Read the book: «Kommunale Pflegepolitik»

Der Autor, die Autorinnen

Prof. Dr. Frank Schulz-Nieswandt, Lehrstuhl für Sozialpolitik und Methoden der qualitativen Sozialforschung sowie Direktor des Seminars für Genossenschaftswesen am Institut für Soziologie und Sozialpsychologie, erster Prodekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln.

Dr. Ursula Köstler, Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Sozialpolitik und Methoden der qualitativen Sozialforschung am Institut für Soziologie und Sozialpsychologie.

Dr. Kristina Mann, Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Sozialpolitik und Methoden der qualitativen Sozialforschung am Institut für Soziologie und Sozialpsychologie.
Frank Schulz-Nieswandt/Ursula Köstler/Kristina Mann
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1. Auflage 2021
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-033084-9
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pdf: ISBN 978-3-17-033085-6
epub: ISBN 978-3-17-033086-3
mobi: ISBN 978-3-17-033087-0
»Das aber gehört zum Schwersten in unserer Zeit: einzusehen, daß diese Wildnis in uns gebändigt werden muss, daß wir unser Dasein nicht einfach leben dürfen, sondern daß wir es führen müssen.«
(Portmann 1967)
»Denn auch unsere Zeit muß ja dieselben uralten Fragen als echte Lebensaufgaben bewältigen.«
(Portmann 1963)
In Erinnerung an Leo Kofler (1907–1995)
(Jünke 2007)
Portmann A (1967) Alles fließt. Wege des Lebendigen. Herder, Freiburg i. Br. u. a.: 23.
Portmann A (1963) Biologie und Geist. Herder, Freiburg i. Br. u. a.: 170.
Jünke Chr (2007) Sozialistisches Strandgut. Leo Kofler. Leben und Werk (1907–1995). VSA, Hamburg.
Inhalt
1 Vorwort
2 Das Drehbuch und Regieanweisungen zur Lektüre der Aufführung
3 1 Einleitung und Grundlegung
4 2 Worum es daseinsthematisch geht
5 2.1 Das Dasein des Menschen im Mythos
6 2.2 Die Endlichkeit und das Elend zuvor und dahin
7 2.3 Der soziale Tod, die Einsamkeit und das Dorf
8 2.3.1 Der soziale Tod
9 2.3.2 Einsamkeit
10 2.3.3 Das Dorf
11 Exkurs 1: Soziale Wirklichkeit verstehen heißt: den Menschen (in seiner Tiefe) verstehen
12 2.4 Megatrends sozialen Wandels und die Idee der Sozialreform
13 3 Narrative Wissenschaft, Poetologie des Lebens und die Gestaltwahrheit schöner Rechtswelten
14 4 Anders denken: Was sich – radikal – ändern muss
15 4.1 Pflegereform anders – radikal – denken
16 4.1.1 Grundsätzliche Vorfragen
17 4.1.2 Der einbettende Boden des Rechts
18 4.1.3 Die mittlere Welt: die Mesoebene
19 Exkurs 2: Corona und die Rationierung
20 4.1.4 Systemfinanzierung: exogene oder endogene Variable der Reformidee?
21 4.1.5 Fundamentalkonstitutive Frage der Reformdebatte: Was verstehen wir unter Subsidiarität?
22 4.1.6 Vom Menschenbild zum »Geist der Gesetze«
23 4.1.7 Fazit: Dimensionen als Eckpunkte einer echten Sozialreform
24 4.1.8 Validierender Ausblick auf die Schweiz
25 4.1.9 Die moralökonomische Verfasstheit Deutschlands 2040?
