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Claus Bork

Djin

Saga

DjinÜbersetzt vonSusanne Richter Originaltitel DjinCopyright © 2015, 2019 Claus Bork and und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711800058

1. Ebook-Auflage, 2019

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach

Absprache mit SAGA Egmont gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

Personen:

Angicore

Der Kaiser von Jarana, Der einzig Wahre Herrscher. Erbe des Kaiserthrones in Dynadan, dem mächtigsten Reich der Welt.

Antar - Wolf

Keram-Bars Wächter des Ebenholzfelsens. Geschaffen von Keram-Bar, um die Welt gegen die Grausamkeit zu schützen, der er selbst - durch Djin - das Leben gegeben hatte.

Djihba

Der Zauberer von Illemed, der einen Teil der bösen Schaffenskraft Keram-Bars beherrscht und sich in die Dienste des Todes begibt.

Djin

Die verarmte Seele des Krieges. Ein mächtiger Krieger, dessen Stärke auf Hass und dem Zorn auf die guten, lebenden Kräfte beruht.

Duncan Yol

Des Kaisers persönliche Leibwache, Führer der kaiserlichen Marudergarde. Sensei-Meister in Bujidjin, der Kampfkunst der Maruder, einer Kampftechnik, die auf ein hochentwickeltes Zusammenspiel zwischen Geist und Muskeln aufbaut.

Dynadan

Das Reich des Jaranakaisers.

Ergol

Das Land zwischen Dynadan und Illemed, das Steppenland der Mongolen, an den nördlichen Stränden des Meeres.

Gisal`en

Der Dämon von Illemed.

Han O’Lan

Djihbas Folterer aus Illemed, der Diener des Schattens.

Illemed

Das Land auf der anderen Seite des Meeres, von dem aus Djihba sein Netz über die Welt spinnt.

Keram-Bar

Der Erschaffer von Djin und dem Antar-Wolf. Der Zauberer, der das Rätsel der Beherrschung der gewaltigen Kräfte löste, sie aber an tote Dinge band.

Die Maruder

Die kaiserlichen Säbelfechter, die den Palast des Kaisers in Krilanta und den "Wispernden Park" bewachen. Die besten Säbelfechter der Welt.

Miran

Die Frau, die Angicores Begegnung mit der Liebe wird, und der Stärke, die unverbrüchlich mit ihr verbunden ist.

Skillion

Der einzige der alten Zauberer, der Kräfte besitzt - stark genug im Kampf gegen Djin. Reist mit ihnen über das Meer, um die Wurzel des Bösen zu finden.

Zarafir

Der Zauberer am Hof des Kaisers von Jarana in Krilanta. Jener, der Angicore von Dynadan das Ebenholzkristall gibt.

Zendo Kur

Der Kapitän auf dem Schiff " Windreiter".

Krilanta

Krilanta hieß die Stadt, die Stadt der Städte, im mächtigen Reich des Kaisers von Jarana, Dynadan. Sie war berühmt unter den Menschen und wurde in Gedichten und Gesängen gepriesen und geehrt, mehr als irgendein anderer Ort auf der Welt.

Und vielleicht, dem Kaiser von Jarana zum Gefallen, dessen Macht keine Grenzen hatte, wurden diese lobpreisenden Lieder von allen Gauklern und Troubadouren, die von weit her hierher reisten, durch die weißen Tore hineingetragen.

Der Palast mit seinen Türmen und Spitzen und hängenden Gärten war auf einen Ausläufer der fernen Berge gebaut. Das Felsplateau war in Urzeiten als das Fundament gedacht, auf dem dieses Reich aufgebaut werden sollte. So wurde es in den Sagen erzählt, und so war es gekommen.

Kein Haus oder Turm konnte darum in die Höhe schießen und den Blick auf diesen strahlend weißen Palast und die Fülle von bunt leuchtenden Blumen verdecken, die sich wie festgefrorene Schaumspritzer über die Kante der meterdicken Mauern und die Balkone und Erker der Türme breiteten.

Im Park, dessen Ausdehnung größer als die des ganzen Hafens war, wanderten Herden von Hirschen im Schatten der Riesenbäume umher, still, wie Gespenster.

Nichts brauchten sie zu fürchten, denn die masthohen Mauern umringten den Palastpark und den Wald und dämpften die Geräusche der Welt zu einem sanften Flüstern im Wind.

Mitten durch den Park floß ein langsam rieselnder Fluß und hier, zwischen den Arkaden und Ampfer blättern, segelten Höckerschwäne umeinander herum, wie Schiffe auf dem Weltmeer, erhaben, leise und zerbrechlich.

So mächtig war er, der Kaiser, daß das schwere, vergoldete Gittertor in der Mauer nie abgeschlossen war, und man nie einen einzigen bewaffneten Wächter im Park sah - obwohl es sie natürlich gab.

Das ganze riesige Areal, das dieser Park einnahm, war überwachsen mit Klee, und gerade diese Kleeblüte war das Symbol des Kaisers von Jarana.

Kein Mensch, der im Besitz seiner geistigen Kräfte war, konnte sich vorstellen, diese kleebedeckte Wiese in diesem stillen, versiegelten Heiligtum zu betreten.

Hier wurden große Ideen geboren, hier wachte das bedrückende Empfinden der Größe der Macht des Kaisers, geschützt vor allem, was Menschen an Bösem hervorbringen konnten, durch die Säbel der Maruderfechter und die Zauberkünste des Zauberers Zarafir.

Draußen vor den Mauern breiteten sich die weißen Häuser der Stadt über das Land, bis hinunter zum Meer und zum Hafen. Und alle Dächer waren mit roten, glasierten Ziegeln gedeckt, die im Licht der Sonne glänzten oder wie rotes Marmor funkelten, wenn die Zauberformeln des Magiers Zarafir den Regen auf diesen Teil von Dynadan herunterriefen.

Die Windreiter

Er stand auf dem Balkon und blickte hinunter über die Stadt. Die Morgensonne fiel auf die roten, glasierten Dächer und das Licht spielte glänzend auf den blanken Flächen, so wie es auf den Wellen des smaragdgrünen Meeres weiter draußen spielte. Die Masten, ein Wald von schwarzen Stämmen gegen das grüne Meer, schwankten leicht im Takt hin und her.

Er lehnte sich schwer gegen die Balkonbrüstung, und genoß sein eigenes Gewicht auf seinen Ellbogen. Er war jetzt ein großer Bursche, siebzehn Jahre alt und sich seiner keimenden Männlichkeit bewußt.

Er ließ den Blick über die Türme und Spitzen schweifen, lauschte dem leisen, scharfen Schlagen der Wimpel in dem lebhaften Wind. Seine Augen verweilten einen Moment auf zwei Maruderfechtern, die im Hof hinter den kaiserlichen Ställen trainierten. Er bemerkte, wie sie sich gegenseitig bewachten, mit ruhigen, tänzelnden Bewegungen über die Pflastersteine wirbelten, während die Klingen der Säbel im Sonnenlicht glänzten und funkelten.

Dann hörte er Fußtritte auf dem blankpolierten Boden hinter sich, richtete sich auf und drehte sich eilig um.

Zarafir, der kaiserliche Magier, kam auf ihn zugegangen.

Als der Zauberer Angicore entdeckte, klärte sich sein sonst immer so ernstes Gesicht mit einem beherrschten Lächeln auf, und er hob die Hand zum Gruß.

"Guten Morgen, mein Junge."

Er war der einzige, außer seinem Vater - dem allmächtigen Kaiser von Jarana - der sich erlaubte, auf diese Weise zu ihm zu sprechen.

Aber Zarafir war auch kein gewöhnlicher Bürger. Zarafir war mächtig, vielleicht mächtiger als sein Vater, der Kaiser, und Angicore wußte das.

