Read the book: «Todesrunen»

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Corina C. Klengel

Todesrunen

Harzkrimi

Impressum

Corina C. Klengel

ISBN 978-3-947167-08-1

ePub Edition

V1.0 (03/2021)

© 2021 by Corina C. Klengel

Abbildungsnachweise:

Umschlag © Corina C. Klengel | ccklengel.de

Porträt ders Autorin © Ania Schulz | as-fotografie.com

Lektorat:

Sascha Exner

Verlag:

EPV Elektronik-Praktiker-Verlagsgesellschaft mbH

Obertorstr. 33 · 37115 Duderstadt · Deutschland

Fon: +49 (0)5527/8405-0 · Fax: +49 (0)5527/8405-21

Web: harzkrimis.de · E-Mail: mail@harzkrimis.de


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar

Allgemeiner Hinweis:

Bei den Schauplätzen dieses Romans handelt es sich um reale Orte. Die Handlung und die Charaktere hingegen sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden und toten Personen wären reiner Zufall und sind nicht beabsichtigt.

Prolog


Der gallische König Ambicatus, der das Keltenland tapfer und glücklich regierte, wollte das Land von seiner Überbevölkerung befreien. Er sandte die Söhne seiner Schwester, Bellovesus und Segovesus, auf die Suche nach neuen Wohnsitzen. Das Los verkündete den Willen der Götter: Bellovesus zog in das freundliche Italien und Segovesus erhielt den Hercynischen Wald.

– Sage nach Livius V 33 –

1977

Die Wintersonnenwende sollte Ruhe schaffen – dringend benötigte Ruhe nach den Gräueltaten des vergangenen Jahres. Eines Jahres, in dem sich jede halbwegs vernünftige Fernsehgröße um die Moderation des unverzichtbaren Jahresrückblickes herumdrückte. Niemand mochte zurückschauen auf so viel Gewalt. Es war ein Jahr der Extreme gewesen. Radikale Linke hatten ebenso viel Unrecht geschaffen wie radikale Rechte.

Einzig der Harz durfte sich ein Schmunzeln erlauben, als bekannt wurde, dass die DDR, die mit der Grenze durch das urgermanische Naturschutzgebiet eine schmerzende Wunde gezogen hatte, zehntausend Volkswagen vom Typ Golf bestellte.

Wintersonnenwende – seit Urzeiten feierte man in der Nacht zum 21. Dezember die Rückkehr des Lichts. In der christlich geprägten Welt war das Fest auf den 24. Dezember verschoben worden und hatte den Namen ›Weihnacht‹ bekommen. Doch im Harz, wo sich der alte, an der Natur orientierende Glaube länger gehalten hatte als anderenorts, huldigte man hier und da noch dem Sonnenfest. Auch in diesem Jahr sandte so manches, mit einer Kerze beleuchtetes Fenster der Harzer Holzhäuser die Jahrtausende alte Botschaft in die dunkle Winternacht: Wanderer mögen diesem Licht folgen und hier Schutz vor Odins wilden Horden suchen. Jene, die in der längsten Nacht des Jahres für die Wiederauferstehung des Lichts beteten, gehören zu einer uralten Zunft von Gläubigen, deren Religion bis in die Zeit der stolzen Kelten zurückreicht.

Eine dieser Wintersonnenwendfeiern im Oberharz fiel in diesem Jahr jedoch recht verhalten aus. Das traditionelle Gebäck in Form eines Hirsches – den Keltengott Cernunnos darstellend – blieb fast unberührt liegen. Auch dem Met wurde nur mäßig zugesprochen. Sechs Wochen zuvor, an dem Tag, an dem man im alten Glauben das Neujahrsfest feierte, war eine Altgläubige schmachvoll missbraucht worden. Die junge Frau, die aus tiefster Seele an das Gute im Menschen glaubte, verstand das ›Warum‹ des Verbrechens an ihr nicht. Ihre Sinne, die durch ihre glaubensbedingt besondere Lebensform sensibler waren als bei anderen Menschen, schienen von der Erniedrigung wie gelähmt. So bekam sie nichts von dem mit, was sich an diesem Wintersonnenwendfest um sie herum zusammenbraute. Hätte sie geahnt, was man ihretwegen vorhatte, sie hätte trotz des Kummers versucht, es zu verhindern.

Das Haus, in dem die junge Wicca lebte, stand als eines der letzten ganz oben am Hang von Braunlage, einem schmucken Ort im Oberharz, der im 13. Jahrhundert als Waldsiedlung entstanden war. Trotz der Touristen lebte man in dörflicher Anteilnahme zusammen. Man wusste, die junge, schöne Frau und ihre Mutter kamen nicht von hier, man wusste auch, sie hatten einen anderen Glauben, aber beide waren herzlich in die Gemeinschaft aufgenommen worden.

Die Tat an der jungen Wicca erschütterte die Gemeinschaft und Zorn brach sich Bahn. Kaum beherrschbar. Es war ein Unrecht geschehen. Und wie immer, so zog auch hier ein Unrecht das nächste nach.


Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.

– 1. Buch Mose 4 –

Hermann Bordfeld zog die neue Lederjacke am Revers in Form und legte den roséfarbenen Hemdkragen akkurat über den der rehbraunen Jacke. Zufrieden mit dem, was er sah, strich er sich das volle, dunkle Haar nach hinten. Die Koteletten, die sich bis fast zu den Mundwinkeln zogen, gaben dem kantigen Gesicht die Weichheit, die der gängigen Mode entsprach. Obwohl sie nur Halbbrüder waren, sahen sich Hermann und Gerfried verblüffend ähnlich. Ihre Blicke trafen sich im Spiegel, bevor sich Hermann wieder mit seinem Abbild beschäftigte.

Derweil lümmelte Gerfried auf dem abgeschabten Hanssendrehstuhl herum und beobachtete Hermanns Vorbereitungen auf das abendliche Rendezvous. Wie immer hatte er das Gefühl, dass Hermann ihm etwas wegnahm. Vielleicht rührte das daher, dass Hermanns Mutter mit dem Vater der beiden verheiratet gewesen war, im Gegensatz zu Gerfrieds Mama. Obwohl sein Vater ihn adoptiert hatte und er seinen Namen trug, kennzeichnete eine immerwährende Eifersucht die Beziehung zwischen den beiden Brüdern. Gerfried ließ keine Möglichkeit ungenutzt, seinen um nur wenige Tage jüngeren Halbbruder mit Blicken, Gesten oder Worten zu triezen. Er wusste, wie sehr sich sein Bruder über ihre verblüffende Ähnlichkeit ärgerte. Während Hermann stets um Individualität bemüht war, kopierte Gerfried seit vielen Jahren hartnäckig Kleidungsstil und Frisur seines Bruders, um sich dann königlich über dessen Zorn zu amüsieren.

Ihre Mütter waren Schwestern gewesen. Seit Gerfried und Hermann auf der Welt waren, hatte ihr Vater die beiden Jungen immer wieder aufgestachelt und gegeneinander gehetzt, um sie zu stählen und um herauszufinden, wer von ihnen der Bessere war. So waren die beiden zu hervorragenden Kämpfern geworden. Kämpfer, die eine Organisation wie der Orden brauchte und schätzte.

Gerfried streckte sich und fuhr mit den Fingern der linken Hand sachte über die frische Tätowierung an seinem rechten Arm, die noch etwas juckte. Nach außen hin widmete er sich wieder dem kleinen Schwarzweißfernseher in der Ecke des gemeinsamen Appartements. Er belächelte den Kommissar mit der unvorteilhaften Brille und dem Trenchcoat, doch sein Blick huschte immer wieder zu seinem Bruder zurück. Etwas hatte sich an ihm verändert. War dieses Mädchen der Grund dafür?

Gönnerhaft bemerkte Gerfried: »Zeig ihr nicht so deutlich, dass du es ernst meinst, sonst bist du die Kleine gleich los.«

»Halt die Klappe. Was weißt denn du schon«, schnappte Hermann.

Gerfried hob erstaunt eine Augenbraue. Hermann verlor selten die Kontrolle über seine Gefühle. War hier tatsächlich etwas im Gange, was nicht sein durfte?

Die Organisation hatte Hermann aufgetragen, die Hexe, die so viel über die Harzer Geschichte herausgefunden hatte, als Informationsquelle anzuzapfen. Er sollte das Mädchen, das dem sagenhaften Artefakt nähergekommen war als jeder andere, mit seinem Charme einwickeln. Gelänge es Hermann tatsächlich, das Artefakt zu finden, so würde er im Orden unweigerlich aufsteigen.

Auch Gerfried hatte dem Orden die Treue geschworen, doch die Eifersucht auf seinen Bruder war stärker. Die Aussicht, dass Hermann einen höheren Rang einnehmen würde, schmerzte wie eine schwärende Wunde. Aber auch, dass es Hermann war, der diesen leckeren Käfer bearbeiten durfte, passte ihm gar nicht. Nachdenklich betrachtete er seinen Bruder. Hermann hatte keine Probleme, sich Frauen gefügig zu machen. Sie schätzten die Kombination von Stärke, Charme und einem angenehmen Äußeren. Vorzüge, die auch er selbst zu bieten hatte. Und doch hatte er bei der hübschen Kleinen nicht landen können. Nicht einmal die Ähnlichkeit mit Hermann hatte ihm genutzt. Schnell hatte sie ihn durchschaut und abblitzen lassen. Aus Zorn hatte er dem Mädchen erzählt, warum sein Bruder sie umgarnte. Gerfried biss die Zähne aufeinander, als er an die Ohrfeige dachte, die sie ihm daraufhin versetzt hatte. Die kleine Hexe hatte die Lektion, die er ihr dafür erteilt hatte, mehr als verdient.

»Ist schon ein heißer Feger, die Kleine«, sagte Gerfried beiläufig.

Hermanns Bewegungen verlangsamten sich.

»Woher willst du das wissen?«

Gerfried verkniff sich nur mühsam das boshafte Grinsen, als er dem Gesicht seines Bruders das Begreifen ansah.

»Du warst dort? Du hast sie gesehen?«, fragte Hermann schneidend.

Hermann war gefährlich, wenn er wütend wurde, dennoch gab sich Gerfried entspannt. Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, grinste anzüglich und wandte sich wieder Kommissar Derrick zu, der sich zu dramatischer Musik steif und unbeholfen mit einer kleinen, geradezu albern wirkenden Walther PPK 7,65 an einer Mauer entlang schob.

Gerfried wusste genau, dass Hermann sich jetzt fragte, ob die Organisation ihn womöglich durch seinen Bruder kontrollierte. Der Zorn verhärtete seine Züge, doch er hatte sich erstaunlich gut unter Kontrolle und wandte sich wieder ab.

Gerfried beschloss nachzusetzen. »Ich glaube, du hast in den letzten Wochen etwas vergessen«, bemerkte er spitz.

Hermann blickte ihn kurz über die Schulter hinweg an. »Und das wäre?«

»Den Grund, warum du die Kleine umgarnen sollst.«

»Kümmere du dich um deine Aufgaben!«

Gerfried musterte ihn mitleidig. »Du sollst sie benutzen und nicht umwerben wie ein liebeskranker Stieglitz.« Er grinste höhnisch. »Du bekommst sie doch eh nicht, sie ist schließlich eine Hexe. Außerdem … du glaubst doch nicht, dass diese Bergbauern da oben zulassen würden, dass du ihnen so einen hübschen Käfer vor der Nase wegschnappst!«

Hermann presste die Kiefer aufeinander. Seine Züge verrieten Ärger und Sorge zugleich. Gerfried bildete sich sogar ein, für den Bruchteil einer Sekunde Angst darin aufflammen zu sehen. Zufrieden lehnte er sich zurück und widmete sich wieder dem Fernseher.

So traf ihn Hermanns Angriff auch völlig unvorbereitet. Sein Bruder war blitzartig durch den Raum gestoben, seine Linke schoss vor und schloss sich wie ein Schraubstock um Gerfrieds Kehle.

Leise zischte Hermann seinem Bruder zu: »Ich warne dich nur dieses eine Mal … lass deine Finger von ihr!«

»Schon gut«, krächzte Gerfried. »Schon gut. Ich stehe eh nicht auf uneingerittene Pferdchen!«

Sie maßen sich mit Blicken. Gerfried dachte kurz an das Messer, das er stets unter dem weiten Schlag seiner karierten Hose trug. Es war, als hätte Hermann seine Gedanken gelesen. Die Hand an seiner Kehle spannte sich an – eine ungewöhnlich starke Hand, die viele Jahre Kampftraining an einem Breitschwert hinter sich hatte. Erbarmungslos drückte diese Hand Gerfrieds Kinn nach oben. Gerfried fühlte Hermanns Rechte auf seiner Schulter. Eine kurze Drehung und sein Genick würde bersten. Keiner sagte einen Ton. Es war auch nicht nötig. Gerfried hatte verstanden.


Gerfried atmete erst aus, als die Tür ihrer gemeinsamen Studentenbude vibrierend ins Schloss fiel. Nachdenklich rieb er sich den Hals und stellte mit einem unguten Gefühl in der Magengegend fest, dass er wohl einen monumentalen Fehler gemacht hatte. Hermann war auf dem Weg zu ihr, und Gerfried ahnte, was seinen Bruder erwartete. Im Gegensatz zu Hermann wusste Gerfried, dass der Brief, der seinem Bruder dieses dümmliche Grinsen ins Gesicht getrieben hatte, nicht von ihr war. Nicht das Mädchen, sondern ihre Freunde und Nachbarn würden Hermann erwarten. Und es würde kein freundlicher Empfang werden. Aber würden sie mit jemandem wie Hermann fertig? Nach dem Vorfall eben hatte er seine Zweifel. Gerfried runzelte die Stirn. Falls Hermann diesen Abend wider Erwarten überleben sollte, hatte er ein Problem.

An der Kleinen hatte sein Bruder offenbar einen größeren Narren gefressen, als er geahnt hatte. »Die Organisation sollte es erfahren…«, murmelte Gerfried missmutig. Sie hatten Hermann einen Auftrag gegeben, an dem bereits Heinrich Himmler gearbeitet hatte. Und nun setzte Hermann den Auftrag in den Sand, weil er sich in die kleine Hexe verguckt hatte. Die Organisation wollte zu Ende bringen, was 1935 begonnen worden war. Es ging um altes Kulturgut. Um Germanentum, die wahre Geschichte Deutschlands. Und was machte Hermann? So etwas Unprofessionelles wäre ihm nie passiert, dachte Gerfried verdrossen.

Er verwarf den Gedanken, die Organisation zu informieren, er würde sich damit nur selbst ans Messer liefern. Heute Nacht kam es in Braunlage zum Eklat. Wieder strich Gerfried über die Tätowierung. Hermann trug bereits die Sig-Rune. Sein Bruder war kurz davor, die nächste Stufe zu erreichen. Die Initialisierung war am Jahresfest Imbolc vorgesehen, in sechs Wochen.

Erst hatte dieser Schwächling Anton den Bullen Informationen zugespielt, und nach dieser Nacht würde Hermann ausfallen, der wichtigste Protegé der hiesigen Division.

»Geschieht ihnen recht«, murmelte Gerfried trotzig. »So ist das halt, wenn man den Auftrag an einen Versager gibt!«

Er vermutete, dass man den Westharzer Standort wohl erst einmal aufgeben musste. Wenn sie herausbekamen, dass er es gewesen war, der dem Orden so geschadet hatte, würden sie ihn bestrafen. Er ballte die rechte Hand zur Faust. Die Spitze des tätowierten Schwertes zeigte auf seine Pulsadern. Sie würden ihm den Arm nehmen, denn die Tätowierung enthielt das Signum der Ordenszugehörigkeit.

Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er Angst. Die Organisation war weit verzweigt und stark. Die wenigsten wussten, wie weit ihr Einfluss reichte. Es war wohl besser, wenn er Deutschland schnellstmöglich verließ. Auch gut. Er hatte eh vor, zu gehen. Das Gefasel von psychologischer Kriegsführung in seiner Kaserne hier in Clausthal konnte er schon nicht mehr hören. Als ob man mit so einem Gewäsch einen Krieg gewinnen konnte. Es war Zeit für Veränderungen, wirkliche Veränderungen.

Missmutig schob er das Lehrbuch über Geschosstypen auf seinem Schreibtisch hin und her, als sein Blick auf die Telefonnummer auf einem Zettel fiel, deren gleichmäßige, sinnlich-runde Ziffern einen roten Kussmund überdeckten. Es war zwar noch zwei Tage zu früh, aber er konnte genauso gut jetzt schon zu ihr fahren. Er wusste, dass sie ihn sehnlich erwartete. Ein bisschen Spaß mit ihr und dann über Frankreich nach Nordafrika. Ja, das war gut. Dort würden sie ihn nicht suchen. Würden sie wirklich nicht?

Er sah sich um. Und wenn hier ein wenig Chaos entstünde? Chaos, das auf einen Kampf hindeutete? Ein Streit zwischen den beiden Brüdern würde der Organisation seinen Weggang erklären.

Zufrieden mit seinem Entschluss stand er auf, um die kleine Altbauwohnung kurz und klein zu schlagen. Er zog sein Messer aus der Beinhalterung, schnitt sich die linke Handfläche auf und hinterließ blutige Handabdrücke an Möbeln und Wänden. Dann packte er einige wenige persönliche Sachen, darunter das Schwert, das er von seinem Vater bekommen hatte, und verließ die Wohnung in Clausthal-Zellerfeld, die er sich mit seinem Bruder geteilt hatte, für immer.


Mit einem unguten Gefühl zog Hermann die knarzende Haustür ins Schloss und trat in die kalte Nacht hinaus. Gerfried war also in Braunlage gewesen. Er hatte sie gesehen. Was hatte er dort gewollt? Er querte die durch Schnee beengte Straße und ging auf seinen Wagen zu, während seine Gedanken bereits seinem Zielort entgegeneilten. Braunlage, der adrette Kurort im Oberharz mit seinen gepflegten Holzhäusern und seiner Gastfreundlichkeit, die Johann Wolfgang von Goethe fast auf den Tag genau zweihundert Jahre zuvor genossen hatte. Was würde der Geheimrat über die Wunde gedacht haben, die man seinem Land und Volk zugefügt hatte, eine Wunde in Form einer volksverachtenden Grenze, die sich nur wenige Kilometer östlich von Braunlage in die herrliche urdeutsche Natur fraß? Irgendwann würde es der Organisation gelingen, dieses Monument des Scheiterns zu eliminieren, da war sich Hermann sicher.

Als der Autoschlüssel die leichte Eisschicht über dem Schloss durchstieß, kehrten seine Gedanken zu Gerfried zurück. Und damit auch sein Zorn. Er hätte ihn töten sollen. Irgendwann würde er das auch tun. So hätte es Vater gewollt. Nur der Stärkste sollte überleben. Doch diese Prüfung musste noch warten. Die Organisation hatte alles verboten, was auf sie aufmerksam machte. Hermann hasste die Notwendigkeit des Unauffälligen, sah sie jedoch ein. Schließlich waren sie schon einmal gescheitert. Nur weil ein Mann die Grenzen überschritten hatte, war der Krieg, der alles geändert hätte, verloren gewesen.

Man hatte ihm, Hermann, den Auftrag erteilt, das Artefakt zu finden. Ob es seinem Besitzer tatsächlich zu der in diversen Sagen beschworenen Macht verhalf, wusste er nicht. Doch das hatte ihn auch nicht zu interessieren. Schon der Führer hatte Artefakte wie den Longinus-Speer gesammelt und Hermann hatte dererlei Vorgehen nicht in Frage zu stellen. Von dem Überbleibsel des legendären Keltenschwertes aus der Zeit der römischen Besetzung Germaniens war wenig bekannt. Ein Druide aus dem Harz soll es geschmiedet haben. Dem Schwert wurden ähnliche Kräfte nachgesagt wie der Heiligen Lanze.

Ihr Antlitz erschien vor seinem inneren Auge. Sie war eine Altgläubige, eine Wicca, damit gehörte sie zu den Bewahrern des Artefaktes. Sie war der Schlüssel zu altem Wissen. Doch für ihn war sie weit mehr …

Bei dem Gedanken, dass sein Bruder bei ihr gewesen war, stieg heißer Zorn in ihm hoch. Zwar war sich Hermann sicher, sie hätte Gerfried nie mit ihm verwechselt, wie so viele andere, doch sie hätte seinem Bruder natürlich auch nicht die Tür gewiesen. Nun ahnte Hermann, dass Gerfried der Grund dafür war, dass sie nicht mehr mit ihm hatte sprechen wollen. Was hatte er ihr erzählt? So etwas war typisch für Gerfried. Hermann stellte einmal mehr fest, wie sehr er seinen Bruder hasste.

Aber nun war alles gut. Sie hatte ihm geschrieben. Heute, am Wintersonnenwendfest, würde er sich mit ihr aussprechen. Er ließ den Kratzer sinken und zog den Brief aus der Tasche. Ihr Maiglöckchenparfum stieg ihm in die Nase und verursachte ein wohliges Kribbeln in seinem Inneren. Liebster Hans … Sie kannte ihn nur unter seinem zweiten Vornamen, den er stets bei verdeckten Operationen benutzte. Es wurde Zeit, dass sie ihn besser kennenlernte. Versonnen steckte er den Brief in seine Tasche zurück. Das bohrende Gefühl, irgendetwas übersehen zu haben, legte sich etwas, als er sich in den Sitz fallen ließ. Prüfend betrachtete er den leicht verhangenen Nachthimmel. Es sah immer noch nach Schneefall aus, aber die Bundesstraße würde wohl einigermaßen geräumt sein. Er war ein guter Fahrer. Ein paar Schneewehen würden ihn nicht aufhalten.

Die letzten Häuser Clausthals glitten an ihm vorbei. Er passierte eine freie Fläche, die sich in diffuses Mondlicht getaucht an den angrenzenden Wald schmiegte, bevor er wieder in das Dunkel des Waldes tauchte. Er folgte der Bundesstraße über den Hochharz. Es begann zu schneien. Die Straße vor ihm verlor durch wirbelndes Weiß an Kontur. Verschneite Fichtenwälder huschten an ihm vorbei. Hin und wieder lichtete sich der Wald um eine vereiste Seefläche herum, in der sich das Mondlicht spiegelte. Niemand war auf den Straßen. Die Harzer kannten ihre Natur und maßen sich nicht mit ihr. Sie genossen lieber einen gemütlichen Fernsehabend am bullernden Ofen. Unterhalb der Achtermannshöhe bog er rechts ab. Er malte sich bereits aus, wie sie durch den Winterwald schreiten würden, als er die ersten gelben Tupfen beleuchteter Fenster erkannte, die zu Braunlage gehörten.

Sie hatte geschrieben, dass sie mit ihm allein sein wollte. Einen Abendspaziergang am Andreasberger Teich hatte sie vorgeschlagen. Etwas einsam, dachte er belustigt, aber sie liebte ja die Natur und kannte die Umgebung Braunlages wie kaum ein anderer.

Das Mondlicht tauchte die verlassenen, durch Schneeberge verengten Straßen in ein unwirkliches Licht. Er verließ die Hauptstraße und arbeitete sich eine steile, aber gut geräumte Wohnstraße hinauf. Die spärlich vorhandenen Straßenlaternen durchbrachen die Dunkelheit nur unzureichend mit ihren milchigen Lichtkegeln. Dieses Wohnviertel mit seinen so unterschiedlichen Baustilen hatte schon tagsüber etwas Verwunschenes. Die Hanglage, große Gärten, villenartige Bauten und hohe Bäume mehrten diesen Eindruck noch. Im fahlen Licht der Nacht wurden Lebensbäume und Zaunpfeiler zu bedrohlich wirkenden Wächtern von Häusern mit Türmchen und Zinnen, deren Umrisse sich schemenhaft abzeichneten. Auf dem Weg zu ihrem Haus spähte er angestrengt in jede abgehende Gasse, doch es war niemand zu sehen. Kurz darauf hielt er an einem Waldweg, stellte den Scheinwerfer aus und wartete, bis sich seine Augen an das Mondlicht adaptiert hatten. Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass er noch einige Minuten Zeit hatte. Unruhe erfasste ihn. Jedoch waren nächtliche Dunkelheit, die Nähe des Waldes oder gar die Einsamkeit nicht der Grund dafür. Diese Dinge waren ihm seit seiner Kindheit wohlbekannt. Sein Vater hatte ihn und seinen Bruder oft zu nächtlichen Trainingsausflügen mitgenommen. Hermann verließ den Wagen und ließ automatisch den Blick in die Runde schweifen. Er spitzte die Ohren und ging dann langsam in den Waldweg hinein, der zum Andreasberger Teich führte. Immer wieder blieb er, wie er es beim Training gelernt hatte, unerwartet stehen und horchte auf Schritte. Doch er konnte weder jemanden sehen noch hören. Der Mond erschien zwischen den Wolken. Er war fast voll. Es schneite nicht mehr ganz so stark. Wieder ließ er den Blick über die Häuser unterhalb seines Standortes schweifen. In ihrem Haus brannte Licht. Warum hatte sie sich ausgerechnet heute mit ihm treffen wollen? Feierten sie und ihre Mutter heute nicht die Wintersonnenwende? Oder hatten sie ihren Termin angepasst und feierten erst am Heiligen Abend? Eigentlich passte das nicht zu ihr. Irgendetwas stimmte hier nicht.

Einer unerklärlichen Ahnung folgend zog er sich in den Wald zurück. Es war fast neun. Mit geschmeidigen Bewegungen huschte er den Waldweg entlang. Plötzlich vernahm er ein leises Knacken hinter sich. Sein Körper spannte jeden Muskel an. Er war also nicht allein. Sein Nebenbuhler? Dieser grobschlächtige Harald und seine Kumpanen? Wieder horchte er angestrengt in die Dunkelheit. Erneut knackte es, dieses Mal rechts von seinem Standort. Natürlich! Sie folgten ihm deshalb nicht, weil sie bereits da waren. Besser gesagt, sie waren bereits hinter ihm und schnitten ihm den Rückweg ab. Auf das Überraschungsmoment setzend hetzte er los und verschwand zwischen den Bäumen.

Damit hatte er die Jagd auf sich eröffnet. Überall ringsherum begannen Äste unter trampelnden Stiefeln zu bersten. Gefrorenes Laub knirschte. Zweige schabten über Winterjacken. Niemand bemühte sich noch um Stille. Es mochten zehn, vielleicht fünfzehn Männer sein. Er war ihnen in die Falle gegangen. Er hielt sich jedoch nicht mit der Frage nach dem Warum auf, angesichts dieser Übermacht konnten ihm nur noch Kondition und niederste Kampfinstinkte helfen. Bewusst atmete er lang durch, sondierte seine Lage, während er durch den Wald rannte. Er bezweifelte, dass seine Verfolger ihrem Körper mehr abverlangten, als es die tägliche Arbeit auf einem Oberharzer Kleinhof oder in einem Büro erforderte. Er dagegen lief seit seinem zehnten Lebensjahr täglich mehrere Kilometer. Noch immer bewegte er sich in hohem Tempo vorwärts. Die Distanz zwischen ihm und seinen Jägern vergrößerte sich, wie er an den leiser werdenden Rufen erkannte. Vielleicht konnte er sie zerstreuen und einzeln angreifen.

»Schnappt euch das Schwein!« Hermann erkannte die Stimme sofort. Vor seinem inneren Auge tauchte ein Gesicht auf. Groß, dunkelhaarig, mit einem Blick voll eifersüchtigem Hass. In diesem Augenblick erkannte er, dass der Brief, der ihn her gelockt hatte, gar nicht von ihr stammte. Liebe macht wirklich blind, haderte er.

Nun knackte es nicht mehr nur hinter ihm. Es waren mehr, als er vermutet hatte. Sie hatten sich bereits vorher verteilt und versuchten, ihn einzukreisen. Eine Wolke schob sich dem Mondlicht in den Weg und gab ihm eine Chance. Schwungvoll ließ er sich fallen, rollte unter etwas, das wie ein Hagebuttenbusch aussah, und blieb regungslos liegen. Bis sie sein notdürftiges Versteck erreichten, musste sich sein Atem so weit beruhigt haben, dass sie ihn nicht hörten. Vielleicht hatte er Glück und sie liefen an ihm vorbei. Und dann? Zum Wagen zurück? Er verwarf diese Idee. Sicher warteten dort Wachen auf ihn. Er spähte aus seinem Versteck.

Es schien, als sei der halbe Ort auf den Beinen, um ihn zu hetzen. Einige liefen tatsächlich an seinem Versteck vorbei. So leise wie möglich richtete er sich auf. Er musste die Richtung ändern. Links von ihm schnitt ihm der Andreasberger Teich den Fluchtweg ab. Er spähte in den Sternenhimmel, um sich zu orientieren, und versuchte es in nordwestlicher Richtung. Vielleicht gelang es ihm, in einem weiten Bogen zurück zur Harzhochstraße zu laufen. Noch lief er nicht. Er schonte seine Kräfte und baute auf Geräuschlosigkeit. Dann sah er Taschenlampen aufblitzen und fluchte innerlich. Nun blieb ihm nur noch seine Kondition. Er lief los. Um ihn herum schien der Wald zu brodeln. Sie hatten seinen Richtungswechsel erkannt und folgten ihm. Ein Bach glitzerte im Mondlicht. Er übersprang ihn und hastete weiter. Ein paar Stimmen kamen näher. Er musste sie abhängen, um die Straße nordöstlich von ihm zu erreichen. Allerdings hatte er noch einige Kilometer vor sich.

Während er lief, befühlte er seine Taschen nach etwas, was sich als Waffe verwenden ließ. Währenddessen horchte er nach hinten. Das Taschenmesser rutschte ihm in die Hand. Noch im Lauf öffnete er es. Im nächsten Moment traf ihn ein derber Schlag an der Schläfe und er ging zu Boden. Warmes Blut lief ihm in den Kragen und über die Hand. Zwar kämpfte er erfolgreich gegen die wabernden Schleier einer Bewusstlosigkeit, blieb aber dennoch liegen, ohne sich zu rühren. Verhalten tastete er nach dem Messer. Endlich fühlte er etwas Hartes zwischen den Fingern. Seine Chance kam, als sich sein Widersacher zu ihm herunterbeugte.

»Das wird dir eine Lehre s…« Weiter kam Hermanns Verfolger nicht, denn das Messer fuhr dem jungen Mann aus Braunlage in den Oberschenkel. Hermann drehte es etwas und zog es aus dem blutenden Fleisch. Mühsam richtete er sich auf und rammte der gekrümmten Gestalt seine Faust ins Gesicht. Torkelnd rannte er weiter. Rechts sah er nur sehr verschwommen. Das Blut lief. Stimmen und die Geräusche von unzähligen Füßen, die durch das Unterholz brachen, schienen von überall her zu kommen. Hermann sah seine Chancen, diese Nacht zu überleben, zum ersten Male schwinden. Er erreichte einen Waldweg und folgte ihm. Mehrfach dachte er, seine Lungen würden bersten. Immer wieder wurde ihm schwarz vor Augen. Kilometer um Kilometer rannte er. Die Stimmen hinter ihm wurden leiser. Hatten vielleicht einige von ihnen aufgegeben? Es ging bergan. Neben ihm gurgelte ein weiterer Bach. Endlich gönnte sich Hermann ein ruhigeres Tempo, wischte sich das Blut aus dem Gesicht und presste eine Hand voll Schnee auf die Wunde an seiner Stirn. Schwer atmend näherte er sich einem Abzweig. Er konnte die Straße hören. Die Straße? Die Autos fuhren nicht vorbei, sie näherten sich seinem Standort und Hermann erkannte fröstelnd, von diesen Fahrzeugen hatte er keine Hilfe zu erwarten, im Gegenteil. Hermann fluchte und wandte sich nach links, von der Harzhochstraße weg. Er war gezwungen, dem Weg zu folgen, da der Wald rechts und links zu dicht war, doch er musste schnellstens von dem Weg runter. Sie waren ihm mit Autos auf den Fersen. Endlich sah er rechts einen Pfad abzweigen und folgte ihm in den Wald. Die Wagen hielten. Autotüren gingen auf und wurden zugeschlagen. Das Stimmengewirr folgte ihm. Hermann stolperte über einen steinigen, engen Pfad, bis sich überraschend eine Lichtung auftat. Die Lichtung endete in einem Abgrund. Dahinter verbreitete sich das Mondlicht über die Kuppen ausgedehnter Wälder. Er hatte verloren.

Hermanns Fäuste trafen noch so manchen Kiefer, bevor er seine eigenen Rippen brechen hörte und zusammensackte. Von allen Seiten hagelte es Fäuste, Tritte und Schläge. Er hörte noch einige Wortfetzen wie: »… wieder ein Wanderer die Klippen heruntergestürzt … den Rest erledigt die Kälte!«

Er fühlte sich hochgehoben. Stürzte. Dann wurde es endgültig Nacht.


Kriminalhauptkommissar Harmsen gab ein kühles »Na, das war ja wohl nichts« von sich, während er sich verkniffen umsah. Hans-Joachim Berking fluchte derb, wusste er doch genau, wem diese vernichtenden Worte galten. Schließlich war er es gewesen, der diesen Einsatz in monatelanger Arbeit vorbereitet hatte. Sie hatten ja einiges erwartet, aber nicht diese höhnische Leere.

»Verdammt! Wo sind die denn alle hin?« Ullrich Schüssler sah sich konsterniert um. Einige der uniformierten Kollegen, die das einsame Gehöft nördlich von Bad Harzburg unweit der Grenze gestürmt hatten, konnten sich ein boshaftes Grinsen nicht verkneifen. Irgendwie freute man sich ja schon, wenn die besser verdienenden Kripo-Kollegen in Zivil einen Fehler machten. Aber natürlich war es auch zum Teil Erleichterung. Erleichterung darüber, es nicht mit einer unberechenbaren und bewaffneten Truppe von Rechtsradikalen aufnehmen zu müssen, die hier ihr Hauptquartier gehabt haben sollte.

»Scheiße! Ich weiß es doch auch nicht«, antwortete Berking seinem Freund und Kollegen ungehalten. Hoffnungsvoll blickte er einem Uniformierten entgegen, der von einem Rundgang durch das Haus zurückkam. Dessen Kopfschütteln ließ Berkings Gesichtszüge geradezu gefrieren. »Dieser Anton Müller muss seine Kumpels irgendwie gewarnt haben!«

»Wie denn? Der sitzt in U-Haft«, hielt Schüssler dagegen.

»Irgendwer hat die Bande aber gewarnt«, erwiderte Berking ungehalten.

»Tja, Berking, die sind wohl besser organisiert als wir«, murrte Harmsen und machte Anstalten zu gehen.

Berking fluchte lauthals und schimpfte dann vor sich hin: »Wir brauchen endlich Namen! Unsere Kollegen müssen sich diesen Müller noch mal vornehmen.«

Dieser Fehlschlag hatte gerade noch gefehlt. Es war ein grauenhaftes Jahr gewesen, dessen Ereignisse selbst eine so kleine Polizeidienststelle wie die von Goslar nicht unbeeindruckt gelassen hatte.

