Read the book: «Orpheus Stufen - Kriminalroman»

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Burkhard Ziebolz

Orpheus Stufen - Kriminalroman

Saga

Orpheus Stufen - KriminalromanCopyright © 1998, 2019 Burkhard Ziebolz und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726086775

1. Ebook-Auflage, 2019

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

Ereignisse und Namen in diesem Buch sind frei erfunden. Historische Angaben, die nicht direkt mir der Geschichte in Verbindung stehen, sind sachlich richtig. Die Abmessungen und die Ausdehnung der Braunschweiger Kanalisation wurden den Anforderungen des Romans angepaßt – die Stadtväter werden mir die Eigenmächtigkeit verzeihen.

Mein Dank gilt dem Braunschweiger Landesmuseum und der Jüdischen Gemeinde Braunschweig für ihre freundliche Hilfe. Weiterer Dank gebührt Jürgen, der mir bei den Recherchen zur Kanalisation in Braunschweig geholfen hat, und Sabine, Peter, Christiane und Michael für Lektorat und Diskussionsbereitschaft.

Teil I:
Lose Enden
oder Die Quellen

Das erste ist das Gefühl völliger Ruhe und ein sanftes Dahingleiten, in milder, angenehmer Luft. Dann öffnet sich das Bild, wie eine Bühne, vor der ein Vorhang weggezogen wird.

Der Zug fährt lautlos durch eine Landschaft von sattem, dunklem Grün. Er bewegt sich vorwärts in völligem Einklang mit seiner Umgebung, nichts stört die Harmonie des Bildes. Seine Form, seine Farbe, seine Geschwindigkeit – alles wurde für diesen einen Moment gemacht, für diese eine Fanrt; ist sic zu Ende, wird auch er nicht mehr existieren. Keine Kraft kann die eiserne Maschine aufhalten, und ihr Ziel liegt hinter dem Horizont, dort, wo eine dünne Linie hellgrauer Berge die Grenze des Gesichtsfeldes markiert.

Er blickt von oben darauf herab. Die Lokomotive und die Wagen sind klein wie Spielzeug. Er fragt sich: Wie komme ich hier herauf? Fliege ich? Fliege ich selbst, aus eigenem Antrieb? Er weiß es nicht. Auch seine Identität bleibt ihm verschlossen, ebenso wie die Beschaffenheit seiner unmittelbaren Umgebung. Nur eines weiß er genau:

Er ist hier, um dem Zug zuzusehen, der sich tief unter ihm unbeirrbar in das Grün der Landschaft frißt.

Je länger er hinabschaut, um so klarer wird ihm, daß der Zug für ihn eine Bedeutung hat, mehr ist als bloßes Objekt der Beobachtung. Eine lange verschüttete Erinnerung brodelt, wird heiß und schlägt Blasen. Vergebens versucht sie aufzusteigen. Sie hat noch zu wenig Kraft.

Aber eine vage Ahnung ist da, eine Ahnung von etwas, das vor langer Zeit geschehen ist und zu dem er den Schlüssel hat.

Und diese Ahnung ist unangenehm.

1.

Ein enger Ring aus Stahl, schrecklich eng, der sich wie ein Alp um die Brust zieht und einem die Luft abdrückt.

Er kennt das Gefühl schon von anderen Situationen. Er hat es manchmal gehabt, wenn er etwas gegenüberstand, das großes Leid erzeugte, ohne eine Spur von Sinn erkennen zu lassen. Zum Beispiel damals, als sein Kumpel Max mit seinem Motorrad von einem betrunkenen Autofahrer an eine Hauswand gedrückt wurde. Und dann die andere Sache. Die, um deretwillen er heute beinahe zu spät zur Beerdigung seines Großvaters gekommen wäre.

Felix, den blonden Scheitel wie immer ein wenig zerrauft, schaut sich um. Die Gesichter der etwa dreißig schwarz gekleideten Personen sind dem Pfarrer zugewandt. Die meisten der Blicke machen an der hochaufgerichteten Gestalt nicht halt, sondern setzen sich fort in die Unendlichkeit, und Felix könnte schwören, daß die Gedanken ihrer Besitzer sich momentan nicht mit dem Andenken des Dahingeschiedenen beschäftigen.

Der Pfarrer hat sich redlich und mühsam wie ein gutes Schiff bei schwerer See durch die Ansprache gekämpft und kommt langsam zum Ende; eine letzte Salve von Allgemeinplätzen noch, dann ist das rettende Ufer erreicht. Was soll der Mann auch sagen? Er kannte den Verstorbenen nicht. Heinrich Ringel hat Zeit seines Lebens wenig zu tun gehabt mit der Kirche und ihren Angestellten.

Der Geistliche gibt den Trägern ein Zeichen, die leicht gelangweilt im Hintergrund warten, die steifen Hüte regelmäßig in den Händen drehend. Taue straffen sich, Bretter werden unter dem Sarg weggezogen, und dann verschwindet er, Heinrich Ringel, wie er vor fast achtzig Jahren gekommen ist: Zentimeter um Zentimeter, Lichtjahr um Lichtjahr. Bis zu diesem Augenblick war er für Felix körperlich noch irgendwie präsent, aber jetzt entfernt er sich endgültig, vollständig und für immer.

Felix schluckt. Ihm ist zum Heulen zumute, aber als er es versucht, verspürt er nur einen schmerzhaften, trockenen Krampf in der Halsgegend und er weiß, daß er es nicht mehr kann; das Weinen ist eine der Fähigkeiten, die er eingetauscht hat gegen ein paar andere, nützlichere. Dafür zieht sich der Ring um seine Brust weiter zusammen, er kann kaum noch atmen.

Schnelle Ablenkung muß her.

Er wendet Blick und Gedanken wieder beobachtend der Trauergemeinde zu.

Sein Stiefvater. Er kannte den Dahingeschiedenen kaum, hat nur selten Zeit und Gelegenheit für ein Gespräch mit ihm gesucht. Sie hatten nichts gemeinsam, weder Gegenwart noch Vergangenheit, und Zukunft schon gar nicht. Entsprechend niedrig darf bei ihm wohl der Grad von Bestürzung und Trauer eingeschätzt werden, den Pfarrer Kielmann in der Trauerrede soeben in natürlichem Zusammenhang mit den nächsten Verwandten und Freunden erwähnt hat.

Seine Mutter, an ihr hängt sein Blick länger. Die schöne, zerbrechliche Barbara Luckmann, geborene Ringel. Ihr blasses Gesicht ist noch blasser geworden in der letzten Zeit, der Kontrast zu den dunklen Haaren noch stärker. Trauert sie? Sie hatte kein besonders gutes Verhältnis zu ihrem Vater, hat ihm seine Vergangenheit angelastet und manchmal auch offen zum Vorwurf gemacht. Und trotzdem weiß Felix, daß sie ihn vermissen wird. Sie weint nicht, aber das hat sie nie getan, nicht einmal damals, als sie ihren ersten Mann, seinen Vater, verlor.

Der Rest der ihm bekannten Anwesenden kommt als Trauerkandidaten nicht in Frage. Sein Cousin Tobias spielt mit den Bügeln seiner teuren Sonnenbrille herum, in Gedanken wahrscheinlich beim Geschlechtsverkehr mit einer seiner zahlreichen Eroberungen. Tante Monika, Schwester seiner Mutter und fast genauso schön, fixiert den obersten Knopf am Hemdkragen des Priesters, die Haare sorgfältig frisiert und den Mund mit den vollen roten Lippen leicht geöffnet, was sie ausgesprochen sexy aussehen läßt. Felix könnte wetten, daß auch ihre Gedanken sich nicht um Tod und Vergänglichkeit drehen.

Der Sarg ist verschwunden, verschlungen von der Erde. Die ersten Trauergäste treten vor, bilden eine Schlange, um ihm mit einer Handvoll Erde die letzte Ehre zu erweisen. Felix kennt viele der Leute nicht und kann mit ihren Gesten der Anteilnahme nichts anfangen. Sie treten auf ihn und seine Eltern zu, um ihnen mit vielsagend verschleierter Miene die Hände zu schütteln; nicht zu fest, das könnte pietätlos wirken. Ein sanfter Händedruck dem Stiefvater, ein mitfühlender Blick in die Augen der Mutter, dann ein aufmunternder Klaps auf seine, Felix’, Schulter. Und ein leises, aber dennoch deutlich hörbares »Na? Wohl froh, wieder draußen zu sein?« von Onkel Walter, der sich schon immer durch seine Taktlosigkeit ausgezeichnet hat. Aber Felix hat kein Problem damit. Er kennt seine Familie und hat Zeit genug gehabt, sich an derlei Peinlichkeiten zu gewöhnen.

Ein alter Mann am Ende der Schlange fällt ihm auf, dem toten Großvater in Aussehen und Haltung sehr ähnlich. Er nähert sich schnell und je näher er kommt, um so größer scheint die Ähnlichkeit zu werden. Mit kurzen, straffen Schritten tritt er hochaufgerichtet an das Loch, das wie eine offene Wunde im torfigen Boden des Friedhofs klafft. Kurz und straff ist die Bewegung, mit der er seine Portion Erde hinunter in die Grube schleudert – eher eine Geste der Abwehr als des Abschiedes –, und kurz und straff senkt er den Kopf in einer Art ruckartigen, grüßenden Nickens; dann tritt er zurück, kurz und straff. Er ist groß und hager, wie es der Alte war, mit weißen, zurückgekämmten Haaren und einer gewaltigen Hakennase, die ihm das Aussehen eines traurigen Papageien gibt. Aber er wirkt alles andere als komisch, und seine Haltung flößt Felix unwillkürlich Respekt ein. Wahrscheinlich ein alter Kamerad, aus Tagen, an die sich sein Großvater ebenso gern wie heimlich erinnert hat und über die er niemals sprach.

Die ältliche dicke Frau, die als nächste kommt, kennt er auch nicht. Sie trägt ihren wogenden Busen wie ein schweres Bündel vor sich her, die knollige Nase tief in ein Papiertaschentuch von zweifelhafter Färbung gedrückt. Vielleicht die Putzfrau. Nein – hat nicht der Alte so etwas wie eine Haushälterin gehabt, die letzten zwei Jahre? Das hat er ihm mal geschrieben. Sein »Faktotum«, hat er sie in dem Brief genannt. Haushälterin, das könnte passen, Physiognomie und Haltung entsprechen Felix’ Vorstellung.

Keine Zeit mehr für müßige, passive Betrachtung. Seine Tante kommt, und er muß nun seine Aufmerksamkeit zwischen der Dicken und ihr teilen. Sie umarmt ihn und gibt ihm einen Kuß auf die Wange; ihre Lippen sind kühl.

»Tut mir leid für dich. Du mochtest ihn, nicht wahr?«

»Ja, Tante Monika.«

Ihre Augenbrauen wandern leicht nach oben. Ihr Ton ist ernst, kritisch, fast vorwurfsvoll.

»Trotz seiner Vergangenheit.«

»Ja, Tante Monika.«

Er weiß, was sie denkt: Gleich und gleich gesellt sich; aber sagen tut sie es nicht. Gleichzeitig ist er nicht sicher, wie fest ihre moralische Standfestigkeit wirklich ist und ob sie sich auf alle Bereiche ihres Lebens erstreckt. Er hat früher ein paar Geschichten über sie gehört, die nicht dazu passen.

Jedenfalls wird ihre Stimme nun ein paar Grad rauchiger.

»Du bist ein richtiger Mann geworden.«

»Ja.«

Diesmal verschluckt er das »Tante Monika« und findet, daß er schon wieder ganz gut zurechtkommt in der freien Welt.

Ein letzter Händedruck, dann ist sie fort, wie ein schwül warmer Gegenwind, der plötzlich ausbleibt, wenn man in die Abdeckung eines Gebäudes gerät. Er sieht ihr nach, wie sie an Onkel Walters Arm mit schwingenden Hüften das Feld verläßt. Immer noch gute Beine und ein guter Hintern.

Er hat den Alten wirklich gern gehabt, und was früher War, war ihm egal. Er war ein Kind, was interessierte ihn die Vergangenheit seines Opas, oder gar die einer ganzen Nation? Aber er merkte schon damals: Irgend etwas ist da, das der alte Mann mit sich herumträgt wie einen unsichtbaren Kropf. Die Blicke der Leute, leise, halb ausgesprochene Sätze, vielsagende Gesten mit den Händen – und nie wurde ausgesprochen, was man meinte, und nie wurde ganz klar, worin der Makel bestand.

