Read the book: «Amalie von Stubenrauch (1805-1876)»

Die Autorin

Cornelia Oelwein studierte an der Ludwig-Maximilians-Universität München Geschichte mit den Schwerpunkten bayerische Landesgeschichte und Geschichtliche Hilfswissenschaften (Promotion 1981). Neben ihrer langjährigen Tätigkeit für die Kommission für bayerische Landesgeschichte bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften sowie die Messerschmitt Stiftung München arbeitet sie seit Jahren als freie Autorin. Rund dreißig eigenständige Bücher sind bisher von ihr erschienen, daneben zahlreiche Zeitschriftenbeiträge sowie Rundfunksendungen. Eines ihrer Spezialgebiete ist die Zeit König Ludwigs I. von Bayern und die Geschichte der Damen der Schönheitengalerie (u. a. Biographie von Lady Jane Ellenborough), ein historisches Umfeld, in das auch die Biographie von Amalie von Stubenrauch gehört.
Cornelia Oelwein
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Umschlagabbildung Landesmuseum Württemberg, P. Frankenstein/H. Zwietasch
1. Aufl. 2020
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-037745-5
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epub: ISBN 978-3-17-037747-9
mobi: ISBN 978-3-17-037748-6
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Inhaltsverzeichnis
1 Vorwort
2 Einleitung
3 Der steinige Weg zum Erfolg
4 Das Rätsel um ihre Geburt
5 Eine folgenschwere Liebesgeschichte
6 Eine hoffnungsvolle Elevin
7 Endlich am königlichen Hoftheater zu München
8 Auftakt einer großen Karriere
9 Ein verlockendes Angebot
10 Frankfurt, Darmstadt und unerfreuliche Begegnungen
11 Die Konkurrenz im eigenen Haus: Charlotte von Hagn
12 Für ein Jahr nach Stuttgart
13 König Ludwig I. von Bayern und das Porträt Stielers
14 Der Stern am Stuttgarter Theaterhimmel
15 Zwischen Stuttgart und München
16 Zurückhaltende Journalisten
17 Gastspielreise nach Wien
18 Eine neue Konkurrentin: Therese Peche
19 Gemischte Gefühle beim Gastspiel in München
20 Der Stern am Stuttgarter Theaterhimmel
21 Gastspielreisen nach Berlin, Prag, Wien und München
22 Das Repertoire
23 »Zum Besten des Schiller-Denkmals«
24 Nicht nur auf der Schauspielbühne
25 Die wahre Chefin des Theaters
26 Theaterintrigen: der Fall Karl Seydelmann und andere
27 Freund und Feind – Heinrich Moritz und Fedor Löwe
28 Theaterneubau und Karriereende
29 Königliche Geliebte und beliebte Saloniere
30 König Wilhelm I. von Württemberg
31 Das Haus in der Neckarstraße
32 Der Salon Stubenrauch
33 Üble Nachrede, Verleumdung und Heiratsgerüchte
34 Das Haus in der Friedrichstraße
35 Die familiären Beziehungen
36 In den Parks von Rosenstein und Wilhelma
37 Auf Reisen
38 Es brodelt und kocht: die Revolutionsjahre 1848 und 1849
39 Kurtage in Baden-Baden und andere Reisen
40 Das Ringen um ein Konkordat – ein politisches Intermezzo?
41 »Die Künstlerin – ein mildtätiges, warmfühlendes Geschöpf«
42 Noch einmal nach Nizza
43 Der Tod König Wilhelms I. von Württemberg
44 Der schmerzhafte Ausklang
45 König Karls »Säuberungsaktionen«
46 Zurück in Bayern
47 Der Verkauf des Hauses in der Neckarstraße und andere Schwierigkeiten
48 König, Spitzel, Denunzianten
49 Amalie, Henriette und der Prinz
50 Ausverkauf der Bilder – König Wilhelm und die Kunst
51 Die stillen letzten Jahre
52 Das Ende
53 Nachspiel
54 Was bleibt?
55 Anhang
56 Quellenverzeichnis
57 Literaturverzeichnis
58 Quellen im Internet
59 Zeitungen und Zeitschriften
60 Abbildungsverzeichnis Abbildungsnachweis
Vorwort
Der vorliegende Band ist die erste ausführliche Biographie der einst gefeierten Schauspielerin Amalie von Stubenrauch, was umso erstaunlicher ist, als die aus Bayern stammende Diva, die jedoch in Stuttgart die größte Popularität erfuhr, zu ihrer Zeit auch weit über die Grenzen Süddeutschlands hinaus bekannt war.
