Read the book: «Die kälteste Stunde»

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Dirk Rühmann


Harzkrimi

Impressum

Dirk Rühmann

ISBN 978-3-96901-014-3

ePub Edition

V2.0 (06/2021)

© 2021 by Dirk Rühmann

Abbildungsnachweise:

Umschlag © lucianmilasan | #6228323 | depositphotos.com

Porträt des Autors © Ania Schulz | as-fotografie.com

Lektorat:

Sascha Exner

Verlag:

EPV Elektronik-Praktiker-Verlagsgesellschaft mbH

Obertorstr. 33 · 37115 Duderstadt · Deutschland

Fon: +49 (0)5527/8405-0 · Fax: +49 (0)5527/8405-21

E-Mail: mail@harzkrimis.de


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar

Allgemeiner Hinweis:

Bei den Schauplätzen dieses Romans handelt es sich – bis auf Leuterspring – um reale Orte. Die Handlung und die Charaktere hingegen sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden und toten Personen wären reiner Zufall und sind nicht beabsichtigt.

Inhalt

Titelseite

Impressum

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Über das Buch

Über den Autor

Danksagung

Mehr von Dirk Rühmann

Eine kleine Bitte

Kapitel 1


Ein gellender Schrei durchschnitt die Abendruhe und schreckte zwei ältere Eheleute auf, die sich auf dem Nachhauseweg befanden. Die Herrschaften blieben stehen und sahen angsterfüllt in alle Himmelsrichtungen. Sie hielten inne und warteten kurz. Dann trieb sie die eisige Kälte weiter vorwärts.

Da sie nichts vernahmen, maßen sie der Angelegenheit keine besondere Bedeutung bei. Die Straßenlaternen, eher Funzeln, wiesen ihnen den Weg bis zur Hauptstraße. Als sie sie erreicht hatten und überqueren wollten, hörten die beiden das Aufheulen eines Motors und quietschende Reifen.

Das Ehepaar blieb vorsichtshalber auf dem Fußweg stehen. Nur einen Moment später raste ein Wagen mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit an den beiden vorbei. Sie meinten, am Kennzeichen des Fahrzeugs ein M für München erkannt zu haben, konnten sich aber ebenso gut in der Dunkelheit auch geirrt haben. Außerdem waren nur Bruchteile von Sekunden vergangen, in denen sie fast nichts hatten erkennen können. Schnell entschwand das Fahrzeug über die Hauptstraße hinter der lang gezogenen Kurve ihren Blicken. Sie schimpften wie die Rohrspatzen, setzten dann aber ihren Nachhauseweg unvermindert fort.

Unterwegs stellten die Eheleute Vermutungen über das Erlebte an. Den Autofahrer hielten sie für betrunken und der seltsame Schrei mochte gleichsam von einem Betrunkenen ausgestoßen worden sein. Dass beides möglicherweise unmittelbar miteinander zusammenhängen und dass sie vielleicht Zeugen eines abscheulichen Verbrechens geworden sein könnten, daran verschwendeten sie keinen einzigen Gedanken. Warum auch?

Nachdem sie die Haustür hinter sich verschlossen hatten, war für sie der Frieden des Harzdörfchens Leuterspring wieder hergestellt. Es ereignete sich nichts weiter in dieser Nacht, sodass die Eheleute schnell in den Schlaf fanden und die Ereignisse des Abends einfach wieder vergaßen.

Kapitel 2


Der Kirchturm warf seinen langen Schatten auf die mit einer hauchdünnen Schneedecke überzogene Rasenfläche, die das aus dem Mittelalter stammende Sandsteingebäude umrundete. Das vor den Toren des Harzdorfes Leuterspring auf einem Hügel stehende Gotteshaus, das mit seinen klassischen Rundbögen prägend für den romanischen Baustil jener vergangenen Tage war, galt seit ewigen Zeiten als das unverwechselbare Wahrzeichen des in der Talsohle gelegenen Dorfes. Zerstörten Feuersbrünste, Kriege und Seuchen den Ort gleich mehrfach in seiner fast tausendjährigen Geschichte, so überlebte die kleine Kathedrale mit ihrem winzigen Kirchenschiff die grausigen Verwüstungen aus verschiedenen Epochen, als habe sie das alles nie etwas angegangen. Doch der Zahn der Zeit machte nicht ewig Halt vor Zerstörungen, und so nagten die modernen Umwelteinflüsse an dem scheinbar für die Ewigkeit geschaffenen kunstvollen Bau aus der fernen Vergangenheit. Steine wurden locker und brachen einfach aus dem Gotteshaus heraus.

Der Klingelbeutel konnte gar nicht groß genug sein, um das nötige Geld für die Reparaturen aufzubringen. Außerdem wurde der Kreis der freiwilligen Spender ohnehin von Jahr zu Jahr kleiner. Wenn es eine Rettung aus öffentlicher Hand für das mittelalterliche Gotteshaus geben sollte, so hieß sie Denkmalschutz. Schützen war das eine, bezahlen das andere. Von selbst floss kein Geld für die dringend notwendige Instandhaltung. Deshalb war die Kirchengemeinde immer mehr auf ehrenamtliche Helfer und Spendengelder angewiesen.

Ähnlich verhielt es sich mit dem Personal. Die Stelle des Pfarrers selbst war bislang noch nicht gestrichen worden, wurde jedoch in den Haushaltsunterlagen des zuständigen Kirchenamtes als kw geführt, was ausgeschrieben künftig wegfallend bedeutet. Im Klartext hieß das, wenn Jörg Ebeling in einigen Jahren in seinen wohlverdienten Ruhestand verabschiedet werden würde, bliebe die Stelle unbesetzt und die übrig gebliebenen Schäfchen der Gemeinde bekämen keinen neuen Hirten mehr, der mit ihnen in einem Dorf leben könnte.

Bislang hatte sich die Kirchengemeinde immer irgendwie helfen können. Für eine Pfarrsekretärin war noch ein wenig Geld vorhanden. Die Stelle war jedoch auf ein Minimum von drei Stunden pro Woche zusammengestrichen worden.

Dann gab es da Hans-Werner Vahldieck, der vor zwei Jahren in Rente gegangen war. Ein Leben lang hatte er sich als Schlosser seine Brötchen verdient. Doch es kribbelte dem hageren Mann in den Händen und er hatte sich gelangweilt, da ein Tag für ihn wie der andere gewesen war. So hatte er sich der Kirchengemeinde angedient. Jetzt im zunehmenden Alter suchte er die Nähe Gottes und glaubte, sie bei der täglichen Arbeit hier zu finden. Es gab nichts, was der alte Mann nicht konnte. Er sah ständig im Gotteshaus und drum herum nach dem Rechten. Irgendetwas gab es dort immer instandzusetzen. Für die kleinen Reparaturarbeiten fühlte er sich zuständig. Die bröckelnde Bausubstanz allerdings konnte der in die Jahre gekommene Mann auch nicht retten. Im Sommer hatte er freilich mehr zu tun. Der große Kirchgarten wollte gepflegt und der Rasen regelmäßig gemäht werden. In der kalten Jahreszeit musste Vahldieck sich manchmal Aufgaben suchen. Doch schien das offenbar kein Problem für den älteren Herrn darzustellen. Er fand immer was zum Pruckeln.

Die Kirche wurde im Winter nur noch beheizt, wenn besondere Veranstaltungen auf dem Programm standen. Ein junges Pärchen wollte sich an diesem Tag das Jawort geben. Da eine grimmige Kälte herrschte und sich die Temperaturen nach der vergangenen wolkenlosen Nacht im zweistelligen Minusbereich befanden, hatte sich Vahldieck schon früh am Morgen auf den Weg gemacht, um das Kirchenschiff einigermaßen warm zu bekommen. In einen dicken Wintermantel gehüllt ging er mit hochgestelltem Kragen, einem kunstvoll um den Hals geschwungenen Wollschal und einer blauen Pudelmütze auf dem Kopf den sich schlängelnden Weg zur Kirchentür hinauf. Seine in Lederstiefel verstauten Füße trotteten gemächlich vor sich hin, während der Atem tief und schwer unter seiner Brust brandete. Vor seinem Mund kräuselte er sich zu einer Rauchwolke. Der Mann schaute nach unten, nicht nach vorn, da ihm die Einöde sehr vertraut war, durch die er hier seit rund zwei Jahren fast täglich hindurchstapfte. Niemand begegnete ihm zu dieser verhältnismäßig frühen Stunde auf dem Gottesacker vor dem Kirchturm.

Von dem Hügel, auf dem die Kirche stand, ließ sich die Quelle des Flüsschens Leuter gut erkennen, die unweit vom Dorf entfernt lag und selbst bei diesen arktischen Temperaturen niemals zufror.

Die tief stehende Sonne leuchtete in einige wenige Straßen, ohne ihnen jedoch auch nur ein Fünkchen Wärme zu spenden. Dafür stieg der Rauch senkrecht aus den Schornsteinen der Häuser von Leuterspring und erhob sich in zumeist weißen, qualmenden Säulen ganz gemächlich gen Himmel.

In diesem Ort zwischen zwei mächtigen Bergen des Harzes passierte so gut wie nichts. Hier kannte jeder jeden. Doch an diesem so kalten Dienstagmorgen sollte es anders kommen. Noch bevor Hans-Werner Vahldieck, der vom Kirchenvorstand offiziell zum Kirchenvogt ernannt worden war, die Kirchentür erreichte, blieb er kurz stehen, um zu verschnaufen. Er hatte das Ziel seines Fußmarsches greifbar nahe vor Augen, als er etwas Ungewöhnliches am Boden erspähte.

