Der Tote unterm Weihnachtsbaum

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Der Tote unterm Weihnachtsbaum
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Elke Boretzki

DER TOTE UNTERM WEIHNACHTSBAUM

Ein Fall von Kommissar Höflich

Ein Weihnachtskrimi in 24 Kapiteln

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2015

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Titelfoto „christmas eve“ © 2mmedia (Fotolia)

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Epilog

Kapitel 1

In einem wunderschönen alten Hotel, verträumt auf dem Gipfel eines Berges gelegen, saß im Foyer des Hauses, elegant lässig in seinem Sessel zurück gelehnt, Kommissar Hans Christian Höflich und nippte genießerisch an seinem Cognac, während er unauffällig eine einzelne Dame beobachtete, die ganz in der Nähe des Eingangs saß und mit besorgtem Gesichtsausdruck die eintreffenden Gäste musterte. Sie wirkte angespannt und sah immer wieder auf ihre Armbanduhr.

„Wer würde eine solche Frau nur warten lassen?“ Höflich konnte es sich beim besten Willen nicht vorstellen und runzelte verwundert die Stirn.

Die Kellnerin nahm am Nachbartisch eine Bestellung auf und lächelte ihm freundlich zu. Höflich lächelte zurück. Sie gefiel ihm. Wenn sie an seinen Tisch kam, würde er noch einen Cognac bestellen.

Plötzlich sprang die schöne Dame von ihrem Platz auf. Mit vor Schreck geweiteten Augen starrte sie zur Eingangstür, vermutlich auf jemanden, der gerade eingetreten war, machte eine hilflose Geste und …

„Kann ich Ihnen noch einen bringen?“

Natürlich würde er noch einen Cognac trinken. Doch musste sie ausgerechnet jetzt stören!

Die Stimme hatte Höflich durcheinander gebracht. Irgendwie passte sie nicht zu der kleinen, rundlichen Kellnerin.

„Kann ich … Herr Kommissar!“

Er sah irritiert auf und begegnete dem fragenden Blick seines hochgewachsenen Assistenten Rosenkranz, der einen Aktenordner von seinem Schreibtisch genommen hatte, um ihn wieder an seinen Platz in den Aktenschrank zu stellen. Dabei stieß er versehentlich mit dem Ordner den Telefonhörer herunter. Schnell nahm er ihn auf und legte ihn wieder auf die Station.

Das Geräusch hatte Höflich aus seinem Tagtraum gerissen. Schnell verblasste das Bild vor seinem inneren Auge. Der Kommissar blinzelte.

Er saß in seinem Büro, das er seit einem halben Jahr mit seinem Assistenten teilen musste, am Schreibtisch. Vor ihm ein heilloses Durcheinander von Schriftstücken, Heftern, Folien und kleinen Zetteln mit lässig hingekritzelten Notizen darauf oder mit Telefonnummern versehen, jedoch ohne den dazu gehörigen Namen, was sie spätestens nach zwei Tagen unbrauchbar machen würden.

„Bringen Sie mir den Ordner …“ Er überlegte. „Ach egal, bringen Sie mir irgendeine Akte von den noch offenen Fällen.“

Der Kommissar seufzte.

Normalerweise wäre er schon längst „über alle Berge“ an seinem Urlaubsort und für die Angelegenheiten der Dienststelle viele Kilometer weit entfernt und damit unerreichbar.

Doch aufgrund eines Krankheitsfalles war kurzfristig der Dienstplan geändert worden, was zur Folge hatte, dass ausgerechnet er, ein hochrangiger Mitarbeiter der Mordkommission, über die Weihnachtsfeiertage Dienst hatte, er und sein Assistent Rosenkranz.

Kommissar Höflich hatte seit vielen Monaten keinen Urlaub gehabt, und ihn daher bitter nötig. Er war eben nicht mehr der Jüngste.

Das und die Tatsache, dass er auch noch an den Feiertagen mit diesem Rosenkranz im engen Büro eingesperrt sein sollte, ließen seine Laune in den Keller sinken.

Missmutig sah er seinem Assistenten dabei zu, wie er sich zielstrebig den richtigen Ordner herausnahm, um ihn dem Kommissar vorzulegen.

Er konnte Rosenkranz nicht leiden. Immer war der an seiner Seite und wollte über alles unterrichtet sein. Der Kommissar war ein Einzelkämpfer. Er arbeitete lieber allein.

