Read the book: «Sing to me - Wicked Love»
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Epilog
Danksagung
Über die Autorin
Programmvorschau
Sing to me_Ebook
- Wicked Love -
Danara DeVries
Copyright © 2018 by Hawkify Books
Alle Rechte vorbehalten.
Hawkify Books c/o
Inh. Svenja Hawkins
Norderneyer Str. 74
65199 Wiesbaden
Mehr Infos unter: www.hawkifybooks.com
Text © 2018 Danara DeVries
Covergestaltung: Alisha Mc Shaw / www.depositphotos.com / @ cppzone.mail.ru
Lektorat: Wiebke Bohn
Korrektorat: Katherina Ushachov - facebook.com/phoenixlektorat
Losted Trust and a frightened heart,
tearing us apart.
but is a child’s enough
to handle over ten years of wicked love
you don’t Let me free
you still sing to me ...

Manchmal, wenn ich schlafe, träume ich, dass ich falle.
Dieses Gefühl, keinen festen Boden unter den Füßen zu haben und einfach in die Dunkelheit zu stürzen. Es scheint, als befände sich mein Herz plötzlich in meinem Kopf und poche wild gegen die Schädeldecke, als wolle es sich vom Körper lösen und nach oben davonsegeln.
Manchmal fühle ich es über mir schweben. Es bleibt dort oben und ich falle immer weiter.
Schwindel ergreift von mir Besitz, ich trudele umher und verliere vollkommen die Orientierung.
Das Gefühl, das mich jetzt von den Füßen reißt, gleicht dem endlosen Fallen in meinen Träumen, aber es erreicht bei Weitem nicht die gleiche Intensität.
Ich falle nicht, nein, ich stehe fest mit beiden Beinen auf dem Boden, um mich herum der Lärm grölender Fans. Aber mein Herz hat sich in die Stratosphäre verabschiedet. Meine Knie zittern und das Handy fällt mir aus der Hand. Ich bin nicht fähig, einen klaren Gedanken zu fassen, geschweige denn eine Antwort auf die Frage meiner Tochter zu geben.
Sein Blick fährt mir durch Mark und Bein und als sich seine Mundwinkel zu einem spöttischen Grinsen verziehen, scheint es mich endgültig von den Füßen zu reißen.
Wie konnte das nur passieren? Was genau hat mich getrieben, hierher zu fahren? Warum er? Warum kann es nicht jede andere lausige Rockband sein?
Natürlich nicht. Das Schicksal hat sich heute voll und ganz auf mich eingeschossen.
»Mama?« Max ist verwirrt und sieht mich verständnislos an. Doch ich schüttele nur den Kopf und bücke mich nach meinem Handy. Die Nachricht, die ich an ihren Vater schreiben wollte, prangt noch vorwurfsvoll auf dem Display. Ich sollte ihm mitteilen, dass wir gut angekommen sind und uns gerade durch eine lange Schlange Richtung Autogrammstunde winden. Aber statt einfach auf ›Senden‹ zu drücken, lösche ich die Nachricht. Wie könnte ich auch jetzt meinem Mann schreiben …?
»Hi!«, macht der Typ vor mir und ich schaue vom Handy auf. Meine Unterlippe zittert und ich ringe um Beherrschung. Am liebsten würde ich mir jetzt Max und ihre Freundin Eve schnappen und nach Hause fahren. Aber die Mädchen würden mich häuten, vierteilen und anschließend verbrennen.
Seit Monaten freuen sie sich auf das Konzert ihrer Lieblingsband ›Moonstuck‹. Sie waren am Boden zerstört, als Eves Mutter sich vorgestern einen fiesen Magen-Darm-Virus einfing. Ich Trottel bot in meiner Gutmütigkeit an, die Mädchen zu begleiten. Die beiden fünfzehnjährigen Teenager fielen mir gleichzeitig heulend und lachend um den Hals. Sie kratzten sogar ihr Taschengeld zusammen und organisierten für mich ein eigenes Hotelzimmer. Wie auch immer sie das gedreht haben, ich war gerührt. Die Mädchen wollten mir den Ausflug so angenehm wie möglich machen.
Ich leide nämlich unter schweren Schlafstörungen und brauche absolute Stille, um überhaupt einschlafen zu können. Zwei schnarchende Teenies sind das Allerletzte, was ich in meiner Nachtruhe gebrauchen kann.
