

»Auch bei Dr. Chalklin?«

»Auch bei ihm. Er bringt die männliche Ausnahme hinzu, ist mir inzwischen gekommen, als Täter für einen gewaltfreien Tod auf der Basis genauer Kenntnisse. Das ist aber auch schon alles.« Er zögerte kurz, bevor er mit leichter Selbstironie bekannte: »Hoffentlich werden wir beiden nicht krank, bevor der Fall geklärt ist, sonst müssten wir nach London zu deinem Arzt fahren, fürchte ich.«

Kapitel 4

Der nächste Tag begann mit leichtem Nebel. Olivia saß an dem weißen Gartentisch in Anns Zimmer und übersetzte in Ruhe zehn Seiten des neuen Romans von Neville Seymour. Sie hielt ihn für einen der bedeutendsten unter den Gegenwartsautoren in England. In ihren Augen war er ein Dichter, ein Nachfahre von Virginia Woolf und Dylan Thomas. Sie hatte das Glück gehabt, ihn dank ihrer Freundin Amanda persönlich kennenzulernen. Grausigerweise waren sie alle am selben Abend als Gäste des Schriftstellers Keith Aulton in dessen unerwarteten Tod verwickelt worden. Ihre Beharrlichkeit und ihr Verständnis hatten diesen Todesfall schließlich aufgeklärt. Offenbar hatte Seymour sie nicht vergessen, denn ein Jahr später hatte sein Verlag bei ihr angefragt, ob sie die Übersetzung seines neuen Romans ins Deutsche übernehmen würde. Ihr hatte der Atem gestockt – und sie hatte angenommen, es war die bisher größte Herausforderung an ihr Können als Übersetzerin.

Jetzt saß sie also in Anns Zimmer an dem alten Gartentisch an der Arbeit, die ihre Konzentration vollständig von der übrigen Welt abzog. Als sie ihr Tagespensum geschafft hatte, holte sie sich einen Apfel aus der Küche und machte sich an einen Artikel für den ›Guardian‹. Diese Übersetzung ging wesentlich zügiger von statten. Der Nebel hatte sich derweil verzogen, was zu dem zweifelsfreien Schluss führte, dass sie von ihrem Fenster aus so gut wie niemanden beobachten konnte. Das Lindenspalier war dagegen.

Um halb zwölf stand sie vor der schwarzen Haustür. Sie trug ein Herrenhemd in dunklem Lila, doch dazu nicht ihr übliche schmale Hose, sondern eine weite mit großen Blüten aus Wangaris Afrikaladen. In den Blüten war auch lila. Ins Haar hatte sie ein lila Band geschlungen und einen bunten Schal um die Taille. Sie fühlte sich in dieser Aufmachung fremd genug, um als eine andere Nichte von Raymund Fisher los zu spazieren.

Der Green war menschenleer. An seinem Nordrand, die Hauptstraße entlang, radelte eine Frau in einem wehenden Blumenrock. Olivia zupfte ein paar alte Blätter aus den Pflanzen vor dem Wohnzimmerfenster und schlenderte dann um die Spitze des Platzes herum, an der Kirchhofsmauer entlang und weiter zu Mrs Grahams Haus. Davor blieb sie stehen und schaute durch das eine Erkerfenster hinein: Bücherregale, hoch und dunkelbraun, nah beieinander und sehr voll. Kein Mensch war drinnen zu sehen, auch hinter dem anderen Fenster nicht. An der Haustür konnte sie die Öffnungszeiten feststellen: von zwei bis sieben Uhr nachmittags jeden Tag außer Sonntag, das war großzügig für einen so kleinen Ort. Langsam ging sie weiter, prägte sich die Namen auf den Türschildern ein und hielt immer wieder inne, um über den Rasen zu schauen. An der Hauptstraße, die eigentlich eher eine Landstraße war, die durch einen Ort führte, blieb sie wieder stehen. Es war wirklich gar nichts los. Doch bevor sie sich entschieden hatte, welchen Teil von Howlethurst sie genauer besichtigen wollte, kam ihr der Zufall zu Hilfe. Vor einem der Häuser hinter den Linden an Raymunds Seite machte sich jemand an die Gartenarbeit. Olivia umrundete also weiter den Green und blieb neben der jungen Frau stehen. Drei Häuser weiter sah sie die schwarze Haustür ihres Onkels, demnach hatte sie Susan Large vor sich.

Sie grüßte freundlich: »Die Buschwindröschen sind wunderschön. Blühen sie immer so spät in diesem Teil von England?«

Die junge Frau richtete sich in ihrem Beet auf. Sie hatte dunkle, kurzgeschnittene Haare und für den englischen Frühling sehr dunkle Haut. Ein Lächeln streifte die weißen Blüten unter dem Haselnussstrauch, bevor ihre braunen Augen den noch dunkleren von Olivia begegneten. »Ehrlich gesagt, weiß ich das nicht. Es ist mein erster Frühling hier.«

»Sie haben in einer wärmeren Gegend des Commonwealth gelebt?«

»Wie kommen Sie darauf?«

Olivia lachte: »Sie sind so beneidenswert braun, unter englischer Wintersonne wird man das nicht.«

»Ja, ich habe in Indien gelebt, zwar im kühlen Norden, aber doch unter einer anderen Sonne.« Fragend musterte die junge Frau ihr Gegenüber: »Wohnen Sie hier im Ort?«

»Für die nächste Zeit wohne ich bei meinem Onkel, Raymund Fisher, drei Häuser weiter.«

»Wenn das so ist, könnten wir vielleicht einmal zusammen einen Spaziergang machen«, Susan zögerte, »ganz allein ist es doch nicht so spannend.«

»Ja, gern! Welche Tageszeit ist Ihnen die liebste?«

»Am Vormittag ist es stiller, man kann sich dann mehr auf das Land einlassen.«

Olivia nickte zustimmend. »Morgen gegen elf Uhr, wäre Ihnen das recht?« Auf die schweigende Bestätigung der jungen Frau hin ergänzte sie: »Ich freue mich und ich werde da sein. Unter dieser schönen Perspektive überlasse ich Sie jetzt ihren Pflanzen.« Olivia neigte leicht den Kopf und ging weiter zu Raymunds Gartenpforte und ums Haus herum.

Ihr Onkel säte gerade Feuerbohnen hinter die Salatpflanzen. Marmalade saß auf den Hinterpfoten und schaute zu. Im Näherkommen sah Olivia ihr die Unschlüssigkeit an, ob sie Olivia als Mitbewohner begrüßen oder ignorieren sollte. Die hockte sich neben das Katzenmädchen und begann, ihr leise von ihrem Spaziergang zu erzählen. Onkel und Katze hörten sich die Neuigkeiten an. Als alles erzählt war, lag auch der letzte Bohnenkern in seinem Loch. Raymund erhob sich und griff nach seinem Gartengerät. Sie schauten zu, wie er Erde über die Löcher schob. »So, meine Lieben, jetzt ist Zeit für den Lunch. Ab ins Haus.«

⋆

Für den Abend hatten sie eine Einladung ins Pfarrhaus. Olivia trug wieder gänzlich eigene Kleider: einen schwarzen Schmetterlingspullover zu einem weiten knöchellangen Rock mit dünnen schwarzen und rotbraunen Streifen, dazu Ballerinas ohne jeden Zierrat. Die schweren braunen Haare konnten wieder frei fliegen, wenn sie den Kopf schüttelte, doch im Augenblick stand sie sehr ruhig neben ihrem Onkel und wartete ab, was auf das Klingelzeichen folgen würde.

Pfarrer Mottram öffnete die Tür, im schwarzen Jacket und weißen schmalen Kragen stand er sehr offiziell im Türrahmen und bat sie herein. Die wechselseitige Begrüßung fand hinter der verschlossenen Haustür statt. Roger Mottram wirkte sichtlich angespannt. Er führte seine Gäste ins Arbeitszimmer und schenkte einen Aperitif ein, es handelte sich um ein Quitten-Weingetränk, wie er überkorrekt erklärte, seine Frau habe es hergestellt. Raymund erinnerte ihn daran, dass er es schon häufiger und immer gern getrunken habe. Pfarrer Mottram hielt inne und sah ihn aufmerksam an: »Ja, du hast recht, alter Freund. Überhaupt sind wir unter Freunden. Alles, was wir heute reden, bleibt unter uns und wir können diese seltsame Unternehmung jederzeit abbrechen, ohne dass für irgendjemanden ein Schaden entsteht.« Deutlich erleichtert füllte er die kleinen Süßweingläser nach und trank erneut auf das gemeinsame Wohl.

Olivia sah sich in dem dunklen holzgetäfelten Raum um: Bücherregale, ein Kamin und davor zwei Ledersessel, ein großer Schreibtisch, dahinter weitere Bücherregale, viele Ablagekästen, über dem Türrahmen ein schlichtes Holzkreuz. Es wirkte, als sei Roger Mottram in den Raum seines Vorgängers eingezogen und habe alles beim Alten gelassen. Bevor sie darüber ins Grübeln kam, flog die Tür auf und Aphra Mottram begrüßte ihre Gäste, schlicht, herzlich und mit der Einladung, sich um den Esstisch zu versammeln.

Auch im Esszimmer standen die alten Eichenmöbel wie vermutlich schon vor hundert Jahren. Doch die Vorliebe der Pfarrersgattin für Quitten hatte sich hier in den Farben der Inneneinrichtung durchgesetzt. Die Holzvertäfelung, in diesem Raum nur bis zur halben Höhe, war in einem warmen, fast dunklen Gelb gestrichen, die Wände darüber sehr hell gelb und weiß die Zimmerdecke. Auf den Stühlen lagen gelbe und hellgrüne Polster und die zugezogenen Vorhänge waren gelbgrün gestreift. Eine Vase mit Frühlingszweigen machte den heiteren Eindruck perfekt. Olivia fühlte sich rätselhaft in der Gegenwart angekommen. Sie schaute Aphra Mottram zu, die freundlich und zielstrebig die Suppe verteilte, ihren Mann zu einem kurzen Segen veranlasste und das Essen eröffnete. Sie war schmal und dunkel, vermutlich fast so groß wie ihr Mann, der aber dreimal so viel Raumvolumen verdrängte. ›Eine Elbenkönigin in den Waliser Bergen könnte so aussehen‹, ging es Olivia durch den Kopf. »Wachsen Quitten auch wild?« wollte sie in einer Gesprächspause wissen. Mit leicht geneigtem Kopf sah sie ihre Gastgeberin an.

Aphra Mottram besann sich kurz: »Hier in der Nähe in einer Hecke gibt es zwei, sie tragen allerdings keine Früchte. Und am Waldrand, wenn Sie dem Pfad vom Kirchhof den Südhang hinunter folgen, steht ein großer struppiger Busch. Dessen Früchte sind klein und hart und von wunderbarem Aroma. Sie lagen einmal einen ganzen Winter lang in der Sakristei und es duftete dort endlich nicht mehr nach staubigen Kleidern, sondern nach Leben. Seitdem bringe ich jeden Herbst einen großen Korb voll dorthin.«

Sie sprachen die Mahlzeit hindurch über allgemeine Themen. Zum Beispiel beunruhigte Roger Mottram, ausgelöst durch den sehr trockenen April, die Wasserknappheit, die an einigen Stellen in Kent im letzten Sommer für Probleme gesorgt hatte. Es war allgemein bekannt, dass vierzig Prozent des Trinkwassers auf dem Weg durch die alten Rohre verloren ging, und niemand entschloss sich, etwas dagegen zu unternehmen. Noch war Howlethurst nicht betroffen. Es lag an einer Wasserscheide, nach allen Seiten schien Wasser munter und für immer unterwegs zu sein. Aber es war nicht überall so.