Als gebürtige Münchnerin, die mit einem Württemberger verheiratet ist, interessieren mich besonders »länderübergreifende« Themen. So kam es zur Idee, dem Lebensweg Amalie von Stubenrauchs nachzuspüren. Entstanden ist das Bild einer faszinierenden Frau des 19. Jahrhunderts.
Beim Zusammentragen der vielen »Puzzelsteine« habe ich vielfältige Unterstützung erhalten und bin zahlreichen Helfern zu großem Dank verpflichtet. Ohne den Beistand der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der verschiedenen Archive in Stuttgart und München sowie in Wien, Meran und Baden-Baden, der Bayerischen Staatsbibliothek und der Württembergischen Landesbibliothek sowie des Deutschen Theatermuseums in München wäre die Arbeit entschieden schwieriger gewesen. Besonderer Dank gilt dabei den Damen und Herren Dr. Katharina Beiergrößlein, Elke Machon und Sabine Schrag vom Stadtarchiv Stuttgart, Renate Domnanich vom Österreichischen Staatsarchiv, Abteilung Kriegsarchiv, Wien, Christian Fässler und Claudia Falk vom Stadtarchiv Baden-Baden, Babette Angelaeas, Kim Heydeck, Dr. Susanne de Ponte und Marion Weltmann vom Deutschen Theatermuseum in München, Arietta Ruß von der Württembergischen Landesbibliothek und Dr. Olaf Siart vom Württembergischen Landesmuseum sowie dem Hackländer-Biographen Heinrich Fischer, der Stieler-Expertin Dr. Ulrike von Hase-Schmundt und Katrin Hermann vom Einwohnermeldeamt der Stadt Tegernsee. SKH Herzog Franz von Bayern gebührt mein Dank für die Erlaubnis, entsprechende Stellen im Tagebuch König Ludwigs I. durch Frau Dr. Ingrid Rückert überprüfen zu lassen. Des Weiteren erhielt ich Informationen aus dem Deutschen Literaturarchiv Marbach und der Theaterwissenschaftlichen Sammlung, Köln. Der Musikwissenschaftler Dr. Christian Lehmann, Frau Ulrike Reimann und Herr Chris Gebel vom Württembergischen Landesmuseum sowie Frau Silke Geiring von der Bayerischen Staatsbibliothek waren mir zudem bei der Suche nach Abbildungsmaterial behilflich. Auch ihnen möchte ich herzlich danken.
Dem Verlag W. Kohlhammer in Stuttgart, allen voran Herrn Dr. Peter Kritzinger, sage ich Dank für die Aufnahme des Manuskripts in die Reihe Urban Taschenbücher ebenso Frau Dr. Helga Hager für die Lektoratsarbeit.
Nicht zuletzt gebührt meinem Mann Dr. Reiner Oelwein ein großes Dankeschön dafür, dass er nicht nur all die Zeit über klaglos mit »meiner« Amalie lebte, sondern die Arbeit auch stets mit Rat und Tat begleitete.
| Ilmmünster, Mai 2020 | Cornelia Oelwein |
Einleitung
Amalie von Stubenrauch war ein deutschlandweit gefeierter Bühnenstar und Mittelpunkt ihres gern besuchten Salons im Herzen Stuttgarts. Das allein hätte ihr jedoch wohl kaum einen bleibenden Platz in der Geschichtsschreibung eingebracht. In Erinnerung blieb sie vor allem als Geliebte König Wilhelms I. von Württemberg, wobei das Wort »Geliebte« der Beziehung nicht gerecht wird. Sie war seine Lebenspartnerin über mehr als drei Jahrzehnte. Während seine Familie in Kur gegangen war, blieb sie bis zu seinem Tod an seiner Seite. Heute weiß man: Ihr Einfühlungsvermögen wirkte auf den König mäßigend, dem ein schwieriger Charakter nachgesagt wurde; mit ihr konnte er seine Sorgen und Nöte besprechen. Dabei beging Amalie von Stubenrauch nicht den Fehler, sich in die Politik einzumischen. Nur in Fragen des Theaters und verschiedener anderer kultureller Themen, seien es literarische, seien es künstlerisch-architektonische, machte sie ihren Einfluss geltend.
