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Carlos Caldera
Schwarzer September - der zweite Moselkrimi
Saga
Schwarzer September - der zweite Moselkrimi
Coverbild / Illustration: Shutterstock
Copyright © 2006, 2019 Carlos Caldera und SAGA Egmont
All rights reserved
ISBN: 9788726295290
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
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1. Wuttis Ärger I
“Mensch, Fassen, Sie Hornochse! Wissen Sie überhaupt, was Sie da angerichtet haben? Blamiert bis auf die Knochen haben Sie uns! Das ganze Dezernat, das komplette Präsidium: eine einzige Lachnummer! Ist Ihnen das eigentlich klar?” Polizeipräsident (PP) Detlev Wuchtke, von Freunden Wutti genannt, war außer sich. Sein rundliches Pfirsischgesicht verzog sich zu einer blutunterlaufenen, säuerlichen Grimasse, während er den Kriminalhauptkommissar (KHK) Fritz Fassen in seinem Büro nach Strich und Faden zusammenstauchte. Wutti hatte allen Grund dazu, denn der erfahrene KHK Fassen hatte an diesem Vormittag eine große Dummheit begangen, ja, er hatte auf der ganzen Linie versagt. Für Wutti war es unfaßbar, was sich vor wenigen Stunden auf der westlichen Anhöhe der Stadt zugetragen hatte. KHK Fassen hatte zusammen mit Kriminaloberkommissar (KOK) Hans Greifer den angolanischen Flüchtling Rodolfo Lopez Rodriguez vom städtischen Gefängnis zum Köln-Wahner Flughafen bringen sollen, wo die Militärmaschine nach Luanda bereitstand. Die Polizisten hatten dafür die kürzeste Verbindung über die Bitburger Bundesstraße gewählt.
“Können Sie mir mal erklären, warum Sie überhaupt auf den Parkplatz gefahren sind und dort angehalten haben?” Wutti hatte sich lange noch nicht beruhigt. Er war stinksauer.
“Er müsse mal, hat er gesagt, sonst würde er in die Hose machen.”
‘Scheiße!’dachte Wutti.
“Hatte der in seiner Zelle nicht genug Zeit zum Pinkeln gehabt? Verdammter Hurensohn!”
Tatsächlich waren die drei Männer im VW-Transporter kaum zehn Minuten auf der Strecke gewesen, hatten gerade mal den halben Aufstieg zur Hohensonne zurückgelegt, als der Angolaner anfing zu quengeln. KHK Fassen, der Chauffeur, hatte sich eigentlich nicht darauf einlassen wollen. Aber KOK Greifer drängte ihn schließlich dazu anzuhalten. “Ich habe keinen Bock drauf, zwei Stunden in der Pisse von dem Stinker zu sitzen”, rief er dem Kollegen von der Rückbank her zu, auf der er neben dem Flüchtling Platz genommen hatte. “Fahr’ bitte auf den Parkplatz, ich paß’ auf ihn auf.”
KHK Fassen blieb in der Kabine, während KOK Greifer den Angolaner nach draußen begleitete.
Dann passierte das Malheur. Alles ging blitzschnell. Statt sich zu erleichtern, stürmte Rodolfo Rodriguez davon. In Windeseile war er im frühherbstlich gefärbten, unterholzreichen Mischwald verschwunden. KOK Greifer schlug Alarm und rannte hinterher, er rief zweimal den Namen des Flüchtigen, zog dann seine Dienstpistole und gab zwei Warnschüsse in die Luft ab. KHK Fassen sprang aus dem VW-Bus und nahm zusammen mit seinem Kollegen die Verfolgung auf. Im lianendurchzogenen Gestrüpp verhedderten sich die Beamten heillos, sie kamen schlecht voran. Bald schienen sie die Spur des Afrikaners verloren zu haben, nicht das leiseste Knacken des Geästs verriet ihn noch.
“Wissen Sie eigentlich, wieviele Jahre Öffentlichkeitsarbeit zum Teufel sind, Fassen, allein durch Ihre Schuld? Sie alleine tragen die Verantwortung, das dürfte Ihnen doch klar sein”, fuhr Wutti ungehalten fort.
Der stämmige, durchtrainierte Ein-Meter-Neunzig-Mann Fritz Fassen hätte auf diese Art Belehrung gerne verzichten wollen, aber es machte wenig Sinn, dem Chef dies in seiner jetzigen Erregung zu sagen. Fassen spürte, wie es in dem Vorgesetzten brodelte. Es war ja nicht nur die Blamage der Flucht zu verkraften. Denn obwohl alle verfügbaren Streifenwagen zur Bitburger dirigiert worden waren, hatte der Angolaner nicht mehr lebend gefaßt werden können. Im Gegenteil, die herbeimobilisierten Beamten stöberten nach intensiver Durchkämmung des Geländes schließlich auf einem dicht mit Stauden bewachsenen Waldweg den völlig aufgelösten städtischen Oberförster Klaus Kaminski auf, der zunächst nur verworrene Angaben über eine Leiche machte, die er soeben entdeckt haben wollte. Auf gutes Zureden hin führte der Forstmann den Polizistentrupp dann in den Schatten einer mächtigen alten Edelkastanie. Dort lehnte die Leiche von Rodolfo Rodriguez, halb aufgerichtet, mit dem Rücken gegen die Wurzelanläufe der dicken Kastanie. Ein gespenstiges Szenario, niemand sagte etwas. Die Polizisten wanderten mit ihren Blicken nervös zwischen der Leiche und dem Forstbeamten hin und her. Dem Förster standen die Tränen in den Augen.
“Es war schon zu spät, als ich ihn abgeschnitten habe,” sagte er mit erstickter Stimme.
“Um 16 Uhr ist die Pressekonferenz, mein lieber Fassen. Haben Sie eine Idee, was ich den Leuten dann sagen soll?”
PP Wuchtke erwartete sicherlich keinen brauchbaren Rat von seinem Hauptkommissar. Und doch war er auf dessen Angaben angewiesen. Er war der einzige Zeuge, der zur Verfügung stand. KOK Greifer lag schwer verletzt im Krankenhaus, nicht vernehmungsfähig.
“Eines verstehe ich nicht, Kollege Fassen”, fuhr Wutti mit jetzt nachlassender Aggressivität fort. “Wie konnte der Rodriguez unseren Kollegen Greifer so zurichten, wo der doch mit Handschellen gesichert war?”
“Ich kann es Ihnen leider auch nicht sagen, Herr Präsident. Seine Hände waren ja wegen des Transports nicht auf dem Rücken zusammengeschellt, sondern vorne. Erst als Kollege Greifer schrie, habe ich überhaupt bemerkt, was passiert war”.
Für PP Wuchtke war das Verhalten beider Beamten unvorstellbar, eine Fahrlässigkeit unglaublichen Ausmaßes, ein grober Verstoß gegen alle Dienstvorschriften. Und er, Wuchtke, hätte es jetzt auszubaden, er würde in die Schußlinie geraten, die Presse würde unangenehme Fragen stellen. Er sah es schon kommen. Fürs Publikum würde er zur Witzfigur an der Spitze eines Dilettantenvereins, und für die Linken wäre er nun der Buhmann schlechthin. Durch den Tod des Flüchtlings war der Skandal, den allein schon seine Flucht darstellte, nicht mehr zu vertuschen. Es konnte jetzt nur noch um Schadensbegrenzung gehen. So sauer Wuchtke auch auf seine Beamten war, gegenüber der Öffentlichkeit mußte er sie in Schutz nehmen, er mußte sich vor sie stellen - bedingungslos. Es sind schließlich Leute, die immer das beste wollen für die Allgemeinheit, und sie sind bereit, ihren Kopf dafür hinzuhalten. Jawohl, nur so wäre die Verteidigung aufzubauen: gutgläubiger Polizeibeamter von gewalttätigem Flüchtling angegriffen und schwer verletzt. Das war es doch!
PP Wuchtke erhob sich von seinem Schreibtisch, tat die zwei, drei Schritte, die ihn vom Fenster trennten und öffnete es. Frische Luft tat jetzt gut. Die Septembersonne blinzelte durch flaches Gewölk hindurch, die Atmosphäre war ruhig. Ein lauer Tag. Und noch knapp vier Stunden bis zum Spießrutenlauf. Aus KHK Fassen war jetzt nicht mehr viel herauszuholen, der sah recht fertig aus. Wutti schickte ihn nach Hause.
“Halten Sie sich abrufbereit, Fassen, und vor allen Dingen: keine Äußerungen gegen Dritte, weder Familie noch Journalisten, verstanden?”
“Jawohl, Herr Präsident. Aus mir bekommt keiner was raus.”
KHK Fritz Fassen verließ das Büro seines Chefs. Clara Weiß, die Sekretärin im Vorzimmer, war einigermaßen erstaunt über den schweigsamen Abgang des Hauptkommissars.