Zum Abschluss des Essens gab es eine kleine Käseplatte mit Quittenstücken dazu. Sie hatten dem Aperitif ihr Aroma gegeben, waren danach gekocht und wieder abgekühlt worden und begleiteten nun den Käse. Endlich stellte Olivia die zwingende Frage: »Wie kamen Sie zu Ihrer Begeisterung für Quitten?«

Auf dem Gesicht der Pfarrersfrau zeigte sich ein fast mädchenhaftes Lächeln: »Howlethurst hat sie mir beschert. Bis wir hierherkamen, freute ich mich im Frühling über diese verzaubernden Blüten, wie sicherlich viele andere Menschen auch. Hier nun an der südlichen Mauer des Kirchenschiffes wuchsen zwei verkümmerte Sträucher, deren wenige Blüten mich um Hilfe baten. Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, was da zu tun war, also holte ich mir an den verschiedensten Stellen Ratschläge. In der Folge setzte ich einige neue Pflanzen neben die alten. Denen gefiel ihr Platz auf Anhieb und sie trugen schon bald gelbe aromatische Früchte. Ich begann, mich nach weiteren Plätzen umzusehen. Der Teil der Friedhofsmauer hier am Green entlang, der den ältesten Teil des Friedhofs schützt, war gärtnerisch ebenfalls vernachlässigt, und die Innenseite war wieder Südseite. Also setzte ich dort Quittenbäumchen, es gibt viele verschiedene Sorten, was den Reiz noch erhöhte. Nun, vielleicht war ich selbst am meisten überrascht, jedenfalls trugen alle miteinander im Laufe der Jahre Früchte und zunehmend mehr Früchte und ich verarbeitete sie auf die eine oder andere Weise… so eine Begeisterung kann sich verselbstständigen… ich nehme an, Sie kennen etwas vergleichbares.«

Später saßen sie im Wohnzimmer beisammen in schweren alten Sesseln auf verschlissenem Leder. Auch sie schienen vom Vorgänger übernommen. Zwei Menschen auf der Durchreise und doch schon ein Vierteljahrhundert am selben Ort, über die Pflanzen tief verwurzelt. »Dieses Stück Erde hier in Kent scheint ein besonderes Stück Erde zu sein«, überlegte Olivia laut. »Die Quittenbäumchen um die Kirche, Lindenspaliere um den Green, reden Sie auch auf irgendeine Weise mit diesem Ort, Mr Mottram?«

Roger sah leicht überrascht von seiner Zigarre auf, die er gerade sorgfältig zum Anzünden vorbereitete. »Tja, vielleicht. Vielleicht kann man es so aber auch gerade nicht sagen. Oben im Kirchturm habe ich Brutvorrichtungen für Schleiereulen organisiert. Letztlich war das eine Absprache mit unseren Nachbarn hier um den grünen Rasen, die über Wühlmäuse klagten. Die Schleiereulen verringerten ihre Zahl überraschend effektiv. Sie fressen natürlich auch andere kleine Tiere, doch ich denke, im Großen und Ganzen ist der Mensch mit ihrem Speiseplan einverstanden.«

»Verallgemeinerungen sind grundsätzlich problematisch«, wandte Raymund ein.

Roger grinste: »Stimmt, was heißt schon ›der Mensch‹. Ihr Onkel liebt seine Haselmäuse und hat deswegen nicht viel übrig für die Eulen. Ich nehme an, deine Katze respektiert deinen Wunsch?« Raymund nickte und Rogers Vergnügen wuchs: »Welch eine ideale Partnerschaft. Aber«, wandte er sich wieder an Olivia, »diese Schleiereulenaktion ist nicht speziell an Kent gebunden. Kein genius loci hat seine Hand dabei im Spiel. Ich meine, das Problem waren die Wühlmäuse und nicht eine sentimentale Hinwendung zur Landschaft von Kent.«

»Das klingt ein wenig rüde, Roger!« protestierte Aphra. »Und man könnte zumindest darüber diskutieren, ob die Eulen deine Beziehung zum Land nicht doch beeinflussen. Man achtet plötzlich auf völlig neue Dinge, die nun mal mit dem Land zusammenhängen. Erinnerst du dich an das seltsame Mäusesterben vor zwei Jahren. Die Ursache blieb ungeklärt. Niemand raffte sich auf, ein paar Mäuse einzupacken und zu einem medizinischen Labor zu tragen. Ich auch nicht, zugegeben. Heute verstehe ich mich nicht mehr.« Ihr Blick traf direkt auf den von Olivia. Sie folgte deren stummer Aufforderung und erinnerte sich: »Man findet hin und wieder eine tote Maus irgendwo, von einer Katze zur Strecke gebracht und doch nicht aufgefressen. In jenem Sommer vor zwei Jahren häuften sich diese Entdeckungen, das ist alles. Ich fand immer wieder welche um die Kirche herum und in unserem Garten, Nachbarn, mit denen ich sprach, ebenfalls. Hier auf unserer Seite des Ortes, aber auch auf der anderen Seite der Hauptstraße, drüben bei den Farmen, Mr Wood fielen sie auf. Erinnerst du dich, Raymund? Die Farmer schüttelten drüben wie hier den Kopf, sie hatten nichts gesehen. Das war nur anders bei Mrs Melling, die auch mitten in den Weiden lebt mit ihren Eseln. Sie achtete einfach mehr auf Kleinigkeiten, nehme ich an. Es war auffällig, aber nicht so gravierend, dass es jemanden wirklich alarmiert hätte. Roger und ich begriffen das Ausmaß, als die Eulen oben im Turm nur die Hälfte ihrer Jungen aufzogen. Sie fangen lebende Mäuse und davon gab es zu wenige, die toten bemerken sie, glaube ich, gar nicht. Es gab auch keine zweite Brut im September, obwohl die Geschichte mit den Mäusen da vorbei war.«

Der Pfarrer hatte inzwischen seine Zigarre angezündet und genehmigte sich einige ruhige Züge. »Das bedrückte mich damals tatsächlich«, gestand er endlich zu. »Aber ich fand heraus, dass die Zahl der Jungen ganz natürlich nicht nur vom Nahrungsangebot, sondern auch von der Entfernung zu den Hauptjagdgründen abhängt. Mit den Mäusen stimmte offenbar wirklich etwas nicht oder unsere Eulen entdeckten den Wohlgeschmack von Fröschen. Unten im Hexden-Tal gab es in jenem Sommer jedenfalls ein Überangebot davon, dem sie sich widmeten. Ich nahm ihr Gewölle auseinander, wissen Sie. Nun ist der Hexden fünf bis sechs Kilometer geschätzte Luftlinie entfernt, das bedeutet einen wesentlich größeren Energieverbrauch für die Tiere, also zogen sie weniger Junge groß und das auch nur einmal. Wenn das jüngste Eulenkind ein paar Tage alt ist, fliegt auch das Weibchen zur Jagd hinaus. So weit so gut. Bei einer zweiten Brautwerbung aber bliebe sie erneut daheim und das Schleiereulenmännchen würde nun wieder tote Mäuse oder eben Frösche zu ihr ins Nest bringen, um sie davon zu überzeugen, dass er stark genug ist, sie ein zweites Mal zu versorgen, und um ihr zu beweisen, dass das Angebot draußen in Ordnung ist. Der Jagderfolg ist damit nicht nur eine echte Herausforderung für das Aufziehen der Jungen, das ist klar, sondern im Fall der Schleiereulen auch für die Paarungsbereitschaft des Weibchens. Und so spielt die Entfernung zu den Hauptjagdgründen eine entscheidende Rolle – im nächsten Jahr war alles wieder in Ordnung, auch in diesem sieht es bisher gut aus.« Er klopfte sorgfältig die Asche seiner Zigarre in einen dicken gläsernen Aschenbecher. »Es gibt ja immer wieder Epidemien. Haben Sie von dem großen Geiersterben in Indien gehört? Nein? Es begann vor ungefähr zehn Jahren und vernichtete um die fünfundneunzig Prozent der drei dort lebenden Geierarten.«

»Um Himmels willen!« Raymund richtete sich auf. »Und was geschieht seither mit den toten Tieren, die sie normalerweise aufräumen?«

»Tja, schwierig. Einen Teil wenigstens übernehmen die Hunde, aber daraus erwächst eine neue Gefahr. Geier haben eine Magensäure, die alle Krankheitserreger vernichtet, Hunde nicht; sie leben aber im Gegensatz zu den Geiern bei den Menschen und ihre Ausscheidungen enthalten jetzt zusätzliche Krankheitserreger. Kurz und gut, es ist gefährlich; über die Maßnahmen der indischen Regierung in dieser Richtung habe ich leider nichts gelesen. Was ich weiß, ist, dass die Parsen, die traditionell in den sogenannten Türmen des Schweigens ihre Toten der Luft, recht eigentlich aber den Geiern überlassen, jetzt zur Feuerbestattung gezwungen sind. Das kommt einem kulturellen Erdbeben gleich.«

»Hat man die Ursache dieser Apokalypse herausgefunden?« Olivia war für den Augenblick schockiert.

»Gerade vor ein paar Monaten. Es handelt sich wohl um ein entzündungshemmendes Mittel aus der Humanmedizin, dass man seit den neunziger Jahren auch den Rindern zu verabreichen begann. Bei den Geiern, sie sind diejenigen, die die weißen Rinder fressen, ruft es eine Art Gicht hervor. Sie sitzen reglos auf ihren Ästen, die Köpfe zwischen den Krallen, als sei ihr Genick gebrochen und irgendwann fallen sie dann tot vom Baum. Letztendliche Todesursache ist Nierenversagen.«

»Und wie geht man mit dieser Katastrophe jetzt um?«

»Das Medikament wird nicht mehr für Rinder eingesetzt. Damit haben die letzten Geier eine Chance, zu überleben und sich wieder fortzupflanzen. Aber wie lange wird es dauern, bis sie wieder eine nennenswerte Zahl erreicht haben? Um die Vermehrung zu beschleunigen, richtet man Zuchtstationen für Geier ein. Das habe ich vor Kurzem gehört.«

Im Moment fühlte Olivia die Leere einer großen Fassungslosigkeit in sich. Ihr Blick traf ihren Onkel. Der saß zurückgelehnt in der Tiefe seines Sessels und grinste sie an. Während sie ihn mit schmalen Augen musterte, vertiefte sich sein Grinsen noch, dabei blieben die Augen ernst. Die ihren wanderten weiter. Roger Mottram zog an seiner Zigarre. Aphra griff zur Teekanne und schenkte Olivia nach. Die nahm sich nachdenklich Milch, rührte um und nahm den Pfarrer fest in den Blick: »Sie haben sicher über die Todesfälle, die Sie ins Grübeln brachten, immer wieder nachgedacht. Dabei wird Ihnen hier und da etwas aufgefallen sein, das Sie stutzen ließ. Was davon fällt Ihnen jetzt ein?« fragte sie freundlich. Sie trank einen kleinen Schluck von dem sehr heißen Tee, stellte entgegen ihrer Gewohnheit die Tasse ab und wartete. Raymunds Grinsen war verschwunden.

Unbeholfen legte der so direkt Angesprochene die halbgerauchte Zigarre beiseite und stemmte sich zu aufrechter Haltung hoch. »So auf Anhieb fällt mir gar nichts ein. Ich habe nur die Zahlen, diese beunruhigenden Zahlen, die auch Raymund beunruhigend fand. Aber sehen Sie, die Schwierigkeit beginnt schon damit, dass ein Teil, sagen wir die Hälfte dieser Todesfälle zumindest, sicher ganz normal zustande kam. Aber welche Hälfte? Ich weiß nicht mal das, wie sollte ich auch.« Er sah Olivia beklommen an: »Wenn wir einfach nur Ihre Zeit vergeuden, sagen Sie es ohne Scheu und wir begraben das Ganze.«

»Ich glaube nicht, dass wir das tun sollten«, schaltete Raymund sich entschlossen ein. »Unser Verdacht ist doch zu gravierend und mit dem Tod von Mrs Large haben wir einen konkreten Fall, der euch ganz speziell beunruhigt und an dem wir ansetzen können. Wir sollten diese Chance nutzen.«

Der Pfarrer sah mit sichtlichem Unbehagen zu seiner Frau hinüber. »Raymund hat recht«, gab sie zu. »Delia starb zum falschen Zeitpunkt. Natürlich kann man auch aus übergroßer Freude sterben, aber ein solcher Gefühlsüberschwang lag ihr fern. Warum dann also in dieser entspannten Situation?« Sie sah zu Olivia hinüber: »Ich weiß darauf keine Antwort.«

»Erzählen Sie mir von Mrs Large. Von deren Freunden hier am Ort oder woanders, von Verwandten. Welcher Art war ihr Umgang, besuchten sie sich, wie lange kannten sie sich, was für ein Leben führte sie…«

Aphra rückte auf die Sesselkante vor, nahm ihre Teetasse auf und begann umzurühren. »Delia lebte über vierzig Jahre hier im Dorf, in jenem wunderschönen weißen kentischen Landhaus am Green. Sie führte eine gute Ehe, zu ihrem Leidwesen ohne Kinder, seit neun Jahren war sie Witwe. Sie hatte Jura studiert und für Amnesty International gearbeitet, das ging zu guten Teilen von zu Hause aus. Sie war die erste im Ort, die ein Faxgerät hatte, und die erste mit Internetanschluss. Bis zuletzt arbeitete sie für Amnesty, so weit ihre Kräfte es erlaubten.« Aphra beendete das Kreisen in ihrer Tasse und legte den Löffel ab.

