Read the book: «Asklepios»
Charlotte Charonne
Asklepios
Thriller

Charonne, Charlotte: Asklepios. Thriller. Hamburg, edition krimi 2020
Originalausgabe 2020
Buch-ISBN: 978-3-946734-69-7
ePub-eBook-ISBN: 978-3-946734-70-3
Lektorat: Diana Itterheim
Umschlaggestaltung: © Anastasia Braun, BOD
Umschlagmotiv: © photocases.com/ Anja-S
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Prolog
„Willkommen!“ Ihre Stimme war cremig und süß wie ein Karamellbonbon. Sie observierte den vollständig entkleideten Mann, der auf dem Seziertisch festgeschnallt war: Körper und Kopf waren mit Lederriemen an das Metall fixiert, Hand- und Fußgelenke an das Gestell gefesselt.
Ihre Hände zierten hellgrüne Operationshandschuhe, die sich frühlingshaft gegen die weiße Einrichtung und die käsige Haut des Patienten abhoben. Fast zärtlich tätschelte sie seine Wange.
Langsam und leise, mit einem kaum merklichen Zucken der Augenlider, erwachte er aus der Anästhesie. Seine fettigen Wangen glänzten. Die ergrauten Haarsträhnen, die er sonst sorgfältig über die Halbglatze drapierte, hatten sich gelöst und flossen wie Kerzenwachs über seine Ohren.
Sie belauerte sein Erwachen und umkreiste ihn einige Male. Obwohl sie einen Operationskittel und klobige Hygieneschuhe trug, bewegte sie sich selbstsicher und anmutig wie Asklepios, der Gott der Heilkunst, in seinem fließenden Gewand.
„Erinnern Sie sich an die Mädchen?“ Sie führte ihren Mundschutz an sein Ohr und hauchte ihm die Worte wie kleine Rauchwölkchen ein.
Seine Lider öffneten sich. Seine Augen wurden vom Neonlicht, das aus einer Röhre an der Kellerdecke strömte, geblendet und schlossen sich wieder. Ein Stöhnen kroch aus seiner Kehle. Es knirschte wie Schritte auf Glasscherben. Sein rechter Arm zuckte.
„Machen Sie sich nicht die Mühe, sich zu bewegen. Es wird Ihnen nicht gelingen.“ Der Mundschutz bedeckte ihr frostiges Lächeln. Ihre Stimmlage verlor mehr und mehr der anfänglichen Süße. „Hatten Sie Spaß mit den Kindern?“ Sie zog sein linkes Augenlid hoch und leuchtete mit einer Lampe in das Auge. Geübt wiederholte sie die Prozedur mit der anderen Pupille. „Mit Nicki? Mit Lisa?“ Die Fragen schnitten durch die Luft – scharf und biegsam wie ein Florett. „Mit Emma?“
Die Muskeln an seinem Kiefer zuckten.
Er röchelte.
„Entschuldigen Sie bitte. Mit dem Kieferspreizer können Sie mir natürlich nicht antworten.“ Sie griff an die Metallbügel und ruckelte sie sachte hin und her.
Er stöhnte.
„Aber das wissen Sie ja, stimmt’s? Schließlich haben Sie ein derartiges medizinisches Gerät ebenfalls verwendet.“ Ihr Tonfall war wieder kontrolliert; ihre Wut köchelte unterhalb der Haut.
Seine Augen quollen hervor. Sein nackter Körper schwängerte die Luft mit einem süß-säuerlichen Geruch. Instinktiv versuchte er, das Instrument mit der geschwollenen Zunge aus dem Mund zu schieben.
„Ich werde Sie von dem Mundspreizer befreien, damit wir uns in Ruhe unterhalten und die zu Ihrer Heilung notwendigen Eingriffe besprechen können. Sie sollten sich ruhig und vernünftig verhalten, damit wir eine Lösung in gegenseitigem Einvernehmen finden können. Falls Sie schreien, werde ich Sie zurück ins Traumland schicken.“ Sie löste die Feststellschrauben und entfernte das Metallgestell.
Er stieß einen Laut aus – irgendwo zwischen Angst, Erleichterung und Hoffnung.
„Beruhigen Sie sich. Es wird Sie ohnehin niemand hören. Ich denke, auch mit Schallisolation kennen Sie sich aus.“
Die Augen über dem Mundschutz betrachteten ihn fachmännisch.
