Read the book: «Nikolai Roerich: Kunst, Macht und Okkultismus»

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Biografie

Saga

Nikolai Roerich

German

© 2011 Ernst von Waldenfels

Alle Rechte der deutschen Ausgabe © Osburg Verlag Hamburg 2009 www.osburg-verlag.de. Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711449530

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschtzt. Kopieren fr andere als persnliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

Für meine Eltern


Anstelle eines Vorworts: Das Tagebuch des Dr. Rjabinin

Ich fand das Buch in Ulan Bator, der Hauptstadt der Mongolei, an einem kalten Herbstabend 2004. Es lag unter einem Stapel von Büchern in einem kleinen Antiquariat, das hauptsächlich russische Bücher im Angebot hatte. Es war die alte Intelligenz aus sozialistischen Zeiten, die hier aus Not ihre Schätze verkaufte. Wissenschaftliche Abhandlungen über Archäologie, Geografie und Kunstgeschichte, die nun niemanden mehr zu interessieren schienen, und eben dieses Buch.

Sein Titel war »Tibet – Enthüllt« und erschienen war es 1996 bei »Amrita-Ural«, einem Verlag irgendwo in der russischen Provinz. Das Buch sah ungewöhnlich aus. Es war solide gebunden und hatte einen festen blauen Umschlag. Der Titel war zwar in kyrillischer Schrift gesetzt, aber der Stil der Buchstaben erinnerte an Sanskrit oder das, was der Layouter für Tibetisch gehalten haben muss. Das Buch war umfangreich, über sechshundert Seiten, hatte beinahe DIN-A4-Format, enthielt Fotos und Zeichnungen und war ungewöhnlich liebevoll gedruckt. Auch das Papier verriet, dass die Herausgeber weder Mühe noch Kosten gescheut hatten. Während sonst im Russland der chaotischen neunziger Jahre Bücher gewöhnlich auf Zeitungspapier gedruckt wurden, hatte man hier schweres und völlig weißes Papier gewählt.

Die Herausgeber mussten vermögend oder selbstlose Enthusiasten sein, denn das Buch war wohl keines von der Sorte, das sich zu Zeiten Jelzins in Russland gut verkaufen ließ.

Es war weder ein Kriminalroman, noch wartete es mit angeblichen oder wahren Sensationen auf, die man in den erst seit wenigen Jahren zugänglichen Archiven gefunden hatte.

Der Untertitel des Buches lautete: »Die Original-Tagebücher der Expedition von N. K. Roerich« und der Autor hieß K.N. Rjabinin. Auf der ersten Druckseite stand die Jahreszahl 1928 und das Motto »Keine Religion übertrifft die Wahrheit und die Weisheit ist ihr Licht«.

Auf der nächsten Seite standen folgende weitere Angaben: »Das Buch enthält die originalen Tagebuchaufzeichnungen von K. N. Rjabinin. Diese Dokumente hätten nie das Licht erblickt und wären zweifellos auf ewig unbekannt geblieben, wären sie nicht 1992 zufällig durch die russischen Diplomaten A. M. Kadakin und B. S. Starostin auf dem Landsitz der Roerichs in Kullu (Indien) entdeckt worden«

Das Buch interessierte mich. Tibet war in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts das unzugänglichste Land der Welt. Die Todesstrafe bedrohte jeden Tibeter, der ohne ausdrückliche Erlaubnis des Dalai Lama Fremde ins Land ließ. Selbst der unermüdliche Sven Hedin hatte es nur geschafft, die Randgebiete zu bereisen, und war nie nach Zentraltibet, nach Lhasa vorgedrungen. In der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts kann man die Zahl der Expeditionen nach Tibet an zwei Händen abzählen. Ich kannte die berühmten Aufzeichnungen von Alexandra David-Neel und Sven Hedin und sogar die obskuren Notizen eines japanischen Mönches, der 1901 bis nach Lhasa gekommen war. Von der Expedition eines N. K. Roerich hatte ich aber bis dahin noch nie gehört.

Ich erwarb das Buch.

Das Vorwort stammte von B. S. Starostin, einem der beiden Diplomaten, die das Manuskript gefunden hatten. Über Rjabinin stand zu lesen, dieser sei ein talentierter Arzt und Psychologe gewesen und habe sich sowohl für die allermodernste westliche Medizin als auch für östliche Heilkunde interessiert. Etwas mysteriös hieß es weiter, er habe Forschungen im Bereich des menschlichen Geistes betrieben und auf diesem Gebiet erfolgreich experimentiert. Er habe höchsten Hofkreisen nahegestanden und sei der Arzt von Felix Jussupow, des Verwandten des Zaren und Mörders des Wunderheilers Rasputin, gewesen.

