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Der Schatten des Werwolfs
Der Schatten des Werwolfs
Inhaltverzeichnis
Prolog
Der Besucher
Die Ankunft
Der erste Abend
Schlaflose Nacht
Kurzreise nach Pest-Buda
Máté offenbart sein Leben
Unangemeldeter Besuch
Die Geschäftsreise
Dominik und sein Getreuer Amalrich Jodokus
Der verlassene Gutshof
Der nächste Morgen
Im Büro von Dominik
Die Verzweiflung greift um sich
Mátés Geständnis
Der alte Gutshof
Dominiks Anweisung
Die Nacht der Wahrheit
Der Fluch des Werwolfs
Die Nerven liegen blank
Dominik offenbart sich
Der Tag danach
Máriskas Geständnis
Dominik stellt Máté zur Rede
Heilige Worte
Zweifel schleichen sich an
Ungereimtheiten im verlassenen Gutshof
Dominiks Machenschaften
Schicksalshafte Verwandlung
Gefährliche Nacht
Die Flucht nach Pest-Buda
Verzweifelte Suche
Ein neuer Vertrauter
Dominiks teuflischer Plan
Die Ereignisse überschlagen sich
Spurensuche
Das Ziel rückt näher
Die Ermittlungen beginnen
Das Telegramm
Hinweissuche in Pest-Buda
Neue Erkenntnisse
Die Aussprache
Das geheimnisvolle Verschwinden
Erneute Aufregung
Alte Verbindungen
Ein unbekanntes Reiseziel
Licht im Dunkeln
Das Zusammentreffen
Innere Zerrissenheit
Der unausweichliche Weg
Der Verdacht
Entsetzen und Verzweiflung
Das Spiel beginnt
Das Schicksal schlägt Haken
Die Rückkehr nach Pest-Buda
Die Familie steht zusammen
Die Zeit drängt
Der Tag der Verwandlung
Tiefes Bedauern
Die Wahrheit bahnt sich ihren Weg
Ein kluger Schachzug
Die Rückkehr
Der geheimnisvolle Brief
Gefährliche Botschaft
Die Versuchung
Die Heimkehr
Eigene Wege
Wettlauf gegen die Zeit
Verführerisches Angebot
András kehrt zurück
Die letzte Chance
© 2020 DINIER verlag, Am Richtsberg 22, 35039 Marburg
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne ausdrückliche Zustimmung des Verlages unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung. Alle Rechte vorbehalten.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
1. Auflage 2020
Umschlaggestaltung: Dream Design-Cover and Art
Korrektorat/Lektorat: Marlies Lüer und Elisabeth Dinier
Druck und Bindearbeiten: Bookwire. Gesellschaft zum Vertrieb digitaler Medien mbH. Kaiserstr. 56, 60329 Frankfurt am Main
Titel: Der Schatten des Werwolfs
Untertitel: Trügerische Machenschaften
eISBN: 978-3-947032-10-5
Auch erhältlich als Taschenbuch:
ISBN: 978-3-947032-09-9
www.cecilia-ventes.de
www.dinier-verlag.de
facebook.com/ceciliaventesschriftstellerin
Dieses Buch ist ein Roman. Die Charaktere und die Handlung sind von mir frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und keineswegs von mir beabsichtigt.
Cecilia Ventes
Prolog
Ein Mensch zu sein, von ganz anderer Natur, mit tief verborgenen Geheimnissen, bedeutet, einen langen Weg der Einsamkeit gehen zu müssen. Eine Andersartigkeit zu besitzen, die diesen Menschen dazu bringt, sich mehr und mehr zurückzuziehen, um den entgegengebrachten Vorurteilen zu entfliehen, bedeutet, das wahre Ich zu beschützen und nicht verlieren zu dürfen.
Eine unwillkommene, fremde Besonderheit mit in die Wiege gelegt zu bekommen, die den Verstand und den Körper zeitweise in ein anderes Dasein verwandeln, bedeutet, der Gewissheit nicht trauen zu können. Und wird dies alles zu einer Last, die die Seele langsam erdrückt, nennt man es einen Fluch.
Der Besucher
Der graue Februartag 1858 war immer noch von Nebelschwaden durchzogen, als die abendliche Dunkelheit sich von den Wäldern Szamárhegys heranschlich.
Máriska Utazási stand am Fenster des Wohnzimmers und schaute sehnsuchtsvoll auf den verschneiten Hof des Landguts. Der Winter zog sich dieses Jahr lange hin, denn das Eis und die tiefen Temperaturen wollten so gar nicht weichen. Sie erinnerte sich daran, wie sie mit ihrem Bruder in jungen Jahren im Schnee herumtollte. Zwanzig Jahre war es nun her, dass er und ihre Mutter einfach das Haus verlassen hatten und nach Wien gegangen waren. Damals war er siebzehn und sie neunzehn Jahre alt gewesen. Und heute, am 26. Februar 1858, kam er endlich zurück nach Ungarn. Wie würde er wohl aussehen? Wie würde es sich anfühlen, vor ihm zu stehen und ihn in die Arme schließen zu dürfen? Mit dem langsamen Verabschieden der Helligkeit vom Tag kroch die Kälte in das Zimmer. Sie zog sich ihre Stola fester um die Schultern und schüttelte ihr langes, tailliertes Kleid mit den Stickereien am Rocksaum etwas auf. Das Pendel der alten Standuhr schlug 16 Uhr. Sie wurde ungeduldig. Ihr Blick schweifte in den liebevoll angelegten Garten, durch die alte Baumallee, die den direkten Weg zum kunstvoll geschmiedeten Eisentor am Grundstückseingang wies.
„Und? Sieht man schon jemanden kommen?“, fragte Orsolya Gombos, die Haushälterin und Köchin der Familie Utazási neugierig, während sie sich durch den Türspalt schob und aus ihren faltigen Augenlidern lächelnd zu Máriska sah.
Orsolya kannte Máriska und Máté schon von Kindesbeinen an. Die siebzigjährige, rundliche Frau, die aus Leidenschaft kochte und aß, war bereits im Dienst von Máriskas Eltern gewesen. Die ältere Dame steckte sich ihren geflochtenen Haarkranz zurecht. Die Frau mit den langen, schwarzgrau melierten Haaren war eine Art Ersatzmutter für die Hausherrin geworden.
Ein Seufzer entwich ihr, als sie ebenfalls aus dem Fenster in die verschneite Landschaft blickte. Aber bevor sich Wehmut über die Vergangenheit in ihr breitmachen konnte, zog sie hektisch das dunkelrote Kleid von Ihrer Ziehtochter zurecht, drehte diese einmal um die eigene Achse, fuhr mit den Fingern durch deren langes, welliges, schwarzes Haar und strich die dunkle Strickstola gekonnt faltenfrei.
„So ist es richtig. Du sollst ordentlich aussehen, wenn dein Bruder kommt und nicht wie ein zerknäulter Stofflappen“, erklärte sie ihr Herumgezupfe und wischte sich dabei eine kleine Träne von der Wange. Die Freude, dass er nun wieder zurückkam, wühlte sie auf.
Máriska legte liebevoll ihren Arm um die kleinere Frau, und so verharrten nun beide in Sehnsucht nach dem Besucher am Fenster.
Barsch und laut ertönte die Stimme von Dominik, als er in das Schreibzimmer eintrat.
„Nur weil ihr aus dem Fenster starrt, kommt die Kutsche nicht früher. Wir essen, wie jeden Abend, um halb sechs. Daran wird sich auch heute nichts ändern. Außer, dass die Speisen aufgrund unseres hohen Besuchs hoffentlich etwas opulenter und notgedrungen auch raffinierter ausfallen werden als üblich.“
Der zynische Unterton des Gutsbesitzers war nicht zu überhören.
Orsolya blickte zu Máriska, die beruhigend über deren Arm streichelte und sagte:
„Ich rufe dich, sobald ich das Klirren des Pferdegeschirrs höre. Ignoriere einfach, was er sagt.“
Die Haushälterin verließ das Zimmer, aber nicht ohne ihre Empörung über die Bemerkung des Hausherrn durch ein lautes „Tse“ kundzutun.
Dominik stellte sich neben seine Frau und strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht, die sich aus den seitlich zurückgesteckten Haaren gelöst hatte. Er liebte ihre braunen, kindlich aufschauenden Augen und ihre feinen gleichmäßigen Gesichtszüge. Der groß gewachsene, schlanke Mann hatte seine edle Kleidung, die er üblicherweise für offizielle Anlässe im königlichen Freistaat trug, angezogen. Er wollte damit demonstrieren, dass dieser Besuch etwas Besonderes war, aber eben auch den Stand dieser Familie widerspiegeln. Der sogenannte Klein- oder Bauernadel hatte es in diesen Zeiten immer noch schwer, denn die politischen Rahmenbedingungen waren nach dem ungarischen Freiheitskrieg, der am 13. August 1849 mit der Kapitulation der Revolutionsarmee in Világos bei Arad geendet hatte, im Umbruch und hatten sich für ihn nicht zum Guten geändert. Trotzdem blieb Dominik Utazási den Gepflogenheiten seines Standes treu und legte weiterhin Wert auf seinen Adelstitel, auch wenn dieser nicht mehr die Anerkennung fand, wie vor dem Krieg. Das politische Geschick des Grafen, seine Bildung und das stolze Auftreten hatten ihn bereits frühzeitig in eine wichtige Position der Stadtvertretung gebracht. Das hatte ihm geholfen, Hab und Gut in diesen unruhigen Zeiten zu retten. Jetzt schon reichte sein Einfluss bis in die unterschiedlichen Kammern des Landes, die über Verordnungen entschieden, das Zuteilen von Geldmitteln sowie andere Angelegenheiten regelten. Für Dominiks Familie war das Einkommen gesichert und folglich das Gutshaus, wie auch der dazugehörende Grund und Boden. Allerdings beunruhigten ihn die stetig geführten politischen Diskussionen und Verhandlungen zwischen Ungarn und Österreich. Der Krieg war schon länger vorbei, aber die Versprechungen seitens Kaiser Franz Josephs I. aus dem Haus Habsburg-Lothringen, mussten noch erfüllt werden. Die politischen Lager waren bemüht, dennoch war das Verhältnis brenzlig und eine unüberlegte Geste oder Handlung würde genügen, um die Magyaren gegen Österreich wiederholt aufzubringen. Da war er sich sicher.
Máriska interessierte sich für diese politischen und diplomatischen Machenschaften wenig. Zu wenig – wie ihr Gemahl befand. Er sah es zwar gar nicht gerne, wenn sie sich in politische Angelegenheiten einmischte oder sich dazu in der Öffentlichkeit äußerte, aber er empfand den Austausch mit ihr über ihre Meinungen höchst interessant – zumindest in den eigenen vier Wänden. Es eröffnete ihm ganz neue Denkansätze. Er hätte sich eine Frau gewünscht, die bei offiziellen Anlässen schwieg oder ihm zustimmte, und zwar an den richtigen Stellen eines Gesprächs. Dies schien allerdings nicht machbar, und so mied er es, wenn möglich, sie bei öffentlichen oder politischen Treffen an seiner Seite zu haben. Die Äußerungen seiner Frau entsprangen selten dem strategischen Ansinnen seiner diplomatischen Arbeit oder dem Wissen über die aktuellen Geschehen, somit waren sie für ihn wenig hilfreich, zumindest in Bezug auf seine Karriere. Trotzdem liebte er sie, vielleicht gerade deshalb. Sie dachte und entschied mit ihrem Herzen und nicht mit dem Kopf. Für sie war deshalb alles viel einfacher, als es durch die Politik dargestellt und mit durchschaubarer Doppelmoral diskutiert wurde. In Dominiks Augen war ihre Welt klein, übersichtlich und auf liebevoller Naivität gegründet. Máriska schwieg oft über ihre Gedanken und ließ ihn in seinem Glauben über ihre Person. Dennoch liebte auch sie ihren Mann. Er war fürsorglich und kümmerte sich um das Wohl und Ansehen der Familie. Das beeindruckte sie, ebenso seine Entschlossenheit, wenn er etwas in Angriff nahm. Seine liebevolle und verletzliche Seite zeigte er selten, aber sie erkannte, wenn Verstand und Herz gegeneinander kämpften und letztendlich das Kalkül siegte. Die Familie ging auch ihr über alles, besonders ihre beiden Kinder stellten ein besonderes Glück für sie dar. Sie hielt ihrem Mann den Rücken frei und regelte alles im Haus und um den Hof.
Ein Poltern auf den Treppenstufen im Hausgang unterbrach die innige Zweisamkeit des Ehepaares.
„Erster!“, rief die sechzehnjährige Bianká laut, als sie die Tür aufriss und in das Zimmer sprang. Ihr siebzehnjähriger Bruder Bálint folgte gleich darauf, packte sie, rang sie nieder, setzte sich auf den Stuhl vor dem Schreibtisch und legte sie über seine Knie.
„Du hast geschummelt, dafür kriegst du jetzt eine Tracht Prügel!“, stellte er bestimmend, aber mit einem Lachen fest.
Bianká, die über dem Schoß ihres Bruders hing, verschränkte ihre Arme und fragte:
„Darf er das überhaupt, Mama?“
Der Graf fand diese albernen Spielchen in diesem Alter völlig fehl am Platz.
„Wir bekommen Besuch, also benehmt euch gefälligst entsprechend den Erwartungen und du, Bálint, besonders“, fauchte er und strich sich seinen feinen Schnurbart zurecht.
Bálint und Bianká stellten sich sofort aufrecht hin und schwiegen für ein paar Sekunden, dann platzte es aus Bianká heraus.
„Wann kommt denn nun unser Onkel? Ich bin ja so gespannt.“
„Wenn er da ist, traust du dich vor Ehrfurcht sowieso nichts zu sagen, sondern wirst rot, wenn er dich anspricht“, hänselte ihr Bruder.
„Das ist deine Erziehung“, kommentierte der Hausherr das unaufgeforderte Reden seiner Kinder und schaute dabei herablassend zu seiner Frau.
Máriska ignorierte dies und nahm ihre beiden Kinder in den Arm. Bálint hatte sich schon zu einem stattlichen jungen Mann entwickelt, der bereits einen Kopf größer war als seine Mutter. Der sportliche Sohn trat ganz in die Fußstapfen des Vaters, was den Ehrgeiz anging. Bianká beschäftigte sich lieber mit anderen Dingen als mit der Schule. Ihre Noten waren gut, aber sie bevorzugte es, im Hintergrund zu bleiben, wie es sich für ein anständiges Mädchen gehörte und es ihrem Vater auch gefiel. Er wollte eine gebildete Tochter, die sich allerdings nicht zu so einer aufmüpfigen Frau entwickeln sollte wie ihre Mutter, denn so ein Wesenszug minimierte das Interesse der heiratswilligen Männer aus gutem Hause.
Máriska gab ihren Kindern einen Kuss auf die Wange.
„Ich hoffe, dass er bald kommt. Nicht nur damit euer Vater pünktlich sein Essen bekommt, sondern ich endlich von meiner Aufregung erlöst werde.“
Sie musterte ihren Sohn und erkundigte sich besorgt:
„Geht es dir heute wieder besser, Bálint?“
Er nickte.
„Hoffentlich, diese Fieberschübe und Krämpfe beunruhigen mich doch sehr, auch wenn sie wohl in deiner Familie üblich sind“, sagte Dominik.
„Es scheint nur noch Pfuscher als Ärzte zu geben. Wissen nix, aber wollen das Unwissen auch noch bezahlt haben. Es freut mich jedenfalls, dass es dir heute wieder besser geht, mein Sohn. Hoffen wir, dass es so bleibt.“
Er lächelte seinen Nachkommen zuversichtlich an.
„Lasst mich bitte mit eurer Mutter allein. Wir haben noch etwas zu bereden“, befahl er dann. Die Kinder folgten und polterten in gleicher Weise die Treppe hinauf, wie sie vorher heruntergepoltert waren. Der väterliche Blick verriet erneut, dass ihm das nicht gefiel.
„Sei doch nicht so. Sie sind genauso gespannt und aufgeregt. Außerdem sind sie zu Hause und noch …“
Sie zögerte, es auszusprechen.
„ … Kinder. Wie schnell ist diese schöne Zeit vorbei.“
„Kinder? Wenn es wieder Krieg geben sollte, geht Bálint zum Militär …“, konterte er schroff und wurde gleich aufgeregt unterbrochen.
„Hör auf! Ich will das nicht hören! Mich interessieren diese verdammte Politik und das Feilschen um Macht und Länder nicht. Bevor ich mein Kind in einen Krieg ziehen lasse, sperre ich es lieber im Keller ein. Wir hatten das alles schon einmal und ich bin nicht erpicht darauf, dass es erneut geschieht. Nur, weil sich die sogenannten Staatsmänner nicht vernünftig unterhalten können, wird mein Kind nicht zum Mörder gemacht.“
Sie versuchte, sich wieder zu fangen, und drehte die Öllampe auf dem Tisch auf. Die Dämmerung hatte den Raum dunkel werden lassen. Sie wechselte das Thema. „Ich weiß, dass du von seinem Besuch nicht begeistert bist.“
Ein abfälliges, kurzes Lächeln zeigte sich auf Dominiks Gesicht.
„Er hat sich zwanzig Jahre nicht blicken lassen, hat immer irgendwelche Ausflüchte gefunden, nicht kommen oder uns empfangen zu können. Wieso ausgerechnet jetzt? Er lebt als gebürtiger Magyar in Wien. In einer Zeit, wo immer noch alle Ungarn gegen Österreich aufstehen sollten und alles im Umbruch ist, reist er aus sentimentalen Gründen, einfach mal so, ungehindert von Österreich nach Ungarn zu seiner Schwester. Die explosive Atmosphäre zwischen den Ländern scheint ihn nicht abhalten zu können. Findest du das nicht seltsam, Liebes? Gut, er hat dir auf deine Briefe immer geantwortet, aber dennoch nie von sich aus an dich geschrieben. Nicht mal zu deinem Geburtstag. Und den Tod deiner Mutter … da war er wohl zu angeschlagen, um diesen zeitnah zu erwähnen.“
Die Gräfin schaute ihren Mann trotzig an.
„Warum kannst du dich nicht einfach mal mit mir freuen? Wieso musst du immer alles hinterfragen? Vor allen Dingen politisch? Ich habe mich solange danach gesehnt, ihn wiederzusehen. Es gibt so viele Fragen, die er mir jetzt vielleicht beantworten kann. Warum ist Mama damals mit ihm weggegangen und nie zurückgekehrt? Wieso haben sich unsere Mutter und unser Vater trotzdem ab und zu getroffen und sich Briefe geschrieben? Warum sind Papa und ich nicht auch einfach nach Österreich ausgewandert?“
„Das hätte noch gefehlt!“
Sie pausierte und nahm die Hände ihres Mannes in ihre.
„Bitte Dominik, alles hat seine Zeit, und vielleicht ist jetzt die Zeit für seinen Besuch gekommen. Versuche, die Politik heute Abend aus dem Spiel zu lassen. Lerne ihn doch erst einmal kennen. Das muss ich doch auch, vielleicht ist er ja wie ein fremder Mensch für mich.“
„Davon gehe ich aus. Was weißt du denn schon über ihn?“
„Ich möchte trotzdem, dass er sich hier wohl fühlt, und zwar nicht als Gast, sondern als mein Bruder und als Familienmitglied. Kannst du das nicht verstehen?“
Dominik atmete tief durch. Er hatte kein gutes Gefühl, was diesen Besuch betraf. Die Umstände seiner Rückkehr, die lange Zeit seiner Abwesenheit, sein seltsamer Ruf in Wien, die lückenhafte und von Gerüchten umwobene Familiengeschichte der Márusis, die ihn schon bei seiner Frau gestört hatte, als er sie ehelichte, machten ihn skeptisch. Schweren Herzens nickte er, küsste sie auf die Stirn und entgegnete beim Verlassen des Zimmers:
„Ich versuche es, Liebes.“
Die Ankunft
Aus dem Fenster der Kutsche blickend, verfingen sich seine Gedanken in den vorbeiziehenden Bildern der Vergangenheit. Der aufgewirbelte Schnee der Kutschenräder, der Geruch der heimatlichen Luft und der Anblick der vertrauten Natur weckten Erinnerungen an seine Kindheit, die Familie, die Nachbarn und ließen das Gefühl von Geborgenheit in ihm aufkommen. Aber er spürte auch Angst vor dem stärker werdenden Heimatgefühl, das sich sowohl in eine schöne, aber auch schmerzliche Melancholie verwandelte.
„Ich sehe eine Kutsche. Er kommt! Er kommt!“, rief Máriska aus Leibeskräften durchs Haus.
Hastig lief sie vom Wohnzimmer zur Haustür und riss diese freudig auf. Rechtzeitig, bevor es dunkel wurde, fuhr die Droschke endlich in den Hof ein. Máté schaute vorsichtig aus dem Fenster, während er die Baumallee bewunderte, durch die sie trabten. Das Gefährt nahm eine ausladende Kurve und so konnte er rasch seinen Blick über das restliche Grundstück schweifen lassen. Das dreistöckige weiße Herrscherhaus mit kleinen Erkern an den Außenzimmern und prunkvollem Treppenaufgang thronte förmlich am Ende des Anwesens. Es war prachtvoller gebaut als es für eine Familie, die aus dem Kleinadel stammte, üblich war. Die großzügige Aufgangstreppe erhob sich über den gemauerten Bereich, wo die Kriechkeller untergebracht waren. Links, etwas abseits des Hauses, befand sich ein gemauerter Pferdestall.
Die Kinder sprangen die Stufen im Hausgang herab und stellten sich sogleich neben ihre Mutter, die bereits vor dem Gebäude auf der letzten Treppe stand. Aufgeregt wischte sich Máriska unauffällig ihre zittrigen und feuchten Hände an ihrem Rock ab. Der Hausherr schritt langsam mit einer beschwichtigenden Handbewegung vor seine Familie, um als erster den Gast begrüßen zu können. Orsolya zog, eilig aus der Küche kommend, den fünfundvierzig Jahre alten Haushelfer Ervin Abonyi hinter sich her. Keinesfalls wollte sie die Ankunft des jungen Herrn verpassen. Ervin stopfte sich, während er lief, noch die restliche Griebenpogatsche in den Mund, die er eigentlich in Ruhe, noch vor seinem Feierabend, hatte essen wollen. Er war ein gemütlicher Geselle. Nichts brachte den kräftigen, wortkargen Mann aus der Ruhe. Beide Angestellten platzierten sich oben an der Haustür.
Die Räder der Kutsche gelangten zum Stehen. Máté hörte sein Herz aufgeregt schlagen; dennoch bemühte er sich beim Aussteigen, einen gelassenen Eindruck zu machen.
Er trug einen Zylinder und hatte einen sehr edlen schwarzen Mantel an. Der gutaussehende und stolz wirkende Mann zog seine Kopfbedeckung ab und verneigte sich vor der Familie. Der Besucher war eine eigentümliche Erscheinung. Nicht unsympathisch, denn seine strahlend blauen Augen wirkten gütig, aber darin spiegelte sich auch eine befremdliche Tiefgründigkeit. Die etwas längeren, nach hinten gekämmten, dunklen Haare ließen ihn verwegen wirken. Herzlich und doch auf seltsame Weise distanziert lächelte er und löste, ohne es zu wollen, Faszination bei den Umherstehenden aus. Máriskas Freude raubte ihr die Fähigkeit zu sprechen, und so starrte sie ihren Bruder nur bewundernd an. Máté bemerkte dies und blickte mit einem verschmitzten Lächeln beschämt zu Boden. Dominik setzte gerade zur Begrüßung an, da ertönte ein lauter und gellender Freudenschrei. Orsolya tippelte so schnell sie konnte die Treppe herunter und fiel dem jungen Herrn weinend vor Freude in die Arme.
„Ich halte das nicht aus. Ich muss Sie umarmen, junger Herr. Ich habe Sie so viele Jahre nicht gesehen. Ich bin so glücklich, ich bin so glücklich.“
Beherzt zog sie ihn an sich und drückte ihn fest. Er erwiderte freudig die Geste und ließ die vielen Küsse der stämmigen Frau gerne über sich ergehen.
„Orsolya, immer noch so temperamentvoll und herzlich wie damals“, stellte er mit seiner angenehmen Stimme vergnügt fest.
Aufgeregt schob sie ihren verrutschten Haarkranz zurecht und bückte sich nach dem Zylinder, der dem jungen Herrn bei der überfallartigen Begrüßung aus der Hand gefallen war.
Máté gab ihr einen Handkuss.
„Ich kann mich nicht erinnern, dass wir uns jemals in förmlicher Weise angesprochen haben. Ich denke nicht, dass wir das jetzt einführen sollten, Orsolya, oder?“
„Du darfst dich wieder in die Küche scheren, Orsolya!“, unterbrach der Graf diese überschwängliche Glückseligkeit.
Die Haushälterin überhörte dies geflissentlich. Sie packte den Besucher am Ärmel und führte ihn direkt zu Máriska, um seine Hände in ihre zu legen.
„Das ist deine Schwester, junger Herr. Erkennst du sie wieder? Ist sie nicht eine hübsche Dame geworden?“, fragte die kleine Frau in einem sanften Tonfall und zog die Gräfin von der letzten Stufe auf den Boden.
Die Geschwister sahen sich an, und endlich schien der Bann der Zurückhaltung gebrochen. Máté küsste seine Schwester und beide umarmten sich so innig, als wenn sie sich nie wieder loslassen wollten.
Zufrieden lächelnd, klopfte die Haushälterin den Schnee vom Zylinder, den sie im Arm hielt, und fügte träumerisch hinzu:
„So, wie aus dir ein stattlicher Mann geworden ist. Ach ja, und es ist doch irgendwie wie früher, oder? Ich erinnere mich noch genau, wie ich dich …“
Mit einem Räuspern unterbrach Dominik den Redefluss seiner Hausdame. Er schäumte innerlich vor Wut. Diese mollige Haushälterin hatte sich einfach undiszipliniert vorgedrängelt und seine Stellung in diesem Haus missachtet. Aber seine Erziehung ließ ihn sein gutes Benehmen nicht vergessen. So schmunzelte er, wenn auch gequält, als Orsolya winkend an ihm vorbeilief und säuselte:
„Den Zylinder hänge ich schon mal auf und gehe natürlich auch sofort in die Küche, damit wir pünktlich das Essen auf dem Tisch haben, nicht wahr, Herr Graf?“
Die beiden Jugendlichen verkniffen sich ihr Lachen über Orsolyas Verhalten. Die alte Dame zwinkerte ihnen zu und zeigte unauffällig auf das andere Geschwisterpaar, das sich immer noch umarmte.
„Genau wie ihr zwei, wenn ihr euch gerade mal wieder leiden könnt“, flüsterte sie glücklich, doch erschreckte dann fürchterlich mit Dominiks ungehaltenem Ausruf:
„Küche!“
„Ist ja gut!“, kollerte sie zurück und verschwand.
Der Hausherr fand, dass dies nun der richtige Moment war, um sich für seine Begrüßungsworte Gehör zu verschaffen. Er streckte dem Angekommenen die Hand entgegen.
„Ich heiße Sie herzlich willkommen, Herr Schwager, und freue mich sehr, dass unsere Wege sich endlich kreuzen. Treten Sie ein, ich lasse Ihr Gepäck sofort auf das Zimmer bringen und stelle Ihnen meine Familie und die Bediensteten vor. Vielleicht machen wir das besser im Haus, es ist hier doch etwas kühl. Orsolya kennen Sie ja bereits, insofern kann ich mir diese Bekanntmachung schon sparen. Schlechtes Personal bekommt man halt vererbt, das Gute kann man sich selbst aussuchen.“
Niemand kommentierte seine Bemerkung, sondern man ging höflich darüber hinweg. Nur Bianká flüsterte ihrem Bruder zu:
„Hoffentlich hat sie das jetzt nicht gehört, sonst ist Papas Suppe heute Abend versalzen.“
Die Männer begrüßten sich freundlich, und die Familie begab sich in das Haus. Dominik ergriff die Hand seiner Frau und zog sie näher zu sich, als er seinem Schwager die Anwesenden vorstellte. Bianká fand ihren Onkel sehr interessant, aber aufgrund ihrer Schüchternheit traute sie sich gar nicht, ihn richtig bei ihrem Begrüßungsknicks anzusehen. Bálint verneigte sich vor seinem Onkel und gab ihm ebenfalls die Hand.
Der Kutscher war derweil vom Bock geklettert und begann die Koffer und das restliche Gepäck aus der Kutsche zu laden. Sein Gesicht war kaum zwischen seiner tiefsitzenden Mütze, dem Schal und dem hochgestellten Kragen seines dicken – zu großen – Mantels zu erkennen. Unauffällig hatte er die Familie die ganze Zeit beobachtet. Ervin nahm von ihm gerade einen Koffer auf der Treppe entgegen, als Máriska plötzlich wieder im Türrahmen stand.
„Möchten Sie nicht hereinkommen? Sie können sich gerne aufwärmen und etwas essen und trinken.“
Der Kutscher erschrak und drehte sich sogleich mit einem Kopfschütteln von ihr weg, um einen weiteren Koffer anzureichen.
Freundlich wandte sie sich ihm noch einmal zu.
„Aber Sie können wirklich gerne …“
„Lass ihn“, ertönte die Stimme ihres Bruders.
Er nahm seine Schwester an der Hand.
„Er übernachtet im Gasthaus und fährt dann morgen wieder zurück. Für ihn ist gesorgt. Er hat mich schon des Öfteren begleitet, deshalb weiß ich, dass er eher in Gesellschaft befangen ist und das Alleinsein vorzieht.“
„Auf Wiedersehen! Kommen Sie gut nach Hause. Gott möge Sie beschützen“, rief Máriska winkend dem Fuhrmann noch zu, bevor ihr Bruder sie in das Haus zog.
Der seltsame Kutscher verneigte sich dankend, ohne dabei aufzusehen. Ervin begutachtete die vier Koffer und die zwei Taschen, die er schon an die Tür getragen hatte.
„Was hat der junge Herr bloß in diesem einen Koffer, der ist ja schwer wie Blei“, richtete er die Frage an den Kutscher. Unverhofft stand Máté im Türrahmen und erwiderte:
„Ich helfe Ihnen nachher. Jetzt stellen wir meine Sachen vielleicht erst einmal im Gang ab.“
Beide Männer hievten das Reisegepäck in den Flur. Der Droschkenfahrer entfernte sich still und kletterte auf seinen Sitz. Genau in dem Moment, als Máté die Eingangstür eilig schließen wollte, traf sein Blick durch den Türspalt auf den des Kutschers, der ihn eindringlich und fordernd ansah. Máriskas Bruder verharrte kurz, bevor er sich abwendete und die Haustür ins Schloss fallen ließ. Er wartete den Peitschenknall ab, mit dem sich die Kutsche in Bewegung setzte. Dann atmete er tief durch.
Der erste Abend
Wie gewünscht, hatte die Familie pünktlich zu Abend gegessen. Die Teller waren leer und die Stimmung ausgelassen. Dominik mied Themen zur aktuellen politischen Lage oder der Familiengeschichte der Márusis. Man beschränkte sich auf Erinnerungen von früher, den Träumen und Plänen der beiden Kinder sowie amüsante Geschichten aus der Stadt Wien. Das Kaminfeuer knisterte vor sich hin und strahlte eine wohlige Wärme im Wohnzimmer aus. Üblicherweise wurde im Esszimmer gegessen, aber heute, an diesem besonderen Tag, hatte der Graf gewünscht hier zu speisen. Das Zimmer war größer und mit herrlichen, verzierten Möbeln bestückt. Besonders fielen der Schrank mit Büchern und eine Vitrine mit kunstvoll gearbeiteten Porzellanfiguren an der Längsseite des Zimmers gegenüber dem Kamin, auf. Die Tafel war aufwendig mit dem schönsten Geschirr gedeckt worden.
