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Christian Morgenstern

Alle Galgenlieder


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musaicumbooks@okpublishing.info

2017 OK Publishing

ISBN 978-80-272-1000-8

Inhaltsverzeichnis

Wie die Galgenlieder entstanden

Galgenberg

Bundeslied der Galgenbrüder

Galgenbruders Lied an Sophie, die Henkersmaid

Nein!

Das Gebet

Das Große Lalula

Der Zwölf-Elf

Das Mondschaf

Lunovis

Das Mondschaf

Die Trichter

Der Rabe Ralf

Fisches Nachtgesang

Galgenbruders Frühlingslied

Des Galgenbruders Gebet und Erhörung

Das Problem

Neue Bildungen, der Natur vorgeschlagen

Nachtbild

Der Tanz

Das Knie

Der Seufzer

Bim, Bam, Bum

Das aesthetische Wiesel

Der Schaukelstuhl auf der verlassenen Terrasse

Die Beichte des Wurms

Das Weiblein mit der Kunkel

Die Mitternachtsmaus

Himmel und Erde

Der Mond

Mondendinge

Der Mondberg-Uhu

Der Hecht

Der Nachtschelm und das Siebenschwein oder eine glückliche Ehe

Die beiden Esel

Der Steinochs

Tapetenblume

Das Wasser

Die Luft

Wer denn?

Der Lattenzaun

Die beiden Flaschen

Das Lied vom blonden Korken

Der Würfel

Kronprätendenten

Die Weste

Der Walfafisch oder das Überwasser

Die Westküsten

Philantropisch

Das Hemmed

Unter Schwarzkünstlern

Unter Zeiten

Der Traum der Magd

Zäzilie

Anto-Logie

Die Hystrix

Das Nasobēm

Die Probe

Im Jahre 19 000

Die Schildkrökröte

Der Gaul

Der heroische Pudel

Das Huhn

Möwenlied

Igel und ein Agel

Der Werwolf

Die Fingur

Das Fest des Wüstlings

KM 21

Geiss und Schleiche

Eine Stimmung aus dem vierten Kreis

Die zwei Wurzeln

Das Geburtslied

Galgenkinds Wiegenlied

Wie sich das Galgenkind die Monatsnamen merkt

Der Purzelbaum

Palmström

Palmström

Das böhmische Dorf

Nach Norden

West-Östlich

Der vorgeschlafene Heilschlaf

Bildhauerisches

Die Kugeln

Zukunftssorgen

Das Warenhaus

Lärmschutz

Bona fide

Theater

Die Wissenschaft

Sprachstudien

Im Tierkostüm

Die Tagnachtlampe

Die Korfsche Uhr

Palmströms Uhr

Korfs Geruchsinn

Die Geruchs-Orgel

Der Aromat

Der Weltkurort

Die Mausefalle

Im Winterkurort

Palmström an eine Nachtigall, die ihn nicht schlafen liess

Die weggeworfene Flinte

Korfs Verzauberung

Korf-Münchhausen

Europens Bücher

Korf und Palmström wetteifern in Notturnos

Korf in Berlin

Alpinismus

Der eingebundene Korf

Die Brille

Die Mittagszeitung

Der durchgesetzte Baum

Der fromme Riese

Korf erfindet eine Art von Witzen –

Die Windhosen

Die Windsbraut

Die Gabe

Palmström legt des Nachts sein Chronometer –

Vom Zeitunglesen

Die Zimmerluft

Bilder

Die Waage

L'Art pour l'Art

Feuerprobe

Die unmögliche Tatsache

Die Behörde

Die wirklich praktischen Leute

Professor Palmström

Das Polizeipferd

Venus-Palmström-Anadyomene

Gleichnis

Spekulativ

Der Träumer

Palmström lobt

Die beiden Feste

Palma Kunkel

Muhme Kunkel

Exlibris

Wort-Kunst

Das Forsthaus

Der Papagei

›Lore‹

Lorus

Der Kater

Gegensätze

Der Bart

Der Droschkengaul

Die Zirbelkiefer

Mopsenleben

Der Meilenstein

Täuschung

Vice versa

Die wiederhergestellte Ruhe

Auf dem Fliegenplaneten

Das Perlhuhn

Das Einhorn

Die Nähe

Der Salm

Die Elster

Anfrage

Antwort (i.A.)

