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Ell Wendt

Sommergäste in Sophienlust

Ein heiterer Roman

Saga

Sommergäste in Sophienlust

Coverbild/Illustration: Shutterstock

Copyright © 1956, 2020 Ell Wendt und SAGA Egmont

All rights reserved

ISBN: 9788726629248

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

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1

Der fünfte März begann wie alle Tage; vielleicht war er um eine Schattierung grauer und trübseliger als seine Vorgänger.

Beim Frühstück war Johannes schlechter Laune, weil er sich verschlafen hatte und zu spät dran war. Hinz, siebenjährig, schleckte den Honig vom Brot und mußte abwechselnd von Johannes und mir ermahnt werden. Schließlich war es so spät geworden, daß Johannes ihn im Wagen zur Schule nehmen mußte.

Ich war froh, als beide fort waren. Es herrschte nun eine grämliche Stille in der Wohnung. Ich ging umher und wedelte mit dem Staubtuch über die Möbel. Alles kam mir verbraucht und aufbesserungsbedürftig vor im grauen, nichts beschönigenden Licht dieses Tages. Das Wohnzimmer müßte eine neue Tapete haben, dachte ich, und die Bezüge sind auch schon recht verschossen. Ich seufzte bei dem Gedanken, wieviel Geld nötig war, um dem Verfall erfolgreich zu steuern. Wenn man der Wissenschaft glauben darf, erneuert sich der Mensch alle sieben Jahre von Grund auf; warum ist es bei den Dingen unseres täglichen Lebens nicht ebenso?

Meine Gedanken gingen zu Johannes. Wenn der neue Roman von Armin Pütter, den er im Herbst herausbringen will, ein Bombenerfolg wird — — Ich konnte mir die geringe Wahrscheinlichkeit dieser Hypothese nicht verhehlen. Johannes ist ein Idealist; er will das Publikum zu seinem Glück zwingen. Armin Pütters Bücher hingegen haben die Eigenschaft, im gleichen Maße an literarischem Wert zu gewinnen, in dem sie für den Durchschnittsleser ungenießbar werden. Der Vertrieb geistiger Erzeugnisse ist ein ebenso edles wie saures Brot! Wenigen Auserwählten gelingt es, damit auf einen grünen Zweig zu kommen.

Manchmal kann ich mich des ketzerischen Gedankens nicht erwehren, daß Johannes besser getan hätte, Apotheker oder Delikatessenhändler zu werden. Vielleicht stellten wir dann heute eine wohlfundierte Familie dar! Auf keinen Fall jedoch werde ich Hinz gestatten, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, obwohl auch er schon einen unverkennbaren Drang zu künstlerischer Betätigung offenbart.

Auf meinem Schreibtisch prangt von seiner Hand ein getreues Porträt unseres wackeren kleinen Fordwagens, den Freund Tom, weniger seines prunkvollen Äußern, als vielmehr seines unverwüstlichen Motors wegen „August den Starken“ getauft hat. August, ein Modell aus dem Jahre 1929, ist hochrädrig wie ein Zirkuskarren; von Stromlinie, Vorderradantrieb und Schwingachse ist ihm nichts an der Wiege gesungen worden. Dafür verbindet er das Aussehen unbestechlicher Rechtschaffenheit mit dem imponierenden Lärm eines Rennwagens. Wenn wir zu einer kleinen Sonntagsfahrt aufbrechen, strömt die Nachbarschaft an die Fenster, wo ihre Neugier sich alsbald in verständnisvolles Schmunzeln verwandelt.

„Seid froh, daß ihr überhaupt einen Wagen habt“, sagt Tom, der, als Maler einem noch weniger gewinnbringenden Beruf als wir ergeben, auf dem Fahrrad erstaunliche Leistungen im Überbrücken von Entfernungen vollbringt.

An jenem fünften März kam die zweite Post wie gewöhnlich um elf Uhr. Sie brachte einen Einschreibebrief an Johannes. Ich drehte den gelben Umschlag mißtrauisch hin und her; er roch förmlich nach Steuer und Finanzamt! Nun wird er sich wieder ärgern, dachte ich, als ich den Brief auf Johannes’ Schreibtisch legte. Gelbe Umschläge mit Maschinenschrift pflegten im allgemeinen nichts Erfreuliches zu enthalten. Manuskripte waren hoch das Beste, was man von ihnen erwarten durfte, und auch sie stellten meist ein zweifelhaftes Vergnügen dar.