Natürlich hätte ich das Zimmer auch selbst zahlen können und ich werde ihnen das Geld irgendwann wiedergeben; aber zu dem Zeitpunkt wirkten sie wie auf Wolke Sieben und das konnte ich ihnen unmöglich kaputtmachen.
Erst das zweite »Hi!« reißt mich wieder aus den Gedanken. Zitternd öffne ich die Augen und starre in ein so viel älteres, bärtigeres Gesicht als damals. Ich hätte ihn nie wiedererkannt, nicht in diesem Aufzug, nicht mit diesem lächerlichen Bart und schon gar nicht mit dieser wallenden Mähne.
Aber seine Stimme hat sich absolut nicht verändert. Sie hat sich in meine Seele gebrannt und ich würde ihn unter Tausenden wiedererkennen. Ein simples »Hi!« genügt und die gleichen Gefühle wie damals überschwemmen mich. Sein Lächeln ist wie immer ansteckend und vertreibt meine Angst und den bohrenden Fluchtreflex. Das Schieben und Drängeln der Menschen hinter uns blende ich völlig aus. Ich nehme nur noch das spöttische Funkeln seiner Augen wahr.
Er betrachtet mich von oben bis unten. Das lässige Outfit haben mir die Mädels aufgezwungen, mit Schwarz konnte ich glücklicherweise nicht viel verkehrt machen. Unter der dunklen Sweatjacke mit den Spitzenapplikationen lugt ein Spruch-Shirt hervor. Ich sende ein Stoßgebet gen Himmel, dass er nicht mehr als die Hälfte des Spruchs erkennen kann: ›Auf dem Boden der Tatsachen liegt eindeutig zu wenig Glitzer‹, prangt in weißen Lettern auf meiner Brust, ›Glitzer‹ natürlich in Pink.
Ich räuspere mich und sehe mich in Anbetracht der Menschenmenge hinter mir zu einer Antwort genötigt.
»Selber hi«, erwidere ich und versuche, mein dämliches Grinsen aus dem Gesicht zu bekommen.
»Willst du ein Autogramm?«
›NEIN!‹, will ich erwidern, ›ich habe schon etwas viel Besseres von dir‹, aber dann besinne ich mich und nicke. Zu mehr bin ich nicht imstande.
»Wohin?« Er erhebt sich, den Stift in der Hand. »Bauch, Beine, Po?«
Spürt man eigentlich, wenn einem die Gesichtszüge entgleisen? Jetzt weiß ich es: ja, definitiv. Die Muskeln scheinen jeglichen Kontakt zu verlieren und geben sich der Schwerkraft geschlagen. Nicht gut.
Sein Grinsen bekommt eine anzügliche Note und einige in der Menge hinter mir geben anstößige Pfiffe von sich. Lauter pubertierende Teenager um mich herum. Und ich mittendrin.
Der Fluchtreflex kehrt zurück und ich suche gehetzt nach einem Ausgang, aber die jubelnden Fans lassen mir keine Möglichkeit.
Wenn man mich in die Enge treibt, trete ich um mich, egal ob verbal oder mit Fäusten. Die Leute verhindern allerdings, dass ich dem Typen vor mir für seine Unverschämtheit eine verpasse. Das und die rechts und links neben dem Tisch stehende Security. Am liebsten würde ich über die Absperrung hechten, mich quer über den Tisch werfen und … na ja, lassen wir das. Definitiv zu viele unbekannte Faktoren. Ich beschränke mich also auf eine verbale Erwiderung: »Aber nur in privater Atmosphäre«, flöte ich und ernte johlenden Beifall. Was, in drei Teufels Namen, hat mich gerade zu diesem Konter hinreißen lassen?
Bei Gott, ich weiß es genau: Sein Grinsen, sein Verhalten, alles an ihm reizt mich und ich lasse mich zu frechen Kommentaren hinreißen. Das war damals so und hat sich anscheinend in den letzten Jahren nicht geändert. Fünfzehn verdammte Jahre. Sie haben ihm nicht geschadet, ganz im Gegenteil. Er strahlt nur so vor Gesundheit; verschwunden ist die kränkliche Blässe und ich bin überzeugt, dass er sogar ein paar Kilos abgenommen hat.