Für Hanjo Berking hatte das Jahr 1977 mit einer hässlichen Häufung von Katastrophen begonnen. Erst war ein Freund von ihm bei dem Einsatz in Grohnde schwer verletzt worden, und kurze Zeit später waren seine Eltern bei dem Flugzeugabsturz auf Teneriffa ums Leben gekommen, der mittelbar mit einem Bombenattentat zu tun hatte. Das vergangene Jahr war nicht nur für ihn ein schwieriges gewesen. Die Ordnungskräfte vibrierten geradezu, selbst im beschaulichen Goslar. Allerorts erwartete man neue Zusammenschlüsse von gewaltbereiten Weltverbesserern. Waren es im Norden eher linke Gruppierungen, so hatten sie es im Harz und seiner Umgebung zumeist mit Rechtsradikalen zu tun. Hanjo hatte schon lange aufgegeben, den Unterschied begreifen zu wollen.

Nun stand er in diesem verdammten Haus mitten in der Feldmark unweit der Grenze, dessen Leere nicht nur die Goslarer Polizei, sondern vor allem ihn persönlich der Lächerlichkeit preisgab.

Hanjos Blick richtete sich auf den Rücken seines Vorgesetzten Harmsen, der den Tatort verließ. Er hatte Mühe, seinen Zorn zu zügeln. Hanjo zwang seinen Blick von seinem Chef weg und ging durch den Flur in eine Art Wohnzimmer, hinter dessen Fenstern sich eine weitläufige Ackerfläche erstreckte. Die Wände waren mit allerlei Symbolen versehen worden, von denen Hanjo einige als nationalsozialistisch erkannte. Am Kopfende des Zimmers prangte eine recht kunstvolle Zeichnung an der Wand, die an die überschwänglichen Bilder der Jahrhundertwende erinnerte. Ein von Eichenlaub umranktes Schwert in einer Art Wappen schwebte einem Altarbild gleich in Augenhöhe. Die Waffe mit ihren Rankenmustern und dem verzierten, in einem großen Stein mündenden Griff mit Strahlenkranz war so kunstvoll in Szene gesetzt, dass man fast meinte, es von der Wand nehmen zu können.

»Das Bild zeigt zumindest, dass sie hier gewesen sind«, stellte Schüssler mit Blick auf die Wandzeichnungen fest. »Was bedeuten denn all diese doppelten Achten?« Er wies auf die anderen Wände, wo sich diese Zeichen mehrfach wiederholten.

»Der achte Buchstabe des Alphabets ist ein H. Doppel-H steht für ›Heil Hitler‹ «, knurrte Hanjo fahrig.

»Und diese Symbole? Sind das überhaupt Buchstaben?«

Hanjo Berking schüttelte den Kopf. »Die kenne ich auch nicht, außer dem SS-Zeichen hier.« Nachdenklich schritt er die Wände des Hauses ab. »Ulli, sorg doch bitte dafür, dass ein Fotograf das verewigt«, verlangte er nun.

Ullrich Schüssler nickte und ging nach draußen, um von einem der Einsatzfahrzeuge einen Funkspruch abzusetzen.

»Kommissar Berking …«

Hanjo drehte sich zu dem uniformierten Kollegen um.

»Im Keller sind Blutspuren. Ist aber nicht viel, eher so ein paar Spritzer.«

Hanjo Berking folgte dem Kollegen in einen erstaunlich hohen Kellerraum. Er ließ den Blick über die dunklen Flecken an Wand und Boden schweifen. Dabei fielen ihm Haken in der Decke und tiefe Rillen in den Wänden auf.

»Die Ringe waren vielleicht für Boxsäcke. Könnte ein Raum für Kampftraining gewesen sein«, murmelte Hanjo Berking. »Staubt das ganze Haus ein. Ich will jeden Fingerabdruck in diesem Haus, jedes Haar und jede Faser in der Akte haben.« Sein Blick fiel auf die Blutspritzer. »Nehmt auch davon Proben.«

»Wozu das denn?«

»Vielleicht können unsere Laborratten ja eine Blutgruppe feststellen oder so was. Nehmt einfach Proben und packt es ein!«, herrschte Berking den Kollegen unnötig grob an. Dann ging er nach draußen und tat, als würde er sich den Garten ansehen. Er hatte versagt.

Nach einer Weile gesellte sich Ullrich Schüssler hinzu, der ahnte, wie seinem Freund zu Mute war.

»Der Fotograf kommt«, erklärte er unbeholfen und starrte ebenfalls über die ungepflegte struppige Fläche, die an einer vereisten, krautigen Hecke endete.

Hanjo stierte missmutig schweigend in die kahle Winterlandschaft. Die Wintersonne war in dem aluminiumfarbenen Himmel nur zu ahnen.

»Mensch, Hanjo … mach dir keine Vorwürfe. Immerhin wissen wir jetzt, dass du mit deinem Verdacht richtig lagst. Hier war wirklich eine rechtsradikale Truppe am Werk. Das zählt!«

»Sie sind uns aber durch die Lappen gegangen«, haderte Hanjo. »Monatelange Arbeit … alles umsonst.«

»Wir hatten die Adresse doch gerade erst aus diesem Müller herausbekommen. Hanjo, dafür kann keiner was!«

»Wahrscheinlich rekrutieren sie woanders schon die nächsten Jungen, die einfach nur nach Idealen suchen.«


»Also auch verschwunden«, stellte Hanjo Berking müde fest. Er kippelte mit seinem Stuhl herum und schaute leer aus dem Fenster. Es schneite schon wieder.

»Ja, die Wohnung war völlig verwüstet. Sieht ganz nach einem Kampf aus. Aber eines ist merkwürdig … « Ullrich Schüssler blätterte in einer Akte, die er nun auf Berkings Schreibtisch fallen ließ. »Sein Wagen wurde in Braunlage gefunden. Gar nicht weit von dort, wo die Kleine wohnte, die vergewaltigt wurde.«

Hanjo Berkings Stuhl kam lautstark auf allen vier Füßen zu stehen. »Was?«, fragte er völlig unnötig, denn er hatte seinen Kollegen überdeutlich verstanden. In den letzten Wochen war es ihm fast gelungen, das Gesicht der jungen Frau aus dem Kopf zu bekommen, an die er so ungebührlich oft hatte denken müssen. Ungebührlich deshalb, weil diese Gefühle einen Verrat an seiner Frau Annalena darstellten, die er doch liebte.

»Hatte sich denn noch etwas wegen der Kleinen ergeben?«, fragte Schüssler vorsichtig.

Berking entging der forschende Blick seines Kollegen nicht. Er gab sich nun betont unbeteiligt.

»Die Vergewaltigung meinst du? Nee. Ich glaube auch nicht, dass wir da etwas herausbekommen. Sie leugnet die Sache. Und ihre Freundin mauert ebenso hartnäckig.«

»So ein Blödsinn!«, maulte Schüssler. »Ob sie den Scheißkerl kennt?«

»Entweder das … oder sie schämt sich.«

»Wie kann man sich dafür schämen, wenn man vergewaltigt wird?«, begehrte Schüssler auf.

»Na ja, meist geht der Vergewaltigung ja doch ein gewisses Geplänkel voraus. Ein Blick hier, ein Lächeln dort – und das ist es, wofür sich die Frauen schämen«, meinte Hanjo, während er eine kurze Notiz in eine der Akten schrieb.

»Hm«, grummelte Schüssler. »Sag mal, weißt du eigentlich, dass sich einige Burschen dort oben eine kernige Prügelei geliefert haben? Dieser Dr. Volkers hatte noch mal hier angerufen. Muss wohl eine Woche vor unserer Hausstürmung gewesen sein.«

Nun schaute Hanjo doch auf. »Die haben sich geprügelt? Und?«

Schüssler lachte und schüttelte den Kopf. »Ich hatte diesen Dr. Volkers zurückgerufen. Er meinte, einer von denen hatte wohl sogar eine üble Stichwunde im Bein, aber keiner hat dem Arzt etwas sagen wollen. Eine Anzeige gab es auch nicht. Nichts.«

Hanjo lächelte müde. »Tja, das ist eine eingeschworene Gesellschaft dort oben. Wir werden wohl nie erfahren, was dort vorgefallen ist. Hätte sich nicht dieser Dr. Volkers damals gemeldet, ich bezweifle, dass wir überhaupt je von der Vergewaltigung erfahren hätten.«

»Ist ein vernünftiger Mann, dieser Doktor. Meine Güte, war die Kleine hübsch«, meinte Schüssler versonnen.

Hanjo Berking gab ein knappes »Ja« von sich und versuchte die tannengrünen Augen und die roten Locken mühsam aus seiner Erinnerung zu verdrängen. »Und der Wagen von unserem Obernazi ist dort gefunden worden?«

»Ja. Aber der Bursche ist wie vom Erdboden verschluckt. Er hatte ja weder unter seinen Nachbarn noch in der Uni Freunde. Die wenigen, die ihn von den Vorlesungen kannten, beschrieben ihn als ziemlich verschlossen. Nach Aussage seines Professors für…« Schüssler warf einen Blick in seine Akte, »… für Physik war er hochintelligent. Seit Beginn der Weihnachtsvorlesungspause hat ihn niemand mehr gesehen. Ich denke, der wurde dort unter falschem Namen geführt, so etwas ist für unsere Nazifreunde ja kein Problem. Und dort, wo wir seinen Wagen gefunden haben, will ihn niemand gekannt haben.« Schüssler blätterte weiter und sagte nachdenklich: »Dann hat sich noch ein Bundeswehrsoldat oben aus Clausthal abgesetzt. Von dem fehlt auch jede Spur. Aber das hat mit unserem Fall wohl nichts zu tun.«

Berking starrte nachdenklich seine Tischplatte an. »Für unsere Gegend ein bisschen viel Zufälle.«

Schüssler schaute auf. »Du vermutest doch wohl da keinen Zusammenhang?« Er schüttelte lachend den Kopf. »Jetzt wirst du aber paranoid, mein Lieber!«

»Wahrscheinlich«, maulte Berking, zog sich seine Telefonkartei heran und suchte sich die Nummer von Dr. Volkers heraus.

Kapitel 1


Aus Liebe zu der Keltin Kamma tötete der Fürst Sinorix deren Gatten Sinatos.Nach langem Zögern gab Kamma dem Werben des Sinorix nach und lud ihn in den Artemis-Tempel ein, deren Priesterin sie war. Sie bot ihm einen vergifteten Weihetrank, nachdem sie vorgekostet hatte. Sinorix tat es ihr nach und trank. So tötete sie den Mörder ihres Mannes und opferte dafür ihr Leben.

– Plutarch Moralia 257 F –

Dreißig Jahre später

Hedera konnte an nichts anderes mehr denken als daran, dass sie ihrer eigenen Geschichte begegnet war. Sie hatte ihn wieder gesehen. Und was noch schlimmer war, er hatte sie gesehen. Erst hatte sie geglaubt, einem Trugbild aufzusitzen, denn sie wähnte ihn längst im Zwischenreich. Doch er war am Leben.

Auf den Hochwiesen von Braunlage hatte sie Blätter des roten Fingerhutes sammeln wollen, um daraus eine Wundverbandabkochung für einen ihrer Patienten zu machen. Fingerhut gab es auch hier im Tal. Wieso trieb es sie immer wieder zu einem Ort, wo man sie verhöhnt und gedemütigt hatte? Warum war er dort gewesen? Er, der ihr Leben fast zerstört hatte. Wegen dem, was er getan hatte, war sie vor dreißig Jahren aus Braunlage weggegangen, damit ihre Tochter Tilia, die von allen Tilla genannt wurde, ohne das Getuschel der Nachbarn aufwachsen konnte. Tilla.

Ihr wurde eiskalt. Warum kam er gerade jetzt zurück? Ahnte er etwas? Was würde er tun, wenn er von Tilla erfuhr? Sollte sie ihre Tochter warnen? Nein! Hedera wusste genau, dass Tilla, wenn sie von ihm erfuhr, schnurstracks zu ihm gehen würde. Nein, so ging es nicht. Hedera ließ den Kopf sinken.

Ihre Tochter hatte den alten Glauben immer abgelehnt und Hedera hatte sie gewähren lassen. Den alten Glauben zu praktizieren, forderte viel von einem. Es war nicht für jeden der richtige Weg. Der, der ihn gehen wollte, musste sich bewusst dafür entscheiden. Sie wusste, Tilla hatte den Ruf der alten Götter vernommen, doch noch hatte sie sich nicht entschieden. Ihr scharfer, von erlerntem Wissen dominierter Verstand überlagerte den Teil ihrer Persönlichkeit, den man für den alten Glauben brauchte. Würde Tilla je in der Lage sein, sich einer Sache zu widmen, die über das Erklärbare hinausging?

Hederas Blick fiel auf die Manuskriptseiten ihres Buchentwurfes auf dem Arbeitstisch in ihrer Apotheke. Sie hatte einen Weg gefunden, die Sage am Leben zu erhalten. Ein Weg, der vielleicht der falsche war, doch sie hatte keine Wahl mehr. Nicht mehr, seit er zurückgekommen war. Nach seinem Tod hätte es vorbei sein sollen. Aber er lebte und er würde seine Suche nach dem Artefakt fortsetzen.

Sie musste ihre Tochter warnen, ihr so vieles erklären, aber würde Tilla die Gefahr überhaupt begreifen? Sie wusste, ihre Tochter war eine Kämpferin, wenn es sein musste. Doch zurzeit ging sie noch allem aus dem Weg, was nach Anstrengung, Verantwortung oder gar nach dem alten Glauben roch. Hedera seufzte tief. In der heutigen Welt war kein Platz für Magie. Für Hedera hingegen war es Teil ihres Lebens. Nicht nur die Historie, auch die Natur bestimmte ihr Leben. Sie war Heilpraktikerin. Einige ihrer Patienten kamen von weit her, um sich von ihr behandeln zu lassen. Ausnahmslos alle gingen ruhiger und zufriedener, als sie gekommen waren, obwohl sie keineswegs alle heilen konnte. Sie konnte so vielen helfen. Warum war sie zeit ihres Lebens an ihrer Tochter gescheitert?

Mit professionellem Blick überprüfte Hedera die kopfüber hängenden Pflanzen. Mit zarten Bewegungen befühlte sie hier die Festigkeit eines Stängels, dort den Restfeuchtegehalt einer Blüte. Der Göttin sei dank war der Sommer etwas trockener gewesen als der vorangegangene. Die Pflanzen waren langsamer gewachsen und hatten mehr Wirkstoffe ansammeln können. Sie war zufrieden mit ihrer Ernte. Zart strichen ihre Finger über die filigranen Blüten, die ihre Farbe noch immer nicht verloren hatten. Würden sie je zur Anwendung kommen? Zweifelnd sah sie sich in ihrer Apotheke um, die viele hundert, zum Teil sehr seltene Kräuter beherbergte. Nein, es würde nicht mehr lange dauern, bis er sie gefunden hatte.

Hedera vertrieb die schmerzhafte Erinnerung. Liebevoll strich sie ihrer Katze, die selbstsicher auf dem Fensterbrett thronte, über den schwarzseidigen Kopf und ging dann nach draußen, um die letzten Strahlen der Herbstsonne zu genießen. Paris sprang elegant von ihrem Thron und folgte Hedera zu der Bank unter der Linde, wo sie sich genüsslich auf dem kleinen hölzernen Tisch zusammenrollte. Hedera wusste, dass sich bald der Kreis ihres eigenen Lebens schloss. Aufgrund ihres Glaubens hatte sie keine Angst vor dem Tod, aber dass durch ihren Tod etwas unendlich Wichtiges unvollendet bleiben könnte, beunruhigte Hedera viel mehr.

Sie wusste mittlerweile, was dieser vermaledeite Gegenstand im Laufe der Zeit schon alles angerichtet hatte. Zuletzt hatten Hitlers Schergen danach gesucht, der Göttin sei Dank erfolglos. Dann war er gekommen und hatte sie so umschwärmt. Doch eigentlich hatte er nur das Artefakt im Sinn gehabt. Wie hatte sie nur glauben können, dass er Gefühle für sie hegte?

Aber wie sollte sie Tilla all das erklären? Ihre Tochter, deren beste Freunde Computer, Fernseher und ihr elektronisches Spielzeug waren. Nur ihr Name Tilia – die Linde – erinnerte noch an die Göttin Erde. Doch sie verweigerte sich sogar ihrem Namen. Immer hatte sie sich selbst lieber Tilla genannt. Ihre kleine Tochter, die in ihrem toten Vater einen Helden sah. Hedera schloss die Augen. Würde Tilla die Wahrheit verkraften? Sie musste. Es wurde Zeit, dass sie erwachsen wurde. Bei ihren keltischen Urahnen galten Kinder mit zwölf Jahren als erwachsen. Ihre Tochter hatte wirklich lange genug Zeit gehabt.

Hedera saß noch eine Weile in ihrem geliebten Garten und beobachtete das Spiel des Windes mit den Blättern und Ästchen, bis ihr zu kühl wurde und sie ins Haus ging. Im Wohnzimmer glitt ihr Blick über die Fotografien an der Wand. Wie schon so oft musste sie lächeln. Da gab es ein Foto von Tilla, auf dem sie übermütig einen Waldweg entlanglief und sich auf Hederas Zuruf hin umdrehte. Daneben hing ein uraltes Foto von ihr selbst. Ihre Miene hatte damals die gleiche Unbekümmertheit gehabt wie die von Tilla auf dem Foto daneben. Es musste wohl ein Jahr vor dem schrecklichen Abend aufgenommen worden sein. Es war fast schon unheimlich, wie sehr sie sich ähnelten. Tilla war etwas größer als Hedera, aber ihre Gesichter und vor allem ihr rotes Haar glichen sich so sehr, dass sie auf diesen Bildern Zwillinge hätten sein können. Eine Sache gab es aber doch, die sie beide unterschied. Von Tillas Augen glich nur eines den grünen Augen ihrer Mutter, das andere war von hellem Braun. Die verschiedenfarbigen Augen passten zu der Zerrissenheit ihrer Tochter.

Hederas Lächeln wich einem schmerzlichen Ausdruck, denn sie wusste, sie musste die Fotos vernichten. Sie musste alles vernichten, was auf Tillas Existenz hinwies. Nur so konnte sie ihre Tochter schützen.

Widerstrebend nahm sie die Bilder von der Wand und trug sie in die Küche. Ihr Blick fiel auf eine alte Kinderzeichnung, deren vergilbte Fläche bis zur kleinsten Ecke mit vielen hübschen Einzelbildchen gefüllt war. Hedera lächelte. Dieses Bild zeigte nicht nur das Zeichentalent ihrer Tochter, es offenbarte auch ihren unruhigen Geist, der seine Ideenfülle und seine Neugier auf Neues kaum zügeln konnte. Seufzend nahm sie das Bild von der Küchenwand und legte es auf den Stapel, der vernichtet werden musste. Hedera blickte auf den Platz in der Eckbank. Tillas Platz. Hier hatte ihre Tochter immer gesessen und die Zeilen der Tageszeitung durchpflügt, wenn dort ein Fortsetzungsroman abgedruckt worden war. Hedera lächelte bei der Erinnerung daran, dass ihre aufbrausende Tochter jeden Tag aufs Neue laut schimpfend kundgetan hatte, dass sie die nächste Folge jetzt und augenblicklich lesen wollte.

Das war es! Die Idee, wie sie ihre Tochter erreichen konnte, kam geradezu elektrisierend. Tilia gierte nach all den Dingen, die sie nicht haben konnte. Sofort strebte Hedera an ihren Arbeitstisch. Das Manuskript, sie musste Tilia neugierig darauf machen. Entschlossen begann sie ihren Buchentwurf in einzelne Blätterhaufen zu unterteilen. Dann holte sie Umschläge, versah sie mit Tillas Göttinger Adresse und steckte in jedes Kuvert ein Teil der Geschichte um das sagenhafte Schwert Harcylugh, bis ein Stapel von Postsendungen vor ihr lag.D

Kapitel 2


Doch des Heldengeschlechts Enkel verhüllten Hermanns Namen,

bis ihn Klopstock’s mächtige Harfe sang der horchenden Ewigkeit.

Heil, Cheruskia, dir!

– Friedrich Leopold Graf zu Stolberg, Harzgedicht, 1772 –

Harcylugh – von H. Lleynwitch. Verwundert blickte Tilla auf die Papierbögen in ihrer Hand. Lleynwitch, die Hexen von Lleyn. Sie schüttelte lächelnd den Kopf. Ihre Familie war aus Wales nach Deutschland gekommen. Ihre Großmutter hatte noch den ursprünglichen Namen Lleynwitch geführt, bevor ihre Mutter Hedera ihren Familiennamen in Leinwig hatte ›eindeutschen‹ lassen.

Dies ist die Geschichte des sagenhaften Keltenschwertes Harcylugh. Es entstand in einer Zeit, in der Magie ein ebenso notwendiger wie geschätzter Teil des Lebens der Menschen war. Über die Magie waren die Menschen mit ihren Göttern verbunden. Magie begleitete den ewigen Kreislauf des Jahres und des Lebens. Geführt von der Großen Göttin bemühten sich Menschen, es ihr recht zu tun und die große Waage im Gleichgewicht zu halten. Harcylugh – geschmiedet durch den Druiden Thurizan und geweiht durch die Götter des Harces – vereinte sowohl dunkle als auch lichte Kräfte in sich. Ob es Gerechtigkeit oder Vernichtung brachte, entschied sich durch die Seele dessen, der es führte. Stark, sehr stark waren seine magischen Kräfte. Eines Tages geriet die große Waage in Bewegung.

Der Druide Thurizan, dem die Götter sehr zugetan, schuf das Artefakt des Kampfes, um den Untergang seines Volkes zu verhindern. Thurizans Stamm lebte am Tor zum harten Holze der Region Harcynia und gehörte zum alten, allerorts verschwindenden Volke der Celtae. Wie alle Menschen mied auch der Stamm von Thurizan die höher gelegenen Regionen des Harces. Natur und Wetter waren dort so launisch wie der frühe April.

Die Götter liebten den Harce. Brigidh, die Himmelsgöttin, zog treu ihre Bahnen. Taranos ließ gern sein Rad des Donners über die Kuppen der Berge grollen, auf dass es in den Tälern widerhallte und das Moos neben den Bächen erzittern ließ und Lugh, der Lichtbringer, fing gern Taranos’ Blitze. Auch Cernunnos, dessen Haupt ein Hirschgeweih ziert, spielte hier seine machtvolle Magie der Fruchtbarkeit üppigst aus, sodass Wege an dem Dickicht wüchsiger Bäume und Pflanzen scheiterten. Harte Eichen, richtende Linden für das Thing, Buchen, in deren Spaltenstäbe Runen geritzt waren, und der immergrüne Lebensbaum, jeder älter als alle Bewohner des Dorfes zusammen, priesen Cernunnos‘ Macht im hohen Harce. Nur dort, wo Alisannos Stein auf Stein häufte, musste sich Cernunnos geschlagen geben. Aber seine Schutzbefohlenen, die Hirsche, mehrten sich zu großer Zahl. Dem Herrn der Fruchtbarkeit zur Seite stand Crodo, der Herr der Elemente, welcher den Harce mit unzähligen Quellen und mineralischen Schätzen reich begüterte. Der hohe Harce war ein Spielplatz der Götter, mit deren Launen sich niemand maß. Am Tor zum Harce lag ein gefälliges Dorf mit einem festen Zaun aus starkem Astwerk, in dem gute Menschen lebten. In diesem Zaunland entstand das magische Schwert.

Tilla legte die Blätter beiseite und betrachtete nachdenklich den Packen brauner Umschläge, die ihr per Nachsendeauftrag von Göttingen gefolgt waren. So etwas war typisch für ihre Mutter. Harcylugh … was hatte sie denn da wieder für ein Märchen ausgegraben?

Unwillig legte sie die anderen, noch ungeöffneten Umschläge beiseite. Es war schon verrückt. Nun lebte sie schon seit so vielen Wochen in Braunschweig, ohne dass sie ihrer Mutter und ihrer Heimat, dem Harz, einen Besuch abgestattet hatte. Die Briefumschläge erinnerten sie schmerzlich an ihr Versäumnis. Paradoxerweise sank Tillas Mut, sich bei ihrer Mutter zu melden, mit jedem weiteren Tag, denn sie war überzeugt, dass ihre Mutter wütend auf sie sei. Eigentlich wusste Tilla, wie falsch das war. Eigentlich …

Ob es ihre Vaterlosigkeit war oder das Los des Andersseins durch ihren keltischen Glauben, Tilla erwartete immer irgendeine Katastrophe. Daher kostete sie das Hier und Jetzt stets in vollen Zügen aus. Das Nachdenken über Konsequenzen ging ihr zumeist ab. Ihre Mutter, im Gegensatz zu ihr der ruhige, besonnene, aber auch leicht verklärte Typ, hatte sie immer dafür gemaßregelt.

Hedera Leinwig hatte stets etwas, was sie gedanklich beschäftigte, sehr zum Ärger ihrer Tochter. Tilla hatte seit jeher das Gefühl gehabt, dass ihre Mutter nie ganz da war, wenn sie sich unterhielten. Außerdem hatte Hedera alles, was Tillas Vater betraf, aus ihrem Denken ausgeklammert. Dass ihre Mutter dafür Gründe gehabt haben könnte, hatte Tilla nie gelten lassen. Aus ihrer Sicht hatte Hedera ihr unendlich wichtige Informationen vorenthalten. Im Gegenzug hatte Tilla ihre Mutter dadurch bestraft, dass sie ihr keltisches Erbe ablehnte. Natürlich entsprach dies nicht ihrer wirklichen Überzeugung. Sie war eine Altgläubige und fühlte auch so.

Hedera war Tillas Tiraden immer mit Nachsicht begegnet. So etwas wie Zorn kannte ihre Mutter nicht. Im Grunde ihres Herzens wusste Tilla: Würde sie plötzlich vor der Haustür ihres Hauses auftauchen, ihre Mutter würde lächeln, sie hineinbitten und Tee kochen. Allerdings würde sie dies auch für jeden Staubsaugervertreter tun.

Abermals fühlte sie den Knoten des Ärgers in ihrem Bauch. »Verdammt!«, schimpfte sie laut auf sich selbst ein. »Ruf sie an!«, befahl sie sich und griff energiegeladen nach dem Handy, das sich just in diesem Augenblick mit einer kernigen Melodie meldete. Tilla sah kurz auf das Display, lächelte und nahm das Gespräch an: »Hi meine Süße. Wie geht’s dir?«

»Oh Tilla! Es wird immer krasser, echt nicht zum Aushalten. Papa hat mir meinen Computer weggenommen! Stell dir das vor!«, echauffierte sich das Mädchen am anderen Ende.

»Oh je, was hast du denn angestellt, Ninchen?«

»Ja, nix!«, empörte sich Nina.

»Na dann …«, meinte Tilla grinsend und wartete. Sie hörte die Zwölfjährige an ihrer Jacke nesteln.

»Na ja, ich hab da was in den Kühlschrank gelegt«, begann das Mädchen zögernd.

»Aha.« Tilla hörte, dass Nina unsicher den Reißverschluss ihrer Jacke hoch und runterzog. Vermutlich war sie auf dem Schulhof. Ein Blick auf die Uhr bestätigte ihr die Zeit der großen Pause. »Nun komm schon, was kann man denn in den Kühlschrank legen, was so einen Ärger heraufbeschwört, dass Achim dir den Computer wegnimmt?«

»Genaugenommen habe ich es nicht reingelegt, sondern im Kühlschrank freigelassen.«

Tillas Augen wurden groß. »Freigelassen? Was denn? Eine Maus? Nachbars Wellensittich? Oh, Nina!«

»Nee. Michi, du weißt schon, meine Freundin, sie hat ne Bartagame, die heißt Camilla.«

»Du hast eine Bartagame in den Kühlschrank gesetzt?«

»Nein, nicht Camilla … ihr Frühstück.«

Tilla runzelte die Stirn. »Und was fressen Bartagamen?«

»Och, Salat, Obst …«

»Nina!«, keifte Tilla ungeduldig.

»Und Schaben … große«, kam es kleinlaut aus dem Telefon.

»Oh nein!« Tilla schloss kurz die Augen. »Okay. Was ist passiert?«

»Mensch, ich wollte doch nur Papas Schnuckelchen ein bisschen ärgern. Aber ausgerechnet an diesem Abend trabt mein Papa selbst zum Kühlschrank. Er hatte sich grad eine Flasche Bier gegriffen … na ja, die landete dann in der Glastür vom Geschirrschrank hinter ihm und Paps schrie wie ’ne Scream Queen in einem Metzelfilm.«

Tilla musste kurz das Telefon herunternehmen, da ihr wegen des mühsam unterdrückten Lachreizes die Tränen übers Gesicht liefen. Ihr Ex, der wegen einer Schabe schrie und die nagelneue Designerküche verwüstete – herrlich! Sie atmete tief durch und antwortete in Gouvernantenton: »Oh, Nina, wirklich, ich fürchte, du hast dir damit keinen Gefallen getan.«

»Ach komm schon. Ich hab dich doch prusten gehört!«

Wieder ging Tillas Atem verräterisch stoßweise. »Ja schon«, gab sie betreten zu, »aber es hat doch keinen Zweck, dass du Achim so gegen dich aufbringst. Was hat denn Gerda gesagt?«

»Ach die, die bringt echt gar nix aus der Ruhe.«

»Und die arme Schabe?«

»Hat Papa ermordet!«

»Hast du was anderes erwartet?«

Das Telefon schwieg.

Tilla bohrte unbarmherzig nach. »Ninchen, du willst doch eine Hexe werden. Wie lautet der höchste Hexengrundsatz?«

»Schade niemandem«, repetierte Nina unbehaglich. »Aber Paps und Gerda hat es doch nicht geschadet, nur dem Geschirrschrank.«

»Und der Schabe? Hexen achten jedes Lebewesen.«

Nina seufzte vernehmlich. »Ach, Scheiße, ja, du hast ja recht.«

Tilla hörte die Schulglocke schrillen und meinte versöhnlich: »Die werden sich schon wieder beruhigen. Wirst sehen, in ein paar Tagen bekommst du deinen Computer wieder. Du brauchst ihn doch schließlich für die Schule.«

Nina stieß einen Seufzer aus. »Weißt du, das ist leider nicht alles. Als Papa dann meinen PC weggenommen hatte, kam er gestern Abend mit unseren E-Mails an.«

»Au Mist!«, entfuhr es Tilla.

Sie hörte Nina laufen. »Das war’s eigentlich, was ich dir sagen wollte. Nun bekommst du wahrscheinlich auch noch Ärger, Tilla. Das wollte ich nicht, echt nicht«, jammerte das Mädchen.

»Mach dir keinen Kopf! Das kriegen wir schon hin«, antwortete Tilla, überzeugt, dass dem nicht so war.

»Muss Schluss machen. Ciao!«

Tilla fluchte in sich hinein und ließ das Handy sinken.

Die E-Mails. Ausgerechnet. Dass Tilla weiterhin Kontakt zu seiner Tochter hatte, würde Achim keinesfalls hinnehmen. Ein Dr. Achim von Steinfels würde niemals verstehen, dass sie seine Tochter Nina einfach nur ins Herz geschlossen hatte. Für ihn war das Ganze irgendeine perfide Taktik, die einzig dem Zweck diente, ihm zu schaden. In seinen Augen war Tilla die ungeliebte, nicht vorzeigbare weil zu quirlige Ex, die nun auch noch nach Braunschweig gezogen war, obwohl er den Sargnagel seiner Karriere eigentlich in Göttingen wähnte. Sie war eine wandelnde Katastrophe und der Inhalt der E-Mails ein Sakrileg schlechthin. Sie ahnte, dass sie monumentalen Ärger zu erwarten hatte.

Tilla vereinte alle Eigenschaften in sich, die Achim von Steinfels hasste. Sie war sprunghaft, launisch, hektisch, unüberlegt und wegen ihres Glaubens alles andere als prüde. Als sie Achim eines Tages zwischen Frühstücksbrötchen und Müslijoghurt aufklärte, dass sie einem vorchristlichen Glauben anhing, hatte der sie angestarrt, als hätte sie gerade seinen Morgenespresso in Erdöl verwandelt. Eine Wicca, Pagan, heidnisch – so etwas kam für Achim von Steinfels der Aussätzigkeit gleich. Der Jurist hatte sie prompt entsorgt.

Dabei hatte Tilla ihm ihren Glauben bis zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich verschwiegen, sie hatte nur einfach nie darüber gesprochen. Tillas Offenbarung musste Achim geradewegs in die nächste Partnervermittlungsagentur gejagt haben. Knapp zwei Wochen später hatte sie ihre spärliche Habe in einem kleinen WG-Zimmer verteilen müssen, und in das damals im Bau befindliche Haus in Braunschweig war statt ihrer die ordentliche Lehrerin Gerda mit der artigen Bobfrisur eingezogen.

Zwar hatte Tilla nicht übermäßig unter dem Verlust von Achim gelitten, dafür hatte sie ihn einfach zu oft betrogen. Doch die Annehmlichkeiten, die eine Ehe mit einem angesehenen Juristen mit sich gebracht hätte, wären schon nicht schlecht gewesen – zumal sie auf ihrem eigenen, nicht gerade linear verlaufenden Berufsweg nicht recht weiterkam.

Sie hätte es ja noch verstanden, wenn er sie wegen ihres Fehltritts mit seinem Kollegen Peter rausgeschmissen hätte, wenn er den denn überhaupt mitbekommen hatte. Ihre Zeit mit Peter Ehlers, der wie sie aus Bad Harzburg stammte, war überaus vergnüglich gewesen. Resolut vertrieb sie die Erinnerung an den stets ruhigen Juristen mit den sanften braunen Augen. Nein, davon hatte Achim sicher nichts gewusst. Es durfte auch niemand erfahren. Peter hatte eine wundervolle Frau und zwei Kinder.

Sie musste sich besser in den Griff bekommen, was Männer anging! Sie war mittlerweile in einem Alter angekommen, in dem man Beziehungen gefährdete, wenn man so ungehemmt seinem Vergnügen nachging wie sie.

Tilla liebte kurze und unkomplizierte Affären. Der einzige Grund dafür, dass sie es ausgerechnet bei dem verknöcherten Achim mit einer längeren Beziehung versucht hatte, war Nina gewesen. Tilla mochte die clevere Zwölfjährige wirklich sehr und litt unter dem Kontaktverbot. Sie brachte es nicht übers Herz, Nina abzuwimmeln, die sie nach wie vor anrief, so oft es ging. Tilla hatte sich damals mit vollem Elan in die plötzliche Mutterrolle gestürzt, so wie sie fast alles mit ungeheurem Elan tat. Achim war dies gerade recht gewesen. Eine junge und somit formbare Frau, angehende Historikerin, die ihm die Tochter abnahm, die drei Jahre zuvor durch einen Autounfall mutterlos wurde, war ihm schon recht. Die Aufgaben eines alleinerziehenden Vaters waren schließlich nicht recht kompatibel mit dem prall gefüllten Terminkalender eines Achim von Steinfels. Obwohl Achim seine ›Hexe‹ abserviert hatte, war Tilla heimlich die Vertraute des Mädchens geblieben. Bis jetzt.