26 4.1.10 Träumen und Politik
27 Exkurs 3: Konsequenzen aus dem GALINDA-Projekt
28 4.2 Medizinische Primärversorgung anders denken
29 4.3 Sozialwirtschaft anders denken
30 4.4 Dörfer neu denken: Kümmern in lokalen Sorgegemeinschaften
31 4.4.1 Vorklärungen
32 4.4.2 Caring Communities (in der Pflege) im Rollenspiel zwischen Sozialversicherungen, Kommune und Land
33 4.4.3 Marktordnungsrechtliche Grundsatzfragen
34 4.4.4 Zum Grundrecht auf Daseinsvorsorge und Sozialraumbildung
35 4.4.5 Es geht (theoretisch wie praktisch) doch … dem Grunde nach
36 4.4.6 Wiederum ein anderer Zugang: Die rechtlich zwingende Idee der inklusiven Gemeindeordnung
37 4.4.7 Sozialraumorientierung im Wohnen im Alter
38 4.4.8 Gemeinde als Genossenschaft
39 4.4.9 Freiheit, Ordnung, Einbettung
40 4.4.10 »Modellitis« oder Regelversorgung
41 4.4.11 Sozialraumorientierung auch im Sektor der Krankenversorgungsindustrie des SGB V
42 4.4.12 Schluss
43 4.5 Digitalisierung als Heilversprechen? Kritisch denken
44 4.6 Lebst Du schon, oder wohnst Du nur? Lebensqualität im Pflegeheim anders denken
45 Exkurs 4: Was wir aus der Coronapandemie lernen können. Gegen strukturkonservative Kapazitätspolitik der Coronakrise
46 4.7 Wohnen anders denken
47 4.7.1 Vorbemerkung zum Menschenbild
48 4.7.2 Normativ-rechtliche Grundlagen
49 4.7.3 Notwendigkeit einer Politik der Vielfalt der Wohnformen
50 4.7.4 Gemeinde als Genossenschaft
51 4.8 Die Missbrauchsaufsicht des Gewährleistungsstaates anders denken
52 4.9 Die Kommune als Rechts- und Hilfegenossenschaft denken
53 4.9.1 Sorge für die Personalität durch Mutualismus in alternden Gesellschaften
54 4.9.2 Sozialer Wandel und die anthropologischen Normen der Rechtsregime
55 4.9.3 Des Pudels Kern
56 4.9.4 Genossenschaftsartige Gestaltungsperspektiven
57 4.9.5 Rechtsstaatlichkeit und die Form des Genossenschaftlichen
58 4.9.6 Ambivalenzen der Politik des sozialen Engagements
59 4.9.7 Philosophie der Zivilgesellschaft zwischen Empörung und Handeln
60 4.9.8 Metaphysik des genossenschaftlichen Formprinzips
61 4.10 Politik anders denken
62 5 Anders verstehen: Bausteine eines neuen Verständnisses von Gesellschaftsgestaltung
63 5.1 Das Wesen des Rechts angemessen verstehen
64 5.2 Phänomenologie der Kulturkämpfe verstehen
65 Exkurs 5: Der Modernitätsekel der »konservativen Revolution«
66 5.3 Sozialpolitik verstehen
67 5.4 Liebe (der Gabe) verstehen
68 5.5 Das Werk von Martha Nussbaum verstehen
69 Exkurs 6: »Die Leute«
70 5.6 Das Werk von Avishai Margalit verstehen
71 5.7 Die Verantwortung der Intellektuellen verstehen
72 Exkurs 7: Gaston Bachelard lesen
73 6 Der Entscheidungsbedarf
74 6.1 Ein(e) Historiker(in) blickt 2040 zurück
75 6.2 Gemeinwirtschaft oder Barbarei?
76 Nachwort
77 Literatur und Anmerkungen
Vorwort
Das vorliegende Buch hatte mehrere konzeptionelle Phasen in den Jahren 2016 bis 2018/19 durchlaufen. Erst im fortgeschrittenen Jahr 2019 begann, Erträge zahlreicher anderer eigener Publikationen inhaltlich einfließen lassend, die Niederschrift, was aber so klingt, als ob ein fixiertes, »in Stein gemeißeltes« Konzept einfach nur abgearbeitet und ausgerollt worden sei. Weit gefehlt. Das Manuskript wurde vielfach umgebaut. Es wies eine komplizierte Wachstumsgeschichte des Werdens auf. In einigen Konturen hat sich auch das ursprünglich (mit dem Verlag vereinbarte und von uns für uns selbst fest versprochene und daher) anvisierte Konzept nicht einlösen lassen können. In vielen Punkten allerdings schon. Der Fokus auf die Idee der Kommunalisierung der Pflegepolitik ist natürlich beibehalten worden, sonst würde ja sogar der Titel nicht mehr stimmen. Einige Punkte dieser Schreibdynamik sollen kurz zur Sprache kommen.