Mit mir ist die Zeit allerdings nicht so gnädig umgegangen. Meine mädchenhafte Figur habe ich an zwei Kinder verloren und von einem gesunden Lebensstil kann keine Rede sein. Aber ich schlage mich irgendwie durch. Wenn man Kinder hat, tut man das eben. Sie bedeuten Verantwortung. Wäre da nicht die Verantwortung, hätte ich schon längst das Weite gesucht. Dem widerspricht allerdings der Wunsch eben jenes Mädchens, das jetzt aufgeregt neben mir auf und ab hüpft. Meine Tochter.
Jaakkos Gesichtszüge entgleisen jetzt ebenfalls. Schockstarre. Zumindest einen Atemzug lang. Den Stift hält er fest umklammert. Und dann nickt er stoisch.
Panik macht sich erneut bemerkbar und ich weiß, dass ich mein Heil lieber in der Flucht suchen sollte. Jetzt wäre der ideale Zeitpunkt, weil Jaakko noch hinter dem Tisch gefangen ist und mir nicht hinterherrennen kann.
Aber der Moment vergeht. Sein Blick gleitet zu seinen Bandkollegen. Sie geben ihm nickend zu verstehen, dass sein kleiner Ausflug okay ist. Er kämpft sich hervor, vorbei an der Security. Ich sehe ihm gebannt hinterher. Jaakko hat definitiv abgenommen und sieht gut aus; nicht zu gut, aber immer noch besser als … damals.
Max und Eve grölen mit den anderen Teenies um die Wette. Die beiden Mädchen ziehen mich und der Rest der Meute schiebt.
»Wie cool, Mom!« Max hakt sich lachend bei mir unter, während ich noch nervöser werde.
»Nicht wirklich«, korrigiere ich sie. Unruhig suche ich nach einem Ausgang. Das EXIT-Schild über der Tür, durch die ich jetzt geschoben werde, erscheint mir wie die Erlösung schlechthin. Mit einem geschickten Schlenker will ich abbiegen, aber mehr als einen Ausfallschritt bekomme ich nicht hin. Selbst Eve hat sich bei mir untergehakt und zusammen schleppen meine Tochter und sie mich ihm hinterher.
»Es sieht so aus, als würde er dich mögen!« Max verzieht das Gesicht. »Wer weiß, was du sonst noch aus ihm herausholen könnest.« Sie lachen, plappern aufgeregt und überlegen, ob sie sich lieber für meinen Bauch oder meinen Hintern entscheiden sollen.
Ach so, ja, das Autogramm hatte ich beinahe vergessen … aber hallo? Das ist mein Hintern! Wenn hier jemand entscheidet, wohin ich dieses lächerliche Autogramm bekomme, dann bin ich das. Eigentlich will ich überhaupt keins – und erst recht will ich nicht mit ihm alleine sein!
Aber mein vorlautes Mundwerk ist wieder einmal mit mir durchgegangen und jetzt sitze ich in der Falle. Gehetzt schaue ich mich um. Hinter mir zwei Securities, die locker als Profiboxer durchgehen würden. Im Schwergewicht. Sie haben uns von der grölenden Menge getrennt und treiben mich einen langen Gang hinunter. Und vor mir … er. Verdammt, wie konnte das nur passieren?
Die Tür schließt sich hinter mir. Die Preisboxer draußen, meine Mädels und ich drinnen; vor mir die Apokalypse, spöttisch grinsend und wie immer den Schalk im Nacken.
»Hosen runter!« Er zückt den Stift.
Empört verschränke ich die Arme vor der Brust und bewege mich keinen Zentimeter. Nun kann er sich nicht mehr vor mir verstecken. Keine Security, kein Tisch und vor allem keine Absperrung. Wenn ich wollte, könnte ich ihm jetzt sein bärtiges Gesicht polieren.
Endlich kann ich wieder klar denken. Ich atme tief durch und sehe mich nach den Mädchen um.
Sie glotzen mich an. An meinem Gesichtsausdruck scheinen sie bemerkt zu haben, dass ich nicht zu Scherzen aufgelegt bin und es absolut ernst meine: Ich bedenke Jaakko mit einem langen Blick und sein Grinsen verflüchtigt sich. »Kommt, wir gehen!«
Ich drehe mich auf dem Absatz und habe schon die Hand auf die Türklinke gelegt, das Protestgeheul der Mädchen ignoriere ich.
»Komm schon, Kitty, sei keine Spielverderberin«, mault Jaakko hinter mir.
