Read the book: «Der Gartenpavillon - Skandinavien-Krimi»

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Elsebeth Egholm

Der Gartenpavillon

Saga

Der Gartenpavillon ÜbersetztHanne Hammer Original OpiumCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 2001, 2020 Elsebeth Egholm und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726569650

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk

– a part of Egmont www.egmont.com

»If you wake at midnight, and hear a horse’s feet

Don’t go drawing back the blind, or looking in the street,

them that asks no questions isn’t told a lie.

Watch the wall, my darling, while the Gentlemen go by!«

RUDYARD KIPLING

Prolog

Die Bilder kamen nachts. Und mit ihnen die Geräusche und der Geruch. Nie würde sie diesen Geruch vergessen. Wurde der Traum erst einmal lebendig, schien der süße, klebrige Geruch überall zu sein. Schien er die Luft zu durchdringen, wie so viele andere Gerüche damals. Nach in der Wärme faulenden Früchten, nach verbrannten Kräutern aus den Straßenküchen oder nach Fisch auf dem Markt, der zu lange in der Verkaufstheke gelegen hatte.

Denn sie waren nahezu das Einzige, woran sie sich erinnerte. Die Gerüche. Und die flüchtigen Gesichter. Ihr Vater und ihre Mutter. Karen-Lis und andere, ihr unbekannte Personen, die miteinander verschmolzen und in neuer Gestalt wieder auftauchten, mit schrägen Augen, hohen Jochbeinen und platten Nasen. Und natürlich Agnes Ling.

Im Traum waren sie zusammen. Sie war fünf und Agnes sechs. Sie waren gleich groß und sahen sich auf gewisse Weise ähnlich mit ihrem dunklen Haar, ihren dünnen Armen und Beinen und ihren ovalen Gesichtern. Punkt, Punkt, Komma, Strich. Sie sah sie beide wie durch die Linse der Schmalfilmkamera, die im Gras zwischen ihnen lag. Sie gehörte ihrem Vater, und sie hatten sie sich ohne Erlaubnis ausgeliehen; besser gesagt, Agnes hatte das. Schnell wie eine Schlange hatte sie sie vom Regal genommen, als sie drinnen im Haus spielten. Sie wollten einen Film machen, verkündete Agnes und hatte sie mit dem Ausdruck angesehn, der sie immer gespannt und unruhig zugleich werden ließ, weil sie wusste, dass es kein Entrinnen gab.

Wie es irgendwo zwischen Traum und Wachzustand passieren kann, gewann das Wissen der Erwachsenen die Oberhand. Sicher, sie sahen sich ähnlich, doch es gab einen Unterschied. Sie spürte ihn, als sie in der Dämmerung im Garten ihrer Eltern saßen und mit Glaskugeln spielten, vergessen von den Erwachsenen und von der Ama, dem chinesischen Kindermädchen, das bestimmt mit dem Koch und dem Gärtner in der Küche saß und Mah-Jongg spielte.

Es waren nicht nur die Augen; Agnes’ schräge Schlitze im Gegensatz zu ihren eigenen weit offenen blauen Löchern. Es war auch nicht die Haut, denn im Licht der untergehenden Sonne schien auch ihre Haut einen gelblichen Schimmer angenommen zu haben. Es war etwas anderes. Etwas, das in die Vergangenheit zurück, aber auch in die Zukunft hineinreichte. Eine Art Bewusstheit über die eigene Bedeutung und die der Familie im großen Zusammenhang. Ein Wissen um die Wichtigkeit der Erinnerung durch die Generationen hindurch.

»Chinesen vergessen nie«, wie Vater immer sagte – und sie war sicher, dass er Recht hatte. Vater hatte immer Recht. Auf ihn konnte man sich verlassen. Er war wie ein großer warmer Punkt mitten in ihrem Leben, in dem das Gefährliche in jeder Ecke lauerte und sich in allen Schatten und im hereinbrechenden Dunkel versteckte. Vater war das Licht, und ohne ihn war alles schwarz. Ohne ihn gab es keine Kit.

Agnes stand auf, sie war der Glaskugeln müde, und Kit folgte ihr. Sie folgte Agnes immer. Das Haus lag in Sai Kung in den New Territories mit Aussicht über Berge und Bucht, und der Garten war ein Paradies aus Blumen und Bäumen, die in der feuchten Wärme gediehen. Ihr Vater hatte das Haus billig von einem Chinesen gekauft, dem es Unglück gebracht hatte. Das hatte er ihnen erzählt, genau wie er ihnen verboten hatte, zu dem Pavillon am Ende des Gartens hinunterzugehen, wo der Chinese auf Anraten eines Feng-Shui-Experten Spiegel an den Mauern angebracht hatte, um die bösen Geister des Hauses fortzulocken. Auch in dem Pavillon wohnte ein böser Geist, sagte ihr Vater immer. Hinter den mit Spiegeln verkleideten Mauern. Dort sollte er bleiben, und niemand durfte ihn hinauslassen, da sonst das Unglück über sie hereinbrechen würde. Kit hatte nie gesehen, dass jemand den Pavillon betrat oder sich ihm auch nur näherte. Nur Vater. Denn Vater wagte alles.

Agnes’ Mutter war Dänin. Die beiden Familien waren Nachbarn, und ihre Väter waren Geschäftspartner. Agnes war nur zur Hälfte Chinesin, aber Kit wusste, dass sie nie etwas vergaß, genau wie Vater gesagt hatte. Wenn jemand ihr etwas versprochen hatte, tat er gut daran, es zu halten, da er sonst ihren Ärger zu spüren bekam und sie lange nicht mit einem sprach. Und auch nicht mit einem spielte.

Agnes zog sie am Ärmel. Gebot ihr zu schweigen, als sie nachgab. »Komm mit. Es ist nicht gefährlich. Wir sagen es nur niemandem. Schwörst du?«

»Ich schwöre«, sagte Kit atemlos vor Spannung und hoffte, dass sie ihr Versprechen halten konnte. Sie wusste nur zu gut, wo die Freundin hin wollte, denn sie hatten darüber gesprochen, und Agnes platzte fast vor Neugier.

Agnes zog sie den ganzen Weg durch den großen Ziergarten der Familie, in dem Obstbäume ihre Arme wie Schatten gen Himmel streckten und Gardenien und Kamelien die Luft mit ihren Düften würzten. Jetzt konnte sie den kleinen Pavillon sehen, der unten am See lag, in dem, wie sie wusste, die Goldfische wohnten und wo es eine Brücke gab, auf der man stehen und sie herumschwimmen sehen konnte. Wenn man sich in die Nähe des bösen Geistes wagte.

Ein schwaches Licht strömte aus den unter dem Pagodendach gelegenen Fenstern des Pavillons. Die Spiegel an der Mauer warfen einen blanken Schein über das Wasser des Sees. Die Fenster standen offen bei der Wärme, sie konnte das Murmeln von Stimmen hören. Ein großer Stein und einige kleinere lagen als Dekoration davor. Agnes stellte sich auf den großen Stein und guckte durch das Fenster. So blieb sie einen Moment lang stehen. Dann führte sie die Kamera zum Auge, und Kit hörte den schnurrenden Laut, als sie zu laufen begann.

Bereits da schien der Duft aus dem Pavillon zu strömen, und Kit spürte eine Angst, die sie bisher nicht gekannt hatte. Als würde jemand einen Arm von drinnen herausstrecken und sie mit einer kalten Hand mit starken Fingern zu erdrosseln versuchen. Und genau da, in dem Augenblick, schwenkte die Kamera zu ihr hin und eine kurze Sekunde stand sie ganz still, starrte in ihr gefühlloses Auge und spürte die sich ausbreitende Kälte.

Agnes stieg von dem Stein hinunter und machte Kit ein Zeichen, dass sie an der Reihe war. Sie schüttelte den Kopf. Sie wollte nicht.

»Angsthase«, meinte Agnes spöttisch. »Komm schon.«

Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen. Wunderte sich jedoch über die Angst und versuchte erfolglos sich zu beruhigen. Es war doch nur ein Pavillon, nichts anderes. Ein Pavillon, in dem Spiegel die letzten Strahlen der Sonne einfingen und aus dem ein süßer, klebriger Duft gemischt mit leisen Stimmen ohne Worte strömte.

Sie machte einen Schritt auf den Stein zu. Schaffte es gerade noch, die Augen zu schließen, als könnte sie sich auf diese Weise schützen.

Agnes puffte sie in die Seite. »So. Guck endlich.«

Sie öffnete die Augen. Es brauchte eine Weile, bis sie sich an das dunkle Licht dort drinnen gewöhnt hatte. Aber dann war alles plötzlich lebendig und klar, und das Herz stand still, dessen war sie sich sicher, als der Anblick sie traf und sich zusammen mit dem Duft einen Weg bis dort hineinschnitt, wo nichts und niemand je zuvor gewesen war.

In dem Moment wusste sie, dass sie es getan hatte.

Sie hatte das Böse entfesselt.

1

»Nun mach schon ein frohes Gesicht. Wir haben schließlich Weihnachten, verdammt noch mal.«

Ihr Vater zeigte auf den Stuhl ihm gegenüber. Kit setzte sich. Dachte, dass ihr nur Block und Plisseerock fehlten, um einer Sekretärin in einem amerikanischen Film zu gleichen. Einer von denen, die effektiv und diskret die Geschicke ihres Chefs lenken, ohne dass er es weiß, und die dafür sorgen, dass Probleme gelöst werden, lange bevor sie auf seinem Tisch landen.

Bei dem Gedanken musste sie beinahe lächeln. Als würde sie auch nur die kleinste Kleinigkeit lenken, wenn es um ihren Vater ging. Als würde sie seine Probleme lösen können. Sie, die nicht einmal mit ihren eigenen zurechtkam. Wie mit dem verdammten Traum, der immer noch irgendwo saß und an ihr nagte. Wie ein Schuh, der drückte.

Der Vater trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte. Eine seiner vielen rastlosen Angewohnheiten. Ständig schien er voller Energie, selbst nach dem Herzanfall, der ihn fast umgebracht hatte.

Er ließ sich nicht so einfach aus dem Weg räumen. Aber sie sah ihm die Müdigkeit an, und das war nicht verwunderlich. Es zermürbte jeden, wenn man im Stich gelassen wurde.

»Was ist los?«, blaffte er wie ein Polizist. »Hat es mit ihm zu tun, mit diesem Typen?«

»Du meinst Henrik.«

Er machte eine ausladende Armbewegung, wie um zu sagen, dass der Name gleichgültig war. Dass er ihn beinahe vergessen hatte. Aber sie kannte ihn besser. Wusste, wie weh es getan hatte, auch ihm.

»Das ist doch schon eine Weile her«, sagte sie abwehrend. »Es geht sehr gut ohne ihn.«

Ihr Vater warf ihr einen zweifelnden Blick zu. Eine Viertelstunde sah sie die Gebrechlichkeit darin, und sie wusste, dass sich der Zweifel nicht nur gegen sie richtete. Er versuchte, es zu verbergen, aber in diesem Blick lag so viel Enttäuschung. Er glaubte nicht, dass man es sehen konnte. Vielleicht war auch nur sie dazu in der Lage. Immer hatte sie seine Stimmung wie ein Seismograph messen können. Besser als ihre Mutter. Auch besser als Karen-Lis.

»Haben wir diese Versicherung bezahlt?«

Sein Ton war geschäftsmäßig geworden. Jetzt war sie nicht mehr die Tochter, die Liebeskummer hatte. Jetzt war sie die Mitarbeiterin, die Befehle auszuführen hatte. Sie war an solch plötzliche Identitätswechsel gewöhnt.

»Der Scheck ist gestern herausgegangen. Carsten hat ihn zur Post gebracht.«

»Carsten«, brummte er. »Gut. Ein bisschen wenig Fantasie, aber okay.«

Sie lächelte in sich hinein. »Wenig Fantasie« war in den Augen ihres Vaters die schlimmste Todsünde, sie kam direkt hinter Autoritätsgläubigkeit und Unwissenheit über die feineren Nuancen des Schachspielens. Das Gegenteil davon waren ein paar der Gründe, warum er Henrik gemocht hatte.

Sein Blick wanderte durch das Zimmer. Sie hatte sein Büro zu Hause heimlich dekoriert. Über dem Fenster hingen ein paar Weihnachtsmänner, im Fenster standen ein Weihnachtsstern und zwei Hyazinthen, und auf dem Tisch thronte ein von ihr selbst entworfenes Gesteck.

Sie öffnete die Schreibtischtür. Holte die Flasche mit dem Portwein und zwei Gläser heraus. Das war ihr Ritual. Immer vor Weihnachten, am letzten Tag in der Firma, saßen sie wie zwei Verschworene zusammen und genehmigten sich einen Drink.

Sein Blick blieb an Karen-Lis’ Bild hängen, das in einem Rahmen auf seinem Tisch stand. Sie wusste, was er nun dachte. Dass es Karen-Lis wäre, die jetzt hier sitzen würde, wäre sie im Lande. Ihm gegenüber, im vertrauten Gespräch. Zumindest so vertraut, wie ein Gespräch sein konnte, wenn man Erik Bennett hieß und tausend andere Dinge im Kopf hatte.

»Ich vermisse sie auch«, sagte sie.

Er zuckte leicht mit den Schultern. »Scheiße. Hauptsache sie ist glücklich, dort wo sie ist«, sagte er ohne Überzeugung.

Sie wünschte, ihn trösten zu können. Ihm die Freude zurückgeben zu können. Sie musste gegen den Drang ankämpfen, ihm die Arme um den Hals zu legen und ihm zu erzählen, dass er doch sie hatte.

Aber das ging nicht. Er wäre nur irritiert und würde sich ihr entziehen. Genauso wie er sie abfertigte, wenn sie ihm von dem Traum erzählte. »Du hast wirklich eine lebhafte Fantasie«, pflegte er zu sagen, und in dieser Verbindung war Fantasie offenbar keine wünschenswerte Eigenschaft. »Vergiss es, lass dich nicht von einem Traum tyrannisieren.«

Aber das tat sie. Sie ließ sich tyrannisieren. Denn sie war keine Karen-Lis und kein Henrik. Sie war Kit. Und die Angst vor etwas, von dem sie nicht wusste, was es war, ging ihr bis ins Mark.

Sie tat ihr Bestes, um zu vergessen. Aber der immer wiederkehrende Traum hatte eine beunruhigende Wirkung auf sie. Brachte sie für ein oder zwei Tage vom Kurs ab. Eigentlich hatte sie geglaubt, dass er verschwunden war. Dass er sich einfach aufgebraucht hatte. Aber er kam wieder, immer wieder. Manchmal nach langen Pausen, wie ein Virus, das im Körper kursierte und mit dem sie nicht fertig wurde.

Nach dem Gespräch mit ihrem Vater ging sie in ihr Atelier, das sie sich im Haus ihrer Großmutter eingerichtet hatte, nachdem sie ihr Studium an den Nagel gehängt hatte, um in der Firma ihres Vaters Geld zu verdienen. Sie nahm die Skulptur, die auf dem Tisch stand, kritisch in Augenschein, griff nach dem Ton und baute langsam die Form des Gesichts auf.

Von da, wo sie stand, konnte sie in den Garten der Großmutter sehen. Merkwürdig, dachte sie. Großmutter war seit fünf Jahren tot, aber der Garten, der das Haus der Familie in Nyborg umgab, war noch immer ihrer. Es hieß Großmutters Haus und Großmutters Garten, obwohl ihre Eltern jetzt alleine hier wohnten, seit sie und Karen-Lis von zu Hause ausgezogen waren.

Kit lächelte ein wenig bitter und musste sich korrigieren. Ausgezogen ist nicht gleich ausgezogen. Sie selbst war, um es kurz anzumerken, im Alter von dreiunddreißig Jahren gerade wieder eingezogen. Nur bis sie ihr Leben wieder im Griff hatte. Bis sie wieder ihren Weg gefunden hatte.

Jetzt konnte sie zumindest in Großmutters Garten sehen, anstatt in den Hof mit dem Spielplatz, auf den man aus Henriks kleiner Wohnung in dem Wohnblock sah. Sie guckte aus dem Fenster. Der Weihnachtssturm hatte sie überrascht und den verwilderten Garten mit seinen durcheinander stehenden Baumstümpfen, wild wachsenden Ästen und Luftwurzeln mit eisigem Regen durchpeitscht. Alles war durchweicht und farblos wie auf einem Schwarzweißfoto. Selbst das Gras hatte sich schlafen gelegt. Im letzten Sommer hatte Henrik es mit dem handbetriebenen Rasenmäher gemäht, der alt war und wie eine Nähmaschine klang. Er hatte auch Großmutters alten blauen VW repariert, der noch immer in der Garage stand und noch immer nach ihr und den Katzen roch.

Das Auto und das Gras. Das waren wohl seine letzten Dienste für die Familie gewesen, bevor er aus ihrem Leben verschwunden war.

Ihre Bewegungen waren schneller geworden. Heftiger. Geduldig ließ sich der Ton klatschen, formen und in die Gestalt ihrer Wut pressen, die bis in ihre Finger gesickert war.

Henrik hatte sie im Stich gelassen. Sowohl sie selbst als auch ihren Vater. Hatte der Familie, die ihn aufgenommen hatte, den Rücken zugekehrt. »Wie ein Sohn«, hatte ihr Vater immer gesagt, bevor Probleme aufgetaucht waren und Henrik sich immer weiter zurückzog. »Er ist für mich wie ein Sohn. Und irgendwann wird er wohl auch mein Schwiegersohn.« Mit zufriedenem Blick hatte er das gesagt. Und sie hatte das Gefühl gehabt, plötzlich zehn Zentimeter in der Sekunde zu wachsen.

Aber es hatte nicht gedauert. Nichts war von Dauer, hatte sie mit der Zeit gelernt. Alle verschwanden früher oder später. Henrik. Karen-Lis. Großmutter. Sie waren nicht mehr hier. Waren nicht mehr Teil ihres Lebens.

Ärgerlich entfernte sie etwas von dem Ton. Es war zu viel. Wirkte falsch. Könnte man nur Gedanken und Gefühle so leicht formen, wie man Ton modellieren konnte. Hier etwas hinzufügen und da etwas wegnehmen, bis das Ergebnis genau passte.

Aber noch konnte sie ihre Gedanken nicht steuern. Und in dem Moment kam der ketzerischste von allen angeflogen und bohrte sich in ihr Gehirn.

Ihr Vater war geschwächt, das war nicht zu übersehen. Die Probleme setzten ihm zu; sowohl Karen-Lis als auch Henrik und bestimmt noch etwas in der Firma, das sich ihrer Kenntnis entzog. Die Enttäuschung in seinem Blick, in seiner gesamten Haltung, war das Schlimmste daran. Das, was zu sehen, am meisten wehtat.

Der Gedanke bohrte sich beharrlich fest. Genau wie die Angst, plötzlich und unerwartet jemanden zu verlieren, Panik hervorpeitschen konnte. Vielleicht war es ein Naturgesetz, dass alle einen früher oder später im Stich ließen. Vielleicht war es Teil des Mensenseins, dass Liebe plötzlich vergehen und verschwinden konnte, sich verändern konnte, wie wenn sie einen Mund oder eine Nase umgestaltete und das vorher bekannte und geliebte Gesicht fremd und beunruhigend wurde.

Sie wollte sich zusammenreißen und glitt dann doch ab ins Selbstmitleid, sie war sich dessen bewusst. Sie wünschte, dass es anders wäre. Dass sie stärker wäre. Aber ihr fehlte die Kraft, und sie wusste nicht, woher sie sie nehmen sollten.

Er schenkte sich noch einen Portwein ein. Das konnte nicht schaden.

Erik stieß heftig den Stuhl zurück. Dachte einen Augenblick an die Jahre in Hongkong und das Büro im St. George-Gebäude. Die Zeiten waren vorbei, als er nur die Beine auf den Tisch schwingen musste und die Welt allein dadurch steuern konnte, dass er aus dem Fenster sah und die Ideen aufmarschieren ließ. Sie einließ, wenn sie Schlange standen. Genau das hatten sie getan. Waren nahezu auf ihn eingestürmt, dass er Schwierigkeiten hatte eine Wahl zu treffen.

Aber das war vorbei. Heute würde er viel für eine einzige brauchbare Idee geben, an wen er sich jetzt wenden sollte.

Er seufzte. Beugte sich mühevoll hinunter und hob das Schachspiel auf. Das elektronische, das Kit ihm geschenkt hatte, als Henrik die Familie verlassen hatte. Weil er ihr Leid getan hatte, das wusste er, und es irritierte ihn. Lieber sollte sie ihre ganze Nervosität über Bord werfen und anfangen, ihr Leben zu leben. Aber so war sie nun einmal, Kit. Kaum zu glauben, dass sie seine Tochter war, aber er liebte sie so sehr. Kit war vorsichtig und nervös veranlagt wie ihre Mutter, hatte jedoch sein dunkles Aussehen. Karen-Lis war es, die sein Draufgängertum geerbt hatte. Seinen Mut. Kit hingegen konnte manchmal Angst vor ihrem eigenen Schatten haben, und für Stress und Druck war sie vollkommen ungeeignet. Aber das hatte er immer gewusst. Und darauf Rücksicht genommen, nicht zu vergessen. Manchmal vielleicht zu sehr.

Er stellte das Spiel auf. Warum auch nicht. Wenn niemand anderer da war, musste man eben gegen einen Computer spielen. Wenn es kein Gesicht gab, auf dem man lesen, keinen Feind, den man studieren konnte, musste man sich mit dem Nächstbesten begnügen.

Das Wort Feind ging ihm im Kopf herum, während er seinen Zug überlegte. Genau das war das Schwierige an dieser verdammten Situation. Der Feind hatte kein Gesicht. Der Feind war feige und versteckte sich hinter der Maske der Anonymität. Genau wie der Computer, weiß Gott.