Aber Felix war ein Kind, und er liebte seinen Großvater. Der war groß und stark und wußte immer, was zu tun war, wenn der kleine Junge mit seinen kleinen Nöten und Ängsten zu ihm kam. Er wußte es oft besser als dessen Eltern.

Der Alte hat ihm gegenüber nie von der dunklen Zeit gesprochen, obwohl sie das vertrauteste Verhältnis hatten, das man sich nur vorstellen kann. Und Felix hat nie gefragt, nicht einmal, als er schon älter und neugierig war. Er ahnte irgendwann, worum es ging, aber es blieb dennoch der weiße Fleck auf der Karte ihrer Partnerschaft, den keiner betrat und nie betreten würde, um den anderen nicht in Verlegenheit zu bringen.

Er wußte jedoch, was dem Mann die Erinnerungen bedeuteten. Mehr als einmal hat er ihn bei der Lektüre stockfleckiger Bücher oder bei der Durchsicht von altem, braunem Fotomaterial ertappt; alles verschwand blitzschnell in einer Schublade, wenn er merkte, daß er ihm zusah, und ein Scherz lenkte ab und verwischte die Gedankenspuren.

Und jetzt? Will er es überhaupt noch wissen? Nichts, was der Mann, der jetzt anderthalb Meter unter ihm liegt, je getan hat, kann wirklich nur schlecht gewesen sei, davon ist er überzeugt. Einen Augenblick bereut er schon, daß er sich nicht alles von ihm selbst hat erzählen lassen, als dies noch möglich war.

Die Zeremonie ist zu Ende, die Anwesenden wenden sich dem Ausgang des Friedhofs zu, teils mit gebührender Langsamkeit, teils in einer Eile, die fast an Flucht erinnert. Felix’ Vater reicht dem Pfarrer die Hand, dankt für die zu Herzen gehenden Worte. Dieser nimmt das Lob routiniert entgegen, in Gedanken schon weit weg bei der Hochzeitsfeier am Nachmittag und der abendlichen Sitzung des Pfarrgemeinderates.

Ein letzter Blick Felix’, der als einziger noch an seinem Platz steht, auf die Grube. Ein Arbeiter in grünem Overall – sagt man noch Totengräber? – beginnt, sie zuzuschaufeln. Braune Lawinen rollen hinab, kleine Erdklumpen überholen große, große Erdklumpen überholen kleine, und alle sammeln sich am tiefsten Punkt des Loches, um mit dumpfem Klopfen auf den Holzdeckel zu prallen. In den ruhigen, gemessenen Bewegungen des Mannes liegt etwas Feierliches, das seiner Tätigkeit eine neue, höhere Bedeutung gibt. Fast scheint sie die logische Fortsetzung der Trauerfeier zu sein, und einen Moment bedauert es Felix, daß nur er allein noch beobachtet, was hier geschieht, und nur er Zeuge wird eines weiteren Rituals. Dann aber bemerkt er die Einzelheiten, die Zigarette im Mundwinkel des Mannes, die schlampige Rasur und die angeschmutzten Hosenbeine, und er entscheidet, daß hier doch nichts anderes stattfindet als das Schließen eines Grabes.

Ein paar Minuten später sitzen sie im neuen lackglänzenden Auto seines Adoptivvaters. Felix auf dem Beifahrersitz, seine Mutter hinten; eine unwillkürliche Sitzordnung, ohne Überlegung oder Absprache so wie früher eingenommen, trotz der langen Zeit, die er fort war. Es ist sehr still im Wagen. Er lehnt sich in den bequemen Ledersitz.

Irgendwo muß man anfangen.

»Schöner Wagen. Hast du ihn schon lange?«

Erich Luckmann widmet seine Aufmerksamkeit dem stark fließenden Straßenverkehr an der Einmündung der Straße.

»Ein paar Monate. Ein neues Modell mit mehr Leistung bei niedrigerem Verbrauch. Gab es den schon, als du ...?«

»Ich glaube nicht. Ich hätte es gewußt.«

Felix’ Grinsen kommt nicht ganz ungezwungen.

Seine Mutter legt ihm von hinten die Hand auf die Schulter, leicht wie ein Schmetterling.

»Wir sind froh, daß du wieder bei uns bist.«

Sie will noch mehr sagen, aber wie immer in Augenblicken emotionaler Bewegung fehlen ihr die Worte; ein Mangel, der ihn seine ganze Kindheit hindurch begleitet hat. Er drückt sanft ihre Hand, und sie zieht sie zufrieden wieder zurück.

»Ich freue mich auch. Schade ist nur . . .«

»Was?«

»Schade ist, daß ich zu spät gekommen bin. Ich hätte den Alten gern noch mal gesehen. Lebend, meine ich.«

»Die Kommission hat sich sehr spät entschieden. Später, als es eigentlich geplant war. Dein Großvater hat genauso gespannt darauf gewartet wie du.«

Felix blickt gedankenverloren auf die Straße vor der langen Motorhaube, die Unterlippe etwas vorgeschoben. Er hätte ihn wirklich gern noch einmal gesehen, und noch lieber wäre er bei ihm gewesen, als es passierte. Der Alte hatte sich in den letzten Jahren auf ihn verlassen, in vielen Dingen. Eines Tages hatte er ihn beiseite genommen und gesagt: »Wenn es mal soweit ist, will ich, daß du bei mir bist. Ich will nicht allein sein, wenn ich gehe.« Felix, auf der Schwelle zwischen Kind und Erwachsenem, hatte die Bedeutung des Augenblickes nur unscharf erfaßt, aber es hatte gereicht, um einen dicken Kloß in seiner Kehle entstehen zu lassen. Der ganze Sinn dieses Wunsches war ihm erst viel später aufgegangen. Es war nicht die Angst vor dem Sterben – die hatte der Alte nie gehabt –, es war einfach der größte Beweis von Vertrauen und Zuneigung gewesen.

Und jetzt hat er das Gefühl, ein Versprechen nicht gehalten zu haben.

»Wie ist er gestorben? Er war doch niemals krank.«

Ein kurzer Seitenblick seines Vaters.

»Gehirnschlag. Es ist wohl ganz plötzlich passiert, kurz nach dem Abendessen.«

Gehirnschlag? Was ist das?

»War jemand bei ihm?«

»Nein. Die Haushälterin war schon fort; sie wohnt in der Nachbarschaft und kam nur zur Arbeit ins Haus. Am Morgen hat sie ihn dann gefunden. Ganz friedlich lag er auf dem Sofa, so als wäre er eingeschlafen.«

Die Stimme seiner Mutter klingt dünn und ohne Überzeugungskraft vom Rücksitz.

»Ein schöner Tod. Schnell und ohne Leiden, von einem Moment auf den anderen.«

Sie fahren schweigend das letzte Stück.

Nach einer halben Stunde biegen sie auf das Grundstück ein; die Auffahrt ist mit dickem, weißem Kies bestreut. Es hat sich einiges geändert, schon auf den ersten Blick. Früher gab es hier nur zwei Spuren aus Zementsteinen, mit spärlichem Gras dazwischen und links und rechts daneben. Zwischen den alten Apfelbäumen kommt das Haus in Sicht, und auch hier gibt es Neuerungen: Die Fassade ist renoviert, hellgelb gestrichen, mit Weiß an den Ecken und um die Fenster, und das Dach ist neu.

»Ihr habt mir gar nicht erzählt, was ihr alles gemacht habt.«

Der Wagen hält, Kies knirscht unter den Reifen. Auch die Stimme seines Vater ist verändert. Felix meint, sie wäre tiefer als früher, Ausdruck einer Selbstsicherheit, die er vor ein paar Jahren in diesem Ausmaß noch nicht besessen hatte.

»Das war überfällig, du weißt ja, wie es vorher aussah. Und als wir angefangen haben, da wollten wir es dann gleich gründlich machen. Du solltest mal den Garten sehen. Der Pool ist auch wieder in Ordnung.« Felix’ Augen werden immer größer. Das Anwesen, ein Haus aus den dreißiger Jahren, war früher ein Ärgernis für die noble Nachbarschaft, unordentlich, baufällig, eine Art ständiges Provisorium, das regelmäßig durch neue Provisorien ergänzt und teilweise ersetzt wurde. Nun macht es den Eindruck dauerhafter Stabilität.

»Das muß doch reichlich gekostet haben. Gehen die Geschäfte so gut?«

Er sieht seine Mutter an, bemerkt ein leichtes Flattern der Augenlider. Sein Vater antwortet breit lächelnd.

»Ich kann nicht klagen. Einige dicke Dinger im Osten – Thüringen und Brandenburg –, und hier tut sich auch langsam wieder was. Alles in allem ist die Entwicklung zufriedenstellend, und wir können zuversichtlich in die Zukunft blicken.«

Das klingt nun wie aus dem Rechenschaftsbericht des Vorstandes bei der Aktionärsversammlung. Felix erinnert sich, wie schlecht der Laden früher lief, immer am unteren Limit, die Nase gerade so über dem Wasser und in ständiger Gefahr unterzugehen. Architekten gibt es viele, und nur wenige können so gut von dem leben, was sie gelernt haben, wie es Erich Luckmann offenbar kann.

Wieder betrachtet er das Gesicht seiner Mutter und zum ersten Mal erkennt er die harten Linien, die sich um den Mund gebildet haben, die Ringe unter den Augen, sorgfältig mit den Mitteln der Kosmetik abgemildert, und die tiefen Furchen auf der Stirn. Sie ist älter geworden in der Zeit seiner Abwesenheit, viel älter, als es hätte sein dürfen. Bei ihren Besuchen ist ihm das nie aufgefallen; aber da hat die Freude immer alles andere ausgelöscht, und wirkliche Ruhe hatte man auch nicht miteinander.

Er umfaßt ihre Schultern.

»Du siehst müde aus, Mutti. Laß uns reingehen.«

Die Tür öffnet sich, und seltsam erleichtert bemerkt er, daß im Inneren alles unverändert geblieben ist. Die Möbel stehen noch so, wie er sie in Erinnerung hat, die Lage der Teppiche hat sich nicht verändert, und sogar die Tapete ist noch dieselbe.

Und plötzlich, von einem Moment auf den anderen, ist er wieder frei; alte, rostige Ketten fallen klirrend von ihm ab, und er spürt die eiserne Klammer von vorhin auf dem Friedhof nicht mehr. Ihm ist, als wären die letzten zwei Jahre ausgelöscht und er stünde wieder an dem Punkt, an dem er damals aufgehört hat, wirklich zu leben.

2.

Die Höhe der Regale flößt Respekt ein; und die unüberschaubare Menge an Gedankengut, die auf ihnen lagert, ebenfalls. Achthunderttausend Bände, und dreitausend Handschriften in den Tresoren.

Wilhelm Ringelnatz hat keine tiefere Beziehung zu Büchern. In den sechzig Jahren seines Lebens hat er nur eine Handvoll gelesen, meist Kriminalromane, und die nicht aus Interesse, sondern eigentlich nur, um sich über die darin beschriebenen Ermittlungsmethoden und das aufregende Leben der Detektive zu amüsieren. Aber was ihm hier entgegenschaut, ist beinahe das gesamte Wissenspektrum der Menschheit des Mittelalters, gesammelt über Jahrhunderte, konzentriert auf einem Fleck und konserviert für die Zukunft. Dieses Bewußtsein nötigt ihm Respekt ab.

Die Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel ist bekannt in der bibliophilen Welt. Die in ihr lagernden Schätze der frühen Buchdruckerkunst und die Sammlung von Werken, die noch früher entstanden sind, faszinieren die Wissenschaft seit vielen Jahren.

Er war schon einmal hier, in einem anderen Fall, hatte das alte Gebäude aber nicht so prunkvoll in Erinnerung. Die hohe Halle in ihrer barocken Pracht, die sich wie ein zweiter Himmel über ihm wölbt, ist ein würdiger Rahmen für die Zeugnisse der Vergangenheit, und man kann hier nicht anders, als leise und andächtig zu sein.