Bianká beobachtete ihren Onkel. Sie hing förmlich an seinen Lippen, wenn er Geschichten aus der Hauptstadt Wien erzählte. Auf Fragen von ihm antwortete sie nur verhalten. Ihr Bruder Bálint hingegen löcherte den Besucher mit Fragen zu dessen beruflichen Geschäften, dem Leben in Wien und vor allen Dingen dem Nachtleben und den Theatern. Dominik gab sich Mühe, seinem Schwager unvoreingenommen zuzuhören. Trotzdem entging ihm nicht, dass Máté hin und wieder in eine Art Nachdenklichkeit verfiel und dabei die Anwesenden auf seltsame Weise beobachtete.
Orsolya kam ins Wohnzimmer und war erfreut, die leeren Teller zu erblicken. Glücklich grinste sie in die Runde.
„Ich sehe, es hat allen geschmeckt. Wenn es recht ist, würde ich abräumen und nach einer kleinen Pause den Nachtisch bringen.“
Doch bevor sie einen Teller anfassen konnte, sprang der junge Herr auf und setzte sie auf seinen Stuhl.
„Ich bin gleich wieder da“, rief er in die Runde, während er aus dem Zimmer huschte. Die Anwesenden schauten ihm verwundert nach. Gleich darauf schleppte er einen großen Lederkoffer herein und stellte diesen ab. Er wandte seinen Blick zu seiner Schwester und fing, sichtlich bewegt, an zu reden:
„Ich habe lange über die Worte nachgedacht, die ich nach meiner Ankunft sagen werde und habe eine kleine Dankesrede verfasst, weil ich überhaupt empfangen und nach dieser langen Zeit, ohne nähere Erklärungen, kommen durfte. Aber ich muss gestehen, dass mein erster Besuch nach zwanzig Jahren und das erste Aufeinandertreffen mit euch allen und Ihnen, Herr Graf, sich ganz anders dargestellt und angefühlt hat, als die Möglichkeiten, die ich in meinem Kopf durchgespielt hatte. Ich war mir nicht sicher, ob es nach so vielen Jahren nicht doch etwas gibt, das uns trennt. Das machte mir Angst. Aber jetzt bin ich glücklich, dass ich diesen Schritt gewagt habe. Ich kann nur Danke sagen für den herzlichen und warmen Empfang. Danke, für die Gastfreundschaft und die Erlaubnis, Graf Dominik, hier sein zu dürfen. Ich weiß, dass gerade Sie mir sehr skeptisch gegenüberstehen. Ich kann nur hoffen, …“
Máté schaute in diesem Moment zum Hausherrn und nahm selbst das Zittern in seiner Stimme wahr.
„… dass ich Sie als Schwager nicht enttäuschen werde. Es ist schön, wieder im Kreise der Familie zu sein.“
Dominik hob sein Glas und prostete:
„Auf die Familie, lieber Máté. Ich denke, an dieser Stelle sollten auch wir beide auf eine vertraute Ansprache wechseln und uns beim Vornamen nennen dürfen.“
„Gerne, verehrter Schwager.“
Máriska schenkte auch Orsolya ein Glas Wein ein und die gesamte Familie stieß an.
„Ich habe für jeden ein kleines Geschenk mitgebracht“, kündigte der Besucher an und stellte hurtig sein Glas auf dem Tisch ab.
Er bückte sich, um den am Boden stehenden Koffer zu öffnen. Dominik überreichte er, fast unterwürfig, eine Flasche Wein und ein paar gute Zigarren sowie eine wertvoll gearbeitete Gürtelschnalle. Der Hausherr kommentierte dies wortlos durch das anerkennende Hochziehen seiner Augenbraue und einem Schmunzeln.
„Eine sehr gute Wahl, Schwager. Ich fühle mich geehrt. Vielen Dank.“
Dann griff Máté wieder in den Koffer und kniete sich vor Bianká. Er legte ihr zwei Stücke Haarseife in die Hände, die einen besonderen Duft verströmten und eine große Schatulle auf ihren Schoß. Bedächtig streichelte er über ihre schönen, langen Haare.
„Deine Mutter hat mir geschrieben, dass du wunderschöne Haare hast, die du gerne frisierst und in besonderem Maße pflegst. Das ist für dich, liebe Nichte.“
Verschämt roch sie mit einem Lächeln an den Seifen. Unsicher sah sie zu ihrem Vater, der ihr ermunternd zunickte und somit signalisierte, das Geschenk annehmen zu dürfen. Sie legte vorsichtig die Seife zur Seite und öffnete die wunderschöne Schatulle. Diese enthielt einen vergoldeten Kamm mit wertvollen Verzierungen, eine ebenso mit Edelsteinen verzierte Haarbürste, passend dazu zwei Steckkämme und einen Reif für die Haare. Die Augen seiner Nichte strahlten. Sie strich mit ihren Händen über die funkelnden Accessoires. Überrascht über den wertvollen Inhalt, starrten alle wortlos auf die Schatulle.
„Aber lieber Onkel, das ist doch viel zu kostbar für mich. Das hat Sie doch ein Vermögen gekostet.“
Er hielt einen Finger vor ihren Mund und sprach:
„Es kommt von Herzen und allein das ist wichtig. Ich hoffe, es gefällt dir.“
„Es ist wunderschön“, hauchte sie gerührt.
„Es ist vergoldetes Silber mit echten Steinen. Es wird dir sehr gut stehen. Solltest du, warum auch immer, einmal in Not geraten, kannst du es verkaufen. Oder irgendwann an deine Kinder weitergeben. Ich war so viele Jahre weg. Ich habe etwas gutzumachen.“
Sie fiel, ungeachtet ihrer üblichen Zurückhaltung, ihrem Onkel um den Hals und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Er erwiderte die Umarmung und blickte seine Nichte entzückt an. Biankás Gesichtszüge erinnerten ihn sehr an die seiner Mutter Boglarká, als sie noch jung gewesen war. Bálint war erheitert über die Reaktion seiner Schwester und mimte, wie sie ihre Haare demnächst kämmen würde. Máriska schubste ihn mit dem Zeigefinger an. Ihr Blick forderte ihn klar auf, dies gefälligst zu unterlassen.
„Jetzt bist du dran, mein lieber Neffe.“
Er zog ein Paar Reitstiefel und eine Kassette aus dem Koffer.
„Über dich habe ich gehört, dass du ein ausgezeichneter Reiter bist und schon viele Preise gewonnen hast. Nicht nur, dass deine alten Stiefel abgetragen sind, laut deiner Mutter dürften sie auch etwas eng geworden sein.“
Er hielt dem jungen Mann die Reitstiefel entgegen, der diese mit freudigem Blick entgegennahm.
Die Stiefel waren aus feinem Leder gearbeitet und hatten an der Seite Riemen mit Metallverzierungen. Dann übergab ihm sein Onkel die Schatulle.
„Ruhig Blut, es ist kein Haarschmuck.“
Der Neffe lachte.
„Hu, da bin ich aber beruhigt.“
In der Kassette war ein Schreibset aus Ebenholz und vergoldeten Metallteilen. Es bestand aus einem Brieföffner, verschiedenen Federn und einem Tintenfässchen. Auch Wachs und ein Siegel mit den Initialen von Bálint Utazási lagen im Inneren. Máté klopfte ihm auf die Schulter und meinte:
„Du bist ehrgeizig und wissbegierig. Schreibe und lerne, soviel du nur kannst.“
Bálint war überwältigt, bedankte sich und umarmte seinen Onkel voller Freude.
Dann wendete sich dieser mit einem tiefen Seufzer an Orsolya.
„Ich weiß, dass du sehr bescheiden bist und es vieles gibt, das man dir schenken könnte. Du würdest es dankend annehmen, aber es würde dich nicht wirklich glücklich machen. Also habe ich gegrübelt und mir gedacht, ich schenke dir etwas von sehr ideellem Wert, das du auch nutzen kannst und mit dem du etwas verbindest. Ich hoffe, es ist in deinem Sinne.“
„Oh, du hast auch an mich gedacht, junger Herr? Das wäre nicht nötig gewesen. Mir ist das wirklich unangenehm“, äußerte sich die Haushälterin beschämt.
Dominik nippte an seinem Glas und konnte sich einen zynischen Kommentar nicht verkneifen.
„Das stimmt. Es wäre wirklich nicht nötig gewesen.“
Máté ignorierte die Bemerkung und zog fünf wunderschöne Kleider aus dem großen Koffer. Diese breitete er liebevoll über den freien Stühlen am Tisch aus. Alle waren sehr fein gearbeitet und mit Spitzen verziert. Drei von ihnen stachen durch eine besondere Eleganz hervor, die anderen zwei waren ebenso hochwertig gewebt, aber traditionell geschnitten und eher für den Alltag gedacht.
„Sie gehörten einst unserer Mutter. Ich habe ein paar ihrer schönsten Kleider aus Sentimentalität aufgehoben. Die anderen habe ich verschenkt.“
Orsolya war gerührt und wischte sich die Tränen von der Wange.
„Boglarká war viel schlanker als ich. Ich befürchte, die Kleider werden mir gar nicht passen“, schluchzte sie.
„Mama hatte in den letzten Jahren etwas an Fülle zugelegt. Du kannst dir sicher sein, dass ich die Kleider nicht mitgebracht hätte, wenn ich mir nicht sicher wäre, dass sie passen würden.“
Orsolya kämpfte gegen ihre Gerührtheit an, aber verlor. Ungehindert brach sie in Tränen aus und fiel dem jungen Herrn in die Arme.
„Jetzt geht das wieder los“, brummte der Graf.
„Bitte, Dominik. Es gibt Menschen, die sind sensibel“, forderte Máriska ihren Mann zur Zurückhaltung auf.
„Ja, genau. Ich bin sensibel, und mir ist das peinlich, wenn jemand so nett zu mir ist“, jammerte die Haushälterin in einem herzzerreißenden Tonfall.
Máté fühlte sich unbeholfen und wusste so gar nicht, wie er die alte Dame wieder freudig stimmen konnte. Nun erinnerte er sich wieder daran, dass Orsolya schon immer sehr mitfühlend und nah am Wasser gebaut war. So streichelte er ihren Arm, während er sein Taschentuch reichte.
„Orsolya, beruhige dich doch. Ich wollte dir doch nur eine Freude machen. So bringst du mich ganz in Verlegenheit.“
Wieder weinte sie, schnäuzte und klammerte sich an Máté.
„Ich freue mich doch. Ich freue mich sogar sehr …Vielen Dank. Ich bin nur so gerührt. Diese Kleider sind so wunderschön, und dass ich sie nun tragen darf, ehrt mich sehr.“
Dominik bemerkte mit einem garstigen Lachen:
„Wenn sie für jede Träne, die sie in diesem Haus schon vergossen hat, ein Gramm abgenommen hätte, könnte sie vor Leichtigkeit an der Zimmerdecke herumfliegen.“
Schlagartig verstummte die Haushälterin und setzte sich aufrecht auf den Stuhl, tupfte sich stolz ihre Tränen weg und schwieg. Sie schluchzte noch einmal und erklärte beleidigt:
„So wird man in diesem Haus gezwungen, seine wahren Gefühle zu unterdrücken.“
„Geht’s denn jetzt wieder?“, wollte der junge Herr wissen.
Die Getroffene nickte wehleidig. Bianká tätschelte ihre Hand und hielt sie tröstend fest.
Jetzt waren alle gespannt, was Máté für Máriska mitgebracht hatte. Er überreichte seiner Schwester eine große Schmuckschatulle und legte dann mehrere Stapel Briefe, die mit Stoffschleifen zusammengebunden waren, auf den Tisch. Die Gräfin ahnte, um welche Briefe es sich handelte und um welchen Schmuck. Bedächtig strich sie über die Sachen. Bedrückt sprach er:
„Ich hätte sie dir schon viel früher geben sollen. Es sind die Nachrichten von unserem Vater an unsere Mutter. Ich kenne sie alle auswendig. Vielleicht darf ich die Zeilen von unserer Mama an unseren Papa auch einmal lesen?“
Máriska nickte und fasste seine Finger.
„Selbstverständlich darfst du das. Denn auch ich habe alle aufgehoben, die ich fand, und in eine Schatulle gelegt.“
Er führte ihre Hand an den Schmuckkasten und öffnete ihn gemeinsam mit ihr.
„Ich habe nichts herausgenommen. Und tragen werde ich ihn mit Sicherheit auch nicht. Mama hat ihn mir zu Lebzeiten geschenkt, weil sie dachte, ich benötige ihn eines Tages, um den Inhalt zu Geld zu machen. Nie wurden Teile dafür gebraucht, deshalb sollen die Schmuckstücke dir gehören“, äußerte er sanft.
Máriskas Blick glitt über die wertvollen Ketten, Ringe, Ohrringe und Broschen.
„Das ist alles wunderschön – ein Vermögen. Woher hatte Mama so viel Geld? Von wem hat sie den Schmuck denn bekommen?“, fragte seine Schwester besorgt.
„Ein paar Erbstücke von unseren Großeltern, ein paar Dinge von unserem Vater, aber das meiste von mir, als ich es mir leisten konnte. Wir haben auch schlechte Zeiten gesehen und es gab Probleme, die verhinderten, meine Geschäfte so zu führen, wie es erforderlich gewesen wäre. Aber wie gesagt, ich brauche diese Sicherheit nicht mehr und will diese Erinnerungsstücke für solche Zwecke auch nicht nutzen. Es soll alles dir gehören.“
Orsolya gluckste und schluckte ihre Betroffenheit hinunter.
„Na also, es geht doch“, murmelte der Graf mit einem Grinsen, ohne zu Orsolya zu schauen. Máriska sah ihren Bruder an und umarmte ihn fest.
„Danke! Ich werde auf diesen Schatz achtgeben und ihn als Rückhalt für Krisenzeiten ansehen. Er gehört uns beiden.“
„Nein, es ist ein Geschenk für dich und deine Familie.“
Dominik begutachtete die auf dem Tisch liegenden Sachen und machte sich seine eigenen Gedanken darüber.
Die Gräfin klatschte auf einmal in die Hände.
„So, wegräumen, wir haben noch Nachtisch, der auf uns wartet.“
Sie stellte die Schatulle behutsam auf ein Schränkchen und legte die Briefe darauf. Bianká faltete mit Orsolya die Kleider wieder zusammen und trug diese in das Zimmer der Haushälterin. Auch Bálint räumte seine Geschenke weg.
Die Familie gestaltete sich einen angenehmen Abend. Máriska war klug genug, mit ihren Fragen bis zum nächsten Tag zu warten, wenn die Kinder in der Schule und Dominik bei der Arbeit waren. Als der Hausherr mit seiner Gattin und seinem Schwager endlich allein war, brannte ihm jedoch eine Frage unter den Fingernägeln.
„Jetzt wo die Kinder und die schreckhafte Orsolya im Bett sind, möchte ich dich noch etwas fragen. Du wohnst in Wien. Ich habe gehört, dort soll ein Irrer sein Unwesen treiben. Wieso schafft die Polizei es nicht, diesen Menschen zu fassen? Weißt du da mehr drüber? Seit Jahren geht das nun schon so, dass er auftaucht, wieder für längere Zeit verschwindet, dann wieder in Erscheinung tritt … und niemand kann ihn fassen. Wie ist so etwas möglich? Ist doch eine eigenartige Geschichte.“
Máté zuckte mit den Schultern.
„Ich habe auch davon gehört, und die Zeitungen sind hin und wieder voll davon. Dieser Mörder ist schon lange in der Gegend von Wien unterwegs, aber es gibt sehr viele Nachahmer, sodass nicht immer klar ist, ob es sich um die ein und dieselbe Person handelt, die ihr Unwesen treibt. Die Redakteure machen aus diesen traurigen Ereignissen phantasievolle Geschichten und Mutmaßungen, um ihre Zeitungen zu verkaufen. Wenn die Hälfte von dem stimmt, was geschrieben wird, wäre das schon viel. Warum interessiert dich das?“
Dominik nippte an seinem Glas Wein.
„Na ja, sollten sich unsere familiären Verbindungen festigen und die politische Lage uns nicht in die Quere kommen, bin ich mir sicher, dass meine Frau und die Kinder bestimmt gerne einmal nach Wien reisen würden. Aber wenn ich Angst haben müsste, dass jemandem von uns etwas zustoßen könnte, weil ein unbändiger Irrer seinem Treiben nachgeht, würde ich mir das doch sehr wohl überlegen. Gerade weil sich die Meldungen im Moment darüber häufen. Da macht man sich als Familienvater schon so seine Gedanken.“
Sein Schwager antwortete leise:
„Das kann ich gut verstehen.“
Der Graf bemerkte lächelnd:
„Und jetzt, wo ich dich kennengelernt habe, ist mir nicht wohl dabei, zu wissen, dass solch ein Mörder dir vielleicht nachts begegnet, wenn du wieder mal zu Hause in Wien im Dunkeln unterwegs bist. Wir alle werden zukünftige Nachrichten aus Wien sorgenvoller, wie auch interessierter aufnehmen als bisher.“
Schlaflose Nacht
Máté stand an der Waschschüssel und ließ sich noch einmal Wasser übers Gesicht laufen. Beim Abtrocknen sah er in den Spiegel und konnte so, am Fenster hinter ihm, kleine Eisblumen entdecken, die von der Nachttischlampe mit schummrigem Licht angeleuchtet wurden. Der wandseitige Vorhang hatte sich unglücklich hinter den aufwendig gearbeiteten Sekretär gehakt. Er zog sein geöffnetes Hemd aus und legte es rechts über die Jacke, die bereits über einem Stuhl hing. Es war ein langer Tag gewesen, aber jetzt erst fühlte er seine Müdigkeit in den Knochen, denn die wohlige Wärme des kleinen Ofens zu seiner linken knisterte beruhigend und entspannte seine Muskeln. Er ging zum Fenster und zog die dicken Vorhänge etwas zusammen, damit die Kälte abgehalten wurde. Einen Spalt ließ er offen, um den Himmel sehen zu können. Danach setzte Máté sich auf die Bettkante und ließ seinen Blick schweifen, während er seine Schuhe auszog. Es war sehr sauber. An der gegenüberliegenden Wand vom Bett, stand rechts von der Tür ein hüfthoher Wäscheschrank. Darauf befand sich ein kunstvoll bestickter Läufer mit akribisch aufgereihten Porzellanreitern. Ein Gemälde, welches ihre Eltern zeigte, hing darüber. Er beugte sich über das Bett, um seine Taschenuhr auf dem Nachttisch abzulegen. Der alte Schrank links neben der Tür zauberte ein kurzes Schmunzeln auf seine Lippen, denn es war ein Möbelstück aus seinem früheren Kinderzimmer. Die abgesprungene Ecke der Messingverkleidung am Schlüsselloch machte es unverkennbar. Es war still. Anders als in Wien bedeutete die Nacht hier Dunkelheit und nächtliche Ruhe. Keine Musik, die von einschlägigen Etablissements beim Öffnen der Türen durch die Straßen hallte, keine Hufgeräusche, die die Nachtschwärmer vom Theater zurückbrachten oder ähnliches. Es war einfach nur still. Wie lange würde er hier wohl verweilen? Er starrte lange und intensiv das Bild der Eltern an. Dann ließ er sich mit einem verzweifelten Seufzer rückwärts auf das Bett fallen und vergrub sein Gesicht in den Händen. Seine Gedanken rasten. Der Abend war gut gelaufen und er hatte ihn genossen. Schlimmer noch, er hatte sich nach langer Zeit wieder einmal zu Hause und aufgehoben gefühlt. Dieses Gefühl musste schleunigst wieder verdrängt werden.
Máriska kuschelte sich zu ihrem Mann ins Bett und gab ihm einen Kuss.
„Danke, Dominik. Ich weiß, dass du dich heute Abend sehr gezügelt hast.“
Er legte sein Buch zur Seite.
„Das kannst du laut sagen. Die teuren Geschenke, dieser immer wieder abgleitende Blick ins Nichts … und wie er dich ansieht. Und übrigens auch Bianká. Das gefällt mir ganz und gar nicht. Du bekommst zwei Tage Zeit, dann will ich mehr über ihn wissen, und zwar von dir oder ihm. Wenn nicht, lasse ich Nachforschungen anstellen.“
„Hast du das nicht eh schon? Du wärst nicht der, der du bist, wenn du nicht schon alle Hebel in Bewegung gesetzt hättest, um etwas über ihn herauszufinden. Du kannst mir wahrscheinlich mehr über ihn erzählen, als ich dir.“
„Vielleicht.“
Mit diesem Worte löschte er seine Nachttischlampe. Máriska drehte ihre Lampe heller und meinte trotzig:
„Darf ich dann auch erfahren, was du weißt?“
„Ich würde jetzt gerne schlafen, Liebes. Lass uns in zwei Tagen reden“, gähnte er und tätschelte kurz ihre Hand.
„Du hast nichts herausgefunden. Jedenfalls nichts, was so spektakulär wäre, dass es sich lohnt, darüber zu reden, stimmt´s?“, versuchte sie, sein Desinteresse an diesem Gespräch zu erklären.
„Ich habe genug über ihn, um ein Buch schreiben zu können, aber ich will Fakten und keine Gerüchte, Geschichten oder Mutmaßungen. Deshalb warte ich ab, was meine politisch Getreuen über ihn herausfinden werden. Vielleicht wissen wir dann auch endlich, was er hier will. Schöner wäre natürlich, er würde einfach selbst etwas Relevantes über sich erzählen. Dieses abgedroschene Gefasel über die alten Zeiten ist doch Ablenkung. Sollte ich mich in ihm täuschen, werde ich mich für das, was ich von ihm gehalten habe, entschuldigen. Behalte ich recht und er ist ein Hochstapler, ein Betrüger, der sein Geld auf unrechtmäßige Weise erwirbt und jetzt pleite ist, bin ich gespannt, was er zu seiner Verteidigung und dem Grund seines Kommens vorzubringen hat. Ich will niemanden unter meinem Dach beherbergen, der kriminell und käuflich ist, herumschnorrt oder vielleicht sogar für Österreich spioniert und damit dem Ruf unserer Familie schadet. Es reicht mir schon, was über eure Familie Seltsames gemunkelt wurde. Ich hoffe, dein Bruder gibt keinen Anlass, dass diese Sachen alle wieder aufgerollt oder neu diskutiert werden.“
Seine Frau löschte trotzig das Licht.
„Manchmal frage ich mich, warum du mich überhaupt geheiratet hast, wenn dir dein Leumund so wichtig und meine Familie dir nur peinlich ist.“
Dominik reagierte darauf gar nicht mehr. Er kannte die immer wiederkehrenden Diskussionen um die Familiengerüchte und ihren getroffenen Stolz zur Genüge.
Der Mond streute sein Licht über die schneebedeckte, wilde Landschaft von Szamárhegy. Eine beißende Kälte schob die letzten Wolken am Himmel zur Seite und ließ den sternenklaren Himmel zum Vorschein kommen. Die gefrorene Oberfläche des Schnees glänzte zwischen den Silhouetten der kahlen Bäume wie Silber, und die Schatten der Zweige legten sich krallenartig auf den Weg zum Gutshof, während aus den Wäldern das Knurren und das Heulen der Wölfe zu hören war.
Máté wurde durch sein eigenes Schreien wach und schreckte hoch. Schweißgebadet und zitternd setzte er sich im Bett auf und rang nach Luft. Das Mondlicht schien ihm durch den kleinen Vorhangspalt ins Gesicht. Er rannte geradewegs zum Fenster und öffnete es hektisch. Er versuchte tief einzuatmen. In diesem Moment stürmte die Gräfin in sein Zimmer.
„Máté, was ist denn passiert?“
Sie hatte eine Lampe in der Hand und erfasste sofort, dass sein Bett leer war. Ihr Blick wanderte umgehend zum Fenster. Er hielt sich am Fensterbrett fest und sank in die Knie. Máriska eilte ihm zu Hilfe. Sie stellte hektisch ihre Öllampe auf dem Schreibtisch ab und nahm ihn in die Arme. Sein Nachtgewand war völlig durchnässt.
„Gott, was ist denn passiert? Du hast so fürchterlich geschrien.“
Dominik stand plötzlich im Türrahmen und fragte skeptisch:
„Soll ich einen Arzt holen? Brauchst du Hilfe, Schwager?“
Dabei entfachte er die Lampe auf dem Nachttisch. Máté schüttelte den gesenkten Kopf.
„Ich habe nur schlecht geträumt. Das ist alles. Es tut mir leid, wenn ich euch geweckt habe.“
„Mama! Was ist denn los?“, ertönte Bálints Stimme ängstlich vom oberen Stockwerk herunter.
Dominik murrte:
„Ich gehe zu den Kindern. Bleib du hier und kümmere dich um deinen Bruder!“
Als er sich umdrehte, fiel sein Blick auf seltsame Zeichnungen, die unter dem Bett hervorschauten. Wirre Zeichnungen von Augen, die etwas anstierten und Hände, die sich ausstreckten, sowie verschwommene Gesichter mit aufschreienden Mündern. Schweigend ging er aus dem Zimmer.
Máriska streichelte ihren Bruder und sagte:
„Du musst das Nachthemd ausziehen und dich abtrocknen. Ich bringe dir ein anderes und überziehe dein Bett, sonst erkältest du dich.“
Sie schloss das Fenster, holte ein frisches Nachthemd und saubere Bettwäsche aus dem Schrank.
Mitfühlend betrachtete sie ihren Bruder.
„Willst du mir vielleicht etwas erzählen?“
Er wich ihrem Blick aus und griff nach der Bettwäsche.
„Lass, ich mach das schon. Du musst wegen mir nicht …“
„Was muss ich nicht?“, unterbrach sie ihn.
Auch sie entdeckte nun die seltsamen Bilder neben dem Bett und wollte sich danach bücken. Máté trat die Zeichnungen erschrocken unter den Nachttisch.
„Das sind nur Skizzen für Theaterszenen.“
Sie schubste ihren Bruder auf den Stuhl, zog ihm das Nachtgewand über den Kopf, drückte ihm ein Handtuch zwischen seine Hände und befahl in einem sehr mütterlichen, aber bestimmenden Tonfall:
„Los, abtrocknen! Du bist wie ein kleiner Junge, schlimmer noch. Glaubst du, ich bin blind? Du siehst aus, als wenn du ein Gespenst gesehen hättest. Schweißgebadet und völlig blass.“
Während er sich trockenrieb, überzog sie das Kopfkissen und das dicke Federbett neu. Ebenso das Laken wechselte sie in Windeseile.
Er zog sich gerade das frische Nachthemd an, da warf sie ihm ein Handtuch über den Kopf und rubbelte damit seine Haare trocken.
„Lass das! Ich bin keine sieben Jahre mehr alt und kann das selbst“, grummelte er. Sie zog das Tuch weg.
„Ist das auf dem Papier das, wovon du träumst?“
Er griff nach ihren Händen.
„Es tut mir so leid, Máriska. Ich wollte euch nicht erschrecken, aber ich … ich.“
Er wusste nicht, wie er es erklären sollte. Ein dicker Kloß machte sich in seinem Hals breit und seine Gefühle holten ihn ein. Den Tränen nahe versuchte er, den fordernden Blicken seiner Schwester auszuweichen.
„Ich möchte nicht, dass du wieder gehst. Hörst du? Im Gegenteil. Ich will, dass du bleibst und mir sagst, was dich bewegt und bedrückt. Ich bin deine Schwester, Máté. Du hast früher bei mir im Bett geschlafen, weil du Angst vor Gewitter hattest. Wir haben uns gegenseitig Dreck nachgeworfen, wenn wir stritten. Ich habe dir das Reiten beigebracht, dich getröstet, wenn du gefallen bist, und später haben wir im Herbst die Äpfel vom Nachbarn gestohlen und heimlich verspeist. Es brach mir das Herz, als Mama mit dir weggegangen ist und ich nicht wusste, warum. Ich gebe dich doch jetzt nicht wieder so einfach her. Wenn du in Not bist, dann sag mir doch bitte, was dich quält.“
Er nahm sie ganz fest in den Arm und schluchzte:
„Ich habe fürchterliche Träume, Máriska. Etwas jagt mich Nacht für Nacht. Ich versuche wegzulaufen, aber es folgt mir überall hin. Es hetzt mich durch die Dunkelheit über schmale Pfade, Felsen, Klippen, bis zu meiner völligen Erschöpfung. Dann stürzt es sich auf mich und nimmt mir die Luft. Oder es stößt mich in eine unendliche Tiefe. Ich habe deswegen schon viele Ärzte aufgesucht, aber alle sagen, es sind nur Träume und ich soll verstehen, was sie mir sagen wollen. Manchmal suchen sie mich zweimal in der Nacht heim. Ab und zu träume ich, dass ich zerschmettert auf den Klippen im Meer liege und die Wellen mich langsam und behutsam ins Wasser ziehen. Es ist ein wunderschönes Gefühl der Ruhe und des Friedens. Wenn ich wach werde, ist alles so, wie es vorher war.“
Máriska erschrak vor dem, was ihr Bruder da von sich gab. Sie zog ihn auf die Matratze und beide setzten sich. Er griff ihre Hand.
„Ich bin einfach unruhig, aber nicht verrückt. Das sind die Folgen meines Geschäftslebens und die Anspannung. Mach dir keine Sorgen.“
Máté schien auf einmal wie ausgewechselt und wieder sehr gefasst. Er begab sich ins Bett, lehnte sich ans Kissen und deckte sich bis zur Hälfte zu. Diesen Moment nutzte sie und griff besorgt nach den Zeichnungen unter dem Nachttisch. Er wollte ihr die Papiere wegziehen, aber sie hielt diese fest und musterte die wirren Gemälde. Diese Kunstwerke wirkten auf den Betrachter nicht nur angsteinflößend und bedrohlich, sondern man hatte das Gefühl, hineingezogen zu werden. Die darauf abgebildeten Augen bohrten sich unaufhörlich in die Seele und die Gedanken jener, die sie ansahen. Schlagartig legte Máriska die Bilder zur Seite.
„Du bist ein wahrer Künstler und so ein stattlicher Mann. Wirkst so stolz, so entschlossen, aber tief in dir drin, da scheint es ganz anders zu sein“.
In diesem Moment blickte er traurig zu ihr.
„Du hast ein Zuhause, Máriska. Menschen, die dich lieben und die du liebst. Einen Rückhalt, etwas, dass dir Freude schenkt und dich stark macht. Du hast so wunderbare Kinder und einen sehr besorgten Mann. Auch wenn er mich nicht sonderlich mag, ist sein Ansinnen doch immer auf dich und eure Familie gerichtet. All das habe ich nicht und werde es auch nie haben. Das macht mein Leben einfach unruhig und hinterlässt Sehnsüchte.“
„Na hör mal. Du bist doch noch im besten Alter. Ich weiß ja nicht mal, ob es jemanden in deinem Leben gibt, den du liebst.“
„Gibt es nicht.“
„Gab es jemand?“
„Hier und da.“
„Jetzt lasse dir doch nicht jeden Wurm einzeln aus der Nase ziehen“, empörte sie sich.