Zarafir herrschte über die Winde, die Wellen des Meeres und die Seelen. Er beschritt Wege, die kein anderer Mensch gehen konnte; darum ging er immer allein.

"Guten Morgen, Zarafir."

Angicore nickte der Gestalt freundlich und wohlwollend zu, die sich auf ihn zu bewegte.

Zarafir trat zu ihm auf den Balkon hinaus und ließ seine schlanken Hände auf der Brüstung ruhen. Dann kniff er die blauen Augen zu zwei Schlitzen zusammen und blieb einen Augenblick in Gedanken vertieft so stehen.

Angicore betrachtete das gealterte Gesicht, die lange, krumme Hakennase, die schmalen, farblosen Lippen und das grauweiße, struppige Haar. Er kannte dieses Gesicht so gut wie alles andere, was für ihn Bedeutung hatte. Er ließ Zarafir in Ruhe nachdenken und wartete.

"Sie kommen heute zurück..." sagte Zarafir plötzlich.

Angicore folgte der Richtung seines Blickes. Das Meer lag wie eine glitzernde, silbrige Fläche im Nebel, ganz bis zum Horizont. Über der schimmernden Meeresoberfläche hing der Dunst wie ein flimmerndes Federbett. Möwen kreisten über dem Wasser, tauchten in den warmen Dunst und veränderten ihre Formen, wurden zu schwebenden Dämonen, bis sie nach oben schoßen, und wieder zu Möwen wurden.

"Wer kommt zurück?" fragte Angicore.

"Die Windreiter, mein Junge. Das stolzeste Schiff das jemals hier in Dynadan zu Wasser gelassen wurde."

Während er sprach, schaute er über die Dächer der Stadt hinweg, über das Meer bis an den Rand der Welt.

Angicore richtete sich auf, legte die eine Hand auf den Schaft des Schwertes und sagte, so beherrscht wie er konnte:

"Du bist ein mächtiger Mann Zarafir." Er versuchte stolz zu klingen. Aber Zarafir gegenüber bekam er immer dieses eigentümliche Gefühl seiner eigenen Zerbrechlichkeit, wie Tau auf dem Gras, bevor die Sonne ihn verdunstet. Ein Gefühl, das sich für den Thronerben des größten und ruhmreichsten Thrones der Welt nicht gehörte.

Zarafir nickte schweigend und beobachtete ihn.

"Der Wind gehorcht deiner Stimme, genau wie die Pferde in den kaiserlichen Ställen. Die ganze Welt gehorcht deiner Stimme, Zarafir." Angicore sah ihn fest an. "Und doch dienst du meinem Vater, dem Kaiser - wie jeder andere Untertan."

Zarafir nickte wieder.

"Warum bist du nicht der Kaiser, Zarafir?" Angicore flüsterte.

Zarafir wandte sich zu ihm, kratzte sich am Kinn und antwortete:

"Es ist nicht die ganze Welt, die auf meine Stimme hört. Ich habe nur begrenzte Kraft, mit den Augen der Welt gesehen. Und es ist nicht mein Schicksal, Kaiser zu sein. Außerdem..."

Er hob die Hand, als wolle er verhindern, daß er von Angicore unterbrochen würde.

"Außerdem würde ich kaum ein guter Kaiser sein. Ein Kaiser muß seine Zeit für viele verschiedene Ziele nutzen. Für Dinge, mit denen sich zu beschäftigen, ich nicht geschaffen bin." Dann lehnte er sich vor und senkte die Stimme. "Außerdem ist dein Vater ein guter Kaiser, Angicore. Er ist der Kaiser von Dynadan, ich bin der Magier von Dynadan, laß es dabei bleiben."

Während sie mit ihren Gedanken beschäftigt waren, begannen die Glocken in dem weißen Turm am Hafen zu läuten. Das tiefe, schwere Dröhnen erfüllte die Straßen und die Luft über dem Nebel, wurde vom Wind getragen und verhallte über dem Meer.

Am Anfang war es nur ein Punkt. Dann kam es näher, wuchs gegen den weichen, blauen Himmel und nahm Form an.

Angicore stand gegen die Brüstung gelehnt und starrte.

Weit unter ihm, außerhalb der weißgescheuerten Mauern, liefen Menschen - Männer, Frauen und Kinder zum Hafen hinunter. Ihr eifriges Rufen erfüllte die Straßen und die Luft zwischen den Häusern.

"Es sind schlechte Zeiten im Anmarsch!" murmelte Zarafir. Angicore sah ihn verständnislos an. Dann wandte er wieder seine Aufmerksamkeit dem Schiff zu und vergaß es.

Zarafir stand allein mit seinen Gedanken da, dem Wind lauschend und der Warnung, die er mit sich brachte...

Das Schiff glitt durch die Außenmolen, während die Männer in den Masten die Segel refften. Die Luft zwischen den drei Masten war ein Gewimmel von Körpern; schwitzenden, muskulösen, sonnenverbrannten Männern, die mit Tauen und Taljen arbeiteten. Über dem Achtersteven flatterte die lange, gezackte Flagge, eine goldene Kleeblüte auf leuchtendblauem Grund, das Symbol des Kaisers.

Die Frauen standen am Kai und warteten. Sie hatten Blumen in den Händen und Kinder auf den Armen. Aber keine von ihnen hatte ganz kleine Kinder dabei, denn die Windreiter waren mehr als drei Jahre fort gewesen und die Männer an Bord waren die Väter der Kinder.

Den ganzen Kai entlang stand die kaiserliche Säbelgarde, die Maruder, in glänzenden Panzerhemden und Helmen. Ihre gelben Hosen waren in die blankpolierten, schwarzen Stiefel gesteckt. Alle hielten sie die linke Hand am Säbel Schaft, zum Zeichen, daß sie bereit waren.

Ihre rechten Arme, die Schwertarme, hingen locker an der Seite herunter. Auf den Handrücken hatten sie eine Kleeblüte in die Haut tätowiert.

Auf dem Kai, dort wo die Landungstreppe die zwei Etagen hinauf auf das schräge Deck der Windreiter führte, stand der kaiserliche Schatzmeister und wartete.

Er war ein kleiner, korpulenter Mann mit schwitzenden, roten Wangen und nervös plinkernden Augen. Er zog unablässig seinen weißen Kragen zurecht und trocknete mit einem parfümierten Taschentuch seine Stirn.

An seiner Seite stand Zarafir.

Die Trossen wirbelten durch die Luft, wurden von eifrigen Händen ergriffen und die Windreiter wurde so festgezurrt, daß nicht einmal der schlimmste Sturm sie aus ihrer Vertäuung hätte reißen können.

Dann endlich stellten sich die Männer in langen Reihen auf das Deck.

Sie hatten alle die gleichen schwarzen Hosen und blauweißgestreiften Troyer an.

Die Masten knarrten ein wenig, während der Kapitän seine Leute inspizierte. Dann richtete er seine Aufmerksamkeit dem Kai zu und ging den Landgang hinunter.

Die Frauen und Kinder winkten und riefen. Dasselbe taten alle anderen, die an diesem sonnig, warmen Vormittag hierhergekommen waren. Und das waren fast alle Bürger von Krilanta. Nur wenige waren es, die nicht einen Verwandten oder einen Freund an Bord des Schiffes hatten.

Aber inzwischen senkte sich eine merkwürdige, mißmutige Stimmung über das Gewimmel am Kai und die angrenzenden Straßen. Tausende von Gesichtern starrten und stierten die Leute auf dem Schiff an, ohne es zu begreifen.

Zarafir ließ den Blick an den Reihen der versteinerten Gesichter entlangschweifen. Und als er es gesehen hatte, verstanden es auch die anderen am Kai. Daß die Leute auf dem Schiff weniger waren, viel weniger, als damals fortgezogen waren.

Die, die nun zurückgekehrt waren, standen da und schauten auf die rotglasierten Dächer der Stadt, mit düsteren, trübsinnigen Mienen.

