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Franz Grillparzer

Die Jüdin von Toledo


Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2020

goodpress@okpublishing.info

EAN 4064066108571

Inhaltsverzeichnis

Personen

Erster Aufzug

Zweiter Aufzug

Dritter Aufzug

Vierter Aufzug

Fünfter Aufzug

"

Historisches Trauerspiel in fünf Aufzügen

————————————————————————————————-

Personen:

Inhaltsverzeichnis

Alfonso VIII., König von Kastilien

Eleonore von England, dessen Gemahlin (Tochter Heinrichs II.)

Der Prinz, beider Sohn

Manrique, Graf von Lara, Almirante von Kastilien

Don Garceran, dessen Sohn

Doña Clara, Ehrendame der Königin

Die Kammerfrau der Königin

Isaak, der Jude

Esther und Rahel, dessen Töchter

Robert und Ramiro, des Königs Knappen

Alonso, Diener

Standesherren, Hofdamen, Bittsteller, Diener und Leute aus dem Volk

Ort der Handlung: Toledo und Umgebung

Zeit: um das Jahr 1195

Erster Aufzug

Inhaltsverzeichnis

Im königlichen Garten zu Toledo.

Isaak, Rahel und Esther kommen.

Isaak.

Bleib zurück, geh nicht in Garten!

Weißt du nicht, es ist verboten?

Wenn der König hier lustwandelt,

Darf kein Jüd'—Gott wird sie richten!—

Darf kein Jüd' den Ort betreten.

Rahel (singt).

La, la, la, la.

Isaak.

Hörst du nicht denn?

Rahel.

Ei, wohl hör ich.

Isaak.

Nun, und weichst nicht?

Rahel.

Hör, und weiche doch nicht.

Isaak.

Je, je, je! Was sucht mich Gott?

Gab doch meinen Deut den Armen,

Hab gebetet und gefastet,

Weiß nicht, wie Verbotnes schmecket,

Je, und dennoch sucht mich Gott!

Rahel (zu Esther).

Ei, was zerrst du mich am Arme?

Und ich bleib und gehe doch nicht.

Ich will mal den König sehen;

Und den Hof und all ihr Wesen,

All ihr Gold und ihr Geschmeide.

Soll ein Herr sein, weiß und rot,

Jung und schön, ich will ihn sehn.

Isaak.

Und wenn dich die Knechte fangen?

Rahel.

Ei, ich bitte mich wohl los.

Isaak.

Ja, wie deine Mutter, gelt?

Die sah auch nach schmucken Christen,

War nach Misraims Töpfen lüstern.

Hielt ich sie nicht streng bewacht,

Glaubt' ich—nu, Gott wird verzeihen!—

Deine Torheit stamme dorther,

Sei ein Erbteil schnöder Christen.

Da lob ich mein erstes Weib,

(zu Esther) Deine Mutter, brav wie du,

Wenn auch arm. Was nützte mir

Auch der Reichtum jener zweiten?

Hat sie nicht damit geschaltet,

Schmaus und Gastgebot gehalten,

Schmuck gekauft und Edelstein?

Schau! sie ist wohl ihre Tochter!

Hat sie sich nicht rings behangen,

Prangt sie nicht in stolzen Kleidern,

Als ein Babel anzusehn?

Rahel (singend).

Bin ich nicht schön,

Bin ich nicht reich?

Und sie ärgern sich,

Und mich kümmert's nicht. La la la la.

Isaak.

So geht sie auf reichen Schuhen;

Nützt sie ab, frägt nichts danach,

Jeder Schritt gilt einen Dreier.

Hat im Ohr ihr reich Geschmeide,

Kommt ein Dieb und nimmt ihr's ab,

Fällt's in Busch, wer findet's wieder?

Rahel (ein Ohrgehänge abnehmend).

Sieh, so schraub ich's los und halt es.

Wie das blitzt und wie das flimmert!

