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Der Schatten des Werwolfs

Der Schatten des Werwolfs

Inhaltverzeichnis

Prolog

Der Besucher

Die Ankunft

Der erste Abend

Schlaflose Nacht

Kurzreise nach Pest-Buda

Máté offenbart sein Leben

Unangemeldeter Besuch

Die Geschäftsreise

Dominik und sein Getreuer Amalrich Jodokus

Der verlassene Gutshof

Der nächste Morgen

Im Büro von Dominik

Die Verzweiflung greift um sich

Mátés Geständnis

Der alte Gutshof

Dominiks Anweisung

Die Nacht der Wahrheit

Der Fluch des Werwolfs

Die Nerven liegen blank

Dominik offenbart sich

Der Tag danach

Máriskas Geständnis

Dominik stellt Máté zur Rede

Heilige Worte

Zweifel schleichen sich an

Ungereimtheiten im verlassenen Gutshof

Dominiks Machenschaften

Schicksalshafte Verwandlung

Gefährliche Nacht

Die Flucht nach Pest-Buda

Verzweifelte Suche

Ein neuer Vertrauter

Dominiks teuflischer Plan

Die Ereignisse überschlagen sich

Spurensuche

Das Ziel rückt näher

Die Ermittlungen beginnen

Das Telegramm

Hinweissuche in Pest-Buda

Neue Erkenntnisse

Die Aussprache

Das geheimnisvolle Verschwinden

Erneute Aufregung

Alte Verbindungen

Ein unbekanntes Reiseziel

Licht im Dunkeln

Das Zusammentreffen

Innere Zerrissenheit

Der unausweichliche Weg

Der Verdacht

Entsetzen und Verzweiflung

Das Spiel beginnt

Das Schicksal schlägt Haken

Die Rückkehr nach Pest-Buda

Die Familie steht zusammen

Die Zeit drängt

Der Tag der Verwandlung

Tiefes Bedauern

Die Wahrheit bahnt sich ihren Weg

Ein kluger Schachzug

Die Rückkehr

Der geheimnisvolle Brief

Gefährliche Botschaft

Die Versuchung

Die Heimkehr

Eigene Wege

Wettlauf gegen die Zeit

Verführerisches Angebot

András kehrt zurück

Die letzte Chance

© 2020 DINIER verlag, Am Richtsberg 22, 35039 Marburg

dinier-verlag@web.de

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne ausdrückliche Zustimmung des Verlages unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung. Alle Rechte vorbehalten.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

1. Auflage 2020

Umschlaggestaltung: Dream Design-Cover and Art

Korrektorat/Lektorat: Marlies Lüer und Elisabeth Dinier

Druck und Bindearbeiten: Bookwire. Gesellschaft zum Vertrieb digitaler Medien mbH. Kaiserstr. 56, 60329 Frankfurt am Main

Titel: Der Schatten des Werwolfs

Untertitel: Trügerische Machenschaften

eISBN: 978-3-947032-10-5

Auch erhältlich als Taschenbuch:

ISBN: 978-3-947032-09-9

www.cecilia-ventes.de

www.dinier-verlag.de

facebook.com/ceciliaventesschriftstellerin

Dieses Buch ist ein Roman. Die Charaktere und die Handlung sind von mir frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und keineswegs von mir beabsichtigt.

Cecilia Ventes

Prolog

Ein Mensch zu sein, von ganz anderer Natur, mit tief verborgenen Geheimnissen, bedeutet, einen langen Weg der Einsamkeit gehen zu müssen. Eine Andersartigkeit zu besitzen, die diesen Menschen dazu bringt, sich mehr und mehr zurückzuziehen, um den entgegengebrachten Vorurteilen zu entfliehen, bedeutet, das wahre Ich zu beschützen und nicht verlieren zu dürfen.

Eine unwillkommene, fremde Besonderheit mit in die Wiege gelegt zu bekommen, die den Verstand und den Körper zeitweise in ein anderes Dasein verwandeln, bedeutet, der Gewissheit nicht trauen zu können. Und wird dies alles zu einer Last, die die Seele langsam erdrückt, nennt man es einen Fluch.