Er schwitzte.
Dabei war der Raum auf zweiundzwanzig Grad, wie für Operationen vorgeschrieben, temperiert. Er erfüllte die speziellen Hygienevorschriften nach dem Infektionsschutzgesetz und verfügte über eine raumlufttechnische Anlage. Er sollte sich während der chirurgischen Eingriffe keine Infektionen zuziehen. Schließlich wollte sie seine Gesundheit nicht gefährden.
Sie tupfte ihm den Schweiß von der Stirn und gönnte ihm den Luxus eines sterilen Lakens, um seine Nacktheit zu bedecken.
„Sie haben den Mädchen unsägliche Schmerzen zugefügt“, attestierte sie ihm, „und nun werde ich dafür sorgen, dass sich dies niemals wiederholt.“
Seine Panik war greifbar. Ein Schrei flog aus seiner trockenen Kehle und klatschte gegen die Fliesen. In dem Geräusch lag etwas Wildes, Verschlagenes wie in dem Lachen einer Hyäne.
„Sie brauchen keine Angst zu haben.“ Sie checkte seinen Blutdruck und seine Herzfrequenz. „Ich werde Sie nicht töten. Vertrauen Sie mir. Ich verstehe dieses Spiel besser als Sie.“
Teil 1
Kapitel 1
Samstag
„Tschüss, Emma!“ Paul warf seine Tochter hoch in die Luft, fing sie mit Leichtigkeit auf und stempelte ihre Wange mit einem Kuss. „Pass gut auf Oma auf!“
„Mache ich!“ Emma quietschte vergnügt und rannte in die offenen Arme ihrer Mutter.
„Bis Montag, Emma.“ Sophie strich ihrer Tochter eine hellblonde Strähne aus dem Gesicht. „Ich werde dich ganz doll vermissen. Ich habe dich lieb.“ Sie ging in die Knie und umarmte ihre Tochter.
„Ich hab’ dich auch lieb.“ Die Fünfjährige schlang die Arme um den Hals ihrer Mutter und presste ihr ein Küsschen auf die Backe. Sophie schnupperte ein letztes Mal an dem weichen Haar ihrer Tochter. Es roch nach Sonne und Frühling, nach Vertrautheit und Geborgenheit – einfach unbeschreiblich gut nach dem Emma-Eigengeruch. Sie bedachte den Scheitel mit einem Kuss.
„Macht, dass ihr fortkommt.“ Maria spornte sie mit einer wedelnden Hand zur Eile an. „Sonst verpasst ihr noch den Flieger. Wir kommen prima ohne euch klar.“
„Deine Mutter hat vollkommen recht.“ Paul ergatterte die Hand seiner Frau und zerrte sie zum Taxi. „Zwei Tage sind keine Ewigkeit. Im Gegenteil – viel zu kurz.“
„Genießt die Zeit!“ Maria hielt Emma an der einen Hand und winkte mit der anderen.
„Ganz bestimmt!“ Paul küsste Sophie auf den Mund und öffnete ihr die hintere Beifahrertür. „Wir fangen gleich hier auf der Rückbank an.“ Er zwinkerte ihr zu. „Seit fünf Jahren unser erstes zweisames Wochenende, und ich werde jede Sekunde auskosten.“
Sophie lachte. Er schlug die Tür zu, eilte auf die andere Seite des Wagens und verschwand im Innenraum.
„Tschüss, Emma. Danke, Mama!“ Sophie hatte die Scheibe heruntergekurbelt, lehnte sich aus dem Fenster und katapultierte ihren dichten Pferdeschwanz auf den Rücken. Eine lauwarme Brise wehte den Duft der Hyazinthen, die sie gemeinsam mit Emma im vergangenen Oktober gepflanzt hatte, in ihre Nase. In Blau, Weiß und Rosé grüßten sie jeden Besucher auf seinem Weg zum Eingang des Einfamilienhauses.
„Guck mal!“ Emma hatte den Haarschopf in den Nacken gelegt. „Da!“ Ihr Zeigefinger schoss in die Luft und zeigte auf einen Vogelschwarm.