Er hatte das Spiel ein paar Tage stehen gelassen. Konnte nur ein paar Züge durchführen, bevor es ihn zu langweilen begann. Er musste einräumen, dass er das Gesicht vermisste. Henrik vermisste, warum den Gedanken nicht denken. Aber trotzdem war er nicht wie Kit, die sich im Stich gelassen fühlte und sich in sich selbst zurückzog. Das war nicht seine Art. Wäre da nicht das Alter, hätte er die Schultern gezuckt. Herrgott noch mal, man verliert jemanden, und man gewinnt jemanden. So war das Spiel. Aber das Alter schien ihn zu verändern. Schien ihn auf den verkehrten Weg zu ziehen und weich zu machen. Er musste aufpassen. Bevor er sich versah, würde er womöglich noch seine Sünden bereuen. Gott bewahre! Vor solchen Menschen hatte er nie Respekt gehabt. Man sollte mit den Stiefeln an den Füßen sterben, hatte er immer gesagt. Mit Reue hatte er sich nie abgegeben. Er hatte damit gerechnet, die ganze Strecke durchzuhalten, auch wenn das Alter herannahte. Was es ja rein faktisch bereits getan hatte. Aber er hatte überlebt, als das Herz ihn gewarnt hatte.

Er machte seinen Zug mit einem der Läufer. Trank von dem Portwein und dachte ärgerlich, dass es eigentlich egal war. Nicht wie damals, als er über Kraft und Schnelligkeit verfügte. In Wirklichkeit war das hier nicht er. Es war eine Hülse von ihm, die hier saß und mit einem verdammten Computer Schach spielte.

Eine Weile dachte er über die Reue nach. Vielleicht gab es doch etwas, das er gerne aus dem inneren Strafregister gelöscht hätte. Nur eine einzige Sache. Keine schlechte Bilanz für ein ganzes Leben. Aber es war unmöglich, und er war Manns genug, damit zu leben.

Der Computer piepte und machte seinen Zug. Wie vorauszusehen, bewegte er den Turm auf seinen Läufer zu. Vielleicht hatte er doch eine Chance.

Er richtete sich auf. Noch war nicht alles verloren. Es war lange her, und seitdem hatte er nichts mehr gehört. Lange her, dass die Drohung aufgetaucht war, sein Leben zu zerstören und ihn schachmatt zu setzen. Vielleicht war es jetzt vorbei. Vielleicht war alles nur eine Täuschung, oder vielleicht konnte er sich freikaufen, das war auch eine Möglichkeit. Wenn er den Feind nur sehen könnte.

Er dachte eine Weile nach. Versuchte in die Zukunft zu denken. Drei Züge oder weiter. Aber er war nicht wie in den alten Tagen, vor drei Monaten, als Henrik und er stundenlang vor Zimmermanns antikem chinesischem Schachspiel mit den geschnitzten Figuren aus Elfenbein und Ebenholz sitzen konnten. Damals hatte er geglaubt, auf dem Gesicht seines Gegners lesen zu können.

Nun ja, vielleicht hatte er Henrik beim Schach besiegt. Aber er musste zugeben, dass Henrik zuletzt auf seinem Gesicht besser lesen zu können schien als er auf Henriks. Als wüsste er etwas, das ihm nicht zustand.

Erik Bennett seufzte. Versuchte noch einmal, nach vorn zu schauen. Drei Züge voraus zu sein. Aber vor seiner Nase schien eine Mauer zu stehen. Und hinter der Mauer lauerte der Feind.

Er packte das Spiel zusammen und leerte sein Glas.

2

»Gut siehst du aus, Mutter. Da in dem Licht gleichst du einem Engel.«

Ihre Mutter lächelte. Wehmütig, dachte Kit.

»Einem Weihnachtsengel? Hoffentlich keinem von den fetten.«

Kit schüttelte den Kopf. Suchte nach Worten. »Dem Engel des Lichts«, sagte sie schließlich. »Du siehst aus wie der Engel des Lichts, von Glanz umgeben.«

Es stimmte ja, dass die Sonne an diesem Morgen, an dem Tag nach dem Portweinritual, kurz ins Fenster hineinspähte und eine Art Glorienschein um das honigfarbene Haar ihrer Mutter bildete. Es hatte diese Farbe, so lange Kit zurückdenken konnte. Der Frisör hatte gute Arbeit geleistet, aber darüber sprach man nicht. Gott bewahre, ihre eigenen dunklen Locken wurden ja auch hin und wieder gefärbt. Der vornehmen Gestalt am Fenster konnte sowieso niemand ihre Schönheit nehmen.

»Der Engel des Lichts hat gerade eine fertige Leberpastete im Ofen«, sagte ihre Mutter, während sie die Form aus dem Ofen nahm.

Das vorvorletzte Türchen des selbst gebastelten Adventskalenders war geöffnet worden. Der Kalender hing an der Wand unter der Küchenuhr und erinnerte Kit daran, dass sie heute die restlichen Geschenke kaufen musste. Die Mitarbeiter von Kaliki hatten glücklicherweise immer am letzten Werktag frei. Der Adventskalender war eine Tradition, genau wie das Menü am Vorweihnachtsabend: Roggenbrot mit selbst gemachter Leberpastete und anschließend Milchreis. Auch in diesem Jahr, obwohl die Familie halbiert worden war.

Kit atmete den Duft der Leberpastete ein. Es war der Duft von Weihnachten. Der Duft von Familie.

Sie ließ sich auf der Küchenbank nieder und schenkte sich aus der Thermoskanne einen Morgenkaffee ein. Sie beobachtete ihre Mutter. Hellhäutig, groß und nordisch, in einer Schürze, die eine schöne Taille sichtbar machte. Sie war ihr Stolz, mehr noch als ihre Größe und die Grübchen. Mehr als das mädchenhaft lange Haar. Die Taille, die es mit jeder Taille in einem Brigitte-Bardot-Film hätte aufnehmen können. Karen-Lis hatte das Aussehen ihrer Mutter geerbt, doch ohne die Zartheit ihres Gesichts, dachte Kit, während sie ein Brötchen mit Butter bestrich. Sie wusste, dass ihre Mutter nur ihr zuliebe gelächelt hatte und auf die Bemerkung eingegangen war. Sie konnte es an der Stimme hören und an ihrer Haltung sehen. Ihre Mutter, die sonst immer gut gelaunt und frohen Sinnes war. Sie hatte die Traurigkeit nicht verdient, die in ihren Blick gekrochen war und die Kits Wut wieder unkontrolliert hochkommen ließ.

»Das kann sie doch nicht machen.«

Sie sah die Schultern ihrer Mutter, die sich verkrampften, als wäre die Kritik gegen sie gerichtet.

»Dieses eine Mal im Jahr«, fuhr Kit fort. »Ich könnte es ja verstehen, wenn sie Mann und Kinder und kein Geld hätte. Aber sie ist ungebunden. Sie verdient gut. Und dann hat sie keine Zeit, an Weihnachten ihre Familie zu besuchen?«

Ihre Mutter antwortete nicht. Was sollte sie auch sagen? Dass sie enttäuscht war; dass sie alle drei enttäuscht waren, brauchte nicht erwähnt zu werden. Dass Karen-Lis einen triftigen Grund hatte in Afrika zu bleiben. Bullshit! Sie hatte nur eine bequeme Entschuldigung.

Kit hörte die Schritte ihres Vaters an der Tür. »Was ist denn hier los? Jetzt kommen wir aber in Weihnachtsstimmung.« Er steuerte direkt auf die fertige Leberpastete zu, stieß eine daneben liegende Gabel hinein und kostete. »Nicht zu übertreffen«, lautete sein Urteil.

Es war fast nicht auszuhalten. Diese ganze gekünstelte gute Laune. Warum konnten sie es nicht einfach zugeben? Warum sagte es niemand laut? Dass sie Karen-Lis gleichgültig waren. Dass ihr nichts mehr an ihnen lag. Dass sie in ihrer Welt voll spannender exotischer Existenzen keinen Platz mehr hatten. In einem Anfall von Güte wollte sie Weihnachten in einem Kinderheim für AIDS-kranke Kinder in Simbabwe feiern, was natürlich edel war. Dagegen konnte man schließlich nichts sagen, und bestimmt hatte sie sich gerade deshalb dafür entschieden. Weil sie wusste, dass jegliche Kritik höchst unpassend, typisch verzogen und sich auf westliche Art selbst bemitleidend klingen würde. Kit konnte nur schlecht glauben, dass Karen-Lis etwas Wohltätiges tat, nur um es zu tun. Dafür kannte sie ihre Schwester zu gut.

Jetzt standen sie am Fenster, alle beide. Ihre Eltern. Dicht beieinander und trotzdem mit dieser verdammten Distanz, die man nahezu fassen konnte. Alle Frustrationen schienen sich zwischen sie gedrängt und sie einander entfremdet zu haben.

»Was ist mit dem Weihnachtsbaum?«, fragte sie verzweifelt und bereute ihre harten Worte von eben. »Wir werden doch trotzdem einen haben?«

»Wir fahren morgen Vormittag nach Holkenhavn hinaus«, teilte ihr Vater mit. »Du und ich, mit dem Trailer.«

»Können wir ihn dieses Jahr nicht für uns schlagen lassen?«

Es gelang ihm, verletzt auszusehen. »Dann ist es doch kein richtiges Weihnachten, nicht?«

Das würde es auch so nicht sein, doch diesmal sagte sie nichts. Nur sie drei. Keine Großmutter und keine Karen-Lis. Kein Henrik wie im letzten Jahr. Drei Menschen, die sich jeder für sich nach etwas Ganzem sehnten. Das einzige Ganze, das sie hatten, war eine Gans, die zu groß für sie war.

»Okay, dann schlagen wir einen«, sagte sie.

Während sie eine Weile um den Tisch herum saßen und sich unterhielten, gingen ihre Gedanken wie so oft in der letzten Zeit auf Wanderschaft. Sie wünschte, dass sie sie anhalten könnte. Die Erinnerung an Henrik blockieren könnte, an seine Nähe. Aber ihr Körper schien ein von ihr unabhängiger Teil geworden zu sein. Er rottete sich mit dem kleinen Teil des Gehirns zusammen, den sie nicht kontrollieren konnte, und beschwor ihn in Szenen aus den fünf Jahren herauf, die sie zusammen gewesen waren.

Fünf Jahre. Das klang nach einer langen Zeit, aber sie waren nie so weit gekommen, dass es angefangen hatte, sich so anzufühlen. Vielleicht war es ihr deshalb immer noch ein Rätsel, warum sie plötzlich an einem Punkt gelandet waren, an dem es kein Zurück mehr gegeben hatte. Aber wahrscheinlich sah nur sie das so. Für Henrik war es bestimmt anders. Für Henrik war es überlegter, denn Henrik tat selten etwas Unüberlegtes und etwas, das er nicht durchdacht hatte.

Bei dem Gedanken, dass er den Bruch mit seiner üblichen Gründlichkeit und Ehrlichkeit durchdacht hatte, fröstelte sie. Henrik, dem sie doch immer die Rolle dessen zugeteilt hatte, der ihrem Leben eine tiefere Bedeutung geben sollte. Henrik, den sie vom ersten Augenblick an zu ihrer eigenen großen Verwunderung wie einen Magneten erlebt hatte; der erste Mann, der sie irgendwie dazu hatte bringen können, alles andere zu vergessen. Selbst die Familie. Hätte er ihr nur etwas mehr Zeit gelassen. Hätte er nur etwas mehr Geduld gehabt, dann wäre es ihr vielleicht möglich gewesen, sich gemeinsam mit ihm in ein ganz neues Leben aufzumachen. Doch er hatte alles, was sie in ihrem Gepäck hatte, ignoriert. Inklusive des Traums und der Angst.

Ihre Mutter stellte Tee und selbst gebackene Kekse auf den Tisch. Pfeffernüsse, Lebkuchen und Spekulatius. Sie trank aus ihrer Tasse, während ihre Eltern freundlich diskutierten, was sie im Frühjahr mit Großmutters Garten machen sollten. Der Klang ihrer Stimmen war wie eine vertraute und sichere Tapete, ein unveränderbarer Hintergrund in ihrem Dasein. Kit verspürte den Drang, in den Kokon der Familie zu kriechen und sich zu verstecken; Zuflucht zu suchen vor einer Welt, die sie nicht ganz verstand.

Henrik hatte sich von ihr befreit. Das war es doch, worauf die ganze Übung, sich voneinander zu trennen, hinauslief, das wusste sie sehr wohl. Die Freiheit, er selbst zu sein und einen Partner zu finden, der ihn vielleicht nicht ganz so sehr brauchte. Ihn nicht auf die gleiche Weise auslaugte.

Wie immer schwankte sie zwischen Akzeptanz und Wut. Sie war nicht wie andere Mädchen, und das wusste er genau. Man war so, wie man war, davon war sie nun einmal überzeugt, und man konnte sich nicht einfach umformen, um zu passen. Sie war eine Einzelgängerin. Eine, die sich an einen oder zwei Menschen band. Sie hatte nie viele Freundinnen gehabt. Wenn sie angestrengt nachdachte, kam sie auf drei oder vier, die ihr etwas bedeutet hatten. Zwei wohnten jetzt in Aarhus und sie sah sie selten. Eine Schulfreundin aus der Grundschulzeit, Bibbie, wohnte mit Sicherheit in Nyborg, aber der Kontakt war längst eingeschlafen.

Sie hing sehr an ihrer Familie, und darüber hinaus war sie das, was sie als Einmannfrau bezeichnete. Aber sie wünschte, dass es anders wäre. Dann wäre der Verlust vielleicht nicht so groß, wenn er eintrat.

Und er war eingetreten. Weil sie sich gedrängt gefühlt hatte, etwas zu sein, das sie nicht war. Jedenfalls noch nicht.

Es schellte an der Tür.

»Das ist bestimmt die Post«, sagte ihr Vater und ging hinaus. »Die letzten Weihnachtsgrüße«, murmelte er, bevor er die Tür hinter sich schloss.

Kit blieb in der Küche und half ihrer Mutter, den Tisch abzuräumen. Sie hörten Stimmen aus dem Gang. Sie wusste, dass ihr Vater zu Weihnachten immer ein Glas Portwein und Plätzchen anbot. Der Postbote begnügte sich bestimmt mit Plätzchen, während ihr Vater einen Portwein trank.

Wieder dachte sie an Henrik. Fragte sich, was sie eigentlich miteinander geteilt hatten, da es ihr so verdammt schwer fiel, ohne ihn auszukommen. Es hatte andere Männer in ihrem Leben gegeben, aber es brachte nichts, Vergleiche anzustellen. Vielleicht weil Henrik anders und mehr als ein Freund war. Sie waren wie zwei Puzzleteile gewesen. Das Gefühl, zusammenzugehören. Zum Schluss natürlich nicht mehr, korrigierte sie sich. Zum Schluss war da der Schatten, der in ihr Leben gekommen war und plötzlich immer größer wurde. Auch größer als die Liebe, obwohl sie das nicht für möglich gehalten hatte.

Sie starrte in ihre Teetasse. Einen Moment hatte sie das Gefühl, ihn dort auf dem Grund zu sehen. Seinen ruhigen Blick, der ihrem begegnete. Wie er ihm beim allerersten Mal begegnet war, als sie das Gefühl gehabt hatte, dass er sie vor dem Ertrinken rettete.

Die Verbundenheit schien sich noch immer in diesem Blick zu finden. Schien sie zur Ruhe zu ermahnen und sie tiefer und leichter atmen zu lassen. Und in diesem Augenblick wusste sie, dass er noch immer da war, wenn sie ihn brauchte. Dass er kommen würde, wenn sie seinen Namen aussprach.

»Was wohl da draußen los ist?«

Die Stimme ihrer Mutter erreichte sie vom Spülbecken her, wo sie stand und den Küchentisch abwischte.

»Keine Ahnung.«

Im Gang war es still geworden. Wenn es Geschäftsbriefe waren, würde ihr Vater mit ihnen ins Büro gehen, bevor er mit der Weihnachtspost wieder in die Küche kam. Zu Weihnachten bekamen sie immer sehr viel Post. Viele Karten von befreundeten Geschäftsleuten, aber auch von Freunden und Bekannten aus der Zeit in Hongkong. Einige lebten immer noch dort, aber viele Dänen waren nach Hause zurückgegangen, nachdem sie mehrere Jahre für Maersk oder die Ostasiatische Gesellschaft oder andere dänische Firmen gearbeitet hatten. Sie hielten den Kontakt und trafen sich jedes Jahr im Januar zu einem Essen.

Sie hörten, wie sich die Tür zum Büro ihres Vaters schloss.

Kit dachte kurz, dass das merkwürdig war. Vielleicht war es etwas Wichtiges.

Eigentlich wusste sie nicht, warum sie lauschte. Es war, als würde sie auf eine Erklärung warten. Als wüsste ein Teil von ihr, dass etwas nicht stimmte.

Dann hörte sie etwas umfallen. Etwas Schweres. Gefolgt von einem Klirren.

Das Gesicht ihrer Mutter drehte sich von der Sonne weg. Kit sah, dass auch sie Angst hatte. Dass die Angst vielleicht die ganze Zeit da gewesen war.

»Erik!«

Ihre Mutter stürzte hinaus, und Kit folgte ihr.

Er lag halb unter dem Regal begraben. Seltsam verrenkt. Um ihn herum lagen Kleinigkeiten verteilt sowie einige Jahrbücher aus Hongkong, die aus dem Regal gefallen waren. Auch ein Bild von Karen-Lis war heruntergefallen.

Kit hielt den Atem an, damit der Schrei nicht entweichen konnte.

Verstand nicht, wie die Welt noch stehen konnte, wenn ihr Vater hier lag und ihre Mutter in einem lautlosen Jammern zusammengebrochen war.

Dann kniete sie sich hin und tastete nach seinem Puls.

3

Der Teufel musste Lego erfunden haben!

Henrik beobachtete seine großen Pranken, die vergebens versuchten, die Ritterlanze in der Hand der Figur festzuklemmen. Diese Hände waren nicht für eine solche Kleinarbeit geschaffen, konnte er gerade noch denken, bevor sein Neffe die Geduld verlor.

»Ich kann das selbst.«

Mit einem irritierten Seufzer gab er nach, und Victors fünfjährige Kinderfinger hatten die Situation schnell unter Kontrolle. Mit einem Ausdruck des Triumphs richtete er Helm und Visier des Ritters, klemmte ihn auf dem weißen Pferd fest und stellte die Equipage auf den Tisch neben die Schachtel mit dem Vorweihnachtsgeschenk, das sein Onkel ihm gerade mitgebracht hatte.

»So!«

»So!«, wiederholte Henrik wie ein Echo. Er wusste ja genau, dass es wie auf dem Bild aussehen musste, sonst war es nicht richtig. Viktor richtet leicht, fast symbolisch die Lanze, wie ein Frisör das Haar eines Kunden richtet, das sich wieder in die alte Form gelegt hat. Perfekt. Da standen sie Seite an Seite wie zwei Spiegelbilder. Zwei Ritter auf weißen Pferden, mit zwei Lanzen und zwei Schwertern und zwei Helmen mit Visier und wehenden Federn. In genau der gleichen Stellung, mit erhobener Lanze und dem Schwert dicht am Körper. »Der Ritter auf dem weißen Pferd«, murmelte Henrik und wusste, dass etwas an dem Ausdruck falsch war. Aber er konnte sich nicht erinnern was. Einen Augenblick ertappte er sich bei dem Wunsch, in der Zeit geboren zu sein, wo Muskelkraft, Schwerter und Lanzen über Streitigkeiten und Liebe entschieden. Dort hätte er bestimmt besser hineingepasst. Zumindest hätte er seinen Körper für etwas Seriöses einsetzen können wie zum Beispiel bedrohte Frauen retten und ihre Unschuld verteidigen, anstatt Fußball in der Old-Boys-Liga des Nyborg IF zu spielen und als Statist bei den jährlichen Stadtwallspielen mitzuwirken. Letzteres jedoch mehr um der Kameradschaft willen.

Das Telefon schellte, während er in seiner Fantasie noch immer mit Rüstung und Waffen auf seinem Pferd saß und sich wie der Turm in einem Schachspiel fühlte. Einen Moment dachte er an Kits Vater und das Zimmermann-Schachspiel mit seinen als Ritter und Könige und Knechte gestalteten Figuren. Das letzte Spiel hatten sie nie beendet. Vielleicht standen die Figuren noch immer da, fest gefroren wie auf einem toten Schirmbild.

Victor stürmte davon, bevor Henrik auch nur die Rüstung abwerfen und sich aus der Tiefe des Sofas erheben konnte. Kaum vorstellbar, dass man selbst einmal so ein kleiner Quirl war. Victor sollte nur wissen, wie schnell man plötzlich einen Meter neunundachtzig groß und neunzig Kilo schwer werden konnte, ohne deshalb sehr viel klüger zu werden.

»Kit, Kit«, jubelte der Neffe in den Telefonhörer. »Ich habe einen Ritter bekommen.«

Zu seiner eigenen Überraschung kam er dennoch so schnell auf die Beine, als würde der Sitz plötzlich unter ihm brennen.

»Willst du mit ihm sprechen?«, fragte der Neffe, jetzt geschäftsmäßiger. Kit hatte offenbar nicht das große Interesse für seinen Ritter bekundet.

Henrik nahm den Hörer. »Ja?«

»Henrik. Entschuldige, dass ich störe ...

Es war drei Monate her, seit er ihre Stimme gehört hatte, und sie hatte sich bereits verändert. Früher war sie eine lustige Mischung aus melodischem Fünisch in Moll und immer mit einer seltsamen Heiserkeit, die von zu vielen Zigaretten kam und von mehr Halsinfektionen als bei irgendjemand sonst, den er kannte. Plus einem Teil eingebildeter.