Dieser Brief sah nicht nach Manuskript aus. „Dr. Hellbrich / Rechtsanwalt und Notar“ stand links unten in der Ecke. Also doch nicht vom Finanzamt! Ich wurde sehr neugierig, aber ich versagte es mir heroisch, den Brief zu öffnen. Johannes und ich waren der Ansicht, daß die Gemeinsamkeit der Ehe sich nicht auf das Briefgeheimnis erstreckt.

Auch Johannes betrachtete mittags den gelben Brief voller Argwohn. „Hoffentlich kein romanschreibender Rechtsanwalt“, sagte er, „das hätte mir noch gefehlt!“

„Warum?“ fragte ich, „vielleicht käme einmal etwas Spannendes dabei heraus. Du mit deinem ewigen Armin Pütter — —“

Johannes hatte den Brief geöffnet, er las halblaut: „Sehr geehrter Herr Berthold — — teile ich Ihnen mit — — mangels Leibeserben — —“ Sein Gesicht nahm einen ungläubigen Ausdruck an, seine Augen flogen über die Zeilen — —

„Sag, ist es etwas Schreckliches?“ fragte ich atemlos.

Johannes ließ das Blatt sinken. „Eva“, sagte er erschüttert, „wir sind Hausbesitzer geworden!“

2

Es ist keine Kleinigkeit, sozusagen von einer Minute zur andern in den Besitz eines Hauses zu gelangen, das bisher allen Wünschen so unerreichbar gewesen war wie ein Schloß im Mond. Die Nachricht traf uns unerwartet wie der berühmte Blitz aus heiterem Himmel. Wir brauchten Zeit, unser Glück zu fassen.

Rein äußerlich betrachtet, verhielt sich die Sache folgendermaßen: Wir hatten vor einigen Wochen die Nachricht von Onkel Theodors Tod mit der milden Trauer zur Kenntnis genommen, die man beim Ableben alter und entfernt lebender Verwandten zu empfinden pflegt. Der Onkel hatte das immerhin beachtliche Alter von 75 Jahren erreicht; fast ein Jahrzehnt lang hatten wir ihn nicht mehr gesehen. Er verbrachte seinen Lebensabend, von einer betagten Haushälterin betreut, in L., eine Tagereise von uns entfernt.

Wir wußten, daß er herzleidend und seit dem Tode seiner Frau, der guten Tante Sophie, ohne rechte Lebensfreude gewesen war. So waren wir geneigt, den Tod in diesem Fall als freundlichen Erlöser zu betrachten. Es war uns bekannt, daß des Onkels ehemals beträchtliches Vermögen durch unglückliche Spekulationen stark zusammengeschmolzen war; kein Gedanke an Erbschaft hatte sich in unsere Wehmut um den guten Onkel eingeschlichen. Um so unverhoffter kam uns dieser Brief, in dem schwarz auf weiß zu lesen stand, daß Onkel Theodor mangels Leibeserben seinem Neffen Johannes Berthold das Landhaus Sophienlust in Seewang a. See, Oberbayern, vermache. Mit allem Inventar.

Wir luden Tom zum Abendessen ein, das große Ereignis gebührend mit uns zu feiern. Tom, blond und von riesenhafter Statur, packte Johannes bei den Schultern und schüttelte ihn, bis ihm Hören und Sehen verging. „Gratuliere, alter Junge!“ rief er mit dröhnender Stimme, „haha, das nenne ich Glück — im Unglück“, fügte er, des verstorbenen Onkels eingedenk, taktvoll hinzu.

Auch Hinz war außer Rand und Band. „Warum hat der Onkel uns das Haus nicht schon früher geschenkt?“ fragte er, als ich ihn zu Bett brachte.

„Aber Herzchen, er wollte doch selber darin wohnen.“

„Wollte er gar nicht“, rief Hinz, „Onkel Tom hat gesagt, er versteht nicht, warum der alte Knabe —“

„Putze dir ordentlich die Zähne“, unterbrach ich streng, und nahm mir vor, Tom zur Vorsicht in Gegenwart des Jungen zu ermahnen.

Hinz sprang mit einem Anlauf ins Bett und hupfte darin auf und nieder, daß die Federn krachten. „Ich freue mich, ich freue mich!“ sang er nach einer selbst erfundenen Melodie und wollte anschließend wissen, ob wir nun immer in dem neuen Hause wohnen würden.