„Das sind Schwalben.“ Marias Blick folgte dem kleinen Finger. „Sie kommen endlich zurück, um den Sommer bei uns zu verbringen.“
Sophie schützte ihre Augen vor den einfallenden Sonnenstrahlen. Statt den Schwalbenschwarm ebenfalls zu bewundern, hatte sie nur Interesse für ihre Tochter. „Tschüss!“, rief sie nochmals, während das Taxi die Einfahrt runterrollte.
„Tschüss, Mama!“ Emma kicherte. Ihr Händchen trudelte in der Luft.
Sophie winkte so lange, bis sie ihre Tochter nicht mehr sehen konnte.
„Und jetzt beginnt der Spaß!“ Maria blinzelte ihrer Enkelin zu. Womit fangen wir an?“
„Plätzchen backen!“ Sie hüpfte an der Hand ihrer Oma über die Steinplatten ins Haus.
„Wenn ich groß bin, werde ich Bäcker.“ Emma streute das Mehl großzügig auf die Arbeitsplatte und matschte genüsslich in dem Teig. „Dann kann ich den ganzen Tag backen.“
„Das ist eine großartige Idee.“ Maria unterdrückte einen Lachanfall und verlor fast das Gleichgewicht auf dem Tritthocker. Sie wankte. Um Haaresbreite wäre sie ins Leere getreten. Sie balancierte den Körperschwerpunkt aus und zog die durchsichtige Dose mit den Plätzchenausstechern aus dem oberen Schrankbereich. „Einhundertein Cookie Cutters“ las sie und beäugte die bunten Plastikausstecher. „Das sind aber viele!“
„Ja, aber ich will nur die Tiere haben.“ Emma wischte sich einige Haarsträhnen aus der Stirn und verteilte dabei reichlich Mehl in ihrem Gesicht. „Für Mama und Papa – weil sie nicht mit uns in den Zoo gehen können.“
„Dann werde ich sie mal aus ihrem Gehege befreien.“ Maria schraubte den Deckel ab und schüttete den Inhalt auf die Küchentheke, an der sich oft Freunde oder Familienmitglieder versammelten und an einem Glas Wein oder Aperitif nippten, während Emmas Eltern in der Küche werkelten und dem Essen den letzten Schliff verliehen.
Einige der Ausstecher schienen regelrecht zum Leben zu erwachen: Sie schlidderten über die Theke, fielen auf den Parkettboden und versuchten zu entkommen. Maria zuckelte auf die andere Seite der Theke und sammelte die Ausreißer ein. Anschließend verfrachtete sie Weihnachtsformen, Blumen und andere Motive zurück in die Box und baute die Ausbeute vor Emma auf. Zum Dank schenkte ihre Enkelin ihr ein breites Grinsen und gab die Aussicht auf ein noch lückenloses Milchgebiss preis.
„Ich will kein Arzt werden so wie du und Mama und Papa.“ Emma bemühte sich, den Teig mit ihren Händen platt zu pressen, wobei sie die Zungenspitze zwischen die Lippen klemmte. „Ich mag kein Blut.“ Sie packte das Nudelholz und bearbeitete den Teigklumpen.
„Wir machen etwas Mehl an das Holz.“ Maria nahm ihr die Rolle ab und bestäubte sie mit dem weißen Pulver.
„Einmal habe ich mich geschnitten. Es hat geblutet und wehgetan.“ Emma hob demonstrativ einen mit Teig und Mehl überzogenen Finger in die Höhe. „Warum magst du Blut, Oma?“
„Oh, weißt du, eigentlich mag ich auch kein Blut sehen, aber mir gefällt es, Menschen zu helfen. Leider bluten viele von ihnen.“ Sie verstaute die Dose mit den restlichen Ausstechern wieder im Schrank.