Und die Freude und das Glück, die vorher die Luft erfüllt hatten, verschwanden wie Tau in der Sonne. Die Schar auf dem Kai sah auf die Blumen in ihren Händen herab und versuchte die Freude wiederzugewinnen, die sie gefühlt hatte. Aber sie fanden sie nicht und blieben mißmutig.

Es senkte sich ein tödliches Schweigen über die zahlreiche Menschenschar und die Schritte des Kapitäns auf dem Landgang dröhnten scharf zwischen den Häusern.

Der Schatzmeister huschte ihm geschäftig entgegen und sprach die üblichen, höflichen Formalitäten. Der Kapitän antwortete ihm mit einem steifen Nicken, dann schritt er zielbewußt auf den von Pferden gezogenen Wagen zu, der darauf wartete, ihn zum Palast des Kaisers von Jarana zu bringen.

Zarafir folgte ihm mit den Augen, bis er im Gewimmel verschwand.

Und das, was ein Tag der Freude und des Wiedersehens hatte werden sollen, verwandelte sich so unbegreiflich in eine Stunde der Angst, denn keiner wußte, was es bedeutete und keiner konnte sich vorstellen, welche Gefahren und Sorgen die Heimgekehrten hatten durchmachen müssen, auf ihrer Fahrt über das Meer.

Die Warnung

Der Kapitän der Windreiter, Zendo Kur, stand vor dem Kaiser von Jarana, der behaglich zurückgelehnt auf einem mit Gold belegtem Stuhl vor der offenen Balkontür saß. Auf jeder Seite des vergoldeten Thrones lag ein rauhaariger, schläfriger Wolfshund. Ihre Köpfe lagen auf den Vorderpfoten und sie beobachteten die Versammlung durch ihre halbgeschlossenen Augen.

Der Kaiser selbst sah ruhig vor sich hin. Er spielte mit einem Messer, das er zwischen den Fingern hielt, und rollte langsam die scharfe Klinge auf der Haut hin und her, ohne es zu beachten.

Dieser Kaiser, über den so viel Großes geschrieben und gesungen worden war, war der natürliche Mittelpunkt der Welt. Und darum war es nur natürlich, daß Zendo Kur um eine Audienz ersuchte, um einen Bericht über die Reise der Windreiter, Dynadans Stolz, abzugeben.

Das markante Gesicht des Kaisers hatte entspannte Falten, und die bohrenden, grauen Augen schauten auf diese Versammlung mächtiger Männer, die immer zur Stelle waren, umgesehen zu werden.

Der Kaiser sah ruhig auf die Menge der Gesichter. Er kannte sie alle, sie waren alle Bürger seiner Gnaden. Und sie waren alle da, so, wie er es am liebsten sah. Sie stellten sich auf Zehenspitzen, die, die am weitesten hinten standen, um von ihm gesehen und bemerkt zu werden, dem mächtigsten unter den Herrschern. Der Kaiser lächelte vor sich hin; lächelte über ihren Eifer, ihn zufriedenzustellen. Und sie lächelten zurück und nickten untertänigste, erleichtert über seine hochehrwürdige, gnädige Geste. Diskret im Hintergrund, aber doch in effektiver Reichweite, standen die Maruder mit kalten, ausdruckslosen Blicken und den Händen lässig auf den Säbelschäften.

Angicore saß auf einem schön geschnitzten Stuhl mit überkreuzten Beinen und den Händen im Schoß. Er war das ganze Ebenbild seines Vaters und genoß allen Respekt und alle Aufmerksamkeit, die mit Recht einem solchen Herrschernachkommen zuteilwerden sollte. Auch er beobachtete den Kapitän, aber er war nicht fähig, seine innere Aufregung zu verstecken, so wie es die älteren Staatsmänner konnten. Er hob den Blick, ließ ihn über die Menge der Gesichter schweifen, bis er unter ihnen Zarafir entdeckte. Dann entspannte er sich und richtete seine Aufmerksamkeit auf den Kapitän.

"Was meinen Sie mit `dunklen Kräften`?" fragte der Kaiser von Jarana.

Er hatte sich vorgebeugt, mit einer Hand auf dem einen Knie ruhend und einem verbissenen Ausdruck im Gesicht.

Die Maruder sahen den Kapitän an, sahen durch ihn hindurch, mit ihren harten, wachsamen Augen.

Der Kapitän sah auf die Gardinen, die in dem sanften, warmen Sommerwind schwankten, und zuckte leicht mit den Schultern. Die Stille war so überragend und tief, daß sie fast Formen annahm und sich berühren ließ. Es knisterte leise durch das Salz im Stoff, als der Kapitän den Arm hob. Die Maruder folgten der gleitenden Bewegung der Hand, angespannt wie Federn in Menschengestalt.

"Das ist schwer zu erklären, Euer Gnaden."

"Versuch es!" sagte der Kaiser tonlos.

"Es ist, als hätte ein Geist seine Arme über der Welt ausgebreitet," murmelte der Kapitän. Er hob eine schwielige Faust, hielt sie vor den Mund und hustete. Seine Stimme zitterte vor Aufregung und sein Blick flackerte nervös vom Kaiser und Angicore zu den Marudern an den Wänden.

"Wir fuhren in den Hafen von Illemed, dem Land, wo es sich unbeschwert leben läßt, und die Sorgen nur ein Nebel in der Erinnerung sind," sprach er weiter. "Aber das Leben ist nicht mehr unbeschwert in Illemed, und das Leid hat den Weg in alle Herzen gefunden."

Er schloß den Mund, stand da und starrte auf den Boden.

"Weswegen macht man sich Sorgen in Illemed?" wollte der Kaiser wissen.

"Das weiß ich nicht, Euer Gnaden," sagte der Kapitän.

"Sprich weiter!" sagte der Kaiser.

"Wir gingen an Land, um frische Früchte und frisches Gemüse zu holen, denn nichts darf doch einem Schiff aus Dynadan verweigert werden?"

Er sah den Kaiser fragend an. Der nickte.

"Aber wir trafen auf Waffen, Euer Gnaden. Und uns wurde mit Hass und Verachtung begegnet. Wir mußten kämpfen, um die Leute zu befreien, die an Land gegangen waren."

Er befeuchtete die Lippen mit der Zunge und holte tief Luft. "Wir verloren viele, in Illemed..."

All die großen Staatsmänner, alle, die sich im Saal befanden und aus den offenen Balkontüren sehen konnten, auf die glitzernde, golden schimmernde Fläche des Meeres, starrten Zendo Kur ungläubig an. Und so sehr erwarteten sie den Zorn des Kaisers, daß keiner zu sprechen wagte, aus Furcht, diesen Zorn auf sich zu ziehen.

"Wir hatten getrocknetes Fleisch und eingesalzenen Fisch und lebende Schafe an Bord. Also setzten wir die Fahrt durch die inneren Fahrwasser fort und passierten die Gay-Tiefe, danach setzten wir Kurs auf Erzurum. Wir hatten gehört, daß die Dunkelheit von dort kommen sollte."

"Die Dunkelheit?"

"Sie folgte uns, die ganze Zeit. Tag und Nacht lagen die schwarzen Galeeren am Horizont und bewachten uns. Ich glaube, sie dachten, wir wären zu viele an Bord, und daß wir zu gut ausgerüstet wären, als daß sie einen Angriff hätten wagen können. Aber auf den Inseln in der Bucht vor Erzurum sandte ich eine Expedition an Land, die herausfinden sollte, wie sich dort das Leben abspielte."

Zarafir bahnte sich einen Weg durch die Menge und näherte sich dem Rücken des Kapitäns. Er stellte sich ruhig hin und wartete an seiner Seite, ohne etwas zu sagen.