»Delia hatte einen Bruder«, erinnerte sie sich weiter, »den ich nie kennengelernt habe. Er ist schwer gehbehindert und bleibt in seinem Haus in Snowdonia. Er muss ein rechter walisischer Querkopf sein. Susan ist seine Enkelin.«

»Er kam auch nicht zu Beerdigung?«

»Hier gab es lediglich einen Trauergottesdienst. Delia wurde eingeäschert und die Urne nach Wales zum Familiengrab verschickt. Dort werden sich wohl alle versammelt haben. Damit meine ich, dass neben der nicht sehr zahlreichen Verwandtschaft doch wohl ihre beiden Freundinnen aus London nach Wales gefahren sein werden. Aber ich weiß das nicht. In den letzten Jahren hat sie die beiden abwechselnd mehrmals im Jahr in London besucht und bei der Gelegenheit Einkäufe gemacht, Theater besucht und die Heide von Hampstead. Es muss schön gewesen sein, sie kam immer sehr heiter zurück.«

»In den Jahren davor war das anders?«

»In sofern, als sie und ihr Mann ein Apartment in London hatten, auch beruflich immer wieder dort waren. Wie häufig sie sich seinerzeit mit ihren Freundinnen traf, weiß ich nicht so genau.«

»Gab es Gegenbesuche?«

»Ja, beide waren immer mal wieder hier auf dem Lande, mit Ehemann, ohne Ehemann, sehr selten gemeinsam. Aber auch das kam vor. Ich lernte sie kennen, aber nur im Vorbeigehen, wenn wir uns halt zufällig begegneten.«

»Demnach hielt Mrs Large ihr Leben hier in Howlethurst und in London auseinander?«

Aphra besann sich. »Ach wissen Sie, so kann man das eigentlich nicht sagen. Sie wohnte hier. Und sie kam jeden Sonntag zum Hauptgottesdienst in die Kirche. Danach redete sie mit dem einen oder anderen, wie es sich halt ergab. Sie interessierte sich durchaus für das Leben der Menschen um sich herum, hörte aufmerksam zu, vergaß so gut wie nichts, leistete Hilfe, wenn man sie darum bat. Mancher ging zu ihr, wenn er sich aussprechen wollte. Für Probleme hatte sie immer Zeit, für einen einfachen Tee eigentlich nie. Aber das störte auch niemanden.«

»Was machte sie, wenn sie nicht arbeitete und doch hier war?«

»Sie hat hinter dem Haus einen großen, sehr, sehr schönen Garten…«

Olivia lachte leise: »Natürlich! Sie sind die einzige Freundin hier am Ort gewesen, ist das so?«

»Ja, wir waren befreundet, solange wir hier sind, kann ich fast sagen. Wie es sich damals ergeben hat, weiß ich nicht mal mehr. Es stimmte einfach…« Traurig senkte Aphra den Kopf. Olivia hielt inne und sah Roger Mottram zu, der seine kalte Zigarre sehr konzentriert zwischen Zeigefinger und Mittelfinger hin und her rollte.

»Über Tote soll man nur Gutes reden, das Bild von Delia Large hält sich vorbildlich an diese Regel«, störte Raymund die Stille. »Ich werde mich hüten, etwas anderes zu tun. Tatsache ist andererseits, wenn wir von der These eines unnatürlichen Todes ausgehen, dass es zumindest einen Feind gegeben haben muss. Ich persönlich tippe, dass er weiblichen Geschlechts ist. Aber das ist nur eine Annahme.«

Roger beendete das Rollen und sah ihn an: »Willst du damit sagen, dass sie für ihren Tod selbst verantwortlich ist?«

Der alte Militärhistoriker verneinte mit einer leichten Kopfbewegung. »Wenn ich die steigende Zahl der Todesfälle auf eine vorsätzliche Ursache zurückführe«, begann er schonend, »könnte man formulieren, dass eine Person hier im Ort den anderen oder einer Gruppe von ihnen den Krieg erklärt hat. Aber selbst wenn es sich um eine Gruppe handeln sollte, hat sie für uns Außenstehende keine sichtbaren Gemeinsamkeiten außer den ungefähren Lebensjahren. Folglich können wir einstweilen nur von Zufall ausgehen. Der große Clausewitz findet nun den Zusammenhang zwischen Zufall und Krieg ganz natürlich. Des Weiteren gehört für ihn das Glück zum Krieg, oder in unserem Fall eher das Pech. Das heißt, Delia Large kann ihren Tod durchaus selbst herbeigeführt haben, aber sie wusste davon nichts.«

Ein Schnaufen war die Antwort. »Könntest du dich etwas anschaulicher ausdrücken?«

Raymund quittierte die Bitte mit einem angedeuteten Grinsen, war aber sofort wieder ernst: »Ich stelle mir vor, dass sie die fragliche Person in einem Gespräch nach dem Gottesdienst verärgert hat. Du könntest darüber überhaupt mal nachdenken, Aphra. Wer redet nach der Kirche mit wem, gibt es Spannungen und von wem gehen sie häufiger aus als üblich. Wir wissen, dass Delia bei allem Interesse und aller Anteilnahme zu einer gewissen Ungeduld mit Schwächen neigte. Auch mit ihren eigenen, aber das hilft dem möglicherweise nicht, der sich gerade kritisiert fühlt.«

Mit beiden Händen auf den Lehnen saß Aphra inzwischen da und nahm Raymund und Olivia abwechselnd fest in den Blick: »Ich fürchte, dass geht so alles nicht. Was du dir da vorstellst, Raymund, kommt doch dem Ausspionieren der eigenen Gemeinde gleich. Und wenn Olivia gleichzeitig hier herumgeht und die Leute ausfragt, kommen wir in eine furchtbare Situation. Wir haben uns das alles nicht zu Ende vorgestellt, als wir hofften, durch deine Nichte unbemerkt Licht in die Zahlen zu tragen.«

Es half nichts, Olivia musste schon wieder lachen, wurde aber umgehend wieder ernst: »Sie haben recht, so geht das nicht. Ich sehe gerade die Schlagzeile vor mir: ›Pfarrer lässt Privatdetektivin auf seine Gemeinde los‹, den Text dazu können wir uns alle vorstellen – trotzdem kann ich mich an die Arbeit machen. Schauen Sie, ich bin Übersetzerin und verdiene mir ein gutes Zubrot mit Zeitungsessays. Irgendwie gerate ich gelegentlich in die Aufklärung von Mordfällen, aber ich bin überhaupt kein Profi, also habe ich auch keinen Stallgeruch an mir. Es besteht, glaube ich, kein Grund zur Sorge.«

»Aber es gibt Leute hier, die wissen, dass Sie schon Mordfälle aufgeklärt haben«, wandte Aphra ein, »die werden sich jetzt wundern… und wenn die zu reden beginnen…«

Olivia ließ sich Zeit mit der Antwort. »Sagen wir, diese aufklärungsfreudige Nichte des alten Strategiehistorikers«, jetzt bedachte sie ihrerseits den Onkel mit einem Grinsen, »ist meine Cousine. Ich bin Designerin und entwerfe vor allem Strickmuster für eine afrikanische Boutique in London.«

»Aber wir können doch nicht einfach lügen«, seufzte Roger.

»Das brauchen Sie auch nicht, jedenfalls nicht richtig. Ich entwerfe manchmal wirklich Strickmuster und die Boutique gibt es auch. Sie liegt in St. John’s Wood.« Roger seufzte zwar erneut, gab sich aber sichtlich geschlagen.

Raymund bediente sich noch einmal eines Clausewitz’schen Gedankenganges: »Jeder Feldherr übersieht nur seine eigene Lage. Folglich kann er sich über seinen Gegner vollkommen im Irrtum befinden. Generäle verzögern bei allzu großer Unsicherheit über die Situation des Feindes jede kriegerische Handlung. Sinnvoll ist das Prinzip des Hinhaltens aber nur, wenn man auf weitere Nachrichten hoffen kann, ansonsten entstünde aus dem Verzögern lähmende Unsicherheit, die dem Feind in die Hände spielt. Das ist in jedem Fall schlecht.«

Rogers Antwort begann mit dem an diesem Abend gewohnheitsmäßigen Seufzen. »Und diese zu erhoffenden Nachrichten beschafft uns deine Nichte?«

»Sie wird es versuchen.« Raymund stand auf. »Denkt über unser Gespräch nach, ihr zwei, wir bleiben in Kontakt.«

Der nachfolgende Abschied verlief herzlich auf Raymunds Seite, besorgt, bedenklich auf der anderen, wenngleich begleitet von freundlichen Worten. Kurz darauf saßen die beiden Hauptakteure beim Wein im Wohnzimmer des alten weißen Hauses mit der zum Wintergarten geöffneten Rückwand. Marmalade hatte sich vor der elektrischen Kaminheizung zusammengerollt und ließ hin und wieder ein zufriedenes Schnurren hören. »Endlich würdigt jemand diese geschmackliche Verirrung«, stellte Raymund fest, »ich beginne zu ahnen, dass ihre Zufriedenheit meinen Widerstand untergraben könnte.«

»In der Gefahr bist du nicht allzu oft«, konterte Olivia freundlich, »Roger hat deinen Widerstand heute Abend geradezu herausgefordert, nicht wahr?«

»Richtig, er ist mit einem Mal ein schrecklicher Zauderer! Ich verstehe ihn ja. Aber nachdem wir uns zum Handeln entschlossen haben, sollten wir dabei bleiben. Du hast deine Zeit ja auch nicht gestohlen.«

»Die Erwähnung des Feldherrn und seiner Generäle war nicht frei von Hintergedanken…«

»Wieder richtig. Bei allem Antreiben darf niemals aus dem Blick kommen, dass Roger das Kommando zum Handeln gab und die Leitung respektive die Verantwortung trägt. Ich bin meinethalben sein politischer Berater, aber nicht mehr.«

»Und ich der ausführende Offizier – doch wenn ich so darüber nachdenke, hat unsere Unternehmung mit Krieg recht eigentlich nicht viel gemeinsam. Viel eher mit Spionage.«

Raymund sah sie munter an: »Der arme Roger ist ein zur Untätigkeit verdammter Feldherr, der seinen Gegner viel zu schlecht kennt, um zum offenen Angriff zu blasen. Also setzt er einen Spion ein; um die Verwirrung noch zu erhöhen, einen weiblichen. So viel zum gegenwärtigen Stand – lass uns den morgigen Tag ins Auge fassen.«

»Um elf treffe ich mich mit Susan Large zu einem Spaziergang.«

»Richtig. Ganz schön zügig, Puck. Um ein Uhr steht ein Lunch auf dem Tisch und um zwei finden wir uns gemeinsam in der Bücherei ein, morgen ist mein Tag und die natürliche Gelegenheit, dich dort vorzustellen.«

Olivia nickte zustimmend und streckte sich, bevor sie erneut zu ihrem Glas griff. Um ein Haar hätte sie es umgestoßen, denn Marmalade hatte ihre Akrobatik als Aufforderung empfunden und blitzschnell reagiert. Sie schoss aufs Sofa und schob ihren Nacken unter Olivias Arm. Dabei schnurrte sie leise. Raymund schüttelte den Kopf: »Nicht, dass du dich sonderlich um sie bemüht hättest, oder ist mir das entgangen?«

»Sie bemüht sich um mich, ich mich um die hiesige ungereimte Todesrate und du darum, die beteiligten Personen in Gang zu halten… jedem das seine.« Ihre braunen Augen blitzten unternehmungslustig zu ihm hinüber.

Kapitel 5

Pünktlich um elf Uhr zog Olivia die schwarze Haustür hinter sich ins Schloss. Das Heiligenkraut neben dem kurzen Weg zur Straße zeigte frische silbergrüne Spitzen. Sie atmete auf den wenigen Metern zu dem großen weißen Landhaus tief durch und spürte die Frühlingsluft durch ihre Adern ziehen. ›Fast könnte man denken, ein solcher Frühlingstag bringt das Blut zum duften…‹ Mit leicht geneigtem Kopf hing sie ihrem Gedanken nach, während sie den Türklopfer auf das alte Holz fallen ließ. Diese Haustür war genauso schwarz wie die ihres Onkels, nur in Kassetten aufgeteilt und imposanter, schließlich musste sie sich gegen einen richtigen Portikus behaupten. Gemeinsam zierten die beiden ein zweistöckiges Haus mit waagerecht angebrachten, sich überlappenden Holzbrettern, die wie überall in Kent mit wetterbeständigem weißen Lack gestrichen waren. Im Erdgeschoss war zu beiden Seiten der Haustür ein großer Erker aus der Fassade vorgezogen, mit schwarzen Fensterrahmen, das war ungewöhnlich, ungewöhnlich auch die schmale Schmuckleiste unter dem leicht vorkragenden Dach.

Schon stand Susan im Türrahmen in indischen Hosen, Tunika und Schal, alles gelb, die Tunika mit einem Paisleymuster. »Wie schön!« entfuhr es Olivia statt einer Begrüßung.