Und doch acht ich's so geringe,

Wenn mir's einfällt, schenk ich's dir,

(zu Esther) Oder werf es von mir. Sieh!

(Sie macht mit der Hand eine fortschleudernde Bewegung.)

Isaak (nach der Richtung des Wurfes laufend).

Weh, o weh! Wo flog es hin?

Weh, o weh! Wie find ich's wieder?

(Er sucht im Gesträuche.)

Esther.

Ei, was kommt dich an? Das Kleinod—

Rahel.

Glaubst du denn, ich sei so töricht

Und verschleuderte das Gut?

Sieh! ich hab's, halt's in der Hand,

Häng es wieder in mein Ohr,

Weiß und klein, zum Schmuck der Wange.

Isaak (suchend).

Weh! Verloren!

Rahel.

Vater, kommt nur!

Seht, das Kleinod ist gefunden,

's war ja Spaß nur.

Isaak

Daß dich Gott—!

So zu spaßen! Und nun komm!

Rahel.

Vater, jedes, nur nicht dies.

Ich muß mal den König sehen,

Und er mich, ja, ja, er mich.

Wenn er kommt und wenn er fragt:

Wer ist dort die schöne Jüdin?

Sag, wie heißt du?—Rahel, Herr!

Isaaks Rahel! sprech ich dann,

Und er kneipt mich in die Backen.

Heiße dann die schöne Rahel.

Mag der Neid darob zerplatzen,

Wenn sie's ärgert, kümmert's mich?

Esther.

Vater!

Isaak.

Wie?

Esther.

Dort naht der Haufen.

Isaak.

Herr des Lebens! Was geschieht mir?

's ist Rehabeam und sein Volk.

Wirst du gehen?

Rahel.

Vater, hört doch!

Isaak.

Nun, so bleibe! Esther komm!

Lassen wir allein die Törin.

Mag der Unrein-Händ'ge kommen,

Sie berühren, mag sie töten!

Hat sie's selber doch gewollt.

Esther komm!

Rahel.

Je, Vater, bleibt!

Isaak.

Immer zu! Komm, Esther, komm! (Er geht.)

Rahel.

Ich will nicht allein sein! Hört ihr?

Bleibt!—Sie gehn—O weh mir, weh!

Ich will nicht allein sein! Hört ihr?

Ach, sie kommen.—Schwester! Vater!

(Eilt ihnen nach.)

(Der König, die Königin, Manrique de Lara und Gefolge kommen.)

König (im Auftreten).

Laßt näher nur das Volk! Es stört mich nicht;

Denn wer mich einen König nennt, bezeichnet

Als Höchsten unter vielen mich, und Menschen

Sind so ein Teil von meinem eignen Selbst.

(Zur Königin gewendet.)

Und du, kein mindrer Teil von meinem Wesen,

Willkommen mir in dieser treuen Stadt,

Willkommen in Toledos alten Mauern.

Sieh rings um dich, und höher poch dein Herz,

Denk nur, du stehst an meines Geistes Wiege:

Hier ist kein Platz, kein Haus, kein Stein, kein Baum,

Der Denkmal nicht von meiner Kindheit Lose.

Als ich vor meines bösen Oheims Wüten,

Des Königs von Leon, ein vaterloser,

Der Mutter früher schon beraubten Knabe,

Durch Feindes Land, es war mein eignes, floh,

Und mich von Stadt zu Stadt Kastiliens Bürger

Wie Hehler eines Diebstahls heimlich führten

Weil Tod bedräute Wirt zugleich und Gast,

Und übrall nun umstellt war meine Spur,

Da brachten mich die Männer, Don Estevan

Illan, den längst der Rasen birgt des kühlen Grabs,

Und dieser Mann, Manrique Graf von Lara,

Hierher, den Hauptsitz von der Feinde Macht

Und bargen mich im Turm von Sankt Roman,

Den du dort siehst hoch ob den Häusern ragen.

