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Zärtlich ist die Nacht
F. Scott Fitzgerald
Inhaltsverzeichnis
Erstes Buch
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
Zweites Buch
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
X
XI
XII
XIII
Drittes Buch
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
X
XI
XII
XIII
XIV
XV
Viertes Buch
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
X
XI
Fünftes Buch
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
X
XI
XII
XIII
Impressum
Erstes Buch
I
Im Frühling 1917, als Doktor Richard Diver zum erstenmal nach Zürich kam, war er sechsundzwanzig Jahre alt, ein schönes Alter für einen Mann, ja eigentlich der Höhepunkt der Junggesellenjahre. Selbst während des Krieges war es ein schönes Alter für Dick, der bereits zu wertvoll war und eine zu große Kapitalsanlage darstellte, um als Kanonenfutter zu dienen. In späteren Jahren wollte es ihm scheinen, als sei er auch aus dieser Freistatt nicht leichten Kaufes davongekommen, doch wurde er sich über diesen Punkt nie ganz schlüssig – 1917 lachte er über diesen Gedanken und sagte zu seiner Entschuldigung, der Krieg berühre ihn überhaupt nicht. Die Verfügung seiner örtlichen Behörde lautete dahin, daß er sein Studium in Zürich beenden und promovieren solle, wie er es vorhatte.
Die Schweiz war eine Insel, auf der einen Seite von den donnernden Wogen bei Goertz, auf der anderen von der Brandung an der Somme und der Aisne umtobt. Vorläufig schienen sich mehr interessante Fremde als Kranke in den Kantonen aufzuhalten, doch war das lediglich eine Vermutung – die Männer, die in den kleinen Cafés in Bern und Genf miteinander flüsterten, konnten ebensogut Diamantenhändler oder Geschäftsreisende sein. Jeder indessen hatte die langen Züge mit Blinden, Einbeinigen und Sterbenden gesehen, die zwischen den glitzernden Seen von Konstanz und Neuchâtel aneinander vorbeifuhren. In Bierhallen und Schaufenstern hingen bunte Plakate, auf denen gezeigt wurde, wie die Schweizer 1914 ihre Grenzen verteidigten; Kampfgeist atmende junge und alte Männer starrten von den Bergen auf Franzosen und Deutsche hinab, die nur in ihrer Vorstellung existierten; der Zweck dieser Plakate war, dem schweizerischen Herzen die Gewißheit zu geben, daß es an dem allgemeinen Kampfrausch jener Tage teilhatte. Als das Morden anhielt, verblichen die Plakate, und kein Land war überraschter als die Schwesterrepublik, als die Vereinigten Staaten in den Krieg eintraten.
Doktor Diver hatte bis dahin den Krieg nur am Rande erlebt. 1914 war er ein Oxford Rhodes-Student aus Connecticut. Er kehrte nach Hause zurück, um das letzte Jahr in John Hopkins zu studieren, wo er promovierte. 1916 ging er nach Wien, aus dem Gefühl heraus, der große Freud könne, wenn er sich nicht beeile, eventuell einer Fliegerbombe zum Opfer fallen. Damals schon war Wien eine tote Stadt, aber es gelang ihm, genügend Kohle und Petroleum aufzutreiben, um in seinem Zimmer in der Damenstiftsgasse zu sitzen und an den Broschüren zu schreiben, die er später vernichtete, die jedoch, als er sie von neuem schrieb, das Gerüst zu dem Buch bildeten, das er 1920 in Zürich veröffentlichte.
Die meisten von uns haben eine Zeit in ihrem Leben, die ihnen besonders lieb ist und besonders heroisch erscheint; für Dick Diver war es diese Zeit. Schon darum, weil er keine Ahnung hatte, daß er bezaubernd war, daß die Zuneigung, die er gab und hervorrief, unter gesunden Menschen ungewöhnlich ist. In seinem letzten Jahr in New Haven nannte ihn jemand gesprächsweise »Dick im Glück« – der Name ging ihm nicht aus dem Kopf.
»Dick im Glück, du alter Döskopp«, flüsterte er sich zu, wenn er vor dem letzten brennenden Holzscheit in seinem Zimmer auf und nieder ging. »Du hast das Glück beim Schopf gefaßt. Niemand wußte etwas davon, bevor du kamst.«
Zu Beginn des Jahres 1917, als es schwierig wurde, Kohlen zu bekommen, benutzte Dick als Heizmaterial fast hundert Lehrbücher, die sich bei ihm angesammelt hatten, und bei jedem einzelnen, das er den Flammen überantwortete, freute er sich innerlich über die Feststellung, daß er selbst einen Auszug dessen darstellte, was die Bücher enthielten, und daß er es fünf Jahre später zusammenfassend würde wiedergeben können, sofern sich eine Wiedergabe lohnte. Dies setzte er durch manche Stunde fort, wenn nötig mit einem Teppich um die Schultern, durchtränkt vom sanften Seelenfrieden des Studierenden, der von allen Dingen der Welt dem himmlischen Frieden am nächsten kommt. Doch sollte er, wie nun gezeigt werden wird, ein Ende haben.
Daß er noch eine Zeitlang vorhielt, verdankte er seinem Körper, den er in New Haven beim Rundlauf und jetzt durch das Schwimmen in der winterlich kalten Donau gestählt hatte. Mit Elkins, dem zweiten Sekretär der Gesandtschaft, teilte er sein Zimmer, zwei hübsche Mädchen besuchten sie zuweilen – doch war weder von ihnen noch von der Gesandtschaft zuviel zu spüren. Die Berührung mit Ed Elkins weckte in ihm zum erstenmal schwache Zweifel am Wert seines eigenen Denkens; er konnte nicht sehen, daß es sich grundlegend von Elkins' Art zu denken unterschied – Elkins, der alle New Havener Außen- und Mittelläufer der letzten dreißig Jahre namentlich aufzählen konnte.
»– Und, ›Dick im Glück‹ kann nicht einer von diesen schlauen Burschen sein; er muß weniger intakt sein, einen kleinen Knacks haben. Und wenn's das Leben nicht für ihn tut, ist es auch kein Ersatz, sich eine Krankheit, ein gebrochenes Herz oder einen Minderwertigkeitskomplex zu holen, obwohl es hübsch sein muß, an etwas Zerbrochenem herumzudoktern, bis es besser ist als die ursprüngliche Form.«
Er machte sich über seine Gedankengänge lustig, nannte sie gleisnerisch und »amerikanisch« – sein Kriterium für undurchdachtes Wortemachen war, daß er es als amerikanisch empfand. Und doch wußte er, daß er seine Intaktheit mit Unvollkommenheit würde bezahlen müssen.
»Das Beste, was ich dir wünschen kann, mein Kind«, so sagt die Fee Schwarzdorn in Thackerays ›Die Rose und der Ring‹, »ist ein wenig Unglück.«
In gewissen Stimmungen zerpflückte er seine eigenen Gedankengänge: »Konnte ich etwas dafür, daß Pete Livingstone am Wahltag im Umkleideraum saß, als ihn alle wie eine Stecknadel suchten? Und ich wurde gewählt, obwohl ich so wenig Leute kannte? Er war gut und richtig, und ich hätte statt seiner im Umkleideraum sitzen müssen. Vielleicht hätte ich's, wenn ich geglaubt hätte, Chancen bei der Wahl zu haben. Aber in all den Wochen kam Mercer dauernd in mein Zimmer. Ich nehme an, ich wußte ganz gut, daß ich Aussichten hatte, ganz gut. Aber es wäre mir recht geschehen, wenn ich meine Suppe hätte auslöffeln müssen und einen Konflikt heraufbeschworen hätte.«
Nach den Vorlesungen an der Universität pflegte er diesen Punkt mit einem jungen intellektuellen Rumänen zu erörtern, der ihm versicherte: »Wir haben keinen Beweis dafür, daß Goethe jemals einen ›Konflikt‹ im modernen Sinne gekannt hat oder ein Mann wie Jung, zum Beispiel. Du bist kein romantischer Philosoph – du bist Wissenschaftler: Gedächtnis, Kraft, Charakter – besonders Vernunft. Die Schwierigkeit für dich wird darin bestehen, Selbstkritik zu üben. Ich lernte einmal einen Mann kennen, der zwei Jahre am Gehirn eines Gürteltiers arbeitete, in der Meinung, er werde über kurz oder lang mehr über das Gehirn des Gürteltiers wissen als jeder andere. Ich versuchte, ihn davon zu überzeugen, daß er dabei den menschlichen Bereich aus dem Auge verlor – das Thema war zu fernliegend. Und richtig, als er die Arbeit an die medizinische Zeitschrift einschickte, wurde sie abgelehnt – eine Abhandlung von einem anderen über dasselbe Thema war gerade angenommen worden.«
Dick ging nach Zürich, mit weniger Achillesfersen, als zur Ausstattung eines Tausendfüßlers benötigt werden, aber mit einer Unmenge von Illusionen – Illusionen über ewigwährende Kraft und Gesundheit und über das eingeborene Gute im Menschen; Illusionen über eine Nation, über die Lügen von Generationen von Grenzlandmüttern, die ihren Kindern vorsingen mußten, daß keine Wölfe vor der Hütte lauerten. Nachdem er promoviert hatte, erhielt er den Befehl, sich zu einer Neurologeneinheit zu verfügen, die in Bar-sur-Aube aufgestellt wurde. In Frankreich war die Arbeit zu seinem Ärger mehr verwaltungstechnisch als praktisch. Als Ausgleich fand er genügend Zeit, seinen kurzen Leitfaden zu beenden und Material für sein nächstes Werk zu sammeln. Im Frühling 1919 wurde er entlassen und ging nach Zürich zurück.
Das Vorhergehende klingt nach Biographie, der die Befriedigung des sicheren Wissens fehlt, daß der Held – wie der in seinem Kramladen in Galena herumlungernde Grant – zu einem verwickelten Schicksal berufen ist. Zur Beruhigung sei es gesagt: Dick Divers kritisches Stadium hebt nunmehr an.
II
Es war ein feuchter Apriltag mit schrägen Wolken über dem Albishorn und trägem Wasser tiefer unten. Zürich sieht einer amerikanischen Stadt nicht unähnlich. Dick hatte die ganze Zeit seit seiner Ankunft vor zwei Tagen etwas vermißt und merkte jetzt, es war das Gefühl, das er in engen französischen Gassen gehabt hatte, das Gefühl, daß es weiter nichts gebe. In Zürich gab es eine Menge außer Zürich – die Dächer leiteten die Blicke hinauf zu Kuhweiden mit Glockengeläut, die sich ihrerseits weiter oben in Bergspitzen verwandelten – so war das Leben ein senkrechter Anstieg zu einem Postkartenhimmel. Die Alpenländer, die Heimat des Spielzeugs, der Drahtseilbahnen, der Karussells und des Kuhreigens, waren nichts zum Heimischfühlen wie Frankreich, wo einem französische Weinranken auf der Erde über die Füße wachsen.
In Salzburg hatte Dick einst den aufgesetzten Wert eines gekauften und geliehenen Musik Jahrhunderts empfunden; einmal, als er sich im Universitätslaboratorium in Zürich vorsichtig zur Rinde eines Gehirns vorgetastet hatte, war er sich eher wie ein Spielzeugmacher vorgekommen als wie der Wirbelsturm, der vor zwei Jahren durch die alten roten Gebäude von Hopkins gerast war, ungehindert durch die Ironie der gewaltigen Christusstatue in der Eingangshalle.
Dennoch hatte er sich entschlossen, noch zwei Jahre in Zürich zu bleiben, denn er unterschätzte keineswegs den Wert des Spielzeugmachens, den Wert unendlicher Genauigkeit und unendlicher Geduld.
Heute ging er aus, um Franz Gregorovius in Dohmlers Klinik am Zürichsee zu besuchen. Franz, der als Pathologe in der Klinik wohnte, von Geburt Waadtländer und ein paar Jahre älter war als Dick, erwartete ihn an der Straßenbahn-Haltestelle. Er hatte etwas von Cagliostros dunklem, prächtigem Aussehen, das im Gegensatz zu seinen Augen stand, die denen eines Heiligen glichen. Er war der dritte in der Reihe der Gregoroviusse – sein Großvater war Kraepelins Lehrer gewesen, zu einer Zeit, als die Psychiatrie gerade aus dem Dunkel der Zeiten hervortrat. Charakterlich war er stolz, leidenschaftlich und gutmütig – er hielt sich für einen Hypnotiseur. Wenn sich auch das ursprüngliche Genie der Familie ein wenig erschöpft hatte, würde Franz doch zweifellos ein guter Kliniker werden.
Auf dem Weg zur Klinik sagte er: »Erzähl mir von deinen Erfahrungen im Krieg. Bist du auch so verändert wie die andern? Du hast dasselbe alterslose amerikanische Gesicht wie früher.«
»Ich hab' nichts vom Krieg gemerkt«, sagte Dick. »Du mußt es aus meinen Briefen gesehen haben.«
»Das macht nichts – wir haben einige Bombenschocks hier, die nur von weitem einen Fliegerangriff gehört haben. Ein paar sind da, die nur davon in der Zeitung lasen.«
»Das hört sich ziemlich unsinnig an.«
»Vielleicht, Dick. Aber wir sind eine Klinik für reiche Leute – wir benutzen das Wort Unsinn nicht. Sei mal ganz offen, kommst du zu mir oder zu dem Mädchen?«
Sie blickten sich von der Seite an; Franz lächelte hintergründig.
»Natürlich habe ich die ersten Briefe gelesen«, sagte er in dienstlichem Baß. »Als die Veränderung begann, hat mich mein Zartgefühl davon abgehalten, noch weitere zu öffnen. In Wirklichkeit war es ja dein Fall geworden.«
»Es geht ihr also gut?« fragte Dick.
»Tadellos. Ich betreue sie, wie ich überhaupt die Mehrzahl der englischen und amerikanischen Patienten betreue. Sie nennen mich Doktor Gregory.«
»Ich werde dir erklären, welche Bewandtnis es mit dem Mädchen hat«, sagte Dick. »Tatsache ist, daß ich sie nur ein einziges Mal gesehen habe. Als ich herauskam, um mich von dir zu verabschieden, kurz bevor ich nach Frankreich ging. Es war das erstemal, daß ich meine Uniform trug, und ich fühlte mich in ihr sehr fehl am Platze – grüßte gemeine Soldaten und lauter so Zeug.«
»Warum hast du sie heute nicht an?«
»Ha! Ich bin doch vor drei Wochen entlassen worden. Hier ist der Weg, auf dem ich das Mädchen zufällig traf. Als ich dich verlassen hatte, ging ich zu deinem Haus am See, um mein Rad zu holen.«
»– zu den Zedern hin?«
»– ein wunderbarer Abend, weißt du – der Mond stand über dem Berg –«
»Dem Kreuzegg.«
»– Ich holte eine Pflegerin und ein junges Mädchen ein. Ich hielt das Mädchen nicht für eine Patientin; ich fragte die Pflegerin nach den Abfahrtszeiten der Straßenbahn, und wir gingen nebeneinander her. Das Mädchen war mit das hübscheste Ding, das ich je gesehen hatte.«
»Sie ist es noch.«
»Sie hatte noch nie eine amerikanische Uniform gesehen, und wir unterhielten uns und dachten uns nichts dabei.« Er hielt inne, da er einen Ausblick wiedererkannte, und fuhr dann fort: »Du mußt bedenken, Franz, daß ich noch nicht so abgebrüht bin wie du. Wenn ich eine so wunderschöne Schale sehe, kann ich nicht umhin, über das, was darin steckt, betrübt zu sein. Das war alles – bis die Briefe kamen.«
»Es war das beste, was ihr passieren konnte«, sagte Franz dramatisch, »ein Zusammentreffen, vom Zufall beschert. Darum habe ich dich abgeholt, obwohl es ein sehr besetzter Tag ist. Ich möchte, daß du zu mir ins Büro kommst und lange mit mir sprichst, bevor du sie siehst. Ich habe sie nämlich nach Zürich geschickt, um Einkäufe zu machen.« Seine Stimme klang gestrafft vor Begeisterung. »Ich habe sie sogar ohne Pflegerin geschickt, mit einer weniger stabilen Patientin. Ich bin unendlich stolz auf diesen Fall, den ich mit deiner zufälligen Hilfe behandelt habe.«
Das Auto war am Ufer des Zürichsees entlanggefahren und dann in eine fruchtbare Landschaft mit Viehweiden und sanften Hügeln voller Chalets eingebogen. Die Sonne schwamm in einem blauen Himmelsmeer, und plötzlich war es ein Schweizer Tal, wie man es sich schöner nicht denken konnte, mit lieblichen Klängen und Gemurmel und dem guten, frischen Duft nach Gesundheit und Frohsinn.
Professor Dohmlers Anstalt bestand aus drei alten und zwei neuen Gebäuden und lag zwischen einer kleinen Anhöhe und dem Ufer des Sees. Bei ihrer Gründung, zehn Jahre zuvor, war sie die erste moderne Klinik für Geisteskrankheiten gewesen; auf den ersten Blick hätte kein Laie eine Zufluchtsstätte für die Gebrochenen, Defekten, Gemeingefährlichen dieser Welt in ihr gesehen, wenngleich zwei Gebäude von verdächtig hohen, weinbewachsenen Mauern umgeben waren. Ein paar Männer harkten in der Sonne Stroh zusammen. Als sie durch die Parkanlagen fuhren, kamen sie hier und da an einer Krankenschwester vorbei, die mit wippender weißer Flügelhaube neben einem Patienten herging.
Nachdem er Dick in sein Büro geführt hatte, entschuldigte sich Franz auf eine halbe Stunde. Allein geblieben, durchschritt Dick den Raum und versuchte, sich Franzens Persönlichkeit aus der Unordnung auf seinem Schreibtisch, aus seinen Büchern und den Büchern, die seinem Vater und Großvater gehört und die sie geschrieben hatten, zu rekonstruieren; auch aus einer riesigen, rötlich kolorierten Photographie des ersteren, die, schweizerischer Sitte folgend, an der Wand hing. Es roch nach Rauch im Zimmer; Dick stieß das französische Fenster auf und ließ einen Streifen Sonnenlicht herein. Unversehens wandten sich seine Gedanken der Patientin, dem jungen Mädchen, zu.
Er hatte ungefähr fünfzig Briefe von ihr bekommen, die sie während eines Zeitraumes von acht Monaten an ihn geschrieben hatte. Im ersten hatte sie, sich entschuldigend, erklärt, sie habe aus Amerika gehört, daß Mädchen an unbekannte Soldaten schrieben. Sie habe Namen und Adresse von Doktor Gregory erhalten und hoffe, er werde nichts dagegen haben, wenn sie ihm zuweilen ein paar Zeilen mit guten Wünschen schicken würde, etc. etc.
Bis dahin war es leicht, den Ton zu erkennen – er stammte aus »Daddy Long-Legs« und »Molly-Make-Believe«, munter-sentimentalen Briefsammlungen, die sich in den Staaten großer Beliebtheit erfreuten. Aber dann hörte die Ähnlichkeit auf.
Die Briefe zerfielen in zwei Kategorien, von denen die erste, bis zur Zeit des Waffenstillstandes ungefähr, einen ausgesprochen pathologischen Charakter trug, wogegen die zweite, die sich von jenem Zeitpunkt bis zur Gegenwart erstreckte, durchaus normal war und einen schön herangereiften Charakter verriet. Auf diese späteren Briefe hatte Dick in den letzten langweiligen Monaten in Bar-sur-Aube schließlich mit Ungeduld gewartet, aber auch aus den früheren Briefen hatte er sich mehr zusammengereimt, als Franz wohl vermutet hätte.
Mon Capitaine:
Als ich Sie in Ihrer Uniform sah, fand ich Sie so schön. Dann dachte ich: Je m'en fiche! auf französisch und auch auf deutsch. Sie fanden mich ebenfalls hübsch, aber das kenne ich von früher und habe es lange ertragen. Wenn Sie wieder mit solchem niederträchtigen und verbrecherischen Benehmen herkommen, das so gar nicht dem entspricht, was man mir beigebracht hat, als gentlemanlike anzusehen, möge Ihnen der Himmel gnädig sein. Immerhin, Sie scheinen ruhiger zu sein als die anderen, ganz sanft, wie eine große Katze. Ich habe immer nur Jungen gern gehabt, die ziemliche Schwächlinge waren. Sind Sie ein Schwächling? Irgendwo gab es welche.
Entschuldigen Sie dies alles, das ist der dritte Brief, den ich Ihnen schreibe, und ich werde ihn sofort abschicken, sonst werde ich ihn nie abschicken. Ich habe auch sehr viel über den Mondschein nachgedacht, und ich könnte eine Menge Zeugen beibringen, wenn ich bloß hier heraus könnte.
Es ist mir gesagt worden, Sie seien Arzt, aber solange Sie eine Katze sind, ist es etwas anderes. Mein Kopf tut so weh, darum entschuldigen Sie; dieser Spaziergang einer gewöhnlichen mit einer weißen Katze ist, glaube ich, eine Erklärung dafür. Ich spreche drei Sprachen, mit Englisch vier, und ich glaube bestimmt, ich könnte mich als Dolmetscherin nützlich machen; wenn Sie nur in Frankreich so etwas vermitteln würden, glaube ich bestimmt, ich könnte alles zwingen, wenn jeder mit Riemen gefesselt würde, wie es am Mittwoch geschah. Jetzt ist es Sonnabend, und Sie sind weit weg, vielleicht tot.
Kommen Sie eines Tages zu mir zurück; denn ich werde immer hier sein auf diesem grünen Hügel. Wenn mir nicht erlaubt wird, an meinen Vater zu schreiben, den ich von Herzen geliebt habe.