Entwurf zu einem Trauerspiele

Das Butterbrotpapier

Droschkengauls Jännermeditation

Das Auge der Maus

Die Schuhe

Das Tellerhafte

Schicksal

Zwischendurch

Das Grab des Hunds

Das Nilpferd

Der Sperling und das Känguruh

Naturspiel

Der gestrichene Bock

Tertius Gaudens

Der Leu

Das Geierlamm

Der Zwi

Unter Spiegelbildern

Deus Artifex

Die Fledermaus

Das Buch

Die Unterhose

Ein böser Tag

Geburtsakt der Philosophie

Plötzlich ...

Der Korbstuhl

Physiognomisches

Rondell

Die zwei Parallelen

Denkmalswunsch

Der Gingganz

Der Gingganz

Der Aesthet

Die Oste

Der Vergeß

Lieb ohne Worte

Er

Es pfeift der Wind ...

Der heilige Pardauz

Golch und Flubis

Gespenst

Die drei Winkel

Der Schnupfen

Etiketten-Frage

Lebens-Lauf

Im Reich der Interpunktionen

Die Glocke

Das Löwenreh

Klabautermann

Brief einer Klaubauterfrau

Die Lampe

Der Papagei

Das Symbol des Menschen

Schiff ›Erde‹

Vier Teufelslegendchen

Zeitgedichte

Die Zeit

Das Grammophon

Die Tafeln

Die Stationen

Der Bahnvorstand

Der Glaube

Der Großstadtbahnhoftauber

Der E.P.V.

Ukas

Auf einer Bühne

Zivilisatorisches

Der Wasseresel

Der neue Vokal

Toilettenkünste

Vom Stein-Platz zu Charlottenburg

Die Häusertürme von Neu-Berlin

Aus der Vorstadt

Mägde am Sonnabend

Der Saal

Scholastikerprobleme

Der kulturbefördernde Füll

Problem

Gruselett

Ein modernes Märchen

St. Expeditus

Die Lämmerwolke

Die zwei Turmuhren

Der Glockenwurm

Aus dem Anzeigenteil einer Tageszeitung des Jahres 2407

Über die Galgenlieder


Galgenlieder

Palmström

Palma Kunkel

Gingganz

Dem Kinde im Manne

Im echten Manne ist ein Kind versteckt: das will spielen.

Nietzsche

zur 15. Auflage (1913)

Dem Kinde im Menschen

In jedem Menschen ist ein Kind verborgen, das heißt Bildnertrieb und will als liebstes Spiel- und Ernst-Zeug nicht das bis auf den letzten Rest nachgearbeitete Miniatur-Schiff, sondern die Walnußschale mit der Vogelfeder als Segelmast und dem Kieselstein als Kapitän. Das will auch in der Kunst mit-spielen, mit- schaffen dürfen und nicht so sehr bloß bewundernder Zuschauer sein. Denn dieses ›Kind im Menschen‹ ist der unsterbliche Schöpfer in ihm...

Christian Morgenstern

Wie die Galgenlieder entstanden

Inhaltsverzeichnis

Es waren einmal acht lustige Könige; die lebten. Sie hießen aber so und so. Wer heißt überhaupt? Man nennt ihn. Eines Tages aber sprachen die lustigen Könige zueinander, wie Könige zueinander sprechen. »Die Welt ist ohne Salz; laßt uns nach Salz gehen!« sagte der zweite. »Und wenn es Pfeffer wäre«, meinte der sechste. »Wer weiß das Neue?« fragte der fünfte. »Ich!« rief der siebente. »Wie nennst du's?« fragte der erste. »Das Unterirdische,« erwiderte der siebente, »das Links, das Rechts, das Dazwischen, das Nächtliche, die Quadrate des Unsinnlichen über den drei Seiten des Sinnlichen.« »Und der Weg dazu?« fragte der achte. »Das einarmige Kreuz ohne Kopf mit der Basis über dem Winkel«, sagte der siebente. »Also der Galgen!« sagte der vierte. »Esto«, sprach der dritte. Und alle wiederholten: »Esto«, das heißt »Jawohl«. Und die acht lustigen Könige rafften ihre Gewänder und ließen sich von ihrem Narren hängen. Den Narren aber verschlang alsogleich der Geist der Vergessenheit. –

Betrachten wir den ›Galgenberg‹ als ein Lugaus der Phantasie ins Rings. Im Rings befindet sich noch viel Stummes.