Doch in einer Dienststelle wie dieser war das nicht immer möglich und auch nicht ratsam. Das sah er natürlich ein. Auch die Tatsache, dass das Zusammenwirken unterschiedlicher Instanzen gerade dazu beitrug, die Hintergründe eines Falles zu durchleuchten, verborgene Tatsachen zu heben und durch professionelle Methoden zu beweisen.

Schließlich hatte die Zusammenarbeit mit den Kollegen während seiner dreißigjährigen Dienstzeit immer gut funktioniert, fand er, auch ohne dass jemand wie Rosenkranz jeden seiner Schritte beobachtete.

Höflich nahm die ihm dargereichte Akte, blätterte sie oberflächlich durch und legte sie wieder ab. „Wie wäre es mit einem Kaffee, Rosenkranz?“, wandte er sich an seinen Assistenten.

Heute war der vierundzwanzigste Dezember, Heiligabend, ein Tag, an dem sich andere auf die Feiertage einstellten, noch schnell die letzten Weihnachtseinkäufe erledigten, den Weihnachtsbaum schmückten oder das Weihnachtsmenü vorbereiteten.

Und dann gab es die Beneidenswerten unter ihnen, die ihre Koffer gepackt hatten und auf und davon in die Weihnachtsferien gefahren waren. Er dagegen … Höflich blickte auf das Chaos auf seinem Schreibtisch, gähnte und sah auf die Uhr.

Es war fast Mittag, also Zeit für eine Pause. Rosenkranz kam mit zwei Bechern voll dampfenden Kaffees herein, den er vom Kaffeeautomaten geholt hatte. Höflich angelte nach seinen Zigaretten, nahm seinen Kaffee entgegen und schickte sich an, das Büro zu verlassen.

Da klingelte das Telefon. Ausgerechnet jetzt! Höflich zögerte. Wer auch immer jetzt anrief, hatte ein sehr schlechtes Timing.

„Das Telefon klingelt“, meinte Rosenkranz unnötigerweise und sah seinen Chef fragend an.

„Das höre ich selbst!“ Dieser Rosenkranz! Höflich bedachte seinen Assistenten mit einem verärgerten Blick, als wäre er der Störenfried.

Pflichtschuldig ging er an seinen Schreibtisch zurück und nahm den Hörer ab.

„Was gibts?!“, bellte er.

Es war Zettel, ein Kollege von der Polizeidirektion, zwei Etagen tiefer und zuständig für das gesamte Stadtgebiet und auch wie er dazu verdonnert, über die Feiertage Dienst zu tun, das arme Schwein.

„Es handelt sich wahrscheinlich um Mord, Herr Kommissar.“

„So.“

„Ja. Direkt unterm Weihnachtsbaum.“

„Verstehe. Ich komme.“

„Ach übrigens Herr Kommissar, ich hatte bereits mehrmals versucht, Sie zu erreichen. Es war immer besetzt.“

„Wie das? Ich habe nicht telefoniert. Wohl eine Störung, was?“

„Na jedenfalls, die Kollegen von der Spurensicherung sind schon da.“

„Sehr gut!“ Kommissar Höflich knallte den Hörer auf den Apparat. „Tzss.“

Bevor sie aufbrachen, trat Rosenkranz unauffällig an das Telefon und legte den Telefonhörer richtig auf die Station.

 

Mit quietschenden Reifen hielt das Auto in der Pfotenhauergasse 13, am Rande der Stadt.

Kommissar Höflich hatte eine filmreife Vollbremsung hingelegt, sodass Rosenkranz schützend die Arme vorstreckte, während er nach vorn geschossen kam. Hätte sein Sicherheitsgurt nicht so gute Arbeit geleistet, dann …

Er verzichtete auf eine Bemerkung, als ihm bewusst wurde, dass sein Chef ihn interessiert betrachtete und nun verächtlich den Kopf schüttelte.

Wortlos stiegen beide aus.

Sie standen vor einer imposanten Villa auf einem weitläufigen, parkähnlichen Grundstück. Durch den Zaun sahen sie den Gärtner, der, auf den Schneeschieber gestützt, pausierte und sie neugierig musterte. Im Haus herrschte bereits emsiges Treiben. Kommissar Höflich wurde händeringend erwartet.

