Read the book: «Das Märchen von dem Baron von Hüpfenstich»
Clemens Brentano
Das Märchen von dem Baron von Hüpfenstich
Saga
Das Märchen von dem Baron von HüpfenstichCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1847, 2020 Clemens Brentano und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726762570
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 3.0
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Hüpfenstich
In dem ehrlichen Lande regierte der König Haltewort, ein sehr guter, aber noch viel strengerer Herr, dann und wann auch sehr grob. Er hatte sehr viel zu tun, denn er hielt Wort, und seine Vorfahren waren so vielversprechende Herrn gewesen, dass er alle Hände voll hatte, für sie Wort zu halten, besonders da einer manchmal das Gegenteil vom andern versprochen hatte. Aber das machte ihn nicht irr. Er hielt immer recht wacker zu Wort. Sonst kümmerte er sich um nichts und war gar nicht neugierig; denn er fürchtete immer, er möchte ein neues Versprechen erfahren, das er halten müsse, und das wäre ihm fatal gewesen. Er lebte sehr friedlich in seinem Lande und hatte mit allen Königen der Welt einen Frieden geschlossen, welcher in den Worten bestand: „Tue mir nichts, ich tue dir auch nichts.“
Dieser gute König hatte eine Tochter, die sehr neugierig war und überall mit ihrem Näschen vornedran sein musste. Sie war so neugierig gewesen, zu wissen, wie es auf der Welt aussähe, dass ihre Mutter ihr noch gar die Wiege nicht zurechtgemacht hatte, als das Kind schon vom Himmel herab der Frau Mutter entgegenhüpfte, worüber die gute Königin, die gern alles in der Ordnung hatte, vor Schrecken starb, indem sie ihr Töchterlein ans Herz drückte und sprach: „Mein Kind will wissen, wie es auf der Welt aussieht, drum muss ich sehen, wie es im Himmel aussieht. Möge die Woche, um die du mir zu früh gekommen bist, dir einstens treue Dienste leisten!“ Nach diesen Worten starb die Königin, und die umstehenden Frauen zeigten dem herbeigerufenen König Haltewort den Tod der Königin und die Geburt seiner Tochter an.
Der König fragte vor allem: „Wie lauteten die letzten Worte meiner Gemahlin, damit ich sie ihr halten kann, da sie selbst gestorben ist?“ Da sagte die älteste Hofdame: „Sie sprach: Mein Kind will wissen“ — „So soll die Prinzessin heissen,“ sagte der König; „sie soll Prinzess Willwischen heissen, weil die sterbende Mutter sie so angeredet.“ Nun liess er sich noch die übrigen Worte der Verstorbenen sagen, aber da war nichts bei zu halten; nur dass die Woche, um die sie zu frühe gekommen, ihr grosse Dienste leisten solle, das konnte er nicht recht begreifen und nahm sich vor, viel darüber nachdenken zu lassen. Nun liess er die gute Königin ins Grab und das Kind Willwischen in die Wiege legen.
Eine grosse Sorge hatte der gute König jetzt, die plagte ihn sehr: er hatte seiner Gemahlin versprochen, er wolle, wenn sie vor dem Kinde sterbe, Mutterstelle an ihm vertreten. Wie er das machen sollte, wenn er Wort halten sollte, wusste er nun gar nicht, er liess auch darüber stark nachdenken. Und sieh da, nach einer halben Stunde kam der Hofnachdenker herein und sprach: „Ihro Majestät, haben Sie etwas heraus?“ Der König sagte: „Haben Sie etwas?“ Der Nachdenker sagte: „Ihro Majestät, ich habe nichts heraus“, und der König sagte: „Ich habe auch nichts.“ Da sagte der Nachdenker: „Da haben wir also alle beide nichts heraus;“ und nun gingen sie wieder frisch ans Nachdenken. Nach einigen Stunden kamen sie ebenso zusammen und gingen ebenso auseinander.
Nun hätten die Hofdamen dem Kind Willwischen gern eine Amme gegeben, aber Haltewort gab es nicht zu und sagte, er wolle schon Wort halten und selbst Mutterstelle vertreten. Zur grössten Verwunderung schien das Kind Willwischen gar keine Nahrung zu bedürfen, es ward dick und gesund, und der König glaubte, dass es bloss von seinem Nachdenken lebe. Endlich fiel es ihm einmal in der Nacht ein, dass eine gute Mutter manchmal nachts nach dem Kinde sehen müsse. Das liess er sich nicht zweimal einfallen, sondern sprang gleich beim erstenmal mit gleichen Beinen aus dem Bett und ging in die Nebenstube, wo die Wiege stand.
Ganz sachte, sachte machte er die Türe auf; aber welche Wunder sah er da! Eine ziemlich alte Frau hatte das Kind Willwischen an der Brust, und sieben andre Wickelkinder lagen vor ihr, hübsch eingefatscht wie sieben Backfische, in einer Reihe an der Erde. „Ei, das ist eine Kunst,“ schrie der König, „wenn Ihr dem Kinde zu trinken gebt, aber es geht platterdings nicht an, ich habe versprochen, Mutterstelle zu vertreten, und darum dürft Ihr nicht, also marsch fort! Nehmt Eure sieben Backfische nur in der Schürze mit und lasst Euch nicht mehr hier sehen!“ „Gebt mir meinen Wochenlohn!“ sagte die Frau und gab dem Willwischen frische Windeln und legte es in die Wiege; da gab ihr der König seine Traumbörse; denn er nahm immer einen Beutel voll Gold mit ins Bett, um, wenn ihm in der Nacht jemand im Traum vorkam, dem er bei Tag Geld versprochen hatte, Wort halten zu können.