"Schwarze Galeeren..." der Kaiser starrte entrüstet vor sich in die Gesichter. "Ich bin der Kaiser von Dynadan, ich übe die Gerechtigkeit in diesem Teil der Welt aus und brauche der Furcht in meinem Herzen keinen Platz zu geben!" Er hob die Augenbrauen und die Menge murmelte zustimmend.

Aber selbst Angicore konnte sehen, was für einen tiefen Eindruck Zendo Kurs Bericht hinterlassen hatte und wie schockiert sie nun waren, ihn zu sehen. Denn sie hatten ihn davonziehen sehen als Führer des stolzen Schiffes Windreiter, einen Mann mit dem Körperbau eines Bären, der klaren Urteilskraft eines Zauberers und einem unbezwingbaren, eisernen Willen.

"Wenn dem nur so wäre, Euer Gnaden..." Zendo Kurs Worte waren kaum hörbar.

Die Menge starrte ihn wie gelähmt an. Bis jetzt hatte noch niemand Zweifel an den Fähigkeiten des Kaisers von Jarana, als unbestrittenes Oberhaupt Dynadans geäußert und lange genug gelebt, um es zu bedauern.

Die Maruder, die an den Wänden standen, rührten sich.

Die Wolfshunde hoben die Köpfe und knurrten drohend in den Saal hinein.

Zarafir trat einen Schritt vor, hob abwehrend die Hand und mahnte sie, zu schweigen. Dann sah er einen Augenblick dem Kapitän in die Augen, richtete dann seine ganze Aufmerksamkeit auf den Kaiser und sprach.

"Euer Gnaden. Auch ich habe die Bedrohung bemerkt, die sich über die Welt ausbreitet. Noch bevor die Windreiter am Horizont sichtbar wurde, wußte ich, daß etwas nicht in Ordnung war." Er sah Angicore an, der nickte.

"Ich bitte Euch. Gebt diesem Mann eine Chance, zu beweisen, welche Gefahren an seiner Seele gezehrt haben. Einen Mann wie Zendo Kur zu verurteilen, einen Mann, der so viele Jahre seinen Wert für den kaiserlichen Thron bewiesen hat, ohne ihm diese Chance zu geben, wäre gegen jede Vernunft."

Der Kaiser von Jarana öffnete den Mund, um etwas zu sagen. Aber dann schloß er ihn wieder und sank in seinen Stuhl zurück. Die Maruder warteten mit ihren Säbeln halb aus den Scheiden gezogen.

Der Kaiser nickte verbissen, ohne etwas zu sagen.

Zarafir wandte sich zu Zendo Kur und legte die Hände auf seine Schultern.

"Schließ die Augen mein Freund. Laß es in dein Bewußtsein dringen, was der Nährboden dieser großen Furcht ist. "

Der Kapitän schloß sie und schwankte ein wenig vor und zurück. Auch Zarafir schloß seine Augen und ließ die eine Hand über dem Boden schweben, über den offenen Platz vor dem Thron.

Die Gardinen wurden in den Saal geweht und das Geschrei der Möwen drang zu ihnen hinein, vom Hafen her.

Dann zitterte es in der Luft. Eine Spannung ohne Laut. Sie wurde ganz langsam ausgelöst und verdichtete sich im Raum vor der von Schweiß tropfenden Stirn des Kapitäns.

Und plötzlich, wie von einer fremden, unwirklichen Welt hervorgerufen, nahm es vor ihnen allen Formen an, sichtbar für ihre erschrockenen Blicke, umgeben von einem gräulichen, flimmernden Schein.

Es trat aus Zendo Kurs Körper heraus, war von ihm hierher getragen worden, vielleicht ohne sein Wissen. Es war ein Gisal, ein Wesen menschlichen Ursprungs - aber nicht mehr Mensch; ein Wesen, das große Kräfte in sich hatte, große Kräfte, wie die Zarafirs.

Es hatte nicht das markante Gesicht des Menschen und nicht die Ausstrahlung des Menschen von Gefühl und Bewußtsein.

Es strahlte den Willen eines bösen Erschaffers aus, der wie ein saurer Gestank durch die Luft wallte und verursachte, daß sie alle, jeder einzelne, laut schrien vor Angst.

Die schwarzen Gewänder flatterten um es herum, während es sich langsam um sich selbst drehte und seine brennenden, blanken Augen durch die zunehmende Dunkelheit schweifen ließ.

Schwere Wolken zogen vom Meer herauf, und der Lärm der laufenden Menschen unten in den Straßen, drang zu ihnen hinein.

Dann trat es auf den Thron zu, während es heiser aus der Kehle fauchte.

Die Maruder stürzten vor, im Nu glänzte die Luft von dem hitzigen Tanz der blanken Klingen durch die Stille.

Angicore sprang auf, zog sein Schwert und warf sich vor seinen Vater. Aber es fegte ihn zur Seite, unsanft und schonungslos und er krachte auf den Boden, während das Schwert über die glatte Fläche dahinrutschte.

Im nächsten Augenblick stieß der Kaiser von Jarana, der mächtigste Herrscher seit der Erschaffung der Welt, einen langgezogenen, klagenden Schrei aus und sank über der einen Armlehne des Thrones zusammen.

Der Gisal lief zum Balkon, wo die Schwerter glänzten und mit heulendem Zucken die Luft zerrissen. Dann fiel er mit großer Kraft gegen die Brüstung und stürzt mit einem heiseren Jammern über sie hinweg.

Zarafir stand mitten im Saal und starrte auf den Thron. In seinen Augen spiegelte sich so großer Schmerz, daß kein Mensch vermochte ihn allein zu ertragen. Der Kapitän, Zendo Kur, lag vor seinen Füßen, in einer verrenkten Stellung und hatte den steifen Blick an die Decke gerichtet.

Die Maruder hasteten zu Angicore hinüber, nahmen ihn vorsichtig an den Armen und zogen ihn hoch in den Stand. Als sie sich vergewissert hatten, daß er unbeschadet war, richteten sie ihre Aufmerksamkeit auf den Thron, wo andere einen Kreis um den Kaiser von Jarana gebildet hatten.

Er lag immer noch auf dem Stuhl, halb über der breiten Armlehne hängend, in einer unnatürlich verrenkten Stellung. Sein aschgraues Gesicht und der Ausdruck des starren Schreckens darin, ließ sie einen Augenblick stehenbleiben.

Angicore schwankte zu ihm, schweigend und ängstlich.

Eine verwirrende Mischung von Gefühlen durchströmte ihn. Er betrachtete unsicher die leblose Gestalt seines Vaters und fühlte, wie ein Abgrund sich vor ihm öffnete, fühlte wie der Felsen unter ihm weg glitt - der Felsen der Geborgenheit und der erhabenen Würde, der das einzige war, was sie gemeinsam hatten, dieser Kaiserliche Vater und er.

Es war wie ein böser Traum, ein Traum, der jede Sekunde vorbei sein konnte und sich als Streich entpuppen konnte, der seinen Sinnen gespielt worden war. Er suchte in seinem Innern nach einem Weg aus diesem Traum, entdeckte aber nur, daß es keinen gab.

Das Unwetter heulte über Dynadan und der Regen peitschte von dem schwarzen Himmel, fegte die Gardinen zur Seite und lief in breiten Bächen über den Fußboden.

Zarafir bahnte sich einen Weg durch die Menge, kniete sich vor seinen Kaiser und legte seine Hand auf dessen Hals. Doch aus seinem verbissenen Gesichtsausdruck und seinen schweren Atemzügen folgerten auch sie die fürchterliche Tatsache, daß er, der Inbegriff alles Mächtigen und der erhaben war über alles, was menschliche Niedertracht sich ausdenken konnte, tot war... Getötet von einem Funken dessen, was da kommen sollte, das in einer Welt fern von Dynadan wuchs, auf der anderen Seite des Meeres.