„Na endlich! Da sind Sie ja …“ Kirschkern, der Mann von der Spurensicherung, flankiert von seinen Assistenten, kam auf sie zu. „Kommen Sie und sehen sie sich das an!“

Höflich ließ sich nicht drängen. Gemächlich schritt er durch die Eingangshalle ins Wohnzimmer, dem Tatort. Hier lag ganz offensichtlich der Hausherr unter seinem Weihnachtsbaum auf seinem Gesicht und regte sich nicht, während um ihn herum der Boden untersucht wurde.

Man hatte am Tatort noch nichts verändert, denn man wartete auf den Kommissar. Lediglich der Arzt hatte den Toten untersucht, um seine Diagnose zu stellen. Er war es auch, an den sich Kommissar Höflich mit ernster Miene als Ersten wandte.

„Nun Herr Doktor, was können sie mir zur Todesursache sagen?“

„Der Mann, übrigens der Hausherr, wurde mit einem harten, schweren Gegenstand mehrmals am Kopf getroffen, sodass er vom Sessel fiel und kurz darauf verschied, was vor circa zwei bis drei Stunden geschehen sein musste.“

„Gibt es Anzeichen dafür, dass ein Kampf stattgefunden hat?“

Der Arzt verneinte.

„Nein?!“, rief Kommissar Höflich und suchte nach seinem Assistenten, der sich im Zimmer umsah. „Würden Sie sich einfach so mit einem harten Gegenstand eins überziehen lassen? He, Rosenkranz?“

„Eh nein, Herr Kommissar, natürlich nicht. Das Opfer wurde überrascht.“ Rosenkranz hatte sich schnell wieder seinem Chef angeschlossen.

„So! Meinen Sie. Und wie kommen Sie darauf, dass er Opfer einer Gewalttat geworden ist? Vielleicht ist er eingeschlafen, vom Sessel gefallen und so hart mit dem Kopf aufgeschlagen, dass ihm nichts anderes übrig blieb, als zu sterben. Also höchstens ein Opfer seiner eigenen Ungeschicklichkeit, würde ich sagen. Könnte es nicht so passiert sein?!“, forderte er seinen Assistenten heraus.

„Nun, das wäre eine Möglichkeit, doch eher unwahrscheinlich, meine ich.“ Rosenkranz blieb vorsichtig, denn er kannte die spontanen Attacken des Kommissars.

„Das finde ich aber doch. Es muss sich nicht immer um Mord handeln, wenn es einen Toten gibt. Nur wenn ein Unfall ausgeschlossen werden kann, dann … Also sie müssen noch viel lernen, Rosenkranz.“ Mit diesen Worten wandte er sich zwecks eingehender Untersuchung dem Opfer zu.

Rosenkranz nahm sein Notizheft zur Hand und begann die Beobachtungen niederzuschreiben.

Der Tote lag lang hingestreckt auf dem edlen Parkettboden. Ein Bein war leicht angewinkelt. Beim Sturz aus dem Sessel hatte er einen Schuh verloren, der in unmittelbarer Nähe seines Fußes lag. Überhaupt hatte er offenbar zu Lebzeiten großen Wert auf elegantes und teures Schuhwerk gelegt. Denn es handelte sich um ein Paar auffallend schöner brauner Krokodillederschuhe.

Auch die graue Hose war aus edlem Stoff. Über einem weißen Hemd trug er einen roten Kaschmirpullover.

„Er legte scheinbar wert auf besonders edle und teure Kleidung“, warf Rosenkranz ein. „Vielleicht von Armani?“

„Besonders edle Kleidung ist grundsätzlich teuer“, murmelte der Kommissar und starrte mit gerunzelter Stirn auf den roten Pullover. „Doch ob sie immer eine gute Wahl ist …?“

Der Tote selbst war von großer und kräftiger, schon fast massiger Statur. Das lockige, einst dunkle Haar war von vielen grauen Strähnen durchzogen.

An der Schläfe war eine scheußliche Wunde zu sehen, aus der Blut gesickert war und sich auf dem Parkettboden verteilt hatte. Die Arme des Toten lagen unmittelbar neben dem Körper, was vermuten ließ, dass er bereits vor dem Fallen tot oder zumindest bewusstlos war, sonst hätte er sicher versucht, sich abzustützen.

Rechts neben dem Toten stand der bewusste Sessel, aus dem er höchstwahrscheinlich gestürzt war. Neben dem Sessel lag eine aufgeschlagene Zeitung, das Börsenblatt, welches er kurz vor seinem Tod gelesen haben musste.