Jetzt klang die Stimme schrill, an der Grenze zur Panik. »Deine Mutter sagte, du wärst bei Janne.«

»Als Babysitter«, erklärte er und verfluchte die hilfsbereiten Mütter der Welt.

»Es geht um Vater ...«

Er konnte hören, dass sie den Tränen nahe war. Spürte, wie sein eigener Puls zu hämmern begann. »Ist es das Herz?«

»Wir haben ihn heute Morgen im Büro gefunden. Er liegt auf der Intensivstation in Odense ... Wir sind bei ihm ...«

Sie brachte es nicht über sich zu fragen, merkte er.

»Ich muss warten, bis sie nach Hause kommen. Sie machen Weihnachtseinkäufe«, sagte er. »Ich komme, sobald sie hier sind.«

Es entstand eine Pause. Dann redete diese fremde Kit-Stimme, die jetzt etwas zur Ruhe gekommen war, weiter.

»Du musst entschuldigen. Aber ich dachte ...« Sie zögerte.

»Ja?«

»Du kennst das doch. Von deinem Vater«, fuhr die Stimme nachdenklich fort und klang einen Augenblick völlig normal. »Du weißt, wie das ist. Wie es ist, dazustehen und nicht zu wissen, was man machen soll und ...«

Jetzt riss der Faden, merkte er und er wollte etwas Beruhigendes sagen. Aber sie war schneller und erzählte ihm die Wahrheit, die er bereits kannte.

»Es gibt sonst niemanden, den ich hätte anrufen können.«

Wenigstens war sie ehrlich. »Ist schon okay. Keine Panik.«

»Keine Panik«, wiederholte Kit panisch. Er konnte sie vor sich sehen, wie sie klein und dunkel dort in dem weißen Krankenhaus stand, ihre nervös flatternden Hände und ihre Augen, die überall Tod und Krankheit sahen. Eine kleine Gestalt in einer allzu großen Welt.

»Du hörst nicht zu. Das hier ist Darth Vader, der Böse. Der hier heißt Obi-Wan Kenobi, und er ist der Gute.«

Viktor war über seinen Mangel an Konzentration deutlich verärgert. Aber Henriks Gedanken gingen auf Wanderschaft, während er mit einem Rest von Aufmerksamkeit versuchte, seinen Onkelpflichten nachzukommen. Sonst hatte er damit keine Probleme, aber es passierte auch nicht jeden Tag, dass einen seine Exfreundin anrief. Er konnte noch immer ihre Stimme in seinem Ohr hören. Er hatte diese Stimme geliebt und sie beinahe gehasst. Diese Stimme, die in Tonlage und Ausdruck schwingen konnte wie Kit selbst. Ganz tief im Keller oder oben in den Wolken, je nachdem wer oder was das Gleichgewicht ihres Gemüts beeinflusst hatte. Sie war etwas für Fortgeschrittene, daran bestand kein Zweifel. Die ganze Familie war etwas für Fortgeschrittene.

Er versuchte erfolglos, interessiert auszusehen, während Victor ihn in Star Wars einführte. Stellte zu seiner Irritation fest, wie seine gesamte sorgfältig aufgebaute Erik-Bennett-Verteidigung in sich zusammenzubrechen begann.

Nach drei Monaten war die Familie Bennett ganz langsam aus seinem System verschwunden, und er hatte die Erleichterung zu fühlen begonnen, die er als Tausch für den Bruch bekommen hatte. Mit Kit, wie auch mit der ganzen Familie, denn sie traten als Paket auf, hatte er herausgefunden. »Nehmen Sie vier für Neunfünfzig«, hätte genauso gut auf der gesammelten Familienpackung stehen können.

»wenn ich auf den Knopf drücke, kämpfen sie. Hörst du das nicht?«, fragte Victor und ließ die beiden Star-Wars-Puppen Kampflaute ausstoßen und ihre Schwerter gegeneinander schwingen.

»Und wer gewinnt?«

Der Neffe sah ihn ärgerlich an. »Natürlich Obi-Wan Kenobi. Er ist doch der Gute.«

»Und die Guten gewinnen immer?«

Einen Moment sah Victor verwirrt aus. Henrik vermutete, dass er überlegte, was passieren würde, falls der Böse gewinnen würde. Aber das konnte er sich offenbar nicht vorstellen, denn er sagte voller Überzeugung: »Das weißt du doch genau.«

Henrik nickte. Natürlich wusste er das. Genauso wie er wusste, dass man gut und böse leicht ausmachen konnte, wenn man fünf Jahre alt war. Die ganze Welt war einfach in gut und böse unterteilt, dachte er und wünschte sich, dass es mit Vierunddreißig noch genauso leicht wäre.

Sobald Janne und Christian kamen, fuhr er nach Odense. Der weiße Volvo Amazon schnurrte gleichmäßig und beruhigend vor sich hin. Er genoss die Einfachheit des Autos, das wie ein unkomplizierter alter Freund für ihn war. Keine verborgenen Tagesordnungen und keine böswilligen Unterstellungen; keine Intrigen, immer direkt, keine Computertechnik, keine Tücken und kein übersensibler neumodischer Motor, der es nicht mochte, wenn sich eine Fliege auf ihn setzte. Immer und immer wieder hatte er sich – mit Kits Stimme – gesagt, dass man für ein Auto keine Gefühle hegen konnte. Und immer und immer wieder war seine Vernunft vom Gegenteil überzeugt worden. Der Volvo gab ihm eine Freude, die er ohne weiteres mit gutem und unkompliziertem Sex vergleichen konnte. Ein ketzerischer Gedanke, den er natürlich für sich behielt.

Während der Fahrt drängten sich ihm Erinnerungen auf. Ohne es wirklich zu wollen, fiel ihm ihr erstes Treffen auf einer Silvesterparty bei seinem Freund Carsten ein. Sie waren zusammen zur Schule gegangen, Carsten und er. Carsten hatte den gleichen Weg eingeschlagen, Handelsschule und anschließend eine Anstellung bei Kaliki bei Kits Vater, der Textilien herstellte und in alle möglichen Länder exportierte. Er selbst war zu diesem Zeitpunkt unentschlossen, was das Leben anging. Wie er es immer gewesen war, seit sein Vater die Familie verlassen hatte, als er zwölf war. Clever, aber unentschlossen, wie seine Mutter es ausdrückte. Das Einzige, wofür er sich im Alter von neunundzwanzig interessierte, waren Autos und Schach. In der genannten Reihenfolge. Sein Geld verdiente er als Springer, nachdem er drei Viertel eines Lehrerstudiums absolviert hatte. Keine besonders feine Personalakte. Aber ihm war das gleichgültig.

Er hatte bereits von Erik Bennett gehört. Hatte auch von der Tochter gehört. Und als er sie Silvester traf, war es mit seinem erstrebten Status als Junggeselle vorbei.

Der Weihnachtsverkehr war entnervend. Während er sich zwischen Autos hindurchschlängelte, die voll gepackt waren mit unleidlichen Jugendlichen und riskant im Rückfenster gestapelten Paketen, erinnerte er sich an das Ziehen im Bauch, als er an jenem Abend mit ihr getanzt hatte.

Sie war eigentlich nicht sein Typ. So klein und dunkel und zierlich, dass man sie beinahe in die Tasche stecken konnte. Mit dieser verdammten Verletzlichkeit, die sich für ihn als lebensgefährlich erweisen sollte.

Und das ihm, der geglaubt hatte, er stünde auf Blondinen, die gut aussahen und ansonsten für sich selbst sorgten wie der Kaktus, der ihn seit seinen Studententagen begleitete.

Dankbar für das kleinste bisschen Aufmerksamkeit. Aber so war Kit natürlich nicht. Sie war eine sensible Mimose, wie seine Mutter es freundlich ausgedrückt hatte. Er selbst hatte keine Ahnung, wie eine Mimose aussah, aber er stellte sich vor, dass sie genauso unberechenbar war wie der Motor eines Alfa Romeo. So war Kit. Sie gehörte zu der Sorte, auf die man Acht geben musste.

Die Manöver durch den heillosen Weihnachtsverkehr brachten ihn ins Schwitzen.

Kit selbst hielt sich für durchschnittlich, aber alles war ja relativ. Dafür hatte sie keine Zweifel daran, dass ihr Vater das achte Weltwunder war. Die hatte er auch nicht, als er Erik Bennett traf, dessen erste Frage zu seiner Freude war: »Spielen Sie Schach?«

Denn das tat er. Fast ebenso passioniert wie Kits Vater.

Nach zwei weiteren Monaten war der Springer nur noch Geschichte und das Fahrrad gegen ein Firmenauto ausgewechselt. Seine Karriere als unorthodoxer Verkäufer bei Kaliki hatte begonnen.

Die Leute glotzten dem Amazon hinterher. Einige lachten. Andere beobachteten ihn mit Bewunderung, während er davontuckerte.

Er musste versuchen, seine Gedanken zu ordnen. Sich auf das Treffen vorbereiten. Das war natürlich schwer, und einen Moment überlegte er, ob sie bei ihrem Anruf vielleicht noch einen Hintergedanken gehabt und nicht nur außer sich gewesen war und seine Unterstützung gebraucht hatte. Aber eigentlich glaubte er das nicht, denn Kit handelte meistens impulsiv. Und es stimmte, dass er durch seinen eigenen Vater Erfahrung mit so einer Situation hatte.

Er erinnerte sich nicht gerne, weder an die Wochen im Krankenhaus noch an seine Kindheit. Er hatte seinen Vater nicht so geliebt wie Kit ihren. Aber er war zur Stelle gewesen, wie es von einem Sohn erwartet wurde. Und er hatte alles mitbekommen.

Er seufzte. Sicher konnte er helfen und ihr zur Seite stehen, was mehr als nötig sein würde. Aber er musste vorsichtig sein, denn er lebte jetzt sein eigenes Leben. Es gab Mette, mit der alles so neu war und gerade anfing, richtig gut zu werden. Mette mit den runden Formen und dem blonden Haar. Sie glich einer Fee und war letztendlich vielleicht der Kaktus, nach dem er gesucht hatte.

Kit stand draußen und rauchte. Er erkannte sie von weitem. Die ruckartigen Bewegungen, das heftige Ziehen an der Zigarette und das unablässige Schwingen des Haars von einer Seite zur anderen, als wäre sie eine entlaufene Verbrecherin, die darauf wartete, aufgegriffen zu werden. Als er parkte, sah er im Spiegel, dass sie die Zigarette schnell an der Mauer ausdrückte und sich nach einem Papierkorb umsah.

»Mutter ist drinnen«, begrüßte sie ihn, bevor er sie auch nur umarmen konnte, was vielleicht auch eine schlechte Idee war. »Alles ist so chaotisch ...«

Ihr Blick begegnete seinem. Sie hatte die Augen ihres Vaters, tief schürfend und beunruhigend in bodenlosem Blau. Aber mit einer Verletzlichkeit, die Erik Bennett bestimmt nie gekannt hatte.

Er spürte bereits die innere Unruhe, und da klammerte sie sich auch schon an ihn, wie immer.

»Er ist bewusstlos. Aber sie rechnen damit ...« Ihre Stimme brach mitten im Satz ab. Sie schluckte etwas Luft und begann noch einmal. »Sie rechnen damit, dass er irgendwann aufwacht.«

Er war nicht gut in so was. Überlegte nur, ob er den Arm um sie legen sollte. Aber bei Kit musste man vorsichtig sein und außerdem musste er auf sich selbst Acht geben. »Was ist mit Karen-Lis«, fragte er. »Kommt sie?«

Kit schüttelte den Kopf. »Wir erreichen sie nicht. Weder per Telefon noch per Fax oder E-Mail.« Sie sah ihn wütend an. »Sehr nützlich die Technik, wenn sie nicht funktioniert.«

Er lächelte. Eigentlich nur, weil das gewöhnlich eine gute Wirkung hatte. Sie lächelte zurück.

»Ich weiß, dass das Scheiße war. Einfach so anzurufen.« Sie suchte seinen Blick. Saugte sich in ihm fest. »Aber wir haben beide eine Verantwortung«, fügte sie hinzu, und er wusste, was kommen würde. »Nach all dem, was passiert ist. Mit uns beiden. Mit Karen-Lis.«

Ihr Blick sah sich interessiert suchend auf dem Parkplatz um. »Das alles hat bestimmt eine Rolle gespielt«, sagte sie vage.

Er hätte so viel sagen können. Hätte sie fragen können, warum sie ihn angerufen hatte, wenn sie doch der Meinung war, dass alles seine Schuld war. Er hätte, was das anging, auch einfach beleidigt kehrtmachen können. Aber sie konnte nichts dafür. Und vielleicht hatte sie ja auch ein klein bisschen Recht, meldete sich irgendwo in ihm eine schwache Stimme.

Vielleicht hatte er seinen Teil dazu beigetragen. Er hatte schließlich nicht nur eine Freundin, sondern eine ganze Familie verlassen. Und seine Stellung als Kronprinz aufgekündigt.

Er seufzte in der Winterluft, die feucht und klamm war. Merkte, wie er gegen seinen Willen wieder in den Topf hineingezogen wurde, hinein in den schwer verdaulichen Familientopf aus Heimlichkeiten und Liebe und seltsam widerstreitenden, in verschiedene Richtungen strebenden Gefühlen. Insgesamt etwas, das über seinen Verstand hinausging, den er ansonsten als gut funktionierend bezeichnet hätte.

»Ihr müsst Karen-Lis erreichen«, versuchte er die Dinge praktisch anzugehen. »Habt ihr es mit einem altmodischen Telegramm versucht?«

4

Noch nie in ihrem Leben war sie so entsetzt gewesen.

Es war anders als letztes Mal. Da hatte ihr Vater nicht das Bewusstsein verloren, es war ihm lediglich schlecht gegangen, und sie hatten den Notarzt rufen können, als sie sahen, dass es wirklich nicht gut um ihn stand.

Diesmal war es anders. Nicht nur weil er dagelegen hatte, als hätte er sie bereits verlassen. Nicht nur weil sein Puls so schwach war, dass sie ihn fast nicht hatte finden können. Sondern weil es auf eine merkwürdige Weise wie die Verlängerung ihres Traums war. Als stünde sie plötzlich wieder bei der mit Spiegeln verkleideten Wand des Pavillons. Als hätte ein böser Geist sie den ganzen Weg von Hongkong hierher verfolgt.

Und während sie neben der Gestalt in dem Bett saß, wo Schläuche und Instrumente tropften und leise piepten, dachte sie, dass sie das Schlimmste jetzt erlebt hatte. Es war wie ein bizarrer Trost in dem Ganzen. Hier wurde Wirklichkeit, wovor sie sich immer gefürchtet hatte. Oder zumindest ein Teil davon. Und sie war noch da, konnte noch immer Arme und Beine spüren. Also waren die Krankheit ihres Vaters und die direkte Todesgefahr doch nicht unmittelbar mit ihrem Leben verbunden. Sie würde leben, und er würde sterben. Vielleicht nicht jetzt, aber irgendwann.

Zum ersten Mal in ihrem Leben spürte sie, dass sie den Abschied überleben konnte. Zwar nur mit knapper Not und nur wenn sie etwas anderes hatte, woran sie sich klammern konnte.

Sie saßen einander gegenüber, Henrik und sie. Jeder auf einer Seite des Bettes. Der Arzt hatte gesagt, dass ihr Vater jetzt stabil war. Ihre Mutter war auf den Gang hinausgegangen.

»Stabil«, flüsterte Kit. »Wie kann er stabil sein, wenn er bewusstlos ist? Was ist daran stabil?«

Ob er je wieder aufwachen würde? Sollte sie nie mehr mit ihrem Vater reden können? Mit ihm zusammen lachen? Sich über seine Geschichten aus der Zeit in Hongkong wundern; seinen Mut und seinen Einfallsreichtum bewundern? Sollte sie nie mehr spüren, wie ansteckend seine Lebenskraft war, sodass ihr die Welt plötzlich hell und leicht zu meistern vorkam?

»Stabil ist ein gutes Zeichen«, versprach Henrik, seine Stimme hatte die Autorität eines Arztes. »Das ist der erste Schritt.«

Die Angst schien geringer zu werden. Wie immer, wenn Henrik da war. Sie kannte niemanden, der sie so beruhigen konnte wie er, und da war sie nicht die Einzige. Kindern und Hunden und Schwiegermüttern ging es nicht anders. Schon allein Henriks besonnene und Klartext redende Stimme und seine körperliche Präsenz schienen die Gemüter zu beruhigen. Konnte ihr Vater einem Lebensfreude und Mut einflößen, so flößte Henrik einem Ruhe ein. Doch diese beiden Männer in ihrem Leben waren plötzlich und auf unerklärliche Weise nicht mehr miteinander vereinbar. Henrik gehörte ihr nicht länger. Gehörte ihnen nicht länger.

»Du musst entschuldigen«, sagte sie noch einmal. »Ich hätte dich nicht anrufen sollen.«

Er schüttelte den Kopf. »Das ist okay.«

»Du hast jetzt dein eigenes Leben.«

»Das hatte ich vorher auch. Du hast es nur nicht gewusst.«

Volltreffer. Vielleicht gab es viel, das sie nicht gewusst hatte. Aber sie wollte nicht daran denken. Vorbei war vorbei. In den vergangenen drei Monaten hatte sie gelernt, ohne seine Ruhe zu leben. Wieder spürte sie diese unkontrollierbare Wut. Hätten sie es nicht versuchen können? Hätte er das nicht? Sieh nur, was dabei herausgekommen ist, rief es kindisch in ihr. Aber sie wusste genau, dass dieser Gedanke ungerecht war.

»Und das auch noch kurz vor Weihnachten«, sagte sie bar jeder Logik.

»Weihnachten ist es besonders schwer, wenn so etwas passiert«, sagte er, als hätte er Erfahrung mit solchen Dingen.

Sie sah auf ihre Uhr. Es war acht Uhr abends. »Jetzt ist es zu spät, um noch Weihnachtsgeschenke zu kaufen.«

Er sagte nichts. Und sie erinnerte sich, wie oft es vorgekommen war, dass er nichts gesagt hatte und sie hatte reden lassen. Anschließend hatte sie sich immer ein bisschen ausgeliefert gefühlt, aber auch erleichtert.

»Ich habe die meisten Geschenke schon«, sagte sie fahrig. »Ich habe Karen-Lis etwas geschickt und für Vater und Mutter etwas gekauft. Wir sind ja nicht so viele. Aber man muss aufeinander Acht geben, wenn man nur noch zu wenigen ist und die Menschen aus dem eigenen Leben verschwinden.«

Es war nicht beabsichtigt, dass ihre Stimme vor Panik wieder schrill wurde. Vielleicht war es auch nicht beabsichtigt, dass er hier sitzen sollte. Vielleicht wäre sie ohne ihn zurechtgekommen.

Doch allein der Gedanke genügte, um das Blut durch den Körper zu jagen, sodass sie Atembeschwerden bekam und nach Luft rang. Verdammtes Asthma. Wo kam es her? Im Krankenhaus gab es weder Katzen noch Gras. Sie suchte in der Tasche nach dem Inhalator und inhalierte, als gelte es das Leben. Was es so gesehen ja auch tat.

Er stand auf und ging rund um das Bett und zog einen Stuhl neben ihren. Seine großen Hände schlossen sich um ihre wie eine Muschel. »Du hast Recht. Man muss aufeinander Acht geben, und das tut ihr ja auch in eurer Familie genau wie wir in meiner«, tröstete er. »Die, die noch übrig sind«, fügte er hinzu.

»Man trägt einfach diese Verantwortung«, schniefte sie und wusste, dass sie wie ein quengeliges Kind klang. »Eine große Verantwortung.«

Sie spürte seinen Arm, der sich um ihre Schulter legte. Die Sicherheit, die sich in ihr ausbreitete. Sie wollte so gerne teilen. Ihn mit in diese Verantwortung nehmen. Aber jetzt musste sie erwachsen und verantwortungsbewusst sein und sich daran erinnern, dass es vorbei war.

»Du wirst zurechtkommen, Kit«, sagte er. »Und du bist nicht allein, auch wenn du das glaubst.«

Doch genau das war sie.

»Ich glaube, irgendetwas hat das hier ausgelöst«, flüsterte sie und dachte, dass sie hätten suchen sollen, ihre Mutter und sie, in dem Durcheinander, das das umgestürzte Regal verursacht hatte. »Natürlich war er geschwächt. Es war so viel in letzter Zeit. So viele Spekulationen.«

Henriks Stimme war ruhig, als er mit ihr sprach, aber sie spürte, dass seine Aufmerksamkeit plötzlich geschärft war.

»Wie meinst du das?«

Sie konnte nichts dafür, sie musste sich an ihn klammern und die Finger in seinen Hemdärmel bohren.

»Ich glaube, dass irgendetwas in der Post war.«

5

Da war eine Staubwolke, die sich von weither näherte. In der flimmernden Hitze glich sie einer kleinen Windhose, die sich entschlossen hatte, dem Kiesweg von Binga zu folgen.

Karen-Lis hob den Blick von dem Weg und sah hinüber zum Lake Kariba, wo der versteinerte Wald aus Gespensterbäumen aus dem Wasser herausragte. Einst hatte hier ein echter Wald gestanden, und in der Mitte des Sees lagen unterseeische Dörfer, die einst bewohnt gewesen waren. Bis man das Wasser des Sambesiflusses gestaut hatte, um die Grundlage für Strom und somit fürs Überleben zu schaffen. Das war jetzt viele Jahre her, aber die Bäume standen noch immer wie stumme Zeugen in Gruppen am Ufer und bis zu den Knien mit ihren nackten, toten Wurzeln im Wasser.