“Na, Herr Fassen, ‘ne Laus über die Leber gelaufen?”
“Nee, ‘n Kanake.”
PP Wuchtke wies seine Sekretärin via Sprechanlage an, drei Telefonate vorzubereiten und die Gespräche der Reihe nach durchzustellen. Wuchtke wollte mit den politisch Verantwortlichen der Stadt noch letzte Absprachen über eine gemeinsame Haltung gegenüber den Medien treffen. PP Wuchtke wünschte ausdrücklich, daß Oberbürgermeister (OB) Peti Leon und der städtische Dezernent für Ordnung, Dr. Jonas Smaso, an der Veranstaltung am Nachmittag teilnahmen. Sie könnten ihm zumindest den Rücken insofern freihalten, als sie erklärten, die geplante Abschiebung rechtlich sauber vorbereitet zu haben. Der Polizei wäre also aus den Vorfällen kein Strick zu drehen.
OB Leon hatte die Sache inzwischen hausintern zur Chefsache erklärt, sein formal zuständiger Dezernent, ein guter und besonders frommer Parteifreund, sollte aus der Schußlinie gehalten werden.
“Dem habe ich geraten, vorläufig unterzutauchen”, sagte Peti Leon zu Wuchtke, als die Telefonleitung stand. “Der ist ab gestern für vier Wochen in Urlaub. Keine Sorge, wir bekommen das schon hin, Herr Wuchtke.”
Daß der Oberbürgermeister ihn mit keinerlei Vorwürfen nervte, tat Wutti innerlich sehr gut. Etwas erleichtert ließ er sich anschließend das Gespräch mit Oberförster Kaminski rübersstellen.
“Schönen guten Tag, Herr Oberförster. Na, das muß ja heute früh ein schlimmer Moment für Sie gewesen sein. Ich möchte mich ausdrücklich bei Ihnen entschuldigen für das Verhalten meiner Beamten.”
“Schon gut, Herr Präsident. Ihre Beamten konnten ja nichts dafür. So etwas ist ja für alle Beteiligten schlimm.”
Obwohl der Förster ausführlich vernommen worden war und das Protokoll bereits eine gute Stunde auf seinem Tisch lag, hakte Wuchtke nach.
“Herr Kaminski, ich habe Ihre Aussagen hier vorliegen. Demnach haben Sie gesagt, daß Sie einen Schuß gehört haben. Stimmt das?”
“Richtig. Zumindest nehme ich an, daß es ein Schuß war, denn ich bin davon aufgewacht. Sie verstehen, ich war auf Ansitz in ein kleines Nickerchen gefallen.”
Merkwürdig nur, daß im Bericht seiner Beamten gar kein Schuß vermerkt war, dachte Wuchtke.
“Vielleicht darf ich Sie fragen, welche Erklärung Sie dafür haben, daß der Herr Rodriguez so schnell an eine Schlinge kommen konnte, zumal er gefesselt war. Das würde mich sehr interessieren.”
Die Frage schien den Förster leicht zu irritieren, er zögerte mit einer Antwort. Als ihm die Brisanz seiner Frage bewußt wurde, beeilte sich Wutti zu ergänzen, “Verzeihen Sie, Herr Kaminsski, verstehen Sie die Frage bitte nicht falsch. Sie stehen natürlich unter keinerlei Verdacht. Da seien Sie ganz unbesorgt. Mich interessiert nur, ob Sie es für möglich halten, daß ein durch Handschellen gehandikapter Mensch sich in wenigen Minuten eine funktionsfähige Schlinge aus Naturmaterialien anfertigen und fängig machen kann.”
“Nun ja, freilich braucht es eine gewisse Geschicklichkeit”, entgegnete der Förster, nachdem er noch einmal tief durchgeatmet hatte. “Aber grundsätzlich gibt es am Gläsgesberg eine Unmenge Waldreben aller Größen, die sich dafür eignen.” PP Wuchtke schien zufrieden mit der Antwort. Ohne den Ergebnissen der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen und der Obduktion der Leiche vorgreifen zu wollen, erschien ihm die Selbstmordversion als die einzig logische, und es war zudem die für alle Betroffenen vorteilhafteste. Ob er sie bereits heute der Presse niet- und nagelfest würde präsentieren können?
“Sie sagten aus, Herr Kaminski, daß sich Rodriguez an der neunten Leitersprosse erhängt habe. Es war die Leiter, die zu ihrer Sitzkanzel hochführt..."
“Genau.”
“Wissen Sie zufällig, wieviel Sprossen die Leiter insgesamt hat?”
“Na, ...wenn ich schätze, ich würde sagen, etwa 20.”
Auf halber Höhe also, folgerte Wuchtke. Da müßte der Kaminski doch eigentlich was gemerkt haben... Aber er wollte ihn jetzt nicht noch einmal in Verlegenheit bringen, weitergehende Verhöre wären Sache der Staatsanwaltschaft.
“Ach, Herr Kaminski, bevor ich’s vergesse. Ich wollte Sie noch fragen, ob Ihnen heute Vormittag eine dritte Person in Tatortnähe begegnet ist, jemand außer Ihnen und meinen Beamten, meine ich?”
Der Förster räusperte sich,er schien an etwas zu würgen, vielleicht war es auch nur Asthma.
“Nicht, daß ich wüßte”, sagte er etwas gequält. Eigentlich hätte Wutti das etwas präziser gehabt, überzeugender. Dennoch, er fügte das Nein des Försters handschriftlich in die Kopie des ersten Vernehmungsprotokolls ein, das ihm vorlag. Komisch, dachte er, daß seine Beamten diese Frage gar nicht gestellt hatten.
“Recht herzlichen Dank für Ihre Mitarbeit, Herr Kaminski. Und wenn Ihnen noch etwas Wichtiges einfällt, möchte ich Sie bitten, mich umgehend anzurufen.”
“Gut, mache ich, Herr Präsident. Auf Wiedersehen.” “Wiederhören, Herr Kaminski. Und nichts für ungut.”
PP Wuchtke überlegte kurz, ob er sich nicht das Mittagessen ins Büro kommen lassen sollte, um die knappe Zeit bis zur Pressekonferenz optimal zu nutzen. Doch dann entschied er, wie gewohnt nach Hause zu fahren, in die Gartenstadt draußen, jenen grünen Stadtteil oberhalb des Citykessels, wo die Atemluft noch eine Wohltat war. Eine Stunde abschalten in privater Atmosphäre bei Frau Lena und Dackel Moritz war noch immer die beste Medizin in heiklen Situationen. Und die kamen zum Glück nicht sehr häufig vor in der kleinen Großstadt an der Mosel. Ein, zwei Morde im Jahr; drei, vier gewöhnliche Banküberfälle, das zählte schon zu den Highlights. Die Raubüberfälle endeten meist ohne Personenschäden, allein die Aufklärungsrate war noch leicht beunruhigend. Nein, insgesamt hatte Wuchtke keinen schweren Stand.
Doch das war nicht immer so gewesen. Als Wutti vor fünf Jahren das Amt von seinem glücklosen Vorgänger übernahm, lagen die Image werte für die Polizei am Boden, Korruption war an der Tagesordnung. Es liefen mehrere einschlägige Prozesse gegen Beamte, die Verstrickungen ins Rotlichtmilieu waren wochenlang in beschämender Breite durch die Medien gegangen. Die Aufklärungsquote bei Allerweltsdelikten war miserabel im Landesvergleich. Obwohl Wuchtke sehr gut um den Misthaufen Bescheid wußte, der ihm anvertraut werden würde, zögerte er nicht eine Sekunde, als ihm das Angebot des Ministerpräsidenten für das Amt angetragen wurde. Detlev Wuchtke war schon immer ein ehrgeiziger Beamte gewesen, der sich zeitlebens hohe Ziele setzte, immer wollte er hoch hinaus, und mit 33 Jahren Polizeipräsident - das konnte sich fürwahr sehen lassen. Spätestens mit 40 wollte er Minister sein, zumindest Staatssekretär, denn das Parteibuch stimmte inzwischen auch. Und beim Ministerpräsidenten hätte er einen Stein im Brett, davon war er überzeugt. Nur noch zwei Jahre trennten ihn von diesem Ziel, und die Aussichten, es tatsächlich zu erreichen, standen nicht schlecht. In fünf Jahren hatte er es auf wundersame Weise geschafft, sein Präsidium aus den Negativschlagzeilen herauszuholen. Die Prozeßserie kam zum Erliegen, einige Beamte wurden strafversetzt, andere geschaßt. Wutti führte einen neuen Führungsstil ein, er wertete die Pressearbeit auf, stellte mit Frau Dr. Nora Schmitt eine hochqualifizierte Fachkraft ein, die Erfahrungen als Redakteurin bei verschiedenen Tageszeitungen und Magazinen mitbrachte. Er selbst, Wutti, hielt direkten Kontakt mit den Journalisten seiner Stadt, er wurde zum regelmäßigen Gast in deren Stammkneipen. Er blieb nie lange, aber lange genug, um sich in gute Erinnerung zu bringen. Wutti nutzte fortan jede sich bietende Gelegenheit, verdiente Mitarbeiter pressewirksam zu ehren. Und nachdem er Ruhe ins Präsidium und in die Fachdezernate gebracht hatte, stieg plötzlich die Aufklärungsquote seines Hauses beachtlich an, und nun lag sie schon fast über dem Landesschnitt. Außerdem war das Rotlichtmilieu unter Kontrolle, ein Verdienst seiner Vertrauensbeamten, die dort fruchtbare U-Boot-Tätigkeit verrichteten. Und schließlich war sogar die Drogenszene halbwegs im Griff, auch wenn hier die Zahlen recht spekulativ blieben.