Was würde er tun? Ausgerechnet die E-Mails. Das aufgeweckte Mädchen hatte sich immer brennend für Tillas Glauben interessiert. Kleine Häppchen davon waren auch in diesen Mails zu finden. Dabei wusste Tilla sehr wohl, wie falsch das war. Ihr Glaube war nicht für jeden das Richtige und für Nina, eine Zwölfjährige, der permanent die Bezugspersonen im Leben wegbrachen, schon gar nicht.

Altgläubige missionieren nicht!, hörte sie ihre Mutter im Geiste mahnen und ließ den Kopf hängen. Was sollte sie tun? Konnte sie etwas tun? Was würde er tun? Das Handy! Würde er Nina auch das Handy wegnehmen? Was, wenn das heutige Gespräch das letzte zwischen ihnen gewesen war? Erstaunt stellte sie fest, wie weh es ihr tun würde, wenn sie den Kontakt zu Nina verlöre. Und noch erstaunter war sie über das dringende Bedürfnis, mit ihrer Mutter darüber zu sprechen. Versonnen blickte sie ihr Handy an. Dann stellte sie es entschlossen aus und legte es weg. Auf eine telefonische Predigt von Achim, der sich garantiert in nächster Zeit melden würde, konnte sie gut verzichten.

Widerstrebend nahm sie einen weiteren Umschlag in die Hand.

Kapitel 3


Druiden sind für die Kulthandlungen zuständig. Auch fällen sie über Streitigkeiten das Urteil. Ob eine Untat begangen, wenn es über die Erbschaft oder über die Grenzen einen Streit gibt, entscheiden dieselben. Entschädigungen und Strafen setzen sie fest.

– Caesar BG VI 13 –

Tilla tappte auf leisen Sohlen über den Flur, es war schon weit nach Mitternacht. Dennoch riss sie ungeduldig den Umschlag auf, ließ sich mit den Seiten ins Bett fallen und begann zu lesen.

Thurizan wusste, dass sich die Welt um das kleine Paradies, in dem sie lebten, veränderte, und er trug schwer an Sorge, denn die Veränderungen bedrohten die Seinen. So schritt er eines Tages in die Berge hinauf, um mit den Göttern Zwiesprache zu halten. Viele Tage wanderte er und suchte nach einem Götterzeichen. Fast war er am Fuße der höchsten Erhebung angelangt. Die Schritte fielen ihm, betagt wie er war, nun leichter, denn es wurde eben. Lang war es her, als er an dieser Stelle gewesen. Endlich zeigte sich Cernunnos in Form eines Hirsches. Sein Geweih war stark und weit verzweigt, sein Rücken strahlte silbern. Lange schaute das Tier dem Druiden in die Augen, bevor er sich abwandte. Thurizan folgte dem majestätischen Tier durch Hochwald und Dickicht, welches sich plötzlich lichtete. Doch als Thurizan das lichte Plateau erreichte, war der Hirsch verschwunden. Thurizan stand vor einem Abgrund, der ihm einen weiten Blick über das Land der Götter erlaubte. Ein Wolkenhauch waberte vor ihm über das zerklüftete Gestein. Thurizan erkannte den Fingerzeig der Himmelsgöttin und näherte sich der Stelle. Der Boden bestand aus Alisannos’ grauem Gestein, überzogen mit Cerunnos’ gelben Flechten. Hierauf lag ein runder Stein von der Farbe herbstlicher Sonne. Ehrfürchtig nahm Thurizan das eigroße Kleinod in die Hand. Er wusste, solche Edelsteine entstammten dem Saft des Lebensbaumes, jenes immergrünen Baumes, der sie mit seinen wohl duftenden Nadeln im Winter tröstlich daran erinnerte, dass das Leben nur schlief und wiederkehren würde. Besonders zur Wintersonnenwende verehrte das Volk von Thurizan diesen Baum. Sie huldigten durch ihn den Göttern, die sie um die Wiederkehr des Lichtes und des Lebens um sie herum baten. Der große Stein in seiner Hand war viele tausend Fruchtzeiten alt. Warm und rund lag er in der Hand des Druiden und vermochte ihn augenblicklich mit Zuversicht zu erfüllen. Thurizan hob den Stein gegen Belenos’ Sonne, welche gerade in diesem Moment über eine Bergkuppe vor ihm lugte und ihm ihre warmen Strahlen sandte. Ein dunkles Ästchen mit zwei aufsteigenden Streben war in dem Stein zu sehen, die Rune Fehuz, Symbol des Feuers. Die Götter hatten ihm in diesem Stein ein wichtiges Zeichen hinterlassen. Thurizans Blick wanderte demütig und dankbar zu Boden. Dort, wo sich zuvor Cerunnos’ Flechten und Alisannos’ Gestein ein stummes Gefecht geliefert hatten, offenbarte sich dem Druiden nun ein erzdurchsetzter Felsbrocken mit roten Schlieren darin. Sein Blick kehrte zurück zu der Feuerrune. Feuer war das einzige Element, welches Erz zu läutern vermochte. Nun verstand Thurizan endlich, was die Götter von ihm erwarteten.

Lächelnd drehte sich Tilla in ihren Kissen um und knipste das Licht aus. Sofort tauchte das Bild bewaldeter Bergkuppen vor ihrem inneren Auge auf und begleitete sie sachte in einen wohligen Traum.

Kapitel 4


Ne sexum in imperiis discernunt. Beim Oberbefehl machen die Celtae keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern.

– Tacitus Agricola 16 –

Ihr kleiner alter Geländewagen, dessen Gaspedal Tilla so ungnädig niedertrat, gab beunruhigende Geräusche von sich. Nicht einmal die großen weißen Ranken, die sie kurzerhand über die Rostschäden gepinselt hatte, konnten über den erbärmlichen Zustand ihres Gefährts hinwegtäuschen.

Tilla ließ die Ebene des südlichen Salzgitters rechts liegen. Noch ein paar Kilometer weiter und sie würde den Brocken bereits in der Ferne sehen können. Ihr Blick heftete sich geradezu zwanghaft auf den Horizont. Endlich. Die Harzberge tauchten auf. Schlagartig verflüchtigten sich alle schlechten Gefühle in Tillas Innerem. Fast konturengleich mit den Berggipfeln schmiegten sich schwere graue Wolken an die sanft gerundete Gipfellinie von Brocken, Achtermann und Rammelsberg. Die zweiten Wolkengipfel, die sich wie weitere Berge ausnahmen, machten den Harz an diesem Tage zu einem gewaltigen Massiv. Tilla wusste, dass der Mantel, den der Harz an diesem Tag trug, dem Oberharz schlechtes Wetter, Regen und dichten Nebel brachte, während um sie herum auf der Autobahn 395 noch die Sonne schien. Sie wunderte sich wieder einmal, wie sehr sie sich über den Anblick der Harzkuppen freute, die einst das von den Römern so gefürchtete Waldgebiet Hercynia eröffneten.

Sie hatte ihre Mutter am Morgen mehrfach vergeblich anzurufen versucht, somit wusste Hedera gar nicht, dass sie kam. Doch Tilla war nicht der Mensch, der von einem spontanen Entschluss abließ. Sie redete sich damit froh, dass Hedera vielleicht zu einem ihrer häufigen Spaziergänge aufgebrochen war, bei denen sie Kräuter für ihre Naturmedizin sammelte. Tilla betrachtete die letzten gelben Blätter, die vereinsamt umherwehten, und murmelte kopfschüttelnd: »Blödsinn! Kräuter am ersten November. Verdammt, Mutsch, wo bist du?«

Merkwürdig. Es war die Nacht nach Samhain, dem höchsten Feiertag der Altgläubigen. Wieso war ihre Mutter nicht zu Hause? War sie vielleicht bei anderen Altgläubigen eingeladen gewesen? Für sie und die Ihren begann mit Samhain das neue Jahr. Grund genug für Tilla, die spannungsgeladene Beziehung zu ihrer Mutter auf eine neue, gesundere Basis zu stellen. Tatsächlich hatte ihr das Verhältnis zu Nina gezeigt, wie zerbrechlich so eine Beziehung zu Kindern sein konnte und wie vorsichtig man als Erwachsener mit einem jungen, unsteten, weil suchenden Geist umgehen musste. Plötzlich gab so viel, was sie ihrer Mutter erzählen wollte. Es gab auch vieles, was sie ihre Mutter fragen wollte.

Hedera hatte sie allein aufgezogen. Tilla gab in Gedanken zu, dass Hedera ihre Sache nicht besser hätte machen können. Ihr hatte es an nichts gefehlt. Dennoch hatte Tilla sich oft gewünscht, mehr über ihren Vater zu erfahren oder Verwandte ihres Vaters zu treffen, vielleicht eine zweite Großmutter, Tanten oder Cousins. Das Bild von Großmutter Leandra tauchte vor ihrem inneren Auge auf und ließ sie kurz lächeln. Nein. Dieses Mal würde sie sich nicht mit einer romantisch verklärten Antwort bezüglich ihres Vaters zufriedengeben. Sie wollte seinen Namen, damit sie Nachforschungen anstellen konnte.

Der Brocken wurde immer größer und damit auch Tillas Angst vor den Fragen, die ihre Mutter stellen würde. Ihre Kampfeslust vom Moment zuvor fiel kläglich in sich zusammen. Sie wusste, schon die lapidare Frage, was sie so trieb, würde sie zu hektischer Beredsamkeit veranlassen, die ihre Mutter sofort durchschauen würde. Hedera würde traurig den Blick senken und nicht weiter nachhaken. Tilla hatte diesen Blick auch vor sich gesehen, als sie ihrer Mutter am Telefon mit vielen, zumeist unnötigen Worten erklärt hatte, warum sie das Studium aufgegeben hatte.

Mit schmerzlicher Klarheit dachte Tilla darüber nach, was sie trieb. Nichts. Nichts, auf das man irgendwie stolz sein könnte. Sie war eine Versagerin. Erst hatte sie Psychologie studiert und dann zur Historie gewechselt. Beide Fächer war sie zu Anfang mit großem Engagement angegangen. Doch dann hatte sie begonnen, abends in der Studentenkneipe Blue Note zu kellnern. Irgendwann hatte sie nur noch gekellnert. An Mabonadh, Mitte September, hatte sie eingesehen, dass es so nicht mehr weitergehen konnte. Ihre Kommilitonen waren alle längst zu neuen Ufern aufgebrochen. Tilla hatte einen Entschluss gefasst und einen Tag nach Mabonadh, der Tag-und-Nacht-Gleichen des Herbstes, ihre Sachen gepackt und Göttingen den Rücken gekehrt, um nach Braunschweig zu ziehen. Der Nachteil war, Achim lebte in Braunschweig. Der Vorteil war, Nina lebte in Braunschweig.

Wieder wurden ihr die Augen feucht, als sie daran dachte, wie sehr sich Nina über diese Neuigkeit gefreut hatte. Seither hatten sie sich mehrfach heimlich getroffen. Tilla hatte ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft in Lehndorf bezogen und kellnerte in einer kleinen Kneipe im Magniviertel. Es war in Ordnung. Aber aus Sicht ihrer Mutter war es sicher ein kleines Leben – ein sehr kleines.

Der Motor ihres Wagens erstarb mit einem würgenden Gurgeln. Vor ihr erhob sich ein kleines Siedlungshaus. Zwischen dem Haus und einem etwas zurückliegenden Schuppen links daneben war ein großer Garten zu sehen, dessen Üppigkeit sogar zu dieser Jahreszeit erkennbar blieb. Efeu hielt das Häuschen etwa zur Hälfte mit seinen langen grünen Fingern umfasst und gab ihm etwas Verwunschenes. Der Anblick des Hauses, in dem sie aufgewachsen war, hatte Tilla stets mit Wärme an einstige Geborgenheit erinnert. Doch heute schien ihr das Gebäude irgendwie kalt und abweisend. Langsam stieg Tilla aus ihrem Wagen. Es war seltsam, dass so gar nichts darauf hindeutete, dass ihre Mutter zu Hause war. Der bewaldete Hang hinter dem Haus nahm den Räumen bereits am frühen Nachmittag das Licht. Eigentlich hätte das Küchenfenster beleuchtet sein müssen.

Als Tilla das niedrige Gartentor öffnete, kam ihr Paris mit lautem, sich beschwerendem Miauen aus Richtung des Schuppens entgegen. Tilla bückte sich und kraulte die Katze hinter den Ohren, doch das Tier genoss diese Zuwendung nur kurz. Behände hüpfte Paris die Treppenstufen zur Haustür hinauf. Neben einem riesigen ausgehöhlten Kürbis, in dem eine Kerze flackernd ihr letztes Licht abgab, drehte die Katze einen gezierten Kreis. Auffordernd blickte sie Tilla an. Tilla kramte ihren Schlüssel hervor und schloss auf.

»Mutsch?«, rief Tilla, während sie durch den Flur ging. Paris lief durch den Flur voraus, blieb dann jedoch unschlüssig stehen. Mit einem langgezogenen tiefen Laut zeigte die Katze, dass etwas nicht stimmte. Eine Geruchsmischung aus unangenehm scharfem Kräutersud, abgestandener Luft und einem deplaziert wirkenden Hauch von Parfum zog Tilla entgegen. Sie schnupperte dem fremden Aroma hinterher, das sich durch die ins Haus strömende Frischluft verflüchtigte. Ein Aftershave?

»Mutsch? Bist du da? Ich bin’s!« Tilla zog ihre Jacke aus und hängte sie an die Garderobe im Flur. »Mutsch?«

Tillas Stimme wurde immer dünner. Zögerlich ging sie um die Ecke und spähte in die Küche. Ihre Mutter saß unbeweglich im fast dunklen Raum in der Ecke der Küchenbank. Die Hände im Schoß, der Kopf war auf die Brust gesunken. Als Tilla den Lichtschalter umlegte, traf es sie wie ein Schlag.

Kapitel 5


Das Volk der Celtae ist hochgewachsen, rotblond und hellhäutig,weil die bräunende Sonne ihren Weg über Alpen und Pyrenäen nicht recht findet.

– Ammianus Marcellinus XV 12,1 –

Während die Küche von der ungewohnten Betriebsamkeit umhereilender Polizisten erfüllt war, hockte Tilla im Flur auf dem Boden. Sie hatte sich das Tuch aus dem langen roten Haar gezogen, das ihr Gesicht nun wie ein Vorhang verdeckte. Paris hatte sich in ihrem Schoß verkrochen.

Die uniformierten Polizisten hatten mehrfach versucht, Tilla ins angrenzende Wohnzimmer zu nötigen, doch sie hatte sich geweigert. Dort waren die Sachen ihrer Mutter, ihr Geruch und ihre Gegenwart. Noch fehlte ihr der Mut, sich dem zu stellen. Sie hatte ihre Mutter im Stich gelassen und fühlte sich zugleich von ihr im Stich gelassen. Ihre Mutter war tot.

»Frau Leinewig …«

»Leinwig«, verbesserte Tilla müde.

»Entschuldigung. Ich bin Andreas Kamenz, Kommissar Kamenz. Darf ich Ihnen ein paar Fragen stellen?«

Tilla sah zu ihm auf. Er war kaum älter als sie. Sie stand mühsam auf und sah ihn an.

»Hatte Ihre Mutter Probleme?«

»Probleme?«, fragte Tilla irritiert.

»Nun, Probleme, die zu ihrem Entschluss geführt haben können.«

»Entschluss?«, brüllte sie den überraschten Polizisten an. »Was für einen Entschluss bitteschön?« Paris sprang von ihrem Arm.

Bevor der junge Kommissar ihr antworten konnte, trat ein älterer Mann mit einem Alukoffer von der Küche in den Flur. Er betrachtete Tilla sorgenvoll, nahm seine Brille ab und steckte sie in die Brusttasche seines Jacketts.

»Mein aufrichtiges Beileid zu Ihrem Verlust, Frau Leinwig. Ich habe ihre Mutter und ihre Arbeit immer sehr geschätzt.« Dann wandte er sich an den Polizeibeamten. »Es sieht tatsächlich alles nach einer Vergiftung aus. Die Symptome passen zu Aconitin. Sicherheit kann aber nur eine Obduktion geben, die ich in diesem Fall empfehlen würde.«

Andreas Kamenz nickte. »Das werde ich veranlassen. Ich danke Ihnen für Ihr schnelles Kommen, Herr Doktor Rosenberg.«

Der Graugekleidete nickte Tilla noch einmal zu und verließ dann das Haus. Tilla starrte ihm fassungslos nach, während das Wort Obduktion in ihrem Kopf nachhallte.

»Frau Leinwig, auf dem Küchentisch steht ein Gebräu mit einem wirklich ekligen Geruch. Sagen Sie, was ist Aconitum Napellus?«, fragte Kamenz in ruhigem Ton.

Tillas Zorn fiel in sich zusammen. Verwirrt antwortete sie: »Das ist Eisenhut. Wieso?«

»Unsere Leute haben das Kraut im Tee mit dem verglichen, was Ihre Mutter an Kräutern hortete. Es ergab sich eine Ähnlichkeit mit dem Inhalt einer Schublade, auf der Aconitum Napellus stand. Die Lade war herausgezogen und stand auf der Arbeitsplatte vor dem Fenster.« Vorsichtig fügte er hinzu: »Das war es, was ich mit dem Entschluss Ihrer Mutter meinte.«

Tilla starrte den jungen Mann verstört an. Selbstmord? »Hören Sie, das ist völlig unmöglich! Meine Mutter würde niemals …«, begann Tilla fahrig, um dann jedoch verwirrt abzubrechen. Es war ihr einfach nicht möglich, das Unaussprechliche auszusprechen.

»So etwas ist immer besonders schmerzhaft für die Hinterbliebenen«, bemerkte Kamenz leise.

Tilla hätte ihm am liebsten in das vor Mitgefühl triefende Gesicht geschlagen, doch ihre Hand mit den klappernden Armreifen hob sich lediglich, um wirr durchs Haar zu fahren.

»Sie verstehen nicht … meine Mutter ist eine … wir sind … wir haben eine besondere Religion. Selbstmord … stört das Gleichgewicht«, haspelte Tilla, sah aber, dass er nichts davon verstand. Wie sollte er auch. Verzweifelt wedelte sie mit den Armen herum. »Meine Mutter würde sich doch nicht … umbringen. Sie war eine anerkannte Heilpraktikerin. Sie war beliebt. Ich wüsste wirklich nicht, was sie zu einem Selbstmord treiben sollte!«

»War sie vielleicht krank?«

»Krank?«, wiederholte Tilla dümmlich. »Äh, nein. Nicht, dass ich wüsste.«

»Würden Sie es denn wissen?«

Tilla erstarrte.

»Sehen Sie, manchmal verheimlichen die Menschen so etwas. Die Nachbarn sagten, Hedera Leinwig habe allein gewohnt. Sie wohnen also nicht hier? Wann waren Sie zuletzt hier?«

Tilla blickte den jungen Polizisten an. Seiner Frage haftete nichts Vorwurfsvolles an und doch war es ein Vorwurf. Einer, den sich Tilla selbst machte. »Ich … es ist schon etwas her. Ich habe bis vor kurzem in Göttingen gewohnt, wegen meines Studiums. Dann kam der Umzug, da habe ich sie nicht so häufig gesehen.«

Kamenz machte ein zustimmendes Geräusch und zog ein Notizbuch aus seiner Tasche. »Umzug? Und wo wohnen Sie jetzt?«

»In Braunschweig, also in Lehndorf.« Tilla nannte ihm ihre Wohnanschrift.

Während er schrieb, fragte er: »Dieses Aconitum Napellus, Eisenhut, es ist ziemlich giftig, oder?«

Tilla schlang die Arme um den Körper und sagte abweisend »Ja.« Sie wollte nicht mehr reden. Sie wollte hier weg, allein sein.

»Sie konnten mir sofort den deutschen Namen für das Kraut nennen. Verstehen Sie auch etwas von all diesen …« Sein Stift machte eine kreisende Bewegung in Richtung des Zimmers, in dem Hederas Apotheke untergebracht war. »… von all diesen Giftkräutern?«

Sein dunkles Haar war kurz geschnitten und nach hinten gekämmt. Ein paar Strähnen hatten sich dennoch aus der Gelstarre gelöst und standen rebellisch nach vorn. Seine blauen Augen, die zu Beginn des Gespräches noch etwas müde gewirkt hatten, schienen nun wacher und eine Nuance schmaler geworden zu sein.

Tilla begann ihre Antwort abzuwägen. »Nein, ich verstehe nicht viel davon. Pflanzenkunde ist natürlich etwas, mit dem ich aufgewachsen bin, es ist der Beruf meiner Mutter. Sie ist … sie war eine Naturheilkundige. Aber ich hatte nie viel damit zu tun.«

Kamenz Blick ruhte eine Weile auf ihr. »Kann sie sich mit der Dosierung irgendwie vertan haben?«

Tilla antwortete ungehalten: »Man kann sich nicht mit einer Dosierung vertun, Eisenhut ist einfach nur verdammt giftig.«

»Wenn das Zeug so giftig ist, wozu hatte Ihre Mutter dann so etwas?«

Tilla versuchte sich zu erinnern, wozu man Eisenhut einsetzte. »Ich glaube, meine Mutter machte Salbe daraus. Gegen starke Schmerzen.«

»Aha. Ein Tee aus Eisenhut war also eher ungewöhnlich?«

Tilla war verwirrter als je zuvor in ihrem Leben. Nach einiger Zeit antwortete sie mit dünner Stimme: »Ein Tee aus Eisenhut ist absolut tödlich.«

Kapitel 6


Mädchenreden vertraue kein Mann, noch der Weiber Worte.

Auf geschwungnem Rad geschaffen ward ihr Herz, trug in der Brust verborgen.

– Edda, Hávamál, des hohen Lieds 83 –

Er konnte es nicht fassen. Auch wenn sie dreißig Jahre älter geworden war, so hatte sie doch nichts von ihrem Reiz eingebüßt. Ganz im Gegenteil – das Leben, das man ihr durchaus ansah, hatte ihre besondere Ausstrahlung noch um einiges vergrößert. Sie gehörte zu den Menschen, denen die Zeit einfach nichts anhaben konnte. Wieso wunderte er sich darüber? Sie war schließlich eine Hexe. Sagte man Hexen nicht nach, dass sie Raum und Zeit beherrschten? Ein Lächeln stahl sich in seine Züge, was selten passierte. Die ungewohnte Gefühlsregung erstarrte und verflog. Sie war tot. An dem Gift gestorben, das auch ihn um ein Haar nach Walhall gebracht hatte.

Wieder einmal war er dem Tod nahe gekommen, sehr nahe. Er war sicher, beim nächsten Mal würde der Tod gewinnen. Was sie anging, war er wirklich keinen Deut klüger geworden. Ihr gastfreundliches Gehabe, wie hätte er sich gewünscht, dass es ehrlich gewesen wäre. Doch noch als sie ihm zu verstehen gab, dass sie genau wusste, was er suchte, war ihm der Gedanke an so einen perfiden Angriff gar nicht gekommen. Er hatte noch darauf geachtet, dass sie zuerst von dem Tee trank. Dann hatte auch er ein paar beherzte Schlucke genommen und sich über den bitteren Geschmack hinter der Süße gewundert. Es brauchte einige Minuten, bis er ihren Plan erkannt hatte, und da war es schon fast zu spät gewesen. Sein Mund hatte gebrannt, sein Körper gekribbelt und der kalte Schweiß war ihm ausgebrochen. Sofort war er aus der Küche geeilt und hatte sich übergeben. Wie hatte sie die schmerzhaften Auswirkungen des Giftes nur unterdrücken können? Gegen seinen Willen stieg Hochachtung in ihm auf.

Erst nach einer Ewigkeit hatte er sich wieder genügend unter Kontrolle gehabt, um das Telefon bedienen zu können. Seine Leute, die er herbeordert und die das Haus gründlich durchsucht hatten, konnten nichts finden. Rein gar nichts.

Immer wieder dachte er über die Möglichkeit nach, dass sie die Suche vielleicht doch aufgegeben hatte. Aber hätte er dann nicht wenigstens die Aufzeichnung über das Artefakt finden müssen? Nein. Der einzige Grund dafür, dass er gar nichts fand, war der, dass er nichts finden sollte. Ihr Versteck war genial, da war er ganz sicher. Sie hatte ihn überlistet. Das völlige Ausbleiben von Ärger erstaunte ihn. Ihr Venuszauber hatte ihn wohl noch immer im Griff, über ihren Tod hinaus. Nicht dass er je der Typ gewesen wäre, der an so etwas wie Zauberei glaubte. Obwohl … sie hatte ihr Leben für dieses Artefakt gegeben. Ein Artefakt, von dem man annahm, dass es rund zweitausend Jahre alt war. Und wenn ihm wirklich eine so starke Magie innewohnte, wie die Sage behauptete? Er hielt nicht viel von alten Sagen, doch nun erfüllte ihn plötzlich ein geradezu bohrendes Verlangen nach dem Artefakt.

Er stieß die befremdlichen Gefühle mit einem ärgerlichen Schnaufer aus. Ob magisch oder nicht, wenn er das Kleinod fand, stand ihm in der Organisation jeder Weg offen. Kaum jemand wusste, wie dicht Hedera davor gestanden hatte, den Kreis der Geschichte zu schließen. Nur er. Er … und sein Bruder. Das kurze Hochgefühl zerstob. Seit jenem verhängnisvollen Abend vor dreißig Jahren hatte er nichts mehr von Gerfried gehört. Seit dem Abend, an dem man ihn fast getötet hatte.

Es gab viele Dinge in seinem Leben, für die er den Tod verdient hätte. Er war ein kompromissloser Killer. Einzig damals hatte er nichts weiter getan, als sich in eine Hexe zu verlieben. Und er war sicher, dass sie seine Gefühle erwidert hatte. Heute mehr als damals. Ihm war nicht entgangen, wie die Härte in den tannengrünen Augen immer wieder aufbrach und ein Sog von Sanftmut ihn einhüllte. Doch dann hatte sie ihm und sich das Gift eingeschüttet. Er war sicher, die Erklärung dafür war dreißig Jahre alt. Was nur war damals geschehen? Seit damals hatte er sich der Frage verweigert, warum man ihn durch den Wald gehetzt hatte. Hederas Verrat, den er bis heute nicht verstand und den er damals nicht im Mindesten erwartet hatte, war der Grund für diese Weigerung. Ihr Brief, der ihn seinerzeit den Häschern auslieferte, hatte ihn fast das Leben gekostet. Vor einer Woche hatte sie ihn mit einem Tee erneut an die Schwelle des Todes geführt.

Langsam drehte er sich auf seinem teuren Schreibtischstuhl um und blickte durch das Fenster aus kugelsicherem Glas über die verschiedenen Rottöne der Dächer Ilsenburgs. Unten vor dem Haus strebte die stets zornige Ilse durch den kahlen Novemberwald zu Tal.

Es waren einfache Dorfburschen, die in jener Nacht zu Killern wurden. Sein Glück, dass sie es versäumten, ihm die Beine zu brechen. So hatte er sich doch noch bis zur Harzhochstraße schleppen können, wo ihn der Alte aufgelesen hatte. Der nahende Tod hatte ihn nicht halb so verstört wie das Jahr danach, das von Schmerzen und Hilflosigkeit erfüllt gewesen war. Das Sehfeld seines rechten Auges war seither eingeschränkt, und eine von Zeit zu Zeit aufsteigende Taubheit im rechten Arm erinnerte ihn daran, dass man ihm damals den Schädel eingeschlagen hatte. Er hatte die Zeit der Schwäche überwunden. Das Schwert, Gabe seines Vaters und Zeichen seines Ordens, war ihm auf diesem Weg hilfreicher gewesen als jeder Arzt. Seine Ordensbrüder hatten es ihm gebracht, nachdem sie seine und Gerfrieds Studentenwohnung nach diesem verhängnisvollen Abend von allen Zeichen des Ordens befreit hatten. Mit diesem Schwert hatte er seinen Körper so unnachgiebig trainiert, dass es noch heute niemand in seinem Umfeld mit ihm aufnehmen konnte, was ihn mit leisem Stolz erfüllte. Immerhin war er doppelt so alt wie die, die unter seinem Befehl standen. Seine Fähigkeiten sicherten ihm ein solides Salär und der Organisation führte sein Können hervorragend ausgebildete, junge Kämpfer zu. Er unterhielt mittlerweile zahlreiche Kampfsportschulen in ganz Deutschland. Die Organisation war sehr zufrieden mit ihm. Was würden sie erst sagen, wenn er das Artefakt fände?

Sein Blick wurde starr. Hedera war tot. Sie konnte ihm nicht mehr sagen, wo es war. Und doch wusste er, sie hatte es. Um in ihre Denkmuster hinein zu finden, musste er sich den Geschehnissen von vor dreißig Jahren stellen.

Kapitel 7


Die Tapferkeit der Kelten erklärt sich durch ihren ausgeprägten Unsterblichkeitsglauben und den Glauben an die Seelenwanderung.

– Caesar, de Bello Gallico, VI 14 –

Lieber hätte Tilla die Asche ihrer Mutter zu einem heiligen Ort der Kraft irgendwo in der Nähe gebracht, am liebsten zum Elfenstein. Sie wusste, ihre Mutter hatte den Elfenstein geliebt, aber der Friedwald im Südharz war eine wirklich schöne Alternative. So folgte Tilla der Bundesstraße nach Bad Sachsa in gedrückter Stimmung. Sie fühlte sich unendlich allein.

Es hatte sie gleichzeitig verstört und mit Ärger erfüllt, als sie einige Tage zuvor erfuhr, dass ihre Mutter ihre eigene Beerdigung bis hin zur Auswahl des Baumes, an dessen Wurzeln ihre Asche beigesetzt werden sollte, selbst vororganisiert und bezahlt hatte. Astrid Volkers, mit der ihre Mutter zusammen aufgewachsen war, hatte sie über diesen Umstand informiert. Seither fragte sich Tilla unaufhörlich, ob ihre Mutter ihren Tod geahnt oder womöglich doch geplant hatte?

»Nein!«, schrie Tilla trotzig auf und schlug auf ihr Lenkrad. Der Fahrer eines silbergrauen Wagens überholte sie mit röhrendem Motor und bedachte Tilla mit aggressiven Gesten. Vermutlich klebte der arme Mann seit Braunlage hilflos hinter ihrem Auto, das Tilla unter der Last wild strudelnder Gedanken viel zu langsam über den Harz steuerte.

Endlich erreichte sie ihr Ziel und bog auf den bereits erstaunlich vollen Waldparkplatz ab. Widerstrebend stieg Tilla aus und schritt langsam auf Astrid zu, die sich mit einer Frau in Förstergrün unterhielt.

»Tilla-Liebes, schön, dass du schon da bist.«

Herzlich nahm die Ältere Tilla in den Arm, die sich sofort an der Freundin ihrer Mutter festklammerte.

»Oh Astrid, ich komme mir so nutzlos vor … auch ein bisschen ausgeschlossen. Ich wusste gar nichts von all dem hier.«

Tilla versuchte den Vorwurf ihres letzten Satzes mit einem Lächeln zu übertünchen. Astrid strich ihr über die Wange. Tilla wandte sich ab und sah sich verloren um. Für sie war nicht nur die Menge der Besucher erstaunlich, die auf Hederas Beisetzung warteten, es wunderte sie zudem, dass sie so wenige kannte.

»Mach dir darüber keine Gedanken, Tilla. Deine Mutter und ich hatten schon öfter über dieses Thema gesprochen. Wir haben uns gemeinsam eine wunderschöne dicke Buche in der Nähe eines Teiches ausgesucht. Es wird dir gefallen.«

Tilla sah Astrid fassungslos an. »Ihr ward zusammen hier?«

»Aber ja. Es wird auch mein Baum werden«, sagte Astrid mit einem fröhlichen Lächeln, als spräche sie über ihren nächsten Urlaub und nicht über ihre Beerdigung. Verwirrt tappte Tilla hinter Astrid und der Försterin her, die sie zuvor mit einem freundlichen Nicken und einem leisen Beileidsbekunden begrüßt hatte.

Das Grüppchen, das nun gemächlich durch den Hochwald östlich der kleinen Harzstadt Bad Sachsa schritt, sah so gar nicht wie eine Trauergemeinde aus. Wetterfeste, dem grauen Himmel angepasste praktische Kleidung herrschte vor. Astrid trug einen weinroten Mantel, eine dunkle Hose und bequeme Halbschuhe. Nur Tilla war mit einem schwarzen Trenchcoat bekleidet. Wieder sah sie sich um. Menschen aller Altersgruppen waren gekommen. Eine Familie wurde von ihrer kleinen Tochter begleitet. Mit den wippenden blonden Zöpfen und der liebevoll bestickten hellblauen Strickjacke unter der offenen, leuchtend roten Wetterjacke bot das Mädchen einen fröhlichen Blickfang. Tilla warf ihr ein Lächeln zu. Ihre Augen begannen zu brennen und sie bedauerte unendlich, dass Nina an diesem Tag nicht hier sein durfte. Das kleine Mädchen lächelte zurück und winkte ihr zaghaft.

Mutsch, wie hast du es geschafft, in deinem Leben so viele Leute kennenzulernen?, dachte Tilla und spielte kurz mit dem Gedanken, zu einem wilden Lauf anzusetzen, der sie von hier wegbrachte. Vermutlich hätte sie es mal wieder zu irgendeiner überstürzten Dummheit gebracht, hätte Astrid ihr nicht in diesem Moment den Arm um die Schultern gelegt. Endlich erreichten sie eine stattliche Buche, vor der sich ein Rund aus Efeuranken um eine Holzscheibe in den Waldboden schmiegte. Ein Mann in konventioneller Schwarzkleidung, vermutlich vom Bestattungsinstitut, brachte die Urne und stellte das, mit einem Ginkgoblatt verzierte helle Gefäß, auf die Scheibe. Es roch wunderbar nach Waldboden und frischem Holz. Tilla blickte auf die grüne Rosette aus Efeu.

Die Trauergäste bildeten einen großen Halbkreis um die Buche. Als jeder seinen Platz gefunden hatte, trat Tilla an den grünen Kreis heran und nahm einen hellen Stein mit glitzernden Einsprenkelungen aus der Manteltasche. Sie hatte den Stein völlig verkrampft in der Hand gehalten, seit sie ihren Wagen verlassen hatte.