Für eine Frau des 19. Jahrhunderts führte sie ein erstaunlich selbstbestimmtes bürgerliches Leben. Sie ging keine Alibi-Ehe mit einem Höfling ein, erhielt kein Schloss, keine Ländereien, keinen wohlklingenden Fürstentitel. Sie gehörte nie zur Hofgesellschaft, war wirtschaftlich unabhängig und lebte weitestgehend eigenständig. In ihrem Salon empfing sie neben berühmten Theaterleuten vor allem literarische und musikalische Größen ihrer Zeit und hielt mit ihnen darüber hinaus brieflichen Kontakt. Dazu zählten unter anderem Justinus Kerner, Gustav Schwab, Eduard Mörike, Nikolaus Lenau und Graf Alexander von Württemberg sowie Giacomo Meyerbeer, Franz Liszt und vermutlich auch Nicollò Paganini. Mit den Schriftstellern Franz von Dingelstedt und vor allem Friedrich Wilhelm Hackländer verband sie jahrelang eine besondere Freundschaft.
Von Anfang an hätte die Biographie der bekannten Schauspielerin und königlichen Gefährtin reichlich Stoff für ein Theaterstück geboten, ein Drama, ein Trauerspiel, eine Liebensgeschichte ohne Happy End. Die Geschichte reicht sogar noch weiter zurück: Liebesgeschichte und Drama auch bei ihren Eltern. Bereits der Beginn ihres Lebens gleicht einem Verwirrspiel. Wann war sie geboren? Und wo? Es gibt kaum ein Jahr der ersten Dekade des 19. Jahrhunderts, das nicht als Geburtsjahr angenommen worden wäre, sei es in Theater-Almanachen, sei es in Zeitungsartikeln oder Memoiren, ja selbst in offiziellen Schreiben und Unterlagen. Und das sollte nicht ihr einziges Geheimnis bleiben. Es folgten Jahre voller Liebe und Entbehrungen, Höhen und Tiefen, großen Erfolgen auf der Bühne und unwürdigen Intrigen.
Als Geliebte König Wilhelms I. von Württemberg polarisierte die gefeierte Diva. Zum Teil wurde Amalie von Stubenrauch sogar als »Württemberger Lola« bezeichnet, in Anlehnung an Lola Montez, die Geliebte König Ludwigs I. von Bayern – auch wenn der Vergleich in mehr als einer Hinsicht hinkt.
Während über Lola Montez eine ganze Reihe von Büchern erschienen ist, fehlt – abgesehen von kleineren Aufsätzen – bis heute eine Biographie von Amalie von Stubenrauch. Das liegt vor allem daran, dass – anders als etwa bei Lola Montez und König Ludwig – die Korrespondenz zwischen Amalie und König Wilhelm bereits zu Lebzeiten vernichtet worden ist. Zudem ließ der königliche Erbe Karl kaum etwas unversucht, Amalie nicht nur in Misskredit zu bringen, sondern sie ganz aus dem Gedächtnis der Untertanen zu streichen.
Die Theaterkarriere der über die Grenzen Bayerns und Württembergs hinaus gefeierten Künstlerin lässt sich anhand der erhaltenen Theaterzettel, umfangreicher Archivbestände und einer Fülle von Zeitungsberichten relativ lückenlos nachvollziehen. Schwieriger ist es, Licht in ihr Privatleben zu bringen. Eine Regenbogenpresse existierte im 19. Jahrhundert nicht, denn die rigide Zensur setzte dem Wirken der Presse enge Grenzen. Auch existieren erstaunlich wenige Bildnisse von Amalie.