Susans Blick leuchtete auf: »Möchten Sie hereinkommen oder sollen wir gleich gehen?«

»Lassen Sie uns gehen, die Luft ist so weich und duftend, dass man sich einfach darin bewegen muss.« Und auf das kurze Zögern hin ergänzte sie: »Ich vertraue mich ganz Ihrer Führung an, meine Ortskenntnis verdient nicht einmal den Namen.«

Susan wandte sich Richtung Kirche und sah Olivia mit der ihr eigenen stillen Offenheit an: »Meinen Namen wissen Sie sicher längst, mögen Sie mir den Ihren verraten?«

Das Zucken ihres Zwerchfells schmerzte fast, nur kurz, aber unmissverständlich. Jetzt wurde es ernst. »Ich heiße Viola Imbry, meinen Nachnamen mag ich nicht besonders, also bitte – bleiben Sie bei Viola.«

Ein stilles Nicken war die ganze Antwort, bis sie den überdachten Eingang zum Kirchhof passiert hatten. Niemand war hier zu sehen. »Ich kenne die Menschen hier kaum«, es klang wie eine Entschuldigung, »deswegen schweige ich lieber in der Nähe ihrer Häuser.« Langsam ging Susan weiter. »Manchmal denke ich, auch die Toten können uns reden hören, Friedhöfe sind seltsame Orte.«

»Ich mag sie sehr«, bekannte Olivia, »besonders auf dem Land. Diesen ummauerten Frieden mit den alten Taxusbüschen und den frischen Blumen…« Sie sah zu Susan hinüber, die vor ihr auf dem schmalen Weg langsam voranging, den Blick auf die Baumkronen hinter dem Kirchhof gerichtet, sie schwieg. »Ich gehe gern zwischen den Gräbern entlang, lese die Namen und die Daten, in manchen Fällen noch die Todesursache oder Verwandtschaftsbeziehungen, betrachte die Steine und die Bepflanzung und lasse meinen Gedanken freien Lauf. Diese Floskel trifft genau das, was ich dann tue und es ist ungeheuer weltverloren und entspannend.«

Susan schwieg weiter, bis sie auf der anderen Seite den Friedhof wieder verlassen hatten und auf einem schmalen ausgetretenen Pfad in ein Wäldchen hineingingen. Sie wandte sich im Gehen um: »Sie fürchten die Toten nicht?«

»Nein – die Lebenden meistens auch nicht…«

Nach vielleicht hundert Metern verließ der Pfad das Wäldchen, machte eine Kurve und führte sie an einen offenen Hang. Vor ihnen lagen heckenumsäumte Weiden und vor dem schweifenden Blick breitete Kent sich in der ganzen verträumten Schönheit Südenglands aus. Ein Eselruf drang in das Schauen, jetzt hörte Olivia auch verschiedene Vogelstimmen und bei genauerer Konzentration Schafstimmen irgendwo weiter weg.

»Dieses Land ist wunderschön«, Susan sagte es sehr leise. »Und schauen Sie, die Veilchen dort unter der Hecke, hinter ihnen hat ein Rotkehlchenpaar sein Nest, es ist etwas unordentlich, aber am Boden macht das ja nichts. Der rufende Esel gehört Mrs Melling. Er hat noch drei Gefährten, sie leben auf einer großen Wiese mit alten Apfelbäumen, kommen Sie, ich zeige es Ihnen.«

Die Esel kamen angetrabt, als sie Susan kommen sahen und mit leisen Worten begrüßte sie sie und kraulte sie sanft hinter den langen Ohren. Mit den Eseln hatte sie während ihrer Sommeraufenthalte Freundschaft geschlossen. Und die Tiere hatten ein langes Gedächtnis. Von Mrs Mellings Haus sah man nur das Dach hinter einer gewaltigen Rhododendronhecke aufragen, die Zufahrt führte an der Eselweide entlang und war beidseitig von Obstbäumen gesäumt, sie waren jünger und sorgfältiger beschnitten als die auf der Weide. Olivias Blick blieb an weißen Kästen hängen, die weit hinten nahe an der Hecke standen.

»Das sind Bienenstöcke«, bestätigte Susan. »Mrs Melling wird Ihnen alles erzählen, was Sie darüber wissen wollen. Nur heute lassen Sie uns weitergehen, ich möchte Ihnen noch ein anderes Stück Arkadien zeigen.«

Sie folgten dem Pfad hügelabwärts. Nach kurzer Zeit und der ein oder anderen Kurve lag vor ihnen ein weißes Farmhaus, genauso holzverschalt wie das Haus von Susan. Es wirkte flacher hingebreitet, hatte grüne Fensterläden und einen großzügigen Garten mit Rasenflächen, immergrünen Büschen und Blumenbeeten. Ein leichter Holzzaun und eine dichte Hecke trennten es von den weitläufigen Weiden. Leicht gewellt zogen sie sich bis zum Horizont, Baumgruppen und einzelne alte Baumriesen verwandelten das stille Land in einen großen Park, bevölkert von einer unzählbaren Menge Schafen mit ihren Lämmern. Auf das Gatter gestützt standen die beiden jungen Frauen lange und schauten ihnen beim Spielen zu.

»Wie geborgen diese Schafkinder hier mit ihren Müttern dahinleben, genauso sollte es sein.« Ein nachdenklicher Blick streifte Susans Begleiterin und kehrte zu den Lämmern zurück.

»War es bei Ihnen nicht so?« Olivia stellte die Frage beiläufig in die grüne Weite. Sie wartete.

Susan rührte sich nicht, auch nicht, als sie schließlich antwortete: »Nicht ganz. Ich mag meine Mutter. Sie ist sehr attraktiv, sehr schnell und witzig, und sehr erfolgreich. Sie arbeitet in der Abteilung für geographisches Profiling von Scotland Yard.«

»Ist das die Möglichkeit!« der Ausruf war ihr entschlüpft, bevor Olivia die Information ganz aufgenommen hatte, entgeistert starrte sie Susan an.

Ein kurzes Lächeln huschte über deren Gesicht. »Sie kann das wirklich sehr gut, als hätte sie einen sechsten Sinn für den Zusammenhang zwischen Täter und Tatort. Immer wieder mal versammelt sie verschiedene Verbrechen hinter einer einzelnen Person. Und Serientäter, die als solche erkannt sind, haben mit ihr ohnehin ein schweres Leben.«

»Erzählt Sie Ihnen von ihrer Arbeit?«

»Manchmal eine kuriose Einzelheit, oder etwas ganz allgemeines. Sie darf ja nicht wirklich über ihre Arbeit reden, ich meine konkret, so dass ich etwas ausplaudern könnte.«

»Nein, das wäre ja auch viel zu gefährlich, für Sie, meine ich.«

»Vielleicht, ich glaube nicht, dass sie sich darüber Gedanken macht. Menschen wie ich geraten ihrer Auffassung nach nicht in Gefahr.«

»Und Ihr Vater, was ist mit dem?«

»Der gehört auch zu den Menschen, die nicht in Gefahr geraten.« Susan bedachte Olivia mit einem weiteren kurzen Lächeln. »Er ist Jurist und arbeitet in der walisischen Regionalregierung.«

»Wie häufig sehen Sie sich?«

»Nicht oft, er führt sein Leben mit seiner neuen Familie. Meins hat er gut organisiert, solange ihm das möglich war. Jetzt steht es in meiner Verantwortung…«

»Und?«

»Er war unzufrieden mit meiner Entscheidung für Indien. Für ihn ist Sicherheit sehr wichtig.«

»Warum sagen Sie ›war‹?«

»Tante Delia hat mir nicht nur ihr Haus hinterlassen.«

»Verstehe.«

Susan sah Olivia auf ihre stille Weise nachdenklich an: »Sie leben die nächsten Monate bei Mr Fisher, haben Sie gesagt…«

»Ja, es gefällt mir hier! Und bei meinem Onkel! Er hat Platz für mich und da ich ohnehin zu Hause arbeite… ich entwerfe Strickmuster, vor allem…« Sie drückte sich vom Gatterbalken ab: »Wohin gehen wir jetzt?«

»Wenn Sie noch eine Stunde Zeit haben, könnten wir über den Zauntritt steigen

und zwischen den Schafen hindurch im Bogen zurückgehen. Auf dem Weg passieren wir nur ein kleines Farmhaus, in dem tagsüber niemand zuhause ist, und zwei weitere kleine Häuser, bis wir hinter dem Sportplatz wieder nach Howlethurst hineinkommen.« Sie sah Olivia abwartend an.

»Einverstanden.«

Schweigend suchten sie sich ihren Weg zwischen den Tieren, die ihnen mit unbeholfenen Sprüngen auswichen. Olivia sah Susan vor sich ruhig und konsequent auf eine große Eiche zuhalten, hinter der eine Fahrspur zu erkennen war. Sie selbst suchte sich ihren Weg mäandernd zwischen den Grasbüscheln und tierischen Hinterlassenschaften, verlor ein wenig die Richtung, wenn sie über das weiche, wellige Land schaute, und sann über Fragen nach, die sie noch unbefangen stellen konnte.

Auf dem Fahrweg angekommen, wandte Susan sich ihr zu: »Jetzt brauchen wir nur noch dieser Spur zu folgen. Ich habe mich auf dieser Weide schon verlaufen. Klingt verrückt, gelingt aber ganz einfach, deswegen bin ich heute so pedantisch vorangegangen, schließlich wartet Mr Fisher auf Sie.« Wieder huschte dieses stille kurze Lächeln über ihr Gesicht. »Sie entwerfen Strickmuster, haben Sie gesagt. Wie macht man das und stricken Sie Ihre Entwürfe dann nach oder was passiert mit ihnen?«

Ein wenig überrascht sah Olivia in die hellen, braunen Augen, die sie aufmerksam ansahen. Sie nickte: »Ich entwerfe die Muster für eine junge Frau, Wangari Aulton; ihr gehört eine kleine Boutique in St. John’s Wood. Wenn Sie die Tür öffnen, stehen Sie vor einer Explosion von Farben, den Mustern von Afrika. Wangaris Mutter ist auf einer Farm im westlichen Kenia aufgewachsen und mit ihren Kindern beinahe jeden Sommer dorthin zurückgekehrt. Für sie alle, es sind drei, sind Kenia und einige andere Länder Schwarzafrikas ein Teil ihres Lebens. Wangari reist mit ihrem Bruder oder auch allein dort herum und sucht Stoffe. Je nachdem entwirft sie daraus Kleidungsstücke oder benutzt sie als Raumdekoration, für Vorhänge, Kissen, Tischdecken…«

»Und Sie?«

Olivia nickte erneut: »Wenn Wangari mit neuen Stoffen aus Afrika zurückkommt, wandere ich in ihrem Haus an der ausgebreiteten Pracht entlang und wähle diejenigen aus, die mit mir reden, wenn Sie verstehen…«

Jetzt nickte Susan.

»Die engere Auswahl konfrontieren wir dann mit den Modefarben des kommenden Winters. Da wir Einzelstücke herstellen, müssen die Kundinnen woanders einen Rock oder eine Hose dazu finden können; die wenigsten wollen in bunten Hosen und bunten Pullovern gleichzeitig herumlaufen, auch wenn sie durchaus aufeinander abgestimmt sind. Die darauffolgenden Wochen schwelge ich dann in einer Fülle von Wolle, bis ich ungefähr ein Dutzend Strickmuster entworfen habe.«

»Die Sie nicht selber stricken?«

»Nein, ich stricke nur meine eigenen Sachen und auch nicht gar so viele, drei bis fünf im Jahr vielleicht… Dieses kleine Farmhaus ist ja wild romantisch!« Olivia blieb am Zaun stehen und sah auf ein überquellendes Durcheinander von Pflanzen, Gartenmöbeln und Kinderspielzeug. Diese Pracht steht tagsüber leer, sagen Sie?«

»Es muss so sein, immer, wenn ich vorbeikomme, ist alles still.«

Susan war daran vorbeigegangen, ehe sie stehen blieb. Olivia betrachtete sich alles eingehend, bevor sie zu ihr aufschloss. Erst nach weiteren fünfzig Metern redete sie weiter. »Wie lange sind Sie hier in Howlethurst?«

»Fast drei Wochen.«

»Und wann kamen Sie zum ersten Mal hier vorbei?«

»Nun, vor Jahren«, ihre Augen lächelten, »und vor vielleicht zwei Wochen… Die Leute könnten auch in Urlaub sein… meinen Sie das?« Olivia nickte wieder einmal.