Steine sind die ältesten Wächter der Erde, hörte Tilla die Stimme ihrer Mutter in ihrem Kopf wispern, was sie ruhiger werden ließ. Sie dachte an gemeinsame Ausflüge, bei denen sie Steine gesammelt hatten. Der Stein in ihrer Hand stammte vom Elfenstein, einer Klippe oberhalb von Bad Harzburg, die Tilla unzählige Male zusammen mit ihrer Mutter besucht hatte. Behutsam legte Tilla ihn auf die Efeuranken, richtete sich auf und trat zurück, damit die anderen Trauergäste vortreten konnten. Als Erstes legte das kleine Mädchen einen kleinen Tannenzweig nieder und dankte mit vor Aufregung stolpernden Worten dafür, dass Hedera ihrer Mama geholfen hatte. Weitere Äste, Zapfen, ein paar Kastanien und unzählige beschriebene Steine sammelten sich nunmehr um die Efeurosette. Viele waren es, die das Bedürfnis hatten, sich von Hedera Leinwig zu verabschieden. Tilla ließ ihren Tränen freien Lauf. Doch im Gegensatz zu den Tränen der letzten Tage waren diese irgendwie befreiend.

Wie aus weiter Ferne drang Astrids Stimme an ihr Ohr. »Deine Mutter hat viele dieser Menschen kennengelernt, als die sich mit einer Krankheit quälten. Menschen, die an einem Scheideweg standen. Einige haben überlebt und sind heute hier. Du kannst stolz auf deine Mutter sein!«

Tilla blickte in Astrid Volkers blaugraue Augen, die ihr aufmunternd zulächelten. Sie strich Tilla noch einmal über die Schultern, bevor sie sich zu der grünen Rosette begab. Bewundernd sah ihr Tilla zu, wie sie ohne Notizen und Zettel ihre Rede begann. Tilla war ihr unendlich dankbar dafür. Sie selbst war so durcheinander, dass sie nicht einmal einen Dreizeiler ohne zu stottern auf den Weg gebracht hätte.

»Hedera, botanischer Name für die Efeupflanze; Efeu, Immergrün, seit der Antike als Heilpflanze bekannt. Ihr Name war wohl gewählt von ihrer Mutter, die ihr Leben im fernen Wales verließ, um der Liebe nach Deutschland zu folgen. Hederas Vater starb, bevor er seine Tochter in den Armen halten konnte. Ein Schlag für die junge Frau aus Wales. Aber ein wundervoller Glücksfall für meine Familie, denn Leandra Lleynwitch kam mit ihrer Tochter Hedera unter dem Herzen in unser Haus. Meine Brüder und ich bekamen nicht nur eine wundervolle Nanny, wir bekamen in Hedera eine Schwester, die beste Schwester, die man sich nur wünschen kann … meine Seelenschwester.«

Tilla lauschte Astrids Worten, die so voller Liebe daherkamen. Ohne das Pathos der Trauer erzählte Astrid Anekdoten und kleine Begebenheiten, die Hedera besser darstellten, als es jede Beschreibung vermocht hätte. Es gelang es ihr sogar, die Gegensätze zwischen Tilla und ihrer Mutter so versöhnlich zu schildern, dass sich selbst in Tillas verquollene Augen ein Lächeln verlief. Hörte man Astrid zu, gerieten Tillas Rebellentum und Hederas gutmütige Ignoranz desselben geradezu zu einer ergötzlichen Geschichte, auf deren Fortsetzung man förmlich brannte. Astrid kam nun auf Hederas Arbeit zu sprechen. Sie erwähnte einige der Menschen, die gekommen waren, um ihr das letzte Geleit zu geben. Mit glänzenden Augen und ausgebreiteten Armen wünschte Astrid Hedera auf ihrem weiteren Weg, dass all die Liebe der Anwesenden sie begleiten möge.

Tilla schaute sich leicht verunsichert um. Doch die Leute störten sich offenbar nicht an dem ungewöhnlichen Ende einer Trauerrede, die wirkte, als würde man eine Reisende mit besten Wünschen auf seine langersehnte Tour schicken. Die, die gekommen waren, wussten, wer und was Hedera gewesen war. Dass einige Trauergäste aufgeschnittene Äpfel nach vorne streckten, das Zeichen der Wicca, während sie Astrids Wunsch wiederholten, empfand Tilla als wohltuend. Sie trat nach vorn und nahm Äpfel sowie liebevolle Blicke entgegen. Es sollte für lange Zeit das letzte Mal sein, dass Tilla von so viel Toleranz gegenüber ihrem glaubensbedingten Anderssein umgeben war.

Kapitel 8


Die Druiden benutzten die Schrift, um die Ewigkeit zu beeinflussen. Obwohl die Schrift einen magischen Aspekt hatte, war den Kelten das gesprochene Wort am wichtigsten.

– Jean Makale 238 –

Tilla stand vor Empörung der Mund offen, als die Staatsanwältin mit theaterreifem Timbre und wohldosierten Gesten aus den E-Mails vorlas, die Tilla seinerzeit an Nina geschickt hatte. Die Zitate waren aus dem Zusammenhang gerissen und beschworen ein so unheilvolles Bild herauf, dass Tilla zu einer religiös verklärten Terroristin mutierte, bevor die Verhandlung richtig begonnen hatte.

Belästigung und Bedrohung einer Minderjährigen lautete die Anklage, in deren Verlesung die Staatsanwältin Begriffe wie Stalking, Sektierertum und den Verdacht der Förderung von Prostitution einer Minderjährigen zwischen die spröden Paragraphenreihen eingearbeitet hatte. Natürlich hatte Tilla in der für sie so typisch temperamentvollen Art sofort zu einem energischen Protest angesetzt, woraufhin Dr. Bleibtreu jene unseligen E-Mails hervorgezogen hatte. Die Staatsanwältin drehte sich nun um und ließ die Prozessakte mit den Mails auf den Tisch fallen, als ekele sie sich davor.

»Haben Sie das geschrieben?«, fragte sie und bedachte Tilla mit einem vernichtenden Blick.

Genau in diesem Moment verstand Tilla, warum keltische Druiden dem geschriebenen Wort nicht trauten. Unschlüssig irrte ihr Blick zwischen der Staatsanwältin und dem unbeugsam dreinschauenden Richter hin und her. »Ja schon … aber nicht so, die Zitate sind völlig aus dem …«

»Ah«, fiel Dr. Bleibtreu ihr ins Wort. »Und dann wollen Sie immer noch behaupten, Sie hätten der Tochter meines geschätzten Kollegen Dr. Achim von Steinfeld nicht schaden wollen?«

Tilla erstarrte förmlich, wobei Zorn und Verwirrtheit sich die Waage hielten. »Ich würde Nina nie schaden!«

»Gut«, ließ Richter Konrad Jürgens in sonorem Bass hören. Er schenkte seiner Kollegin von der Anklage ein zufriedenes Nicken. »Vielen Dank, Frau Staatsanwältin. Die Angeklagte bestreitet offenbar sämtliche Vorwürfe und ich denke, dann können wir auch mit der Beweisaufnahme und der Zeugenvernehmung beginnen.«

Die Haartracht des Richters erinnerte wegen der Stirnfransen an die römischer Imperatoren. Ein paar Mal bildete sich Tilla tatsächlich ein, er würde mit einem plötzlichen Hochziehen der linken Schulter und rascher Bewegung der linken Hand eine unsichtbare Toga zurückwerfen.

Tilla wechselte einen zornigen Blick mit Peter Ehlers. Auch er war am Morgen zuversichtlich in diesen Gerichtssaal gekommen. Nun verdüsterte sich sein Blick zusehends.

»Die Geschädigte, Nina von Steinfels, wird als Jugendliche später allein im Richterzimmer vernommen werden. Ich rufe Dr. Achim von Steinfels auf«, tönte der Richter in ein Mikrofon.

Tillas Expartner betrat den Saal mit beschwingtem Schritt, um am Zeugentisch Platz zu nehmen. Während Richter Jürgens seine Belehrungsformeln herunterleierte, die von Steinfels natürlich bestens bekannt waren, beobachtete Tilla ihn. Über seine zur Schau getragene Mischung von anbetender Bewunderung für den Richter, dem hochachtungsvollen Nicken, das sich an die Staatsanwältin richtete, und seiner rechtschaffenen Zufriedenheit wunderte sie sich nicht im Mindesten. Hier geschah alles in seinem Sinne.

»Herr von Steinfels, bitte erzählen Sie uns doch, wie Sie die Lebensgemeinschaft mit Frau Leinwig erlebten«, bat die Staatsanwältin und schenkte dem Zeugen ein strahlendes Lächeln.

»Lebensgemeinschaft, nun ja, das Wort Gemeinschaft scheint Frau Leinwig doch so ganz anders zu interpretieren als sonst in unserer Gesellschaft üblich. Sagen wir es mal so: Ich hatte zuweilen den Eindruck, dass der Freundeskreis meiner Expartnerin eine Kleinstadt zu füllen vermochte.«

Heiterkeit brandete auf und Tilla schlug die Hände vor das Gesicht, um ihre Umwelt vor den Unflätigkeiten zu schützen, die ihr zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervorquollen. Als wäre sie gar nicht anwesend, erörterten ihr Expartner, die Staatsanwältin und der Richter in geschäftsmäßigem Ton Tillas angebliche Liebschaften und sexuelle Fehltritte unter dem Aspekt der schädigenden Auswirkungen auf Ninas Seelenleben. Dem argumentierte ausgerechnet Peter Ehlers, ihr Exliebhaber, nach besten Kräften entgegen, ohne jedoch etwas ausrichten zu können. Geschickt ließ Achim von Steinfels Schlagworte wie ausuferndes Sexualverhalten und Hexenrituale in seine Rede einfließen, dass sie in den Köpfen der Anwesenden eine untrennbare Einheit ergaben. Tilla fragte sich sogar einen Augenblick lang selbst, ob sie eine völlig entfesselte Nymphomanin war. Ihre glaubensbedingte Zuwendung zu Gefühlen brachte es tatsächlich mit sich, dass eine als angenehm empfundene Zweisamkeit recht oft und zuweilen auch etwas übermütig körperliche Nähe erreichte. Als Altgläubige war Tilla die aus dem Christentum resultierende Prüderie völlig fremd. Aber war sie deswegen gleich ein sexsüchtiges Monster, vor dem man ein junges Mädchen wie Nina schützen musste? Mit mühsam verhaltenem Zorn beobachtete Tilla das Trio infernal. Die kühle Staatsanwältin und der Richter waren ein eingespieltes Team, und Achim fügte sich ein, als arbeiteten die drei eine perfekt choreographierte Drehbuchszene ab. Tilla fluchte leise. Natürlich. Wieso wurde ihr jetzt erst klar, dass sich ihr Expartner, diese inquisitorische Schnepfe und dieser Richter kannten, vermutlich gut kannten. Ernüchtert stellte sie fest, hier war alles verloren. Würde sie womöglich im Gefängnis landen?

Tilla war in diesen Gerichtssaal gekommen, um ein Missverständnis aufzuklären. Doch nun reihte man Vergehen über Vergehen aneinander und machte sie zu einer sexsüchtigen, emotional unausgereiften Sektiererin. Ihr Glaube wurde gerade zu ihrem Untergang.

»Frau Leinwig, Sie haben die schweren Vorwürfe von Seiten des Antragstellers gehört. Was sagen Sie dazu?«, tönte es kühl vom Richtertisch.

»Ich weiß gar nicht, was ich zu diesem Blödsinn sagen soll! Ich habe Achim abserviert und bekomme hier eine Retourkutsche«, ereiferte sich Tilla.

Die Staatsanwältin hob die Brauen, warf ostentativ einen Blick in ihre Unterlagen und bemerkte süffisant: »Sie sind abserviert worden, Frau Leinwig. Es ist wohl eher Ihr Vergehen, das eine Retourkutsche darstellt.«

»Das stimmt nicht!«, hielt Tilla zornig dagegen.

»Frau Leinwig, keiner der hier Anwesenden ist taub«, maßregelte sie Richter Jürgens streng und verlangte dann: »Dann erklären Sie uns doch einfach mal, was Altgläubige so tun. Aber in einem gemäßigten Ton, wenn ich bitten darf!«

Tilla atmete einmal tief durch, fing sich einen warnenden Blick ihres Anwaltes ein und hob dann mühsam ruhig an: »Ich lebe nach den gleichen Werten wie jeder hier. Die alte Religion ist nur eben keine Offenbarungsreligion, wie Christentum, Judentum oder der Islam, sie geht auf die keltische Kultur zurück.«

Peter Ehlers griff nach einigen bedruckten Dokumenten. »Herr Vorsitzender, darf ich mir an dieser Stelle erlauben zu erwähnen, dass der sogenannte ›alte Glaube‹ mittlerweile als Religion anerkannt wird. In den USA erfährt der Wicca-Glaube sogar beachtlichen Zulauf. Ich habe hier einige, dies belegende Quellen, die …«

»In Amerika, ja?«, unterbrach ihn der Richter. »Wo Darwins Evolutionslehre abgelehnt wird und wo sich Anhänger der Scientology-Sekte in Talk-Shows verbreiten?« Natürlich erntete er beflissene Heiterkeit. Selbst gegen das Kichern über seinen gelungenen Witz kämpfend, gluckste Richter Konrad Jürgens: »Verzeihen Sie mir diese Auflockerung, werter Kollege Ehlers. Ich wollte Ihnen damit nur deutlich machen, dass wir in Deutschland andere Maßstäbe setzen als unsere Cowboyfreunde jenseits des Großen Teiches.« Dann wandte er sich wieder Tilla zu. »Frau Leinwig, im Zuge der Beweisaufnahme muss geklärt werden, ob ihr Glaube eine schädigende Auswirkung auf Nina von Steinfels gehabt hat. Also beschreiben Sie uns Ihren Glauben!«

Tilla bemühte sich, ihre Stimme auf eine tiefere Frequenz zu bringen, um ihre brodelnde Wut zu übertünchen.

»Altgläubige streben danach, rechtschaffene, gute Menschen zu werden. Unsere Religion praktizieren wir im Gegensatz zu der von Ihnen erwähnten Scientology-Sekte im Stillen. Wir benötigen keine Vermittler zu unseren … zu unserem Gott.« Bewusst umschiffte Tilla den Umstand, dass Altgläubige noch an ein Konglomerat verschiedenster Götter glaubten, ein Umstand, der von der christlichen Kirche so gar nicht akzeptiert wurde. »Wir haben also keinen Pastor und dementsprechend keine Kirchenhierarchie, die sich mit der Verbreitung des Glaubens beschäftigt. Wir missionieren nicht. Hin und wieder gehen auch wir Altgläubigen in eine christliche Kirche und suchen dort Inspiration, doch die meisten von uns finden diese eher in der Natur, denn unser Glaube ist an die alte Naturreligion angelehnt«, erklärte Tilla mit mühsam gleichförmig gehaltener Stimme.

»Sie beten also in der Natur?«, fragte Staatsanwältin Bleibtreu in unschuldigem Ton.

»Ja, ich persönlich gehe am liebsten in den Wald, an einen einzelnen Felsen, einen See oder an einen anderen schönen Ort, an dem ich die Natur und Jahreszeiten deutlich spüren kann.«

»Nackt?«, fragte Dr. Bleibtreu, wobei ihr wohlgeformter Mund vor Vergnügen darüber zuckte, dass Tilla ihr in die Falle gegangen war.

Tilla sog scharf die Luft ein. »Nein, natürlich nicht, ich …«

»Aber es gibt Altgläubige, die ihre Zeremonien nackt durchführen?«

»Ja schon, aber …«

»Gibt es auch männliche Altgläubige?«

»Ja …«

»Und die beten auch nackt?«

»So was kommt vor, aber …«

»Sind Sie bei ihren Öko-Bet-Aktionen immer allein? Oder gesellen sich auch andere Neuzeithexen und Hexer dazu?« Letzteres betonte Staatsanwältin Bleibtreu in besonders abfälligem Ton.

Dieses Mal erkannte Tilla die Falle und sprang auf. »Verdammt noch mal …«, begann sie aufgebracht, doch Peter Ehlers fasste Tilla am Arm.

»Verehrte Frau Kollegin«, sagte er an die Staatsanwältin gewandt, »Ihr polemischer und provokanter Fragestil ist vielleicht bei dem Verhör eines Schwerverbrechers angebracht, doch hier sind wir in einer Gerichtsverhandlung. Behalten Sie diesen vorverurteilenden Fragestil bei, so werden wir uns in der nächsten Instanz wiedersehen!«

Die Staatsanwältin verzog deutlich ernüchtert den Mund. »Ich werde meine Frage umformulieren. Frau Leinwig, haben Sie Nina von Steinfels je zu einem Ihrer Rituale mitgenommen?«

»Nein.«

»Aber Sie sind viel mit ihr spazieren gegangen?«

»Ja ... angezogen«, knurrte Tilla und rief damit ein Kichern bei den Zuschauern hervor.

Die Staatsanwältin zeigte sich dagegen unbeeindruckt. »Ich hörte, dass jeder Besuch in der Natur für Sie etwas Religiöses hat?«

Zögernd gab Tilla zu: »Ja, schon … «

Tilla wurde nun von der zur Hochform auflaufenden Staatsanwältin gefragt, ob sie einer Wicca-Vereinigung angehörte, wo dieser Coven praktizierte, wer ihm angehörte und ob Nina Kontakt zu diesen Personen gehabt habe. Tilla funkelte die Staatsanwältin böse an und schüttelte in einem fort den Kopf, bis es aus ihr herausbrach.

»Heilige Göttin! Nicht jede Altgläubige ist in einem Coven. Nina hatte nie Kontakt zu anderen Altgläubigen.« Böse blitzte sie die Staatsanwältin an und schob trotzig hinterher: »Und wenn, dann hätte es ihr nicht geschadet.«

»Ach, tatsächlich?« Die Staatsanwältin drehte sich so vehement zu Tilla um, dass ihre Robe sie wie einen unheilvollen Geist umwehte. »Angehörige der Wicca nennen sich Hexen. Hexen sind also völlig ungefährlich?«

»Hexen schaden niemandem«, fauchte Tilla und fügte sarkastisch hinzu: »Ich hoffe, Ihre Mutter hat Ihnen nicht zu viel von den Grimm’schen Märchen vorgelesen. Was da drin steht, ist Mist!«

»Wie interessant«, antwortete Staatsanwältin Bleibtreu ungerührt. »Und Sie praktizieren Ihren Glauben im Stillen? Wissen Sie, ich hege ein gewaltiges Maß an Misstrauen gegenüber Glaubensvereinigungen, die im Stillen, also fernab staatlicher Kontrolle praktizieren. Damit folge ich nicht etwa den Ausführungen der Gebrüder Grimm – übrigens geschätzte Juristenkollegen von mir, sondern den neusten Einschätzungen des Bundeskriminalamtes, das gerade zurzeit ziemlich schlecht auf religiöse Fanatiker zu sprechen ist …«

»Frau Dr. Bleibtreu! Ermüden Sie uns nicht mit Ihren Ansichten, die nichts zur Sache beitragen«, wetterte Peter Ehlers. »Meine Mandantin ist keine religiöse Fanatikerin. Sie hängt lediglich einem weniger verbreiteten Glauben an. Einem Glauben, der übrigens länger in dieser Region verwurzelt ist als das Christentum.«

»Im Gegensatz zu Ihnen, werter Kollege Ehlers, halte ich die Wiccaner für eine moderne Sekte, die keinesfalls harmlos ist«, zischte die Staatsanwältin zurück.

»Ich bitte Sie, Frau Kollegin«, ließ Peter Ehlers deutlich abfällig hören. »Eine sektiererische Vereinigung zeichnet sich durch eine pyramidenförmige Hierarchie mit einem strengen Sanktionssystem gegenüber Kritik aus den eigenen Reihen aus. Die meisten Altgläubigen beten allein, und selbst ein Wicca-Coven beinhaltet keines dieser Merkmale.«

Bevor die Staatsanwältin etwas entgegnen konnte, mahnte Richter Jürgens: »Vielleicht sollten wir an dieser Stelle etwas mehr Sachlichkeit in diesen Gerichtssaal zurückbringen und erörtern, was Wicca eigentlich bedeutet.«

Als seien diese Worte ein Einsatzzeichen für die Staatsanwältin gewesen, hob diese nun zu einer ausführlichen Erklärung an. Ihr diskreditierender Vortrag über Wicca und Neuzeithexen überschritt bei Tilla das Maß des Erträglichen.

Vehement sprang sie auf die Beine und brüllte durch den Saal: »Ihr Pseudo-Wissen über Altgläubige strotzt geradezu vor Lücken, Ungenauigkeiten und schlichtem Schwachsinn!«

Jegliches Geräusch erstarb.

Richter Jürgens donnerte in die Stille hinein: »Frau Leinwig! Wagen Sie es noch einmal, ungefragt das Wort zu erheben, werde ich ein Ordnungsgeld gegen Sie verhängen, das ganz schnell zu einer Ordnungshaft werden kann!«

Tilla holte schon Luft für eine weitere Verbalattacke, als Peter Ehlers sie nachdrücklich am Arm fasste und auf ihren Stuhl zurückzwang.

Ungerührt schulmeisterte die Staatsanwältin weiter. »In einem Coven kommen dreizehn Hexen zusammen. Eine von ihnen ist die Anführerin. Ein Coven unterliegt der Allmacht der Priesterin.« Sie zeigte Tilla ein spitzes Lächeln. »Nach Ihren Worten brauchen die Altgläubigen keinen Pastor, weil sie Hierarchien ablehnen, Frau Leinwig. Sind Hierarchien in Ihrem Wortschatz etwas anderes?«

Tilla biss die Zähne aufeinander. Ihre Antwort glich einem mäßig unterdrückten Knurren. »Einem Coven treten Altgläubige bei, die sich etwas mehr Struktur, aber auch Gesellschaft für ihren Glauben ersehnen. Deshalb wird eine Lehrende aber noch lange nicht zu einem Guru oder so was.«

»Guru … ein sehr passendes Stichwort«, antwortete die Staatsanwältin zufrieden. »In allen bekannten Sektenstrukturen sind die Mitglieder die letzten, die zugeben würden, von jemandem manipuliert worden zu sein. Darin liegt ja gerade das Perfide. Wie gefährlich der Wiccakult letztlich ist, wird nicht hier und nicht heute entschieden. Die Vorgehensweise dieser Sekte ist jedoch durchaus bedeutsam für die Beweisführung. Wichtig ist nämlich die Frage: Wie viel hat der von der Angeklagten praktizierte Neo-Hexenkult mit dem von ihr selbst eingebrachten Terminus ›Naturreligion‹ zu tun? Geht es dabei womöglich um rüde Sittenlosigkeit unter dem verharmlosenden Mantel einer Religion?« Die Staatsanwältin ließ den Blick kurz durch den Saal schweifen. »Frau Leinwig fungierte als Bezugsperson für Nina von Steinfels. Die Einlassungen des Antragsstellers, der Frau Leinwig als promiskuitiv und krankhaft sexsüchtig beschreibt, haben überzeugend gezeigt, wes’ Geistes Kind die Antragsgegnerin ist. Fraglos wird eine solche Bezugsperson ihre abstrusen Ideen weitergeben und eine unschuldige Zwölfjährige von den gesellschaftsüblichen Werten abbringen!«

Tillas Beine stemmten sich wie von selbst hoch. Ihre verschiedenfarbigen Augen funkelten in unmäßigem Zorn. In klarem, überraschend ruhigem Ton fragte sie in den Saal: »Hatte ich hier eigentlich je eine Chance?«

»Hatte ich Ihnen erlaubt, das Wort zu ergreifen?«, donnerte Richter Jürgens zurück.

»Nein, aber Sie hätten es mir wohl auch kaum erteilt, oder?«, schrie Tilla.

Richter Jürgens’ Gesicht verfärbte sich weiß. Dr. Bleibtreu und Achim von Steinfels starrten Tilla mit offenen Mündern an. Doch die achtete längst nicht auf die spitzen richterlichen Schreie, die Worte wie »Schweigen Sie« und »weiteres Ordnungsgeld« enthielten. Sie stach mit ihrem Zeigefinger Löcher in Richtung des Richterpultes.

»Das hier zu fällende Urteil stand doch schon fest, als Sie alle heute Morgen vor Ihrem Frühstücksbrötchen gesessen und Ihren blödsinnigen Schulaufsatz über die Wicca auswendig gelernt haben! Sie alle machen diesen Gerichtssaal zu Ihrer persönlichen politischen Bühne und diesen Prozess zu einer Farce …«, brüllte Tilla.

Bevor sie jedoch auch noch mit der anderen Hand bekräftigend auf den Aktenberg ihres Anwaltes schlagen konnte, wurde sie von vier kräftigen Händen hochgehoben. Die vom Richter herbeigerufenen Gerichtsdiener packten Tilla grob und brachten sie aus dem Saal, während diese laute Verwünschungen ausstieß.

Als sich Peter Ehlers nach dem Ende des Prozesses zu ihr in den Flur gesellte, sah er alles andere als zufrieden aus.

»Du kommst mit einer Geldstrafe davon. Vor allem aber musst du dich von Nina fernhalten«, verkündete er.

Tilla reagierte nicht. Sie blickte stattdessen die gegenüberliegende Flurwand an, als versuchte sie, diese in Brand zu setzen.

Peter Ehlers setzte sich seufzend neben sie. »Tilla, tu mir den Gefallen und halte dich daran«, bat er sie eindringlich. »Richter Jürgens machte in der Urteilsbegründung deutlich, dass er den Verdacht der Förderung der Prostitution einer Minderjährigen ebenfalls hatte, dies aber nicht hinlänglich bewiesen werden konnte.«

Tilla traute ihren Ohren nicht. »Was? Verdammt, ich liebe Nina wie eine eigene Tochter! Ich habe mich fast zwei Jahre ausschließlich um sie gekümmert. Achim dagegen glänzte mit chronischer Abwesenheit. Selbst ihr Schulbusfahrer kannte Nina besser als ihr Vater. Ich würde doch nie etwas tun, was ihr schadet! Wie kommen die nur auf so was?«

Peter Ehlers nickte matt. »Ich weiß es doch. Dasselbe hat übrigens auch Nina gesagt, als sie im Richterzimmer verhört wurde. Im Grunde genommen hat dir die Kleine den Hals gerettet. Sie hat wie eine Löwin für dich gekämpft.« Er lächelte. »Mensch, ich weiß gar nicht, wie Achim an so eine großartige Tochter kommt.« Seine Augen ruhten auf ihr. »Weißt du was? Nina ist dir irgendwie ähnlich.« Nun wurden Tillas Augen groß und füllten sich unaufhaltsam mit dicken Tränen. Peter Ehlers legte den Arm um sie. »Es tut mir wirklich leid, dass ich nicht mehr für dich tun konnte.«

»Das hätte wohl niemand geschafft. Hier konntest du gar nichts mehr tun.« Tilla wischte sich mit einer ärgerlichen Bewegung die Tränen aus dem Gesicht. »Mein Ex, die Staatsanwältin und dieser Richter kennen sich gut, nicht wahr?«

Ehlers gab ein Schnaufen von sich und nickte. »Mich hat das auch kalt erwischt.«

»Aber … kann man denn da nichts machen? Sind die nicht irgendwie befangen oder so?«, fragte Tilla hilflos.

»Befangenheit und ein daraus resultierendes Fehlurteil – das zu beweisen ist ein Ding der Unmöglichkeit. Braunschweig ist überschaubar, die Juristen hier kennen einander alle.« Er betrachtete Tilla sorgenvoll. »Ich mache mir wirklich Sorgen um dich. Erst der Tod deiner Mutter und dann das hier ...«

Tilla zog ein Taschentuch aus ihrer überdimensionierten Umhängetasche und schnäuzte sich geräuschvoll.

Peter Ehlers schüttelte den Kopf. »Ich werde irgendwie das Gefühl nicht los, dass es Achim nicht dabei bewenden lässt. Tilla, verschwinde aus Braunschweig! Geh zurück in den Harz.«

»Zurück nach Bad Harzburg?«

Er nickte.

Sie dachte einen Augenblick still nach und meinte dann kopfschüttelnd: »Scheiße! Ich mache auch nur Mist!«

Peter Ehlers lächelte sie aufmunternd an. »Komm schon Tilla, du bist wahrlich kein Alltagsheld, aber für diese Farce hier kannst du ausnahmsweise mal wirklich nichts!«

Tillas Miene wandelte sich aprilwetterartig zu einem Lächeln.

»Diesen Mist meinte ich auch nicht.«

Sie kam ihm entgegen, küsste ihn und flüsterte: »Aber dass ich zu dumm war, dich zu behalten, als es noch möglich war, das war wohl der größte Mist, den ich je angestellt habe.« Sie lächelte ihn mit feuchten Augen an. »Ich danke dir. Und jetzt geh nach Haus. Grüß deine tolle Frau von mir und mach sie und deine Zwillinge glücklich!«

Kapitel 9


Ungestüm und zäh, doch auch wehleidig und ohne Ausdauer, mal unendlich grausam, dann wieder unendlich liebenswürdig und gastfreundlich. Wildheit, Feinsinn, Stumpfsinn, Begeisterung, Verstand und Gemüt wechseln sich stetig ab.

– Cassius Dio über den Charakter der Kelten XII 50 ff –

Nach einigen Tagen depressiven Herumlungerns hatten es Tillas Mitbewohner übernommen, sie wieder auf die richtige Spur zu bringen. Die Brüder Daniel und Oliver Regner bemühten sich nach Kräften, ihr zu helfen. Nicht nur, dass sie sich gebührend mit ihr über das ungerechte Gerichtsurteil echauffiert hatten, sie hatten auch Peter Ehlers Vorschlag, dass Tilla zurück nach Bad Harzburg gehen sollte, beigepflichtet und nach und nach ihre Habe in Kartons verpackt. Daniel Regner hatte ihr sogar einen Auftrag im Fliegerhorst Goslar besorgen können, in dem er stationiert war. Da Tillas Großmutter aus Wales stammte, war Englisch ihre zweite Muttersprache. In ihrer Familie hatten sie noch lange englisch gesprochen, da selbst Hedera nur schwer von der Sprache ihrer Mutter lassen konnte. Erst als Großmutter Leandra starb, hatten sie ausschließlich deutsch gesprochen. So konnte sie als Übersetzerin helfen, wenn demnächst eine Gruppe von englischen Militärs den Stützpunkt Goslar besuchte, bevor dieser geschlossen wurde.

Wenngleich ihr die Idee, in der alten und neuen Heimat vielleicht als Übersetzerin zu arbeiten, immer besser gefiel, so fiel doch ihr Abschied von ihren Mitbewohnern verhalten aus. Geradezu muffelig war sie in ihren mit letzten Umzugskartons und Großmutter Leandras Stuhl vollgestopften Wagen gestiegen, um endgültig in den Harz zurückzukehren.

Daniel und Oliver hatten recht, sie sollte versuchen, etwas aus ihren Sprachkenntnissen zu machen. Tilla dachte wehmütig an die so unterschiedlichen Brüder, die sie in der kurzen Zeit in Braunschweig sehr ins Herz geschlossen hatte. Noch wusste Daniel nicht, dass sein Bruder sich in einen Mann verliebt hatte. Vermutlich war sie die Einzige, mit der Oliver je über seine sexuelle Orientierung gesprochen hatte. Wie würde Daniel auf Olivers Freund Dirk Sundermann reagieren? Tillas Augen begannen zu brennen. Sie vermisste die beiden schon jetzt.

Die Harzberge tauchten schemenhaft im winterlichen Dunst auf. Vielleicht brachte ihr der Harz ein wenig Glück. Sie konnte es dringend brauchen. Kurze Zeit später durchfuhr Tilla Bad Harzburg in östlicher Richtung. Für eine kurze Strecke rauschten Bäume an ihr vorbei, bevor sie die Bundesstraße verließ und auf einen nur mäßig befestigten Weg abbog, der zu einer Ansammlung direkt am Wald liegender Häuschen führte. Das Haus ihrer Mutter, nun ihr Haus, lag am Ende dieses Lehmschotterweges. Ein rot-weißes Verkaufsschild buhlte um Aufmerksamkeit. Hier wollten die Besitzer einen schmucklosen kleinen Bungalow loswerden, der direkt an der Bundesstraße lag. Mit der Grenzöffnung war die Straße nach Stapelburg und Wernigerode zu neuer Bedeutung gelangt. Mit dem deutlich erhöhten Verkehrsaufkommen hatte der Bungalow seine einstige Attraktivität verloren.

»Die haben sich wahrscheinlich nicht gefreut, als die Grenze fiel«, murmelte Tilla und passierte ein merkwürdig anmutendes Wohngebilde, dessen bleiche Holzverkleidung aussah, als sei sie aus angespültem Treibholz gemacht worden. »Was ist denn das für ein komischer Klotz …«, entfuhr es ihr ungnädig. Gleichzeitig überlegte sie, wie dieses Haus früher ausgesehen haben mochte. Schemenhaft kam ihr ein weißes, villenartiges Gebäude in den Sinn, doch dieser moderne Klotz aus betonfarbenem Holz mochte sich einfach nicht mit ihrer Erinnerung verbinden. Lediglich die alten Bäume erinnerten an früher. Mit dem schmerzenden Gefühl, hier nicht mehr herzugehören, ließ Tilla ihren Wagen ausrollen. Bedrückt stieg sie aus und näherte sich ihrer Haustür.

»Du brauchst dringend einen neuen Anstrich«, erklärte sie der Tür und schloss auf. Ein Schwall abgestandener, muffiger Luft schlug ihr entgegen. Wieder glaubte Tilla, den Hauch eines Aftershaves zu riechen. Wahrscheinlich von den Polizisten, sagte sich Tilla und blieb unschlüssig im Flur stehen. Am liebsten hätte sie auf dem Absatz kehrtgemacht. Sie ließ den Blick durch den Flur schweifen. Die Natursteinfliesen mit den unregelmäßigen Mustern darin hatte sie als Kind stundenlang betrachten können. Damals hatte sie auf der Treppe gesessen, die Beine durch das Treppengeländer gesteckt und diese ungegenständlichen Muster mit ihrer Fantasie gefüllt. Dort, der Zwerg, der durch die Tropfsteinhöhle ging und seine Schätze begutachtete … und dort die Elfe, die sich im Gewirr einer allzu wüchsigen Quecke verfangen hatte. Tillas Mundwinkel verzogen sich nun doch leicht nach oben. Der vertraute Geruch nach Kräutern tat sein Übriges, um ihre Stimmung etwas zu heben. Doch dann stutzte sie.

Kräuter? Wieso roch es so stark nach Kräutern? Tilla lugte um die Flurecke. Die Tür zur Apotheke stand offen und ließ das Fensterlicht in den Flur vordringen. Hatte sie diese Tür nicht sorgfältig verschlossen, als sie das Haus verlassen hatte? Tilla war sicher, dies getan zu haben. Immerhin lagerte hier jener Stoff, der ihrer Mutter die Tür zum Reich der Hel geöffnet hatte. Resolut schloss sie die Tür zum Apothekenzimmer, ging zurück und öffnete die Haustür bis zum Anschlag.

Daniel und Oliver hatten die Kartons mit ihrer Habe am Tag zuvor erst einmal in den Schuppen gestellt. Weitere Hilfe von den beiden hatte sie in einem dummen Anfall von Überheblichkeit abgelehnt, den sie nun bitterlich bereute. Wieder einmal kam sie sich unendlich allein vor. Gerade wollte sie sich dem Ausräumen ihres Wagens widmen, als sie ein fragendes Maunzen hörte. Verwundert blickte sie in die bernsteinfarbenen Augen von Paris. Die Katze ihrer Mutter hatte sich majestätisch vor ihr auf den Stufen niedergelassen und schien sie zu fragen, ob sie nun endlich wieder nach Hause könne.