„Hm, wieso eigentlich …“, überlegte Rosenkranz laut und wies auf die Schleifspur. Aus der Blutlache führte eine Schleifspur ein kurzes Stück in Richtung Tür und hörte dann spontan auf, so als hätte jemand einen schweren Gegenstand vom Tatort weggeschleift und dann aufgehoben und fortgetragen.

„Womöglich die Tatwaffe“, antwortete der Mediziner und wies noch einmal auf die Kopfwunde. „Diese Wunde wurde offenbar durch mehrere Schläge mit einem harten und vermutlich auch schweren Gegenstand herbeigeführt. Dann wurde dieser Gegenstand fallen gelassen. Sehen Sie?“ Er wies auf eine Stelle am Boden, auf der der Gegenstand aufgeschlagen sein könnte. „Dann, vielleicht unmittelbar danach oder auch etwas später, wurde dieser Gegenstand ein Stück auf dem Boden entlanggezogen, aufgenommen und entsorgt.“ Zufrieden verschränkte er die Arme vor der Brust.

„Da könnten Sie recht haben, lieber Freund.“ Der Kommissar und der Arzt waren alte Bekannte. „Nur, wo befindet sich dieses Ding, die sogenannte Mordwaffe?“

„Nicht meine Sache.“ Damit packte der Mediziner seine Tasche.

„Doch eins ist nun sicher. Es handelt sich um Mord.“ Höflich hatte die letzte Bemerkung des Mediziners freundlich überhört. Seinem Assistenten gönnte er keinen Blick, als er fortfuhr: „Wie ich bereits längst vermutet hatte.“

„Nun“, wandte er sich plötzlich an Rosenkranz, „was wäre denn nun der nächste Schritt, hm?“ Listig belauerte er ihn. Doch Rosenkranz ließ sich nicht verunsichern.

„Nun, der nächste Schritt wäre die Identifikation des Toten und dann die Vernehmung der Zeugen.“

„Hm.“

Es stellte sich heraus, das es sich bei dem Toten um den einflussreichen Geschäftsmann, Anatol Maus, handelte, der neben anderen Unternehmungen der Inhaber des stadtbekannten Gourmetrestaurants „Die Taube“ war. Er war vierundfünfzig Jahre alt, verheiratet und hatte zwei bereits erwachsene Kinder, eine zweiundzwanzigjährige Tochter und einen neunzehnjährigen Sohn.

Von Kirschkern erfuhren sie, dass der Verstorbene, so wie er da lag, von seiner Sekretärin gefunden worden war, die dann umgehend die Polizei benachrichtigt hatte. Sie hätte sehr verstört gewirkt, gaben die beiden Polizisten an, die zuerst am Tatort erschienen waren.

Ebenso wie die besagte Dame wären noch die Ehefrau des Toten und die Köchin im Haus. Sie würden sich alle drei in der Küche befinden. Außerdem gäbe es noch einen Gärtner, der gebeten wurde, sich ebenfalls zur Verfügung zu halten.

Indes wurde die Umgebung des Tatortes weiter nach möglichen Spuren untersucht.

Höflich begab sich, gefolgt von seinem Assistenten, in die Küche. Dort fand er drei Frauen vor. Eine der Frauen, eine kräftige Dame mittleren Alters machte sich mit den Küchengeräten zu schaffen und schien, obwohl es bereits früher Nachmittag war, das Mittagessen vorzubereiten.

Sie hatte ihr blondiertes Haar zu einem Knoten zusammengesteckt und strahlte mit ihrem runden, rotwangigen Gesicht Gesundheit und Lebenslust aus. Sie wirkte wie eine Frau vom Lande, die es gewohnt war, mit anzupacken.

Das musste die Köchin sein.

Sie war genau die Art von Frau, die ihm gefiel. Bei so einer gab es kein Rätselraten, fand er. Da wusste man immer, woran man war. Höflich bedachte sie mit einem wohlwollenden Blick.

Die Küche war groß und geräumig und ebenfalls hier und da weihnachtlich geschmückt.

In der Mitte des Raumes stand ein Tisch, an dem eine junge Frau saß und leise weinend ihren Kaffee trank. Sie war modisch gekleidet und ihr ebenfalls blondiertes Haar fiel ihr glatt und lang über den Rücken.

Die dritte Frau verhielt sich am unauffälligsten. Eine Aura der Unnahbarkeit umgab sie.