Entschuldigen Sie dies. Ich bin heute gar nicht ich selbst. Ich werde schreiben, wenn ich mich besser fühle.
Cheerio
Nicole Warren.
Entschuldigen Sie dies alles.
Captain Diver:
Ich weiß, daß Selbstbetrachtung bei einem so hochgradig nervösen Stadium wie dem meinigen nicht gut ist, aber ich möchte, daß Sie wissen, wie es mit mir steht. Voriges Jahr, oder wann das in Chicago war, als ich so wurde, konnte ich nicht mit Dienstboten sprechen oder auf die Straße gehen; ich wartete ständig auf jemand, der mir Auskunft geben sollte. Es war die Pflicht dessen, der Bescheid wußte. Ein Blinder muß geführt werden. Nur wollte mir niemand alles sagen – sie sagten mir nur die Hälfte, und ich war schon zu verwirrt, um zwei und zwei zusammenzuzählen. Ein Mann war nett – ein französischer Offizier, und er wußte Bescheid. Er gab mir eine Blume und sagte, sie sei »plus petite et moins entendue«. Wir waren Freunde. Dann nahm er sie mir weg. Ich wurde kränker, und niemand war da, der es mir erklären konnte. Sie hatten ein Lied über Jeanne d'Arc, das pflegten sie mir vorzusingen, aber das war pure Niedertracht – es hat mich bloß zum Weinen gebracht, denn damals war mein Kopf noch in Ordnung. Sie machten auch Anspielungen auf Sport, aber damals machte ich mir nichts daraus. Also an dem Tag ging ich zu Fuß den Michigan Boulevard entlang, weiter und weiter, kilometerweit, und schließlich folgten sie mir im Auto, aber ich wollte nicht einsteigen. Schließlich zogen sie mich hinein, und da waren Krankenschwestern. In der Folgezeit wurde mir alles klar, weil ich fühlen konnte, was in anderen vorging. Nun wissen Sie, wie es um mich steht. Und kann es denn gut für mich sein, daß ich hierbleibe, wo die Ärzte beständig Dinge zur Sprache bringen, über die ich doch gerade hier hinwegkommen sollte? Darum habe ich heute meinem Vater geschrieben und ihn gebeten, herzukommen und mich wegzuholen. Es freut mich, daß es Sie interessiert, die Leute zu untersuchen und wegzuschicken. Das muß viel Spaß machen.
Und aus einem anderen Brief:
Sie könnten eigentlich Ihre nächste Untersuchung schwimmen lassen und mir einen Brief schreiben. Man hat mir soeben einige Schallplatten geschickt, damit ich meine Lektionen nicht vergesse; ich habe sie alle zerbrochen, darum will die Schwester nicht mit mir sprechen. Sie waren englisch, so daß die Schwestern sie nicht verstanden hätten. Ein Arzt in Chicago sagte, ich simuliere, aber in Wahrheit meinte er, ich sei eins von Sechslingen, und er hatte noch nie eins gesehen. Aber damals war ich stark damit beschäftigt, verrückt zu sein, darum war es mir gleichgültig, was er sagte; wenn ich stark damit beschäftigt bin, verrückt zu sein, ist es mir gewöhnlich gleichgültig, was man sagt, und wenn ich eine Million Mädchen wäre.
Damals am Abend sagten Sie mir, Sie würden mir beibringen, wie man spielt. Also, ich glaube, Liebe ist das einzige, was von Bedeutung ist oder von Bedeutung sein sollte. Auf alle Fälle freue ich mich, daß Ihr Interesse an den Untersuchungen Sie ausfüllt.
Tout à vous
Nicole Warren.
Andere Briefe waren darunter, deren hilflose Zäsuren dunklere Rhythmen verbargen.
Sehr geehrter Hauptmann Diver:
Ich schreibe Ihnen, weil sonst keiner da ist, an den ich mich wenden kann, und mir scheint, wenn diese absurde Situation jemand einleuchtet, der so krank ist wie ich, so sollte sie erst recht Ihnen einleuchten. Die Geisteskrankheit ist behoben, aber abgesehen davon bin ich völlig niedergebrochen und gedemütigt, und vielleicht wollte man das. Meine Familie hat mich schändlich vernachlässigt, es hat keinen Zweck, sie um Hilfe oder Mitleid zu bitten. Ich habe genug davon, und ich richte nur meine Gesundheit zugrunde und vergeude meine Zeit, wenn ich mir einbilde, daß das, was in meinem Kopf los ist, heilbar ist.
Ich bin hier anscheinend in einer Art Irrenhaus, einfach, weil niemand es für richtig hielt, mir über alles die Wahrheit zu sagen. Wenn ich nur gewußt hätte, was vorging, so wie ich es jetzt weiß, ich glaube, ich hätte es ertragen, denn ich bin ganz hübsch stark; aber die es hätten tun sollen, hielten es nicht für richtig, mich aufzuklären.
Und jetzt, wo ich Bescheid weiß und einen solchen Preis für mein Wissen bezahlt habe, sitzen sie da mit ihren Hundeaugen und sagen, ich solle das glauben, was ich früher geglaubt habe. Besonders einer tut das, aber jetzt weiß ich Bescheid.
Ich bin immerzu einsam, weit weg von Freunden und Verwandten jenseits des Ozeans, und ich wandere halb betäubt durch die Gegend. Wenn Sie mir eine Stellung als Dolmetscherin verschaffen könnten (ich spreche Französisch und Deutsch wie meine Muttersprache, ganz gut Italienisch und etwas Spanisch) oder im Roten-Kreuz-Lazarett oder als Lazarettzug-Schwester, obgleich ich dafür ausgebildet werden müßte, würden Sie mir eine große Wohltat erweisen.
Und dann wieder:
Da Sie meine Erklärung dessen, was los ist, nicht annehmen wollen, könnten Sie mir zum mindesten erklären, was Sie denken; denn Sie haben das gütige Gesicht einer weißen Katze und nicht den komischen Blick, der hier Mode zu sein scheint. Dr. Gregory gab mir ein Photo von Ihnen, nicht so schön, wie Sie in Ihrer Uniform sind, aber Sie sehen jünger darauf aus.
Mon Capitaine:
Es war schön, Ihre Postkarte zu erhalten. Ich freue mich sehr, daß Sie soviel Interesse daran haben, Krankenschwestern zu disqualifizieren – oh, ich habe Ihre Zeilen sehr gut verstanden. Ich dachte nur vom ersten Moment unserer Bekanntschaft an, daß Sie anders wären.
Lieber Capitaine:
Heute denke ich so und morgen so über die Sache. Das ist es, woran ich in Wirklichkeit leide, außer an einem rasenden Trotz und einem Mangel an Gleichmaß. Ich würde jeden Psychiater willkommen heißen, den Sie vorschlagen. Hier liegen sie in ihren Badewannen und singen: »Spiel in deinem eignen Hinterhof«, als ob ich einen Hinterhof zum drin spielen hätte oder als wenn für mich irgendeine Hoffnung darin liegen könnte, rückwärts oder vorwärts zu schauen. Sie haben es wieder in dem Bonbonladen versucht, und ich habe mit dem Gewicht nach dem Mann geworfen und ihn beinahe getroffen, aber sie hielten mich fest.
Ich werde ihnen nicht mehr schreiben. Meine Stimmung ist zu wechselnd.
Dann ein Monat ohne Briefe. Und dann plötzlich die Veränderung.
– Ich komme langsam ins Leben zurück ...
– Heute die Blumen und die Wolken ...
– Der Krieg ist zu Ende, und ich wußte kaum, daß Krieg war ...
– Wie gut Sie gewesen sind! Sie müssen sehr weise sein hinter Ihrem Gesicht einer weißen Katze; allerdings sehen Sie auf dem Bild, das mir Doktor Gregory gab, nicht so aus ...
– Heute bin ich nach Zürich gefahren, ein merkwürdiges Gefühl, wieder mal eine Stadt zu sehen.
– Heute waren wir in Bern, es war so hübsch mit den Uhren.
– Heute sind wir so hoch hinaufgekraxelt, daß wir Asphodill und Edelweiß gefunden haben ...
Danach kamen die Briefe seltener, aber er beantwortete sie alle. In einem hieß es:
Ich wünschte, jemand würde sich in mich verlieben, wie es die Jungen vor Jahren taten, bevor ich krank war. Doch ich glaube, es werden noch Jahre vergehen, ehe ich an so etwas denken kann.
Aber als Dicks Antwort sich aus irgendeinem Grunde verzögerte, kam ein heftiger Ausbruch von Besorgnis – Besorgnis einer Liebenden: »Vielleicht habe ich Sie gelangweilt« und »Ich fürchte, ich bin zu weit gegangen« und »Nachts habe ich immerzu gedacht, Sie wären krank.«
Tatsächlich war Dick an Influenza erkrankt. Als er genesen war, fiel alles außer der rein formalen Seite seiner Korrespondenz der darauffolgenden Mattigkeit zum Opfer, und kurz danach wurde die Erinnerung an die Briefschreiberin in den Hintergrund gedrängt durch die lebendige Gegenwart einer Telefonistin aus Wisconsin im Hauptquartier von Bar-sur-Aube. Sie hatte rote Lippen wie ein Gesicht auf einem Plakat und war in den Offiziersmessen obszönerweise unter dem Namen »das Schaltbrett« bekannt.
Franz kam, durchdrungen von seiner eigenen Wichtigkeit, ins Büro zurück. Dick dachte, er würde wahrscheinlich ein guter Kliniker werden, denn der klangvolle oder abgerissene Tonfall, mit dem er Pflegepersonal wie auch Patienten in Zucht hielt, entsprang nicht seinem Nervensystem, sondern einer ungeheuren, aber harmlosen Eitelkeit. Seine wirklichen Gefühle waren geordneter, und er behielt sie für sich.
»Nun zu dem Mädchen, Dick«, sagte er. »Natürlich will ich etwas über dich hören und dir von mir erzählen, aber zuerst zu dem Mädchen, weil ich schon so lange darauf gewartet habe, dir von ihr zu berichten.«
Er suchte und fand in einer Kartothek ein Bündel Papiere, aber nachdem er sie schnell durchgesehen hatte, fand er, daß sie ihm im Wege waren, und legte sie auf seinen Schreibtisch. Statt dessen erzählte er Dick die Geschichte.
III
Vor anderthalb Jahren etwa führte Doktor Dohmler einen etwas verworrenen Briefwechsel mit einem amerikanischen Herrn, der in Lausanne lebte, einem Herrn Devereux Warren von der Familie Warren aus Chicago. Eine Zusammenkunft wurde vereinbart, und eines Tages traf Herr Warren mit seiner Tochter Nicole, einem Mädchen von sechzehn Jahren, in der Klinik ein. Das Mädchen war offensichtlich krank, und die Krankenschwester, die mitgekommen war, machte mit ihr einen Spaziergang durch den Park, während Herr Warren den Arzt konsultierte.
Warren war ein auffallend hübscher Mann, dem man seine vierzig Jahre nicht ansah. Er war in jeder Hinsicht ein guter amerikanischer Typ: groß, stattlich, gut gewachsen – »un homme très chic«, wie Doktor Dohmler ihn Franz beschrieb. Das Weiße seiner grauen Augen war von roten Äderchen durchzogen, vom Rudern auf dem Genfer See, und man sah seinem ganzen Gehaben an, daß er die Genüsse dieser Welt zu schätzen wußte. Die Unterhaltung wurde auf deutsch geführt, denn es stellte sich heraus, daß er in Göttingen zur Schule gegangen war. Er war nervös, und augenscheinlich ging ihm seine Mission sehr nahe.
»Doktor Dohmler, meine Tochter ist gemütskrank. Ich habe unzählige Spezialisten befragt und Krankenschwestern für sie gehalten, und sie hat zwei Liegekuren gemacht, aber die Sache ist mir über den Kopf gewachsen, und man hat mir dringend empfohlen, mich an Sie zu wenden.«
»Sehr schön«, sagte Doktor Dohmler. »Wie wäre es, wenn Sie mir alles von Anfang an erzählen würden.«
»Einen Anfang gibt es gar nicht, zumindest hat es, soviel ich weiß, in der Familie auf beiden Seiten keine Geisteskrankheit gegeben. Nicoles Mutter starb, als das Kind elf Jahre alt war, und ich bin sozusagen Vater und Mutter in einer Person für sie gewesen, mit Hilfe von Erzieherinnen – Vater und Mutter in einer Person.«
Er war sehr bewegt, als er das sagte. Doktor Dohmler sah, daß er Tränen in den Augen hatte, und bemerkte zum erstenmal, daß sein Atem nach Whisky roch.
»Als Kind war sie ein entzückendes kleines Ding – jeder war hingerissen von ihr, jeder, der mit ihr in Berührung kam. Sie war schlank wie eine Gerte und vom Morgen bis zum Abend glücklich. Mit Vorliebe las sie oder zeichnete oder tanzte oder spielte Klavier – sie konnte alles mögliche. Oft hörte ich meine Frau sagen, sie sei das einzige von unseren Kindern, das niemals in der Nacht geschrien habe. Ich habe noch eine ältere Tochter, und da war noch ein Junge, der gestorben ist, aber Nicole war – Nicole war – Nicole –«
Er hielt inne, und Doktor Dohmler half ihm.
»Sie war ein ganz und gar normales, strahlendes, glückliches Kind.«
»Ganz und gar.«
Doktor Dohmler wartete. Herr Warren schüttelte den Kopf, stieß einen tiefen Seufzer aus, streifte Doktor Dohmler mit einem schnellen Blick und sah dann wieder zu Boden.
»Ungefähr vor acht Monaten, vielleicht waren es auch sechs oder vielleicht zehn – ich versuche, es mir zu vergegenwärtigen, aber ich kann mich nicht genau entsinnen, wo wir waren, als sie begann, komische Dinge zu tun – verrückte Dinge. Ihre Schwester war der erste Mensch, der mir etwas darüber sagte – denn Nicole war mir gegenüber immer die gleiche«, fügte er ziemlich hastig hinzu, so als hätte jemand behauptet, er trüge die Schuld, »– dasselbe anschmiegsame kleine Mädchen. Die erste Sache betraf einen Kammerdiener.«
»Ganz recht«, sagte Doktor Dohmler und nickte mit seinem ehrwürdigen Haupt, als wenn er, wie Sherlock Holmes, erwartet hätte, daß ein Kammerdiener, und zwar ausgerechnet ein Kammerdiener, in diesem Moment in Erscheinung treten würde.
»Ich hatte einen Kammerdiener, der seit Jahren bei mir war – übrigens ein Schweizer.« Er blickte Doktor Dohmler in Erwartung seines patriotischen Beifalls an. »Sie bildete sich in bezug auf ihn etwas Verrücktes ein. Sie meinte, er stelle ihr nach – natürlich glaubte ich es ihr damals und entließ ihn, aber jetzt weiß ich, daß alles Unsinn war.«
»Was behauptete sie, daß er getan haben sollte?«
»Damit fing es schon an – die Ärzte konnten nichts Bestimmtes aus ihr herauskriegen. Sie blickte sie an, als müßten sie es eigentlich wissen, was er getan hatte. Sicher war nur, daß sie meinte, er habe ihr irgendwelche unschicklichen Anträge gemacht – darüber ließ sie uns nicht im Zweifel.«
»Ich verstehe.«
»Natürlich habe ich über Frauen gelesen, die sich einsam fühlen und sich einbilden, es sei ein Mann unter ihrem Bett und dergleichen, aber wie sollte Nicole auf so etwas kommen? Sie konnte so viele junge Männer haben, wie sie wollte. Wir waren in Lake Forest, einer Sommerfrische bei Chicago, wo wir ein Grundstück haben – und sie war den ganzen Tag draußen und spielte mit den Jungen Golf oder Tennis. Und einige von ihnen waren ziemlich hinter ihr her.«
Die ganze Zeit über, während Warren auf den alten, vertrockneten Knaben, den Doktor Dohmler, einredete, war ein Teil von dessen Hirn in Intervallen mit Chicago beschäftigt. Einstmals, in seiner Jugend, hätte er als Assistent und Dozent an die Universität Chicago gehen können; vielleicht wäre er dort reich geworden und hätte ein eigenes Sanatorium besessen, statt nur kleiner Teilhaber an einer Klinik zu sein. Als er sich das, was er sein eigenes mangelhaftes Wissen nannte, über das ganze Gebiet, über all die Weizenfelder und die endlosen Prärien verteilt dachte, hatte er sich dagegen entschieden. Aber er hatte in jenen Tagen viel über Chicago gelesen, über die großen feudalen Familien, die Armours, Palmers, Fields, Cranes, Warrens, Swifts, McCormicks und viele andere, und seither waren nicht wenige Patienten, die dieser Gesellschaftsschicht angehörten, aus Chicago und New York zu ihm gekommen.
»Es wurde schlimmer mit ihr«, fuhr Warren fort. »Sie hatte so was wie einen Anfall – das, was sie sagte, wurde immer verrückter. Ihre Schwester schrieb einiges davon auf.« Er reichte dem Doktor ein mehrfach gefaltetes Stück Papier. »Fast immer über Männer, die sie anfallen wollten, Männer, die sie kannte oder Männer auf der Straße – alle –«
Er erzählte von seiner Sorge und Not, von dem Schrecken, in den Familien durch solche Begebenheiten versetzt werden, von ihren erfolglosen Bemühungen in Amerika und schließlich davon, daß sie sich viel von einem Ortswechsel versprochen hatten, und wie er darum die Unterseebootblockade durchbrochen und seine Tochter in die Schweiz gebracht hatte.
»– auf einem Kreuzer der Vereinigten Staaten«, erklärte er mit einem Anflug von Stolz. »Das zuwege zu bringen, war mir durch einen Glücksfall möglich. Und ich möchte hinzufügen«, er lächelte wie um Entschuldigung bittend, »daß, wie man sagt, Geld keine Rolle spielt.«
»Natürlich nicht«, stimmte Dohmler trocken bei.
Er hätte gar zu gern gewußt, weshalb und in welchem Punkte der Mann ihn anlog. Oder, wenn er sich darin irren sollte, woher die Atmosphäre von Unaufrichtigkeit kam, die den ganzen Raum und den stattlichen Menschen in gemusterter Wolle durchdrang, der sich mit dem Behagen eines Sportsmannes in seinem Stuhl rekelte. Draußen in der Februarluft, das war eine Tragödie: der junge Vogel mit irgendwie geknickten Flügeln, und hier drin war alles zu durchsichtig, durchsichtig und falsch.
»Ich würde jetzt gern ein paar Minuten mit ihr sprechen«, sagte Doktor Dohmler, ins Englische hinüberwechselnd, als wenn ihn das Warren näherbringen könnte.
Später, als Warren seine Töchter dagelassen hatte und nach Lausanne zurückgekehrt war, und als mehrere Tage vergangen waren, machten der Doktor und Franz folgende Eintragung auf Nicoles Karteiblatt:
»Diagnose: Schizophrenie. Akute Phase im Abnehmen begriffen. Die Angst vor Männern ist ein Symptom der Krankheit und keineswegs angeboren ... Die Prognose muß zurückgestellt werden.«
Und dann warteten sie, während die Tage vergingen, mit zunehmender Spannung auf Herrn Warrens versprochenen zweiten Besuch.
Er ließ auf sich warten. Nach zwei Wochen schrieb Doktor Dohmler. Als weiterhin Schweigen herrschte, beging er, was man in jenen Tagen »une folie« nannte und telefonierte das Grand Hotel in Vevey an, Er erfuhr von Herrn Warrens Kammerdiener, daß sein Herr beim Packen sei, um sich nach Amerika einzuschiffen. Als dem Mann zu verstehen gegeben wurde, daß die vierzig Schweizer Franken für den Anruf in den Klinikbüchern erscheinen würden, regte sich in ihm das Blut der Schweizer Garde der Tuilerien, so daß er Herrn Warren an den Apparat rief.
»Es ist – unbedingt notwendig –, daß Sie kommen. Die Gesundheit Ihrer Tochter – alles hängt davon ab. Ich kann keine Verantwortung übernehmen.«
»Aber ich bitte Sie, Doktor, dafür sind Sie doch gerade da. Ich bin dringend nach Hause abgerufen worden!«
Doktor Dohmler hatte noch nie mit jemand gesprochen, der so weit entfernt war, aber er brachte sein Ultimatum telefonisch mit so viel Festigkeit vor, daß der Amerikaner am anderen Ende in seiner Todesangst nachgab. Eine halbe Stunde nach seinem zweiten Eintreffen am Zürichsee war Warren zusammengebrochen, seine schönen Schultern zuckten in dem gutsitzenden Anzug vor verzweifeltem Schluchzen, und seine Augen waren röter als die Sonne über dem Genfer See. Und sie hörten die entsetzliche Geschichte.