„Nein, heute Abend nicht. Erzähle mir lieber eine Gutenachtgeschichte oder etwas aus deinem glücklichen Leben.“
Sie zuckte mit den Schultern.
„Nur weil es nach außen glücklich aussieht, muss es nicht so sein. Ich habe viele Sorgen, Máté. Mein Sohn kämpft mit einer Krankheit. Die Unstimmigkeiten zwischen Österreich und Ungarn könnten wieder zu einem Krieg führen. Das ist ein Thema zwischen Dominik und mir, das uns immer wieder streiten lässt und mehr und mehr trennt. Ich will meinen Sohn nicht in den Krieg schicken, um Menschen zu töten, die er doch gar nicht kennt, nur weil jemand sagt, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, wo das so sein soll. Ich ertrage den Gedanken nicht, dass er erschossen werden könnte und ein Jahr später sich Politiker vielleicht die Hände reichen und den Sieg oder Frieden feiern werden. Obwohl noch das Blut unserer Kinder und unserer Männer an ihren Händen heruntertropft. Ich verstehe das alles nicht, und ich kann nicht nachvollziehen, warum wir Mütter das zulassen. Ein Haufen alter Männer bestimmt, wen wir zu lieben oder zu hassen haben, wen wir bekämpfen und wen nicht. Und was machen wir? Wir folgen diesen Anweisungen. Ich habe doch mit keinem Österreicher Streit! Warum wollen sie uns nicht einfach unsere Kultur und unser Leben lassen, sondern zwingen uns, unsere Heimat zu verändern? Irgendwann muss doch Ruhe einkehren. Wie oft wollen wir noch Streitigkeiten aus der Vergangenheit zum Anlass nehmen, um neue Kriege zu führen? Warum kann nicht alles so bleiben, wie es jetzt gerade ist? Je größer ein Gebiet wird und je mehr Menschen darin wohnen, desto schwieriger wird es, allen Ansprüchen gerecht zu werden, und die Folge wird sein, dass man versucht, alles zu vereinheitlichen. Wenn es Ländern schlecht geht, dann kann man ihnen doch helfen. Warum müssen wir sie gleich politisch oder wirtschaftlich erobern? Ich habe Angst um meinen Sohn, um meine Kinder und um meine ganze Familie – unbändige Angst. Ich kann mit niemandem darüber reden, weil ich mit meiner Meinung allein bin. Dominik wirft mir vor, dass ich keine Ahnung habe von Politik und Diplomatie; dabei will ich nur, dass es uns allen gut geht und Frieden unter den Menschen herrscht. Verstehst du das?“
Máté wischte irritiert seiner Schwester die Tränen von der Wange.
„Und jetzt komme ich noch und reiße vielleicht alte Wunden wieder auf und mache dir mit meinen Träumen zusätzlich Sorgen.“
Sie schüttelte den Kopf und guckte ihren Bruder eindringlich an.
„Ich habe keine Angst vor Sorgen oder Problemen, solange ich helfen kann. Aber ich werde wahnsinnig, wenn meine Liebe auf steinigen Boden fällt und sie nichts, aber auch gar nichts bewirkt. Oder mir der Einfluss und das Wissen fehlen. So wie bei einem Krieg oder einer Krankheit.“
Er nahm die Hand seiner Schwester und streichelte sie. Máriska kam näher und lehnte sich mit einem traurigen Lächeln an ihn.
„Ich brauche dich vielleicht mehr, als du es ahnst, weil du anders bist, Máté. Ich habe es an deinen Briefen gemerkt. Du richtest nicht gleich, du versuchst nur zu verstehen, was man schreibt und denkt. Auch wenn ich eine Familie habe, bin ich mit meinen Ängsten doch allein. Meine Kinder will ich damit nicht belasten … und Dominik … der findet, dass ich mich um andere Dinge kümmern soll.“
Die Geschwister schwiegen und verharrten für einige Minuten Schulter an Schulter. Máté war überrascht und schockiert. Er hatte mit vielem gerechnet, aber nicht damit, dass seine Schwester sich so einsam und hilflos fühlte. Sie stand auf und sammelte die Bettwäsche ein.
„Möchtest du vielleicht noch einen Tee zum Aufwärmen und Beruhigen? Ich bringe dir gerne einen.“
Er verneinte schmunzelnd.
„Du hast schon genug für mich getan. Gehe jetzt lieber zu deinem Mann. Ich denke, dass wir morgen noch genug Zeit zum Reden haben. Wir sollten jetzt erst mal schlafen und ich versuche, einfach nicht zu träumen.“
Sie knäulte die Bettwäsche unter dem Arm zusammen und nahm ihre Lampe.
„Danke, Máriska“, sprach er leise.
Sie drehte sich um und nickte.
„Keine Ursache.“
Leise schloss sie die Tür hinter sich. Er löschte das Licht und schaute zum Mond. Es brachte ihn völlig durcheinander, dass sie ihm das Gefühl gegeben hatte, gebraucht zu werden. Während seine Gedanken kreisten, schlief er ein.
Kurzreise nach Pest-Buda
So wie jeden Morgen traf sich die Familie pünktlich um viertel vor sieben am Frühstückstisch. Orsolya hatte bereits alles vorbereitet und den Kindern sowie Dominik die Brote und Obst zum Mitnehmen an den jeweiligen Platz gestellt. Da sie zuhause geschlafen hatte, wusste sie noch nichts von dem nächtlichen Zwischenfall.
Wie gewöhnlich fuhr Ervin um halb acht mit der Kutsche vor. Dominik gelangte so zur Arbeit und die Kinder zur höheren Schule nach Esztergom. Es war noch dunkel und kalt, aber es hatte nicht neu geschneit und so waren die Wege mit der Kutsche weiterhin gut befahrbar. Als Máriska ihren Mann und die Kinder draußen auf der Treppe verabschiedete, lief Máté schnell in die Küche.
„Orsolya, wie komme ich am schnellsten nach Pest-Buda?“
Die Haushälterin sah ihn erschrocken an und fragte:
„Was willst du denn da? Du willst doch nicht schon wieder abreisen?“
„Nein, ja doch, aber nur geschäftlich. Wie komme ich am schnellsten hin und möglichst heute wieder zurück?“
Máriska war unbemerkt in die Küche gekommen und richtete ihre Augen traurig auf ihren Bruder.
„Mit der Kutsche nach Esztergom und dann weiter mit dem Zug nach Pest-Buda. Eine schnellere Möglichkeit gibt es nicht. Du hättest eben mitfahren können. Was ist denn los?“
Aufmunternd erwiderte er ihren Blick und beteuerte:
„Mir ist da eine Idee gekommen und wenn du magst, kannst du gerne mitfahren.“
„Ich dachte, wir wollten uns heute unterhalten. In Ruhe und ganz allein“, befand sie enttäuscht.
„Das machen wir. Ich verspreche es dir, aber gerade deshalb muss ich vorher noch etwas erledigen, damit ich meinen Kopf frei habe“, sprach er tröstend.
Máriska blieb nichts anderes übrig, als es so hinzunehmen. Máté war derweil in seinem Zimmer verschwunden und tauchte erst wieder auf, als Ervin mit der Kutsche zurückkam. Somit konnte dieser gleich wieder drehen und den jungen Herrn zur Kreisstadt fahren. Dort gab der Reisende ein Telegramm auf und fuhr mit dem nächsten Zug nach Pest-Buda.
András Horvát saß im Kaffeehaus und las die Zeitung. Beim Umblättern blickte er hier und da über den Rand, um zu sehen, was sich auf den Straßen von Pest-Buda so abspielte. Er war etwa im gleichen Alter wie Máté. Allerdings war sein Teint etwas dunkler als der seines Freundes und die Gesichtszüge sehr markant männlich. Seine nach hinten gekämmten, tiefschwarzen, gewellten Haare und die skeptisch blickenden tiefbraunen Augen ließen ihn nicht auf Anhieb sympathisch wirken, sondern hatten etwas Beunruhigendes und gleichzeitig Respekteinflößendes. Seine großen Koteletten machten sein Gesicht hager. Er strich mit Daumen und Zeigefinger an seinem langen Schnurbart entlang. Endlich trat Máté ein. Hektisch hing er seinen Mantel und den Hut an die Garderobe. Ohne zu warten, bis jemand auf ihn zukam und ihn zu einem Tisch leitete, bestellte er gleich am Tresen der Kuchentheke einen Kaffee und stürzte dann förmlich auf seinen Bekannten zu. Als sich beide Männer gegenübersaßen und András in seiner Melange rührte, blickte dieser seinen Freund erwartungsvoll an.
„Ich brauche deine Hilfe, András. Nur noch einmal“, flüsterte Máté aufgebracht.
„Wieso habe ich das geahnt?“, stellte dieser, wenig verwundert, mit seiner tiefen Stimme unhöflich fest.
Empört konterte Máté:
„Wieso so vorwurfsvoll? Es geht immerhin um mein Leben, nicht um deins. Und nicht nur um meins, sondern auch …“
Sein Gegenüber beugte sich etwas über den Tisch und sprach:
„Auch um meins! Ich bin dein Freund. Schon seit Jahren. Ich sehe, wie du dich quälst, wie du leidest, wie dein Leben bisher fern des normalen Lebensstroms abläuft. Immer auf Rückzug bedacht, immer im Dunkeln, keine Frau beständig an deiner Seite, keine Freunde und immer auf der Flucht vor dir selbst. Glaubst du, mir macht das Spaß, dich so zu sehen und immer Angst haben zu müssen, dass du dir oder jemand anderem irgendwann etwas antun könntest? Das ist jetzt deine Chance, Máté. Du wolltest ein neues Leben und wir wissen jetzt, wie es gehen kann. Also, was hält dich nach so vielen Jahren Leid davon ab, den geplanten Weg zu Ende zu gehen? Das ist es doch, weshalb du dich mit mir treffen wolltest, oder?“
Die Bedienung brachte ein Kännchen Kaffee und goss ihn ein. Máté legte seine Hände an die wärmende Tasse.
„Ich benötige noch etwas Zeit. Nur ein bisschen, ich will sie einfach besser kennenlernen.“
„Wieso?“, keifte András und fuhr im gleichen Atemzug fort:
„Das macht es doch nur noch schlimmer. Du kannst dir jetzt kein Mitgefühl leisten, denk an ein befreites Leben. Es steht dir nach so langer Zeit zu.“
„Herr Gott, es ist meine Familie. Ich habe ein Gewissen“, schleuderte er seinem Freund bissig, aber leise entgegen.
„Das sagst du! Jahrelang hast du sie nicht treffen wollen. Hast dich zurückgezogen und nur auf Drängen deiner Schwester auf Briefe geantwortet – und jetzt? Jetzt ist es plötzlich deine Familie?“ András Augen spiegelten Unverständnis.
„Es war schon immer meine Familie, und warum ich sie nicht treffen wollte, weißt du nur zu gut. Der Grund, weshalb ich jetzt hingereist bin, ist … eher verwerflich“, befand Máté traurig und rührte seinen Kaffee um.
Nach einer kurzen Pause legte András seine Zeitung zur Seite, rückte seinen Stuhl näher an den Tisch und erklärte in ruhigem Tonfall:
„Wie stellst du dir das vor? Soll ich dich hier in Pest-Buda irgendwo in einen Keller sperren? Dich mit Seilen an irgendwelche Bretter binden? Wir haben deine Fesseln extra herstellen lassen, damit du dich nicht befreien kannst und sie mit dir mitwachsen, um dir nicht die Hände, Füße oder den Hals abzuquetschen. Selbst wenn ich es schaffen würde, dich irgendwo zu befestigen, ist dein Brüllen und Heulen so unbändig, dass es die ganze Stadt wecken würde. Soll ich irgendwo einen dunklen Keller anmieten und zusehen, wie du Seile oder Ketten entzweist als wenn es Seidenfäden wären? Máté, du hast unbändige Kräfte, du reißt mit deinen Krallen und Zähnen alles auseinander. Ich habe es schon gesehen. Ich nehme nicht umsonst Reißaus, nachdem ich dich angekettet habe.“
„Wir fahren nach Hause und brechen alles ab. Ich weiß selbst nicht, wieso ich mich darauf eingelassen habe. Wer sagt, dass es überhaupt funktioniert? Ich weiß nicht mal, was ich überhaupt mache, wenn ich von dem Fluch heimgesucht werde. Was, wenn ich mich dann dem verweigere, was nötig wäre?“
András atmete tief durch und stierte seinen Freund an.
„Wir haben das alles schon tausendmal durchgesprochen. Entweder du willst deine Freiheit oder nicht. Du kannst dich von deinem Fluch freikaufen, aber nur, wenn du auch bereit bist, den Preis dafür zu bezahlen. Niemand weiß, ob das teuflische Geschäft wirklich funktionieren wird, aber es ist deine einzige Chance. Immerhin bin ich an deiner Seite, um dir dabei zu helfen. Du willst sie nicht erst kennenlernen, du hast ein anderes Problem, mein Freund. Du magst sie alle jetzt schon. Stimmt´s? Es ist anders, als du es dir vorgestellt hattest, richtig? Deine Schwester, die Haushälterin, die beiden Kinder … es ist ein bisschen wie früher, das gleiche gute Essen, eine Familie … Wäre da nicht der etwas störende Ehemann. Wenn du noch einen Tag länger bleibst, würdest du ihr wahrscheinlich von deinem wahren Leid erzählen.“
„Was wäre daran so schlimm? Vielleicht wäre es sogar das Beste.“
Mit einem lauten „Nein“, schlug sein Vertrauter mit der Faust auf den Tisch. Die Anwesenden im Kaffeehaus erschraken sich kurz, sahen irritiert zu den beiden Männern und vertieften sich dann wieder in ihre Gespräche.
András schüttelte den Kopf und versuchte, seinen Gefühlsausbruch wieder zu bändigen. Mit eindringlichem Blick flüsterte er:
„Wen hast du gedacht, triffst du dort an? Bestien? Deine Schwester hat sich immer um dich bemüht, und ich habe dir gesagt ‚Keinen Briefkontakt‘, weil ich wusste, dass es dich eines Tages in Schwierigkeiten bringen würde. Diese Geschenke, die vielen teuren Geschenke, die dein Gewissen rein kaufen sollen, hättest du dir sparen können. Ich hatte dich davor gewarnt. Es wäre das Beste gewesen, niemanden von ihnen kennen zu lernen. Nimm dir jetzt, was dir zusteht! Immerhin würde auch ich mir wünschen, einen weniger gefährlichen Freund an meiner Seite zu haben. Du hast noch genau Zeit bis morgen Abend, Máté. Dann ist es wieder soweit und ich werde in deiner Nähe sein, um unseren Plan mit dir durchzuführen. Wenn du es dir anders überlegen solltest, dann schicke mir ein Telegramm und ich werde abreisen. Aber dann erwarte zukünftig keine Hilfe mehr von mir, sondern suche dir einen anderen Getreuen, der an den besagten Tagen für dich die Gefahr eingeht, von dir zerrissen zu werden. Höre ich nichts von dir, bin ich morgen Abend da.“
Er stand auf und legte Geld für die Rechnung auf den Tisch.
Erschrocken sah Máté ihn an und ergriff verzweifelt sein Handgelenk.
„Du kannst mich doch jetzt nicht im Stich lassen, nur weil ich vielleicht meine Meinung ändere. Ich möchte einfach nur noch etwas Zeit und dafür brauche ich dich. Das weißt du auch. András, bitte.“
András zog seine Hand weg, drehte sich wortlos um und ließ sich seinen Mantel sowie den Hut bringen. Bevor er die Lokalität verließ, wendete er sich noch einmal seinem Freund zu.
„Wir sehen uns hoffentlich morgen Abend.“
Máté offenbart sein Leben
Máté war aus der Kutsche ausgestiegen, da streckte Orsolya ihre Nase schon zwischen der geöffneten Haustür hervor.
„Hallo, mein Junge. Schön, dass du schon wieder so schnell zurück bist. Komm rein, die Familie sitzt im Wohnzimmer zusammen. Sie sind vor wenigen Minuten heimgekommen. Ich habe Kuchen gebacken.“
Sie ließ ihn ein und nahm ihm seine Jacke und den Hut strahlend ab, bemerkte aber seine Betrübtheit. Mütterlich streichelte sie seine Wange und erkundigte sich besorgt:
„Geht’s dir denn gut?“
Er nickte stumm. Mit einem zweifelhaften Lächeln antwortete er:
„Ja, mir geht es gut. Es sind nur gerade so viele Erinnerungen, die auf mich einprasseln und die mich über so einiges nachdenken lassen … auch über vielleicht verlorene Zeit.“
Orsolya hing seine Kleidung an die Garderobe.
„Man kann nichts zurückholen, deshalb lass uns doch einfach zuversichtlich nach vorne blicken und uns darüber freuen, dass wir jetzt alle wieder zusammen sind. Erinnerungen habe ich auch. Manche trösten, manche schmerzen. Das kann sich über die Jahre aber auch wieder ändern.“
Dominik trat mit einem prüfenden Blick aus dem Wohnzimmer in den Flur.
„Ich habe doch Stimmen gehört und mir gleich gedacht, dass unser Hausgeist doch lieber einen Plausch hält, anstatt sich um die Arbeit zu kümmern, die ich förmlich nach dir rufen höre, Orsolya. Wie wäre es mit frischem Kaffee? Orsolya hat Kuchen gebacken und diesmal kann man ihn sogar essen, lieber Schwager. Für dich scheint sie förmlich über sich hinauszuwachsen.“
Mit diesen Worten drückte er ihr die leere Kaffeekanne in die Hand. Die Haushälterin wusste sehr wohl, wie sie den Hausherrn zu nehmen hatte, aber es ärgerte sie immer wieder aufs Neue. So biss sie ihre Zähne zusammen und verneigte sich mit übertriebener Hochachtung vor ihm, als er sich bereits umgedreht hatte, um Máté ins Wohnzimmer zu geleiten.
„Oh, Sie fusseln, Herr Graf. Jedenfalls steht da ein kleiner, frecher Fussel von Ihrer Jacke ab. Wir wollen doch nicht, dass sie zerfleddert aussehen, nicht wahr?“
Dominik blieb stehen und Orsolya zupfte mit ihrer Hand am unteren Teil des Kleidungsstücks.
„Für irgendetwas muss sie ja auch gut sein“, blinzelte der Hausherr seinem Schwager zu.
In diesem Moment holte sie, von Dominik ungesehen, eine Stecknadel aus ihrer Schürze und bohrte diese geradewegs durch den Saum von seinem Sakko. Máté räusperte sich, um nicht laut herauszulachen, und folgte in die Stube. Orsolya schaute zufrieden mit leicht gedrehtem Kopf den beiden Männern nach, während sie zur Küche lief. Bevor sie anfing den Kaffee zu mahlen, horchte sie kurz auf.
„Aua! Was ist denn das?“, ertönte da ein Aufschrei, der wie Musik in ihren Ohren klang. Sie kicherte leise und drehte pfeifend an der Kaffeemühle, um das plötzliche aufkommende, hektische Stimmengewirr im Wohnzimmer zu übertönen.
Gerade als die Haushälterin den frisch aufgebrühten Kaffee über den Flur trug, sprangen ihr die Kinder entgegen.
„Wir müssen lernen, Orsolya. Vater hat uns jetzt weggeschickt, damit wir unsere Nasen in die Bücher stecken“, maulte Bianká.
Ihr Bruder fügte hinzu:
„Ich glaube, die reden jetzt über die Vergangenheit, da wollen sie uns nicht dabeihaben. Dabei wäre das so interessant.“
Bianká kuschelte sich an den Arm der kleinen Frau.
„Kannst du nicht ein bisschen lauschen und uns dann erzählen …“
Bálint haute seiner Schwester unsanft auf den Hinterkopf und lachte.
„Man darf andere zu so etwas nicht verführen, du kleine Kröte.“
Bianká streckte ihm die Zunge raus und boxte ihn. Zwischen dem Gerangel und Geschubse versuchte die Haushälterin, ihr Tablett mit der Kaffeekanne gerade zu halten, um das gute Geschirr nicht zu Bruch gehen zu lassen. Sie drückte im Eifer des Gefechts deshalb die Kaffeekanne an sich und das Tablett mit dem Ellenbogen an ihre Hüfte. In dieser Haltung schritt sie in die Wohnstube. Die Jugendlichen polterten die Treppe, wie üblich, geradewegs hinauf.
Dominiks Gesichtsausdruck sprach Bände. Er saß ein wenig schräg auf dem Sessel und grummelte:
„Ist das die neue Art zu servieren? Was ist das für eine Haltung?“
„Ihre ist auch nicht besser, Herr Graf.“
Er schob Orsolya eine Stecknadel auf der Tischplatte entgegen. Ihr Blick fiel unbeeindruckt und fragend auf das kleine Werkzeug. Davon abgelenkt, rutschte ihr das Tablett mit lautem Geschepper erst auf den Tisch, von dort auf die hölzerne Sessellehne und dann, nach einem erfolglosen Fangversuch von Dominik und ihr, auf den Boden.
Zornig hob der Hausherr die Tragehilfe auf und stellte sich neben die Haushälterin, um seinen Arm um sie zu legen.
„Das ist der Grund, weshalb ich die ersten grauen Haare habe. Kannst du das verstehen, lieber Schwager? Falls du mal eine Haushälterin benötigst, ich hätte hier ein ganz besonderes Exemplar abzugeben. Schwerhörig, ungeschickt, aufmüpfig … aber dafür zu einem Sonderpreis.“
Mit diesen Worten drückte er ihr das Tablett in die Hände und lächelte herablassend.
„Wir schenken uns den Kaffee selbst ein, bevor noch Schlimmeres passiert.“
„Na, immerhin habe ich die Kanne gerettet ohne zu kleckern.“
Sie stellte das Porzellangefäß ab und wischte sich an der Stelle über ihre Schulter, wo der Graf eben noch seinen Arm abgelegt hatte. Plötzlich zeigte Orsolya erschrocken auf den Sessel.
„Ist das Blut auf dem Bezug? Das kriege ich ja nie wieder raus aus dem Stoff.“
Máriska war die Situation peinlich. Ihr Blick ging entschuldigend zu ihrem Bruder. Der wiederum störte sich herzlich wenig an den Kämpfen zwischen Dominik und der Haushälterin, sondern konnte sich sein Schmunzeln darüber nicht verkneifen. Wortlos griff Dominik die Stecknadel und hielt sie Orsolya entgegen.
„Nimm deine Stecknadel und geh!“, befahl der Hausherr mit kontrolliert aufbrausender Stimme.
„Wieso meine? Steht da etwa mein Name drauf? Was weiß ich, wo die herkommt und wo die überhaupt steckte“, stellte die gute Seele des Hauses keck, aber mit einer Unschuldsmiene fest, nahm ihr Tablett, die Nadel und ging in den höchsten Tönen singend aus dem Raum.
Máriska atmete tief durch und sagte:
„Dass du sie aber auch immer ärgern musst. Sei doch einfach mal ein bisschen netter zu ihr.“
Dominik sah seine Gemahlin verwundert an.
„Ich hatte gerade eine Stecknadel im Hintern.“
„Ja, das war nicht zu überhören. Es hätte ja auch schlimmer kommen können“, lächelte sie verschmitzt.
Höflich bot Dominik seinem Schwager eine Zigarre an, der dankend ablehnte. So steckte er nur sich – selbstzufrieden sowie entspannt – eine an und pustete den Rauch in Form von Kreisen aus.
„Außerdem, was heißt, ich soll netter sein? Das würde sie nach so vielen Jahren nur durcheinanderbringen. Zudem bin ich nett. Nett genug für diese Familie. Ich gebe dir einen guten Rat, Schwager. Heirate nie, jedenfalls keine Frau, an die gleichzeitig auch eine kleine, dicke Haushälterin mit der gesamten Familiengeschichte geschweißt ist.“
Der Hausherr betrachtete seinen Schwager fragend und lehnte sich im Sessel zurück. Máté zögerte nicht lange und entgegnete:
„Was willst du wissen, Dominik? Oder sagen wir so: An welcher Stelle hat deine Recherche über mich eine Lücke?“
Sein Gegenüber zog hochachtungsvoll seine Augenbraue hoch.
„Du gehst also davon aus, dass ich Erkundigungen über dich eingezogen habe?“
Máté lachte.
„So, wie ich über dich. Deshalb weiß ich es ja auch. Also, was willst du noch wissen?“
Die Gräfin staunte und fauchte beide an:
„Was sind das für seltsame Spielchen, die ihr miteinander treibt? Ich freue mich einfach nur darüber, dass du zurückgekommen bist. Das, was du erzählen möchtest, erzählst du. Und das, was du für dich behalten möchtest, bleibt dein Geheimnis.“
„Es ist sein gutes Recht, Schwester. Er macht sich Sorgen, und das ist sogar seine Pflicht. Er ist dein Gatte. Mein Leben ist nicht wie das von vielen anderen. Einem getreuen Staatsdiener mit hohem Pflichtbewusstsein und geregeltem Leben mag mein Leben sehr seltsam vorkommen. Ich kann ihn verstehen – und er sicher auch mich, wenn ich wissen möchte, mit wem meine Schwester verheiratet ist.“
Dominik gefiel der Gedanke nicht, dass einer seiner Getreuen, warum auch immer, es Máté ermöglicht hatte, die Recherche herauszubekommen.
Máriska beäugte ihren Bruder und äußerte traurig:
„Da ihr beide ja anscheinend schon genug übereinander wisst, möchte ich dich fragen, warum Mama mit dir weggegangen ist und warum du nie zu Besuch gekommen bist oder mich eingeladen hast? Warum hast du uns erst so spät gesagt, dass sie gestorben ist und von welchem Geheimnis wird in den Briefen zwischen Mama und Papa gesprochen? Ich werde aus den Briefen nicht richtig schlau, dabei habe ich sie alle förmlich verschlungen. Teilweise wurde angedeutet, dass du damals schwer krank gewesen bist.“
Máté blickte zu Boden und bat seinen Schwager:
„Ich möchte, dass Orsolya bei uns sitzt, wenn ich all die Fragen beantworte. Für mich ist sie ein Teil meiner Familie und darf alles wissen – so wie ihr.“
Der Graf zuckte die Schultern.
„Es ist deine Entscheidung. Aber es könnte peinlich werden – für dich.“
Die Hausherrin mahnte:
„Ich will hier kein Duell und kein Verhör. Hörst du, Dominik? Er ist unser Gast, ein Familienmitglied, mein Bruder.“
Máté versuchte, seine Schwester zu beruhigen, die ihren Mann garstig ansah, und streichelte ihr übers Haar.
„Es ist in Ordnung. Ich gehe rasch Orsolya holen“, äußerte er ruhig.
Als er die Tür öffnete, stand die Haushälterin am Treppenaufgang schräg gegenüber der Wohnzimmertür und wischte das Geländer. Sie schien überrascht, kam auf ihn zu und meinte:
„Sicher, junger Herr, dass du mich dabeihaben möchtest? Der Graf ist heute nicht gerade in bester Laune, da kann er sehr verletzend werden. Ich möchte nicht erleben, dass er es zu dir wird.“
Máté flüsterte erstaunt:
„Hast du gelauscht?“
Verlegen zu ihm aufblickend, sagte sie:
„Die Wände sind so dünn und die Türen nicht wirklich dicht. Was soll man da machen?“
Er zog sie ins Zimmer und setzte sie neben sich an den Tisch.
Máriska goss ihr Kaffee ein und legte ein Stück von dem köstlichen Kuchen auf den Teller.
„Jetzt dürfen die Angestellten schon mit am Tisch essen“, murrte der Hausherr spöttisch.
„Ich bin ein Familienmitglied. Hat er gesagt“, stellte Orsolya selbstsicher fest, zeigte dabei mit ihrer Kuchengabel auf Máté und erfreute sich an ihrem Backwerk.
Dieser nickte und begann zu erzählen:
„Ich kann mich noch erinnern, dass Mama nur sagte, dass wir unsere Heimat verlassen müssten, weil ich sehr krank sei und wir hier keine Ärzte hätten, die mir helfen könnten. Am nächsten Morgen stand die Kutsche da und wir reisten direkt nach Wien. Ich hatte seltsame Schübe von Fieber sowie Muskel- und Knochenschmerzen. Diese wurden immer schlimmer und entwickelten sich zu richtigen Anfällen. Niemand wusste, woher diese Anfälle kamen, ob es etwas Ansteckendes war oder ob sie irgendwann wieder verschwinden würden. Ich wurde schlechter in der Schule und brach letztendlich ab, um eine Ausbildung ohne höheren Schulabschluss anzufangen. Allerdings wurde auch die wieder ohne Zertifikat beendet. Mir fehlte die Kraft, das Durchhaltevermögen und es mangelte mir an Konzentration. Ich fing an, mich zurückzuziehen. Die Frage, ob und wann wir wieder nach Hause fahren würden, blieb unbeantwortet. Bereits nach einem Jahr ahnte ich, dass es keine Rückkehr geben würde. Der Grund, warum wir nicht mehr nach Hause konnten, war wohl ich. Aber der andere war, dass sich unsere Eltern zerstritten hatten. Sie liebten sich, aber aus irgendwelchen Gründen funktionierte ihr Zusammenleben nicht mehr. Sie blieben verheiratet, aber wohnten getrennt in unterschiedlichen Ländern. Angeblich war es für mich hier zu gefährlich, deshalb gefiel es Mama nicht, dass wir uns immer wieder geschrieben haben. Auch mein Drängen, endlich wieder nach Hause zu fahren, wurde nur kurz kommentiert mit ‚Ungarn ist für dich zu gefährlich‘. Sie begründete es mit Rache und Vergeltung von irgendjemanden, den ich nicht kennen würde und mit Begebenheiten, weit vor unserer Geburt. Also reiste Mama nie wieder nach Ungarn. Nur Papa kam ein paar Mal zu Besuch, aber ihn durfte ich nicht mehr treffen. Irgendwann hatte ich mich damit abgefunden und aufgegeben zu fragen. Ich begann, mich für das Bankwesen zu interessieren und habe mich schließlich zu einem erfolgreichen Geschäftsmann entwickelt. Devisen, Aktien, Immobilien, Investitionen als Teilhaber, Geldverleih. Es ist alles dabei, was als unehrenhaft gilt, wenn es privat getätigt wird. Aber ich hatte keine andere Wahl. Nie wusste ich, ob ich bei einem Geschäftsessen dabei sein konnte, ob ich an diesem oder jenem Tag mich so gesund fühlen würde, dass ich meine Vorhaben oder meine Termine wahrnehmen konnte. Egal, ob es sich um private oder berufliche Treffen handelte, immer schwebte über mir die Unsicherheit, dass etwas Unvorhergesehenes passieren könnte. Freunde treffen, tanzen gehen – alles war durch diese seltsamen Anfälle immer unsicher. Anfangs habe ich es noch probiert, aber wenn ich kurzfristig absagte, warf das immer Fragen auf und ich musste mich für alles rechtfertigen. ‚Warum gehst du schon nach Hause? Wieso trinkst du keinen Alkohol? Warum kannst du heute nicht gerade sitzen? Warum bist du so spät? Warum musst du schon weg?‘ Warum, warum, warum? Ich baute mir ein Leben auf, bei dem es egal war, wann ich aufstand, ob ich zwei Tage durchschlief, ob ich Kraft hatte oder mich gerade elendig fühlte. Manchmal waren die Tage nach diesen Anfällen einfach noch immer kräftezehrend, oder es blieben Schmerzen zurück. Wir haben nicht nur Ärzte aufgesucht, um herauszufinden, was ich hatte, sondern auch okkulte Kreise, die sich anderer Methoden bedienen, Krankheiten aufzuspüren oder sie zu heilen. Es gab Linderung für mich, aber es hat gedauert. Ich ziehe heute noch oft um, weil ich das Gerede der Leute aus der Nachbarschaft nicht ertrage oder mir Dinge unterstellt werden, die so nicht stimmen. Es sind deren Mutmaßungen, wenn etwas nicht ihren Gewohnheiten und Gepflogenheiten entspricht. Deshalb gelte ich als ungesellig, stolz, eingebildet oder mysteriös, eben abgestempelt. In den letzten Jahren kamen nun diese Träume dazu, wovon einer mich auch gestern Nacht aus dem Schlaf gerissen hat. Wenn ich male, was ich da empfinde, halten mich die meisten für verrückt oder glauben, die Träume kommen durch die okkulten Behandlungsmethoden, weil ich jetzt ja etwas Teuflisches in mir tragen könnte. Vielleicht ist das so, vielleicht aber auch nicht. Der einzige Mensch, der das alles verstanden hat und wusste, war Mama. Einerseits war sie stolz, weil wir finanziell unabhängig geworden waren, und andererseits sehr traurig, weil ich mich irgendwann vom normalen Leben abgewandt hatte. Man kann nur mit mir leben, wenn man akzeptiert, wie ich bin, und dann wird man Teil meiner Lebensart und meines schlechten Rufs. Das ist der Grund, weshalb ich nicht verheiratet bin. Ich will es niemandem zumuten, und ich habe auch noch niemanden getroffen, der es sich selbst hätte zumuten wollen. Jede Dame versuchte nur, mich zu ändern oder mir zu ‚helfen‘, anstatt mich meinen Weg gehen zu lassen. Also bin ich auch Gast in Freudenhäusern. Ein verbindliches Geschäft ohne nachhaltige Verpflichtungen. Für viele ein verwerfliches und unmoralisches Geschäft, auch übrigens für diejenigen, die dort dann seltsamerweise auch selbst regelmäßig zu Gast sind. Meist die, die in Politik und Wirtschaft ihr Unwesen treiben. Das ist die Doppelmoral derer, die gerne Wasser predigen und selbst Wein trinken. Reicht das als Erklärung, weshalb ich nie zu Besuch gekommen bin oder euch eingeladen habe? Ich hätte viel zu viel erklären müssen. Als Mama unerwartet starb, habe ich mich einsam und allein gefühlt. Ich wollte niemanden sehen. Die Beerdigung habe ich nach Mamas Wünschen für ihre Bekannten und Freunde ausgerichtet und für diese Zeit durchgehalten. Ich kann nicht leugnen, dass ich eine gewisse selbstzerstörerische Ader oder depressive Neigung habe, aber das hat sich aus allem Erlebten irgendwie entwickelt. Mir helfen von Zeit zu Zeit Ärzte, meine Seele und meine Gedanken mit meinen Gefühlen in Einklang zu bringen. Was für einen Großteil der Menschen wieder bedeutet, dass ich verrückt bin.“
Die Anwesenden schauten ihn schweigend und mit unterschiedlichen Gesichtsausdrücken an. Orsolya war der Kuchen förmlich in der Backe steckengeblieben und beulte diese aus. Vor lauter Mitgefühl standen schon wieder Tränen in ihren Augen. Dominik zückte ein Taschentuch und reichte es der Haushälterin.