Neben der Eingangspforte zum Gotteshaus lag etwas, das aufgrund seiner Länge ein Mensch sein konnte. Ein schlafender Mensch draußen bei dieser Kälte?

Die restlichen Schritte bis zum Gotteshaus lief Vahldieck, um eilig nachzusehen, was er dort fände. Neben dem Weg zur Eingangstür direkt auf dem verschneiten Rasen lag ein ziemlich heruntergekommener Mann, der dreckige und löcherige Kleidung trug. Sein Gesicht war rot gefroren und durch eine Narbe gezeichnet, die tief in die Haut seiner linken Wange gegerbt war und wie ein Peitschenhieb aussah. Ansonsten lag das Gesicht in tiefen Falten über einem unrasierten Kinn. Eine Glatze kam unter einer Kapuze zum Vorschein. Sie war verrutscht und bedeckte nur noch den hinteren Teil seines kahlen Kopfes. Die Augen waren verschlossen, als ob er schliefe. Trotzdem war für den Kirchenvogt unschwer zu erkennen, dass die eisige Kälte diesem Menschen das Leben geraubt zu haben schien. Als er sich zu dem Toten hinunterbückte, flatterte ihm eine mächtige Alkoholfahne entgegen, die sich vom Tod ganz offensichtlich unbeeindruckt zeigte.

Nun streifte er sich die Handschuhe ab, griff mit der rechten Hand in seine Jackentasche, wo seine vor Kälte steifgefrorenen Finger nach dem Handy suchten. Nachdem der inzwischen sehr nervös gewordene Kirchenvogt es unter mehreren dort verstauten Dingen ausgemacht hatte, holte er es heraus und setzte einen Notruf ab. Er blieb dabei in gebückter Haltung, als ob der Tote es mitbekommen könnte, was Vahldieck seinem Handy anvertraute.

Dann richtete er sich auf, atmete tief durch und öffnete die Kirchentür. Da die Kälte trotz seiner warmen Kleidung für ihn unerträglich war, ging er in das Gotteshaus hinein und drehte dort die Heizung an. Deshalb war er ja eigentlich hierhergekommen. Am Mittag würde eine Hochzeit stattfinden, für die das Kirchenschiff geheizt werden sollte. Freud und Leid!, schoss es Vahldieck durch den Kopf. Trotzdem kam dem hageren Mann das alles äußerst seltsam vor. In Leuterspring war doch noch niemals ein Obdachloser gesehen worden!

Nachdem die Heizung angesprungen war, stellte er sich in die Tür, rieb sich die kalten Hände und starrte hinaus in den sonnigen Morgen, bis er von ferne die Martinshörner hörte.

Kapitel 3


Pfarrer Jörg Ebeling hatte im letzten Sommer seinen 60. Geburtstag groß gefeiert. Seit Jahrzehnten war er der gute Hirte, der seine Schäfchen immer wieder zusammenführte und behütete. Aber um seine Ehe war es nicht mehr so gut bestellt. In Leuterspring war es ein offenes Geheimnis, dass das Pastorenehepaar getrennte Wege ging, obwohl die beiden weiterhin unter einem Dach wohnten, aber nicht mehr dasselbe Bett teilten. Was genau die Eheleute auseinandergebracht hatte, wusste niemand im Dorf so genau. Manchmal hatte es den Anschein, als wüssten die beiden Streithähne selbst nicht mehr, warum sie sich entzweit hatten.

Der Geistliche hatte erst kürzlich mit einer zündenden Idee für neuen Schwung im Gemeindeleben gesorgt. In Zusammenarbeit mit dem niedlichen Hotel von Leuterspring organisierte er Fastenurlaube mit spirituellem Input. Hierbei war ihm die attraktive Cora Dennigsen, eine Staatsanwältin aus Goslar, über den Weg gelaufen, die fünfzehn Jahre jünger als er war und als Single kinderlos durchs Leben marschierte. Von Anfang an war es mehr als die schwarze Robe gewesen, die sie in ihren verschiedenen Berufen miteinander verband und irgendwie einte. Er hatte sich Hals über Kopf in die wesentlich jüngere Frau verliebt. Sie war nicht abgeneigt, blieb dem Pfarrer gegenüber jedoch auf Distanz, da sie größere Probleme fürchtete. Ein Ort wie Leuterspring würde einen derartigen Skandal vielleicht nicht verkraften. Außerdem wollte die Staatsanwältin sich nicht in eine bestehende Ehe einmischen, die für Ebeling jedoch nur noch auf dem Papier bestand.

Seine Frau war schon früh zur Arbeit gefahren. Die 58-Jährige arbeitete als Lehrerin an der dorfeigenen Grundschule. Ebeling stand hinter der zugezogenen Gardine am Fenster seines Wohnzimmers und blickte nach draußen in Richtung Kirche. Längst hatte Vahldieck ihn angerufen und von dem schrecklichen Fund vor dem Gotteshaus berichtet. Doch die eisige Kälte hielt den Geistlichen zurück, das Pfarrhaus zu verlassen. Er sah die Sanitäter den geschlängelten Weg zur Kirche hinauflaufen.

Als nun auch zwei Polizeibeamte erschienen, eine junge Frau mit blonden langen Haaren und ein etwas älterer Mann mit kurzen grauen Haaren, beide in Dienstuniform, hielt es den Pfarrer nicht mehr länger zurück. Ihm schien die grimmige Kälte auf einmal egal zu sein, die ihn bislang abgeschreckt hatte. Er zog sich warm an. Dann verließ er das Haus und ging ebenfalls zur Kirche, wo sich etwas Unerfreuliches ereignet hatte.

Als er an der Kirchentür ankam, wagte er einen Blick zu dem Mann am Boden, dessen Tod von einem Notarzt festgestellt wurde, woraufhin die Rettungssanitäter ihre Erste-Hilfe-Koffer wieder verschlossen.

Nun bückte sich die junge Polizistin zu dem Toten hinunter und durchsuchte seine zerrissene Kleidung. Alles, was sie fand, war ein gut erhaltenes Foto, das der Verstorbene in der Innentasche seines dreckigen Mantels verstaut hatte. Einen Pass oder Ausweis, der über seine Identität hätte Auskunft geben können, fand sie hingegen nicht.

Kirchenvogt Vahldieck kam nun aus der sich langsam ausbreitenden wohligen Wärme des Gotteshauses ebenfalls in die Kälte nach draußen und grüßte die dort Anwesenden kurz. Dann kam es zu einem klärenden Gespräch zwischen ihm und dem Polizeibeamten, das der Pfarrer interessiert mitanhörte.

Die Polizistin stellte zeitgleich fest, dass ja die Staatsanwältin im Anmarsch sei, woraufhin Pfarrer Ebeling sich überrascht umdrehte und seine Angebetete den geschwungenen Weg zur Kirche heraufkommen sah.

Cora Dennigsen wünschte einen guten Morgen und machte gleich danach die Einschränkung, dass ein Morgen nicht mehr gut sein könne, der mit einem Toten begänne. Sie schüttelte niemandem die Hand und beachtete auch Ebeling nicht, worüber er sich natürlich erleichtert zeigte. Einen Augenblick hatte sein Atem gestockt. Heimlich bewunderte er die hübsche Frau, die ebenfalls eine Pudelmütze trug, unter der ihre langen dicken braunen Haare zum Vorschein kamen.

Die Juristin besah sich nun auch den Toten und zeigte sich von dessen Alkoholfahne angewidert. Die junge Polizistin teilte ihr unaufgefordert mit, dass sie keinen Ausweis bei ihm gefunden habe und deshalb nichts über dessen Identität aussagen könne. Sie händigte der Staatsanwältin das Foto aus, das sie in der Mantelinnentasche des vermutlich erfrorenen Mannes gefunden hatte, der allem Anschein nach ein Stadtstreicher gewesen sein musste.

Cora Dennigsen besah sich das Foto genauer. Pfarrer Ebeling stellte sich hinter seine Angebetete und begutachtete das Bild ebenfalls. Er genoss ihre Nähe, zeigte sich von dem Duft angetan, der sie umhüllte, und wusste, dass niemand Verdacht schöpfen würde, wenn er ihr in diesem Moment so nahe war.

Notarzt und Rettungssanitäter zogen ab. Der Polizeibeamte fragte die Staatsanwältin, ob er einen Bestatter verständigen dürfe und wohin der Tote gebracht werden solle.

»In die Gerichtsmedizin. Da wir keine Identität des Toten besitzen, möchte ich ausschließen, dass Fremdeinwirkung die Todesursache gewesen sein könnte«, sagte Cora Dennigsen.

Wegen der bitteren Kälte gingen Staatsanwältin und Pfarrer zusammen zum Pfarrhaus und verschwanden dort im Innern des Gebäudes.

Kirchenvogt Vahldieck störte sich nicht daran. Er hatte die Staatsanwältin schon des Öfteren in der Kirche gesehen. Nun war sie aus dienstlichen Gründen hier erschienen.

Ebeling taute regelrecht auf, als er in Begleitung von Cora sein Haus betrat. Beide legten ihre warme Kleidung ab und setzten sich über Eck um den Küchentisch, von dem aus sie einen ungehinderten Blick auf die Kirche und somit das Geschehen vor deren Tür hatten.

Verliebt schaute der Pfarrer die Staatsanwältin von der Seite an. Sie genoss das und beschloss, nicht Nein zum Interesse dieses Mannes an ihr zu sagen.