Vom Leiter der Expedition, Nikolai Konstantinowitsch Roerich, wurde anscheinend vorausgesetzt, dass dem Leser des Buches seine biografischen Daten bereits bekannt waren. Seine Leistungen als Maler und Denker wurden gepriesen. Es fanden sich dort Sätze wie: »Die kulturelle Hinterlassenschaft Roerichs wird noch lange Zeit von allen Seiten untersucht werden und es ist nicht sicher, dass sie jemals bis ins Letzte verstanden werden wird. Nicht nur weil seine Tätigkeit so umfassend und seine Interessen so vielfältig waren, sondern auch, weil er so tief in den Mikrokosmos des menschlichen Daseins, wie auch den Makrokosmos dessen, was den Menschen umgibt, eingedrungen ist.«

Weiter war in dem Vorwort von einem seltsamen Flugobjekt die Rede, das die Teilnehmer der Expedition beobachtet hätten. Laut der Mongolen und Tibeter unter ihnen hätte dieses Objekt zur »Bruderschaft« gehört, die den Apparat dazu genutzt hätte, mit dem Pantschen Lama in Mukden Kontakt aufzunehmen. Welche Bruderschaft und was für ein Apparat?

Und natürlich war die Frage interessant, wie ein sowjetischer Diplomat, nach Ausbildung zweifellos Marxist-Leninist, überhaupt solche Sätze kommentarlos zitieren konnte.

Dem Vorwort folgte eine Seite mit einigen wenigen, sehr groß gedruckten Sätzen.

Betitelt waren sie mit »Geleitworte der Lehrer des Ostens«. Der Sinn dieser wenigen Sätze war dunkel, die Sprache alttestamentarisch: »Unvergesslich zu wissen, wie die Reisenden im Namen der Errichtung einer neuen Welt vorwärtsschreiten, da die Städte sie mit ihrer Bequemlichkeit verlocken; da kleinliches Streben nach Eigentum die besten Geister gefangen nimmt, haben sie kühn beschlossen, das Silber ihrer Arbeit beizutragen.«

Diesen Sätzen folgte eine Einleitung des Autors, Dr. Rjabinin, selbst. Unter anderem schrieb er: »Einige Seiten des Tagebuchs betreffend die Bruderschaft im Himalaja oder die verbotene Zone von Schambala; über den legendären, aber wahrhaftig existierenden Meteoriten, den man den Schatz der Welt oder Tschintamani nennt, mögen einem Leser, der sich nicht in die Literatur vertieft hat, als Erfindung oder zumindest Aberglauben vorkommen. Ich bitte zu bedenken, dass der Autor des Tagesbuchs die fünfzig bereits überschritten hat und über grundlegende Kenntnisse in der Medizin und den Naturwissenschaften verfügt. Die betreffenden Stellen gründen sich nicht nur auf das, was der Autor gelesen hat, sondern auf Fakten, deren Zeuge er selbst gewesen ist.«

Weiter schrieb Dr. Rjabinin mehrere Seiten über Nikolai Roerich, der im Petersburg der Zarenzeit ein hoch angesehener Künstler mit Zugang zu höchsten Kreisen gewesen war. Er hatte ihn bereits 1898 kennengelernt, wie er schrieb, und die beiden verband ein Interesse an »Experimenten im Bereich des Geistes«, wie es Dr. Rjabinin ausdrückte, ohne Näheres mitzuteilen. Später kam auch noch die Ehefrau Roerichs, Helena, dazu, und »das Verständnis der beiden für mein geistiges Streben war die Grundlage für unsere Nähe. Ich erinnere mich, wie wir damals über die großen geistigen Errungenschaften Indiens sprachen und über die ›Lehrer des Ostens‹. Die Tiefe ihrer Gedanken und Lehre bezeugte die gewaltige Kenntnis des menschlichen Geistes, die sich in den geheimen Zentren der Eingeweihten, vor allem aber in der Bruderschaft des Himalaja, laut uralter Überlieferung angesammelt hatte. Das letztere Zentrum erschien uns immer als Quelle des unübertrefflichen Wissens und der Wahrheit. Den Weg dorthin hofften wir über Indien zu finden.«

Es folgte das Tagebuch selbst, das streckenweise hochspannend war. Die Karawane durchquerte die Wüste Gobi, dann das Nan-Schan-Gebirge, stieß mit räuberischen Gebirgsstämmen zusammen, begegnete tibetischen Wundermönchen und verbrachte über einen Monat in einem Kloster der geheimnisvollen Bön-Po-Sekte.