Völlig überrascht von dieser Geste, schluchzte sie:
„Danke.“
„Aber nicht so laut schnäuzen. Das stört!“, befahl er barsch.
Der Hausherr blickte skeptisch zu seinem Schwager. Er konnte nicht leugnen, dass dessen zusammengestellter Lebenslauf irgendwie einen Sinn ergab. Máté hatte nichts vergessen, fast nichts.
Máriska strich über die Hand ihres Bruders und sagte:
„Du hast kein einfaches Leben. Vor allen Dingen bist du einen sehr einsamen Weg gegangen, das ist schlimm. Aber du darfst mir glauben, dass ich gerne an deinem Leben teilgenommen hätte und wahrscheinlich wir alle.“
„Wer ist András Horvát?“, stellte der Hausherr als Frage in den Raum.
„Das ist der einzige Freund, den ich habe und der mir in den schweren Stunden hilft. Er ist auch mein Geschäftspartner und nimmt die öffentlichen Termine wahr, während ich im Hintergrund die Fäden ziehe, sonst würde es so nicht funktionieren. Habe ich denn jetzt alles zufriedenstellend beantwortet, was dich interessieren könnte, Schwager?“
„Jedenfalls erscheint alles sehr stimmig“, erwiderte Dominik mit einem seltsamen Unterton.
„Kannst du nicht einmal mit deinem Herzen sehen und hören? Sieh dir doch mal den ganzen Menschen an“, reagierte seine Gemahlin ungehalten auf die unausgesprochene Unterstellung ihres Mannes.
„Oh, ich schaue mir immer den ganzen Menschen an. Körper, Haltung, Stimme, Augen und die Lebensgeschichte. Ich weiß in den meisten Fällen, wen ich vor mir habe. Im Falle deines Bruders noch nicht so ganz. Aber vielleicht liegt es auch an meiner Skepsis und meinem Vorurteil, das ich jetzt wohl revidieren muss“, gestand der Graf und schaute dabei Máté genau in die Augen.
„Ich kann meine Lebensgeschichte aber nicht umschreiben, nur damit sie dir besser gefällt.“
Der Hausherr zuckte gleichgültig mit den Schultern.
„Das hat mit gefallen nichts zu tun. Ich bin generell ein vorsichtiger Mensch, also nimm es nicht persönlich. Das ist einfach ein Wesenszug von mir.“
Máriska fand ihren Mann unhöflich und anstrengend. Allerdings schossen ihr Gedanken zu Parallelen von Bálints und Mátés Symptomen durch den Kopf. Sollte sie dies jetzt vorbringen? Sie tastete sich diplomatisch vor.
„Gibt es dafür keinen Namen? Ich meine für deine Schwächeanfälle?“
Máté schüttelte den Kopf.
„Es gibt keinen Namen, jedenfalls keinen, den ich kenne. Du meinst wegen Bálint? Ich würde an deiner Stelle den Ärzten Glauben schenken und dich nicht unnötig sorgen. Er ist bereits ein großer junger Mann, da kommt es schon mal vor, dass Wachstumsschübe schmerzen und von Fieber begleitet werden. Bei einigen im frühen Kindesalter, bei anderen in der späten Wachstumsphase. Aber wenn es dich beruhigt, können wir zu einem Arzt in Wien gehen, von dem ich sehr viel halte.“
Bevor sie nachfragen konnte, lenkte Dominik das Thema wieder auf seinen Schwager.
„Aber was hat sich bei dir verändert? Warum bist du nun gekommen? Jetzt, nach so vielen Jahren?“
„Vermutlich weil ich jetzt erst den Mut hatte, euch zu begegnen. Oder die Sehnsucht stärker war als alle Bedenken. Ich weiß es nicht. Das Verlangen war einfach da, alle noch einmal zu sehen“, bemerkte er traurig, auf den Griff seiner Tasse schauend, während seine Finger nervös daran spielten.
Orsolya wischte sich verängstigt ihren Mund ab.
„Alle noch einmal zu sehen, bevor was …?“
Máté bemerkte selbst, dass er den letzten Satz ungünstig betont hatte, und verbesserte sich:
„Alle noch einmal zu sehen. Punkt. Oder: Endlich alle einmal wiederzusehen.“
Dann lächelte er unsicher und blickte zu Dominik.
„Mehr kann ich dazu nicht sagen. Reicht das, um bleiben zu dürfen?“
„Ich denke schon“, nickte dieser und sah auf seine Taschenuhr.
Orsolya wusste, was jetzt kommen würde, und bevor sie sich wieder ein paar Spitzen gefallen lassen musste, stand sie auf und räumte das Geschirr zusammen mit dem bewusst gewählten Tonfall einer Ansage:
„Das Essen wird heute etwas später wegen familiären Angelegenheiten serviert. Wäre halb sieben dem Herrn Grafen recht?“
Dieser nickte zustimmend und sagte freundlich:
„Ich habe noch einige Schreibarbeit zu erledigen, das passt mir hervorragend. Orsolya, manchmal kannst du Gedanken lesen und bist wahrlich ein Engel. Ihr beide könnt euch sicher derweil allein die Zeit vertreiben.“
Dominik verließ lachend das Zimmer. Die kleine Frau stand wie versteinert mit ihren Tellern in der Hand da und schaute ungläubig zu den Geschwistern.
„Ich habe ihm nichts in seinen Kaffee getan. Wieso ist er plötzlich so nett? Seltsam, hoffentlich wird er nicht krank“, wunderte sich die Haushälterin und wollte hinausgehen.
„Warte, ich helfe dir“, rief Máriska und räumte schon Geschirr auf ein Tablett.
„Oh, nein. Ihr zwei unterhaltet euch jetzt erst mal in Ruhe. Es gibt doch bestimmt noch viel zu erzählen.“
Orsolya tippelte nach draußen.
„Lass uns in den Stall gehen. Ich würde gerne einmal eure Pferde anschauen“, schlug Máté freudig vor.
„Jetzt? Es wird gleich dunkel. Außerdem würde ich lieber noch mehr über deine Krankheit erfahren.“
Ihr Bruder eilte schon zur Tür und holte ihren und seinen Mantel.
„Ja, jetzt. Außerdem gibt es in diesem Haus bestimmt Laternen, die wir mitnehmen können und im Stall gibt es sicher auch ein paar Leuchten, falls es dich im Dunkeln zu sehr gruselt. Von Krankheiten will ich heute erst mal nichts mehr hören“, strahlte er.
Es waren fünf wunderschöne Pferde in den Einzelboxen des Stalls untergebracht. Ebenso gab es drei Abstellplätze für die unterschiedlichen Kutschen. Máté war beeindruckt und betrachtete sie beim Durchschlendern genau. Das Kauen der Pferde und das leichte Schnauben sowie der Duft des Strohs ließen in ihm Erinnerungen aufkommen. Sein Augenmerk fiel auf einen Rappen mit langer, gewellter Mähne.
„Das ist mein Pferd. Sie heißt Zigánká. Es ist wunderschön, im Winter durch die Wälder zu reiten. Wenn du magst, können wir morgen einen kleinen Ausritt durch die Landschaft machen.“
Er streichelte die stolze Stute mit einem Stockmaß von 1,75 Meter, die an seinem Ärmel knabberte.
„Sie ist sehr neugierig und lebhaft. Manchmal wird sie auch vor die kleine Kutsche gespannt. Dann haben wir noch unseren Muraköser Gidran, wenn es ordentlich was zu ziehen gibt. Das da sind unsere zwei Querbeet Züchtungen. Kincsem, unsere liebe Stute, und Kengyel, ein kleiner Wilder. Ich meine ja immer, es wären Noniuspferde, aber Dominik belächelt das. Das da hinten ist Dominiks Arabermischling Sólyom. Schnell, groß, wendig, aber schwierig im Charakter, wie sein Besitzer eben auch.“
Sie schaute Máté an.
„Hörst du mir eigentlich zu?“
Er streichelte immer noch ihre Stute und antwortete:
„Ja, gerne. Gleich morgen ausreiten, klingt gut.“
Fragend blickte sie auf, während er sich ertappt fühlte.
„Ich habe nicht wirklich zugehört, entschuldige.“
„Und wo warst du gerade gedanklich?“
Er zuckte die Schultern.
„Einfach kurz nicht da.“
„Gut, wir reiten morgen aus. Ich mache mir trotzdem Gedanken um Bálint, weil es so verdammt nach dem klingt, was auch dich quält.“
Ungehalten antwortete er:
„Steigere dich da jetzt nicht so rein. Nur weil ich ähnliche Symptome habe, muss es sich bei deinem Sohn nicht auch darum handeln. Alle unsere männlichen Vorfahren hatten in der Wachstumsphase diese Probleme und dann waren sie wieder verschwunden. Opa, Papa …“
„Mein Kind leidet! Du bist ein Verwandter und es klingt, als wenn es genauso schlimm ist wie bei dir damals. Was, wenn es etwas Erbliches ist und ihr beide davon betroffen seid und es eben nicht wieder weggeht? Ich mache mir einfach nur Gedanken, kannst du das nicht verstehen?“
Máté drehte sich wütend zu ihr und packte sie unwirsch an den Schultern.
„Ich habe dir gesagt, dass es sich bei ihm nicht um die Art Krankheit handelt, die ich habe, also glaub mir gefälligst!“
Im gleichen Moment erschrak er über sich selbst und ließ seine Schwester los, die ihn fassungslos anstarrte. Bemüht, die Gefühle wieder unter Kontrolle zu bekommen, drehte er sich beschämt von ihr ab.
„Es … es tut mir leid, Máriska.“
„Schon gut.“
„Nein, ist es nicht. Ich bin im Moment einfach so angespannt und durcheinander.“
„Wenn du darüber nicht reden willst, verschieben wir es einfach. Schau, da oben. So einen Boden mit Stroh gab es bei uns zu Hause auch, weißt du noch? Da haben wir beide immer viel Blödsinn gemacht. Wollen wir hochklettern und uns an die tollen Zeiten von früher erinnern?“
Erwartungsvoll wartete sie auf eine Reaktion. Ihr Bruder wandte sich ihr mit einem seltsamen Gesichtsausdruck zu, der sie ängstigte. Es war diese Leere in seinen Augen – gepaart mit Angst, Verzweiflung und doch unbändigem Zorn. Er nahm sie schweigend in den Arm und hielt sie ganz fest. Liebevoll küsste er ihre Stirn und nahm den ihm so vertrauten Geruch ihrer Haut wahr. Máriska genoss diese innige Umarmung. Es erinnerte sie daran, wie ihr Vater sie umarmte, wenn sie früher traurig gewesen war. Langsam ließ er sie los und nahm ihre Hände in seine, um diese zu liebkosen. Fast flehend kamen die Worte über seine Lippen.
„Sei mir nicht böse, aber ich würde gerne ein wenig allein sein. Ich bleibe einfach hier und sortiere meine Gedanken. Darf ich das?“
„Du musst doch nicht fragen, wenn es dir guttut, mache es. Du sollst dich hier wohlfühlen. Wenn es dir zu viel wird in unserem Trubel, dann zieh dich einfach zurück. Du hast dein Zimmer, den Hof, den Stall und kannst dich auch im Haus ganz nach Belieben frei bewegen. Sag mir bitte einfach nur, wenn du etwas brauchst oder reden möchtest, ja?“
Er nickte und setzte an, um noch etwas hinzuzufügen, doch Máriska hielt ihm ihren Finger vor den Mund.
„Es ist in Ordnung. Ich bin glücklich, dass du wieder da bist. Alles andere können wir zu einem anderen Zeitpunkt besprechen.“
Sie verließ den Stall und lief langsam zum Haus zurück.
Máté war nun allein mit seinen Gedanken. Er blickte aus dem Stallfenster zur untergehenden Sonne, die gerade die letzten Strahlen ihres Lichts mit sich nahm. Verzweifelter Zorn ließ ihn in ein paar aufgetürmte Strohballen an der Wand einschlagen. Vor ihnen sank er in sich zusammen und blieb auf dem Boden sitzen.
Unangemeldeter Besuch
Plötzlich hörte er ein leises Klatschen und eine ihm bekannte Stimme, die ihn aufschrecken ließ.
„Bravo, mein Freund. Ich dachte schon, dass du schwach werden würdest.“
Blitzschnell drehte er seinen Kopf in die Richtung, aus der die Worte kamen. Aus dem Schatten des Stallbodens trat András. Er kletterte zu seinem Freund herunter und setzte sich auf einen Strohballen neben ihn.
„Du musst lernen, deine Gefühle zu kontrollieren, sonst machst du dich verdächtig. Bleib ruhig“, versuchte András, auf Máté einzuwirken.
„Was willst du hier?“
„Schauen, wie es dir geht“, entgegnete sein Freund ruhig.
„Was ist mit dem Sohn von Máriska?“
„Leise, oder willst du, dass alle mitbekommen, dass ich hier bin? Wovon redest du? Was ist mit ihrem Sohn?“
Máté ließ sich neben ihm nieder und strich sich nervös seine Haare zurück.
„Er hat die gleichen heftigen Symptome, wie ich sie früher auch hatte. Wie kann das sein?“
Inständig schaute er in die braunen Augen seines Vertrauten.
„Weißt du etwas darüber?“
András schüttelte voller Unverständnis den Kopf.
„Was ist los mit dir? Wieso sollte ich wissen, was der Junge hat?“
„Fieberschübe, Knochen- und Muskelschmerzen – er wird in Kürze achtzehn Jahre alt. Weißt du, was das heißt?“
„Es muss nicht so sein.“
„Aber, verdammt, es könnte“, zischte Máté leise.
„Wenn es so wäre, dann werden wir das wohl mitbekommen. Es ist ja nicht deine Schuld, wenn es so wäre.“
Der Verzweifelte packte ihn am Kragen.
„Es geht nicht um Schuld, sondern darum, dass er das Gleiche mitmachen wird wie ich.“
András schlug die Hände seines Angreifers weg.
„Das weißt du doch gar nicht. Mir ist jedenfalls nichts bekannt von einer Weitervererbung. Steigere dich da jetzt nicht rein. Du bist ja schlimmer als deine Schwester.“
Sein Gegenüber stand auf und lehnte sich unruhig an die Wand. Prüfend sah er seinen Gesprächspartner an.
„Weißt du eigentlich, was Mitgefühl ist? Wenn den Jungen das ereilt, was mich ereilt hat, bin ich der Einzige, der ihm helfen kann. Die ganze Familie wird leiden, alle. So wie bei uns. Bevor Máriska ihre Familie auch noch verliert, muss ich …“
„Was? Was musst du? Du hast nur eins zu tun, damit du frei wirst und die Welt von dem Ungeheuer befreit wird, das in dir schlummert.“
Wütend ging András auf seinen Freund zu.
„Du weißt nicht, was dein Neffe hat und ich auch nicht. Es gibt tausende von Krankheiten, die sich in den Symptomen ähneln, also höre jetzt auf.“
„Aber ich wäre verloren gewesen ohne meine Mutter. Verstehst du das nicht?“, flüsterte er verzweifelt.
András spürte, dass Máté noch nicht im Stande war, das durchzuführen, was sie beide geplant hatten. Das gefiel ihm nicht. So versuchte er, Verständnis zu zeigen, anstatt ihn zu drängen.
„Ich komme morgen und helfe dir, Zeit zu gewinnen.“
Máriskas Bruder blickte überrascht. András klopfte ihm auf die Schulter und sagte:
„Ich bin dein Kumpel, fast wie ein Bruder für dich, wenn auch über die Jahre müde geworden, dich zu tragen, aber ich bin und bleibe es. Gönne dir erst mal Ruhe. Es nützt nichts, wenn ich dir erneut sage, dass du sie hättest nie persönlich kennenlernen dürfen. Dafür ist es zu spät. Aber vergiss nie, dass wegen dir zu viele Menschen schon gestorben sind und andere dadurch gelitten haben. Du wirst immer stärker. Irgendwann kann ich dich nicht mehr bändigen, und die Ketten werden es auch nicht mehr. Einfach erschießen kann ich dich nicht, wenn du so vor mir stehst, das bringe ich nicht übers Herz. Zu oft haben wir das schon versucht, und ich bin gescheitert. Ich kann dich auch nicht einfach sterben lassen, wenn du wieder auf seltsame Ideen kommst. Weißt du warum? Weil wir immer daran geglaubt haben, dass es irgendwann eine Lösung geben wird. Jetzt ist sie da, lass sie nicht vorbeiziehen!“
Beruhigend legte András seine Hand auf die Schulter seines Freundes.
„Schau, dass du morgen bereit bist, mit mir abreisen zu können. Wir fahren offiziell nach Pest-Buda wegen geschäftlicher Dinge. Ich kümmere mich um irgendein Versteck und den Rest. Danach reden wir noch einmal in Ruhe. Gehe jetzt. Ich verschwinde so, wie ich gekommen bin.“
„Danke“, hauchte Máté erleichtert und umarmte ihn. Dann lief er zurück ins Haus.
András blickte ihm hinterher und flüsterte:
„Es gibt einen Preis für deine Freiheit, mein Freund! Und du wirst ihn sicher bezahlen. Dafür werde ich sorgen. Zu lange schon sind wir aneinander gekettet. Es wird Zeit, dass sich das ändert.“
Orsolya schaute betrübt zu Máriska.
„Ich sehe genau, dass mit dir etwas nicht stimmt. Wieso wollte dein Bruder nicht mit dir reden oder sonst etwas machen? Spazieren gehen? Da sitzt er lieber im Stall und grübelt über sein Leben. Habt ihr etwa schon gestritten?“
Die Gräfin wendete bittend ihren Blick zu der Haushälterin, während sie Kartoffeln schälte.
„Lass ihn doch. Er ist das Alleinsein gewohnt, vielleicht ist das alles etwas viel Trubel. Laufend muss er sich rechtfertigen, weil Dominik ihm nicht traut oder etwas wissen will. Dann kommen wir mit Erwartungen, dass er uns etwas erzählt; manchmal schauen die Kinder ihn an, als wenn er aus der Fremde kommen würde und allerhand für Geschichten parat haben müsste.“
„Vor allem Bianká“, sagte Orsolya und lächelte ihre Ziehtochter an. Diese runzelte die Stirn und bemerkte:
„Lass das bloß nicht Dominik hören.“
Die kleine dicke Frau rührte weiter in ihrer Sauce und schwärmte:
„Sie ist noch jung und ihr Onkel ein recht gutaussehender, interessanter Mann. Da darf sie doch mal schwärmen. Wenn ich noch jung wäre, ich würde ihn sofort nehmen, wenn er mich fragen würde …“
Máté stand plötzlich grinsend neben ihr, steckte seinen Finger in den Topf und fragte:
„Liebste Orsolya, wollt Ihr Hochwohlgeborene meine Gattin werden? Es gibt sonst niemanden, der so gut kochen kann, und Liebe geht bekanntlich durch den Magen. Also würde ich sagen, dass ich ganz schön in dich verliebt bin.“
Der Haushälterin war diese Situation äußert peinlich.
„Man klopft an, wenn man, wo auch immer, einen Raum betritt, damit die Anwesenden wissen, dass jemand hereinkommen wird und nicht einfach in ein Gespräch reinplatzt und womöglich etwas mitbekommt, was nicht gewollt ist.“
„Ah, ich soll etwas nicht mitbekommen. Und, willst du meine Frau werden?“, fragte er schmunzelnd nach.
Orsolya holte sich die geschälten Kartoffeln von Máriska, füllte diese in eine Schüssel um und meinte nach einem kurzen Zögern:
„Ich werde drüber nachdenken.“
Plötzlich rief Bianká von oben aufgeregt durch das Treppenhaus:
„Mama, komm schnell! Bálint ist gefallen!“
Máriska und Máté rannten hoch zu den Zimmern der Jugendlichen. Dominik stürzte ebenfalls aus seinem Arbeitszimmer und hechtete die Stufen hoch.
Bálint lag stöhnend, von Krämpfen geschüttelt und schweißgebadet, auf dem Boden neben seinem Schreibtisch. Máriska, Dominik und Bianká legten den jungen Mann auf sein Bett. Máté war von diesem Anblick schockiert. Wie paralysiert stand er da und starrte auf den Jungen, der sich vor Schmerzen in seinem Bett krümmte und die Finger in sein Kissen krallte.
Orsolya eilte nun auch ins Zimmer und tropfte sogleich Medizin auf einen Löffel, den sie Bálint in den Mund schob. Dominik sah seinen Schwager fragend an.
„Wieso hast du mir eben nicht geholfen, ihn ins Bett zu legen? Was ist los mit dir?“
Er bemerkte sehr wohl, dass Máté verstört war, selbst anfing zu schwitzen und wie versteinert an der Wand lehnte. Sein Schwager starrte mit großen Augen auf Mutter und Sohn. Bálint entspannte sich langsam, während seine Mama ihn streichelte und Orsolya ihm den Schweiß abwischte. Der Familienvater hielt tröstend seine Tochter im Arm, die besorgt auf ihren Bruder blickte.
„Entschuldigt mich. Mir geht es gerade nicht gut“, stammelte Máté und verließ eilig den Raum.
Máriska wollte ihm folgen, aber Dominik hielt sie zurück und äußerte behutsam:
„Lass ihn. Was immer ihn eben überfordert hat, wir bekommen es heraus. Ich denke, er möchte jetzt lieber allein sein. Kümmere du dich um deinen Sohn, der ist jetzt wohl wichtiger.“
Máté kauerte auf seinem Bett. Er vergrub sein Gesicht im zerknäulten Kissen, um nicht laut herauszuschreien, was ihn quälte und bekümmerte. Minutenlang lag er so im dunklen Zimmer, dann tasteten seine Finger nach der Schublade an seinem Nachttisch, zogen diese auf und umgriffen eine Pistole. Plötzlich hielt etwas seinen Unterarm fest und verhinderte das Herausnehmen der Waffe. Es schauderte ihn. In seinen Gedanken erschienen unerwartet zwei glühende Augen, die zu einem unförmigen, näherkommenden Schatten gehörten. Das aufgerissene Maul mit riesigen Fangzähnen stürzte sich mit einem ohrenbetäubenden, fremden Laut auf ihn. In diesem Moment wurde er im Bett herumgerissen und seine Hand aus der Schublade gezerrt. Er hielt sich die Ohren zu, denn er konnte die unverständlichen hohen Laute eines unbekannten Wesens nicht mehr auszuhalten. Dann war es still. Zitternd fasste er, ohne die Augen zu öffnen, nach den Streichhölzern auf dem Nachttisch und zündete die Nachttischlampe an. Er zählte innerlich bis drei, um sich dann schlagartig umzuschauen. Niemand war da. Er rieb sich seinen Unterarm, an dem die Berührung noch zu spüren war. Noch nie war dieser dunkle Schatten ihm so nah außerhalb seiner Träume gekommen. Oder war er doch eingenickt gewesen? Langsam zweifelte er an seinem Verstand. Hurtig ging er zu seiner Jacke, holte eine Schachtel aus der Innentasche, fischte hastig eine kleine Tablette heraus und schluckte diese. Dann setzte er sich wieder auf sein Bett und zog aus der unteren Schublade des Nachtischs Papier und Stifte hervor. Intensiv und voll Leidenschaft bewegte er, fast aggressiv, den Kohlestift aus einem immer stärkeren Bedürfnis heraus, etwas loszuwerden, das nicht hinausgeschrien werden durfte. Wie besessen zeichnete er weiter und weiter. Was erst aussah wie unkontrollierte Kritzeleien, entwickelte sich zu einem tiefgründigen, vielschichtigen Bild. Immer inständiger und fester umgriff er sein Malwerkzeug. Schweiß rann seine Schläfen hinab. Sein Atmen wurde heftiger. Ausladende Striche und große Flächen fügten sich ineinander und wurden zu Details, die nur bei genauem Hinsehen zu erkennen waren. Die in sich verschwimmenden Gesichter, die auch hätten Felsen sein können, schrien auf. Ein alles einnehmender Schatten zog sich über das Bild, und die aus dem Gemälde starrenden Augen flößten beim Betrachten Angst ein. Seine Tränen tropften auf das Kunstwerk.
Orsolya hatte den Tisch gedeckt und wartete jetzt auf die Order des Hausherrn, das Essen servieren zu dürfen. Die Situation blieb angespannt, auch wenn Bálint nun ruhig in seinem Zimmer schlief und von seiner Schwester liebevoll umsorgt und bewacht wurde.
Dominik saß mit Máriska im Speisezimmer.
„Ich gehe ihn jetzt holen.“
Seine Gemahlin stand auf, wurde jedoch von ihrem Mann am Arm festgehalten.
„Er hat eine Uhr. Er weiß, wie spät es ist. Was immer ihn dazu bewegt, nicht pünktlich zu erscheinen, es scheint sein Wille zu sein.“
„Vielleicht geht es ihm nicht gut. Er ist so einsam und weiß doch gar nicht, wie es ist, wenn sich jemand um ihn sorgt, der nicht unsere Mutter ist.“
Dominik wurde ungehalten.
„Er ist ein erwachsener Mann, der bisher sehr gut ohne uns auskam. Wenn du ihn kennenlernen willst, musst du ihn gewähren lassen. Nur dann weißt du, wie er wirklich ist. Mich beunruhigt sein Verhalten. Er war vorhin wirklich völlig verstört. Warum? Wahrscheinlich haben wir uns einen Verrückten ins Haus geholt.“
Máriska verletzte, was ihr Ehemann von sich gab.
„Sprich nicht so von ihm, Dominik, bitte. Ich weiß selbst, dass es nicht einfach ist und es auch damals nicht einfach war. Aber es geht um meine Familie, und er gehört dazu. Verstehst du das nicht? Was immer ihn ängstigt, bewegt oder kümmert, ich will es wissen, sonst erfahre ich nie, warum unsere Familie auseinandergebrochen ist.“
Ihr Gemahl winkte ab.
„Was hilft dir das? Was hilft es dir, in der Vergangenheit zu leben? Du kannst nichts mehr ändern, also nimm es so, wie es ist und ihn, so wie er ist. Anstatt mir zu helfen, Bálint auf das Bett zu legen, erstarrte er wie eine Salzsäule … mich würde es nicht wundern, dass er so erschrocken ist, weil es ihm bekannt vorkam, wie der Junge auf der Erde lag. Erinnerungen an die Zeit, als das Übel über ihn hereinbrach. Hoffentlich nicht die gleiche Krankheit. Ich darf gar nicht dran denken. Stell dir das mal vor; die ganze Karriere beim Militär wäre hinüber …“
„Ich kann es nicht mehr hören!“, schrie Máriska und schlug mit der Faust auf den Tisch. Sie schaute ihren Mann abfällig an.
„Du und dein Militär. Es ist dir völlig egal, wie es Bálint geht. Hauptsache, sein Vater kann auf Grund von Höchstleistung stolz auf ihn sein, oder? Alles geht nur nach deinen Maßstäben. Ich mache mir Sorgen um unseren Sohn, mein Kind, und dabei ist es mir egal, was einmal aus ihm werden wird, solange er gesund und glücklich ist. Und wenn er irgendwann als Artist zum Zirkus gehen möchte, wäre mir das auch recht, auch wenn das deinen ehrgeizigen Zielen dann nicht genügen würde. Aber das wirst du nie verstehen, Herr Graf.“
„Ein Zirkusclown, warum nicht? Würde zu eurem Familienstammbaum sehr gut passen. Wenn wir mal die Lücken aufgefüllt hätten, wüssten wir, wie viele Spaßvögel da noch unterwegs waren.“
Máriska gab auf. Sie wusste, dass Dominik manchmal nicht merkte, wie überheblich und gemein er war. Sie war enttäuscht, dass er gar keinen Willen zeigte, überhaupt zu verstehen, was sie dachte oder fühlte.
„Ich sage Orsolya, dass sie auftischen soll“, mit diesen Worten erhob sie sich und wollte gerade das Zimmer verlassen, als die Tür geöffnet wurde. Máté trat ein.