Mit dem Rücken zum Fenster am Fensterbrett gelehnt, trank sie ruhig ihren Kaffee. Sie war ebenfalls eher mittleren Alters, schlank und wirkte, trotz einfacher Hose und Pullover, elegant. Würde Höflich es nicht besser wissen, hätte er sie für die Sekretärin gehalten.

Doch es handelte sich um die Ehefrau des Opfers, Irina Maus.

Daher wandte er sich als Erstes an sie.

Höflich konnte tatsächlich auch höflich sein. Mit großem Taktgefühl sprach er sein Beileid aus und bat um eine Unterredung.

Kapitel 2

Die Dame des Hauses geleitete ihn und Rosenkranz in die Bibliothek und bot ihnen eine Erfrischung an. Höflich hätte liebend gern einen Weihnachtspunsch angenommen, schon deshalb, weil heute Heiligabend war, doch mit Besserwisser Rosenkranz im Schlepptau und Alkohol während der Arbeit und so, lehnte er dankend und für den Moment betrübt ab.

„Nun, gnädige Frau, wann haben Sie Ihren Mann zuletzt gesehen, wohlauf versteht sich?“

„Vor etwa zwei Wochen“, kam es kühl zurück. Höflich, der sich wenigstens eine Zigarette gönnen wollte und gerade nach ihr suchte, hielt prompt in der Bewegung inne und schaute ungläubig die Frau vor sich an. „Wollen Sie etwa damit sagen, dass sie sich in einem gemeinsamen Leben unter einem Dach nicht öfter sehen?“

„Ich will damit sagen, dass ich vor etwa zwei Wochen hier war und mit ihm gesprochen hatte, während er sich bester Gesundheit erfreute. Von gemeinsamen Leben kann keine Rede sein“, antwortete sie mit der gleichen kühlen Stimme und schob ihm einen Aschenbecher zu. „Danke“, sagte er geistesabwesend und begann leicht zu frösteln. „Verstehe ich das richtig? Sie wohnen also nicht in diesem Haus?“

„So ist es. Ich wohne seit sechs Monaten nicht mehr in diesem Haus.“

„Aha.“ Höflich sah zu seinem Assistenten hinüber und bedeutete ihm mit einer energischen Geste, Notizen zu machen.

Dieser war allerdings damit beschäftigt, die Titel auf den Buchrücken zu entziffern.

Grimmig wandte sich Höflich ab und wieder Frau Maus, der ehemaligen Dame des Hauses, zu.

„Wir benötigen natürlich Ihre neue Adresse. Doch erzählen Sie uns zuerst wann und warum Sie hierher kamen.“

„Ich kam so gegen 9.30 Uhr und klingelte. Als niemand öffnete, beschloss ich zu warten und es später noch einmal zu probieren.“

„Haben Sie denn keinen Schlüssel mehr, Frau Maus?“

„Natürlich habe ich noch einen Schlüssel“, antwortete sie hochmütig. „Doch ich dachte mir, dass ich meinem Mann noch etwas Zeit gebe, denn ich war etwas eher da, als verabredet. So bin ich noch einige Zeit durch den Park gegangen, ganz in der Nähe. So tief verschneit wie jetzt ist er sehr romantisch, wissen Sie.“

„So, ist er das?“ Höflich tat verschwörerisch und zwinkerte seinem Assistenten unauffällig zu. „Hat Sie denn jemand gesehen?“

„Möglich. Ich weiß es nicht. Im Park war ich allein. Brauche ich denn ein Alibi?“ Ihre Stimme klang immer frostiger. Höflich zog die Schultern hoch. „Wie kamen Sie dann herein?“

„Als ich zurückkam, sah ich das Auto der Sekretärin meines Mannes vor dem Gartentor. Ich klingelte noch einmal und wurde von Frau Klingbeil eingelassen. Da war er bereits tot.“

„Sind Sie sicher?“

„Ja, ich sah ihn in seinem Blut unter dem Weihnachtsbaum liegen.“

„War noch jemand im Haus?“

„Nein.“

„Die Köchin?“

„Lulu? Sie kam später, so gegen 12 Uhr, glaube ich. Da war die Polizei bereits da.“

„Was taten Sie dann?“

„Ich sagte der Sekretärin, sie solle die Polizei benachrichtigen.“

„Ah ja, warum taten Sie es nicht selbst?“

Sie sah ihn kalt an. Nach einer kleinen Ewigkeit, wie es schien, antwortete sie: „Wozu ist schließlich eine Sekretärin da?“

Höflich starrte sie an. Diese Frau war kalt und herzlos. Kein Wunder, dass er fror. Sie war ihm ausgesprochen unangenehm. Am liebsten hätte er ihr eine Antwort an den Kopf geworfen, die sich gewaschen hatte. Er nahm sich zusammen.