Doch gab das Tagebuch nicht weniger Rätsel auf als das Vorwort und die Einleitung. Es fing bereits mit den ersten Tagen an. Die Expedition verließ die Hauptstadt der Mongolei nicht etwa, wie in diesen Jahren zu erwarten gewesen wäre, mit einer Kamelkarawane, sondern mit Lastwagen, die ausgerechnet die sowjetische Handelsvertretung zur Verfügung gestellt hatte. Hier lag etwas verborgen, war noch etwas Unbekanntes im Spiel. Denn im ersten Eintrag im Tagebuch des Dr. Rjabinin vom 9. April 1927 lautete gleich der zweite Satz: »Die Flagge von Buddha Matreya ist fertiggestellt. Das Ziel der Mission, die als erste in der Geschichte ohne Maskierung und Geheimnistuerei auftritt, ist die Schaffung eines wahren Buddhismus und von erregender Bedeutung.«

Nur, was konnte die sowjetische Handelsvertretung für ein Interesse an einer Expedition mit offensichtlich religiösen Zielen haben?

Noch rätselhafter war, wie Dr. Rjabinin, offensichtlich alles andere als ein überzeugter Kommunist, überhaupt die Erlaubnis bekommen konnte, die Sowjetunion zu verlassen. Noch dazu in wenigen Tagen, als sei die Sache von ganz oben abgesegnet worden. Normalerweise dauerte es in der Sowjetunion jener Jahre Monate, bis ein Mann mit solch zweifelhaftem Vorleben wie ein Arzt mit Verbindungen zur Zarenfamilie einen Auslandspass bekam. Wenn er überhaupt einen erhielt.

Es konnte eigentlich nur eine Erklärung dafür geben: Höchste Spitzen im Machtapparat in Moskau verfolgten mit der Expedition eigene Interessen.

Nur, welche es waren, ließ sich dem Tagebuch nicht entnehmen. Und falls Dr. Rjabinin sich darüber Gedanken gemacht haben sollte, so vertraute er sie dem Tagebuch klugerweise nicht an. Schließlich wollte er, wie sich den Aufzeichnungen an anderer Stelle entnehmen ließ, in die Sowjetunion zurückkehren.

Das Tagebuch hatte mich neugierig gemacht. Was hatte es mit der Bruderschaft und Schambala auf sich? Wieso glaubte nicht nur Dr. Rjabinin in den zwanziger Jahren, sondern offensichtlich auch ein sowjetischer Diplomat siebzig Jahre später an die Existenz dieser geheimnisvollen Gemeinschaft? Wieso hatten Instanzen im sowjetischen Staatsapparat die Expedition überhaupt zugelassen und sogar gefördert?

Eine schnelle Recherche in einer Encyclopedia Britannica, die ich als CD in einem Kiosk in Ulan Bator gekauft hatte, ergab, dass Roerich zumindest in Amerika eher als Fußnote der Kunstgeschichte gesehen wurde, denn die Herausgeber des Lexikons hatten seiner Biografie kaum mehr als eine viertel Spalte eingeräumt. Lapidar hieß es, er sei 1874 in St. Petersburg geboren worden, habe sich einen Namen als Künstler vor allem durch seine Bühnenbilder gemacht und sei Szenarist des berühmten Balletts »Das Frühlingsopfer« von Igor Strawinsky gewesen. 1920 sei er nach Amerika emigriert und hätte reiche Gönner gefunden, die ihm bereits zu Lebzeiten ein Museum finanzierten.

Roerich sei auch Mystiker gewesen, wurde geschrieben, und dann folgte noch die kurze Anmerkung, dass eine der einflussreichsten Figuren der amerikanischen Innenpolitik der dreißiger und vierziger Jahre, der Landwirtschaftsminister Roosevelts und spätere Vizepräsident der USA, Henry Wallace, Roerich als seinen Guru betrachtet habe. Zumindest bis 1935, als Roerich im Zusammenhang mit einer weiteren Expedition, diesmal in die Mandschurei, einen Skandal auslöste, der Wallace dazu zwang, sich von Roerich zu distanzieren.

Es verblieb der Briefwechsel zwischen den beiden. Wallace hatte Roerich als »mein Guru« angesprochen, und es fanden sich dort seltsame Sätze wie: »Die Affen suchen Freundschaft mit den Herrschern, um das Land der Meister unter sich aufzuteilen. Der Wandernde glaubt dies und hegt großes Misstrauen gegenüber den Affen.«

1948 wurden diese Briefe dazu benutzt, Henry Wallace, die Galionsfigur der amerikanischen Linken und bis dahin aussichtsreicher Präsidentschaftskandidat, in den Augen der Wähler zu diskreditieren.