"Die Stunde der Prüfung ist gekommen..." Zarafir starrte in die Dunkelheit hinaus, zwischen den flatternden Gobelins hindurch, starrte auf die schwarze Angst, die den Himmel und die Luft zwischen den Nebelbänken erfüllte - und in ihre Herzen drang.

Er stand ruhig mit vor dem Bauch gefalteten Händen und einem müden Gesichtsausdruck da. Überall um ihn herum hatte der erste Schock sich gelegt und sich in eine fast fieberhaft, hektische Geschäftigkeit gewandelt.

Die Maruder waren sehr schnell im Ziehen ihrer Säbel. Sie sahen Angicore an, und warteten darauf, daß er die Führung übernahm und Befehle erteilte. Sie sahen ihn nicht als den Jungen, der einmal den Thron erben würde - sie sahen ihn nicht als das Kind, das noch nicht bereit war. Sie sahen ihn als den Kaiser von Jarana - den einzig wahren Herrscher. Sie reagierten auf nichts anderes in dieser Welt, als auf seine Stimme.

Der kaiserliche Schatzmeister drängte sich mit einem irren Gesichtsausdruck und wütende, unzusammenhängende Beschuldigungen ausstoßend, zu Zarafir. Während er sich durchdrängelte zog er ein Messer aus dem lose herabhängenden Gewand, das seine korpulente, schwitzende Gestalt verhüllte. Zarafir starrte auf das Messer, das von den dicken Fingern umklammert wurde, ohne Anstalten zu machen, sich zu schützen.

Die Maruder warteten, die Blicke fest auf Angicore gerichtet.

Der Schatzmeister hob das Messer, unartikulierte Laute floßen in endlosen Strömen über seine Lippen und wurden zu einem unverständlichen Stammeln.

Zarafir, für ihn fühlte er die tiefste Zuneigung, wegen ihm war er nun fähig, zu handeln.

"Haltet ihn auf..." Angicores Ruf war kaum verklungen, da sank der tote Körper des Schatzmeisters auch schon schlaff unter den leuchtenden, zischenden Säbeln auf den Boden.

Der Kapitän der Maruder, Duncan Yol, betrachtete den toten Körper mit deutlichem Unbehagen, darauf drehte er sich auf den Hacken um und ging durch den Saal, in Richtung auf Angicore.

"Milord..." Er grüßte mit zur Decke erhobenem Säbel.

"Wir stehen zu ihren Diensten - Ihr seid der Kaiser, der einzig wahre Herrscher von Dynadan!"

Seine Stimme verriet kein Gefühl für das Drama, das sich gerade abgespielt hatte. Er bemerkte den toten Kaiser nicht, der gerade vom Thron entfernt wurde. Er sah nur Angicore.

Angicore nickte und fühlte, wie ein Würgen in seiner Brust hochstieg. Er wankte einen Schritt zurück, und kämpfte gegen seine Schwindelgefühle. Dann rammte er sein Schwert in die Scheide zurück und erwiderte den Blick des anderen.

"Ja, ich bin jetzt Kaiser!"

"Was wünscht ihr, das wir tun sollen?" fragte Duncan Yol ruhig.

Angicore folgte ihnen mit den Augen, denen, die den leblosen Körper seines Vaters forttrugen. "Schafft die Leute hier heraus," antwortete er. "Alle, außer Zarafir!"

Duncan Yol nickte, wandte sich um, und rief nach links und rechts Befehle. Die Maruder trieben die Menschen hinaus, und Stille senkte sich über den Saal.

Als sie allein waren, ging er zu Zarafir hinüber, der an der offenen Balkontür stand.

"Was geschieht hier, Zarafir? Wer war das, der meinen Vater getötet hat?"

Der Zauberer wandte ihm den Blick zu, und jetzt sah er, wie müde der alte Mann war. Der gequälte Ausdruck bedeckte immer noch sein Gesicht, wie eine Maske.

"Bin ich jetzt Kaiser?"

Zarafir nickte. " Das seid Ihr, Milord. Ihr seid jetzt Kaiser!"

"Milord," dachte Angicore. "Ihr..."

Von den Straßen drangen Rufe zu ihnen hinauf, durch die offene Tür.

"Der Kaiser ist tot! Der Kaiser ist ermordet worden!"

Zarafir trat auf den Balkon hinaus und lehnte sich schwer auf die Brüstung. Die müden blauen Augen sahen in die Dunkelheit, über die Dächer der Stadt und weiter hinaus über das Meer zu den Sternen. Aber es waren keine Sterne da. Weit draußen am Horizont wachte sie. Eine schwarze, undurchdringliche Dunkelheit, die über den Wellen lag und abwartete...

"Ich beging einen fürchterlichen Fehler," flüsterte Zarafir. "Einen verhängnisvollen Fehler..."

Angicore nickte, ohne ganz zu begreifen, was er meinte.

"Einen fürchterlichen Irrtum..."

"Erklär mir das," bat Angicore. Er fühlte sich jetzt vollständig allein. Er hatte nur Zarafir, auf den er sich stützen konnte. Zarafirs Schwäche schwächte auch ihn selbst. Und er brauchte jetzt Stärke, Stärke, um den Anforderungen gewachsen zu sein, die nun, wie er wußte, auf ihn zukamen.

Zarafir legte eine Hand auf seine Schulter.

"Ich ließ es drauf ankommen. Ich schätzte die Situation falsch ein. Das kann ein Mann wie ich nicht tun, in einer Situation, wie dieser, ohne daß die Folgen katastrophal sind!"

"Was war das für ein Wesen, das da gekommen ist?" fragte Angicore.

"Ein Gisal..." flüsterte Zarafir und griff um den Rand der Brüstung, um sich aufrecht zu halten.

"Ein Gisal?"

"Ein Magier, wie ich..." seufzte er. "Ein Zauberer, der den Schwur gebrochen hat, den er geschworen hat, und in die Dienste des Bösen getreten ist."

"Hättest du es nicht verhindern können?"

"Indem ich es herbeirief, habe ich selbst mich ihm verschrieben. Darum konnte ich nicht eingreifen. Keiner ist unfehlbar, nicht einmal ich." Er seufzte leise und Angicore fühlte den Zorn der Hoffnungslosigkeit zu einem bitteren Geschmack im Mund werden.

"Was jetzt?" fragte Angicore.

"Stütz mich..." Er streckte die Hand Angicore entgegen und lehnte sich schwer an ihn, als Angicore den Arm um seinen Rücken legte.

"Die Zeit ist knapp, mein Junge. Ich habe dir etwas zu geben, wir müssen uns beeilen, bevor es zu spät ist."

Er warf einen letzten Blick in die Dunkelheit. "Ich fühle, daß es kommt, mein Junge. Eine Stärke, so groß, ein Zorn, so gewaltig, eine Kraft, die über Dynadan hinwegspülen wird und es einebnen, so wie das Meer den Sand am Strand wegfegt..."

"Wir können kämpfen, Zarafir. Ich verfüge über das größte Heer der Welt, ich gebiete über die Maruder, die tapfersten Fechter, die es gibt!"

Zarafir sah auf ihn hinunter. Es war Liebe in diesem Blick, Liebe und Mitleid.

"Ihr werdet es sein, Milord..." Er schwieg und schüttelte irritiert den Kopf. "Du wirst es sein, mein Angicore - der zum Land auf der anderen Seite hinter dem Meer ziehen wird. Du besitzt große Kräfte in Winkeln deines Bewußtseins, die du noch nie bemerkt hast. Aber du wirst es sehen, wenn die Zeit gekommen ist. Du mußt die Kräfte gebrauchen und den Gisal aufsuchen. Und du mußt nach Illemed ausziehen, denn dort ist es, wo er zu finden ist..."

Er schwieg einen Augenblick und suchte nach den richtigen Worten.