»Es geschah eben«, sagte er mit rauher Stimme. »Ich weiß nicht, wie.«
»Als ihre Mutter gestorben war, pflegte die Kleine jeden Morgen zu mir ins Bett zu kommen, manchmal schlief sie bei mir im Bett. Das kleine Ding tat mir leid. Oh, und danach, wenn wir im Auto oder in der Eisenbahn irgendwohin fuhren, pflegten wir uns an der Hand zu halten. Sie sang für mich. Oft sagten wir: ›Nun wollen wir bis heute nachmittag keinen anderen Menschen ansehen – wir wollen nur füreinander da sein – heute vormittag gehörst du mir.‹« Spröder Sarkasmus kam in seinen Tonfall: »Die Leute sagten immer, wie großartig wir als Vater und Tochter wären – und wischten sich gerührt die Augen. Wir waren wie ein Liebespaar – und dann, unversehens, waren wir ein Liebespaar – und zehn Minuten, nachdem es geschehen war, hätte ich mich am liebsten erschossen – das heißt, ich glaube, ich bin so ein verdammt degenerierter Kerl, daß ich nicht den Schneid gehabt hätte, es zu tun.«
»Und dann?« fragte Doktor Dohmler und dachte wieder an Chicago und an einen sanften, blassen Herrn mit einem Klemmer, der ihn vor dreißig Jahren in Zürich geprüft hatte. »Wiederholte sich das?«
»O nein! Sie ist beinahe – sie schien augenblicklich zu erstarren. Sie sagte nur: ›Mach dir nichts draus, mach dir nichts draus, Daddy. Es tut nichts. Mach dir nichts draus.‹«
»Es hatte keine Folgen?«
»Nein.« Er wurde von einem kurzen, krampfhaften Schluchzen geschüttelt und schnaubte sich mehrere Male. »Das heißt, jetzt haben wir Folgen im Überfluß.«
Als Warren mit seiner Geschichte fertig war, lehnte sich Dohmler in seinem Armsessel zurück und sagte empört zu sich selbst: »Bauer!« Es war eins der wenigen handfesten Urteile, die er sich im Verlauf von zwanzig Jahren angemaßt hatte. Dann sagte er:
»Ich möchte gern, daß Sie in einem Hotel in Zürich übernachten und mich morgen früh besuchen.«
»Und was dann?«
Doktor Dohmler spreizte seine Hände so breit auseinander, daß er ein junges Schwein hätte tragen können.
»Chicago«, schlug er vor.
IV
»Nun wußten wir, wo wir standen«, sagte Franz. »Dohmler gab Warren zu verstehen, daß wir den Fall übernehmen würden, wenn er sich damit einverstanden erklärte, sich auf unbegrenzte Zeit, mindestens jedoch auf fünf Jahre, von seiner Tochter fernzuhalten. Nach Warrens anfänglichem Zusammenbruch schien er sich hauptsächlich dafür zu interessieren, ob jemals etwas über die Geschichte nach Amerika durchsickern würde.
Wir stellten einen Behandlungsplan für sie auf und warteten. Die Prognose war schlecht – wie du weißt, ist der Prozentsatz der Heilungen, sogar derjenigen, die nur dem Namen nach Heilungen sind, in diesem Alter sehr niedrig.«
»Die ersten Briefe sahen schlimm aus«, stimmte Dick zu.
»Sehr schlimm – sehr typisch. Ich habe gezögert, ob ich den ersten aus der Anstalt herauslassen sollte, dann dachte ich, es wird Dick gut tun, zu wissen, daß wir hier weitermachen. Es war nett von dir, daß du auf sie geantwortet hast.«
Dick seufzte. »Sie war so ein liebes Ding. Sie fügte eine Menge Photos von sich bei. Und einen Monat lang hatte ich dort nichts zu tun. Alles, was ich ihr schrieb, war: ›Seien Sie brav und tun Sie, was die Ärzte sagen.‹«
»Das genügte schon – so hatte sie draußen jemand, an den sie denken konnte. Eine Zeitlang hatte sie keinen Menschen – nur eine Schwester, an der sie nicht sehr zu hängen scheint. Übrigens hat uns die Lektüre ihrer Briefe hier weitergeholfen – sie waren uns ein Maßstab für ihren Zustand.«
»Das freut mich.«
»Du weißt also, wie die Dinge lagen. Sie fühlte sich mitschuldig – an sich wäre das belanglos, wenn wir nicht ihre äußerste Standhaftigkeit und Charakterfestigkeit wiederherstellen wollten. Zuerst kam dieser Schock, dann wurde sie in eine Pension gesteckt und hörte die Mädchen untereinander reden – und aus purem Selbstschutz nährte sie in sich die Vorstellung, daß sie nicht mitschuldig gewesen sei – und von da war es leicht, in eine Phantasiewelt zu gleiten, in der alle Männer um so schlechter sind, je mehr man sie liebt und ihnen vertraut.«
»Hat sie jemals das – Schreckliche direkt erwähnt?«
»Nein, und offen gesagt, als sie im Oktober etwa begann, einen normalen Eindruck zu machen, befanden wir uns in einer heiklen Lage. Wäre sie dreißig Jahre alt gewesen, hätten wir ihr erlaubt, sich selbst zurechtzufinden; aber sie war so jung, daß wir fürchteten, sie könne sich verhärten, verkrampft, wie alles in ihr war. Darum sagte Doktor Dohmler ganz offen zu ihr: ›Sie haben jetzt Pflichten gegen sich selbst. Glauben Sie nicht, daß für Sie alles zu Ende ist – Ihr Leben befindet sich erst am Anfang‹, und so weiter und so weiter. Sie hat einen sehr gut entwickelten Verstand, darum ließ er sie etwas Freud lesen, nicht zu viel, und es interessierte sie sehr. Tatsächlich wird sie von uns allen hier verhätschelt. Aber sie ist zurückhaltend«, fügte er hinzu; er zögerte: »Wir hätten gern gewußt, ob sie in ihren letzten Briefen an dich, die sie selbst in Zürich aufgab, irgend etwas geschrieben hat, was Aufschluß über ihren Gemütszustand und über ihre Zukunftspläne geben könnte.«
Dick überlegte.
»Ja und nein – ich kann die Briefe herbringen, wenn du es willst. Sie scheint voller Hoffnung und in normaler Weise lebenshungrig zu sein – ja beinahe romantisch. Manchmal spricht sie von der ›Vergangenheit‹, wie Leute es tun, die im Gefängnis waren. Man weiß nie, ob sie auf das Verbrechen oder die Gefangenschaft oder die Erfahrung als solche anspielen. Eigentlich bin ich in ihrem Leben nichts anderes als eine ausgestopfte Figur.«
»Natürlich, ich verstehe deine Lage genau, und ich drücke dir von neuem unsere Dankbarkeit aus. Darum wollte ich dich sprechen, bevor du sie siehst.«
Dick lachte.
»Glaubst du, sie wird mit einem Hechtsprung auf mich losgehen?«
»Nein, das nicht. Aber ich wollte dich bitten, sehr behutsam zu sein. Du besitzt Anziehungskraft auf Frauen, Dick.«
»Dann helfe mir Gott! Also, ich werde behutsam und abstoßend sein – ich werde jedesmal Knoblauch essen, bevor ich zu ihr gehe, und mir Bartstoppeln stehen lassen. Ich werde sie zwingen, Deckung zu nehmen.«
»Nein, nicht Knoblauch!« sagte Franz ernsthaft. »Du wirst doch deiner Karriere nicht schaden wollen? Aber vielleicht scherzt du nur.«
»– und ich kann ein bißchen hinken. Und jedenfalls gibt es da, wo ich wohne, keine richtige Badewanne.«
»Du scherzt wirklich.« Franz entspannte sich oder nahm wenigstens die Haltung eines Menschen an, der sich entspannt. »Nun erzähle mir von dir und deinen Absichten.«
»Ich habe nur eine Absicht, Franz, und zwar die, ein guter Psychologe zu werden, ja vielleicht der bedeutendste, der je gelebt hat.«
Franz lachte vergnügt, aber er sah, daß Dick diesmal nicht spaßte.
»Das ist sehr gut – und sehr amerikanisch«, sagte er. »Für uns ist es schwerer.« Er stand auf und trat an das französische Fenster. »Ich stehe hier und blicke auf Zürich – dort ist der Turm des Großmünsters. In seiner Gruft liegt mein Großvater. Jenseits der Brücke ruht mein Vorfahr Lavater, der in keiner Kirche begraben sein wollte. Nicht weit davon befindet sich das Standbild eines anderen Vorfahren, Heinrich Pestalozzis, und das von Alfred Escher. Und über allem ist immer Zwingli – ich sehe mich ständig einer Ehrenhalle voller Helden gegenüber.«
»Ja, ich verstehe.« Dick erhob sich. »Ich habe nur das Maul vollgenommen. Man fängt doch immer von neuem an. Die meisten Amerikaner in Frankreich sind ganz wild darauf, nach Hause zu fahren; ich nicht – ich beziehe noch bis Schluß des Jahres Militärlöhnung, wenn ich nur an der Universität Vorlesungen höre. Eine großartige Regierung, die ihre künftigen großen Männer kennt! Dann fahre ich auf einen Monat nach Hause und besuche meinen Vater, und dann komme ich zurück – mir ist eine Stellung angeboten worden.«
»Wo?«
»Bei eurer Konkurrenz – Gislers Klinik in Interlaken.«
»Laß die Finger davon«, riet ihm Franz. »Ein Dutzend junger Leute war im Verlauf eines Jahres dort. Gisler selbst leidet an manischen Depressionen, seine Frau und ihr Liebhaber leiten die Klinik – aber du verstehst, das ist natürlich vertraulich.«
»Wie steht's mit deinem Plan für Amerika?« fragte Dick leichthin. »Wir wollten nach New York gehen und eine mit allen Schikanen ausgerüstete Anstalt für Billionäre gründen.«
»Das war Studentengeschwätz.«
Dick speiste mit Franz, seiner jungen Frau und einem kleinen Hund, der nach verbranntem Gummi roch, in ihrem Häuschen am Rande des Parks. Er fühlte sich irgendwie niedergedrückt, nicht durch die Atmosphäre maßvoller Einschränkung, auch nicht durch Frau Gregorovius – mit ihr hatte er im voraus gerechnet –, sondern durch die plötzliche Einengung des Horizonts, mit der sich Franz anscheinend abgefunden hatte. Für ihn zeichneten sich die Grenzen der Askese anders ab – er konnte sie als Mittel zum Zweck ansehen, ja als ruhmvollen Zweck in sich, aber es fiel ihm schwer, sich vorzustellen, daß man sein Dasein absichtlich auf den Zuschnitt eines ererbten Anzuges einengen konnte. Den häuslichen Gesten Franzens und seiner Frau fehlte es an Anmut und Temperament, wenn sie sich in beengtem Raum bewegten. Die Nachkriegsmonate in Frankreich und die Abwicklungen, bei denen man mit amerikanischer Großzügigkeit mit Geld um sich warf, hatten Dicks Lebensauffassung beeinflußt. Auch hatten Männer und Frauen viel von ihm hergemacht, und vielleicht war, was ihn zum Mittelpunkt der großen Schweizer Uhr zurückgebracht hatte, die intuitive Erkenntnis, daß dies einem ernsthaften Mann nicht eben gut bekam.
Er erreichte, daß Käthe Gregorovius sich bezaubernd vorkam, während ihn der alles durchdringende Blumenkohlgeruch zunehmend beunruhigte. Gleichzeitig verabscheute er sich wegen dieses ersten Stadiums einer ihm bis dahin unbekannten Oberflächlichkeit.
»Mein Gott, bin ich letzten Endes doch wie die anderen?« fragte er sich in Gedanken, als er des Nachts nicht schlafen konnte. »Bin ich wie die anderen?«
Da war unzureichendes Material für einen Sozialisten, aber gutes Material für einen von der Sorte, die auf der Welt die ungewöhnlichsten Aufgaben zu erfüllen hat. In Wahrheit durchlebte er seit einigen Monaten die Trennung vom Land der Jugend, in der es sich entscheidet, ob es sich für etwas zu sterben lohnt, woran man nicht mehr glaubt. In den toten, fahlen Stunden in Zürich, wenn er über eine aufflammende Straßenlaterne hinweg in eine fremde Vorratskammer starrte, pflegte er den Vorsatz zu fassen, gut zu sein, gütig zu sein, tapfer und weise zu sein, aber es war alles sehr schwierig. Er wollte auch geliebt werden, wenn er dazu Zeit finden würde.
V
Die Veranda des Mittelgebäudes erhielt ihr Licht aus den offenen französischen Fenstern, ausgenommen dort, wo die schwarzen Schatten kahler Wände und die phantastischen Schatten von Eisenstühlen unmerklich in ein Gladiolenbeet hinabglitten. Unter den Gestalten, die zwischen den Zimmern hin und her huschten, war Fräulein Warren zunächst nur hin und wieder sichtbar, um dann, als sie Dick bemerkte, völlig in Erscheinung zu treten. Als sie die Schwelle der Glastür überschritt, fing ihr Gesicht den letzten Lichtschein aus dem Zimmer auf und trug ihn mit sich nach draußen. Sie bewegte sich nach einem Rhythmus – diese ganze Woche klang ihr ein Singen im Ohr, Sommergesänge von feurigen Himmeln und wilden Schatten, und seit Dicks Eintreffen war das Singen so laut geworden, daß sie am liebsten eingestimmt hätte.
»Guten Tag, Captain«, sagte sie, ihre Augen mit Mühe von seinen lösend, so als wären sie fest miteinander verhaftet gewesen. »Sollen wir uns hier draußen hinsetzen?« Sie blieb stehen und ließ ihre Blicke eine Weile umherschweifen. »Der reine Sommer.«
Eine Frau war ihr gefolgt, eine untersetzte Frau mit einem Umschlagetuch, und Nicole stellte Dick vor: »Señora –«
Franz entschuldigte sich, und Dick rückte drei Stühle zusammen.
»Was für eine wunderbare Nacht«, sagte die Señora.
»Muy bella«, stimmte Nicole zu, dann zu Dick: »Bleiben Sie lange hier?«
»In Zürich bleibe ich lange, wenn Sie das meinen.«
»Dies ist wirklich die erste richtige Frühlingsnacht«, ließ sich die Señora vernehmen.
»Für immer?«
»Mindestens bis Juli.«
»Ich gehe im Juni von hier fort.«
»Der Juni ist hier ein schöner Monat«, bemerkte die Señora. »Sie sollten den Juni über hierbleiben und erst im Juli fahren, wenn es zu heiß wird.«
»Wohin gehen Sie?« fragte Dick Nicole.
»Irgendwohin, mit meiner Schwester – ich hoffe, irgendwohin, wo etwas los ist, denn ich habe ja so viel Zeit verloren. Aber vielleicht ist man der Meinung, ich sollte zunächst an einen ruhigen Ort – vielleicht Como. Warum kommen Sie nicht auch nach Como?«
»Ach, Como –«, setzte die Señora an.
Im Hause begann ein Trio, »Leichte Kavallerie« von Suppé zu spielen. Das benutzte Nicole, um aufzustehen, und der Eindruck, den ihre Jugend und Schönheit auf Dick machten, wurde immer stärker, bis ihn eine heftige Gefühlswelle durchströmte. Sie lächelte, ein rührend kindliches Lächeln, in dem die ganze verlorene Jugend der Welt lag.
»Die Musik ist zu laut, um sich dabei zu unterhalten. Ob wir nicht etwas herumgehen? Buenas noches, Señora.«
»Gutt Nacht – gutt Nacht.«
Sie gingen zwei Stufen hinab auf den Weg – der im Schatten lag. Sie nahm Dicks Arm.
»Ich habe ein paar Grammophonplatten, die mir meine Schwester aus Amerika geschickt hat«, sagte sie. »Wenn Sie das nächstemal herkommen, werde ich sie Ihnen vorspielen – ich weiß eine Stelle, wo man das Grammophon hinstellen kann, und wo es niemand hört.«
»Fein.«
»Kennen Sie ›Hindostan‹?« fragte sie ernst. »Ich hatte es noch nie gehört, aber es gefällt mir. Dann habe ich noch ›Why do they call them babies?‹ und ›I'm glad I can make you cry‹. Wahrscheinlich haben Sie in Paris nach all diesen Melodien getanzt.«
»Ich war gar nicht in Paris.«
Ihr kremfarbenes Kleid, das beim Gehen manchmal blau und manchmal grau schimmerte, und ihr sehr blondes Haar verwirrten Dick – jedesmal, wenn er sich ihr zuwandte, lächelte sie ein wenig, und ihr Gesicht leuchtete auf wie ein Engelsantlitz, wenn sie in den Bereich einer Bogenlampe kamen. Sie bedankte sich für alles bei ihm, fast, als habe er sie auf eine Gesellschaft mitgenommen, und während Dick allmählich die Übersicht über seine Beziehung zu ihr verlor, wuchs ihre Zuversicht – sie befand sich in einem Zustand der Erregung, der die Erregung der ganzen Welt widerzuspiegeln schien.
»Man läßt mir hier jegliche Freiheit«, sagte sie. »Ich werde Ihnen zwei hübsche Lieder vorspielen: ›Wait till the cows come home‹ und ›Good-bye, Alexander‹.«
Das nächstemal, eine Woche darauf, verspätete er sich, und Nicole erwartete ihn an einer Stelle des Weges, an der er, wenn er von Franzens Hause kam, vorbeikommen mußte. Ihr Haar, über den Ohren zurückgestrichen, fiel so auf ihre Schultern hinab, daß es aussah, als sei ihr Gesicht gerade aus ihm zum Vorschein gekommen, als sei dies genau der Augenblick, in dem sie aus einem Wald in klaren Mondenschein heraustrat. Das Unbekannte hatte sie hervorgebracht: Dick wünschte, sie hätte keine Bindungen, sie wäre weiter nichts als ein verlorenes Kind mit keiner anderen Heimstätte als der Nacht, aus der sie gekommen war. Sie gingen zu dem Versteck, wo sie das Grammophon gelassen hatte, bogen bei der Werkstatt um die Ecke, kletterten auf einen Felsblock und setzten sich hinter eine niedrige Mauer – vor sich endlos wogende Nacht.
Sie waren jetzt in Amerika; selbst Franz, der Dick für einen unwiderstehlichen Schürzenjäger hielt, wäre nie darauf gekommen, daß sie so weit weg waren. Es tat ihnen so leid, Liebling; sie gingen hinunter, um sich in einem Taxi zu treffen, Honey; sie hatten eine Vorliebe für Lächeln und hatten sich in Hindostan kennengelernt, und bald danach mußten sie sich gezankt haben, denn niemand wußte Näheres, und niemand schien sich etwas daraus zu machen – schließlich aber hatte einer von ihnen den anderen weinend zurückgelassen, nur um selbst schwermütig und traurig zu sein.
Die dünnen Klänge, die entschwundene Zeiten und künftige Hoffnungen miteinander verbanden, rankten sich an der wallisischen Nacht empor. Wenn das Grammophon schwieg, ließ sich das eintönige Zirpen einer Grille vernehmen. Nach und nach hörte Nicole auf, den Apparat spielen zu lassen, und sang für Dick.
»Leg einen Silberdollar
auf den Grund,
sieh, wie er rollt,
denn er ist rund –«
Ihren leicht geöffneten Lippen entschwebte kein Atem mehr. Dick stand unvermittelt auf.
»Was ist? Gefällt es Ihnen nicht?«
»Natürlich gefällt es mir.«
»Dieses hab' ich von unserer Köchin zu Hause gelernt:
›Eine Frau hat erst dann
einen wirklich guten Mann,
wenn sie ihn ausschilt dann und wann ... ‹
Gefällt es Ihnen?«
Sie lächelte ihn an und bemühte sich, in ihr Lächeln alles zu legen, was in ihr war, und es auf ihn zu übertragen und brachte sich ihm damit zum Geschenk dar und wollte selbst so wenig dafür, nur einen kleinen Widerhall, nur die Gewißheit, daß auch er innerlich erbebte. Langsam und sacht strömte die Süße der Weidenbäume, die Süße der dunklen Welt in sie ein.
Sie erhob sich ebenfalls, stolperte über das Grammophon und wurde von Dick aufgefangen, wobei sie sich einen Augenblick lang in seine runde Schulterhöhlung schmiegte.
»Ich habe noch eine Platte«, sagte sie. »Haben sie ›So long, Letty‹ gehört? Sicher doch.«
»Nein, wirklich, glauben Sie mir. Ich habe überhaupt nichts gehört.«
Noch gewußt, noch gerochen, noch gespürt, hätte er hinzufügen können; nur Mädchen mit heißen Wangen in heißen, verschwiegenen Zimmern. Die Mädchen, die er 1914 in New Haven gekannt hatte, küßten einen Mann, indem sie »So!« sagten und die Hände gegen seine Brust stemmten, um ihn wegzustoßen. Und hier nun war dieses kaum erst dem Verderben entrissene heimatlose Kind und verkörperte ihm den Inbegriff einer Welt ...
VI
Als er sie das nächstemal sah, war es Mai. Der Lunch in Zürich war eine Vorsichtsmaßnahme; offensichtlich strebte die folgerichtige Entwicklung seines Lebens von dem Mädchen fort; doch als ein Fremder vom Nebentisch sie mit Augen anstarrte, die wie ein unerlaubtes Licht beunruhigend glühten, wandte er sich dem Mann in weltmännisch einschüchternder Weise zu und durchkreuzte seinen Blick.
»Er war nur neugierig«, erklärte er munter. »Er hat sich nur Ihre Kleider angesehen. Warum haben Sie so viele verschiedene Kleider?«
»Meine Schwester sagt, wir wären sehr reich«, versetzte sie bescheiden, »seit Großmutter tot ist.«
»Ich verzeihe Ihnen.«
Er war um so viel älter als Nicole, daß ihm ihre jugendlichen Eitelkeiten und Vergnügungen Spaß machten, die Art zum Beispiel, wie sie beim Verlassen des Lokals ganz beiläufig vor dem Spiegel in der Halle stehenblieb, so daß sie sich in dem unbestechlichen Quecksilber wiederfinden konnte. Er war entzückt, wenn sie mit ihren Händen neue Oktaven zu greifen suchte, jetzt, da sie wußte, daß sie schön und reich war. Er gab sich redliche Mühe, in ihr nicht die fixe Idee aufkommen zu lassen, er habe sie wieder zusammengeflickt, und er war froh zu sehen, wie sie Glück und Zuversicht unabhängig von ihm wiedererlangte. Die Schwierigkeit lag darin, daß Nicole möglicherweise mit allen Dingen zu ihm kommen und sie ihm als köstliche Opfergaben, als Zeichen ihrer Anbetung zu Füßen legen könnte.