Dennoch finden sich zu ihrem Leben auch jenseits des Theaters vielerlei Nachrichten verstreut in Zeitungen, Tagebüchern, Memoiren und Briefen. Letztere vor allem an den königlichen Berater und Dichter Friedrich Wilhelm Hackländer. Doch auch in unterschiedlichen Sammlungen und Archiven war unveröffentlichtes Material zu entdecken. Die diversen Quellenfunde lassen sich zu vielschichtigen Mosaikbildern zusammenfügen, welche die Etappen eines faszinierenden Lebens präsentieren – vom Mädchen aus niederem Adel, zur gefragten Schauspielerin, Literaturkennerin und schließlich der königlichen Lebenspartnerin.
Der steinige Weg zum Erfolg
Das Rätsel um ihre Geburt
Die Lebensgeschichte der gefeierten Schauspielerin beginnt angemessen geheimnisvoll. Amalie von Stubenrauch tritt erst im Jugendalter ins Rampenlicht. Was davor lag, bleibt unklar. Über ihre Geburt gibt es verschiedene Angaben, die schon zu ihren Lebzeiten für Verwirrung sorgten. Es fehlt kaum ein Jahr der ersten Dekade des 19. Jahrhunderts, das nicht als Geburtsjahr genannt worden wäre. Laut einem Nachruf soll sie 1808 zur Welt gekommen sein, nach anderen Quellen schon 1807. »Ungalante«, heißt es dort weiter, »nennen sogar 1806 als Jahr ihrer Geburt«.1 Es gab jedoch noch Ungalantere wie den Theaterkritiker Adolf Palm, der die Schauspielerin auf dem Höhepunkt ihrer Karriere kennen lernte und behauptete, Amalie sei mit dem Jahrgang gegangen, das heißt im Jahr 1800 geboren.2 Und Palm ergänzte in seinen Briefen süffisant: »Man weiß ja, die Damen beim Theater werden desto jünger, je älter sie werden!«3
Die meisten Autoren engten die Geburt jedoch auf 1805 oder 1808 ein. Unwidersprochen aber ist der Geburtstag am 4. Oktober. »4. Oktober 1805« ist die mehr oder weniger einzige erhaltene amtliche Nennung zu ihren Lebzeiten. Sie findet sich in der 1828 angelegten Personalakte des Königlichen Hoftheaters Stuttgart.4 Damals war Amalie Anfang 20. In diesem Alter macht man sich in der Regel noch nicht jünger.
Amalie selbst gab viel später einmal an, dass sie nicht 20 Jahre jünger als König Wilhelm I. von Württemberg sei, sondern 27 Jahre.5 Der König wurde am 27. September 1781 geboren. Demnach wäre sie nach eigener Aussage im Jahr 1808 geboren. Nachdem sie damals schon über 50 Jahre alt war, könnte sie hier etwas geschummelt haben, zumal bereits das 1842 in Leipzig erschienene Allgemeine Theater-Lexikon »um 1808« angegeben hatte.6 Aus dem weitverbreiteten Lexikon wurde verschiedentlich zitiert.
Erstmals 1930 und dann wiederum 1997 wurde in der Literatur 1803 als Geburtsjahr angegeben – ein Datum das in der jüngsten Literatur meist übernommen wurde.7 In der in Tegernsee ausgestellten »Todesanzeige« war nämlich zu lesen, dass sie im Alter von 72 Jahren und 6 Monaten gestorben sei, was tatsächlich auf eine Geburt im Oktober 1803 verweisen würde. Dieses Dokument wurde jedoch lediglich aufgrund der mündlichen Angaben des Arztes Dr. Alois Rosner ausgestellt. Amalie von Stubenrauch war in Tegernsee nicht einmal amtlich gemeldet, sondern sie verbrachte dort nur ihren Sommeraufenthalt. Überhaupt sind Aussagen des Arztes mit Vorsicht zu genießen. Zwar war er mit Amalie jahrelang bekannt, doch betrieb er – wie später noch ausführlich gezeigt wird – ein Doppelspiel, indem er sie bespitzelte. Ein mögliches falsches Geburtsdatum kann er mit Absicht, vermutlich aber aus Unwissenheit, falschen Angaben Dritter oder einfach aufgrund einer Verlesung von »3« und »5« in den stets handschriftlich ausgeführten Schreiben angegeben haben.