»Die ganze Zeit, in der ich hier jetzt der Pastor bin, hat es so etwas nicht gegeben. Und nun erfriert ein Mensch vor meiner Kirche. Früher war die Tür nie verschlossen. Aber seit vielen Jahren schließen wir sie aus Sicherheitsgründen ab. Der Kirchenvorstand hat es so beschlossen. Ich weiß nicht, ob es richtig ist, Gottes Haus zu verschließen und den Menschen den Zutritt dazu zu verwehren«, sagte er gedankenversunken vor sich hin.

Cora Dennigsen hatte Mühe, auf Ebelings Gedankenwechsel einzuschwenken. Seinen Blicken nach zu urteilen, hätte sie nicht vermutet, dass seine ersten Sätze in ihrer Gegenwart dem Toten vor seinem Gotteshaus gelten würden. Sie zeigte sich innerlich ein bisschen enttäuscht.

»Der Tote war ein Stadtstreicher und stinkbesoffen. Vermutlich hat er in der Kirche Zuflucht vor der eisigen Kälte gesucht«, reagierte sie nun etwas schroff und sachlich.

»Rettende Wärme und Geborgenheit. Er hat sie dort gesucht, wo er sicher war, sie zu finden und sie hätte finden müssen. Aber Gott hatte geschlossen. Keine Sprechstunde, auch nicht für Notfälle«, sinnierte der Pfarrer.

Sprach er nur von Wärme und Geborgenheit in der Theorie und wollte er nicht sehen, dass Cora ihm in diesem Augenblick innerlich so nahe war, dass er nur zuzufassen brauchte? All ihre Ängste vor Konsequenzen mit der Ehefrau und den Gemeindegliedern schienen in diesem Moment von ihr gewichen. Doch den Pfarrer beschäftigte im Augenblick nur der Tote. Also ging die Staatsanwältin sogleich darauf ein.

»Hierher hat sich doch in all den Jahren noch nie ein Penner verlaufen, oder?«, rückversicherte sie sich.

»Nein. Noch nie. Man konnte nicht davon ausgehen, dass so etwas passiert. Was wirst du jetzt machen? Du bist extra aus Goslar angereist.«

»Als ich gehört habe, dass es sich um deine Kirche handelt, dachte ich mir, fahr doch mal rüber.«

»Nett von dir«, lächelte Ebeling sie an und schien sich wieder auf sie zu konzentrieren.

Doch Cora blieb jetzt gezielt dienstlich. »Sie sollen ihn obduzieren, auch wenn das vermutlich Blödsinn ist. Der neue Oberstaatsanwalt wird mir wahrscheinlich Übereifer vorwerfen.«

»Er ist doch ein Hardliner. Begegne ihm genau dort, wo er abgeholt werden will. Sag ihm, dass du ein Verbrechen ausschließen können musst.«

»Der dreht alles so, wie er es braucht. Ich weiß noch nicht, wie ich die nächsten Jahre mit diesem Mann an der Spitze in unserm Justizpalast verbringen soll. Vielleicht lasse ich mich versetzen.«

»Au ja. An die Ostsee. Ich komme mit.«

Betreten sah Cora Jörg von der Seite an.

»Zeig mir noch einmal das Foto, das der Tote bei sich hatte«, bat Ebeling die Staatsanwältin, um sie von einer möglichen Antwort auf sein Ansinnen abzulenken.

Sie zog argwöhnisch die rechte Augenbraue nach oben und nahm es aus ihrer Aktentasche, in der sie es verstaut hatte. Auf dem Küchentisch strich Cora das Foto glatt.

Sie besahen es sich beide ein weiteres Mal. Es handelte sich um eine ziemlich alte Aufnahme, deren Farben stark verblasst waren. Im Vordergrund stand ein Mädchen mit langen blonden Haaren, einem weißen T-Shirt, einer Bluejeans mit breitem Schlag und hölzernen Klapperlatschen an den nackten Füßen.

»Jeans mit einem solchen breiten Schlag waren in den Siebzigern ebenso große Mode wie Klapperlatschen. Fast jedes Mädchen, aber auch viele Jungen sind damals mit diesen Holzdingern durch die Gegend gelaufen. Doch ich frage mich, warum der Tote keinen Ausweis, aber dieses alte Foto bei sich hatte. Im Gegensatz zu seiner Kleidung ist es bestens erhalten. Warum? Wer ist das Mädchen mit den Klapperlatschen?«

»Wie alt mag sie da sein?«, wollte die Staatsanwältin wissen.

»Fünfzehn oder sechzehn, würde ich sagen.«

»Das heißt, dann ist sie inzwischen um die sechzig, wenn sie damals wirklich so jung war und heute noch lebt und das Foto tatsächlich so ungefähr Mitte der Siebzigerjahre aufgenommen worden ist.«

»Auf über sechzig würde ich den Toten auch mindestens schätzen«, merkte Ebeling an.

»Mal sehen, was die Obduktion ergibt«, stellte Cora Dennigsen fest und steckte das Foto wieder ein.

»Heb das gut auf!«, riet ihr der Pfarrer.

»Wenn kein Verbrechen vorliegt, handelt es sich auch um keinen Fall. Dann bringe ich es dir wieder mit und schenke es dir. Nun muss ich ins Büro, sonst zieht mir mein neuer Chef die Hammelbeinchen lang.«

»Um deine wunderschönen Beine kümmere ich mich lieber selbst«, lachte der Pfarrer.

Doch Cora Dennigsen überging seine zweideutig eindeutige Bemerkung mit einem müden Lächeln. Der Moment war verstrichen, der alles hätte verändern können. Ein Toter lag zwischen ihren Gefühlen und genoss höhere Priorität.

Kapitel 4


Der Amtsvorgänger des neu eingeführten Oberstaatsanwalts Dr. Jünger hatte immer die Distanz zu seinen Kollegen gewahrt und war nie einfach in das Büro eines Staatsanwalts hereingeplatzt. Doch der Nachfolger scherte sich um Diskretion einen Dreck. Ohne anzuklopfen drang er in Cora Dennigsens Büro ein und stellte sie wegen der angeordneten Obduktion des toten Stadtstreichers zur Rede.

»Sie haben ganz offensichtlich nichts Wichtigeres zu tun. Haben Sie sich den Aktenberg einmal angesehen, der sich hier, aus welchen Gründen auch immer, aufgetürmt hat?«

»Wollen Sie mir unterstellen, dass ich meine Arbeit zu langsam oder unvollständig mache?«, zeigte sie sich empört über diesen Auftritt.

»Die Staatsanwaltschaft arbeitet nicht effizient genug. Viel zu viele Strafsachen bleiben zu lange auf unseren Schreibtischen liegen. Wenn die Dinge vor Gericht kommen, wissen Beschuldigte häufig nicht einmal mehr, weswegen sie überhaupt vor Gericht stehen. Das muss sich ändern. Und das wird sich ändern. Es ist tragisch, wenn ein Stadtstreicher wegen der lausigen Kälte erfriert. Aber wir können uns nicht damit aufhalten, diesen Fall als Offizialdelikt zu behandeln. Das ist er nämlich nicht. Der Mann war ein Trinker und jetzt, wo es kalt geworden ist, da ist ihm eingefallen, dass er kein Dach über dem Kopf hat. Einer von denen, die nicht einmal für sich selbst Verantwortung übernommen haben. Da muss der Steuerzahler nicht noch für eine kostspielige und völlig sinnlose Obduktion zur Kasse gebeten werden.«

»Wir kennen nicht einmal die Identität des Toten. Alkoholisiert ist er gewesen, als er gestorben ist. Das konnte man riechen. Dass es sich um einen Stadtstreicher handelt, nehmen wir aufgrund seines äußeren Erscheinungsbildes an. Wissen tun wir das nicht. Zu einer guten Arbeit der Staatsanwaltschaft gehört eine sorgfältige Ermittlung. Ich möchte Fremdverschulden ausschließen.«

»Liebe Frau Dennigsen, wer soll denn einen Penner umbringen und dafür lebenslangen Knast riskieren? Ein Mord braucht ein Motiv. Das sehe ich in diesem Fall nicht im Mindesten.«

»Sagen Sie bitte nicht liebe zu mir. Sehr geehrter Herr Oberstaatsanwalt, bisher konnten wir hier in eigener Verantwortung arbeiten und unser Vorgesetzter hat uns vertraut. So würde ich das gern in Zukunft auch handhaben.«

»In Zukunft befolgen Sie Anweisungen. Ich muss Sie wohl nicht daran erinnern, dass Sie als verbeamteter Mensch – ich hoffe, ich habe mich in Gendersprache korrekt ausgedrückt – weisungsgebunden sind. Ich bin als Ihr Vorgesetzter dafür verantwortlich, dass diese Behörde künftig effizienter arbeitet. Da können wir uns nicht mit Bagatellen aufhalten. Oder haben Sie einen Anfangsverdacht?«

»Was bitteschön soll ein Anfangsverdacht sein? Verdacht ist Verdacht.«

»Ich muss Sie ja wohl nicht über den Terminus Anfangsverdacht aufklären. Dieser Begriff ist in unserem Berufsstand allgemein üblich. Spielen Sie hier bitte nicht die Oberlehrkraft. Haben Sie nun einen solchen Verdacht? Ja oder nein?«

»Nein.«

»Also, in Zukunft nichts ohne mein ausdrückliches Einverständnis. Diese Aktion bleibt Ihre einzige eigenmächtige. Ich hoffe, wir haben uns verstanden. Schönen Tag noch.«

Er machte auf dem Absatz kehrt und verließ schwungvoll das Büro der Staatsanwältin.

