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Else Ury

Jungfer Fürwitz

Saga

Jungfer Fürwitz

Coverbild/Illustration: Shutterstock

Copyright © 1917, 2021 SAGA Egmont

Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 9788726884579

1. E-Book-Ausgabe

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit der Zustimmung vom Verlag gestattet.

Dieses Werk ist als historisches Dokument neu veröffentlicht worden. Die Sprache des Werkes entspricht der Zeit seiner Entstehung.

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»Puh – ihr macht ja alle so wichtige Gesichter, was gibt's denn bloß?« ein allerliebstes Mädchen von etwa dreizehn Jahren steckte den braunen Krauskopf zur Tür hinein. Die munteren Augen gingen neugierig vom Vater zur Mutter, und von der Mutter zur Tante.

»Willst du nicht erst Tante Marianne begrüßen, Jungfer Fürwitz?« meinte die Mutter mit leisem Vorwurf.

Das junge Mädchen errötete und holte das Versäumte schnell nach, war doch Tante Marianne die Lieblingstante sämtlicher Nichten und Neffen.

»Und das Wurm willst du nun mitnehmen!« Vater schüttelte seinen Kopf.

»Wie – wa–as?« Ursel blieb der frische, rote Mund halb offen vor Staunen und Aufregung.

»Tante Marianne will gern eine ihrer jungen Nichten zur Begleitung mit auf die Reise nehmen, um Gesellschaft und jugendliche Anregung zu haben«, begann die Mutter. Sie schien nicht recht erbaut von der Absicht ihrer Schwägerin.

»Himmlisch – famos – ach, ich will dich ja so anregen, Tante Marianne, Tag und Nacht –« beteuerte Ursel mit glühenden Backen.

»Nee, danke, danke vielmals – nachts brauche ich meine Ruhe«, lachte die Tante amüsiert über den Pflichteifer ihrer in Aussicht genommenen Reisebegleitern.

»Du bist uns noch zu jung und vor allem zu fürwitzig, Kind. Vater und ich, wir sind mehr dafür, daß die Tante Cousine Ella auffordert, das ist ein ruhiges, verständiges Mädel.«

»Ach, Ella – die ist doch so tranig, bei der hat Tante Marianne nicht mal am Tage Anregung«, es zuckte enttäuscht um den jungen Mund.

»Jungfer Fürwitz!« drohte der Vater.

»Wann reist du denn, Tante Marianne? Doch erst im Sommer, nicht? Bis dahin bin ich ja schon schrecklich alt, dreizehneinhalb, gar nicht mehr viel jünger als Ella!« Ursel führte ihre Sache so beredt wie ein Advokat.

»Die wird inzwischen doch auch älter«, Tante Marianne belustigte sich köstlich. »Aber es handelt sich um den Winter, Ursel, ich will diesmal eine Weihnachtsreise machen.«

»Hurra – – –« Ursel vollführte, trotzdem sie bald »schrecklich alt« war, einen stuhlhohen Luftsprung.

»Na, habe ich denn nun nicht recht, daß das Kücken noch zu unverständig ist, um ohne Vater und Mutter die Nase in die Welt hineinzustecken!« Vater betrachtete sein Mädel lächelnd.

»Tante Marianne ist ebensogut wie Vater und Mutter zusammen, Tante ist doch ganz furchtbar verständig, gleich für mich mit – bitte, bitte, erlaubt es doch!« Ursel sprang bettelnd vom Vater zur Mutter und von dort wieder zurück, unermüdlich wie ein Uhrpendel.

»Danke für die gute Meinung, will zusehen, daß ich sie auch rechtfertige«, lachte Tante Marianne trocken. »Aber ich weiß ja noch gar nicht, ob du auch wirklich Lust hast, Ursel, es geht nämlich in die Winterberge, nach Brückenberg, in des Herrn Rübezahls Reich!«

»Ach, Tante Marianne,« jetzt mußte sich die Tante eine ungestüme Umarmung gefallen lassen, »das ist ja ganz famos! Da rodelt man und läuft Schie – –«

»Sag' ich's nicht?« unterbrach sie die Mutter ganz bekümmert, »Jungfer Fürwitz denkt gleich zuerst an den halsbrecherischen Sport. Ist es da ein Wunder, wenn man sein einziges Kind nicht von sich lassen will, noch dazu, wo sie erst vor kurzem vom Scharlachfieber genesen ist?«

»Mütterchen, liebes Mütterchen, ich will ja auch ganz gewiß nicht rodeln und nicht Schie laufen und nicht den Hals brechen!« beteuerte Ursel gerührt.