„Das wird sich alles finden“, sagte ich und deckte ihn zu mit der dringenden Aufforderung, er möge ein guter Junge sein und schnell einschlafen.

Im Wohnzimmer setzte ich mich in einen der großen, mit buntem Cretonne bezogenen Sessel. Die Stehlampe mit dem geblümten Seidenschirm tauchte den Raum in sanftes Licht; alle Mängel an Wänden und Möbeln schienen ausgelöscht. Ich hörte Johannes sagen, daß Onkel Theodor seit Tante Sophiens Tod nicht mehr gern in Sophienlust geweilt habe. Das Haus sei mehrmals vermietet gewesen, doch nun stehe es schon seit geraumer Zeit leer.

„Und wann werdet ihr hinausziehen?“ fragte Tom.

„Das ist eben die Frage“, sagte Johannes bedächtig (diese Bedächtigkeit brachte mich manchmal zur Raserei), „wahrscheinlich werden wir es uns nicht leisten können, das Haus zu bewohnen.“

„Bist du wahnsinnig?“ riefen Tom und ich aus einem Munde.

Johannes lächelte überlegen. „Wie stellt ihr euch das eigentlich vor?“ hub er an, „Sophienlust ist kein Wochenendhäuschen, sondern eine ausgewachsene Villa mit mindestens zehn Zimmern und einem beträchtlichen Park. Um die Jahrhundertwende legte man Wert auf Geräumigkeit. Rechnet euch mal bitte die Steuern aus, Grundsteuer, Hauszinssteuer usw., von den übrigen Spesen gar nicht zu reden!“

Ich schwieg betreten, während Tom sich erkundigte, ob Johannes an die Möglichkeit glaube, das Haus zu einem annehmbaren Preis zu verkaufen.

„Nein“, sagte Johannes düster, „wer kauft heute schon ein großes Haus?“

„Na also“, sagte Tom befriedigt, als sei damit alles aufs beste geregelt.

„Was soll das heißen?“ fragte Johannes gereizt.

„Daß ihr selber darin wohnen werdet“, verkündete Tom.

„Aber ich sage dir doch gerade —“

In mir schoß ein Gedanke empor wie eine Leuchtrakete. „Wir müßten natürlich die Wohnung während der Sommermonate schließen.“

Johannes sah mich mißbilligend an. „Und das Büro?“ fragte er.

„Wozu habt ihr den braven August?“ kam mir Tom zu Hilfe, „außerdem kannst du jederzeit bei mir übernachten.“

Johannes schwieg nachdenklich. Dann erklärte er in einem Ton finsterer Endgültigkeit, er habe den ganzen Nachmittag mit Berechnungen zugebracht. Wie man es auch drehe und wende, das Haus sei zu groß und zu kostspielig für eine Familie von drei Personen.

Nun konnte ich nicht länger an mich halten. „Wir werden das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden“, rief ich frohlockend.

Johannes und Tom sahen mich erwartungsvoll an.

„Indem wir in Sophienlust wohnen und zahlende Gäste aufnehmen werden“, fuhr ich siegesgewiß fort, „wenn jeder pro Tag zehn Mark zahlt —“

„Hör auf, hör auf“, schrie Johannes, „du bist verrückt geworden!“

„Warum?“ fragte Tom, „ich finde, sie ist vernünftiger als du.“

Ich sandte einen dankbaren Blick zu Tom hinüber. Johannes lächelte mit beleidigender Skepsis, aber dann begannen wir doch, den Plan zu erörtern. Die Rechnung mußte aufgehen, wenn wir imstande waren, genügend Gäste aufzunehmen. In diesem Fall müsse sich sogar ein Überschuß herauswirtschaften lassen, behauptete Tom.

Johannes starrte, von Zweifeln bedrängt, vor sich hin. „Wir werden morgen hinausfahren und uns das Haus ansehen“, entschied er schließlich, „seit zehn Jahren hat Onkel Theodor es nicht mehr bewohnt. Ich könnte mir vorstellen, daß es eine ziemliche Bruchbude ist.“

„Um so romantischer wird es werden“, sagte Tom, „schon der Name Sophienlust strotzt von Romantik. Die Gäste werden sich darum reißen, zu euch zu kommen. Sei kein Narr, Johannes! Das Schicksal gibt euch höchstpersönlich eine Chance!“

Aber Johannes, pessimistisch von Natur, ließ sich nicht ohne weiteres gewinnen. Er fragte düster, ob ich mir darüber klar sei, daß wir auf jedes Privatleben verzichten müßten, falls der Plan sich verwirklichen lasse.