Aber alles in allem lag Wutti im Soll, und am kommenden Freitagabend wollte er ein weiteres Mosaiksteinchen legen, um seinen Karriereträumen Bodenhaftung zu verleihen. Die Moselparkhalle, die größte der Stadt, schien gerade ausreichend zu sein, um all die Gäste und Ehrengäste für die größte Polizeigala des Jahrzehnts im Lande aufzunehmen. Das gigantische Fest wurde schon seit Wochen fieberhaft geplant. Ein Doppeljubiläum stand an: 5 Jahre Wutti - 50 Jahre Polizeipräsidium. Selbstverständlich würde der Ministerpräsident samt Innen- und Justizminister (übrigens einer der Posten, auf die Wutti ein Auge geworfen hatte) anwesend sein, dazu der Regierungspräsident, der Oberbürgermeister samt seinen Dezernenten, eine endlose Reihe von Honoratioren aus der gesamten Provinz, ja, sogar der Bischof hatte versprochen, der Einladung “sehr gerne” zu folgen. Regionale und überregionale Spitzenkünstler hatten ihre Auftritte angekündigt, zum Teil wollten sie sogar ohne Gage auftreten. Alles lief bestens...
Und jetzt der Fall Rodriguez! Er paßte wie die Faust aufs Auge in diese festliche Zeit. Detlev Wuchtke hätte seinen KHK Fassen ohrfeigen können, soviel Dummheit war eigentlich unverzeihlich.
Doch jetzt erst einmal abschalten, ein gutes kleines Stündchen vergessen, entspannen, nach Hause fahren, mit der Frau gemütlich speisen, danach fünf Minuten für die Zeitung, zehn Minuten aufs Ohr, dann mit Moritz eine Runde Gassi. Um 14 Uhr würde er sich mit Frau Dr. Schmitt treffen, um letzte Feinheiten vor der Pressekonferenz auszutarieren.
2. Coitus interruptus
Für Oberförster Klaus Kaminski, ein Mann in den besten Jahren, leichter Bauchansatz, eine ansehliche Frau, zwei gesunde, fast erwachsene Töchter, war die Welt an diesem Dienstagmorgen im September eine runde Sache, das Leben war ihm eine Wonne. Er verließ das Forsthaus am Stadtrand wie gewöhnlich kurz nach acht. Mit dem extra für den Dienstgebrauch höhergelegten Golf fuhr er Richtung Westen. Daß ihm heute das Herz etwas stärker pochte als üblich, lag an einem besonderen Termin, denn an Stelle von Holzfällern und -händlern erwartete ihn heute eine hübsche junge Frau. Es war Uschi, Uschi Geiger, seine Liebste, sie kam direkt nach seiner Frau. Uschi Geiger, eine 23jährige Blondine. Sie hatte etwas. Förster Kaminski kannte sie seit dem Frühjahr. Sie trafen sich regelmäßig, im Schnitt etwa einmal in der Woche. Uschi gab sich als Studentin aus, Klaus Kaminski hatte keinerlei Veranlassung, daran zu zweifeln.
Der geländegängige Volkswagen näherte sich jetzt der Parkanlage, Kaminski schaltete in den zweiten Gang zurück. Das letzte Wegstück war nicht mehr befestigt, der Wagen holperte über Kieselsteine, in Kaminski regte sich etwas. Er fieberte. Da sah er sie. Sie stand vor der Bank, es war mild. Sie trug einen dottergelben Mini, darunter sah er ihre sonnenverwöhnten, ranken, langen Beine. Der schneeweiße Top verhüllte die zwei Kugeln in Brusthöhe nur notdürftig, er gab ihnen eher noch eine zusätzliche Betonung. Ihr langes Haar flatterte offen im Wind. Eine Sonnenbrille verdeckte ihre kleinen, himmelblauen Augen, ein winziges, braunes Ledertäschchen baumelte an ihrem Körper. Sie lächelte.
Förster Kaminski war verliebt in Uschi Geigers Körper, er genoß ihn, es war wie eine Sucht. Und sie war lieb zu ihm, er gab sich großzügig, sie verlangte nichts, er steckte ihr immer einen Umschlag. Ihre Treffen dauerten selten mehr als eine Stunde, fern der Öffentlichkeit. Sie machten es fast immer auf der Kanzel da droben, jenem gut ausgebauten Jagdsitz im üppig wuchernden Mischwald am Gläsgesberg.
Kaminski stellte den Golf in der Regel am Rande des unwegsamen Waldstücks ab. Um der Beobachtung durch versprengte Wanderer zu entgehen, ging er über den versteckten Pirschpfad alleine voraus, Uschi folgte im Abstand von wenigen Minuten, ein eingespieltes Ritual. Meist hatte er die Gasheizung schon in Gang gebracht, wenn sie die Kanzelhöhe erreichte. Es war die ideale Nische für das Geschäft, getarnt als Jagdsitz in jenem kleinen Waldbezirk, den Förster Kaminski als Eigenjagd von der Stadt gepachtet hatte. Hier war er nicht nur der von Amts wegen zuständige Förster, hier war er darüberhinaus Jagdchef, Burgherr und Platzhirsch in persona. Derbestens isolierte, geräumige Innenraum der Kanzel reichte aus, um alle Glieder gut auszustrecken und zur Geltung kommen zu lassen. Es war ein Komfort wie bei Muttern, nur noch etwas kuscheliger. Die seitlich hochklappbare, angorakatzenfellbespannte Latexmatratze bedeckte den Raum in der Horizontalen fast zur Hälfte, die Katalytplatte sorgte für wohlige Wärme, die durch dicke Lagen von Schafwolle in Boden, Wänden und der Decke im Raum gehalten wurde. Über dem aufkippbaren, schmalen Sichtfenster zur Wildfütterung hin hing ein kleines Toilettenschränkchen mit den notwendigsten Verkehrsutensilien. Für alle Fälle hielt Kaminski darin auch eine Notration Zigaretten verschiedener Marken, Zündhölzer, Piccoloflaschen, Schokoladenriegel, Himbeergeist und After Eight-Doubletten vor. Denn Förster Kaminski liebte die Gemütlichkeit, er war ein Gemütsmensch - und auch ein Genießer.
Auch heute morgen, als er den Golf unter dem breit aufgefä cherten Holunderbusch abstellte, war Kaminski ganz auf Liebe eingestellt. Zärtlich strich er Uschi mit der rechten über die bloßen, weichen Schenkel und küßte sie flüchtig auf die Wange, bevor er die Fahrertür öffnete.
“Bis gleich, mein Uschilein, und denk bitte dran aufzupassen, daß dir niemand folgt.”
Das war immer der kritischste Moment der ganzen Aktion, nämlich unerkannt auf die Kanzel zu kommen. Der Förster hatte stets ein wenig Bammel im Augenblick der Annäherung an die Leiter, die zu seinem Liebesnest hochführte. Zwar hatte er den Pirschpfad gut getarnt seitlich der Wendestelle des Waldwegs angelegt, so daß er ungeübten Augen nie auffallen würde. Dennoch sorgten die zweihundert Meter Fußweg stets für Herzklappern, eine Unruhe, die sich erst wieder allmählich legte, wenn Kaminski nach Uschis Ankunft die Tür von innen verriegelt hatte.
“Heute siehst du wieder super aus, Uschi. Darf ich dir das sagen?”
“Oh, danke, Kläuschen. Alles hart erkämpft.”
Obwohl es für die Jahreszeit noch sehr mild war, hatte Kaminski die Gasfeuerung auf die höchste Stufe gestellt. Er liebte die Hitze in solchen Momenten. Uschi warf sich auf die bereits installierte Matratze, sie versank im Katzenfell. Dann zog sie die Beine an und nästelte an ihren Schuhen. Trotz des schwachen Lichts, das durch das schmale Fenster nach innen drang, stellte Kaminski befriedigt fest, daß Uschi mal wieder keinen Schlüpfer anhatte. Ihr dotterfarbener Minirock war fast bis an die Hüfte hochgerutscht.