Der Besucher

Der graue Februartag 1858 war immer noch von Nebelschwaden durchzogen, als die abendliche Dunkelheit sich von den Wäldern Szamárhegys heranschlich.

Máriska Utazási stand am Fenster des Wohnzimmers und schaute sehnsuchtsvoll auf den verschneiten Hof des Landguts. Der Winter zog sich dieses Jahr lange hin, denn das Eis und die tiefen Temperaturen wollten so gar nicht weichen. Sie erinnerte sich daran, wie sie mit ihrem Bruder in jungen Jahren im Schnee herumtollte. Zwanzig Jahre war es nun her, dass er und ihre Mutter einfach das Haus verlassen hatten und nach Wien gegangen waren. Damals war er siebzehn und sie neunzehn Jahre alt gewesen. Und heute, am 26. Februar 1858, kam er endlich zurück nach Ungarn. Wie würde er wohl aussehen? Wie würde es sich anfühlen, vor ihm zu stehen und ihn in die Arme schließen zu dürfen? Mit dem langsamen Verabschieden der Helligkeit vom Tag kroch die Kälte in das Zimmer. Sie zog sich ihre Stola fester um die Schultern und schüttelte ihr langes, tailliertes Kleid mit den Stickereien am Rocksaum etwas auf. Das Pendel der alten Standuhr schlug 16 Uhr. Sie wurde ungeduldig. Ihr Blick schweifte in den liebevoll angelegten Garten, durch die alte Baumallee, die den direkten Weg zum kunstvoll geschmiedeten Eisentor am Grundstückseingang wies.

„Und? Sieht man schon jemanden kommen?“, fragte Orsolya Gombos, die Haushälterin und Köchin der Familie Utazási neugierig, während sie sich durch den Türspalt schob und aus ihren faltigen Augenlidern lächelnd zu Máriska sah.

Orsolya kannte Máriska und Máté schon von Kindesbeinen an. Die siebzigjährige, rundliche Frau, die aus Leidenschaft kochte und aß, war bereits im Dienst von Máriskas Eltern gewesen. Die ältere Dame steckte sich ihren geflochtenen Haarkranz zurecht. Die Frau mit den langen, schwarzgrau melierten Haaren war eine Art Ersatzmutter für die Hausherrin geworden.

Ein Seufzer entwich ihr, als sie ebenfalls aus dem Fenster in die verschneite Landschaft blickte. Aber bevor sich Wehmut über die Vergangenheit in ihr breitmachen konnte, zog sie hektisch das dunkelrote Kleid von Ihrer Ziehtochter zurecht, drehte diese einmal um die eigene Achse, fuhr mit den Fingern durch deren langes, welliges, schwarzes Haar und strich die dunkle Strickstola gekonnt faltenfrei.

„So ist es richtig. Du sollst ordentlich aussehen, wenn dein Bruder kommt und nicht wie ein zerknäulter Stofflappen“, erklärte sie ihr Herumgezupfe und wischte sich dabei eine kleine Träne von der Wange. Die Freude, dass er nun wieder zurückkam, wühlte sie auf.

Máriska legte liebevoll ihren Arm um die kleinere Frau, und so verharrten nun beide in Sehnsucht nach dem Besucher am Fenster.

Barsch und laut ertönte die Stimme von Dominik, als er in das Schreibzimmer eintrat.

„Nur weil ihr aus dem Fenster starrt, kommt die Kutsche nicht früher. Wir essen, wie jeden Abend, um halb sechs. Daran wird sich auch heute nichts ändern. Außer, dass die Speisen aufgrund unseres hohen Besuchs hoffentlich etwas opulenter und notgedrungen auch raffinierter ausfallen werden als üblich.“

Der zynische Unterton des Gutsbesitzers war nicht zu überhören.