Weit draußen konnte sie ein Hausboot sehen, das sich in Richtung Sengwa River bewegte. Ansonsten war der See blank und ruhig. Sie schloss die Augen, als sie dort auf der Treppe der Veranda saß, und zog die Beine zu sich heran in den Schatten des Daches. Es würde ein brütend heißer Tag werden. Bereits am Vormittag lag die Temperatur bei vierzig Grad. Und das kurz vor Heilig Abend. An einem Tag, an dem sie nicht einmal zu Hause anrufen oder eine E-Mail schicken konnte, weil das Telefonnetz wieder einmal aus unbekannten Gründen zusammengebrochen war.

Sie hörte Stimmen aus dem Haus. Das Gemurmel von Kindern, die in der Wärme nicht schlafen konnten; beruhigende Laute von Kollegen, die sie zu überreden versuchten, nicht zu schwatzen und die Ruhestunde einzuhalten. Sie waren aufgeregt. Der Weihnachtsmann sollte kommen, das wussten sie, aber sie wussten nicht, dass er in Gestalt eines freiwilligen Helfers unten aus Binga kommen würde. Sie sollten Geschenke bekommen, wussten sie. Genau wie einige von ihnen, die Ältesten, auch wussten, dass das ihr letztes Weihnachtsfest sein würde.

Sie griff nach dem Glas mit Saft, das neben ihr auf der Treppe stand, und trank von dem süßen Zeug. Es schmeckte nicht nach Weihnachten. Jedenfalls nicht nach ihrem Weihnachten. Aber es war ihre eigene Entscheidung gewesen, auch wenn sie sich nicht einbildete, sie aus dem edlen Motiv, etwas Gutes zu tun, getroffen zu haben. Natürlich spielte das mit hinein und war während ihres wochenlangen Aufenthalts in dem von Dänemark unterstützten Kinderheim immer stärker geworden. Am Anfang stand einfach nur die gute Geschichte. Die, die sie wie eine Art Tagebuch für die Zeitung für die saure Saure-Gurken-Zeit nach Neumahr schreiben sollte. Und dann war da die Familie. Die Distanz, die gut- und gleichzeitig wehtat. Die Familie, die wie eine überalterte Nachrichtengeschichte, aussortiert und nie gedruckt, dalag und auf sie wartete. Denn mit jedem Tag, der verging, wurde sie unwahrscheinlicher. Jeden Tag wurde es schwerer und schwerer, damit fertig zu werden und sie der Umwelt zu erklären.

Sie dachte kurz über das Bild mit der Geschichte nach. Es passte besser, als sie es sich hätte wünschen können. Sie wusste nicht, wann es passiert war, dass die Familie zu Hause in Dänemark sich plötzlich von ihr entfernt hatte oder umgekehrt sie sich von ihr. Es war nicht unmittelbar, nachdem sie ins Ausland gegangen war, passiert. Während ihrer Zeit als Korrespondentin für die Zeitung in Paris war sie oft zu Hause in Nyborg gewesen, und sie hatte sich selbst davon überzeugen können, dass alles war, wie es sein sollte. Aber irgendwann, vielleicht als sie sich in Jacques verliebt hatte und ein ganzes Jahr nicht nach Dänemark gekommen war, schien sie plötzlich eine Fremde geworden zu sein. Nicht länger eine von ihnen. Als sie nach dem Bruch mit Jacques endlich wieder Weihnachten zu Hause verbrachte, war alles anders. Kit und Henrik beschäftigten sich nur mit sich selbst, ihre und Kits Interessen waren unterschiedlicher denn je und ihre Eltern plötzlich älter und zerbrechlicher. Der unausgesprochene Vorwurf hatte klammheimlich Einzug gehalten; sie bemerkte es an Kleinigkeiten. Ein Blick, wenn sie begeistert von ihrer nächsten Aufgabe sprach; ein Seufzer, wenn sie nicht versprechen konnte, zu Geburtstagen und Gedenktagen da zu sein; Kits gequältes Gesicht, wenn sie das Gefühl hatte, eine Schwester zu haben, die nichts begriff.

Sie war ein Gast in ihrer eigenen Stadt geworden. Doch das war nicht alles. Da war auch noch das andere. Der Fluch, der wie eine Schlange zwischen sie gekrochen war und sich zusammengerollt hatte, bereit zuzuschlagen. Der die ganzen Jahre gelauert hatte und dem sie, solange sie sich erinnern konnte, verstanden hatte auszuweichen.

Sie folgte der Staubwolke mit den Augen. Jetzt konnte sie ein Motorrad erkennen und sie fragte sich, ob es der Weihnachtsmann mit seiner roten Kappe und dem in der Satteltasche versteckten Bart war.

»Vermisst du auch Tannenbäume und Marzipanschweine?« Henriette kam heraus und setzte sich neben sie. Unter den Armen hatten sich Schweißränder auf ihrem weißen T-Shirt gebildet, und das Haar wurde von einem Stirnband zurückgehalten, um nicht nass in sich zusammenzufallen.

Karen-Lis zuckte die Schultern. »Es ist so weit weg. Fast unwirklich.«

Henriette nickte. »Das ist das Gefährliche. Wenn man es sich nicht mehr vorstellen kann. Wenn unser kleines Gehirn und unsere abgestumpfte Seele nur noch eins nach dem anderen fassen können.«

»Was ist mit deiner Familie?«, fragte Karen-Lis und spürte die Unruhe. »Wie nehmen sie es auf? Ich meine, dass du so lange weg bist?«

Henriette war Krankenschwester und hatte auch Eltern und Geschwister in Dänemark. »Sie versuchen mir beharrlich weiszumachen, dass sie es verstehen. Aber sie sind es, die den Preis bezahlen.«

»Den bezahlen wir selbst doch auch«, sagte Karen-Lis und dachte an den Verlust, der wie ein schwarzes Loch im Magen arbeitete.

»Aber wir haben die Wahl«, meinte Henriette. »Wir sind es, die sie mit unserem Kommen und Gehen beherrschen.«

Karen-Lis verscheuchte eine Fliege. »Ich glaube nicht, dass ich irgendjemanden beherrsche. Jedenfalls will ich das nicht. Ich lebe nur mein Leben.«

Henriette beobachtete sie sanft. »Warum bist du eigentlich hier?«

Es war keine inquisitorische Frage, kein Misstrauen. Nur Freundlichkeit, wie eine ausgestreckte Hand.

Vielleicht machte es das so schwer. »Weil ich ein Feigling bin«, sagte Karen-Lis zu dem See mit den toten Bäumen.

Henriette widersprach nicht. Ein Außenstehender hätte vielleicht protestiert. Hätte eingewandt, dass man Feiglinge nicht mit HIV-infizierten und AIDS-kranken Kindern arbeiten lassen würde. Aber Henriette hatte acht Jahre als Krankenschwester in Afrika gelebt. Sie wusste, dass Wohltätigkeit viele Gesichter haben und viele Formen annehmen konnte. Und dass Flucht die verbreiteteste war.

»Man kann auch zu hart gegen sich selbst sein«, sagte sie nur.

Das Geräusch des Motorrads kam näher. Henriette stand auf. »Ob das unser Weihnachtsmann ist oder nicht, der Lärm muss aufhören. Er weckt sie alle auf.«

Karen-Lis beobachtete, wie sie schräg über den verstaubten Platz dem Mann entgegenging. Einen Augenblick später winkte ihr Henriette herüberzukommen.

»Für dich. Ein Telegramm. Du musst nur unterschreiben und bei Kasse eins bezahlen.«

Verwundert unterschrieb sie und gab dem Mann ein paar Münzen aus der Tiefe ihrer Shortstasche. Er nickte zum Dank, wünschte ihnen schöne Weihnachten und fuhr lautlos im Leerlauf den Hügel hinunter.

Sie riss das Telegramm auf, während Henriette diskret zurück zum Haus ging. Las die paar Zeilen und merkte, wie ihr ganzer mühsam aufgebauter Panzer plötzlich mit einem Knall in sich zusammenfiel. Die Worte flimmerten vor ihren Augen.

»Ich muss nach Hause!« Ihre Stimme brach, sie hatte noch nie so geklungen. »Mein Vater ... er ist krank.«

Henriette drehte sich um und wartete auf sie. Und als Karen-Lis sie erreichte, legte die Krankenschwester den Arm um sie, als würden sie sich schon jahrelang kennen und nicht erst eine Woche.

Später, als sie Seite an Seite standen und über den See und die toten Bäume blickten und sie sich wie einer von ihnen fühlte mit den Wurzeln im Dunkeln und den Armen im Licht und als sie still flüsternd betete, herausgezogen zu werden, fasste Henriette sie um die Schultern und zog sie an sich.

»Du bist kein Feigling«, sagte sie so sanft, dass Karen-Lis geweint hätte, wenn sie nur gewusst hätte, wie das ging. Aber das war nicht ihre Art. Hatte sie nicht schon früh gelernt, dass es galt, all die Hindernisse zu überwinden, die das Leben aufzuwarten hatte? Sie konnte nahezu die Stimme ihres Vaters in ihrem Ohr hören. »Nimm es wie ein Mann, Mädchen.«

Einen Augenblick später befreite sie sich aus der Umarmung und ging hoch Richtung Haus.

6

Die Müdigkeit war fort. Übersprungen.

Vor nur einer Stunde hatten sich Arme und Beine wie die Fünf-Kilo-Packungen Ton angefühlt, die sie gewöhnlich für das Atelier kaufte. Jetzt, als sie am ersten Weihnachtstag neben Henrik im Auto saß, wurde sie wieder unruhig und rastlos. Sie und ihre Mutter waren fast ständig im Krankenhaus gewesen und nur schnell nach Hause gefahren, um ein Bad zu nehmen und sich umzuziehen. Schlaf war eine Stadt in einem sehr fernen Land.

Henrik hatte nur den Weihnachtsabend bei seinen Eltern verbracht und war sonst an ihrer Seite geblieben. Er hatte sich treu und beharrlich wieder in ihr Leben eingeklinkt, obwohl sie ihm ansehen konnte, dass er darüber nachdachte, wie er sich später an Land retten konnte. Ob er noch eine Runde überleben konnte, noch eine Runde im Ring mit ihrem Vater und ihr.

Das Bild war vielleicht unpassend, da ihr Vater noch immer bewusstlos war. Trotzdem war es so. So, wie Henrik es vorher empfunden hatte, das wusste sie. Eine Runde in einem Boxring, wo er von einer Ecke in die andere geschubst und gestoßen und gleichzeitig näher herangelockt wurde.

Henrik bog in die Birchsallee ein, in der Großmutters Haus mit der hohen geschwungenen Steintreppe und der großen Haustür aus geschnitzter Eiche lag. Er ließ den Motor laufen, während sie ausstieg und die unregelmäßigen Steinplatten hinauflief, die wie kleine Inseln zwischen den Stauden des Vorgartens gelegt worden waren, die jetzt frierend in der winternassen Erde standen und auf den Frühling warteten. Sie hatte immer das Gefühl gehabt, dass hier eine Grenze verlief. Als wäre die kleine Sackgasse eine Welt für sich. An dem Weg lagen fünf von den Häusern, die man Patriziervillen nannte. Auf jeder Seite gab es zwei Häuser mit wilden Gärten und dann das Kinderheim am Ende des Weges in dem stattlichen weißen Haus mit den Türmen und Erkern, in dem bestimmt einmal ein Reeder gewohnt hatte. Kit dachte flüchtig, wie wohl Karen-Lis’ Kinderheim in Simbabwe aussehen mochte. Das Telegramm war längst abgeschickt, aber sie hatten nichts gehört und keine Ahnung, ob sie es bekommen hatte.

Sie hatte die Hand auf der Türklinke, als das Gefühl sie überkam. Plötzlich konnte sie den Gedanken an das Haus nicht ertragen. Den Gedanken, alleine dort zu sitzen. Sie wollte seine Geschichten und Stimmen nicht, die sich in den Wänden und unter den Teppichen verbargen. Erinnerungen an andere Weihnachten, an Spiele, die gespielt, und Mittagessen, die veranstaltet worden waren, an die Lieder um den Weihnachtsbaum. Sie drehte sich um. Henrik sah sie fragend an und ließ das Fenster herunter.

»Kommst du mit rein?«

Er schien die Bitte zu verstehen und schaltete den Motor aus. »Wenn du meinst. Du kannst uns ja einen Kaffee machen.«

»Es gibt Leberpastete. Selbst gemachte. Wenn ich sie in dem Durcheinander finde.«

Er stieg aus und sie sah, dass auch er erschöpft war. »Ich kann es kaum erwarten.«

Es fiel ihr schwer, ruhig zu sitzen. Die Hände schienen sich mit etwas beschäftigen zu müssen. Sie räumte den Küchentisch ab, auf dem Chaos herrschte. Machte Ordnung, füllte warmes Wasser ins Spülbecken, warf Brotreste und gebrauchte Kaffeefilter weg. Henrik beobachtete sie. Sagte nichts. Er holte selbst die Leberpastete aus dem Kühlschrank und Bier aus der Speisekammer, während sie fahrig abtrocknete und abwischte, Dinge zurechrückte und wegstellte.

»Ich hoffe, das hilft«, sagte er schließlich und öffnete zwei Biere.

»Was?«, fragte sie, den Rücken ihm zugewandt, während sie einen Teller abtrocknete.

»Das da.«

Sie drehte sich um. Entfernte mit nasser Hand eine Haarsträhne, die ihr in die Augen hing.

»Du hast Seife auf der Stirn«, sagte Henrik. »Komm und setz dich.«

Ihr Blick ging in der Küche auf Wanderschaft. Die Blumen auf der Fensterbank sahen vernachlässigt aus; der Adventskalender wartete auf sie. Sie ging hinüber und öffnete die letzten beiden Türchen, ohne richtig zu sehen, was dahinter war. Sie griff nach der Gießkanne auf der Fensterbank, füllte sie mit Wasser und ertränkte die beiden Azaleen in einem Wasserfall, sodass das Wasser die Bank hinunterlief und weiter auf den Boden schwappte. Dann spürte sie seine Hand auf ihrer Schulter.

»Kit. Entspann dich.«

Sie sah zu ihm hoch. Fragte ihn ohne Worte, wie man das machte. Wie man sich entspannen konnte, wenn das eigene Leben auseinander fiel. Wenn der eigene Vater bewusstlos und alles Chaos war.

Er führte sie zum Tisch und stieß sie sanft auf die Bank. Goss ihr ein Bier ein und schmierte ein Brot mit Leberpastete, das er mit einigermaßen geübter Hand mit einer Roten Beete aus dem Glas verzierte. »Iss.«

Sie gehorchte. Dankbar, dass jemand, gleichgültig wer, einen Entschluss für sie traf. Nach ein paar Sekunden protestierte der Magen. Aber dann war es vorbei, als würde der Körper sich an das Essen gewöhnen, und sie merkte, wie hungrig sie war.

Er aß, wie nur er essen konnte. Mit Riesenbissen, als hätte er wochenlang Hunger gelitten. Sie sah ihn an und spürte gleichzeitig mit der Angst, dass er aufstehen und gehen könnte, die Wut. Sie wusste nur zu gut, dass sie sich nicht an ihn klammern durfte. Das war verboten. Gegen die Regeln. Das konnte man mit Exfreunden nicht machen.

»Was ist?« Seine Augenbraue hob sich fragend.

»Nichts.«

Er biss in das Brot mit Leberpastete, kaute und spülte mit Bier nach. »Sag schon, dann können wir es hinter uns bringen.«

Sie spürte die Panik wachsen. Wie immer, wenn er endlich reagierte, wenn die Gutmütigkeit aufgebraucht war. Sie starrten sich an. Die Wut gewann die Oberhand.

»Und weiterkommen, meinst du?« Mit spöttisch verzerrter Stimme sprach sie die Floskel aus, die allein schon ausreichte, um sie in eine Sinnkrise zu stürzen. Immer musste man weiterkommen. Mit seinem Leben. Mit sich selbst. Mit seiner Partnerschaft. Auch dieses Wort hasste sie. Es war unfair. Sie wusste genau, dass sie ihm gerade jetzt Leid tat und er keine Lust zu kämpfen hatte. Sie wusste auch, dass er aufstehen und gehen konnte. Aber sie konnte es nicht lassen.

»Warum konnten wir nicht einfach weitermachen wie bisher?«

Sie konnte sehen, dass er mit sich rang, ob er ablenken und die Wogen glätten oder die Herausforderung annehmen sollte.

Er entschied sich für Letzteres. Er legte das Messer hin und schob den Teller weg. »Du hast doch Nein gesagt. Erinnerst du dich nicht? Vor drei Monaten hast du Nein zu mir gesagt.«

Sie spürte die Beharrlichkeit. »Das habe ich auch so gemeint. Warum musstest du unbedingt fragen? Zu dem Zeitpunkt? Warum mussten wir unbedingt so viel mehr als nur so leben, wie wir es getan haben?«

Jetzt seufzte er. Er hatte die Gabe, dass sie sich wie ein Kind vorkam. Es war mal wieder so weit.

»Es kann gut sein, dass das für dich überraschend kommt. Aber ab und zu ist man gezwungen, ein bisschen erwachsen zu sein. Genau das ist der Fall, wenn Leute heiraten und Kinder bekommen. Das ist der nächste Schritt.«

Sie konnte nichts dafür. Und es lag nicht an ihm. Es war nicht persönlich gegen ihn gerichtet. Nur die Angst, anders und mehr sein zu müssen als sie selbst, Kit. Nicht Ehefrau. Nicht Mutter. Der Gedanke hätte sie beinahe erstickt; der Gedanke, die Angst und den Traum möglicherweise mit in eine Ehe zu zerren. Es gab ja genug in ihrem Leben. Henrik, ihren Vater und ihre Mutter und Karen-Lis. Genug Menschen und genug, warum man sich kümmern musste.

»Du hattest gerade deinen Job gekündigt. Der Zeitpunkt war, gelinde gesagt, schlecht. Außerdem heiraten nicht alle.«

Jetzt sah er kampfbereit aus. »Wenn unsere Beziehung darauf basieren sollte, ob ich für deinen Vater arbeite oder nicht, dann war es bestimmt gut so.«

»Du verdrehst die Tatsachen«, sagte sie.

»Tue ich das?«

Sie spielte mit ihrer Gabel. Kratzte Muster in die Wachstischdecke. Versuchte sich zu erinnern, konnte aber nicht sehen, ab wann es schief gelaufen war. Ab wann die Beschuldigungen und das Misstrauen und die Zerrüttung in ihr Leben gekommen waren. Aber eines Tages hatte er plötzlich seine Stelle bei Kaliki gekündigt und ihr ein Ultimatum gestellt. Ehe und Kinder oder nichts. Alles oder nichts.

»Es kann gut sein, dass es dich irritiert, das zu hören, Kit. Es kann auch gut sein, dass du zu den Leuten gehörst, denen es gelingt, durch das Leben zu gehen, ohne sich von der Familie und dem eigenen Vater lösen zu müssen«, sagte er mit seiner stillen, kontrollierten Stimme. »Aber ich gehöre nicht dazu.«

Sie kratzte weiter Muster in die Tischdecke. Die Muster glichen Wellen, die höher und höher wurden, wilder und wilder. Verdammt. Jetzt hatte er sie wieder gegen die Wand gedrückt.

»Ich hatte geglaubt, du liebst mich«, murmelte sie kleinlaut, wagte jedoch nicht, ihn anzusehen. »Ich hatte auch geglaubt, dir gefiele deine Arbeit bei Vater.«

Er streckte die Hand nach dem Bierglas aus. Aber er trank nicht. Saß nur da und drehte es auf der Stelle herum. »Das hatte ich auch geglaubt«, sagte er leise.

Sie saßen schweigend da. Er schien aufgegeben zu haben. Schien sich damit zu begnügen, dass sie nicht weiterkamen.

»Wart ihr seitdem da drinnen?« Henrik wechselte das Thema.

»Wo?«

»Im Büro? Da, wo es passiert ist.«

Es war ein klares Ablenkungsmanöver, aber sie sagte nichts, denn auch sie konnte nicht mehr. Konnte nicht weiter in der Schuld herumwühlen und sie zuordnen. Sie schüttelte den Kopf. »Wir haben nicht die Zeit gehabt. Wir haben nur die Tür geschlossen.«

»Du hast nie nachgesehen, was in der Post war?«

Sie hatte es als unwichtig abgetan. Hatte ihre ganze Energie auf diesen einen Menschen im Krankenhaus konzentrieren müssen. Den einzigen Menschen auf der ganzen Welt, der sie nur durch das Öffnen der Augen und das Sagen ihres Namens glücklich machen konnte. Das hatte sie geträumt, während sie auf einem Stuhl im Wohnzimmer gedöst hatte. Dass er die Augen aufgeschlagen hatte. »Kit«, hatte er mit seiner alten, gut gelaunten Stimme gesagt. »Kit, mein Schatz. Sollen wir den Baum jetzt fällen?«

»Wir können jetzt nachsehen«, sagte sie und spürte ihre Unsicherheit. Denn sie hatte auch Angst gehabt und wie üblich dichtgemacht. Sich eingebildet, dass vielleicht die eine oder andere gute Fee kommen und sich um alles kümmern würde. Aufräumen und dafür sorgen, dass da, wo er gefallen war und das Regal mitgerissen hatte, nichts zu sehen war.

Henrik stand auf. »Komm.«

Es sah noch genauso aus wie an dem Morgen, als die Sanitäter die Bahre hereingetragen und ihn vorsichtig daraufgelegt und in Decken und Gurte eingepackt hatten. Nur das Bild von Karen-Lis hatten sie zurück auf den Tisch gestellt. Da saß sie und sah sie aus dem Rahmen heraus an. Das helle Haar zottelig kurz, das Gesicht schmal und fein auf dem langen Hals, den Blick auf ihren eigenen Namen auf der Titelseite der Zeitung gerichtet.

Henrik kniete sich hin und richtete vorsichtig das Regal auf.