„Entschuldigt, ich bin zu spät. Ich war über meinen Gedanken eingenickt.“
Er vernahm in Máriskas Gesicht, dass sie den Tränen nahe war. Aber er war klug genug, es in diesem Augenblick nicht anzusprechen, und ließ sie aus dem Zimmer gehen.
„Habt ihr wegen mir gestritten?“
Sein Schwager schüttelte den Kopf.
„Das Übliche, nichts, was dich kümmern muss.“
Der Hausherr musterte seinen Gast, der sich gesetzt hatte und recht blass wirkte.
„Geht es dir jetzt besser?“, interessierte sich Dominik.
Máté nickte stumm.
„Ich kann mich nur entschuldigen für vorhin, aber ich war völlig geschockt, meinen Neffen so zu sehen.“
„Jetzt hast du es wenigstens einmal mitbekommen, was uns beunruhigt.“
Der Abend verlief ruhig. Das Essen war vorzüglich gewesen, und man beschränkte sich auf allgemeine, unverfängliche Themen. Fragen, die jeder auf dem Herzen trug, wurden nicht ausgesprochen. Niemand wollte eine Diskussion oder heftigere Gefühlsausbrüche riskieren. Die Sorge um Bálint drückte die Stimmung zudem.
Máté lag wach und konnte einfach nicht einschlafen. Nichts half, seine Gedanken zur Ruhe zu bringen. Er zog ein Foto seiner Mutter aus der Nachttischschublade und betrachtete es im hereinscheinenden Mondlicht. Am liebsten wäre er weggelaufen, weit weg. Aber dafür war es jetzt zu spät. Morgen musste ihn jemand von der Welt fernhalten.
In diesem Haus fühlte er sich geborgen und geliebt. In keinem Fall durfte den Personen, die er immer mehr ins Herz schloss, etwas passieren. Weder seiner Nichte, seinem Neffen oder Orsolya. Tja, und natürlich Máriska … er hatte die Erinnerung an sie bewusst verdrängt. Nun war es fast wie früher. Máriskas Fürsorge und Liebe, die ihm so unvoreingenommen geschenkt wurde, machten ihn sehr glücklich. Umso mehr ging ihm das Drängen von András auf die Nerven. Er legte das Foto zur Seite und schloss die Augen.
Auch die Gräfin lag wach. Sie grübelte über das nach, was Máté ihnen alles offenbart hatte, und dennoch bekam sie die Teile des Puzzlespiels nicht richtig zusammen. Es war so unwirklich. Sie blickte auf ihren schlafenden Ehemann. Nie würde er ihrem Bruder selbstlos helfen, egal in welcher Notlage dieser stecken würde.
„Meinst du, ich merke nicht, dass du nicht schlafen kannst? Du warst heute Abend sehr gedrückt.
Stimmt etwas nicht?“
Er drehte sich zu seiner Frau.
„Ich muss nachdenken“, gab sie kurz zur Antwort.
Er griff ihre Hand.
„Das kann ich mir vorstellen. Es ist doch nicht alles so goldfarben, wie es anfänglich glänzte, richtig? Du merkst es jetzt auch“, stellte er mit ernster Miene fest. Seine Frau ging nicht darauf ein. Dominik versuchte noch einen Vorstoß.
„Auch wenn du mir unterstellst, dass ich nur auf einen Streit von euch warte oder darauf, dass er dich enttäuschen wird, kann ich dir sagen, dass es so nicht ist. Ich will einfach nur Klarheit und meine Familie aus irgendwelchen seltsamen Geschichten raushalten. Wenn ich sicher wäre, dass sein Besuch dich glücklich macht, auch auf längere Sicht, wäre er mir egal, aber das Gefühl habe ich nicht. Mehr kann ich dazu nicht sagen, Liebes.“
Máriska spürte selbst, dass sie Dominik gegenüber ungerecht war, wenn es um ihren Bruder ging. Sie gab ihm einen Kuss und kuschelte sich wortlos ins Deckbett, um mit ihren Gedanken allein zu sein. Dabei schlief sie ein.
Mit dem Quietschen von Mátés Zimmertür wurde sie wach. Sie lauschte seinen Schritten im Treppenhaus und vernahm, wie er in die Küche schlich. Was wollte er jetzt dort? Ihr Bruder ging nach kurzer Zeit wieder zurück in sein Zimmer. Jetzt hatte sie sich selbst dabei ertappt, wie sie sein Handeln skeptisch hinterfragte und schämte sich dafür.
Die Geschäftsreise
Die Familie saß noch beim Frühstück, als eine Kutsche in den Hof einfuhr. Überrascht stand Dominik auf und schaute aus dem Fenster.
„Erwartest du jemanden, Schwager?“
Máté schüttelte den Kopf. Der Hausherr ging Richtung Tür, da läutete es schon.
Orsolya lief aus der Küche herbei und tapste direkt hinter dem Grafen her.
„Falls du die Tür öffnen wolltest, um deine Neugierde zu stillen, musst du zukünftig schneller werden. ch bin ja bereits da, deshalb darfst du gleich wieder den Rückzug in die Küche antreten“, bemerkte der Hausherr.
Orsolya drehte sich geradewegs wieder um und schritt mit einem beleidigten „Pff“ in die Küche.
Dominik öffnete die Tür und erkannte den Kutscher. Es war der Mann, der Máté gebracht hatte. Die Mütze hatte er wieder tief in das Gesicht gezogen.
„Verzeihen Sie, Herr Graf, ich bin geschickt worden, um Herrn Márusi nach Pest-Buda zu bringen. Ein Geschäftsmann hat mich beauftragt, ihm diesen Brief zu überreichen und ihn für ein Geschäftsessen heute Abend einzuladen. Wenn Sie so nett wären, ihm den zu geben? Ich werde hier auf ihn warten.“
Máté kam schon zur Haustür geeilt und nahm den Brief hektisch an sich, bevor er Dominik überhaupt ausgehändigt werden konnte.
„Eine Einladung! Wegen schlechter oder guter Nachrichten? Ich hoffe, du verlierst gerade kein Geld“, interessierte sich Dominik.
Máriska kam ebenfalls zum Hauseingang und lächelte dem Kutscher zu, der nur verlegen nickte.
„Es ist kalt und Sie haben sicherlich einen weiten Weg hinter sich. Wollen Sie nicht reinkommen und sich etwas in der Küche aufwärmen?“
Der Kutscher schüttelte den Kopf und grummelte fast unverständlich:
„Nein, danke! Aber ich weiß Ihr Angebot zu schätzen.“
Máté winkte den Mann mit den Worten herein:
„Ich benötige Sie zum Tragen meiner Schmiedekünste. Bitte kommen Sie mit hoch und helfen Sie mir. Es wird nicht lange dauern. Ich bin gleich fertig mit Packen.“
„Was ist denn hier los?“, bemerkte Orsolya irritiert, als sie aus der Küche kam und beobachtete, wie die Männer den Hausgang hochliefen.
Ihr Blick fiel auf die Kutsche.
„Er will doch wohl nicht schon wieder abreisen?“
„Indirekt. Er will nach Pest-Buda zu einem Geschäftsessen und schmiedet wohl auch Kunstgegenstände. Immer mal etwas Neues, das sich offenbart“, antwortete Dominik kühl.
Máriska zuckte die Schultern, während sie zu der Haushälterin sah, die ebenso sichtlich enttäuscht über die Abreise war. Máté und der Kutscher trugen einen der schweren Kistenkoffer die Treppe hinunter und luden ihn auf. In Windeseile folgten der zweite große Koffer und eine Reisetasche. Beide schienen es sehr eilig zu haben und so verabschiedete sich Máté nur mit einem Winken von allen, während er sich seinen Mantel überschmiss und seinen Hut aufsetzte.
„Wann kommst du denn wieder?“
Die Stimme der Gräfin klang traurig. Er lächelte sie an.
„So schnell ich kann. Wahrscheinlich bin ich morgen Abend oder übermorgen wieder da. Manchmal kann man nicht abschätzen, wie lange wichtige Geschäftsverhandlungen dauern …“
„… oder die Feiern danach“, tat Dominik mit einem verschmitzten Lächeln kund.
„Auch das“, gab der Gast zurück.
Orsolya hatte rasch noch eine Vesper in ein Küchenhandtuch gewickelt, die aus Brot, Speck, Pogatschen und Kuchen bestand. Bevor die Kutsche über den schneebedeckten Weg davonfuhr, reichte sie Máté schnell noch das Essen durch die geöffnete Scheibe hindurch. Dann winkten alle und sahen, bis auf Dominik, betrübt hinterher.
„Ein bewegtes Leben – würde ich sagen. Wen wundert es da, wenn er keine Frau findet. Mir erscheint er sehr ruhelos. Wie eilig es plötzlich ist, wo der Termin doch erst heute Abend ist. Pest-Buda ist ja nun keine Weltreise. Jedenfalls kann er beachtlich schnell seine Sachen für ein oder zwei Tage zusammenpacken …“
Mit diesen Worten schritt Dominik wieder ins Haus zurück und widmete sich den letzten Bissen seines Frühstücks.
Der Kutscher verlangsamte die Geschwindigkeit und rief zu seinem Fahrgast:
„Ich muss einen Umweg fahren, nicht, dass wir dem Grafen noch auf unserem Weg begegnen, wenn er sich mit der Kutsche zur Arbeit fahren lässt. Der alte Gutshof liegt ungefähr zwölf Kilometer weg von dem Haus deiner Schwester, aber nach Pest-Buda geht es halt hier lang. Wir müssen sie in dem Glauben lassen, dass wir nach Esztergom fahren und von dort weiter. Halt dich fest, wir sollten uns beeilen, damit wir Zeit haben, alles vorzubereiten.“
Máté beugte sich etwas aus dem Fenster und blickte in die Augen seines Freundes András.
„Ich danke dir. Ich schaue mir das gleich mal auf den Plänen an, wo du mich unterbringen wirst.“
András jagte die Pferde über einen Umweg zu dem verlassenen Gutshof, der sich zwischen Pilismarót und Diósvölgy befand und in einem weiten Tal zwischen den Hügeln platziert war. Ein seltsam gelegener Ort in den Wäldern.
Das Ziel war nun in Sichtweite. András hoffte, dass alles so war, wie man es ihm berichtet hatte, denn selbst gesehen hatte er das alte Gebäude noch nicht. Der Gutshof wirkte bereits auf den ersten Blick sehr verfallen. Vorsichtig lenkte er die Kutsche in den Hof an einem alten Brunnen vorbei, auf dem noch die wackelige und morsche Kurbelvorrichtung zum Hochziehen der Wassereimer befestigt war. Dieser Hof war nicht nur verlassen, sondern auch einsturzgefährdet. András stoppte die Kutsche, zog die Bremse an und stieg vom Bock, während sein Freund wenig zuversichtlich aus dem Fenster sah. Er stieg aus. Das Grundstück lag in einem Talbecken mit Fernblick über die Wiesen und Felder. Hinter dem Gebäude sowie links und rechts davon begannen schon die Wälder. Sie standen nun vor einem stark verfallenen, wenn auch sehr großen Stallgebäude, das links vom Hauptgebäude platziert war. Allerdings machte auch dieser Teil keinen stabilen Eindruck. Schon von außen fiel die Aufmerksamkeit auf das seitlich aufgerissene Dach des hinteren Obergeschosses, die bröckelnden Außenwände und die abblätternden Säulen am Haupteingang. Das Haus an sich war groß mit einem Vordach und Stuckarbeiten. Aber jetzt hinterließ es einen seltsamen Eindruck. Die Männer schritten auf das baufällige Gebäude zu.
„Bist du sicher, dass dieses Haus nicht einstürzt, wenn wir da reingehen?“, erkundigte sich Máté vorsichtig, als er die paar wackeligen Stufen zum Eingang hochging und die knarrende Tür aufschob. Mit einem kurzen Quietschen brachen diese aus den Scharnieren heraus und die Tür fiel mit dumpfem Knall zu Boden. Der junge Herr verzog unzufrieden das Gesicht, während sein Freund lachte.
„Ich habe keine Ahnung. Aber das ist das einzige Gebäude hier in der Gegend, das so abgelegen ist und um das sich niemand mehr schert. Erst war es ein Gutshof, dann wurde es für Gefangenentransporte als Zwischenstopp genutzt, oder auch mal eine kurze Zeit als Gefängnis. Aber das ist auch schon lange her. Ich dachte, dass es ja dann hier etwas wie Zellen, Mauern, Gitter oder Ähnliches geben muss. Der Zeichnung und den Erzählungen nach, müsste das alles vorhanden sein. Aber lass uns ruhig mal schauen. Haben wir eine andere Wahl?“, erklärte András. Beide hoben die Tür auf und wuchteten diese irgendwie in die verrotteten Scharniere zurück. Sicherheitshalber zog Máté eine Pistole aus seinem Mantel und umgriff diese fest. Sie gingen weiter hinein. Alles wirkte gespenstisch. Überall befanden sich Staub und hereingewehte Überreste der Natur. Alte, dreckige Spinnweben hingen von der Decke und moderten mit dem Geruch des Hauses um die Wette. Die Zimmer waren im Erdgeschoss geräumig. Hier und da standen noch beschädigte Kleinmöbel herum. Durch die zugezogenen alten, zerrissenen Seitenvorhänge, war es dunkel. In einem der finsteren Räume hingen Fledermäuse am maroden Gebälk.
„Das ist ja gruselig, und es ist noch nicht mal Nacht“, flüsterte Máté.
Plötzlich krachte es laut und etwas flüchtete aus dem Haus. Erschrocken zog Máté seine Waffe hoch.
„Du hast doch keine Angst, oder?“, neckte ihn sein Begleiter.
„Das war vielleicht ein Fuchs oder ein Wolf, den wir hier in seiner Behausung gestört haben. Jedenfalls ein Tier. Was soll das nur geben, wenn du hier heute Nacht allein bleibst und gefesselt auf dem Boden liegst. Nicht, dass dann die Fledermäuse über dich wildes Tier herfallen und du vor Schreck stirbst“, stichelte er weiter.
„Ich habe nie behauptet, dass ich ein Held bin.“
András schubste ihn weiter zu einem Treppenaufgang unter dem seitlich eine Tür war.
„Wir müssen in den Keller. Je tiefer, desto besser. Die Wohnräume scheinen mir nicht geeignet, da fallen wir höchstens noch durch die maroden Fußböden.“ Der langjährige Freund zweifelte langsam an seiner Entscheidung, dieses Gebäude ausgewählt zu haben. Die Kellertür war immerhin aus Eisen und wirkte extrem stabil. Sie ließ sich nur schwer bewegen und so zogen beide Männer mit aller Kraft, bis sie einen ausreichenden Spalt zum Durchgehen geöffnet hatten. Dahinter lag die reinste Finsternis. Im einfallenden Licht erkannte man einen steinigen Gang, der nach unten führte.
„Ohne Lampe geht das nicht. Komm, wir holen zwei Fackeln von der Kutsche. Wir dürfen keine Zeit verlieren. Es gibt gar keine andere Chance für heute Nacht als dieses Gebäude“, beschloss Máté.
Sie eilten zurück zu ihrem Gefährt und nahmen eine Fackel sowie eine Petroleumlampe mit. Dann wagten sie sich erneut in den Gang.
„Irgendwas stimmt mit dem Plan nicht“, bemerkte András und grübelte laut weiter:
„Vielleicht ist er zu alt und nicht erneuert worden? Eigentlich müsste hier eine Tür kommen und keine Abbiegung. Wir gehen hier weiter. Man hatte mir versichert, dass es so etwas wie einen Keller oder ein Verlies gibt. Komm!“
Von dem nach unten führenden, gemauerten Gang verliefen am Ende einige Stufen links steil hoch zu einem kleinen Vorsprung mit einer weiteren Eisentür. Sie öffneten diese und traten in einen hallenartigen Keller, dessen Wände aus großen Steinen gemauert waren. Mitten im Raum waren drei Gitterzellen eingelassen, die nebeneinander an der Rückwand des Raums befestigt waren. Die Stäbe reichten nicht ganz bis zur Decke, sondern waren am Ende wie Pfeilspitzen geformt. Die Raumhöhe betrug mindestens acht Meter in diesem Gemäuer. Das Dach schien dicht und die Balken zumindest hier einigermaßen stabil. Von Zelle zu Zelle waren es ungefähr zwei Meter Abstand und bis zur vorderen Wand vier Meter. In dieser befand sich links eine weitere Tür und daneben ein vergittertes kleines Fenster.
„Das ist wohl der Keller, in dem die Gefangenen auf ihren Weitertransport gewartet haben“, stellte der junge Herr nachdenklich fest.
András zeigte auf die Halterungen in der Wand. In den Zellen waren eingelassene Verankerungen, an denen teilweise noch abgeschlagene Ketten hingen.
„Halt mal!“
András drückte seinem Kumpel die Fackel in die Hand und prüfte die Festigkeit der Halterungen und Gitterstäbe, indem er daran rüttelte.
„Das ist perfekt! Sie sind zwar stark verrostet, aber die halten noch. Und hier haben wir Vorrichtungen für Fackeln. Wir können es hier hell machen, wenn wir alles vorbereiten. Das könnte klappen“, murmelte er zuversichtlich.
Máté konnte diese Zuversicht noch nicht teilen. Ihm war der Platz hier nicht geheuer. Zudem entdeckte er noch etwas.
„Schau mal da! Das ist doch sowas wie eine Streckbank an der Wand oder das hier. Das ist eine Nagelrolle. Die haben hier gefoltert.“
András lachte.
„Das wäre doch mal was Neues. Ich binde dich heute Nacht auf die alte Streckbank. Das haben wir noch nie probiert.“
In diesem Moment knarrte die Tür neben dem Fenster. Ein leichter Windhauch fuhr durch den Keller, der beide zusammenzucken ließ.
„So, jetzt reicht es mir. Ich möchte wieder an das Tageslicht. Unbehaglich und schauerlich ist es hier.“
„Alles mit Physik zu erklären“, versuchte sein Gefährte, zu überzeugen.
„Da pfeife ich drauf“, nörgelte sein Freund undeutlich und schlich an die Tür, die sich zuvor bewegt hatte.
„Du bist ein richtiger Angsthase!“
Máté empörte sich:
„Das hat nix mit Angsthase zu tun, sondern mit einem seltsamen Ort und einer waghalsigen Idee. Aber so ist es jetzt nun mal.“
Vorsichtig öffnete er sie und schaute unverhofft in einen leeren Raum. Es musste sich um den Vorraum des Stalls handeln, der sich neben dem Gutshaus befand.
„Zwei Eingänge. Das ist genial. Ein unterirdischer Gang vom Gutshaus in die umgebaute Stallung und das ist hier der Vorraum. Deshalb die Runter- und Hochlauferei. Komm, schau! Wir schließen den Eingang, der direkt rüber zum Gutshaus führt und nehmen diesen hier durch die Stallung. Über das kleine Gitterfenster zwischen den Räumen kann ich dich vielleicht sogar im Auge behalten“, rief András.
Im Vorraum war es durch die beiden kaputten Fenster hell, und so fühlte sich Máté doch wieder um einiges wohler, als er dort seinen Fuß hineinsetzte.
Dominik und sein Getreuer Amalrich Jodokus
„Wie konnte das passieren? Mein Schwager zieht Erkundigungen über mich ein und keiner bekommt etwas mit!“, schrie Dominik ungehalten den Mann am Tisch an.
Amalrich Jodokus sah ihn fragend über seine Nickelbrille an und zuckte die Schultern. Er war ein politisch Getreuer von Dominik und gehörte ebenfalls der politischen Riege in Szamárhegy und Esztergom an. Alles, was es herauszufinden gab, fand er heraus. Man musste ihm nur sagen, was man wissen wollte. Obwohl er gerne aß, war er sehr schlank, fast hager. Wenn er nachdachte, kraulte er seinen Bart oder raufte sich sein lichtes Haar. Er war nicht so gerissen wie Dominik, aber geduldig und unauffällig. Man übersah ihn einfach, wenn er seines Weges schlenderte. Amalrich zog ein gutes Essen dem Diskutieren vor, und so gruben seine Hände bereits im Gebäckteller auf dem Schreibtisch, während er nachdenklich in das Gesicht des Grafen guckte.
„Du solltest mir noch einmal die Namensliste mit den Geburtstagen geben. Vielleicht ist irgendwo ein Schreibfehler drin oder die Liste ist nicht vollständig“, gab Amalrich zu bedenken.
„Unfug. Ich brauche die Adressen und Verbindungen von Lévente Márusis Verwandten und seiner Frau. Sie oder er müssen sich doch Irgendjemandem anvertraut haben. Irgendwelchen Freunden, dem Pfarrer, was weiß ich. Suche mir die Schwester meiner Schwiegermutter!“, befahl Dominik.
„Das haben wir doch schon versucht. Irgendwie ist sie nicht auffindbar“, wunderte sich Amalrich selbst.
Der Graf dachte nach und zwirbelte an seinem Schnurrbart.
Amalrich begutachtete derweil einen Keks und biss hinein. Dann schlug er kauend vor:
„Ich weiß nicht, warum dein Schwager dich so aufregt. Er ist doch nur zu Besuch. Wir haben hier weiß Gott ganz andere Probleme. Politische Probleme. Es gibt kleinere Aufstände und Kämpfe. Die Menschen werden unruhig und teilen sich in zwei Lager. Für und gegen das Kaiserreich. Dein Schwager fährt irgendwann wieder weg, also warum dieser ganze Aufstand? Wenn du mehr über ihn wissen willst, solltest du deine Suche nach diesem Freund und der Tante deiner Frau intensivieren. Auch wenn wir sie bisher nicht gefunden haben, kann sich das ja noch ändern. Bei diesen beiden solltest du schauen, dass du ein Gespräch organisieren kannst“
„Wenn wir sie denn gefunden haben.“
„Das ist Voraussetzung.“
Dominik wurde aufbrausend und beugte sich zu ihm über den Tisch.
„Ich weiß, was ich machen müsste, wenn wir die Personen, die wir eben noch nicht gefunden haben, hätten. Schritt eins zu erledigen, bevor Ratschläge zu Schritt zwei geäußert werden, wäre deshalb sehr von Vorteil.“
Herr Jodokus hob seinen Zeigefinger.
„Lass mich ausreden und bringe mich nicht durcheinander. Wo war ich? Ach, ja. Der ganze Rest der Familie ist viel zu aufwendig zu recherchieren. Schaue dir das Konstrukt an und kümmere dich um die nächsten noch lebenden Personen und Vertrauten von ihm. Wenn du die gefunden und mit ihnen gesprochen hast, werden sich andere Geheimnisträger von ganz allein ergeben.“
Der Graf ging zum Fenster und schaute hinaus. Dann nickte er zustimmend.
„Wahrscheinlich hast du recht. Ich muss ruhiger werden. Setze alle, die wir haben, auf diese zwei Personen an. Trotzdem will ich wissen, wer dafür gesorgt hat, dass er herausfinden konnte, dass …“
„Vielleicht hat er das nur gesagt. Wahrscheinlich hatte er dich schnell durchschaut und geahnt, wie er dein Ego ins Wanken bringen kann. Frage ihn doch einfach, wenn du es genau wissen willst. Ich glaube, er hat das behauptet, um zu sehen, wie du reagierst“, unterbrach ihn sein Getreuer lachend. Er freute sich darüber, dass Dominik in seinem Schwager anscheinend einen Gegner auf Augenhöhe gefunden hatte. Dieser blickte aus dem Augenwinkel zu seinem Freund und murmelte:
„Du brauchst gar nicht so spöttisch zu lachen. Ich habe kein gutes Gefühl, was ihn angeht. Warum ist er hergekommen? Jetzt? Die Erklärungen können stimmen, aber ich werde den Verdacht nicht los, dass er etwas Bestimmtes will, und diese unschöne Familiengeschichte hat damit zu tun. Ich spüre das.“
Amalrich stand auf, stellte sich neben seinen Gesprächspartner und grübelte laut:
„Lass uns überlegen. Was könnte das sein? Er hat zweifelsfrei mehr Geld und Immobilien als du. Da wird er von dir nichts haben wollen. Er könnte Informationen zu der Familiengeschichte an deine Frau geben. Und? Das ist Vergangenheit, was wird dadurch anders? Deine Frau muss nicht mehr grübeln und ist wieder ausgeglichener. Es stimmt, er ist nicht ganz so wie andere. Vielleicht ist er krank? Todkrank, dann will er sich vielleicht einfach nur verabschieden oder versöhnen und sagt es so direkt nicht. Vielleicht ist er psychisch angeschlagen; deshalb die seltsamen Bilder, die er malt. Er ist allein und benötigt dringend Gesellschaft. Oder er will heiraten und hat ein Auge auf deine Tochter geworfen. Er ist ein stattlicher Mann, vielleicht etwas alt für sie, aber wen kümmert das schon? Sie hätte jedenfalls ausgesorgt.“
Dominik schwoll der Kamm.
„Er ist ihr Onkel und das soll er auch bleiben. Fasel nicht so einen Schwachsinn daher.“
Amalrich wandte sich wieder den Keksen zu und philosophierte weiter:
„Politisch ist er nicht gewichtig genug, als dass er irgendetwas mit dem Konflikt zwischen Österreich und Ungarn zu tun haben oder etwas steuern könnte. Wie du übrigens auch. Also, an welche Information sollte er über dich herankommen, falls er spionieren sollte, die nicht eh schon in der Zeitung steht? Und das Geschachere in Esztergom wird ihn wohl kaum interessieren. Dein Einfluss in der Kammer? Ich weiß nicht … Du siehst, so richtig fällt mir, außer moralische Verpflichtungen und Sehnsucht nach seiner Schwester, nichts ein. Außer deiner Tochter!“
Amalrich grinste, wohlwissend, dass seine Bemerkung Dominik ärgerte.
„Es reicht jetzt! Mach dich an die Arbeit und verschone mich mit deinen seltsamen Gedankengängen!“
Der verlassene Gutshof
András versorgte die Pferde. Er hing Ihnen einen Futterbeutel und eine Decke um. Die Männer begannen ihre Fracht abzuladen und platzierten einige Fackeln in den vorgesehenen Halterungen an den Wänden des ehemaligen Gefängnisses. Máté breitete Stroh in der mittleren Zelle aus und formte es zu einer Schlafstelle.
„Es ist nicht viel und auch nicht kuschelig, aber bequemer, wie direkt auf dem harten Boden zu liegen bei der Kälte“, ermutigte er sich selbst.
„Wir können dir ein kleines Feuer machen. Du bist hier halt nicht in einem Hotel oder deinem eigenen bequemen und warmen Verlies.“
András kratzte mit seinem Schuh über eine auffällig dunkle Stelle. Máté betrachtete noch einmal die Eisentür näher.
„Schau her. Hier gibt es zwar ein Schlüsselloch, aber auch seitliche Halterungen für einen Querriegel zum Einhängen. Einmal im unteren Drittel und einmal da. Wenn wir die passenden Querbalken oder Stangen finden würden, wäre die Tür sogar von außen richtig gut verbarrikadiert. Zumindest diese. Ich schaue auch mal bei dem anderen Eingang nach.“
Gleich darauf kam er mit zwei Metalllatten zurück, die über die gesamte Türbreite eingelegt werden konnten.
„Die müssten passen. An der anderen Tür ist nur die Möglichkeit, eine Querverriegelung einzulegen. Wenn beide Türen damit verbarrikadiert werden, bekomme ich diese sicher nicht so einfach auf, falls ich mich befreien sollte. Mauern habe ich bisher auch noch nicht durchbrochen. Jedenfalls nicht, dass ich wüsste. Wenn du mich mit unseren Fesseln und Ketten wie gewohnt hier an den Verstrebungen befestigst, dürfte wirklich nicht viel passieren, oder was meinst du?“
András nickte stumm und räumte derweil die Eisenringe aus dem Koffer. Máté unterschätzte seine Kräfte enorm, deshalb sagte sein langjähriger Begleiter nichts mehr dazu, was die Bestie bisher eingerannt oder auseinandergerissen hatte. Er beäugte die besonderen Konstrukte und entwirrte sie. Die Fesseln und Ketten waren Sonderanfertigungen mit Mechaniken für den Hals- und die Fuß- und Handgelenksbereiche. Stabil und beweglich. Beweglich deshalb, damit sie bei der Verwandlung mitwuchsen und einrasteten. Nur so war sichergestellt, dass der Werwolf sich nicht aus zu großen Fesseln vorab befreien oder sich durch zu kleine verletzen konnte. Máté fiel auf, dass sein Kumpel die Ketten mit gemischten Gefühlen in Händen hielt und gesellte sich zu ihm. Traurig bekannte er:
„Ich weiß, dass du dir von dieser Nacht etwas anderes erwartet hast. Gerade jetzt, wo alles schwieriger wird für mich, obwohl die Lösung direkt vor uns steht.“
Sein Freund lächelte, klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter und fing an, die diversen Einzelteile der Fesseln zusammenzustecken.
Der nächste Morgen
Die Familie saß beim Frühstück. Nichts war ungewöhnlich, bis die Geräusche einer heranfahrenden Kutsche zu vernehmen waren.
„Aha, der Herumtreiber scheint zurückzukehren“, kommentierte Dominik das Gehörte, während er an seinem Kaffee nippte und abfällig grinste.
„Ich dachte, Onkel Máté war geschäftlich unterwegs?“, fragte Bálint nach.
„War er auch“, meinte daraufhin seine Mutter.
Ervin schritt aus dem Stall, um zu sehen, wer da kam. Der Haushelfer wunderte sich über das nachlässige Aussehen des jungen Herrn, als dieser aus der Kutsche stieg. Máté nahm dies wahr und erklärte spontan mit einem Augenzwinkern:
„Es war eine lange Nacht mit wenig Schlaf, viel Alkohol und netten Mädchen. Und ich wollte pünktlich wieder hier sein, also habe ich in der Kutsche geschlafen. Kämmen kann ich mich jetzt noch … rasieren auch.“
Ervin belächelte die unaufgeforderte Erläuterung.
„Ich habe nichts gefragt.“
„Dann ist ja gut …“, fügte Máté grinsend hinzu und fuhr sich mit den Händen durch die zotteligen Haare. Er griff nach seiner Reisetasche und verabschiedete den Kutscher, der wortlos abfuhr.
Orsolya rührte einen Teig, aber ihr entging nicht, wie sich der Nachtschwärmer hinter ihrem Rücken leise in die Küche schlich, um die abgestellte Tasse frisch aufgebrühten Kaffee zu stibitzen.
„Guten Morgen, liebe Orsolya“, sang er förmlich, seine Hände an der Kaffeetasse wärmend. Vorwurfsvoll begutachtete sie ihn von oben bis unten, widmete sich wieder ihrem Teig und bemerkte:
„Ich will es nicht wissen.“
„Ich werde auch nichts erzählen“, flötete er, wohlwissentlich, dass sie vor Neugierde gleich platzte.
„Warte nur, wenn der Graf dich so sieht. Wie du ausschaust. Geh´ und mach dich frisch! Vor allen Dingen rasiere dich. Ich dachte, du warst geschäftlich da. So wie du dich präsentierst, scheint mir das eher eine …“, wetterte sie und vermied, es auszusprechen.
Máté umschlang sie von hinten und nahm ihr die Schüssel aus den Händen.
„Manchmal muss man das Leben einfach genießen und fünfe gerade sein lassen“, philosophierte er und tanzte mit ihr quer durch die Küche.
Dann schaute er sie schuldbewusst mit großen Augen an, denn er wusste, dass Orsolya diesem Blick noch nie hatte widerstehen können. Sie hielt inne, nahm ihm die Schüssel ab und guckte ihn ermahnend an.