„Lässt Sie der Tod Ihres Mannes denn völlig kalt?“ Vorwurfsvoll sah er sie an. Auch Rosenkranz, der sich mittlerweile auf seine Aufgabe zu besinnen schien, betrachtete sie aufmerksam.

 

Doch die Dame erhob sich. „Falls Sie mich nicht mehr brauchen, würde ich gern wieder nach Hause fahren. Heute ist schließlich Heiligabend.“

„Das ist es für uns alle.“ Höflich war empört. Höchstwahrscheinlich ihretwegen hatte er das hier auf dem Hals.

„Was wollten Sie eigentlich von Ihrem Mann?“

Sie zögerte etwas, sagte dann aber: „Das, was ich schon seit Monaten versuche mit ihm zu klären. Finanzielle Angelegenheiten.“

„Womöglich Unterhaltszahlungen?“

„Unter anderem. Schließlich haben wir zwei Kinder.“

„Und wo sind diese Kinder?“ Höflich ließ sich seinen Abscheu anmerken. Doch die Frau blieb ruhig, klang jedoch weniger kühl. Das fand zumindest Rosenkranz.

„Mein Sohn studiert in Amerika und verbringt das Weihnachtsfest bei Freunden. Meine Tochter studiert ebenfalls in Amerika. Sie ist jedoch seit Kurzem zurück und wohnt vorübergehend bei mir. Zur Zeit besucht sie eine Schulfreundin.“

„Gut. Es kann sein, dass ich Ihre Tochter ebenfalls vernehmen muss.“

Höflich fühlte sich einerseits abgestoßen von der Kälte dieser Frau, andererseits war er verunsichert. Er schlug ein Bein über das andere und wedelte mit der Hand. „Ich muss Sie beide bitten, die Stadt nicht zu verlassen. Für eventuell weitere Fragen warten Sie bitte …“ Dabei entfiel ihm die Zigarette, landete auf dem weißen, flauschigen Teppich, kullerte ein kleines Stück weiter, wobei sie eine Spur zeichnete, blieb dann liegen und brannte ein Loch hinein.

„ … noch im Haus“, beendete er den Satz, während er erschrocken auf seine Zigarette starrte, die sich eben noch zwischen seinen Fingern befunden hatte.

Dann versuchte er Augenkontakt zu seinem Assistenten aufzunehmen, um ihn mit beschwörenden Blicken zu bedeuten, das Malheur schnell zu beseitigen. Doch Rosenkranz notierte gerade etwas in sein Notizbuch. Auch mehrmaliges Räuspern half nichts.

Höflich fühlte den Blick seiner Gastgeberin auf sich gerichtet. Wenn Blicke töten könnten, kam ihm in den Sinn.

„Sie haben ein Loch in meinen Teppich gebrannt“, hörte er sie sagen.

Schließlich wandte er sich ihr zu. „Das ist mir wirklich …“ Mit diesen Worten sprang er auf, um die Zigarette aufzuheben. Dabei redete er unaufhörlich: „Das war sehr ungeschickt von mir. Tut mir wirklich leid … sehr unangenehm.“

Er hörte eine Tür. Als er sich umwandte, war sie gegangen.

Verärgert sah er seinen Assistenten an, der sich erhoben hatte. „Also Sie …“ Vor Wut wurde er rot. „Wenn ich Ihnen Zeichen gebe, dann reagieren Sie gefälligst!“

„Aber …“

Er ließ Rosenkranz keine Zeit. „Die nächste Zeugin …“ Etwas anderes beschäftigte ihn jetzt. Was hatte sie gesagt? „Sie haben ein Loch in MEINEN Teppich gebrannt.“

Höflich kniff ein Auge zu … „AHA!“

Anita Klingbeil saß steif in einem gemütlichen Sessel der Bibliothek und sah Höflich erwartungsvoll an. Sie hatte gerade ein wenig über sich erzählt. Sie war alleinerziehende Mutter von einer sechsjährigen Tochter. Sie wohnte seit fast zwei Jahren in der Stadt, hatte jedoch noch keine Freunde gefunden.