Mehr war in diesem wichtigsten Lexikon der englischsprachigen Welt nicht zu erfahren. Das Internet dagegen wartete mit Abertausenden von Seiten auf. Augenscheinlich war Roerich ein Liebling der Verschwörungstheoretiker, besonders der amerikanischen. Unzählbar die Seiten, die Wallace und Roerich mit der mysteriösen Pyramide auf den amerikanischen Ein-Dollar-Noten und dem darunter gedruckten Motto »Novus ordo seclorum« in Verbindung brachten. Ominöse Deutungen dieses harmlosen Mottos waren fast so zahlreich wie die in Umlauf gebrachten Noten selbst.

Im deutschsprachigen Teil des Internets dagegen war die Zahl der Seiten über Roerich vergleichsweise bescheiden. Hier dominierten ernsthafte Erörterungen einer mystischen Lehre namens »Agni Yoga«, die Roerichs Ehefrau Helena ins Leben gerufen hatte. Es fanden sich Übersetzungen ihrer Bücher und zahlreicher Briefe mit okkultem, schwer verständlichem Inhalt. Auch zu Nikolai Roerich gab es einiges, der als »Prophet der Schönheit und Kultur« und »großer Friedensstifter« gerühmt wurde.

Am meisten war zu Roerich im russischen Internet zu finden. Mehrere Museen präsentierten sich, die ganz oder teilweise seinem Schaffen gewidmet waren. Die meisten Texte stammten von seiner Frau Helena oder von Anhängern, die sich zu Vergleichen Roerichs mit Leonardo da Vinci verstiegen oder Roerich sogar als »Retter Russlands« priesen. Er wurde als Nachfahre Ruriks vorgestellt, jenes skandinavischen Warägers, der am Anfang der Kiewer Rus steht, und im Zusammenhang mit der Expedition 1927 war zu erfahren, er sei vorher in Moskau gewesen, um der sowjetischen Staatsspitze eine wichtige Warnung zukommen zu lassen.

Es gab allerdings auch ein paar wenige Seiten, die Roerich in einem ganz anderen Licht erscheinen ließen. Einigen galt er schlicht als Agent der sowjetischen Geheimpolizei, der seinen Mystizismus als raffinierte Tarnung verwendet habe, um Spionage zu betreiben. Andere hielten ihn für einen bloßen Scharlatan, der auf nichts als das Geld seiner reichen amerikanischen Gönner aus gewesen war.

Allen Seiten gemeinsam war ihre Mythologisierung des Mannes. Zwischen Vergötterung und Verdammung, Schwarz und Weiß schien es keine Schattierung zu geben.

Wer war dieser Mann und was hatte es mit alledem auf sich?

Mit dem Tagebuch des Dr. Rjabinin hatte eine Suche begonnen, die mich schließlich nach Indien, in die USA und mehrmals nach Russland führte. Dabei stieß ich wie beim Öffnen einer russischen Matroschka auf immer neue Schichten und neue Puppen in der Puppe. Nichts war bei diesem Mann so, wie es auf den ersten Blick schien. Und das fing schon mit seiner Herkunft an.

Teil I
Der Prophet der Schönheit

Kapitel 1
Die geheimnisvolle Herkunft

Nikolai Roerich war ein Mann, der die unglaublichsten Gerüchte und Legenden über sich selbst zu verbreiten wusste. Ob als wiederkehrender König von Schambala, Maler heilbringender Bilder oder sogar zur Weltrettung berufener Messias, in all diesen Rollen fand er glühende Anhänger. Oder auch Zweifler, die sich über seine Posen lustig machten. Mit einem allerdings sollte er sich bei Freund und Feind durchsetzen: mit der selbstgesponnenen Legende von der hohen Herkunft.

Danach war Begründer des »Geschlechts« der Roerichs kein anderer als Rurik selbst, der aus Skandinavien stammende mythische Begründer der Rus, des Vorläufers des russischen Reiches. Im Mittelalter sei einer der Nachfahren Ruriks in seine Urheimat, nach Schweden, zurückgekehrt, während der Rest der Familie noch lange Jahrhunderte die Herrscher Russlands stellte.

Dieser, der erste Teil der »Familiengeschichte«, wird nur von seinen glühendsten Anhängern für bare Münze genommen. Zu offensichtlich beruht sie auf nicht mehr als einer bloßen Namensähnlichkeit zwischen Roerich und Rurik. Der Teil dagegen, der mit dem »Rückkehrer nach Schweden« anfängt, ist von sämtlichen Biografien und Lexika, ob russisch- oder englischsprachig übernommen worden.