Ich, eine Spielverderberin? Die unerwartete Begegnung mit ihm hat mir gerade den Schock meines Lebens verpasst und ich soll keine Spielverderberin sein? Entnervt schließe ich die Augen und atme tief durch.
»Mom!«, heult Max auf.
»Tante Cat, bitte!«, schließt sich Eve im selben weinerlichen Tonfall an. Doch ich blende die beiden aus, denn Jaakkos Stimme jagt mir heiße und kalte Schauer über den Rücken, während seine Worte mich auf die Palme bringen. Die Wut auf ihn, die ich seit mehr als einem Jahrzehnt unterdrücke, die ich zum Wohle meiner Tochter nie an die Oberfläche habe kommen lassen, frisst sich durch die dünne Schicht Selbstbeherrschung, unter der ich sie sicher vergraben glaubte. Es fehlt nur ein winziger Funke und ich bin wieder das Häufchen Elend, getrieben von dem Wunsch nach Sicherheit.
Ich will keine Spielverderberin sein, ich liebe Spiele. Aber das Spiel des Lebens hat mir gehörig in die Suppe gespuckt. Jaakko Salmela hat mir in die Suppe gespuckt, dreimal durchgerührt und sie mir ordentlich versalzen.
Und ich gehe jede Wette ein, dass er nicht die leiseste Ahnung hat, wie sehr es mich damals verletzt hat.
Doch sobald er die Wahrheit kennt, wird er sich vermutlich eher als Opfer und nicht als Täter sehen. Deshalb darf er es niemals erfahren und genau deshalb muss ich jetzt gehen.
Hastig lasse ich den Türgriff los, fahre herum und überbrücke die wenigen Schritte zu Jaakko. Wütend baue ich mich vor ihm auf und tippe ihm auf die Brust. »Ich bin keine Spielverderberin. Ich wollte dich bloß niemals wiedersehen. Und dann tauchst du hier auf und fängst mit so einer Scheiße an!«
Sein Lächeln erlischt und er lässt den Stift sinken. »Sorry, aber ich arbeite hier und im Übrigen wollte ich dich nicht ärgern. Du sahst nur so aus, als könntest du etwas Humor vertragen.« Etwas in meinem Augenwinkel erregt meine Aufmerksamkeit: Wie in Zeitlupe hebt Jaakko die Hand, sodass ich der Bewegung fasziniert folgen kann. Als seine Finger vorsichtig meine Wange berühren, falle ich fast in Ohnmacht.
Die Mädels hinter mir schnappen nach Luft, doch ich spüre nur ihn. Zitternd schließe ich die Augen und sauge jede noch so kleine Berührung in mich auf. Wie eine Ertrinkende.
Sein Daumen streichelt sanft meine Haut. »Es ist so verdammt lange her«, murmelt er.
In dieser Berührung könnte ich mich verlieren. Ich weiß es und er weiß es. Aber wir sind nicht allein. Wenn wir es gewesen wären, hätte ich alle Bedenken über Bord geworfen.
Scheiße, verdammt. Das ist genau der Grund, warum ich ihn nicht wiedersehen wollte. Warum ich diesen ganzen Mist vergessen und mich nur auf Max konzentrieren wollte. Sie ist mein Leben. Um sie geht es und … nicht um mich.
»Mom!«, quengelt sie wie auf Kommando und rupft an meinem Arm herum.
Danke, danke, danke! Hastig reiße ich mich von Jaakko los und lasse mich von meiner Tochter wegziehen. Sie sieht mich verstört an. Auch Eve ist nicht mehr ganz so euphorisch wie noch vorhin im Flur.
Offenbar merken die Mädels, dass zwischen mir und ihm, dem Bassisten ihrer Lieblingsband, mehr war als nur eine flüchtige Bekanntschaft. Oh, wie recht die Kinder doch haben! In ihren verständnislosen Blicken erkenne ich, dass sie noch keine Ahnung haben, was da los ist, aber Max’ Reaktion zeigt mir, dass sie instinktiv etwas ahnt. Sie wittert die Gefahr wie ein Raubtier. Mein kluges, kleines Mädchen.
Niemand scheint mehr erpicht auf Autogramme zu sein, aber Jaakko versucht die Situation trotzdem zu retten: »Hey, ihr seid doch wegen dem Konzert hier, oder?« Die Mädels drehen sich im Gleichschritt herum und wirken sofort abgelenkt. Das Konzert wollen sie sich natürlich nicht entgehen lassen. Ich seufze leise und gebe mich geschlagen.