Doktor Ernest Bilfinger, der Leiter der Bibliothek, strahlt bei allem, was er sagt und tut, eine bestimmte Art von Zufriedenheit und Stolz aus. Die kleinen, wässrigblauen Augen blitzen aus dem feist-rosigen Gesicht, so als wollte er sagen: »Hier sind wir, ein wertvoller Baustein im Weltwissen, anerkannt in allen Kulturen.« Auch jetzt blitzen sie, obwohl er in die Niederungen krimineller Verirrungen hinabsteigen muß.

»Wir sind natürlich froh, daß es keines unserer wirklich wichtigen Stücke betrifft. Stellen Sie sich vor, der ›Kopernikus‹, oder gar das ›Evangeliar‹ . . .«

Er schlägt in aufkommender Panik die Hand vor den Mund, so als müßte er sich am Schreien hindern. Ringelnatz lockert die Krawatte; er steht dem anderen in Leibesfülle in nichts nach, und ihm ist im Moment nicht ganz wohl. Das »Evangeliar«, so wertvoll es auch ist, ist ihm egal, denn es ist nicht bei der Insura, seinem Arbeitgeber, versichert. Wilhelm Ringelnatz ist das, was der Volksmund einen Versicherungdetektiv nennt.

Er zückt einen kleinen, weißen Block, auf dem gut sichtbar das Logo seiner Gesellschaft prangt: Hermes, Gott der Kaufleute und konsequenterweise auch der Diebe, stilisiert über dem Firmennamen schwebend.

»Das freut uns auch. Um welchen Band handelt es sich noch mal genau?«

Bilfinger senkt die Stimme noch weiter, so als könnte eine erhöhte Lautstärke die Aufmerksamkeit weiterer krimineller Elemente erregen.

»Das Buch heißt ›Traktätlein von dem Kometen, der im November Anno 1638 gesehen worden ist‹.«

Fragend blickt ihn der andere an.

»Was ist der Inhalt des Buches?«

»Wie Sie sich denken können, schildert es das Auftauchen eines Kometen im Jahre 1638. Der Autor hat versucht, sich wissenschaftlich mit diesem Phänomen auseinanderzusetzen, was in den damaligen Zeiten des Aberglaubens an sich schon ein erstaunlicher Ansatz war.«

»Ist das Buch wertvoll?«

Bilfinger verdreht pikiert die Augen. Er ist mittelgroß und sehr dick. Die Reste dessen, was einmal ein mittelblonder Haarschopf war, liegt, sorgfältig nach vorn gebürstet und mit Frisiercreme an die Haut geklebt, quer über der Schädeldecke.

»Naja, irgendwie schon. Bei einer Versteigerung würde es ein paar tausend Mark bringen, aber ich glaube nicht an Gewinnsucht als Motiv.«

»Warum nicht? Meist ist Gewinnsucht das Motiv von Diebstählen.«

Der Direktor blickt jetzt mit verschwörerischem Ausdruck um sich. Der Detektiv zollt der Wandlungsfähigkeit im Mienenspiel des Mannes eine gewisse Bewunderung. Keine Sekunde scheint zu vergehen, ohne daß sich dessen Gesichtsausdruck ändert.

»Jemand, der ein Buch entwendet, muß sich mit antiquarischem Material auskennen. Er muß wissen, was er wo verkaufen kann. Richtig?«

Ringelnatz zuckt die Schultern.

»Wahrscheinlich.«

»Ganz bestimmt.«

Überschlaue Typen hat Ringelnatz noch nie ausstehen können. Aber vielleicht ist die aufkommende Aversion auch auf seinen momentan angegriffenen Gesundheitszustand zurückzuführen. Schön beim Aufstehen am Morgen war ihm übel, und er fühlte sich müde und schwach wie schon die ganzen letzten Wochen.

Die Untersuchung vor ein paar Tagen geht ihm durch den Sinn. Er ist nicht unbedingt beunruhigt, aber doch ein wenig gespannt auf die Ergebnisse. In seinem bisherigen Leben ist er selten krank gewesen, und niemals ernsthaft, aber irgendwann, so denkt er, fängt der Körper halt an, nicht mehr zu funktionieren. Der Arzt hat ihm die Diagnose für nächsten Mittwoch versprochen.

»Was könnte sonst das Motiv gewesen sein?«

»Keine Ahnung. Eine Art ideeller Wert oder der Inhalt des Buches vielleicht. Könnte ich mir denken.«

Was meint er damit? Den Inhalt hätte man ja lesen können, ohne das Buch zu stehlen, und was ist ein ideeller Wert? Der Detektiv schaut ihn forschend an, beschließt aber, systematisch vorzugehen und erstmal das Nächstliegende zu klären.

»Wo hat der Band gestanden?«

Bilfinger wendet sich um, weist in Richtung auf eine Treppe, die nach unten führt, und setzt sich auch gleich in Bewegung.

»Dort unten. Kommen Sie.«

Raumgreifend stürmt er voran, so schnell ihn die kurzen Beine tragen; Ringelnatz, kurzatmig und wieder stärker transpirierend, vermag kaum zu folgen. Der Bibliotheksdirektor scheint besser in Form zu sein, als es seine aufgeschwemmte Erscheinung glauben läßt.

Ein paar Stufen nach unten, das Licht wird gedämpfter. Auch hier sind die Wände voll bis unter die Decke mit weißen oder bräunlichen Bücherrücken. Die Titel sind handschriftlich und immer noch gut lesbar auf jeden einzelnen aufgeschrieben, in eigentümlich spitzer, genauer Schrift, von einer Hand, die schon lange Staub ist.

Bilfinger tritt an ein Regal rechts neben dem Eingang und weist auf eine Lücke zwischen den Bänden.

»Hier war es.«

Ringelnatz sieht sich um.

»Und daß das Buch irgendwo anders hingekommen ist? Ausgeliehen? Oder in eine andere Abteilung, ein anderes Regal, aus Versehen?«

Er weist unbestimmt in den Raum um sie herum.

Schlagartig vereist die Miene des kleinen dicken Direktors, und seine Stimme hat nun jede Spur von Freundlichkeit und Sympathie verloren. Das Dreifachkinn zittert in schwachem Tremolo. Schwer zu sagen, ob es Aufregung ist oder Bindegewebsschwäche, in jedem Fall ist der Mann über die Maßen aufgebracht.

»So etwas gibt es hier nicht. Es gibt keine Versehen in diesem Haus, alles folgt bestimmten, festgelegten Abläufen. Regeln, Herr Ringelnatz, Regeln und Plänen. Jedes Werk hat seinen Platz, der genau festgelegt ist. Dort, und nur dort, kann es sein. Wenn es nicht dort ist, ist es gestohlen. Was nicht ist, wo es sein soll, existiert nicht. Jedenfalls nicht in diesem Haus.«

Ein klarer Standpunkt. Ringelnatz beschließt, nicht weiter darauf einzugehen, um den Mann nicht noch mehr aufzuregen, und setzt mit ruhiger Stimme fort.

»Wer hat den Verlust als erster bemerkt?«

»Das war Herr Zwanziger, einer unserer Bibliothekare.«

»Ist er für diesen Teil der Bibliothek zuständig?«

Huscht ein leichtes Unbehagen über die Miene Bilfingers?

»Nein, eigentlich nicht. Es war mehr ein Zufall.«

Es gibt also doch Zufälle in diesem Haus der Regeln. Der Detektiv setzt sein impertinentestes Lächeln auf, unterbricht den anderen aber nicht.

»Herr Zwanziger suchte eigentlich ein anderes Buch, das in der Nähe des gestohlenen steht. Irgend etwas fiel ihm am Rücken des ›Traktätleins‹ auf. Er zog es aus der Reihe und fand im Inneren eine Attrappe. Weiße Seiten.«

»Das war gestern nachmittag?«

»Richtig. So gegen vier. Wir haben sofort die Polizei gerufen, die die Attrappe dann mit ins Labor genommen hat. Von der Polizei hätten Sie übrigens alles, was ich Ihnen eben erzählt habe, auch erfahren können.«

Das heißt: »Diese Unterhaltung geht mir auf die Nerven und kostet mich Zeit, die ich nicht habe. Und wenn ich sie hätte, würde ich sie nicht mit dir verbringen.« Und es heißt: »Die Polizei wird es schon richten. Die brauchen keinen alten, abgehalfterten Plattfuß wie dich, um ihre Arbeit zu machen.« Ringelnatz spürt die Ablehnung, die in der letzten Minute in seinem Gesprächspartner entstanden ist, verzieht aber keine Miene.

Trotzdem beschließt er, es kurz zu machen.

»Sie haben zu Protokoll gegeben, daß der letzte, der das Buch ausgeliehen hat, der Dieb sein muß. Wie geht das Ausleihen denn vonstatten?«

Der Direktor macht jetzt den Eindruck wirklicher Genervtheit, nahe daran, die Geduld zu verlieren.

»Unsere Räume mit den Büchern sind zwar zugänglich, aber die Bücher dürfen ohne Aufsicht nicht berührt werden. Die Möglichkeit, daß ein Schaden entsteht, ist zu groß. Wenn sich jemand für ein bestimmtes Werk interessiert, dann meldet er sich beim Bibliothekar vom Dienst, ab acht Uhr morgens. Er erhält Einsicht in unsere Kataloge und sucht sich anhand derer das Buch oder die Bücher aus, die ihn interessieren. Manche kommen auch schon am Tag vorher, stöbern in den Regalreihen und treffen auf diese Weise ihre Auswahl. Der Bibliothekar sucht das Buch heraus, das dauert etwa eine dreiviertel Stunde. Er übergibt dem Interessenten das Buch, und der setzt sich damit in den Lesesaal, unten rechts vom Eingang. Bei besonders wertvollen Folianten erhält er dünne Handschuhe, um den direkten Kontakt zwischen Papier und Haut zu verhindern. Schweiß, Aminosäuren, Fett – Sie verstehen. Hat er fertig gelesen, gibt er das Buch zurück und geht. Für die Handschriften gilt dieses simple Procedere natürlich nicht. Sie werden nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen zur Ansicht freigegeben, unter Aufsicht und ausschließlich zu wissenschaftlichen Zwecken.«

»Und bei der Gelegenheit soll das Buch vertauscht worden sein?«

»Ja. Wissen Sie«, nun sinkt die Lautstärke des anderen auf ein Maß, das bei Verschwörungen oder Gesprächen über besonders unangenehme Geschlechtskrankheiten angebracht ist, »wissen Sie, am fraglichen Tag hatte Herr Wenders Dienst. Ein guter Mann, langjähriger Mitarbeiter mit hervorragendem Fachwissen, aber sehr kurzsichtig. Jetzt hat er ja eine neue Brille.«

»Und dieser Herr Wenders . . .«

» . . . schwört natürlich, keine Attrappe entgegengenommen zu haben, und wir können ihm das Gegenteil kaum beweisen. Aber – sagen Sie Wenders nichts von meiner Meinung zu dieser Geschichte. Wenn es so war, wie ich vermute, macht er sich sicherlich selber schon genug Vorwürfe. Das Buch entpuppte sich übrigens als Einband eines Kontobuches aus dem vorigen Jahrhundert; so was kann man auf Flohmärkten billig kaufen. Der Täter hatte sich sogar die Mühe gemacht, ein kleines papierenes Etikett auf den Rücken zu kleben, wie sie alle unsere Bücher tragen, mit einer entsprechenden Beschriftung.«

Der Detektiv lehnt sich mit wackligen Knien gegen ein kleines Stehpult. Ganz plötzlich steigt Übelkeit in seiner Kehle auf, und ihm wird heiß, trotz der konstant zwanzig Grad bei exakt sechzig Prozent Luftfeuchte, die in den Bibliotheksräumen herrschen. Er muß schnell raus hier, an die frische Luft.

Nur noch ein paar letzte Fragen.

»Der Dieb muß um die schlechten Augen ihres Angestellten gewußt haben«, würgt er hervor.

Bilfingers Antwort klingt abweisend.

»Haben Sie Wenders zufällig gesehen? Er sitzt da vorne an der Auskunft. Seine Brillengläser sind dick wie Panzerglas, für jeden erkennbar.«

Ringelnatz erinnert sich. Der Mann hat einen ängstlichen, verschüchterten Eindruck auf ihn gemacht, wie ein in die Enge getriebenes Kaninchen. Sein Augen hatten durch die vergrößernde Wirkung der Brille so ausgesehen, als wären sie in maßlosem Schrecken weit aufgerissen.