Die Galgenpoesie ist ein Stück Weltanschauung. Es ist die skrupellose Freiheit des Ausgeschalteten, Entmaterialisierten, die sich in ihr ausspricht. Man weiß, was ein mulus ist: die beneidenswerte Zwischenstufe zwischen Schulbank und Universität. Nun wohl: ein Galgenbruder ist die beneidenswerte Zwischenstufe zwischen Mensch und Universum. Nichts weiter. Man sieht vom Galgenberg die Welt anders an, und man sieht andre Dinge als Andre.

Laß die Moleküle rasen, was sie auch zusammenknobeln! Laß das Tüfteln, laß das Hobeln, heilig halte die Ekstasen!

Galgenberg

Inhaltsverzeichnis

Blödem Volke unverständlich

treiben wir des Lebens Spiel.

Gerade das, was unabwendlich,

fruchtet unserm Spott als Ziel.

Magst es Kinder-Rache nennen

an des Daseins tiefem Ernst;

wirst das Leben besser kennen,

wenn du uns verstehen lernst.

Bundeslied der Galgenbrüder

Inhaltsverzeichnis

O schauerliche Lebenswirrn,

wir hängen hier am roten Zwirn!

Die Unke unkt, die Spinne spinnt,

und schiefe Scheitel kämmt der Wind.

O Greule, Greule, wüste Greule!

»Du bist verflucht!« so sagt die Eule.

Der Sterne Licht am Mond zerbricht.

Doch dich zerbrachs noch immer nicht.

O Greule, Greule, wüste Greule!

Hört ihr den Huf der Silbergäule?

Es schreit der Kauz: pardauz! pardauz!

da tauts, da grauts, da brauts, da blauts!

Galgenbruders Lied an Sophie, die Henkersmaid

Inhaltsverzeichnis

Sophie, mein Henkersmädel,

komm, küsse mir den Schädel!

Zwar ist mein Mund

ein schwarzer Schlund –

doch du bist gut und edel!

Sophie, mein Henkersmädel,

komm, streichle mir den Schädel!

Zwar ist mein Haupt

des Haars beraubt –

doch du bist gut und edel!

Sophie, mein Henkersmädel,

komm, schau mir in den Schädel!

Die Augen zwar,

sie fraß der Aar –

doch du bist gut und edel!

Nein!

Inhaltsverzeichnis

Pfeift der Sturm?

Keift ein Wurm?

Heulen

Eulen

hoch vom Turm?

Nein!

Es ist des Galgenstrickes

dickes

Ende, welches ächzte,

gleich als ob

im Galopp

eine müdgehetzte Mähre

nach dem nächsten Brunnen lechzte

(der vielleicht noch ferne wäre).

Das Gebet

Inhaltsverzeichnis

Die Rehlein beten zur Nacht,

hab acht!

Halb neun!

Halb zehn!

Halb elf!

Halb zwölf!

Zwölf!

Die Rehlein beten zur Nacht,

hab acht!

Sie falten die kleinen Zehlein,

die Rehlein.

Das Große Lalula

Inhaltsverzeichnis

Kroklokwafzi? Se e e i! Seiokronto -- prafriplo: Bifzi, bafzi; hulale i quasti bast bo ... Lalu lalu lalu lalu la!

Hontraruru miromente

zasku zes rü rü?

Enpente, leiolente

klekwapufzi lü?

Lalu lalu lalu lalu la!

Simarar kos malzipempu

silzuzankunkrei (;)!

Marjomar dos: Quempu Lempu

Siri Suri Sei []!

Lalu lalu lalu lalu la!

Der Zwölf-Elf

Inhaltsverzeichnis

Der Zwölf-Elf hebt die linke Hand:

Da schlägt es Mitternacht im Land.

Es lauscht der Teich mit offnem Mund.

Ganz leise heult der Schluchtenhund.

Die Dommel reckt sich auf im Rohr.

Der Moosfrosch lugt aus seinem Moor.

Der Schneck horcht auf in seinem Haus;

desgleichen die Kartoffelmaus.