»Ihr könnt euch, wenn ihr wollt, alles von der VIP-Lounge aus anschauen«, schlägt Jaakko schuldbewusst vor und schaut zu Boden.
Ich will gerade etwas Passendes erwidern, da hüpfen die Mädels bereits begeistert in die Höhe und mir wird klar, dass ich ihnen seinen Vorschlag nicht ausreden kann. VIP-Lounge auf dem Konzert ihrer Lieblingsband ist wie Vanilleeis zum Frühstück.
Jaakkos Miene hellt sich auf, doch seine Begeisterung hält nicht lange an, als er zu mir schaut und meine Gewitterstimmung bemerkt. Er hat mich bewusst in die Enge getrieben. Und das kann ich nicht auf mir sitzen lassen. Max’ töchterliche Feinsensoren reagieren ebenfalls.
»Bitte, Mom!«, jault sie und wirft sich mir an den Hals.
Ich tätschele liebevoll ihren Arm und funkele Jaakko an. »Du bist so ein Arsch«, maule ich.
Jaakko grinst verschwörerisch. Er weiß genau, welche Knöpfe er beim jugendlichen Publikum drücken muss.
Seufzend gebe ich mich dem geballten Freudengeheul der Mädchen geschlagen. Wie könnte ich ihnen eine solche Chance verwehren? Vielleicht macht mich das nicht zu einer guten Mutter, aber mein dauerhaft schlechtes Gewissen kann ich mit ihrem Jubel vorerst beruhigen.

Ich erinnere mich an früher. Jaakkos Stil war damals ein anderer gewesen. Er bevorzugte harte Bässe und vor allem laut musste es sein. »Um sich die Birne wegzuknallen«, pflegte er immer zu sagen. ›Damals‹ war Jahre her, sechzehn um genau zu sein.
Bevor ich meinen Mann kennenlernte, jobbte ich bei einer Eventagentur und bekam die Chance, für die Pain Guys – Jaakkos ehemalige Band - einen Gig organisieren zu müssen.
Kein gewöhnlicher Gig. Die Jungs hatten es sich in den Kopf gesetzt, unter der Erde aufzutreten. Mein Arbeitgeber war die einzige Eventagentur weit und breit und so fiel uns diese Veranstaltung zu.
Die Hallen unter Tage wurden in der Regel von namenhaften Veranstaltern gebucht und dann auch nur über große Agenturen. Aber die Band wollte jemanden vor Ort und war nicht bereit, ständige Anreisen zu finanzieren. Außerdem wollten sie vor dem Event den Veranstaltungsort begutachten.
»Eine Mine ist schon krass. Aber wir suchen das Besondere. Wir wollen den Charme der …« Sami fehlten die Worte und er sah hilfesuchend zu Jaakko.
»Den Charme des Vergangenen einfangen.« Kurz geschoren und mit einem ungepflegten Dreitagebart, hatte er kaum Ähnlichkeit mit seinem Alter Ego von heute. Er hatte für mich das gewisse Etwas und ich konnte von Anfang an meine Augen nicht von ihm lassen.
Ich war gut über die Pain Guys informiert. Jaakko, der Bassist, war etwas älter als seine Bandkollegen, schon in den Dreißigern. Aber trotz des Lebenswandels mit stressigen Touren und ständigen Partys konnte er mit seinen Jungs, alle Anfang zwanzig, gut mithalten.
Wenn ich das als Zwanzigjährige behaupten konnte. Für mich hatte Jaakko ein fortgeschrittenes Alter, aber er war interessant. Er wirkte viel reifer und erfahrener als die anderen Bandmitglieder. Er grölte und pöbelte nicht, wenn, dann ließ er sich nur zu einem flüchtigen Lächeln hinreißen. Die Jungs bevorzugten harte Gitarrenriffs mit vielen Power-Cords und einer kräftigen Lead. Jaakko war bekannt für komplizierte Riffs, während Sami seiner Leadgitarre die eingängigsten Melodien entlockte. Mir fehlte bei ihrer Musik der Gesang und eine weibliche Leadstimme. Aber die Jungs blieben lieber unter sich und fanden ihre Musik auch ohne Gesang toll. Ich wusste vom Hörensagen, dass Jaakko sich hin und wieder mit Sami den Lead Part teilte, so dass ihre Songs zwischen instrumentalen Titeln und Gesangstiteln wechselten. Gesang konnte man das allerdings nicht nennen. Jaakko und Sami waren hervorragende Shouter. Die Kunst des Brüllens.