Ihre Eltern lebten über 100 Kilometer weit entfernt von hier, was sie sehr bedauerte.

Rosenkranz hatte eine Ewigkeit gebraucht, Frau Klingbeil in die Bibliothek zu führen. Auch jetzt noch versuchte er immer wieder ihren Blick einzufangen. Nanu, was geht denn hier vor, dachte der Kommissar. Das konnte ja sogar ein Blinder sehen.

Haha, Blinder und sehen. Guter Witz, schmunzelte Höflich über seinen eigenen einfältigen Scherz in sich hinein.

Sein Assistent, der sonst eher ein mönchisches Dasein führte, hatte sich offenbar in diese blasse Blondine verguckt. Er fuhr sich mit der Hand über das Haar und ordnete es über der kleinen kahlen Stelle an seinem Hinterkopf, die er gern verdeckt hielt.

Nachdenklich betrachtete er die junge Frau. Sie fühlte sich scheinbar nicht wohl in ihrer Haut. Hatte sie etwas zu verbergen?

„Na dann werde ich ihr einmal gründlich auf den Zahn fühlen“, dachte er bei sich.

Gerade wollte er damit beginnen, als ihm sein Assistent zuvorkam. „Kann ich Ihnen vielleicht eine Erfrischung bringen“, wandte er sich mit einem zaghaften Lächeln an die junge Frau.

Was sollte denn das? Höflich warf Rosenkranz einen verärgerten Blick zu. „Später“, sagte er schnell, ehe die Angesprochene antworten konnte. „Das ist hier keine Strandbar oder sowas, wo wir Erfrischungen anbieten“, fuhr er an seinen Assistenten gewandt fort, „sondern …, wir haben einen Mord aufzuklären. Merken Sie sich das Rosenkranz!“

„Wir können doch trotzdem höflich sein“, wehrte sich Rosenkranz, plötzlich sehr rot im Gesicht. Betroffen und verletzt widmete er sich seinen Notizen.

Kommissar Höflich wandte sich erneut seiner Verdächtigen zu. Denn verdächtig ist sie, entschied er. Und so lange sie ihn nicht vom Gegenteil überzeugen konnte, blieb es dabei.

„Nun sagen Sie, seit wann kennen Sie Herrn Maus?“, begann er sein Verhör.

„Ehm, seit fast zwei Jahren etwa. Seitdem ich als seine Sekretärin für ihn arbeite.“

„So. Sie kannten ihn also vorher noch nicht. Richtig?

„Ja“, hauchte sie die Antwort.

„War er ein guter Chef? Waren Sie mit ihm zufrieden?“

„Ja. Doch.“

„Was waren Ihre Aufgaben?“

„Ehm, ich habe seine gesamte Korrespondenz erledigt, war bei Treffen dabei und habe Protokoll geführt, Telefonate und …“

„Aha! War das alles?“

„Ehm, wie meinen Sie das?“

„Persönliches. Hat er Sie aufgefordert, persönliche Angelegenheiten für ihn zu erledigen?“

„Ehm nein. Eh ja. Manchmal. Ich bin … eh, ich meine, ich war ja schließlich seine Sekretärin.“

„Nur?“ Herausfordernd belauerte er sie. Neben sich hörte er seinen Assistenten geräuschvoll Luft holen. „Eh, wie meinen Sie …?“

„Herr Kommissar, vielleicht sollten …“ Weiter kam Rosenkranz nicht. Denn eine schnelle herrische Handbewegung seines Vorgesetzten gebot ihm zu schweigen. Dabei hatte Höflich die junge Frau nicht aus den Augen gelassen.

Unruhig rutschte sie auf der Kante ihres Sessels herum. Ihr Blick flackerte zwischen den beiden Männern hin und her und senkte sich schließlich auf ihren Schoß, wo sie ihre Hände so sehr ineinander verschränkte, dass die Knöchel weiß hervortraten.

„Nun, ich denke, Sie haben mich schon verstanden“, sagte Kommissar Höflich dann.

„Ehm nein. Entschuldigen Sie. Ich glaube, ehm, ich habe Sie nicht verstanden“, flüsterte sie.

„Entschuldigen Sie, dass ich mich so unklar ausgedrückt habe.“ Höflich wurde ebenso leise. Mit fast geschlossenen Augen belauerte er sie.