Weiß Gott, welche Szene ihm sein Chef wegen des Diebstahls schon gemacht hat. Auch wenn Bilfinger jetzt den Eindruck macht, besorgt um seinen Mitarbeiter zu sein, stuft Ringelnatz ihn in die Kategorie »cholerisch und rechthaberisch« ein.

»Hat der potentielle Dieb sich nur dieses eine Buch vorlegen lassen oder waren es mehrere?«

»Nur das eine.«

»Konnte Herr Wenders den Mann beschreiben?«

Der Direktor schnaubt abfällig duch die Nase.

»Er nicht, aber ich. Ich habe ihn zufällig gesehen, als ich durch die Halle ging, und sein Aussehen fiel mir auf, weil es so untypisch für den Kreis unserer sonstigen Besucher war. Er war klein, kräftig, mit kurzen dunklen Haaren und trug eine schwarze Lederjacke und hohe Stiefel zum Schnüren.«

Sie sind auf dem Weg zum Ausgang, stellt der Detektiv in diesem Moment mit leichter Überraschung fest. Sein Gastgeber führt ihn allmählich, aber zielstrebig hinaus, während er immer weiter spricht.

»Springerstiefel heißen die Dinger, glaube ich. Ganz sauber und blank poliert, wie unsere damals, beim Barras. Und so eine Tätowierung auf der Hand, wie eine germanische Rune.«

Dann stehen sie auch schon vor der Tür, und nach kurzer Verabschiedung stellt Ringelnatz fest, daß er selten so elegant und beiläufig vor die Tür gesetzt worden ist wie gerade eben. Er geht zögernd ein paar Schritte, die Gedanken noch mit dem Gehörten beschäftigt, dann setzt er sich auf eine der Bänke vor dem Bibliotheksgebäude. Das helle Sonnenlicht wird an dieser Stelle vom Grün des Blätterdachs gemildert und gibt ihm eine Färbung, die Kühle auf der Haut erzeugt. Er fühlt sich besser jetzt, das Unwohlsein sinkt auf ein erträgliches Maß herab: Immer noch vorhanden, aber unterhalb der Grenze, die permanent störend wirkt.

In seinem Alter muß man damit rechnen, daß der Körper bisweilen nicht mehr so mitspielt wie früher.

Der feiste Bilfinger hat wahrscheinlich recht, was den Ablauf des Diebstahls anbelangt; vielleicht hat er auch recht in bezug auf das Motiv. Der Inhalt des Buches: Ein Komet fällt auf die Erde. Was kann daran so interessant sein, das Risiko eines Diebstahls einzugehen? Er muß mit jemandem reden, der es gelesen hat und der ihm mehr sagen kann als nur einen Satz.

Die Beschreibung des Diebes paßt natürlich auf die Hälfte aller jungen Neonazis in der Stadt. Eigentlich sollte die Polizei keine Schwierigkeiten haben, ihn zu identifizieren; die meisten dieser Typen sind aktenkundig. Aber Ringelnatz fällt es schwer, die rechte Szene mit Büchern im allgemeinen und diesem Buch im besonderen in Einklang zu bringen. Möglicherweise ist es ein Vorurteil, aber für ihn passen braune Gesinnung und Kultur nicht zusammen. Vielleicht wollte der Dieb ja auch nur aussehen wie ein Rechter und trug die Sachen als Tarnung.

Vielleicht doch ein Auftragsdiebstahl?

Achttausend Mark Versicherungswert, davon bleiben dem Dieb tausendfünfhundert, wenn er Glück und einen netten Hehler hat. Kein Profi macht dafür einen Finger krumm, und Amateure haben nicht den Mumm, so etwas durchzuziehen, falls sie überhaupt auf die Idee kämen.

Er schließt müde die Augen. Auch eine Errungenschaft der letzten Wochen: ständige Müdigkeit. Wann hat er zuletzt Urlaub gehabt? So richtig vor acht Jahren, damals, das letzte Mal mit Agnes. Alles, was später kam, war keine Entspannung mehr, sondern nur eine Flucht. Flucht aus dem Job, vor den Kollegen, aus dem Alltag.

Aus den Umständen.

Langsam kommt er von der Bank hoch, stemmt seine fast hundert Kilo mit Mühe in die Höhe. Er tritt aus dem Schatten der Bäume, die Hitze trifft ihn wie ein Schlag mit einer Wolldecke. Und er denkt, wie schon oft in der letzten Zeit: Du wirst aufhören nach diesem Fall. Die Idee, vor ein paar Wochen noch ganz vage, ist immer konkreter geworden, und jetzt steht es beinahe fest. Ringelnatz hat etwas Geld auf der Seite, nicht viel, aber es wird reichen, um die Zeit bis zur Rente in angenehmem Vorruhestand zu verbringen.

Er atmet auf, als hätte der Gedanke eine Befreiung gebracht. Ein Fall noch. Nächste Woche spricht er mit Millstatt. Sein Chef wird froh sein, daß er geht, aber er wird soviel Anstand haben, es ihn nicht spüren zu lassen. Vierzig Jahre Herumlaufen und Fragen stellen, das muß reichen; vierzig Jahre Unwillen, Reserviertheit und Ablehnung bei seinen Gesprächspartnern. Daran hat er sich niemals gewöhnen können, trotz der zahlreichen kleinen Erfolge, die er über die Zeit in seinem Job hatte und die ihm die Anerkennung seiner damaligen Vorgesetzten eingebracht haben.

Erfolge, die jetzt nichts mehr zählen.

Willi Ringelnatz gehört zum alten Eisen, für seine Vorgesetzten, seine Kollegen, aber auch für Freunde und Bekannte.

Und für sich selbst.

3.

Der kurze, zischende Laut, als er den Vorhang beiseite zieht, zerschneidet die Luft wie eine Schwertklinge. Licht erhellt den Raum.

Felix steht im Flur des großväterlichen Hauses. »Sieh es dir mal an«, hat sein Vater gesagt. »Der Alte wollte es so. Er hat es zufällig noch mal erwähnt, ein paar Tage vor seinem Tod. Wenn mir mal was passiert, gib Felix meinen Hausschlüssel. Er soll in meinem Arbeitszimmer nachschauen.«

Eine Vermächtnis? Wenn es eine Belohnung beinhaltet, so hat er nicht das Gefühl, sie verdient zu haben. Er war nicht da, als sein Großvater starb, trotz seiner Bitte; das wirft er sich vor. Dann aber greift die Logik und beruhigt ihn: Du wärst auch nicht hier gewesen, wenn es möglich gewesen wäre. Du wärst nicht hier gewesen, weil es zu plötzlich kam und du hättest es nicht vorhersehen können.

Er sieht sich um: Es hat sich wenig geändert. Die Möbel, die Heinrich Ringel durch die letzten vierzig Jahre seines Lebens begleitet haben, sind immer noch wie neu, sorgfältig poliert und ohne ein Stäubchen. Felix weiß, daß die Sachen eine Menge wert sind, ausgesucht schöne, antike Stücke; aber das bedeutet ihm nichts.

Kein Laut ist zu hören, und in ihm breitet sich eine vage Beklemmung aus, wie Ringe im Wasser nach einem Steinwurf. Alles hier atmet noch die Gegenwart des Alten, jedes Stück der Inneneinrichtung weist auf ihn hin. In diesem Augenblick und an diesem Ort ist der Geist Heinrich Ringels noch so gegenwärtig und lebendig wie ehemals, und sein Enkel weiß, daß es eine ganze Weile dauern wird, bis ihm dieses Haus wirklich unbewohnt erscheint.

Das Haus ist nach dem Krieg gebaut, in den Sechzigern. Sein Großvater hat auch in einer Zeit, in der Geld knapp war, auf Qualität geachtet. Die Bauweise ist solider als die der anderen Gebäude in der Straße, und die Einrichtung ist auf Ewigkeiten ausgelegt: Stein- oder Parkettböden, Kacheln und Holzvertäfelungen, wo immer es möglich war. Bestimmt hat der Bau damals eine Menge Neid erzeugt und – als Balsam für die mißgünstigen Seelen – die Gerüchte über seine Vergangenheit weiter geschürt. Felix kann sich genau vorstellen, wie der Alte damals darauf reagiert hat.

Mit Gleichgültigkeit.

Gleichgültigkeit gegenüber anderen Menschen ist eine der hervorstechendsten Eigenschaften des alten Ringel gewesen. Er hat sie alle ignoriert und zeigte ganz selten Interesse an fremden Personen. Seine Familie, ein paar Freunde, sie waren wichtig, alle anderen schienen ihm völlig gleichgültig zu sein. Anfangs wußte Felix nicht einmal, ob das nicht auch für einige Mitglieder der Familie galt.

Einmal, Felix mochte zehn Jahre alt gewesen sein, war er ein paar Tage bei seinem Opa zu Besuch gewesen. Die Eltern waren übers Wochenende fortgefahren und wußten ihn bei dem Alten in zuverlässigen Händen. Am Morgen kam ein junger Aushilfsbriefträger. Felix, sehr vorlaut für sein Alter, fragte ihn, wo der alte Postbote, den er von früheren Besuchen her kannte, sei. Er erfuhr, daß der Mann schwerkrank im Hospital lag.

Als er dies seinem Großvater erzählte, bekam er zur Antwort: »Aber wieso denn, ich habe ihm doch vorhin ein Einschreiben unterschrieben.« Er hatte offensichtlich nicht einmal wahrgenommen, daß der Briefträger diesmal ein viel jüngerer war als sonst.

Das war die Art Gleichgültigkeit, die Felix meinte. Ringel sah die Leute seiner Umgebung selektiv; einen Teil nahm er als Personen war, als Charaktere, die meisten aber nur als Gegenstände oder Funktionen.

Er wußte lange nicht, was er darüber denken sollte. Der alte Mann lehnte die wenigen freundlichen Angebote für zwischenmenschliche Kontakte ab, auf barsche, unfreundliche Art und so, daß dem anderen ein für alle Mal die Lust verging, es nochmals zu versuchen. Gegenüber der Familie und den Freunden war er umgänglich, in unterschiedlicher Abstufung. Am oberen Ende der nach unten offenen Umgänglichkeitsskala rangierte Felix und – mit ein wenig Abstand – seine Mutter. Die Schlußlichter waren seiner Schätzung nach Tante Monika und ihr Mann.

Felix’ Charakter unterschied sich von dem des Alten, deshalb verstand er erst spät, warum sich dieser so verhielt. Wie alles in dessen Leben hatte es mit seiner Vergangenheit zu tun und war nichts als ein Schutzmechanismus. Heinrich Ringel war eine Schildkröte, die sich bei Annäherung von etwas Ungewohntem in den Panzer zurückzieht, um den weichen, verletzlichen Körper vor Verletzung durch den potentiellen Feind in Sicherheit zu bringen.

Eine alte, vorsichtige Schildkröte.

Die dicke Holztür zum Arbeitszimmer ist nur angelehnt, Felix drückt sie auf. Er tritt ins Halbdunkel, ahnt die gediegene Inneneinrichtung mehr, als daß er sie sieht. Er würde hier jedes Detail mit verbundenen Augen erkennen. Dann haben sich die Augen an die veränderten Lichtverhältnisse gewöhnt.

Das riesige Bücherregal. Felix hebt die Hand, ein Finger gleitet über die Rücken der alten Wälzer: deutsche Klassiker, zeitgeschichtliche Werke, dazu Schriften von Größen des Dritten Reiches. Als Kind hat er auch manchmal hier gestanden, mit fast der gleichen Neugierde, fast dem gleichen schlechten Gewissen und dem Gefühl, in verbotenes Gebiet einzudringen. Nie hat er eines der Bücher herausgezogen oder gar gewagt, eines aufzuschlagen. Es war keine Angst, es war nur das Gefühl, etwas Unrechtes zu tun, vergleichbar mit dem Verstoß gegen eines der Zehn Gebote, nur viel konkreter.

Felix schüttelt den Kopf. Er ist jetzt älter, gereifter, und das Gefühl, eben noch ganz nah, verschwindet wie verwehender Rauch.

Ratlos sieht er sich um. Er ist hier, um etwas zu finden, und weiß nicht, was es ist. Der Raum bietet tausendundeine Möglichkeit zum Versteck; allein die Durchsuchung der Bücher würde Stunden dauern. Unschlüssig steht er da, die Hände in den Taschen.