Die Nachfahren jenes nie genauer benannten Rückkehrers seien dann als Tempelritter hervorgetreten, was nur zu gut zu den okkulten Neigungen ihres späteren Nachfahren passte. Der erste Roerich auf russischem Boden schließlich soll Nikolais Urgroßvater, ein schwedischer General, gewesen sein, der mit Karl XII. in den Krieg gezogen und nach der Niederlage der Schweden in den Dienst Peters des Großen getreten sei. Der Zar habe ihm dann Ländereien im Norden Russlands, in der Nähe der Ostsee, geschenkt. Sein Großvater, ein Fjodor Roerich, war angeblich ein hohes Mitglied der okkulten Geheimgesellschaft der Freimaurer und sein Vater Konstantin nicht nur ein angesehener Notar, sondern soll auch führend an der Gesetzgebung zur Abschaffung der Leibeigenschaft beteiligt gewesen sein.

Eine wahrhaft illustre Ahnenreihe. Bereits eine kurze Recherche ergab, dass Roerich in seinen verschiedenen Varianten der Schreibung (Rörich, Röhrich, Roehrich etc.) ein geläufiger deutscher Familienname ist, den die Namensforschung entweder auf das Röhricht oder auf den Vornamen Roderich zurückführt. Im schwedischen Telefonbuch dagegen gelang es trotz Suche nach allen möglichen Namensvarianten nicht, mehr als elf Röricks und zwei Röhrichs zu entdecken. Aber weder einen Rörich noch einen Roerich.

Dass der 1837 geborene Vater an der 1861 erfolgten Aufhebung der Leibeigenschaft beteiligt gewesen sein soll, war auch kaum glaubhaft, und dass Nikolais Großvater, angeblich ein hoher Staatsbeamter, gegen das strikte Verbot der Freimaurerei im damaligen russischen Staat verstoßen hatte, war zwar möglich, aber doch eher unwahrscheinlich.

Die Wahrheit über Nikolai Roerichs Herkunft kam erst vor wenigen Jahren ans Licht. Es war der lettische Forscher Ivars Silars, der sich die Mühe machte, alle Taufregister der deutschen Minderheit durchzusehen,1 Register, die 1939 zusammen mit den ausgesiedelten Deutschen ins »Dritte Reich« und dann 1971 aus Rostock wieder zurück ins Baltikum gekommen waren.

Bereits bekannt war, dass Konstantin Roerich aus der heute zu Lettland gehörenden Landschaft Kurland stammte. Diese war damals eine Provinz des russischen Reiches, in der eine Oberschicht deutscher Herkunft, die »baltischen Barone« über die Masse ihrer hauptsächlich lettischen Untertanen herrschte.

Als nun Ivars Silars sich in die Kirchenregister Kurlands vertiefte, traf er auf eine Überraschung nach der anderen. Zuerst einmal stellte sich Konstantin als unehelich geboren heraus. Seine Mutter war ein Dienstmädchen, die aus Preußen stammende Konstantia Schuhschel. Doch damit nicht genug. Im Taufregister fehlte der Name des Vaters! Den Namen Roerich sollte Konstantin erst zwölf Jahre später bekommen. Nicht etwa, weil der Namensgeber, ein Nachfahre deutscher Handwerker namens Friedrich Roerich, tatsächlich der Vater war. Zumindest nicht, wenn man der Indizienkette des lettischen Historikers folgt, der bei seinen monatelangen Untersuchungen auf eine Reihe von Ungereimtheiten gestoßen ist, die zusammengenommen den Stoff für einen Roman über die Klassengegensätze des damaligen Kurland ergeben würden.

Wie Ivars Silars herausfand, war Konstantia Schuhschel 1837, zum Zeitpunkt der Geburt ihres ersten Sohnes, Dienstmädchen auf dem Gut Paplacken, das einer der mächtigsten Familien Kurlands, den Freiherren von der Ropp, gehörte. Friedrich Roerich, der siebte Sohn eines Schneiders, dessen Vorfahren vor gut hundert Jahren ins Baltikum eingewandert waren, hatte es zum Verwalter von Paplacken gebracht. Dass Friedrich Roerich erst zwölf Jahre später als Vater von Konstantin genannt wird, wäre vielleicht nicht so bemerkenswert, gäbe es nicht mehrere außergewöhnliche Umstände. Zum einen gebar sie ein Jahr später einen weiteren Sohn, Albrecht, und einige Jahre danach noch ein Kind – diesmal dauerte es nicht zwölf Jahre und sie gab gleich Friedrich als den Vater dieser Kinder an. Zum anderen hatte ausgerechnet der erste, der nicht nur uneheliche, sondern auch vaterlose Konstantin, gleich drei Würdenträger als Taufzeugen, einen Arzt, einen Amtmannn und einen Müller nämlich, während die Taufe ihres zweiten Kindes sehr viel standesgemäßer von einem Viehhüter und einem Sattler bezeugt worden war.