Orsolya blickte zu Máriska, die beruhigend über deren Arm streichelte und sagte:

„Ich rufe dich, sobald ich das Klirren des Pferdegeschirrs höre. Ignoriere einfach, was er sagt.“

Die Haushälterin verließ das Zimmer, aber nicht ohne ihre Empörung über die Bemerkung des Hausherrn durch ein lautes „Tse“ kundzutun.

Dominik stellte sich neben seine Frau und strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht, die sich aus den seitlich zurückgesteckten Haaren gelöst hatte. Er liebte ihre braunen, kindlich aufschauenden Augen und ihre feinen gleichmäßigen Gesichtszüge. Der groß gewachsene, schlanke Mann hatte seine edle Kleidung, die er üblicherweise für offizielle Anlässe im königlichen Freistaat trug, angezogen. Er wollte damit demonstrieren, dass dieser Besuch etwas Besonderes war, aber eben auch den Stand dieser Familie widerspiegeln. Der sogenannte Klein- oder Bauernadel hatte es in diesen Zeiten immer noch schwer, denn die politischen Rahmenbedingungen waren nach dem ungarischen Freiheitskrieg, der am 13. August 1849 mit der Kapitulation der Revolutionsarmee in Világos bei Arad geendet hatte, im Umbruch und hatten sich für ihn nicht zum Guten geändert. Trotzdem blieb Dominik Utazási den Gepflogenheiten seines Standes treu und legte weiterhin Wert auf seinen Adelstitel, auch wenn dieser nicht mehr die Anerkennung fand, wie vor dem Krieg. Das politische Geschick des Grafen, seine Bildung und das stolze Auftreten hatten ihn bereits frühzeitig in eine wichtige Position der Stadtvertretung gebracht. Das hatte ihm geholfen, Hab und Gut in diesen unruhigen Zeiten zu retten. Jetzt schon reichte sein Einfluss bis in die unterschiedlichen Kammern des Landes, die über Verordnungen entschieden, das Zuteilen von Geldmitteln sowie andere Angelegenheiten regelten. Für Dominiks Familie war das Einkommen gesichert und folglich das Gutshaus, wie auch der dazugehörende Grund und Boden. Allerdings beunruhigten ihn die stetig geführten politischen Diskussionen und Verhandlungen zwischen Ungarn und Österreich. Der Krieg war schon länger vorbei, aber die Versprechungen seitens Kaiser Franz Josephs I. aus dem Haus Habsburg-Lothringen, mussten noch erfüllt werden. Die politischen Lager waren bemüht, dennoch war das Verhältnis brenzlig und eine unüberlegte Geste oder Handlung würde genügen, um die Magyaren gegen Österreich wiederholt aufzubringen. Da war er sich sicher.

Máriska interessierte sich für diese politischen und diplomatischen Machenschaften wenig. Zu wenig – wie ihr Gemahl befand. Er sah es zwar gar nicht gerne, wenn sie sich in politische Angelegenheiten einmischte oder sich dazu in der Öffentlichkeit äußerte, aber er empfand den Austausch mit ihr über ihre Meinungen höchst interessant – zumindest in den eigenen vier Wänden. Es eröffnete ihm ganz neue Denkansätze. Er hätte sich eine Frau gewünscht, die bei offiziellen Anlässen schwieg oder ihm zustimmte, und zwar an den richtigen Stellen eines Gesprächs. Dies schien allerdings nicht machbar, und so mied er es, wenn möglich, sie bei öffentlichen oder politischen Treffen an seiner Seite zu haben. Die Äußerungen seiner Frau entsprangen selten dem strategischen Ansinnen seiner diplomatischen Arbeit oder dem Wissen über die aktuellen Geschehen, somit waren sie für ihn wenig hilfreich, zumindest in Bezug auf seine Karriere. Trotzdem liebte er sie, vielleicht gerade deshalb. Sie dachte und entschied mit ihrem Herzen und nicht mit dem Kopf. Für sie war deshalb alles viel einfacher, als es durch die Politik dargestellt und mit durchschaubarer Doppelmoral diskutiert wurde. In Dominiks Augen war ihre Welt klein, übersichtlich und auf liebevoller Naivität gegründet. Máriska schwieg oft über ihre Gedanken und ließ ihn in seinem Glauben über ihre Person. Dennoch liebte auch sie ihren Mann. Er war fürsorglich und kümmerte sich um das Wohl und Ansehen der Familie. Das beeindruckte sie, ebenso seine Entschlossenheit, wenn er etwas in Angriff nahm. Seine liebevolle und verletzliche Seite zeigte er selten, aber sie erkannte, wenn Verstand und Herz gegeneinander kämpften und letztendlich das Kalkül siegte. Die Familie ging auch ihr über alles, besonders ihre beiden Kinder stellten ein besonderes Glück für sie dar. Sie hielt ihrem Mann den Rücken frei und regelte alles im Haus und um den Hof.