In den Nachrufen anlässlich ihres Todes im April 1876 finden sich ganz unterschiedliche Altersangaben: So heißt es etwa in der Wiener Zeitung, dass sie im »Alter von 69 Jahren« gestorben sei, in der Augsburger Abendzeitung war man sich nicht sicher und bot 1806, 1807 oder 1808 als Geburtsjahr an.8
Die Indizien sprechen für eine Geburt im Jahr 1805: zum einen die noch zu beleuchtende Lebensgeschichte der Eltern, zum anderen ist vielfach zu lesen, dass Amalie als »junges Mädchen« ihren Probeauftritt absolviert hätte. Das war im Dezember 1823. Und mit 20 Jahren wurde man nicht mehr als »junges Mädchen« tituliert und schon gar nicht wurde dies als Besonderheit hervorgehoben. Zudem wurde Amalies Freundin aus Kindertagen – die 1806 geborene Schauspielerin Elise Seebach – vielfach als »gleichaltrig« bezeichnet. Den schlagendsten Beweis aber lieferte der heute nicht mehr vorhandene Grabstein am Tegernseer Friedhof. Auf ihm war 1805 als Geburtsjahr in Stein gemeißelt.9
Ungeklärt bleibt der Geburtsort, obwohl durchgehend München angegeben wurde. Das kann jedoch nicht stimmen. In den Taufmatrikeln der Stadt, die bis heute vollständig erhalten geblieben sind, ist Amalie nicht aufzufinden – weder in den Reihen der legitimen noch der unehelichen Kinder.
Amalie ließ ihre Zeitgenossen und nachfolgenden Generationen über ihre Herkunft stets im Ungewissen. Sie selbst bezeichnete München nie als Geburtsort, sondern lediglich als »Vaterstadt«. In München ist sie aufgewachsen, hier hat sie ihre ersten Bühnenerfahrungen gesammelt; auch die Vorfahren waren – zumindest zum großen Teil – hier beheimatet. Geboren wurde Amalie jedoch mit einiger Sicherheit irgendwo in den Weiten des riesigen Habsburgerreichs, wofür vor allem die Vita der Eltern spricht. Doch da ein Nachweis fehlt, muss die Frage, wo sie höchstwahrscheinlich am 4. Oktober 1805 das Licht der Welt erblickte, unbeantwortet bleiben.
Eine folgenschwere Liebesgeschichte
Johann Nepomuk von Stubenrauch hatte bereits ein bewegtes Leben hinter sich, als er in noch jugendlichem Alter Amalie als erstes Kind erhielt.10 Er selbst war, wie man einst so schön sagte, »ein Kind der Liebe«. Der Vater allem Anschein nach: Generalmajor Vinzenz Nutius Graf von Minucci. Die Mutter: eine Frau von Stubenrauch. Offensichtlich war die Mutter verheiratet, denn es kursieren verschiedene Angaben zur Herkunft des kleinen Johann Nepomuk in den Quellen. Die eine besagt, Johann Nepomuk sei der am 15. Mai 1781 in Aurolzmünster geborene Sohn eines »Verwalters«. Er selbst nannte später mehrfach Graf Minucci als seinen Vater, als Geburtsort ebenfalls Aurolzmünster und als Geburtsjahr 1783.11 Aufgrund der jeweiligen Altersangaben ist seine Geburt in der zweiten Jahreshälfte des Jahres 1781 anzunehmen. Keine der Angaben findet jedoch in den Kirchenbüchern von Aurolzmünster eine Bestätigung.12
Während also der Vater Johann Nepomuks nicht näher zu bestimmen ist, handelte es sich bei seinem stets genannten Erzeuger Graf Minucci um einen Herrn aus hohem Adel.13 Bereits 1772 war er zum Kammerherrn des bayerischen Kurfürsten ernannt worden; er wurde Ritter des Johanniterordens und Komtur zu Straubing, befehligte als Oberst zunächst das kurfürstliche General Prinz Taxische Dragoner-Regiment, später das General Graf Minuccische Kürassier-Regiment und stieg schließlich zum Generalmajor auf.14