Eine weitere Seltsamkeit betraf die Eintragung der Taufe in das Kirchenbuch. Sie war gegen jede Regel vorgenommen worden, was erklärt, warum erst Silars auf die uneheliche Geburt Konstantins stieß. Statt in der richtigen Reihenfolge – Konstantin hatte man am 7. Juli getauft – wurde die Geburt im Dezember eingetragen. Auch war Konstantin nicht, wie die anderen beiden Kinder von Friedrich und Konstantia, in der für Paplacken zuständigen lutherischen Kirche von Nord-Durben getauft worden, sondern in Birsdorf und schließlich in das Kirchenbuch noch einer weiteren Gemeinde, nämlich Wirgen, eingetragen. Mit Wirgen hat es eine besondere Bewandtnis: Es war nämlich die Heimatgemeinde derer von der Ropp. Ein Zufall? Wohl kaum, wenn man den weiteren Lebensweg von Konstantin Roerich bedenkt. Immer wieder taucht eine schützende Hand über dem Jungen auf, der es schließlich bis in die oberen Schichten der Zarenhauptstadt bringen wird.

Es fängt 1849 an, als der uneheliche Sohn des Dienstmädchens an das Technologische Institut, eine der bekanntesten Schulen St. Peterburgs, aufgenommen wird, um dort Jura zu studieren. Auf einmal ist er nicht mehr vaterlos, sondern trägt den Nachnamen Roerich. Im gleichen Jahr geben die von der Ropps Friedrich Roerich zwei ihrer Güter zur Pacht. Dies ist auch schon das letzte Mal, dass er im Leben seines angeblichen Sohnes auftaucht. Den Antrag zur Aufnahme in das Institut wie auch die Aufnahmekosten für den Jungen bezahlte ein Eduard von der Ropp, früher ansässig auf Gut Paplacken, der auch als Vormund des Jungen figuriert.

Zunächst blieb Konstantin am Technologischen Institut, brach dann aber seine Ausbildung aus unbekannten Gründen ab. Man könnte vermuten, der Jugendliche aus der Provinz mit der niederen Herkunft habe die Hänseleien seiner Mitschüler aus höheren Kreisen nicht ertragen. Das ist bloße Spekulation, aber vielleicht auch mehr als das, wenn man an die Erzählungen Gogols oder die Romane Dostojewskis denkt, die die brutalen Erniedrigungen geschildert haben, denen die kleinen Beamten, das Fußvolk der Administration des Kaiserreiches, ausgesetzt waren.

Das damalige Russland war ein strikter Ständestaat. Es gab 14 Ränge in der zivilen Beamtenschaft, die ihre Entsprechung im Militär hatten, wobei der erbliche Adel ganz oben stand. Rang war alles, und selbst die Kaufmannschaft war in eine erste und zweite Gilde gegliedert. Allerdings konnte man sich keinen Rang erkaufen, aber die Mitgliedschaft in einer Kaufmannsgilde. Und eben in eine solche Gilde sollte Konstantin Roerich erhoben werden.

Vorerst jedoch fing er als Buchhalter in einer Fabrik an und wurde erst technischer Zeichner und schließlich Buchhalter beim Bau der Eisenbahnlinie St. Petersburg-Warschau. Sein Vormund Eduard von der Ropp war zu der Zeit hoher Beamter beim Ingenieurskorps der Verkehrswege in St. Petersburg, also einer seiner Vorgesetzten.

Es folgte die nächste »berufliche« Station im Leben des Konstantin Roerich. Bei der Volkszählung von 1863 taucht Konstatin Roerich, der zu diesem Zeitpunkt zweifelsfrei Buchhalter in St. Petersburg ist, als Kaufmann der zweiten Gilde in der kurländischen Stadt Hasenpoth auf. Derselben Stadt übrigens, in der seine nunmehr 55 alte Mutter lebte. Und zwar mit der Adresse Kuldigas 16 direkt neben den von der Ropps, die die Adresse Kuldigas 14 hatten. Es fragt sich, woher der Buchhalter Konstantin Roerich das Geld und natürlich auch die Beziehungen hatte, um sich, obgleich in Petersburg ansässig, in Kurland als Kaufmann eintragen zu lassen. Und weshalb?

Die letzte Frage ist nicht schwer zu beantworten. 1862 nämlich hatte Konstantin Roerich die aus eben diesem Stand herkommende Maria Kalaschnikowa, die Mutter Nikolais, geheiratet.