„Ich weiß sehr wohl, was du da gerade versuchst. Und schlimm ist, dass es immer noch funktioniert, obwohl du schon so alt bist. Furchtbar, man kann dir einfach nicht böse sein. Ich habe übrigens für dich mitgedeckt.“
Verschmitzt grinsend zog er seine Augenbraue hoch und schritt zum Esszimmer. Er klopfte, trat ein und setzte sich.
„Guten Morgen, ich weiß, ich bin zu spät und nicht besonders ansehnlich, aber ich wollte unbedingt zum Frühstück wieder anwesend sein.“
Bianká schaute schüchtern auf und meinte:
„Ich finde, das sieht sehr verwegen aus und steht Ihnen sehr gut, liebster Onkel.“
„Also darf ich des Öfteren so erscheinen?“
„Das glaube ich weniger. Wir verstehen uns doch als Vorbilder und das solltest du auch, wenn du mit Heranwachsenden zu tun hast. Bitte erscheine demnächst hier so, wie es sich gehört“, mahnte der Familienvater.
Dann musterte er seinen Schwager kritisch, während Máriska ihrem Bruder Kaffee eingoss.
„Waren die Geschäfte denn erfolgreich?“, wollte Bálint wissen.
Sein Onkel nickte.
„Ja, ich habe alles verkauft, deshalb haben wir danach etwas gefeiert.“
„Darf ich denn das nächste Mal mitfahren, wenn Sie wieder nach Pest-Buda fahren, Onkel?“, fragte sein Neffe nach.
Bevor dieser antworten konnte, kam Ervin aufgeregt mit einer Zeitung in den Raum gestürzt.
„Schauen Sie nur, Herr Graf. Die Bestie von Wien scheint ihren Weg nach Ungarn gefunden zu haben. Heute Morgen hat man zwei Leichen entdeckt. Übel zugerichtet und zerschunden. Es handelte sich um ein Ehepaar.“
Máté stand auf und riss dem aufgeregten Mann die Zeitung aus der Hand, bevor dieser sie an Dominik weiterreichen konnte. Er las aufgeregt und stammelte:
„Wo ist das? Pilisszentkereszt.“
Der Graf spähte erst argwöhnisch zu seiner Gemahlin und antwortete dann:
„Ungefähr zweiundzwanzig Kilometer von hier. Es liegt abgelegen und ist ein kleiner Ort in den tiefen Wäldern Ungarns.“
„Zweiundzwanzig Kilometer ist nicht weit weg“, überlegte sein Schwager laut.
„Ich wollte es nicht laufen …“, scherzte das Familienoberhaupt.
Máté war sichtlich erschüttert und blickte unruhig umher. Dominik nahm seinem Schwager vorsichtig die Zeitung aus der Hand, um sich selbst ein Bild über diesen Bericht machen zu können. Seine Schwester versuchte, beruhigend einzuwirken und meinte:
„Die Zeitungen wieder. Es kann ein Verrückter sein oder eine ganz normale Bluttat, und die Tiere im Wald haben die Verstorbenen gewittert und …“
„Oh, bitte!“, unterbrach der Graf angewidert den Gedankengang seiner Frau.
„Was ist denn mit Ihnen, Onkel Máté? Sie sind auf einmal so blass?“, erkundigte sich Bianká.
Orsolya trat ins Zimmer ein und stellte jedem sein Pausenbrot auf den Tisch.
„Beeilung, ihr trödelt schon wieder. Was stehst du denn da rum, Ervin?“
Alle Augen waren auf den sichtlich verstört blickenden Máté gerichtet. Auch die Haushälterin schaute nun fragend auf ihn und dann in die Runde.
„Wenn es wirklich die Bestie von Wien ist, dann seid ihr alle in Gefahr“, flüsterte er betroffen.
Dominik stand auf, faltete die Zeitung zusammen, klopfte seinem Schwager auf die Schulter und äußerte sich wenig besorgt:
„Ich gebe zu, eine ungewöhnliche Schlagzeile, aber jetzt verlier nicht die Nerven. Man weiß noch gar nichts, außer, dass ein Doppelmord passiert ist. Ich mache mich kundig. Mach dir keine unnötigen Sorgen!“
Bianká streichelte ihrem Onkel tröstend über den Unterarm und gab ihm einen Kuss auf die Wange.
„Papa passt schon auf uns auf, und Sie und Ervin sind doch auch noch da. Was soll uns denn da passieren?“
Máté lächelte gequält und nickte stumm. Ervin war derweil zum Stall gelaufen und bereitete die Kutsche vor. Máriska verabschiedete ihre Kinder und trieb sie an, sich fertig zu machen. Dominik lief mit seiner Frau in den Flur. An der Garderobe flüsterte er eindringlich:
„Ich stelle keine Fragen, aber dass sein Verhalten eben sehr eigentümlich war, kannst du nicht bestreiten, oder?“
Máriska half ihm, ohne Reaktion auf seine Worte, in den Mantel und richtete seinen Schal, während er sich den Zylinder anzog. Er gab seiner Frau einen Kuss und stieg dann in die Kutsche zu den Kindern.
Die Gräfin ging zurück ins Wohnzimmer und schaute auf ihren angespannten Bruder, der am Fenster stand. Sie näherte sich ihm von hinten, umfasste seine Hände und legte ihr Kinn auf seine Schulter.
„Was ist denn los?“, erklang ihre Stimme sanft fragend.
„Ich bin müde, und diese Bestie finde ich einfach nur beunruhigend. Eigentlich dachte ich, in Ungarn hätte ich Ruhe vor ihr. In Wien nervt dieses ewig wiederkehrende Thema nur.“
Mit diesen Worten drehte er sich zu seiner Schwester und umarmte sie.
„Ich würde gerne noch etwas allein sein. Wenn du nichts dagegen hast, gehe ich auf mein Zimmer und schlafe meinen Rausch aus.“
Máriska gab ihm einen Kuss und nickte.
„Du bist hier zu Hause. Du musst mich nicht fragen. Du kannst dich frei bewegen. Ich werde Orsolya in der Küche helfen, und wenn du etwas brauchst, rufst du einfach“, antwortete sie verständnisvoll und fing an, das Geschirr abzuräumen.
Máté ging auf sein Zimmer und setzte sich auf das Bett. Dann zog er seine gemalten Bilder hervor und betrachtete sie wie in Trance. Seine Hände griffen nach Papier und seinen Stiften. Vorsichtig fing er an zu malen. Sanfte Striche verknüpfte er plötzlich mit einem harschen Gekritzel. Wie von selbst entstanden dadurch skurrile Gestalten mit bösen oder angsterfüllten Augen. Wie in einem Rausch zeichnete er, um dann das Bild selbstquälerisch zu zerreißen. Erschöpft ließ er sich auf den Boden vor dem Bett gleiten.
Im Büro von Dominik
Amalrich Jodokus saß gegenüber von Dominik am Bürotisch, der einige Schriftstücke durchsah. Der unauffällige Spion betrachtete gespannt seinen Freund und genoss derweil wieder leckere Gebäckstücke von einem edlen Glasteller. Der Schreibtisch des Grafen war unaufgeräumt. Immer wieder suchte er in einem der Stapel nach etwas, das ihn weiterbringen könnte.
„Nichts! Gar nichts, was ihn in Verbindung mit Straftaten bringen könnte. Mist!“, ärgerte er sich und schlug die Papiersammlung auf die Tischkante.
„Sei doch froh. Er ist mysteriös, aber sauber. Das müsste doch in deinem Sinne sein. Mysteriös und dann noch straffällig wäre kritisch“, grinste Herr Jodokus und fügte hinzu:
„Auch wenn dir Letzteres lieber wäre. Anstatt dich so gegen ihn zu stellen, solltest du vielleicht etwas von ihm lernen. Was immer er treibt, du kriegst es nicht so richtig raus … das ärgert dich. Statt ihn vorzuführen, solltest du ihm lieber vertrauensvoll entgegentreten und Geduld beweisen. Dann erfährst du wahrscheinlich mehr als so. Besser als Wolf im Schafspelz anschleichen, anstatt wie ein jämmerlicher Wolf auszusehen und dabei noch ein dummes Schaf zu sein. Im Übrigen waren die Kekse von letzter Woche, die mit mehr Schokolade, außerordentlich lecker. Nur falls du den Teller mal nachfüllen lassen willst.“
Es klopfte und Samuel Klápká kam herein. Ein Mann Mitte vierzig mit Brille, schwarzen Haaren und einem sehr freundlichen Gesicht. Er schien immer gut gelaunt und war stets zu Späßen aufgelegt, aber der Anschein war trügerisch. Samuel war in Wirklichkeit ein tiefgründiger und nachdenklicher Mann, der auch genau wusste, wie er einen Vorteil erlangen konnte, wenn es ihm wichtig war. Seine Fassade eines lustigen Lebemanns hatte nichts mit seinem kritischen und misstrauischen Wesen zu tun. Er hatte gelernt, wie man sich Probleme vom Hals hielt und, ohne mit den falschen Leuten zusammenzustoßen, durch die Welt ging.
Schwungvoll zog er sich einen Stuhl an den Schreibtisch und setzte sich neben seinen Kollegen Amalrich. Er kramte einen Zettel aus seinem offenen Jackett.
„Hört zu! Es ist wie in einem Krimi oder eher wie in einem Horrorfilm. Ich habe Fakten, Fakten, Fakten und irgendwie doch nichts.“
Sein Blick wanderte über die Unordnung.
„Wie ungewöhnlich. Entspricht dieses Chaos von Papier dem, das in deinem Kopf herrscht?“
Zu keinerlei Kommentar ließ sich Dominik hinreißen. Umgehend las Samuel begeistert seine Stichpunkte zur Recherche der beiden Morde vor:
„Tibor und Rózika Veresz. Er dreiundzwanzig, sie neunzehn Jahre alt, verheiratet, beide in der Landwirtschaft tätig, gefunden im Wald von Pilisszentkereszt, wo übrigens auch ihr Wohnort war. Tatort: Das eigene Haus. Zersplitterte Fensterscheibe, Blut in der Wohn-, wie auch in der Essecke im Wohnzimmer, Todesursache: Er Genickbruch, sie verblutete wahrscheinlich, beide Körper wiesen Biss- und Risswunden, wie von einem Tier mit Reißzähnen zugefügt, an Armen, Hals und Brustkorb auf. So, als wenn sie auf der Flucht immer wieder gepackt worden wären. Über das Fenster wurden sie letztendlich aus dem Gebäude gezogen. Die Blutspuren verschwinden direkt davor und tauchen auf dem Weg von ihrer Behausung bis zur Fundstelle drei Mal auf, also so alle 1 bis 1,5 Kilometer. Die Stellen im Schnee sehen aus, als ob man die Körper zwischendrin immer wieder abgelegt hat. Ganz eigentümlich – keine Fußspuren, keine Spuren eines Schlittens oder Ähnlichem. Der Schnee hat ihre Abdrücke hervorragend konserviert. Nur am Fundort, da war recht viel Gewühle im Schnee.“
Amalrich hielt wortlos einen Keks und schaute Samuel mit seltsamem Gesichtsausdruck an.
„Was ist, geht es dir nicht gut?“, erkundigte sich dieser überrascht.
Da keine Antwort folgte, fuhr er mit seinen Ausführungen fort.
„In der Wohnstube ließ alles auf einen Kampf schließen. Sie muss dem Täter auf dem Weg vom Schlafzimmer ins Wohnzimmer begegnet sein, denn dort sind die ersten Blutspuren und ein Kerzenhalter mit zerbrochener Kerze lag auf dem Fußboden. Jedenfalls zeigt ihr Körper tiefe Einschnitte von einer Art Messer oder einem Brieföffner.“
„Ich glaube, mir wird schlecht“, äußerte sich sein Kollege und hielt seinen Keks noch immer in der gleichen Haltung in der Hand, wie vor Beginn der Schilderungen.
Gefesselt von dem Thema sprang Samuel nun auf und lief zur Tischseite, an der Dominik saß. Er malte ihm etwas auf.
„Die Wunden sind ungefähr vier bis acht Zentimeter lang und unterschiedlich tief. Es gibt ein abgebrochenes Stück dieser eigentümlichen Waffe. Man fand es zwischen ihren Rippen. Wie ein Stück von einem kleinen Horn, leicht gebogen und spitz. Wirkte jedenfalls noch sehr naturbelassen, also nicht bearbeitet wie ein Brieföffner aus Horn. Die Bisswunden sind auch seltsam. Es muss ein Tier sein mit spitzen Eckzähnen und einer enormen Spannweite des Mauls. Jedenfalls offenbart sich das Grauen wenig appetitlich. Bei ihm wurden die Nieren förmlich aus dem Körper …“
Ein dumpfer Aufprall unterbrach ihn. Amalrich war ohnmächtig von seinem Stuhl gerutscht und mit dem Kinn auf den Tisch geschlagen. Langsam sank er zu Boden. Der Graf und Samuel eilten ihm zu Hilfe. Herr Klápká setzte seinen Kollegen aufrecht und hielt ihn, während Dominik dem Weggetretenen vorsichtig auf die Wange tätschelte und seinen Namen rief. Geduld war allerdings nicht die Stärke des Grafen und so ohrfeigte er den Ohnmächtigen zweimal heftig. Dieser schreckte hoch und kam stöhnend wieder zu sich.
„Geht doch“, bemerkte Dominik und bewegte sich wieder auf die andere Seite des Schreibtischs. Samuel half dem Wankenden, sich wieder ordentlich auf den Stuhl zu setzen. Dieser ächzte:
„Ich kann das nicht hören, mir ist ganz übel. Das ist ja schauerlich.“
„Geht es denn jetzt wieder?“, erkundigte sich sein Kollege.
Mit einem Taschentuch wischte er sich das Blut vom aufgeschlagenen Kinn weg, nickte und fragte:
„Also doch die Bestie von Wien?“
Samuel überlegte und sagte dann:
„Könnte sein. Auch dort waren an den Opfern seltsame Kratz- und Schlitzspuren und ebenso diese vermeintlichen Bisse. Allerdings habe ich Abweichungen festgestellt. Dort gibt es keine wilden Tiere – bei uns schon. Und bisher hatte die Bestie noch nie Leute in den Häusern angegriffen, aber in Wien ist auch mehr los auf den Straßen als bei uns. Normalerweise fiel es die Leute in den Gassen an und zerriss sie vor Ort, schleifte sie vielleicht noch in eine Nische …“
„Oh, bitte jetzt. Keine Details“, unterbrach Amalrich und wischte sich mit seinem Taschentuch den Schweiß von der Stirn. Dabei hinterließ er einen Streifen des abgetupften Blutes von seinem Kinn. Dominik nahm das schweigend zur Kenntnis und erklärte dann ernst:
„Wir ermitteln. Wie wollen wir wissen, mit wem oder was wir es zu tun haben, wenn wir uns nicht mit den Fakten auseinandersetzen? Wir müssen wissen, wie die Opfer angegriffen und getötet wurden.“
„Muss ich nicht. Es ist traurig genug. Die armen Familien. Ich darf gar nicht daran denken …“, seufzte der empfindsame Herr Jodokus und überlegte, ob er wirklich noch bleiben wollte.
Samuel gab Zeichen, um ihm klarzumachen, dass er an seiner Stirn etwas hatte. Der aber missverstand diese Geste und drehte sich empört weg. Den Vogel wollte er sich nicht von einem Kollegen zeigen lassen, nur weil er sensibel war. Der Graf winkte genervt ab und Samuel führte weiter aus:
„Niemand hat die Bestie bisher richtig gesehen. Es gibt nur Beschreibungen von einem Schatten, einem sehr großen Schatten, der wendig ist. Einige meinten, es sei schon ein großes Tier mit scharfen Zähnen, die in der Nacht aufblitzen, und einem Umhang.“
Die beiden Männer horchten verdutzt auf. Dominik wiederholte ungläubig mit gerunzelter Stirn:
„Einem Umhang?“
„Also doch ein Mensch. Allerdings mit Umhang … wie ein Vampir? Trägt er den immer?“
Samuel hob seinen Finger, um eine erhöhte Aufmerksamkeit für seine Worte zu erlangen.
„Andere sagten, es handele sich um einen bärtigen, großen Mann. Das Wesen muss kräftig sein, denn es durchschlug Tore und Türen, riss kleinere Mauern ein. Und es ist blitzschnell. Ist da, dann dort und verschwindet wieder.“
„Ein Zauberumhang?“, deutete Amalrich naiv an.
„Bitte wisch dir deinen Streifen von der Stirn und vermeide es, albern zu werden“, schrie der Graf empört. Dann richtete er seine Frage an seinen anderen Verbündeten.
„Haben wir jetzt eine Beschreibung? Oder haben wir keine? Sind das Fakten, Ahnungen, Befürchtungen, Mutmaßungen oder Hirngespinste?“
„Von allem etwas. Der größte gemeinsame Nenner aller Beschreibungen ist: Kräftig, sehr groß, blitzschnell, ein Schatten, der alles sein könnte. Je nach Lichteinfall und Fantasie der Zeugen eher als behaart wahrgenommen oder mit einem Umhang“, antwortete Samuel und zuckte mit den Schultern.
Herr Jodokus wischte sich mehrmals über seine Stirn und bemerkte lächelnd:
„Ah, da klebte etwas. Sagt das doch gleich.“
Flugs wandte er sich empört an Dominik.
„Dein Verhalten ist erbärmlich, mein Lieber. Vor allen Dingen, weil du Angst hast vor diesem Geschöpf. Deine Gereiztheit ist zudem unerträglich und Verständnis für die verworrenen Aussagen, überhaupt nicht vorhanden. Was glaubst du eigentlich, was die Menschen wahrnehmen, die Zeuge solch einer Begegnung oder Tat sind? Außer Angst und Panik nicht viel. Und das, was sie sonst noch wahrnehmen, ist sehr punktuell und bekommt eine entsprechende Bedeutung. Wenn es dann mit den normalen Erfahrungen nicht vereinbar ist, fängt die Fantasie an, etwas für sie Logisches daraus zu basteln. Ein offener, weiter Mantel wird ein Umhang, das unerklärbare Verschwinden ist vielleicht nur ein Schritt in eine dunkle Nische, ein Brüllen vielleicht in Wirklichkeit der Schrei des Opfers, die beschriebene Größe ist vielleicht die Größe des Schattens und nicht der Person und so weiter und so weiter. Habe doch mal ein bisschen Einfühlungsvermögen, dass in solchen Fällen Zeugenaussagen wohl nicht wirklich brauchbar sind. Außer du befragst sie gezielt selbst, danach kannst du dir zumindest eher ein Bild von ihrer Persönlichkeit machen und daraus auf ihre Wahrnehmungskriterien schließen. Deine Analysebasis kann also nur das sein, was du wirklich vor dir siehst: Die Opfer, die Wunden, den Tatort. Die Stärke dieses Bekloppten scheint mir allerdings wirklich von unmenschlicher Natur zu sein. Ich möchte stark betonen, dass ich weiterhin von einem menschlichen Wesen ausgehe.“
„Einmal soll es einen riesigen Stein von einem Hügel geworfen haben, um die Angreifer förmlich in die Tiefe zu kegeln. Kinder wurden allerdings noch nie angegriffen, fällt mir ein“, erklärte Samuel weiter.
„Die sind auch selten im Dunkeln allein unterwegs. Ehrlich gesagt, bin ich mehr als beunruhigt. Das solltet ihr beide auch sein“, betonte Dominik und sah nachdenklich aus dem Fenster.
„Ich bin beunruhigt, gar keine Frage, deshalb gehe ich nur noch mit Waffe aus dem Haus“, äußerte Herr Jodokus stolz.
„Das wird dir nicht viel nützen. Zeugen haben ausgesagt, dass weder Gewehre, Pistolen oder Messer ihm etwas anhaben konnten. Es wird geschwächt, aber es erholt sich von den Verletzungen recht schnell wieder. Dem letzten Angreifer, einem Polizisten in Wien, hat das Ungetüm den Kopf abgebissen, nachdem er auf es geschossen hatte, und ihn dann halb aufgefressen. Und einem jungen Mann, der ein Messer zog und zugestochen hatte, so Zeugen, von unten bis oben mit seinen Krallen aufgeschlitzt und dann das Messer einfach aus sich herausgezogen …“
Amalrich stürzte sich auf den Papierkorb und übergab sich. Er ächzte:
„Ich bin raus. Vergesst es. Ich kann bei euren Ermittlungen nicht helfen. Das ist mir zu blutrünstig. Außerdem möchte ich noch einmal betonen, dass ich überzeugt bin, dass es sich um einen Menschen handelt. Ich spioniere dir alles aus, aber abgebissene Köpfe …“
Erneut spuckte er in das Gefäß.
„… und sonstige blutige Geschichten sind nicht mein Fall. Ich muss mir das auch nicht angucken … niemals.“
Mit seinem Taschentuch wischte er sich den Mund ab und setzte sich, mit dem Papierkorb auf dem Schoß, wieder hin. Dominik knirschte mit den Zähnen und fragte voller Zorn:
„Wie kann es sein, dass Leute sehen, wie er sich ein Messer aus dem Körper zieht, vorab zusehen, wie ein Mann zusticht, und niemand beschreiben kann, wie dieser Irre aussieht? Ich verstehe das nicht.“
„Angst, Wahrnehmung, Schock, Erinnerung. Hast du mir eben eigentlich zugehört?“, versuchte der sensible Kollege herauszufinden. Für ihn war das zu viel, somit beschloss er zu gehen. So richtig wohl war ihm ohnehin noch nicht. Er setzte den Papierkorb auf den Boden, stand auf und lief schweigend langsam zum Ausgang des Zimmers. Die beiden Herren wunderten sich. Der Graf zeigte mit dem Finger auf den Papierkorb.
„Nimmst du das bitte mit?“
„Oh, das liegt mir gar nicht. Könnte das bitte jemand von euch übernehmen? Ich kümmere mich um András Horvát, solange der noch bei blühender Gesundheit ist.“
So verließ er das Büro.
Dominik setzte sich hin, während sein Getreuer hin und her lief und voller Hingabe noch einmal Möglichkeiten des Tathergangs laut werden ließ. Den Graf machte das unnötig nervös und seiner Meinung nach war das zum jetzigen Zeitpunkt wenig zielführend.
„Es reicht jetzt. Wenn die Begegnung irgendwann real wird, wird sich deine Faszination legen. Also steigere dich da nicht hinein, sondern bring mir mehr Fakten bei. Für dich scheint das wie ein Krimi zu sein, den du demnächst als Buch herausbringen möchtest. Versuch, deine Fantasie und Sensationslust zu zügeln, sonst wird nur dein Verstand getrübt. Ich bin beunruhigt, sehr beunruhigt. Wir müssen auf unsere Familien achtgeben, Samuel, und auch auf uns. Egal, ob ein Wahnsinniger oder ein Täter mit Kalkül am Werk ist; solange wir nichts Genaues über ihn wissen, ist sein Dasein eine echte Bedrohung für uns alle.“
„Übeltäter, Wahnsinniger oder es ist etwas Übermenschliches, nicht von dieser Welt. Etwas Teuflisches!“
„Ich muss doch sehr bitten! Dazu sage ich jetzt nichts. Schau, ob du Zusammenhänge oder Verbindungen findest, was die Tatzeitpunkte und die Personen angeht. Vielleicht kannten sich einige Opfer oder sind über Bekannte oder Interessen verbunden. Sieh dir auch die Vermisstenkartei an, vielleicht gibt es wesentlich mehr Opfer, die wir nur noch nicht kennen.“
Sein dunkelhaariger Kumpan blickte fragend über seine Brille.
„Ist das nicht eher die Arbeit der Polizei? Wieso willst du den Ermittlungen vorgreifen? Ich habe viel herausgefunden, aber mein Mittelsmann wird mir bestimmt nicht jegliche Informationen dazu geben können. Unser kleiner erlauchter Kreis beschäftigt sich doch eher mit politischen Themen. Wieso fragst du – als Staatsmann – nicht einfach bei der Polizei nach? Auf Grund deiner Stellung und der Verantwortung, die du für die Menschen hier trägst, sollte das doch möglich sein.“
„Habe ich schon. Die Antwort fällt mager aus. Es ist der erste Fall in dieser Art, und die Presse hat den Zusammenhang zur Bestie aus Wien hergestellt, nicht die Polizei. Zudem ist es erst heute in den Morgenstunden passiert, da möchte man noch nichts sagen, auch, um Panik zu vermeiden. Zeitungen sehen das halt anders. Unseren verbündeten Kreis, um die Krise zwischen Österreich und Ungarn zu analysieren und gegebenenfalls eingreifen zu können, haben wir wegen den Menschen in diesem Komitat und für diesen Ort gegründet. Jetzt geht es auch um genau diese Menschen hier und eine unmittelbare Bedrohung.“
Samuel hinterfragte die Antwort nicht laut, sondern machte sich seine eigenen Gedanken. Er verabschiedete sich und ging.
Dominik wollte einfach einen Wissensvorsprung. Er konnte sich nicht gegen den Gedanken erwehren, dass sein Schwager irgendwie mit diesen Vorfällen in Verbindung stand. Sollte die Spur wirklich zu ihm führen, wollte er das wissen und zwar bevor die Polizei oder die politisch Getreuen davon erfuhren und plötzlich mit Fragen vor seiner Haustür standen. Voller Wut schlug er die Papierstapel vom Tisch.
Die Verzweiflung greift um sich
Máté ließ sich heute erst einmal in den Tag hineintreiben und wartete ab, was dieser so bringen würde. Es war ein kalter, wenn auch sehr sonniger Tag und so machte Ervin den Vorschlag, nachmittags im Stall Reparaturen sowie liegengebliebene Aufräumarbeiten zu erledigen. Dem jungen Herrn gefiel der Gedanke und so wollte er sich dabei nützlich machen.
Die beiden Männer unterhielten sich gut und kamen mit den geplanten Arbeiten in der Scheune voran. Der Haushelfer wurde nach zwei Stunden allerdings ins Haus gerufen, denn er hatte Orsolya versprochen, Messer zu schleifen. Das hatte er ganz vergessen.
„Bevor ich mir das ewige Genörgel anhöre, schleife ich die Messer lieber sofort. Ich bin gleich wieder da.“
Máté hämmerte allein die Scharniere an den Pferdeboxen fest. Kniend vertieft in seine Arbeit, pfiff er ein Liedchen. Als er nach dem abgelegten Hammer griff, trat jemand auf den Stiel.
„Ich freue mich, dich hier so gut gelaunt zu sehen, mein Freund“, ertönte eine ihm bekannte Stimme. Erschrocken sah er auf und erhob sich.
„Hast du etwa Angst vor mir?“, lachte András.
„Du kommst etwas unerwartet aus dem Nichts. Sollte ich denn Angst vor dir haben?“, fragte sein Freund unsicher.
„Ich will wissen, was hier passiert ist. Hast du die Schlagzeilen in der Zeitung gelesen?“
„Wenn dir nichts aufgefallen ist, dann weiß ich nicht, wieso du mich das fragst“, antwortete er betroffen und sehr leise.
„Ach, jetzt bin ich derjenige, der für das verantwortlich ist, was passiert ist? Vielleicht konntest du den Riegel herausschlagen und irgendwie danach einhängen. Möglicherweise kannst du dich derweil aus deinen Fesseln befreien. Vielleicht, vermutlich, möglicherweise … Herr Gott, Máté, wo soll das denn jetzt noch hinführen? Ich bin mir sicher, dass du nicht ausgebrochen bist, aber die beschriebenen Vorkommnisse in der Zeitung sagen etwas anderes. In Wien gab es Nachahmer, aber hier? Vielleicht habe auch ich etwas übersehen? Vielleicht … dieses ‚vielleicht‘ macht mich wahnsinnig.“
Máté verstand ihn nur zu gut, denn ihm ging es nicht anders.
„Ich kann nicht mehr sagen, als dass es mir leidtut, falls ich es gewesen sein sollte. Meinst du etwa, ich lebe gut mit dieser erneuten Ungewissheit?“
„Ich will von dir wissen, ob du diesem Fluch nun ein Ende bereiten willst oder nicht? Was ist mit dem Leben, das du dir erträumt hast? Du lügst nicht nur dich an, sondern auch die Menschen, die du ja anscheinend gerade liebgewonnen hast. Und schlimmer noch, du bringst sie in Gefahr. Egal, was du sagst, es ist fast immer gelogen. Irgendwann kannst du dir nicht mehr alle Lügen merken. Die Schlinge um deinen Hals wird enger. In zwei Tagen ist es wieder soweit. Brauchst du mich noch? Soll ich bleiben oder gehen? Für immer verschwinden? Du bist mein Freund, aber auch ich habe ein freies Leben verdient, trotzdem würde ich ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich dich allein zurücklasse. Dir gegenüber und den Menschen gegenüber, die durch dich noch ihr Leben lassen müssten. Ein gezielter Mord, und du, ich und die Welt sind von dem Monster befreit, das du in dir trägst. Was glaubst du, was ich gedacht habe, als ich die Meldung heute Morgen in der Zeitung gelesen habe? Noch stehe ich auf deiner Seite, aber ich kann das nicht mehr lange ertragen. Ich bin Mitwisser, ich muss das auch verantworten. In Wien kenne ich dein Verlies; da wusste ich immer, ob du ausgebüxt warst, oder nicht. Hier musste ich wegfahren, damit die Pferde nicht durchdrehen und auch ich außer Gefahr war. Ich kann dir also nicht sagen, was zwischen meinem Gehen und Kommen passiert ist. Zuhause hatten wir fast alles im Griff, aber selbst dort war alles schwer genug. Aber hier? Diese Situation macht mich verrückt und manchmal würde ich dich am liebsten erschießen, um die Menschheit von dir zu befreien!“
„Vielleicht wäre es das Beste“, unterbrach ihn der Beschuldigte traurig.
András atmete tief durch und sagte leise:
„Das hatten wir doch schon, und du weißt, dass ich es nicht konnte. Vielleicht drücke ich irgendwann aus purer Verzweiflung ab, aber noch kann ich es nicht. Wie oft willst du das eigentlich von mir hören? Ich bin kein Mörder, und du bist mein Freund. Ich wünsche mir von Herzen, dass du ein Leben führen kannst wie alle anderen. Frei von Ketten, frei von Ängsten. Du hast dir das verdient! Wir haben Geld und wir sind noch in einem Alter, wo wir überall hinreisen können, um uns ein neues Leben aufzubauen. Das war doch auch dein Wunsch. Warum willst du ihn dir nicht mehr erfüllen? Und mir? Warum? Ich habe nicht mehr länger die Kraft.“
Máté biss sich auf die Lippen und weinte stumm. Sein Kumpel legte die Hände auf seine Schultern.
„Sag mir, was ich tun soll. Was, Máté? Du musst dich jetzt entscheiden, ob und was sich in deinem Leben ändern soll, sonst weiß ich nicht, wie ich dir helfen kann. Und ob ich es überhaupt noch soll.“
Der Geplagte schubste ihn weg.
„Du stellst dir das so einfach vor. Wie du gesagt hast, es sind Menschen, die ich liebe. Mehr als ich es je zu träumen gewagt habe. Auch ich bin kein Mörder, jedenfalls nicht, wenn ich der bin, der gerade vor dir steht. Ich kann Ihnen nichts antun, und du hast es doch vorab schon gewusst oder geahnt. Das Gefühl, wieder in ein Zuhause zu kommen, war …“
„Hör auf!“, unterbrach András ihn jäh.