Dort lag ich still, sie aber streuten aus

Den Samen des Gerüchts ins Ohr der Bürger.

Und als am Tage Himmelfahrt die Menge

Versammelt war vor jenes Tempels Pforte

Da führten sie mich auf des Turmes Erker

Und zeigten mich dem Volk und schrien hinab:

Hier mitten unter euch, hier euer König,

Der Erbe alter Fürsten, ihres Rechts

Und eurer Rechte williger Beschirmer.

Ich war ein Kind und weinte, sagten sie.

Noch aber hör ich ihn, den gellen Aufschrei,

Ein einzig Wort aus tausend bärt'gen Kehlen,

Und tausend Schwerter wie in einer Hand,

Der Hand des Volks. Gott aber gab den Sieg,

Die Leoneser flohn; und fort und fort.

Ich selber Fahne mehr als Krieger noch

Inmitten eines Heers, durchzog das Land

Erfechtend mit des Mundes Lächeln Siege;

Sie aber lehrten mich und pflegten mein,

Und Muttermilch floß mir aus ihren Wunden.

Deshalb, wenn andre Fürsten Väter heißen

Des eignen Volks, nenn ich mich seinen Sohn,

Denn was ich bin, verdank ich ihrer Treue.

Manrique.

Wenn alles, was Ihr seid, vieledler Herr,

Nur unsres Beispiels, unsrer Worte Frucht,

Dann nehmen wir den Dank und sind des froh,

Wenn unsre Lehren, unsre Pflege sich

In so viel Ruhm, in so viel Taten spiegeln,

Dann ist der Dank so ein' als andre Pflicht.

(Zur Königin.)

Seht ihn nur an mit Eurem holden Blick;

Denn so viel Kön'ge noch in Spanien waren,

Vergleicht sich keiner ihm an hohem Sinn.

Das Alter ist wohl tadelsüchtig sonst,

Auch ich bin alt und tadle gern und viel,

Und oft hab ich, im Rat mit meiner Meinung

Besiegt von seinem fürstlich hohen Wort,

Geheim erbost—heißt das, auf kurze Zeit—

Bös Zeugnis aufgesucht gen meinen Herrn,

Ihn eines Fehls, weiß Gott wie gerne, zeihend,

Doch immer kehrt' ich tief beschämt zurück,

Mir blieb der Neid, und er war fleckenlos.

König.

Ei, ei! Der Lehrer auch ein Schmeichler, Lara?

Doch wollen wir nicht dies und das bestreiten.

Bin ich nicht schlimm, so besser denn für Euch,

Obgleich der Mensch, der wirklich ohne Fehler,

Auch ohne Vorzug wäre, fürcht ich fast;

Denn wie der Baum mit lichtentfernten Wurzeln

Die etwa trübe Nahrung saugt tief aus dem Boden,

So scheint der Stamm, der Weisheit wird genannt

Und der dem Himmel eignet mit den Ästen,

Kraft und Bestehn aus trübem Irdischen,

Dem Fehler nah Verwandten aufzusaugen.

War einer je gerecht, der niemals hart?

Und der da mild, ist selten ohne Schwäche.

Der Tapfre wird zum Waghals in der Schlacht

Besiegter Fehl ist all des Menschen Tugend,

Und wo kein Kampf, da ist auch keine Macht.

Mir selber ließ man nicht zu fehlen Zeit:

Als Knabe schon den Helm auf schwachem Haupt,

Als Jüngling mit der Lanze hoch zu Roß,

Das Aug' gekehrt auf eines Gegners Dräun,

Blieb mir kein Blick für dieses Lebens Güter,

Und was da reizt und lockt, lag fern und fremd.

Daß Weiber es auch gibt, erfuhr ich erst,

Als man mein Weib mir in der Kirche traute,

Die wirklich ohne Fehl, wenn irgend jemand,

Und die ich, grad heraus, noch wärmer liebte,

Wär' manchmal, statt des Lobs, auch etwas zu verzeihn.