Ein Poltern auf den Treppenstufen im Hausgang unterbrach die innige Zweisamkeit des Ehepaares.

„Erster!“, rief die sechzehnjährige Bianká laut, als sie die Tür aufriss und in das Zimmer sprang. Ihr siebzehnjähriger Bruder Bálint folgte gleich darauf, packte sie, rang sie nieder, setzte sich auf den Stuhl vor dem Schreibtisch und legte sie über seine Knie.

„Du hast geschummelt, dafür kriegst du jetzt eine Tracht Prügel!“, stellte er bestimmend, aber mit einem Lachen fest.

Bianká, die über dem Schoß ihres Bruders hing, verschränkte ihre Arme und fragte:

„Darf er das überhaupt, Mama?“

Der Graf fand diese albernen Spielchen in diesem Alter völlig fehl am Platz.

„Wir bekommen Besuch, also benehmt euch gefälligst entsprechend den Erwartungen und du, Bálint, besonders“, fauchte er und strich sich seinen feinen Schnurbart zurecht.

Bálint und Bianká stellten sich sofort aufrecht hin und schwiegen für ein paar Sekunden, dann platzte es aus Bianká heraus.

„Wann kommt denn nun unser Onkel? Ich bin ja so gespannt.“

„Wenn er da ist, traust du dich vor Ehrfurcht sowieso nichts zu sagen, sondern wirst rot, wenn er dich anspricht“, hänselte ihr Bruder.

„Das ist deine Erziehung“, kommentierte der Hausherr das unaufgeforderte Reden seiner Kinder und schaute dabei herablassend zu seiner Frau.

Máriska ignorierte dies und nahm ihre beiden Kinder in den Arm. Bálint hatte sich schon zu einem stattlichen jungen Mann entwickelt, der bereits einen Kopf größer war als seine Mutter. Der sportliche Sohn trat ganz in die Fußstapfen des Vaters, was den Ehrgeiz anging. Bianká beschäftigte sich lieber mit anderen Dingen als mit der Schule. Ihre Noten waren gut, aber sie bevorzugte es, im Hintergrund zu bleiben, wie es sich für ein anständiges Mädchen gehörte und es ihrem Vater auch gefiel. Er wollte eine gebildete Tochter, die sich allerdings nicht zu so einer aufmüpfigen Frau entwickeln sollte wie ihre Mutter, denn so ein Wesenszug minimierte das Interesse der heiratswilligen Männer aus gutem Hause.

Máriska gab ihren Kindern einen Kuss auf die Wange.

„Ich hoffe, dass er bald kommt. Nicht nur damit euer Vater pünktlich sein Essen bekommt, sondern ich endlich von meiner Aufregung erlöst werde.“

Sie musterte ihren Sohn und erkundigte sich besorgt:

„Geht es dir heute wieder besser, Bálint?“

Er nickte.

„Hoffentlich, diese Fieberschübe und Krämpfe beunruhigen mich doch sehr, auch wenn sie wohl in deiner Familie üblich sind“, sagte Dominik.

„Es scheint nur noch Pfuscher als Ärzte zu geben. Wissen nix, aber wollen das Unwissen auch noch bezahlt haben. Es freut mich jedenfalls, dass es dir heute wieder besser geht, mein Sohn. Hoffen wir, dass es so bleibt.“

Er lächelte seinen Nachkommen zuversichtlich an.