Aurolzmünster mit seinem inzwischen wieder prachtvoll renovierten Schloss liegt heute im oberösterreichischen Innkreis. Das war nicht immer so: Noch bis 1779, also bis kurz vor der Geburt Johann Nepomuks, gehörte das Gebiet zum Kurfürstentum Bayern und dann zum Habsburger Reich. Im Zuge der Gebietsveränderungen zu Zeiten Napoleons wurde das Innviertel noch einmal kurz bayerisch (von 1806 bis 1814). Dieses Hin und Her der Zugehörigkeiten ist vermutlich der Grund, warum für die Familie einmal ein österreichischer, einmal ein bayerischer Ursprung angenommen wurde. Es spricht viel dafür, dass es sich bei der Familie von Stubenrauch ursprünglich um einen niederen österreichischen Adel gehandelt hatte, weswegen Jahrzehnte später Amaliens Bruder auch seine bayerische Staatsangehörigkeit bestätigen lassen musste, während Johann Nepomuk nicht nur in österreichische Dienste treten konnte, sondern 1841 auch durch den Habsburger Kaiser Ferdinand I. in den erblichen Reichsadel mit dem Prädikat »Edler von« aufgenommen wurde.15
Die ursprünglich aus Venetien stammende Familie der Grafen Minucci dagegen lässt sich seit dem 16. Jahrhundert in Bayern in vielen verschiedenen politischen, kirchlichen und militärischen Positionen nachweisen. Und Generalmajor Vinzenz Nutius Graf von Minucci hatte Beziehungen zu Aurolzmünster. Seine Mutter war eine Gräfin von der Wahl und Erbin des Schlosses von Aurolzmünster, das noch aus bayerischer Zeit stammte.
Wer auch immer der Vater Johann Nepomuks war, sein Sohn erhielt eine gediegene Ausbildung. Vor allem in mathematischen Fächern war er begabt und gebildet. Am 17. September 1797 in noch jugendlichem Alter trat er als »Voluntaire« in das damals noch kurfürstlich baierische Artillerieregiment ein.16
Im Laufe von acht Jahren machte Johann Nepomuk beim Militär Karriere; am 30. März 1800 wurde der inzwischen vermutlich 18-Jährige zum Unterleutnant ernannt. Im Zuge der Napoleonischen Kriege nahm er an zahlreichen Schlachten teil, wurde verwundet und hat sich durch seinen Einsatz hervorgetan.17 Als er sich jedoch im Juni 1805 widerrechtlich von seiner damals in Würzburg stationierten Einheit entfernte, erhielt seine Karriere einen Knick. Seit dem 26. Juni wurde er als vermisst gemeldet. Man stellte Nachforschungen an, doch auch seine Hauswirte hatten ihn seit Tagen nicht mehr gesehen. Man durchsuchte sein Zimmer: Weder er selbst noch sein Hab und Gut waren auffindbar. Und auf den entsprechenden Unterlagen im Kriegsministerium vermerkte man: »Deserteur«. Im Zuge der Nachforschungen kam auf, dass auch Walburga Moosmayer verschwunden war. Sie war am 23. November 1873 in München als Tochter des Münchner Hoforganisten geboren.18 Und man schlussfolgerte ganz richtig, »daß seine alte Verbindung mit Walburga Mosmeyer in München ihn zu diesem Schritte verleitet haben möge.«
Bereits im September des Jahres 1804 hatte Vater Moosmayer (ein Name, der in den Akten in allen möglichen Moos- und Mayer-Varianten geschrieben wurde) beim Kriegsministerium um eine Befreiung des Artillerie-Leutnants von Stubenrauch und die Erteilung einer Heiratserlaubnis nachgesucht, denn als Soldat konnte man seinerzeit nicht ohne Weiteres heiraten. Vielmehr wurde eine entsprechende Heiratslizenz benötigt, die wiederum entsprechende Finanzmittel voraussetzte. Diese fehlten dem jungen Stubenrauch offensichtlich, obwohl die Braut keine ›schlechte Partie‹ war. Immerhin gehörte ihr seit dem 20. Februar 1803 ein Mehrfamilienhaus in bester Münchner Lage.19 Das Haus Promenadeplatz Nr. 9 hatte vermutlich der Vater als Mitgift für die Tochter erworben. Die Entlassung und die Heiratslizenz wurden dennoch nicht genehmigt. Man befand sich mitten in den Koalitionskriegen und jeder wehrhafte Mann wurde gebraucht.