Mir fiel es zu, die Jungs beim Besuch der Mine zu begleiten. »Du bist doch aus der Gegend und warst bestimmt tausendmal dort unten, oder?« Meine Chefin klopfte mir aufmunternd auf die Schulter. »Begleite die Jungs und überzeuge sie davon, dass das Bergwerk mit seinen 700m Tiefe ihrem Metal-Stil entspricht. Dort ist jedenfalls genug altes Metall vorhanden.« Jacky lachte und nahm mich in den Arm. »Du schaffst das schon.« Dass sie mich mit einem Haufen junger Männer in ein Bergwerk schickte, fiel ihr gar nicht auf. Vielleicht später, wenn wir verschollen durch die unterirdischen Gänge irren würden und ich mir vorkäme, wie das letzte weibliche Wesen auf diesem Globus.
Ein Blick auf Jaakko zeigte mir, dass der Ausflug bestimmt nicht das schlimmste Erlebnis werden würde. Mein Gott, ich war zwanzig! Und er der einzige richtige Mann in der Nähe. Allein sein Anblick und das Lächeln, das er mir immer wieder zuwarf, ließ meine Hormone hochkochen.
Die Band hatte einen Kleinbus gemietet und neben Jaakko und mir waren noch Sami, der andere Gitarrist, mit von der Partie und ein Keyboarder, dessen Name mir partout nicht einfallen wollte.
Sami und Jaakko waren die Einzigen, die mit mir sprachen. Jaakko plauderte regelrecht aus dem Nähkästchen und erzählte, dass seine Mutter aus Deutschland stamme und er daher zweisprachig aufgewachsen sei.
Die Fahrt dauerte nicht lange. Schon nach einer halben Stunde bogen wir auf das Gelände der Betreiberfirma. Auch wenn Teile des Bergwerks für Events genutzt wurden, war ein großer Bereich noch immer aktiv. Die Jungs staunten Bauklötze, als sie den riesigen Turm sahen, der mit vier monströsen, sich ständig drehenden Rädern ein beeindruckendes Gebilde darstellte.
»Wird damit die Kohle gefördert?« Jaakko deutete auf den Turm.
Ich kicherte. »Das hier ist kein Kohlebergwerk, hier wird Salz abgebaut. Das Salz wird per Förderband nach oben geholt, dieser Turm ist für die Aufzüge.«
Ihre Gesichter hellten sich auf. »Cool, Aufzüge! Wie praktisch.«
Wieder musste ich leise lachen. Sobald sie die Aufzüge sahen, würde ihnen das Lachen schon vergehen. Mir war klar, dass die Jungs keine Ahnung hatten, um welche Art von ›Bergwerk‹ es sich handelte. In unserer Gegend gab es gar keine richtigen Berge, nur die sanften Hügel der Rhön, und ihre Überraschung war groß, als wir auf das völlig flache Gelände fuhren.
Ich meldete uns an und Jaakko steckte neugierig seinen Kopf über meine Schulter. Die körperliche Nähe ließ mich angenehm frösteln. Mein Herz setzte für einen Moment aus, nur um im nächsten Augenblick mit doppelter Geschwindigkeit weiterzuhämmern. Sein Atem streichelte sanft meine Nacken und meine Knie wurden weich. Er war mir so nahe, dass ich seine Hitze spüren konnte. Er atmete erneut gegen meinen Nacken und bescherte mir damit eine kribbelige Gänsehaut. Das fühlte sich so gut an, dass ich nur schwer dem Drang widerstehen konnte, mich einfach gegen ihn zu lehnen. Hastig schüttelte ich das Gefühl ab und konzentrierte mich auf die Empfangsdame. »Vier Erwachsene. Wir sind mit Herrn Schulze vom Eventmanagement verabredet. Das hier sind die Jungs von Pain Guys.«
Die Frau mittleren Alters rümpfte die Nase und beäugte die kleine Gruppe von Hardrockern und Metal-Punkern über ihre Hornbrille hinweg an. »Ich gebe ihm Bescheid. Holen Sie sich schon einmal Kittel, Helm und Grubenlampe, ja?«
Die Jungs sahen tatsächlich zum Fürchten aus. Alle bis auf Jaakko trugen lange Haare, ganz im Stil ihrer Musik offen und ungekämmt. Dazu trugen sie schwere Schnallenstiefel, zerrissene Hosen, Holzfällerhemden und Lederjacken. Ich fand ihren Aufzug nicht ungewöhnlich, aber die Empfangsdame erwartete vermutlich erlesenere Gäste.