Ich lachte. Im Augenblick kam mir alles ungeheuer einfach vor. Der geldliche Erfolg würde uns für jede Entsagung entschädigen. „Denk nur, Johannes, wir werden es zu Wohlstand und Ansehen bringen. Niemand wird in Zukunft sagen können, daß wir einem brotlosen Beruf obliegen. Und wenn obendrein der Roman von Armin Pütter ein Bombenerfolg wird —“

„Stop!“ rief Tom lachend, „deine Phantasie schießt ins Kraut, meine Liebe!“

3

Am nächsten Tage fuhren wir hinaus nach Seewang a. See. Der sechste März gab dem fünften an Unfreundlichkeit nichts nach. Ein kalter Regen schlug gegen die Windschutzscheibe und zwang Johannes, den Scheibenwischer in Tätigkeit zu setzen, eine Maßnahme, zu der wir uns ungern entschlossen, denn der Scheibenwischer hatte die Gepflogenheit, sich festzuhaken und unsere Fahrt mit dem hartnäckigen Tack-Tack eines Maschinengewehrs zu begleiten. Einer von uns mußte dann aussteigen, um ihn zu seiner Pflicht zurückzuführen.

Nachdem ich zum dritten Male ausgestiegen war, wandte ich mich mit der Frage an Johannes, ob er es für möglich halte, daß wir uns einen neuen Wagen leisten könnten, falls wir über Erwarten zahlreiche Gäste bekämen. Johannes schnob verächtlich durch die Nase. Er war stark von August in Anspruch genommen, der auf der holperigen Straße am Seeufer einer kundigen Hand bedurfte. Seewang war von der Stadt in vierzig Minuten mit dem Auto zu erreichen. August benötigte eine Stunde, um die Strecke zu bewältigen. Wir fuhren mit Getöse in den kleinen Ort ein und hielten an, um einen Einheimischen nach der Wohnung des Schreiners Xaver Windschagl zu fragen, der die Schlüssel zum Hause in Verwahrung hatte.

Wir waren nie zuvor in Sophienlust gewesen, da wir zu einer Zeit nach M. zogen, als der Onkel schon seinen ständigen Wohnsitz in L. hatte. Es war uns nur bekannt, daß das Haus etwa zehn Minuten vom Ort entfernt, in stiller Abgeschiedenheit am Seeufer lag.

Xaver Windschagl war nicht zu Hause; statt seiner erbot sich seine Gattin Rosina, uns nach Sophienlust zu begleiten. Sie war eine rüstige Frau in den Vierzigern, deren Dirndlgewand viel Molliges umschloß; während der kurzen Fahrt beklagte sie wortreich sowohl Onkel Theodors Tod als auch Sophienlust, dem die verschiedenen Mieter arg zugesetzt hätten.

„Ein so ein herrliches Haus“, seufzte Frau Windschagl, als wir von der Landstraße abbogen und nach einer kurzen steilen Abfahrt durch ein hölzernes Gatter, das ehemals grün gewesen sein mochte, das Landhaus erreichten.

Wir verließen August und schauten uns beklommen um. Sophienlust war genau das, was man sich um die Jahrhundertwende unter einem Landhaus vorgestellt hatte. Zweistöckig, mit weißem Verputz und roten Sandsteineinfassungen an den Fenstern, mit trutzigen Giebeln und einem massiven runden Turm, der jedem Schloß zur Zierde gereicht hätte und zum Überfluß von einem winzigen Türmchen gekrönt wurde, lag das Haus wie ein Alptraum aus der Ankersteinbaukastenzeit vor uns.

Rundbogenfenster schauten uns an, deren oberes Drittel grün und obendrein mit Seerosenornamentik geschmückt war; hier und da gab es kleine hölzerne Balkons, sie waren der Fassade wie Vogelnester angeklebt. Sophienlust mochte vor dreißig Jahren ein pompöses Bauwerk gewesen sein; heute standen wir, Kinder einer sachlichen und zweckbetonten Zeit, mit frommem Schauder davor.

„Allerhand, was?“ sagte ich kleinlaut zu Johannes, während Frau Windschagl die Haustür aufschloß. Johannes sagte gar nichts.