(Zur Königin.)

Nu, nu, erschrick nur nicht, war's doch nur Scherz!

Doch soll den Tag man nicht vor Abend loben

Und malen nicht den Teufel an die Wand.

Nun aber, statt zu rechten, laß die Zeit,

Die kurzgegönnte, uns der Ruh' genießen.

Die Fehden inner Landes sind gedämpft,

Doch rüstet sich, sagt man, der Maure neu

Und hofft aus Afrika verwandte Hilfe,

Ben Jussuf und sein streitgewohntes Heer.

Da gibt's denn neuen Krieg und neue Plage.

Bis dahin öffnen wir die Brust dem Frieden

Und atmen ein die ungewohnte Lust.

Ist keine Nachricht da?—Allein vergaß ich's?

Du siehst ja nicht um dich her, Leonore

Und schaust, was wir geschaffen, dir zur Lust?

Königin.

Was soll ich sehn?

König.

O weh doch, Almirante!

Wir haben's nicht getroffen, ob bemüht.

Da graben wir nun Tag' und Wochen lang

Und hofften, diesen Garten umzustalten,

Der nur Orangen trägt und Schatten gibt,

In einen, wie sie England hegt und liebt,

Das strenge Vaterland hier meiner Strengen.

Allein sie lächelt, schüttelt still das Haupt.—

So sind sie nun, Britanniens Kinder, alle;

Trifft man aufs Haar nicht den gewohnten Brauch,

So weisen sie's zurück und lächeln vornehm.

Die Meinung mindestens war gut, Lenore,

Und so gib nur ein Wort des Danks den Männern,

Die sich für uns, weiß Gott wie lang, bemüht.

Königin.

Ich dank Euch, edle Herrn!

König.

Nun zu was anderm!

Der Tag hat einen Riß. Ich hoffte dir

An Hütten, Wiesen, englischen Geschmacks

Noch das und dies im Garten rings zu zeigen,

Doch ist's verfehlt. Verstell dich nicht, o Liebe!

Es ist so, denken wir nicht mehr daran!—

Da bleibt ein Stündchen denn für das Geschäft,

Eh' span'scher Wein uns Spaniens Küche würzt.

Ist noch kein Bote von der Grenze da?

Toledo haben wir mit Fleiß ersehn,

Um nah zu sein der Kundschaft von dem Feinde,

Und doch kein Bote?

Manrique.

Herr—

König.

Was ist's? Wie nur?

Manrique.

Ein Bote kam.

König.

Nun denn!

Manrique (auf die Königin zeigend).

Ein wenig später.

König.

Mein Weib sie ist gewohnt an Rat und Krieg,

Die Königin teilt jedes mit dem König.

Manrique.

Doch dürfte mehr noch als die Botschaft etwa

Der Bote selber—

König.

Und wer ist's?

Manrique.

Mein Sohn.

König.

Ah, Garceran! Laß ihn nur kommen! (Zur Königin.) Bleib!

Der junge Mann hat höchlich wohl gefehlt

Als er verkleidet schlich ins Fraungemach,

Die Holde seines Herzens zu erspähn.

Nu Doña Clara, senk nur nicht das Haupt,

Der Mann ist wacker, obgleich jung und rasch,

Gespiele mir aus meiner Knabenzeit

Und unversöhnlich sein wär' etwa schlimmer

Als leichtgesinnt den Fehler übersehn.

Auch denk ich, hat er reichlich abgebüßt

Seit Monden schon verbannt zur fernen Grenze.

(Auf einen Wink der Königin entfernt sich ein Fräulein ihres Gefolges.)

Nun geht sie doch: O Sittsamkeit

Noch sittlicher als Sitte!

(Garceran kommt.)

König.

Ah, mein Freund!

Wie steht's bei euch? Sind alle dort so bang,

Wie du, und also mädchenhafter Scheu?

Dann steht es schlimm um unsrer Reiche Schutz.