Mag die Literaturbasis eventuell als Strategie der sozialen Ausgrenzung wirken; die Wahrnehmung Dritter können wir nicht wirklich lenken. Der Bezugsquellenfetischismus ist aber u. E. wohl eher Ausdruck der Demokratisierung der Wahrheitsspiele und Wissensordnungen: Quellen werden klar, Wege rekonstruierbar, Fehler aufweisbar, Schwachstellen erkennbar, aber eben auch Evidenz1 wird untermauert.
Man kann das Buch auch als schlecht geschrieben einschätzen. Denn es hat sich von der frühen Idee einer schlanken Struktur in flüssigem Duktus aufgebläht und zeichnet sich trotz der roten Fäden durch eine Fülle von Verzweigungen und Verästelungen aus. Diese mögen mitunter ablenken, die leitenden Fäden in Nebel tauchen und mit Blick auf den Gang der Untersuchung desorientieren. Und in einem gewissen Sinne ist das Manuskript zu einem Steinbruch von Theorien, Befunden, Diskursen, Sichtweisen, Erörterungen, Kritiken geworden. Diese Verästelungssysteme haben angesichts dieser begrifflichen Assoziation nicht die Ordnung eines Baumes, sie erinnern eher an die Rhizomatik: Die von Gilles Deleuze und Félix Guattari praktizierte metaphorische Verwendung des aus der Botanik stammenden Begriffs des Rhizoms charakterisiert eine Schreibweise, die Hierarchien ablehnt, also nicht entsprechend der traditionellen Form des »Baums des Wissens« konzipiert ist.2 Der Textkorpus mag mit Blick auf seine Geometrie daher etwas fraktal wirken. Vielleicht kann man auch sagen: Die Vielfalt der Gedanken und Aspekte schwärmen3 (in relative Strukturlosigkeit der Landschaft) aus.
Auch das Versprechen, einen politischen Duktus aufzuweisen, dürfte somit im Buch erfüllt sein: Wir nehmen kein Blatt vor den Mund, werden in der Tradition Kritischer Theorie als Kritik des Sich-Einfangenlassens im »Spinnennetz des Kapitalismus« – ein Spinnennetz ist eine von Webspinnen, insbesondere auch von den Arten der Gliederspinnen hergestellte, geradezu kunstvolle Konstruktion, die dem Beutefang (von Insekten) dient – überaus deutlich, bis hin zum Angriff auf die Mutlosigkeit, Phantasielosigkeit, Denkverweigerung, Wahrnehmungsverengung und Interessensborniertheit in Politik und Sozialwirtschaft. Es fehlt an radikalem Denken. Die Abhandlung plädiert für das Engagement im orientierenden4 Lichte von konkreten Utopien. Die interdisziplinäre Abhandlung, keineswegs eine Chimäre5, ist eine sozialpolitische Analyse, eingebettet in eine in der Optik weite, gesellschaftspolitische Sichtung der Problemlandschaften, eine öffnende Sichtweise, die ohne philosophische Fundierung6 nicht möglich ist. Vor allem der durchgängige Blick auf die reichen Potenziale unserer Rechtsregime konfrontiert das Elend der sozialen Wirklichkeit mit den Maßstäben, an die sich die Gesellschaft eigentlich zu orientieren hätte. Die Gesellschaft bleibt sich so viel schuldig, sie wird schuldig angesichts von Unterlassungen und Versäumnissen. An Wissen fehlt es nicht. Wir haben ein Handlungsproblem, das sich als Haltungsproblem fehlenden Willens erweist. Neben mancher Dummheit mag die Arroganz der Macht7 die Wege in die Zukunft blockieren; ausgeprägt ist aber auch der Zynismus schulterzuckender zuschauender Weggucker.