»Oh, die Stille muss nichts bedeuten, nicht in England. Ein Familienwochenende und am Montag ab mit den Kindern in die Krippe, die Schule und zurück in das andere Leben. Sie sind anders aufgewachsen?«

»Ja, ganz anders. Meine Eltern wohnten bei den Eltern meines Vaters, sie unten, wir oben. Tagsüber lebte ich unten bei meiner Großmutter, mein Großvater hatte seine Schreinerwerkstatt hinten im Garten, er war also auch viel einfach da und ich lief zwischen ihnen hin und her und schaute zu und redete mit beiden. Wir redeten den ganzen Tag. Ich tat auch mit, wenn ich durfte.«

»Eine sehr unenglische Kindheit… ging es so weiter?«

»Nein! Als ich vier war, ging mein Vater, er war Archäologe, im Urwald von Belize oder Guatemala verloren. Ein gutes Jahr später gab es noch immer kein Lebenszeichen von ihm. Meine Mutter arbeitete in der Kostümabteilung des Victoria und Albert Museums. Als sie dann das Angebot bekam, die Verwaltung des historischen Kostümfundus der Salzburger Festspiele zu übernehmen, griff sie zu. Und ich geriet nach Österreich und in die dortige Schule, lernte richtig Deutsch in der täglichen Übung und pendele seitdem zwischen diesen beiden Ländern hin und her.«

»Das Leben ist doch mehr als seltsam.« Nachdenklich, den Blick auf die nächsten Meter vor ihren Füßen, ging Susan weiter. »Da gibt es eine ideale Konstellation und dann geht ein Familienmitglied einfach verloren und nichts ist mehr wie vorher. Waren Sie in Salzburg viel allein?«

»Nein. Das war meiner Mutter unvorstellbar.«

»In Salzburg geht man nicht so leicht verloren wie in Mittelamerika, nehme ich jedenfalls an.«

»Das wohl nicht. Aber ein Kind, das seine Umgebung überhaupt nicht kennt und die Sprache unvollkommen, ist ein spezieller Fall, so sah meine Mutter es jedenfalls. Nach der Schule ging ich in ihr Büro. Dort hatte sie mir einen eigenen Winkel eingerichtet mit einem kleinen Schreibtisch, an dem ich meine Schulaufgaben machte und mich in Bilderbüchern mit der deutschen Sprache herumschlug. Als ich mich allmählich in der deutschen Sprache sicher fühlte, begann ich auf eigene Faust die Schneiderwerkstätten zu entdecken, danach den Fundus – hunderte und aberhunderte von Kostümen… können Sie sich vorstellen, wie es ist, aus einem spannenden Buch aufzutauchen und in eine solche Welt zu geraten? Oder umgekehrt?«

»Vermutlich nicht. Meine Welt war immer sehr wirklich…«

»…und sie waren sehr allein… oder?«

»Schwer zu sagen, ich lebte meist unter vielen Menschen, in Krippen, Kindergärten, Ganztagsschulen, Internaten und in Indien in einem Waisenhaus. Allein, wirklich allein bin ich jetzt zum ersten Mal.«

»Sie waren früher häufiger hier?«

»Ein paar Mal, ja. In den letzten Jahren.«

»Wie kam es dazu?«

Susans Blick streifte ihre Gefährtin, die riesige Schafweide und konzentrierte sich dann wieder auf die wenigen Meter vor sich. »Es scheint alles so lange her zu sein und dabei sind es ganze viereinhalb Jahre. Damals traf ich Tante Delia in London. Ich verbrachte gerade einige Ferientage bei meiner Mutter und irgendwie erreichte mich ihre Einladung zu einem Picknick in der Heide von Hampstead. Ich sehe das London dieses Tages immer wieder vor mir, von jenem Hügel aus unten im Sommerdunst. Es war meine Stadt, nie hatte ich das so deutlich empfunden. Ich hatte überhaupt nie das Gefühl gehabt, irgendwohin zu gehören. Tante Delia hatte mich wohl beobachtet, jedenfalls stellte sie die richtigen Fragen und das Ende dieses Gespräches war eine Einladung in ihr Haus in Kent, das nun das meine ist.« Sie schwieg und ließ den Blick zurück und über die Schafe schweifen.

Ihr Lächeln zeigte sich wieder und sie folgte der stummen Aufforderung zum Weitersprechen. »Die ersten zwei Wochen hier veränderten mich mehr als ich damals erkannte. Im nächsten Sommer verbrachte ich die gesamten Ferien bei Tante Delia und fuhr nur gelegentlich für einen Tag nach London, um meine Mutter zu sehen oder einfach durch die Stadt zu laufen. Ich kannte London natürlich, schließlich bin ich dort aufgewachsen, von den Internatszeiten mal abgesehen, aber plötzlich war alles neu. Und dieses neue London gehörte auf aufregende Weise zu mir. Gelegentlich begleitete mich Tante Delia, aber nicht immer. Das ganze wiederholte sich im folgenden Sommer für vier Wochen, bevor ich nach Indien ging – und jetzt bin ich wieder hier…«

Sie waren im Reden über eine Kuppe gekommen und in einiger Entfernung sah man die ersten Häuser von Howlethurst liegen. »Schauen Sie mal«, Susan deutete mit dem Kopf leicht nach vorn, »dort taucht ein Bewohner dieses Ortes auf, der auch in Indien nicht auffallen würde.«

Sie näherten sich einander, er hielt sich genauso sorgfältig an den vorgegebenen Weg wie sie, fixierte Susan schließlich und blieb direkt vor ihr stehen. Der Mann war durchschnittlich groß, durchschnittlich breit und trug eine braune Tweedhose und eine dunkelgrüne Wetterjacke. Damit endete das Durchschnittliche abrupt. Der große Kopf wuchs ins Riesige durch eine Unmenge grauer, widerspenstiger Locken und sein Bart schien aus dem Drahthaar eines Terriers zu bestehen und bedeckte die Hälfte seiner Brust. Den Augenbrauen hatte die Natur ebenfalls ein Übermaß an Haaren zugedacht. Darunter hervor schauten wasserblaue Augen fest in Susans Gesicht. »Wieder unterwegs. Freut mich zu sehen.«

Susan antwortete mit einem Lächeln. Sie blieb stumm. Schließlich rissen seine Augen sich von ihr los und nahmen Olivia in den Blick. »Sie habe ich hier noch nicht gesehen. Besuch?« Olivia nickte schweigend. »Wir werden uns wiedersehen.« Er umrundete sie und kam hinter der Hügelkuppe zügig außer Sicht.

Olivia holte tief Luft: »Ein verkleideter Druide?«

»Wie schön, dass Sie das sagen! Vielleicht… Haben Sie seinen seltsamen Stock bemerkt? Nein? Er schwingt ihn immer in der Luft herum. Nie benutzt er ihn zum Abstützen.«

»Und?«

»Er hat auch keine Spitze, um ihn auf den Boden aufzusetzen, sondern zwei Teile, die mich an eine Zange erinnern, eine kleine Handzange an einem langen Stock.«

Zu ihrem Bedauern waren sie inzwischen auf der Hauptstraße angekommen, in einiger Entfernung lag das Kriegerdenkmal. »Er könnte die öffentlichen Anlagen dieses gepflegten Ortes reinigen und anschließend einen Spaziergang machen«, schlug Olivia vor.

Susan sah sie verwundert an. »Das wäre eine Möglichkeit…« Für den restlichen Spaziergang schwieg sie, auch wenn ihnen nur sehr vereinzelt jemand begegnete. Der Green war vollkommen leer bis auf den Postwagen, der gerade vor dem Pfarrhaus hielt. Olivia streckte ihr zum Abschied die Hand hin: »Wir werden uns bald wieder sehen?« Mit einem zustimmenden Lächeln wandte Susan sich ihrer Haustür zu.

Kapitel 6

Die große Tür zu Mrs Grahams Haus stand an diesem warmen Aprilnachmittag weit offen. Als erstes fielen Olivia die vielen schweren Sessel auf, die zahlreich und willkürlich in der Halle verteilt standen. In einem hockte ein Mädchen auf seinen Fersen, ein Buch auf dem Schoß und Finger in den Ohren, versenkt in seine Geschichte. Rechts neben der Tür stand ein ausladender geschlossener Schreibtisch, dahinter eine sympathische Frau um die Vierzig. Raymund stellte sie Olivia als Mrs Higham vor und fragte nach der Hausherrin. Olivia hörte ein helles, fast mädchenhaftes Lachen und eine kleine, zierliche Frau eilte heran.

»Mr Fisher! Oh, ich sehe, Sie haben Besuch. Wir kommen einmal ohne weiteres ohne Sie aus. Besuch ist etwas so Schönes. Noch dazu bei diesem Wetter!« Ihre hohe, leicht aufgeregte Stimme schwebte gleichsam auf der letzten Silbe und eine Pause trat ein.

»Das ist sehr freundlich von Ihnen, aber sehen Sie, meine Nichte liebt Bücher und würde sich gern in Ruhe umschauen, während ich meinen Pflichten nachgehe. Darf ich sie Ihnen vorstellen: Viola Imbry.« Mrs Higham war hinter ihrem Schreibtisch hervorgekommen und schüttelte Olivia herzlich die Hand. Mrs Graham verhielt sich etwas förmlicher, aber ihr Willkommen war genauso herzlich gemeint. Mit behutsamer Nachhilfe von Raymund Fisher nahm sie seine Nichte Viola schließlich unter ihre Fittiche und zeigte ihr die Bücherei.

Die Eingangshalle und drei große Räume im Erdgeschoss hatten Bücherschränke bis zur Decke – fast war man versucht zu sagen, an allen vier Wänden. Doch die beiden Erker der großen Räume rechts und links der Halle waren ausgespart, in ihnen standen Sessel. Mit den Erkern im Rücken hatte man in beiden Räumen zwei deckenhohe Regale vor sich, rechts und links frei im Raum stehend, zwischen denen ein halbhohes Regal stand, über das hinweg man die gegenüberliegenden Türen sah. Die eine führte in die Wohnküche, die beiden Flügel der anderen standen offen und ließen den Blick über ein quer stehendes Regal durch die gegenüberliegenden Fenster in den Garten schweifen. Beinahe überflüssig zu erwähnen, dass die freistehenden Regale auf beiden Seiten gut gefüllte Fächer hatten.

»Das ist Wahnsinn…« Olivia blieb vor einigen Stößen Kinderbüchern stehen, die am Boden lagen.

»Allmählich wird es etwas voll«, wieder erklang dieses mädchenhafte Lachen. »Aber wenn genügend Bücher ausgeliehen sind, haben diese wieder Platz im Regal.«

»Sie sortieren keine Bücher aus?«

»Aber nein! Das wäre doch zu schade! Ich finde die gelegentlichen Stöße sehr gemütlich.«

Olivia drehte sich einmal um die eigene Achse, um zum Abschluss ihre Arme auszubreiten: »Mrs Graham, dies alles ist… wie die Welt aus einem Kinderbuch!«

»Warum gerade das?« Hell schwebte die Frage zu ihr herüber, von Verblüffung getragen.

Langsam ließ Olivia die Arme sinken und sah sich ruhig um. »Erst einmal diese Überfülle von Büchern… dann diese großzügigen Räume: Die Fenster, der Stuck rundum an der Decke… die vielen riesigen Sessel… wenn man um die hohen Regale biegt, weiß man nicht, was einen erwartet, vielleicht… zumindest in einem Buch wäre das der Fall… und noch mehr Bücherstöße… es scheint mir die ideale Voraussetzung zum Stöbern…« Sie sah die zierliche, grauhaarige Frau mit blitzenden Augen an: »Ich komme ins Schwärmen, aber irgendwie fühle ich mich, als wäre ich in einen Traum gefallen, der mir enorm gefällt!«

»Entschuldigen Sie bitte, wenn ich mich so dazwischen dränge. Habe ich gerade gehört, Sie finden unsere kleine Bücherei traumhaft?«

Olivia wirbelte herum und sah vor sich eine Frau unbestimmten Alters, mindestens einen Kopf größer als sie selber, sehr aufrecht, dadurch ein wenig an eine strenge Schulleiterin erinnernd, die sie nüchtern musterte. Mit einer leichten Kopfneigung stimmte sie zu.

»Ivy«, wandte sich die Frau an Mrs Graham, »das Kompliment bekommt man nicht alle Tage.« Und zu Olivia gewandt fuhr sie fort: »Darf ich annehmen, dass ich in Ihnen die Nichte von Mr Fisher vor mir habe? Ich hörte, dass er Besuch bekommt.« Die Frage, klar artikuliert, kühl im Ton, löste Olivias Büchertraum in die Wirklichkeit auf.

»Ja, richtig, ich bin eine Nichte von Mr Fisher.«

»Es freut mich, sie in unserer Gemeinde begrüßen zu dürfen.« Das klang förmlich, aber nicht unfreundlich. »Darf ich annehmen, dass Sie länger bleiben, da Sie sich hier so eingehend umschauen?«

Eine erneute Neigung des Kopfes bestätigte auch diese Frage.

»Bitte, darf ich Sie einander vorstellen«, Mrs Grahams helle Stimme milderte unwillkürlich die kühle Tonlage der anderen Frau, »dies ist Lady Evelyn Cardoon, sie bewohnt das Herrenhaus von Howlethurst. Ihre Familie hat es vor mehr als vierhundert Jahren gebaut – Evelyn, dies ist Viola Imbry, Mr Fishers Nichte, es ist genauso wie Sie angenommen haben.«

Lady Cardoon musterte sie aus ihrer natürlichen Höhe ungestört weiter, bis Olivia schließlich ein offizielles Lächeln aufsetzte: »Ich bin kein gefährliches Tier, ich interessiere mich nur für Bücher. Und für Inneneinrichtung«, schob sie hinterher, ohne genau zu wissen, warum eigentlich.