»Es war schon immer wackelig«, sagte Kit. »Erst letzte Woche habe ich vorgeschlagen, ein neues zu bestellen. Es gibt so viele schöne. Aber natürlich keins, das Großmutter gehört hat ...«

Sie wusste, dass sie vor sich hinplapperte. Merkte, wie sich die Kehle zusammenschnürte und das Asthma sie keuchen ließ. Nie hatte ein Foto von ihr im Büro gestanden. Auch keins von ihrer Mutter.

»Ihr seid ja hier«, pflegte ihr Vater zu sagen. »Ihr seid ja direkt um die Ecke. Karen-Lis ist so weit weg.« Und das stimmte schließlich.

Sie sammelten alles auf. Bücher und Zeitschriften, die durcheinander lagen. Ordner, aus denen sich das meiste gelöst hatte und herausgefallen war, Jahrbücher aus Hongkong, die sorgfältig durch Jahre hindurch in schweren Bänden gesammelt worden waren. Kit setzte sich auf den Boden. Fand eine Weihnachtskarte und las sie. Sie war von einer Tante in Aarhus. Ein kleines Paket von DK-Textil stellte sich als Kunstkalender heraus, ein Weihnachtsgeschenk mehr von Geschäftsfreunden.

Sie sahen ihn beide gleichzeitig. Den kleinen roten Briefumschlag, der unter einem Buch darüber klemmte, was 1982 in Hongkong passiert war, und auf dessen Umschlag zwei chinesische Mädchen vor einem Hintergrund aus blühenden Frühlingsazaleen zu sehen waren. Kit streckte die Hand aus und zog das Kuvert hervor. Es war geöffnet, sah sie. Die Lasche war kaputt, als wäre sie aufgerissen worden. Sie nahm die Karte heraus. Es war eine neutrale weiße Karte. Keine Dekoration, kein Weihnachtsschmuck, keine Farben. Auf der rechten Seite standen nur drei mit sauberer Feder geschriebene chinesische Zeichen.

Henrik sah ihr über die Schulter. »Glaubst du, dass es das ist?«

Kit nickte. Spürte die Unruhe.

Henrik drehte den Umschlag um. Er war in Dänemark abgestempelt. »Kein Absender. Keine Unterschrift. Nur drei Zeichen.«

Sie nickte wieder. Drei Zeichen. Die ihr Vater deuten konnte, die für sie jedoch böhmische Dörfer waren. Trotzdem war sie sicher. »Das bedeutet etwas, ich weiß nicht was. Etwas, das ihn aufgeregt hat.«

»Vielleicht ist es nur eine Weihnachtskarte«, meinte Henrik.

»Dann stünde etwas in unseren Buchstaben darauf. Zumindest der Name meines Vaters und der des Absenders.«

Henrik nahm das letzte Jahrbuch und stellte es an seinen Platz. Dann begutachtete er das Regal, das noch immer unsicher stand. »Ich sollte wohl besser vorbeikommen und es reparieren«, murmelte er.

Als sie zwei Stunden später zurück ins Krankenhaus kamen, waren sie mit Kleidung und anderem, das mitzubringen ihre Mutter sie gebeten hatte, bepackt. In einem Anfall von Optimismus hatte sie auch nach den Kamelhaarpantoffeln ihres Vaters geschickt.

»Irgendeine Veränderung?«, fragte Kit ihre Mutter vorsichtig, die bleich und ausdruckslos am Bettrand Wache hielt.

»Der Arzt war hier. Aber er kann nichts sagen. Es kann plötzlich passieren. Aber es kann auch sein, dass es nicht passiert.«

»Dass er stirbt oder dass er aufwacht?«, wollte Kit fragen, aber sie brachte es nicht über sich. Deshalb setzte sie sich ihrer Mutter gegenüber und wunderte sich, dass sie das ganze Weiß sehen und den Krankenhausgeruch einatmen konnte, ohne zu erschaudern. Ihr Vater lag noch immer wie in tiefem Schlaf, mit Schläuchen in Nase und Armen und Instrumenten, die bewegliche Kurven auf grünen Schirmen zeigten und merkwürdige unpersönliche Laute von sich gaben.

Henrik blieb noch eine Weile. Zog sich einen Stuhl heran und setzte sich still hin. Sie konnte nicht auf seinem Gesicht lesen. Sie überlegte, wer die Karte mit den drei Zeichen deuten konnte. Sie könnte sie natürlich nach Hongkong faxen, wollte aber niemanden mit hineinziehen, der die Familie kannte.

Auf dem Gang hörten sie Schritte. Entschlossene Schritte, bei denen die Hacken fast auf den Boden knallten. Plötzlich verstummte das Geräusch, und die Tür ging auf.

Karen-Lis stand einen Moment ganz still, als hätte alle Selbstsicherheit sie verlassen. Kit sah ihre Mutter an und sah Tränen in ihren Augen, wie sie sie seit Karen-Lis’ Abreise nicht mehr gesehen hatte.

»Hei, Schwester«, sagte Karen-Lis, nachdem die Mutter sie losgelassen hatte.

Kit stand auf. Die Umarmung war heftig, aber kurz. Sie spürte, wie die Trauer hochkam und drängte sie zurück.

»Fröhliche Weihnachten«, sagte sie.

»Gleichfalls. Ich bin gekommen, so schnell ich konnte. Wie geht es ihm?«

Karen-Lis setzte sich. Nicht auf den Stuhl, sondern auf den Bettrand. Sie beugte sich vor und küsste ihren Vater auf die Stirn.

»Fröhliche Weihnachten, du alter Schurke«, sagte sie mit zitternder Stimme.

Ein paar Sekunden vergingen. Kaum mehr. Karen-Lis runzelte die Stirn und beobachtete die Herzkurve auf dem Monitor. Dann war plötzlich Bewegung in seinem Arm, als wollte er sie alle segnen. Kit sah verwundert, wie ihr Vater die Augen öffnete und seine älteste Tochter ansah.

»Karen-Lis«, flüsterte er. »Wo, zum Teufel, bist du gewesen?«

7

Er konnte ihre Gesichter sehen. Aber er konnte sich nicht bewegen. Seine Hand gehorchte ihm nicht, sodass er nur ganz langsam den Blick über sie schweifen ließ.

Warum sprachen sie mit ihm, als wäre er ein Idiot? Warum saß Kit da, fahrig und nervös, als hätte sie ein Gespenst gesehen? Selbst Karen-Lis starrte ihn an, als wüsste er die Antwort auf den Sinn des Lebens und darauf, was sie mit ihrem Leben anstellen sollte. So war es, Vater zu sein. Wie viel er auch für sie tat, sie erwarteten immer noch mehr.

Plötzlich war er furchtbar müde. Hätte sich gerne entschuldigt; hätte ihnen gerne gesagt, dass sie selbst eine Lösung finden mussten. Dass sie ohne ihn zurechtkommen mussten. Was sie auch konnten, das wusste er. Aber seine Stimme gehorchte ihm nicht mehr.

Er schloss die Augen. Sehnte sich. Danach, keine Verpflichtungen zu haben, nur seiner eigenen Lust folgen zu können. Er mochte das Weiß nicht, die knochentrockene Luft und den Geruch von Reinheit. Er sehnte sich nach den Tropen mit ihrer Feuchtigkeit, sodass er atmen konnte und seine Haut sich nicht zusammenzog und rissig wurde vor Berührungsangst. Er sehnte sich nach exotischen Früchten und in Straßenküchen gebratenem Fisch mit dem Risiko, sich mit allen möglichen Krankheiten anzustecken. Er sehnte sich nach Lärm und Verkehr und kleinen schreienden Menschen in flachen Schuhen. Danach, sich einfach in eine Rikscha zu setzen und die Straße hinuntergefahren zu werden, hinein in das Gewimmel. Falls er sterben sollte, dann am liebsten so. Mitten in dem summenden Inferno aus Lärm und Feuchtigkeit und Gerüchen; dem Kessel aus zitternder, geldgieriger Unternehmungslust.

»Seht, er lächelt«, hörte er von weither Kits Stimme.

»Ich glaube, er träumt«, sagte Karen-Lis und klang fast wie damals, als sie noch ein kleines Mädchen war und auf seinem Arm saß.

Damals. Bevor alles angefangen hatte. Vorher. Es hatte ja ein Damals gegeben. Als sein Körper stark und geschmeidig und trainiert war vom Rugbyspielen. Damals, als er ihn spüren konnte. Damals, als er alles konnte.

Er schwebte. Spürte den Druck, als das Flugzeug zur Landung ansetzte. Er sah aus dem Fenster. Sie hatten gedreht und glitten jetzt dicht über die Dächer. Irgendwo konnte er eine Frau sehen, die Wäsche aufhing. Er bildete sich ein, dass er ihr Gesicht mit den schrägen Augen ausmachen konnte, und sagte sich ruhig, dass das hier schief gehen musste. Sie würden nicht überleben. Nicht bei der Höhe. Fast ganz unten zwischen den Häusern. Glaubte der Pilot vielleicht, dass sie auf der Hauptstraße landen sollten? Dann veränderte sich die Aussicht, und plötzlich war auf beiden Seiten Wasser. Er war überzeugt, dass sie sich direkt in den Meeresgrund bohren und wie ein unterseeischer Vulkan explodieren würden.

Schnell, aber ohne Panik verabschiedete er sich in Gedanken. Von seiner Mutter und seiner Schwester in Nyborg. Den Kameraden aus der Studentenzeit in Odense und vom Militär. Und die Firma hätte sich das halbe Jahr Schulung in der Uhrenfabrik in der Schweiz sparen können, von wo er direkt mit der Swissair kam. Nun würde er nie auch nur eine einzige Uhr verkaufen. Er würde auch nicht einen Tag älter werden als zweiundzwanzig. Würde nie die zweite Hälfte des Jahres 1961 erleben.

Als das Flugzeug schließlich in Hongkongs Kai Tak Airport landete, war dieser Umstand für ihn nichts Geringeres als ein Wunder. Und als er sich erholt hatte und die Türen geöffnet wurden, sodass er in die feuchte Wärme hinaustreten konnte, verliebte er sich zum ersten Mal seit seiner Kindheit. Seit damals, als die Familie die Stadt verlassen und das Flugzeug sie den langen Weg zurück nach Dänemark gebracht hatte, ohne auch nur eine einzige der Millionen, von denen sein Vater immer geredet hatte.

Der Traum seines Vaters von Hongkong war nie in Erfüllung gegangen. Er war in Alkohol und falsch kalkuliertem Übermut ertrunken. Jetzt war er an der Reihe, denn nach dem heutigen Tag konnte er alles überleben. Von dieser lärmenden, brodelnden Stadt aus mit ihren Menschenmengen und den Gerüchen von Schweiß und Verdorbenem und Fisch würde er die Welt erobern.

Als das Begrüßungskomitee entgegen aller Erwartung ausblieb, rief er seinen neuen Chef bei der Steinberg Far East Ltd. vom Flughafen aus an.

»Wie haben Sie gesagt, heißen Sie? Bennett? Ich weiß nichts von einem Bennett«, klang es barsch. »Was wollen Sie hier?«

»Uhren verkaufen. Ich komme von einer halbjährigen Ausbildung in der Fabrik in der Schweiz. Ich bin der neue Verkaufschef.«

»Davon kann keine Rede sein«, teilte ihm Abel Zimmermann mit. »Ich verkaufe die Uhren. Das muss ein Missverständnis sein.«

Nichts war arrangiert. Keiner wusste etwas. Er hatte auf eine Wohnung gehofft, musste sich aber im CVJM Männerheim in Kowloon einquartieren. Doch die Verliebtheit hielt an. Das untrügliche Gefühl, dass das eine Stadt nach seinem Geschmack war. Sie hatte all die Jahre auf ihn gewartet. Und jetzt gehörte sie ihm.

Als er am nächsten Tag ins Büro kam, wurde er zu Zimmermann hereingeführt. Er glich dem, was er war: ein kräftiger russischer Jude mittleren Alters. Krumme Nase, großer Mund und Augen wie polierte schwarze Diamanten.

»Die Uhren können Sie nicht übernehmen«, sagte er kurz angebunden. »Was soll ich mit Ihnen anfangen? Niemand hat mir Ihr Kommen angekündigt. Sie passen hier nicht hin. Sehen Sie sich um. Sie verlagern die Altersgrenze um ungefähr fünfzig Prozent nach unten.«

Er hatte es gesehen, als er den langen Gang entlanggegangen war. Die ganzen Männer mittleren Alters, die in ihren Anzügen schwitzten und taten, als hätten sie gute Ideen.

»Lassen Sie mich irgendetwas tun«, sagte er. »Sie werden es nicht bereuen.«

Abel Zimmermann sah ihn eingehend an. Die Diamanten bohrten sich in seinen Blick, und er merkte, wie sie in ihm rumorten und ihn von innen absuchten. Dann schienen sie auf etwas Bekanntes zu stoßen; etwas, das sie von sich selbst kannten. Zum ersten Mal lächelte sein Chef, und das Lächeln zog sich bis unter die Haarspitzen und klemmte die Augen zu Schlitzen zusammen.

»Spielen Sie Schach?«

Schach war sein Lieblingsspiel. Noch nie hatte er ein Spiel verloren. Sein Gehirn war für Kalkulationen und Strategien wie gemacht. Er nickte, und Zimmermann sah ihn durchdringend an.

»Wir müssen irgendwann eine Partie zusammen spielen.« Er schien nachzudenken. »Da drüben steht ein leerer Schreibtisch«, sagte er dann und zeigte mit der Hand in Richtung eines großen Raums, in dem bereits sechs oder sieben Menschen saßen. »Sie haben ein Budget von 200 000 Dollar.« Zimmermann sah auf seine Uhr. »Sie sollten in Gang kommen ... Sie können übrigens damit anfangen, dass Sie sich Mover ansehen. Macintosh, der die Verantwortung für den Verkauf trägt, geht in drei Monaten in Urlaub.«

»Mover?«

Zimmermann verzog ärgerlich das Gesicht und stieß den Stuhl von seinem Schreibtisch fort.

»Wir haben die Agentur für Mover Waschmaschinen. Ein ziemlich hoffnungsloses Produkt, bringt kein Geld ein.«

Voller Überzeugung sagte Erik Bennett zu seinem Chef: »Das wird schon noch kommen.«

Das Büro lag im St.-George-Gebäude im Herzen des Geschäftszentrums von Victoria. Wenn er morgens mit einer Rikscha zur Arbeit fuhr, war er vom Leben der Stadt wie berauscht. Er war auf einen anderen Planeten gekommen, einen, der nie schlief, aber auf dem alle ein Ziel verfolgten: Geld. Er spürte es mit jeder Pore seines Körpers. Vom ärmsten Bauernmädchen bis zum reichsten Geschäftsmann drehte sich alles um Geld.

Alles wurde zum Verkauf angeboten, alles und alle ließen sich kaufen. Selbst wenn die Rikscha durch die Straßen fuhr, konnte er das Geräusch des Geldes hören, wenn die Mah-Jongg-Steine in den vielen so genannten Mah-Jongg-Schulen klickten, die nichts anderes waren als Spielhöllen, in denen alle, von den chinesischen Dienstmädchen, den Amas, bis hin zu den Verkaufsleitern wie er selbst ganze Vermögen gewannen und wieder verspielten.

Er begriff, dass es die Amas waren, die den Schlüssel in der Hand hielten. Sie waren wie ein unsichtbares Netzwerk; ein Untergrundheer von Bediensteten mit mehr Macht, als man glauben sollte. Alle wohlhabenden Familien – und von ihnen gab es viele – hatten eine Ama. Konnte er die Amas gewinnen, war der halbe Verkauf gewonnen.

Ihm wurde eine Verkaufsassistentin zugeteilt, eine kleine chinesische Dame mittleren Alters mit Namen Mary Wong.

»Wir werden ganz Hongkong mit Mover eindecken«, teilte er ihr mit. »Ich werde Mover Waschmaschinen für die chinesische Ama unentbehrlich machen.«

»Aber die waschen doch mit der Hand und fegen mit Besen. Dafür werden sie bezahlt.«

Er zwinkerte Mary Wong zu, die erschreckt mit den Augen blinzelte. Irgendwo in ihrer chinesischen Seele erahnte er die eingebaute Rechenmaschine. Er wusste, dass sie da war, denn er hatte sie auch in sich.

»Wenn wir nur eine einzige Familie in einem großen Wohnblock davon überzeugen können, dass eine Mover unentbehrlich ist und wenn wir ihre Ama überreden können, das weiterzuerzählen, werden plötzlich alle eine haben wollen.«

Mary Wong sah interessiert, aber immer noch skeptisch aus. Doch er wusste, dass sie kaufen würden. Weil er ihre Art zu denken kannte und weil er wusste, wie er die Kugel ins Rollen bringen konnte. Er spürte, wie sein ganzer Körper vor Spannung und Energie kribbelte.

»Suchen Sie uns einen geeigneten Block und eine geeignete Familie«, sagte er. »Ich verspreche Ihnen, wir werden Tausende von Waschmaschinen verkaufen.«

Am nächsten Tag fuhr er mit Mary Wong, die wie ein kleiner Vogel regungslos neben ihm saß, in der Rikscha davon. Er selbst streckte die Beine aus, legte den Kopf in den Nacken und sah in die Luft, wo ein Hochhaus neben dem andern in den Himmel schoss. Einige Häuser waren ganz neu, andere wurden gerade gebaut. Kleine emsige Arbeiter flitzten ohne irgendeine Absicherung die Bambusgerüste hinauf und hinunter.

»Eine gefährliche Arbeit«, sagte er und nickte beifällig.

Mary Wong spitzte die Lippen. »Das sind die bestbezahlten Arbeiter in ganz Hongkong.«

»Zu Recht.«

Sie sagte nichts, aber er spürte, dass sie mit ihm einer Meinung war. Hier wurde man nach Verdienst bezahlt. Und darin lag die Möglichkeit, reich zu werden und sich eine Zukunft zu schaffen. Vielleicht war das Einbildung, was die untersten Klassen anging, die Flüchtlinge, die auf der Straße schliefen und in Pappkisten wohnten. Vielleicht war es für viele offenkundig hoffnungslos. Doch trotzdem war das Gefühl da, durchsäuerte die ganze Stadt. Das Gefühl, das hier alles möglich war.

Mary Wong hatte einen Termin mit einer britischen Familie gemacht. Die Frau des Hauses und führte sie ins Wohnzimmer, wo ihre Ama ihnen eine Schale mit Erfrischungen brachte.

»Haben Sie schon einmal von einer automatischen Waschmaschine gehört, Mrs. Jones?«

Die Frau lächelte. »Das habe ich. Aber ich glaube nicht, dass das etwas für uns ist. Wir haben ja unsere Ama, Lucy.«

»Wenn sie eine gute Ama ist, wollen Sie sie sicher behalten.«

Mrs. Jones nickte. »Das versteht sich von selbst. Viele bieten ihre Dienste an, aber es ist schwer, eine gute Hilfe zu finden.«

»Genau«, sagte Erik und trank aus dem Glas mit Fruchtsaft. »Aber ich kann Ihnen versichern, dass Sie Ihre Ama mit einer unserer Waschmaschinen sehr zufrieden machen werden. Und es ist mir eine Freude, Ihnen sagen zu können, dass Sie durch einen besonderen Zufall ausgewählt worden sind, der es uns erlaubt, Ihnen einen Rabatt von fünfzig Prozent einzuräumen.«

»FÜNFZIG? Das ist doch was!«, rief die Frau begeistert, und er merkte, wie Mary Wong sich bei dem Gedanken wand, auch nur eine einzige Waschmaschine halb zu verschenken.

Er beugte sich vor und begegnete Mrs. Jones’ Blick. Sie musste um die dreißig sein, ganz hübsch, mit fraulichen Formen unter einem geblümten Kleid und sich schnell umsehenden blauen Augen.

»Natürlich. Und so einen Rabatt bekommt nicht jeder. Ich bin sogar bereit, so weit zu gehen, Ihnen zu versprechen, dass Sie Ihr Geld zurückbekommen, sollten Sie während des ersten Monats unzufrieden sein.«

Mrs. Jones lachte ausgelassen. »Ja dann, da gibt es wohl nichts mehr zu überlegen.«

»Nein, nicht wahr?« Er zwinkerte ihr zu, dass sie errötete.

Mrs. Jones war äußerst zufrieden. Nicht zuletzt weil ihre Ama hoch erfreut und die Familie jetzt etwas Besonderes war. Sie waren schließlich ausgewählt worden.

Ein paar Tage später tauchten er und Mary Wong zu der Zeit des Tages auf, von der sie wussten, dass Mrs. Jones und die meisten anderen Hausfrauen ihre Einkäufe machten. Er lernte Mary Wong an, von Tür zu Tür zu gehen und jeder Ama fünf Prozent anzubieten, wenn sie die Frau des Hauses dazu bringen konnte, eine Mover Waschmaschine zu kaufen, wie die, die die Ama von Mrs. Jones bekommen hatte.

Die Aufträge strömten herein.

Doch damit war er noch nicht zufrieden. Es gab einen größeren Markt, das wusste er. Er wollte Waschmaschinen verkaufen, dass es nur so rappelte. Er beschloss, das große Kaufhaus des britischen Militärs, NAFI, dazu zu überreden, alle anderen Marken aufzugeben und nur noch Mover zu verkaufen. Per Anruf in der Hauptniederlassung von Mover in den USA handelte er eine Preisreduzierung beim Kauf einer größeren Menge von Waschmaschinen aus. Auf einer gesellschaftlichen Veranstaltung hatte er den britischen Offizier kennen gelernt, der für den Einkauf des NAFI verantwortlich war. Er bot ihm Mover Waschmaschinen weit unter dem Preis anderer Marken an sowie eine Kommission beim Verkauf jeder einzelnen Waschmaschine. Die Soldaten griffen zu. Alle kauften Mover Waschmaschinen und brachten sie zollfrei mit nach Hause nach England, wo sie sehr viel teurer waren.