Das Irrlicht selbst macht Halt und Rast

auf einem windgebrochnen Ast.

Sophie, die Maid, hat ein Gesicht:

Das Mondschaf geht zum Hochgericht.

Die Galgenbrüder wehn im Wind.

Im fernen Dorfe schreit ein Kind.

Zwei Maulwürf küssen sich zur Stund

als Neuvermählte auf den Mund.

Hingegen tief im finstern Wald

ein Nachtmahr seine Fäuste ballt:

Dieweil ein später Wanderstrumpf

sich nicht verlief in Teich und Sumpf.

Der Rabe Ralf ruft schaurig: »Kra!

Das End ist da! Das End ist da!«

Der Zwölf-Elf senkt die linke Hand:

Und wieder schläft das ganze Land.

Das Mondschaf

Inhaltsverzeichnis

Das Mondschaf steht auf weiter Flur.

Es harrt und harrt der großen Schur.

Das Mondschaf.

Das Mondschaf rupft sich einen Halm

und geht dann heim auf seine Alm.

Das Mondschaf.

Das Mondschaf spricht zu sich im Traum:

»Ich bin des Weltalls dunkler Raum.«

Das Mondschaf.

Das Mondschaf liegt am Morgen tot.

Sein Leib ist weiß, die Sonn ist rot.

Das Mondschaf.

Lunovis

Inhaltsverzeichnis

Lunovis in planitie stat

Cultrumque magn' exspectitat.

Lunovis.

Lunovis herba rapta it

In montes, unde cucurrit.

Lunovis.

Lunovis habet somnium:

Se culmen rer' ess' omnium.

Lunovis.

Lunovis mane mortuumst.

Sol ruber atque ips' albumst.

Lunovis.

Das Mondschaf

Inhaltsverzeichnis

Das Mondschaf sagt sich selbst gut Nacht,

d.h., es wurde überdacht

von seinem eigenen Denker:

Der übergibt dies alles sich

mit einem kurzen Federstrich

als seinem eigenen Henker.

Die Trichter

Inhaltsverzeichnis

Zwei Trichter wandeln durch die Nacht.

Durch ihres Rumpfs verengten Schacht

fließt weißes Mondlicht

still und heiter

auf ihren

Waldweg

u.s.

w.

Der Rabe Ralf

Inhaltsverzeichnis


Der Rabe Ralf will will hu hu dem niemand half still still du du half sich allein am Rabenstein will will still still hu hu Die Nebelfrau will will hu hu nimmts nicht genau still still du du sie sagt nimm nimm 's ist nicht so schlimm will will still still hu hu
Doch als ein Jahr will will hu hu vergangen war still still du du da lag im Rot der Rabe tot will will still still du du

Fisches Nachtgesang

Inhaltsverzeichnis


Galgenbruders Frühlingslied

Inhaltsverzeichnis

Es lenzet auch auf unserm Spahn,

o selige Epoche!

Ein Hälmlein will zum Lichte nahn

aus einem Astwurmloche.

Es schaukelt bald im Winde hin

und schaukelt bald drin her.

Mir ist beinah, ich wäre wer,

der ich doch nicht mehr bin ...

Des Galgenbruders Gebet und Erhörung

Inhaltsverzeichnis

(Ein Nachtlied, im Jenseits vorzusingen)

Die Mond-Uhr wies auf halber ilf,

da rief ich laut: Gott hilf, Gott hilf!

Wie singt im nahen Röhricht

die Unke gar so töricht!

U u, u u, u u, u u –

So geht es immer und immerzu!

Ich kann solch lautes Grübeln

der Kröte nur verübeln.

So schweig doch still, verruchtes Maul!

Sonst freß dich gleich der Silbergaul!

Er frißt dich auf wie Hafer drum

werde stiller, braver! ...

– – – – – – – – – – –

– – – – – – – – – – –

– – – – – – – – – – –

– – – – – – – – – – –

Die Mond-Uhr wies dreiviertel ilf,

verweht war mein: Gott hilf, Gott hilf! –

Im nahen Röhricht aber

erschien der Silbertraber.

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Age restriction:
18+
Release date on Litres:
13 November 2024
Volume:
97 p. 13 illustrations
ISBN:
9788027210008
Publishers:
Copyright Holder::
Bookwire
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