“Au weia, sieht das geil aus!” entfuhr es ihm begeistert. Sie lächelte neckig, warf die Schuhe unter das Matratzengestell und streckte sich auf dem Rücken liegend flach aus. Der gelbe Stoff verdeckte jetzt wieder einen Teil des Schamhaares.
“Bist du auch schön geil drauf, Alterchen?” lockte sie den Förster.
“Aber klar doch, Uschilein. Ich brenne daruf, das weiß du doch, mein kleines Flämmchen.”
“Ich bin kein kleines Flämmchen, Schätzchen, ich bin ein Riesenfeuer. Du wirst dich noch an mir verbrennen, mein Dickerchen.”
“Ach du, mein Lustmäulchen. Ich könnte dich vernaschen.”
“Probier’ s doch, Väterchen.”
Kaminski war mit zitternden Händen an seinen Diensthemdknöpfen beschäftigt. Uschi griff ihm unvermittelt an den Hosenschlitz, Kaminski jauchzte.
“Oh, mein kleines Schnäbelchen ist ja schon ganz vorwitzig.” Sie umfaßte seine steife Rute mitsamt dem sie umgebenden Stoff und schüttelte sie ein, zweimal kräftig. Das brachte den Förster zum Tirilieren, er riß sich die letzten beiden unteren Hemdknöpfe in der Erregung heraus, streift es ab, warf es in die Ecke und befreite sich in aller Eile von den restlichen Textilien. Völlig nackt glitt er auf die halb bekleidete Blondine. “Oh, du geiles Aas”, hauchte sie, als sie sein pulsierendes heißes Fleisch an ihrem Vorhof andocken spürte. “Heute scheint’s dir aber sehr zu brennen, was?”
“Und wie, mein Täubchen!”
Dann richtete Kaminski sich wieder auf, beugte sich über ihre Hüfte und begann damit, das übliche Entkleidungsritual zu zelebrieren. Das war seine einzige strenge Forderung an Uschi, sie durfte sich keines ihrer Kleidungsstükke, mit Ausnahme der Schuhe, selbst ausziehen. Das wäre seine Aufgabe, und er tat dies stets mit angesteifter Rute, über ihr schwebend, und Uschi schien es so zu gefallen. Obwohl er in den vergangenen Monaten schon einen guten Übungsstand erlangt hatte, ließ er sich immer sehr viel Zeit mit der Zeremonie. Lag es daran, daß er gleiches bei seiner Frau schon seit Jahren nicht mehr hatte machen dürfen? Und warum eigentlich nicht? Zwar schliefen sie noch immer im Ehebett, aber die Zeit der sexuellen Genüsse war lange schon verflogen, nur hin und wieder gaben sie sich einen Ruck und brachten einen müden Feierabendverkehr zustande, der keinen der beiden so recht zufrieden stellte. Aber sie sprachen nicht darüber, Schwamm drüber!
In der Ferne fielen zwei Schüsse. Kaminski nahm sie unbewegt zur Kenntnis, 'außerhalb meines Areals’, dachte er.
Nun hatte er sein Werk vollbracht, Uschi war entblättert, sie lag nahtlos unter seinen Schenkeln, und er genoß den Blick auf ihre üppigen Brüste, auch wenn sich deren Massen jetzt etwas in der Breite verloren und nicht die Festigkeit wiederspiegelten, die sie im aufrechten Zustand tatsächlich auszeichneten. Er rutschte ein Stück nach hinten und legte sich so auf sie, daß sein Kopf über ihrem Brustbereich zu schweben kam. Er drückte mit beiden Handflächen vorsichtig ihre abgeflachten Brüste von den Außenseiten ins Zentrum, und dann begann er damit, die Brustwarzen abwechselnd zu küssen und zu umzüngeln. Als sie beide ganz hart waren, konzentrierte er sich auf eine, die er mit Zunge und Lippen im Speichelbad massierte, wobei er sich Mühe gab, der anderen Brustwarze mit den Fingern einer Hand gleiche Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen, welches ihm nicht leicht fiel wegen der gebotenen Konzentration auf eine harmonische Stimulation, wie er sie anstrebte, und wie sie ihr gefiel. So brachte er Uschi in erstaunlicher Zeit zu erstaunlichen Freudengefühlen, und sie selbst bestimmte jetzt den weiteren Ablauf.
“Jaaa, Klaus, suuuper! Komm, schnell, nimm mich von hinten.”
Er richtete sich auf und streifte geschwind das Kondom über sein Stoßfleisch. Unterdessen drehte sich Uschi in der Horizontalen, und als sie auf dem Bauch lag, hob sie ihr Gesäß und streckte es ihm in provokanter Manier entgegen. Als er sie mit beiden Händen an der Taille griff, spürte er ihre Hand an seinem knochenharten Dingdong. Er gab einen Seufzer der Erleichterung von sich, als er mit geschmeidiger Leichtigkeit in die unsichtbare, feuchtheiße Höhle hinabglitt. Ihren Kopf halb angewinkelt auf das kleine Kissen gestützt, gab sie kurz den Rhythmus an, bevor er übernahm und schluchzend stößig wurde. Die ineinandergesteckten Holzteile der Kanzel schienen vor Freude mitzuwippen, die Scharniere gaben zarte Wimmer- und Ächztöne von sich. Sogar die zwanzigstufige Leiter draußen geriet in frohlockende Schwingungen. Heute schien die Lustfrequenz gar ein Echo zu provozieren, gegenläufige Schwingungen übertrugen sich von der Leiter auf die Kanzel, von der Kanzel auf die Matratze und von der Matratze auf das kopulierende Paar. Dann - eins, zwei, drei, - ein paar Mißklänge, ein Störfeuer. Es geschah just in dem Augenblick, als Uschi die Position variieren wollte und dazu den Eindringling sausen ließ. Sie warf sich flach hin, drehte sich auf den Rücken und wollte gerade den Schwanz wieder neu aufnehmen, sozusagen zur finalen Erfüllung, denn beide waren noch nicht gekommen.
“Hast du etwas gemerkt, Klaus?” fragte sie mitten in die Hitze des Gefechts hinein.
“Was meinst du, Uschi? Bei mir ist alles in Ordnung.”
“Das meine ich nicht. Hier hat was gewackelt, ich habe es deutlich gespürt. Hier stimmt was nicht.”
Es war bei all den vielen Dutzend Treffen noch nie vorgekommen, daß sie im Akt gestört worden waren. Kaminski blickte durch das Fenster auf die Wildfütterung hinaus. Da war nichts zu sehen. - Doch da, jetzt..., er merkte es nun auch selbst, eine leichte Vibration, wie ein Zittern, das die Kanzel kaum wahrnehmbar in Schwingung brachte. Es hätte ein Windstoß sein können, doch es war völlig windstill.
“Meinst du, da ist jemand?” Uschi sah die Verunsicherung im Antlitz des Försters. Dieser stand auf und zog sich hastig Socken, Hosen, Hemd und Schuhe an. Uschi brauchte die halbe Zeit, um ihre Sachen an den Körper zu bringen. Sie half ihm, die Hemdknöpfe - soweit noch vorhanden - zu schließen, während er sich am Türschloß zu schaffen machte. “Bleib du auf alle Fälle hier oben, Uschi. Bitte komm unter keinen Umständen heraus, egal was los ist. Okay?”
“Ja, klar, Klaus. Sei vorsichtig!”
Er öffnete mit Bedacht die Kanzeltür, sah einen Augenblick etwas ängstlich in den dichten Laubwald hinein, konnte aber nichts erkennen. Während er noch überlegte, ob er nicht wieder zurückkehren und die Tür schließen sollte, fiel sein Blick auf den unteren Bereich der Leiter. Dort, unter den Sprossen, schien ein Schatten zu sein. Als er sich vorbeugte und seitlich an der Leiter heruntersah, traf ihn der Schock. Es hätte nicht viel gefehlt und Kaminski wäre vor Schwindel abgestürzt.
“Ist was, Klaus?” hörte er Uschi wie aus unendlicher Ferne rufen.
“Klaus, was ist los?” rief sie lauter, als er nicht antwortete. Kaminski drückte rasch die Tür von außen zu.
“Bleib schön drinnen, Uschi”, raunte er ihr zu. “Ich bin gleich wieder da.”
Wie benebelt von Unmengen Alkohol stieg der Förster langsam die Leiter herab. Das Ungeheuerliche kam immer näher, nein, das war doch nicht möglich, das konnte doch nicht wahr sein! Da hing ein Mensch, ein Schwarzer, an seiner Leiter, auf halber Höhe, und der Mensch glotzte ihn an. Lebte er noch? Reflexartig zog Kaminski sein Jagdsmesser aus der Hosentasche und hackte mitten im Entsetzen auf die Schlinge ein, die um die Sprosse gebunden war und den Hals des Mannes so gräßlich entstellt hatte. Schon plumpste der leblose Körper dumpf zu Boden und blieb, halb von Farnen bedeckt, regungslos liegen.