Eine Augenbraue hob sich leicht, ein wissendes Lächeln spielte um die Mundwinkel, Lady Evelyn Cardoon folgte ihren eigenen, jahrhundertealten Verhaltensweisen: »Das sagen Sie so, aber in Wirklichkeit sind Sie Privatdetektivin!«

»Wie kommen Sie denn darauf? Nein, das nun ganz und gar nicht!«

Mit der kühlen Distanziertheit, die Lady Cardoons angeborenes Verhalten war, stellte sie mit leichtem Tadel in der Stimme fest: »Mr Fishers Nichte verhinderte den Mord an der Bildhauerin Viktoria Gaynesford«, so als würde sie einer unwissenden Schülerin auf die Sprünge helfen.

›Zu wem spricht sie jetzt‹, fragte Olivia sich unwillkürlich und hielt der Musterung weiter stand.

»Seine Frau hat es seinerzeit hier überall erzählt«, ergänzte Lady Cardoon, wieder leise tadelnd.

»Hat sie das…? Dann sprechen Sie von meiner Cousine. Aber sie ist auch keine Privatdetektivin, sondern Übersetzerin und… ja, Kulturjournalistin, vielleicht könnte man das so sagen. Sie schrieb damals einen großen Artikel über Viktoria Gaynesford für ein Kunstmagazin. Auf dem Wege geriet sie in die ganze Geschichte hinein.«

»Ach so, mehr war es nicht? Lediglich ein Zufall?«

»Aber Evelyn, ich bitte Sie, das klingt, als wäre es dann nur noch halb so viel wert. Die aufmerksame junge Frau hat ein Menschenleben gerettet.«

»Richtig.« Lady Cardoon gab ihre Musterung auf und gönnte Ivy Graham einen nachdenklichen Blick, bei dem Olivia der hervorstechende scharfe Nasenrücken der strengen Lady ins Auge fiel. Leonard hatte mal behauptet, diese Art Nasen seien der Ausweis uralten Adels. »Du sagst es – wenn diese junge Dame hier Bücher so sehr liebt, will ich ihr nicht weiter im Weg stehen. Wir werden uns vermutlich gelegentlich begegnen…« sie sah Olivia abwartend an. »Sie bleiben doch länger, sagten Sie das nicht?«

»Ich denke schon«, gab Olivia bereitwillig zu, der kurze Satz klang in Lady Cardoons Rücken aus.

»Nehmen Sie ihr ihre etwas herablassende Art bitte nicht übel«, Mrs Grahams helle Stimme verhehlte den Ärger nicht ganz. »Sie wird mit den Jahren immer kühler im Ton und ich kann das so gar nicht vertragen.«

»Haben Sie denn viel mit ihr zu tun?«

»Ja und nein. Dienstags sitzt sie seit einigen Wochen vorn an der Bücherausgabe, sie ist vorübergehend für eine sehr nette Frau eingesprungen. Ich glaube, die Kinder kommen nun vermehrt an den anderen Tagen.«

»Das stimmt! Ich kann sie gar nicht leiden!«

»Aber Jemima, nimm es nicht persönlich. Sie kommt einfach aus einer anderen Gesellschaftsschicht. Und hier im Ort ist sie die einzige aus dieser Welt, das ist sicher auch für sie schwierig, weißt du?«

»Weiß ich. Darf ich mal an die Bücher, vor denen Sie stehen, bitte.«

Mrs Graham trat freundlich beiseite. »Das ist Jemima«, wandte sie sich mit einer einladenden Handbewegung wieder an Olivia.

»Und ich bin Viola.«

»Hab ich schon gehört.«

»Und ich dachte, du bist tief in dein Buch versunken.«

»War ich auch. Ich weiß nicht, wann Sie gekommen sind. Aber ich habe vorhin zugehört, als die alte Distel mit Ihnen geredet hat.«

Das Entsetzen von Mrs Graham beantwortete Olivia mit kaum zurückgehaltenem Gelächter. »Jemima, Cardoons sind die hohen, sehr schönen Silberdisteln. Stechen tun die anderen, die Thistles, die auf den Wiesen zwischen den Blumen wachsen und einen in die Fußsohlen beißen; du weißt, die Dinger, die Iaah vorgibt, so gerne zu fressen.«

»Sie mögen die Geschichten von Pooh?« Jemima strahlte. Doch umgehend schob sie die Schultern nach hinten: »Obwohl ich sie jetzt nicht mehr lese!«

»Warum nicht? Ich lese sie immer wieder, auch heute noch, wenn ich mich ganz schlecht fühle, zum Beispiel nach einem gruseligen Traum, mitten in der Nacht.«

»Das hilft?«

»Bei mir immer. Versuch es mal.« Mit einer leichten Geste auf das Regal, das sie blockierte, trat Olivia beiseite und ging mit ihrer Gastgeberin zurück in die Diele. Mrs Higham nahm gerade mehrere Bücher zurück, von einer großen, ernsten Frau mit schneeweißen Haaren, zu einem Knoten verschlungen. Sie redeten freundlich miteinander. »Irgendwo hier, Mrs Graham, standen doch die Bücher über Kent.« Olivia ließ sich im Schneidersitz davor nieder.

⋆

Das Abendessen begann mit Avocadoscheiben, die Raymund wie angekündigt mit Peperoni bestreut hatte, dazu Tomaten und Brot. Olivia hatte die Küchenvorhänge wie zwei Abende zuvor zugezogen und die beiden Kerzen auf dem Esstisch angezündet. Und sie steckte in ihren eigenen schmalen schwarzen Hosen. Das großgeblümte Gebilde aus Wangaris Laden lag bei den anderen seiner Art oben in Anns Zimmer.

»In eurer Bücherei ist ganz schön Betrieb, ich bin ein wenig überrascht. Die meisten leihen auch wirklich Bücher aus.«

»Sicher. Deswegen kommen sie ja.«

»Schon, aber es ist doch auch ein Treffpunkt, oder nicht? Viele reden miteinander, in allen Räumen. Ich kenne eine Dorfbücherei, in der heiliges Schweigen selbstverständlich ist.«

»Das ist aber doch Unsinn, oder? Es handelt sich ja nicht um eine Bibliothek, in der gearbeitet wird. Schließlich darf man alle Bücher mit nach Hause nehmen. Natürlich reden die Leute gern, erst einmal über Bücher. Von da kommt man weiter zu allen möglichen Sachen, das ist ganz natürlich. Aber die, die von vorne herein lieber über andere Dinge reden, treffen sich dazu auch woanders. Glaube ich zumindest.«

»Raymund, was weißt du über Lady Cardoon?«

»Hat sie dich gebissen?«

»Sie konnte sich gerade noch zurückhalten, in aller kühlen Herablassung natürlich, aber nur, weil ich vorgab, nicht die zu sein, für die sie mich hielt, nämlich deine detektivische Nichte.«

Raymund lehnte sich grinsend zurück: »Man erinnert sich also tatsächlich an diese Geschichte. Ich wusste es! Ein Teil des sogenannten kollektiven Gedächtnisses. Mrs Graham weiß es jetzt auch wieder und die Erinnerung rollt. Bin gespannt, ob etwas davon an meinen Ohren vorbeizieht – aber etwas viel wichtigeres: Was hast du über dich erzählt – heute – ganz allgemein?«

»Nur, dass ich meine Cousine bin, die – oh mein Gott, Raymund! Heute Vormittag habe ich einen Fehler gemacht!« Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie ihn an.

Er wartete gelassen und aß seine Avocado weiter.

»Dilettantenscheiße! Richtige Dilettantenscheiße!« Erschrocken richtete Marmalade sich unter ihren weichen Decken auf und starrte zum Tisch hinüber.

»Kein Grund zur Beunruhigung«, teilte Raymund ihr nüchtern mit und zu seiner Nichte gewandt: »Könntest du etwas genauer werden?«

»Das Wort stammt von Marlene Dietrich und trifft meinen Fehler haargenau.«

»Die Herkunft dieses spannenden Wortes beschäftigt mich gerade nicht so sehr!« Raymund legte das Besteck beiseite und lehnte sich zurück, schließlich fragte er: »Hast du Fulham erwähnt? Bitte erinnere dich genau.«

Exakt das war es, was Olivia während seines Nachdenkens versucht hatte. »Nein, das nicht. Aber ich erzählte von meinen Großeltern, dem Verschwinden meines Vaters und dem daraus sich ergebenden Umzug nach Salzburg. Von meiner Mutter und ihrer Arbeit im Fundus der Festspiele und was ich dort trieb, jedenfalls ein wenig darüber.«

Raymund hüllte sich erneut in Schweigen. Als er sich aufrichtete, begann er, mit dem Zeigefinger unsichtbare Linien auf die Tischplatte zu zeichnen: »Wir müssen die Trennlinie zwischen Viola und Olivia verschieben und jetzt sehr genau festlegen. Mein Vorschlag ist folgender: Olivia ist Übersetzerin und Journalistin und lebt in Fulham. Nichts mehr über ihre Verhältnisse. Wie kämst du auch dazu, über sie zu reden. Im Verzweiflungsfall ist sie die Tochter eines Cousins von mir. Ich darf sie dann noch immer als ›Nichte‹ bezeichnen, da wir uns recht nahe stehen. Das müssen wir uns beide merken!«

»Verstehe.«

Ein Lächeln stahl sich zurück in Raymunds Augenfalten. »Du bist die Tochter meiner Schwester. Darüber, wie sie ihren Ehemann verlor und welche Konsequenzen sich daraus für sie ergaben, wurde sicher irgendwann geredet, von mir vielleicht nicht, aber von Ann vermutlich schon. Wer diese Fakten mit Olivia in Verbindung bringt, hat halt irgendetwas verwechselt. Darauf kannst du bestehen, denn wer außer Aphra darüber spricht, hat es nicht aus erster Quelle, behaupte ich jetzt mal. Evelyn Cardoon jedenfalls nicht. Ann konnte sie nicht leiden.«

»So definitiv?«

»Ja. Du musst dir klarmachen, dass Ann hier aufgewachsen ist, und diese Distel auch, sie kennen sich oder kannten sich, seit sie laufen können, gingen zumindest anfangs in dieselben Schulen und so weiter. Als wir vor vier Jahren hierher kamen, erfolgte eine Einladung ins Herrenhaus, nur für Ann, nicht für mich. Wir nahmen folglich an, um die alten Zeiten aufleben zu lassen. Damit wollte sie mich sicherlich nicht langweilen – Ann brauchte gerade mal diesen einen Tee mit Evelyn Cardoon, um zu beschließen, ihr weitest möglich aus dem Weg zu gehen.«

»Aber warum? Wenn sie Ann eingeladen hat, wird sie doch auch gastfreundlich gewesen sein.« Olivia erkannte ihre Tante in dieser etwas rüden Reaktion nicht wieder.

»Ann kehrte damals einigermaßen fassungslos zurück. Sie konnte nicht verstehen, dass ein Mensch sich sein ganzes Leben hindurch so wenig verändert haben sollte – das waren ihre Worte.«

»Und was meinte sie damit?«

»Evelyn Cardoon hat wohl in der Schule schon versucht, die erste Geige zu spielen und den anderen zu sagen, wo es langgeht. Ann mochte das damals nicht und erst recht nicht als reife Frau. Wie du dir das bei einem zweisamen Tee konkret vorzustellen hast, überlasse ich dir. Ann meinte damals, es müsse erlaubt sein, soviel Zucker in den Tee zu tun, wie man wolle oder auch gar keinen. Wenn dabei schon Schwierigkeiten auftauchen, sollte man die Beziehung nicht ausbauen – nun ja.« Raymund lächelte ein wenig traurig.

Nach einer Pause fuhr er nüchtern fort: »Evelyn Cardoon ist der letzte Spross eines sehr alten Geschlechtes und in ihr scheinen sich wie zu einem Finale alle negativen altadeligen Eigenschaften versammelt zu haben, lass es mich so zusammenfassen. Ich persönlich habe so gut wie nichts mit ihr zu tun, ich erzähle nur, was ich gehört habe.« Raymund nahm sein Besteck wieder auf.

»Trotzdem passt die Reaktion nicht zu Ann«, grübelte Olivia über ihrem Teller.

»Nun ja…« Raymunds Blick verlor sich im Garten. »Ich nehme an, du weißt, dass Ann in diesem Haus aufgewachsen ist. Kurz nach dem Tod ihres Vaters wurde auch ihre Tante Sophie, die Schwester ihrer Mutter, Witwe und bei einem längeren Besuch hier in Howlethurst beschlossen die Schwestern, in diesem Haus gemeinsam alt zu werden. Anns Mutter starb als erste und vor fünf Jahren dann Tante Sophie. Ann erbte das Haus, das weitere kennst du.«

»Ja, stimmt, aber Anns Reaktion auf den Besuch im Herrenhaus erklärt das noch nicht, oder bin ich so blind?«

Raymunds Blick kehrte wieder in den Garten zurück, fast so, als würde er seine Frau dort draußen sehen. Olivia beobachtete eine zunehmende Traurigkeit um seine Augenwinkel. »Na ja, das war so: Ann liebte dieses Haus und dieses Land. Ein wenig hatte sie immer Heimweh nach Kent. Aber sie verspürte keine Neigung, alte Beziehungen nach einem langen, freien Leben rein aus Gewohnheit wieder aufzunehmend. Also bestand sie darauf, quasi als Fremde zurückzukehren und abzuwarten, zu welchen Nachbarn sich angenehme Beziehungen ergeben würden, aus der Gegenwart heraus und zwischen den Menschen, die sie jetzt waren. Sie beschäftigte sich mit dem Umbau des Hauses und dem Garten, den sie aus der entstandenen Wildnis hervorlockte und ließ sich mit den Menschen Zeit.«

»Das klingt nach der Vorstellung von einem guten und noch langen Leben…« Olivia schauderte leicht.