Weitere Bestellungen gingen ein, und selbst wenn sie gewollt hätten, hätte NAFI den Verkauf nicht stoppen können. Schließlich hatten sie die Kommission angenommen.

Sein Chef war zufrieden. Als Erik eines Tages über mangelnden Platz in seinem Büro klagte, das er sich mit sechs weiteren Mitarbeitern teilte, zeigte er mit einer Hand in Richtung von Mackintoshs Büro mit dem blank polierten Mahagonischreibtisch und den säuberlich arrangierten Kugelschreibern und der Schreibunterlage.

»Bis auf weiteres können Sie das da nehmen. Später finden wir etwas anderes.«

So zog er in die feine Umgebung um; setzte sich probeweise in den Lederstuhl, den man hoch und runter und in alle möglichen Positionen drehen konnte, knallte die Beine auf den Schreibtisch, lehnte sich zurück und schloss die Augen.

So saß er auch am nächsten Tag, als Mackintosh hereingestürmt kam.

»Was bilden Sie sich eigentlich ein, Sie Flegel? Sehen Sie zu, dass Sie aus meinem Büro kommen.«

Vorsichtig zog er die Beine zu sich heran und setzte sich auf.

»Was habe ich gehört? Sie haben die Absprachen mit unseren Kunden gebrochen. Wir hatten Exklusivabsprachen mit sechs Geschäften in ganz Hongkong, und plötzlich kann man überall Mover kaufen, und zwar weit unter Preis. Was, zum Teufel, haben Sie gemacht?«

Erik beugte sich vor, stemmte die Ellenbogen auf den Schreibtisch des Mannes und starrte ihm lange und direkt in seine vorsichtige, pedantische, fantasielose, aber harmlose Seele.

»Ich habe den Verkauf von Mover Waschmaschinen im Laufe eines Monats um 1000% angehoben«, sagte er, und Mackintosh tat ihm trotz allem Leid. Er konnte ja nichts dafür, dass er das, was man dazu brauchte, nicht hatte. Einen Moment erwog er, aufzustehen und ihm das Büro wieder anzubieten, den Stuhl für Mackintosh vorzuziehen und die Wut, die seine Ratlosigkeit überdeckte, aus seinem Gesicht zu wischen. Aber das würde nicht helfen, das wusste er. Es würde die Zeit nur hinauszögern, denn die Mackintoshs dieser Welt gehörten nicht an Orte wie diesen.

Am folgenden Tag zog Mackintosh in das Büro auf den Philippinen um.

Da war eine Stimme. Kits Stimme. Wie Kit plötzlich in seinem Büro in Hongkong sein konnte, ging über seinen Verstand.

»Warum liegt er da und grinst?«, fragte die besorgte Kit-Stimme.

Er spürte das Rascheln eines Kittels und nahm den Geruch einer Krankenschwester nach Medizin und Spiritus wahr. Sie nahm seine Hand und fühlte den Puls.

»Er schläft«, sagte sie. »Vielleicht sollen wir ihm ein wenig Ruhe gönnen.«

8

Sie fühlte sich wie auf der Achterbahn. In einem Moment schwitzte sie in der wollenen Jacke, im nächsten wurde sie von Kälteschauern geschüttelt. Zusätzlich zu dem Asthma hatte sie sich auch noch erkältet.

Kit schniefte, während sie vorsichtig das Gesicht auf der Scheibe drehte. Fahles Abendlicht fiel ins Fenster und schräg über Backenknochen und Stirn. Ihre Finger glitten rastlos über die Wangen der Skulptur.

»Wer bist du?«, murmelte sie und fischte mit schmutzigen Fingern eine Papierserviette aus der Tasche. Aber sie bekam keine Antwort. Stattdessen hatte sie das Gefühl, dass das Gesicht sie mit seinem toten Blick anstarrte. Sie war noch nicht bis zu den Augen gekommen.

»Darf ich hereinkommen?«

Karen-Lis hatte nicht geklopft, und das irritierte sie. Es war genau wie in ihrer Kindheit. Nie konnte man etwas für sich haben, ohne dass sie es unbedingt wissen wollte, und wenn sie es nicht verstand, zog sie einen damit auf.

Kit nickte. Aus den Augenwinkeln sah sie ihre Schwester leise ins Atelier eintreten.

»Was ist das?«, fragte Karen-Lis.

»Ein Gesicht.«

»Aber was für ein Gesicht?«

Karen-Lis war es gewohnt, allem Namen und Alter zu geben. Eine Berufskrankheit. Genau wie alles erklärt, analysiert und diskutiert werden musste, sodass kein Mysterium mehr blieb.

»Kein bestimmtes. Nur ein Gesicht«, sagte Kit irritiert. Das Blut schoss ihr in die Wangen, und zu ihrer Verwunderung spürte sie den Verlust, der sie überrollte. Aber wie sollte sie ihrer Schwester erklären, dass sie sie vermisste, wenn sie direkt hier stand. Das würde ihr Journalistengehirn niemals verstehen.

Karen-Lis hielt zur Selbstverteidigung die Hände hoch. »Ach, du meine Güte. Es ist ein Staatsgeheimnis.«

»Es ist kein Geheimnis«, erklärte Kit und kam sich sehr geduldig vor. »Ich weiß es nur noch nicht. So ist das manchmal. Man weiß nicht immer, was sich hinter einem Gesicht verbirgt.«

Karen-Lis lächelte. »Tiefsinnig.«

»Das ist nicht die Spur tiefsinnig. Das ist eine Tatsache«, sagte Kit und versuchte, ihre Schwester abzuschütteln, als sie zu ihr kam und ihr eine Umarmung aufzwang. Mit den Händen voll Ton war das schwer.

»Geh weg!« Du störst mich ... Ich bin erkältet.«

»Ich habe dich vermisst, Schwester«, sagte Karen-Lis.

Kit wusste, dass diese vier Worte eine Überwindung für sie bedeuteten. »Ich habe dich nicht vermisst.«

»Ich kann nichts dafür. Für das mit Vater.«

Kit drehte sich herum, voller Wut, die so in ihr arbeitete, dass alles in ihr aufwallte und sie niesen musste.

»Du hast einen Dreck getan! Du hast viele Wochen lang weder angerufen noch geschrieben. Du warst nicht hier, als du gebraucht wurdest. Oder als Mutter dich brauchte.«

Das Niesen kam wie ein Erdbeben, und sie fischte nach einer weiteren Serviette, bevor sie fortfuhr. Sie fühlte sich matt und reizbar. »Und dann kommst du einfach zur Tür herein wie der Retter persönlich. Das Einzige, was dir noch fehlt, sind ein Palmenzweig und ein Esel. Wenn dann der Sterbende verdammt noch mal nicht aufwacht und deinen Namen haucht!«

»Das ist doch wohl besser, als wenn er gar nicht aufwacht.«

Kit zuckte mit den Schultern und sagte nichts.

»Das hat doch nichts mit mir zu tun«, erklärte Karen-Lis mit ihrer Karen-Lis-Logik. »Wenn du lange fort gewesen wärst, hätte er genauso reagiert. Das macht die Distanz.«

»Aber ich hatte nie die Wahl. Die hast du für mich getroffen, als du ins Ausland gegangen bist. Eine von uns musste bleiben«, sagte Kit sauer.

Karen-Lis begann die Skulptur und Kit zu umrunden. »Man hat nur sein eigenes Leben, Schwester. Du hättest das Gleiche tun können. Aber du bist ein Familienmensch, während ich Distanz brauche.«

»Distanz, da ist es wieder. Immer ist es die Distanz«, murmelte Kit und beugte sich erneut über die Skulptur. Sie fragte sich, ob Karen-Lis Recht hatte. Hätte sie anders handeln können? Ein anderes Leben wählen und zu der Familie auf Distanz gehen können? Sie versuchte es sich vorzustellen, aber sie wusste, dass sie es nicht getan hätte. Nicht mit Karen-Lis so weit weg und dem Rest der Familie gebeutelt von Krankheit und Tod und Abschied. Wieder spürte sie die Bitterkeit. Über den demütigenden Verlust und über die Leere in der Vorweihnachtszeit bei jedem Mal, das ihr Vater aufsprang, wenn die Post kam oder das Telefon schellte. In der eitlen Hoffnung ein Lebenszeichen von Karen-Lis zu erhalten. Aber das einzige Lebenszeichen waren in der Regel ihre Artikel in der Zeitung.

»Macht das auch die Distanz, dass man nicht einmal anrufen oder eine Weihnachtskarte oder ein Fax oder eine E-Mail schicken kann? Ist das auch die Distanz, die einen zwingt, vor der Verantwortung davonzulaufen?«

Karen-Lis ging zum Fenster und stellte sich mit dem Rücken dazu hin. Kit fragte sich, ob das Gesicht auf der Drehscheibe in Wirklichkeit vielleicht das ihrer Schwester war? Karen-Lis stand jetzt so, dass das hereinfallende Licht ihren sonst so bestimmten Mund mit den senkrechten Linien um die Mundwinkel weich machte. In der Fantasie versuchte Kit das Haar fortzuzaubern, sodass nur noch die feine nackte Form des Gesichts da war. Aber das Zimmer war zu sehr von Karen-Lis erfüllt, als dass die Fantasie Raum gefunden hätte.

»Das Telefonnetz hat nicht funktioniert. Es war schwer durchzukommen.«

»Sechs Wochen lang?«

Der Blick bewegte sich nicht. Es war kein Rückzug. Doch in der Stimme lag ein Hauch von Verteidigung.

»Ich hatte doch gesagt, dass ich Weihnachten nicht komme. Und Simbabwe ist nicht gerade Westeuropa.«

»Dann gibt es vielleicht auch keine Post?«

Jetzt wurde der Blick leicht unruhig.

»Man kann nicht überall Briefmarken kaufen. Und dann muss man auch noch einen Briefkasten finden. Außerdem wäre der Brief sowieso nicht rechtzeitig angekommen.«

Kit sagte nichts. Fand eine einstweilige Befriedigung in Karen-Lis’ Blick, der seine eigene Sprache von Schuld sprach, wenn auch nur vorübergehend. Denn die Distanz war da, auch jetzt. Vor allem jetzt. Und sie wusste nicht, wie sie sie überwinden sollte und ob sie überhaupt Lust dazu hatte. Sie dachte an ihren Vater, wie er dort gelegen und selig ausgesehen hatte, als Karen-Lis eingetroffen war. Er hatte nur die wenigen Worte gesagt. Den einen Namen. Dann war er zurück in seine Apathie gefallen, aber der Arzt war zufrieden gewesen. Er hatte ihnen versichert, dass ihr Vater sich jetzt nur ausruhte und dass er wieder aufwachen würde.

Wenn die Lage nicht so ernst gewesen wäre, hätte sie gesagt, dass das typisch war. Typisch Karen-Lis, nach monatelanger Abwesenheit zu einem Gastbesuch zu kommen und mit einem Zauberschlag alles wieder in Ordnung zu bringen.

Ihre Mutter war vor Dankbarkeit dem Weinen nahe gewesen, und Karen-Lis hatte das beste Stück von der Gans bekommen, die sie schließlich drei Tage zu spät gebraten hatten.

»Wie lange bleibst du?«

Sie bereute gefragt zu haben, sowie die Worte ihren Mund verlassen hatten. Es war nicht gut, einen zu interessierten Eindruck zu machen. Es war ein bisschen wie mit einem Freund, der Angst hatte, sich zu binden. So war Karen-Lis, dachte Kit. Sie hatte Angst, dass etwas oder jemand sie festhalten könnte. Deshalb war sie überrascht, als die Schwester antwortete: »Eine Weile. Vielleicht ein paar Monate. Ich stehe sowieso zwischen zwei Jobs.«

Wieder kam Karen-Lis zu der Drehscheibe. Blieb ein wenig linkisch stehen und sah Kit an. »Was ist mit dem Geschäft? Darum muss sich doch jemand kümmern. Vielleicht können wir einander helfen.«

Kit wurde von einem Niesanfall überrumpelt. Als sie fertig geniest hatte, musste sie sich ungläubig die Augen trocken wischen. »Was verstehst du denn davon?«

Karen-Lis hielt die Augen auf die Skulptur gerichtet. »Ich verstehe etwas von Public Relations. Und davon, wie man eine Botschaft an die Leute bringt ... Und außerdem bin ich mit Kaliki aufgewachsen.«

»Ich weiß nicht«, sagte Kit und fühlte plötzlich, dass es so viel gab, das überwunden werden musste, und dass sie keine Ahnung hatte, wo sie anfangen sollte.

Karen-Lis machte eine ausladende Armbewegung, hoffnungslos, als wüsste sie, dass sie nichts erreichen würde. »Was willst du, das ich tun soll? Ich bin weg gewesen. Ja, irgendwann werde ich wieder weggehen. Aber jetzt bin ich hier.«

Einen Moment hatte Kit Lust, ihr von dem Brief aus Hongkong zu erzählen. Karen-Lis wissen zu lassen, dass das, was mit der Post gekommen war, vielleicht die Schuld daran trug, dass ihr Vater jetzt in Gesellschaft von Maschinen und Schläuchen in Odense lag. Dass es noch so viel mehr gab als nur die Krankheit und dass der Traum zurückgekommen war. Der aus der Kindheit, wo Karen-Lis sie getröstet und vergessen lassen hatte. Sie sah ihre Schwester an, wie sie dort stand mit ihrer aufrechten Haltung und dem kalten professionellen Blick. Früher, da hatte sie helfen können. Früher hatte sie trösten können, und man hatte sich ihr anvertrauen können. Aber so vieles hatte sich verändert, und sie wusste nicht richtig, wie es passiert war und wann sich die Fremdheit zwischen sie geschlichen hatte.

»Bis nach Neujahr sind Ferien«, murmelte Kit. »Warten wir’s ab.«

Karen-Lis machte Anstalten zu gehen. Sie drehte sich in der Ateliertür um. »Du machst es keinem von uns leicht, Schwester«, sagte sie und ging.

9

Der Himmel hatte eine Farbe wie Eisen. Matt und von metallartiger Schwere, als könnte es ihm in den Sinn kommen, den Leuten auf den Kopf zu fallen.

Er hatte gerade die Augen geöffnet, als ihn ganz eindeutig etwas rammte, sodass die Welt in Grau und Blau explodierte und der Himmel über ihm herabstürzte.

»Willst du nicht bald aufstehen?«, fragte Victor unschuldig, nachdem er ihm das Kissen an den Kopf geworfen hatte. »Willst du den ganzen Tag verschlafen?«

Henrik drehte sich grunzend auf die Seite. »Ab mit dir, du Lauser.«

Aber Victor ließ sich von seiner Rotweinstimme nicht abschrecken. »Wir wollten Star Wars spielen. Du hast es versprochen.«

»Wann habe ich das versprochen?«

»Als du Gute Nacht gesagt hast. Du hast gesagt, dass wir heute spielen, wenn ich mir selbst die Zähne putze und ins Bett gehe.«

Wenn Victor sich daran erinnerte, war es zweifellos richtig. Dieser Junge hatte ein Gedächtnis wie ein Computer. Henrik zog sich die Bettdecke als Schutz gegen das Licht, das ihn blendete, über den Kopf. Das war die Strafe, wenn die eigene Schwester zum Weihnachtsessen einlud und einen wehrlosen Bruder so mit Alkohol voll pumpte, dass er die Nacht im Gästezimmer verbringen musste.

Nach und nach kam die Erinnerung in ungleichen Bruchstücken zurück, die verdächtig an Jannes Rumkäse und eine Viertelflasche vergeudeten Bacardi-Rum erinnerten. Nachdem er den Tag mit Kit und ihrer Familie verbracht hatte, war er auf eine Party zu seiner Schwester und seinem Schwager gefahren. Der Wein war geflossen, das konnte man nicht leugnen. Gewöhnlich trank er nicht so viel, aber jetzt erinnerte er sich an das Gefühl, einfach vergessen zu wollen. Eine Mischung aus Angst und Sorge und Ärger über das, was passiert war. Darüber, plötzlich wieder in Kits Welt katapultiert worden zu sein und keinen Fluchtweg zu sehen. Über die verdammte Anziehungskraft, die die ganze Familie, das ganze Haus in der Birchsallee anscheinend doch noch immer auf ihn hatte.

»Wie spät ist es?«, fragte er aus der Tiefe der Bettdecke.

»Fünfunddreißig«, antwortete Victor, der noch immer ein etwas unklares Verhältnis zu Zahlen hatte.

Henrik lachte, dass ihm die Schläfen wehtaten. »So heißt das doch nicht, du Affe.«

Victor kletterte ins Bett und zog an der Decke. »Und wie heißt es dann?«

»Sieben Uhr vierzig.«

»Nein, tut es nicht. Du lügst.«

»Tu ich nicht.«

»Tust du doch.«

»Du sollst nicht widersprechen, Junge.«

»Du sollst nicht lügen«, sagte Victor und kam ihm mit seinem ernsten Gesicht ganz nahe. Plötzlich war der Schelm weg und ein offener verletzlicher Blick begegnete seinem, unvorbereitet auf die Bosheit der Welt. Kit, dachte er. Kits Augen, wenn sie etwas nicht verstand. Wenn Karen-Lis sie verletzt hatte, ohne es zu wissen oder zu wollen. Wenn ihr Vater zu beschäftigt war. Wenn die Welt ungerecht war. Wenn er sie nur an sich ziehen sollte, ohne Fragen zu stellen. Da sein sollte, bis es vorüber war.

Henrik drückte einen Onkelkuss auf Victors weichen Flaum. »Völlig richtig. Lügen ist verboten.«

»Verboten«, jubelte Victor, denn er liebte das Wort, das er von den schönen Verkehrsschildern mit den roten Querstrichen kannte. »Man darf nicht lügen. Man darf nicht pupsen. Man darf nicht parken.«

Henrik stützte sich mühsam auf den Ellenbogen. »Jetzt hör mir einmal zu. Warum malst du nicht ein Bild mit allem, was verboten ist. Mit roten Schildern und so. Dann spielen wir später Star Wars.«

Victor schien den Vorschlag zu überdenken. Henrik konnte die ganzen roten Schilder, die in seinem Kopf Schlange standen, nahezu sehen. Dann sprang er schnell aus dem Bett und lief zur Tür.

»Okay«, sagte er. »Aber dann musst du auch tun, was darauf steht.«

Später, als sie hatten gespielt und der Kaffee die Kopfschmerzen in die Flucht geschlagen hatte, erinnerte er sich an seine Verabredung mit Carsten auf dem Nyborger Wall und verfluchte sich und seinen Weihnachtsoptimismus. Carsten war der einzige Kollege in der Firma, zu dem er noch immer Kontakt hatte. Dreimal in der Woche joggten sie morgens zusammen. In den Weihnachtstagen waren sie jedoch realistisch genug gewesen, das Treffen auf elf Uhr zu verschieben. Anschließend hatte er sich zu einem späten Frühstück mit Mette verabredet. Sie hatte die Weihnachtsferien bei ihren Eltern in Aarhus verbracht und war heute zurückgekommen.

Er erwog ernsthaft, beide Verabredungen abzusagen. Vielleicht sollte er lieber Kit anrufen und hören, wie es stand. Oder den Amazon waschen. Oder einfach hier im Havrevej bleiben, wieder ins Bett gehen und vorgeben, dass es ihm schlecht ging.

Aber das war unrealistisch. Victor würde ihn durchschauen und weitere Unterhaltung fordern. Es geschah nicht so oft, dass er seinen Onkel einen ganzen Tag in Reichweite hatte.

Spielen oder laufen. Pest oder Cholera. Nach ein paar mit dem Kaffee heruntergespülten Thomapyrin waren die Kopfschmerzen schwächer geworden. Vielleicht würde ein bisschen Luft ihm helfen, klar zu denken.

Er entschied sich für die Cholera.

Während sie liefen, begann es zu schneien. Große weiße Flocken fielen auf die Erde und wurden zertreten und in Matsch verwandelt. Oder sie sammelten sich an exponierten Stellen, an denen sie das sparsam wachsende Gras besiegten, zu Haufen und schufen die Illusion einer weißen Nachweihnacht. Der Himmel war noch immer bleischwer, sodass er fast Pulvergeschmack auf der Zunge hatte. Das Schloss von Nyborg lag mit seinen dicken Mauern wie ein Schutz gegen das dänische Wetter und andere Feinde da, während die beiden masochistischen Vollidioten in ihren Trainingsanzügen das Gras auf dem Wall niedertrampelten.

Carsten schüttelte den Kopf, dass der Schweiß nur so tropfte. »Das wundert mich eigentlich nicht, weißt du. Stress und Hetze und Gläubiger und unmögliche Kunden. Es ist hart, ein Geschäft zu haben! Fast zum Umfallen.«

Henrik sah ihn von der Seite an. Dachte, dass er selbst umfallen würde, wenn sie ihr Tempo nicht etwas reduzierten. Carsten sah auch nicht besonders gut aus. Unter seinen Augen waren dunkle Ränder, und das Gesicht hatte etwas Bleiches, Beklommenes.

»Du bist doch selbst Teil davon«, sagte Henrik.

Carsten, der in der Firma als Shippingmanager arbeitete, hatte die Gewohnheit, beim Laufen zu reden. Er selbst zog die Stille und das Zusammengehörigkeitsgefühl vor, deshalb ließ er den Freund über alles Mögliche reden und begnügte sich selbst nur mit Stichworten. Heute hatte er sowieso nicht genügend Puste, um gleichzeitig zu laufen und zu reden.

Carsten nickte finster. »Mehr als du ahnst. Es war ziemlich hart in der letzten Zeit«, gab er zu und fügte mit einem Grinsen hinzu: »Als du gekündigt hast, wurde es plötzlich schlimmer. Überstunden. Fuck ups. Und der Häuptling in Gewitterstimmung.«

»Er hat es ziemlich persönlich genommen«, sagte Henrik.