„Lasst mich bitte mit eurer Mutter allein. Wir haben noch etwas zu bereden“, befahl er dann. Die Kinder folgten und polterten in gleicher Weise die Treppe hinauf, wie sie vorher heruntergepoltert waren. Der väterliche Blick verriet erneut, dass ihm das nicht gefiel.

„Sei doch nicht so. Sie sind genauso gespannt und aufgeregt. Außerdem sind sie zu Hause und noch …“

Sie zögerte, es auszusprechen.

„ … Kinder. Wie schnell ist diese schöne Zeit vorbei.“

„Kinder? Wenn es wieder Krieg geben sollte, geht Bálint zum Militär …“, konterte er schroff und wurde gleich aufgeregt unterbrochen.

„Hör auf! Ich will das nicht hören! Mich interessieren diese verdammte Politik und das Feilschen um Macht und Länder nicht. Bevor ich mein Kind in einen Krieg ziehen lasse, sperre ich es lieber im Keller ein. Wir hatten das alles schon einmal und ich bin nicht erpicht darauf, dass es erneut geschieht. Nur, weil sich die sogenannten Staatsmänner nicht vernünftig unterhalten können, wird mein Kind nicht zum Mörder gemacht.“

Sie versuchte, sich wieder zu fangen, und drehte die Öllampe auf dem Tisch auf. Die Dämmerung hatte den Raum dunkel werden lassen. Sie wechselte das Thema. „Ich weiß, dass du von seinem Besuch nicht begeistert bist.“

Ein abfälliges, kurzes Lächeln zeigte sich auf Dominiks Gesicht.

„Er hat sich zwanzig Jahre nicht blicken lassen, hat immer irgendwelche Ausflüchte gefunden, nicht kommen oder uns empfangen zu können. Wieso ausgerechnet jetzt? Er lebt als gebürtiger Magyar in Wien. In einer Zeit, wo immer noch alle Ungarn gegen Österreich aufstehen sollten und alles im Umbruch ist, reist er aus sentimentalen Gründen, einfach mal so, ungehindert von Österreich nach Ungarn zu seiner Schwester. Die explosive Atmosphäre zwischen den Ländern scheint ihn nicht abhalten zu können. Findest du das nicht seltsam, Liebes? Gut, er hat dir auf deine Briefe immer geantwortet, aber dennoch nie von sich aus an dich geschrieben. Nicht mal zu deinem Geburtstag. Und den Tod deiner Mutter … da war er wohl zu angeschlagen, um diesen zeitnah zu erwähnen.“

Die Gräfin schaute ihren Mann trotzig an.

„Warum kannst du dich nicht einfach mal mit mir freuen? Wieso musst du immer alles hinterfragen? Vor allen Dingen politisch? Ich habe mich solange danach gesehnt, ihn wiederzusehen. Es gibt so viele Fragen, die er mir jetzt vielleicht beantworten kann. Warum ist Mama damals mit ihm weggegangen und nie zurückgekehrt? Wieso haben sich unsere Mutter und unser Vater trotzdem ab und zu getroffen und sich Briefe geschrieben? Warum sind Papa und ich nicht auch einfach nach Österreich ausgewandert?“

„Das hätte noch gefehlt!“

Sie pausierte und nahm die Hände ihres Mannes in ihre.

„Bitte Dominik, alles hat seine Zeit, und vielleicht ist jetzt die Zeit für seinen Besuch gekommen. Versuche, die Politik heute Abend aus dem Spiel zu lassen. Lerne ihn doch erst einmal kennen. Das muss ich doch auch, vielleicht ist er ja wie ein fremder Mensch für mich.“

„Davon gehe ich aus. Was weißt du denn schon über ihn?“

„Ich möchte trotzdem, dass er sich hier wohl fühlt, und zwar nicht als Gast, sondern als mein Bruder und als Familienmitglied. Kannst du das nicht verstehen?“