»Paris! Heilige Göttin! Dich habe ich ja völlig vergessen«, stammelte Tilla kleinlaut. Das glänzend schwarze Fell der Katze zeigte, dass sie wohl von Nachbarn bestens versorgt worden war. Nachbarn, die mehr Umsicht als Tilla bewiesen hatten. Die hellen Augen des Tieres ruhten abschätzend auf Tilla, die Schwanzspitze bewegte sich tadelnd hin und her. Tilla streckte die Hand nach Paris aus, doch die entzog sich der Berührung und stolzierte an Tilla vorbei ins Haus, ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen. Tilla sah dem Tier beschämt nach und murmelte: »Ich hab’s wohl verdient!«

Von schlechtem Gewissen geplagt eilte Tilla hinter der Katze her, die nun abwartend vor der Küchentür stand. Sie öffnete ihr, um dann jedoch wie von einer unsichtbaren Wand aufgehalten auf der Schwelle stehen zu bleiben. Auf dem Küchentisch standen noch immer die Utensilien des Ereignisses, das ihr Leben in eine Achterbahn verwandelt hatte. Da die Polizei von Selbstmord ausgegangen war, hatte es keine weiteren Untersuchungen gegeben. Für einen Augenblick bildete Tilla sich ein, ihre tote Mutter an diesem Tisch sitzen zu sehen. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Ihre Beine wurden so zittrig, dass sich Tilla am Türrahmen festhalten musste.

Paris‘ forderndes Miauen holte sie in die Wirklichkeit zurück. Tilla schluckte und betrat zögerlich die Küche. Sie zwang ihren Blick von dem Tisch weg zu einer Tür, hinter der sich eine kleine Speisekammer befand. Hektisch suchte sie nach Katzenfutter, fand noch ein paar verbliebene Dosen nebst Trockenfutter und nahm beides mit zur Spüle. Nachdem sie Paris’ Näpfe gesäubert und dem Tier eine üppige Ration Futter hingestellt hatte, kehrte ihr Blick widerwillig zum Tisch zurück.

Sie erkannte das alte Porzellan der Wedgwood-Manufaktur aus dem englischen Burslem. Tilla starrte das farbenfrohe Muster verwirrt an. Ihre Mutter hatte das wertvolle Porzellan, das zur Aussteuer ihrer Großmutter Leandra gehörte, nur für Gäste und bedeutende Anlässe hervorgeholt. Tilla betrachtete die komplizierten goldenen Ranken auf türkisfarbenem Grund. Zögernd griff sie nach der bauchigen Teekanne, hob den fein gearbeiteten Deckel und sah hinein. Die unzähligen feinen Risse im Innern der Kanne waren durch Teein verdunkelt. Der Bodensatz des giftigen Suds war eingetrocknet und hatte ein unappetitliches Sediment hinterlassen.

»Du meine Güte, Mutsch, musstest du auch noch das gute Geschirr versauen?«, fragte Tilla säuerlich ins Nichts. Nur mit Mühe widerstand sie dem Drang, alles, was auf dem Tisch stand, im Mülleimer zu zerdeppern. Widerwillig trug sie das Geschirr zur Spüle und betrachtete es unschlüssig. Sie war sich nicht sicher, ob man die Spuren des starken Giftes je wieder vollständig aus dieser Kanne würde entfernen können. »Klasse, Mutsch. Das Geschirr wäre sicher einiges wert gewesen. Wolltest du damit verhindern, dass ich es verkaufe? Ist dir gelungen!«

Immerhin vertrieb der Zorn ihre Schwermut. Zorn, den sie als alten, wohlbekannten Begleiter ihrer Persönlichkeit kannte, war ihr lieber als die depressiven Schübe der letzten Zeit. Tilla stapfte in den Flur, wo ein Stapel von Zeitungen lag, die niemand abbestellt hatte. Sie sortierte Post und Zeitungen auseinander und nahm den Stapel mit in die Küche. Sie würde die Kanne und die Tasse vorerst mit dem Zeitungspapier verpacken und in den Keller stellen, bis sie die Kraft hatte, zu entscheiden, was damit geschehen sollte. Und dann würde sie dieses Haus mit ihren Sachen und ihrer Gegenwart füllen, um sich nicht mehr wie ein Eindringling zu fühlen.

Nach einer halben Stunde stapelten sich bereits etliche Kartons im Flur. Nachdem sie beschlossen hatte, das Obergeschoss unbenutzt zu lassen, wuchtete sie mehrere Kartons mit ihrer Kleidung in ein Zimmer neben der Haustür, das immer als Kombination aus Gästezimmer und Büro gedient hatte. Stöhnend streckte sie ihren schmerzenden Rücken und ging hinaus, um ihren Wagen leerzuräumen.

Laut vor sich hinzeternd zerrte Tilla an Großmutter Leandras Sessel, den Oliver und Daniel ihr in mühevoller Millimeterarbeit ins Heck ihres Wagens gestopft hatten. Für dieses Unterfangen hatte Daniel ihr die Rückbank ausgebaut, die hinter den letzten Kartons im Schuppen lag und die sie wohl nie wieder in ihren Wagen hineinbekommen würde. Kampfbereit stierte Tilla den Sessel mit den im Chippendalestil geschwungenen Beinen an, die ihr wie abweisende Hände entgegenstaken. Egal wo Tilla zog, der Sessel hakte mal an der Fensterkurbel, dann wieder hinter der Wölbung der Radkammer oder an der viel zu kleinen Heckklappenöffnung fest.

»Verdammt! Du bist doch auch reingegangen«, kreischte Tilla den Sessel an und stampfte auf den Boden, bevor sie es mit einer anderen Strategie versuchte. Sie hielt den Sessel mühsam mit einem Knie hoch und zog gleichzeitig ruckelnd an den Beinen. Endlich bewegte er sich knirschend aus dem Wagen heraus. Leider hatte Tilla das Gewicht guter alter Handwerksarbeit sowie ihren unsicheren Stand unterschätzt. Als sich der Sessel zu neigen begann, kippte Tilla mit einem Verzweiflungsschrei nach hinten und lag zwischen den Beinen des Sessels gefangen im Dreck. Das widerspenstige Möbelstück kippelte bedrohlich über ihr hin und her.

Eine Hand legte sich über die Lehne und verhinderte, dass ihr der Sessel auf den Kopf kippte. Ein paar dunkle Augen folgten der rettenden Hand. Tilla musste ihrer Wut zunächst Luft verschaffen und prügelte mit beiden Fäusten auf die Sitzfläche über ihr ein. Der junge Mann betrachtete ihr Tun amüsiert und fragte: »Geht’s Ihnen jetzt besser?«

»Wenn ich dieses Mistding nicht so lieben würde, hätte ich es jetzt zu Kleinholz verarbeitet«, knurrte Tilla und robbte unter dem Sessel hervor.

»Na, dann hat er wohl Glück gehabt«, meinte der junge Mann grinsend und klopfte dem Sessel freundschaftlich die Lehne. »Wo soll er denn hin?«

Tilla rappelte sich auf die Beine und stellte fest, dass sie aussah wie ein Wildschwein nach einem Schlammbad. Leider hatte die Stadtverwaltung für diesen abgelegenen Teil von Bad Harzburg nicht den Luxus von befestigten Wegen vorgesehen und die letzte Schüttung war schon vor Jahren im Untergrund verschwunden, sodass Tilla nun mit einem gelblichen Belag paniert war.

Endlich widmete sie sich ihrem Retter. Als er den Kopf drehte, fiel ihr eine Narbe ins Auge, die sich über sein rechtes Jochbein zog. Zu dieser Narbe fügte sich eine vage Erinnerung an ein lang zurückliegendes Unglück in der Nachbarschaft, die Tilla jedoch gleich wieder entglitt. Um die Narbe herum registrierte Tilla ein Gesicht mit einer hohen Stirn, die an einem dichten, dunklen Haaransatz endete.

»Tut mir leid, aber ich weiß ihren Namen nicht mehr«, entschuldigte sie sich.

Er lächelte. »Ich bin Gerred Assmut.« Er schaute zwischen dem Sessel und der offenen Wohnungstür hin und her. »Sie kommen also zurück?«

»Äh … ja«, antwortete Tilla unwohl. Offenbar wusste er genau, wer sie war, doch sie erinnerte sich so gut wie gar nicht an ihn. Auch der Name sagte ihr nichts.

»Gut. Ich bin auch erst vor einiger Zeit zurückgekommen. Ist ein komisches Gefühl, nicht wahr? Wollen wir?«, fragte er und klopfte auf den Sessel.

Gemeinsam trugen sie ihn die Eingangstreppe hinauf ins Wohnzimmer. »Ich glaube, den hätte ich nie allein hier rauf bekommen«, stellte Tilla fest und bedankte sich nochmals.

Er grinste. »Na, dann hätten Sie doch sicher irgendwo geklingelt und da alle anderen Nachbarn schon ohne Sessel auf dem Arm recht hinfällig sind, wären Sie eh bei mir gelandet.«

Tilla lachte. »Es ist mir wahnsinnig peinlich, dass ich mich so gar nicht an Sie erinnern kann. Sie müssen wohl gewachsen sein!«

»Nun, das sind Sie auch«, stellte er belustigt fest. »Wir sind weggezogen, da trugen Sie noch Zöpfe. Es sollte mich wundern, wenn Sie sich an mich erinnern. Unser Haus stand jahrelang leer. Da haben sich die Nachbarn alle aufgeregt. Nun hab ich es umgebaut und nun regen sie sich noch mehr auf.«

»Oh, der graue Würfel an der Ecke«, rutschte es Tilla heraus.

»Genau der«, schmunzelte er und fügte hinzu: »Ich bin Architekt.«

»Ah, Architekt«, wiederholte Tilla dümmlich und zermarterte sich den Kopf nach etwas Nettem, was sich zu diesem merkwürdigen Wohngebilde sagen ließ. »Äh, wie schön, dass die Bäume bei diesem Umbau nicht weichen mussten«, brachte sie schließlich hervor.

»Ja, ich denke, den Bäumen hat’s gefallen«, antwortete er grinsend. Dann sah er die Straße hinunter und erklärte: »Ich muss los. Wir sehen uns sicherlich noch.«

»Ja, natürlich. Vielen Dank noch mal«, antwortete Tilla und sah ihm nach. An seinem Haus angekommen begrüßte er eine sehr schmale Frau mit kurzen dunklen Haaren. Tilla schloss nachdenklich die Tür. Trotz dieser Narbe im Gesicht sah dieser Mann recht gut aus. Die plötzliche Stille umgab sie wie ein schlechter Geruch. Nun bedauerte sie es, dass sie ihn nicht hineingebeten hatte. Doch dann maßregelte sie sich selbst: »Quatsch! Was hätte wohl seine Freundin dazu gesagt. Wahrscheinlich hatte dieser römische Imperator recht, mich wegen sexuellen Übereifers zu verurteilen.« Endlich war er zurück, ihr Zorn. Sie stampfte in die Küche.

Gurgelnd meldete die Kaffeemaschine, dass der Kaffee fertig war. Tilla öffnete den Küchenschrank, um sich einen Becher herauszuholen, doch ihre Hand verharrte in der Luft. Eine einzelne Tasse mit goldenen Ranken auf türkisfarbenem Grund stand dort. Verwundert nahm sie die Wedgwood-Tasse in die Hand. Eine zweite Tasse? Hier im Schrank? Das Wedgwood-Porzellan gehörte in die Vitrine im Wohnzimmer. Sie musterte die Tasse nachdenklich. Innen waren noch hellbraune Schlieren zu sehen. Jemand hatte sie nur flüchtig abgespült und in den Küchenschrank gestellt. Die Polizei? Das konnte nicht sein. Hätten dort zwei Tassen auf dem Tisch gestanden, hätten die doch sicher nach dem Besucher gefahndet. Hatte Tilla damals eine zweite Tasse gesehen? Hatte dieser Kamenz eine zweite Tasse erwähnt? Nein, da war sich Tilla sicher.

Einer Eingebung folgend wickelte sie auch diese Tasse zusammen mit der Untertasse in Zeitungspapier. Sie starrte das Paket sinnend an. War das die Lösung? Ein Besucher? Hatte der ihre Mutter zu diesem Entschluss getrieben? Oder gar gezwungen?

»Vielleicht sollte die Polizei davon erfahren«, murmelte Tilla nachdenklich. Sie stellte das verpackte Geschirr in die Ecke der Küchenbank und beschloss, sie in allernächster Zeit zur Polizei zu bringen. Tilla füllte ihren Kaffeebecher, warf einen scheelen Blick auf die Sitzecke, an der ihre Mutter gestorben war, und ging mit dem Kaffee ins Wohnzimmer.

Lustlos blätterte sie die Post ihrer Mutter durch und ließ sie auf dem Wohnzimmertisch liegen. Ihr Blick fiel auf ihre Handtasche, aus der ein Packen brauner Umschläge ragte. Ihre Mutter hatte ihr in den vergangenen Monaten regelmäßig weitere Fortsetzungen von der Harcylugh-Geschichte geschickt. Offenbar hatte Hedera wieder angefangen, an ihrer Sagensammlung zu arbeiten. Die Historie und die Sagenwelt zu verbinden, war immer Hederas große Leidenschaft gewesen. Und dann plante sie die eigene Beerdigung? Tilla ließ den Kopf hängen.

Als sie den Blick wieder hob, starrte sie auf die Vitrine mit dem restlichen Wedgwood-Porzellan. Die Polizei würde sagen, dass ihre Mutter einfach zu faul gewesen war, die Tasse ins Wohnzimmer zu bringen. Tilla wusste es besser. Hedera hatte an ihrem letzten Tag im Leben einen Besucher gehabt. Jemand, der versucht hatte, seinen Besuch zu vertuschen. Wer tat so etwas? Ein Mörder?

Nein, das konnte nicht sein. Den giftigen Sud hatte eindeutig ihre Mutter gekocht. Wer hatte schon Eisenhut in seinem Besitz? Oder eine Verabredung zum gemeinsamen Selbstmord? Es war aber keine zweite Leiche da. Hatte dieser rätselhafte Besucher sie zum Selbstmord getrieben? Oder nur vorgegeben, das Gift zu trinken? Hatte er sie ermordet? Mit Giftsud, den Hedera selbst gebraut hatte?

Tilla erstickte in Fragen, auf die sie keine Antwort wusste.

Kapitel 10


Bei den Celtae sind sowohl die Welt als auch die Seele des Menschen unvergänglich. Aber eines Tages werden nur noch Wasser und Feuer herrschen.

– Strabon IV, 4 –

Nach seiner Rückkehr von den Feuerklippen sammelte Thurizan die Seinen um sich. Er erzählte ihnen von seiner Zwiesprache mit den Göttern und ließ den Stein herumgehen. Fehuz, die Rune des Feuers, die darin zu sehen sei, stehe für einen Neuanfang, erklärte ihnen der alte Druide. Für Neuanfang, aber auch für Kampf. Aus dem Feuer werde er eine Waffe entstehen lassen, mächtiger als alle Waffen der Feinde zusammen. Gemeinsam dankten sie den Göttern für deren Rat. Alle betrachteten den Stein voller Ehrfurcht und nickten einträchtig. So deutliche Götterzeichen waren selten.

Thurizan kannte jeden Winkel seiner Heimat. Er wusste genau, wo er jenes Gestein fand, welches Metall enthielt. Es brauchte nur einen einstündigen Marsch, es zu finden. So brach er mit den Männern des Dorfes auf, um Erz zur Waffenherstellung zu bergen. Dieses Mal sammelten sie nicht, wie sonst, das Gestein mit den hellen Spuren des silbrigen Mondmetalles, sie suchten nach dunklem Erz mit roten Spuren darin. Es enthielt ein Metall, hart wie Alisannos’ Fels. Fast zwei Monde lang hatten alle zu tun, bis unzählige Körbe hin und her gewandert waren und ein großer Berg des schweren Erzgesteins vor dem irdenen Ofen im Dorf lag. Frauen und Kinder zerstießen das Erz in kleine Stücke.

In der Vollmondnacht des Gottes Lugh, der Nacht des Feuers, heizte Thurizan den irdenen Ofen mit geschwärztem Holze aus neunerlei Bäumen. Der Rauch stieg auf und Thurizan betrachtete ihn prüfend. Er wartete, bis die wirbelnde Säule weißer und grauer kleiner Wolken eine gerade Linie ergab. Nun wusste er, die Himmelsgöttin Brigidh nahm seines Feuers Atem ohne Umwege auf und schenkte ihnen damit ihr Wohlwollen. Nach einer Zeit begann Thurizan das zerkleinerte Gestein in den Schlot des Schmelzofens zu füllen. Weise in seinem Handwerk blies er die Glut, hielt inne, blies wieder und hielt wieder inne. Nach einer Weile prüfte er die Temperatur und betrachtete dazu die Glut. Alle sahen ihm interessiert zu. Er erklärte den Seinen, dass ihm die Farbe der Flammen verriet, wann jene Hitze erreicht sei, an dem das Eisen aus dem Erze zu rinnen beginne. Lächelnd wies er auf eine Grube unterhalb des Lehmschlotes. Unter großem Jubel der Dörfler begann sie sich mit einer feurigen Masse zu füllen, die sich einer Schlange gleich aus dem Rennofen wand. Die Fließfähigkeit des heißen Metalls behagte Thurizan wohl und er wusste, dies würde auch ohne Magie eine starke Waffe werden. Thurizan hatte weitere Erze mit anderen Mineralanteilen gesammelt, die, in wohl bemessenen Mengen dazugegeben, dem späteren Schwert genau die richtige Dichte zwischen spröde und biegsam geben würden. Keine andere Klinge würde dieses Schwert zum Bersten bringen, wohl aber vermochte diese Klinge ein anderes Schwert mit einem beherzten Streich zu entzweien.

So schmiedete der Druide die mächtige Waffe aus den Schätzen des Harces, welche ihm durch den Herrn der Elemente gegeben. Und Crodo war großzügig in seinen Gaben gewesen. Immer wieder hatte Thurizan das Schwert dem heiligen Feuer anheimgegeben und seine machtvollen Worte in den Rauch geraunt. Als letzten Schritt schmiedete er am Ende des Griffstückes eine eiserne Klaue aus kunstvollen Ranken, die den Sonnenstein sicher an seinem Platze hielt und doch genug des Lichtes hindurch ließ, auf dass das Zeichen des Feuers zu sehen sein würde. Nun war es vollbracht. Ein Kleinod von unvergleichlicher Schönheit und von großer Macht war entstanden. Ein Schwert nach Manier der Celtae, länger als das Gladium der Römer, schwerer als derer viere, glänzend, als habe der Sonnengott Belenus höchstselbst es berührt, der Griff verziert mit dem Metall des Mondes, endend in dem magischen Stein, der Feuer spie, wurde das Schwert in großem Zorn geführt.

Zwischen den Zeilen erkannte Tilla eine kleine Bleistiftskizze. Sie wusste, es handelte sich um die Skizze zu einem Ölbild, das ihre Mutter mal gemalt hatte. Es zeigte ein Schwert, das sich aus einer Flüssigkeit zu erheben schien. Früher hatte Tilla immer gedacht, ihre Mutter habe Excalibur, das Schwert König Artus, gemalt. Doch nun verstand sie dieses Bild im Zusammenhang mit der Geschichte. Um ein Schwert entstehen zu lassen, braucht es alle Elemente; Feuer, Wasser, Erde, Luft, hörte sie ihre Mutter wispern.

Seufzend ließ Tilla die Blätter mit der Harcylugh-Geschichte sinken. Überall im Haus nahm sie ihre Mutter wahr. Hier eine schwache Spur ihres Maiglöckchenparfums, dort ein Schatten, als husche Hedera gerade um die Ecke. Ihre Mutter war allgegenwärtig. Nur sie selbst existierte in diesem Haus nicht mehr.

Diese Feststellung hatte Tilla mehr als alles andere erschüttert, und sie verstand es nicht. Ihre Mutter hatte jede Spur von ihr getilgt. Kein einziges Foto von ihr hing an den Wänden, die früher unter der Last von Hederas Fotos und Zeichnungen von Tilla fast zusammenzubrechen drohten. Selbst Tillas Jungmädchenzimmer war zu einem unpersönlichen Gästezimmer umfunktioniert worden. Kraftlos saß Tilla auf dem Boden des Wohnzimmers und starrte in den Garten. Sie hatte zuletzt nicht gerade ein harmonisches Verhältnis zu ihrer Mutter gehabt, aber dass Hedera ihre Existenz geradezu aus diesem Haus herausradiert hatte, schmerzte unendlich.

Es hatte aufgehört zu regnen. Tilla stand auf, öffnete erst den einen, dann einen weiteren ihrer noch immer unausgepackten Koffer im Flur, bis sie ihre Laufschuhe gefunden hatte. Sie streifte sie über, schnappte sich ihre Jacke und verließ das Haus.

Nach einer viel zu kurzen Aufwärmphase lief Tilla in hohem Tempo den Waldweg entlang Richtung Stapelburg. Mit bösartiger Befriedigung registrierte sie die Warnzeichen ihres Körpers. Sie wusste sehr wohl, dass sie mal wieder die Grenzen überschritt. Es war, als wolle sie ihren Körper für das bestrafen, was geschehen war.

Ich bin schuld, ich bin schuld, ich bin schuld … hämmerte es bei jedem Schritt in ihrem Kopf und sie gab sich den Wellen des Schmerzes bewusst hin. Irgendwann kam jedoch der Punkt, den sie für sich immer mit ›Abheben‹ beschrieb. Die Seitenstiche hörten auf, der Atem fand seinen Rhythmus und die Muskeln spannten und entspannten nahezu ohne ihr Zutun. Rhythmisch und federnd lief sie Kilometer um Kilometer, bis sie die Ecker erreichte, wo sie sich nicht etwa eine Pause gönnte. In unvermindertem Tempo lief sie zurück Richtung Bad Harzburg. Doch nach einer Weile hatte sie das Gefühl, dass ihr die Lungenflügel zu zerspringen drohten, und verringerte die Geschwindigkeit. Im gleichen Maße, wie ihre Beine ruhiger wurden, verstärkte sich das Wirbeln ihrer Gedanken, was mehr schmerzte als ihre malträtierte Oberschenkelmuskulatur.

Sie hatte ihre Mutter verloren, sie hatte Nina verloren, sie war bestraft und als Hexe beschimpft worden. Und sie hatte jegliche Möglichkeit verloren, doch noch etwas über ihren Vater zu erfahren.

Fast war es, als hörte sie ihre Mutter flüstern: Deine Aura schwankt zwischen aggressivem Rot und unruhigem Orange …

»Ich weiß«, fauchte Tilla ins Nichts. »Dazu hab ich ja wohl auch allen Grund! Wie immer ist es dir auch diesmal gelungen, meinen Fragen elegant aus dem Wege zu gehen!«

Sie gab ein Geräusch von sich, das entfernt an den Kampfschrei orientalischer Frauen erinnerte, und trampelte auf dem Waldweg herum, als gelte es, ihn zum Einsturz zu bringen. Erst als sie sich etwas beruhigt hatte, merkte Tilla, dass ihr eisiger Wind entgegenpfiff. Mit einem ungnädigen Ruck zog sie den Reißverschluss ihrer Jacke hoch. In diesem Moment hüllte sie ein Sonnenstrahl ein, der dem kahlen Novemberwald ein kleines Stückchen Freundlichkeit gab. Tilla ließ sich die Sonne ins Gesicht scheinen. Sofort spürte sie, wie sich die dunklen Schatten ihrer Gedanken leichter zurückdrängen ließen.

So ist es recht, mein Kind, du musst dich erden, damit sich deine Energien mit denen der Natur verbinden. Die Kraft der Erde wird deine schlechten Energien verdünnen und damit umgestalten …

»Mutsch, lass mich in Ruhe! Meine Energien sind so explosiv, die reichen, um den halben Harz wegzusprengen.«

Es sind ungesunde Energien, die sich immer stärker mit deinem Selbst verbinden. Du kannst sie nur ableiten, indem du sie durch dich durchlässt und durchlebst. Nur dann kann die Wunde heilen ...

»Ich will aber nicht!« Tilla und zuckte vor der Heftigkeit ihrer eigenen Worte zusammen. Verstohlen sah sie sich um. »Heilige Göttin! Jetzt streite ich mich schon mit meiner toten Mutter auf einem Waldweg herum.« Es wurde Zeit, dass sie zurück nach Hause und zurück ins Leben kam. Es dämmerte bereits.

Die Tortur hatte sich gelohnt, denn es ging Tilla viel besser, gerade so, als habe man ihr einen viel zu engen Mantel vom Körper gestreift. Tief sog sie die erdige Herbstluft ein. Als sie aus dem Wald auf die Schotterstraße trat, die zu ihrem Haus führte, kam ihr ein dunkler Wagen entgegen. Erst dachte sie, er wolle vor ihrem Haus parken, doch dann fuhr der Wagen ruckartig wieder an und so dicht an ihr vorbei, dass Tilla in den Matsch gedrängt wurde. Verärgert starrte sie in die getönte Autoscheibe, durch die rein gar nichts zu sehen war. Sie blieb am Wegesrand stehen und staunte dem Wagen nach, der unberechtigt den Waldweg entlangfuhr.

Den Mann im Fond des Wagens traf der Anblick der jungen Frau am Wegrand wie ein Schlag. Die Emotionen, die ihn so unvermutet überkamen, erreichten erstaunlicherweise die Grenze dessen, was er kontrollieren konnte. Dennoch hätte nur ein Beobachter, der ihn sehr gut kannte, das Zucken der kleinen Narbe bemerkt, die seine rechte Augenbraue teilte. Aber da es niemanden gab, der ihn gut genug kannte, blieb sein Gefühlssturm unbemerkt. Starr blickte er die junge Frau an und wurde geradezu durchgeschüttelt von Erinnerungen, die viele Jahre zurücklagen. Die schlanke Gestalt, das flammend rote Haar, dieses Gesicht … unfassbar! Diese Ähnlichkeit erschien ihm unmöglich und doch ... Sie stand dort am Wegrand.

Die wortreiche Rede seines Sitznachbarn schroff ignorierend befahl er: »Nicht halten! Fahr weiter!«

Kapitel 11


Als Eisenschmiede und Bergleute gingen die Kelten in die germanische Mythologie ein. Wenn in Sagen von den hilfreichen Kleinen im Kapuzenmantel die Rede ist,so sind damit Kelten gemeint. So sind die Namen der Zwerge in der Germanischen Edda ausschließlich keltischen Ursprungs.

– Alexander Demandt, Die Kelten –

»Since 1992, the ore mines of the Rammelsberg and the Old Town of Goslar have been placed on the UNESCO World Cultural and Natural Heritage List for all Mankind.«, flötete Tilla und trabte energiegeladen vor einer Gruppe von Englisch sprechenden Touristen durch den Roederstollen her. »The Rammelsberg mine was shut down in 1988. Until then it used to be the only mine in the world which had been running continously for more than a thousand years.«, erzählte Tilla und verfiel unwillkürlich in den melodischen Singsang der englischen Sprache. Zu den dramatischen Pausen und der aufgeweckten Sprachmelodie gesellte sich Tillas temperamentvolle Körpersprache. Das Auditorium konnte kaum einen Blick von der jungen Frau wenden, deren wedelnde Arme immerfort neue Muster in die Luft malten. Währenddessen stellte Tilla fest, wie sehr sie diesen neuen Job mochte. Nach dem Auftrag in der Kaserne von Goslar war ihr alsbald die Anfrage ins Haus geflattert, ob sie als Touristenführerin arbeiten wolle. Sie hätte nie gedacht, dass ihr dies so viel Spaß machen könnte. Zwar verdiente sie keine Reichtümer, aber der Job im Museumsbergwerk brachte sie immer wieder mit neuen, interessanten Menschen zusammen. Ihr Leben bekam Struktur. Die tägliche Routine dämpfte den Schmerz der vergangenen Ereignisse etwas.

Der einzelne Mann, der sich heute ihrer Gruppe angeschlossen hatte, war ihr schon gleich am Anfang aufgefallen. Er hielt sich abseits, sprach mit niemandem, verfolgte jedoch ihren Vortrag überaus aufmerksam. Nichts an ihm sah nach Tourist aus. Er trug einen Mantel, den Tilla als teuer erkannte. Sein Alter war schwer zu schätzen. Sicher hatte er die fünfzig bereits überschritten, doch er war schlank und bewegte sich mit der Geschmeidigkeit eines jüngeren Mannes. Hin und wieder traf Tilla ein so intensiver Blick, der sie richtiggehend nervös machte. So hatte sie bei ihrer heutigen Führung mehrfach den Faden verloren. Sie erreichten die Waschkaue, ein riesiger Saal, in dem die Metallkörbe der einstigen Bergleute wie Bienenwaben an der Decke hingen. Mit dem lapidaren Angebot, gerne weitere Fragen zu beantworten, wollte sie schon Schluss machen, doch der Fremde kam ihr zuvor.

In einem mit leichten Härten durchsetzten Englisch sagte er: »Tausend Jahre erscheinen mir eigentlich etwas zu wenig für die Bergbaugeschichte des Harzes. Ich dachte, einmal gelesen zu haben, dass schon die Kelten hier dem Bergbau nachgingen.«

Tilla durchforstete ihr Gedächtnis. Bevor sie als Fremdenführerin angetreten war, hatte sie sich eingehend mit der Geschichte des Harzes beschäftigt. Vieles wusste sie aus ihrem Studium und auch von ihrer Mutter, deren Steckenpferd ja die Geschichtsforschung war. Tilla antwortete, die Sprache des Fremden benutzend: »Sie haben vollkommen recht. Nachweislich haben Kelten im Harz gelebt und da sie überall für ihre Fähigkeiten als Bergleute und Schmiede bekannt waren, ist anzunehmen, dass sie auch hier die Bodenschätze für ihr Handwerk gewonnen haben. Doch meines Wissens kam der gezielte Bergbau im Harz erst im siebten Jahrhundert langsam in Schwung, wenn auch basierend auf dem Wissen der Kelten.«

»Wann lebten die Kelten im Harz?«

Seine Fragen schienen ein ganz bestimmtes Ziel zu verfolgen. Tilla war etwas unwohl, was sich durch seinen starren, fast hypnotischen Blick erklärte, dennoch bemühte sie sich, ihn zufriedenzustellen.

»Archäologische Funde beweisen, dass die Kelten schon vor unserer Zeitrechnung hier gelebt haben. Auf genauere Daten bin ich bisher nicht gestoßen. Da die Kelten keine Aufzeichnungen machten, weiß man ja nicht viel über sie.«

Der Fremde nickte ihr zu, wobei Tilla dieses Nicken eher wie ein dezentes Lob vorkam, denn sie hatte nicht das Gefühl, ihm etwas Neues gesagt zu haben. Nachdem sich die Gruppe bei ihr bedankt und aufgelöst hatte, strebte auch Tilla nach draußen in die feuchte Kälte. Es war die letzte Führung für heute gewesen und sie sehnte sich nach einem Bad und einem heißen Tee. Eilig stapfte sie in ihren warmen Schnürstiefeln über den Parkplatz.

»Mrs. Leinwig?«

Fast hätte Tilla in hohem Bogen ihre Tasche von sich geworfen, so erschrak sie über den Fremden, der wie aus dem Nichts neben ihrem Wagen aufgetaucht war. »Holy Goddess! You frightened me!« Sie deutete das dezente Verziehen seines Gesichtes schon als höhnisches Amüsement, doch er entschuldigte sich artig, und dies zu Tillas großem Erstaunen in akzentfreiem Deutsch. Ihr Staunen mutierte zu unverhohlenem Ärger. »Woher kennen Sie eigentlich meinen Namen? Und wieso haben Sie mich auf Englisch angesprochen?«

»Ich habe mich nach Ihnen erkundigt und ich wollte Ihre Sprachkenntnisse testen«, antwortete ihr Gegenüber gelassen. Er blickte sie nachdenklich an. »Es fehlt Ihnen zwar an Impulskontrolle, aber ansonsten beherrschen Sie die Kunst, sich Gehör zu verschaffen, hervorragend.« Tillas Unmut ignorierend, überreichte ihr der Fremde seine Visitenkarte.

»Janus Borderfeld, Projektentwicklung und Beratung«, las Tilla vor und schaute ihn fragend an. »Was kann ich für Sie tun, Herr Borderfeld?«

»Ich denke, ich kann etwas für Sie tun, Frau Leinwig.«

Tilla schaute Borderfeld verblüfft an. »Ach tatsächlich? Na, da bin ich aber gespannt?« Sie bedauerte, sein Gesicht nicht deutlich sehen zu können, dazu war es bereits zu dunkel. Verdrossen nahm sich Tilla vor, nächstens in der Nähe einer Laterne zu parken.

Nach einer Weile klopfte er leicht auf die mit keltischen Knotenmustern verschönte Motorhaube ihres Autos. »Wie lange geben Sie Ihrem Wagen noch? Glauben Sie, dass dieses Gefährt den nächsten TÜV übersteht?«

Verdrossen grummelte Tilla: »Wollen Sie mir einen neuen Wagen anbieten?«

»Wenn wir ins Geschäft kommen, können Sie sich ohne Probleme selbst einen kaufen.«

»Ah … klasse! Wen muss ich dafür umbringen?«

»Ein interessantes Angebot, aber diese Stelle habe ich bereits anderweitig besetzt«, antwortete er.

Irgendwie kam Tilla das Bedürfnis abhanden, über diesen Witz zu lachen. Sie starrte den Fremden nur wortlos an.

»Ich möchte vielmehr Ihre Sprachfähigkeiten und Ihr enormes Geschichtswissen nutzen«, sagte er.

»Aha«, machte Tilla abwartend. Der Kerl nervte, trotzdem fühlte sie sich geschmeichelt.

»Eine wirklich schöne Kette, die Sie da tragen. So eine Arbeit habe ich schon lange nicht mehr gesehen«, bemerkte er beiläufig.

Verunsichert griff Tilla nach ihrem Amulett. Sie hatte ihren Mantel bereits geöffnet, da sie ihn im Wagen hatte ausziehen wollen. An diesem Abend trug sie den silbernen, in keltischen Rosenranken eingebundenen Drudenfuß von ihrer Großmutter. »Es ist ein Erbstück und schon sehr alt«, erklärte sie zögernd.

Er nickte. »Eine keltische Arbeit?« Obwohl er ziemlich leise sprach, hatte sie keine Probleme, ihn zu verstehen.