"Nichts ändert sich, wenn du bleibst, nichts anderes, als daß es dich das Leben kosten wird. Für die Kämpfe in Dynadan werde ich dir eine Waffe geben, eine Zauberwaffe. Aber du mußt fort von hier, noch heute Nacht."

"Wenn du es so sagst, werde ich deinem Vorschlag gehorchen," flüsterte Angicore.

"Hilf mir weg von hier," bat Zarafir müde.

"Wohin?" fragte Angicore heiser.

"Zum Turm..."

Er stolperte davon, gestützt von dem jungen Kaiser, fort durch die Säle. Duncan Yol blieb zurück und starrte ihnen mit düsterem Blick nach.

Das Ebenholz-Kristall

Es war ein großer, dunkler Raum.

Die Spitzbogenfenster standen offen, und der Donner grollte ihnen vom Meer her entgegen. Die Blitze ließen sie wie in weißglänzenden, erstarrten Bildern festfrieren, um sie dann geblendet und frierend dort zurückzulassen.

Die dicken Steinmauern sprachen Angicore einen Augenblick Trost zu, aber er wußte, das es nicht wahr war, denn er hatte die Bedrohung sich in alles drängen sehen, was er sein ganzes Leben mit Sicherheit und Frieden verbunden hatte.

Zarafir lag auf dem Bett. Seine Augen waren halb geschlossen und er stöhnte heiser und beschwerlich nach den siebenhundert Stufen den Turm hinauf.

Angicore starrte aus dem Fenster über das Meer auf die Dunkelheit, die sich über Dynadan schloß. Wenn ein Blitz über den Himmel fuhr, schloß er die Augen. In dem scharfen, weißen Licht glänzten die Tränen in seinen Augenwinkeln.

Er wandte den Blick zu Zarafir, der auf dem Bett lag. Er betrachtete ihn mit einer Mischung aus innerlicher Zuwendung und keimender Sprachlosigkeit darüber, entdeckt zu haben, daß auch er, der mächtige Zauberer von Dynadan, verwundbar war und so zerbrechlich, wie die Welt selbst.

"Komm hier her!" Zarafir winkte ihm mit einer blassen Hand. Angicore ging zu ihm und setzte sich aufs Bett. Das Schwert scharrte auf dem Boden, dann war es still.

"Ich werde bald sterben," stöhnte Zarafir. "Ich habe meine eigenen Kräfte verbraucht. Ich bin gezwungen zu sterben, verstehst du das?"

Angicore schüttelte den Kopf. Er verstand es nicht.

"Ich könnte eine fürchterliche Waffe unter der Kontrolle der falschen Gesinnungen werden." Er flüsterte die Worte, und Angicore mußte sich über ihn lehnen, um ihn durch das Geheul des Sturmes zu hören.

"Aber es gibt einen anderen," sprach Zarafir weiter. "Du mußt ihn finden und um Hilfe bitten. Er ist wie ich, aber vielleicht verständiger. Er lebt draußen in der Einöde, in den Sümpfen von Ergol. Er änderte seinen Namen, um wie ein gewöhnlicher Mensch zu leben. Sein Name ist Skillion."

"Skillion?"

"Ja, mein Junge. Oder sollte ich Milord sagen?"

Angicore antwortete nicht, aber schüttelte langsam den Kopf. "Duncan Yol wird bei dir bleiben. Er wird deinem Befehl bis in den Tod gehorchen. Verlaß dich auf ihn, aber fasse deine eigenen Entschlüße. Er ist ein Diener, und kein Herrscher. Er wird dich nie im Stich lassen."

Angicore nickte.

"Und ich werde dir die Wahl lassen..." stöhnte Zarafir. "Habe ich irgendeine Wahl?" fragte Angicore müde.

"Ich werde dir eine Waffe geben, eine Waffe so stark, daß die Welt beben wird, wenn es frei wird. Aber ich möchte, daß du weißt, daß egal, was du wählst, es seinen Preis hat. Ich werde dir das Mittel geben, es zu befreien - ich werde dir die Macht über Djin geben!"

"Djin?"

Zarafir sah ihn an. Die Augenlider waren halb geschlossen, und der Schweiß lief ihm in großen, klaren Tropfen über die Stirn.

"Die Wahl muß deine sein, du bist der Kaiser - und unabhängig davon, wozu du dich entschließt, hat es Einfluß auf das Schicksal."

Plötzlich fühlte er seine kaiserliche Pracht wie eine felsenschwere Bürde auf seinen Schultern. Er saß mit den Händen im Schoß gefaltet da, hatte die Augen geschlossen und schüttelte mit dem Kopf. Tief in seinem Innern rief eine Stimme, daß er sich zusammennehmen müße, sich in den Griff bekommen, denn viel war von ihm abhängig, viel mehr, als er fähig war, auch nur zu ahnen.

"Die Welt ist im Großen und Ganzen einen Art Gleichgewicht - eine Balance..." sagte Zarafir.

Gerade darum übe ich nur Magie aus, echte Magie, nicht bloß Illusionen, wenn es wirklich notwendig ist. Denn jedes Mal, wenn ich zu diesen Mitteln greife, verschiebe ich das Gleichgewicht dieser Welt und bringe die Dinge aus der Balance. Aber dieses - dieses Monster, dessen Schatten du heute gesehen hast, weicht vor nichts zurück und hat keinen Respekt vor der Balance in der Welt."

Er starrte regungslos an die Decke und räusperte sich. "Ich hätte daran denken müßen..."

"Aber das tätest du nicht!" sagte Angicore hart. Im nächsten Moment bedauerte er es, aber sagte nichts mehr. Seine Gedanken kreisten um die Waffe, die ihm versprochen worden war. "Was ist Djin?"

"Djin ist ein Mentar, geschaffen von einem mächtigen Zauberer, vor vielen Jahren. Dieser Zauberer war einer der wirklichen, den wenigen, einer der Schöpfer..." Er zog die Decke mit zitternden Händen um sich herum. "Verglichen mit seiner Kraft ist meine wie ein glühendes Holzstück in einem großen Feuer. Er sah das Böse der Welt, und stellte uns vor die Wahl. Djin zu benutzen, oder es zu lassen. Nun gebe ich die Wahl weiter an dich."

Zarafir versuchte, sich aufzusetzen, Angicore erhob sich und stützte ihm den Rücken, bis er auf den Ellbogen lag und vor sich hin starrte.

"Aber hüte dich vor Djin, denn während er dir dient, braucht er dich, um selbst zu leben. Er gleicht einem Menschen, aber er ist kein Mensch. Er denkt und spricht, aber er hat nur einen Gedanken. Und wenn du dich entschließt, ihn zu gebrauchen, dann beschütze ihn - denn am Anfang ist er schwach wie der schwächste Säugling. Wenn er aus den Felsen geboren wird, ist er ein Nichts, später wird er zu einer mächtigen, verwüstenden Kraft, vor der du dich selbst zu schützen wissen mußt."

"Du sprichst in Rätseln," flüsterte Angicore.

Zarafir öffnete die Hand. In ihr lag ein glattes, schwarzes Kristall von der Größe eines Hühnereies. Angicore nahm es vorsichtig und unterzog es ein forschender Blick.

"Was soll ich damit?"

"Wählst du, Djin freizulassen, mußt du ihn an dem Felsen zerbrechen, in dem er sich befindet. Dann wird er herausbrechen und das Böse in der Welt bekämpfen. Aber Vergiß nicht, er beinhaltet selbst das Böse, was darin liegt, die Welt nicht mit Umsicht zu betreten!"

Angicore sah den Kristall ein letztes Mal an, dann steckte er ihn in die Tasche.

"Ich werde dich zu den Felsen führen und dich nach Ergol leiten, dorthin, wo du Skillion finden wirst. Ich werde dir mit Kleeblüten den Weg weisen. Dort, wo sie stehen, sollst du deinen Fuß hinsetzen. Und wenn du sie betreten hast, werden sie verwelken und vergehen. So werde ich sichergehen, daß diejenigen, die dich verfolgen, es schwer haben werden, deine Wege zu erkennen."