In der ersten Sommerwoche hatte sich Dick wieder in Zürich eingerichtet. Er hatte seine Broschüren und was er während seiner Dienstzeit geschrieben hatte, so zusammengestellt, daß es ihm bei seiner Durchsicht von »Eine Psychologie für Psychiater« als Vorlage dienen konnte. Er hatte bereits einen Verleger dafür und stand in Beziehung zu einem armen Studenten, der seine deutschen Sprachfehler ausmerzen wollte. Franz hielt die Sache für übereilt, aber Dick wies auf die entwaffnende Anspruchslosigkeit des Themas hin.
»Das ist ein Stoff, den ich nie wieder so gut beherrschen werde«, beharrte er. »Ich habe so eine Ahnung, als sei dies ein Thema, das nur darum nicht grundlegend ist, weil ihm niemals wesentliche Anerkennung zuteil wurde. Die Schwäche dieses Berufs liegt in seiner Anziehungskraft für den etwas bresthaften und schwächlichen Menschen. Innerhalb der Grenzen des Berufs findet er eine Entschädigung darin, daß er sich dem Klinischen, dem Praktischen zuwendet – er hat seine Schlacht kampflos gewonnen. Du hingegen bist ein tüchtiger Mann, Franz, weil das Schicksal dich, bevor du geboren wurdest, für deinen Beruf bestimmt hat. Du kannst Gott danken, daß du keine ›Anfechtung‹ gehabt hast. Ich bin Psychiater geworden, weil in St. Hilda in Oxford ein Mädchen war, das dieselben Vorlesungen hörte wie ich. Vielleicht klingt es banal, aber ich will nicht, daß mir meine gegenwärtigen Gedanken von ein paar Dutzend Glas Bier weggeschwemmt werden.«
»Schon richtig«, versetzte Franz. »Du bist Amerikaner. Du kannst so etwas ohne berufliche Schädigung tun. Ich mag diese Verallgemeinerungen nicht. Bald wirst du kleine Bücher schreiben, betitelt ›Tiefe Gedanken für den Laien‹, die alles so vereinfachen, daß sie garantiert keinerlei Nachdenken verursachen. Wenn mein Vater noch am Leben wäre, Dick, würde er dich ansehen und brummen. Er würde seine Serviette so zusammenfalten und seinen Serviettenring hochhalten, diesen hier«, – er hielt ihn hoch, ein Wildschweinkopf war in das braune Holz geschnitzt, – »und er würde sagen: ›Also, meiner Ansicht nach‹ – dann würde er dich ansehen und denken: ›Was hat es für einen Zweck?‹, würde abbrechen und wieder brummen, und dann wären wir beim Ende des Essens angelangt.«
»Heute bin ich allein«, sagte Dick gereizt. »Vielleicht bin ich es morgen nicht mehr. Und dann werde ich meine Serviette so zusammenfalten wie dein Vater – und brummen.«
Franz wartete einen Moment.
»Was macht unsere Patientin?« fragte er dann.
»Ich weiß nicht.«
»Na, allmählich solltest du über sie Bescheid wissen.«
»Ich habe sie gern. Sie ist anziehend. Was willst du, daß ich mit ihr anfange – Edelweiß suchen gehen?«
»Nein. Da du dich auf wissenschaftliche Bücher legst, dachte ich, daß dir vielleicht ein Gedanke kommen würde.«
»– ihr mein Leben weihen?«
»Du lieber Gott!« Er rief seiner Frau in der Küche zu: »Bitte, bring Dick noch ein Glas Bier.«
»Ich möchte keins mehr, wenn ich noch zu Dohmler soll.«
»Wir finden, das Beste wäre, wir hätten ein Programm. Vier Wochen sind vergangen – anscheinend ist das Mädchen in dich verliebt. Draußen in der Welt ginge uns das nichts an, aber hier in der Klinik haben wir ein Interesse an der Sache.«
»Ich werde tun, was Doktor Dohmler sagt«, erklärte Dick bereitwillig.
Aber er hatte nicht viel Hoffnung, daß Dohmler Licht in die Angelegenheit bringen würde; er selbst war ja das in ihr enthaltene unberechenbare Element. Ohne bewußte Willensäußerung seinerseits war die Sache auf ihn zugekommen. Es erinnerte ihn an ein Vorkommnis in seiner Kindheit; jeder Mensch im Haus suchte nach dem verlorenen Schlüssel des Silberschrankes, während Dick wußte, daß er ihn unter den Taschentüchern im obersten Schubfach seiner Mutter versteckt hatte. Damals hatte er ein Gefühl philosophischer Ruhe empfunden, und das wiederholte sich jetzt, als er sich mit Franz zu Doktor Dohmlers Büro begab.
Der Professor mit seinem schönen Gesicht unter dem glatten Backenbart, das wie die weinbewachsene Veranda eines schönen alten Hauses wirkte, entwaffnete ihn. Dick kannte begabtere Menschen, aber keine Persönlichkeit, die Dohmler qualitativ überlegen gewesen wäre.
– Ein halbes Jahr später dachte er dasselbe, als er den toten Dohmler sah, das Licht der Veranda gelöscht, das Weingerank seines Backenbartes auf seinen steifen weißen Kragen herabfallend und die vielen Schlachten, die sich vor seinen mandelförmigen Augen abgespielt hatten, hinter den dünnen, zarten Lidern für immer verstummt.
»... Guten Morgen, Herr Professor!« Er nahm Haltung an wie beim Militär.
Professor Dohmler faltete seine ruhigen Hände. Franz sprach in Fachausdrücken, halb wie ein Verbindungsoffizier, halb wie ein Sekretär, bis sein Chef ihm die Rede mitten im Satz durchschnitt.
»Wir haben einen bestimmten Weg eingeschlagen«, sagte er sanft. »Jetzt sind Sie es, Doktor Diver, der uns am besten helfen kann.«
Dick fuhr erschrocken hoch und gestand: »Ich bin meiner Sache nicht so sicher.«
»Mit Ihren persönlichen Eindrücken habe ich nichts zu tun«, sagte Dohmler. »Aber ich habe sehr viel mit der Tatsache zu tun, daß diesem sogenannten ›Übergangsstadium‹« – er warf Franz einen kurzen, ironischen Blick zu, den dieser ebenso zurückgab, »ein Ende gemacht werden muß. Fräulein Nicole geht es tatsächlich gut, aber sie ist nicht in der Lage, etwas zu überstehen, was sie vielleicht als Tragödie empfinden könnte.«
Wieder begann Franz zu sprechen, aber Doktor Dohmler gebot ihm mit einer Bewegung Schweigen.
»Ich sehe ein, daß Sie sich in einer schwierigen Lage befunden haben.«
»Ja, das stimmt.«
Jetzt lehnte sich der Professor zurück und lachte, und mit dem letzten Atemzug seines Gelächters sagte er und blickte scharf aus seinen kleinen grauen Augen: »Vielleicht sind Sie selbst gefühlsmäßig engagiert.«
Dick merkte, daß man ihn aufziehen wollte, und lachte ebenfalls.
»Sie ist ein hübsches Ding – jeder ist bis zu einem gewissen Grade empfänglich dafür. Ich habe nicht die Absicht –«
Wieder versuchte Franz zu sprechen – wieder hinderte ihn Dohmler daran, indem er eine Frage direkt an Dick richtete. »Haben Sie daran gedacht, wegzugehen?«
»Ich kann nicht weg.«
Doktor Dohmler wandte sich an Franz: »Dann können wir Fräulein Warren wegschicken.«
»Wie Sie es für gut halten, Herr Professor«, stimmte Dick bei. »Es ist schon eine seltsame Situation!«
Professor Dohmler erhob sich so, wie ein Mann ohne Beine sich an seinen Krücken aufrichtet.
»Aber es ist eine berufliche Situation!« brüllte er.
Seufzend sank er in seinen Stuhl zurück und wartete, bis der Widerhall des Donners im Zimmer verebbte. Dick merkte, daß Dohmler seinen Höhepunkt erreicht hatte, und war sich nicht klar darüber, ob er mit heiler Haut davongekommen war. Endlich gelang es Franz, zu Worte zu kommen.
»Doktor Diver ist ein Mann von Charakter«, sagte er. »Ich bin überzeugt, er braucht die Situation nur zu erfassen, um richtig mit ihr fertig zu werden. Meiner Meinung nach kann Dick hier mithelfen, ohne daß jemand weggeht.«
»Was meinen Sie dazu?« fragte Professor Dohmler Dick.
Dick fühlte sich angesichts der Situation unsicher; gleichzeitig wurde ihm in der Stille, die Dohmlers Worten folgte, klar, daß dieser Zustand der Schwebe nicht endlos in die Länge gezogen werden konnte; plötzlich warf er alle Hemmungen über Bord.
»Eigentlich bin ich in sie verliebt – der Gedanke, sie zu heiraten, ist mir durch den Kopf gegangen.«
»O weh!« entfuhr es Franz.
»Warten Sie!« sagte Dohmler beschwichtigend, aber Franz wollte nicht warten: »Was! Und den größten Teil deines Lebens Arzt und Krankenschwester sein – niemals! Ich kenne diese Fälle. Von zwanzig Fällen wird einer beim erstenmal geheilt – es ist besser, du siehst sie nie wieder!«
»Wie denken Sie darüber?« fragte Dohmler Dick.
»Natürlich hat Franz recht.«
VII
Es war spät am Nachmittag, als sie ihre Beratung darüber, was Dick tun sollte, beendeten: er sollte sehr freundlich sein und sich dennoch zurückziehen. Als die Ärzte sich endlich erhoben, blickte Dick durchs Fenster und sah, daß es sachte regnete – Nicole wartete irgendwo im Regen auf ihn. Als er gleich darauf seinen Wettermantel am Hals zuknöpfte, seine Hutkrempe herunterbog und hinausging, traf er sie sofort unter dem Dach des Hauptportals.
»Ich weiß eine neue Stelle, wo wir hingehen können«, sagte sie. »Als ich krank war, machte es mir nichts aus, am Abend mit den andern im Haus zu sitzen – was sie sagten, klang mir, als wenn es so sein müßte. Jetzt weiß ich natürlich, daß sie krank sind, und es ist – es ist –«
»Sie gehen bald fort von hier?«
»Ja, bald. Meine Schwester Beth, sie wird immer Baby genannt, kommt in ein paar Wochen und wird mich irgendwohin mitnehmen; danach werde ich noch einmal für einen Monat hierher zurückkommen.«
»Die ältere Schwester?«
»Ach, ziemlich viel älter. Sie ist vierundzwanzig – sie ist sehr englisch. Sie lebt in London bei der Schwester meines Vaters. Sie war mit einem Engländer verlobt, aber er ist gefallen – ich habe ihn nie gesehen.«
Ihr Gesicht hob sich, wie Elfenbein und Gold, gegen den trüben Sonnenuntergang ab, der sich durch den Regen hindurchgekämpft hatte; es barg eine Verheißung in sich, die Dick nie zuvor darin gesehen hatte: die hochliegenden Backenknochen, das etwas blasse Aussehen, eher kühl als aufgeregt, gemahnten an ein vielversprechendes Füllen – ein Geschöpf, dessen Leben nicht nur ein Projektieren der Jugend auf seelenlose Filmleinwand, sondern wirkliches Wachstum bedeutete; das Gesicht würde in mittleren Jahren schön sein, es würde in alten Tagen schön sein.
»Was sehen Sie mich so an?«
»Ich habe gerade gedacht, daß Sie sicherlich einmal recht glücklich sein werden.«
Nicole erschrak. »Meinen Sie? Nun, es könnte ja auch nicht schlimmer werden, als es war.«
In dem gedeckten Holzschuppen, zu dem sie ihn geführt hatte, saß sie mit untergeschlagenen Beinen auf ihren Golfschuhen, den wasserdichten Mantel um sich geschlagen, ihre Wangen von der feuchten Luft belebt. Ernst erwiderte sie seinen Blick, beobachtete seine aufrechte Haltung, die dem Holzpfosten, an dem er lehnte, in nichts nachgab; sie betrachtete sein Gesicht, das, nach gelegentlichen Abstechern in Fröhlichkeit und Spötterei, die ihm eigen waren, immer wieder versuchte, sich in die Form aufmerksamen Ernstes zu zwingen. Den Teil seines Wesens, der am besten zu seinem rotblonden irischen Typ zu passen schien, kannte sie am wenigsten; sie hatte Angst davor, war aber um so begieriger, diese seine männlichere Seite zu erforschen; die andere, das Produkt der Erziehung, die sich in seiner Rücksicht, in der Höflichkeit seiner Augen ausdrückte, nahm sie als selbstverständlich hin, wie die meisten Frauen es taten.
»Jedenfalls ist diese Anstalt gut für Sprachen gewesen«, sagte Nicole. »Mit zwei Ärzten habe ich französisch gesprochen, mit den Schwestern deutsch, italienisch oder sowas Ähnliches mit zwei Scheuerfrauen und einem der Patienten, und von einem anderen habe ich eine ganze Menge Spanisch aufgeschnappt.«
»Das ist schön.«
Er versuchte, Stellung dazu zu nehmen, aber es kam nichts Rechtes dabei heraus.
»– auch Musik. Ich hoffe, Sie glauben nicht, daß ich mich nur für Negermusik interessiere. Ich übe jeden Tag – in den letzten Monaten habe ich in Zürich einen musikgeschichtlichen Kursus besucht. Tatsächlich hat mir das zu Zeiten über vieles hinweggeholfen – Musik und Zeichnen.« Plötzlich beugte sie sich hinunter und riß einen losen Streifen von ihrer Schuhsohle ab, dann blickte sie auf. »Ich würde Sie gern zeichnen, so wie Sie dasitzen.«
Es stimmte ihn traurig, daß sie ihre Fertigkeiten herausstrich, um seinen Beifall zu erringen.
»Ich beneide Sie. Im Augenblick habe ich für nichts anderes Interesse als für meine Arbeit.«
»Oh, ich glaube, für einen Mann ist das schön«, sagte sie schnell. »Aber ein Mädchen, finde ich, sollte über eine Menge kleiner Fertigkeiten verfügen und sie an ihre Kinder weitergeben.«
»Das mag sein«, sagte Dick mit absichtlicher Gleichgültigkeit.
Nicole saß schweigend da. Dick wünschte, sie hätte gesprochen, so daß er die bequeme Rolle des Zuhörers hätte spielen können, aber jetzt schwieg sie.
»Sie sind jetzt wieder gesund«, sagte er. »Versuchen Sie, die Vergangenheit zu vergessen, und schonen Sie sich ungefähr ein Jahr lang. Gehen Sie nach Amerika zurück, lassen Sie sich in der Gesellschaft einführen, verlieben Sie sich – und werden Sie glücklich.«
»Ich kann mich nicht verlieben.« Ihr malträtierter Schuh schabte ein Stück vermoderter Rinde von dem Baumstamm ab, auf dem sie saß.
»Natürlich können Sie«, beharrte Dick. »Vielleicht nicht im nächsten Jahr, aber früher oder später doch.« Dann fügte er brutal hinzu: »Sie können ein absolut normales Leben führen mit einem ganzen Stall voll bildhübscher Nachkommen. Allein schon die Tatsache, daß Sie in Ihrem Alter so völlig wiederhergestellt werden konnten, beweist, daß die verursachenden Faktoren nicht so ungewöhnliche waren. Jung wie Sie sind, werden Sie noch auf dem Posten sein, wenn Ihre Freunde längst zum Teufel sind.«
Ein Ausdruck von Schmerz lag in ihren Augen, als sie die bittere Pille schluckte und ihn verstand.
»Ich weiß, daß ich für lange Zeit nicht dazu taugen werde, mich mit jemand zu verheiraten«, sagte sie demütig.
Dick war zu sehr aus der Fassung gebracht, um noch etwas zu sagen. Er blickte in das Kornfeld hinaus und versuchte, seine unerbittliche Strenge wiederzuerlangen.
»Es wird alles gut gehen – alle hier glauben an Sie. Ja, Doktor Gregory ist so stolz auf Sie, daß er wahrscheinlich –«
»Ich hasse Doktor Gregory.«
»Das sollten Sie nicht tun.«
Nicoles Welt war in Scherben gegangen, aber es war nur eine dünne, kaum erst erschaffene Welt; unter ihrer Oberfläche lagen ihre Gefühle und Instinkte miteinander im Streit. War es erst eine Stunde her, daß sie am Portal auf ihn gewartet hatte, ihre Hoffnung wie ein Mieder um ihren Körper tragend?
... Kleid, bleibe gefältelt für ihn, Knopf, platz nicht ab, blühe Narzisse – Luft, bleibe still und süß.
»Es wird schön sein, wieder Freude am Leben zu haben«, tastete sie sich weiter vor. Einen Moment kam ihr der verzweifelte Gedanke, ihm zu erzählen, wie reich sie sei, was für große Häuser sie bewohne und daß sie in Wahrheit ein kostbares Besitztum darstelle – einen Augenblick lang wurde ihr Großvater in ihr lebendig, Sid Warren, der Pferdehändler. Aber sie überwand die Versuchung, alle Werte umzuwerten, und verschloß diese Dinge in ihrer viktorianischen Rumpelkammer – obwohl ihr selbst keine Heimstatt geblieben war außer Leere und Schmerz.
»Ich muß zur Klinik zurück. Es regnet nicht mehr.«
Dick ging neben ihr her, fühlte ihre Verzweiflung und hätte ihr am liebsten den Regen von den Wangen geküßt.
»Ich habe ein paar neue Platten«, sagte sie. »Ich kann es kaum erwarten, sie zu spielen. Kennen Sie –«
An jenem Abend, nach dem Essen, beabsichtigte Dick, den Bruch zu vollenden; auch wollte er Franz die Sitzfläche versohlen, weil er es zum Teil gewesen war, der ihm diese widrige Sache eingebrockt hatte. Er wartete in der Halle. Seine Blicke verfolgten eine Baskenmütze, nicht naß vom Warten im Regen wie Nicoles, sondern einen Schädel bedeckend, der unlängst operiert worden war. Darunter blickten menschliche Augen umher, fanden ihn und näherten sich.
»Bonjour, Docteur.«
»Bonjour, Monsieur.«
»II fait beau temps.«
»Oui, merveilleux.«
»Vous êtes ici maintenant?«
»Non, pour la journée seulement.«
»Ah, bon. Alors – au revoir, Monsieur.«
Froh, wieder eine Begegnung überstanden zu haben, entfernte sich der Unglückselige mit der Baskenmütze. Dick wartete. Nach kurzer Zeit kam eine Krankenschwester herunter und richtete ihm eine Botschaft aus.
»Fräulein Warren läßt sich entschuldigen, Herr Doktor. Sie will sich hinlegen und möchte heute abend oben speisen.«
Die Schwester spannte auf seine Antwort, halb und halb erwartend, er werde durchblicken lassen, daß Fräulein Warrens Verhalten pathologisch sei.
»Oh, ich verstehe. Nun –« Er schluckte ein paarmal und versuchte, seinen Herzschlag zu bändigen. »Ich wünsche gute Besserung. Danke.«
Er war ratlos und unzufrieden. Aber jedenfalls entlastete es ihn.
Er ließ ein paar Zeilen für Franz zurück als Entschuldigung, daß er nicht zum Abendessen blieb, und ging zu Fuß durch die Gegend zur Straßenbahn-Haltestelle. Als er sie erreichte, vergoldete die Frühjahrsdämmerung die Schienen und die Glasscheiben der Automaten, und es kam ihm zum Bewußtsein, daß sich Haltestelle und Hospital in der Schwebe zwischen Zentripetal- und Zentrifugalkraft befanden. Er erschrak. Er war froh, als seine Absätze wieder auf dem soliden Züricher Kopfsteinpflaster klapperten.
Er erwartete, am nächsten Tag etwas über Nicole zu hören, aber es kam nichts. Um zu erfahren, ob sie krank sei, rief er die Klinik an und sprach mit Franz.
»Sie kam gestern und heute zum Lunch herunter«, sagte Franz. »Sie schien etwas abwesend und in den Wolken. Wie verlief es?«
Dick versuchte, den alpinen Abgrund zwischen den Geschlechtern zu überbrücken.
»Wir kamen gar nicht so weit – jedenfalls hatte ich den Eindruck. Ich versuchte, mich zurückzuziehen, aber ich glaube nicht, daß genug geschehen ist, um ihre Einstellung zu ändern, wenn es überhaupt tief ging.«
Vielleicht sprach aus ihm gekränkte Eitelkeit, weil es kein Todesstoß gewesen war.
»Aus einigem, was sie zu der Schwester sagte, möchte ich entnehmen, daß sie begriffen hat.«
»Sehr schön.«
»Es war das beste, was passieren konnte. Sie scheint nicht hypererregt – nur etwas in den Wolken.«
»Na also!«
»Komm mich bald besuchen, Dick.«
VIII
In den nächsten Wochen empfand Dick eine gewaltige Unzufriedenheit. Der pathologische Ursprung und das mechanische Beenden der Angelegenheit ließen einen faden, metallischen Nachgeschmack zurück. Nicoles Gefühlen war übel mitgespielt worden – wie, wenn es sich nun herausstellen würde, daß es seine eigenen gewesen waren? Notgedrungen mußte er sich eine Zeitlang das Glück fernhalten – im Traum sah er sie auf den Klinikwegen dahinschreiten und ihren Strohhut schwingen.