Cora rechnete nach. Sie war jetzt 45 Jahre alt. Das bedeutete, dass sie noch über zwanzig Jahre bis zu ihrer Pensionierung vor sich hatte. Ihr neuer Chef war 43. Wenn er nicht eines schönen Tages Justizminister werden sollte, würde sie ihre Pensionierung unter diesen Arbeitsbedingungen nicht erleben. Sie grübelte über die Möglichkeit einer Versetzung nach.

Kapitel 5


Jörg Ebeling dachte an seine Pensionierung, deren Schwelle er in drei bis fünf Jahren erreichen würde. Als das junge Brautpaar vor ihm am Altar des Herrn stand und sich das Jawort gab, überlegte er für einen Augenblick, wie vielen Pärchen er das ewige Treueversprechen in all den Dienstjahrzehnten schon abgenommen hatte und wie viele es später vermutlich gebrochen hatten.

Eigentlich empfand er es als romantisch, dass trotz der immer stärker um sich greifenden Nüchternheit Menschen den Weg in die Kirche beschritten, um vor Gott zu bezeugen, dass sie sich füreinander geschaffen glaubten. Meistens verlief das Leben anders, als junge Menschen es sich vorstellten. So kreisten die Gedanken des Pfarrers um seine eigene Ehe, die am Boden lag. Und er dachte an Cora. Er fühlte eine Sehnsucht, als er das Lachen der jungen Menschen sah, die vor ihm standen und die Ringe tauschten. Es war dieses eindeutige, uneingeschränkte Lachen, das Ja zum Leben und vor allem zur Liebe sagte.

Nachdem er den Segen gesprochen und die frisch Vermählten in die eisige Kälte entlassen hatte, schweifte sein Blick über den verschneiten Garten, auf dem am frühen Morgen der Tote gefunden worden war. Keine einzige Spur von dem erfrorenen Obdachlosen war mehr zu entdecken. Nur Ebeling und sein Kirchenvogt Vahldieck dachten für einen Moment an die gespenstische Szene im winterlichen Morgengrauen.

Dann drehte Vahldieck die Heizung wieder ab. Bis zum folgenden Sonntag würde die Kirche unbenutzt bleiben und deshalb auch wieder verschlossen, was Pfarrer Ebeling missfiel.

Er ging zu seinem Haus hinunter und überlegte, ob er Cora anrufen sollte. Aus irgendeinem, ihm nicht ersichtlichen Grunde verwarf er den Gedanken jedoch schnell wieder.

Ebeling traute sich gar nicht mehr, in den Spiegel zu schauen. Wenn er die wenigen grauen Haare auf seinem Kopf betrachtete und die ziemlich rundliche Figur darunter, befielen ihn stets Zweifel, was die hübsche Staatsanwältin so attraktiv an ihm fand. Vielleicht rief er deshalb nicht bei ihr an, weil ihn die Angst plagte, dass sie ihn eines Tages mit offenen Augen betrachtete und ohne den Mantel der Verliebtheit ihren Gefallen an seinem welken Gesicht verlöre.

Kapitel 6


Am nächsten Tag flatterte der Staatsanwältin der Obduktionsbericht auf den Tisch. Der vermutlich obdachlose Mann, der vor der Tür der Kirche ihres Freundes den Tod gefunden hatte, starb ohne Fremdeinwirkung. Er war erfroren. Es gab auch keine Hinweise darauf, dass ihn jemand tot vor die Kirche gezerrt und da abgelegt hatte. Den Weg dorthin musste der volltrunkene Mann in der Hoffnung, im Kirchengebäude Unterschlupf und Schutz vor der Kälte zu finden, allein zurückgelegt haben. Sein Alkoholgehalt im Blut belief sich auf 3,4 Promille. Cora Dennigsen gab nun ein Polizeifoto, das den Toten zeigte, an Fernsehen, Presse und soziale Medien mit der Frage weiter, ob jemand den Mann kenne. Seine Akte konnte sie definitiv schließen. Falls die Staatsanwältin Glück haben und sich jemand auf ihre Anfrage mit einem Hinweis melden sollte, könnte sie nachträglich seinen Namen den Akten hinzufügen. Ansonsten bliebe er einer von den namenlosen Toten dieser Welt.

Cora Dennigsen zog das Foto, das der Verstorbene bei sich gehabt hatte, aus der Akte heraus und hielt es in den Händen. Es wunderte sie, dass er es so sorgfältig in seinen Lumpen verstaut hatte. Doch wie versprochen legte sie es nicht wieder in die Akte, sondern würde es Jörg zu ihrem nächsten Treffen mitbringen. Im Augenblick wusste sie jedoch nicht, wann eine neuerliche Begegnung mit dem Pfarrer stattfinden würde und ob sie es überhaupt wollte. Cora war wieder gespalten in ihren Gefühlen diesem Mann gegenüber. Sie besah sich das Foto, noch einmal, bevor sie es in ihrer Handtasche verstaute. Dann beschäftigte sie kurz die Frage, was der so stark alkoholisierte Erfrorene mit diesem bildhübschen Mädchen zu tun hatte. Doch schließlich rief die Arbeit. Berge von Akten wollten beackert werden. Cora machte sich daran und schnell geriet das Mädchen mit den Klapperlatschen wieder in Vergessenheit.

Kapitel 7


Zwei Tage waren vergangen, ohne dass Cora und Jörg etwas voneinander gehört hatten. Es missfiel der Staatsanwältin, dass der Pfarrer sich nicht bei ihr meldete, obwohl ihr nicht klar war, ob sie das überhaupt wollte. Hätte es keinen Grund für sie gegeben, ihn anzurufen, wäre vielleicht noch viel Zeit verstrichen, bis er den Kontakt zu ihr gesucht und aufgenommen hätte.

Für Cora stand fest, dass sein offensichtliches Interesse an ihr verblasst sein musste, wenn er sich nicht meldete. Vielleicht gab es aber auch wieder Stress mit seiner Frau. So gab sie sich schließlich einen Ruck und rief ihn an. Nach mehrmaligem Klingeln ging er an sein Handy. Für Cora nicht spürbar wurde Jörg ganz warm ums Herz, als er ihre leicht angeraute Stimme vernahm. Dieses Mal sprach sie über den Toten vor der Kirche, während er sie mit Komplimenten überzog und sich froh darüber zeigte, ihre Stimme zu hören. Auf die Frage, warum er sich nicht bei ihr gemeldet hatte, gab Ebeling zur Antwort, aus Ärger mit seiner Frau keine Muße dazu gefunden zu haben.

Nach wenigen Minuten befanden sich beide wieder auf einer Wellenlänge und verabredeten sich zum gemeinsamen Abendessen in einem Restaurant in Goslar. Cora wollte dem Pfarrer das fragliche Foto mitbringen.

Wann immer es Jörg aus unterschiedlichen Gründen in dieses Städtchen zog, bewunderte er Goslar mit seiner historischen Altstadt, der Kaiserpfalz und den schmalen kopfsteingepflasterten Straßen.

Die beiden trafen sich in einem der Restaurants am Marktplatz, wo sie sich zur Begrüßung einen flüchtigen Kuss gaben. Die Angst schwang mit, von irgendjemandem aus Leuterspring, der auch hier verweilte, beobachtet zu werden.

Nachdem sie an dem einzigen noch freien Tisch Platz genommen hatten, kam eine Kellnerin und entzündete die Kerze auf einem geschwungenen Bronzeständer vor ihnen. Sie spendete anfangs ein unruhiges Licht und ließ die Schatten der beiden hektisch über die weiße Wand tanzen. Doch als sie ihr Essen bestellt hatten, fand die Kerze zur Ruhe und die Gesichter der beiden schienen in ihrem Glanz wie verzaubert.

Beide verspürten das starke Bedürfnis zu reden. Angestrengt versuchten sie, Wörter für ihre Gefühle zu finden, was sich als äußerst schwierig gestaltete. Gefühle folgten immer völlig eigenen Sprachregeln jenseits von Semantik und Grammatik. Doch irgendwann ergab sich Klarheit für beide. Sie wollten es gemeinsam wagen und klaren Tisch machen. Die fünfzehn Jahre Altersunterschied blendeten die Verliebten einfach aus.

»Sie werden dich als Pfarrer rausschmeißen«, gab Cora zu bedenken.

»Können sie nicht. Allenfalls strafversetzen. Dann hat Leuterspring keinen Pfarrer mehr. Und bevor ich in einer fremden Gemeinde meinen Dienst aufnehmen muss, lass ich mich so lange krankschreiben, bis sie mich pensionieren.«

Cora entgegnete seinen Überlegungen nichts. Sie fragte sich unentwegt, warum es gerade dieser Mann sein sollte, dem sie ihr Leben anvertrauen wollte? Doch so seltsam es auch anmutete, so verhielt es sich mit der Liebe. Sie konnte nur aufflackern und sich entfalten, wenn niemand die Vernunft dem zarten Pflänzchen der Vertrautheit entgegenhielt. So ließen sich beide von ihren Gefühlen leiten und in eine Glückseligkeit hineintreiben, aus der sie niemand wieder herausreißen sollte. Allerdings befielen beide große Zweifel, für die sie Worte der Besorgtheit fanden. Worte, die an diesem Abend bedeutungslos blieben und ungehört verhallten.