„Vielleicht werde ich aber auch Kindergärtnerin.“ Emma klopfte mit den Fäusten auf den Teig. Dann kann ich ganz viel spielen, oder Kaninchenzüchter.“
„Kaninchenzüchter?“ Maria verkniff sich ein Lachen. „Das ist aber ein ungewöhnlicher Berufswunsch. Wie kommst du denn auf die Idee?“
„Weil ich ein Kaninchen haben möchte, aber Papa will das nicht.“
„Warum erlaubt er es nicht?“ Maria verfolgte die vergeblichen Bemühungen ihrer Enkeltochter, den Teig zu bezwingen. „Darf ich auch einmal rollen? Das habe ich schon so lange nicht mehr gemacht.“
„Okay.“ Emma reichte ihr das Nudelholz. „Papa meint, die sind sehr empfindlich und machen Dreck, und ich bin zu klein, um mich allein darum zu kümmern. Und wenn ich in die Schule komme, will Mama ihren Dacharzt machen. Dann hat sie auch keine Zeit, den Stall sauber zu machen.“
„Dacharzt?“ Maria grinste. „Ich dachte, wenn das Dach kaputt ist, kommt der Dachdecker. Meinst du möglicherweise einen Facharzt?“
„Genau. Darf ich wieder rollen?“ Emma walzte über den glatten Teig und grunzte zufrieden. „Jetzt ist es gut. Du darfst auch ausstechen!“
Sie füllten das Blech mit allerlei Zootieren und bugsierten es in den Ofen. Ein köstlicher Duft breitete sich in der Küche aus, während Emma die Ausstecher und allerlei Schüsseln in die Spülmaschine räumte und Maria die Küchenablage reinigte. Anschließend mischten sie Zuckerguss an und verliehen den Tieren einen kunterbunten Farbanstrich: Rote Löwen mit orangenen Mähnen tummelten sich friedlich neben grünen Giraffen mit pinken Flecken, Zebras mit farbenfrohen Streifen und anderen wilden Tieren. Beim Verzieren plapperte Emma fröhlich vor sich hin und füllte den Raum mit kindlichen Weisheiten und Gekicher.
Als die Tiere endlich auf den Plätzchenplatten grasten und die Küche von Mehlstaub und Farbkleksen befreit war, linste Maria erstmals auf die Uhr. „Was?“ Ihre Augen weiteten sich. „Schon ein Uhr? Das hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich glatt die Zeit vergessen habe. Was hältst du davon, wenn wir auf das Kochen verzichten und stattdessen sofort in den Zoo fahren? Auf dem Weg dorthin können wir bei meinem Lieblingsitaliener anhalten.“
„McDonalds?“ Emma neigte ihren Schopf zur Seite und ließ es auf einen Versuch ankommen.
„I-ta-li-e-ner!“ Maria betonte Silbe für Silbe, wobei ihre Augen größer und größer wurden.
„Gibt es da Eis?“ Emma kniff die Lippen zusammen und zog die Mundwinkel hoch.
„Aber hallo! Das beste Eis auf der ganzen Welt.“
„Echt?“ Emma riss die Augen auf.
„Wenn ich es sage! Also los!“
„Liest du mir noch eine Geschichte vor?“ Emma kuschelte sich in ihr Bett, das mit Prinzessin Lillifee-Bettwäsche und zahlreichen Kuscheltieren ausstaffiert war. Über ihr schwebte ein Himmel aus rosa-grün gestreiftem Stoff.
„Klar! Was möchtest du denn hören?“ Maria durchforstete das Regal, in dem sich große und kleine, dicke und dünne Kinderbücher wie Wäschestücke auf einer Leine aneinanderdrückten. „Lauras Stern?“
„Der kleine Rabe Socke!“ Emma quetschte ihren Lieblingshasen Flopsi in die Ellenbeuge und fingerte an dem abgegriffenen Ohr.
Maria verdrehte den Kopf, las die Titel auf den Buchrücken und rupfte das gewünschte Buch heraus. Ihr Handy, das sie auf dem Nachttisch geparkt hatte, klingelte. Sie schaute auf das Display und zwinkerte Emma zu. „Unser Kontrollanruf – pünktlich wie die Maurer.“
Emma gluckste.
„Hallo, Sophie“, meldete sich Maria, „wie geht es euch?“
„Richtig gut! Wir hatten einen wundervollen Tag. Und ihr?“ Sophie saß in der Tower Bar des Hotel Hafen Hamburg und genoss das Panorama auf den Hamburger Hafen.
„Ebenfalls. Emma hat mich ordentlich auf Trab gehalten. Sie könnte glatt meinem Chefarzt Konkurrenz machen.“ Maria setzte sich auf die Bettkante und legte das Buch auf ihrem Schoß ab.
„Kann ich Emma mal sprechen?“ Sophie beäugelte das leere Champagnerglas, mit dem sie zuvor mit Paul angestoßen hatte. Sie hatten ihre Rückkehr in das Hotel, in dem sie vor sieben Jahren ihr erstes gemeinsames Wochenende verbracht hatten, gebührend gefeiert.