Einmal sah er sie in Person; als er am Palast-Hotel vorbeiging, bog ein prächtiger Rolls Royce in die halbmondförmige Auffahrt ein. Im Vergleich zu seinen riesigen Ausmaßen klein wirkend und von hundert überflüssigen Pferdekräften gezogen, saß Nicole darin, mit einer jungen Dame, die er für ihre Schwester hielt. Nicole sah ihn, und alsbald öffneten sich ihre Lippen in einem Ausdruck des Schreckens. Dick zog seinen Hut und ging vorüber, doch war die Luft um ihn einen Augenblick erfüllt vom Geräusch all der umherschwirrenden Kobolde des Großmünsters. Er versuchte, sich die Sache von der Seele zu schreiben, in einer Denkschrift, die ausführlich das traurige Leben behandelte, das vor ihr lag, und die Möglichkeiten eines neuen Ausbruches der Krankheit unter dem Druck, den die Welt unweigerlich auf sie ausüben würde – alles in allem eine Denkschrift, die wohl jeden überzeugt hätte außer dem, der sie geschrieben hatte.
Im großen und ganzen war der Zweck dieser Bemühung, sich noch einmal darüber klarzuwerden, inwieweit er gefühlsmäßig beteiligt war; von da an sorgte er entschlossen für Gegenmittel. Eins davon war die Telefonistin aus Bar-sur-Aube, die jetzt durch Europa, von Nizza nach Koblenz, eine verzweifelte Treibjagd nach den Männern veranstaltete, die sie in ihrer unvergleichlich schönen Urlaubszeit kennengelernt hatte; ein weiteres war, daß er Anstalten traf, im August mit einem Regierungstransport nach Hause zu fahren; ein drittes die konsequente Steigerung seiner Arbeit an den Korrekturbogen für das Buch, das den Psychiatern der Deutsch sprechenden Welt im Herbst vorliegen sollte.
Dick war dem Buch längst entwachsen; nun wollte er praktische Forschungsarbeit leisten. Wenn er einen Posten als Assistent bekam, mußte ihm eine Menge Material zufallen.
Inzwischen hatte er ein neues Werk geplant: »Ein Versuch, die Neurosen und Psychosen einheitlich und pragmatisch zu klassifizieren, auf Grund der Untersuchung von fünfzehnhundert Prä-Kraepelin- und Post-Kraepelin-Fällen, wie sie in der Terminologie der verschiedenen zeitgenössischen Schulen diagnostiziert werden würden – sowie eine Chronologie solcher Meinungsabweichungen, die unabhängig entstanden sind.«
Dieser Titel würde monumental wirken.
Nach Montreux fuhr Dick langsam mit dem Rad, sah soviel wie möglich nach dem Jugenhorn aus und war von dem Glitzern des Sees geblendet, der durch die Alleen der Strandhotels hindurchschimmerte. Ihm fielen die Scharen von Engländern auf, die nach vierjähriger Pause wieder zum Vorschein gekommen waren und mit mißtrauischen Detektivblicken umhergingen, so als könnten sie in diesem verdächtigen Lande jeden Augenblick von deutschen Räuberbanden überfallen werden. Überall ein Neu-Aufbauen und Wiedererwachen in dieser Welt, die eine Sturmflut in Trümmer gelegt hatte. Auf seinem Weg nach Süden, in Bern und in Lausanne, hatte man Dick neugierig gefragt, ob wohl in diesem Jahr Amerikaner kommen würden. »Im August oder am Ende schon im Juni?«
Er trug kurze Lederhosen, ein Militärhemd und Bergschuhe. In seinem Rucksack befanden sich ein Leinenanzug und einmal Unterwäsche zum Wechseln. Bei der Glion-Drahtseilbahn gab er sein Rad auf und trank auf der Terrasse der Bahnhofswirtschaft ein kleines Bier; dabei beobachtete er, wie die Bahn wie ein kleiner Käfer den Bergabhang von achtzig Grad heruntergekrochen kam. Sein Ohr war voll von geronnenem Blut, weil er auf dem Tour de Pelz, im Gefühl, daß ein Athlet an ihm verlorengegangen sei, eine Spurtstrecke eingelegt hatte. Er ließ sich Alkohol geben und reinigte die Ohrmuschel, während die Drahtseilbahn zur Station herabglitt. Er sah, wie sein Rad verstaut wurde, warf seinen Rucksack in das untere Abteil und stieg selbst hinein.
Die Wagen von Drahtseilbahnen im Gebirge sind in schiefer Ebene gebaut, ähnlich der heruntergezogenen Hutkrempe eines Mannes, der nicht erkannt werden will. Wasser entströmte dem Hohlraum unter dem Wagen; auf Dick machte das Geniale dieser Erfindung großen Eindruck – der andere Wagen auf dem Berggipfel nahm jetzt Wasser ein und würde den erleichterten Wagen, sobald die Bremsen gelockert waren, nach dem Gesetz der Schwerkraft hochziehen. Das war entschieden eine große Erfindung. Auf der Bank gegenüber unterhielten sich zwei Engländer über das Kabel selbst.
»Die in England hergestellten halten immer fünf bis sechs Jahre. Vor zwei Jahren hatten uns die Deutschen unterboten, und wie lange, meinen Sie, hat ihr Kabel gehalten?«
»Wie lange denn?«
»Ein Jahr und zehn Monate. Dann hat die Schweiz es an die Italiener verkauft. Bei denen ist die Kabelkontrolle nicht so streng.«
»Ich kann mir vorstellen, daß es für die Schweiz entsetzlich wäre, wenn ein Kabel risse.«
Der Wagenführer schloß die Tür, er telefonierte mit seinem Kollegen oben zwischen den Berghängen, und mit einem Ruck wurde der Wagen angezogen und trieb auf die Spitze eines saftiggrünen Berges zu. Nachdem er die niedrigen Dächer unter sich gelassen hatte, breitete sich der Himmel von Vaud, Wallis, Savoyen und Genf wie ein Panorama um die Fahrgäste aus. Im Mittelpunkt des Sees, von dem hindurchfließenden Strom der Rhône erfrischt, lag der wahre Mittelpunkt der westlichen Welt. Auf ihm schwammen Schwäne, die Booten, und Boote, die Schwänen glichen, beide im Nichts der gefühllosen Schönheit verloren. Es war ein schöner Tag, die Sonne glitzerte auf dem Grasufer unten und auf den weißen Plätzen vor dem Kurhaus. Die Menschen auf den Plätzen warfen keinen Schatten.
Als Chillon und das Inselschloß Salagnon in Sicht kamen, wandte Dick seine Blicke dem Innern des Wagens zu. Die Drahtseilbahn befand sich über den höchsten Häusern des Ufers; zu beiden Seiten erschien von Zeit zu Zeit in einer Fülle von Farben ein Gewirr von Laub und Blumen. Es waren Gärten, die an der Bahn entlangliefen, und im Wagen war eine Tafel: »Défense de cueillir les fleurs.«
Man durfte während der Fahrt nach oben die Blumen zwar nicht pflücken, aber die Blütenzweige drangen beim Vorbeifahren herein – Dorothy Perkins-Rosen ließen sich geduldig durch jedes Abteil schleifen, schaukelten gemächlich in der Bewegung des Wagens, gaben schließlich nach, um zu ihren rosa Blütenbüscheln zurückzuschnellen. Wieder und immer wieder schwankten diese Zweige durch den Wagen.
Dick gegenüber, in dem höherliegenden Abteil, erhob sich eine Gruppe von Engländern und erging sich in erstaunten Ausrufen darüber, daß der Himmel unter ihnen abzusinken schien; plötzlich entstand eine Bewegung unter ihnen, sie traten zur Seite, um zwei junge Leute durchzulassen, die, um Entschuldigung bittend, in das rückwärtige Abteil der Drahtseilbahn – Dicks Abteil – hineinkletterten. Der junge Mann war ein Italiener mit Augen wie ein ausgestopfter Hirsch; das Mädchen war Nicole.
Einen Augenblick waren die beiden Kletterer außer Atem von der Anstrengung. Als sie sich, lachend und die Engländer in die Ecken drängend, niederließen, sagte Nicole: »Hello.« Sie sah entzückend aus; Dick stellte sofort eine Veränderung fest und erkannte alsbald, daß ihr feines, seidiges Haar kurzgehalten war wie das von Irene Castle und sich in Locken bauschte. Sie trug einen pastellblauen Pullover und einen weißen Tennisrock – sie wirkte wie ein junger Maienmorgen, und es haftete ihr keine Spur von der Klinik mehr an.
»Uff!« japste sie. »Huuh, dieser Aufpasser! Man wird uns an der nächsten Haltestelle festnehmen. Doktor Diver – Conte de Marmora.«
»Ach, du lieber Himmel!« keuchte sie und befühlte ihre neue Frisur. »Meine Schwester hat Fahrkarten für die erste Klasse gekauft – das ist bei ihr Prinzip.« Sie tauschte Blicke mit Marmora und rief: »Dann merkten wir, daß die erste Klasse das kleine Abteil hinter dem Wagenführer ist – mit Vorhängen gegen Regen versehen, so daß man nicht hinaussehen kann. Aber meine Schwester ist sehr würdevoll –« Wieder lachten Nicole und Marmora in jugendlicher Vertrautheit.
»Wohin wollen Sie?« fragte Dick.
»Nach Caux. Sie auch?« Nicole sah auf sein Kostüm. »Ist das Ihr Rad, das vorne verstaut worden ist?«
»Ja. Montag will ich hinunterfahren.«
»Und mich nehmen Sie auf der Lenkstange mit, ja? Im Ernst – wollen Sie? Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen.«
»Nein, ich werde Sie auf den Armen hinuntertragen«, protestierte Marmora heftig. »Ich fahre Sie auf Rollschuhen, oder ich lasse Sie fallen, und Sie schweben langsam wie eine Feder hinunter.«
Welche Seligkeit in Nicoles Zügen – wieder eine Feder zu sein statt eines Bleigewichts, dahinzugleiten statt sich zu schleppen. Es war eine Freude, sie zu beobachten – zeitweilig war sie affektiert schüchtern, posierte, schnitt Grimassen und gestikulierte – dann wieder fiel ein Schatten über sie, und die Erinnerung an vergangenes Leid durchströmte sie bis in die Fingerspitzen. Dick wünschte sich fort von ihr; er fürchtete, sie an eine Welt zu gemahnen, die gottlob hinter ihr lag. Er faßte den Entschluß, im anderen Hotel abzusteigen.
Als die Drahtseilbahn kurz anhielt, bewegten sich die Neulinge erregt und gespannt mitten im Blau des Äthers. Es handelte sich jedoch lediglich um einen geheimnisvollen Grüßeaustausch zwischen dem Führer des nach oben und dem Führer des nach unten fahrenden Wagens. Dann ging es höher und höher über einen Waldweg und eine Bergschlucht – dann wieder über einen Abhang, der von den Fahrgästen aus gesehen bis zum Himmel hinauf voller Narzissen war. Die Leute in Montreux, die auf den Plätzen am See Tennis spielten, wirkten jetzt wie Stecknadelköpfe. Etwas Neues lag in der Luft: Frische – Frische, die durch Musik Gestalt annahm, als sie das Orchester im Hotelgarten spielen hörten, während die Bahn nach Glion hineinglitt.
Als sie in die Bergbahn umstiegen, wurde die Musik von dem Rauschen des Wassers übertönt, das aus dem hydraulischen Kessel abgelassen wurde. Unmittelbar über ihnen lag Caux, wo die tausend Fenster eines Hotels in der Abendsonne erglühten.
Aber diese Fahrt nach oben war anders – eine Lokomotive mit robusten Lungen schob die Reisenden in Schraubenlinien in die Runde, bergauf, bergab; sie ratterten durch tiefhängende Wolken, und einen Augenblick lang konnte Dick durch den sprühenden Dampf der steil aufwärtsfahrenden kleinen Hilfslokomotive Nicoles Gesicht nicht mehr wahrnehmen. Böige Winde begleiteten sie, während das Hotel nach jeder Spiralwindung größer wurde, bis sie zu ihrer größten Überraschung auf dem Gipfel des Sonnenscheins angelangt waren.
In der Verwirrung der Ankunft, als Dick seinen Rucksack umgetan hatte und den Bahnsteig entlang ging, um sein Rad zu holen, war Nicole neben ihm.
»Steigen Sie nicht in unserem Hotel ab?« fragte sie.
»Ich muß sparen.«
»Wollen Sie zum Dinner zu uns kommen?« Hier folgte eine Unstimmigkeit über das Gepäck. »Dies ist meine Schwester – Doktor Diver aus Zürich.«
Dick verbeugte sich vor einer großen, selbstsicheren Dame von fünfundzwanzig Jahren. Sie flößte Respekt ein und bot gleichzeitig Angriffspunkte; so jedenfalls wirkte sie auf ihn, und er mußte an andere Frauen mit blütengleichen Mündern denken, die zum Anbeißen waren.
»Ich werde nach dem Dinner vorbeikommen«, versprach Dick. »Erst muß ich mich akklimatisieren.«
Er entfernte sich, sein Rad vor sich her schiebend, und fühlte, daß Nicole ihm mit den Blicken folgte, spürte ihre hilflose erste Liebe und merkte, wie diese sich seinem Innern verband. Er stieg den dreihundert Meter hohen Abhang zu dem anderen Hotel hinauf, nahm ein Zimmer und wusch sich, ohne sich an die dazwischenliegenden zehn Minuten zu erinnern, lediglich in einem trunkenen Gefühl froher Erregung, in der er Stimmen vernahm, unwichtige Stimmen, die nichts davon wußten, wie sehr er geliebt wurde.
IX
Sie warteten auf ihn, und es war, als fehlte ihnen etwas; immer noch war er das ausschlaggebende Element; Fräulein Warren und der junge Italiener trugen ihre frohe Erwartung ebenso zur Schau wie Nicole. Der Salon des Hotels, ein Raum mit märchenhafter Akustik, war zum Tanzen ausgeräumt, doch befand sich darin eine kleine Galerie mit Engländerinnen einer gewissen Altersstufe, mit Halsbändern, gefärbten Haaren und rosagrau gepuderten Gesichtern, und mit Amerikanerinnen einer gewissen Altersstufe, mit schneeweißen Perücken, schwarzen Kleidern und kirschroten Lippen. Fräulein Warren und Marmora saßen an einem Ecktisch – Nicole vierzig Meter weit von ihnen entfernt am andern Ende des Raumes, und als Dick hereinkam, hörte er ihre Stimme:
»Können Sie mich hören? Ich spreche ganz natürlich.«
»Tadellos.«
»Hallo, Doktor Diver.«
»Was bedeutet das?«
»Denken Sie sich, die Leute in der Mitte der Tanzfläche können nicht hören, was ich sage, aber Sie können es.«
»Ein Kellner hat uns darauf aufmerksam gemacht«, sagte Fräulein Warren. »Man kann von einer Ecke zur anderen hören – es ist wie Rundfunk.«
Es war aufregend oben auf dem Berg, wie in einem Schiff auf See. Alsbald gesellten sich Marmoras Eltern zu ihnen. Sie behandelten die beiden Warrens mit Hochachtung – Dick schloß daraus, daß ihr Vermögen etwas mit einer Bank in Mailand zu tun hatte, die ihrerseits etwas mit dem Vermögen der Warrens zu tun hatte. Aber Baby Warren wollte mit Dick sprechen, wollte mit ihm sprechen aus dem Drang heraus, der sie allen neuen Männern unstet entgegentrieb, als befände sie sich auf einem straff gespannten Seil und zöge in Betracht, daß sie eigentlich so schnell wie möglich an sein Ende gelangen sollte.
»– Nicole hat mir erzählt, daß Sie sie mit betreut und eine Menge zu ihrer Genesung beigetragen haben. Was ich nicht begreife ist, was wir nun tun sollen – im Sanatorium haben sie sich so unklar ausgedrückt, sie haben mir nur gesagt, sie sollte natürlich und vergnügt sein. Ich wußte, daß die Familie Marmora hier ist, darum bat ich Tino, sich an der Drahtseilbahn mit uns zu treffen. Und man sieht, was dabei herauskommt – das erste ist, daß sie ihn am Wagen entlang von einem Abteil zum andern kriechen läßt, als wenn sie beide übergeschnappt wären –«
»Das war durchaus normal.« Dick lachte. »Ich halte es für ein gutes Zeichen. Sie haben sich voreinander großtun wollen.«
»Aber wie soll ich das wissen? Ehe ich es mich versah, fast vor meinen Augen, ließ sie sich in Zürich die Haare abschneiden, nach einem Bild in ›Vanity Fair‹.«
»Das ist ganz in Ordnung. Sie ist eine Schizoide – wird immer eine Exzentrikerin sein. Daran ist nichts zu ändern.«
»Was ist das?«
»Was ich Ihnen sagte – eine Exzentrikerin.«
»Ja, aber wie soll man wissen, was exzentrisch und was übergeschnappt ist?«
»Von Übergeschnapptheit ist keine Rede – Nicole ist neugeboren und glücklich. Sie brauchen keine Angst zu haben.«
Baby bewegte ihre Knie hin und her – sie war die Verkörperung all der unbefriedigten Frauen, die vor hundert Jahren Byron geliebt hatten. Trotz des tragischen Erlebnisses mit dem Gardeoffizier war etwas Onanistisches um sie.
»Es ist mir nicht wegen der Verantwortung«, erklärte sie, »aber ich schwebe in der Luft. Wir haben noch nie etwas Derartiges in der Familie gehabt – wir wissen, daß Nicole irgendeinen Schock gehabt hat, und meiner Meinung nach war ein junger Mann im Spiel, aber wir wissen es nicht genau. Vater sagt, er hätte ihn niedergeknallt, wenn er dahintergekommen wäre.«
Das Orchester spielte »Arme Butterfly«; der junge Marmora tanzte mit seiner Mutter. Es war eine Melodie, die ihnen allen ziemlich neu war. Dick lauschte und betrachtete die Schulter von Nicole, indes das junge Mädchen mit dem älteren Marmora plauderte, dessen Haare weiß gesprenkelt waren wie die Tastatur eines Klaviers; er mußte an die sanfte Rundung einer Geige denken, und dann dachte er an die Schmach, an das Geheimnis. O Butterfly, die Minuten werden zu Stunden –
»Wissen Sie, ich habe einen Plan«, fuhr Baby mit einer gewissen Strenge fort. »Vielleicht wird er Ihnen völlig unausführbar erscheinen; aber es heißt, daß Nicole noch ein paar Jahre unter Aufsicht sein muß. Ich weiß nicht, ob Sie Chicago kennen –«
»Nein.«
»Also, es gibt den nördlichen und den südlichen Stadtteil, und beide sind sehr verschieden voneinander. Der Norden ist schick und so, und wir haben immer dort gelebt, zum mindesten viele Jahre lang; aber eine Menge alter Familien, alter Chicagoer Familien, wenn Sie wissen, was ich damit meine, lebt immer noch im südlichen Stadtteil. Dort befindet sich die Universität. Ich glaube, manche Menschen finden es langweilig, auf jeden Fall aber ist es dort anders als im Norden. Ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen?«
Er nickte. Mit einiger Willensanstrengung war er imstande gewesen, ihr zu folgen.
»Nun haben wir natürlich eine Menge Beziehungen dorthin – Vater hat Einfluß auf die Besetzung von Lehrstühlen und die Dotierung der Professoren an der Universität, und ich hatte gedacht, wenn wir nun Nicole nach Hause mitnehmen und mit den Leuten zusammenbringen würden – sehen Sie, sie ist ziemlich musikalisch und spricht so viele Sprachen – was könnte ihr, in ihrer Lage, Besseres passieren, als daß sie sich in irgendeinen guten Arzt verliebt –«
Eine plötzliche Heiterkeit durchströmte Dick: Warrens hatten die Absicht, Nicole einen Arzt zu kaufen. »Haben Sie einen netten Arzt, den Sie uns ablassen können?« Es hatte keinen Zweck, sich über Nicole Gedanken zu machen, solange ihre Familie in der Lage und imstande war, ihr einen netten, jungen frischgebackenen Arzt zu kaufen.
»Aber wo kriegen Sie den Arzt her?« fragte er automatisch.
»Es muß doch eine Menge geben, die auf eine solche Chance fliegen.«
Die Tänzer waren zurückgekommen, aber Baby flüsterte hastig:
»Das ist der Plan, den ich im Sinn habe. Aber wo ist Nicole? Sie ist irgendwohin gegangen. Ist sie oben in ihrem Zimmer? Was muß ich jetzt tun? Ich weiß nie, ob es sich um etwas Harmloses handelt oder ob ich auf die Suche nach ihr gehen soll.«
»Vielleicht will sie nur allein sein – Menschen, die viel allein waren, gewöhnen sich an die Einsamkeit.« Er hielt inne, als er merkte, daß Fräulein Warren nicht zuhörte. »Ich werde mich nach ihr umsehen.«
Im Augenblick war die Welt draußen von Nebel verhüllt, wie ein Frühling hinter zugezogenen Vorhängen. Alles Leben konzentrierte sich in der Nähe des Hotels. Dick ging an Kellerfenstern vorbei, hinter denen Hotelpagen auf Bettkästen saßen und bei einem Liter spanischem Wein Karten spielten. Als er sich dem Promenadenweg näherte, fingen die Sterne an, über den weißen Gipfeln der hohen Alpen zu erscheinen. Auf dem hufeisenförmigen Pfad, von dem aus man den See überblicken konnte, stand eine Gestalt bewegungslos zwischen zwei Kandelabern; es war Nicole, und er ging schweigend quer über den Rasen auf sie zu. Sie wandte den Kopf mit einem Ausdruck, als wollte sie sagen: »Da sind Sie ja«, und eine Sekunde tat es ihm leid, daß er gekommen war.