Durch die Latten der Fensterläden dringen feine Streifen goldenen Lichtes und malen ein Muster von geometrischer Strenge in das Zimmer; in den Sonnenstrahlen tanzen Millionen kleinster Staubpartikel und bilden eine Galaxis in ständiger Bewegung. Er folgt den hellen Linien mit dem Blick, über Wände und Boden, zum Schreibtisch, der gerade in diesem Augenblick durch den Schatten des Fensterrahmens in zwei exakte Hälften geteilt wird. Wie magnetisiert macht er einen Schritt darauf zu.

Im Schatten des Rahmens liegt ein Stapel geöffneter Briefumschläge. Er nimmt ihn in die Hand. Es sind ältere Briefe, teilweise abgegriffen und verfärbt, offenbar Schriftwechsel mit Freunden, dazu zwei Briefe seiner Großmutter, die sie ihrem Mann vor langer Zeit aus der Schweiz geschrieben hat.

Verbotenes Terrain.

Er legt den Stapel zurück und beugt sich vor, über den Schreibtisch. Sein Hand gleitet suchend unter der Kante der Arbeitsplatte an der Wandseite hin und her. Wo war es nur?

Vor Jahren hat sein Großvater ihm das Geheimnis des massiven Sekretärs offenbart: Das Geheimfach ist hinter der Schublade in der Mitte des Tisches, läßt sich aber nur herausziehen, wenn vorher ein Hebel umgelegt wird. Der Hebel ist irgendwo an der Vorderseite des Schreibtisches. Felix hat ihn zwar damals nicht sehen können, aber er erinnert sich noch gut, wo der Alte gesucht hat.

Die Oberfläche des Holzes fühlt sich warm und glatt an, keine Spur von einem Hebel. Er tastet weiter, spürt schmerzhaft die Kante des Schreibtisches an seiner Hüfte, da, wo sich sein Körper aufstützt. Irgendwo hier muß das Ding sein. Dann stößt sein Zeigefinger an einen kleinen Vorsprung.

Felix drückt mit zwei Fingern darauf und spürt, wie der Vorsprung leicht nachgibt. Irgendwo im Inneren des Möbels rastet, mit deutlich hörbarem metallischen Klicken, ein Riegel ein. Anscheinend hatte sich sein Großvater damals nicht klar ausgedrückt: Es ist eher eine Art Knopf als ein Hebel.

Er richtet sich auf, zieht die Schublade vollständig heraus. Sie enthält Papier, Stifte, Briefmarken und andere Dinge, die in einen Schreibtisch gehören. Er stellt sie schnell auf die Arbeitsplatte und kniet sich hin. Am hinteren Ende der Schienen, die die Schublade gehalten haben, befindet sich noch eine zweite, viel kürzer als die erste und aus rohen, unlackierten Brettern; er zieht auch diese heraus. Der Inhalt wird sichtbar.

Der Umschlag des Briefes ist, im Gegensatz zu denen auf dem Tisch, neu und er ist zugeklebt. Die Adresse besteht aus einem einzigen Wort.

Felix.

4.

Geht es euch gut, meine Lieben? Habt Ihr genug Wasser?«

Das Pfeifen des Wasserkessels zerschneidet den halblaut gesprochenen Monolog des Mannes wie ein Sägeblatt, und gleichzeitig die Rede des Nachrichtensprechers aus dem Fernsehgerät im Hintergrund.

Ringelnatz erhebt sich schwerfällig aus den Tiefen des alten Sofas. Seine Füße tasten suchend nach den ausgetretenen Pantoffeln, die Agnes immer so gehaßt hat. Es sind zwar nicht mehr dieselben wie damals, aber er hat sich wieder ähnliche gekauft, als die alten nicht mehr zu gebrauchen waren. Das ist ein Jahr nach ihrem Auszug gewesen.

Fast acht Jahre ist es her. Seine Frau hat ihn von einem Tag auf den anderen verlassen, ohne Vorwarnung. Sie haben sich über die Jahre auseinandergelebt, das stimmte, und sein Beruf ist ihm immer wichtiger gewesen als sie, das stimmte auch. Trotzdem hat ihn die Trennung schwerer getroffen, als er geglaubt hat. Nicht sofort, in der ersten Zeit war er überwiegend mit der Pflege seiner gekränkten Eitelkeit und dem daraus entstandenen Zorn auf Agnes beschäftigt. Aber dann, nach ein paar Wochen, da trat das Selbstmitleid zurück und er begann, die Einsamkeit zu spüren.

Er geht hinüber, in die Küche der kleinen Wohnung, die er allein mit seinen zwei Sittichen bewohnt. Das Wasser brodelt hörbar im Inneren des Kessels, wie Lava in einem Vulkan kurz vor der Eruption. Ringelnatz nimmt die Pfeife ab, das Geräusch verstummt. Dann gießt er das kochende Wasser in die vorbereitete Tasse mit dem Teebeutel.

Niemals hätte er angenommen, daß sich Agnes in ihrer Ehe derart unwohl fühlen würde, daß sie sich dazu gezwungen sehen könnte, ihn zu verlassen. Und noch weniger wäre er auf die Idee gekommen, daß sie zu einem solchen Schritt überhaupt den Mut aufbringen würde. Gerade dies machte ihm am meisten zu schaffen: Das Gefühl, dreißig Jahre neben ihr gelebt zu haben, ohne sie zu kennen und ohne jemals mitzubekommen, was wirklich in ihr vorging.

Er hat sie nicht wahrgenommen, all die Zeit.

Der Detektiv geht mit der Tasse nach nebenan, nimmt den Platz auf dem Sofa wieder ein. Der Tee wird ihm guttun. Die Übelkeit vom Nachmittag ist zwar verschwunden, aber immer noch ist da ein unangenehmes Zwicken im Magen und ein leichtes Völlegefühl, obwohl er kaum etwas gegessen hat über den Tag. Er drückt auf den Knopf der Fernbedienung. Das Bild zieht sich blitzschnell bis auf einen schmalen, horizontalen Spalt zusammen, wird dann vertikal immer dünner und ist verschwunden.

Nun ist es still, bis auf das Ticken der beiden Wanduhren, und gelegentlich leise, zirpende Töne, die die Vögel von sich geben. Er führt die Tasse zu den Lippen; während er trinkt, spaziert sein Blick kritisch durch den Raum.

Mit Agnes hat sich auch die Wohnkultur von ihm verabschiedet, das ist überdeutlich. Er kann das einfach nicht, seine Frau hatte ihm seinen schlechten Geschmack manchmal vorgehalten. Ringelnatz hält die drei Räume zwar klinisch sauber, aber seine Einrichtungsgegenstände wirken alle, als stünden sie nur zufällig bei ihm herum; kein Stück paßt zum Stil des anderen. Er spürt die Disharmonie, und sie stört ihn, aber er ist nicht in der Lage, etwas daran zu ändern.

Ein kleiner Schluck Tee rinnt seine Speiseröhre hinab. Die Wärme des Getränks wirkt wohltuend und beruhigend auf seine Magenwände.

Das Gespräch mit Millstadt fällt ihm wieder ein, der Ausstieg aus dem Berufsleben. Vielleicht kann er sogar eine kleine Abfindung herausschinden. Im Moment baut die Insura wieder Personal ab, in einigen Bereichen jedenfalls. Wenn er geht, dann tut er ihnen sogar einen Gefallen, warum sollen sie nicht dafür zahlen?

Wieder ein Schluck.

Ringelnatz sieht dem Pensionärsdasein mit gemischten Gefühlen entgegen. Einerseits wird die Anspannung, die auf ihm lastet, mit einem Male verschwunden sein, und hoffentlich auch das Gefühl von Minderwertigkeit und Nutzlosigkeit, daß sich in den letzten Jahren in ihm entwickelt hat. Die anderen, seine jüngeren Kollegen, sind jetzt die Leistungsträger der Abteilung; sie sind schneller als er, denken klarer, wissen immer besser, was zu tun ist. Sie lassen ihn spüren, daß sie besser sind, oder sich zumindest dafür halten, und er hat es akzeptiert und wehrt sich nicht mehr.

Nutzlos. Genau das ist das Stichwort für die Zeit des Ruhestands. Was wird er machen mit seiner freien Zeit? Ringelnatz hat keine Ahnung. Im Moment sieht er meist fern, wenn er zu Hause ist, oder er liest Zeitung. Er hat keine Hobbys. Trotz der schlechten Position, die er jetzt in der Geschäftshierarchie einnimmt, hat ihn nie etwas anderes interessiert als das Geschäft.

Ich muß mich vorbereiten, denkt er in aufkommender Panik, die Hand mit der Teetasse beginnt leicht zu zittern. Ich muß mir etwas suchen, daß mich beschäftigt, sonst ist es bald aus. Er hat es oft genug erlebt, wenn Kollegen ausgeschieden sind, die genauso gelebt hatten wie er. Auf einmal ist der Boden aus beruflich definiertem Selbstwertgefühl, auf dem sie sich all die Jahre sicher bewegt hatten, verschwunden, und damit alles, was das Leben lebenswert macht. Die wenigsten verkraften, was ihnen da passiert. Einige von ihnen schleichen noch ab und zu in den Büros herum, lästige Besucher, die keiner mehr kennt und für die keiner Zeit hat. Gespenster ihres früheren Seins.

Ihm, Ringelnatz, würde das nie passieren, davon war er früher überzeugt gewesen. Er war dynamisch, umtriebig, und er hatte Agnes und seinen Sohn; das würde ihn in Bewegung halten bis in alle Ewigkeit, jawohl.

Bis in alle Ewigkeit.

Die Teetasse beruhigt sich allmählich. Er wird schon etwas finden, das ihn interessiert.

Noch ist Zeit genug. Und bis dahin hat er ja noch den Fall, wahrscheinlich seinen letzten.

Nach dem Gespräch mit Bilfinger ist er noch einmal zurückgegangen in die Bibliothek, heimlich, so daß ihn der Direktor nicht sieht. Er kann nicht sagen, wieso, aber es wäre ihm unangenehm gewesen, den Mann so schnell wieder zu treffen, nachdem der ihn quasi vor die Tür gesetzt hat.

Ringelnatz hat mit Wenders gesprochen, dem Sündenbock mit der dicken Brille. Dieser hat die Aussage seines Chefs im Kern bestätigt, und seine Brille ist wirklich sehr dick. Auch mit Glaus Zwanziger, dem Angestellten, der den Diebstahl bemerkt hat, hat er kurz geredet. Zwanziger, ein hochgewachsener Mann Mitte Dreißig, mit knappen, abgehackt wirkenden Bewegungen, konnte ihm zum Ablauf des Diebstahls aber auch nicht mehr erzählen, als er schon wußte.

Eine Attrappe anstelle des Buches. Zwei Dinge sind dem Detektiv an der Aussage des Bibliotheksleiters aufgefallen. Zum einen ist da die Tatsache, daß Wenders nichts, aber auch gar nichts gemerkt haben will. Immerhin, der Dieb sah nicht aus wie ein normaler Bücherfreund und Bibliotheksbesucher, hätte also schon aus diesem Grund erhöhte Aufmerksamkeit auf sich ziehen sollen. Und wäre nicht auch am Papier des Einbandes oder am Gewicht der Fälschung zu erkennen gewesen, worum es sich handelte? Wenders sagt nein.

Das andere ist Zwanzigers zufällige Entdeckung der Attrappe. Der Mann kommt in den Raum, in einen Teil der Bibliothek, der nicht zu seinem Wirkungskreis gehört, und findet auf Anhieb die Attrappe aus einem Haufen Buchrücken heraus, die sich gleichen wie ein Sittich dem anderen.

»Kommt zu Papi. Kommt her.«

Er beugt sich vor, stößt leicht mit der Spitze des Zeigefingers an die dünnen goldglänzenden Stäbe des Käfigs. Die Tiere erschrecken nicht, beachten ihn kaum; einer äugt gelangweilt in seine Richtung, der andere putzt selbstvergessen sein Gefieder.