„Sie liegt neben mir. Ich gebe sie dir.“ Maria reichte das Telefon weiter.
„Hallo, mein Schatz“, sagte Sophie, „hattest du einen schönen Tag?“ Sie entdeckte den Kellner, der sich ihrem Tisch mit der Rechnung näherte. Sein feierliches Mienenspiel passte zu der schwarzen Fliege, dem weißen Hemd und den auf Hochglanz polierten Lackschuhen.
„Jaaaaa!“ Emma nickte. „Wir haben eine Überraschung für euch gebacken und Eis gegessen und waren im Zoo.“
„Das hört sich richtig spannend an. Was denn für eine Überraschung?“ Sophies Gesicht leuchtete, angesteckt durch die Begeisterung, die in der Stimme ihrer Tochter hüpfte.
„Das kann ich nicht sagen.“ Emma rollte mit den Augen. „Dann ist es doch keine Überraschung mehr!“
„Das stimmt“, lachte Sophie, „aber du hast mich ganz neugierig gemacht.“ Sie kuschelte sich in Pauls Arm. „Schlaf gut und träume etwas Schönes. Ich habe dich lieb und vermisse dich.“ Sophie schmiss ein Küsschen in die Leitung.
„Ich habe dich auch lieb, Mama.“
„Warte – Papa möchte dir auch Gute Nacht sagen.“ Sophie reichte ihr Telefon weiter.
„Emma?“ Paul drückte das Handy an sein Ohr. Mit der freien Hand streichelte er Sophies Arm.
„Hallo, Papa!“, fiepte Emma.
„Hallo! War Oma brav?“, scherzte Paul. Um die Augen in dem noch jungenhaften Gesicht tanzten winzige Lachfältchen.
Emma giggelte. „Ja, ganz brav.“
„Sie hat also alles gemacht, was du wolltest?“
Emmas Locken wippten zustimmend.
„Und was macht ihr jetzt?“ Pauls Blick klebte auf Sophies Dekolleté.
„Oma liest mir vor.“ Emma blickte zu dem Bilderbuch.
„Prima! Dann noch viel Spaß euch beiden. Schlaf gut. Bis morgen Abend.“ Paul riskierte einen weiteren Ausblick in Sophies Ausschnitt. „Den werden wir heute auch noch haben“, säuselte er in Sophies Ohr.
„Bis morgen“, trällerte Emma und reichte ihrer Großmutter das Telefon.
„Hallo?“ Maria sprach in die Muschel. „Keiner mehr dran“, erklärte sie Emma und beförderte das Telefon zurück auf den Nachttisch. „Dann können wir ja jetzt in Ruhe lesen.“
Sie blätterte das Buch auf und las ihrer Enkeltochter vor, wie der kleine Rabe Socke zu seinem Namen gekommen war. Dabei präsentierte sie das Buch so, dass Emma die Bilder ebenfalls betrachten konnte.
„Das ist eine schöne Geschichte.“ Maria klappte das Bilderbuch zu und stellte es zurück zu seinen Kameraden. „Die kannte ich noch gar nicht.“
Sie gähnte und bewunderte ihre Enkeltochter, die trotz des anstrengenden Tages noch absolut fit schien. „Bist du gar nicht müde?“
„Ich bin nie müde.“ Emma drückte Flopsi an sich.
„Das gibt es doch nicht.“ Maria hockte sich nochmals auf die Bettkante und koste Emmas weiches Haar.
„Aber damit ich einschlafen kann, singen Mama oder Papa mir immer etwas vor.“ Sie lächelte verschmitzt und fügte ernst hinzu: „Manchmal habe ich Angst im Dunkeln. Aber nicht vor Monstern. Die gibt es nicht.“
„Wovor hast du denn Angst?“
„Nichts sehen zu können. Und keine Luft zu bekommen. So wie in einem dunklen Keller ohne Fenster.“
„Ach so.“ Maria streichelte Emma über den Scheitel. „Das finde ich auch sehr unangenehm, und damit es nicht dunkel wird und du genügend Luft bekommst, lassen wir deine Tür einen Spaltbreit offen und das Licht im Flur an. Einverstanden?“
Emma nickte.