Walburga war jedoch im Juni 1805 im sechsten Monat schwanger. Zwar waren uneheliche Kinder für Offiziere kein grundsätzliches Problem, doch die Frau und die Kinder mussten mit der ›Schande‹ leben. Vermutlich hatte Johann Nepomuk dies am eigenen Leib erfahren müssen und wollte dieses Schicksal nun Walburga und dem zu erwartenden Kind ersparen.
Eine gute Woche nach ihrer Flucht aus Würzburg wurden sie am 4. Juli 1805 in Eger getraut – allerdings erst, nachdem sich Stubenrauch am 26. Juni bei einem Werber für zehn Jahre zum österreichischen Militärdienst verpflichtet hatte. Der am 2. Juli in Eger unterschriebene Anwerbevertrag ist bis heute erhalten und belegt: Johann Nepomuk von Stubenrauch, angeblich in München gebürtig, 24 Jahre alt, hat nicht schlecht geflunkert. Dass er noch ledig war entsprach der Tatsache, nicht jedoch, dass er »Student ohne Profession« sei und noch nie gedient habe. Die Lüge war nötig, da er keinen Entlassungsschein vorweisen konnte. Überprüfen ließen sich seine Angaben allenfalls mit großem Aufwand und ohnehin waren die Anwerber daran nicht interessiert. Es war Krieg und Männer »ohne allen Leibes-Defekt« waren gefragt.20
Stubenrauch verpflichtete sich auf zehn Jahre bei der K. u. K. Kavallerie als »Gemeiner«, während er in Bayern bereits im Rang eines Offiziers gedient hatte. Bei der Anwerbung sind ihm 28 Gulden Wiener Währung ausgezahlt worden, was immerhin für die Gebühren der Eheschließung genügte.
Während der junge Soldat in Eger seinem Leben eine neue Richtung verpasste, gingen zwischen Würzburg und München diverse Schreiben hin und her: Wie sollte man sich in dieser Angelegenheit verhalten? Auffällig ist, wie milde letzten Endes mit Stubenrauch verfahren wurde. Desertieren war kein Kavaliersdelikt und konnte mit Erschießen, zumindest mit Kerkerhaft geahndet werden. Nicht so in diesem Fall. Stubenrauch wurde nachträglich am 11. Juli 1805 »aus besonderer allerhöchster Gnade« des damaligen Kurfürsten Max IV. Joseph, des nachmaligen ersten Königs von Bayern aus dem Dienst entlassen. Dies lässt vermuten, dass Stubenrauch in München einflussreiche Fürsprecher hatte, möglicherweise Graf Minucci.
Wohin der Dienst Stubenrauch zunächst verschlug, darüber schweigen die Akten. Erst im November 1806 erscheint der »Ausländer« Stubenrauch in der ersten Eskadron des 1802 neu formatierten Dragoner-Regiments Nr. 4 Levenher im südlichen Ungarn zwischen Pécs und Bóly. Ein Pferd war ihm von der Kavallerie gestellt worden. Weiter wurde in der Musterungsliste bzw. Standestabelle vermerkt, dass er verheiratet sei.21 Die Rubrik »Kinder« ist überraschenderweise leer geblieben. Es ist zu vermuten, dass die etwa einjährige Amalie irgendwo anders aufgezogen wurde – vermutlich in der bayerischen Heimat.