Das Foto des toten Obdachlosen, das als Grund für die Verabredung hergehalten hatte, geriet fast in Vergessenheit. Nur beiläufig spielte es eine Rolle, da Cora es aus ihrer Tasche zog und Ebeling überreichte, als der für beide zahlte und sie kurz davor waren zu gehen.

Hand in Hand schlenderten sie nun über den Marktplatz durch die Straßen und Sträßchen der Fußgängerzone. Dort lagen sie sich in den Armen und küssten einander sehr intensiv und ausdauernd. Der Pfarrer verspürte eine ausgedehnte Erregung und konnte sich sicher sein, trotz des fortgeschrittenen Alters nichts an Manneskraft eingebüßt zu haben, wenngleich der Beipackzettel seines Betablockers genau vor diesen unangenehmen Nebenwirkungen warnte.

Da es für Ebeling keinen ersichtlichen Grund gab, nach Hause zu fahren, ließ er sein Auto im Parkhaus stehen und folgte seiner neuen Liebe in deren Goslarer Wohnung.

Ihn überkam ein sehr vertrautes Gefühl aus Jugendzeiten. Es ließ diese Verunsicherung in ihm erwachen, wenn er das erste Mal die Wohnung einer Frau betrat, die ihm gefiel und die er haben wollte - und nun auch haben konnte. Er war aufgeregt, weil alles noch so fremd und ungewohnt für ihn war.

So schaute er sich zunächst die einzelnen Zimmer ganz genau an, als müsse er das Revier abstecken, in das er gerade eingedrungen war. Ebeling betrachtete das Bild auf dem Wohnzimmerschrank. Es stand dort und hatte keinen Rahmen. Glas schützte das Foto, auf dem eine Frau und ein Mann mittleren Alters abgebildet waren.

»Sind das deine Eltern?«, wollte der Pfarrer von Cora wissen.

Sie nickte nur und er stellte bei genauerem Hinsehen eine Ähnlichkeit im Aussehen zwischen Cora und ihrer Mutter fest.

»Manche Leute sagen, ich sei ihr wie aus dem Gesicht geschnitten«, bestätigte sie Jörgs Feststellung. »Aber leider sind beide schon tot«, fügte Cora mit trauriger Miene noch hinzu.

Langsam begann er sich an die ihm noch fremde Umgebung zu gewöhnen und dadurch an Sicherheit zu gewinnen, sich seiner Angebeteten öffnen und hingeben zu können.

Am nächsten Morgen fuhr er nach Leuterspring zurück. Seine Frau war bereits zum Schuldienst aufgebrochen und er war sich sicher, reinen Tisch machen zu wollen, sobald sie zurückkehrte. Er war der Lügen überdrüssig.

Kapitel 8


Tee inspirierte Pfarrer Jörg Ebeling schon seit frühester Jugend. Natürlich trank er Kaffee zum Frühstück und manchmal zwischendurch. Wenn er jedoch Tee kochte und auf sein Stövchen stellte, genoss er die sich dann einstellende Atmosphäre. So weckte ein heißer Schluck aus der gefüllten dampfenden Porzellantasse an diesem Mittag nach der rauschenden Liebesnacht die scheinbar noch schlafenden Geister des 60-Jährigen.

Er setzte sich seine Hornbrille auf und nahm das Foto zur Hand, das der Tote bei sich getragen hatte. Zusätzlich holte Ebeling noch eine Lupe aus dem Schrank und besah sich die Aufnahme, die durch die starke Vergrößerung für den Pfarrer die Lebendigkeit eines Films annahm.

Er griff zur Teetasse und schlürfte daran. Das heiße Getränk verteilte sich im Magen und versprühte seine wohltuende Wirkung, durch die dem Geistlichen eine Idee kam. Er erhob sich aus seinem Sessel und ging mit dem Foto in der Hand in den Keller hinunter. Dort befand sich ein kleines Archiv seiner Kirchengemeinde, das einer seiner Amtsvorgänger angelegt hatte. Vielleicht war das Mädchen mit den Klapperlatschen ja aus dieser Gemeinde und hier irgendwann in der ersten Hälfte der Siebziger konfirmiert worden.

Er wühlte eine Weile, bis er die Schwarz-Weiß-Fotos jener Tage fand und vorsichtig auspackte. Nacheinander betrachtete der Pfarrer die Bilder und glitt in Gedanken ab in jene ferne zurückliegende Zeit, in der auch er so jung gewesen war wie diese Jugendlichen auf den Fotos.

Die Jungen trugen dunkle Anzüge und Krawatten, die Mädchen weiße Blusen und schwarze Röcke, Strümpfe und Lackschuhe. Es waren Bilder wie aus einer anderen Welt.

Jedes Jahr am Sonntag nach Ostern, dem Weißen Sonntag, hatten die Konfirmationen stattgefunden, und anschließend hatte immer derselbe Fotograf die frisch Konfirmierten in stets gleicher Pose für die Ewigkeit ins Bild gesetzt.

Da standen diese wild zusammengewürfelten jungen Menschen, die die Prozedur der Einsegnung über sich ergehen lassen hatten und nun hoffnungsfroh in die Kamera schauten, wohlwissend, wieder eine Etappe auf dem langen Weg des Erwachsenwerdens genommen zu haben. Hinter ihnen in der Mitte ragte das Kruzifix hervor und der Gekreuzigte betrachtete seine Schützlinge. Dessen Arme schienen die Mädchen und Jungen zu segnen. In Wahrheit entließ der Sterbende die Jugendlichen ins Leben. Die Bilder waren verblasst und verstaubt.

Als Ebeling das Bild des Konfirmandenjahrgangs von 1974 genauer betrachtete, entdeckte er ein niedlich gekleidetes Mädchen, bei dem es sich um das fragliche auf dem Foto handeln könnte, das der Tote bei sich getragen hatte. Außerdem erkannte er in einem der Jungen Axel Süßkraut wieder, der sich schon im beruflichen Ruhestand befand und der Vorsitzende der Freiwilligen Feuerwehr von Leuterspring war.

Der Pfarrer suchte nun nach den Namen, die auf der Rückseite der Konfirmandenfotos so aufgeschrieben waren, dass sie sich den Jugendlichen problemlos zuordnen ließen, wenn man das Bild umdrehte. Gabriele Börner war dort zu lesen. Zweifelsohne war das Mädchen aus dem Dorf. Wenn sie wirklich das Mädchen mit den Klapperlatschen sein sollte, gab es eine Verbindung zwischen dem Toten vor der Kirche, dem Foto in seiner Jackentasche und der dörflichen Gemeinde. Es schien sich um eine uralte Geschichte zu handeln, die möglicherweise hier in der Kirche ihren hoffnungsvollen Anfang genommen und nach all den Jahren am selben Ort ihr schreckliches Ende gefunden hatte. Ebeling war es gelungen, eine erste Spur ausfindig zu machen. Er war wie besessen. Dem Mädchen mit den Klapperlatschen hatte er nun einen Namen zuordnen können. Über diese inzwischen ebenfalls in die Jahre gekommene Frau würde er herausfinden, bei wem es sich um den namenlosen Toten gehandelt hatte. Dessen war er sich sicher. Und als Pfarrer wusste er, dass ein unumstößlicher Glaube all unserm menschlichen Handeln vorausging. Sein Glaube war größer als die ebenso berechtigten Zweifel, dass er sich verrennen könnte.

Als er aus dem Keller wieder nach oben zurückkam, hörte er die Haustür ins Schloss fallen. Seine Frau musste aus der Schule zurückgekommen sein. Er wusste, welche Stunde schlug und fasste allen Mut zusammen. Dennoch zitterten seine Hände und fühlten sich offensichtlich nicht stark genug, um den Schlussstrich unter so viele Ehejahre gerade wie einen Schnitt zu ziehen. Er musste es trotzdem tun. Jetzt oder nie! Pfarrer Jörg Ebeling entschied sich für das Jetzt.

»Wo bist du denn letzte Nacht gewesen?«, fragte ihn seine Frau vorwurfsvoll, während sie die Handtasche beiseitelegte und den Autoschlüssel auf die Anrichte im Flur schleuderte.

Ebeling spürte die Aggression, die sich sofort ausbreitete, nachdem seine Frau das Haus betreten hatte.

»Ich habe bei einem Freund in Goslar gepennt. Hatte zu viel getrunken, um noch mit dem Auto fahren zu können«, log er. Es war nicht der richtige Moment für die Wahrheit. Das spürte Ebeling sofort. Außerdem hatte ihn sein kurzzeitig aufgebrachter Mut in Windeseile wieder verlassen. In diesem Moment betrachtete er seine Frau und sie tat ihm leid. Sie hatte es nicht verdient, dass er sie belog und betrog. Ihre Treue zu ihm brauchte er hingegen nicht anzuzweifeln.

Sie ging nicht weiter auf ihn ein und verschwand demonstrativ in der Küche. Er wusste, dass sie ihm damit ein schlechtes Gewissen machen wollte. In der Küche kannte sich der Pfarrer nicht aus. Einen Augenblick überlegte er, ob diese Tatsache nicht mit seiner Freundin zum Problem werden könnte. Sie war fünfzehn Jahre jünger. Frauen noch nicht so weit zurückliegender Geburtsjahrgänge verhielten sich im Regelfall emanzipierter und schlüpften nicht in die altertümliche Rolle, die sie jahrhundertelang ausgefüllt hatten.