Tilla wurde das Gefühl nicht los, dass er die Antwort bereits kannte. »Ja, es stammt aus Wales.«

»Aus dem kraftvollen Waliser Silber«, murmelte er mit der Andeutung eines Nickens. Übergangslos sprach er weiter. »Ich betreibe hier in Deutschland einige Recherchen über mögliche Standorte meiner Geschäftsfilialen und auch Standorte für Investoren. Meine Nachforschungen über verschiedene Regionen sind recht unkonventionell. Die Geschichte möglicher Standorte nimmt einen großen Teil meiner Nachforschungen ein, gibt sie doch Aufschluss darüber, ob die Menschen Geschäfte wie die, die ich vermittle, zu tolerieren in der Lage sind. Über die Geschäfte oder die Investoren selbst werden Sie nichts erfahren.« Er legte eine kurze Pause ein und milderte seine Worte mit einem feinen Lächeln ab. »Jedenfalls vorerst nicht. Sie würden zunächst als freie Mitarbeiterin für mich tätig werden. Ich benötige regelmäßige Übersetzungen von Ihnen, etwa achtzig bis hundert Seiten im Monat, von deutschen Texten ins Englische. Einiges davon dient der Internetpräsentation für Investoren. Könnten Sie den Auftrag kurzfristig übernehmen?«

Tilla antwortete zögernd: »Nun, das klingt interessant. Ich denke, im Moment könnte ich durchaus etwas dazwischenschieben.«

Janus Borderfeld drehte sich ganz leicht, sodass etwas Licht auf sein Gesicht fiel. So konnte Tilla eine Andeutung von Zufriedenheit in den sonst so undurchsichtigen Zügen erkennen. »Ich würde Sie, weil es sich jeweils um sehr schnell zu bearbeitende Aufträge handelt, entsprechend höher bezahlen.«

Tilla war hin und her gerissen. Einerseits winkte ihr ein Auftrag, den sie brauchte wie ein Verdurstender eine Flasche Wasser, andererseits schrillte in ihrem Inneren ein ganzes Orchester von Alarmglocken. Dabei wusste sie ihr ungutes Gefühl mit nichts zu erklären. Der Mann war geschmackvoll gekleidet und verfügte über exzellente Umgangsformen, wenn man von seinem dominanten Auftreten absah. Obwohl sein Blick sie eindringlicher fixierte, als es die Regeln der Höflichkeit vorsahen. Dadurch hatte Tilla ständig das unangenehme Gefühl, dass er ihr zu nahe kam, obwohl er sich keinen Millimeter auf sie zu bewegt hatte. Dennoch trat sie nun einen Schritt zurück.

»Tja, Herr Borderfeld, Ihr Auftrag hört sich ja wirklich verlockend an. Wie würde unsere Geschäftsbeziehung denn ablaufen?«

»Sie haben mit der Visitenkarte eine E-Mail-Adresse erhalten, bei der Sie sich melden werden, sobald Sie zu Hause sind. Dann habe ich Ihre Daten. Sie werden bereits in den nächsten Tagen die ersten Texte erhalten, die Sie übersetzen. Ihre Übersetzung senden Sie per Mail an mich zurück. Ihre Bezahlung werden Sie in bar erhalten.«

Es gesellten sich weitere Alarmglocken hinzu. »In bar? Herr Borderfeld, das ist etwas ungewöhnlich …«

Er unterbrach sie. »Sehen Sie, Frau Leinwig, Deutschland ist ein völlig überbürokratisierter Staat, der es schwer macht, effizient zu arbeiten. Wir haben daher Ersatzmechanismen entwickelt, die nicht nur bestens funktionieren, sie bieten auch viele Vorteile.«

»Vorteile?«

»Ich sagte ja bereits, ich erwarte ein hohes Maß an Flexibilität von Ihnen. Dafür erhalten Sie das Vierfache dessen, was Sie normalerweise für diese Arbeit bekommen würden. Noch dazu erhalten sie die Summe vorab und in bar. Ob Sie Vater Staat daran teilhaben lassen, ist allein Ihre Sache.«

Tilla wusste noch immer nicht, ob er als Fee oder als Mephisto vor ihr stand.

Glattzüngig sprach er weiter. »Auf diese Flexibilität und auch auf Loyalität meiner Mitarbeiter, dazu gehört selbstredend auch Verschwiegenheit, lege ich großen Wert und bezahle auch gern dafür. Auch gebe ich langfristigen Engagements den Vorzug, viele meiner Leute arbeiten seit langen Jahren für mich und sind sehr zufrieden mit den Bedingungen. Für Sie wird die Tätigkeit der Übersetzerin eine Art Testphase werden. Ihre Sprachgewandtheit, Ihr Wissen und Ihre Präsenz, die Sie soeben in Ihrem Vortrag eindrucksvoll bewiesen haben, prädestinieren Sie durchaus auch für weitere Posten in meinem Unternehmen, das Sie nach der Probezeit besser kennenlernen werden.« Er fixierte sie einen Augenblick, bevor er weitersprach. »Da ich diesen Posten sehr kurzfristig besetzen muss, Sie springen quasi für jemand anderen ein, brauche ich eine verbindliche Zusage von Ihnen. Hier und jetzt. Also?«

Angesichts eines so verlockenden Angebotes gebot Tilla sämtlichen Alarmglocken augenblicklich zu schweigen. »Nun ja … äh … ja!« Sie rang sich ein Lächeln ab.

Borderfeld nickte zufrieden, drehte sich um und verschwand in der Dunkelheit. Tilla starrte dem schwarzen Rücken nach. Arbeiten, ohne zu fragen? War das klug? Unsinn. Jeder Arbeitgeber war anfangs vorsichtig. Testphase hatte er es genannt, das war in Ordnung. Und Übersetzerin, das klang doch seriös. Sie müsste verrückt sein, diese Chance nicht zu ergreifen.

Kapitel 12


Schwerter, weiß ich, liegen in Sigarsholm. Viere weniger als fünf mal zehn.

Eins ist von allen das Beste, der Schilde Verderben, beschlagen mit Gold.

– Edda, Das Lied von Helgi, 8 –

»Meister Hermann?«, fragte Arthur devot und blieb vor dem großen Schreibtisch stehen. Hinter dem unterwürfigen Sekretär betrat Magnus mit fast unhörbaren Schritten das lichtdurchflutete Arbeitszimmer von Hermann Bordfeld. Der wandte sich jedoch zunächst an seinen ältlichen Sekretär und übergab diesem eine der Visitenkarten, die er Tilla überreicht hatte.

»Sie kennt mich unter dem Namen ›Janus Borderfeld‹. Das auf der Karte angegebene E-Mail Postfach werde ich ausschließlich persönlich verwalten.«

Arthur blickte etwas indigniert drein, nickte aber beflissen und entfernte sich.

Abschätzend betrachtete Hermann das gefällige Äußere seines Adlatus Magnus. Es konnte für seine Zwecke hilfreich sein. Das hellblonde Haar war zwar eine Spur zu kurz geschnitten, um ihm das Aussehen eines Herzensbrechers zu geben, doch Hermann wusste genau, wie Magnus auf andere Menschen wirkte. Vor allem seine Augen waren von einem so intensiven Blau, dass er ohne großen Aufwand alle gewünschten Informationen bekam, die er haben wollte. Entweder durch seine Augen oder durch seine Fähigkeiten, anderen Schmerzen zuzufügen. Doch meist reichten seine Augen. Merkwürdig, dachte Bordfeld bei sich, dass die Menschen blauen Augen stets so viel Vertrauen entgegenbrachten.

Der junge Mann war der beste Kämpfer seiner Division und wusste seine Fähigkeiten hervorragend einzusetzen. Er war clever und ehrgeizig. Letzteres machte ihn für Hermann immer ein wenig gefährlich. War Magnus es wert, dass er ihn in seinen neusten Plan einweihte? Hermann musterte ihn überlegend. Magnus nahm diese Musterung gelassen hin.

»Was hast du für mich?«, fragte Hermann.

»Der Kauf des Häuserkomplexes in Salzgitter ist dingfest. Soll ich das übliche Konzept zusammenstellen?«

»Eine gute Gegend für uns«, antwortete Hermann. »Wir werden dort die ganze Palette anbieten.«

»Auch den Schwertkampf?«

»Ja. Es gibt dort mehrere Standorte, wo Mittelalterfeste stattfinden. Unsere Braunschweiger Gruppe ist zu dünn besetzt. Vielleicht lässt sich das verbinden.«

Magnus ließ nicht erkennen, ob er die Entscheidung seines Chefs positiv oder negativ bewertete. Er nickte und sagte dann: »Ich habe übrigens diesen Harald Schakenbeck gefunden. Er arbeitet für das Sozialamt in Goslar. Hier ist seine Adresse.«

Hermann nahm den Zettel mit der Adresse entgegen und legte ihn zur Seite. Er hatte keine Lust, Magnus zu erklären, was es damit auf sich hatte, aber er wusste auch, dass er sich bald entscheiden musste, ob er ihm vertraute. Vielleicht war es doch besser, jemand anderes mit heranzuziehen. Wenn er Magnus‘ Aufgaben anderweitig verteilte, war sein Adlatus quasi degradiert und würde keine Fragen mehr stellen. Aber würde er dann noch bleiben?

Hermann hatte sich seine heutige hohe Position nach seiner Genesung hart erarbeitet. Es hatte lange gedauert, bis man ihn an der Aufstiegshierarchie des Ordens wieder teilhaben ließ. In der Zeit davor hatte er so manches Mal mit dem Gedanken gespielt, sich abzusetzen und zur Fremdenlegion zu gehen. Magnus war genauso ungeduldig wie er selbst. Die Organisation brauchte Männer wie ihn.

»Hast du sie beobachtet? Wohnt sie allein?«

»Hin und wieder bekommt sie Besuch von einem Nachbarn«, erklärte Magnus. »Neulich war mal ein Bundeswehrsoldat bei ihr. Er und sein Bruder waren Mitbewohner von ihr aus Braunschweig.«

Hermann nahm die Information wortlos hin und wollte sich schon seinen Unterlagen widmen, als er merkte, dass sich Magnus nicht entfernte. Er sah auf.

»Wer ist sie?«, fragte Magnus. Sein Blick wich keinen Deut.

Hermann betrachtete Magnus kühl. Allein die Frage war ein Affront. Beide wussten das. Hermann wartete, bis das linke Lid seines Gegenübers leicht zu zucken begann. Zufrieden beendete er das Duell. Er beugte sich leicht nach vorn und sah Magnus eindringlich an. »Magnus, wie viel weißt du über den Sonderauftrag H unseres allseits geschätzten Heinrich Himmler?«

Kapitel 13


Die Kelten bewiesen eine leichte Fassungsgabe, vor allem für Sprachen.Sie beherrschten das Griechische ebenso wie Latein.

– Georg Grupp –

Tilla saß an ihrem Computer und tippte fast ohne abzusetzen. Sie hätte nie gedacht, dass ihr das Übersetzen so leicht fallen würde. Mit Borderfelds regelmäßig eintreffenden Aufträgen und dessen Honorar hatte sich für Tilla einiges verändert. Nicht nur, dass die meisten ihrer Rechnungen beglichen waren, sie hatte damit auch den Anfang für grundlegende Veränderungen in ihrem Leben gefunden. Es läutete an der Tür. Energiegeladen sprang Tilla auf, denn dort warteten weitere Veränderungen. Ihre Mitte kribbelte etwas, als sie Gerred Assmut die Tür öffnete. Doch da sie sich, was Männer anging, Zurückhaltung befohlen hatte – der Ausdruck Nymphomanin hatte sie im Gerichtsprozess doch nachhaltig getroffen –, begrüßte sie ihn zwar freundlich, aber mit der gebührenden Distanz.

Über seine Schulter hinweg sah sie Astrid Volkers aus ihrem Wagen steigen. Die Freundin ihrer Mutter begrüßte Gerred zu Tillas Überraschung sehr innig. »Gerred, wie geht’s dir und Dana?«

»Danke, mir geht es gut. Dana braucht noch etwas, um den Schock zu verdauen, aber es geht schon wieder«, antwortete Gerred Assmut.

»Gut! Sag Bescheid, wenn du Hilfe brauchst«, bot Astrid an.

Er nickte dankbar.

Offenbar ging es um die junge Frau, die Tilla nun schon mehrfach bei ihm gesehen hatte. Niemand schien sie aufklären zu wollen und so kämpfte Tilla das bohrende Gefühl, außen vor zu sein, nur mühsam zurück. Sie führte die beiden ins Wohnzimmer, wo sich Gerred abschätzend umsah.

»Und diese Möbel wollen Sie alle wegwerfen?«, fragte er ungläubig.

Bevor Tilla ein grimmiges »Ja!« von sich geben konnte, warf Astrid erstaunt ein: »Du meine Güte, sagt bloß, ihr siezt euch? Ihr ward vielleicht keine Sandkastenfreunde, aber ihr müsstet euch doch von früher kennen.«

Tilla blickte Gerred Assmut ins Gesicht, wobei sie noch immer die Narbe auszusparen versuchte. »Stimmt! Bleiben wir doch beim Du!«

Gerred Assmut lächelte kurz und nickte. »Gern!«

»Und nun zu Gerreds Frage … du willst doch sicher nicht all diese Möbel wegwerfen, oder?«

»Na ja …« Tilla sah sich verunsichert um. Eigentlich hatte sie genau das gewollt. Sie hatte Gerred angerufen und ihn gefragt, ob er jemanden wüsste, der an den Sachen interessiert sei.

Astrid nahm sie in den Arm. »Tilla Liebes, ich verstehe ja, dass du dieses Haus verändern und zu deinem Heim machen willst. Aber stell die Möbel doch einfach erst mal in den Keller. Dann kannst du in aller Ruhe überlegen, was du damit machen willst.«

»Hm, ja, okay«, lenkte Tilla mit einem Anflug von Erleichterung ein. Natürlich war ihr klar, dass ihr Entschluss eine Trotzreaktion gewesen war, aber sie hatte einfach den Weg zurück nicht gefunden. Astrid bot ihr den Ausweg.

»Du wirst sehen, wenn sich deine Seele beruhigt hat, dann stellst du fest, wie sehr du an diesen Möbeln hängst«, prophezeite Astrid und fügte humorig dazu: »Obwohl die meisten tatsächlich eher funktionell als schön sind.«

Tilla musste lächeln, während ihr Blick durch das Wohnzimmer glitt, um dann an Paris hängen zu bleiben, die sie mit ihren gelben Augen fixierte. Die Katze hatte sich auf Großmutter Leandras Sessel niedergelassen, als wolle sie sagen: Der bleibt hier!

Tilla grinste die Katze an. »Ist ja gut. Der Sessel wird nicht angerührt!« Paris antwortete mit einem kurzen Maunzen. An Gerred gewandt erklärte Tilla: »Weißt du, Mutsch, meine Mutter, hat nie viel Wert auf Äußerlichkeiten gelegt. Sie brauchte einfach Platz, um ihre Habe unterzubringen. Daher ist die Zusammenstellung der Möbel hier etwas stil- und lieblos geraten. Der einzige Raum, in dem meine Mutter wirklich lebte, war ihre Kräuterapotheke.«

»Kräuterapotheke?«, echote Gerred interessiert.

»Ja«, antwortete Tilla. »Die bekommt Astrid.«

Gemeinsam verließen sie das Wohnzimmer. Vor dem Apothekenzimmer verhielt Tilla einen kurzen Augenblick. Sie hatte es bisher vermieden, den kleinen Raum zu betreten, in dem sie die Präsenz ihrer Mutter ganz besonders deutlich zu spüren glaubte. Nun öffnete sie die Tür mit einer resoluten Bewegung. Sechs schmale, raumhohe Schrankwände ragten gegeneinandergestellt in den Raum. Sie bestanden aus kleinen, mit hellen Intarsien verzierten Schubladen. Jede war mit einem runden Porzellangriff versehen. Darunter prangte, ebenfalls aus Porzellan, ein Schildchen, mit einem Hinweis auf den Inhalt.

Völlig fasziniert sah sich Gerred um. »Unglaublich! So etwas Schönes hab ich noch nie gesehen.« Versonnen strich er über die rotbraunen Wangen der Schränke.

Seine Begeisterung rührte Tilla. Sie wandte sich mit feuchten Augen ab und schritt durch den schmalen Gang bis zum Fenster. Astrid studierte derweil eine an der Wand hängende Karte des Harzes, in die kleine Fähnchen gepikt waren, die auf Pflanzenfundorte hinwiesen. Eine hölzerne Arbeitsplatte direkt am Fenster nahm die gesamte Zimmerbreite ein, rechts und links gesäumt von Regalen, gefüllt mit Fachbüchern über Kräuterheilkunde. Auf dem Tisch mit der groben Holzplatte stapelten sich Utensilien zum Bearbeiten der getrockneten Pflanzen und eine alte Waage nebst einem Kasten mit unzähligen Messinggewichten, die zum Teil mit Pinzetten bewegt werden mussten. Sonnenstrahlen spiegelten sich in der Damaszenerklinge von Hederas Messer, das auf seinen nächsten Auftrag zu warten schien. Die Lade mit dem Eisenhut hatte Tilla zurück in den Schrank geschoben. Nun betrachtete sie den Platz, wo sie gestanden hatte, mit Widerwillen.

»Wirklich unglaublich«, wiederholte Gerred hinter ihr. »Nicht nur, dass diese Apothekenschränke eine herrliche Handwerksarbeit darstellen, auch diese Raumaufteilung ist ideal.« Mit begeistertem Blick sah er sich um. »Das Zimmer ist ja keineswegs groß und doch hat man das Gefühl, in einem Saal zu stehen. Ich komme mir vor wie in Harry Potters Hogwarts.«

Tilla lachte herzlich. »Ja, früher hab ich den Raum auch immer Zauberzimmer genannt. Aber ich durfte hier nur spielen, wenn Mutsch dabei war.«

»Tja, bei dem, was hier lagert, war das sicher nicht verkehrt.« Gerred fuhr mit den Fingern sanft über die Porzelanschildchen an den Laden. »Herba Verbenae, Urvae Ursi Folium, Radix Digtamni … Ich wünschte, ich verstünde etwas davon«, murmelte er ehrfürchtig.

Tilla lehnte an der Wand. Die botanischen Namen erschienen ihr plötzlich wie etwas unendlich Vertrautes. Wie von selbst kullerten ihr die Worte aus dem Mund: »Herba Verbenae wird auch Druidenkraut genannt. Meine Mutter setzte es bei bestimmten Magenbeschwerden ein. Urvae Ursi Folium sind Bärentrauben zur Entgiftung der Niere und Radix Digtamni brauchst du sicher nicht, es reguliert die Monatsblutung.«

»Gut!«, lobte Astrid erstaunt. »Ich hätte gar nicht gedacht, dass du so viel behalten hast.«

Tilla grinste. »Ja ja, hast wohl gedacht, ich hätte nur Hanf und Hopfen im Sinn, nicht wahr?«

»Hanf und Hopfen?«, fragte Gerred.

»Cannabaceae«, erklärten Astrid und Tilla unisono.

Tilla erklärte lächelnd: »Cannabis wird in der Schmerztherapie eingesetzt. Die meisten Hanfgewächse werden zur Beruhigung, also bei Schlafstörungen und bei leichten Depressionen eingesetzt, wie etwa der Hopfen.«

»Ach, Hopfen ist Hanf?«

»Ja. Aber der wirklich interessante Hanf ist der Rauhanf. Nur er enthält das Tetrahydrocannabinol. Wenn du ihn findest und die Lade öffnest, muss ich dich umbringen«, erklärte Tilla mit unschuldigem Augenaufschlag.

»Okay, schon gut«, lachte Gerred.

Tilla wanderte die Gänge ab und stutzte. Eine der Laden war nicht richtig zugeschoben. Ihre Mutter hatte stets darauf geachtet, dass sie sorgfältig geschlossen waren, um Verunreinigungen durch ätherische Öle anderer Pflanzen und Nachtrocknung zu verhindern. Vielleicht hatten die Polizisten sie aufgezogen. Warum hatte sie die offene Lade nicht bemerkt, als sie das letzte Mal hier gewesen war und das Aconitum Napellus zurück in den Schrank geschoben hatte? Tilla ging hinein und schloss die Schublade sorgfältig. Auch Astrid bemerkte es und runzelte die Stirn.

»Warst du das?«, fragte sie mit leichtem Tadel.

Tilla schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, muss ich ja wohl. Mist. Ich bin die letzte Zeit so zerstreut.«

»Ist ja auch kein Wunder«, stellte Astrid versöhnlich fest.

»Und Hedera hat all diese Kräuter selbst gesammelt?«, fragte Gerred.

»Ja, die meisten davon«, antwortete Astrid. »Hier im Harz findet man eine selten reichhaltige Auswahl. Deswegen die Karte.« Astrid wies auf die Harzkarte neben ihr an der Wand. »Hedera arbeitete am liebsten mit den einheimischen Wildpflanzen. Sie sagte immer, dass die Menschen auf die Pflanzen ihrer Region am besten reagieren. Bei exotischen Pflanzen käme es oft zu allergischen Reaktionen. Ich habe viel von ihr bezogen und bei meinen Patienten eingesetzt. Selbst in der Dosierung habe ich mich völlig auf Hederas Erfahrung verlassen.« Astrid hielt kurz inne. Als der Anflug von Trauer sich legte, zeigte sie auf ein paar Laden in der Nähe der Tür. »Aber auch in der Pflanzenheilkunde gibt es Trends. Bei einigen Patienten musste es unbedingt Ginseng, Haronga oder Teebaumöl sein. Die hat Hedera dann bei speziellen Händlern bestellt.«

»Und nun arbeitest du mit Hederas Kräutern weiter?«, fragte Gerred.

Zögerlich antwortete Astrid. »Ja, ich werde es versuchen.«

Tilla hatte still zugehört. Sie wusste, Hedera hätte gewollt, dass Astrid ihre Arbeit fortsetzte, doch nun wurde ihr mulmig bei dem Gedanken, dass die Apotheke dieses Haus verließ. Forscher, als ihr zumute war, verkündete sie: »Wenn die Apotheke weg ist, werde ich die Wand hier einreißen und das Wohnzimmer vergrößern. Natürlich nur, wenn du mir versprichst, dass das Haus nicht zusammenfällt, wenn ich der Wand mit einem Vorschlaghammer zu Leibe rücke.«

Gerred betrachte die Wand kurz und klopfte an verschiedenen Stellen. »Nein, es ist keine tragende Wand. Aber überlass den Vorschlaghammer besser mir.«

Tilla grinste. »Nichts dagegen, danke!«

Astrid trat an Tilla heran und strich ihr über die Schultern. »Tilla-Schatz, du weißt, dass ich für diese Apotheke morden würde, aber es erscheint mir nicht richtig, dass du sie weggibst. Die Kräuter, ja, die hole ich gern ab. Aber die Schränke sollten bleiben.« Astrid sah sich sinnend um. »Kräuter waren Hederas Leben«, murmelte sie.

»Und ihr Tod«, stellte Tilla brüsk fest.

Bleierne Stille machte sich breit. Tilla blickte scheinbar abwesend aus dem Fenster, bis es plötzlich aus ihr herausplatzte wie überreifer Samen nach einem Sommerregen.

»Ich kann mir einfach nicht erklären, warum sie diesen Scheiß Sud aus Eisenhut getrunken hat.« Abrupt drehte sie sich herum und flüchtete, eine Bresche durch ihre Besucher schlagend, in ihr Wohnzimmer. Astrid und Gerred folgten ihr langsam.

Tilla tappte nervös im Wohnzimmer hin und her. »Wenn es jemand gibt, dem ich nie und nimmer einen Selbstmord zugetraut hätte, dann meiner Mutter. Sie war wie ein Fels.«

»Ja, das war sie.« Zögernd meinte Astrid: »Eine Woche vor ihrem Tod habe ich noch mit Hedera gesprochen. Es deutete nichts, aber auch gar nichts darauf hin, dass sie so etwas vorhatte. Ich hab unseren letzten Nachmittag schon tausende von Malen Revue passieren lassen. Ich verstehe es auch nicht.«

Astrids Worte taten Tilla unendlich gut. Sie war unschlüssig, ob sie ihren Freunden von ihrem Verdacht berichten sollte, der ihr plötzlich mehr als abwegig vorkam. Dennoch begann sie: »Mir ist da etwas aufgefallen, als ich die Küche aufräumte. Mutsch hatte an jenem Abend das alte Wedgwood gedeckt, die Kanne und eine Tasse standen auf dem Tisch. Aber eine weitere Tasse hab ich im Küchenschrank gefunden!«

»Was?«, entfuhr es Astrid. »Das Wedgwood hat sie nur benutzt, wenn Besuch da war …«

»Und eine zweite Tasse stand im Küchenschrank?«, hakte Gerred nach.

»Ja. Abgesehen davon, dass meine Mutter diese Tasse nie in den Küchenschrank stellen würde, war sie gespült. Und die Polizei war das nicht. Als ich sie fand, war keine zweite Tasse auf dem Tisch.«

»Hedera hatte also einen Besucher? Jemand, der hinterher die Tasse gespült hat?«, fragte Gerred ungläubig. »Bei einem Besucher würde man ja sogar an ein Fremdverschulden denken müssen. Aber es gab doch keine Kampfspuren, oder?«

»Nein«, sagte Tilla leise. Dann fragte sie hilflos: »Kann es sein, dass sie sich mit jemandem dazu verabredet hat … also zum gemeinsamen Selbstmord, und der Besucher einen Rückzieher gemacht hat?«

Astrid sah sie bestürzt an. »Wer sollte denn das gewesen sein?«

»Da hatte ich mir von dir eine Antwort erhofft«, gab Tilla leise zurück.

»Da fällt mir absolut niemand ein! Außerdem, ein Doppelselbstmord, das passt so gar nicht zu Hedera.«

Tilla wurde unsicher. »Stimmt eigentlich.«

»Trotzdem ist diese zweite Tasse äußerst merkwürdig. Hast du sie zur Polizei gebracht?«, fragte Gerred.

»Äh, nein … ich kam mir so dumm vor. Ich habe Angst, dass die sagen, die Tasse hätte gar nichts zu bedeuten und dass Mutsch einfach nur vergessen hat, sie zurück ins Wohnzimmer zu stellen.«

»Hatte deine Mutter denn Feinde?«, hakte Gerred vorsichtig nach.

»Nein!«, erklärte Astrid kategorisch.

Tilla fügte hinzu: »Meine Mutter hat sich tatsächlich außer mit mir noch nie mit jemandem gestritten. Bis auf …« Tilla brach ihre Rede nachdenklich ab.

»Was?«, fragte Gerred.

»Na ja, damals in Braunlage, da hat es wohl mal so was wie einen Stalker gegeben.« Tilla blickte hilfesuchend zu Astrid. »Was genau ist da eigentlich damals vorgefallen?«

Astrid starrte Tilla verstört an und sagte überraschend abweisend: »Ich weiß wirklich nicht, was du meinst.«

»Aber ist sie nicht deswegen dort weggezogen?«, fragte Tilla erstaunt nach.

»Nein, so war das nicht. Außerdem spielt das heute keine Rolle mehr, es ist immerhin dreißig Jahre her!«, wiegelte Astrid ab.

Tilla wunderte sich noch über Astrids brüske Worte, da stellte Gerred mit Blick auf ein Foto an der Wand fest: »Interessant. Das ist ja eine Collage.«

Tilla sah ihm über die Schulter und stellte verwundert fest, dass er recht hatte. Auf dem alten Foto von ihrer Mutter klebte ihr eigenes Gesicht. Das Bild hatte sie noch gar nicht bemerkt. Wieder erfüllte es sie mit Schmerz, dass sich im Haus kein einziges Foto von ihr mehr befand. Nur dieses. Ihr Gesicht über dem ihrer Mutter. Eine Träne löste sich, die sie unwillig wegwischte.

»Was ist?«, fragte Gerred vorsichtig.

»Die Fotos von mir, sie sind weg, alle. Nur dieses gibt es noch. Sie hat mein Gesicht von einem ähnlichen Foto ausgeschnitten und auf eines ihrer Fotos geklebt, was ich jetzt erst bemerke. Ich verstehe das alles nicht.«

»Sie hat deine Fotos weggehängt?«, fragte Astrid fassungslos.

»Nicht nur weggehängt, sie sind ganz weg«, gab Tilla unwillig zurück.

»Und wieso dann diese Collage?«, fragte Gerred.

»Wenn ich das wüsste«, murmelte Tilla.

Kapitel 14


Siegrunen schneide, wenn du den Sieg willst haben;

Grabe sie auf des Schwertes Griff;

Auf die Seiten einige, andere auf das Stichblatt,

Und nenne zweimal Thyr.

– Edda, Das Lied von Sigrdrifa 6 –

Harald Schakenbeck trat in den spärlichen Schein der Straßenlaterne. Er fröstelte. Eigentlich war es gar nicht so kalt, aber die stetige Feuchtigkeit der letzten Tage zog einem durch jedwede Form von Kleidung und ließ die Temperatur niedriger erscheinen, als sie war. Er wünschte, es würde endlich schneien. In drei Tagen war Weihnachten. Hin und wieder hatte er die Kuppe des Rammelsberges schon leicht überpudert gesehen, doch bisher waren sie über herbstliches Schmuddelwetter noch nicht hinausgekommen. Er seufzte.

Grundsätzlich mochte er seinen Job, doch heute war er so frustriert wie schon lange nicht mehr. Er hatte Hülya Gülcan, eine junge Türkin, besucht. Das Mädchen hatte ihr schönes Gesicht zwar sittsam gesenkt, als ihr Vater und ihr blutjunger Ehemann gemeinsam angefangen hatten, auf sie einzubrüllen, doch Harald Schakenbeck war die Verzweiflung in Hülyas Augen keineswegs entgangen. Sie hatte im nächsten Frühjahr ihr Abitur machen wollen, doch nun war sie schwanger. Ihre Familie verbot ihr, aus dem Haus und zur Schule zu gehen.

Harald Schakenbeck war seit vielen Jahren Sozialarbeiter. Er hatte sich einen guten Ruf geschaffen, denn er konnte gut mit jenen Jugendlichen umgehen, denen gern mal die Pferde durchgingen. Er wusste nur allzu gut, wie sich so etwas anfühlte und wie süß die Erleichterung schmeckte, wenn man seine Wut an einem anderen Menschen ausgelassen hatte. Allerdings kannte er auch den bitteren Nachgeschmack davon und wie lange es an einem zerrte. Er hatte all das selbst erlebt und hinter sich gelassen. Mit seinem Erfahrungsschatz gelang es ihm sehr oft, die richtigen Worte zu finden, um die zornigen jungen Männer und Frauen zu erreichen. Aber dieser Job hier lag ihm so gar nicht. Gerne hätte er Hülya an seine Kollegin abgetreten, doch er wusste natürlich, traditionelle türkische Familien sprachen nicht mit weiblichen Mitarbeitern.

Geduldig hatte er gewartet, bis sich die Männer etwas beruhigt hatten. Im Laufe der Jahre hatte er ein wenig Türkisch gelernt, aber das, was heute zu der jungen Frau mit den schönen Märchenaugen gesagt wurde, hätte er am liebsten nicht verstanden. Hülya war eine intelligente junge Frau, der alle Chancen offen gestanden hätten, wäre sie nicht in den Traditionen ihrer Herkunft gefangen. In höfliche Worte gekleidet, hatte man ihm zu verstehen gegeben, dass man seine Einmischung nicht weiter dulden würde. Als er ging, streifte ihn ein scheuer Blick von Hülya. Die großen dunklen Augen des Mädchens verstanden es, ihm in diesem kurzen Augenblick gleichzeitig eine Warnung und Dank zukommen zu lassen, bevor sie wieder sittsam niedergeschlagen wurden und sich an dem grauen Laminatboden vor ihren Füßen festsaugten.

Mit ungnädig stampfenden Schritten überquerte Schakenbeck die Straße und ließ sich in seinen Wagen fallen. »Heute brauche ich wirklich einen guten Schluck Wein«, murmelte er unendlich müde vor sich hin, als ihm auch noch der Autoschlüssel hinunterfiel. Das Kinn ans Steuer gequetscht, fischte er mit den Händen im Fußraum herum, bis er endlich den metallenen Haufen ertastete. In diesem Moment löste sich eine schlanke Gestalt in Mantel und dunkler Mütze von der völlig im Dunklen liegenden Hausfassade und kreuzte mit schnellen Schritten die Fahrbahn. Wie ein Geist verschwand der Mann in der nächsten Seitenstraße.

»Meine Güte, da kriegt man ja einen Herzinfarkt«, murmelte Schakenbeck, bevor er den Schlüssel ins Zündschloss friemelte. Mit gehorsamem Brummen meldete sich der Motor.

Später, mit dem Rotweinglas in der Hand beobachtete Harald Schakenbeck seine Lore, während leckerer Essensduft durch die Wohnung zog. Er ahnte, was kam. Sie hatte schon mehrfach zu ihm hingesehen, seit sie das Telefongespräch angenommen hatte. Es passierte eigentlich nicht so häufig, dass seine Schützlinge sich abends meldeten, aber es kam vor. Lore dagegen arbeitete im Katasteramt, ihr Feierabend war stets endgültig.

Mit den Worten: »Es ist ein Mann, der sagt, er riefe im Auftrag von einer Hülya an …«, übergab ihm Lore den Hörer.

»Hülya Gülcan? Hoffentlich ist nichts passiert.« Harald Schakenbeck nahm eilig den Hörer ans Ohr, meldete sich mit kurzem »Ja« und hörte dann stirnrunzelnd zu. »Beim Klusfelsen? Sie ist bis zum Klusfelsen gelaufen? Du meine Güte, die Arme. Ja, ich fahre gleich hin und suche sie. Und Sie sind …?« Harald Schakenbeck blickte den plötzlich verstummten Hörer an. »Anonym. Na gut. Hauptsache es gibt überhaupt jemanden, der sich um das arme Mädchen sorgt.«

Woher hatte der anonyme Anrufer seine Nummer? Eigentlich hätte sich Harald Schakenbeck dieser Frage sorgfältiger widmen müssen, doch die Sorge um das Mädchen mit dem werdenden Leben im Leib drängte alles beiseite.

»Ich begleite dich«, bot Lore Schakenbeck an und schickte sich an, nach ihrer Jacke zu greifen. Doch Harald strich seiner Frau liebevoll über die Wange.

»Nein, lass nur Lorchen. Ich weiß nicht, wie sie reagiert, wenn sie jemand bei mir sieht, den sie nicht kennt. Und warte nicht auf mich. Wenn möglich, bringe ich sie noch heute Nacht woanders unter. Es könnte spät werden.« Er küsste seine Frau, suchte seine Sachen zusammen und verließ die Wohnung.