Nun standen wir in der großen Diele. Die Luft hier drinnen hatte eine verzweifelte Ähnlichkeit mit dem kühlen und atemraubenden Hauch, der einem aus Grüften entgegenweht. An den Wänden war der, weiße Verputz abgebröckelt; ein lebensgroßes Gemälde, irgendeinen Vorfahren aus Onkel Theodors Familie darstellend, schien ironisch so viel verschollene Romantik zu belächeln.

Wir durchschritten die Räume stumm und andächtig wie ein Museum. Onkel Theodor hatte es mit dem Altdeutschen gehalten: wir fanden dunkel getäfelte Wände und Butzenscheiben im Erker des Speisezimmers; wir fanden ein Büfett von unwahrscheinlichen Ausmaßen, mit Zinnen und Türmchen verziert. Es gab viel Zinn auf Wandbrettern und Truhen, kernige Wandsprüche in Brandmalerei, Stühle, deren Ornamentik sich schmerzhaft in den Rücken bohren mußte, und Geweihe! Vor allen Dingen Geweihe!

„Ich wußte gar nicht, daß der Onkel Jäger war“, sagte Johannes verwundert.

In Sophienlust sei der gnädige Herr niemals auf die Jagd gegangen, warf Frau Windschagl ein. Ich erkundigte mich leise bei Johannes, ob man Hirschgeweihe kaufen könne, einfach so im Laden, wie Zinn und Wandsprüche.

„Unsinn“, sagte Johannes ärgerlich und verharrte mit gerunzelter Stirn in Tante Sophiens Wohnzimmer.

Hier feierte der Jugendstil Orgien! Wiederum waren es Seerosen, die sich auf dem verschossenen graugrünen Plüsch der Möbel wanden; sie wiederholten sich auf dem Fries, mit dem die olivenfarbene Tapete abschloß, und kehrten in kunstvoller Holzarbeit auf einer Vitrine wieder, die, ehemals gewiß voll zierlicher Nippes, uns nun aus blinden Glasscheiben anstarrte. Über dem Sofa hing in schwerem Goldrahmen ein Reigen bacchantischer Mädchen in griechischen Gewändern, mit Rosenkränzen im Haar.

Tante Sophiens Wohnzimmer war der erste Raum im Hause, in dem es keine Hirschgeweihe gab. Aber man wurde dessen nicht recht froh.

„Laß uns einen Augenblick hinausschauen“, bat Johannes und trat ans Fenster. Vor uns lag, nur durch eine Wiese mit einem großen Lindenbaum getrennt, der See in grausilberner Weite. Hinter Regenschleiern ahnte man am anderen Ufer die zarten Umrisse sanft geschwungener bewaldeter Hügel. Es war ein Bild von großer geruhsamer Schönheit. Der Druck, der mein Herz umklammert hielt, seitdem wir das Haus betreten hatten, begann sich zu lösen.

Während wir die geschwungene Treppe zum ersten Stock hinaufstiegen, sagte ich zu Johannes: „Wir werden natürlich etwas hineinstecken müssen.“

Johannes sagte nichts; er ging, von unheildrohendem Schweigen umhüllt, durch die Räume. Es waren lauter Schlafzimmer. Wer Onkel Theodors Hang zur Einsamkeit nicht kannte, mußte den Eindruck gewinnen, daß er einer ausschweifenden Gastlichkeit gehuldigt hatte. Betten bekamen wir auf jeden Fall genug. Auch sie wiesen eine verwirrende Fülle kunstvoll gedrechselter Kugeln und zackiger Muschelaufsätze auf, und über Waschtischen und Kommoden hingen wiederum Geweihe.

„Wenn wir die Wände hell anstreichen lassen, wird es gleich freundlicher aussehen“, sagte ich tröstend zu Johannes.

Er schüttelte nur trübe den Kopf. Männer haben keine Phantasie. Johannes’ Blick haftete am trübselig Gegenwärtigeh, ohne die Möglichkeit, es kraft seiner Vorstellungsgabe in ein freundlich Zukünftiges zu verwandeln.

Zuletzt führte uns Frau Windschagl in den Turm, der unverhofft ein rundes Stübchen barg. Hier hatte Onkel Theodors Liebe zu verschnörkelten Möbeln und Hirschgeweihen haltgemacht; die Wände waren weiß gekalkt, und die Leere des kleinen Raumes legte sich besänftigend auf unsere Nerven. In Gedanken stellte ich helle Möbel hinein und versah die Fenster mit Vorhängen aus buntem Chintz.