Ebeling beschloss kurzerhand, jeglicher Diskussion aus dem Weg zu gehen, und stieg noch einmal in den Keller hinab. Da verstaubten Aktenberge, für die sich im Regelfall nie wieder ein Mensch interessierte. Doch der Pfarrer hatte einen Grund gefunden, den Staub von ihnen zu schütteln und sie aufzuschlagen, um damit weit zurückliegende Vergangenheit aufzublättern und zu neuem Leben zu verhelfen.

Wenn das Mädchen auf dem Foto in Leuterspring konfirmiert worden war, stammte es aus diesem Dorf. Dann hatte es ihre Eltern hierher verschlagen oder ihre Familien waren hier schon immer ansässig gewesen. Fiel die Konfirmation des Mädchens in das Jahr 1974, lag ihr Geburtstag vermutlich vierzehn oder fünfzehn Jahre zuvor.

Ebeling nahm das Taufregister zur Hand. Tatsächlich fand er das Datum. Gabriele war am 11. Januar 1960 zur Welt gekommen und am 1. Mai 1960, einem Sonntag, in der Kirche von Leuterspring getauft worden. Als Taufpatin war Helga Ziegler eingetragen. Diese Frau lebte noch und besuchte den Seniorenkreis der Kirchengemeinde einmal im Monat montagnachmittags sowie den sonntäglichen Gottesdienst mit ziemlicher Regelmäßigkeit. Trotz ihrer 92 Jahre, die sie inzwischen auf dem Buckel hatte, fiel sie jedem durch ihren Scharfsinn sowie ihre körperliche Unversehrtheit auf. Sie marschierte noch immer ohne Gehhilfen in aufrechter Körperhaltung so durchs Dorf, als hätten die Anstrengungen der vielen Lebensjahre ihre Knochen vollständig in Ruhe gelassen. Obendrein war die alte Dame ein Ausbund an Freundlichkeit. Ebeling hatte die Patentante des Mädchens von einst gefunden.

Die Eltern von Gabriele waren aber beide tot, wie er den Akten entnahm. Die Mutter war schon 1979 gestorben und den Vater hatte Ebeling selbst im Jahre 2009 beerdigt, ohne jedoch zu wissen, welche Bedeutung er plötzlich für ihn bekam.

Nun blätterte er weit zurück und stöberte das Buch mit den Amtshandlungen der Jahre 1959, 1958 und 1957 durch. Da fand er sie: die Hochzeit von Gabrieles Eltern. Drei Jahre vor ihrer Geburt hatten sie sich in der Kirche von Leuterspring das Jawort gegeben. Benno Börner hatte Annegret Lachmann im Sommer 1957 geheiratet.

Der Pfarrer war fest entschlossen, alles über diese Familie in Erfahrung zu bringen, da er sicher war, über diesen Weg Zugang zu dem namenlosen Toten vor seiner Kirche zu finden.

Er verstaute die Akten im Keller wieder. Niemals würde irgendjemand all diese Daten digitalisieren, da sie praktisch ohne jegliches Interesse für alle Nachgeborenen waren. Vielleicht könnten sie einem Heimatpfleger dienlich sein, der eine Chronik über das Dorf oder seine Kirche schreiben wollte.

Ebelings Frau wirbelte noch immer in der Küche herum, während er die Nummer von Helga Ziegler aus dem Telefonbuch heraussuchte, zum Hörer griff und sie wählte.

Kapitel 9


Über Zeit schien die rüstige Rentnerin grenzenlos zu verfügen. So kam es, dass der Pfarrer nach vorheriger telefonischer Absprache noch am selben Tag an der Tür zu ihrem Einfamilienhaus klingelte, das am Dorfrand stand. Seit Jahr und Tag lebte Helga Ziegler allein in diesem Haus und hielt es noch immer ohne fremde Hilfe in Schuss. Dass es sich jemals anders verhalten und ein Mann an ihrer Seite gelebt hatte, daran konnte sich hier schon fast niemand mehr erinnern. Seit mehr als einer Generation war ihr Mann verstorben. Fotos von ihm hingen überall an den Wänden der einzelnen Zimmer. Um sie zu sehen und an den lange verstorbenen Herrn erinnert zu werden, musste ein Besucher allerdings die Eingangstür zu ihrem Haus durchschreiten. Ihren eigenen Angaben zufolge geschah das äußerst selten, da das Interesse an ihr seitens der noch im Dorf lebenden Personen augenscheinlich stark nachgelassen hatte.

Über den Besuch des Pfarrers schien die alte Dame sehr erfreut und Ebeling fragte sich, warum er erst jetzt den Weg zu ihr gefunden hatte. Irgendwie hätte es doch zu seiner beruflichen Pflicht gehört, viel öfter einmal bei ihr vorbeizuschauen als nur zu runden Geburtstagen.

Viele Fenster waren abgedunkelt und ein unangenehmer Geruch stach dem Besucher in die Nase, der sich durch das gesamte Haus zog. Zweifellos lüftete Frau Ziegler nicht mehr in der angemessenen Weise.

Jörg Ebeling entschied sich für Tee, als sie ihn fragte, was er trinken wollte und vor die Alternative Tee oder Kaffee stellte. Hätte er geahnt, dass sie ihm Pfefferminztee servieren würde, wäre seine Wahl auf Kaffee gefallen. Pfefferminztee war so ziemlich die einzige Sorte, die er nicht mochte. In Kindertagen hatte er ihn trinken müssen, wenn er krank gewesen war und sich den Magen verdorben hatte. Aber er zwängte ihn in sich hinein.

Helga Ziegler war neugierig geworden, warum der Pfarrer sie besuchen wollte und es so dringend gemacht hatte.

»Dienstagmorgen ist doch ein Obdachloser vor unserer Kirche erfroren. Er hatte keinen Pass bei sich. Nur ein altes Foto mit einem jungen Mädchen darauf. Ich habe es mit Konfirmandenfotos aus den Siebzigerjahren verglichen und dadurch herausgefunden, dass es sich bei diesem Mädchen um Gabriele Börner handelt. Mittels unseres Taufregisters habe ich dann gesehen, dass Sie seinerzeit die Taufpatin waren.«

»Das liegt mehr als ein halbes Jahrhundert zurück. Im Mai 1960 fand die Taufe in unserer Dorfkirche statt. Aber wie kommt der Tote zu dem Bild mit meinem Patenkind darauf?«

»Das eben weiß ich nicht. Die Staatsanwältin hat ein Foto des Toten an die Zeitungen gegeben. Doch es hat sich niemand gemeldet, der ihn gekannt haben will. Ich würde schon gerne wissen, wer dieser Mann gewesen ist und warum er sich meine Kirche zum Sterben ausgesucht hat. Vielleicht gelingt mir das über Ihr Patenkind. Lebt es noch?«

»Ja natürlich. Gaby Schmuck, wie sie jetzt heißt, wohnt in Braunlage. Sie arbeitet dort als Schreibkraft in einer Rechtsanwaltspraxis. Eine Sozietät. Zu mehr hat es bei ihr nicht gereicht. Und wenn ihr Vater nicht dafür gesorgt hätte, dass Doktor Schmuck seine Tochter ehelichte, dann wäre gar nichts aus ihr geworden. So konnte sie wenigstens auf dem Standesamt promovieren. Durchs Abitur ist sie durchgefallen, obwohl sie die besten Voraussetzungen mitgebracht hat. Beide Elternteile hatten Abitur. Aber die Gaby hat ihren Eltern nichts als Kummer gemacht. Ein Enfant terrible. Ihre Mutter ist aus Kummer darüber sehr früh gestorben. Danach hat ihr Vater sie mit dem Arzt zusammengebracht. Sonst wäre sie verloren gewesen und es wäre gar nichts aus ihr geworden.«

»Wann haben Sie sie das letzte Mal gesehen?«

»Das ist schon sehr lange her. Jahrzehnte. Sie hat damals den Kontakt auch zu mir abgebrochen. Ein undankbares Gör in jeder Hinsicht. Schon in jungen Jahren hatte sie nur Kerle im Kopf. Manche Mädchen gehen aufs Ganze, wenn die Muschi zu jucken anfängt. Gaby war eine davon.«

Donnerwetter! So einen Satz hätte Ebeling aus dem Mund der alten Dame nicht vermutet. In ihrem Gesicht fand er einen Ausdruck von Hass und Abscheu. Ihre Freundlichkeit, für die sie so bekannt war, hatte sich vollends verabschiedet.

»Und Sie kennen den Toten vor unserer Kirche auch nicht?«

»Nein, Herr Pfarrer. Ich habe sein Bild in der Zeitung gesehen. Wenn der Mann ein Foto von Gaby in seiner Tasche oder wo auch immer hatte, dann hat es sich vielleicht um einen ihrer Jugendfreunde gehandelt. Dann haben Sie jetzt eine Vorstellung davon, mit was für Gesindel sich Gaby eingelassen hat und warum ihre Mutter vor lauter Kummer so früh von uns gegangen ist.«

Ein Jugendfreund! Eine Möglichkeit. Nicht ganz unwahrscheinlich.

»Es ist besser so, dass sich diese Rotzgöre nie wieder bei mir gemeldet hat. Sie soll bleiben, wo der Pfeffer wächst.«

Mit wem hatte denn Ebeling seinerzeit das Trauergespräch geführt, als der alte Börner beerdigt werden sollte? War da nicht eine jüngere Frau? Handelte es sich dabei nicht möglicherweise um dessen Tochter?