Oben knarrte die Tür einen kurzen Moment lang. Uschi blickte durch den entstandenen schmalen Lichtschlitz nach draußen, irgendwo raschelte es im Unterholz, noch gerade konnte sie die zwei Figuren auf der Lichtung erkennen, bevor sie wieder im dichten Bestand untertauchten.
Kaminski beugte sich inzwischen über den Menschen, den er eben noch an seiner Leiter hatte hängen sehen. Er schlug die Farnwedel zu Boden und lockerte die Waldrebenschlinge am Hals. Dann schlug er dem Schwarzen mehrmals leicht links und rechts auf die Wangen und sprach ihn an. “Hören Sie mich? Können Sie mich hören?”
Kaminski legte ein Ohr auf seine Brust, versuchte den Puls zu fühlen. Der Körper war noch warm, aber er zeigte keinerlei Reaktion mehr. Kaminski versuchte sich verzweifelt an Wiederbelebungsmaßnahmen,aber er warf alles durcheinander, es war zu spät. Dann fühlte er den Arm von Uschi an seinen Lenden.
“Wie furchtbar!” sagte sie.
“Uschi! ” sagte der Förster nach einiger Zeit betretenen Schweigens. “Du hast nichts gesehen, verstanden? Du weißt von nichts. Ja, du warst gar nicht hier! Verstanden?”
Während Uschi nachdenklich wieder die Leiter zur Kanzel hochstieg, zog Kaminski die Leiche des jungen Mannes unter die kaum einen Katzensprung entfernt stehende dicke Kastanie. Es war eine reine Leerlaufhandlung.
3. Die Entwurzelung
Rodolfo Lopez Rodriguez wunderte sich über die Abwechslung. Seit über sechs Wochen saß er nun schon in der acht Quadratmeter großen Einzelzelle des städtischen Gefängnisses und wartete auf eine Veränderung. Noch immer hoffte er auf die Freiheit in dem Land, in das ihn das Schicksal als junger Mann verschlagen hatte, und das jetzt seine Wahlheimat war. Heute war es der 44. Tag in Isolationshaft, 23 Stunden täglich saß er in der Zelle, ohne Kontakte, ohne Verbrechen, ohne Schuld. Die Haft verdankte er allein der Tatsache seiner nackten Existenz als Mensch auf dieser Welt. Ein Tag verlief wie der andere, um sechs Uhr wecken, gegen 6 Uhr 30 das immer gleiche Frühstück, von einem Wärter unter der Tür hindurchgeschoben - zwei Brote mit Marmelade und Dreieckskäse bestrichen, dazu eine Tasse gelblichen, fadenscheinigen Tees. Um 10 Uhr eine Stunde Hofgang, in Begleitung eines Wächters, um zwölf Uhr Mittagessen, 17 Uhr 30 Abendbrot. Einzige Abwechslung in 43 Tagen: ein Besuch seines Anwalts, 30 Minuten Dauer, zwei Besuche von je zwei Mitgliedern der Bürgerinitiative “Freiheit für Rodolfo Rodriguez”, jeweils 60 Minuten.
Doch heute war irgendetwas anders. Zum erstenmal lag ein gekochtes Ei auf dem Frühstücksteller, einfach so zwischen die üblichen Brote geklemmt, kein Eierbecher, kein Löffelchen, kein extra Besteck. Rodolfo freute sich über die lauwarme Zugabe, er wiegte das Ei in seinen Händen, behandelte es wie ein Schmuckstück. Sollte es ihm Glück bringen? Dann aß er es mit den Broten zusammen auf. Gegen sieben Uhr klopfte es: “Herr Rodriguez, packen Sie bitte Ihre Sachen, in 15 Minuten fahren Sie los.”
Panik. Was ist los? Wohin fahre ich?
Rodolfo wagte es nicht, die Fragen laut auszusprechen. Dabei hätte er am liebsten schreien wollen, den Frust von 42 Tagen einfach rausbrüllen. Doch er blieb still, unterdrückte alles, fraß alles in sich hinein. Sein mit dem ungewohnten, gekochten Ei gefüllter Magen tat ihm weh. Er glaubte zu wissen, was dieser Befehl des unsichtbaren Wärters zu bedeuten hatte. Wollten Sie ihn tatsächlich abschieben? In das Land, wo niemand auf ihn wartete, außer dem Tod? Er stemmte sich mit aller ihm verbliebenen Energie dagegen, dies zu glauben. Vielleicht käme er ja in Freiheit, einfach wieder heraus aus der Zelle, alles nur ein Irrtum, ‘ Sie sind frei, Herr Rodriguez’, würde der Gefängnisdirektor, den er nicht einmal kannte, feierlich zu ihm sagen. Er würde wieder in seine Zwei-Zimmer-Wohnung zurückkehren können, die er Anfang August im Morgengrauen verlassen hatte, um zur Arbeit zu fahren.
Er hatte damals Frühschicht. Mit dem ersten Bus war er rausgefahren zur Fabrik, zur BePiFa, Bettinos Pizza Fabrik. Er erinnerte sich noch daran, wie er von der Bushaltestelle am Industriegebiet losgerannt war, um pünktlich um sechs Uhr in der Halle zu sein, denn eine Minute Verspätung hätte ihm eine halbe Stunde Lohnabzug gekostet. Ob die Wohnung noch immer ihm gehörte, auf ihn wartete? Ob jemand in der Zwischenzeit den Abwasch erledigt hätte, den er zurückgelassen hatte? Ob wohl die Pflanzen gegossen worden waren?
“Noch fünf Minuten, Herr Rodriguez”, rief der Wärter.
Gegen elf Uhr vormittags war es passiert. Zwei Polizisten hatten ihn vom Band weg verhaftet, als er gerade eine Charge Salami-Funghi präparierte. Betriebsleitung und Betriebsrat hatten keinerlei Widerstand gegen das Vorgehen der Beamten geleistet. Zwölf Minuten später saß Rodolfo schon in der Zelle, eingefangen und eingesperrt wie ein Stück Vieh. Dabei hatte sein Anwalt immer von Hoffnungen gesprochen, er hatte ihm versichert, es drohe keine akute Gefahr.
“Die werden sich das nicht leisten können, bei der derzeitigen Lage in Angola.”
Tatsächlich waren die spärlichen Informationen, die aus Angola zu bekommen waren, alles andere als beruhigend. Noch immer gab es Überfälle und Massaker, ganze Volksgruppen litten unter der Repression von beiden Seiten, dem Regierungsmilitär wie der UNITA-Guerilla. Der Friede stand seit Jahren nur auf dem Papier. Jemand, der sieben Jahre außer Landes war, würde als Verräter angesehen, egal wem er in die Hände fallen würde. Rodolfo wollte nicht zurück in dieses Land, nicht jetzt, nicht unter diesen Bedingungen. Er hatte keinerlei Verbindungen mehr dorthin, es war nicht mehr sein Land, nicht mehr seine Heimat. Seine Eltern waren schon seit über zehn Jahren tot. Es war die DDR-Regierung damals, die ihn als kaum 16jährigen aus dem Waisenhaus von Saurino herausgenommen hatte, aus einer Stadt, die ständig umkämpft war zwischen den Kriegsparteien. Damals waren die UNITA-Banden gerade mal wieder zurückgeschlagen worden. Im Konvoi wurde Rodolfo nach Luanda gebracht. Zum erstenmal im Flugzeug, von Luanda nach Berlin. Für Rodolfo war es ein Wunder. Wenige Tage nach der Landung in Schönefeld kam die Busfahrt nach Bernburg an der Saale, noch immer zusammen in einer bunt gemischten Gruppe von zwölf jungen Angolanern aus dem ganzen Land, die sich erst in Berlin kennengelernt hatten. Ihr gemeinsames Ziel in Bernburg war das Textilkombinat WeberNet. Fünf Jahre sollten sie hier bleiben, lernen und arbeiten. Das war im Jahre 1986.
Jetzt knackte es im Türschloß, und schon standen zwei Wärter auf der Schwelle.
“Herr Rodriguez, kommen Sie bitte jetzt mit.”