»Versprich nicht zuviel – ich meine, was das Rodeln und Schielaufen anbetrifft«, mahnte die Tante lächelnd. Es wird dem Kinde gerade nach der überstandenen Krankheit gut tun«, beruhigte Tante Marianne das ängstliche Mutterherz. »Paß auf, wie frisch und rotwangig ich sie euch wieder heimbringe!«

»Gott geb's!« Ein tiefer Seufzer begleitete diese Worte der Mutter. Sie konnte sich nun mal mit dem Gedanken einer Winterreise nicht recht befreunden.

»Also mach dich zur nächsten Woche bereit, in acht Tagen gibt's Ferien, dann geht's los, die Erlaubnis von deinen Eltern hatte ich schon, bevor du kamst«, die Tante nickte ihrem Nichtchen aufmunternd zu.

»Du bist die aller – allerbeste Tante der Welt!« Ursel zerdrückte die arme Tante fast mit ihren Dankesbezeigungen.

»Und was wird aus deinem Lernen, Mädel?« wandte die Mutter noch einmal ein. »Du weißt, daß du von deiner Krankheit noch Versäumtes nachzuholen hast.«

»Ach Mütterchen, das kann ich doch auch in Brückenberg, und es sind doch Weihnachtsferien und – Himmel, da werde ich am Heiligabend ja gar nicht hier bei euch sein!«

»Ja, fehlen wird uns die Krabbe am Weihnachtsabend – aber noch kannst du zurück, Ursel«, neckte der Vater.

»Nein, nein, das ist ja gerade mein schönstes Weihnachtsgeschenk.« Die kleine Wolke war bereits vorübergezogen. Ursel lachte der Himmel wieder in ungetrübter Bläue.

»Mehr gibt's denn auch nicht, verstanden, wer nicht da ist, kriegt auch nichts geschenkt.« Aber das Töchterchen wußte, wie der Vater es meinte.

»Allenfalls noch die Ausrüstung von mir schon im voraus, ich besorge alles Notwendige für das Mädel, und gut wird es dem Blaßschnabel sicher tun.« Damit nahm Tante Marianne Abschied.

Das Wort »Ausrüstung« fiel der Mutter wieder schwer auf die Seele. Eine richtige Ausrüstung brauchte man dazu? Herrgott, ihr armes Kind! Wie würde es da oben in den verschneiten Bergen frieren! Denn wenn man schon von Sommerfrische im Gebirge spricht, wie mag die Winterfrische erst dort sein! Und die Mutter nahm sich vor, noch besonders für warme Woll- und Pelzsachen Sorge zu tragen. Sie hatte doch bloß die eine! Noch dazu solche Jungfer Fürwitz, die selbst an nichts dachte und alles auf die leichte Schulter nahm.

Die acht Tage bis zur Reise schienen Ursel zu kriechen. Sie konnte die Zeit gar nicht mehr erwarten. Selbst in der Schule dachte sie an nichts anderes.

Tante Marianne ging mit ihr einkaufen. Jubelnd berichtete Ursel den Schulfreundinnen und den Eltern daheim von ihrer neuen Ausrüstung. Von den benagelten Bergstiefeln, den Wickelgamaschen, von Sweater, Rodelmütze, Schal und gestrickter Reformwäsche. Letztere war Balsam für das ängstliche Mutterherz.

So kamen die Weihnachtsferien heran.

Ein nebelgrauer, naßkalter Regentag brach an, Ursels heißersehnter Reisetag. Man mußte morgens früh Licht brennen, um überhaupt etwas sehen zu können. Die Sachen lagen wohlgeordnet im Koffer, und Mutters Ermahnungen ebenso wohlgeordnet in Ursulas Seele.