»Das war persönlich«, stellte Carsten fest. »Zuerst hast du den Job gekündigt, und dann habt ihr euch getrennt. Plötzlich wolltest du weder das Königreich noch die Tochter.«

Henrik sagte nichts. Aber er konnte Erik Bennetts Blick vor sich sehen, genau wie Kits und Victors. Nackt und offen und so voller Enttäuschung, dass es wehtat. So etwas hatte er noch nie zuvor gesehen. Er war lange vorher zu dem Schluss gekommen, dass sein Schwiegervater im Grunde hart und irgendwie unsensibel war. Eine menschliche Rechenmaschine. Charmant und voller Wärme, wenn es zu seinem eigenen Vorteil war, doch ansonsten so kalt wie die Schneeflocken, die jetzt auf seiner Stirn und auf seinen Wangen landeten.

Trotzdem waren ihm Zweifel gekommen. War sein Entschluss an dem Tag ins Wanken gekommen, als er in sein Büro marschiert war und ihm seine Kündigung überreicht hatte. Erik Bennett hatte sie gelesen. Den Blick gehoben, diesen unverstehenden, milchigen Blick. Die Stimme hatte leicht gezittert, aber nicht vor Wut.

»Warum?«, hatte er nur gesagt, und zu seiner Verzweiflung hatte Henrik eine Träne gesehen, die sich ihren Weg aus den Augenwinkeln bahnte und im Zickzack zwischen den kleinen Fallgruben der Runzeln herunterlief. Er war außer Stande gewesen zu antworten.

»Ist es das Gehalt? Wir können über das Gehalt reden«, hatte die Stimme gesagt. »Verdammt noch mal, Junge, wir sind doch fast eine Familie.«

Der alte Häuptling hatte es wirklich nicht verstanden. Das hatte ihn am allermeisten erschreckt. In Erik Bennetts Blick hatte er die Enttäuschung eines Vaters über einen Sohn gelesen, der ihn im Stich gelassen hat, und in ihm war ein Gefühl aufgestiegen, das er in Verbindung mit einem Schwiegervater nicht für möglich gehalten hatte: Er hatte sich geschämt.

Henrik hatte das Büro mit dem nicht abzuschüttelnden Gefühl verlassen, etwas getan zu haben, das unverzeihlich war, obwohl er wusste, dass es das einzig Richtige war. Vielleicht war es dieses Gefühl, dieses unlogische Gefühl der Schuld, das ihn zurück in den Schoß der Bennett-Familie geführt hatte, dachte er. Vielleicht war ihm ein elektronischer Chip implantiert worden, der ihn dazu zwang, immer wieder zurückzukehren. Der ihn von dem Augenblick an, als der Blick von Kits Vater zum ersten Mal auf ihm ruhte und vielleicht schon Pläne für seine Zukunft schmiedete, daran gehindert hatte, sich zu befreien.

Er hatte seinen Schwiegervater gemocht. Hatte zu ihm aufgesehen. Ihn vergöttert, wie auch Kit ihn vergötterte, wie die Welt allgemein ihn vergötterte. Und dann hatte er schließlich doch sowohl die Verbindung zu ihr wie auch zu ihm abgebrochen. Jetzt lag er da, halb bewusstlos. Dem Tod so nahe.

»Fuck ups«, sagte er leichthin und kehrte zu dem Gespräch über den Job zurück. Wenn man nicht über die eigenen Probleme sprechen konnte, konnte man sich ja immer noch über die der anderen auslassen. »Was heißt das?«

Er war dabei, hinter Carsten zurückzufallen. Der Teufel sollte den Rotwein holen, dachte er und versuchte sich selbst vorwärts zu zwingen.

Carsten reduzierte das Tempo, und sie liefen wieder nebeneinander her. »Eigentlich darf ich ja nichts sagen. Kit weiß es nicht einmal. Aber es ist schon eine ziemliche Scheiße.«

Henrik sagte nichts. Manchmal sollte man besser den Mund halten, dann bekam man das Ganze auf dem Tablett serviert. Er dachte flüchtig an Karen-Lis, die Expertin darin war. Als Journalistin hatte sie oft gesagt, dass alle Menschen eine Geschichte haben, die sie liebend gerne erzählen möchten. Man muss nur ganz Ohr sein. Nichts weiter. Dann kommt es irgendwann.

Sie liefen eine Weile schweigend. Der Schnee wirbelte auf die Stadt mit den roten Dächern und dem Schloss, in dem die Könige des Mittelalters Dänemarks Geschichte geschrieben hatten. Die Fortsetzung kam erst, als sie ihre Route gelaufen waren und bei ihren Autos Dehnübungen machten.

»Irgendwie ist das auch Scheiße für mich. Ich hätte es natürlich merken müssen«, sagte Carsten, während er die Wade streckte, indem er sie hoch gegen die Mauer stemmte. »Die Fabrik in Hongkong hat vor drei Monaten einen großen Auftrag bekommen. 30 000 Strickjacken im Doppelstrick mit Pailletten und Perlen.«

»Igitt!«

Carsten nickte. »Nichts für den dänischen Markt, natürlich. Den Informationen nach für die Staaten im mittleren Westen der USA vorgesehen.«

»Klingt glaubwürdig.«

»Genau. Das Ganze klang glaubwürdig. Der Käufer war eine neue Firma mit Sitz auf den Cayman Islands, aber mit der Chase Manhattan Bank im Rücken. Du kennst die Vorgehensweise.«

»Irrevocable Letter of Credit«, erinnerte sich Henrik, weil sie für ein unwiderrufliches Akkreditiv immer den englischen Ausdruck gebrauchten.

»Jep. Das waren die Zahlungsbedingungen. Wir konnten ja nicht mit dem Garnkauf beginnen und Löhne zahlen, ohne eine Garantie zu haben. Also bekamen wir sie. Glaubten wir.«

Henrik kannte die Prozedur. Es war in der Textilbranche überall auf der Welt das Gleiche. Der Käufer schickt einen Irrevocable Letter of Credit an die Bank des Produzenten. Dieser autorisiert die Bank, den Produzenten zu bezahlen, wenn er die vereinbarten Dokumente vorlegt, die in dem Akkreditiv festgelegt sind: Rechnung, Versicherungspapiere, Inhaltsverzeichnis und Bill of Loading oder Airway Bill, wenn der ganze Kram per Flugzeug befördert werden soll. Wenn die Ware da ist und die Bank die Dokumente zu ihrer Zufriedenheit geprüft hat, erhält der Produzent seine Bezahlung und schickt die Dokumente weiter an den Käufer. Alles, um zu garantieren, dass der Käufer nicht plötzlich aus einem Handel aussteigt, weil ein bestimmtes Hemdenmodell von einem zum anderen Tag unmodern geworden ist und der Produzent mit den Kosten und einer Ladung nicht verkaufbarer Hemden dasteht.

»Was meinst du mit ›haben wir geglaubt‹?«

Carsten richtete sich auf. Begegnete kurz seinem Blick und studierte dann eingehend das Mauerwerk, als versteckte sich irgendwo in dem alten Mörtel ein Geheimnis. Henrik sah, wie ihm der Schweiß durch die Nackenhaare und unter den Kragen des Trainingsanzugs lief.

»Sie haben uns hereingelegt.«

»Das habe ich begriffen. Aber wie?«

Der Blick begegnete seinem. Verzweifelt. »Außer den normalen Bedingungen verlangte das Akkreditiv eine Inspektion durch den lokalen Agenten des Käufers.«

»Ja und? Die Pullover dürften doch bestimmt einer Inspektion standgehalten haben.«

Carsten nickte. »Natürlich konnten sie das. Aber es zeigte sich, dass der lokale Agent und der Käufer identisch waren. Sie überprüften alles. Und teilten uns mit, dass die Pullover nicht dem Standard entsprachen, sodass sie uns kein Zertifikat ausstellen konnten.«

»Also habt ihr das Geld nicht bekommen«, schloss Henrik. »Wie viel hat Kaliki verloren?«

»Anderthalb Millionen.«

Henrik schüttelte den Kopf. »Ach, du meine Fresse. Und was jetzt?«

Carsten seufzte. »Mit dem Chef im Krankenhaus kann man das mit Sicherheit als gute Frage bezeichnen.«

10

Es tat fast zu weh. Genau wie es die Gesichter der Kinder mit ihrem stummen Betteln getan hatten. Selbst die Wände schienen sie mit fordernden hungrigen Blicken anzustarren. Als forderten alle einen Teil von ihr.

Vielleicht lag es mehr an dem Haus als an der Familie. Vielleicht daran, dass ihre Mutter natürlich ihr altes Zimmer aufgeräumt hatte, in dem alles so stand wie damals. Sodass sie plötzlich, erwachsen wie sie war, eine Zeitreise antrat, um wieder einmal im Alter von acht, zehn, zwölf und sechzehn Jahren die älteste Tochter der Familie zu sein. Egal wie weit sie zurückdachte, es war immer so gewesen. Die große Schwester Karen-Lis, die alles aushielt. Die sich hart machen und zum Wohle der Familie Geheimnisse für sich behalten konnte. Die nicht Kits künstlerische Sensibilität und Verletzlichkeit hatte, sondern die Beharrlichkeit und Ausdauer eines Terriers.

Sie packte aus. Versuchte, sich mit Hilfe des Kofferinhalts in der Gegenwart festzukrallen. Kramte die afrikanischen Buschshorts und das khakifarbene Hemd heraus, das sie in Bulawayo gekauft hatte; den Sarong in den Farben des Ndebele-Stammes, die kleine Basaltfigur des Schakalgottes Anubis aus der Zeit, als die Zeitung sie nach Ägypten geschickt hatte, um über das Massaker an den Touristen am Hatshepsut Tempel zu berichten. In dem Hotel in Luxor hatte sie eine Affäre mit einem holländischen Kollegen gehabt, der ihr die Figur geschenkt hatte. Sie versuchte ihn heraufzubeschwören, sich an das Gefühl seines Körpers zu erinnern, an seinen Duft und seinen Blick.

Aber es funktionierte nicht. Die Vergangenheit schien sie durch die Geschichte des Zimmers, in dem noch immer alte Rockplakate und politische Ikonen an ihren Heftzwecken an den Wänden hingen, unablässig anzusaugen. Pink Floyd und Black Sabbath gegenüber von Vaclav Havel und einem jungen Lech Walesa, der von seinen Kameraden auf Händen getragen wurde und mit zwei ausgestreckten Fingern das V-Zeichen machte. Rahmen hatte sie nie gemocht.

Sie legte eine flache Hand in das Fach, in dem einmal ihre Jeans gelegen hatten – mit kunstvollen Flicken und Rissen über den Oberschenkeln, wie es die Mode der Zeit vorschrieb. In dem sie damals ihre erste Pillenpackung unter all den Sachen versteckt hatte; aus Angst vor der Entdeckung von etwas so Privatem. Und aus noch mehr Angst vor dem Tag, an dem sie in der Praxis ausprobiert werden sollten.

Mit diesem in ihren Schlaf verwobenen Tag war sie aufgewacht. Merkwürdig, dass sie nicht von ihrem Vater geträumt hatte, dachte sie. Nicht von Kit oder ihrer Mutter. Sondern von ihrer ersten Liebe. Von Jesper, mit dem krausen Haar und den tunesischen Perlen, die er an einem Lederriemen um das Handgelenk trug. Jesper, den sie eines Abends, als ihre Eltern nicht zu Hause waren, in ihr Zimmer mit den Wänden mit der Blumentapete eingeladen hatte, nachdem sie Kit zum Schweigen verpflichtet hatte. Jesper, der schon eine Freundin gehabt hatte.

Es war das Haus, stellte sie wieder fest, während sie systematisch den Koffer leerte und ihre Sachen aufhing. Es schien all das in ihr hervorzurufen, was sie einmal gewesen war und was sie so lange ignoriert hatte. Wie eine Zeitfalle, die die letzten zwanzig Jahre auswischte, sodass sie wieder die Sechzehnjährige war, hungrig und unsicher dem Leben gegenüber. Eine Unsicherheit, für die sie sich schämte und die sie vor allen verbarg. Weil sie nicht erlaubt war.

Sie war nur das eine Mal mit Jesper zusammen gewesen. Und dann hatte sie ein paar Wochen später auf einer Fete neben ihm gesessen, überzeugt von ihrer Zusammengehörigkeit nach den gemeinsam verbrachten Stunden, wo sie dagelegen und zu der geblümten Tapete hinaufgeschaut und gewusst hatte, dass das das vollkommene Glück war. Hier und nur hier, in ihn verschlungen, so nah, dass sie die Luft einatmete, die er ausatmete, konnte sie alles vergessen.

Ganz selbstverständlich hatte sie ihre Hand auf seine gelegt, die dort auf der Lehne des Stuhls lag, mit dem Lederriemen und den tunesischen Perlen in aufgemaltem Blau. Einen langen Augenblick lag ihre Hand auf seiner, und sie spürte die Wärme und die Erinnerung an den Abend in ihrem Zimmer, die durch ihren Körper flössen, spürte die Blicke der anderen, die sahen und wussten, was das zu bedeuten hatte. Dass sie nun zusammen waren – ein Paar.

Dann zog er seine Hand ohne ein Wort weg.

Als sie mit Auspacken fertig war, ging sie zum Fenster und sah in den Garten hinunter, in dem Kit und sie als Kinder gespielt hatten. Jetzt lag dort eine Lage von pappigem, schmelzendem Schnee, festgeleimt an den nackten stacheligen Ästen und entblößten Büschen. Und sie verstand nicht, dass sie plötzlich hier stehen konnte, wo sie doch noch immer Henriettes Arm um ihre Schultern spüren und vor sich die toten Bäume des Kariba-Sees und die funkelnden Blicke der Kinder sehen konnte, als der Weihnachtsmann endlich kam.

Einen Moment fragte sie sich, wie Kit reagiert haben würde, wenn sie dort gewesen wäre. Wenn sie die Kinder gesehen hätte, gespürt hätte, wie sie sich festkrallten und einem die Arme um den Hals schlangen, wenn sie in ihre Augen gesehen und das Leben gespürt hätte, das auf geliehener Zeit basierte. Kit, deren Herzenstür immer weit offen stand wie eine Einladung.

Aber das war unrealistisch. Sie hätte das nicht zugelassen. Denn Kit hätte so einen Sturmangriff auf eine offene Tür nicht überlebt. Bei ihr war das etwas anderes. Sie war hart geworden, schon früh. Bei ihr gab es keine Türen, die einen Spalt breit offen standen.

Sie ging in die Küche hinunter, wo ihre Mutter Kaffee gekocht und selbst gebackenes Brot und Käse und Marmelade auf den Tisch gestellt hatte. Sie selbst saß mit einer leeren Tasse Kaffee am Tischende, noch mit der Schürze. Wie immer mit der Schürze.

»Ich dachte, wir sollten dich ausschlafen lassen.«

»Gut gedacht, Mutter«, sagte Karen-Lis und schmierte sich ein Brot. »Was für eine Reise.«

Ihre Mutter schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht verstehen, wie du so schnell kommen konntest. Aus Afrika.«

»Das Telegramm ist von einem Mann gebracht worden. Zuerst haben wir ihn für den Weihnachtsmann gehalten. Ich bin nur noch ein paar Stunden geblieben, bis der richtige Weihnachtsmann da war. Du hättest sie sehen sollen, Mutter ... ihre Freude.«

Sie hielt inne. Spürte eine Verlegenheit, die sich zwischen sie schlich. Fuhr schnell fort. »Also, wir haben vier Stunden bis Bulawayo gebraucht. Henriette hat mich mit dem Landrover gefahren. Von da aus habe ich ein Flugzeug nach Joburg bekommen. Dann über Frankfurt nach Kopenhagen und nach Odense. Hast du im Krankenhaus angerufen? Was ist mit Kit?«

Ihre Mutter nickte. »Sie ist schon da. Bis wir kommen, dann hat sie etwas anderes vor.«

»Sie ist sauer auf mich.«

Ihre Mutter musterte eingehend die Kaffeekanne. Es war, als wäre sie in Trance gefallen. »Ihr seid so verschieden«, sagte sie nur.

Sie hatte ihre Mutter fragen wollen, was schief gelaufen war. Warum sie plötzlich ihren Vater dort im Krankenhaus liegen sehen musste, umgeben von Krankenschwestern mit raschelnden Kitteln und dem Geruch von Desinfektionsmitteln. Was ihm die Kräfte geraubt hatte wie im alten Ägypten, wenn Anubis mit dem Schakalkopf die Toten vor ihrem Treffen mit Osiris, und bevor ihre Herzen auf der Waage gegen die Feder der Wahrheit gewogen wurden, ihres Inhalts entleerte.

Aber sie konnte nicht fragen. Denn sie wusste genau, dass ihre Mutter ihr nicht helfen konnte. Dass sie nichts wusste, weil sie nichts wissen wollte. So war die Ehe ihrer Eltern vielleicht immer gewesen. Auch bevor sie und Kit Augen und Ohren bekamen. Eng verbunden, aber mit der stillschweigenden Übereinkunft, nicht zu viele Fragen zu stellen. Oder war es einmal anders gewesen? Gab es vielleicht eine Vertrautheit, von der niemand wusste, wie es in so vielen Ehen der Fall war?

Karen-Lis’ Blick wanderte zur Kühlschranktür, die, so lange sie zurückdenken konnte, mit Fotos aus dem Alltagsleben der Familie geschmückt war. Sie suchte nach neuen Bildern, die während ihrer Abwesenheit aufgenommen worden waren. Aber es gab keine. Die Zeit schien in den letzten Jahren aufgehört haben zu existieren. Als könnte man das gesamte Familienleben in die Jahre in Hongkong und die ersten Jahre in Nyborg pressen.

Sie stand auf und sah sich die Fotos näher an. Sie selbst und Kit, wie sie sich im Garten in Hongkong umarmten; ihre Eltern in Festkleidung vor dem Eintreffen der Gäste; Nachbarn und Freunde, die Silvester an einem schön gedeckten Tisch saßen. 1972 stand auf dem Kranzkuchen in der Mitte des Tisches. Sie erinnerte sich an die meisten: Mary Wong, die rechte Hand ihres Vaters in der Firma, sein früherer Chef, Abel Zimmerman, mit der großen Nase; dänische Freunde aus der Kronkolonie; ihr Nachbar Billy Ling und seine dänische Frau Susanne; ein äußerst ungleiches Paar. Billy Lings Blick hing an ihrem Vater, der das mit Cognac gefüllte Glas zum Anstoßen erhoben hatte. Alle anderen lächelten und hießen das neue Jahr willkommen, obwohl es ein dänisches und kein chinesisches Neujahrsfest war. Aber Billy nicht. Nicht die Andeutung eines Lächelns war auf seinem Gesicht zu sehen. Es war, als würde er in einem unbeobachteten Augenblick ein stilles Gebet quer über den Tisch zu ihrem Vater schicken.

Ihr Vater.

Sie spürte, wie sich die Kehle zu einem Weinen zusammenzog, das sie nicht zulassen wollte. Könnte er sie sehen, wie sie jetzt mit den Tränen kämpfte, er würde sie mit Sicherheit ausschimpfen. »Tränen sind verlorene Zeit«, hatte er immer zu ihr gesagt. »Werde sauer. Schmeiß mit Tellern um dich und schrei. Man muss etwas tun. Das ist das Einzige, das hilft.«

Und das hatte sie gemacht. Etwas getan. Ihr ganzes Leben lang hatte sie etwas getan, war rastlos von Land zu Land gereist und hatte nicht mit Tellern, sondern mit Worten um sich geworfen. Aber jetzt, wo er dort in dem Krankenhaus in seinem weißen Bett lag, wusste sie, dass es nicht geholfen und dass er Unrecht hatte. Doch das war nicht das Schlimmste. Das Schlimmste waren die Zweifel, ob es ihm selbst geholfen hatte. Denn was immer man im Leben tat, am Ende stand immer die Waage. Und was konnte ein schweres Herz schon gegen die Feder der Wahrheit ausrichten?

11

Das Geräusch von Messern und Gabeln, die gegen Porzellan schlugen, verwob sich zu einem anonymen Teppich.

Die Kantine des Krankenhauses war genauso unpersönlich, wie es solche Kantinen immer waren. Sterile Umgebung mit funktionellen Möbeln; Linoleumboden und Kunst an den Wänden, die nichts von den Personen dahinter preisgab, nicht mehr war als strategisch platzierte Farbkleckse auf weißen Rechtecken. Das Essen war genauso. Nicht schlecht und auch nicht gut.

»Er war wach«, sagte Kit und biss in ihr Käsebrot. »Aber er hat nichts gesagt. Nur dagelegen und in die Luft gestarrt.«

Karen-Lis trank aus dem Glas mit dem Saft. Kit beobachtete sie. Und spürte, wie es sie ein wenig erleichterte, ein paar Worte zu reden. Ihn zu erwähnen.

»Wie ging es ihm sonst? Ich meine, bevor das passiert ist?«

Über Karen-Lis’ Wesen lag heute eine gewisse Vorsicht, notierte sich Kit im Stillen. »Schlecht. Du bist lange weg gewesen.« Sie suchte. Ihr fehlten die richtigen Worte und sie musste sich mit einem Ersatz begnügen. »Er und Mutter haben nichts gesagt. Du kennst sie ja. Aber da war ein Loch. Vater hat jeden Tag die Zeitung von vorne bis hinten gelesen und nach deinen Artikeln gesucht. Sie manchmal auch ausgeschnitten. Er hat sie sogar in ein Buch geklebt! Stell dir das mal vor.«

Karen-Lis ließ nicht im Geringsten erkennen, dass sie sich etwas vorstellte. Aber sie nickte. »Dann muss er wirklich verzweifelt gewesen sein«, sagte sie.