Nun sagte die Frau zum König: „Haltewort, ich verlasse dein Kind, jetzt ist ohnedies meine Zeit aus, es ist gleich zwölf Uhr, und … geht an; aber weil du mir meinen Wochenlohn so ehrlich gezahlt hast, so will ich dir auch sagen, wie du an dem Kind Mutterstelle vertreten kannst. Du musst mir aber versprechen, dem ersten Verbrecher, der dich beleidigt, und sollte er sich auch bis aufs Blut stechen, zu verzeihen und ihn mit dem Besten, was du hast, zu ernähren.“ „Bis aufs Blut stechen,“ sagte der König, „das ist ein starkes Stück, aber ich verspreche es dir, aus mütterlicher Liebe.“ „Wohlan,“ sagte die Frau, „so ernähre den Verbrecher, und du wirst dein Kind ernähren,“ und verschwand.
Der König aber fühlte einen Stich in dem Arm und erwachte; da sah er, dass ihm nur geträumt hatte, denn er lag ganz breit in seinem Bette. Der heftige Stich, den er am linken Arm fühlte, machte, dass er dahin fasste, und was ergriff er da? Einen sehr grossen Floh. Erzürnt rieb der König ihn zwischen den Fingern und wollte ihn soeben mit dem Nagel totknicken, als ihm sein Versprechen, das er der Frau im Traum gegeben, einfiel: er wolle dem Verbrecher nicht allein verzeihen und ihn sogar mit seinem Besten ernähren. Er setzte daher den Floh in ein leeres Medizinglas gefangen und sprach: „Dir soll verziehen sein, und du sollst mein Blut trinken.“ Dieses tat er besonders, weil er seine Traumbörse nicht mehr fand und also gewiss glaubte, er habe sie der Frau gegeben, und sie müsste doch etwas mehr als ein leeres Traumgebild sein.
Er dachte einige Stunden lang über diese Sache nach und betrachtete den Verbrecher in dem Arzneiglas; der schien zu schlafen. Er schüttelte das Glas, da wurde der Floh wach, und das Kind Willwischen weinte in der Nebenstube. Er wiegte das Arzneiglas, da hörte er auch die Wiege des Kindes sich bewegen, und Floh und Kind schliefen ein, und Haltewort auch. Morgens weinte das Kind wieder, und der Floh war sehr unruhig im Glase; der König setzte den Floh auf seinen Arm und liess ihn sein Blut trinken, da ward auch das Kind Willwischen still. Genug, der König merkte, dass alles, was er dem Floh tat, der Prinzessin auch geschah, und Deswegen liess er dem Floh nichts abgehen, und auch das Kind Willwischen ward gross und stark. Der Verbrecher im Arzneiglas aber ward bald so dick und fett, dass er keinen Platz mehr in dem Glase hatte und in eine Flasche musste gesetzt werden. Der König tat dieses sehr insgeheim, und niemand hatte den Floh bis jetzt gesehen. Bald war auch die Flasche nicht mehr gross genug, und der König setzte ihn in seinen Stiefel, aber nun wurde es dem König unmöglich, ihn länger zu ernähren, denn er wurde selbst ganz krank und mager darüber. Er fing daher an, das Kind Willwischen mit Mehlbrei zu füttern, und gab dem Floh Ochsenblut. Und so wuchs die Prinzessin und der Floh heran, ohne sich persönlich zu kennen; der Floh war schon so gross geworden wie ein Rind, und Willwischen sechzehn Jahre alt, als ein unglücklicher Zufall sie bekannt machte.
Willwischen war ganz erstaunlich neugierig und guckte durch alle Schlüssellöcher. Nun hätte sie längst gern gewusst, was der König nur immer in seiner Schlafkammer verborgen habe; denn nie wollte er sie hineinlassen, und doch hörte sie oft ein gewaltiges Geschnurre und Geklapper drin, als wenn ein Geissbock darin herumspringe. Die Neugier liess sie nun gar nicht mehr ruhn, und so lauschte sie einstens in der Nacht an der Türe des Königs, der folgendes Gespräch mit dem Floh hielt, von dem sie aber nicht wusste, dass es ein Floh war. Der König sprach: „Sag mir einmal, du Bengel, was soll ich nur mit dir anfangen? Du wächst mir über den Kopf und machst mir die Stube fast zu enge.“ Da antwortete der Floh: „Bester König, ich kann es auch gar nicht mehr vor Langerweile hier aushalten; ich dächte, du gäbst mir eine hübsche Livree und machtest mich zum Edelknaben bei meiner Schwester Willwischen.“ „Schwester? Wie meinst du das? Unterstehst du dich, die Prinzessin deine Schwester zu nennen?“ sagte der König, und der Floh sprach hierauf: „Bin ich etwa nicht von königlichem Geblüt?“ „Gewissermassen wohl,“ erwiderte der König, „aber ich verbitte mir, davon zu sprechen.“ „Was braucht es viele Worte?“ sagte der Floh. „Ich verlange standesmässigen Unterhalt; ich mag nicht länger unter Euerm Bett neben alten Pantoffeln schlafen, es liegt ein juchtenledernes Felleisen da unter, dessen Geruch mir schrecklich zuwider ist; ich sage dir, König, lässt du mich nicht zu Willwischen, so steche ich mich selbst tot.“ „Gut,“ sagte der König, „es soll geschehn. Jetzt schlafe wohl, mein Herr von Hüpfenstich!“ „Ich danke für den Titel, Herr König Haltewort! Schlafet wohl!“ sprach der Floh.
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