Der Inhalt des Buches muß der Schlüssel sein, nicht sein Wert. Die Bemerkung Bilfingers hat sich in ihm festgesetzt wie eine Zecke, zerrt und zappelt in seinem Verstand. Wenders hat ihn Einsicht in ein kommentiertes Verzeichnis aller Bücher der Bibliothek nehmen lassen. Die Inhaltsangabe für das »Traktätlein« war nur kurz und gab nicht viel mehr Information her als das, was der Direktor schon gesagt hatte.

Die Wellensittiche sitzen jetzt vereint am Boden des Käfigs und knabbern von zwei Seiten an einem Hirsekolben. Ringelnatz hat sie Max und Moritz getauft, wohl wissend, daß der eine ein Weibchen ist, aber zu träge, sich etwas Treffenderes auszudenken. Aber schließlich – den Tieren ist es egal, sie hören weder auf diese noch auf irgendwelche anderen Namen.

Dummes Federvieh.

Wenn er in Rente ist, wird er sich einen Hund kaufen. Hunde sind treu, intelligent, die idealen Gefährten des Menschen. Er wird mit ihm Spazierengehen, so oft es geht. Hunde brauchen Bewegung, und er, Ringelnatz, wird sie auch nötig haben, wenn er nicht mehr beruflich unterwegs ist.

Eine Aufgabe. Er klammert sich an den Gedanken: Es gibt Dinge, die er später noch tun kann. Der Hund ist nur eine Möglichkeit von vielen, die ihm noch einfallen werden. Er fühlt sich besser jetzt, gleichzeitig kehrt die Schläfrigkeit wieder, die ihn schon den ganzen Tag über plagt. Ächzend läßt er sich zurück in die Polster sinken und schließt die müden, brennenden Augen.

Man müßte genauere Informationen über den Buchinhalt haben. Die kurze Zusammenfassung aus dem Verzeichnis reicht nicht. Man müßte mit jemandem reden, der das Buch gelesen hat.

Sein Bewußtsein verschwimmt, wird unscharf, so als würde jemand mit gesunden Augen durch eine starke Brille schauen.

Er müßte die Listen der Ausleiher anfordern. Jeder, der sich ein Buch herausgeben läßt, wird in einer Liste notiert, mit Anschrift laut Personalausweis. Auch der potentielle Dieb wurde notiert, als letzter in einer Reihe von Lesern der letzen fünfzig Jahre. Wie Ringelnatz inzwischen aus den Akten der Polizei weiß, hat er sich als »Martin Wiegald« ausgewiesen. Der Name war so falsch wie die Adresse und wohl überhaupt die ganzen Papiere.

Das ist der letzte Gedanke, bevor er in einen traumlos erschöpften Schlaf fällt, in unbequemer, halb sitzender Stellung und mit offenem Munde leise schnarchend.

Du mußt die Listen haben. Die Listen werden dir den Weg zeigen.

5.

Können Sie sich ausweisen?«

Das Gesicht des Bankangestellten wirkt leicht angewidert, aber Felix ist ziemlich sicher, daß dies nichts mit seiner Person zu tun hat; es ist einfach das natürliche Mienenspiel dieses Mannes, angesiedelt irgendwo zwischen Ekel und Aristokratie. Er legt seinen Personalausweis auf den Tisch und tritt unwillkürlich einen Schritt zurück. Als ihm klar wird, was er getan hat, muß er grinsen. Die Angewohnheit sitzt tief, in langen Monaten antrainiert: Tritt an den Tresen, tu, was man von dir erwartet, und tritt zurück.

»Und die Vollmacht haben Sie auch?«

Er zieht den Umschlag aus der Tasche, den er in dem geheimen Fach des Schreibtisches gefunden hat.

Der Brief hat nicht viel enthalten: Ein kleiner, verchromter Schlüssel und die Vollmacht für ein Schließfach bei der Hausbank seines Großvaters. Schlüssel und Vollmacht waren allein, ohne erklärende Zeilen, und das verstärkt für ihn ihre Bedeutung. Sie vervielfacht sich, weil die Erklärung für die Gegenstände die Gegenstände selbst sein müssen. Sie tragen den Auftrag in sich, herauszufinden, was ihr Sinn ist.

Felix ist ein wenig traurig über das Fehlen von ein paar letzten persönlichen Zeilen. Aber der Alte hat nie viel Worte gemacht, aber was er sagen wollte, hat er immer gesagt. Er ist überzeugt, daß er dies auch jetzt tun wird, auf die eine oder andere Art.

»Ihr Großvater ist krank, sagen Sie?«

»Ja. Es geht ihm wirklich sehr schlecht. Wir wissen nicht, ob er sich noch mal erholt.«

»Das tut mir leid.«

Felix’ Lächeln an dieser Stelle der Unterhaltung bleibt dem Bankmann unverständlich, läßt ihn entfernt an die Aussicht auf ein großes Erbe denken. Er kann nicht wissen, daß das genau die Art von Humor ist, die der Alte geliebt hat. Aber Felix’ Witz ist nicht ohne Sinh: Er will die Schwierigkeiten nicht vergrößern, indem er auf das Ableben Heinrich Ringels hinweist. In diesem Fall würde die Bank bestimmt eine Kopie des Totenscheines sehen wollen, und bis er die besorgen kann, würde einige Zeit vergehen.

Der Bankangestellte blättert geschäftig in einer Mappe mit eingehefteten Formularen, vergleicht mit der gebotenen, vorschriftsmäßigen Sorgfalt die Unterschrift auf der Vollmacht mit der Unterschriftenprobe Heinrich Ringels in seiner Kartei.

»Wie lautet das Kennwort?«

Verdammt. Felix erstarrt, fühlt leichten Schweiß auf der Stirn. Welches Kennwort? Er kennt kein Kennwort; in dem Umschlag stand nichts davon. Sein Gehirn arbeitet so fieberhaft, daß er meint, der andere müßte es hören können, als eine Art mechanisches Klicken, wie wenn Zahnräder Zahnräder antreiben. Und wirklich schaut dieser auf, aber nur, weil er durch das spontane Ausbleiben einer Antwort leicht irritiert ist.

Der Blick wird forschend, die Stimme nachdrücklicher, fordernder.

»Das Kennwort?«

Einen Versuch. Mehr hat er nicht.

Dann der blitzschnelle Einfall, und bevor er noch darüber nachdenken kann, ist es heraus.

»Das Wort ist ›Felix‹.«

»Danke.«

Befreites Aufatmen, auf beiden Seiten. Der Test ist zufriedenstellend verlaufen, und nun verändert sich das Gesicht des Angestellten, wird freundlich, weich und strahlt eine Wärme aus, die ebensowenig echt ist wie vorher seine Ablehnung. Nur viel angenehmer.

»Bestellen Sie Ihrem Großvater die herzlichsten Wünsche für eine schnelle Genesung. Die Schließfächer sind im Keller. Wenn ich Sie bitten dürfte . . .«

Eine beflissen-richtungsweisende Handbewegung nach hinten, dann dreht er sich um und geht auf eine dicke, grauschimmernde Tür zu. Das Lesegerät an der Wand gibt ein leises Summen von sich, als er eine Magnetkarte hineinsteckt. Die gepanzerte Tür gleitet lautlos zur Seite, in die Wand hinein, und gibt den Blick frei auf eine Treppe, die ins Untergeschoß führt. Am Fuß der Treppe liegt der Raum mit den Schließfächern, etwa fünfzehn mal fünfzehn Meter. Neonröhren an der Decke erhellen die sterile Umgebung. Die Wände bestehen, vom Boden bis zu einer Höhe von etwa einssechzig, nur aus den schmalen Frontplatten der Fächer, stählern glänzend und Vertrauen auf ihre Sicherheit einflößend. In der genauen Mitte des Raumes steht ein hölzerner Tisch mit zwei Stühlen. Das ist die ganze Einrichtung.

Der Angestellte führt ihn an eines der Fächer.

»Hier ist es. Nummer 233. Haben Sie den Schlüssel? Dann stecken Sie ihn bitte in das linke Schlüsselloch.«

Felix tut, wie ihm geheißen. Der andere zieht aus der Uhrentasche der untadelig dunkelblauen Weste seines untadelig dunkelblauen Anzugs eine silberne Kette, sehr stilvoll. An ihrem Ende baumelt ein anderer Schlüssel, Bruder dessen, den Felix hat. Er schließt das zweite Schloß auf.

»Ich lasse Sie nun mit dem Inhalt allein. Wenn Sie etwas brauchen oder wieder heraus wollen, klingeln Sie bitte.«

Ein letzter Fingerzeig auf den Klingelknopf, dann sitzt Felix an dem kleinen Tisch, allein in dem kahlen Raum, dessen Tür sich wieder geschlossen hat.

Die metallene Schublade ist dreißig mal fünfzig Zentimeter, stabiles Stahlblech. Ein einfacher Klappdeckel, der die Oberseite zur Hälfte abdeckt, schließt ihren Inhalt hermetisch von der Außenwelt ab.

Ein kurzes Zögern, dann öffnet er den Deckel.

Der Blechkasten ist leer.

Die Enttäuschung überrieselt ihn wie Wasser einer heißen Dusche und nimmt von seinem Körper Besitz. Was hat er erwartet? Er ist sich nicht sicher, auf alle Fälle mehr als nichts.

Aber dann sieht er aus dem dunklen Teil der Schublade etwas hervorschauen, die Ecke eines Papierstücks. Er zieht es ans Licht und nimmt es heraus, neugierig und erleichtert.

Zwei Dinge hat der Alte an diesem Ort hinterlegt, damit sein Enkel sie findet. Sein Enkel und niemand anderes; und darum trägt er und kein anderer auch die Verantwortung, ihre Bedeutung zu enträtseln und das zu tun, was Heinrich Ringel ihm damit auftragen wollte. Es überrieselt ihn wieder, aber diesmal ist die Ursache eine andere: Es ist Spannung, Erwartung und eine Vorahnung von Gefahr.

Ein Blatt mit einer Bleistiftskizze, DIN A4. Vielleicht ein Stadtplan, denkt Felix, mit vielfach verzweigtem Straßensystem und Markierungen an verschiedenen Stellen. Eine dicke Linie in der Mitte, von der dünnere Linien abzweigen.

Und ein Zeitungsartikel, sauber ausgeschnitten, in italienischer Sprache. Das Papier ist vom Alter vergilbt und abgegriffen durch immer wiederkehrende Benutzung. Am oberen Rand hat jemand mit Tinte ein Datum vermerkt: 24. Januar 1932.

6.

Schon der Anblick des Gebäudes lastet auf seinem Gemüt wie eine Zentnerlast Zementsäcke und drückt ihn dabei fast körperlich zu Boden. Willi Ringelnatz versucht sich zu erinnern, wie lange das schon so ist:

Er weiß noch genau, wie gern er am Anfang seiner Laufbahn zur Arbeit ging. Es war damals, als würde das große Haus mit den vielen Räumen ihn jeden Morgen an sich ziehen wie ein goldener Magnet, Erfolg verheißend, Zufriedenheit und – vor allem anderen – das Gefühl, gebraucht zu werden und jemand zu sein.

Das Haus ist noch dasselbe, aber dahinter ist ein anderes, größeres entstanden, Zeichen einer neuen Zeit für die Versicherung, und für ihn persönlich das Signal, irgendwann den Anschluß verpaßt zu haben. Die meisten der Kollegen, mit denen er früher zusammengearbeitet hat, haben nun ihre Büros in dem neuen, stahlblitzenden Hochhaus, in hellen, modernen Räumen, mit stilvollen, funktionellen Möbeln. Nur die wenigen, von denen die Insura nichts mehr erwartet, sind hiergeblieben: im Altbau. Der Altbau, das ist gleichbedeutend mit Abstellgleis: keine Ortsbeschreibung mehr, sondern eher eine Bewertung der Fähigkeiten.

Wenn er morgens hierher kommt, dann nur mit dem Gedanken, möglichst nicht aufzufallen, seine Bürotätigkeiten schnell hinter sich zu bringen, und dann wieder hinaus zu seinen Recherchen zu kommen. Im Außendienst, wenn er allein ist, geht es ihm besser; dann fühlt er sich unbeobachtet und frei.

Er betritt das Haus sehr leise, schleicht fast hinein. Leider ist er nicht unauffällig genug.

Heinz-Peter Drusen scheint schon auf ihn gelauert zu haben. Drusen ist einer seiner jüngeren Kollegen, wenig intelligent, ohne Esprit, ohne Perspektive, aber dafür mit einem ausgeprägten Hang zu bösartigem Spott: Ausgleich für die fehlende Anerkennung seiner Arbeit.