Maria Kalaschnikowa brachte nicht viel in die Ehe mit. Man weiß, sie war Teilerbin eines Hauses in der Provinzstadt Ostrow, aber in Erbstreitigkeiten verwickelt.2 1867 musste Konstantin Roerich, der zu dieser Zeit 1500 Rubel jährlich verdiente, seine Vorgesetzten bitten, ihm ein Darlehen von 400 Rubeln zu gewähren, um eine Versteigerung des Besitzes seiner Frau zu verhindern. Aber nur wenige Monate später kam die nächste verblüffende Wende in seinem Schicksal. Aus unbekannter Quelle erhielt der nunmehr Dreißigjährige die gewaltige Summe von 10000 Rubeln, hinterlegte sie als Kaution und bekam trotz nicht abgeschlossenen Studiums eine Stelle als Notar beim St. Petersburger Kreisgericht. Aus dem Teilerbe seiner Frau kann die Summe übrigens nicht gekommen sein, denn das Haus in Ostrow war noch Jahre später im Besitz der Familie.

Damit begann sein Aufstieg, der ihm Kunden aus den besten Kreisen und ein hohes Ansehen einbringen sollte. 1872 kaufte er sogar ein gewaltiges Landgut nordöstlich von St. Petersburg und besaß damit fast alle Attribute eines Angehörigen der herrschenden Schicht des Kaiserreiches. Fast alle, denn ihm fehlte der Adel und ihn sollte er nie erlangen.

Umso wütender wird sein Sohn Nikolai eben dies später behaupten. Vor der Heirat mit seiner aus dem Hochadel stammenden Frau wird er ihren widerstrebenden Verwandten versichern, er sei adeliger Abstammung, nur könne er dies nicht beweisen, da die entsprechenden Urkunden leider bei einem Brand im Haus seines Urgroßvaters vernichtet worden seien. Als einzigen Beweis seiner angeblichen Herkunft wird er ein Wappen der Familie »Roerich« vorzeigen, das er aller Wahrscheinlichkeit selbst entworfen hat. 1930 schließlich wird es ihm gelingen, sich sozusagen selbst zu adeln, als er sich anlässlich der Erlangung der französischen Staatsbürgerschaft den adeligen Namenszusatz »de« zulegt. Von nun an wird er im Briefverkehr auf der Anrede »de Roerich« bestehen, und aus der Tagebucheintragung einer seiner Anhängerinnen können wir entnehmen, dies sei nur recht und billig, denn bereits in Russland habe seine Familie den Titel Freiherr getragen.3

Die Familie Roerich? Oder meinte er damit die Freiherren von der Ropp? Und das bringt uns zu der Frage, was Nikolai Roerich von der Herkunft seines Vaters überhaupt gewusst hat und ob man in den Abertausend Briefen und Aufzeichnungen des Vielschreibers vielleicht irgendeinen Hinweis findet. Um es gleich zu sagen, weder der Name Schuhschel noch der Name von der Ropp taucht auf. Zumindest nicht in irgendeiner der zahlreichen Ausgaben seiner Briefe und Selbstzeugnisse. Auch nicht ein Hinweis auf jemanden mit der Biografie Eduard von der Ropps. Viel ist über ihn nicht bekannt, aber in der Datenbank des Osteuropa-Instituts findet man immerhin die Angabe, dass er 1810 in Paplacken geboren wurde, es in der Verwaltung der Verkehrswege bis zum wirklichen Staatsrat, der vierten Stufe der Rangliste, geschafft hatte und kurz vor Jahresende 1869 in St. Petersburg gestorben war. Er hatte aller Wahrscheinlichkeit nach nie geheiratet, und es sind auch keine Kinder von ihm verzeichnet.4 Sein Tod könnte erklären, woher plötzlich Konstantin Roerich die gewaltige Summe hatte, die nötig war, um 1872 Iswara, jenes Landgut nordwestlich von St. Petersburg, zu kaufen.

Wenn wir die spärlichen Auskünfte Nikolai Roerichs über seine Familie väterlicherseits durchgehen, so fallen vor allem die Leerstellen auf. Weder werden Geschwister des Vaters erwähnt, noch findet sich der leiseste Hinweise auf die Tatsache, dass sein Vater Konstantin deutscher Herkunft war, wie auch dessen Muttersprache Deutsch gewesen sein muss. Hat schon Konstantin Roerich alles getan, um seine Vergangenheit in Kurland hinter sich zu lassen, war er es bereits, der sich eine »neue« Identität verschafft hat? Oder ist es erst sein Sohn Nikolai gewesen, der spätere »Urrusse«, der die Herkunft seines Vaters verdeckte?