Dann hob er drohend seinen Zeigefinger.
„Ich habe dich getragen, soweit ich es konnte, aber wenn du nicht bereit bist, dich von diesem Monster in dir zu befreien, will ich dich und es nicht mehr einsperren.“
„Ich kann den Preis dafür nicht bezahlen. Verstehst du das nicht?“, antwortete Máté verzweifelt.
„Die letzten 20 Jahre ganz für umsonst? Alles was wir getan haben, um dich vor der Menschheit zu bewahren und umgekehrt? Alle Einschränkungen in unserem Leben – wegen nichts in Kauf genommen?“, fragte er mit einem geringschätzigen Blick.
„Ich entlasse dich aus diesem Freundschaftsdienst. Du kannst gehen und ein freies Leben führen. Ich werde dir nicht böse sein, sondern einen anderen Weg finden und meine Schwester bitten, mir zu helfen.“
Sein Freund schaute ihn ungläubig an und lachte leise.
„Klar, es ist auch eine Ehre, einen Werwolf in der Familie zu haben; einen Mörder, ein gefährliches Etwas, das Mann und Kinder zerreißen könnte. Deine Schwester wird begeistert sein. Aber bitte, versuche dein Glück. Komme allerdings nie wieder zur mir, um mich um irgendetwas zu bitten.
Nie wieder! Hörst du! Ich fahre zurück nach Wien und lasse dir eine Nachricht zukommen, wenn ich unser Geschäftsvermögen aufgeteilt habe. Ich habe keine Lust, in irgendwelche Skandale verwickelt zu werden, wenn rauskommt, was du bist. Selbst wenn sie ab sofort meine Rolle übernehmen wird, was glaubst du, wie lange sie es vor ihrem Ehemann geheim halten kann? Und dann, wenn er es herausbekommt? Du wirst dann nicht alles einfach stehen und liegen lassen können und nach Wien zurückkehren, als wenn nichts gewesen wäre. Ist dir das nicht klar?“
Sein Gegenüber schwieg. Wütend drehte sich András auf seinem Absatz um und verlies ohne weitere Worte den Stall. Máté blickte ihm betrübt hinterher, als er über die Strohballen und ein Fenster auf der Empore leise verschwand.
Er versuchte sich wieder auf die Arbeit zu konzentrieren, hob den Hammer auf und verrichtete seine Arbeit. Aus heiterem Himmel wurde das Werkzeug zornig von ihm zur Seite geworfen. Zu sehr kreisten seine Gedanken darum, was in der letzten Nacht geschehen war. Er wünschte sich endlich ein Leben ohne diese zermürbenden Vorstellungen, aufgrund von Vermutungen und Wahrscheinlichkeiten. Ja, er war ein Mörder, das sagten alle Zeitaufzeichnungen und Ereignisse, wenn man sie aneinanderreihte. Aber er konnte dabei noch nicht einmal sagen, was er getan und wen er angegriffen hatte. Selbst wenn er sich von seinem Fluch irgendwann befreien würde, wäre er fähig, das Leben dann zu genießen? Könnte er sich selbst verzeihen, bei all dem Unheil, das seine dunkle Seite in den vergangenen Jahren verbreitet hatte? Bevor András in der Scheune aufgetaucht war, war ihm alles so normal vorgekommen. Genauso, wie er sich sein Leben gewünscht hatte. Ohne Last, ohne trübe Gedanken. Er hatte sich einfach im Schoß der Familie nützlich gemacht. Aber genau diese Familie müsste er verletzen, um seine Freiheit zu gewinnen. Allein mit seinen Gedanken, sah er hinaus auf den glitzernden Schnee, der durch die Sonne zu schmelzen begann. Die Schönheit, mit der die funkelnden, getauten Schneeflocken als Wassertropfen von den Bäumen fielen, erinnerte ihn an die Vergänglichkeit des Daseins, aber auch daran, dass es ein Kreislauf war. Ihm wurde klar, dass er gar keine Wahl hatte. Nie würde er sich für etwas entscheiden, was diese Familie belasten würde, um sich selbst zu befreien. Und András? Er hatte wirklich die Freiheit verdient, die ihm durch die Freundschaft mit ihm, unmöglich war. Genaugenommen hatte er es tief in seinem Inneren auch von Anfang an gewusst. Ein Lächeln umspielte seine Lippen. Hatte er diese Reise doch angetreten, um sich zu verabschieden? Wahrscheinlich war jetzt der Moment gekommen, diesem Drama ein Ende zu bereiten. Er spürte, wie seine Hände anfingen zu zittern. Sein Blick fiel auf die Seile, die an der Wand hingen. Wie in Trance nahm er eines ab und knotete eine Schlinge. Er blickte noch einmal mit einem bekümmerten Lächeln aus dem Stallfenster zum Gutshaus. Dann zog er sich einen Strohballen herbei, stieg darauf und warf das eine Ende des Stricks über einen oberen Balken. Während er mit den Fingern an der Schlinge spielte, dachte er an Máriska und Orsolya. Es zerriss ihn förmlich, sich vorzustellen, was er beiden angetan hatte, wenn sie ihn hier finden fanden – ohne Abschiedsbrief und ohne Erklärung. Aber was sollte er Tröstendes schreiben? Die Wahrheit? Sein Herz wurde schwer, und die Gedanken unerträglich. Er wischte sich die Tränen mit seinem Ärmel weg. Letztendlich würde András sowieso, wie immer, alles für ihn regeln und auch diesmal die beste Erklärung finden. Das war sicher. Er band das Seilende an die Holzverstrebung.
Máriska atmete die frische, von den ersten Frühlingsdüften durchzogene Luft tief ein. Gut gelaunt formte sie einen Schneeball auf ihrem Weg zur Stallung. Orsolya hatte, wie immer, leckeren Kuchen gebacken, und es war Zeit, einen Nachmittagsimbiss zu sich zu nehmen. Sie schlich sich in das Gebäude und warf einen Blick um die Ecke. Ihr erster Wurf musste sitzen.
Máté stand in sich gekehrt auf dem Strohballen. Seine Hände umfassten die Schlinge, die er sich gerade um den Hals legen wollte.
„Was machst du denn da?“, fragte sie schmerzlich überrascht mit Tränen in den Augen.
Er zuckte zusammen, nahm die Schlaufe nach unten und drehte sich ertappt um. Er schaute sie erschrocken an und verharrte, während sie bedächtig zu ihm lief. Behutsam ergriffen ihre Hände seine Finger, um das Seil zwischen ihnen herauszuziehen und den Schneeball in seine Handinnenfläche zu legen.
„Komm runter, bitte.“
„Lass mich alleine.“
„Du kommst sofort da runter!“, befahl sie in einem besorgten Tonfall. Ohne Zögern zerrte sie ihn von der Erhöhung herunter und schloss ihn gleich in die Arme. Beide glitten schluchzend auf den Boden. Er umfasste den Schneeball ganz so, als wenn er sich daran festhalten wollte.
Máriska hob leicht den Kopf und starrte dabei auf die bedrohlich herabhängende Schlinge.
„Es tut mir leid. Es tut mir so leid“, stammelte er.
Sie nahm sein Gesicht in ihre Hände und küsste ihn liebevoll auf die Stirn.
„Was immer dich dazu bewogen hat, es kann nicht so schlimm sein, als dass es wert wäre, dein Leben dafür zu geben. Hörst du? Jetzt, wo du gerade zurückgekommen bist zu uns und mir. Ich wollte immer eine gute große Schwester sein, das konnte ich nur solange, wie du da warst. Aber ich wäre es gerne wieder. Jetzt, wo dich etwas so bedrückt, dass …“
Sie sprach es nicht aus, sondern strich ihrem Bruder, der zitternd in ihren Armen kauerte, übers Haar.
„Ich schäme mich so. Ich schäme mich so“, wiederholte Máté immer wieder.
Sie schwieg und hielt ihn nur fest.
Orsolya rief von der Ferne:
„Wo bleibt ihr denn? Es gibt Kuchen.“
Die Gräfin schreckte hoch. Sie ließ ihren Bruder los und sprang auf den Strohballen. In Windeseile entknotete sie den Strick und löste ihn vom Querbalken. Mit aller Kraft warf sie das Seilbündel in die nächste dunkle Ecke. Sie beobachtete, wie Orsolya in Richtung des Stalls stapfte. Hurtig wischte sie sich ihre Tränen weg, hüpfte zu Boden und öffnete die Tür, um herauszurufen:
„Es dauert noch etwas, Orsolya. Wir kommen gleich.“
Die Haushälterin blickte skeptisch zum Gebäudeeingang.
„Wir kommen wirklich gleich. Wir unterhalten uns nur gerade so gut.“
Die ältere Dame wunderte sich, aber drehte um und schimpfte:
„Als wenn wir keinen schöneren Platz zum Reden hätten als den muffigen Bau da. Aber gut …“
Máriska schloss die Stalltür und wandte sich Máté zu. Dieser saß auf einem Strohballen und blickte verlegen zu Boden. Sie kniete sich vor ihn.
„Was ist denn los mit dir? Haben wir etwas falsch gemacht? Habe ich etwas falsch gemacht?“, fragte sie in einem herzzerreißenden Tonfall.
Bekümmert schüttelte er den Kopf und hauchte mit belegter Stimme:
„Nein, du hast nichts falsch gemacht. Im Gegenteil, du bist eine wundervolle Schwester. Ihr alle habt mich sehr glücklich gemacht.“
Sie setzte sich neben ihn, nahm dabei den schmelzenden Schneeball aus seinen Händen und umgriff seine kalten, nassen Finger.
„Versprich mir, dass du nie wieder an so was denken wirst. Bitte!“
Máté zuckte mit den Schultern und hauchte:
„Ich würde gerne allein sein.“
Máriska sagte traurig, aber entschlossen:
„Nein, den Wunsch kann ich dir jetzt gerade nicht erfüllen. Was ich gesehen habe, hat mich tief ins Herz getroffen. Wenn ich mir vorstelle, ich wäre nur ein paar Sekunden später hereingekommen …“
Sie hielt sich ihre Hände vors Gesicht und weinte bitterlich. Schuldbewusst nahm er sie in den Arm.
„Bitte beruhige dich, ich hatte den Gedanken fast schon wieder verworfen. Wirklich, ich schwöre es dir, weil ich an dich und Orsolya gedacht habe und daran, was ich euch vielleicht damit antue …“
„Vielleicht?“, schluchzte sie empört und starrte ihn dabei an.
„Vielleicht ist nicht das richtige Wort, Máté. Für mich wäre eine Welt zusammengebrochen und zwar sicher. Ich habe dich vor kurzem erst zurückerhalten, und ich liebe dich. Ich habe mich so nach meinem Bruder gesehnt. Nach all der verlorenen Zeit zu wissen, dass es dich gibt, aber du nicht herkommst, Geheimnisse hast, ich an deinem Leben nicht teilhaben darf – das war schrecklich für mich. Ich war so glücklich, als ich wusste, dass du wieder nach Hause kommen würdest und sich das alles nun ändern würde. Was ist so Schlimmes passiert? Vertraust du mir nicht?“
Er atmete tief durch und sagte beschämt:
„Es tut mir leid. Ich sagte doch, ich habe den Gedanken doch schon verworfen gehabt. Ich … ich vertraue dir, aber ich trage etwas wirklich Schlimmes in mir. Ein Geheimnis, eine Last; und jeder, der davon erfährt, wird ungewollt ein Teil von mir. Ich weiß nicht, ob ich dir das zumuten möchte. Ich habe Angst …“
Er zögerte weiterzureden. Die Gräfin lehnte sich an seine Schulter und führte ihre flache Hand auf seine Handinnenfläche. Ihre Finger hakte sie zwischen seine, dann nahm sie einen langen Strohhalm und legte ihn in besonderer Weise in Schlingen dazwischen.
„Verbunden auf ewig und für alle Zeit. Egal was kommt, wir sind bereit. Geknüpft, um zu halten, was in Treue versprochen, …“
„ … wird auch in Angst und Leid niemals gebrochen.“
„Ich habe es nie vergessen.“
„Ich habe mich gerade wieder daran erinnert.“
„Na, immerhin.“
Sie knotete eine Schleife an das Ende des Strohhalms.
„Lass mich teilhaben an deinem Geheimnis. Wir werden einen Weg finden, denn daran glaube ich solange, bis ich von etwas anderem überzeugt werde, und vorher löse ich den Knoten nicht wieder auf. Ich würde dir alles anvertrauen, wenn mich etwas belasten würde. Das Problem verschwindet nicht, aber man ist nicht mehr alleine damit.“
Eindringlich hing sein Blick an seiner Schwester, die ihre Nase ungeniert in den Rock schnäuzte und dann mit Stroh säuberte.
„Vielleicht sollten wir es verschieben, nicht dass Ervin gleich in den Stall kommt …“
„Der sitzt beim Nachmittagskaffee bei Orsolya. Sie wird ihn schon aufhalten, weil sie ja weiß, dass wir etwas zu bereden haben.“
Mátés Geständnis
Er stockte und umfasste liebevoll ihre zusammengebundenen Hände. Dann schaute er sie mit einem verzweifelten Ausdruck an.
„Ich trage eine schwere Last, die mich langsam erdrückt. Mit niemandem kann ich darüber reden. Solltest du wünschen, dass ich euer Haus sofort verlasse, wenn du die Wahrheit über mich erfahren hast, bin ich dir nicht böse.“
„Das werde ich nicht“, erwiderte sie beunruhigt.
Er zog das Strohgeflecht aus den Fingern, rutschte mit gesenktem Haupt vor ihr auf die Knie und flüsterte:
„Ich bin die Bestie von Wien.“
Dieser Satz kam nicht nur unerwartet, sondern sie zweifelte daran, ihn richtig verstanden zu haben.
„Was meinst du denn damit?“
Verzweifelt sah er sie an. Máriska schüttelte den Kopf und meinte:
„Wie kommst du denn auf so etwas?“
„Ich bin die Bestie von Wien und habe das Unheil nach Ungarn gebracht“, wiederholte er klar und deutlich.
Ihr fehlten die Worte. Eindringlich sprach er weiter:
„Ich habe heute Nacht zugeschlagen. Du musst mir glauben, denn ich bin derjenige, der unfassbares Leid über Familien gebracht hat. Es wurde von mir auf grauenhafte Weise gemordet und daran gehe ich zugrunde!“
Máriskas Gedanken waren mit dieser Nachricht überfordert, und so saß sie nur verstört und stumm da. Sie hatte mit vielem gerechnet, aber damit nicht. Ungläubig strich sie ihm über den Kopf und fragte irritiert:
„Aber wieso solltest du das tun? Du bist so ein lieber und sensibler Mensch. Was bringt dich dazu …“
„Ich bin ein Werwolf“, unterbrach er seine Schwester weinend und vergrub sein Gesicht in ihrem Schoß, während er seine Finger verkrampft in den Stoff ihres Kleides krallte.
Máriska konnte nicht klar denken. Was hatte das alles zu bedeuten? Sie atmete tief durch und versuchte, die abstruse Aussage erst einmal nicht ganz ernst zu nehmen. Dennoch konnte sie sich seiner Verzweiflung nicht entziehen. So nahm sie ihn fest in die Arme, tupfte seine Tränen weg und ließ ihn weinen. Sie wehrte sich gegen das, was sie gehört hatte, und versuchte, etwas Sinnhaftes daraus zu machen. Vielleicht waren es Medikamente, die er einnahm und die seinen Geist verwirrten. Sie hatte gespürt, dass ihn von Anfang an etwas bedrückte. Es musste sich um seine Krankheit handeln, die ihn quälte. Vielleicht war er sogar verrückt oder drogenabhängig. Sie erinnerte sich an die seltsamen Bilder, die er gemalt hatte. Sorge und Ratlosigkeit machten sich in ihrem Kopf breit, denn gleichzeitig wurde ihr bewusst, dass es viele Geheimnisse gab. Aber dass er ein Werwolf sein sollte, schien ihr abwegig. Während sie ihn im Arm hielt, verirrten sich ihre Gedanken in die Zeit, als sie immer eine Antwort für ihn parat gehabt hatte, ihn trösten oder ihm jegliche Angst vor den täglichen Dingen des Lebens nehmen konnte. Jetzt hielt sie ihn wieder im Arm, aber seine Traurigkeit und Verlorenheit waren so unendlich groß, dass auch sie sich darin verlor. Sie musste herausfinden, was ihn bewog, so etwas von sich zu denken.
Nach einiger Zeit hatte er sich beruhigt und setzte sich wieder auf den Strohballen.
„Erzähle mir alles, auch wenn es gerade nicht leichtfällt, das zu glauben, was du gesagt hast. Wie kann ich dir helfen? Sollen wir zu einem Arzt gehen?“
Enttäuscht schluchzte er:
„Hast du mir zugehört? Ich bin ein Werwolf, eine Bestie. Ich zerreiße Menschen! Ich beiße ihnen sogar manchmal den Kopf ab!“
Er konnte an ihrem Blick erkennen, dass sie es nicht glauben wollte. Er schubste sie von sich, stand auf und wendete sich von ihr ab.
„Ach, vergiss es. Ich habe gedacht, hier finde ich jemanden, der mir zuhört, der mir glaubt und mich verstehen würde in meiner Not.“
Máriska erhob sich und wollte seine Hand nehmen, doch er zog seine weg. Traurig meinte sie:
„Du bist jetzt gerade ein wenig ungerecht zu mir. Ich sehe, wie du leidest und ich will dir doch helfen. Werwölfe sind Kreaturen aus Sagen, Märchen und Mythen. Lieber Máté, es gibt sie nicht. Wer immer dir das erzählt hat, der hat sich geirrt. Oder er ist einfach nur von deinem Zustand erschrocken. Nimmst du Tabletten? Ist es die Krankheit? Was immer dann mit dir los ist, ich werde dir nicht von der Seite weichen, wenn es wieder passiert.“
Ohne Vorwarnung ergriff er Máriska an den Oberarmen und drückte sie zornig auf den Strohballen. Seine Augen blickten sie vorwurfsvoll und voller Ärger an.
„Ich bin ein Werwolf. Ein Werwolf! Ich brauche niemanden, der das anzweifelt, sondern jemanden, der mir hilft. Ich weiß es und es gibt Beweise. Ich bin gefährlich, richtig gefährlich, und deshalb benötige ich jemanden an meiner Seite, der die Welt vor mir beschützt. Wenn du das nicht einsiehst und mir nicht glaubst, dann muss ich schleunigst wieder von hier verschwinden.“
Er ließ sie los und sank am nächsten Stützbalken zusammen.
Sie hatte ihn so noch nie gesehen und erlebt. Das erste Mal in Ihrem Leben hatte sie sich vor ihm richtig gefürchtet. Sie krabbelte an seine Seite. Er wimmerte:
„Es tut mir leid. Das wird nicht wieder vorkommen. Verzeih mir. Ich denke, es ist das Beste, wenn ich morgen wieder abreise und du alles vergisst, was ich dir eben erzählt habe.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Nein, das kommt überhaupt nicht in Frage. Es muss niemandem von uns leidtun. Wir sollten uns darüber noch einmal in Ruhe unterhalten und zwar dann, wenn niemand uns zum Kaffee trinken erwartet. Dominik und die Kinder könnten bald kommen. Es ist etwas viel auf einmal gewesen. Verstehst du das? Der Strick, dann dein Geheimnis, dass du eine Bestie oder besser gesagt ein Werwolf sein sollst. Das muss ich doch auch erst einmal verdauen.“
„Bin. Ich bin ein Werwolf“, betonte er harsch.
Sie machte eine beschwichtigende Handbewegung. Dem jungen Herrn tat es unendlich leid. Sie hatte recht mit dem, was sie sagte. Er war ungerecht. Was jahrelang schon Teil seines Lebens war, war nun etwas völlig Neues für sie. Er verlangte ihr viel ab, vielleicht zu viel. Sie konnte in ein paar Minuten nicht verstehen, was in all den Jahren passiert war und wie sehr seine Nerven blank lagen. Er fühlte sich ihr nah und verbunden. Erneut drückte er sie an sein Herz. Die Gräfin erwiderte die Liebkosung und erinnerte sich daran, wie es war, als ihr Papa sie so umarmte. Im Schutz dieses wohligen Andenkens erlaubte sie sich, sich zu beruhigen. Ohne seine Gefühle erneut zu verletzen oder seine Glaubwürdigkeit in Frage zu stellen, musste sie dringend mehr herauszufinden. Auch wenn sie diese Werwolf-Geschichte nicht glauben mochte, so wollte sie trotzdem wissen, welche Gefahr von ihm ausging. Immerhin konnte er sehr wütend werden, dass hatte sie nun begriffen. Sie löste die Umarmung.
„Ich traue mich gar nicht zu fragen, aber muss ich denn um unsere Familie fürchten, wenn du da bist?“
„Nein. Ich kenne die Zeitpunkte meiner Verwandlungen, dann lasse ich mich einsperren und anketten.“
„Auf jeden Fall werde ich bei der nächsten Verwandlung bei dir sein.“
Aufgebracht mahnte er:
„Du darfst das nicht unterschätzen, was mit mir passiert. Warum begreifst du nicht, wie gefährlich ich bin? Es gibt Werwölfe und einer sitzt mit dir auf dem Fußboden. Alles, was ich vor dem Abendessen letztens erzählt habe, ist wahr – bis auf die Krankheit. Meine Krankheit ist in Wirklichkeit ein Fluch; ausgesprochen von einer Zigeunerin, die unseren Vater für etwas bestrafen wollte. Deshalb ist Mama von ihm weg und hat mich mitgenommen, damit diese Geschichte in Ungarn zu einem Ende kommt. Sie wollte die Familie vor dem Gerede schützen und vor meinen Klauen. Wenn ich zu einem Werwolf werde, dann bin ich nicht mehr ich selbst. Es bleibt mir keinerlei Erinnerung an das Geschehene. Mein Geschäftspartner und Freund András sorgt dafür, dass ich in diesem Zeitraum sicher weggeschlossen bin. Aber hier und da habe ich es geschafft, mich zu befreien, und dann passieren diese schrecklichen Dinge in Wien und der Umgebung. Er ist nun auf der Suche nach einer Frau in Rumänien, die den Fluch vielleicht aufheben kann. Infolgedessen brauche ich jemanden an meiner Seite, der mich versteckt, ankettet und wegschließt. Da habe ich an dich gedacht, denn diesem Jemand muss ich blind vertrauen können. Das ist der wahre Anlass für mein Kommen. Es tut mir leid, dass es jetzt wohl sehr enttäuschend für dich ist.“
„Nein, es ehrt mich, dass du immerhin an mich gedacht hast in deiner Not.“
„Aber im Schoß der Familie hat sich alles wieder wie früher angefühlt. Ich war stellenweise überglücklich. Es kam der Gedanke auf, dass ich dich nicht zusätzlich belasten wollte und da habe ich … das in Betracht gezogen, was ich des Öfteren schon in meinen Gedanken durchgespielt habe. Es war nicht mein erster Versuch, meinem Leben ein Ende zu setzen. Obwohl ich das alles nicht mehr aushalte, fand ich immer einen Grund, es zu verschieben. Mag sein, dass ich doch zu feige dafür bin.“
„Danach hat es vorhin wirklich nicht ausgesehen.“
„Ich weiß, aber wahrscheinlich hätte ich doch wieder einen Rückzieher gemacht.“
„Gott sei Dank! Jetzt, wo wir wieder zusammengefunden haben, helfe ich dir doch und möchte teilhaben an dem, was dich belastet.“
Er schaute ihr tief in die Augen und bat eindringlich:
„Du musst mich übermorgen verstecken, einsperren und anketten. Weit weg, damit mich niemand schreien und brüllen hört. Das ist jetzt das Wichtigste. Ich verspreche dir, dass ich dir alles erzählen werde, was ich über den Fluch und unsere Familie weiß. Alles, aber du musst darüber schweigen, und du darfst auf keinen Fall leichtsinnig werden, was mich angeht. Befolge alles, was ich dir sage, ganz genau, dann wird niemandem etwas passieren.“
Fassungslos saß sie da. Dass es nun auch noch einen Fluch gab und weitere Verstrickungen, ließ sie unruhig und gleichzeitig neugierig werden. Sie nickte zustimmend.
„Ich werde alles so machen, wie du es willst. Ich bin die Briefe schon fast alle durchgegangen und trotzdem fehlt etwas, um sie richtig zu verstehen. Werde ich das fehlende Bindeglied dann von dir erfahren?“
„Ja, wahrscheinlich. Komm, lass uns ins Haus gehen, sonst werden sie skeptisch.“
Sie klopfte die Strohhalme aus ihrem Kleid und blickte ihn an.
„Wie könnte ich mich denn deiner erwehren, falls du dich plötzlich befreien solltest? Würdest du uns angreifen oder instinktiv erkennen?“
Entschlossen stand er auf und zog sie hoch. Ohne weitere Worte lief er, mit ihr im Schlepptau, geradewegs zum Gutshaus. Verwundert stolperte sie an seiner Hand hinterher.
„Was soll das denn? Was ist denn in dich gefahren? Gib mir eine Antwort. Was müsste ich machen?“
Zwei dunkle Augen beobachteten beide, als sie über den Hof hasteten. Die Gestalt flüsterte bösartig:
„Du hältst dich wohl für besonders schlau, Máté.“
Ohne eine Antwort zu geben, schleppte der junge Herr seine Schwester ins Wohnhaus. Im Gang trafen sie auf Orsolya.
„Na endlich, wo bleibt ihr denn?“
„Wir kommen gleich“, beantwortete Máriska die Frage hektisch, während er Máriska die Treppe hoch zu seinem Zimmer zerrte und hinter ihnen die Tür verschloss.
Er setzte sie unsanft auf das Bett und öffnete seinen Nachttisch. Aus der Schublade holte er eine zweiläufige Pistole, legte sie in ihre Hand und befahl:
„Dann erschießt du mich.“
Der Gräfin zog es förmlich den Boden unter den Füßen weg, als sie auf die Waffe starrte.
„Du hast keine andere Chance. Das sind spezielle Kugeln. Geweiht und aus Silber. Nur mit denen kannst du mich töten. Andere Kugeln verletzen mich, aber nur kurz. Und auf einen Nahkampf darf sich niemand mit mir einlassen. Du darfst auch keine Gedanken daran verschwenden, mich nur verletzen zu wollen. Wenn du schießen musst, dann ziele richtig. Herz oder Kopf. Versprich mir das. Solltest du mich aber gut und sicher wegschließen, wird es dazu nicht kommen.“
Ihr blieb die Luft zum Atmen weg. Aufgeregt stammelte sie:
„Was redest du denn da? Weißt du, was du da von mir verlangst?“
„Wenn ich als Bestie vor dir stehe, glaube mir, wird es dir nicht schwerfallen abzudrücken. Und wenn es so weit kommen würde, dann wäre ich erleichtert, dass du es bist, die mein Leben beendet – und niemand, der mich vielleicht vorab noch gejagt hat. Du müsstest kein schlechtes Gewissen haben.“
Sie schüttelte aufgebracht den Kopf und gab ihm die Waffe zurück.
„Ich will sie nicht haben. Ich vertraue dir, und ich weiß, du wirst uns nichts anhaben, falls du ausbrechen kannst.“
„Die Menschen, die heute Nacht gestorben sind, habe ich umgebracht.“
„Du warst in Pest-Buda. Wie hättest du so schnell dahin kommen sollen?“, konterte sie.
Er schwieg für einen kurzen Augenblick und schloss ihre Hände um die Waffe.
„Ich war nicht in Pest-Buda und ich habe auch keine Geschäfte dort abgeschlossen. Ich wurde heute Nacht angekettet, weil ich mich in einen Werwolf verwandelt habe. In zwei Tagen wird es wieder so sein. Meine Fesseln und Ketten sind in einem alten Gebäude in der Nähe von Diósvölgy, welches früher als Gefängnisunterkunft für Gefangenentransporte genutzt wurde.“
Máriska spürte, dass sich ihr immer mehr Fragen aufdrängten.
„Aber hattest du dich denn befreit? Wer hat dich dorthin gebracht und wer wieder los gemacht, wenn dein Freund sich woanders aufhält?“
„Bleib ruhig, es darf niemand mitbekommen, was wir hier sprechen. Heute Morgen machte es den Anschein, als wenn ich mich nicht befreit hätte, aber nach der Nachricht in der Zeitung, habe ich daran gezweifelt.“
Bekümmert schaute sie in seine Augen.
„Du musst doch wissen, ob du dich befreit hattest. Oder zumindest die Person, die dich angekettet und wieder von den Fesseln losgemacht hat. Hast du mit den Fesseln an deinem Körper dein Bewusstsein wiedererlangt?“
Er versuchte, ihre Aufgebrachtheit einzudämmen.
„Leise, Máriska. Versuche dich doch zusammenzureißen. Es ist nicht so einfach, wie du denkst. Ich werde dir alles erläutern und zeigen. Vertraue mir. Ich habe dir gesagt, dass es eine große Last ist und du wirst einiges lernen müssen, wenn du mir helfen willst.“
Sie versuchte, ihre Emotionen zu bändigen und atmete tief durch.
„Ich gebe mir alle Mühe. Es darf nie so weit kommen, dass ich diese Waffe benutzen muss.“
Ohne es zu wollen, konnte er spüren, was sie fühlte, und erahnen, was sie dachte. Ihre Zweifel und die gleichzeitig aufkommende Panik machten ihn unruhig. Umso mehr bedauerte er es zutiefst, sie in diese Situation zu bringen. Ohne András war er aber verloren, deshalb benötigte er einen zweiten Verbündeten, auch um Zeit zu gewinnen. Nur so konnte er sich darüber klar werden, was er wirklich wollte und welchen Preis er bereit war, für seine Freiheit, seinen Tod oder das Leben, so wie er es jetzt führte, zu bezahlen.
„Wir müssen runter, sonst werden die anderen misstrauisch, wenn wir gar nicht zum Kuchen essen kommen“, hörte er plötzlich Máriskas gefasste Stimme, die ihn aus seinen Gedanken riss. Die Gräfin stand auf, strich sich ihren Rock zurecht und richtete sich die Haare. Mit einem bekümmerten Lächeln meinte sie:
„Wir dürfen niemandem einen Grund geben, irgendetwas seltsam an unserem Verhalten zu finden. Dominik anzulügen fällt mir schwer. Er sieht es mir bestimmt an.“
„Ich bin geübt darin. Sag einfach wenig und lass mich machen. Mir ist bewusst, dass dein Gatte nicht zögern würde, mich ins Gefängnis zu werfen, in die Irrenanstalt einliefern zu lassen oder mich gar zu töten, aber nur aus Liebe und zum Schutz für euch. Vergiss das nie, Máriska.“
Arm in Arm liefen beide die Treppe hinunter.
„Was glaubt ihr eigentlich, wie lange Kaffee auf dem Stövchen warm bleibt ohne bitter zu werden?“, murrte Orsolya in der Küche, als die Geschwister eintraten.
Der Abend verlief ruhig. Dominik erzählte von den Glanzleistungen seiner Familien und konnte es nicht lassen, hier und da eine kleine Spitze über die Márusis oder das Leben mit Orsolya zu verteilen. Trotz der allgemeinen Ausgelassenheit vernahm er sehr wohl fehlende Konzentration bei seiner Frau. Dies beunruhigte ihn.