»Sie haben die Erlebnisführung. Herr Schulze meinte, Sie wollen das volle Programm?«
Ich nickte und grinste in mich hinein. Das Bergwerk war etwas Besonderes, genau das, was die Pain Guys wollten und diese Führung mit den Special Effects würde genau das Richtige sein, um ihnen den nötigen Kick zu verpassen. Allein die Fahrt mit den Fahrstühlen – gefühlter freier Fall – würde ihnen beweisen, wie besonders diese Mine war. Das wurde bestimmt spaßig!
Da ich aus der Gegend kam, war ich bereits mehrere Male in der Mine gewesen. Unter Tage gab es nicht nur Konzerte und Veranstaltungsräume, sondern auch eine Ausstellung, eine Würstchenbude und den ›Alf‹: einen riesigen, stillgelegten Kran in einer dreißig Meter hohen Halle mit atemberaubender Akustik. Das würde den Jungs gefallen.
Die Erlebnisführung trieb den Jungs mit Sicherheit den Angstschweiß auf die Stirn, wenn nicht die rasante Grubenfahrt schon ausreichte.
»Das sollen wir anziehen? Das ist ja voll ungroovy!« Sami holte einen dunkelblauen Kittel vom Haken, während Tony - so hieß der Keyboarder - den Helm immer wieder zurechtschob, damit seine Haare ihm unter dem Helm nicht ins Gesicht fielen. Jaakko amüsierte sich derweil mit der Grubenlampe und ahmte Stroboskoplicht nach.
Ich holte tief Luft und nahm ihm die Lampe genervt aus der Hand. »Das Ding kann dir das Leben retten, also bitte nicht daran herumspielen.«
Seine Augen wurden groß. »Leben retten? Was ist das hier?«
»Ein aktives Bergwerk, meine Herren!« Herr Schulze betrat die Umkleide. In seiner weißen Arbeitskleidung sah er richtig professionell aus. »Bitte ziehen Sie die Kittel über, aber lassen Sie Ihre Jacken hier. Dort unten herrschen konstant 32 Grad.« Er nickte mir erfreut zu, weil ich mich bereits aus meiner Jacke geschält, sie ordnungsgemäß aufgehängt hatte und mir über mein kurzes Top den Grubenkittel zog. Helm und Lampe hatte ich vorschriftsmäßig angelegt. »Die junge Dame weiß jedenfalls Bescheid.«
Ich erwiderte sein Lächeln und erntete dafür von Jaakko ein gehauchtes »Streber«. Er stand direkt hinter mir und sein Atem kitzelte meinen Nacken. Heiße Schauer setzten mein Rückgrat in Brand und ich war unglaublich froh, dass ich ihn nicht ansehen musste. Ich versteifte mich darauf, nicht zu reagieren. Was auch immer er von mir erwartete. Ich atmete tief durch und konzentrierte mich auf Grubeneinfahrten. Ja! Grubeneinfahrten waren toll und derart unerotisch, dass mein Magen sich enttäuscht zurückzog und das wilde Flattern sofort einstellte. Warum tat der Kerl so etwas? Absolut unprofessionell. Ich drehte mich zu ihm herum und funkelte ihn herausfordernd an. Dass mein Gesicht in Flammen stand und glühte wie eine Tomate, bemerkte ich nicht. Doch Jaakko grinste überheblich.
Verdammt!
»Also meine Herren, meine Dame, dann wollen wir mal los!« Ich nahm mir heraus, Jaakko noch einen Augenblick länger anzusehen, bevor er sich spöttisch vor mir verbeugte und mir mit einer einladenden Handbewegung den Vortritt ließ.
Na, das konnte ja heiter werden!
Ich hatte mir nie viel auf mich eingebildet. Gut, ich war schlank und nicht gerade klein und mir gefiel mein Haar. Ich war so stolz darauf, dass ich meine naturblonde Mähne gerne zur Schau stellte. Meistens trat ich leger auf, Jeans, Top, Jacke, Sportschuhe.