Nur eine Stunde später lag Harald Schakenbeck bäuchlings auf dem Boden im Mondschatten des Klusfelsens. Seine Wange ruhte schwer auf einer moosigen Sandsteinplatte. Es roch nach feuchtem Laub. In seinem begrenzten Blickfeld tauchten mehrere lederverhüllte Füße auf, doch es blieb still. Niemand sprach. Der Schmerz, als ihm der Stahl in den Leib gefahren war, hatte bereits nachgelassen. Es fühlte sich nur noch wie ein dumpfes Pochen an. Widerstandslos hatte er sich auf den blutenden Bauch legen lassen. Grob hatte man ihm gegen die Fußknöchel getreten, sodass diese nun dicht beieinander lagen. Als jemand nach einem seiner Arme griff, um ihn in die richtige Position zu ziehen, geriet verschwommen der untere Teil einer Tätowierung in seinen Blick. Doch der Gedanke, dass er so etwas schon einmal gesehen hatte, zerfaserte sofort wieder. Es spielte sowieso keine Rolle mehr. Harald Schakenbeck wusste, dass er keine Möglichkeit mehr bekommen würde, jemandem davon zu erzählen. Sein Leben sickerte unwiederbringlich in die sandgefüllte Feuerstelle unter ihm, die früher von Pilgern der Klus genutzt worden war. Ganz kurz kam ihm in den Sinn, ob seine Seele nun vielleicht den legendären unterirdischen Saal zu sehen bekäme, den man der Sage nach nur mit einer magischen blauen Blume öffnen konnte. Der goldene Saal sollte sich doch irgendwo unter ihm befinden. Er war zu müde, den Gedanken weiter zu verfolgen. Die Geräusche um ihn herum wurden dumpf, als entfernten sie sich von ihm. Die ganze Welt schien sich von ihm zu entfernen, oder entfernte er sich von der Welt?

Er bedauerte, dass er und seine Frau nun auf all die gemeinsamen Reisen würden verzichten müssen, für deren Verwirklichung nach der Pensionierung sie so lange gespart hatten. Er bedauerte auch, dass sein Tod ausgerechnet drei Tage vor Weihnachten geschah und seine Familie darunter besonders würde leiden müssen.

Seine Verwunderung über das, was hier passierte, hielt sich in Grenzen. Eigentlich hatte er immer geahnt, dass er für seine Jugendsünde irgendwann würde bezahlen müssen. Allerdings konnte er sich nicht erklären, wie der Mann diese Nacht vor dreißig Jahren überlebt haben konnte. Noch weniger verstand er, warum der sich dann mit seiner Rache so lange Zeit gelassen hatte. Was Harald und achtzehn weitere junge Männer damals getan hatten, war der Grund für das hier. Und es war bestimmend für sein ganzes weiteres Leben gewesen. Er hatte geglaubt, einen Menschen getötet zu haben, und hatte dreißig Jahre dafür gebüßt – auf den Tag genau dreißig Jahre.

Die Fragen, die ihm dieser Mann jetzt stellte, konnte Schakenbeck gar nicht einordnen. Gerade er musste doch die Antworten kennen. Die Antwort nach dem Warum der Jagd auf ihn vor dreißig Jahren. Harald Schakenbeck hatte seinen Henker nur völlig verständnislos angeblickt und geflüstert: »Du hast sie vergewaltigt und gebrochen. Wieso stellst du mir so eine Frage?«

Noch verwirrter war er, als den Schmerz sah, den er mit dieser Aussage bei seinem Gegenüber hinterließ. Während des bizarren Verhörs hatte Harald Schakenbeck kaum den Blick von dem Schwert wenden können. Man hatte ihn gezwungen, niederzuknien, die Marienkapelle im Rücken, eine riesige Linde vor ihm. Und vor dieser Linde wartete sein Henker mit dem Schwert, als sei der Klus in dieser Nacht wieder zum Thingplatz geworden. Harald Schakenbeck hatte in sein eigenes Gesicht geblickt, das sich in der glänzenden Scheide des Schwertes spiegelte. Die Blutrinne in der Mitte hatte sein Spiegelbild in zwei Hälften geteilt, die nicht richtig zusammenzupassen schienen. Harald war in diesem Augenblick davon überzeugt gewesen, in dem Schwert sein wahres Antlitz zu sehen. Vor dreißig Jahren war er selbst bereit gewesen, zu töten. In den folgenden dreißig Jahren hatte er versucht, dieses Unrecht an anderen Menschen wiedergutzumachen. Seine Persönlichkeit wies zwei Seiten auf. Dann verschwand das Bild. Sein Inquisitor hatte das Schwert gehoben, es einmal kreisen lassen und dann zugestoßen.

Harald Schakenbeck starb mit dem Gesicht seiner Frau vor dem inneren Auge.

Kapitel 15


Lieber sterben als tatenlos altern.

– Maxime der Kelten nach Silius Italicus –

Hochbefriedigt zog Tilla die schützenden Plastikfolien von ihren Möbeln. Farbeimer und Pinsel hatte sie bereits in den Keller gebracht. Sie blickte sich um. Alle Wände erstrahlten in jungfräulichem Weiß, während zuvor Beige-Töne und gemusterte Tapeten das Wohnzimmer dominiert hatten. Ein Halogenstrahlersystem sorgte nun für gleißende Helligkeit. Energisch rückte sie den großen Schreibtisch an die Stelle, wo zuvor der kleinere provisorische Tisch gestanden hatte. Den hatte Tilla mit einem Anstrich und einer neuen Holzplatte aus dem Baumarkt bis zur Unkenntlichkeit verändert. Er diente nunmehr einigen Bürogeräten als Standort. Die Ostseite des Wohnzimmers war zum Arbeitszimmer geworden. Ein modernes Regal teilte den Arbeitsbereich vom Wohnzimmerbereich ab, der mit einem hellen Sofa, Großmutter Leandras Sessel, einer futuristischen Leseleuchte und einem Fernseher bestückt war. Einzige zarte Farbtupfer bildeten zwei Aquarelle, die Tilla gerade aufgehängt hatte. Sie zeigten Landschaften des fernen Wales. Tillas Großmutter Leandra hatte sie gemalt. Gerne hätte Tilla noch einige von den farbenfrohen, märchenhaften Bildern ihrer Mutter aufgehängt, doch sie hatte sie nirgends finden können. Auch sie waren verschwunden, genau wie die Fotos.

Obwohl der vorangegangene Tag nach Kerzenlicht und etwas Yulschmuck verlangt hätte, deutete in Tillas Haus nichts auf das Fest der Wintersonnenwende hin. Mit grimmiger Befriedigung stellte Tilla fest, dass nun nicht nur ihr Leben aus diesem Haus verbannt worden war, sondern auch das ihrer Mutter. Prompt fragte sie sich erneut nach dem Warum. Jetzt, wo der Schmerz darüber ein wenig nachgelassenen hatte, begann sie zu ahnen, dass diese Merkwürdigkeit einen Grund gehabt haben musste.

Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und schloss ihren Computer an. Paris thronte auf dem Fensterbrett und döste. Die Katze hatte die Umstrukturierung des Wohnzimmers problemlos angenommen, denn ihr Lieblingsplatz, das Fensterbrett, war von Tillas wildem Aktionismus verschont geblieben. Tilla strich Paris über den Rücken. Das Tier antwortete mit wohligem Schnurren und dem kurzen Strecken der Pfoten. Als Tilla die Hand zurückzog, fuhren ihre Finger über den groben Stein, der auf der Ecke ihres Schreibtisches stand. Tilla drehte ihn langsam herum. Sie hatte ihn von ihrer Mutter zum zwölften Geburtstag bekommen. Er sah aus wie eine Miniausgabe von Brocken, Achtermann und Wurmberg. Ihr kleines ›Gebirge‹ war durch eine Bruchstelle an der Unterseite völlig eben. Eine Seite des Minigebirges zierte eine versteinerte Muschel, auf der anderen Seite war eine senkrechte Linie zu sehen, an die sich ein nach links offenes V anfügte. Zusammengenommen ergaben diese zufälligen Linien die Thurisaz-Rune.

Versonnen drehte Tilla den Stein hin und her. Unter all den Geburtstagsgeschenken – an die anderen erinnerte sich Tilla nicht einmal mehr – war dieser Stein für sie das wertvollste gewesen. Ihre Mutter und sie hatten damals einen Ausflug zur Burg Lichtenberg in Salzgitter gemacht. Viel mehr als für die Ruinen der Burg hatte sich Tilla für einen Steinbruch in der Nähe interessiert, wo in einer längst vergangenen Warmzeit tausende von Jahren zuvor das Wasser der Nordsee gegen die Kalkfelsen geschwappt war. Muscheln, Pflanzen und kleineres Ufergetier waren in Sand und Schlick zurückgeblieben. Die mittlerweile versteinerten Schätze hatten die Zeit von schützendem Kalkstein umschlossen bis zur Gegenwart überdauert und Tilla hatte an diesem Tag nach Herzenslust Archäologin spielen dürfen.

Ihr Zeigefinger zeichnete versonnen die Thurisaz-Rune nach. Ihre Mutter und sie hatten an diesem wirklich schönen Tag ihr Runenspiel betrieben. Immer wenn sie Ästchen auf dem Weg sahen, die Ähnlichkeit mit Runen hatten, orakelten sie das Zukünftige und Hedera hatte immer hübsche Geschichten zu den Runen parat gehabt. In der Nacht zu Tillas Geburtstag hatte Hedera ihr den Stein auf ihren Nachttisch gestellt. Zwar war Tillas Mädchenzimmer im Obergeschoss inzwischen ein unpersönliches Gästezimmer, doch hatte der Stein noch immer auf dem Nachtschränkchen gestanden. Es war, als versuche dieses urige Objekt mehr Wohlwollen in Tillas Erinnerung zu bringen, mit gewissem Erfolg.

Sie riss sich von seinem Anblick los und wandte sich endlich dem Manuskript zu, das sie zu übersetzen hatte. Mittlerweile saß Tilla täglich vor ihrem Computer und widmete sich mit großem Elan der Übersetzung von Borderfelds Texten, die mit schöner Regelmäßigkeit in dicken Versandtaschen eintrafen. Die Bezahlung war für Tillas Verhältnisse geradezu fürstlich. Nur Borderfelds unangemeldete Besuche waren Tilla unangenehm. Sie vermittelten ihr stets das Gefühl, kontrolliert zu werden. Doch Tilla schob den Gedanken beiseite, ihr Leben erhielt durch Borderfeld wohltuend Struktur. Mittlerweile tüftelte sie sogar an einer Homepage herum, in der sie ihre Dienste als Übersetzerin anbieten wollte.

Nach den Tagen körperlicher Arbeit hatte sie nun Schwierigkeiten, zu konzentriertem Arbeiten zurückzufinden. Vielleicht lag es auch an dem Farbgeruch, der noch immer in der Luft lag. Tilla drehte sich auf ihrem Schreibtischstuhl hin und her. Die Linde, auf deren ausladende Silhouette sie durch das große Wohnzimmerfenster aus blicken konnte, zeigte schlafende, dunkle Äste. Gedankenverloren zupfte sie an den neuen Texten von Borderfeld herum, die neben dem Runenstein lagen. Zwischen den Bögen entdeckte sie angegraute Kopien alter Handschriften, zum Teil in altdeutscher Schrift. Sie ahnte, dass diese Übersetzungen nicht einfach werden würden.

Sie zog eines der Blätter heraus und erkannte, dass es sich um einen Briefwechsel handelte, dessen Verfassernamen sie allerdings nirgends finden konnte. Es ging um eine sagenhafte Insel im hohen Norden, auf der Menschen mit besonderen Fähigkeiten gelebt haben sollten. Es fielen Begriffe wie: Thule, außergewöhnliche technische Errungenschaften, Verbindung mit dem Kosmos, Magie und psychische Energien – alles mit nach Tillas Geschmack reichlich überspannten Adjektiven. »Was ist das denn für ein Unsinn«, murmelte sie ungnädig.

Das Schriftstück stammte eindeutig aus der Vergangenheit. Offensichtlich tauschten sich hier zwei einander sehr vertraute Menschen recht überschwänglich aus. Tillas Blick huschte über die Zeilen und stieß sich an Ausdrücken wie ›arischer Stamm‹ und ›Wurzelrasse‹. Ihr Selbst schloss sich augenblicklich zu einem unsichtbaren Panzer der Abscheu, dennoch las sie weiter.

… nach der großen Katastrophe kehren die Auswanderer aus der Wüste Gobi zurück und bilden den arischen Stamm, die Grundrasse der Menschheit. Ihre Mitglieder werden die Weltherrschaft erringen. Sie alle müssen sich der Gesellschaft beweisen und ihre Fähigkeit zu herrschen zeigen, entscheiden, wer lebt und wer stirbt …

Tilla schüttelte sich und blätterte weiter.

… Lieber Freund, sei versichert, die Rituale des inneren Ringes eröffnen dir Welten des eigenen Bewusstseins, welches gegen alle Gefahr gefeit. Die Rituale ermöglichen eine höhere Stufe der Wahrnehmung. Sie sichern dem die Macht, der diese Stufe erreicht hat. Der großartige Niccolò Macciavelli sah den größten Feind natürlicher Macht im Unbeherrschbaren, c’est la Fortune. Doch wir, lieber Freund, sind in Begriff, das fünfte Element zu erforschen! Feuer, Erde, Wasser, Luft – jene vier Elemente, welche trefflichst von Aristoteles beschrieben, aber das fünfte Element ist der sie verbindende Geist, die Magie, das Wyrdh, beherrscht von einer kleinen Anzahl ganz besonderer Menschen. Frauen, weise Frauen, welche die wahren Träger der germanischen Kultur sind! Viele von ihnen sind bereits dem meuchelnden Anschlag durch die katholische und auch die jüdische Religion erlegen. Doch wir stehen kurz davor, die losen Enden, welche sinnentleert im Lauf der Geschichte baumeln, wiederzufinden. Und nun, lieber Freund, verstehst du, warum der Führer so danach strebt, das Elend der Vernichtung unseres wahren Glaubens zu erforschen. Unvorstellbare Quellen des Wissens hat er bereits zusammentragen lassen …

Das Klingeln ihres Telefons ließ sie zusammenzucken. Etwas fahrig griff sie nach dem Hörer und meldete sich mit Namen.

»Wie gefallen Ihnen die Texte?«, hörte sie Borderfeld sagen. Zwischen ihren Augen bildete sich eine steile Falte.

»Ich habe gerade erst einen flüchtigen Blick darauf geworfen«, antwortete sie ausweichend. Warum wurde ihr immer so unwohl, wenn sie mit diesem Mann Kontakt hatte? »Wie schnell erwarten Sie die Texte denn?«

»Oh, ich bin mir sicher, Sie interessieren sich genauso sehr dafür wie ich und werden sie wie immer alsbald fertig haben. Ich bewundere die Disziplin und die Geschwindigkeit, mit der Sie arbeiten.«

Sein Lob mehrte ihr Unbehagen. Woher wusste er, dass sie diszipliniert arbeitete? Er war nicht der Typ, der leere Worte absonderte, um der Höflichkeit genüge zu tun. Beobachtete er sie? Tilla versuchte mit Macht die Paranoia zurückzudrängen, die sie immer öfter befiel, wenn sie mit Borderfeld Kontakt hatte. In geschäftsmäßigem Ton antwortete sie: »Vielen Dank. Ich werde mich auch weiterhin bemühen, zu Ihrer Zufriedenheit zu arbeiten. Welchem Zweck dienen diese Texte?«

Er ignorierte ihre Frage. »Sie werden demnächst weitere interessante Aufträge von mir erhalten. Ich melde mich wieder. Einen schönen Tag noch, Tilla.«

Alles in ihr wehrte sich dagegen, dass er dazu übergegangen war, ihren Vornamen zu benutzen. Doch sie mahnte sich immer wieder, dies nicht überzubewerten. Im englischen Sprachraum und auch in der globalisierten Geschäftswelt war dies schließlich durchaus üblich. Aber das war nicht das Einzige, was sie irritierte. Den Hörer in der sinkenden Hand starrte Tilla aus dem seitlichen Wohnzimmerfenster. Dann spurtete sie los, stürmte durch die Haustür den unbefestigten Schotterweg hinab, bis sie die Straße sehen konnte. Borderfeld hatte eindeutig von einem Handy aus telefoniert. Sie war sich sicher, hinter seiner Stimme und seinen Schritten das Geräusch eines anfahrenden Busses gehört zu haben. Die Straße machte einen Bogen. Tilla unterdrückte ihren keuchenden Atem für einen Moment und horchte. Sie war sich sicher, den Bus noch zu hören, der nun nach Stapelburg fuhr. Unsicher blickte sie sich um. Borderfeld sah sie nicht.

Nachdenklich kehrte sie zurück ins Haus und an ihren Schreibtisch. Sie war sicher, er war in der Nähe und beobachtete sie. Sie blickte unwohl aus dem Fenster hinaus zum Wald. Er war winterlich kahl, Borderfeld könnte sie vom Weg aus sehen.

Das Päckchen mit den neuen Texten hatte bereits am vorangegangenen Abend unter dem Postschlitz in ihrem Flur gelegen. Tilla zog sich den Abfallkorb heran und fischte die braune Packtasche heraus. Stirnrunzelnd registrierte sie, dass auch dieses Mal Briefmarke oder Stempel fehlten. Abgesehen von ihrer eigenen Adresse erstrahlte die Versandtasche in leerem, jungfräulichem Lehmbraun. Von einer Postzustellung schien er nichts zu halten. Er musste es persönlich durch ihren Briefschlitz geschoben haben. Wieder einmal wurde ihr unangenehm bewusst, dass sie absolut gar nichts von ihm wusste. Auf der Suche nach einem Hinweis glitt Tillas Blick über die akkuraten, handgeschriebenen Druckbuchstaben auf der Versandtasche. Alle waren exakt gleich groß und in gleichem Winkel. Selbst die Schrift dieses Mannes war so undurchsichtig und individualitätslos wie er selbst. Ungehalten knüllte sie den Umschlag zusammen und warf ihn zurück in den Papierkorb.

Ohne sein Geld hätte Tilla nicht einmal dieses Haus unterhalten können, dessen Bausubstanz völlig frei von Extravaganzen wie Wärmedämmung und dergleichen war. Von den Führungen allein konnte sie nicht leben. Tilla starrte leer auf ihr Skript. Sie war es ihrer Mutter schuldig, wenigstens das Haus zu erhalten. Ein weiteres Scheitern konnte sie sich nicht erlauben. Es war niemand mehr da, der sie auffing.

»Er zahlt gut. Das sollte reichen! Dafür kann er auch gern vor meiner Tür campieren!«, beschimpfte sie sich selbst und beschwor einem Mantra gleich ihre neue, distinguierte Persönlichkeit einer erfolgreichen Freiberuflerin herauf. Gehörte nicht dazu, dass sie sich einfach endlich mal daran gewöhnen musste, zu tun, was man ihr sagte? War das nicht immer so in der Arbeitswelt? Unwillig schob sie den Stapel von Texten zur Seite und zog sich stattdessen den aktuell zu übersetzenden Text heran. Sie hatte heute die erste Führung im Rammelsbergmuseum und musste gleich los. Bis dahin wollte sie mit einem ersten groben Durchgang fertig sein, bevor der Text am Abend den Feinschliff erhielt.

Als sie eine Stunde später in ihren Wagen stieg und das Autoradio anstellte, folgte ihr Geist zunächst zögernd, dann jedoch immer entsetzter den Worten des Radiomoderators, der von einem übel zugerichteten Toten berichtete, den man am Klusfelsen in Goslar gefunden hatte.

»Heilige Göttin! Auch noch am Klusfelsen«, murmelte sie. »Man könnte meinen, dass Odin und seine wüsten Gesellen die Raunächte eröffnet haben.«

Nachdenklich bog Tilla vor dem breiten Tor ab. Nur langsam kehrten ihre Gedanken zu dem zurück, was vor ihr lag. Das Bergwerk hatte einige weihnachtliche Events auf dem Programm, bei denen Tilla eingeplant war. Eigentlich war sie recht zufrieden mit ihrem Leben. Eigentlich …

Kapitel 16


Während Tilla gerade vor dem breiten Tor abbog, trat Andreas Kamenz nur rund dreihundert Meter entfernt auf seinen Chef Gerd Wegener zu, der den Abtransport der Leiche in einem schmucklosen Zinksarg mit einer Mischung aus Abscheu und Nachdenklichkeit verfolgte. Vorsichtig tasteten sich die Sargträger über die Brücke aus feuchtem Holz, die den ursprünglichen Aufgang zur Kluskapelle überspannte.

Kriminalhauptkommissar Gerd Wegener stand schon seit einer Weile völlig bewegungslos am Stamm der Linde und ließ den Tatort auf sich wirken. Andreas Kamenz wusste, dass dies für seinen Vorgesetzten normal war. Ihm selbst zog die feuchte Kälte derart durch Kleidung und Schuhe, dass er erbärmlich fror. Um dem entgegenzuwirken, trabte er geschäftig hin und her, doch die Kälte machte sich auch in seinem Inneren breit. Ein Opfer wie dieses hatte er noch nicht gesehen. Die Haut war entsetzlich fahl und weiß gewesen. »Völlig ausgeblutet«, hatte die Rechtsmedizinerin, Dr. Hannah Giresch, erklärt.

Eine hochgewachsene Gestalt strebte mit forschen Schritten über den Weg aus feinem Splitt auf das rot-weiß gestreifte Absperrband zu, das einer der uniformierten Kollegen hilfsbereit hochhielt. Staatsanwalt Dr. Jan Berking steuerte auf Wegener zu. Die Männer begrüßten sich mit einem kaum wahrnehmbaren Nicken. Sodann erwartete der Staatsanwalt wortlos einen Bericht. Andreas Kamenz war von dem Gebaren derart fasziniert, dass er kaum merkte, dass man ihn erwartungsvoll ansah.

»Viel haben wir noch nicht«, half ihm Wegener auf die Sprünge, den das unterkühlte Auftreten des jungen Staatsanwaltes nicht zu stören schien.

Andreas Kamenz beeilte sich zu referieren: »Harald Schakenbeck, fünfundfünfzig Jahre alt, arbeitete im Sozialamt. Nach dem ersten Eindruck der Rechtsmedizinerin ist er mit einer ziemlich breiten, beidseitig geschliffenen Klinge erstochen worden und verblutet. Vorher scheint man ihm arg zugesetzt zu haben. Er ist mit Hämatomen übersäht. Dr. Giresch vermutet, dass er um Mitternacht herum starb.«

Während des Berichtes nahm Berking die archaische Örtlichkeit in sich auf, bis sein Blick an der Kapelle hängenblieb. Man hatte an dieser Stelle vor langer Zeit eine Höhlung in den Stein getrieben. Der Klusfelsen stellte nicht nur für Christen ein Heiligtum dar. Zahlreiche Symbole, die man überall in den weichen Hilssandstein geritzt hatte, zeugten von seiner Bedeutung als Kultstätte für diverse Glaubensgruppen. Nachdenklich betrachtete Berking die matschige Wiesenfläche unterhalb ihres Standortes. In den letzten Tagen hatten Schnee und Regen permanent um die Vorherrschaft gekämpft. Dann umrundete er die Stelle, an der die Leiche gelegen hatte.

»Hier oben auf diesem Steinplateau wird man wohl kaum Fußspuren sichern können«, stellte er verdrossen fest.

»Nein. Und wenn, dann wäre eine Zuordnung wegen der zahlreichen Besucher und Spaziergänger nicht möglich«, antwortete Gerd Wegener.

Berkings Blick streifte die Häuser, die nur von einer schmalen Baumreihe getrennt den Klusfelsen umgaben. Für einen Augenblick erschien eine Falte des Unmuts über seiner Nase. »Und es hat niemand etwas gehört?«

»Die Kollegen sind noch damit beschäftigt, sich bei den Anliegern durchzufragen. Eine ältere Anwohnerin will ein Auto gehört haben, das wohl dort unten über den Fußweg gefahren ist. Aber gesehen hat sie nichts.«

»Reifenspuren?«

Als Antwort wies Wegener auf eine Gruppe von Tatorttechnikern, die sich bemühten, einen Gipsabdruck von einem Stückchen Matsch neben dem Spazierweg zu nehmen.

»Wer hat den Toten gefunden?«, fragte Berking schroff.

»Eine Spaziergängerin, die mit ihrem Hund unterwegs war. Sie wohnt dort hinten, aber sie hat in der Nacht ebenfalls nichts bemerkt«, warf Kamenz ein, der sich zunehmend über den Ton des Staatsanwaltes ärgerte.

»Man sagte mir, das Opfer sei auf dem Bauch liegend mit ausgebreiteten Armen aufgefunden worden?«, fragte der Staatsanwalt nach.

Nun ahnte Kamenz, warum Dr. Berking, der für schwere Delikte und organisiertes Verbrechen zuständig war, so schnell von seinem Wirkungsort Braunschweig ins beschauliche Goslar gekommen war.

»Ja«, antwortete Wegener. »Das Ganze sieht tatsächlich ein wenig wie eine rituelle Hinrichtung aus. Aber wir sollten keine voreiligen Schlüsse ziehen.«

Berking ging nicht auf Wegeners Einwand ein. »Ist ein bedeutsamer Platz, nicht wahr?«

Andreas Kamenz war wie elektrisiert. »Eine rituelle Hinrichtung? Sind Sie deshalb hier?«

Berking ließ sich Zeit mit seiner Antwort, die Kamenz und Wegner dann nicht wenig erstaunte. »Offen gesagt, ich weiß es nicht. Ich bin eigentlich nur zufällig hier.« Er blickte etwas unschlüssig über den alten, grob behauenen Sandsteinboden mit dem dunklen Fleck in seiner Mitte und fügte dann hinzu: »Ich kam gerade drüben vom Friedhof, als ich den Anruf meiner Dienststelle bekam.«

Kamenz und Wegener schauten angestrengt geradeaus, als habe der Braunschweiger Staatsanwalt ihnen etwas peinlich Privates eröffnet. Natürlich war an der Aussage nichts Peinliches, Dr. Berking galt jedoch als extrem unnahbar, was einen Hinweis zu seinem Privatleben zu einer ausgesprochenen Seltenheit machte.

Doch der Staatsanwalt fand schnell zu seiner üblichen Schroffheit zurück. Mit einem lapidaren: »Schicken Sie mir den Bericht rüber« machte er dem Schweigen ein Ende und verließ die Kriminalbeamten. Die trieb das Wetter denn auch bald in ihren Wagen. Wegener nickte dem Tatorttechniker zu, der letzte Fotos machte. Sie alle schenkten den gleichmäßigen Rillen in der Sandsteinwand gegenüber der Kluskapelle keine Beachtung. Schließlich ging doch kaum ein Klusbesucher davon, ohne ein Zeichen in dem weichen Stein zu hinterlassen.

Kapitel 17


Von seinen Waffen weiche niemand einen Schritt im weiten Feld.

Niemand weiß unterwegs, wie bald er seines Speeres bedarf.

– Edda, Des Hohen Lied –

»Was soll die Frage?« Glutheißer Zorn hing wie ein drohender Meteoriteneinschlag in der Luft. Doch dieses Mal zuckte Magnus’ Lid nicht. Seine Antwort fiel selbstsicher und samtweich aus.

»Versteh mich nicht falsch, Hermann, aber die Organisation könnte auf die Idee kommen, dass du sie für einen privaten Rachefeldzug missbrauchst.« Magnus’ Miene war undurchdringlich. »Ein Rachefeldzug, der ziemliche Kreise ziehen würde.«

Ihre Blicke trafen aufeinander wie Frost auf Stahl.

Hermann bedachte Magnus mit einem eisigen Lächeln.

»Kreise, deren Wellen du, Magnus, weitere Nahrung gegeben hast. Denkst du, ich weiß nicht, dass du zum Klusfelsen zurückgekehrt bist, um den Stein in dieser kindischen Art und Weise zu bearbeiten? Wieso hast du diese Zeichen hinterlassen?«

Die Atmosphäre zwischen ihnen wanderte weitere Frostgrade tiefer. Beide waren auf der Hut.

»Du hast mich also beobachtet«, stellte Magnus in einem Ton fest, den man fast als vergnügt bezeichnen konnte. Er schien nicht im Mindesten beunruhigt. Wieder verging ein Moment der Stille.

Hermann wusste sehr genau, entweder hatte er in Magnus einen gefährlichen Feind seiner Ziele geboren, den er über kurz oder lang eliminieren musste, oder er würde in ihm einen Mitstreiter bekommen, der seine Kapazitäten um ein Vielfaches zu steigern vermochte. Alles kam auf die nächsten Minuten an. Hermann ließ sich in seinem Sessel zurückfallen. In leicht amüsiertem Ton sagte er: »Ich war gespannt, was du tun würdest, Magnus.«

Bewusst ließ er seinen Blick auf Magnus ruhen und nutzte den Vorteil, dass er lässig auf seinem teuren Schreibtischstuhl thronte, während Magnus wie ein Lakai stehen musste, weil sich kein weiteres Sitzmöbel in Hermanns Büro befand. Sein Adlatus war jedoch bestens trainiert, sodass ihm langes Stehen nichts ausmachte. Auf spannungsbedingtes Zappeln würde Hermann bei ihm vergeblich warten.

»Die Runen werden die Polizei irgendwann auf die Spur von Gesinnungsbrüdern führen. Was hast du dir dabei gedacht?«, fragte Hermann und blickte Magnus streng an.

Ganz nach dem Vorbild seines Mentors ließ der sich ebenfalls Zeit mit der Antwort. »Du hast es ja vorgezogen, niemandem zu erklären, warum du diesen Wicht hingerichtet hast.«

»Das muss ich auch nicht.«

Hermann kannte seinen jungen Mitarbeiter gut genug, um zu erkennen, dass der seine Strategie gerade überdachte. Offenbar entschloss sich Magnus, seinen eingeschlagenen Weg nicht zu verlassen, und fragte frech: »Und? Hast du den Orden benutzt?«

Hermann stellte die Ellenbogen auf die Platte des schweren Eichentisches. Die aneinandergelegten Handflächen hatten etwas Rituelles, während er sein Gegenüber fixierte.

»Sagen wir es mal so: Ich habe ein längst fälliges Urteil vollstreckt«, antwortete er, dann wurde sein Blick ansatzweise weich. »Dieses Urteil hatte sehr wohl mit der Organisation zu tun, der ich schon sehr viel länger diene, als du auf der Welt bist, Magnus. Der, den du Wicht nennst, hat vor einigen Jahren den Durchbruch der Machtfestigung in dieser Region verhindert. In den Jahren darauf hat dieser Wicht uns eine ärgerlich große Anzahl von jungen Mitstreitern abspenstig gemacht. Der Mann ist seit vielen Jahren ein Ärgernis für die Organisation.«

Hermann studierte die Wirkung seiner Worte. Obwohl Magnus seinen Zügen stets Bewegungslosigkeit auferlegte, glaubte Hermann dessen wirbelnde Gedanken förmlich sehen zu können. Er verstand noch immer nicht.

Unbarmherzig schoss er nach: »Du warst es, der diese Hinrichtung offen zu einer Sache der Organisation gemacht hat! Du hast die Runen hinterlassen! Das war nicht vorgesehen. Der Tod des Mannes dagegen schon.«

Auf diese Fassung des Geschehens war Magnus keineswegs vorbereitet gewesen und seine tiefblauen Augen weiteten sich. Zufrieden erkannte Hermann, wie in Magnus gerade mehrere Stützen seines Selbstbewusstseins zu Staub zerfielen. Hermann wartete schweigend eine Weile, um dann vernehmlich zu seufzen.

»Ich vermag nicht zu sagen, wie die Organisation auf diese Eigenmächtigkeit von dir reagieren wird, mein lieber Magnus. Schade um dich. Aber du warst ja schon immer schwierig.«

Hermann war klar, dass Magnus diese Spur gelegt hatte, um ihm persönlich einen Schlag zu versetzen. Er wusste auch, an dem Erfolg dieses Plans hätte nicht viel gefehlt. Es war ein Stückchen Fortune gewesen, dass die Organisation gerade jetzt die Direktive herausgegeben hatte, ihre Macht offen zur Schau zu stellen. Übergriffe durften beginnen. Hermann betrachtete Magnus und überlegte. Wenn er ihn jetzt auffing, konnte er von ihm dafür so etwas wie Loyalität erwarten? Ein Mann wie Magnus folgt nicht dem Do-ut-des-Prinzip – ich gebe, damit du gibst – er folgt allein dem Recht des Stärkeren. Hatte Magnus endlich begriffen, dass er, Hermann, noch immer der Stärkere war? Hermann blickte Magnus zweifelnd an. Sein Adlatus war ein wirklich guter Kämpfer und unterrichtete mehrere Gruppen in der Region. Auch kannte er einen Großteil der Hintergrundorganisation seiner Geschäfte. Seine Ausbildung, Magnus hatte den Rang eines Offiziers erreicht, war zu weit gediehen, als dass man so jemanden einfach vernichtete. Leute wie er machten die immer stärker werdenden Ressourcen der Organisation aus. Als Hermann endlich das Wort an Magnus richtete, war eine geraume Weile vergangen.

»Ich gebe dir eine letzte Chance, Magnus. Du wirst aus deinem Fehler ein Programm machen!«

Kapitel 18


Die Kelten wuschen und salbten sich fleißig, tätowierten sich und wählten die buntesten Kleiderstoffe.

– Wilser/Grupp –

Nur mäßig erfrischt kam Tilla von ihrer Laufrunde am Morgen zurück. Achtlos warf sie ihre Jacke über die völlig überfüllte Garderobe, wo sie natürlich herunterfiel, da hier nicht einmal mehr ein Taschentuch unterzubringen gewesen wäre. Ungeduldig stob sie durch den Flur in Richtung Badezimmer. Bereits auf dem Weg dorthin begann sie sich ihrer Kleidungsstücke zu entledigen. Ihr rechter Fuß, um dessen Knöchel sich das Tattoo eines Beltanedrachen wand, stieg aus dem Hosenbein und fixierte es danach auf dem Boden, damit das andere schneller folgen konnte. Tilla liebte es, nackte Haut zu spüren. Sie liebte es, wenn Luft darüber strich oder wenn ein warmer Sonnenstrahl darauf fiel. Das Knäuel von Laufhose, Jacke, T-Shirt, Unterwäsche und Socken auf den Boden des Flurs ließ sie unbeachtet zurück.

Durch die Anstrengung des Laufens fühlte sie sich immerhin genügend besänftigt, um sich endlich einer weiteren Fortsetzung der Harcylugh-Geschichte zu widmen. Eine Zeit lang hatte sie gar nicht weiterlesen wollen, doch das erschien ihr nicht richtig. Aus den Poststempeln hatte Tilla ersehen können, dass ihre Mutter ihr die Geschichte in regelmäßigen Abständen geschickt hatte, quasi als Fortsetzungsroman. Die Geschichte musste für Hedera eine besondere Bedeutung gehabt haben. Tilla erkannte, ihre Mutter hatte mit dieser Methode das Interesse ihrer Tochter kitzeln wollen. Also würde sie ihr den Gefallen tun. Mit gemischten Gefühlen griff sich Tilla zwei der Umschläge und ging ins Bad.

Es war der kampferprobte Stammesfürst Calvagh, auf dessen Schultern das Überleben der Sippe ruhte. Für ihn war das magische Schwert bestimmt. Thurizans Zauber vermochte Calvaghs Kampfeskraft wohl auf ein Dutzend Mannen zu steigern, so groß war seine Magie. Sehr stark waren jedoch die dunklen Kräfte, die dem Schwert innewohnten und die zu kontrollieren kaum eines Menschen Macht unterstand. Allein Calvagh, dessen rechten Geist Thurizan wohl kannte, war licht genug, die magische Waffe gerecht zu führen.