Dominik atmete tief durch. Er hatte kein gutes Gefühl, was diesen Besuch betraf. Die Umstände seiner Rückkehr, die lange Zeit seiner Abwesenheit, sein seltsamer Ruf in Wien, die lückenhafte und von Gerüchten umwobene Familiengeschichte der Márusis, die ihn schon bei seiner Frau gestört hatte, als er sie ehelichte, machten ihn skeptisch. Schweren Herzens nickte er, küsste sie auf die Stirn und entgegnete beim Verlassen des Zimmers:

„Ich versuche es, Liebes.“

Die Ankunft

Aus dem Fenster der Kutsche blickend, verfingen sich seine Gedanken in den vorbeiziehenden Bildern der Vergangenheit. Der aufgewirbelte Schnee der Kutschenräder, der Geruch der heimatlichen Luft und der Anblick der vertrauten Natur weckten Erinnerungen an seine Kindheit, die Familie, die Nachbarn und ließen das Gefühl von Geborgenheit in ihm aufkommen. Aber er spürte auch Angst vor dem stärker werdenden Heimatgefühl, das sich sowohl in eine schöne, aber auch schmerzliche Melancholie verwandelte.

„Ich sehe eine Kutsche. Er kommt! Er kommt!“, rief Máriska aus Leibeskräften durchs Haus.

Hastig lief sie vom Wohnzimmer zur Haustür und riss diese freudig auf. Rechtzeitig, bevor es dunkel wurde, fuhr die Droschke endlich in den Hof ein. Máté schaute vorsichtig aus dem Fenster, während er die Baumallee bewunderte, durch die sie trabten. Das Gefährt nahm eine ausladende Kurve und so konnte er rasch seinen Blick über das restliche Grundstück schweifen lassen. Das dreistöckige weiße Herrscherhaus mit kleinen Erkern an den Außenzimmern und prunkvollem Treppenaufgang thronte förmlich am Ende des Anwesens. Es war prachtvoller gebaut als es für eine Familie, die aus dem Kleinadel stammte, üblich war. Die großzügige Aufgangstreppe erhob sich über den gemauerten Bereich, wo die Kriechkeller untergebracht waren. Links, etwas abseits des Hauses, befand sich ein gemauerter Pferdestall.

Die Kinder sprangen die Stufen im Hausgang herab und stellten sich sogleich neben ihre Mutter, die bereits vor dem Gebäude auf der letzten Treppe stand. Aufgeregt wischte sich Máriska unauffällig ihre zittrigen und feuchten Hände an ihrem Rock ab. Der Hausherr schritt langsam mit einer beschwichtigenden Handbewegung vor seine Familie, um als erster den Gast begrüßen zu können. Orsolya zog, eilig aus der Küche kommend, den fünfundvierzig Jahre alten Haushelfer Ervin Abonyi hinter sich her. Keinesfalls wollte sie die Ankunft des jungen Herrn verpassen. Ervin stopfte sich, während er lief, noch die restliche Griebenpogatsche in den Mund, die er eigentlich in Ruhe, noch vor seinem Feierabend, hatte essen wollen. Er war ein gemütlicher Geselle. Nichts brachte den kräftigen, wortkargen Mann aus der Ruhe. Beide Angestellten platzierten sich oben an der Haustür.

Die Räder der Kutsche gelangten zum Stehen. Máté hörte sein Herz aufgeregt schlagen; dennoch bemühte er sich beim Aussteigen, einen gelassenen Eindruck zu machen.

Er trug einen Zylinder und hatte einen sehr edlen schwarzen Mantel an. Der gutaussehende und stolz wirkende Mann zog seine Kopfbedeckung ab und verneigte sich vor der Familie. Der Besucher war eine eigentümliche Erscheinung. Nicht unsympathisch, denn seine strahlend blauen Augen wirkten gütig, aber darin spiegelte sich auch eine befremdliche Tiefgründigkeit. Die etwas längeren, nach hinten gekämmten, dunklen Haare ließen ihn verwegen wirken. Herzlich und doch auf seltsame Weise distanziert lächelte er und löste, ohne es zu wollen, Faszination bei den Umherstehenden aus. Máriskas Freude raubte ihr die Fähigkeit zu sprechen, und so starrte sie ihren Bruder nur bewundernd an. Máté bemerkte dies und blickte mit einem verschmitzten Lächeln beschämt zu Boden. Dominik setzte gerade zur Begrüßung an, da ertönte ein lauter und gellender Freudenschrei. Orsolya tippelte so schnell sie konnte die Treppe herunter und fiel dem jungen Herrn weinend vor Freude in die Arme.