»War Frau Schmuck bei der Beerdigung ihres Vaters?«

»Das wäre ja wohl noch schöner, wenn sie nicht einmal das hinbekommen hätte! Zuzutrauen wäre es ihr gewesen. Aber ihr Mann, der Arzt, nicht sie, wird dafür gesorgt haben, dass der alte Herr anständig unter die Erde gekommen ist.«

»Dann kenne ich Gaby Schmuck. Mit mir hat sie das Gespräch geführt, auf dessen Inhalt ich die Trauerrede aufgebaut habe. Jetzt erinnere ich mich wieder. Es ist ein Mann dabei gewesen. Ihr Mann. Ein Arzt. Ganz genau.«

»Der Penner, der vor unserer schönen Dorfkirche verreckt ist, ist es nicht wert, dass man sich um ihn unnütze Gedanken macht. Glauben Sie mir, Herr Pfarrer!«, sagte sie unmissverständlich in einer unversöhnlichen Tonlage. Woher kam diese Hartherzigkeit? Offensichtlich musste Ebeling einen ganz wunden Punkt getroffen und thematisiert haben.

»Vielleicht haben Sie recht. Es tut mir leid, dass ich Ihre Zeit so sehr in Anspruch genommen habe«, sagte der Pfarrer daraufhin freundlich lächelnd.

»Aber das haben Sie ja gar nicht. Ist doch normal, dass Sie sich Gedanken machen und Antworten suchen. Schauen Sie bald mal wieder vorbei!«

Kapitel 10


Jörg Ebeling ging durch die verschneiten Straßen von Leuterspring zu seinem Haus zurück. In Gedanken hing er den Worten der alten Dame nach. So hatte er sie bislang noch nicht kennengelernt. Diese Bitterkeit, die lückenlos aus ihr sprach, hätte er bei der sonst so leutseligen Frau nicht vermutet. Es stieß ihn innerlich ab. Das alles stand seinen Predigten über Nächstenliebe und Vergebung diametral gegenüber. Sie saß im Gottesdienst und hörte ihm zu. Verstanden haben konnte sie ihn nicht. Er glaubte, eine Scheinheiligkeit entlarvt zu haben.

Sein Haus war menschenleer, als er es betrat. Wohin sich seine Frau schon wieder verkrümelt hatte, war ihm ein Rätsel. Jedenfalls war sie nicht da.

Schnurstracks marschierte Ebeling in sein Arbeitszimmer und fuhr den Computer hoch. Dann steckte er einen Stick in das Gerät und rief seine Trauerpredigten auf. Ziemlich schnell fand er jene, die er bei der Beerdigung vom alten Börner vor über zehn Jahren gehalten hatte. Er begann zu lesen:

Liebe Trauergemeinde,

wir sind heute hier zusammengekommen, um Abschied von Benno Börner zu nehmen. Er wurde am 5. Juni 1928 in Königsberg geboren. Seine Kindheit spielte sich im paradiesischen Ostpreußen ab, wo er die Schule besuchte und unbeschwerte Jahre im Kreise seiner Eltern verbrachte. Der Krieg klopfte erst ziemlich gegen Ende an die Pforten des fernen Ostpreußen.

Dann aber änderte sich das Leben des 17-jährigen Benno schlagartig. Kindheit und Jugend endeten am 27. Januar 1945, als die gesamte Familie von eben auf jetzt die Flucht über die zugefrorene Ostsee gen Westen antreten musste. Mutter und Sohn überlebten als Einzige den Todesmarsch und standen mittellos im zerbombten Deutschland.

Doch hier ging es nach all den Entbehrungen mit Benno wieder bergauf. Er holte sein Abitur nach und begann eine Ausbildung als Autoschlosser. Später studierte er Maschinenbau und lernte dabei seine große Liebe Annegret kennen. Sie zogen in die dörfliche Idylle von Leuterspring. 1957 heirateten die beiden und drei Jahre später wurde Tochter Gabriele geboren. Was für Benno Ostpreußen in jungen Jahren gewesen war, das wurde für die einzige Tochter Leuterspring.

1979 verstarb Ehefrau Annegret überraschend. Nun war Benno ganz auf sich allein gestellt, denn schon bald trat auch Tochter Gaby in den Stand der Ehe mit dem Arzt Doktor Schmuck ein.

Die letzten dreißig Jahre lebte Benno Börner ziemlich zurückgezogen in Leuterspring. Er verreiste nicht mehr und wurde von zunehmenden Depressionen geplagt. Sein Tod aber kam irgendwie schnell und unvermutet.

Dann folgten noch die biblische Auslegung und Worte des Trostes. Das also war die Biografie von Benno Börner. Zumindest handelte es sich dabei um das, was Tochter Gabriele und ihr Ehemann Doktor Schmuck von Pfarrer Ebeling wollten, dass er es über ihn sagte.

Zurückgezogenheit und Verbitterung über das Leben! Auch Helga Ziegler war von jener Bitterkeit durchsetzt.

So etwas kam nicht von ungefähr. Es musste irgendetwas geschehen sein, über das bislang Stillschweigen bewahrt worden war. Und es musste mit dem Toten vor der Kirche zusammenhängen. Das jedenfalls vermutete Pfarrer Ebeling, obwohl es eigentlich keinen einzigen Anhaltspunkt für diese Annahme gab.

Die Tür fiel ins Schloss. Seine Frau musste nach Hause gekommen sein. Er hörte, wie sie Einkaufstaschen absetzte und die Kühlschranktür öffnete. Sie hatte eingekauft. Ebeling verspürte wenig Lust, sie zu sehen. Seine Gedanken kreisten um Cora.

Er griff zum Handy und schickte ihr eine Nachricht. An den beiden blauen Haken erkannte Ebeling, dass sie seine Zeilen sogleich gelesen hatte. Dann sah der Pfarrer, dass Cora im Begriff war, zurückzuschreiben.

So ging es eine Weile hin und her, bis am Abend eine Verabredung der beiden stand. Ihm war klar, dass er sich noch etwas einfallen lassen musste, was er seiner Frau als Grund für das geplante Fortgehen auftischte. Vermutlich glaubte sie ihm seine Geschichten längst nicht mehr und ahnte, dass es billige Ausreden waren. Wusste sie auch, dass eine andere Frau dahintersteckte?

Kapitel 11


Coras braune Augen funkelten. Die gedimmten Glühlampen unter der Decke des Restaurants, in dem sie sich zum Essen an einen der hinteren Tische gesetzt hatten, spiegelten sich in ihnen. Verliebt schauten die beiden einander an.

Sie hatten Bad Harzburg als Treffpunkt gewählt. Interessiert studierten sie die Speisenkarten und lasen sich gegenseitig jene Gerichte vor, die auf ihren anfänglichen Geschmack trafen. Irgendwann fiel die Entscheidung und sie bestellten ihr jeweiliges Menü. Cora bevorzugte Fisch, während Jörg gern Fleisch aß. Da sie beide mit dem Auto hierhergekommen waren, tranken sie Alkoholfreies, wenngleich ihnen ein trockener Rotwein lieber gewesen wäre.

»Hast du inzwischen reinen Tisch gemacht oder bin ich noch immer deine heimliche Mätresse?«, fragte sie ihn schließlich.

»Ich wollte es ihr sagen, aber ich konnte es noch nicht. Der richtige Augenblick dafür – er war noch nicht da.«

»Den richtigen Augenblick für so etwas wird es wohl nie geben. Dir fehlt der Mut. Den musst du aufbringen, wenn du mich wirklich haben willst.«

»Ich will dich. Dessen bin ich mir sicher. Nur dich. Aber ich habe Angst, meine Frau zu verletzen, ihr wehzutun.«

»Trennung bedeutet nun mal Schmerz.«

»Ja. Ich habe eine neue Freundin und meine Frau steht allein da. Das ist irgendwie nicht fair.«

»Deine Frau mit mir zu betrügen geziemt sich für einen Pfarrer erst recht nicht.«

»Ich weiß, Liebes. Morgen werde ich es ihr beichten. Ohne Rücksicht auf Verluste.«

»Na hoffentlich. Und was machen deine Recherchen in Sachen Todesfall vor deinem Gotteshaus?«, wollte Cora nun von ihm wissen.

»Ich komme ganz gut voran. Ich weiß jetzt, wer das junge Mädchen auf dem Foto ist, das der Tote bei sich hatte. Ich habe sogar vor ungefähr zehn Jahren ihren Vater beerdigt. Eine treue Gottesdienstbesucherin von 92 Jahren war einst die Patentante dieses Mädchens. Sie hat nicht besonders gut über sie gesprochen. Vielleicht war der Tote ein früherer Freund des Mädchens.«

»Und weshalb kommt der nach so vielen Jahren nach Leuterspring zurück?«

»Keine Ahnung. Das werde ich noch rausfinden müssen.«

»Wie willst du das denn? Und was soll es bringen? Der Tote war ein Obdachloser. Ein Alkoholiker.«

»Zunächst einmal war er ein Mensch.«

»Ja, Jörg. Ich habe das Foto, das wir von dem Toten gemacht haben, an die sozialen Medien und die überregionale Presse weitergegeben. Das weißt du doch. Keine Reaktion. Ich habe es auch nicht anders vermutet. Es bleibt ein tragischer Todesfall, für den wir keine Erklärung haben und sicherlich auch nicht bekommen werden. Für die Staatsanwaltschaft ist es kein Fall. Ich habe genug anderes zu tun.«

»Ich habe die Zeit und die Motivation, die rätselhafte Geschichte zu ergründen. Vielleicht werde ich nicht weiterkommen. Aber das wird sich zeigen. Möglicherweise weiß Frau Schmuck, das Mädchen vom Foto, wer der Mann war, der ihr Bild so sorgfältig aufbewahrt hatte und nach Leuterspring gekommen ist, um dort zu sterben.«

»Warum willst du das alles in Erfahrung bringen?«

»Ich glaube, Gott hat es mir aufgetragen.«

»Wie denn?«

»Indem er den Toten vor meine Kirchentür gelegt hat.«

»Man kann dich von deinem Vorhaben nicht abbringen. Was du dir einmal in den Kopf gesetzt hast, das ziehst du durch. Nicht wahr?«

Der Pfarrer nickte.