Es nahte die Zeit, da waren die letzten des alten Harcer Volkes von zahlreichen Stämmen umgeben, die den Wurfspieß Ger mit großem Geschick zu nutzen wussten. Die Cherusker lebten im Südwesten, die Langobarden und Hermunduren im Norden, die Chatten im Südwesten und die Semnonen im Süden. Besonders jedoch neideten ihnen die Hermunduren ihre Wohnstatt, inmitten der Fruchtbarkeit des Harces. Sie gehörten zu dem Stamme der kämpferischen Thoringi, die Kinder Thors, aus den östlichen Ebenen.

So war es nur eine Frage der Zeit, bis auch Thurizans Sippe das Dorf aufgeben und sich den sie umgebenden Stämmen und deren Schutz anschließen musste. Nicht das Schlechteste war es, denn die Stämme nahmen das alte Volk gern auf, nutzte ihnen doch das handwerkliche Geschick und deren unermessliches Wissen rund um Erdschätze, Bergbau und die Schmiedekunst mannigfaltig. Doch verlangte so etwas dem alten Volke viel ab, besonders den stolzen Frauen der Celtae, die unter den anderen Stämmen all ihre Rechte mussten hergeben. Das Leben unter ihnen war ein anderes als im Kreise der Ihren. Calvagh wusste dies wohl, hatte sich doch seine älteste Tochter Seghana für Sigimer, den Sohn eines Cheruskerfürsten entschieden. Schweren Herzens hatten er und sein Weib Niadh ihrem Wunsche entsprochen und sie ziehen lassen. Zwar behandelte der junge Cherusker sie mit allen Ehren, doch hatte Seghana mit dieser Ehe ihr Recht auf ihr Vermögen und ihre Selbstbestimmung verloren.

Thurizan und Calvagh haderten sehr mit dem Weg, der die Aufgabe ihrer Lebensweise bedeutete. Wussten sie doch, mit ihnen und ihrem Dorf würden auch die Götter in dieser Region durch das Vergessen sterben. Stets war ihnen die große Göttin der Erde und des Himmels hold gewesen, denn es mangelte ihnen an nichts. Wie oft hatten ihnen die stolze Epona, der Gott Lugh und Brighid im Kampf geholfen? Wie oft schon hatte Belenos das Jahresrad gedreht und das Licht des Sommers zurückgebracht? Wie oft hatte Crodo die Quellen sprudeln lassen und Cernunnos’ fruchtbares Werk unterstützt? Es war ihre Pflicht, mit ihrem eigenen Überleben das Überleben ihrer Götter zu sichern. All dies sollte Harcylugh, das kraftvollste Schwert, welches je einem Schmiedehammer entsprang, sichern. So gaben denn auch alle Götter ein Stückchen ihrer Magie hin, um es zu stärken.

Lange Zeit sicherte ihnen das magische Schwert tatsächlich den ersehnten Frieden, denn die Kunde seiner Vernichtungskraft trug sich weit ins Land. In dem Dorfe auf halbem Berge herrschte Wohlstand und Zufriedenheit. Aus dem großen Langhaus im geschützten Bergeinschnitt erscholl stets das Lachen vieler Kinder und fröhlicher Weiber. Erfolglose Jagden kannte man hier nicht. Einige des alten Volkes wussten aus dem schönen weißsilbernen Mondmetall herrliche Fibeln und Schmuck herzustellen. Damit und mit allerlei praktischem Gerät aus Rotmetall und Irdenware, vor allem aber auch mit dem Salze, dem weißen Golde des Harces, ließ sich trefflich Handel treiben. Sogar das begehrte sonnenfarbene Metall des Belenos fand sich im reichen Berg. Calvagh trug einen schweren goldenen Halsring davon, der seine Führerschaft bekundete. Seit vielen Fruchtzeiten wurde Calvagh als Fürst des Stammes bestätigt und es gab niemanden, der ihm diese Stellung streitig machen mochte.

Auch Epona hatte Freude an ihrem Volk im Harce, verfügte es doch über die besten Pferde im weiten Umkreis. Harte Pferde von gefälliger Statur, die in den Bergen ihre Trittsicherheit zeigten und in den Ebenen ihre Schnelligkeit bewiesen. Schon die Jüngsten verstanden sich auf die Kunst des Reitens. Doch wenn Niadh, Calvaghs schönes Weib mit ihrer hellen Stute, über die Ebenen unterhalb des Dorfes stob, sprach so mancher Zeuge hernach von einem fliegenden Pferd.

Neben dem Stammhaus, in dem alle Bewohner des Dorfes ihre Bettstatt rund um die Herdstelle hatten, erhob sich ein weiteres Gebäude für das Vieh. So zählte dieses Volk zu den wohlhabenden unter den Stämmen der Celtae. Es waren wohl zehn Familien, welche dieses Zaunland belebten. Sie trugen die Bracea, eine bequeme Hose, und ein Brustgewand in den fröhlichen Farben einer Sommerwiese. Die Frauen taten sich mit einem warmen, bis zu den Knöcheln reichenden Rock an. Beide Geschlechter trugen ein Wams aus weichem Hirschleder und das celtische Mantum. Der Umhang aus schwerem Stoff war mit einer angenähten Zipfelmütze bestückt, denn Crodo sandte das fruchtbare Nass nicht nur über die Quellen, sondern auch oft vom Himmel.

Tilla erinnerte sich lächelnd daran, wie sehr sie sich amüsiert hatte, als ihre Mutter erzählte, dass jene zipfelmützenartige Kapuze Historiker auf die Erkenntnis gebracht hatte, dass es sich bei Kelten und Zwergen um die gleiche Menschengruppe handelte, nämlich einen im Bergbau kundigen, sehr alten Stamm. Zwar waren Kelten nicht etwa kleinwüchsig. Das Kleinwüchsige ergab sich im Laufe vieler Märchen und Sagen aus der Vorstellung, dass man, wenn man in Stollen herumkrieche, wohl klein sein müsse, so Hedera, die ihr sodann das Märchen von Schneewittchen und den sieben Zwergen erzählt hatte. Tilla hatte sich damals ausgeschüttet vor Lachen. Hedera hatte ihr noch einigermaßen ernst erklärt, dass es absolut zu den, für ihre Gastfreundschaft bekannten Kelten passen würde, eine Fremde in ihre Reihen aufzunehmen, ohne nach dem Grund zu fragen. Doch als ihre vorlaute Tochter fragte, ob denn der schöne Prinz, der Schneewittchen heiraten wollte, gewusst habe, dass Schneewittchen eine gebrauchte Frau sei, hatte selbst Hedera gelacht, bis ihr die Tränen über die Wangen gelaufen waren. Mehrfach hatte Hedera diese Geschichte bei den Festen der Altgläubigen, denen sie als Druidin des dritten Grades vorstand, zum Besten gegeben mit der immer gleichen Folge herzlichen Gelächters. Tilla wurde von dem wohligen Gefühl durchströmt, nicht mehr ganz so allein zu sein.

Nach dem Bad mäanderte Tilla durch die Küche und überlegte fieberhaft, wie sie Nina wenigstens einen Gruß zu Weihnachten zukommen lassen konnte, ohne allzu viel Ärger zu bekommen. Ein Paar neue Reithandschuhe, die sie Nina schenken wollte, lagen bereits seit einer Woche zusammen mit einer noch unbeschriebenen Karte auf dem Fensterbrett. Vielleicht sollte sie es zur Abwechslung mal auf dem direkten Weg versuchen und sie einfach per Post schicken?

Kurzentschlossen nahm sie die Karte zur Hand. Sie schrieb nicht nur einen Gruß, sondern fügte auch ein paar Zeilen hinzu, in denen sie möglichst unverfänglich erzählte, wie es ihr seit dem Gerichtsprozess ergangen war. Sie steckte die Karte und die hübsch eingepackten Handschuhe in eine braune Versandtasche. Vielleicht hatte sie Glück und Gerda reichte ihren Weihnachtsgruß an Nina weiter.

Ihr Blick wanderte durch das Küchenfenster nach draußen. Sie sah Gerred und die zierliche junge Frau vorbeigehen. Er schob sein Fahrrad, sie war in dicke Jacken gehüllt und tappte langsam neben ihm her. Seine gesamte Körperhaltung zeigte, dass er sich um die junge Frau sorgte.

Tilla wünschte sich in diesem Moment jemanden, der sie auch so schützend umsorgte, und wunderte sich dennoch über das herbe Gefühl von Eifersucht. »Jetzt verliere ich wohl wirklich meinen Verstand«, grummelte sie und schickte sich an, das Kuvert zur Post zu bringen.

Kapitel 19


Das gefrorene Laub knisterte unter den perfekt gewichsten Schuhen. Die winterkahlen Wipfel der Bäume oberhalb der Kluskapelle ließen das kraftlose Sonnenlicht bis zum Boden durch, der mit reifbezuckerten Ästen und Laub überdeckt war. Es war genau das richtige Wetter, um dem Körper nach Tagen der weihnachtlichen Völlerei durch einen strammen Marsch in klirrender Kälte etwas Erleichterung zu verschaffen.

Dr. Jan Berking hatte so etwas weder nötig, noch war er zum Vergnügen am Klusfelsen. Langsam folgte er dem Pfad über die kleine Brücke zu der Felsrippe, die sich hier aus dem sonst eher sanft konturierten Umland erhob. Trotz der Kälte ließ er das Bild auf sich wirken. Eine steinerne Terrasse lag vor dem Eingang der Marienkapelle, die einst ein Mönch bewohnt haben soll. Bänke an den Seiten der sandsteineingefassten Hochterrasse luden zum Verweilen ein. Neben dem Eingang zur Kapelle befand sich eine Einkerbung. Erstarrte Wachstropfen zeigten, dass hier jemand vor Kurzem eine Kerze aufgestellt hatte. Mitten in dem Steinplateau hatte man ein viereckiges Felsstück herausgenommen und die Kuhle mit Sand gefüllt. Der Sand war noch immer dunkel verfärbt. Reste des Absperrbandes, mit dem die Kollegen den Tatort geschützt hatten, flatterten am Brückengeländer.

Jan Berking hatte die Tatortfotos so sorgfältig studiert, dass ihm jede Einzelheit in Erinnerung geblieben war. Als Perfektionist hatte er zumeist jedes Detail seiner Akten im Kopf. In diesem Falle waren es ärgerlich wenige. Man vermutete nur, dass mehrere Personen hier gewesen waren, dennoch hatte man nur wenige Spuren sichern können, von fehlenden Zeugenaussagen ganz zu schweigen.

Er umrundete die Stelle, auf der der Tote gelegen hatte. Es war zwar noch der Untersuchungsbericht über die Proben des blutgetränkten Bodens abzuwarten, doch Berking war sicher, dass sie einen stark erhöhten Eisengehalt ergeben würden, was darauf schließen ließ, dass der Mann hier an Ort und Stelle erstochen worden war. Damit war der Fundort auch der Tatort. Mit akribischer Sorgfalt sezierte sein Blick Zentimeter um Zentimeter des Areals, wobei er sich wie in einem unsichtbaren Quadratraster vor und zurück bewegte. Als die tief stehende Wintersonne auf die Sandsteinwand gegenüber der Kapelle fiel, stutzte er.

Der Sandstein war so verkratzt, dass ihm die Zeile gleichmäßiger Zeichen erst gar nicht aufgefallen war. Bei näherem Hinsehen stellte er fest, dass die Kratzer ein gewisses System aufwiesen. Der überwiegende Teil der feinen Rillen verlief senkrecht, auch waren die Vertiefungen etwa gleich lang. Berking hatte kurz das Gefühl, dass hier etwas geschrieben worden war. Er fegte vorsichtig den Raureif zur Seite, der sich in den Rillen festhielt, trat einen Schritt zurück und betrachtete den Stein erneut. Enttäuscht stellte er fest, dass die Rillen nun viel schlechter zu sehen waren als mit dem Reif. Vielleicht hatte er die Zeichen nur deswegen überhaupt bemerkt. So genau er auch hinschaute, er konnte keinen Buchstaben entziffern, obschon das Ganze eine gewisse Ähnlichkeit mit Schrift hatte. Er nahm sich vor, die Tatortfotos noch einmal daraufhin anzusehen und Gerd Wegener danach zu fragen.

Unschlüssig ließ er den Blick nochmals über den Boden schweifen. Er war zwar Staatsanwalt, aber auch durch und durch Ermittler. Sein Vater hatte für die Kriminalpolizei und zuletzt im Bundeskriminalamt gearbeitet. So hatte Jan Berking diese Form der Arbeit seit frühster Jugend in sich aufgenommen wie sein täglich Brot. Im Gegensatz zu seinen Kollegen verließ er seinen Schreibtisch sehr oft, um sich vor Ort ein Bild von Tatorten und Zeugenaussagen zu machen. Trotz seiner schroffen Art wurde er wegen seines Engagements von den Ermittlern der Kripo respektiert.

Familienlos, seine Kollegin hatte sich gerade von ihm getrennt, hatte er die Feiertage mit den Akten zu diesem Fall an seinem Schreibtisch verbracht, was ihn jedoch keinen Deut weitergebracht hatte. Es wurmte ihn ungemein, dass man ihm so wenig Spuren hinterlassen hatte. Würde dieser Tote der erste ungeklärte Fall auf seinem Schreibtisch bleiben?

Reiß dich zusammen und beginne mit der Viktimologie, wenn der Tatort schon nichts hergibt, mahnte Berking sich selbst und überdachte die Situation des Opfers. Im Geiste ging er noch einmal die Zeugenaussagen durch, die Wegener und Kamenz zusammengetragen hatten. Jeder beschrieb Harald Schakenbeck als freundlich, aufopfernd und warmherzig. Der Mann war in seinem Job geradezu aufgegangen. Schakenbeck hatte ein solides Leben ohne spektakuläre Ereignisse und Überraschungen geführt, bis zum Abend des einundzwanzigsten Dezember. Er war verheiratet mit einer Frau, die überdeutlich unter dem Verlust litt, ebenso wie seine zwei Söhne, die in Göttingen lebten und sofort angereist waren. Der Mann hatte keine erkennbaren Feinde. Im Gegenteil, er hatte in seinem Beruf so manch prekäre Situation mit geschicktem Agieren und einer zur Harmonie tendierenden Persönlichkeit zum Guten gewandelt.

Selbst die Familie Gülcan, die unglücklicherweise zunächst in den Fokus der Ermittlungen geraten war, hatte sich respektvoll über ihn geäußert. Als man die Gülcans mit der Information konfrontierte, dass Lore Schakenbeck ausgesagt habe, Hülya hätte sich mit ihrem Mann treffen wollen, hatten alle einschließlich des Mädchens nur verwirrt den Kopf geschüttelt und gestenreich beteuert, niemand aus ihrer Familie habe sich mit Schakenbeck verabredet.

Jan Berking hatte dem Verhör persönlich beigewohnt und glaubte den Leuten, denen die Angst, in diesem Land unschuldig in die Mühlen einer fremden Justiz zu geraten, in die Gesichter geschrieben stand. Doch das brachte seine Ermittlungen nicht weiter. Nach dem, was Lore Schakenbeck über den Anruf an jenem Abend ausgesagt hatte, musste irgendjemand genau über die Familie Gülcan und die Arbeit von Harald Schakenbeck Bescheid gewusst haben. Eine Überprüfung der Anrufe hatte jedoch nichts ergeben, denn der nächtliche Anruf bei den Schakenbecks war von einem gestohlenen Handy geführt worden, das kurz darauf deaktiviert worden war.

Missmutig tappte Staatsanwalt Berking, die Hände in den Manteltaschen vergraben, auf und ab. Schakenbeck war offenbar von seinem Mörder beobachtet worden. Das geklaute Handy, die perfekt geplante Vorgehensweise und dann auch noch das Töten mittels einer Stichwaffe. Das alles sah verdammt nach einem Profi aus. Die diversen Fußspuren, wenn sie denn mit der Tat im Zusammenhang standen, ließen sogar den Gedanken an einen gemeinschaftlich begangenen Mord aufkommen. War es wirklich eine Art Ritual gewesen? Wegener und sein Team würden sich noch einmal Schakenbecks bearbeitete Fälle vornehmen müssen. Vielleicht fand sich dort ein Hinweis. Jan Berking bemerkte aus den Augenwinkeln eine sich nähernde Gestalt. Ärger stieg in ihm auf, doch er ließ sich nichts anmerken.

»Oh, guten Morgen Herr Dr. Berking!«

Sonja Grabowski war wie immer perfekt gestylt. Es war ihr nicht anzusehen, dass sie die vierzig bereits vor einigen Jahren überschritten hatte. Die attraktive Braunschweiger Journalistin war die letzte Person, die sich Jan Berking hier und jetzt zu sehen gewünscht hatte. Er nickte ihr sparsam zu, was die enervierend quirlige Laune der Journalistin nicht zu dämpfen vermochte.

»Sind Sie ein Weihnachtsverweigerer oder sind Sie dienstlich hier?«, fragte sie munter, während sie eifrig Fotos von dem weitgehend geräumten Tatort schoss.

Berking starrte ungnädig den Platz an, an dem Harald Schakenbeck kurz vor Weihnachten sein Leben verloren hatte. Eigentlich war er hier fertig, aber wenn er sich jetzt entfernte, sah es aus, als flüchte er vor der provokanten Journalistin.

»Bilderbuchehe, Vater von zwei wohlgeratenen Söhnen, freundlich, kompetent, warmherzig … der Mann war ein Heiliger. Das wird nicht einfach«, sinnierte Sonja Grabowski, hob die Kamera und knipste scheinbar wahllos in die Umgebung.

Berking bedachte sie mit einem kalten Seitenblick. »Sind Sie hier, weil Sie sich plötzlich für die Ermittlungen interessieren, Frau Grabowski? Das ist ja mal ganz was Neues. Bisher haben Sie doch immer Ihre eigenen Geschichten geschrieben. Geschichten, die sich fernab der Realität befanden.«

Sonja Grabowski seufzte vernehmlich. »Sie sind immer noch sauer wegen der Gülcans, nicht wahr?«

»Ihr schlecht recherchierter Artikel hat die Leute auf das Ärgste kompromittiert!«

»Tut mir leid«, gab die Journalistin ohne die geringste Spur von Bedauern zurück. »Aber wären Sie mit ihren Informationen etwas offener gewesen, würden solche Dinge nicht passieren! Irgendetwas musste ich schreiben. Das ist mein Job. Und wie steht es mit Ihrem Job? Haben Sie mittlerweile eine neue Spur?«

Jan Berkings Augen verengten sich. Am liebsten hätte er ihr eine deftige Abfuhr erteilt, doch die Frau war schon schlimm genug, ohne dass man sie gegen die Ermittlungsbehörden aufbrachte. Bei ihr war es völlig egal, was er sagte. Gab er zu, keinerlei Anhaltspunkt zu haben, würde sie das Thema der ahnungs- und wirkungslosen Polizei und Staatsanwaltschaft auswalzen. Oder sie würde sich einen neuen Verdächtigen ausdenken und ihren nächsten Artikel im Konjunktiv formulieren. Der Leser registrierte den Unterschied eh nicht.

»Es tut mir ja leid, wenn Sie meinetwegen hierher gekommen sind, Frau Grabowski. Sie wissen doch, Informationen bekommen Sie ausschließlich von unserer Pressestelle.«

Sie lächelte amüsiert. »Oh, nun überschätzen Sie sich aber, Herr Dr. Berking. Ich gehe hier oft spazieren. Ich liebe historische Orte, vor allem so alte bedeutende Kultstätten wie diese. Hier ist in grauer Vorzeit schon so manches Urteil vollstreckt worden. Aber das wissen Sie ja sicherlich, immerhin kommen Sie ja von hier.«

Jan Berking zuckte innerlich zusammen. Woher wusste die Journalistin, dass er aus Goslar stammte? Eigentlich wollte er es nicht wissen und schickte sich an zu gehen. Eindringlich hörte er ihre summende Stimme hinter sich.

»Der Mann hat aber auch ein Pech. Vor dreißig Jahren war es Ihr Vater, der ihn auf dem Kieker hatte, und nun haben Sie ihn als Leiche zu bearbeiten!«

Jan Berking erstarrte. Dann sah er sich um. Sonja Grabowskis zufriedenes Lächeln verschwand hinter ihrer mattsilbern glänzenden Kamera, die sich auf ihn richtete und klickte. Sein Vater war lange in Goslar Ermittler gewesen, bevor er im Bundeskriminalamt gelandet war. Was sollte sein Vater mit Schakenbeck zu tun gehabt haben? Das Archiv der Zeitung war wohl effizienter als das der Ermittlungsbehörden. Verärgert wandte er sich ab und folgte dem Weg zurück zu seinem Wagen.

»Was hatte Ihr Vater denn damals gegen ihn?«, tönte es unangenehm schrill hinter ihm her.

Berking reagierte nicht, doch Sonja Grabowskis Frage brannte sich förmlich in seinen Kopf.

Kapitel 20


Berühmt ist die keltische Gastfreundschaft.

– Poseidonios Athenaios –

Tilla hatte ihre Bankauszüge und die Rechnungen des letzten Monats vor sich ausgebreitet. Kaum ein Zipfelchen ihres Schreibtisches war noch unbedeckt. Dazwischen lagen mehrere Listen ihrer Fixkosten, auf denen sie herumgeschrieben und durchgestrichen hatte. Mit einem Schrei des Unmutes riss sie das aktuelle Blatt von ihrem Block, zerknüllte es und warf es auf ihren völlig überfüllten Papierkorb.

»Verdammter Mist!« Sie ließ sich in ihrem Stuhl zurückfallen. »Egal wie ich es drehe und wende, ohne Borderfeld bin ich geliefert.«

Wenn sie ohne sein Geld auskommen wollte, brauchte sie eine neue Geldquelle, und zwar eine ergiebige.

Am Vortag hatte sie im Touristenzentrum Goslar nach weiteren Aufträgen gefragt, wo man ihr versprochen hatte, ihre Bewerbung weiterzureichen, falls sich etwas Passendes biete. Auf dem Rückweg war sie dann auch noch ihrem ehemaligen Mitbewohner Daniel Regner begegnet, der mittlerweile in Goslar wohnte. Sie hatte sich mit ihm in ein Café gesetzt, da er enormen Redebedarf hatte. Mit einem emotionsgeladenen Schwall von Worten hatte er seinem Ärger über seinen Bruder Luft gemacht, der ihm überraschend seine sexuelle Neigung gestanden und ihm gleich seinen Partner als neuen Mitbewohner vorgestellt hatte. Eigentlich war Daniel recht weltoffen, doch diese Fülle an neuen Informationen über seinen Bruder, den er zu kennen geglaubt hatte, hatte selbst Daniel überfordert. Das Zusammentreffen mit Dirk Sundermann, der Tillas ehemaliges Zimmer übernehmen sollte, musste einem Desaster gleichgekommen sein.

»Armer Oliver«, murmelte Tilla in Erinnerung an Daniels Zorn. Sie stierte noch eine Weile ihren Schreibtisch an, bevor sie sich erhob, um ihr Laufdress zu suchen.

Eine gute Stunde später trat Tilla körperlich erschöpft aber geistig erfrischt aus dem Wald, sicher, dass sie nun fähig war, sich ihrem Problem erneut zu stellen. Sie hörte ein Geräusch hinter sich, drehte sich um und sah Gerred Assmut auf sie zuradeln.

»Hallo Tilla«, begrüßte er sie freundlich und stoppte sein futuristisch aussehendes Geländefahrrad.

»Gerred«, Tilla grinste ihn breit an, »ich glaube, du bist genau der Mann, den ich jetzt brauche!«

»Tatsächlich? Schön. Was kann ich denn für dich tun?« Sein Lächeln geriet immer ein wenig schief, da seine rechte Wange wegen der Narbe unbeweglicher war. Während des Laufens hatte Tilla eine Idee entwickelt, die sie ihm mit Feuereifer erläuterte.

»Du, ich habe mir gerade überlegt, ob es möglich wäre, das Obergeschoss meines Hauses zu einer Mietwohnung umzubauen.«

»Du willst vermieten?«, fragte Gerred erstaunt nach.

»Ja, weißt du, Mieteinnahmen könnte ich im Moment wirklich gut brauchen«, gab Tilla etwas betreten zu. Er betrachtete sie forschend, was Tilla etwas nervös machte. Sie zog eine Grimasse: »Wahrscheinlich ist es eh eine Schnapsidee. Man müsste ja sicherlich einiges teuer umbauen.«

Doch Gerred antwortete freundlich: »Ich habe heut morgen etwas Zeit. Lass es uns anschauen und ich kann dir sagen, was du investieren müsstest.«

»Fein!« Tilla strahlte.

Kurze Zeit später standen sie in Tillas Flur, von dem aus eine Treppe ins Obergeschoss führte.

»Ich nutze nur die Räume hier unten, um Heizkosten zu sparen«, sagte Tilla zu Gerred, der seinen Fahrradhelm auf der Flurkommode ablegte.

»Solange das Treppenhaus offen ist, nutzt dir das nicht viel«, erklärte er fachkundig.

Gemeinsam gingen sie nach oben und Tilla führte ihn durch die Räume.

Mit versiertem Blick stellte Gerred fest: »Die Aufteilung ist gar nicht schlecht.«

Tilla dagegen wurde immer unsicherer. »Irgendwie komme ich mir wie ein Idiot vor. Das Grün des Badezimmers war vor dreißig Jahren schon veraltet, es fehlt eine Küche und dann all die Schrägen …«

»So schlimm finde ich es gar nicht. Das dürften hier gut sechzig Quadratmeter sein, aus denen sich etwas machen lässt.«

»Ich habe leider keine finanziellen Reserven.«

Gerred überlegte kurz. »Das Einzige, was du wirklich brauchst, ist eine neue Innentür unten im Flur. So etwas kann man recht günstig im Baumarkt kaufen. Mir fällt gerade ein: Das Büro, in dem ich arbeite, baut gerade eine Arztpraxis um. Nächste Woche kommt dort die alte Gemeinschaftsküche raus. Ich bin sicher, die würden sie gegen Abholung kostenlos abgeben. Hast du vielleicht jemanden, der mir zur Hand gehen könnte? Dann wäre die im Nullkommanix umgebaut.«

Tilla staunte ihn an. »Echt? Das hört sich ja toll an!« Sie überlegte kurz. »Ich könnte meinen ehemaligen Mitbewohner aus Braunschweig fragen. Er wohnt jetzt hier. Vielleicht hat er Zeit.«

Sofort rief Tilla Daniel an und reichte ihr Telefon an Gerred weiter. Die Männer einigten sich darauf, sich am folgenden Wochenende für den Umbau zu treffen. Tilla konnte es kaum fassen. Mit unaufhörlichen Dankesbekundungen brachte sie Gerred an die Tür und machte sich hernach an eine neue Berechnung ihrer Haushaltskasse. Die ersten Mieteinnahmen würde sie brauchen, um ihre Investitionskosten zu decken. Doch dann rückte die Möglichkeit, ohne Borderfelds Geld auszukommen, in erreichbare Nähe.

Kapitel 21


Berkings Zorn zeigte sich lediglich durch ein missbilligendes Hochschnellen seiner Augenbrauen, dennoch veranlasste seine drängende Frage bezüglich der Zeichen an dem Stein den Kriminaltechniker zu hektischer Betriebsamkeit. Gerd Wegener und Andreas Kamenz hielten sich zurück, bis sich der Ärger des Staatsanwaltes etwas gelegt hatte.

Der junge Mann aus der KTU klickte im Stakkato mit der Mouse auf seinem Pad herum, um dann kleinlaut festzustellen: »Nein, von diesem Stein habe ich auch keine weiteren Fotos als die in der Akte.« Dann murmelte er: »Hier ist zwar ein Teil dieses Steins mit drauf, aber ich sehe keine Zeichen.«

»Vergrößern Sie diesen Bereich!«, befahl Berking barsch und zeigte auf den unteren Bildschirm.

Schon bei geringer Vergrößerung waren gleichmäßige Rillen in der grüngrauen Fläche zu sehen. Aber leider war die Zeile auf keinem der Fotos vollständig zu erkennen.

»Ich weiß gar nicht, warum mir diese Zeichen nicht aufgefallen sind«, murmelte der junge Mann sichtlich zerknirscht und klickte sich weiter hektisch durch seine Bildbearbeitungsmöglichkeiten, ohne jedoch etwas auszurichten.

»Meinen Sie wirklich, dass da etwas Sinnvolles steht?«, fragte Andreas Kamenz, der das Foto von den teilweise aufgenommenen Zeichen interessiert betrachtete.

»Die Striche sehen wie Buchstaben aus«, beharrte Berking, der verschwieg, dass die Zeichen nur durch den Raureif sichtbar geworden waren.

»Ich hab das damals auch nicht gesehen«, versuchte Gerd Wegener die Nöte des noch immer hektisch arbeitenden Tatorttechnikers mit Solidarität zu mildern. Er wusste nur zu gut, wie Berking auf unsichere Charaktere wirkte.

Jan Berking übernahm nun resolut die Herrschaft über die Computermaus und klickte sich durch die Dateien. Unzufrieden betrachtete er die Fotos. »Gehen Sie noch einmal hin und fotografieren Sie diese Zeichen!«

Der Techniker nickte eilfertig.

»Seinen Rang als Beweismittel hat das Ganze aber nach dieser Zeit verloren«, stellte Wegener sachlich fest.

Berking knurrte. »Wir nehmen es als Arbeitsgrundlage.« Eine Wolke frostigen Ärgers umgab ihn, als er das Büro verließ.

Gerd Wegener klopfte dem Tatorttechniker, der nun völlig kraftlos zusammensackte, aufmunternd auf die Schulter. »Mach dir nichts draus, Thomas. Der beruhigt sich schon wieder.«

Andreas Kamenz, der ebenfalls hörbar ausgeatmet hatte, als der Staatsanwalt hinter der zufallenden Tür verschwunden war, sagte kopfschüttelnd: »Der hat wirklich den Charme eines Blizzards, wenn er sauer wird.«

Wegener grinste. »Ja. Man tut gut, ihm nicht in die Quere zu kommen. Aber er hat was drauf.«

Kamenz blickte seinen Chef interessiert an. »Ach? Hast du schon mal mit ihm zu tun gehabt?«

Wegener griff nach seiner Jacke und grinste. »Ja. Der ist wie ein Terrier. Macht uns viel Arbeit, bis so eine Anklage steht. Aber dafür kriegt er seine Strafanträge auch immer durch. Bei dem arbeiten wir selten umsonst.«

Kapitel 22


Zum Mond sagen Sterbliche Scheibe der Götter,

Bei Hel sagt man rollendes Rad,

Sputer bei Riesen, Schein bei Zwergen.

– Edda, Das Lied von Alwis –

Zufrieden betrachtete Tilla die neue Tür, die ihr Daniel und Gerred im Flur eingebaut hatten. So hatte sie nicht nur einen doppelten Schutz vor ungebetenen Gästen, sie hatte für das Obergeschoss auch einen separaten Eingang gewonnen. Auch die Küchenzeile, die zwar nicht hochmodern, aber doch noch gut in Schuss war, stand bereits an Ort und Stelle. Daniel und Gerred verstanden sich gut und Tilla gewann den Eindruck, dass man Männern mit nichts eine größere Freude bereiten konnte als mit einer Werkzeugkiste und einem Eimer voll Kaffee.

Nun, wieder allein, befiel Tilla erneute Sorge darüber, dass die Investition ein Loch in ihre chronisch angegriffene Kasse gerissen hatte. Hoffentlich fand sie bald einen Mieter. Eine entsprechende Annonce in der Tageszeitung hatte sie bereits geschaltet. Seufzend raffte Tilla die letzten Kartonreste zusammen und trug sie nach draußen in den Schuppen. Sie würde den Berg aus Pappe bei nächster Gelegenheit zum Container bringen müssen, damit der Schuppen nicht platzte. Fix trabte sie zurück zum Haus, da es noch immer eisig kalt war. Schnell schloss sie die zwei Türen hinter sich.

»Es tut gut, wenn man sich Wünsche erfüllen kann, nicht wahr, Tilla?«

Tilla fuhr herum. Borderfeld stand lässig in der Tür zu ihrem Wohnzimmer. »Ich habe Ihnen einige neue Texte und Ihr Geld auf den Schreibtisch gelegt.«

Tilla funkelte ihn wütend an. »In mein Wohnzimmer? Das ist meine Wohnung!«

»Ihre Türen standen offen«, erklärte er gelassen.

»Das ist aber kein Grund, einfach hier reinzuspazieren«, fauchte sie.

»Warum diese Maßnahme?«, fragte er ungerührt und wies mit dem Kinn auf die neue Innentür.

»Ich glaube zwar nicht, dass Sie das etwas angeht, aber bitte. Ich will die obere Etage vermieten«, schnappte Tilla, noch immer zornig.

Er nickte schweigend. Tilla dachte schon, er wollte gehen, doch dann hörte sie ihn fragen: »Sie fühlen sich allein, nicht wahr?«

Verblüfft starrte Tilla ihn an. Seine hellbraunen Augen, die Tilla unangenehm an einen Bären erinnerten, schienen stets eine andere Sprache zu sprechen als sein Mund. Tilla wusste nicht, wie sie reagieren sollte.

»Sie haben viel durchgemacht«, stellte Borderfeld fest und zog sich seine Handschuhe wieder über.

»Das geht niemanden etwas an«, entgegnete Tilla abweisend, um dann nachdenklich nachzuhaken: »Woher wissen Sie das eigentlich?«

Er grinste leicht. »Natürlich habe ich Sie überprüft, Tilla, immerhin arbeiten Sie für mich und meine Organisation.«

»Was ist das eigentlich für eine Organisation?«, fragte Tilla mit trotzig vorgestrecktem Kinn.

»Darüber werden Sie später mehr erfahren.«

In Tillas Kopf begann sich unwillkürlich eine Abfolge von Überlegungen abzuspulen, die Borderfeld als beängstigend kriminell einstuften. Wie von selbst formulierten sie ihre Worte.

»Ich weiß nicht, ob ich das will, Herr Borderfeld. Ihre ganze undurchsichtige Art gefällt mir immer weniger. Ich sage Ihnen ganz offen, ich denke darüber nach, unsere Vereinbarung zu kündigen.«

Seine hellen Augen hielten sie einen Moment lang fest.

»Uns beide, Tilla, uns verbindet weit mehr als ein Arbeitsvertrag. Glauben Sie mir, zu gegebener Zeit werde ich Ihnen alles erklären und Sie werden verstehen.«

Damit drehte er sich um und verließ Tillas Wohnung. Tilla starrte ihm verwirrt nach. Als sie die Türen hinter ihm schloss, glaubte sie, vor Zorn schier platzen zu müssen. Gleichzeitig kündigten ihr sämtliche inneren Alarmglocken bevorstehenden Ärger an.

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Age restriction:
0+
Release date on Litres:
25 May 2021
Volume:
594 p. 8 illustrations
ISBN:
9783947167081
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