„Und singen kann ich auch.“ Maria glättete die Decke. „Als deine Mama klein war, mochte sie am liebsten La le lu.“
„Das mag ich auch am liebsten.“ Emma stemmte Flopsi in die Luft. „Und Flopsi auch.“
„Das trifft sich gut. Dann singe ich dir das Lied vor.“
„Ich muss aber erst noch beten.“ Emma legte den Hasen beiseite und faltete die Hände. Nachdem sie mit ernster Miene ein Nachtgebet gesprochen hatte, schloss sie die Augen, lauschte Marias Gesang und war bereits bei der zweiten Strophe eingeschlafen.
Maria küsste sacht ihre Stirn und ließ die Zimmertür, wie versprochen, offenstehen. Das Licht vom Korridor schlich auf Zehenspitzen in Emmas Zimmer und leistete ihr bis zum nächsten Morgen Gesellschaft.
Kapitel 2
Sonntag
„Wenn du möchtest, können wir heute Nachmittag in ein Freigehege fahren und die Rehe füttern. Das Wetter ist so herrlich.“
Maria stieg aus dem Sandkasten und klopfte sich den Sand von der Hose.
„Au ja!“ Emma quietschte vor Vorfreude und lief zur Schaukel, die Paul in einem greisen Baum für sie angebracht hatte. „Ich schaukle so lange, bis du die Nudeln gekocht hast!“
„Aber nicht zu hoch!“ Maria hob mahnend einen Finger.
„Dooooch!“ Emma umfasste die Stricke und hievte sich geschickt auf das Brett.
„Dann halte dich gut fest! Soll ich dich anschubsen?“
„Das kann ich alleine!“ Der Stolz in Emmas Stimme war unüberhörbar.
„Prima! Ich setze nur kurz das Nudelwasser auf und bin gleich wieder da.“
Maria überquerte die Wiese und die Terrasse, streifte die Schuhe auf der Fußmatte, die mit dem Schriftzug Willkommen grüßte, ab und eilte in die Küche.
Als sie die Sonnencreme für Emma endlich gefunden hatte, kochte das Wasser bereits. Rasch warf sie die Nudeln hinein, regelte die Temperatur der Herdplatte, durchkreuzte den Wohnraum und trat ins Freie.
Sie spähte durch den Garten zur Schaukel.
Das Schaukelbrett war leer.
„Emma?“ Maria lugte durch den Garten. „Emma?“ Ihre Stimme kletterte in einen höheren Oktavbereich. Sie lauschte.
Vögel zwitscherten. Irgendwo bellte ein Hund, und in der Ferne heulte ein Motor auf.
Kein Kichern von Emma.
Maria sauste durch die gepflegte Gartenanlage und suchte hinter Büschen und Bäumen sowie in der Gartenlaube.
Keine Spur von Emma.
Sie kehrte ins Haus zurück, ohne ihre Schuhe auf der Matte abzutreten.
„Emmaaaaaaaa?“ Mit Riesenschritten durchquerte sie den Wohnbereich, klopfte an die Tür des Gäste-WCs, zögerte für einen Moment und öffnete sie. Emma war nicht da.
„Emmaaaaaa?“ Maria stürmte die Treppe hinauf und wiederholte die Prozedur an der Badezimmertür. Das Bad war leer.
Sorge grub sich in jede Pore ihres Körpers und fraß sich bis ins Knochenmark, während sie Emmas Zimmer, das Schlafzimmer und das Arbeitszimmer betrat. Von Emma fehlte jede Spur.
„Emma? Ich kann dich nicht finden. Wo bist du?“ Eine eiserne Zange umklammerte Marias Magen und quetschte ihn zusammen. „Hast du dich versteckt? Komm raus. Du hast gewonnen. Dein Versteck ist zu gut.“
Kein Laut.
„Bitte, Emmaaaaa“, flehte sie.
Sie spitzte die Ohren. Gespenstische Stille erfüllte das Haus. Von unten drang ein zischendes Geräusch herauf. Das Nudelwasser kochte über.
Maria hastete die Treppe hinunter, schaltete den Herd aus und rannte in den Keller. „Emma?“, schluchzte sie, während sie Vorratskeller, Waschkeller und Heizungskeller begutachtete. „Emma, bitte, komm raus!“, wiederholte sie immer wieder, während sich hektische Flecken auf ihrer Haut abzeichneten.
Auf der Kellertreppe stolperte sie über ihre eigenen Füße und schlug hart mit dem Kinn auf. Sie presste die Hände gegen den pochenden Schmerz. Klebriges Blut glänzte in den Handflächen. Sie schmierte es achtlos an den Hosenbeinen ab.