Sein Grinsen ist ölig und breit, aber durchsichtig wie Glas; dahinter lauern dunkel Frust und Enttäuschung. Und noch ein Schatten ist dort, dunkler als die anderen und diese überlagernd: Es ist die Angst. So unsensibel er auch ist, irgendein Teil seines Bewußtseins erkennt in dem älteren Kollegen ein Abbild seiner selbst, wie er in zwanzig Jahren sein wird.

»Na, Ringelnatz? Wieder auf brennend heißer Fährte? Da müssen die Fahrraddiebe der Stadt aber zitternde Knie bekommen. Oder geht es diesmal um gestohlene Pfandflaschen?«

Wenn es nicht so oft käme, wäre es vielleicht komisch. Aber die Anmachen ähneln sich zu sehr, zielen immer in die gleiche Richtung, als daß es noch Spaß machen würde, eine intelligente Antwort zurückzugeben. Außerdem – wer würde es hören?

So antwortet Ringelnatz erwartungsgemäß überhaupt nicht und geht schnell an ihm vorüber. Der andere lacht kalt in seinem kleinen Triumph. Später wird er den anderen erzählen, wie er den alten Ringelnatz mal wieder fertiggemacht hat, »der wußte überhaupt nicht, was er sagen sollte!«, und dann würden sie alle gemeinsam lachen, freudlos in kollektiver Mittelmäßigkeit.

Seufzend schließt er die Tür auf. Seit ihm vor einiger Zeit die Akten eines wichtigen Falles abhanden gekommen sind, hält er sein Büro abgeschlossen. Er hatte damals einen der anderen Ermittler in Verdacht, der ihm eins auswischen und sich selbst ein wenig in Szene setzen wollte, konnte aber nichts beweisen.

Da die Tür immer geschlossen ist, kommen auch die Putzfrauen nicht mehr hinein. Das Telefon ist, bis auf Hörer und Tastatur, staubbedeckt wie alles hier. Vorsichtig wählt er die Nummer der Bibliothek, sorgsam darauf achtend, nicht mit seiner Kleidung den Tisch oder ein anderes Möbelstück zu berühren. Irgendwann wird er aufräumen und saubermachen, nimmt er sich vor.

Eine weibliche Stimme meldet sich.

»Herzog August Bibliothek, Gründgens.«

Ringelnatz stellt sich vor, erklärt in knappen Worten die Situation und sein Anliegen.

»Und deshalb wäre es gut, wenn ich die Ausleihliste oder wie das heißt einsehen könnte. Von dem Buch, meine ich.«

Die Stimme ist freundlich, fast schmeichelnd.

»Natürlich können Sie das. Mit Genehmigung des Direktors, versteht sich.«

»Versteht sich.«

Also muß er doch noch mal mit Bilfinger sprechen. Der Gedanke ist ihm unangenehm.

»Können Sie mir die Liste faxen? Die Nummer ist . . .«

Die Frau unterbricht.

»Das geht leider nicht. Zunächst brauche ich die Genehmigung Doktor Bilfingers.«

»Können Sie ihn nicht schnell fragen? Er kennt mich, wir haben gestern miteinander gesprochen.«

Am anderen Ende der Leitung bleibt es still. Wahrscheinlich wägt seine Gesprächspartnerin jetzt ab, ob es mehr Anstrengung kostet, aufzustehen und zu fragen, oder ihn dazu zu bringen, noch einmal nach Wolfenbüttel zu kommen.

Dann ist sie wieder da.

»Das könnte ich schon tun.«

Na also.

»Aber wir dürfen grundsätzlich keine internen Materialien per Fax verschicken. Bibliotheksanweisung Nummer 234, Datenschutz.«

Eine wandelnde Dienstvorschrift. Willi Ringelnatz kennt den Typ, auch aus der eigenen Firma, und weiß, daß jeder Widerstand zwecklos ist. Niemals wird die Frau etwas tun, was nicht den Vorschriften gemäß ist, auch unter massiver Folter nicht. Resigniert legt er auf.

Er verläßt das Büro, wie er gekommen ist, schleichend, fast auf Zehenspitzen. Zwei Minuten später sitzt er in seinem alten Ford und biegt in die Wolfenbütteler Straße ein, froh darüber, beim Verlassen des Gebäudes niemandem begegnet zu sein.

Eine halbe Stunde später ist er am Ziel. Das wilhelminische Gebäude, erbaut Ende des neunzehnten Jahrhunderts für exakt den Zweck, dem es auch heute noch dient, empfängt ihn wie einen alten Bekannten.

Frau Gründgens entspricht nicht dem Bild, das er sich am Telefon von ihr gemacht hat. Sie ist nicht fünfzig, sondern Mitte Zwanzig, sie ist nicht dick und häßlich, sondern wohlproportioniert, und mit Beinen, die bis zum Himmel reichen, soweit er das von seinem Standort aus beurteilen kann.

Sie bemerkt seinen abschätzenden Blick, den Blick eines in ihren Augen sicherlich alten, unattraktiven Mannes, und preßt mißbilligend die Lippen aufeinander. Schlechter Anfang. Dann aber, als er sagt, wer er ist, ändert sich ihr Gesichtsausdruck, und sie ist sehr kooperativ. Ringelnatz nimmt an, daß sie nach dem Telefongespräch mit Bilfinger gesprochen und dieser sie auf die Notwendigkeit einer Zusammenarbeit hingewiesen hat.

Er bekommt einen Platz am Rande des Lesesaals zugewiesen. Fünf Minuten später hat er die Liste vor sich, die sich als Computerausdruck herausstellt. Ganz oben steht der Titel des Buches, »Traktätlein von dem Kometen, der im November Anno 1638 gesehen worden ist«; daneben eine Registriernummer, gefolgt von einigen bibliographischen Daten wie Seitenzahl, Erscheinungsjahr und so weiter. Darunter beginnt die eigentliche Liste.

Es sind nur zwei Seiten. Offenbar gehörte das Werk nicht zu den Bestsellern der Bibliothek, denn seit Januar 1950 wurde es nur neunmal verlangt: Zweimal zwischen 1950 und 1960, einmal in den 80ern, die anderen sechs Mal nach 1990. Er notiert sich alle Namen, präzise mit Adressen und Ausweisnummern, und klappt sein Notizbuch zu, zufrieden, einen Anfang gefunden zu haben, vielleicht das Knäuel, an dem der rote Faden hängt.

Wie immer, wenn er bei einer Ermittlung nach einer Zeit des Schwimmens Land unter die Füße bekommt, spürt er Erleichterung. Ringelnatz haßt es, im Dunkelherumzustochern, sich auf Zufälle zu verlassen, ohne Struktur und ohne richtiges Ziel. Seine Arbeit braucht System, sein Denken braucht Ordnung. Er verläßt sich nicht auf Intuition und Gefühl, sondern ausschließlich auf Logik und die Ergebnisse seiner Denkarbeit. Ein konkreter Anfangspunkt gibt seiner Arbeit einen Rahmen, einen Fahrplan, in dem er sich bewegen kann; er fühlt sich sicher in diesem Rahmen, muß kein wirkliches Neuland betreten und muß nicht improvisieren.

Sein nächster Schritt ist, die Personen auf der Liste zu überprüfen und zu versuchen, mit ihnen Kontakt aufzunehmen.

Nur eines bleibt im Moment noch zu tun, wenn er auch nicht damit rechnet, daß es ihn weiterbringt.

Frau Gründgens blickt auf, als er mit der Liste wieder vor ihrem aufgeräumt wirkenden Schreibtisch steht. Die Bluse der jungen Frau hat ein reichlich bemessenes Dekolleté, und einen Augenblick wandert sein Blick tief hinein; obwohl er in den letzten Jahren selten von ihm Gebrauch gemacht hat, hat sich sein Geschlechtstrieb offenbar noch nicht vollständig von ihm verabschiedet, jedenfalls spürt er ihn im Moment.

Wieder fängt sie seinen Blick auf, wieder hat sie ihn ertappt und verhärtet sich ihr Gesicht mißbilligend. Aber sie bemüht sich, freundlich zu bleiben, und er zieht sich schnell wieder von einem Gebiet zurück, auf dem er nichts verloren hat.

»Ich bin fertig, Frau Gründgens. Die Liste hat mir sehr geholfen. Etwas noch . . .«

Er schaut ihr ins Gesicht, abschätzend, wie sie weitere Fragen von ihm aufnehmen wird. Dann legt er den Computerausdruck vor sie hin.

»Die Liste hier beginnt 1950. Gibt es so etwas auch für die Zeit vorher?«

Sie überlegt nicht lange.

»Nicht in der EDV, die Mühe haben wir uns nicht mehr gemacht. Aber unser Archiv müßte die alten Daten noch haben. Es ist im Keller, nicht zu verfehlen.«

Sie beschreibt ihm genau, welchen Weg er nehmen muß, und entschuldigt sich, ihn nicht hinführen zu können. Ihre Schilderung klingt nicht sonderlich kompliziert, und so macht er sich guten Mutes allein auf den Weg.

Schnell findet er die richtige Tür. Dahinter ist eine Treppe, länger und breiter als alle Kellertreppen, die er bisher betreten hat. Dann beginnt der Keller, der eine Ausdehnung von ungeheuren Ausmaßen zu haben scheint. Der Gang, durch den er gehen muß, ist bestimmt fünf Meter hoch, die Länge ist nicht abzuschätzen. Gemauert aus großen roten Natursteinen, mit gewölbter Decke, macht er den Eindruck ewiger Beständigkeit und Unzerstörbarkeit. An den Wänden stehen vereinzelt Regale, Schränke oder Kisten, deren schlichtes Äußeres keinen Rückschluß auf den Inhalt zuläßt.

Ringelnatz schreitet voran, dringt immer weiter in die Tiefen des Hauses vor, so tief, wie er es nicht für möglich gehalten hätte. Bewegt er sich noch unter den Mauern der Bibliothek? Oder ist er schon unter dem Vorplatz oder den angrenzenden Gebäuden? Die Beleuchtung scheint schwächer zu werden und ab und an zu flackern; vielleicht spielen ihm aber auch seine Augen einen Streich. Er fühlt sich schlecht, ihm ist wieder heiß, er glaubt, nicht atmen zu können in der warmen, verbrauchten Luft des Korridors.

Je weiter er geht, desto unwirklicher wird die Umgebung. Wären da nicht das elektrische Licht an der Decke und die Zeugnisse neuzeitlicher Möbeltischlerei, die ihm gelegentlich noch begegneten, er wüßte nicht zu sagen, ob er sich noch in der Gegenwart befindet oder ob er durch ein Loch in der Wand der Zeit in die Vergangenheit hinübergestiegen ist, unbemerkt und ohne daß seine für diesen unwahrscheinlichen Fall nicht gerüsteten Sinne es registriert hätten. Er fühlt sich unsicher in dieser Umgebung, aber gleichzeitig auch auf eine seltsame Weise geborgen. Er ist jetzt weit weg von den Fährnissen des Alltages, tief unter Erde, und keiner kann ihn hier finden.

Kurz bevor er am Wahrheitsgehalt von Frau Gründgens’ Wegbeschreibung zu zweifeln beginnt, steht er vor einem grau gestrichenen eisernen Tor. »Eingang zum Archiv« steht darauf, in größer, roter Sütterlinschrift, und darunter etwas kleiner: »Man gehe hinein, ohne anzuklopfen.«

Die Klinke quietscht leise, als er sie hinunterdrückt.

Das Gewölbe dahinter ist gewaltig, wie alles hier unten. Es besteht aus vielen kleinen kuppelartigen Ausstülpungen, aus dem roten Stein, aus dem auch schon der Gang war, und wird von dicken, sich nach unten leicht verjüngenden Säulen aus dem gleichen Material gestützt. Dazwischen ziehen sich lange Regalreihen von einem Ende des Saales zum anderen, gerade und wie mit dem Lineal ausgerichtet. Akten stehen darauf, dicke Kladden, und Bündel von Papieren, säuberlich geschichtet und beschriftet. Es riecht leicht muffig und nach Staub.