„Dann werde ich mich jetzt verständlicher ausdrücken. Hatten Sie ein Verhältnis mit Ihrem Chef?“ Den letzten Satz feuerte er wie einen Pistolenschuss ab. Und um jedem Missverständnis vorzubeugen, fügte er noch hinzu: „Ein intimes Verhältnis, meine ich.“

Seine Verdächtige wurde rot bis an die Haarwurzeln. „Ehm, nein. Hatte ich nicht.“

Daraufhin legte Höflich eine kurze Pause ein. Dann fuhr er fort:

„In welchem Verhältnis standen Herr und Frau Maus zueinander, nachdem sie ihn verlassen hatte?“

„Sie kamen seit langem nicht mehr miteinander aus. Es gab nur noch Streit.“

„Weswegen?“

„Sie war wohl sehr eifersüchtig.“

„So. Hat das der Verstorbene behauptet?“

„Ja. Ehm, nein. Na ja, er hat so was angedeutet … Ich habe sie auch oft streiten gehört.“

„Worum ging es dabei?“

„Na, sie war krankhaft eifersüchtig.“

„So. Das ist eine harte Beschuldigung.“

„Aber sie war es. Anatol …, ich meine Herr Maus, hat immer wieder darunter gelitten.“

„Aha.“ Höflich zündete sich erneut eine Zigarette an. „Wieso nannten Sie Ihren Chef beim Vornamen?“

„Oh, das war mir nur so rausgerutscht.“ Sie wurde wieder nervös. „Er hatte es mir einmal angeboten, ihn beim Vornamen zu nennen.“

Wieder legte Höflich eine Pause ein. Dabei hielt er die Augen geschlossen.

„Ehm, kann ich jetzt gehen?“, wagte sie zaghaft die Frage. „Meine Tochter … Sie ist noch klein. Sie wartet zu Hause auf mich. Heute ist ja Heiligabend.“ Höflich hielt die Augen weiterhin geschlossen. „Es ist wirklich ungerecht“, grollte er innerlich. Und was war mit ihm? Hatte er vielleicht kein Recht auf Heiligabend? Dabei vergaß er, dass zu Hause niemand auf ihn wartete. Er war müde. Er brauchte endlich Urlaub, um wieder einmal so richtig ausspannen zu können. Er seufzte.

„Vielleicht … ja … gleich. Doch vorher gestatten Sie mir noch eine Frage.“ Höflich nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette und sah die Frau vor sich eindringlich an. „Warum kamen Sie am Morgen des Heiligabends, während Sie Ihr Kind allein ließen, hier her zu Herrn Maus?“

„Ehm …“ Sie suchte nach einer Antwort.

„Zu so einer recht privaten, intimen Zeit?“, fuhr Höflich fort. „Haben Sie nicht wie alle anderen Arbeitnehmer frei an so einem Tag wie heute? Wie die meisten Arbeitnehmer …“, verbesserte er sich.

„Doch, ja. Ehm, ich wollte nur noch etwas erledigen. Ach ja, ich wollte auch meinen Schal holen.“

„Ah ja, verstehe. Und was wollten Sie noch erledigen?“

„Ach, eigentlich nichts Wichtiges.“

„Frau Klingbeil.“ Höflich erhob seine Stimme, während er seine Zigarette ausdrückte. „Das hier ist ein Mordfall. Daher lassen Sie mich beurteilen, was hier wichtig oder unwichtig ist. Also bitte, was hatten Sie noch zu erledigen!“

Während die Angesprochene ihre Finger zusammenpresste, schien sie fieberhaft zu überlegen. Schließlich sagte sie leise: „Herr Maus hatte uns, meine Tochter und mich eingeladen, Heiligabend mit ihm zu verbringen. Er hatte Kinder gern, wissen Sie.“

„Und …?“

„Ehm, ich wollte nur absagen.“

„Und …?“

„Und meinen Schal holen.“

„Das meine ich nicht. Sie hatten also zuerst zugesagt?“

„Ehm ja.“

„Warum hatte er Sie beide eingeladen?“

„Hatte ich ja schon gesagt. Weil er Kinder gern hatte.“

„So so. Und warum wollten Sie absagen?“

„Ehm, ich hatte es mir eben anders überlegt.“ Als Höflich sie immer noch fragend ansah, fügte sie hastig hinzu: „Meine Eltern kommen. Sie wollen meine Kleine endlich einmal wiedersehen.“