Raymund schien es zu spüren. Fest legte er seine Hand auf die ihre. »Wir waren überzeugt, noch einen ganzen Lebensabschnitt vor uns zu haben. Und wir wollten ihn sehr bewusst gestalten. Der Plan war gut.« Er drückte noch einmal Olivias Hand, bevor er die seine wieder zu sich nahm. Beide vermissten Ann gerade fast schmerzlich.

Olivia wehrte sich als erste: »Und Lady Cardoon – ließ sie die Sache dabei bewenden?«

»Erstaunlicherweise nein. Sie unternahm noch einen Versuch, Ann für sich zu gewinnen, aber Ann blieb bei ihrer freundlichen Distanz.«

»Heißt?«

»Sie blieb stehen, wenn man sich traf, sprach sie im Supermarkt in Tenterden auch an, statt um die Regalecke zu verschwinden, lud sie aber nicht einmal zu einem Gegentee ein.«

»Au ha!«

»Richtig. Aber du erkennst leicht, dass sie ihr gegenüber nicht auf die Idee kam, über meine Verwandtschaft zu reden.«

»Verstanden – kurzer Blick auf den Schlachtplan: Meine Kindheit in London und Salzburg ist wirklich die meine, aber ich vermeide, sie in Fulham zu verorten, am besten überhaupt auf London zu sprechen zu kommen.«

»Ich halte das für das beste. Du kannst von Salzburg erzählen, wenn es denn sein muss. Aber deine Beziehung zu London solltest du auf Wangari Aulton und ihre Boutique in St. John’s Wood beschränken. Meinetwegen erfinde eine Boutique in Salzburg, für die du ebenfalls Stricksachen entwirfst. Und wenn du sehr dynamisch sein willst, eine in Wien. Nur bitte, lass es mich jeweils wissen.«

Nachdenklich schob Olivia die Peperonistückchen zu Mustern zusammen. »Es überrascht mich, wie unaufmerksam ich sein kann. Wenn ich mich an das Gespräch mit Susan erinnere, regt sich immerhin die Hoffnung, dass weiter kein Schaden daraus entstanden ist. Susan dürfte in den nächsten – für uns wichtigen – Wochen kaum zu einem der hiesigen Bewohner so engen Kontakt bekommen, dass sie über mich spricht.«

»Gut. Auch wenn man nie ganz sicher sein kann. Es ist wichtig, dass du dich an unsere neue Linie sehr getreu hältst. Denn auch in Susans Ohren sollte kein Widerspruch aufklingen, wenn sie von dir hört. Vergiss nicht, andere reden vielleicht gern.« Ihm entfuhr ein kurzer Seufzer: »Ich bin so pedantisch, weil ich um deine Sicherheit besorgt bin. In dieser Hinsicht ist es wichtig, dass auch Susan keinerlei Zweifel an deiner Identität bekommt. Solange behältst du einen freien Rücken.«

Olivia stimmte ihm zu: »Also zurück: Was kannst du mir über diese etwas befremdliche Lady Cardoon erzählen?«

»Ich will gerade den Eintopf holen, dann können wir sitzenbleiben. Lass den Brotkorb ruhig stehen, manchmal mag man noch ein Stück.«

Langsam und sorgfältig schöpfte er Erbseneintopf in ihre tiefen Teller. »Wieder aufgewärmt schmeckt er am besten, du wirst sehen. Nach meinem Nachmittag in der Bücherei koche ich nämlich nie.« Für einen Moment konzentrierten sie sich ganz auf den heißen Eintopf. Olivia blies sanft jeden einzelnen Löffel und genoss mit ungeteilter Aufmerksamkeit die Lieblingsspeise ihrer Kindertage. Raymund beobachtete sie dabei und freute sich.

»Es ist merkwürdig, denke ich gerade«, er ließ den Löffel sinken und schaute erneut hinaus in den dunklen Garten, »ich kenne Lady Cardoon persönlich ziemlich schlecht, und doch weiß ich eine Menge über sie. Von Ann das meiste und einiges von Aphra und Roger, alles sehr zuverlässige Quellen. Ich hole etwas aus, zum Verständnis erscheint es mir wichtig. Die Familie Cardoon lebt in Kent seit mindestens fünfhundert Jahren. In der Regierungszeit von Elisabeth der Ersten bauten ihre Vorfahren das Herrenhaus, in dem sie lebt. Es ist sehr schön, jedenfalls von außen, von innen kenne ich es ja nicht. Dir wird es auch gefallen: Das Erdgeschoss besteht aus Ziegelmauern, abwechselnd mit Fachwerk, in diesem Fall sind es senkrechte Balken mit weißen Feldern dazwischen, der erste Stock ist durchgehend schwarz-weiß gestreift mit einem großen Erker, der bis ins Dach hinaufreicht. Die ganze Pracht steht in einem formalen Garten mit überquellenden Blumenbeeten im Sommer. Die Mutter der jetzigen Lady soll eine auffallende Begabung für Gartengestaltung und Pflege gehabt haben, ich habe sie nicht mehr kennengelernt. Ihre Tochter pflegt das Erbe, aber sie ist, wie wir vorhin schon festhielten, die letzte Cardoon. Nicht schön – denke ich mir.«

»Hatte die Familie Einfluss in der Gegend?«

»Ich glaube nicht, jedenfalls nicht in den letzten Generationen. Davor waren sie Großgrundbesitzer mit den Pflichten und der Möglichkeit zu Macht und Willkür, wie aller Landadel. Sie werden es unterschiedlich gehandhabt haben, es redet heute niemand mehr darüber, scheint mir. Ich weiß auch nichts über eine verzweigte Verwandtschaft. Wenn es dir wichtig erscheint, werde ich es herausfinden. Die letzte Cardoon – es ist ganz normal, dass Familien aussterben, aber für den Betroffenen habe ich mir die Situation immer scheußlich vorgestellt.«

»Klassische Frage: Wer erbt ihren Besitz?«

»Keine Ahnung. Ich werde die Frage an Roger weitergeben.«

Olivia nickte: »Mach das, schon damit er nicht vergisst, dass wir an der Arbeit sind – hast du einen Vorschlag für morgen?« Als Raymund so auf Anhieb nichts einfiel, ergänzte sie: »Unser Ausgangspunkt ist der Tod von Delia Large.«

Raymund löffelte langsam weiter, hin und wieder gab er unbestimmte dunkle Töne von sich. Schließlich ließ er seinen Löffel wieder mal sinken und lehnte sich zurück: »Man muss mit den Leuten reden, wenn man weiterkommen will. Meine Sorge ist, dass die Betroffenen ihrerseits weiterdenken, wenn du sie sich selbst überlässt.«

Ein verschmitzter Blick war die Antwort: »Tun sie sicher. Aber nicht zwangsläufig in dieselbe Richtung wie ich. Ist dir jemand eingefallen?«

»Ja, tatsächlich. Morgen ist Freitag. Freitags kommt Sira zu Mrs Large zum Putzen. Du wirst sie mögen: Sie ist groß und breit und immer guter Laune. Von jener Laune, die ansteckend ist. Wenn ich sie treffe und wir zwei beiläufige Sätze über das Wetter wechseln, ist der Tag anschließend ein guter Tag. Phänomenal…«

»Dann liegt ein guter Tag vor mir.«

Kapitel 7

Als Olivia sich am nächsten Vormittag auf den Weg zu Susan machte, begleitete Marmalade sie, beiläufig, aber konsequent. Während Olivia vor der Haustür stehenblieb, ging sie an ihr vorbei ins Beet und blieb an der Hausecke stehen. Die zwei tauschten einen Verschwö-rerblick, bevor die Tür aufflog. Im Rahmen stand eine Schwarze, den Kopf voll unzähliger kleiner Zöpfe und einem Strahlen in den Augen.

»Guten Morgen – Susan ist nicht da?«

»Gerade nicht. Sie ist aber nur zum Bäcker gegangen. Möchten Sie nicht hereinkommen und auf sie warten?« Als Olivia scheinbar zögerte, trat die Frau mit einer einladenden Armbewegung ins Innere des Hauses beiseite. »Kommen Sie ruhig. Es wird sicher nicht lange dauern.« Zufrieden schloss sie hinter Olivia die Tür und führte sie ins Wohnzimmer. »Ich freue mich, dass Sie nach der jungen Frau fragen. Sie ist wirklich ganz allein.«

»Und Sie? Sie sind auch hier.«

Ein dunkles, fröhliches Lachen schien den ganzen Raum zu füllen. »Ich bin die Putzfrau, keine Gesellschaft. Ich habe schon Mrs Large das Haus gepflegt, es ist ein sehr schönes Haus.«

Chippendale-Möbel standen auf dicken Perserteppichen mit blau und weiß als Grundfarbe, über dem Kamin hing ein großer Stich von den Türmen von London, denen von Christopher Wren. Olivias Blick flog darüber hin und kehrte zu der Frau zurück, sie war normal groß, vollschlank und sah sie mit ihrem Lächeln in den Augen an. »Sie klingen, als würden Sie sich der Familie verbunden fühlen…«

»Natürlich. Die kleinen Sorgen des Alltags verbinden einen über die Jahre miteinander.«

»Ahnten Sie, dass Mrs Large sterben würde, bevor Susan aus Indien zurückkam?« Olivia war von ihrer Frage überrascht, noch mehr aber von der Antwort.

»Die letzten Tage vor ihrem Tod teilte es sich mir mit!« Als Olivias Augen wartend an den ihren hängen blieben, ergänzte sie schließlich zögernd: »Ich träumte von einer Eule. In der ersten Nacht hörte ich sie rufen, als ich aufwachte. Ich höre sie manchmal in der Nacht. Aber deswegen träume ich noch nicht von ihnen. Nur in den Tagen vor Mrs Larges Tod. Ganz regelmäßig.«

»Sie brachten Ihre Träume mit dem Tod zusammen? War das davor auch schon so?«

Die dunklen Augen, die in die von Olivia sahen, lächelten nicht mehr, ihr Gegenüber schien die unterdrückte Aufregung zu spüren. Sie sah sie verständnisvoll an: »Ich träume immer wieder mal vorausschauend, aber ich bin sehr vorsichtig. In jenen Tagen spürte ich, dass irgendetwas Mrs Large beunruhigte. Wäre ihre Nichte in England gewesen, hätte ich sie benachrichtigt, aber Indien ist zu weit weg.«

»Wie oft kamen Sie?«

»Montags und mittwochs für eine halbe Stunde oder so, ich putzte die Bäder, wenn nötig räumte ich die Küche auf, freitags war Putztag und ist es immer noch, und ich brachte Mrs Large jeden Morgen frisches Brot und Milch. Entschuldigen Sie…« sie eilte zur Haustür.

»Sira… Viola… das ist ja schön! Dann frühstücken wir jetzt alle zusammen!«

Schnell war ein weiteres Gedeck auf den Küchentisch gestellt und Sira schenkte dampfenden Tee ein. »Schaut mal«, Susan stand am Küchenfenster und trocknete sich die Hände ab, »die Katze schaut mich an, als hätte sie etwas Wichtiges zu sagen.« Draußen saß Marmalade und regte sich nicht, auch nicht, als drei Augenpaare durchs Fenster zu ihr hinübersahen.

»Die Katze von Mr Fisher.« Siras Augen streiften Olivia: »Sie weiß etwas, dass uns interessieren würde, da bin ich mir sicher. Vielleicht lernen Sie im Laufe der Zeit, sie zu verstehen.«

⋆

Sira machte sich bald wieder an die Arbeit, während Susan und Olivia in Ruhe weiter Tee tranken. Doch der Tag war allzu strahlend, um lange im Haus zu bleiben. »Lady Cardoon ist in den Bus nach Tonbridge gestiegen… ich kann sie mir gar nicht in London vorstellen…, aber vielleicht will sie da ja auch gar nicht hin. Jedenfalls ist sie weg und wir könnten einen Spaziergang zum Herrenhaus machen. Ich bin da noch nie gewesen.« Olivia war selbstredend einverstanden und mit einigen Hinweisen von Sira machten sie sich auf den Weg.