»Ihre Schwester war unruhig.«
»Oh!« Sie war daran gewöhnt, beaufsichtigt zu werden. Sie bemühte sich, eine Erklärung zu geben: »Manchmal macht es mich etwas – es wird mir etwas zuviel. Ich habe so still gelebt. Diese Musik heute war zuviel. Ich hätte am liebsten geweint –«
»Das verstehe ich.«
»Es war überhaupt ein furchtbar aufregender Tag.«
»Ich weiß.«
»Ich möchte kein Spielverderber sein – ich habe den Menschen genug Mühe verursacht. Aber heute abend hatte ich das Bedürfnis wegzugehen.«
Plötzlich fiel es Dick ein – so wie es vielleicht einem sterbenden Mann einfällt, daß er vergessen hat zu sagen, wo sich sein Testament befindet –, daß Nicole von Dohmler und den gespenstigen Generationen vor ihm zu einem neuen Menschen gemacht worden war; es fiel ihm auch ein, daß es sehr vieles gab, was ihr gesagt werden mußte. Aber nachdem er diese Weisheit innerlich zu Protokoll genommen hatte, strich er die Segel vor der Macht des Augenblicks und sagte:
»Sie sind ein reizendes Geschöpf – bleiben Sie Ihrem eigenen Urteil über sich selbst treu.«
»Gefalle ich Ihnen?«
»Freilich.«
»Würden Sie –«
Sie schlenderten dahin, dem dunklen Teil des Hufeisens zu, der zweihundert Meter über ihnen lag. »Wenn ich nicht krank gewesen wäre, würden Sie – ich meine, wäre ich ein Mädchen von der Art gewesen, wie Sie es hätten – ach was, Sie wissen, was ich meine.«
Nun packte es ihn doch, und eine ungeheure Unvernunft beseelte ihn. Nicole war ihm so nah, daß er fühlte, wie sein Atem schneller ging; wieder jedoch kam ihm seine Schulung zu Hilfe und äußerte sich in einem jungenhaften Lachen und einer abgedroschenen Bemerkung.
»Sie machen sich unnütze Gedanken, meine Liebe. Ich habe einen Mann gekannt, der verliebte sich in seine Krankenschwester –« Die Geschichte plätscherte dahin, begleitet von dem Geräusch ihrer Schritte. Plötzlich unterbrach ihn Nicole in kurzem, knappem Chicago-Jargon: »Scheibenkleister!«
»Das ist ein sehr ordinärer Ausdruck.«
»Na, und?« brauste sie auf. »Sie meinen, ich hätte keinen Verstand – bevor ich krank wurde, hatte ich keinen, aber jetzt ist es anders. Und wenn ich nicht merken würde, daß Sie der bezauberndste Mann sind, der mir je begegnet ist, müßten Sie mich immer noch für verrückt halten. Es ist mein Pech, schön – aber tun Sie nicht so, als wüßte ich nichts – ich weiß über Sie und mich genau Bescheid.«
Dick war doppelt im Nachteil. Er erinnerte sich an die Bemerkung des älteren Fräulein Warren über die jungen Ärzte, die man in den Viehhöfen der Intelligenz in Süd-Chicago käuflich erwerben konnte, und wappnete sich augenblicklich mit Widerstand.
»Sie sind ein entzückendes junges Ding, aber ich könnte mich nicht verlieben.«
»Sie wollen mir nur keine Chance geben.«
»Waaas?«
Die Unverfrorenheit, das Geltendmachen von Besitzrechten, das darin enthalten war, verblüfften ihn. Da ihm Anarchie fremd war, konnte er sich keine Chance vorstellen, auf die Nicole Warren Anspruch hätte erheben können.
»Geben Sie mir jetzt eine Chance.«
Die Stimme wurde leise, tauchte in ihre Brust zurück und breitete einen festen Schild um ihr Herz, als sie ihm nahe kam. Er spürte die jungen Lippen; erlöst seufzend lehnte sie sich in den Arm, der an Kraft zunahm, während er sie hielt. Jetzt gab es für Dick ebenso wenig Pläne mehr, als wenn er eigenmächtig eine unlösliche Mixtur aus zusammengehörigen und untrennbaren Atomen hergestellt hätte. Man konnte sie ganz und gar ausschütten, doch niemals konnten sie wieder in eine Atomskala zurückgegliedert werden. Als er das Mädchen hielt und spürte, und als sie mit Lippen, die ihr selbst fremd schienen, sich ihm mehr und mehr näherte – erstickt und verzehrt von Liebe und dennoch erquickt und jubelnd –, war er dankbar für seine bloße Existenz, wenn er sie auch nur in ihren nassen Augen widergespiegelt sah.
»Mein Gott!« stöhnte er. »Es macht Spaß, Sie zu küssen.«
Das waren Worte, aber Nicole hatte jetzt mehr Macht über ihn und nützte sie aus; sie entwand sich ihm kokett, ging von ihm fort und ließ ihn in Ungewißheit zurück, wie am Nachmittag in der Drahtseilbahn. Sie dachte: Dies wird ihm zeigen, was für ein guter Einfall das war, und was er alles mit mir anfangen könnte; oh, es ist herrlich! Ich habe ihn, er gehört mir. Nun, hinterher, wich sie zurück, aber alles war so süß und neu, daß sie zögerte, weil sie alles auskosten wollte.
Unvermittelt fröstelte sie. Zweitausend Fuß tiefer unten sah sie wie ein Halsgeschmeide und Armband von Lichtern Montreux und Vevey liegen und weiter entfernt, als blasses Schmuckgehänge, Lausanne. Irgendwo von unten erklang leise Tanzmusik. Nicoles Verstand arbeitete jetzt ganz klar und kühl; sie versuchte, die Gefühle ihrer Kindheit unter die Lupe zu nehmen, genau so bewußt, wie sich ein Mann nach der Schlacht betrinkt. Aber sie hatte immer noch Angst vor Dick, der bei ihr stand und sich in charakteristischer Weise an den Eisenzaun lehnte, der das Hufeisen umgab; und das veranlaßte sie, zu sagen: »Ich erinnere mich noch, wie ich im Garten auf dich wartete und mein ganzes Herz auf den Händen trug wie einen Korb mit Blumen. So jedenfalls erschien es mir – ich fand mich liebreizend – wie ich so wartete, um dir den Korb zu überreichen.«
Er atmete über ihrer Schulter und drehte sie nachdrücklich zu sich herum; sie küßte ihn mehrere Male; jedesmal wurde ihr Gesicht groß, wenn es ihm nahe kam, ihre Hände lagen auf seinen Schultern.
»Es regnet stark.«
Plötzlich dröhnte es von den Weinbergen jenseits des Sees; man schoß mit Kanonen nach Hagelwolken, um sie zu zerstreuen. Die Lichter des Promenadenweges gingen aus und wieder an. Dann brach das Unwetter los; erst stürzte es vom Himmel herab, dann ergoß es sich mit doppelter Gewalt in Strömen von den Bergen und flutete brodelnd durch Straßen und Steingräben; es brachte einen erschreckend schwarzen Himmel mit sich, wildgezackte Blitze und ohrenbetäubende Donnerschläge, während unheilbringende Wolken in Fetzen am Hotel entlang jagten. Berge und See verschwanden – das Hotel duckte sich inmitten von Tumult, Chaos und Finsternis.
Mittlerweile hatten Dick und Nicole das Vestibül erreicht, wo Baby Warren und die drei Marmoras sie besorgt erwarteten. Es war wundervoll, aus dem nassen Sprühregen zu kommen, die Türen hinter sich zuzuschlagen und lachend und vor Erregung zitternd dazustehen, Sturm in den Ohren und Regen auf den Kleidern. Im Tanzsaal spielte das Orchester gerade einen Straußwalzer, fröhlich und mitreißend.
... Sollte ausgerechnet Doktor Diver eine Geisteskranke heiraten? Wie konnte das geschehen? Wann hatte es begonnen?
»Wollen Sie nicht wieder herkommen, wenn Sie sich umgezogen haben?« fragte Baby Warren nach eingehender Musterung.
»Außer ein paar Hosen habe ich nichts zum Wechseln mit.«
Als er sich in einem geliehenen Regenmantel zu seinem Hotel hinaufkämpfte, mußte er andauernd höhnisch vor sich hinlachen.
»Das große Los – jawohl! Grundgütiger! Sie haben beschlossen, einen Arzt zu kaufen. Nun, es ist besser, sie halten sich an jemand, den sie in Chicago haben.« Da seine Härte ihm gegen den Strich ging, ließ er Nicole Gerechtigkeit widerfahren, indem er sich vergegenwärtigte, daß nichts sich jemals so taufrisch angefühlt hatte wie ihre Lippen, daß die Regentropfen auf ihren mattglänzenden Porzellanwangen Tränen glichen, die sie um ihn vergoß ... Die Stille, die dem Sturm folgte, weckte ihn gegen drei Uhr, und er ging ans Fenster. Nicoles Schönheit kam über den welligen Abhang zu ihm herauf, drang in sein Zimmer, raschelte gespenstig in den Vorhängen ...
... Am nächsten Morgen stieg er zweitausend Meter hoch auf den Rocher de Naye und amüsierte sich darüber, daß sein Bergführer vom vorhergehenden Tag seinen dienstfreien Tag dazu benutzte, um ebenfalls eine Kletterpartie zu machen.
Dann stieg Dick den ganzen Weg bis nach Montreux hinab, um im See zu schwimmen, und kam rechtzeitig zum Dinner ins Hotel zurück. Dort erwarteten ihn zwei Briefchen.
»Ich bereue den gestrigen Abend nicht – es war das Schönste, was ich je erlebt habe, und selbst wenn ich Sie niemals wiedersehen würde, Mon Capitaine, wäre ich glücklich, daß es geschah.«
Das war ziemlich entwaffnend – der drohende Schatten von Dohmler wich, und Dick öffnete den zweiten Umschlag:
»Lieber Doktor Diver: Ich rief Sie an, aber Sie waren nicht da. Dürfte ich Sie um einen großen Gefallen bitten? Unvorhergesehene Umstände rufen mich nach Paris zurück, und ich kann Zeit sparen, wenn ich über Lausanne reise. Können Sie Nicole bis nach Zürich mitnehmen – da Sie doch am Montag zurückfahren – und sie im Sanatorium absetzen? Oder ist es zuviel verlangt?
Mit bestem Gruß
Beth Evan Warren.«
Dick war wütend – Fräulein Warren hatte gewußt, daß er sein Fahrrad dabei hatte, doch hatte sie ihren Brief so abgefaßt, daß eine Weigerung unmöglich war. Uns verkuppeln! Liebe Verwandtschaft und das Warrensche Geld!
Er irrte sich; Baby Warren hatte keineswegs solche Absichten. Sie hatte Dick mit nüchternen Blicken gemustert; sie hatte ihn mit dem verdrehten Maßstab der Englandfreundin gemessen und hatte ihn unzulänglich befunden – trotz der Tatsache, daß sie ihn nett fand. Aber ihr war er zu »intellektuell«, und sie reihte ihn ein in eine Kategorie mit Leuten von schäbiger Eleganz, die sie früher in London kennengelernt hatte. Er war zu temperamentvoll, um wirklich gesellschaftsfähig zu sein. Sie wußte nicht, wie sie ihn mit ihrem Begriff von Aristokraten in Einklang bringen sollte.
Dazu kam, daß er widerspenstig war – sie hatte beobachtet, wie er ein halbes dutzendmal ihrer Unterhaltung auswich und sich hinter seine Augen zurückzog, in der merkwürdigen Art, die manche Leute an sich haben. Ihr hatte Nicoles freies, ungezwungenes Wesen als Kind nicht gefallen; und jetzt hatte sie sich bewußt daran gewöhnt, sie als ein rettungslos verlorenes Wesen zu betrachten; jedenfalls war Doktor Diver nicht die Sorte Arzt, die sie sich in ihrer Familie vorstellen konnte.
Sie wollte sich seiner nur in aller Einfalt als Bequemlichkeit bedienen.
Aber ihre Bitte hatte die Wirkung, daß Dick ihr die Absicht unterstellte. Eine Eisenbahnfahrt kann eine schreckliche, eine traurige oder eine komische Angelegenheit sein; sie kann eine probeweise Flucht darstellen; sie kann ein Vorgeschmack auf eine andere Reise sein, so wie irgendein Tag mit einem Freund lang sein kann, angefangen mit dem Gefühl der Eile am Morgen bis zur Wirklichkeit des gemeinsamen Hungers und des gemeinsamen Essens. Dann kommt der Nachmittag, an dem die Reise welkt und stirbt, sich aber am Ende wieder belebt. Dick stimmte es traurig, Nicoles kärgliche Freude zu sehen; dennoch war es ein Trost für sie, in das einzige Heim zurückzukehren, das sie kannte. An diesem Tag tauschten sie keine Zärtlichkeiten, aber als er sich vor dem traurigen Eingangstor am Zürichsee von ihr trennte und sie sich umwandte und ihn ansah, wußte er, daß ihr Problem von nun an für sie beide ein gemeinsames war.
Zweites Buch
I
Im September war Doktor Diver zum Tee bei Baby Warren.
»Es ist ein unbesonnener Schritt«, sagte sie. »Ich weiß nicht, ob ich Ihre Motive richtig verstehe.«
»Wir wollen es lieber unterlassen, uns unangenehme Dinge zu sagen.«
»Schließlich bin ich Nicoles Schwester.«
»Das gibt Ihnen nicht das Recht, unangenehme Dinge zu sagen.« Es verwirrte Dick, daß er so vieles wußte, was er ihr nicht sagen konnte. »Nicole ist reich, aber deshalb bin ich noch kein Abenteurer.«
»Das ist es eben«, betonte Baby eigensinnig. »Nicole ist reich.«
»Wieviel Geld hat sie denn genau?« fragte er.
Sie fuhr hoch, aber er versetzte mit leisem Lachen: »Sehen Sie jetzt, wie albern das ist? Ich würde gern mit einem Mann in Ihrer Familie sprechen –«
»Ich habe über alles zu entscheiden«, beharrte sie. »Nicht, daß wir Sie für einen Abenteurer hielten. Wir wissen nicht, wer Sie sind.«
»Ich bin Doktor der Medizin«, sagte er. »Mein Vater ist Geistlicher im Ruhestand. Wir haben in Buffalo gelebt, und meine Vergangenheit ist für Nachforschungen zugänglich. Ich habe in New Haven studiert und erhielt anschließend ein Rhodes-Stipendium. Mein Urgroßvater war Gouverneur von Nordkarolina, und ich bin ein direkter Nachkomme von dem verrückten Anthony Wayne.«
»Wer war der verrückte Anthony Wayne?« fragte Baby mißtrauisch.
»Der verrückte Anthony Wayne?«
»Ich finde, in dieser Angelegenheit gibt es schon genug Verrücktheit.«
Er schüttelte resigniert den Kopf, gerade als Nicole auf die Hotelterrasse heraustrat und sich nach ihnen umsah.
»Er war zu verrückt, um so viel Geld zu hinterlassen wie Marshall Field«, sagte er.
»Das ist alles ganz gut und schön –«
Baby hatte recht und wußte es. Ihr Vater wäre bei einer Gegenüberstellung fast jedem Geistlichen überlegen gewesen. Sie waren eine amerikanische Herzogsfamilie ohne Titel – ihr bloßer Name, in ein Hotelregister eingetragen, unter ein Empfehlungsschreiben gesetzt oder angesichts einer schwierigen Situation erwähnt, rief in den Menschen eine psychologische Wandlung hervor, und diese Veränderung wiederum hatte ihr Standesbewußtsein entwickelt. Diese Tatsachen hatte sie von den Engländern erfahren, die sie seit Hunderten von Jahren kannten. Was sie aber nicht wußte, war, daß Dick zweimal drauf und dran war, ihr diese Heirat vor die Füße zu werfen. Die Situation rettete für diesmal nur, daß Nicole ihren Tisch entdeckte, weiß, frisch und jung und mit dem Septembernachmittag um die Wette strahlend.
Guten Tag, Herr Rechtsanwalt. Wir fahren morgen auf eine Woche nach Como und dann wieder nach Zürich zurück. Darum möchte ich, daß Sie und meine Schwester die Sache regeln, weil es uns einerlei ist, wieviel für mich ausgesetzt wird. Wir werden zwei Jahre lang sehr still in Zürich leben, und Dick hat genug, um uns zu ernähren. Ja, ja, Baby, ich bin praktischer, als du denkst – ich werde es nur für Garderobe und so benötigen ... Oh, das ist mehr, als – kann der Grundbesitz wirklich so viel für mich abwerfen? Ich weiß, ich werde nie imstande sein, so viel auszugeben. Hast du auch so viel? Warum hast du mehr – wohl weil man mich für untüchtig hält? Schön, dann mag mein Anteil sich anhäufen ... Nein, Dick weigert sich, auch nur das Geringste damit zu tun zu haben. Ich werde für uns beide großtun müssen. Baby, du hast ja überhaupt keine Ahnung, wie Dick wirklich ist – Wo muß ich unterzeichnen? Oh, es tut mir leid.
... Ist es nicht spaßig und einsam, beieinander zu sein, Dick? Keine andere Zuflucht als neben dir. Sollten wir uns nur lieben und lieben? Ach, aber ich liebe am stärksten; ich weiß genau, wenn du dich von mir entfernst, wenn es auch nur ein wenig ist. Ich finde es herrlich, so zu sein wie jeder andere auch. Den Arm auszustrecken und dich ganz warm neben mir im Bett zu finden.
... Bitte, wollen Sie meinen Mann im Krankenhaus anrufen. Ja, das kleine Buch geht sehr gut – es soll in sechs Sprachen herauskommen. Eigentlich sollte ich die französische Übersetzung besorgen, aber ich bin zur Zeit so müde – ich habe Angst umzufallen, ich bin so dick und schwerfällig – wie ein mißratener Pudding, der nicht aufrecht stehen kann. Das kalte Hörrohr an meiner Brust und mein einziger Gedanke ›Je m'en fiche de tout‹. – Ach, im Krankenhaus die arme Frau mit dem leichenblassen Baby, viel lieber tot. Ist es nicht schön, daß wir jetzt zu dritt sind?
... Das scheint mir unvernünftig, Dick – wir haben allen Grund, die größere Wohnung zu nehmen. Warum sollen wir uns kasteien, nur weil mehr Warrensches als Diversches Geld vorhanden ist. Oh, vielen Dank, cameriere, aber wir haben uns anders entschlossen. Der englische Geistliche hat uns gesagt, Ihr Wein hier in Orvieto sei ausgezeichnet. Er läßt sich nicht verschicken? Wahrscheinlich haben wir deshalb niemals etwas von ihm gehört, denn wir sind Weinliebhaber.
... Die Seen sind im braunen Lehm versunken, und die Berghänge haben richtige Bauchfalten. Der Photograph hat uns mein Bild gegeben, wo mein Haar auf der Fahrt nach Capri über den Rand des Bootes hängt. ›Leb wohl, Blaue Grotte‹, sang der Bootsmann, ›ich kehr' bald wie–ie– der.‹ Und dann ging es an dem heißen, tückischen Schienbein des italienischen Stiefels entlang, und der Wind pfiff rings um die unheimlichen Schlösser, während die Toten von den Bergen oben herabblickten.
... Dieses Schiff ist hübsch, wenn wir gemeinsam mit den Absätzen darauf klappern. Das ist die zugige Ecke, und jedesmal, wenn wir umkehren, stemme ich mich gegen den Wind und ziehe meinen Mantel fest um mich, ohne mit Dick aus dem Takt zu kommen. Wir singen sinnloses Zeug:
»Oh – oh – oh – oh –
Andere Flamingos als ich,
Oh – oh – oh – oh –
Andere Flamingos als ich –«
Das Leben mit Dick macht Spaß – die Leute in den Liegestühlen sehen uns an, und eine Frau versucht zu hören, was wir singen. Dick hat genug vom Singen, also mach allein weiter, Dick. Allein wirst du anders gehen, Liebster, in dickerer Luft wirst du dir deinen Weg durch den Schatten der Stühle, durch den niedertropfenden Rauch der Schornsteine bahnen. Du wirst fühlen, wie dein eigenes Spiegelbild an den Augen derer entlanggleitet, die dich anblicken. Du bist nicht länger isoliert, aber ich glaube, du mußt mit dem Leben in Berührung kommen, damit es dir Sprungbrett wird.
Auf dem Querbalken dieses Rettungsbootes sitzend, blicke ich seewärts und lasse mein Haar flattern und leuchten. Unbeweglich erscheine ich gegen den Himmel, und das Boot ist dazu da, meine Gestalt in die blaue Finsternis der Zukunft hinauszutragen; ich bin Pallas Athene, die ehrfurchtsvoll in den Bug einer Galeere geschnitzt ist. Die Wasser laufen durch die Waschräume, und das achatgrüne Schaumgeriesel kräuselt sich und plätschert am Heck.