„Ich halte das nicht aus. Ich muss Sie umarmen, junger Herr. Ich habe Sie so viele Jahre nicht gesehen. Ich bin so glücklich, ich bin so glücklich.“

Beherzt zog sie ihn an sich und drückte ihn fest. Er erwiderte freudig die Geste und ließ die vielen Küsse der stämmigen Frau gerne über sich ergehen.

„Orsolya, immer noch so temperamentvoll und herzlich wie damals“, stellte er mit seiner angenehmen Stimme vergnügt fest.

Aufgeregt schob sie ihren verrutschten Haarkranz zurecht und bückte sich nach dem Zylinder, der dem jungen Herrn bei der überfallartigen Begrüßung aus der Hand gefallen war.

Máté gab ihr einen Handkuss.

„Ich kann mich nicht erinnern, dass wir uns jemals in förmlicher Weise angesprochen haben. Ich denke nicht, dass wir das jetzt einführen sollten, Orsolya, oder?“

„Du darfst dich wieder in die Küche scheren, Orsolya!“, unterbrach der Graf diese überschwängliche Glückseligkeit.

Die Haushälterin überhörte dies geflissentlich. Sie packte den Besucher am Ärmel und führte ihn direkt zu Máriska, um seine Hände in ihre zu legen.

„Das ist deine Schwester, junger Herr. Erkennst du sie wieder? Ist sie nicht eine hübsche Dame geworden?“, fragte die kleine Frau in einem sanften Tonfall und zog die Gräfin von der letzten Stufe auf den Boden.

Die Geschwister sahen sich an, und endlich schien der Bann der Zurückhaltung gebrochen. Máté küsste seine Schwester und beide umarmten sich so innig, als wenn sie sich nie wieder loslassen wollten.

Zufrieden lächelnd, klopfte die Haushälterin den Schnee vom Zylinder, den sie im Arm hielt, und fügte träumerisch hinzu:

„So, wie aus dir ein stattlicher Mann geworden ist. Ach ja, und es ist doch irgendwie wie früher, oder? Ich erinnere mich noch genau, wie ich dich …“

Mit einem Räuspern unterbrach Dominik den Redefluss seiner Hausdame. Er schäumte innerlich vor Wut. Diese mollige Haushälterin hatte sich einfach undiszipliniert vorgedrängelt und seine Stellung in diesem Haus missachtet. Aber seine Erziehung ließ ihn sein gutes Benehmen nicht vergessen. So schmunzelte er, wenn auch gequält, als Orsolya winkend an ihm vorbeilief und säuselte:

„Den Zylinder hänge ich schon mal auf und gehe natürlich auch sofort in die Küche, damit wir pünktlich das Essen auf dem Tisch haben, nicht wahr, Herr Graf?“

Die beiden Jugendlichen verkniffen sich ihr Lachen über Orsolyas Verhalten. Die alte Dame zwinkerte ihnen zu und zeigte unauffällig auf das andere Geschwisterpaar, das sich immer noch umarmte.

„Genau wie ihr zwei, wenn ihr euch gerade mal wieder leiden könnt“, flüsterte sie glücklich, doch erschreckte dann fürchterlich mit Dominiks ungehaltenem Ausruf:

„Küche!“

„Ist ja gut!“, kollerte sie zurück und verschwand.

Der Hausherr fand, dass dies nun der richtige Moment war, um sich für seine Begrüßungsworte Gehör zu verschaffen. Er streckte dem Angekommenen die Hand entgegen.