Zarafir lehnte sich zurück gegen das Kissen und horchte.

Angicore erhob sich halb vom Bett und sah hinaus über das Meer. Er sah die schwarzen Masten, sah die schwarzen Galeeren, die sich schnell und lautlos Dynadans Küsten näherten, vom Sturm verhüllt. Und während er so dasaß, begannen die Turmglocken zu läuten, eine nach der anderen, und dröhnten die Warnung über Krilanta hinaus, daß der Feind draußen vor den weißen Toren stand. Und in den Straßen hallte es wieder von dem Gleichschritt der Soldaten, dem Klirren der Waffen und den Kommandorufen, kurz, präzise und hart...

"Du mußt hier weg, mein Junge. Du mußt leben, um die Hoffnung am Leben zu erhalten. Beeil dich, die Zeit ist gekommen."

Sie schritten zur Tat. Im Hafen wurde fieberhaft daran gearbeitet, die Schiffe bereit zum Kampf zu machen. Aber als sie hinaussteuerten, war es für alle deutlich, daß jeder Gedanke an einen gut organisierten Widerstand ausgeschlossen war.

Denn Dynadans stolze Flotte war nicht bereit, und die Schiffe steuerten hinaus, mit den Soldaten an Bord, die rechtzeitig gekommen waren. Und an Bord waren die Waffen unter Verschluß, und die Unterwasserrammböcke lagen am Kaj, weil sie es nicht geschafft hatten, sie noch zu montieren.

Die fremden Schiffe kreuzten durch die Wellen und steuerten diesem sporadischen Versuch der Verteidigung direkt entgegen.

Sie hatten den kaiserlichen Löwen bezwungen, und das wußten sie. Noch bevor jemand richtig wußte, was geschah, bohrte der erste Rammbock sich mit einem hohlen Dröhnen durch die Seite eines der kaiserlichen Schiffe von Jarana, das weit herum gehört wurde.

Angicore erhob sich. "Sehen wir uns wieder?" fragte er.

"Nein!" stöhnte Zarafir. "Wir sehen uns nicht wieder, mein Junge."

Angicore begab sich langsam rückwärts zur Tür. Von den Fenstern und dem schwarzen Himmel dahinter drangen Geräusche zu ihm.

Sie kämpften im Park. Aber hier hatten sie keinen Erfolg, denn hier kämpften die Maruderfechter. Hier zeigte sich die erste schwache Hoffnung, für die, die wußten; denn hier wurde der Feind zurückgedrängt und das vergoldete Tor verschlossen. Schlagende Flügel und gedämpfte, rauhe Stimmen. Sie flüsterten, grollten im Sturm, draußen vor den dicken Mauern...

Zarafir sah ihm nach. Angicore sah den Tod in seinem Blick, dann stürzte er zurück und warf sich in seine Arme.

"Oh, Zarafir..."

"Lebe, mein Junge, und tu, was du tun mußt. Niemand wird dir etwas vorwerfen, egal was du auch tust, solange du dein Bestes tust. Keiner kann mehr verlangen, als das."

Angicore ließ ihn los, erhob sich und ging mit schnellen Schritten auf die Tür zu.

In der Türöffnung drehte er sich um. "Ich werde mein Bestes tun. Ich werde die Wurzel des Bösen finden und sie bekämpfen."

Zarafir sah die geballten Hände an seinen Seiten.

Dann ging er zur Tür hinaus, schloß sie hinter sich und verschwand im Laufschritt die endlose Treppe hinunter.

Die Flucht

Halb unten bemerkte er, daß etwas nicht stimmte.

Er fühlte die Anwesenheit von etwas Unbekanntem. Etwas, das auf ihn wartete. Er fühlte die Bedrohung, die über die Stufen vor ihm gekrochen kam, versteckt von einer gewundenen Säule. Er blieb stehen und lauschte. In der Tasche fühlte er den Kristall gegen seinen Schenkel.

Dann kam es nach oben, ihm entgegen, eine dunkle Gestalt mit einem blanken, glänzenden Schwert in der Hand.

Angicore drückte sich in eine Nische und versuchte seine eigene Waffe zu ziehen. Es hatte ihn gesehen, seine Augen brannten ihm mit gedämpfter Wildheit entgegen.

Es sprach mit kalter, tonloser Stimme zu ihm.

"Hier begegnen wir uns also, Milord."

Angicore zog sein Schwert gerade, als die Klinge des Fremden durch die Luft gesaust kam. Er war ein guter Fechter, ein hervorragender Fechter, trainiert und geschult von Duncan Yol. Aber er war nicht Duncan Yol...

Es drängte ihn zurück, die Treppe hinauf, die kalte Stimme und die zischende Klinge gleichzeitig. Schließlich fiel er und lag auf den Stufen. Der Kristall fiel aus seiner Tasche und rollte die Stufen hinunter, knallte von der Treppe gegen die Wände, und...

Die schwarze Gestalt beugte sich nieder, sammelte ihn auf und betrachtete ihn.

Dann lachte sie krächzend, höher und höher, bis das Lachen zu einem schrillen Schrei wurde, der über die Wendeltreppe dröhnte, zunahm und über die Dächer hallte.

Ein Schatten flimmerte über die fackelerleuchtete Biegung.

Ein Schatten in Bewegung, ein gleitender, kontrollierter Strom aus Tat und Kraft.

Das Wesen drehte sich hastig um und vergaß Angicore, der ihm gegenüber auf den Stufen lag. Dann stieß es ein Brüllen aus und im nächsten Augenblick brauste der Kampf vor und zurück, ohne Stimmengeräusche aber mit einer tierischen Wildheit.

Der Säbel heulte im Halbdunkel auf, das Schwert polterte in der Dunkelheit hinunter und das Wesen stürzte vornüber, ohne einen Laut, und verschwand.

"Von jetzt an verlaß ich nie mehr ihre Seite, Milord!"

Duncan Yol sah ihn untersuchend an, fürchtete, es sei ihm etwas zugestoßen, und daß er zu spät gekommen wäre. Aber Angicore erhob sich, murmelte schockiert ein kaum hörbares `Danke` und suchte mit den Fingern die Stufen ab, bis er den Kristall fand. Dann steckte er ihn in die Tasche und eilte die Treppe hinunter.

Duncan Yol folgte ihm auf dem Absatz. Wo er stand und ging, war Duncan Yol sein Schatten.

Im Hof des Palastes warteten die Maruder mit den Pferden. Sie standen an den Seiten der Pferde, steif wie Säulen und sahen Angicore und Duncan Yol, die ihnen entgegengelaufen kamen, mit ausdruckslosen Blicken an.

Ohne ein Wort saßen sie auf und folgten ihnen durch das Tor, auf die gepflasterten Straßen, fort durch die Stadt, die die Festung des Kaisers in Dynadan war.

Als die Tore zum kaiserlichen Palast sich öffneten, wälzten sich hunderte, erschreckter Menschen an den Wachen vorbei, um Schutz zu suchen. Sie sahen Angicore, im Schutz der Maruderfechter, und sie riefen ihn an, streckten ihm die Hände entgegen, flehten ihn an zu bleiben und zu sein, was sie immer geglaubt hatten, der einzig wahre Herrscher und Beschützer des Volkes von Dynadan.

Die Maruder zogen die Säbel und schwangen sie durch die Luft, um die Menge auseinander zu treiben. Angicore schloß die Augen und ließ sich von dem Pferd forttragen, durch die Volksmassen zwischen den Häusern. Sein Magen war ein harter, von Reue erfüllter Knoten und die Übelkeit brachte ihn zum Schwitzen.