Rodolfo hatte nichts als zwei Plastiktüten in den Händen, in denen sich seine gesamte bewegliche Habe befand, die ihm geblieben war vom Wunderland Deutschland. Der Rest befand sich noch in seiner Zwei-Zimmer-Wohnung in der Stadt, so nahm er es wenigstens an. Noch immer wagte er es nicht, Fragen zu stellen. Sie liefen durch Flure, ein Beamter vor, einer hinter ihm, alle schweigend. Hinter einer Drehtür wurden sie von zwei Polizisten in Empfang genommen. Ohne viel Federlesens zu machen nahmen sie ihm die Plastiktüten aus der Hand und fesselten ihn an den Handgelenken mit Kunststoffschellen. “Wenn Sie Widerstand leisten, kommen sie auf den Rücken”, sagte der Polizist, der das Handschellenschloß vorne in Bauchhöhe einklinken ließ. Rodolfo leistete keinen Widerstand, obwohl er jetzt genau wußte, was sie mit ihm vorhatten. Während sie draußen schweigend das Hofgelände überquerten und die Polizisten ihn in den an der Seite geparkten Polizeitransporter, Marke Volkswagen, brachten, ging Rodolfo der Traum von letzter Nacht durch den Kopf, ein Alptraum, den er zum wiederholten Male geträumt hatte. Er war irgendwo in Afrika, wahrscheinlich in Angola. Mit nackten Füßen rannte er über die staubige Piste auf den riesigen Ceibobaum zu, dessen mächtige, dunkle Krone einen breiten Fluß oder See überschirmte. Mit zunehmender Nähe zu dem Baum färbte sich die karge, graue Steppenlandschaft in ein drohendes Orangerot. Der Himmel verdunkelte sich rasch, und bald leuchtete ein tropischer Abendzauber über Rodolfo. Er rannte und rannte weiter wie ein Besessener. Kurz bevor er den Schatten der Baumkrone erreichte, sah Rodolfo grellweiße Lichtblitze aus der Dunkelheit hinter den verstreut in der Landschaft stehenden Dornbüschen aufleuchten - weiße, geräuschlose Zuckungen in einem Meer von Feuerrot. Jetzt, da er nur noch wenige Schritte zu laufen hatte, fing der gewaltige Ceibo an zu schwanken. Rodolfo hielt seinen Feuerlauf an und sah, wie der Baumriese vor ihm, ohne das geringste Geräusch zu verursachen, in die Erde versank, in der er ein großes schwarzes Loch hinterließ, ein Schlund, der ihn, Rodolfo, mit der unbändigen Kraft eines starken Magneten in sich hineinzog.
Schweißgebadet erwachte er jedesmal aus diesem Traum. Und jetzt, da er wieder in die Realität zurückkehrte, saß er in Handschellen neben einem deutschen Polizisten in dem Kleinbus, der gerade über das Vorkriegs-Kopfsteinpflaster der Luxemburger Straße bretterte. Sie hatten noch nichts gesprochen, seit sie den Wagen bestiegen hatten. Der Fahrer schaltete in den zweiten Gang zurück, als der Anstieg vom Brückenkopf zur Bitburger hoch begann. Er brachte den Motor kräftig auf Touren.
“Wo fahren wir hin?” wagte Rodolfo zu fragen.
“Immer gerade aus, Junge. Keine Angst, heute abend bist du schon zuhause, im Busch. Dort, wo du hingehörst.”
Kein Zweifel, Rodolfo befand sich auf Abschiebekurs. Im Grunde war es ihm längst völlig klar gewesen. Er fragte auch nicht mehr, auf welchen Flughafen sie ihn bringen wollten, es war ihm gleichgültig. In den 43 Tagen der Haft war in ihm ein Entschluß gereift, für den Fall der Fälle. Er wußte nur eines, er würde nicht zurückgehen nach Angola, nicht zurück in Hölle und Krieg, nicht zurück, um von zwei Vertretern der Geheimpolizei auf dem Flughafen empfangen zu werden. Er würde sich in keine Folterkammer schließen lassen. Das war sein felsenfester Entschluß. Ein Schwur.
Der Untergang der DDR hatte den Entwurzelten ein zweites Mal entwurzelt. Der ostdeutsche Straßenaufstand spülte ihn in den Westen, in die Hände des ehemaligen “Klassenfeindes”, wie seine deutschen Kollegen in Bernburg das Land jenseits der Mauer bezeichneten. Über Berlin und Köln war Rodolfo schließlich an die Mosel gekommen. Ohne Arbeit, ohne Ersparnisse. Von der Sozialhilfe lebend hatte er einmal Butterkekse und ein anderes Mal Duschgel im Supermarkt mitgehen lassen, was ihm zwei Strafanzeigen wegen zusammen 7,47 Mark Schaden einbrachte. Vom Amtsgericht wurde er deshalb verurteilt, doch der gerichtliche Bescheid war ihm nie zugestellt worden. Die Strafbefehle gingen an seinen neuen Arbeitgeber, wo sie sich verloren. Niemand legte Widerspruch ein. Dann kam die Ausreiseverfügung der Stadt, für kriminell gewordene Vertragsarbeiter der ehemaligen DDR gab es keinen Platz mehr in diesem Land. Rodolfo wurde aufgefordert, “freiwillig auszureisen in ein Land ihrer Wahl”. Sein Anwalt legte Beschwerde dagegen ein. Die Gerichte kümmerten sich darum. Ein Gutachten des Auswärtigen Amtes, angefordert bei der deutschen Botschaft in Luanda, bestätigte “die technische Möglichkeit der Durchführung einer Abschiebung”. Die Regierungsarmee habe die volle Kontrolle über die Straße vom internationalen Flughafen in die Innenstadt, faxte der Botschafter, der selbst über eine gepanzerte Limousine verfügte, doch es vorzog, seine Tage und Nächte in erster Linie in der Residenz zu verbringen. Die deutschen Richter schenkten ihm dennoch Glauben. Aufgrund seiner Vorstrafen wegen Ladendiebstahls hatte Rodolfo sein Bleiberecht verwirkt, denn, so der Amtsrichter Wagner, “die Schwere der einzelnen Straftaten ist insoweit nicht von Bedeutung”. Mildernde Umstände ausgeschlossen.
4. Demo I
Rechtsanwalt Walter Zimmer erreichte die Nachricht während einer Verhandlungspause in einer Familienstreitsache im Amtsgericht. Ein Rechtspfleger teilte ihm gegen Mittag zwischen Tür und Angel das tragische Ende seines Mandanten Rodolfo Rodriguez mit. Der Anwalt fiel aus allen Wolken. Just für diesen Nachmittag hatte er sich die Ausarbeitung eines erweiterten Duldungsantrags für den Inhaftierten vorgenommen. Er hatte bereits die neuesten Dossiers verschiedener seriöser Presseorgane und Menschenrechtsorganisationen über die aktuelle Lage in Angola überflogen und war sich sehr sicher, daß die städtische Ausländerbehörde diesmal die Fakten nicht würde ignorieren können. Noch vor wenigen Tagen hatte er seinem Mandanten beim Besuch vor Ort Hoffnung gemacht. “Machen Sie sich keine Sorgen, Herr Rodriguez, ich werde Sie bald hier herausholen. Ich schätze, daß wir dann für mindestens ein Jahr Ruhe haben werden”, hatte er ihm versichert.
Walter Zimmers Zuversicht basierte weniger auf der formalen Rechtslage, denn auf seinem Gespür und seiner Erfahrung. Er hatte sich verschiedene Fallbeispiele von Kollegen im Lande angesehen, die in ähnlichen Konstellationen fast durchweg eine Duldung erreicht hatten. Die humanitäre Karte schließlich war die letzte, die ihm blieb, aber sie war erfahrungsgemäß häufig ein entscheidender Trumpf im absurden Spiel des amtlichen Menschenschachers.
Der Anwalt empfand jetzt eine unendliche Leere in sich, einen Augenblick lang fühlte er sich völlig kraftlos und verloren, vielleicht drei, vier Sekunden lang haßte er seinen Beruf, das ganze lächerliche Gerichtswesen, das sich Justitia nannte, im Grunde genommen der erstaunten Welt aber nur mit immer wieder neuen sprachlichen Winkelzügen Gerechtigkeit vorgaukelte. Es war wieder einer jener Momente in seiner Juristenlaufbahn, in denen er sich in aller Klarheit seiner Macht- und Bedeutungslosigkeit bewußt wurde. Er war nur ein winziges Rädchen in einem riesigen Getriebe, und er verfügte nicht über die Mittel, das zäh arbeitende Mahlwerk ernsthaft zu beeinflussen, gar ihm eine entscheidende Richtungsänderung zu geben.
Walter Zimmer gab sich einen Ruck. Er war Realist genug, um selbst das schier Unglaubliche noch mit Fassung zu ertragen. Die 2oj ährige Erfahrung als Anwalt in der Moselstadt hatte ihn so manche Schlappe hinnehmen und verdauen lassen, dennoch war er ein Kämpfer geblieben, er hielt den Blick immer nach vorne gerichtet.
Jetzt blieben ihm kaum zehn Minuten, bis er wieder in den Sitzungssaal zurückkehren mußte. Er eilte ins Geschäftszimmer des Gerichts und bat die Sekretärin darum, ihm ein Ortsgespräch zu vermitteln. Obwohl sie von Anwälten keine Weisungen zu befolgen hatte, nahm die Frau das Handy und reichte es dem Bittsteller.