Ich wollte keine männliche Aufmerksamkeit. Ich wollte ich sein und mich wohl in meiner Haut fühlen. Doch jetzt schien ich genau das zu bekommen, was ich eigentlich vermeiden wollte. Jaakkos offenkundige Flirtbereitschaft war mir eindeutig zu viel und ich beschleunigte meine Schritte, um gleich hinter Herrn Schulze in den Aufzug zu schlüpfen.
Sami und die anderen folgten mir, Jaakko bildete das Schlusslicht.
»Das ist ein Förderkorb, den wir zur Einfahrt nutzen. Er wird uns auf über fünfhundert Meter in die Tiefe bringen.« Die Augen der Jungs wurden groß.
»Angst?«, spöttelte ich in Jaakkos Richtung.
Er schüttelte den Kopf und drängte sich neben mich. »Ich fürchte mich vor gar nichts, und du?« Lässig lehnte er sich neben mich an die Wand. Der Fahrstuhl besaß zwei Ebenen, so dass mindestens fünfzig Personen gleichzeitig transportiert werden konnten. Die obere Ebene erreichte man nur über eine Treppe, salzverkrustet und rostig. Ich zog allerdings vor, auf der unteren Ebene zu bleiben.
Fasziniert beobachtete ich das sanfte Zucken seines Kinns und bemerkte überhaupt nicht, wie der Korb geschlossen wurde und ruckartig in die Tiefe fiel. Eigentlich war das nichts Neues für mich. Ich kannte die Grubeneinfahrten und wusste, wie rasant es nach unten ging. Genauso wusste ich, dass das Licht für die Dauer der Fahrt erlosch.
Jaakkos Mienenspiel lenkte mich allerdings so sehr ab, dass ich erschrocken aufschrie, als der Korb in die Tiefe fiel und haltsuchend nach jemandem griff. Die Dunkelheit, das laute Rattern und die entsetzten Rufe seiner Bandkameraden irritierten mich, sodass ich erst mit Verspätung wahrnahm, dass ich mich an Jaakko klammerte und nicht an jemand anderen. Es konnte nur Jaakko sein. Er hatte ja beim Eintreten in den Korb noch neben mir gestanden.
Er legte einen Arm um mich und zog mich an sich. Ich spürte das Vibrieren seiner Brust unter meiner Hand, trotz der rasanten Abwärtsfahrt. Er beugte sich vor und seine Lippen streiften mein Ohr. »Ich habe keine Angst, und du?« Sein herber Duft vermischte sich mit dem salzigen Geruch nach Meer, seine Hand lag auf meinem Lendenbereich und es fühlte sich aus irgendeinem Grund richtig gut an.
Bei so viel Nähe sprang ich normalerweise davon, aber ich bewegte mich keinen Zentimeter. Und das lag nicht an der Enge des Förderkorbes. Ich genoss Jaakkos Nähe und konnte der Versuchung nur mit Mühe widerstehen, mein Ohr an seine Brust zu legen und dem beruhigenden Schlagen seines Herzens zu lauschen. Meine Nasenspitze berührte seine Brust und selbst über dem salzigen Geruch des Kittels roch ich noch sein Aftershave und etwas ganz anderes: ein interessantes Aroma wie nach einem morgendlichen Waldspaziergang. Ich verlor mich in diesem Duft, genoss seine Nähe und die Art, wie er mich hielt. So fest, dass ich das Ruckeln des Förderkorbes überhaupt nicht mehr wahrnahm und den heftigen Plumps, als er das Ende des Schachtes erreichte. Das Licht ging an und die Türen wurden geöffnet.
»Aussteigen«, murmelte er leise und lächelte mich liebevoll an.
Verwirrt hob ich den Kopf und sah in Jaakkos freundliches Gesicht. Seine Augen funkelten amüsiert, ohne den Spott, den er noch an der Oberfläche und bei unserem ersten Treffen in Jackys Büro gezeigt hatte. Er hielt sich an den von der Decke des Förderkorbs hängenden Haltegriffen fest, während er mit der anderen Hand noch immer meinen Rücken berührte.
Verlegen räusperte ich mich und trat ein Stück zurück. »Verzeihung«, murmelte ich und hetzte aus dem Korb, ohne ihn noch einmal anzusehen. Meine Wangen glühten und ich stolperte irritiert den anderen hinterher, die bereits ausgestiegen waren.