Wenn eine Abhandlung – scheinbar überheblich – so kritisch auftritt, hat sie die Pflicht zur gründlichen Darlegung und Entfaltung ihres Argumentierens. Leichte Kost ist die Lektüre deshalb nicht geworden. Immer wieder werden zentrale Überlegungen vertieft, Seitenwege betreten, Hintergründe ausgeleuchtet, Abgründe vermessen, die Zusammenhänge vielfach aus wechselnden Perspektiven thematisiert. Abbiegungen, Treppen rauf und wieder runter, Kehrtwende, wiederholendes Aufgreifen bereits angesprochener Zusammenhänge, die dergestalt aber vertieft oder nochmals neu akzentuiert ausgeleuchtet werden: Die Ausführungen sind verwickelter Natur.
Manche wissenschaftliche Passagen mögen als allzu akademisch abgetan werden, weil das Interesse an dieser analytischen Tiefe fehlt. Einerseits. Dafür mögen andererseits viele Passagen ausgleichend wirken, die zudem in ihrer Zuspitzung (des »Auf-den-Punkt-Bringens«) politisch provozierend sind. Um zwar nicht Allen, aber doch Vielen etwas gerecht zu werden, sind manche Einschübe, Vertiefungen, Verzweigungen kenntlich gemacht und herausgehoben, weil sie explizit als Exkurse formuliert oder jeweils in einen »Kasten« gesetzt, mit Schaubildern erläutert sind.
Auf einen überaus reichhaltigen Literaturapparat haben wir also entgegen früher Überlegungen und Absichten doch nicht verzichtet. Man nehme es als Service oder, viel wichtiger, als transparente Darlegung der Quellen unseres Argumentierens, denn die Abhandlung baut auf das Denken und Schaffen vieler Mitmenschen auf. Mag so manche Verknüpfung oder auch Auslegung eine Eigenleistung der vorliegenden Abhandlung sein; sie verdankt sich8 weitgehend Dritten in einem Gebirge angehäuften Wissens.
Aachen/Bonn/Köln, Herbst 2020
Das Drehbuch und Regieanweisungen zur Lektüre der Aufführung
Der Essay ist, wie schon betont, über weite Strecken durchaus politisch gehalten. Dennoch ist er in akademischer Tradition reichlich mit Literaturverweisen bestückt, um einerseits wichtige Quellen1 des Argumentierens transparent zu machen und um andererseits Orientierungen zur Vertiefung anzubieten. Der Text liest sich aber auch ohne Kenntnisnahme der Endnoten.
Daher nun, semiologisch denkend, zur »choreographischen Textur des Textes« und seiner Lektüre. Jedes Kapitel kann in Grenzen isoliert gelesen werden. Aber integriert betrachtet, ergeben sie eine Vision2 einer großen Reform der Pflegepolitik im Lichte einer radikalen Gesellschaftspolitik.
Diese Idee einer radikalen Gesellschaftspolitik denkt die Gesellschaft als solidarische Sorgegemeinschaft aus der Kraftquelle der Liebe als schöpferisches »Magma« im grundrechtstheoretischen Lichte sozialer Gerechtigkeit als Ausdruck des modernen demokratischen Naturrechts der Personalität der menschlichen Person als Kern der Idee des säkularen sozialen Rechtsstaats als Achse eines universalen Zivilisationsmodells.