„Ich heiße Sie herzlich willkommen, Herr Schwager, und freue mich sehr, dass unsere Wege sich endlich kreuzen. Treten Sie ein, ich lasse Ihr Gepäck sofort auf das Zimmer bringen und stelle Ihnen meine Familie und die Bediensteten vor. Vielleicht machen wir das besser im Haus, es ist hier doch etwas kühl. Orsolya kennen Sie ja bereits, insofern kann ich mir diese Bekanntmachung schon sparen. Schlechtes Personal bekommt man halt vererbt, das Gute kann man sich selbst aussuchen.“

Niemand kommentierte seine Bemerkung, sondern man ging höflich darüber hinweg. Nur Bianká flüsterte ihrem Bruder zu:

„Hoffentlich hat sie das jetzt nicht gehört, sonst ist Papas Suppe heute Abend versalzen.“

Die Männer begrüßten sich freundlich, und die Familie begab sich in das Haus. Dominik ergriff die Hand seiner Frau und zog sie näher zu sich, als er seinem Schwager die Anwesenden vorstellte. Bianká fand ihren Onkel sehr interessant, aber aufgrund ihrer Schüchternheit traute sie sich gar nicht, ihn richtig bei ihrem Begrüßungsknicks anzusehen. Bálint verneigte sich vor seinem Onkel und gab ihm ebenfalls die Hand.

Der Kutscher war derweil vom Bock geklettert und begann die Koffer und das restliche Gepäck aus der Kutsche zu laden. Sein Gesicht war kaum zwischen seiner tiefsitzenden Mütze, dem Schal und dem hochgestellten Kragen seines dicken – zu großen – Mantels zu erkennen. Unauffällig hatte er die Familie die ganze Zeit beobachtet. Ervin nahm von ihm gerade einen Koffer auf der Treppe entgegen, als Máriska plötzlich wieder im Türrahmen stand.

„Möchten Sie nicht hereinkommen? Sie können sich gerne aufwärmen und etwas essen und trinken.“

Der Kutscher erschrak und drehte sich sogleich mit einem Kopfschütteln von ihr weg, um einen weiteren Koffer anzureichen.

Freundlich wandte sie sich ihm noch einmal zu.

„Aber Sie können wirklich gerne …“

„Lass ihn“, ertönte die Stimme ihres Bruders.

Er nahm seine Schwester an der Hand.

„Er übernachtet im Gasthaus und fährt dann morgen wieder zurück. Für ihn ist gesorgt. Er hat mich schon des Öfteren begleitet, deshalb weiß ich, dass er eher in Gesellschaft befangen ist und das Alleinsein vorzieht.“

„Auf Wiedersehen! Kommen Sie gut nach Hause. Gott möge Sie beschützen“, rief Máriska winkend dem Fuhrmann noch zu, bevor ihr Bruder sie in das Haus zog.

Der seltsame Kutscher verneigte sich dankend, ohne dabei aufzusehen. Ervin begutachtete die vier Koffer und die zwei Taschen, die er schon an die Tür getragen hatte.

„Was hat der junge Herr bloß in diesem einen Koffer, der ist ja schwer wie Blei“, richtete er die Frage an den Kutscher. Unverhofft stand Máté im Türrahmen und erwiderte:

„Ich helfe Ihnen nachher. Jetzt stellen wir meine Sachen vielleicht erst einmal im Gang ab.“

Beide Männer hievten das Reisegepäck in den Flur. Der Droschkenfahrer entfernte sich still und kletterte auf seinen Sitz. Genau in dem Moment, als Máté die Eingangstür eilig schließen wollte, traf sein Blick durch den Türspalt auf den des Kutschers, der ihn eindringlich und fordernd ansah. Máriskas Bruder verharrte kurz, bevor er sich abwendete und die Haustür ins Schloss fallen ließ. Er wartete den Peitschenknall ab, mit dem sich die Kutsche in Bewegung setzte. Dann atmete er tief durch.

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Volume:
610 p. 1 illustration
ISBN:
9783947032105
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