„Emma?“ Sie weinte beinahe, als sie zurück in den Garten hetzte. „Ruhig bleiben“, mahnte sie sich. „Emma erlaubt sich nur einen Scherz. Sie findet es bestimmt lustig.“
Maria preschte zurück ins Haus und durchsuchte jeden Winkel. Sie tastete die Vorhänge ab, verrutschte alle Sitzgelegenheiten und durchwühlte jeden Schrank. Von Raum zu Raum wurde sie unruhiger. Panik nistete sich in ihrem Körper ein wie tiefziehende Wolken in einem Gebirge.
„Emma?“ Die Silben überschlugen sich.
Sie flitzte zurück in den Garten und durchkämmte nochmals alle Plätze, die für ein Versteck in Betracht kamen. Diesmal hob sie die achtlos zur Seite gelegte Plastikplane hoch, die zur Abdeckung des Sandkastens diente. Darunter war nur das Gras.
Maria flog zurück ins Haus und stellte abermals alle Räume auf den Kopf. Mittlerweile ähnelten sie einem Napoleonischen Schlachtfeld: Auflagen und Kissen waren von dem Sofa gezerrt und Stühle weggerutscht worden, Schranktüren standen offen, Schrankinhalte überfluteten die Böden.
Im Badezimmer kreuzte ihre Suchaktion den Spiegel. Ihr Gegenüber hatte hektische rote Flecken im Gesicht. Schweißperlen rannen von der Stirn. Der Mascara war hinweggespült worden und hatte sich in gespenstische Augenringe verwandelt.
Maria lief zur Haustür, stopfte den Schlüssel, der im Schloss baumelte, in ihre Hosentasche und fegte zum Nachbarhaus. Emma spielte manchmal mit dem Nachbarsmädchen, obwohl dieses drei Jahre älter war. Sie drückte auf den Klingelknopf. Nach einigen ungeduldigen Sekunden läutete sie Sturm. Niemand erhörte den Lärm.
Sie wendete sich nach links, trabte an dem Haus ihrer Tochter vorbei und schellte bei den anderen Nachbarn. Das kinderlose Ehepaar war nicht zu Hause.
Maria jagte zurück zu Sophies Haus. Kalter Angstschweiß durchnässte ihre Bluse. Mit zittrigen Fingern führte sie den Schlüssel ins Türschloss und brüllte aus Leibeskräften: „Emmaaaaaaaaaaaaaa!“
Eisige Ruhe schlug ihr entgegen.
Sie hechtete zu ihrer Handtasche, wühlte nach dem Handy und wählte die Nummer ihrer Tochter.
Paul wickelte Sophies Haare mehrmals um seine Hand und bettete sie auf dem Kopfkissen. Dann küsste er sie auf den freigelegten Nacken. Von dort aus wanderten seine Liebkosungen ihre Wirbelsäule hinab. Sie erschauerte unter den zärtlichen Berührungen.
„Du riechst so verführerisch“, säuselte er.
„Immer noch?“ Sie schnurrte wie eine Katze vor dem Kamin. „Hast du noch nicht genug von mir?“ Sie räkelte sich.
„Oh nein!“ Seine Küsse erreichten ihren Po. „Niemals. Das Programm heute wird geändert. Zimmerservice …“
Aus den Augenwinkeln realisierte er ein Leuchten. Ihr Handy, das auf einem Sessel in der Nähe des Bettes lag, blinkte und vibrierte. Auf seinen Wunsch hin hatte sie den Störenfried auf leise gestellt. Er ignorierte das Gerät und widmete sich wieder seiner Frau.
„Du fühlst dich gut an.“ Seine geübte Hand liebkoste die Innenseite ihrer schlanken, festen Schenkel.
Sophie drehte sich auf den Rücken.
„Mist!“ Maria schleuderte das Handy auf den Esstisch und massierte ihre Schläfen und Augenbrauen. „Emma, wo steckst du nur?“, flüsterte sie. „Wie soll ich denn die Telefonnummern von deinen Freundinnen herausfinden, wenn deine Eltern nicht ans Handy gehen?“
Sie lief einige Male im Zimmer auf und ab. Schließlich griff sie das Telefon erneut und tippte die Zahlenkombination eins eins null.