... Wir sind in diesem Jahr viel gereist – von Woolloomooloo Bay nach Biskra. Am Rande der Sahara gerieten wir in eine Heuschreckenplage hinein, und der Schofför erklärte freundlich, es seien Hummeln. Nachts hing der Himmel tief herab und war erfüllt von der Gegenwart eines fremdartigen, wachsamen Gottes. Oh, der arme, kleine nackte Ouled Nail; in der Nacht ertönten Senegaltrommeln und Flöten und das Klagen der Kamele, und die Eingeborenen tappten in Schuhen herum, die aus Autoreifen gemacht waren.
Aber damals hatte ich wieder meine Zustände – ob Eisenbahn oder Strand, das war alles eins. Darum ging er mit mir auf Reisen; aber nachdem mein zweites Kind, mein kleines Mädchen, Topsy, geboren war, wurde wieder alles finster.
... Wenn ich nur meinem Mann schreiben könnte, der es für richtig befunden hat, mich zu verlassen und mich Leuten zu überantworten, die nicht Bescheid wissen. Du sagst, mein Baby sei schwarz – das ist absurd, das ist ganz gemein. Wir sind nur nach Afrika gegangen, um Tungad zu sehen, da Archäologie mein Hauptinteresse im Leben ist. Ich habe es satt, nichts zu wissen und immerzu daran erinnert zu werden.
... Wenn ich wieder gesund bin, möchte ich ein famoser Mensch werden wie du, Dick – ich möchte Medizin studieren, wenn es nicht zu spät ist. Wir müssen mein Geld ausgeben und ein Haus haben – ich habe Wohnungen satt, in denen ich auf dich warte. Du magst Zürich nicht und du hast hier keine Zeit zum Schreiben und du sagst, es sei ein Eingeständnis von Schwäche, wenn ein Wissenschaftler nicht schreibt. Und ich werde das ganze Wissensgebiet durchackern und etwas herauspflücken und das gründlich studieren; dann habe ich etwas, woran ich mich klammern kann, wenn ich wieder einen Zusammenbruch habe. Du wirst mir helfen, Dick, dann werde ich mich nicht so schuldig fühlen. Wir wollen an einem warmen Strand wohnen, wo wir zusammen braun und jung werden können.
... Dies wird Dicks Arbeitshaus werden. Der Gedanke kam uns beiden gleichzeitig. Wir waren ein dutzendmal an Tarmes vorbeigekommen, und wir fuhren hier herauf und fanden die Häuser leer bis auf zwei Ställe. Wir ließen den Kauf durch einen Franzosen tätigen; aber die Marine schickte sofort Kundschafter her, als sie hörte, daß Amerikaner einen Teil des Bergdorfes gekauft hätten. Sie suchten überall zwischen dem Baumaterial nach Kanonen, und schließlich mußte Baby das Auswärtige Amt in Paris in unserem Interesse mit Telegrammen bombardieren.
Im Sommer kommt kein Mensch an die Riviera, wir werden also gelegentlich Gäste haben und arbeiten. Ein paar Franzosen sind hier – Mistinguette kam vorige Woche und war erstaunt, daß das Hotel offen war, außerdem Picasso und der Autor von ›Pas sur la bouche‹.
... Dick, warum hast du uns als Herr und Frau Diver eingetragen statt als Doktor Diver und Frau? Warum wohl – es ging mir gerade durch den Kopf. – Du hast mich gelehrt, daß Arbeit alles ist, und ich glaube dir. Du hast immer gesagt, ein Mensch besitzt Kenntnisse, und wenn er aufhört, Kenntnisse zu besitzen, unterscheidet er sich nicht von anderen, und es kommt für ihn darauf an, zur Macht zu gelangen, bevor er aufhört, Kenntnisse zu besitzen. Wenn du die Dinge auf den Kopf stellen willst – schön –, aber muß deine Nicole dir, auf den Händen gehend, folgen, Liebling?
... Tommy sagt, ich sei schweigsam. Nachdem ich das erstemal gesund geworden war, habe ich spät in der Nacht viel mit Dick geredet; wir beide saßen aufrecht im Bett und zündeten uns Zigaretten an, dann, später, tauchten wir aus der blauen Dämmerung hinab in die Kissen, um unseren Augen das Licht fernzuhalten. Manchmal singe ich und spiele mit den Tieren, und ich habe auch einige Freundinnen – Mary, zum Beispiel. Wenn Mary und ich uns unterhalten, hört keiner dem anderen zu. Unterhaltung ist Männersache. Wenn ich spreche, bilde ich mir oft ein, daß ich Dick bin. Ich bin sogar schon mein Sohn gewesen, so weise und bedächtig, wie er ist. Manchmal bin ich Doktor Dohmler, und es kann sogar vorkommen, daß ich dein Aussehen habe, Tommy Barban. Tommy ist, glaube ich, verliebt in mich, aber sanft und beruhigend. Und das genügt, damit er und Dick sich gegenseitig mißfallen. Alles in allem geht es so gut wie noch nie. Ich befinde mich unter Freunden. Ich bin hier an dem stillen Strand mit meinem Mann und meinen beiden Kindern. Alles ist in Ordnung, wenn ich nur mit der Übersetzung dieses verflixten Rezeptes für Huhn à la Maryland ins Französische zurechtkäme. Meine Zehen sind warm im Sand.
»Ja, ich werde mich umsehen. Wieder neue Leute – ach, das Mädchen – ja. Wem, meintest du, sieht sie ähnlich? ... Nein, wir haben sie nicht gesehen, wir haben nicht oft Gelegenheit, hier drüben die neuen amerikanischen Filme zu sehen. Rosemarie wer? Nun, für den Juli sind wir sehr fashionable – das kommt mir merkwürdig vor.«
II
An der Küste der französischen Riviera, auf halbem Wege etwa zwischen Marseille und der italienischen Grenze, stand ein großes, stolzes, rosenfarbenes Hotel. Ehrerbietige Palmen milderten die Glut seiner Fassade, und vor ihm erstreckte sich ein kurzer, blendender Badestrand. Neuerdings dient er angesehenen und eleganten Leuten als Sommerfrische; 1925 lag er, wenn seine englischen Gäste im April nach Norden abgereist waren, nahezu verlassen da. Nur die Dächer von einem Dutzend alter Villen schimmerten wie Wasserrosen aus den dichten Pinien zwischen Gausses Hotel des Etrangers und dem fünf Meilen entfernten Cannes hervor.
Das Hotel und sein leuchtender gelbbrauner Gebetsteppich von Badestrand bildeten ein Ganzes. Früh am Morgen spiegelten sich im Wasser das ferne Bild von Cannes, die Rosa- und Elfenbeintöne alter Befestigungen und die purpurnen Alpen an der italienischen Grenze, zitterten auf dem Wellengekräusel und den Ringen, die an klaren, seichten Stellen von Wasserpflanzen an die Oberfläche geschickt wurden. Vor acht kam ein Mann in blauem Badeanzug zum Strand herunter, und nachdem er nach umständlichen Vorbereitungen seinen Körper mit dem kalten Wasser in Berührung gebracht hatte, planschte er mit viel Gebrumm und Schnaufen eine Minute in der See herum. Als er sich entfernt hatte, lagen Strand und Bucht eine Stunde lang ruhig da. Handelsschiffe zogen am Horizont langsam westwärts; Hotelpagen lärmten im Hof; der Tau auf den Pinien verdunstete. Eine Stunde später ertönten die Autohupen von der gewundenen Straße an der niedrigen maurischen Hügelkette, die das Küstengebiet vom richtigen provenzalischen Frankreich trennt.
Eine Meile von der See entfernt, wo die Pinien durch staubige Pappeln abgelöst werden, befindet sich eine abgelegene Bahnstation; von dorther brachte eine leichte Kutsche an einem Junimorgen 1925 eine Dame und ihre Tochter zu Gausses Hotel. Das Gesicht der Mutter trug Spuren einer verblassenden Hübschheit, die bald von roten Äderchen durchzogen sein würde; ihr Ausdruck war in angenehmer Weise ruhig und aufgeweckt zugleich. Man ließ jedoch seine Augen alsbald zu ihrer Tochter wandern, die einen Zauber in ihren rosigen Händen barg und in ihren Wangen, die in lieblicher Flamme erglühten wie die Haut von Kindern, die nach dem kalten Abendbad von plötzlicher Röte überzogen wird. Ihre schöne, hohe Stirn stieg sanft zu ihrem Haar hinan, das sie wie eine Helmzier umgab, aus der Schmachtlocken, Wellen und Gekräusel aus Aschblond und Gold hervorquollen. Ihre Augen waren lebhaft, groß, klar, mit feuchtem Glanz, die Farbe ihrer Wangen war echt; sie wurde von ihrem jungen, starken Herzen unmittelbar zur Oberfläche gepumpt. Ihr Körper verweilte noch eben im letzten Stadium der Kindheit – sie hatte ihr achtzehntes Jahr fast vollendet, aber sie hatte sich ihren Schmelz bewahrt.
Als See und Himmel in Form einer dünnen, glänzenden Linie unter ihnen erschienen, meinte die Mutter:
»Ich habe das Gefühl, als wenn uns dieser Ort nicht zusagen wird.«
»Ich will sowieso nach Hause«, antwortete das junge Mädchen.
Beide sprachen in heiterem Ton, hatten jedoch offenbar keinen festen Plan; außerdem ärgerten sie sich über die Tatsache, daß ihnen kein Vorhaben, einerlei welcher Art, zugesagt hätte. Sie trugen Verlangen nach besonders aufregenden Dingen, nicht weil ihren erschöpften Nerven ein Anreiz notwendig gewesen wäre, sondern aus der Begierde von Schulkindern heraus, die einen Preis gewonnen und sich ihre Ferien verdient haben.
»Wir bleiben drei Tage und fahren dann nach Hause. Ich werde sofort telegraphisch Plätze auf dem Dampfer belegen.«
Im Hotel gab das junge Mädchen die Bestellung in fließendem, aber ziemlich monotonem Französisch auf, wie etwas Auswendiggelerntes. Als sie sich im Erdgeschoß eingerichtet hatten, trat sie in die Helle der französischen Fenster und ein paar Stufen hinaus auf die Steinterrasse, die am Hotel entlanglief. Beim Gehen hielt sie sich wie eine Ballettänzerin, ließ ihr Gewicht nicht in den Hüften, sondern im Kreuz ruhen. In dem heißen Licht draußen hob sich ihr Schatten scharf ab, und sie zog sich zurück – es blendete zu sehr. Fünfzig Meter weiter unten bot das Mittelmeer den sengenden Sonnenstrahlen pulsierend seine Farbenpracht dar; unter dem Geländer schmorte ein verschossener Buick auf der Hotelauffahrt.
Der Strand war eigentlich die einzige Stelle, wo lebhaftes Treiben herrschte. Drei englische Kinderwärterinnen saßen und strickten Pullover und Strümpfe mit den langweiligen viktorianischen Mustern der vierziger, sechziger und achtziger Jahre und begleiteten ihr Tun mit einem Geplapper, das im Tonfall einer Beschwörung glich; näher am Wasser hatte sich ein Dutzend Leute unter einem gestreiften Sonnenschirm häuslich eingerichtet, während die dazugehörigen Kinder an seichten Stellen nach vorwitzigen Fischen jagten oder nackt und glänzend vom Kokosnußöl in der Sonne lagen.
Als Rosemarie zum Strand kam, lief ein zwölfjähriger Junge an ihr vorbei und warf sich mit jauchzenden Schreien in die See. Da die forschenden Blicke der fremden Gesichter sie bedrückten, legte sie ihren Bademantel ab und folgte dem Jungen. Sie ließ sich ein paar Meter mit dem Gesicht nach unten treiben, aber als sie merkte, daß es flach war, stellte sie sich mit Anstrengung auf die Füße und stakte vorwärts, indem sie ihre schlanken Beine wie Gewichte gegen den Widerstand des Wassers schob. Als es ihr bis zur Brust ging, blickte sie zum Strand zurück: ein kahlköpfiger Mann mit einem Monokel und im Badetrikot, mit herausgedrückter Brust und eingezogenem Bauch, betrachtete sie aufmerksam. Als Rosemarie den Blick zurückgab, ließ der Mann das Monokel fallen, das sogleich in dem drolligen Haardickicht seiner Brust verschwand, und goß aus einer Flasche, die er in der Hand hielt, etwas in ein Glas.
Rosemarie legte ihr Gesicht aufs Wasser und kraulte mit kurzen, heftigen Schlägen zum Floß. Das Wasser umspülte sie, zog sie sanft hinab, von der Hitze fort, sickerte in ihre Haare und rann in die Winkel ihres Körpers. Sie drehte sich um und um darin, indem sie es umarmte und in ihm schwelgte. Als sie das Floß erreichte, war sie außer Atem, aber eine sonnengebräunte Frau mit sehr weißen Zähnen blickte zu ihr herunter, und Rosemarie, die sich plötzlich der kalkigen Weiße ihres eigenen Körpers bewußt wurde, drehte sich auf den Rücken und ließ sich dem Strand zutreiben. Der behaarte Mann mit der Flasche sprach sie an, als sie herauskam.
»Hören Sie – draußen, hinter dem Floß, gibt's Haifische.« Er war von unbestimmbarer Nationalität, sprach aber ein langsames Oxford-Englisch. »Gestern haben sie zwei britische Matrosen von der Flotte im Golf Juan verschlungen.«
»Um Gottes willen!« rief Rosemarie.
»Die Abfälle von den Schiffen locken sie herein.«
Seine Augen wurden ausdruckslos, als wenn er andeuten wollte, daß er nur gesprochen hatte, um sie zu warnen; er tat zwei Schritte rückwärts und goß sich noch ein Glas voll.
Etwas verlegen, doch angenehm berührt von dieser Unterhaltung, in der sich ein gewisses Interesse ihr gegenüber bekundet hatte, suchte sich Rosemarie einen Platz zum Sitzen. Augenscheinlich hatte jede Familie den Streifen Sand im Besitz, der im Bereich ihres Sonnenschirmes lag; überdies herrschte ein lebhaftes Hin und Her – man besuchte sich, man plauderte miteinander – eine Atmosphäre von Gemeinsamkeit, in die man nicht eindringen konnte, ohne anmaßend zu erscheinen. Weiter oben, wo der Sand mit Steinen und trockenem Tang untermischt war, befand sich eine Gruppe von Menschen, deren Haut ebenso weiß war wie ihre. Sie lagen unter kleinen Handsonnenschirmen statt unter Strandschirmen und hatten offenbar keinen Stammplatz. Rosemarie fand Platz zwischen den dunklen und den hellen Leuten und breitete ihren Bademantel auf dem Sand aus.
Als sie so dalag, hörte sie zunächst nur die Stimmen der Menschen, fühlte ihre Füße ihren Körper streifen und ihre Gestalten zwischen ihr und der Sonne vorbeigehen. Der warme und nervöse Atem eines neugierigen Hundes berührte ihren Nacken; sie spürte, wie ihre Haut zu schmoren begann, und lauschte dem matten Glucksen der heranspülenden Wellen. Dann unterschied ihr Ohr einzelne Stimmen, und sie vernahm, wie jemand spöttisch berichtete, »dieser Kerl, der North«, habe am Abend vorher einen Kellner aus einem Café in Cannes gewaltsam entführt, um ihn mitten durchzusägen. Erzählt wurde die Geschichte von einer weißhaarigen Dame in voller Gesellschaftstoilette, die offensichtlich noch vom Abend vorher stammte, denn ein Kopfschmuck haftete in ihrem Haar, und eine kraftlose Orchidee hauchte an ihrer Schulter ihr Leben aus. Rosemarie wurde von einer vagen Antipathie gegen sie und ihre Gesellschaft erfaßt und wandte sich ab.
Nicht weit von ihr, auf der anderen Seite, lag eine junge Frau unter einem Dach von Schirmen und schrieb aus einem auf dem Sand liegenden Buch eine Liste von Dingen ab. Sie hatte ihren Badeanzug von den Schultern gestreift, und ihr rötlich-orangebrauner Rücken, den eine Reihe mattweißer Perlen zierte, glänzte in der Sonne. Ihr Gesicht war herb, schön und traurig. Sie begegnete Rosemaries Blicken, ohne sie zu sehen. Weiter weg befanden sich ein gutaussehender Mann mit Jockeimütze und rotgestreiftem Trikot, dann die Frau, die Rosemarie auf dem Floß gesehen hatte und die sich, als sie sie bemerkte, nach ihr umsah, dann ein Mann mit schmalem Gesicht, einem goldgelben, löwenartigen Kopf, in blauem Trikot und ohne Hut, der ernsthaft mit einem unverkennbar romanischen Jüngling in schwarzem Trikot sprach, während beide an kleinen Stücken Seetang im Sande herumzupften. Sie hielt die Mehrzahl von ihnen für Amerikaner, etwas jedoch ließ sie anders erscheinen als die Amerikaner, die sie in der letzten Zeit kennengelernt hatte.
Nach einer Weile bemerkte sie, daß der Mann mit der Jockeimütze dieser Gruppe von Menschen eine richtige kleine Vorstellung gab; er ging feierlich mit einem Rechen umher und tat so, als ob er Kies wegharkte, dabei führte er eine nur für Eingeweihte bestimmte Burleske auf, deren Spannung durch seine ernste Miene aufrechterhalten wurde. Die geringste Veränderung seines Gesichtes wirkte spaßig, bis schließlich alles, was er sagte, einen Sturm von Heiterkeit auslöste. Selbst wer wie sie zu weit entfernt war, um die Worte zu verstehen, verfolgte das Spiel mit Aufmerksamkeit, bis zuletzt die einzige Person am Strand, die nicht davon berührt wurde, die junge Frau mit der Perlenkette war. Vielleicht aus einer gewissen Bescheidenheit, wie sie Besitzenden eigen ist, quittierte sie jede Lachsalve damit, daß sie ihren Kopf tiefer über ihre Liste beugte.
Der Mann mit dem Monokel und der Flasche sprach plötzlich wie aus dem Himmel heraus zu Rosemarie herab:
»Sie sind eine famose Schwimmerin.«
Sie widersprach.
»Doch, ausgezeichnet. Mein Name ist Campion. Hier ist eine Dame, die Sie vorige Woche in Sorrent gesehen hat und weiß, wer Sie sind; sie möchte gern Ihre Bekanntschaft machen.«
Als Rosemarie sich mit unterdrücktem Ärger umblickte, sah sie, daß die Leute mit der weißen Haut sie erwarteten.
Zögernd erhob sie sich und ging zu ihnen hinüber. »Frau Abrams – Frau McKisco – Herr McKisco – Herr Dumphry –«
»Wir wissen, wer Sie sind«, sagte die Dame im Abendkleid. »Sie sind Rosemarie Hoyt; ich habe Sie in Sorrent erkannt und erkundigte mich beim Geschäftsführer des Hotels; wir alle finden Sie einfach wunderbar und möchten wissen, warum Sie nicht in Amerika sind und weiterfilmen.«
Sie forderten sie durch ganz überflüssige Gesten auf, näher zu kommen. Die Dame, die sie erkannt hatte, war keine Jüdin, trotz ihres Namens. Sie war eine jener »famosen Alten«, die sich dadurch jung erhalten, daß sie Erfahrungen gegenüber unzugänglich sind und eine gute Verdauung haben.
»Wir wollten Sie davor warnen, sich am ersten Tag einen Sonnenbrand zu holen«, fuhr sie munter fort, »denn Ihre Haut ist wichtig; aber hier am Strand scheint es so verflixt steif zuzugehen, daß wir nicht wußten, ob Sie etwas dagegen hätten.«
III
»Wir dachten, Sie seien vielleicht mit im Komplott«, sagte Frau McKisco. Sie war eine hübsche junge Frau mit nichtssagenden Augen und entwaffnender Lebhaftigkeit. »Wir wissen nicht, wer im Komplott ist und wer nicht. Ein Herr, zu dem mein Mann besonders nett gewesen war, entpuppte sich als Hauptperson – praktisch als rechte Hand des Helden.«
»Ein Komplott?« fragte Rosemarie, die nur halb begriff. »Gibt es ein Komplott?«
»Das wissen wir nicht, meine Liebe«, sagte Frau Abrams unter stoßweisem, behäbigem Lachen. »Wir sind nicht inbegriffen. Wir sind die Galerie.«
Herr Dumphry, ein flachsköpfiger, weibischer junger Mann, bemerkte: »Mama Abrams ist ein Komplott für sich.« Campion jedoch drohte ihm mit seinem Monokel und sagte: »Royal, sei nicht so schrecklich ungezogen.« Rosemarie blickte unbehaglich von einem zum andern und wünschte, ihre Mutter wäre mit ihr heruntergekommen. Ihr gefielen diese Leute nicht, ganz besonders in unmittelbarem Vergleich mit denen, die am andern Ende des Strandes ihr Interesse erregt hatten. Das bescheidene, aber ausgeprägte gesellschaftliche Talent ihrer Mutter pflegte mit unerwünschten Situationen schnell und sicher fertig zu werden. Aber Rosemarie war erst seit einem halben Jahr berühmt, und mitunter zeitigten die französischen Sitten und Gebräuche ihrer frühesten Jugend, zu denen sich später die demokratischen Gepflogenheiten Amerikas gesellt hatten, eine gewisse Verwirrung, durch die sie unfehlbar in solche Lagen geriet.
Herr McKisco, ein knochiger Mann um die Dreißig mit rotem, sommersprossigem Gesicht, fand das »Komplott« als Gesprächsstoff nicht erheiternd. Er hatte auf die See hinausgestarrt – nun, nach einem schnellen Blick auf seine Frau, wandte er sich zu Rosemarie und fragte herausfordernd:
»Schon lange hier?«
»Erst einen Tag.«
»Ach so.«
Offenbar merkte er, daß das Gespräch eine völlig andere Wendung genommen hatte, und blickte die anderen der Reihe nach an.