Auch das Taufbuch des Regiments, das in jenen kriegerischen Jahren allerdings nicht konsequent geführt wurde, verzeichnete Amalie nicht, wohingegen die meisten ihrer Geschwister, die in recht regelmäßigen Abständen von etwa zwei Jahren auf die Welt kamen, aufscheinen: am 13. September 1807 Magdalena in der Festung Pécs, am 15. März 1811 Johann Nepomuk in Maria Theresiopol, der jedoch früh verstarb, sodass der am 9. Februar 1813 im mährischen Kojetin geborene Sohn erneut auf den Namen Johann Nepomuk getauft wurde.22 Daraus lässt sich in groben Zügen das Itinerar der Familie nachzeichnen: Zwischen dem Aufenthalt in Südungarn und der Stationierung in Mähren war Amalies Vater im Sommer 1808 für einige Zeit in Kittsee südlich von Preßburg (Bratislava) stationiert und 1810/1811 in Maria Theresiopol, dem heutigen Subotica in Serbien.23
Der Soldat Johann Nepomuk von Stubenrauch diente zunächst drei Jahre im »Feuergewehrstande« und ab dem 1. Dezember 1808 fünfeinhalb Jahre als obligater Fourier,24 als ein mit der Logistik beschäftigter (Unter-)Offizier, wozu ihn seine mathematischen Talente und Vorbildung prädestinierten. In dieser Funktion kam er wohl nicht zum Kampfeinsatz. Die Koalitionen änderten sich während der sogenannten Koalitionskriege mehrfach: So standen sich etwa im April 1809 bei Regensburg Bayern und Österreicher feindlich gegenüber. Allerdings ist unwahrscheinlich, dass Stubenrauch gegen Landsmänner zu kämpfen hatte, denn noch Jahre später verhielten sich die Verantwortlichen im bayerischen Kriegsministerium bis hinauf zum König bei seinen Eingaben um die Erlaubnis zur Rückkehr und um Anstellung nachsichtig, obwohl sein Dienst im Regiment Levenher auch in München bekannt war. Ein Kriegseinsatz gegen bayerische Soldaten wäre indes kaum unberücksichtigt geblieben.
Stubenrauch zog mit den Soldaten von Garnison zu Garnison. Die Ehefrau Walburga war wohl immer mit dabei. Auch sie hatte sich wegen »Entweichung und Verehelichung außer Landes« schuldig gemacht. Auf Wunsch König Maximilians I. wurde jedoch von einer kompletten Einziehung ihres Vermögens Abstand genommen. Lediglich eine Gebühr von 141 Gulden und 21 Kreuzer musste sie entrichten. In diesem Zusammenhang wird auch das Haus am Promenadeplatz wieder verkauft worden sein, denn ab 1807 ist ein anderer Eigentümer vermerkt. Allerdings war der Preis in den vier Jahren seit dem Erwerb deutlich gestiegen. Während 1803 10 500 Gulden bezahlt wurden, belief sich die Kaufsumme nun auf 13 000 Gulden.25 Die Immobilie am Promenadeplatz war für die junge Frau von Stubenrauch also eine gute Geldanlage gewesen wenngleich die kleine Familie noch nicht über das Geld verfügen konnte, das vorerst konfisziert blieb.
Johann Nepomuk hat die privat zwar ehrenhafte, dennoch unüberlegte Entscheidung, das bayerische Militär widerrechtlich zu verlassen, bald bereut – später spricht er wiederholt von Reue und von jugendlichem Fehler. Die Wirklichkeit hatte die junge Familie eingeholt, doch die Karriere im bayerischen Heer war verspielt. Und es sollte noch schlimmer kommen.
Während Stubenrauch in den Weiten des riesigen K. u. K.-Reichs in einer Schreibstube saß, überschlugen sich die politischen und kriegerischen Ereignisse. Am 9. April 1809 eröffnete Österreich erneut den Krieg mit dem Ziel der Beseitigung der Napoleonischen Vorherrschaft in Europa. Bayern stand nun jedoch an der Seite Frankreichs. Allgemein bekannt ist der Tiroler Volksaufstand unter Andreas Hofer im Herbst 1809, in dem sich das Land gegen die bayerisch-französische Besatzung erhoben hatte. Auf bayerischem Boden bei Abensberg, Eggmühl und Regensburg wurde gekämpft. Auch Stubenrauchs Einheit, das K. u. K. österreichische 4. Dragoner-Regiment Levenher war dabei. Erst am 14. Oktober 1809 schlossen Österreich und Frankreich den Frieden von Schönbrunn. Die Meldung, Johann Nepomuk von Stubenrauch sei gefallen, gelangte 1809 in die Heimat und zu seinem Vater Generalmajor von Minucci. Die Nachricht erwies sich als Fälschung, schien jedoch angesichts der Kampfhandlungen und Verluste plausibel. Seine eigenen Briefe, in denen er den Vater vom Gegenteil informieren wollte, wurden abgefangen und unterschlagen. Drahtzieher war wohl sein (Halb-)Bruder Vinzenz Adelshausen, der im inzwischen Königlich-Bayerischen 14. Linien-Infanterie-Regiment als Hauptmann diente.