Der Hauptteil, um den sich letztendlich alles dreht, ist Kapitel 4 (
Kap. 4) mit zehn Unterabschnitten, die sich um das Denken einer radikalen Pflegepolitikreform drehen. Kapitel 4 (
Kap. 4) ist im Spannungsverlauf der Höhepunkt. Der Anstieg hierzu verläuft als Hinweg über Kapitel 2 (
Kap. 2), in dem die existenziellen Daseinsthemen (vor allem im Lichte einer Mythoshermeneutik mit der Absicht, Einsichten einer philosophischen Anthropologie der menschlichen Existenz als Daseinsgestaltproblematik zu vermitteln) aufgegriffen werden, die die Gesellschaft herausfordern, eine Vision für eine Gesellschaftsgestaltungspolitik zu denken. Diese Vision muss im Lichte der sozialen Wirklichkeit »erzählt« werden. Kapitel 3 (
Kap. 3) diskutiert diese Poetik der Wissenschaft. Diese narrative Form der Wissenschaft ist jedoch als eine große, breit angelegte und tief fundierte Erzählung zu verstehen. In der »Einleitung und Grundlegung« des ersten Kapitels (
Kap. 1) werden bereits die Komplexität der Blickweise und die architektonische Art der Argumentation deutlich. Am Ausgangspunkt stehen einleitend die Grundlegung des Menschenbildes (in der Tradition des modernen existenzialen3, dialogischen Personalismus) und seine Durchdringung der Rechtsregime als »Geist der Gesetze«.
Es werden sich sodann zentrale Kategorien einer modernen Bauordnung von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft dergestalt neu auslegen lassen können, dass sie sich zu einer neuen Konfiguration einer Ordnung von Solidarität als Voraussetzung der Chance aller Bürger*innen zur freien Entfaltung im Lebenslauf zusammenfügen. Im Sinne dieses neuen Denkens steht die Gewährleistungskommune im föderalen sozialen Bundesstaat in Daseinsvorsorgepartnerschaft mit den Sozialversicherungen und der Zivilgesellschaft, die Marktlogik zurückdrängend und die kapitalistische Transformation der Care-Landschaften verhindernd, indem lokale Caring Communities im Rahmen einer regionalen Infrastruktursicherstellung sozialraumbildend im Mittelpunkt des Geschehens gestellt werden.
Diese Art der Grundlegung einer Vision einer Kommunalen Pflegepolitik wird sich als moderne Metaphysik der Grundrechte der menschlichen Person erweisen. Die Neuordnung des Dramas des Alltags – gar ein »Schlachtfeld«4 – der Menschen im sozialen Miteinander im Rahmen der Sozialraumbildung auf kommunaler Ebene erfolgte als Philosophie konkreter Praxis im Lichte Kritischer Theorie in einer geschichtsphilosophischen Perspektive des Wirklich-Werdens der Gestaltwahrheit des Menschen in seiner Personalität. Diese Grundlegung führt über die Kapitel 1 bis 3 (
Kap. 1–3) die Lektüre zum Höhepunkt des Spannungsbogens im Kapitel (
Kap. 4).
Kapitel 5 (
Kap. 5) baut, quasi vom Berg nunmehr absteigend, die Spannung ab, greift die zentralen Bausteine einer neuen Gesellschaftsgestaltung auf und versucht, diese Bausteine tiefer verstehen zu lassen. In sieben Unterabschnitten sollen Streiflichter auf wichtige Argumentationszweige geworfen werden, Argumentationszweige, die verstanden werden müssen, um die Grundlegung einer fundierten Vision, auf die die ganze Arbeit ja in dichter Form hinarbeitet, noch stärker zu untermauern.
Derartige Vertiefungen des Argumentationsganges in verzweigender Weise drücken sich auch in der »Textpolitik« von immerhin sieben Exkursen aus. Hinzu kommen zahlreiche »Kästchen«, in denen ergänzende Vertiefungen der Ausführungen vorgenommen werden. Zwölf Schaubilder deuten an, dass die Ausführungen immer wieder im Dienste der Steigerung ihrer Nachvollziehbarkeit aufbereitet werden sollen. Der Gesamttextgang der Abhandlung kann sich auch lesen lassen, indem bei einem ersten Lektüredurchgang diese Einbauten im Kollagesystem des Gesamttextes übersprungen werden.