Garceran.

Ein wackrer Mann, Herr, fürchtet keinen Feind,

Doch schwer drückt edler Fraun gerechter Zorn.

König.

Gerechter Zorn, jawohl! Und glaube nicht,

Daß ich mit Brauch und Schick es minder streng

Und minder ernstlich halt als meine Frau.

Doch hat der Zorn und alles seine Grenze.

Drum noch mal Garceran, wie steht's bei euch?

Macht euch der Feind, ob Frieden gleich, zu schaffen?

Garceran.

Wir schlugen uns, als wär's im Scheingefecht

Mit blut'gen Wunden diesseits, Herr, und drüben;

Der Friede glich dem Krieg so auf ein Haar,

Daß nur im Treubruch aller Unterschied.

Seit kurzer Zeit jedoch hielt Ruh' der Gegner.

König.

Ei das ist schlimm!

Garceran.

Wir denken's auch, und glauben

Er rüste sich für einen größern Schlag.

Auch heißt's, daß Schiffe täglich Volk und Vorrat

Aus Afrika nach Cadix überführen

Wo heimlich sich vereint ein stattlich Heer

Zu dem der neue Herrscher von Marokko, Jussuf

Soll stoßen mit dem dort geworbnen Volk;

Dann käme wohl der Schlag der uns bedroht.

König.

Nun, schlagen sie, so schlagen wir denn wieder,

Wie sie ein König, führt der Eure euch,

Und ist ein Gott, wie er denn wirklich ist,

Und Recht der Ausspruch seines Munds, so hoff ich

Zu siegen, weil im Recht, und weil ein Gott.

Mich dauert nur des Landmanns bittre Not,

Ich selbst als Höchster, ich bin da zum Schwersten.

Laßt in den Kirchen sich das Volk versammeln

Und flehen zu dem Herrn der Siege gibt,

Die Heiligtümer seien ausgestellt

Und jeder bete, der da künftig streitet.

Garceran.

Schon ohne Aufruf ward dein Wort erfüllt:

Die Glocken tönen weithin an den Grenzen

Und in den Tempeln sammelt sich das Volk;

Nur daß ihr Eifer, irrend, wie so oft,

Sich gegen jene Andersgläub'gen wendet

Die Handel und Gewinn im Land zerstreut.

Schon ward ein Jude hier und da mißhandelt.

König.

Und ihr, ihr duldet's? Nun, beim großen Gott!

Wer sich mir anvertraut, den will ich schützen,

Ihr Glaube kümmert sie, mich was sie tun.

Garceran.

Man nennt sie Späher in der Mauren Sold.

König.

Niemand verrät zuletzt was er nicht weiß,

Und da ich ihren Mammon stets verachtet

Hab nie auch noch begehrt ich ihren Rat.

Was sein wird, weiß nur ich, nicht Christ noch Jude

Deshalb nun sag ich euch bei eurem Kopf—

Eine Weiberstimme (von außen).

Weh uns!

König.

Was ist?

Garceran.

Dort, Herr, ein alter Mann,

Ein Jude scheint's, verfolgt von Gartenknechten,

Zwei Mädchen neben ihm. Die eine, schau!

Sie flieht hierher.

König.

Ganz recht, denn hier ist Schutz,

Und Gottes Donner, wer ein Haar ihr krümmt,

(In die Szene rufend.)

Hierher, nur hier!

(Rahel kommt fliehend.)

Rahel.

O weh, sie töten mich

Wie dort den Vater! Ist denn nirgends Hilfe?

(Sie erblickt die Königin und kniet vor ihr.)

O hohes Frauenbild, beschirme mich,

Streck aus die Hand und schütze deine Magd,

Ich will dir dienen auch, nicht Jüdin, Sklavin.

(Sie greift nach den Händen der Königin, die sich von ihr abwendet.)

Rahel (aufstehend).

Auch hier nicht Rettung, übrall Angst und Tod.