Das Töchterchen stand aufgeregt am Fenster. Wenn Tante Marianne nur nicht des Wetters wegen aufschob!

»Ihr werdet in Brückenberg Kahn fahren müssen.« Der Vater hatte gern seinen Spaß mit dem Töchterchen.

Ein Wagen rollte vors Haus. Gleich darauf steckte Tante Marianne ihren weißen Kopf zur Tür hinein.

»Guten Morgen – na, fertig, Ursel, dann kann's losgehen!« Ursel küßte die Mutter zärtlich, versprach alles, ohne eigentlich recht zu wissen was, und wandte sich dann zum Vater. Hier war der Abschied zwar ebenso herzlich, aber ungleich kürzer.

»Vergiß nicht, daß du nicht zu deinem Vergnügen allein, sondern in erster Linie zu Tante Mariannes Gesellschaft dort bist.«

»Und sei nur nicht fürwitzig, Ursel!« Beide Eltern riefen es ihr wie aus einem Munde noch auf der Treppe nach.

Dann rollte der Wagen mit dem winkenden Töchterchen davon.

Ursel saß seelenvergnügt in dem mollig durchheizten, dem Gebirge zueilenden Eisenbahnzuge, und ihr Plappermäulchen stand kaum eine Minute still. Sie erfüllte ihr Amt, Tante Marianne anzuregen, höchst pflichtgetreu.

Draußen war alles grau in grau. Kahle Felder, kahles, frierendes Geäst, ab und zu schemenhaft aus flatternden Nebelfetzen auftauchend ein Haus. Hart schlug der Regen gegen die tropfenden Scheiben.

Drinnen aber schien die Sonne. Sie lachte aus Ursels jungen Augen und spiegelte sich in den alten, jungen Augen der Tante wider.

»Vom Gebirge wirst du heute auf der Eisenbahnfahrt wenig sehen, Kind.« Tante spähte hinter Liegnitz durch das wasserbeperlte Fensterglas. »Aber ich denke, du wirst heute noch Schlitten fahren können.«

»Wa–as?« Ursel lachte herzlich, Tante war auch zu spaßig. »Vater meinte, wir könnten Kahn fahren.«

»Lach' nur, wer zuletzt lacht, lacht am besten. Der häßliche, graue Regen, der hier unten fällt, ist fast immer droben in den Bergen leuchtend weißer Schnee – also abwarten!«

Ursel blickte die Tante ungläubig an, sie wußte nicht recht, ob es ernsthaft gemeint war. Der Gedanke, bei der Überschwemmung draußen Schlitten zu fahren, wirkte auch zu komisch!

Aber schon auf dem Hirschberger Bahnhof, wo man umsteigen mußte, um von hier aus die Gebirgsbahn zu benutzen, wurde sie schwankend. Hier unten regnete es zwar immer noch, aber wahrhaftig – schlohweiß lag die Riesengebirgskette in leuchtendem Neuschnee vor Ursels begeisterten Blicken. Doch jetzt war keine Zeit zum Gucken und Staunen. Tante zog ihr Nichtchen mit sich fort, dem Menschenstrome nach. Die Bahn wartete nicht.

Auf der einen Seite stiegen die Schreiberhauer ein, auf der andern die Krummhübler – Brückenberger. überall lachende, frohe Gesichter, Rodelschlitten und lange, spitze Schneeschuhe. – Mutter hätte das sehen müssen! Mutter, die heute morgen gesagt, so verdreht würde kein anderer Mensch sein, bei dem Hundewetter ins Gebirge zu fahren.

Die Abteile waren bis auf den letzten Platz besetzt.

»Das gibt eine feine Rodelbahn jetzt nach dem Neuschnee«, sagte ein älterer Herr in Ursels Abteil.

»Wir fahren Bob«, antwortete ein anderer.

»Ich will mich diesmal dem edlen Schiesport weihen«, mischte sich ein Dritter hinein.

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35 p. 1 illustration
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9788726884579
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