Das wenige, was Nikolai Roerich später über die unmittelbare Familie seines Vaters berichtet hat, ist widersprüchlich. So brachte er 1912 diese Beschreibung seines Großvaters zu Papier: »Die fröhliche Kinderschar rennt die Treppe hinunter. […] Wir dürfen in das dunkle, hohe Zimmer des Großvaters.

Alles beim Großvater ist besonders. Uns gefällt der Sessel mit den Drachen. Ach hätten wir solche im Kinderzimmer! Wunderbar ist auch die Wanduhr, die Musik spielt. In den Schränken hinter den Glastüren Bücher mit goldbedruckten Einbänden. Es hängen schwarze Bilder und eines davon ist schief, aber der Großvater liebt es nicht, wenn man etwas anfasst. Es gibt viele schöne Dinge beim Großvater. […] Man darf die Freimaurerzeichen anfassen, aber nicht anziehen. Und wenn der Großvater guter Laune ist und ihm die Füße nicht wehtun, dann öffnet er die rechte Schublade des Tisches. Und dort sind unendlich viele interessante Dinge! […] Nach Beendigung der Hausaufgaben lieben wir es, zum Großvater zu rennen. Wir freuen uns am Großvater.

Etwas anderes.

›Großvater verbietet es, ihn zu besuchen.‹ Der erzürnte Großvater. Groß, grau, stachelig. Unmöglich zu ahnen, was erlaubt ist. Er weiß so oder so alles besser. Am besten das, was schon zu seiner Zeit so war. Alles muss so sein und nicht anders. Schimpft und fordert zur gleichen Zeit.«5

Großväterchen Fjodor kommt in Tagebucheinträgen und Briefen Nikolai Roerichs noch einige weitere Male vor. Wir erfahren noch, er habe in seiner Jugend bei den Husaren gedient, habe geraucht wie ein Schlot und sei 105 Jahre alt geworden. Nur war dieser Fjodor identisch mit Friedrich Roerich? Oder war es jemand völlig anderes? Mit der Bezeichnung Großvater oder Großväterchen geht man im Russischen großzügig um.

Gründe zum Zweifeln gibt es. Friedrich Roerich, der Sohn eines Schneiders als Husar? Kaum zu glauben, wenn man bedenkt, dass die Husaren entweder aus den Minderheiten im Süden des Reiches oder aus dem Hochadel und dann für die Leibregimenter der Zarenfamilie rekrutiert wurden. Genauso steht es mit der Behauptung, der Großvater sei uralt geworden. Das musste er ja auch, wenn sich der 1806 geborene Friedrich Ende des 19. Jahrhunderts bei seinem Sohn in Petersburg aufgehalten haben soll. Nur gibt es einen Brief Nikolai Roerichs an seinen litauischen Anhänger Richard Rudsites, in dem er mitteilt, das ungewöhnliche Alter Fjodors läge in der Familie, denn auch der Vater Friedrichs, Nikolais Urgroßvater also, sei mehr als neunzig Jahre alt geworden.6 Das aber trifft nicht zu, denn der Schneider Johann Roerich ist gerade einmal 57 Jahre alt geworden, wie Ivars Silars herausgefunden hat.

1.Siehe Ivars Silārs »Rērihi Kurzemē. Leģendas un arhīvu dokumenti« (Die Roerichs aus Kurland. Legenden und Dokumente aus den Archiven), in: Latvijas Arhīv. Nr. 2, 2005. Deutsche Fassung, ebd. S. 77f.; Russische Fassung, ebd. S. 79f.
2.Siehe: I.S. Annika, »Marija Vasil’evna Kalašnikova-Rerix«, in: Rerixovskoe Nasledie – Trudy Konferencii (Materialien der Konferenz Erbe Roerichs). St. Petersburg 2005, S. 70.
3.Esther Lichtmann, handschriftlich, unveröffentlichtes Tagebuch, 28. 1. 1931. Kopie des Manuskripts mit freundlicher Genehmigung von Oreole Feshbach im Besitz des Verfassers. Im Folgenden als Esther Lichtmann.
4.Osteuropa-Institut – Erik-Amburger-Datenbank http://dokumente.ios-regensburg.de/amburger/.
5.Nikolai Roerich, Zažigajte Serdca (Entflammt das Herz), Moskau 1975, Kapitelüberschrift: Deduška.
6.G. R. Rudsites, »N. K. Rerix I Pribaltika« (Roerich und das Baltikum), in: N. K. Roerich, Žizn’ i tvorčestvo, Aufsatzsammlung, Moskau 1978.
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01 June 2026
Volume:
800 p. 1 illustration
ISBN:
9788711449530
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