Kit meinte eine Weichheit in der Stimme zu erahnen. Sie schob das Käsebrot weg, holte ein Taschentuch aus der Tasche und schaffte es gerade noch vor dem Nieser. »Elterliche Loyalität ist offenbar grenzenlos«, schniefte sie.

»Mit Schwestern ist das womöglich anders«, sagte Karen-Lis.

Jetzt lag etwas Ängstliches in ihrem Blick. Gegen ihren Willen spürte Kit, wie das Gefühl von Liebe sich in ihr ausbreitete.

Geschwisterliebe, die sich ihrer Kontrolle entzog. Konnte man denn nichts in diesem Leben selbst bestimmen?

»Was ist passiert? Warum bist du plötzlich aus unserem Leben verschwunden, als wir dich am meisten gebraucht haben? Wie konntest du ihnen das antun?«

Sie wollte ihr keine Vorwürfe machen. Wünschte, es lassen zu können.

Karen-Lis stellte leise eine Gegenfrage: »Und dir, oder? Warum fragst du mich nicht danach? Hasst du mich?«

Kit wurde von einer Woge aus Gefühlen überrollt, einer Mischung aus Trauer und Verlust und der Erinnerung daran, wie sie sich früher gegenseitig gestützt hatten. Aber vielleicht war es in Wirklichkeit sie, die am meisten gestützt worden war.

»Du bist meine große Schwester. Wir sollten immer aufeinander aufpassen. Wir sollten immer die Verantwortung teilen und da sein, wenn es schwer war. Nach Großmutters Tod hättest du anders handeln können, was ich nicht konnte. Sie waren immer mit dir beschäftigt. Nach dir haben sie sich immer gesehnt.«

Karen-Lis legte vorsichtig ihre Hand auf Kits. So hätte es sein sollen. Eine Hand, die sich über Unterschiede und Zeit und Orte hinweg ausstreckt. Sie hätte da sein sollen, um sie festzuhalten, als nach Großmutters Tod die Trauer von ihnen Besitz ergriff; als ihr Vater den ersten Herzanfall hatte; als er anfing, in Zirkeln um sich selbst zu kreisen und Einklebebücher anzufertigen; als er seine älteste Tochter nie mit vielen Worten erwähnte, weil er Angst vor den Tränen hatte, für die er sich schämte. Was brachte es, eine Tochter zu haben, wenn sie nicht da war?

»Warum vergisst du dich die ganze Zeit?«, fragte Karen-Lis.

Kit zuckte mit den Schultern. »Ich vergesse nichts und niemanden. Aber ich habe vor allem an sie gedacht. Ich habe gesehen, wie sie jeden Tag kleiner und kleiner geworden sind. Hast du gesehen, wie dünn Mutter geworden ist?«

Sie spürte die Stimme, die zu den PH-Lampen hinaufstieg. »Hast du gesehen, dass Vater ganz grau geworden ist? Siehst du überhaupt etwas anderes als dich?«

Karen-Lis zog ihre Hand zurück. Kit sah, wie das Licht auf ihrer Haut und mit ihren Gesichtszügen spielte. Sie sah den feinen Winkel der Nase und wie die Kurven des Kinns leicht kantig geworden waren; wie die Lippen sich spitzten, als sie von dem Saft trank. In den Falten um die Mundwinkel erkannte sie die beharrlichen Züge ihres Vaters.

»Ich bin nicht so wie du«, sagte Karen-Lis schließlich. »Ich habe niemandem etwas Böses gewollt. Es war meine Art, mir einen Inhalt zu schaffen. Ich musste für eine lange Zeit weg. Und mich fern halten.«

»Das war also Absicht.«

»Natürlich war das Absicht. Aber ich konnte nicht anders. Ich war dabei, von euren Erwartungen und euren Forderungen nach Verantwortung und der Familie hier und der Familie da erstickt zu werden. Zum Schluss habe ich mich selbst nicht mehr gespürt.«

Kit lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. Sie hörte die Worte, aber sie verstand sie nicht. »Geht es wirklich darum? Sich selbst zu spüren? Und ich habe geglaubt, es ginge um die Liebe zu den anderen und darum, das Seine im Leben zu tun.«

Karen-Lis lächelte schwach, »Vielleicht habe ich gehofft, beides kombinieren zu können. Aber offenbar hat das nicht funktioniert.«

»Egoismus. So nennt man das wohl.«

Karen-Lis schien zu überlegen, ob sie empört sein oder sich dafür entscheiden sollte, es humorvoll zu nehmen. Schließlich lächelte sie quer über den Tisch.

»Manchmal ist das der einzige Weg nach vorn.«

Ein Klirren ertönte, als einer Dame an einem anderen Tisch die Gabel auf den Boden fiel. Das Geräusch schien sie aufzurütteln. Kit dachte an ihren Vater und an die rote Karte. Die Worte kamen, ohne dass sie es eigentlich wollte.

»Ich glaube, dass es jemand auf Vater abgesehen hat. Jemand, der ihm Böses will. Ich versuche herauszufinden, was vor sich geht.«

Einen Moment saß Karen-Lis ganz still da. Das Lächeln war verschwunden, abgelöst von Sorge. Sie beugte sich wieder vor und begegnete Kits Blick. Plötzlich begriff Kit, dass die Sorge ihr galt.

»Lass das, Schwester«, sagte Karen-Lis langsam, und Kit hatte das Gefühl, plötzlich wieder sechs Jahre alt zu sein und nach einem weiteren bösen Traum von dem mit Spiegeln verkleideten Pavillon Trost bei ihrer Schwester zu suchen.

»Lass es sein. Du machst dich nur unglücklich.«

Sie dachte an die letzten Worte ihrer Schwester, als sie auf der Autobahn zurück nach Nyborg und zu ihrer Verabredung fuhr. Fragte sich, was Karen-Lis gemeint hatte, tat es dann jedoch als unwichtig ab. Das war typisch Karen-Lis, plötzlich hereingeschneit zu kommen und alles bestimmen zu wollen, obwohl sie kein Teil der Familie mehr war. Denn das war sie nicht. Nicht richtig. Sie hatte kein Gespür für das, was vor sich ging, wusste nicht mehr, wie sie dachten. Konnte sich nicht in ihrer Welt und ihren Alltag versetzen. Sie war zu Besuch, nichts anderes. Es nützte nichts, sich zu öffnen und die alte Vertrautheit zuzulassen. Sie würde schwuppdiwupp wieder aus ihrem Leben verschwunden sein, und man selbst blieb mit abgeschnittenen Nerven und Gefühlen, die in ihrer Nacktheit herumbaumelten, zurück.

Ein kräftiger Windstoß rüttelte an der Karosserie. Kit hielt das Lenkrad von Großmutters altem Volkswagen fest, als sie Richtung Innenstadt abbog. Es war noch immer mit ihrem Lammfell bezogen, das da, wo die Hände zugepackt hatten, bis auf die Haut hinunter abgenutzt war. Sie vermisste diese Hände. Erinnerte sich an jeden einzelnen gebogenen Finger und an den Saphirring, der an der rechten Hand glitzerte. Sie musste daran denken, das Fell einmal umzudrehen, damit man wieder weiche Wolle anfasste.

Es schneite jetzt stark. Millionen von Flocken schienen beschlossen zu haben, zum Angriff auf sie überzugehen, und sie überlebte nur durch den Panzer der Frontscheibe. Sie parkte auf dem Markt in der Mitte der Stadt, hängte sich die Tasche über die Schulter und ging schaudernd durch den Schnee, der auf dem Asphalt zu Pfützen schmolz oder auf Treppen und Hausvorsprünge geweht wurde.

Sie zog sich den Hut extra tief über die Ohren und hielt ihn fest. Vielleicht war es doch gut, dass Karen-Lis sie gewarnt hatte. Sonst hätte sie vielleicht weitergemacht. Hätte vielleicht die Karte mit den chinesischen Schriftzeichen aus der Tasche gezogen und sie eingeweiht. Und sie hatte das Gefühl, dass es zu früh war. Karen-Lis verdiente die Vertrautheit nicht. Sie hatte sich selbst ins Abseits manövriert.

Die Frau in dem chinesischen Restaurant hatte am Telefon zuerst ein wenig misstrauisch geklungen. Als glaubte sie, zum Narren gehalten zu werden. Aber es passierte natürlich auch nicht jeden Tag, dass jemand sie bat, einen chinesischen Text zu übersetzen, sodass Kit schließlich einen Tisch reserviert hatte. Sie hatte Henrik gefragt, ob er mitkommen wolle, aber er hatte ihr mitgeteilt, er sei heute beschäftigt.

Kurz wie ein Windstoß durchfuhr sie Panik. Vielleicht zog er sich bereits wieder zurück. Vielleicht hatte er das Gefühl, seine Pflicht getan zu haben, jetzt, wo ihr Vater stabil und Karen-Lis nach Hause gekommen war. Vielleicht hätte sie ihn nicht drängen sollen. Hätte den Bruch nicht wieder erwähnen sollen.

Während sie ging, drückte sie die Tasche an sich. Das Recht war auf seiner Seite. Er hatte sein eigenes Leben, wie er selbst gesagt hatte. Warum ihn in etwas hineinziehen, worin er lieber nicht hineingezogen werden wollte? Sie fischte ein Taschentuch aus der Tiefe ihrer Manteltasche hervor. Musste stehen bleiben, während sie nieste. Verdamm, warum war sie so sensibel. Zum Teufel mit der Abhängigkeit. Wenn sie sich doch befreien könnte wie Karen-Lis. Wenn sie sich doch damit begnügen könnte, ihr eigenes Leben zu leben und nicht das der anderen, dann würde sie vielleicht auch nicht so abschreckend wirken. Denn aus diesem Grund hatte sie ihn doch verloren. Das wusste sie genau. Weil sie die Tochter ihres Vaters war. Weil die Familie sie mehr brauchte als Henrik. Weil sie auf den Pausenknopf drücken konnte, wenn es um ihn ging. Aber nicht, wenn es um die Familie ging.

Das chinesische Restaurant war wie so viele seiner Art. Rote Lampen aus Reispapier mit ebenso roten Seidenfransen hingen von der Decke herunter; die Wände schmückten Paneele mit Feuer spuckenden Drachen und angreifenden Löwen, und auf den schwarzen Lacktischen lagen rote Tischdecken mit ähnlichen Motiven. Das Tagesgericht war ein Mittagsbüfett für 69 Kronen.

Sie bestellte scharfsaure Suppe und Schweinefilet in schwarzer Bohnensauce aus der Menükarte. Als die Bedienung mit der Suppe kam, fragte sie nach der Besitzerin, die kurz darauf aus dem hinteren Teil des Restaurants auftauchte.

Die Frau war in den mittleren Jahren, hatte aber die Figur eines Kindes. Vorsichtig näherte sie sich Kits Tisch. »Sie haben angerufen?«

Kit lächelte. Stand auf und gab ihr die Hand. »Kit Bennett.«

Sie zeigte auf die dampfende Schale auf dem Tisch. »Leckere Suppe.«

Die Frau lächelte zurück. Feine Runzeln überzogen ihr Gesicht. »Die meisten nehmen das Büfett.«

Kit zog ihr einen Stuhl vor und nahm selbst wieder Platz. Sie griff nach der Tasche und holte die Karte heraus. Öffnete sie und reichte sie der chinesischen Frau, die zuerst verwirrt auf die Zeichen guckte. Dann schien ihr Gesicht plötzlich aufzuleuchten.

»Goldener Drache«, sagte sie entzückt. »Wie mein Onkel.«

»Ihr Onkel? Ich verstehe nicht.«

Die Chinesin schwenkte die Karte in der Luft. »Mein Onkel ist ein Goldener Drache«, sagte sie und wiederholte die Worte auf Chinesisch.

»Ein Goldener Drache«, sagte Kit. »Ist das auf Kantonesisch oder Mandarin-Chinesisch geschrieben?

Wieder schien die Frau sie nicht zu verstehen. Sie schüttelte den Kopf. »Alles Chinesisch ist quasi gleich. Wenn man es schreibt.«

Ihr Vater hätte das natürlich gewusst. Sie selbst hatte alles über chinesische Schrift vergessen. Einmal hatte sie die Sprache gesprochen; jedenfalls so, dass sie mit den anderen Kindern spielen konnte. Sie wusste, dass die meisten Hongkong-Chinesen Kantonesisch sprachen.

Kit lächelte. »Was bedeutet das? Goldener Drache ... Wie Ihr Onkel, sagen Sie?«

»Der Drache ist ein sehr glückliches Zeichen. Das glücklichste Zeichen ist der Goldene Drache. Es gibt fünf verschiedene Drachen und zwölf Monate im Jahr. Fünf mal zwölf sind sechzig. Immer wenn sechzig Jahre vergangen sind, wird ein Goldener Drache geboren. Dieses Jahr ist so ein Jahr.«

»Jetzt? Das Jahr 2000?«

Die Chinesin nickte. Kit begann zu verstehen. Und ärgerte sich, dass sie den chinesischen Kalender aus der Frauenzeitschrift fortgeworfen hatte, weil sie sich nicht für Sternzeichen interessierte, da sie solche Sachen für Zeitverschwendung hielt.

»Ihr Onkel wird dieses Jahr sechzig Jahre alt?«

Die Frau lächelte. »Großes Fest.«

»Goldener Drache«, wiederholte Kit leise. Das konnte nichts mit ihrem Vater zu tun haben, der einundsechzig war. Es musste etwas anderes bedeuten. Eine andere Person betreffen.

Die Bedienung kam mit dem dampfenden Hauptgericht, und die Frau erhob sich und verneigte sich leicht.

»Tausend Dank«, sagte Kit. »Sie waren mir eine große Hilfe.«

Sie ließ die Bedienung die leere Suppenschale mitnehmen.

Als sie wenig später auf dem Weg zurück zu ihrem Auto war, fiel ihr ein, dass sie vergessen hatte, auf die Toilette zu gehen. Sie entschloss sich, in einem nahen Café einen Tee zu trinken. Es wehte noch immer, aber der Schneefall hatte aufgehört, sodass nur noch vereinzelte Flocken auf den Boden fielen.

Im Inneren des Cafés roch es nach nassen Mänteln und vielen Menschen. Es war der dritte Weihnachtstag, und die Leute hatten offenbar genug vom Familienleben und waren in die Stadt gegangen. Tüten mit Geschenken standen gegen die Tische gelehnt und zeugten davon, dass sie in einen großen Umtauschtag geraten war.

Sie hatte sich gerade an den Tresen gelehnt und einen Tee bestellt, als sie eine wohl bekannte Stimme über den Lärm hinweg erreichte. Sie drehte sich um. Henrik saß an einem der kleinen runden Tische, zu einer blonden Frau hingebeugt, die sich an seinen Arm klammerte. Jetzt sah er auf. Sie wollte wegblicken, konnte aber nicht. Ihre Augen begegneten sich irgendwo mitten im Raum, und sie spürte, wie sie unter dem Mantel zu schwitzen begann. Sie brauchte Luft.

»Bitte. Sechzehn Kronen.«

Der Barkeeper setzte ihr den Tee vor die Nase. Mit zitternden Händen zog sie das Portemonnaie aus der Tasche. Sie gab ihm zwanzig Kronen und stürzte aus der Tür.

12

Nie hatte sie aufgehört sich zu wundern, wie sehr sie ihren Mann liebte.

Merkwürdig, wie ein Herz sich weiten und mehr fassen konnte, als man je für möglich gehalten hatte. Sonderbar, dass man für eine Liebe, von der man glaubte, dass sie größer nicht werden konnte, plötzlich noch mehr Raum schaffen konnte. Für all das, was in Wirklichkeit vielleicht nicht so liebenswert war. Für Fehltritte und Mängel. Für Unzulänglichkeit. Für den Mangel an Liebe oder sogar für die Liebe zu einem anderen Menschen.

Ina hatte immer gewusst, dass das möglich war. Aber trotzdem war sie überrascht. Jeder Tag war eine Überraschung, und sogar jetzt, wo er hier im Bett lag, schienen ihre Gefühle noch weiter zu wachsen. Und die Angst, ihn zu verlieren, ergriff sie, wie wenn sie ein seltenes Mal einen Fahrstuhl nahm und merkte, wie die Wände langsam aber sicher zusammenrückten und sie zu zerquetschen drohten.

Er schlief. Vorsichtig nahm sie seine Hand in ihre. Begann die Lippen zu einem Flüstern zu bewegen, das nur sie selbst hören konnte.

»Sie ist noch immer bei dir, das weiß ich genau. Sie hat einen Platz in dir genau wie du in mir.«

Längst war sie zu dem Schluss gekommen, dass ihre Liebe zu ihm eine Ausnahme war. Dass es so etwas nicht mehr gab. Doch das lag einzig und allein daran, dass er selbst eine Ausnahme war und dass es solche wie ihn nicht mehr gab. Die junge Generation. Die Mädchen. Ihnen war diese Art von Liebe bestimmt nicht mehr gegeben. Denn die jungen Männer glichen sich so sehr, als wären sie alle von einem Fließband.

Oft hatte sie so gedacht. An die jungen Leute. Die in ihrer Jagd nach Perfektion und dem Einzigartigen in Wirklichkeit die andere Seite der Münze bekamen, das Vorhersehbare und Langweilige. Es war kein Wunder, dass ihre Töchter verwirrt waren und jede auf ihre Weise rastlos in der Gegend herumsuchte und immer, immer wieder zu ihrem Vater zurückkehrte. Dem einzigen Mann, der es wert war, geliebt zu werden.

Oft erkannte sie in Kit sich selbst. In ihrer Vorsichtigkeit und Abhängigkeit. In ihrem hoffnungslosen, endlosen Versuch, die Welt dazu zu bewegen, sie so zu sehen, wie sie die Welt sah. Karen-Lis würde zurechtkommen. Sie war aus einem anderen Stoff gemacht. Aber Kit, sie schien noch immer nicht flügge geworden zu sein. Schien darauf zu warten, dass etwas sich entfaltete. Genau wie es ihr damals gegangen war, als sie in der Erkenntnis, dass die Eltern einen nicht den ganzen Weg begleiten können und die Wege sich irgendwann trennen müssen, beschlossen hatte, sich ihre eigene Sicherheit zu schaffen.

Kit dürstete es nach der Liebe ihres Vaters wie einen Rauschgiftsüchtigen nach seinem Stoff, und es tat weh, das zu sehen. Natürlich liebte er sie. Seine Mädchen. Aber er war ein Mann, der seine Liebe nur sparsam und an vieles und viele austeilte. Oft genügten er und seine Arbeit sich selbst. Seine glücklichsten Stunden hatte er alleine in seinem Büro verbracht, bei einem guten, per Telefon abgewickelten Geschäft oder, wenn er die Möglichkeit dazu hatte, einem guten Schachspiel. Wenn er die Gedanken schweifen lassen und an sie denken konnte, an die Frau, deren Existenz sie hatte akzeptieren müssen, wollte sie ihn und ihr Leben mit ihm behalten.

Und das wollte sie.

Die Jahre in Nyborg waren die besten gewesen. Die Mädchen waren noch klein. Sechs und neun. Dänemark war für sie eine ganz neue Welt, und dann war da Großmutters und Großvaters Haus, das sie aufgenommen und umschlossen hatte, wie eine Puppe zwei kleine Seidenraupen umschließt.

Sie war hier glücklich gewesen. Mit Hongkong auf Abstand. Sie hatte die Familie gefunden, die sie sich immer gewünscht hatte, und vor dem, was er auf seinen Reisen nach Hongkong tat, lernte sie Augen und Ohren zu verschließen. Ihre Lippen formten erneut fast lautlos die Worte.

»Du hast mich zum Lächeln gebracht. Kannst du dich daran erinnern? Für eine arrangierte Ehe ging es doch gar nicht so schlecht.«

Sie sah ihren Mann an. War da ein Lächeln um seinen Mund? Oder war es nur ein Schatten? Dachte er wohl jemals daran, dass sie auch etwas Gutes in sein Leben gebracht hatte? Dachte er daran, dass sie Recht gehabt hatte, als sie gesagt hatte: »Wir brauchen einander. Ich brauche einen Mann, das habe ich immer gewusst. Alleine bin ich zu unsicher. Und du. Eine Familie wird dir Ruhe und Respektabilität geben, Raum, das Geschäft zu dem zu entwickeln, wovon du träumst.«

»Und die Liebe?«, hatte er gefragt. »Wo kommt die ins Bild?«

Aber sie wusste, dass er ein praktischer Mann war, der dazu gebracht werden konnte, das Vernünftige an ihrem Vorschlag zu sehen.

Draußen wehte es. Jetzt schlug ein Ast gegen die Scheibe, und sie hörte das Trommeln des Regens in der Dachrinne. Einen Moment fragte sie sich, ob er es wohl auch hörte.

Sie beugte sich über ihn. Ob er fror? Vielleicht sollte sie ihm eine neue Strickjacke stricken. Oder einen Schal. Sie sah seine Züge forschend an. So viele Jahre. Und noch immer war er ein Rätsel für sie. Er hatte immer sehr viel für sich behalten, und sie wusste, dass er Seiten hatte, von denen sie nichts wissen sollte. Vielleicht war sie ziemlich altmodisch, aber sie hatte nichts dagegen. Die ganzen neumodischen Ideen, dass man einander die Seele offenbaren sollte, hatten sie nie gebraucht. Und trotzdem wusste sie mehr von ihm, als er ahnte.

Der Baum draußen wurde geschüttelt und tönte das Licht im Zimmer in unterschiedliche Schattierungen, die auf sein Gesicht fielen. Unruhig bewegte er sich im Bett, und sie ließ seine Hand los und streichelte ihn. Spürte seine Haut, die kalt war, und entschloss sich für die Strickjacke. Vorsichtig streichelte sie die Stirnfalten, als wollte sie sie glätten.

»Wo magst du wohl sein? Wo bist du jetzt?«

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410 p. 1 illustration
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9788726569650
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