Der Gesamttext als Entfaltungsraum von Gedanken hat daher eine durch Zaubertinte verborgene Geometrie. Greift man in euklidischer Tradition jenseits der modernen axiomatisch-synthetischen Geometrie auf die analytische Raumvorstellung zurück, so ist der Text organisiert über einen Parabelbogen, über Geraden (Linien), die auf die »roten Fäden« bezogen sind, und über eine Kreisbewegung5, die auch zu Ellipsen-Form neigen mag und sich zu Schleifen spiralförmig den Text entlang durchzieht.
Der auf den Kopf gestellte U-förmige Spannungsbogen mag zwar nicht mit den sog. »Straßenfegern« der mehrteiligen Durbridge-Krimis der 1960er Jahre mithalten, aber er stellt eine Entfaltungsdimension dar. Die oben angedeuteten »roten Fäden« einer Metaphysik6 der Dialektik von Liebe und Sorge7 in ihrer Ausmündung in die »Ordnung der Freiheit in Geborgenheit« als interdisziplinäre Grundlegung Sozialraum-bildender kommunaler Pflegepolitik als eine Vision der Gemeindeordnung als »Hilfe- und Rechtsgenossenschaft« sind entlang des Spannungsbogens eingestrickt.
Die in Breite wie in Tiefe verästelte Strukturdynamik des Textes diskutiert die Probleme interdisziplinär vielfach in Mehr-Ebenen-Analysen (auf einer Makro-, Meso-, Mikroebene). Der Text pendelt in einigen Passagen zwischen Meta- und Objekttheorie. Damit werden einerseits Ebenen der Erkenntnis- und der Wissenschaftstheorie betreten, wie auch andererseits die erfahrungswissenschaftliche Ebene einer Phänomenologie des Alltags als Lebenswelt wiederum am Wahrheitsverständnis ontologischer »Vermessungen« der Welt skaliert. Daher kommt es zu starken Sprungvolatilitäten zwischen den Abstraktionsebenen. Die Verzweigungen, Verästelungen, Aufstiege, Abstiege, Seitenwege erfordern im Zuge der Verdichtung der Argumentationsstränge, der Analysedimensionen, der Diskussionsaspekte, der Sichtweisen als Zugangspfade und als interpretative Wahrnehmungsfilter usw. Wiederholungen, wiederholtes Aufgreifen, Neuspiegelungen, alternierende Zugangsweisen: kurz: »produktive Redundanzen«, quasi wie der Refrain des Chores, durchaus mit den edukativen Absichten, die dem Chor (als figürliches Über-Ich der Polis) im antiken griechischen Theater zukam.8 Bei all der »Rhizomatik«, von der bereits im Vorwort die Rede war, bedarf es der wiederholten Rückkehr zum Sinnkern der Erzählung. Die Ausdehnungsdynamik der Gedanken benötigt in der Raumorganisation des Gesamttextes eine Krümmung, die die Ausdehnung wieder zur Kreisbewegung transformiert, die also wieder zum Mittelpunkt zurückkehrt.
Zum Ende steigt die Spannung nochmals als Abschlussklang an: Kapitel 5 (
Kap. 5) fokussiert auf den Entscheidungsbedarf, auf die anstehende Weichenstellung der Gegenwart im Übergang zu ihrer Zukunft. Ein Schlüsselwort einer Poesie der Zukunft ist »Gemeinwirtschaft«. Als moralische Ökonomik bringt sie eine neue personale Kultur der Daseinsführung der »Miteinanderverantwortung« zum Ausdruck. Die gemeinwirtschaftliche Wende wird zur »kerygmatischen« Schlüsselfrage einer »soteriologischen Soziologie« der Zukunft. Damit nimmt Ökonomik die Rolle an, dem gelingenden Dasein zu dienen, also das ethische Programm der »eschatologischen« Metaphysik des Werdens der Wahrheit, die noch nicht ist, zu verinnerlichen und sodann zu leben. Die Lektüre – so schlecht der Text auch komponiert sein mag – mag eine (die Tür9 öffnende) Brücke bilden zu einem Tagtraum einer Vision.