Die Hufe klapperten auf den vom Regen feuchten Pflastersteinen, das Geräusch schallte in den Himmel und verhallte, wie die Pracht und Ehre und die Sicherheit unter den beschützenden Flügeln des Kaisers und Zarafirs verhallt war.

Draußen vor der Stadt, wo die Wälder begannen und die Berge sich wie grauschimmernde Raubtierzähne gegen das schwarze Nichts erhoben, blieb Angicore stehen und drehte sich um. Er warf einen letzten Blick zurück über die Dächer zum Turm, der in den Himmel ragte wie ein weißer Pfeil.

Er sah das bleiche Licht durch die Fenster dringen, sah die Schatten, die mit ihren breiten, schwarzen Flügeln den Turm umkreisten. Dann war eine heulende Stimme über der Stadt zu hören, wie ein Flackern eines letzten Restes einer mächtigen Flamme, die gelöscht worden war.

Angicore fühlte nach, der Kristall wartete immer noch in seiner Tasche.

Er wußte, Zarafir war tot, und daß er nun der einzig Übrige war.

Ein paar der Schatten um den Turm drangen durch die Fenster und verschwanden. Die anderen schwebten über die Dächer hinunter, nach ihm suchend.

Draußen vor dem Hafen dröhnte das Krachen der Rammböcke über das Wasser, dies - und die Schreie und der Lärm des Kampfes von den sinkenden Schiffen.

"Wir müssen weiter, Milord." Das war Duncan Yols Stimme aus der Dunkelheit.

Angicore antwortete nicht. Tränen und Wut saßen ihm im Hals, wie ein entzündeter Kloß, der ihm Schmerzen bereitete, jedes Mal, wenn er atmete.

Dann ritten sie weiter, über die einsamen Wiesen und verschwanden im Wald.

Schatten folgten ihren Spuren, geduldig und sicher.

Sie sprengten auf vergessenen Pfaden davon. An manchen Stellen lagen Baumstämme über dem Weg und versperrten ihn.

Aber sie hielten nicht, wurden nicht einmal langsamer. Sie sprangen über sie hinweg und ritten zwischen den Stämmen weiter, versteckt von den großen Baumkronen.

Irgendwann kamen sie an eine Kreuzung des Weges.

Duncan Yol sprang vom Pferd und untersuchte die Erde nach Spuren. Dann richtete er sich auf, zeigte auf zwei der Maruder und gab ihnen den Befehl, zurückzubleiben.

Sie nickten stumm, saßen von ihren Pferden ab und zogen sie zwischen die Bäume. Ein paar der anderen gingen ins Gebüsch, schnitten ein paar große Zweige ab und schleppten sie zu den Pferden. Darauf machten sie sie an ihren Sätteln fest und gaben Zeichen, daß sie bereit zum weiterreiten waren.

Yol wandte sich zu Angicore, der immer noch auf dem Pferd saß. Er streckte den Rücken, stieß die Hacken zusammen und sagte:

"Wir nehmen diesen Weg, Milord. Der Klee wächst auf diesem Pfad, ins Ungewisse..."

Er zeigte in die Dunkelheit und den Regen, in die Ungewißheit...

Als sie weiterritten schliffen die Zweige über die Erde und verwischten ihre Spur. Es machte keine Geräusche, denn die Erde war zu feucht.

Angicore sah sich um.

Die Zwei, die sie zurückgelassen hatten, versperrten einen der anderen Pfade. Sie standen mit gezogenen Säbeln, breitbeinig und einem drohenden Zug um den Mund da. Aber sie standen nicht an dem Weg, auf dem sie nun flüchteten. Sie standen an dem Weg, der in die entgegengesetzte Richtung führte.

"Kommen sie später nach?" Angicore mußte rufen, um den Wind zu übertönen.

"Nein!" antwortete Duncan Yol. Auch er rief. "Sie tun, was sie tun müssen, sie sterben für ihren Kaiser, sie sterben ehrenvoll!"

Angicore sah ihre Gestalten vor sich und war verblüfft über die Ruhe, mit der sie dem Tod ins Auge sahen.

Später näherten sie sich einem Dorf.

Ein paar Stunden waren sie jetzt durch die tiefe Stille des Waldes geritten. Sie hatten den Duft von Blumen und Blättern eingeatmet, hatten den schläfrigen Stimmen der Bäume gelauscht, die so alt waren wie die Welt selbst. Nun drängten sich andere Düfte in ihr Bewußtsein, die Düfte von Menschen, Ziegen, gespaltenem Holz und dem künstlichen Geruch von geräuchertem Fleisch.

Duncan Yol ritt voraus.

Er galoppierte zwischen die Häuser, vor sich hatte er drohend den Säbel aufgerichtet. Aber es gab niemanden, der ihnen etwas Böses wollte, es gab nichts Bedrohliches in diesem Dorf auf einer Lichtung des Waldes.

Er winkte ihnen zu, daß sie kommen könnten. Das Dorf erwachte. Licht wurde hinter den Fensterscheiben angezündet, eines nach dem anderen.

Dann öffneten sich die Türen, vorsichtig, und Männer kamen heraus.

Die zwanzig Reiter warteten schweigend ab.

Schließlich kam ihnen ein alter Mann entgegen, der in die Dunkelheit blinzelte.

"Edle Herren..." begann er. "Wir haben nichts, was Euer Interesse wecken könnte. Wir bitten nur um die Erlaubnis, in Frieden zu leben und tun niemandem etwas Unrechtes." Seine Augen waren auf die Säbel in den sehnigen Händen gerichtet.

Dann blickte er in den Himmel hinauf. Nach einer kleinen Pause redete er weiter: "Aber was ist mit der Welt geschehen?

Warum ist die Dunkelheit so durchdringend, daß die Sterne so matt und nicht mehr klar sind?"

Duncan Yol machte eine Bewegung mit der Hand zu Angicore. "Dies ist der Kaiser von Dynadan, der Jaranakaiser -der einzig wahre Herrscher. Beuge dich vor ihm in den Staub, alter Mann!"

Der Alte sah zu dem jungen Mann auf dem Pferd auf. Erst da bemerkte er die Spange am Gürtel des Reiters, die faustgroße Kleeblüte aus massivem Gold über der hellen, blauen Jacke.

Er kniete nieder und verbeugte den Kopf, und überall im Dorf taten die Leute es ihm nach. Es senkte sich eine tiefe Stille über den Wald und die Häuser, und die, die dort lebten.

"Ich brauche einen Platz zum Schlafen," sagte Angicore. "Einen Ort der Zuflucht, denn das Böse hat vor einer Weile die Macht über Dynadan gewonnen."

Er sprach in der alten Sprache zu ihnen, um ihnen zu zeigen, wer er war.

Der Alte sah ihn mit Ehrfurcht im Blick an.

"Wir werden Euch mit Freude den Schutz unserer Häuser gewähren, Euer Gnaden. Wir werden Euch mit Freude dienen, auf welche Weise es Euch beliebt..."

Angicore nickte und erwiderte die Gastfreundschaft des Dorfältesten mit einem sanften Lächeln.

"Ich nehme mit Dank euer freundliches Angebot an. Wo kann ich schlafen?"

"Wo auch immer," stammelte der Alte. "Wo auch immer..." "Wenn ich vorschlagen dürfte..." mischte Duncan Yol sich ein. "Das Haus dort, drüben neben dem Stall, wäre das geeignetste." Er wies durch den Nieselregen, der wie ein dünner, lautloser Flor zu fallen begonnen hatte.

Angicore drückte den Wunsch aus, eben dieses Haus leihen zu wollen, und wurde danach in des Alten Haus gewiesen, während das andere geräumt und instand gesetzt wurde.

Er kniete nieder und ließ die Hand sanft über die Erde streichen. Er bemerkte Kleeblüten zwischen seinen Fingern und seufzte erleichtert.

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05 May 2025
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180 p. 1 illustration
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9788711800058
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