“Bitte bedienen Sie sich, Herr Zimmer.”
Der Anwalt wählte Eduard Steinmann an, den 70jährigen Pensionär, der Mitglied der Bürgerinitiative für Rodriguez war.
“Guten Tag, Herr Steinmann. Schön, daß ich Sie antreffe. Leider muß ich Ihnen eine traurige Mitteilung machen. Rodolfo ist tot.”
Anwalt Zimmer konnte den Schock durch die Leitung hindurch nachempfinden, in den er den Senior der Initiative gestürzt hatte. Erst nach einigen Sekunden konnte Steinmann antworten.
“Das ist doch nicht möglich!” Er stockte.
“Was ist denn passiert, Herr Zimmer?”
Die beiden kannten sich flüchtig durch ein paar Gespräche, die sie in den letzten Wochen und Monaten im Falle Rodriguez geführt hatten. Steinmann, ehemaliger Geschäftsführer eines Seniorenberatungszentrums in der Stadt, hatte sich besonders hervorgetan in der Bürgerinitiative, die sich zur Unterstützung des Bleiberechts für den Angolaner nach dessen Festnahme gebildet hatte.
“Genaueres kann ich Ihnen derzeit nicht sagen, Herr Steinmann. Es heißt, er sollte heute früh über Köln abgeschoben werden. Ich selbst war nicht davon unterrichtet worden. Rodolfo soll sich unterwegs das Leben genommen haben. Ich werde mich heute nachmittag der Sache annehmen.” Eduard Steinmann informierte in der nächsten halben Stunde telefonisch die wichtigsten Mitstreiter, sofern sie zu dieser Zeit erreichbar waren. Alle reagierten gleichermaßen betroffen.
“Diese Schweine!” entfuhr es Erika Kühne-Lech spontan. Der Pensionär hatte die 38jährige Pädagogin im Lehrerzimmer des Faust-Gymnasiums aufstöbern können.
“Wir müssen sofort etwas unternehmen, Eduard”, bedrängte sie den Anrufer. “Hast du heute nachmittag Zeit, sagen wir um 14 Uhr?”
Steinmann war einverstanden. Sie vereinbarten, daß es um zwei Uhr nachmittags eine spontane Protestkundgebung vor dem Rathaus geben sollte. Steinmann nutzte die Zeit bis dahin, weitere Sympathisanten auszukundschaften und zu informieren. Dabei ging er über den Pool der bisherigen Unterstützer hinaus, da viele berufstätig und damit kaum erreichbar waren. Verzweifelt forschte er nach weiteren Adressen. Da kam ihm die mehrseitige Liste der Telefonkette aus der Golfkriegszeit in den Sinn, das war ja gerade mal zweieinhalb Jahre her. Steinmann legte sich ins Zeug, er alarmierte Gott und die Welt, über 70 Nummern versuchte er. Trotz der Kurzfristigkeit sollte es eine eindrucksvolle Manifestation gegen BehördenWillkür und amtlich verordnete Unmenschlichkeit geben. Der Tod von Rodolfo Rodriguez sollte nicht stillschweigend zu den Akten genommen werden dürfen.
Beträchtlichen Bammel hatte Eduard Steinmann vor dem Anruf bei Paula Mbullayawa, einer Landsfrau von Rodolfo. Sie betrieb zusammen mit ihrem Freund Teofilio Porteira einen kleinen Laden mit afrikanischen Produkten in einer Seitenstraße der Innenstadt. Paula reagierte überraschenderweise sehr gefaßt.
“Ich weiß, sie machen uns alle kaputt. Wir Afrikaner dürfen nicht hier sein, das ist klar. Das ist, was sie wollen, uns alle wegschmeißen. Ich weiß genug, wir haben alle Angst, alle. - Trotzdem danke für deinen Anruf, Eduard. Ich geb’ den Freunden Bescheid.”
Eine halbe Stunde vor dem vereinbarten Termin trafen die ersten Demonstranten vor dem Rathaus ein. Sie rollten Transparente aus, die bereits mehrfach bei ähnlichen Anlässen gezeigt worden waren. Aufgeschreckt von einzelnen Rufen wie “Faschisten raus!” oder “Schluß mit den Schreibtischtätern!” reagierte die Behörde und gebar aus ihrem Bauch einen blaßgesichtigen Brillenträger im grauen Anzug, der, wie auf Eiern balancierend, auf die Gruppe zustrebte.
“Ich muß Sie hiermit im Auftrag des Ordnungsamtes bitten, diesen Platz sofort zu räumen. Sie haben keine Genehmigung für diese Veranstaltung...”
Weiter kam der Mann nicht. Schon die letzte Bemerkung war im Pfeifen und Skandieren der mittlerweile auf über zwei Dutzend angewachsenen Gruppe untergegangen. Eduard Steinmann versuchte , ein wenig zu beschwichtigen und ergriff das Wort:
“Sagen Sie Ihrem Herrn Oberbürgermeister, er soll zu uns herauskommen, wenn er etwas will. Hier kriegt Ihr uns heute nicht mehr weg. Wir werden auch die ganze Nacht über hier bleiben. Wir demonstrieren gegen den Tod von Rodolfo Rodriguez. Wann hätten wir das bitte schön denn anmelden sollen?”
Die Menschen applaudierten und pfiffen dann den Beamten gnadenlos nieder, als er zu einem erneuten Redeversuch ansetzen wollte. Er schaute sich verlegen um, und es entging ihm nicht, daß immer mehr Menschen aller Altersgruppen und sogar Mütter mit Kindern zu dem Platz vor dem Rathaus strömten. Die Menschen intonierten ihre Forderungen: “Freiheit für Abschiebehäftlinge!”, “In den Bau mit Mördern!”, “Wer hat Rodolfo Rodriguez getötet?” Der namenlose Beamte verschwand wieder im Bauch der Behörde. Gegen 14 Uhr waren es bereits über 100 städtische Bürger, die den Rathauseingang nun in einem geschlossenen Halbkreis umzingelten und förmlich belagerten. Kein Mensch sollte mehr rein- oder rausgelassen werden.
“Kommen Sie heraus, Herr Leon!” riefen einige mehrmals. Andere standen da in stiller Trauer. Ein halbes Dutzend Transparente zeigte auf die Rathausfront. Der Oberbürgermeister, der sein Büro in der zweiten Etage, ganz in Eingangsnähe hatte, konnte lesen: “Ein Land, das die Fremden nicht beschützt, geht bald unter (Goethe)” oder “Gegen Nationalismus, Rassismus und Sexismus, für eine multikulturelle Gesellschaft”. Es waren altbekannte Forderungen linker Randgruppen, die für OB Leon keine nennenswerte Bedrohung darstellten. Viel mehr Sorge machte ihm der unerwartete Menschenauflauf, der weit über den harten Kern der “Berufsprotestler” hinausging, wie er mit seinen Argusaugen erkennen konnte.
Noch waren es zwei Stunden hin bis zur Pressekonferenz im Polizeipräsidium, und er, Leon, würde dort anstelle des eigentlich zuständigen Fachdezernenten die Position der städtischen Ausländerbehörde klarstellen. Die verbleibende Zeit zur Vorbereitung eines wasserdichten Statements hätte er schon gerne in Ruhe genutzt. Doch daran war jetzt nicht mehr zu denken.
Durch die grauen Gardinen seines Bürofensters hindurch glaubte OB Leon einige als “stadtbekannte, ewige Nörgler” gefürchtete Gesichter identifizieren zu können. Ja, klar, der war auch dabei, der alte Steinmann, dieser Wichtigtuer, und der rote Franziskaner, der Pater Ternes, und natürlich fehlten auch nicht die beiden Macher der Anderen Zeitung (AZ), Klaus Singer und Matz Mendgen. Waren es nicht gar diese beiden, die am lautesten krakeelten? Was tun? - OB Leon ließ sich mit dem Polizeipräsidium verbinden. PP Wuchtke saß in einer wichtigen Besprechung, das hätte er sich auch denken können! Aber Peti Leon ließ sich nicht abwimmeln.
“Bitte, Fräulein Weiß, seien Sie so nett und stellen Sie mich durch. Sagen Sie Ihrem Chef, hier herrscht Alarmstufe 1.” Die Sekretärin fragte über den zweiten Apparat bei Wuchtke an, der mit Pressesprecherin Dr. Schmitt in seinem Büro konferierte. Er hatte ausdrücklich angeordnet, nicht gestört zu werden.
“Okay, gut, Frau Weiß, geben Sie ihn mir.”-
“Herr Wuchtke, wir haben hier ein kleines Problem. Wir werden blockiert, illegal, verstehen Sie.”
“Wieviele sind es?”
“Na, das werden inzwischen sicher an die 100 sein.”
“Wie ist die Stimmung?”