Ausnahmsweise durften auch die beiden Jugendlichen zur sehr späten Stunde noch anwesend sein, denn Máté und der Hausherr hatten die Idee, eine Partie Schach zu spielen. Bálint fand das Spiel äußerst aufregend und wollte unbedingt zusehen, wie sein Vater gegen seinen Onkel vorging. Dem Grafen gefiel das Interesse seines Sohnes am Schachspiel. Bianká hätte er am liebsten gleich zu Bett geschickt, denn es war offensichtlich, dass ihr Interesse mehr ihrem Onkel galt als diesem aufregenden Spiel. Trotzdem gewährte er seiner Tochter die Bitte. Bianká schaute ganz genau, wie Máté bei seinen Zügen vorging, stickte dabei und lächelte schüchtern, wenn sich ihre Blicke trafen. Alles in allem war es ein angenehmer Abend gewesen.
Die Lichter waren erloschen und alle im Haus waren zu Bett gegangen. Alle bis auf einen. Máté saß auf dem Rand seines Bettes und zeichnete. Dabei führte er den Stift ruhig und gelassen über das Papier. Aus einer sehr ungewöhnlichen Perspektive skizzierte er ein Schachbrett mit Spielfiguren darauf. Doch je länger er herummalte, desto mehr erweckte die Nachttischlampe durch ihr Flackern den Eindruck eines lebendigen Gemäldes. Die Spielfiguren änderten mit jedem weiteren Strich ihre Haltung. Die Bauern verdrehten sich, die Türme stürzten umher oder zerschmetterten sich gegenseitig, wenn sie aufeinandertrafen. Die Malbewegungen entglitten seiner Kontrolle und gestalteten das erst so korrekt und realistisch gemalte Kunstwerk zu einem schaurigen, abstrakten Schauspiel auf Papier.
Der alte Gutshof
Ervin hatte die Pferde gesattelt und führte diese aus dem Stall. Es war ein wunderschöner Tag. Der pulverige Schnee glitzerte im Schein der Sonne und der Himmel zeigte sich in strahlendem Blau. Die beiden Geschwister stiegen auf ihre vorbereiteten Rosse. Máriska überließ Máté Zigánká. Sie entschied sich für Kengyel.
„Richte Orsolya bitte aus, dass wir gegen Mittag zurück sind. Sie soll sich keine Sorgen machen“, sagte die Gräfin noch schnell zu dem Haushelfer, bevor beide losritten.
Gemächlich schritten die Pferde beim Verlassen des Innenhofs nebeneinander her.
„Wie geht’s dir heute Morgen?“, fragte Máté besorgt.
„Na ja, ich habe heute Nacht schon viel gegrübelt und war unruhig. Das konnte ich vor Dominik nicht verbergen. Aber heute wird es wohl noch schlimmer werden. Jetzt, wo ich das alles weiß, lese ich die Briefe mit einem ganz anderen Hintergrund und einiges wird verständlicher. Auch deine Zeilen erscheinen mir plötzlich so ganz anders.“
Sie atmete tief durch.
„An welchen Tagen passiert denn deine Verwandlung genau? Ich meine, üblicherweise sagt man, dass Werwölfe sich bei Vollmond verwandeln – üblicherweise, jedenfalls in den Gruselgeschichten. Also, wenn du so eine Kreatur sein würdest …“
„Ich bin so eine Kreatur“, erwiderte er kurz.
Mit traurigem Gesichtsausdruck beteuerte sie:
„Ich glaube dir doch, ehrlich. Dass du nicht mehr weißt, was in diesem Zustand passiert oder es für andere gefährlich ist, aber das mit dem Werwolf … fällt mir sehr schwer und will einfach nicht in meinem Kopf. Das wäre Hexerei und so etwas gibt es doch nicht. Ich glaube daran jedenfalls nicht. Wenn das rauskommen würde, wärst du nirgends mehr sicher. Sie würden dich jagen und als Geschöpf des Teufels entweder fangen und ausstellen oder hinrichten.“
„So wie in den Zeitungen von Wien gefordert? Du erzählst mir da nichts Neues, liebe Schwester. Das ist der Grund, weshalb ich genauso lebe, wie ich lebe. Kannst du das jetzt verstehen?“
Er schaute zu ihr hinüber und vernahm ihren nachdenklichen Gesichtsausdruck.
„Du darfst auf keinen Fall den Fehler machen, etwas von mir in dieser Bestie sehen zu wollen. Im Gegenteil, ich möchte, dass du gehst, bevor ich mich verwandele, damit du gar nicht in Versuchung geführt wirst, etwas Gutes in mir zu sehen. Das musst du mir versprechen! Versprich es mir, bitte!“, forderte er ungehalten ein.
„Ich habe dir doch schon mehrfach gesagt, dass ich es dir verspreche. Ich schwöre es dir! Zufrieden?“
Obwohl ihre Beteuerung nicht sehr einsichtig klang, hoffte er darauf, dass die Geschichte des Fluchs sie überzeugen würde.
„Mit dem Verschwinden des letzten Sonnenstrahls beginnt meine Verwandlung. Der Mond hat damit nichts zu tun. Es war anfangs überhaupt nicht möglich zu wissen, an welchen Tagen es passierte. Wir mussten uns überraschen lassen und die ersten Jahre erst einmal akribisch alles dokumentieren. Trotz unserer Recherche sind wir nur durch einen günstigen Zufall darauf gestoßen, dass es mit dem Todestag der Männer und Frauen zu tun hatte, die unser Vater durch Intrigen vor Gericht gebracht hatte, und die unschuldig im Gefängnis verstarben oder hingerichtet wurden. An deren Sterbedatum ereilt mich nachts der Fluch. Alle Verurteilten sind bereits gestorben. Unser Vater hat schlimme Dinge getan, sehr schlimme.“
Es klang fast bedrohlich, wie Máté das sagte. Gespannt zuckte sie mit den Schultern.
„Ich möchte trotzdem alles wissen. Egal, wie beschämend die Wahrheit sein wird. Wir haben etwas mehr als eine Stunde Zeit, bis wir an diesem alten Gutshof sind. Ich werde dir also aufmerksam zuhören.“
Er war gewillt, ihr alles über den Fluch zu offenbaren, jedenfalls fast alles.
„Ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll. Es begann damit, dass Papa, obwohl er bereits mit Mama verheiratet war, eine geheime Liebschaft mit einer sehr jungen Zigeunerin namens Ileana Dumitrescu pflegte. Wie er sie kennenglernt hatte und wie lange das alles ging, weiß ich nicht.“
„Fremdgegangen?“, empörte sie sich laut.
„So etwas kommt in den besten Familien vor. Unser Vater war kein Heiliger, stelle dich darauf schon mal ein. Schau mal, wie schön die schneebedeckten Hügel in der Sonne glänzen.“
„Bitte erzähle weiter und lenk nicht ab.“
„Irgendwann kam es zwischen den beiden zum Streit. Warum, weiß so richtig niemand, jedenfalls ich nicht. Er soll Ileana dann im Zorn schwer misshandelt und auch vergewaltigt haben. Er leugnete diese Tat immer, wohl, weil er die Rache der Zigeuner fürchtete. Denn Ileana war nicht nur jung, sondern sehr jung, zu jung und als verheirateter Mann Schande über eine junge Frau zu bringen, entehrte alle. Unsere Familie, die Sippe – und so blieb nur eines: nämlich, es zu verheimlichen, besser gesagt zu leugnen. Natürlich erzählte Ileana ihrer Mutter davon und die blauen Flecken konnte sie wohl auch nicht verstecken. Das war der Auslöser.“
Máriskas Blick blieb starr. Sie streichelte den Hengst und schaute dann zu Máté hinüber, der pausierte.
„Was? Ich höre erst bis zum bitteren Ende zu. Wenn ich jetzt Fragen stelle, verliere ich wahrscheinlich den Überblick. Noch ist es wie eine Geschichte, die jemand anderem passiert ist, denn ich kenne unseren Vater als sehr liebevollen und sorgsamen Menschen. Also, erzähle weiter.“ Er nickte und fuhr fort:
„Unser Vater, sah nur eine Chance, dem Ganzen zu entrinnen und intrigierte gegen die ganze Sippe. Die Zigeuner rebellierten von Anfang an gegen ihn und irgendwie spitzte sich alles zu. Schnell wurden Drohungen ausgesprochen und ihm aufgelauert. Nicht nur, weil er sie geschlagen und über sie hergefallen war, sondern auch, weil herauskam, dass Ileana zum Zeitpunkt der Misshandlung bereits schwanger gewesen war. Die Sippe behauptete, Lévente sei der Vater des Kindes. Ileana und das Baby starben bei der Geburt im Gefängnis, denn dort hatte er auch sie hinbringen lassen. Er fädelte etwas ganz Raffiniertes ein und beschuldigte den damaligen Sippenführer Zsonzo Barasái der Tat an Ileana, aber dies konnte er nur seinen Getreuen weismachen.
Dieser kleinen Gruppe von umherziehenden Leuten wurden weitere Verbrechen untergeschoben. Verbrechen, von denen sich die eigentlichen Schuldigen bei unserem Vater freikauften und ihm dafür ihre uneingeschränkte Loyalität schwuren. So standen plötzlich Schuldige als Zeugen vor Gericht, um die Unschuldigen für etwas verantwortlich zu machen, was sie nie getan hatten. Unser Vater hatte hier einen genialen Plan und ein Netzwerk erschaffen, um das Recht für sich zu beugen und die Richter gleich mit. Diese unliebsame Sippe vermisste niemand in dieser Gegend, deshalb war es den meisten auch egal, wie sich derer entledigt wurde. So erzählte man es sich jedenfalls. Dokumente wurden zerstört, Namen geändert und die, die es hätten aufklären können, waren Teil dieses Komplotts und schweigen bis heute, sofern sie noch am Leben sind. Dieser Plan wurde bis zum bitteren Ende verfolgt.
Die Zigeuner wurden zum größten Teil direkt ausgelöscht oder eingesperrt. Katalin Dumitrescu, die Mutter von Ileana, schaffte es irgendwie zu entkommen. Sie rächte sich für den Tod ihrer Tochter, ihres Enkels und ihrer Sippenmitglieder, indem sie den Fluch des Werwolfs für seinen ersten männlichen Nachkommen aussprach. Das war ich. Der Fluch besagt, dass an dem Datum, an dem ein Sippenmitglied hingerichtet wurde oder im Gefängnis verstarb, ich mich nachts zu einem Werwolf verwandele. Genauso vollzieht sich jetzt der Fluch seit meinem achtzehnten Geburtstag bis zu dem Tag, an dem ich für immer die Augen schließen werde.“
Máriska war schockiert. Beide stoppten ihre Pferde und sie dachte laut nach.
„Deshalb haben sich alle von Papa abgewandt. Mama, Tante Eszter und einige Nachbarn. Seine Freunde waren die, die mit ihm in einem Netz der gegenseitigen Abhängigkeiten und Verpflichtungen gefangen waren. Das ist ja furchtbar. Wie konntest du solange allein mit diesen Tatsachen leben? Wieso hat mir davon niemand etwas gesagt?“
„Du warst ein kleines Kind, als Papa fremdging und später wollte niemand darüber reden. Das, was ich darüber weiß, hat mir nur unsere Mutter erzählt. Außerdem leugnete unser Vater diese Vaterschaft und die Tat an Ileana bis zum Schluss und befand, dass es für ihn keine andere Chance gegeben hätte, sich der fälschlicherweise gegen ihn gerichteten Rache der Zigeuner zu erwehren. Und …“
Máté verfiel in Schweigen.
„Und was? Was denn noch?“, fragte sie unruhig nach.
Ihr Bruder trieb sein Pferd wieder an und sie folgte.
„Vater konnte es nicht ertragen, einen Werwolf in der Familie zu haben. Er meinte, dass es kein Leben ist, als Werwolf sein Dasein fristen zu müssen. Es wäre für alle belastend und gefährlich. Anfänglich glaubte ich noch an eine Krankheit, bis Mama mir erklärte, dass es eben ein Fluch war. Sie ließ nichts unversucht, diese Verwünschung rückgängig zu machen, aber wir scheiterten. Wien schien deshalb geeigneter für einen wie mich, Fuß zu fassen. Unsere Mutter lehnte irgendwann jegliche Hilfe von ihm ab: Geschenke, Geld und auch seine Besuche. Warum das alles so kam, habe auch ich erst später erfahren.“
„Aber da muss doch etwas vorgefallen sein. Wieso hat sie mich einfach zurückgelassen und nichts gesagt? Nicht mehr geschrieben oder mich zu Besuch eingeladen?“
„Schmerz? Sorge? Ich weiß nicht, welche Abmachung die beiden getroffen haben, aber glücklich war sie über all das nicht. Niemand war es und trotzdem blieb es dabei, dass wir uns ein anderes Zuhause aufbauten. Besonders wegen eines Vorfalls.“
Máriska öffnete ihren Kragen.
„Mir wird ganz heiß. Das ist die Aufregung. Erzähl weiter, sonst halte ich das alles nicht aus. Was denn für ein Vorfall?“
„Also gut. An einem Tag im Winter, als es bereits dunkel geworden war und ich mal wieder etwas später nach Hause kam, schloss ich die Haustür auf und summte noch ein Liedchen vor mich hin. Ich bemerkte nicht, dass jemand im Treppenhaus auf mich gewartet hatte. Hinterrücks stach plötzlich jemand mit einem Dolch mehrfach auf mich ein. Mama hörte mich schreien und kam sofort die Treppe heruntergerannt. Sie schoss auf den Angreifer und traf ihn am Arm. Daraufhin flüchtete er. Das ganze Haus war plötzlich wach und alle kümmerten sich um mich. Wie du siehst, habe ich es überlebt.“
Sie stoppte Kengyel. Betroffen und fassungslos folgte ihr Blick dem Mitreiter.
„Wieso hatte Mama gleich eine Waffe parat? Wusste sie, dass dir jemand nach dem Leben trachtet?“
Stumm zuckte er die Schultern und ritt weiter.
„Sie hatte mir bis dahin nichts davon gesagt, wahrscheinlich weil sie es selbst nicht glauben wollte.“
Sie trieb ihr Pferd wieder an und seufzte, so, als wenn sie es schon ahnen würde.
„Und wer war der Täter?“
„Unsere Mutter war überzeugt davon, dass es unser Vater gewesen war. Sie arrangierte kurz danach ein Treffen mit ihm und konnte ihn an einer Wunde am Arm praktisch überführen, aber er leugnete es. Sie zeigte ihn nicht an, denn sie hatte zu viel Angst, dass dann Dinge herauskommen würden, die wir seit meinem achtzehnten Lebensjahr versuchten zu verheimlichen. Trotz seiner Beteuerung, dass es ihm aufrichtig leidtäte, glaubte sie ihm kein Wort. Deshalb durfte ich ihn nie sehen oder in der Nähe sein, wenn er mal zu Besuch kam. Nach diesem Abend war ich auch extrem vorsichtig geworden. Mein Freund András wurde ab diesem Augenblick nicht nur mein Geschäftspartner, sondern auch mein stetiger Begleiter. Er selbst war über diesen Anschlag so schockiert gewesen, dass er mir nicht mehr von der Seite wich. Ich war damals zwanzig Jahre alt. Mit dem Tod unseres Vaters kam für mich ein Stück Erleichterung in mein Leben zurück. Ich musste keine Angst mehr haben, dass er einen neuen Versuch unternehmen oder jemanden beauftragen würde, mich zu töten.“
„Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll. Das ist alles so furchtbar. Warum hast du denn nie etwas gesagt oder davon geschrieben? Ich dachte, unser Vater zerbrach daran, dass er dich nicht sehen durfte und Mama ihn nicht mehr zurückhaben wollte. In Wirklichkeit hat er dir nach dem Leben getrachtet, Mama betrogen, Menschen in ihr Unglück gestürzt und viel anderes Unheil angerichtet. Ich kann das alles gar nicht fassen. Ich kenne unseren Vater ganz anders: Lieb, fürsorglich, leidend über den Familienzerfall und herzensgut zu meinen Kindern und anderen. Wie kann das alles zusammenpassen?“, stellte sie völlig aufgelöst fest.
„Wollen wir einen Schneemann bauen?“, fragte Máté mit einem Lachen. Seine Schwester starrte ihn entgeistert an und stammelte verwirrt:
„Was? Einen Schneemann? Jetzt? Máté, meine Welt stürzt gerade zusammen! Gestern das über dich und jetzt diese verworrene Familiengeschichte …“
Er brachte beide Rosse zum Stehen, indem er ihr in die Zügel griff. Schwungvoll sprang er aus seinem Sattel und hob danach Máriska aus ihrem. Er streichelte ihre kalte Wange, lächelte sie zuversichtlich an und beteuerte:
„Deine Welt muss nicht auseinanderfallen. Behalte alles so in Erinnerung, wie du es kennengelernt hast. Schließe einfach nur deine Wissenslücken, um das eine oder andere besser zu verstehen. Unser Vater hat dich und deine Kinder geliebt – genau, wie er Mama geliebt hat. Da bin ich mir sicher. Vielleicht hat er sogar mich geliebt und wusste einfach, dass ich mich nicht wohlfühlen werde in dieser Welt. Er hat nur in einem unachtsamen Moment die Folgen seines Handelns nicht bedacht. Wahrscheinlich hat er sogar die junge Zigeunerin geliebt. Wer will von uns zwei jetzt noch darüber richten? Wir haben ein Stück gemeinsame Geschichte und jeder hat zusätzlich noch seine eigene. Auf jeden Fall wollte jeder Elternteil für uns nur das Beste und das ist wichtig.“
„Wie kannst du das so hinnehmen? Wir hatten einen egoistischen, selbstsüchtigen, gewissenlosen Menschen als Papa“, wunderte sie sich verstimmt.
„Aber ich kann es nicht mehr ändern; nur lernen, damit zu leben. Wenn ich anfange, ihn dafür zu hassen, werde ich meines Lebens nicht mehr froh und bin mit ihm mehr verbunden als ich es möchte. Ich habe mein Leben, ob es mir gefällt oder nicht, deshalb muss ich meine Probleme lösen und meinen Weg gehen. Was nützt es, jemandem dafür Vorwürfe zu machen, der nicht mehr lebt oder daran nichts mehr ändern kann? Das habe ich gelernt. Glaube nicht, dass ich deine Reaktion nicht verstehe, aber unser Vater war für dich etwas anderes als für mich. Gönne ihm die Freude und genieße, dass er dir die Liebe schenken konnte, die du gebraucht hast, um die Frau und Mutter zu werden, die du heute bist.“
Sie blickte hilflos und sprachlos umher. Er hatte Recht, dennoch hatte sie gehofft, etwas anderes über die Familie zu erfahren als das. Plötzlich wurde sie gepackt und in den Schnee geworfen.
„Also gut, wenn wir keinen Schneemann bauen, dann machen wir eine Schneeballschlacht.“
Er formte Schnee zu einer Kugel und wollte so die aufkommende Schwermut seiner Schwester vertreiben. Sie feuerten einige Schneebälle hin und her.
„Du bist albern, ich bin gerade untröstlich und fühle mich verloren“, lachte sie ihren Bruder irritiert an, während sie sich das weiße Pulver aus dem Gesicht wischte und aus den Haaren schüttelte.
Er stieg wieder auf sein Pferd und meinte:
„Wieso? Ich bin doch da, falls du dich also verloren fühlst … Willkommen in meiner Welt. Du wolltest unbedingt teilhaben. Jetzt bist du drin. Dann sind wir schon zwei und geteiltes Leid ist nur halbes Leid, oder wie war das?“
Er trieb Zigánká an und ritt mit einem Lachen davon. Máriska wusste nicht, ob sie weinen oder ebenfalls lachen sollte. Er verhielt sich sonderbar, wahrscheinlich wollte er sie ablenken und auf seine Art trösten. Ihre Gefühle waren trotzdem aufgewühlt. Sie stieg wieder auf Kengyel und musste sich mächtig anstrengen, ihn einzuholen.
„Na, auch schon da?“, belächelte er ihren Gesichtsausdruck, den er sehr gut deuten konnte. Sie brachte ihre gelebte Realität noch nicht mit dem zusammen, was sie eben gehört hatte.
„Hör auf zu grübeln. Es wird dir nichts bringen. Ich kann dir das aus Erfahrung sagen. Los, auf drei galoppieren wir. Wir wollen heute ja noch ankommen.“
Sie gab nach und folgte ihm.
Am Gutshof angekommen, banden sie ihre Gäule am Gestell des alten Brunnens fest.
„Hier bin ich noch nie gewesen“, murmelte sie und sah sich mit einem Unwohlsein um.
Máté führte sie durch den Vorraum der alten Stallung, direkt in das Verlies, wo noch seine Ketten, Fesseln und die Schlösser lagen. Máriska fand das Gemäuer unheimlich und der Anblick dieser Werkzeuge, die für Gefangenschaft und Freiheitsberaubung standen, verursachte ein eigenartiges Gefühl in ihr. Die mitgebrachte Lampe erhellte den dunklen Raum nicht besonders stark, dennoch konnte sie alles einigermaßen erkennen. Sie beugte sich hinab und betrachtete die verschiebbaren Metallringe für die Gelenke und den Hals, dann fiel ihr Blick auf die eingelassenen Verankerungen in der Wand, an denen die Ketten angebracht waren. Behutsam strich sie über die Halsfessel und blickte verzagt zu ihrem Bruder.
„All das wird benötigt, um dich anzuketten und zu fesseln? Und dann liegst du die ganze Nacht hier im Kalten herum? Stell dir vor, es kommt jemand, der dir Böses will. Du könntest dich nicht einmal wehren.“
Er schmunzelte nachdenklich.
„Diesen Gedanken habe ich bisher noch nicht in Erwägung gezogen. Seltsam eigentlich. Komm, ich führe dich noch durch das Haus, den Gang, der die beiden Gebäude verbindet und dann reiten wir schleunigst zurück. Morgen zeige ich dir genau, wie du mir die Sachen anlegen musst.“
Wie in Trance musterte sie die Ketten und wurde traurig.
„Hallo, meine Prinzessin? Nicht träumen“, hauchte er und tupfte ihr mit seinem Finger auf die Nase.
„Komm, mache es dir und mir nicht schwerer als es ist. Ich kenne diese Situation und du wirst auch lernen, damit umgehen zu können.“
Er nahm ihr die Fesseln aus den Händen und zog sie ungeduldig aus dem Gebäude. Direkt am Eingang fielen ihm aus dem Augenwinkel frische Spuren im Schnee auf. Diese führten hinter die Stallung. Diese Tatsache ließ er sich nicht anmerken und stieg auf sein Ross.
„Los geht’s. Ich kriege langsam Hunger. Orsolya ist bestimmt schon am Kochen, da dürfen wir nicht zu spät kommen“, rief er.
Máriska saß ebenfalls auf. In diesem Moment erinnerte sie sich an die früheren Zeiten und grinste ihn spitzbübisch an.
„So gefällt mir das besser“, erwähnte er mit einem Augenzwinkern.
Weit nach vorne gebeugt, flüsterte sie in das Ohr von Kengyel:
„Mach dich bereit, mein Kleiner. Es gibt etwas zu gewinnen. Wer weiß, ob er sich auf Zigánká überhaupt noch halten kann bei unserem Tempo.“
Der Hengst schien sich umgehend in Position zu stellen und erhöhte seine Körperspannung. Máté spitzte neugierig die Ohren.
„Was plapperst du denn da?“
Ohne Vorwarnung schlug sie die Schenkel in die Seite des Pferdes und schrie:
„Wer zuerst zu Hause ist, bekommt den Nachtisch des anderen.“
Sie riss die Zügel herum und der kleine Wilde stürmte los. Diesen Wettkampf hatten sie früher immer gemacht, wenn sie mit ihren Pferden unterwegs gewesen waren. Er ließ sich freudig darauf ein und folgte mit der Gewissheit, dass er auch zwanzig Jahre später mit seiner Strategie einen zusätzlichen Nachtisch ergattern würde.
Beide kamen pünktlich zum Mittagessen nach Hause. Orsolya hatte Griebenpogatschen mit Gulaschsuppe gemacht und in der Küche den Tisch gedeckt. Ervin blätterte in der Zeitung. Sein Magen knurrte schon vor Hunger. Máriska bevorzugte es, hier zu speisen, wenn die Kinder und Dominik nicht anwesend waren. Erstens war es wärmer als in den anderen Räumen und zweitens, das war für sie eigentlich der Hauptgrund, konnte man kleckern, weil hier keine Tischdecke aufgelegt war. Rundum, es war in der Küche einfach gemütlicher, auch wegen dem Wohlgeruch des Raumes. Getrocknete Paprika, Peperoni und geflochtene Knoblauchringe hingen an der Wand. In den Regalen standen Körbe, die mit Zwiebeln und Kartoffeln befüllt waren und ebenso Gläser mit eingemachtem Obst und Gemüse. Der Ofen gab eine wohlige Wärme ab. Die getrockneten Gewürze hingen von der Decke und verströmten einen angenehmen Duft. In den alten Holzregalen standen Tontöpfe mit Mehl, Gries, Salz und verschiedenen Paprikapulvern. Endlich saßen alle am Tisch. Máriska schöpfte die Suppe in die Teller und kleckerte. Orsolya zog einen Lappen aus ihrer Schürze, tupfte vom Holztisch die kleine Pfütze weg und grinste Máté an:
„Manche Dinge ändern sich nie.“
„Wir wollen morgen Abend zu einem alten Freund von Máté. Er übernachtet dort übrigens auch“, erzählte die Hausherrin freudig und brach dabei die dampfende Griebenpogatsche auseinander.
„Was ist das denn für ein Freund? Wohnt der hier in Szamárhegy? Und was willst du denn dort, wenn es sein Freund ist?“, wunderte sich Orsolya.
„Du darfst alles essen, Orsolya, aber deshalb noch lange nicht alles wissen. Schon deshalb, weil es ein Freund ist, den du schon in meiner Jugendzeit nicht sonderlich gemocht hast. Und außerdem wohnt er nicht mehr in diesem Ort“, log der junge Herr ganz unverblümt und löffelte weiter seine Suppe.
„Habe ich dir schon gesagt, dass du die beste Suppe weit und breit machst, Orsolya? So eine Suppe gibt es noch nicht mal in den besten Häusern von Wien“, lobte er das Essen.
Die Haushälterin beäugte ihn skeptisch und schimpfte:
„Du brauchst gar nicht versuchen, mich um den Finger zu wickeln und von meiner Frage ablenken.
Ich muss dem Grafen ja sagen können, wohin sein Besuch ist und wo seine Frau sich mit ihm zusammen herumtreibt. Warum gehst du überhaupt mit ihm, Máriska? Willst du dann alleine wieder zurückkommen? Im Dunkeln? Was sind denn das plötzlich für Sachen?“
Die Gräfin beruhigte die Haushälterin, die sich sichtlich Sorgen machte.
„Ich bin wieder zurück, bevor es dunkel wird – allerspätestens, bevor es wieder hell wird.“
Die Geschwister lachten beide über den verdutzten und nachdenklichen Gesichtsausdruck der älteren Frau. Sie sah empört zu Ervin.
„Was sagst du dazu? Findest du das in Ordnung?“
„Sie sind alt genug, Orsolya. Sie müssen dir und mir bestimmt nicht erklären, was sie machen und wohin sie gehen“, grummelte er kauend und zeigte auf seinen leeren Teller.
Sie schöpfte ihm nach und reichte noch eine Pogatsche dazu.
„Ich verspreche es. Ich bin spätestens zum Essen zu Hause. Aber es wäre besser, wenn wir morgen erst um halb sieben speisen würden, anstatt um halb sechs. Sicher ist sicher. Selbstverständlich wird das auch mit Dominik abgestimmt“, erklärte die Gräfin vorsichtig.
Die Ersatzmutter atmete tief durch und zuckte mit den Schultern. Ihre Gesichtszüge spannten sich an, aber sie schwieg, jedenfalls für einen kurzen Moment. Sichtlich aufgebracht äußerte sie dann doch:
„Gut, wenn ihr mir nichts sagen wollt, dann lasst es. Aber ich will wenigstens wissen, wohin ihr fahrt, damit ich weiß, wo wir suchen müssen, falls du nicht pünktlich heimkommst. Es ist dann dunkel, es könnte schneien. Was willst du denn da? Warum musst du dort über Nacht bleiben, Máté? Mir wäre lieber, ihr bleibt beide dort. Sag doch auch mal was, Ervin.“
„Es sind erwachsene Leut´. Du schläfst auch nicht immer hier, sondern bist bei deinem Mann zu Hause. Dann gehst du ja manchmal auch im Dunkeln nach der Arbeit heim und kommst morgens im Dunkeln wieder. Macht sich da einer Sorgen, nur weil du durch die Nacht tappst?“, bemerkte er sachlich.
„Schlimm genug. Aber das ist doch etwas ganz anderes. Ich laufe gerade an das Ende des Dorfes. Den Weg kenne ich. Aber mitten in der Nacht über die unbekannten Wege und Felder zu fahren, wenn alles verschneit oder gefroren ist, halte ich nicht für gut. Der Graf bestimmt auch nicht“, mahnte sie erneut, stand auf und holte den vorbereiteten Nachtisch – eingelegte Aprikosen mit Schmandpudding – von der Arbeitsplatte.
„Also gut, ich sorge dafür, dass sie früh genug aufbricht. Einverstanden?“, versprach Máté, um Orsolya die Aufregung zu nehmen.
„Dann bleibt lieber länger und du kommst mit heim“, fuhr sie ihn an.
‚Heimkommen‘, diese Worte versetzten ihm einen Stich ins Herz. Wie lange hatte er das schon nicht mehr gehört. Zu gut konnte er sich an ähnliche Diskussionen in der Küche von ihrem damaligen Haus erinnern. Máriska haute mit ihrem Dessertlöffel auf den Tisch.
„Ich bin keine zwölf Jahre mehr. Was ist denn los? Ich wohne nicht erst seit gestern hier, also Ruhe jetzt.“
„Ich mache mir doch nur Sorgen. Du warst schon ewig nicht mehr allein unterwegs – gerade jetzt, wo das Unglück da passiert ist. Warum muss das jetzt sein?“, schluchzte die Haushälterin los und zückte ihr Tuch, um ihr Gesicht darin zu vergraben.
„Jetzt geht das wieder los“, murmelte Ervin gelangweilt.
Máriska nahm die Haushälterin in den Arm und sagte:
„Ich habe das nicht so gemeint. Ich weiß doch, dass du es nur gut meinst. Aber ich kann auf mich selbst aufpassen.“
„Ich bin mir da nicht so sicher, Kind“, sagte sie weinerlich und spielte an den Zipfeln ihres Tuches herum. Die Gräfin empfand die Fürsorge als peinlich und übertrieben.
„Und manchmal ändern sich Dinge und Menschen. Es ist doch etwas Besonderes, dass Máté wieder da ist. Da möchte ich doch, dass er eine schöne Zeit hier hat und möglichst viel sieht und alte Bekannte besuchen kann.“
Orsolyas Augen blickten zu dem jungen Herrn, der ihr aufmunternd entgegensah, bis sie sich endlich ein „Na gut“, abringen konnte, wohlwissentlich und hoffend, dass der Graf, in Anbetracht des Unglücks in der Gegend, die Sache unterbinden würde.
„Sobald wir mit dem Essen fertig sind, wollen wir noch etwas in den Briefen von unseren Eltern stöbern. Darf ich dich mit dem Abwasch allein lassen?“
„Ach, wollen wir?“, fragte ihr Bruder verwundert nach.
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