»Werden Sie den ganzen Sommer bleiben?« fragte Frau McKisco unschuldig. »Wenn ja, dann können Sie beobachten, wie sich das Komplott entwickelt.«
»Um Gottes willen, Violet, hör endlich auf damit!« explodierte ihr Mann. »Denk dir einen neuen Ulk aus, ich flehe dich an!«
Frau McKisco beugte sich zu Frau Abrams und schnaubte hörbar:
»Er ist nervös.«
»Ich bin nicht nervös«, widersprach McKisco. »Zufällig bin ich überhaupt nicht nervös.«
Er war sichtlich wütend – eine graue Röte hatte sich über sein Gesicht gebreitet, und jeglicher Ausdruck darin war einer nichtssagenden Mattigkeit gewichen. Plötzlich wurde er sich seines Zustandes irgendwie bewußt; er erhob sich, um ins Wasser zu gehen, seine Frau folgte ihm, und Rosemarie ergriff die Gelegenheit, um es ihnen gleichzutun.
Herr McKisco holte tief Atem, warf sich in das seichte Wasser und begann, mit steifen Armen auf das Mittelmeer einzuschlagen, augenscheinlich in der Absicht, ein Kraulen anzudeuten. Als ihm die Luft ausging, stellte er sich auf, blickte um sich und machte ein erstauntes Gesicht, weil das Ufer noch in Sicht war.
»Ich habe noch nicht gelernt, richtig zu atmen. Ich habe nie recht begriffen, wie man atmen muß.« Er blickte Rosemarie fragend an.
»Sie müssen unter Wasser ausatmen«, erklärte sie. »Und nach jedem vierten Stoß nehmen Sie den Kopf, nach oben, um Luft zu schnappen.«
»Das richtige Atmen fällt mir am allerschwersten. Wollen wir aufs Floß?«
Der Mann mit dem Löwenhaupt lag ausgestreckt auf dem Floß, das mit der Bewegung des Wassers auf und nieder schaukelte. Als Frau McKisco danach griff, neigte sich das Floß plötzlich nach der anderen Seite und riß ihren Arm hart nach oben, worauf der Mann aufstand und sie an Bord zog.
»Ich dachte schon, Sie hätten sich wehgetan.« Er sprach langsam und schüchtern, und sein Gesicht war eins der traurigsten, die Rosemarie je gesehen hatte, mit hohen Backenknochen wie ein Indianer, einer langen Oberlippe und großen, tiefliegenden, dunkel goldbraunen Augen. Er sprach aus dem Mundwinkel heraus, als hoffe er, seine Worte würden auf Umwegen unaufdringlich zu Frau McKisco gelangen. Einen Augenblick später stieß er sich vom Floß ab, und sein langer Körper lag in Richtung des Strandes bewegungslos auf dem Wasser.
Rosemarie und Frau McKisco beobachteten ihn. Als sein Schwung nachließ, drehte er sich mit einem Male kopfüber um sich selbst; seine dünnen Oberschenkel erschienen auf der Oberfläche, dann verschwand er ganz und gar und ließ nur einen Schaumfleck zurück.
»Er ist ein guter Schwimmer«, sagte Rosemarie.
Frau McKiscos Antwort kam mit erstaunlicher Heftigkeit.
»Das schon, aber ein erbärmlicher Musikant.« Sie wandte sich an ihren Mann, dem es nach zwei erfolglosen Versuchen gelungen war, auf das Floß zu klettern, und der, nachdem er das Gleichgewicht wiedererlangt hatte, zum Ausgleich etwas Besonderes vollbringen wollte und dabei nur neuerlich ins Straucheln geriet. »Ich sagte gerade, daß Abe North zwar ein guter Schwimmer, aber ein schlechter Musikant sei.«
»Ja«, pflichtete McKisco widerwillig bei. Offenbar hatte er die Welt seiner Frau geschaffen und gestattete ihr wenig Freiheit darin.
»Antheil ist ein Mann nach meinem Geschmack.« Frau McKisco kehrte sich herausfordernd Rosemarie zu. »Antheil und Joyce. Ich nehme an, Sie werden in Hollywood nicht viel von solchen Leuten hören; aber mein Mann hat über den ›Ulysses‹ die erste Kritik geschrieben, die in Amerika erschienen ist.«
»Ich wünschte, ich hätte eine Zigarette«, sagte McKisco ruhig. »Das ist mir im Moment wichtiger.«
»Das Buch hat's in sich – du denkst es doch auch, Albert?«
Ihre Stimme erstarb plötzlich. Die Dame mit den Perlen hatte sich zu ihren Kindern im Wasser gesellt, und nun tauchte Abe North unter einem von ihnen auf wie eine vulkanische Insel und hob es auf seine Schultern. Das Kind kreischte vor Schreck und Begeisterung, und die Dame sah mit lieblicher Seelenruhe zu, ohne zu lächeln.
»Ist das seine Frau?« fragte Rosemarie.
»Nein, das ist Frau Diver. Sie wohnen nicht im Hotel.« Ihre Augen blieben wie photographische Linsen an dem Gesicht der Dame haften. Nach einer Weile wandte sie sich ungestüm an Rosemarie.
»Waren Sie schon früher im Ausland?«
»Ja – ich bin in Paris zur Schule gegangen.«
»Also – dann werden Sie wahrscheinlich auch wissen, daß man unbedingt ein paar waschechte französische Familien kennenlernen muß, um sich hier zu amüsieren. Was haben die Leute davon?« Sie wies mit der linken Schulter nach dem Strand. »Sie bilden kleine Cliquen miteinander. Wir hatten natürlich Empfehlungsschreiben und haben die bedeutendsten französischen Künstler und Schriftsteller kennengelernt. Dadurch hatten wir es sehr hübsch.«
»Das glaube ich.«
»Mein Mann beendet nämlich seinen ersten Roman.«
Rosemarie meinte: »Ach, wirklich?« Sie dachte an nichts Besonderes, außer daß sie gern gewußt hätte, ob ihre Mutter bei der Hitze wohl schlafen könne.
»Er geht vom selben Gedanken aus wie der ›Ulysses‹«, fuhr Frau McKisco fort. Nur statt vierundzwanzig Stunden nimmt mein Mann hundert Jahre. Er schildert einen alten, dekadenten französischen Aristokraten und bringt ihn in Gegensatz zum mechanisierten Zeitalter –«
»Um Himmels willen, Violet, erzähl doch nicht jedem Menschen den Inhalt«, protestierte McKisco. »Ich will nicht, daß er überall bekannt ist, bevor das Buch erscheint.«
Rosemarie schwamm zum Strand zurück, wo sie sich den Bademantel über ihre bereits schmerzenden Schultern hing, und legte sich wieder in die Sonne. Der Mann mit der Jockeimütze ging jetzt von Schirm zu Schirm; er trug eine Flasche und kleine Gläser in den Händen, und sofort wurden alle lebhafter, rückten näher zusammen, und im Nu befanden sie sich unter einem Dach von aneinandergestellten Schirmen – sie schloß daraus, daß jemand wegfahren würde und daß dies ein Abschiedstrunk am Strand sei. Selbst die Kinder merkten, daß unter dem Schirmdach lebhaftes Treiben herrschte, und näherten sich ihm – und Rosemarie schien es, als ginge alles von dem Mann mit der Jockeimütze aus.
Die Mittagsstunde beherrschte See und Himmel – sogar der fünf Meilen entfernte weiße Strich von Cannes wurde zu einer Luftspiegelung dessen, was vorher frisch und kühl gewesen war; ein hereinkommendes rotbauchiges Segelboot hinterließ eine Kiellinie, hinter der die offene dunklere See lag. An der Küste, in ihrer ganzen Ausdehnung, schien kein Leben vorhanden, ausgenommen in dem gedämpften Sonnenlicht unter den Schirmen, wo es, inmitten der Farben und des Stimmengewirrs, hoch herging.
Campion kam auf sie zu, blieb ein paar Schritte von ihr entfernt stehen, und Rosemarie schloß die Augen und tat, als ob sie schliefe; dann öffnete sie sie halb und beobachtete zwei dunkle, verschwommene Säulen, die Beine waren. Der Mann versuchte, sich einen Weg durch eine sandfarbene Wolke zu bahnen, aber die Wolke schwebte davon, in den weiten, heißen Himmel hinein. Rosemarie schlief wirklich ein.
Sie erwachte in Schweiß gebadet und fand den Strand öde und verlassen bis auf den Mann mit der Jockeimütze, der den letzten Strandschirm zusammenklappte. Als er Rosemarie blinzeln sah, kam er näher und sagte:
»Ich hätte Sie geweckt, bevor ich weggegangen wäre. Es tut nicht gut, sich gleich zu sehr verbrennen zu lassen.«
»Danke.« Rosemarie sah an ihren roten Beinen herunter. »Du lieber Himmel!«
Sie lachte fröhlich, als Aufforderung zu einem Gespräch; aber Dick Diver schleppte bereits ein Zelt und einen Strandschirm zu dem wartenden Wagen hinauf, und so ging sie ins Wasser, um den Schweiß abzuspülen. Er kam zurück, suchte einen Rechen, eine Schaufel und ein Sieb zusammen und verstaute sie in einer Felsspalte. Er blickte den Strand entlang, um zu sehen, ob er etwas vergessen hätte.
»Wissen Sie, wieviel Uhr es ist?« fragte Rosemarie.
»Ungefähr halb zwei.«
Gemeinsam betrachteten sie die Landschaft.
»Es ist keine schlechte Zeit«, sagte Dick Diver. »Es ist nicht die schlechteste Zeit des Tages.«
Er blickte sie an, und eine Sekunde lebte sie in der strahlend blauen Welt seiner Augen, verlangend und zuversichtlich. Dann nahm er das letzte Stück der liegengebliebenen Sachen auf die Schulter und ging zu seinem Wagen, und Rosemarie kam aus dem Wasser, schüttelte ihren Badeumhang aus und ging zum Hotel hinauf.
IV
Es war fast zwei Uhr, als sie in den Speisesaal gingen. Über die verlassenen Tische huschte ein scharf geprägtes Muster von Lichtern und Schatten hin und her, der Bewegung der Pinien folgend, die draußen standen. Zwei Kellner, die Teller aufeinanderstapelten und laut italienisch miteinander redeten, verstummten, als sie hineinkamen, und brachten ihnen die dürftigen Überreste des Table d'hôte-Lunchs.
»Ich habe mich am Strand verliebt«, sagte Rosemarie.
»In wen?«
»Zuerst in eine ganze Menge Leute, die nett aussahen. Dann in einen Mann.«
»Hast du mit ihm gesprochen?«
»Nur ein paar Worte. Sieht sehr gut aus. Hat rötliches Haar.« Sie aß mit Heißhunger. »Aber er ist verheiratet – immer dieselbe Geschichte.«
Ihre Mutter war ihre beste Freundin und hatte alles bis zum Letzten in ihre Ausbildung gesteckt – nichts Seltenes im Theaterberuf, in diesem Fall aber etwas Besonderes, weil Frau Elsie Speers sich für ihre eigenen Verzichtleistungen nicht schadlos hielt. Dem Leben gegenüber kannte sie weder Bitterkeit noch Groll; zweimal befriedigend verheiratet und zweimal verwitwet, hatte sich ihr heiterer Gleichmut mit jedem Male verstärkt. Ihr erster Mann, Rosemaries Vater, war Militärarzt gewesen, der zweite Kavallerieoffizier; jeder hatte ihr etwas vererbt, und sie war bestrebt, es Rosemarie unangetastet zugute kommen zu lassen. Dadurch, daß sie Rosemarie nicht geschont hatte, war diese hart geworden – dadurch, daß sie selbst keine Arbeit und keine Mühe gescheut hatte, war in Rosemarie eine Schwärmerei großgezogen worden, die sich gegenwärtig ganz auf ihre Mutter konzentrierte, so daß sie die Welt mit deren Augen betrachtete. Wenngleich also Rosemarie Hoyt noch ganz kindlich war, hatte sie doch einen doppelten Schutz: die Lebensauffassung ihrer Mutter und ihre eigene – sie hatte ein ausgesprochenes Mißtrauen gegen alles Triviale, Oberflächliche und Gewöhnliche. Frau Speers jedoch fühlte nach Rosemaries plötzlichem Filmerfolg, daß es Zeit sei, sie seelisch zu entwöhnen; ja, es hätte sie weniger geschmerzt als gefreut, wenn diese etwas übertriebene, atemraubende und aggressive Schwärmerei sich außer auf sie noch auf ein anderes Objekt gerichtet hätte.
»Demnach gefällt es dir hier?« fragte sie.
»Es könnte nett sein, wenn wir die Leute kennenlernen würden. Es waren auch noch andere da, aber sie waren nicht sympathisch. Sie erkannten mich – wir können hinfahren, wohin wir wollen, jeder hat ›Vatis Mädelchen‹ gesehen.«
Frau Speers wartete, bis sich die Woge der Selbstgefälligkeit gelegt hatte, dann sagte sie in sachlichem Ton: »Übrigens, ich denke gerade daran – wann wirst du Earl Brady aufsuchen?«
»Ich dachte, wir könnten heute nachmittag hin, wenn du ausgeruht bist.«
»Du allein – ich komme nicht mit.«
»Dann warten wir eben bis morgen.«
»Ich möchte, daß du allein hingehst. Es ist doch nicht so weit – und schließlich sprichst du ja französisch.«
»Mutter – gibt's nicht irgend etwas, was ich nicht tun muß?«
»Nun gut, dann geh ein andermal, aber noch bevor wir fortfahren.«
»Gut, Mutter.«
Nach dem Lunch wurden sie beide von der plötzlichen Langeweile gepackt, wie sie amerikanische Reisende an stillen ausländischen Orten überfällt. Keine Anregung war vorhanden, keine Stimmen riefen von draußen nach ihnen, keine Bruchstücke ihrer eigenen Gedanken sprangen ihnen plötzlich aus den Köpfen anderer entgegen, und da sie den Trubel von New York vermißten, kam es ihnen vor, als stünde das Leben hier still.
»Wir wollen nur drei Tage hierbleiben, Mutter«, sagte Rosemarie, als sie wieder in ihren Zimmern waren. Draußen wirbelte ein leichter Wind die Hitze umher, drängte sie zwischen die Bäume und sandte kleine heiße Böen durch die Jalousien.
»Und was ist mit dem Mann, in den du dich am Strand verliebt hast?«
»Ich liebe nur dich allein, Mutter, mein Liebling.«
Rosemarie begab sich in die Halle und sprach mit Gausse Vater über Züge. Der Portier, der in hellbrauner Khakiuniform hinter seinem Tisch faulenzte, starrte sie unbeweglich an, dann plötzlich besann er sich darauf, was seinem Beruf zukam. Sie benutzte den Autobus und fuhr mit zwei unterwürfigen Kellnern zum Bahnhof. Ihr ehrerbietiges Schweigen irritierte sie, und sie hätte ihnen am liebsten gesagt: »Reden Sie doch, amüsieren Sie sich. Es stört mich nicht.«
In dem Erster-Klasse-Abteil war es erstickend heiß; die lebendigen Reklamebilder der Eisenbahngesellschaften – der Pont du Gard in Arles, das Amphitheater in Oranien, Wintersport in Chamonix – wirkten frischer als die weite, bewegungslose See draußen. Im Gegensatz zu amerikanischen Zügen, die von ihrer eigenen unbedingten Notwendigkeit durchdrungen sind und Leute aus einer anderen, weniger flinken und atemlosen Welt verachten, war dieser Zug ein Bestandteil des Landes, durch das er fuhr. Sein Luftzug wehte den Staub von den Palmblättern, die Kohlenasche vereinigte sich mit dem getrockneten Mist in den Gärten. Rosemarie hatte den Eindruck, sie könne sich aus dem Fenster lehnen und Blumen pflücken.
Vor dem Bahnhof in Cannes schliefen ein Dutzend Droschkenkutscher in ihren Wagen. Gegenüber auf der Promenade kehrten das Kasino, die eleganten Läden und die großen Hotels der sommerlichen See blinde, eiserne Masken zu. Es war unvorstellbar, daß es jemals eine »season« gegeben haben sollte, und Rosemarie, die unter dem Einfluß dessen stand, was für schick galt, hatte ein bedrücktes Gefühl, weil sie sich in der toten Saison hier aufhielt; als würden sich die Leute darüber Gedanken machen, warum sie in der Ruhepause zwischen der Fröhlichkeit des vorigen und des nächsten Winters hier war, während oben im Norden das Leben dahinbrauste.
Als sie mit einem Fläschchen Kokosnußöl aus einer Drogerie kam, kreuzte ihren Weg eine Dame, in der sie Frau Diver wiedererkannte; sie hatte die Arme voller Sofakissen und ging zu einem Wagen, der am Ende der Straße parkte. Ein langer, kurzbeiniger schwarzer Hund bellte sie an, ein Chauffeur, der eingenickt war, fuhr hoch. Sie saß im Wagen, ihr liebliches Gesicht unbeweglich und beherrscht, ihre schönen Augen blickten aufmerksam geradeaus ohne festes Ziel. Ihr Kleid war leuchtend rot, und ihre braunen Beine waren ohne Strümpfe. Sie hatte dichtes, dunkles, goldenes Haar wie ein Chow-Chow.
Da Rosemarie eine halbe Stunde auf ihren Zug warten mußte, setzte sie sich ins Café des Aliées auf der Croisette, wo die Bäume ein grünes Zwielicht auf die Tische zauberten und eine Kapelle ein imaginäres Publikum von Kosmopoliten mit dem Nizza-Karnevalslied und den vorjährigen amerikanischen Schlagern umwarb. Sie hatte Le Temps und The Saturday Evening Post für ihre Mutter gekauft, und während sie ihr Zitronenwasser trank, öffnete sie das amerikanische Blatt bei den Memoiren einer russischen Fürstin und fand die unklaren gesellschaftlichen Konventionen der neunziger Jahre wirklicher und lebensnaher als die Schlagzeilen des französischen Blattes. Es war das gleiche Gefühl, das sie im Hotel bedrückt hatte. Gewohnt, die ausgefallensten Wunderlichkeiten eines Erdteils, stark unterstrichen, als Komödie oder als Tragödie zu betrachten, und ungeübt in der Kunst, das Wesentliche für sich herauszuschälen, begann sie jetzt, das französische Leben schal und leer zu finden. Dieses Gefühl verstärkte sich noch, als sie den traurigen Melodien der Kapelle lauschte, die an die melancholische Musik bei akrobatischen Darbietungen in Vaudevilles erinnerte. Sie war froh, als sie wieder in Gausses Hotel war.
Ihre Schultern waren zu verbrannt, als daß sie am nächsten Tag hätte schwimmen können. So mieteten sie und ihre Mutter einen Wagen – nach vielem Feilschen, denn Rosemarie hatte die Bewertung des Geldes in Frankreich gelernt – und fuhren an der Riviera, dem Mündungsgebiet vieler Flüsse, entlang. Der Chauffeur, ein russischer Zar aus der Zeit Iwans des Schrecklichen, hatte eigenmächtig die Führung übernommen, und die schillernden Namen – Cannes, Nizza, Monte Carlo – begannen aus ihrer trägen Verschleierung hervorzuleuchten und erzählten flüsternd von alten Königen, die hergekommen waren, um zu schmausen oder zu sterben, von Maharadschas, die englischen Tänzerinnen Edelsteine aus Buddhastatuen zuwarfen, und von russischen Großfürsten, die in den entschwundenen Zeiten des Kaviars ihren Aufenthalt im Süden in nordische helle Nächte verwandelten. Am offensichtlichsten war an der Küste die Spur der Russen zurückgeblieben: ihre geschlossenen Bücherläden und Kolonialwarengeschäfte. Elf Jahre zuvor, als im April die Saison zu Ende ging, wurden die Türen ihrer orthodoxen Kirche abgeschlossen, und der süße Champagner, den sie liebten, wurde für ihre Rückkunft aufbewahrt. »Wir kommen nächste Saison wieder«, sagten sie, aber – sie kamen nie mehr zurück.
Es war hübsch, am späten Nachmittag zum Hotel zurückzufahren, hoch über einem Meer, das geheimnisvoll getönt war wie die Achate und Karneole der Kindheit: grün wie grünliche Milch, bläulich wie Wasser mit Wäscheblau, dunkel wie Wein. Es war hübsch, an den Menschen, die vor ihren Häusern speisten, vorbeizufahren und den wilden Klängen der mechanischen Klaviere hinter den Weinstöcken der ländlichen Gasthäuser zu lauschen. Als sie von der Corniche d'Or abbogen und auf Gausses Hotel zufuhren, durch dämmrige Gruppen von Bäumen, deren Grün sich in vielen Schattierungen voneinander abhob, schwebte der Mond bereits über den Ruinen des Aquädukts.
Irgendwo in den Bergen hinter dem Hotel fand ein Tanzvergnügen statt, und Rosemarie lauschte der Musik in dem gespenstigen Mondlicht unter ihrem Moskitonetz; sie stellte sich vor, daß auch anderswo Fröhlichkeit herrschte, und dachte an die netten Leute am Strand. Vielleicht würde sie sie am Vormittag treffen; aber anscheinend bildeten sie eine kleine Gesellschaft für sich, und wenn sie erst einmal ihre Bambusmatten, Hunde und Kinder untergebracht hatten, war dieser Teil des Strandes buchstäblich eingezäunt. Rosemarie faßte auf alle Fälle den Entschluß, ihre letzten beiden Vormittage nicht mit den andern zu verbringen.
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