Sie gingen die Hauptstraße hinunter, vorbei am Hotel und am Pub. Die Gestalt mit dem wehenden Blumenrock, die Olivia schon früher gesehen hatte, überholte sie auf ihrem Fahrrad. Jetzt im Vorbeiflug sah Olivia, dass sie kurzgeschnittene rote Haare hatte und ihrer äußeren Erscheinung zum Trotz schon älter war, an die Sechzig, könnte sein. »Wer ist das?«

»Sie sitzt oft am Postschalter im Dorfladen und wenn sie das nicht tut, radelt sie durchs Dorf. Vielleicht trägt sie Telegramme aus.«

»Heutzutage? Vielleicht. Vielleicht ist das Leben auf dem Lande unveränderlicher als man glaubt.« Olivia wunderte sich jedenfalls.

Sie überquerten die Straße, die nach Norden durch den Wald, in dem das Internat lag, nach Sissinghurst führte. Kurz darauf bogen sie nach links in eine schmale Fahrstraße ein, die in ein Wäldchen verschwand. Wie an den Waldrand geschmiegt stand hier ein kleines Haus, schwarz-weiß und mit bleiverglasten Fenstern, umgeben von einem schwarz gestrichenen Zaun, der Garten angefüllt mit Farnen und Gräsern, im Sommer blühten sicherlich Blumen in den Zwischenräumen. Es schien bewohnt zu sein, der Schornstein rauchte. Hinter der nächsten Kurve gab der kleine Wald den Blick auf das weich gewellte Weideland frei. In einer Mulde lag das alte Tudorhaus. Olivia erkannte es sofort. Raymund hatte mehr als recht! Es musste einem einfach gefallen.

»Zwick mich!« murmelte Susan leise. Die beiden jungen Frauen waren inzwischen über anfängliche Förmlichkeiten hinaus. »Das ist wie aus einer alten Geschichte ›Es war einmal…‹« Langsam folgten sie der schmalen Straße. Dabei sahen sie immer wieder einen Teil des Hauses, doch allmählich immer weniger und nichts vom Garten. Das Schild ›Gästezimmer‹ nahmen sie als Aufforderung, in den Privatweg abzubiegen. Durch ein schwarz gestrichenes Holztor kamen sie an der Rückseite des Herrenhauses in einen dreieckigen Hof, rechterhand von einem langgestreckten Stallgebäude begrenzt und geradeaus von einer Gartenmauer. »Und nun?«

Susans enttäuschtes Gesicht hätte Olivia fast gerührt, doch dazu war sie zu spürbar auf dem Kriegspfad. »Wir scheinen den Hintereingang genommen zu haben, warum auch immer ›Gästezimmer‹ daran steht. Schließlich wird Lady Cardoon nicht den Stall vermieten.« Ein gleiches Schild fand sich ungefähr dreißig Meter weiter an einem Fußweg zwischen einer Hainbuchenhecke. Er führte zu einer schwarzen Gartenpforte, hinter der sie einen ersten Blick auf den Garten werfen konnten. Buchsbaumumrahmte Blumenbeete beherrschten den Eindruck. In den Beeten regte sich der Frühsommer. Susan begrüßte in ihrer Begeisterung jede Osterglocke, die im Verblühen noch über den Rand eines Beetes winkte, Olivia ließ derweil ihre Augen möglichst unauffällig über die Fenster gleiten. Es war nichts und niemand zu bemerken. Ein lautes Quaken schreckte sie beide aus ihren Betrachtungen. Laut schnatternd watschelte eine große weiße Ente auf dem schmalen Pfad zwischen den Buchsbaumbegrenzungen von der Hausecke heran. Zielstrebig steuerte das Tier auf die Pforte zu und baute sich laut rufend vor den beiden Friedensstörerinnen auf. Fassungslos starrte Susan das aufgeregte Tier an: »Ist das nun Jemima Puddleduck oder ihre Cousine Rebecca? Was meinst du?«

»Frag sie mal«, schlug Olivia vor. Im gleichen Augenblick sah sie einen Mann in Arbeitskleidung um die Ecke schlurren, dessen faltiges Gesicht sie an eine Luftaufnahme der Alpentäler denken ließ. Sein Alter zu schätzen, war hoffnungslos. Konnte sein, dass er kurzsichtig war, jedenfalls hellte sein Blick sich erst auf, als er nah herangekommen war. Die freundliche Begrüßung quittierte er mit einer ruhigen Bewegung seiner Hand über den weißen Entenkopf. Ein letzter Schrei aus voller Kehle, dann schloss das Tier den Schnabel und senkte den Kopf.

»Wir versuchen gerade zu erraten, welche Stauden hier aus der Erde kommen und wie schön alles in wenigen Wochen aussehen wird«, erweiterte Olivia die Begrüßung.

»Ja, ganz richtig, das sind alles Stauden. Die alte Lady hat sie gesetzt.«

»…und sie sind durch gute Pflege auf dem Weg zur Unsterblichkeit…«

»So ungefähr. Ich teile sie halt immer wieder mal und nehme die alten Teile dabei weg, gebe den Wurzelstöcken neue Erde… wie das so geht… aber ich verändere damit nichts, da haben Sie schon recht.« Er räusperte sich: »Die jetzige Hausherrin ist nicht da und auch sonst niemand. Wenn Sie wollen, kommen Sie herein, ich zeige ihnen den Garten.«

»Aber…«, Susan fuhr ein wenig zurück, »das geht doch nicht.«

»Doch, geht. Ist in gewisser Weise auch mein Garten, ich pflege ihn schon ewig. Und eine solche Pracht muss man mit anderen teilen, jedenfalls wenn es die anderen auch freut… und so sehen Sie mir aus.« Er schlurrte zwei weitere Schritte vor und entriegelte die Pforte: »Bitte sehr, meine Damen. Joe, du übernimmst die Nachhut.« Sorgfältig sicherte er hinter ihnen die Pforte und übernahm die Führung. Die Ente, die scheinbar ein Enterich war, watschelte am Schluss. So bewegte sich der Gänsemarsch, oder besser der Entenmarsch, auf dem schmalen Pfad zwischen dem Buchsbaum.

Die Führung an den zahllosen Beeten entlang war so ausführlich, wie nur ehrliche Begeisterung sie zuwege bringt. Der alte Gärtner spürte sie in den vielen Fragen Olivias. »Wenn ich mich umschaue«, sinnierte sie endlich, »müsste Ihre Herrschaft Roses oder Cardoon heißen oder eine der beiden Blumen schmückt wenigstens das Familienwappen.« Abwartend sah sie ihn an.

»Was Sie nich’ sagen… keine Ahnung von einem Wappen. Aber Cardoon heißt die Familie wirklich. Die jetzige Besitzerin ist auch stolz darauf. Sie hat die vielen verschiedenen Distelarten gepflanzt. Zwischen all den Margeritenstauden sehen sie im Hochsommer auch wirklich gut aus. Hätte ich gar nich’ so gedacht… früher hatten wir nie welche, wissen Sie. Dort hinten«, er zeigte auf eine Art Gartenpavillon, der die Nordwestecke des Gartens markierte, »wachsen die größten. In guten Jahren werden die Pflanzen an die zwei Meter hoch und bekommen viele dunkellavendelfarbene Blüten, ein bisschen so wie die von Artischocken. Zusammen mit dem silbernen Laub sieht das schon gut aus… eigenwillig… aber gut.«

Olivia ging ein wenig näher. Ratlos sah sie ihren Führer an: »Aber dann blockieren die Pflanzen diese Gartenecke völlig… ist das so?«

Er räusperte sich, möglicherweise ein wenig unbehaglich, war ihr vager Eindruck, bevor er sich einen Ruck gab: »Wissen S’e, das dahinter ist das Familiengrab. Dort sind die Urnen von all den toten Cardoons… auch von den Eltern der jetzigen… und dort wird sie auch einmal enden.«

»Ach du lieber Himmel!« entfuhr es Olivia. »Entschuldigung«, bat sie gleich im Anschluss, »aber das frappiert mich etwas.«

Der alte Diener nickte verständnisvoll: »Iss so, aber eigenwillig, das auch… iss nun mal Tradition. Aber schauen Sie«, jetzt zeigte er zur Südwestecke, »der Pavillon dort ist den ganzen Sommer hindurch mit roten Rosen überwachsen, so vielen, dass man den Sommer hindurch eigentlich nirgend woanders hinschaut. So ist dann alles in Ordnung. Ich zeig’s Ihnen später mal, wenn Sie wollen.«

Susan nutzte diesen gastfreundlichen Ausblick, um sich zu bedanken und zu verabschieden. Olivia folgte ihr, nachdem sie mit ihrem Dank an den alten Gärtner die Bitte verbunden hatte, in einigen Wochen wiederkommen zu dürfen.

Als der Weg sich hinter einem weiteren kleinen Stück Wald zwischen die offenen Weiden senkte, fand Susan endlich ihre Sprache wieder: »Es gibt entschieden merkwürdige Züge an diesem Landstrich.«

»Du magst Gräber einfach nicht, nicht wahr?« Susan schüttelte den Kopf. »Die Gräber nicht oder die Toten?«

»Wo ist da der Unterschied?« Susan schlang die Arme um ihren Oberkörper.

»Im einen Fall sind es einfach Gegenstände: Urnen mit Asche gefüllt. Im anderen Fall irgendeine Form von Gegenüber, könnte ich mir denken…«

»Du meinst, weil ich gestern gesagt habe, die Toten können uns vielleicht hören? Dass das auf die Asche nicht zutrifft… ich weiß es nicht… Ich finde diese Totenecke jedenfalls ziemlich gruselig. Stell dir mal vor, du sitzt an einem schönen Sommertag auf der Terrasse – im Angesicht der Toten. Was immer du im Garten tust – im Angesicht der Toten. Und selbst im Haus, am Abend, wenn du drinnen die Lichter anzündest, anschaltest, was immer, von draußen der Blick der Toten. Sie sind immer da und du weißt von ihnen eine ganze Menge, schließlich sind sie alle deine Verwandten. Sicher fängst du irgendwann an, mit Ihnen zu reden, in Gedanken natürlich, aber doch. Das kann nicht gut sein, nicht für das Leben!«

Die nächsten vielen Meter schwiegen beide. »Hast du in Indien viele Tote gesehen?« nahm Olivia den Faden behutsam auf.

Überrascht sah Susan sie an. »Ja, sicher. Dort ist der Tod Teil des Lebens. Viel wirklicher als hier in England. Aber Indien ist weit weg. Es liegt hinter mir.«

Jetzt wechselte die Überraschung zu Olivia: »So schnell? Wie geht das?«

»Es ist einfach passiert. Als ich das Haus betrat. Tante Delias Anwalt hatte mir die Schlüssel gegeben, in London. Ich stand ein paar Atemzüge lang in der offenen Tür und schaute mich um. Dann schloss ich die Haustür. Als ich mich danach wieder umdrehte, schien das Haus mich zu begrüßen. Seitdem haben wir ein schweigendes Übereinkommen: Ich sorge mich um das Haus und im Gegenzug wird es mir immer Geborgenheit geben. Das, was ich nie hatte.«

»Redest du mit deiner Tante, im Geiste, meine ich?«

»Nein, das nicht. Ich frage mich manchmal, was sie jetzt an meiner Stelle täte, aber das ist etwas anderes. Tante Delia ist nicht mehr da. Das Haus ist ganz meines. Sira sagte das auch schon.« Viele Meter später fuhr sie fort: »Tante Delia war immer ein Gegenüber, eine Gesprächspartnerin, die Ratschläge gab, half Vorstellungen zu besichtigen, Ideen zu entwickeln. Nie hätte sie die Entscheidung beeinflusst. Sie ließ mich immer völlig frei. Und so ist ihr Haus jetzt das meine, da sie es nicht mehr bewohnen kann.«

In einem Bogen gelangten sie, dieses Mal aus der anderen Richtung, zu dem weißen Farmhaus mit den grünen Fensterläden in dem großen Garten. In ihm ging eine alte Frau mit zwei Stöcken langsam spazieren. Susan begrüßte etwas später Mrs Mellings Esel. Langsam und schweigend stiegen sie nach Howlethurst hinauf. In dem Wäldchen unterhalb der Kirche begegneten sie Mrs Melling selbst. Sie trug ein Netz mit Lebensmitteln, wie Olivia es seit Kindertagen nicht mehr gesehen hatte. Es funktionierte einwandfrei. Susan übernahm die Vorstellung.

»Sie sind also die Nichte von Mr Fisher?« Mrs Mellings Interesse war nicht zu übersehen.

»Eine Nichte«, korrigierte Olivia.

Der musternde Blick wurde aufmerksamer: »So, ja dann… Wir treffen uns sicher wieder.« Sie nickte beiden zu und ging an ihnen vorbei den Hang hinunter. Susan wunderte sich offensichtlich, aber sie schwieg. Sie waren den Toten und den Lebenden für ihren Geschmack wieder zu nah gekommen.

The free sample has ended.

Age restriction:
0+
Release date on Litres:
10 November 2024
Volume:
362 p. 4 illustrations
ISBN:
9783746727776
Publishers:
Copyright Holder::
Bookwire
Download format:

Similar books