Wohin nur flieh ich?—Ah, hier steht ein Mann

Mit Mondscheinaugen, strahlend Trost und Kühlung

Und alles um ihn her heißt Majestät.

Du kannst mich schützen, Herr, ach, und du wirst's.

Ich will nicht sterben, will nicht! Nein, nein, nein!

(Sie wirft sich vor dem Könige nieder, seinen rechten Fuß umklammernd,

das Haupt zu Boden gesenkt.)

König (zu einigen, die sich nähern).

Laßt sie! Der Schreck beraubt sie fast der Sinne

Und wie sie schaudert schütternd mich mit sich.

Rahel (emporgerichtet).

Und alles, was ich habe, (ihr Armband ablösend) diese Spangen,

Das Halsgeschmeid und dann dies teure Tuch,

(ein Tuch ablösend, das sie shawlartig um den Hals geschlungen trägt)

Der Vater hat's gekauft um vierzig Pfund,

Echt indisches Geweb', ich geb es hin,

Nur laßt mein Leben mir, ich will nicht sterben!

(Sinkt in ihre vorige Stellung zurück.)

(Man hat Isaak und Esther gebracht.)

König.

Was hat der Mann verbrochen?

Manrique (da alle schweigen).

Herr, du weißt,

Verboten ist der Eintritt diesem Volk

In Königs Garten, wenn der Hof zur Stelle.

König.

Nun, wenn's verboten, so erlaub ich's denn.

Esther.

Er ist kein Späher, Herr, ein Handelsmann,

Die Briefe, die er führt, sie sind hebräisch,

Und nicht arabisch, nicht in Maurensprache.

König.

Ich glaub's, ich glaub's! (Auf Rahel zeigend.) Und diese?

Esther.

Meine Schwester!

König.

So nimm sie denn und bring sie fort.

Rahel (da Esther sich ihr nähert).

Nein, nein!

Sie fassen mich, sie führen mich hinaus

Und töten mich!

(Mit den Händen auf den abgelegten Schmuck zeigend.)

Hier ist mein Lösegeld,

Hier will ich bleiben und ein wenig schlafen.

(Die Wange an des Königs Knie gelegt.)

Hier ist die Sicherheit, hier ruht sich's gut.

Königin.

Wollt Ihr nicht gehn?

König.

Ihr seht, ich bin gefangen!

Königin.

Seid Ihr gefangen, bin ich frei. Ich gehe.

(Mit ihren Frauen ab.)

König.

Nun noch auch das! Mit ihrem Züchtigtun

Erschaffen sie, was sie entfernen möchten.

(Zu Rahel streng.) Ich sage dir, steh auf!—Gib ihr ihr Tuch

Und laß sie gehn.

Rahel.

O Herr, nur noch ein Weilchen—

Die Glieder sind gelähmt—ich kann nicht schreiten.

(Den Ellbogen aufs Knie und den Kopf in die Hand gestützt.)

König (zurücktretend).

Und ist sie immer denn so schreckhaft?

Esther.

O nicht doch!

Sie war vor kurzem übermütig noch

Und trotzte, wollte, Herr, dich sehen.

König.

Mich?

Sie hat es schwer bezahlt.

Esther.

Auch sonst zu Hause

Treibt sie nur Possen, spielt mit Mensch und Hund

Und macht uns lachen, wenn wir noch so ernst.

König.

So wollt' ich denn, sie wäre eine Christin

Und hier am Hof, wo Langeweil' genug,

Ein bißchen Scherz käm' etwa uns zustatten.

He, Garceran!

Garceran.

Erlauchter Herr und König.

Esther (mit Rahel beschäftigt.)

Steh auf! steh auf!

Rahel (sich emporhebend und Esther den Halsschmuck abnehmend, den sie

zu dem übrigen legt).

Und gib nur, was du hast,

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0+
Release date on Litres:
10 October 2024
Volume:
70 p. 1 illustration
ISBN:
4064066108571
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