“Reichlich aufgehetzt sind die, richtig scharf gemacht.” “Verdammt, da ist schwer was zu machen. Natürlich können wir abräumen, keine Frage. Aber das ist nicht ganz ohne Risiko. Das müssen Sie entscheiden, Herr Oberbürgermeister. Sie haben das Hausrecht.”
Peti Leon überlegte einen Augenblick.
“Nein, ich glaube, die Sache würde eskalieren. Da sind einige Radikale drunter. Was wir aber dringend benötigen, ist ein Korridor. Sie lassen nämlich niemanden mehr rein noch raus.”
“Gut. Ich schicke Ihnen eine Dutzendschaft rüber, das müßte für diesen Zweck reichen. Ihnen persönlich rate ich, den Hinterausgang zu benutzen. Wenn Sie wollen, können Sie gleich herkommen und sich hier in Ruhe vorbereiten. Ich stelle Ihnen ein Büro zur Verfügung.”
“Vielen Dank, Herr Wuchtke, das ist sehr liebenswürdig von Ihnen. Ich werde möglicherweise auf Ihr Angebot zurückkommen.”
OB Leon raffte die Unterlagen zusammen, die er auf seinem Schreibtisch ausgebreitet hatte, packte sie in seine Ledertasche, wies dann die Vorzimmerdame an, die Ansammlung da draußen von einem Mitarbeiter unauffällig filmen und fotografieren zu lassen, ließ dann seinen Fahrer rufen und bat ihn, den Dienstbenz aus der Tiefgarage zu holen und im Hinterhof vorzufahren. Zehn Minuten später war er aus dem Staube. Zu diesem Zeitpunkt waren am Haupteingang bereits die zugesagten Polizisten eingetroffen, jeder neben der Schußwaffe zusätzlich mit Helm, Schild und Schlagstock ausgerüstet. Barsch trieben sie die Menschenmenge in der Mitte auseinander und bildeten in Sekundenschnelle einen drei Meter breiten Korridor für Passanten zwischen der Rathaustür und dem Freihof draußen. Sechs Polizisten sicherten auf jeder Seite die Besucherschleuse.
“Bitte keine Provokationen!” riefen Pater Ternes und Frau Kühne-Lech den Demonstranten zu, die unsanft von den Beamten attaktiert worden waren. Die Polizisten ließen sich auf keinerlei Gespräche mit den Leuten ein, vereinzelte Anmache ignorierten sie vorläufig.
Kurz vor drei Uhr kam es zu einem Gerangel. Die zwei AZ-Redakteure wollten den Polizeieinsatz fotografieren, woraufhin die Beamten drohten, die Kamera zu beschlagnahmen. Die Umstehenden mischten sich ein.
“Nieder mit dem Bullenpack!” riefen einige der Linken. “Pressefreiheit ist Grundrecht!” skandierten andere.
Die Lage beruhigte sich allmählich wieder, ob nun Fotos gemacht worden waren oder nicht, blieb offen.
“Wir beide gehen jetzt zur Pressekonferenz ins Präsidium”, rief schließlich Matz Mendgen, zu den Demonstranten gewandt. “Es wäre schön, wenn einige von Euch mitkommen könnten.”
Nach kurzer Beratung zogen etwa 20 Personen ab und begleiteten die Journalisten in Richtung Präsidium.
“Haltet die Stellung, wir kommen später wieder. Hasta la victoria, siempre!” rief Matz den Zurückbleibenden zu und erntete damit großes Gejohle. Einige zeigten den Polizisten demonstrativ das V-Zeichen. Die Blicke der Beamten wurden drohender. Ihr Anführer sprach über Funk mit dem Präsidium, er kündigte die Gruppe mit den Reportern des alternativen Stadtblattes an. “Zu Fuß! Jawoll!” schnautzte er ins Mikro.
Bis gegen 16 Uhr war gerade mal eine Handvoll Afrikaner als Demonstranten vor dem Rathaus erschienen, darunter Paula Bullayawa, die mit deutschen Bekannten im Gespräch war. Sie hatte eine Erklärung für dieses Phänomen. “Das ist normal. Unsere Leute haben alle Angst, die wollen nichts mit der Polizei zu tun haben. Das gibt nur Probleme, wir sind doch alle nur Scheiße für die.”
Paula lebte seit über zehn Jahren in der Stadt, sie hatte sich etabliert, wie sie sagte. Und dennoch empfand sie sich immer wieder als unerwünschter Eindringling. In ihrem Laden verkehrten fast nur Ausländer, nur wenige deutsche Freunde verirrten sich dorthin.
“Was soll das werden hier, was nützt das. Rodolfo ist tot, laßt ihn in Ruhe”, bat sie.
“Paula, ich versteh dich”, sagte Sophie Gerber, eine langjährige Freundin der Angolanerin. “Aber das hier ist eine Sache, die uns Deutschen wichtig ist. Wir dürfen uns nicht alles bieten lassen, was von oben kommt. Widerstand zu leisten gegen Unrecht ist unser Recht, verstehst du? Es ist sogar unsere Pflicht!”
Paula kannte dieses Recht. Aber es hatte ihr noch nie viel geholfen, weder in ihrer alten Heimat, noch in der neuen, der sogenannten Alten Welt.
“Du darfst nicht so negativ denken, Paula. Hier geht es um Grundrechte, um Menschenrechte. Da müssen wir laut werden dürfen.”
“Ist gut, Sophie. Macht das so. Aber ich sage dir: unsere Leute kommen nicht. Sie haben einfach Angst.”
Es war die altbekannte, leidige Diskussion, Sophie hatte jetzt aber keine Lust auf Streitereien mit ihrer Freundin. Was sie immer wieder ärgerte, war der Fatalismus der Afrikaner, den sie aus ihrem Verhalten glaubte ableiten zu können. Aus der Praxis ihrer langjährigen Solidaritätsarbeit für behördengeschädigte Immigranten wußte sie um das fehlende Vertrauen der Leute in die Beamten. Das war auch im vollen Umfang nachvollziehbar und in vielen Fällen berechtigt. Und trotzdem war es so schwierig, diese Menschen an einen Tisch zu bekommen, um gemeinsame Aktionen zu starten.
Inzwischen hatten sich die Initiatoren der Protestkundgebung über das weitere Vorgehen verständigt. Erika Kühne-Lech verkündete schließlich den Anwesenden den abgesprochenen Plan.
“Liebe Freundinnen und Freunde. Wir wollen Euch Vorschlagen, daß wir bis zum Dienstende des Rathauses, also gegen 17 Uhr, hier bleiben und unsere Wut und unsere Trauer über den Tod von Rodolfo ausdrücken. Anschließend machen wir einen Schweigemarsch durch die Innenstadt mit einer kleinen Abschlußkundgebung vor der Porta.” Alle schienen damit einverstanden zu sein, es gab keine Gegenvorschläge.
Nur wenige Minuten nach der kurzen Ansprache der Pädagogin kamen zwei Männer aus dem Rathaus und fragten nach den Verantwortlichen für die “illegale Aktion”. Es waren städtische Beamte, sie ernteten ein Pfeifkonzert. Als sich die Leute wieder etwas beruhigt hatten, trat Eduard Steinmann auf die Männer zu, Pater Ternes und Frau Kühne-Lech folgten ihm. “Wir kommen vom Ordnungsamt”, sagte einer der Männer. “Wir müssen Ihnen leider mitteilen, daß Sie keine Genehmigung für diese Sache hier haben.” Gellende Pfiffe im Chor. “Das wissen wir doch schon seit zwei Stunden”, entgegnete Steinmann, als wieder halbwegs Ruhe herrschte.
“Wir machen Ihnen einen Vorschlag”, sagte derselbe Beamte von vorhin. Sprach’ s und zückte ein Papier aus seinem Sakko. “Ich habe ein Antragsformular nach § 21 unserer Stadtordnugssatzung mitgebracht. Wir haben bereits alles für Sie vorbereitet. Sie müssen uns bloß die Strecke angeben, die sie später durch die Stadt nehmen wollen, und wir brauchen die Uhrzeit für das Ende ihrer Kundgebung. Dazu benötigen wir nur noch ihre Unterschriften, eine reicht.”
Die drei Angesprochenen sahen sich etwas ungläubig an. Daß eine Verwaltung derart bürgernah sein könnte, wollte ihnen einfach nicht in die Köpfe gehen.
“Da ist doch was faul dran”, sagte Steinmann. Pater Ternes sah es gelassener.
“Ich glaube, die wollen jetzt keinen Stunk haben. Sparflamme heißt die Devise. Außerdem findet ein blindes Huhn gelegentlich auch mal ein Korn.”
Nachdem sie sich alle drei davon überzeugt hatten, daß es sich nicht um eine Finte handelte, unterzeichnete Frau Kühne-Lech schließlich das Papier. Die Beamte zeigten daraufhin - quasi als Dankeschön - den Ansatz eines zufriedenen Lächelns.
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