»Nur was uns anbelangt, da machst du keinen reinen Tisch mit deiner Frau.«

Ebeling senkte verlegen seinen Kopf.

Die Speisen wurden serviert.

Kapitel 12


Der erste Sonntag nach dem Leichenfund in Leuterspring war angebrochen. Die arktische Kälte hatte sich dorthin zurückgezogen, wo sich ihr Ursprung befand. Mildere Temperaturen lagen über dem Harz und sorgten für Tauwetter. Obwohl das Quecksilber nur geringfügig über den Gefrierpunkt hinaus gestiegen war, fühlte sich die Luft frühlingshaft warm an. Die Menschen atmeten tief durch nach den zwei zurückliegenden Winterwochen, von denen erst in der zweiten reichlich Schnee gefallen war. Die erste Woche war einfach nur bitterkalt und trocken.

Kirchenvogt Vahldieck hatte den geschlängelten Weg hinauf zur Kirche mit reichlich Sand abgestreut, damit die zu erwartenden Gottesdienstbesucher auch sicheren Fußes zur Kirche gelangten.

Die Glocke im Turm bewegte sich wild hin und her und ihr Klöppel mühte sich, den tiefen Klang aus ihr herauszuholen. In den letzten Minuten vor Beginn des Gottesdienstes kamen einige Menschen eilig herbei. Insgesamt wurden es sechs ältere Damen, unter ihnen auch die 92-jährige Helga Ziegler, und vier Herren, die längst im Ruhestand weilten. Der Pfarrer mit seinen sechzig Jahren war der Jüngste an diesem Morgen in der Kirche. Vahldieck kratzte sich am Kopf und fragte sich, ob es überhaupt noch lohnte, so früh aufzustehen, um das Gotteshaus für teures Geld zu heizen.

Ebelings Frau kam schon lange nicht mehr zur Kirche, weil sie offenbar keine Lust verspürte, den Worten ihres Mannes von der Kanzel zu lauschen. Auch seine Freundin Cora Dennigsen hatte es offensichtlich vorgezogen, in ihrer Wohnung in Goslar im sicherlich warmen Bett zu bleiben. Vielleicht hatte sie auch geahnt, dass Ebeling den toten Obdachlosen vom vergangenen Dienstag zum Thema seiner Predigt machen würde und einfach keine Lust darauf verspürt.

So sangen die wenigen Stimmen an diesem nicht mehr ganz so winterlichen Sonntagmorgen ein paar verstaubte Kirchenlieder. Dabei verhallten sie scheinbar im Nichts. Dann betrat Ebeling seine Bühne, auf der er zu Hause war: die Kanzel. Aufmerksam schienen ihm die wenigen Besucher seines Gottesdienstes zuzuhören.

»Liebe Gemeinde,

am letzten Dienstag fand ein armer Mensch sein trauriges Ende vor unserer Kirche, in die er sich vermutlich vor der inzwischen verflogenen eisigen Kälte flüchten wollte. Doch die Tür war versperrt. Aus Sicherheitsgründen verschließen wir sie lieber. In diesem Fall war es tragisch. Der Tote hatte zu Lebzeiten offensichtlich keine Kraft und Muße, sich zu pflegen und rein zu halten. Aber er trug ein Bild bei sich aus vergangenen Tagen. Das Bild hatte er gehütet wie seinen Augapfel. Es hat ihn vermutlich an seine Kindertage erinnert. Diese Erinnerung hat er bei sich getragen, vielleicht über vierzig Jahre lang. Das Foto zeigt ein junges Mädchen. Es wurde einst in dieser Kirche konfirmiert. Was den armen Mann mit ihr verbindet oder verbunden hat, weiß ich noch nicht. Aber ich will und werde es herausfinden. Ich denke, das bin ich Gott schuldig, wenn er schon vor den Pforten seines Hauses ums Leben kommen musste.

Das Bild, das er in der Tasche trug, strahlte Ordnung, Zuversicht und Anfang aus. Es sollte ihn ins Ende begleiten. Vielleicht hatte er das Bild vor Augen, als er starb. Was hat es ihm gesagt? Warum hat er sich diesen Ort zum Sterben ausgesucht?

Er ist bislang einer von den namenlosen Toten. Gott sagt, dass wir uns darüber freuen können, dass unsere Namen im Himmel geschrieben sind. Ich werde seinen Namen aus dem Himmel auf die Erde zurückholen.

Gott will uns etwas offenbaren. Eine Geschichte vielleicht, die uns möglicherweise alle etwas angeht. Vielleicht sind wir oder einer von uns ja Teil dieser Geschichte. Möglicherweise ist da etwas, das sich Bahn brechen will, das an die Oberfläche drängt. Damit das geschehen kann, müssen wir tief hineinsehen. Ein Bild, das Foto von dem jungen Mädchen, kann Aufschluss geben.

Gottes Wege sind oft unergründlich. Aber Gott hat uns in Jesus Christus einen Grund gelegt. Durch Jesus Christus ist auch der tote Obdachlose unser Bruder vor Gott, dem Schöpfer. Wenn wir ihm erst seinen Namen wiedergeben können, verleihen wir ihm seine Würde zurück. Möge Gott uns helfen, dass dies geschehe. Amen.«

Die wenigen Gottesdienstbesucher schüttelten dem Pfarrer beim Hinausgehen die Hand. Manche führten ein ausgedehntes Dankeschön auf den Lippen, was für Ebeling stets das Signal war, dass sie wenig bis nichts von der Predigt verstanden hatten. Andere lobten seine Predigt über den grünen Klee. Dazu fiel ihm immer Martin Luther ein, der bei derartigen Gelegenheiten gedacht oder auch geäußert haben soll, dass ihm das der Teufel auch gerade geflüstert habe.

Nur Helga Ziegler schien genau zugehört und das Anliegen des Pfarrers verstanden zu haben. Scharfsinnig urteilte sie im Hinausgehen: »Er hat kein gottgewolltes Leben geführt. Wer auch immer dieser Mann gewesen ist. Wohnungslos, arbeitslos wegen asozialen Verhaltens, dreckig und versoffen. Er hat nichts aus seinem Leben gemacht. Nur dem lieben Gott die Zeit gestohlen. Sie sollten sich Menschen widmen, die es verdient haben.«

»Das tue ich. Doch wer es wirklich verdient hat, entscheiden nicht wir Menschen allein, sondern Gott selbst. Jesus lehrte uns, dass die Kranken des Arztes bedürfen.«

»Dieser Mann ist sein Leben lang zu keinem Arzt und auch nicht in die Kirche gegangen. Er hat es so gewollt.«

»Das, liebe Frau Ziegler, wissen wir nicht. In seiner Todesstunde hat er Gott gesucht. Dem zur Rechten Jesu gekreuzigten Mann, einem gottlosen Mörder, sagt Jesus in deren gemeinsamen Todeskampf am Kreuz zu, dass er noch heute mit ihm im Paradiese sein werde. Frau Ziegler, das Christentum ist die Religion der Vergebung und die Religion des Einen-unter-den-Geringsten. Was wissen wir über diesen Geringsten, den wir deshalb gering schätzen? Was wissen wir von ihm oder über ihn, dass wir es uns erlauben können, über den Mann zu richten?«

»Sie werden es schon machen, Herr Pfarrer«, rief sie ihm noch im Fortgehen zu. Bis er den letzten Satz zu Ende gesprochen hatte, war die betagte Dame nicht mehr stehen geblieben. Ihr schien ganz offensichtlich zu missfallen, was Ebeling ihr mit auf den Weg geben wollte. Doch dann dachte der Pfarrer, dass es auch für ihre Hartherzigkeit Gründe geben mochte, die sie hartnäckig verdrängte. Aber welche? Einen Augenblick war es ihm so vorgekommen, als wenn die alte Dame den Toten kannte und wusste, um wen es sich bei ihm gehandelt hatte. Doch verwarf der Pfarrer diesen Gedanken schnell wieder.

Zwei ältere Herrschaften standen noch am Ausgang und warteten darauf, dass sie dem Pfarrer die Hand schütteln konnten. Ebeling kannte die alten Leute vom Sehen. Regelmäßige Gottesdienstbesucher waren sie nicht. Vielleicht hatte sie die Neugier in die Kirche getrieben, nachdem sie von dem seltsamen Todesfall gehört hatten. Doch schnell weckten sie beim Pfarrer größtes Interesse, als der Mann, den seine Frau unterhakte, von jenen merkwürdigen Beobachtungen am Vorabend des Leichenfundes berichtete. Ein Schrei und ein davonrasendes Auto! Aber die Beobachtungen der älteren Herrschaften taugten für keine Aussage bei der Polizei. So viel wusste der Pfarrer. Trotzdem bedankte er sich für diese Auskunft und beschloss, sie in seinem Hinterköpfchen zu behalten. Vielleicht würde das alles ja doch noch einmal irgendeine Rolle spielen.

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Release date on Litres:
25 May 2021
Volume:
203 p. 6 illustrations
ISBN:
9783969010143
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