Read the book: «Die Einsamkeit»
Christoph August Tiedge
Die Einsamkeit
Gedicht

Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2020
EAN 4064066109387
Inhaltsverzeichnis
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Titelblatt
Text
"
DIE EINSAMKEIT.
Vorbericht.
Inhaltsverzeichnis
Ueber die nachstehende Epistel hätte ich dem Publikum eigentlich nichts zu sagen, wenn mir nicht die Ursache ihrer Erscheinung ein paar Worte abnöthigte, die mich sehr die Verlegenheit fühlen lassen, von mir selbst reden zu müssen. Ich gehe damit um, meine zum Theil noch ungedrukten, zum Theil aber seit 1783 zerstreut erschienenen Episteln, nach einer strengen Auswahl und Durchsicht, in einer Samlung den Händen des Publikums zu übergeben, wovon nun schon eine nähere Ankündigung erschienen ist. Mancherlei Ursachen bestimmen mich, den freilich oft gemisbrauchten Weg der Pränumeration einzuschlagen. Sehr viele meiner Freunde haben sich indessen für mein Unternehmen interessirt. Und wenn mich die Aussicht eines entsprechenden Erfolgs bei den ersten Schritten nicht durchaus verläst: so wird die ganze Samlung meiner epistolarischen Gedichte Michaelis dieses Jahres ohnfehlbar erscheinen, unter Bedingungen, welche die bereits ausgegebene Anzeige darlegt. Die gegenwärtige Epistel über die Einsamkeit soll eine Vorläuferin der ganzen Samlung seyn, um dem Publikum, dem ich nur aus früheren Ausstellungen bekannt bin, den Erwartungspunkt an die Hand zu geben. Ich glaube dies unsern Zeiten schuldig zu seyn, die mit einem sehr begreiflichen Widerspruche zu sehr und zu wenig poetisch sind.
Halberstadt, im Januar 1792.
An
Lina.
Es giebt auf Gottes schöner Welt
Gewis noch manche schöne Stelle,
Wo ich mir wol ein Hirtenzelt
Hinbaut', an einer kleinen Quelle,
Verstekt in einem Schweizerthal,
Wo, wenn die Wind' aus Norden stürmten,
Vertraute Pappeln mich beschirmten,
Und wo ein Wäldchen, wenn der Stral
Aus Südens Feuerschoos die Schwinge
Dem West versengte, mich empfinge:
Wo ich, vom Drang und Schein der Dinge,
Von Lug und Trug der Menschen fern,
Mich vest an meine Stille schmiegte;
Wo ich den lezten Hang zum Spott,
Den ein bethörter Donquixott
Sonst leicht in Flammen blies, besiegte.
Ja solch ein Pläzchen liegt noch hier
Und da verstekt; allein vor allen
Hat Dein geliebter Hügel mir
Im Schlehenkranze wohlgefallen,
Wo friedlicher die Lüfte wehn;
Wo durch das Thal der Nachtigallen
Sich lieblicher die Bäche drehn;
Wo silberner die Blüten wallen,
Die von des Frülings Schoose fallen.
Wie einsam steht er da! wie schön!
Im frischgewebten Feierkleide,
Als hätt' er sich zum Tanz geschmükt;
So schön, wie in der grünen Seide
Kaum Minnas weisser Finger stikt,
Und welche Aussicht in die Auen,
Die er beherrscht! – O Freundin, hier,
Hier möcht' ich mir die Hütte bauen,
Wo Turteltauben über mir
In schönen Zweigen traulich girrten,
Und zu der Hand des stillen Hirten
Herunter flatterten, und sich
Vertrügen unter meinem Zelte,
Und mich umschmeichelten, wenn ich
Zur Botin eines Briefs an Dich
Die kleine Tejerin bestellte.
Da legt' ich mir ein Gärtchen an,
Und flüsternd sollten, wie Gedanken
Der Liebe Deine Seel' umranken,
Die Spröslinge der Rebe dann
Mein kleines Ohnesorg' umschwanken.
Da wär' ich erst ein freier Mann,
So frei, wie meine Nachtigallen;
Da lüd' ich aus dem nahen Hain
Die Sänger in die grünen Hallen,
Zu süssen Wettgesängen, ein.