„Dies wird unser schönstes Gastzimmer werden!“ rief ich frohlockend. Aber Johannes goß Wasser in den Wein meiner Begeisterung. Er behauptete, der Wind werde durch alle Fugen blasen und den jeweiligen Bewohner mit unheilbarem Rheumatismus schlagen. Ich schalt Johannes einen unverbesserlichen Pessimisten und wandte mich mit der Frage an Frau Windschagl, ob sie Lust verspüre, gegebenenfalls die Rolle einer Zugeherin in Sophienlust zu übernehmen.

„O mei“, verwunderte sich die Brave, „a Pension wollen S’ machen da heraußen?“

„Nicht ganz“, verbesserte ich, „wir werden hier wohnen und Gäste aufnehmen, zahlende Gäste.“

„I sog’s ja, a Pension“, beharrte Frau Windschagl und äußerte Zweifel an der Rentabilität eines derartigen Unternehmens. Ich zog es vor, das Gespräch nach einem Blick auf Johannes abzubrechen. Er sah genau so aus, als stimme er Frau Windschagl aus vollem Herzen zu.

Nachdem wir bei einem Gang durch den Park noch ein verfallenes Gartenhäuschen mit bunten Fenstern entdeckt hatten, das die Reste einer tönernen Zwergenfamilie und ein ebenfalls tönernes Reh mit abgebrochenen Vorderläufen barg, verabschiedeten wir uns erschüttert von Frau Windschagl. Wir bestiegen August den Starken und fuhren unter einem gewaltigen Aufwand an Lärm davon.

Auf der Landstraße tat Johannes endlich den Mund auf. Was dabei herauskam, klang nicht sehr ermutigend. Er nannte Sophienlust eine alte Bruchbude, die es verdiene, vom Erdboden zu verschwinden.

„Wie undankbar du bist“, schalt ich, „wenn das der gute Onkel hörte! Natürlich muß im Hause dies und jenes gerichtet werden.“

„Dies und jenes!“ höhnte Johannes. „Tausende wären nötig, um dieses Raubritterschloß in einen menschenwürdigen Zustand zu versetzen.“

Ich mußte lachen; die Vorstellung von Onkel Theodor als Raubritter entbehrte nicht der Komik. „Mit heller Farbe und Cretonne ist schon viel getan“, nahm ich das Gespräch wieder auf.

„Vor allen Dingen müßten Türen, und Fensterrahmen gestrichen werden“, sagte Johannes, dessen Sinn stets in erster Linie auf das Praktische gerichtet war, „und glaubst du etwa, daß unsere Gäste beim Anblick des Badezimmers jubeln werden?“ Nein, das glaubte ich keineswegs! Das Badezimmer war in der Tat ein dunkler Punkt. Es enthielt nichts außer einer verbeulten Blechwanne auf hohen Füßen und einem alten Ofen, der mit Holz zu heizen und schief wie der Turm von Pisa war. Auf Badekultur hatten unsere Altvorderen offenbar keinen Wert gelegt!

„Man müßte einen Waschtisch anbringen“, erwog ich nachdenklich.

„Man müßte, man müßte“, spottete Johannes.

„Mit deinem Pessimismus um jeden Preis kommen wir auch nicht weiter“, sagte ich böse.

Wir waren auf dem besten Wege, in Streit zu geraten. Eine Weile fuhren wir schweigend dahin. August schnob die Straße entlang wie ein Drachen; es war ein Wunder, daß er nicht auch Feuer spie.

„Nun, wir werden sehen, was sich tun läßt“, lenkte Johannes endlich ein.

Wir ließen das Innenarchitektonische vorläufig ruhen und wandten uns der Frage zu, ob Sophienlust gegebenenfalls umzutaufen sei. Es gab allerlei, was dagegen sprach, in erster Linie die Tatsache, daß das Haus unter dem Namen in der Gegend bekannt war. Außerdem hatte der Name etwas von lavendelduftender Altertümlichkeit. Er erinnerte mich an ein altes Schlößchen; es war in einem wundervollen Park gelegen, verwunschen wie Dornröschen, und hatte Sibyllenort geheißen.

„Wie werden sich unsere Gäste freuen, wenn sie sich etwas Ähnliches unter Sophienlust vorgestellt haben und dann der Wirklichkeit ins Auge sehen müssen“, bemerkte Johannes und steuerte August durch die Gefahren des städtischen Verkehrs unserer Wohnung zu.

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Volume:
200 p. 1 illustration
ISBN:
9788726629248
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