Wir sängen, bis am dunkeln Hain
Uns Cynthia von fern begrüste:
Nun führe selbst die Königin
Der Sterne durch die graue Wüste
Des Aethers, minder eilend, hin.
Gern würde mich der Wald verstekken;
Da könnte mir den heitern Sinn
Kein Hasser aus dem Herzen nekken;
Da sollte wol die Schwäzzerin,
Die Neugier selbst, mich nicht entdekken;
Mich würd' ein immer froher Muth
Zu lauter Freudenliedern stimmen;
Entfernt von jeder Lasterbrut,
Würd' ich zum Zorne nie entglimmen;
Nie würde mir in seinem Blut
Ein guter Nam' entgegen schwimmen.
Auf einer stillern Lebensfluth,
An deren Ufern, überhangen
Mit Rosen, unbelauscht von Schlangen,
Ein reines Herz so selig ruht,
Würd' ein entwölkter Himmel spiegeln;
Und leise würde hinter mir
Ein Genius der Ruh die Thür
Zum Tempel der Natur verriegeln;
Damit in meiner Einsamkeit
Mich nicht die tausend Dinge störten,
Die einst an Blüten meiner Zeit,
Gleich gierigen Insekten, zehrten,
Bis sie zur Abgeschiedenheit,
Zum Selbstgenus, mein Herz bekehrten,
Und mich durch ihren Unbestand,
Den meine Ruh so oft empfand,
Die Kunst, sie zu verachten, lehrten.
Von jedem Weltgetös' entfernt,
Und fern vom Pöbel niedrer Freuden,
Der täuschend gute Seelen körnt,
Würd' ich mich an der Einfalt weiden,
Die selbst vom Hänfling Weisheit lernt.
O welche Wollust, auszuruhen
Vom Wirbeltanz der Unnatur!
Dann würden Thal, und Hain, und Flur,
Beredter als die Bourdalouen,
Die goldnen Sprüche der Natur
Mir in die stille Seele flüstern;
Nie würd' ich nach der Täuschung lüstern,
Die alles, nur nicht glüklich, macht.
Nein, ich beneide nicht die Pracht,
Die manches Elend überschimmert,
Und, wie der stolze Blik auch lacht,
Die Ruh im Herzen niedertrümmert!
O der betrügerischen Pracht!
Ein frohes Herz, frei von Verschuldung,
Ist warlich mehr, als die Verguldung,
Die keinen Gek zum Weisen macht.
Schau hin auf jene Vorgemächer,
Wo man einander quälend ehrt!
Die liebe Langeweile leert
Auf diese Gruppen einen Köcher,
Der nie mit seines Pfeiles Gift
Das Leben Deiner Stunden trift.
Tritt näher, Freundin, den Geräuschen,
Nach welchen man sein Daseyn misst,
Das, klein und kriechend, wie die List
Durch die es Nichts, und Alles, ist,
Sich martert, um sich selbst zu täuschen.
O wie verliert sich das Gefühl
Der Wahrheit auf dem Welttheater,
In Nachahmung und leeres Spiel!
Vergönnt mir nur der gute Vater
Des Lebens, die Zufriedenheit,
Mein Herz mit jener Heiterkeit
Und Wahrheit der Natur zu nähren:
So weilt im Schatten meiner Zeit
Das stille Glük, das selbst der Neid
Nicht würdig achten wird zu stören.
Dich, Vater, find' ich überall
In der Natur! Der Wasserfall,
Das Lüftchen, das mit seinem Flügel
Die Blüt' umarmt am Schlehenhügel,
Das hohe Lied der Nachtigall,
Selbst das Gekreische froher Raben,
Ja Alles spricht so gut von dir,
Und nichts verläumdet dich, als – wir!
Wir Menschen, voll von deinen Gaben,
Und dennoch von dir selbst so leer!
Was Menschen erst entgöttert haben,
Nur darin find' ich dich nicht mehr!
Ja, Freundin, es ist warlich schwer,
Zur Unnatur sich zu gewöhnen,
Und durch die trügerischen Szenen
Der Klugheit, die so freundlich hasst,
So höflich mordet, froh die Last
Des Lebens vor sich herzuwälzen.
Im Schuz der Einfalt einer Flur,
Und zwischen friedlichen Gehölzen,
Verstatte mir nur die Natur,
An ihrem Tisch mich zu vergnügen!
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