Ringelnatz steht unschlüssig und unsicher neben der Tür. Der Raum, dessen Tiefe im Zwielicht zu schwacher Glühbirnen liegt, flößt ihm Angst ein. Er räuspert sich; als er spricht, ist seine Stimme ein heiseres Krächzen.

»Ist da jemand?«

Keine Reaktion. Er lauscht in den Raum hinein, mit angehaltenem Atem. Selten war es an einem Ort so still wie hier, in den Katakomben der Bibliothek tief unter der Stadt.

Schweiß perlt auf Ringelnatz’ Stirn.

»Hallo! Ist hier jemand?«

Es hustet hinter einem der Regale, rechts von ihm und ganz in seiner Nähe. Dann schiebt sich der Hustende in sein Blickfeld.

Der Mann ist nicht größer als einen Meter vierzig, mit einem kleinen Buckel. Er trägt einen grauen Kittel, der, für Normalgewachsene genäht, ihm beinahe bis zum Boden reicht. Das Gesicht ist faltig, mit einer Stirn, die vorspringt wie ein Erker. Eine gewaltige Nase sticht kühn aus einem wilden schwarzen Vollbart in Richtung des Betrachters.

Aus all der grotesken Seltsamkeit blitzen Ringelnatz zwei kluge und fröhliche Augen entgegen.

Die Stimme des kleinen Mannes ist angenehm tief und wohltönend.

»Kann ich etwas für Sie tun?«

Der Detektiv hat die Überraschung schnell überwunden. Während er dem Archivar, der sich als Eckart vorstellt, sein Anliegen vorträgt und auch ein wenig über den Hintergrund redet, sieht er sich mit routinierter Neugierde um.

Das Aktenmaterial scheint teilweise genauso alt zu sein wie die Bücher oben in den Bibliothekssälen. Einige der Kladden in den Regalen haben ähnliche Einbände wie die Bücher – schlichtes Weiß, leicht angegilbt und mit handschriftlichen Vermerken auf dem Rücken – und Ringelnatz hat das seltsame Gefühl, hier ein verzerrtes Spiegelbild der Oberwelt gefunden zu haben, mit all ihren Facetten. Der kleinwüchsige Archivar, ebenfalls verzerrtes Bild dessen, was der realen Normalität entspricht, paßt gut in diese Vorstellung.

Eckart – ist das der Vor- oder der Nachname? – hat natürlich vom Diebstahl des »Traktätleins« gehört und versteht sofort, worum es seinem Gast geht. Er bietet ihm Platz an seinem Schreibtisch an, den einzigen Sitzplatz in dem großen Raum. Dann bewegt er sich schnell wie ein Wiesel zwischen den Regalreihen entlang; er kennt sein unterirdisches Reich genau und weiß, wo er die alten Unterlagen suchen muß.

Der Detektiv setzt sich und stößt prompt mit den Knien unter die Tischplatte. Der Stuhl ist sehr niedrig und läßt sich nicht einstellen, und die Beine des Tisches sind so abgesägt, wie es den Körpermaßen des zwergwüchsigen Archivars entspricht.

Es ist angenehm kühl hier, Auswirkung der Isolierung durch den Erdboden und die dicken Steine. Mit zwei Fingern lockert er sich die Krawatte und öffnet den obersten Hemdknopf.

Nach wenigen Minuten ist der Archivar wieder da und legt einen flachen Karton vor ihn hin. Er öffnet ihn, kramt ein wenig darin herum und fördert schließlich ein Blatt Papier zutage, ebenso alt und vergilbt wie die Einbände der Akten, die das Archiv füllen.

»Das ist es. Irgendwann gegen Kriegsende hat offenbar jemand die Inhalte aller vorhandenen Entleihlisten auf diesem einen Blatt zusammengefaßt. Weiß der Kuckuck, wer zu dieser schlimmen Zeit noch ein Interesse an der Ordnung der Biblotheksunterlagen hatte. Können Sie auf dem Stuhl sitzen? Er ist mehr für meine Größe gemacht.«

»Es geht schon. Vielen Dank.«

Ringelnatz kramt nach seiner Brille, einem Ungetüm mit Hornrahmen und dicken Gläsern, und klemmt sie umständlich auf die Nase. Mit beinahe zoologischem Interesse beobachtet ihn der kleine Mann. Er ist die meiste Zeit des Tages allein hier unten, einsamer Herr der Bibliotheksvergangenheit, und hängt oft stundenlang seinen Gedanken nach. Besucher sind selten, und wenn mal jemand kommt, dann in der Regel mit langweiligen Verwaltungsdingen. Der Detektiv und seine Spurensuche sind eine Sensation in Eckarts friedlicher, stiller Welt, ein störender und gleichzeitig anregender Impuls, von dem er noch lange zehren wird.

Die Liste geht bis in die fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts zurück. Sie ist detaillierter als der Computerausdruck, den er oben gelesen hat, und gibt neben Namen und Adresse auch das Alter und den Beruf des Ausleihers und den Grund für sein Interesse an.

Das »Traktätlein von dem Kometen, der im November Anno 1638 gesehen worden ist«, wurde vor 1950 etwa zwanzigmal angefordert. In der Mehrzahl der Fälle handelte es sich bei den Interessenten um Leute, deren Beruf schon den Grund für die Einsichtnahme liefert: Geologen, Meteorologen, in zwei Fällen Bibliothekare, einmal ein Astrologe.

Ringelnatz’ dicker Zeigefinger gleitet über die Jahre.

Die Jahre 1934 bis 1939. Er stoppt.

Ein Prickeln läuft seinen Nacken hinauf, das er lange nicht gefühlt hat. Früher, als er noch gut im Geschäft war, hatte er es öfter. Es war eine Art Instinkt, und immer ein sicheres Anzeichen dafür, auf etwas Wichtiges gestoßen zu sein.

Nur ein einziger Eintrag steht unter der Jahreszahl, der aber gleich elfmal. Ein Name, zu dem die Liste merkwürdigerweise keine Adresse angibt und auch keinen Grund für die Entleihe liefert.

Der alte Detektiv glaubt, sich dunkel an den Namen erinnern zu können; aber vielleicht unterliegt er auch einer Täuschung.

Ein Name nur.

Der Eintrag lautet auf Salomon Mergentheimer, Aushilfe.

7.

Keine Ahnung, was das sein könnte. Es sieht aus wie ein Straßenplan. Und der Artikel . . .? Es geht um Macht oder Kraft, Forza, das ist das einzige, was ich verstehe. Aber du kennst ja mein Italienisch, frag lieber jemanden, der sich richtig damit auskennt.«

Erich Luckmann kratzt sich mit dem Fingernagel an der Wange, bringt die Haare seines dunklen Vollbarts an der Stelle so durcheinander, daß sich kleine Wirbel bilden. Dann legt er die Skizze und den Zeitungsartikel auf den Tisch.

Felix beobachtet seinen Stiefvater, der anscheinend nichts spürt von der gespannten Erwartung, die die Fundsachen in ihm selber ausgelöst haben. Jedenfalls sieht er so ruhig und beherrscht aus wie immer.

»Forza. Es ist nur ein kurzer Artikel, also scheint die Sache für die Zeitung nicht so wichtig gewesen zu sein.«

»Kann man nicht sagen. Du weißt nicht, wie damals die Zeitungen aufgebaut waren, wie lang die Artikel normalerweise im Durchschnitt waren und so weiter.«

Er hat natürlich recht, so wie er immer recht hatte, seit er ihn kennt.

Felix hat seinen richtigen Vater kaum erlebt. Wenn er an ihn denkt, dann hat er ein Bild vor Augen, das aufs Haar einer Fotografie gleicht, die seine Mutter aufbewahrt: Ein großer, blonder Mann mit blauen Augen, Mitte Dreißig, muskulös gebaut, aber schon mit einem kleinen Bauch, steht in Badehose vor einer Palmengruppe am Meer und lacht in die Kamera. Er strahlt Lebensfreude und Optimismus aus, so als wäre die Welt nur für ihn gemacht und nichts und niemand könnte ihm etwas anhaben.

Ein Irrtum, wie sich herausstellen sollte, bald schon, nachdem das Bild aufgenommen worden war und Felix gerade seinen zweiten Geburtstag gefeiert hatte. Man fand Siegfried Rauh tot in einem Waldstück in der Nähe der Stadt, den Körper unversehrt bis auf einen einzigen Stich ins Herz, ausgeführt mit einer dicken Nadel oder etwas Ähnlichem. Die Experten konnten nie ganz klären, was eigentlich die Tatwaffe gewesen war, waren sich aber einig darüber, daß der Mord – denn um einen solchen handelte es sich zweifelsohne – von einem Experten ausgeführt worden war. Weder Täter noch Waffe wurden übrigens jemals gefunden; nicht einmal ein mögliches Motiv wurde bekannt, denn Siegfried Rauh hatte keine bekannten Feinde, und niemand hätte Grund gehabt, ihn zu töten. Man schob die Gründe für das Verbrechen auf einen Zufall oder wahlweise auf die Vergangenheit des Mannes, in der es wohl einige Ungereimtheiten gab. Seine Frau, Felix’ Mutter, äußerte sich nie zu diesen Vermutungen und schien überhaupt nicht über die Sache reden zu wollen.

Kurze Zeit nach dem Mord meldete sich ein alter Freund des Toten bei der Familie. Die Witwe Rauh hatte ihn weder zuvor gesehen, noch von ihm gehört, aber er bot Hilfe an, mit Geld und mit Tat, und sie machte gern Gebrauch davon. Es galt, ein Vakuum zu füllen: Sie war nicht gewohnt, alleine etwas zu tun oder zu entscheiden, weder in ihrem Elternhaus noch in ihrer Ehe, und hatte sich mit der unfreiwilligen Selbständigkeit des Witwenstandes von Anfang an sehr schwer getan. Sie brauchte jemanden, der sich ihrer annahm, der sie beherrschte, und als ihr der Freund nach einiger Zeit, die ziemlich genau dem Trauerjahr entsprach, einen Heiratsantrag machte, nahm sie mit Freuden an.

Der Freund war Erich Luckmann, und Felix hat sich in den Jahren an ihn gewöhnt.

»Und die Skizze?«

Der Stiefvater zuckt die Schultern, nimmt die Brille ab, die er beim Lesen tragen muß, sonst aber immer verborgen hält.

»Wie gesagt, eine Art Lageplan. Aber wovon? Sieht ein bißchen aus wie unsere Innenstadt, hier der Bohlweg, da der Steinweg, aber es fehlen viele Straßen, und die Abmessungen und die Verhältnisse der Streckenlängen zueinander passen nicht. Siehst du das Kreuz da? Vielleicht ist da was versteckt.«

»Oder es ist eine Kirche. In Landkarten sind Kreuze immer Kirchen oder Friedhöfe.«

Eine Zeitlang schweigen sie, und Felix fragt sich, wann sich sein Vater das letzte Mal soviel Zeit für ihn genommen hat. Ihr Verhältnis ist nicht schlecht, aber auch nicht herzlich, und er hatte immer das Gefühl, daß er nicht besser von ihm behandelt wird als irgendeiner der Angestellten seines Architekturbüros: Freundlich, aber unpersönlich und ohne tiefere Anteilnahme.

»Du denkst auch, daß Großvater mir damit was sagen will?«

»Vielleicht. Wahrscheinlich sogar. Aber in welche Richtung das zielt . . . «

Er läßt den Satz unvollendet.

Sie kommen nicht weiter. Felix muß sich mehr Informationen besorgen und er braucht eine Übersetzung des Artikels. Es wäre schön, jemanden zu haben, der ihm bei seinen Überlegungen hilft, aber instinktiv weiß er, daß sein Stiefvater nicht geeignet dafür ist. Da ist immer eine Art Barriere, die ihn hindert, sich ihm völlig zu offenbaren, sich ihm restlos anzuvertrauen, und er ahnt, daß dies bei Erich Luckmann genauso ist. Sie können über vieles miteinander reden, aber nicht über alles.

Anderes Blut.

Natürlich ist das Unsinn. Dennoch – seinem Opa gegenüber hat Felix diesen Vorbehalt nie gehabt.

Sein Adoptivvater räuspert sich.

»Wie denkst du dir eigentlich die nähere Zukunft? Du hast dir doch schon Gedanken darüber gemacht?«

Ein Thema, über das Felix nicht gern redet. Es beinhaltet zu viele Dinge, von denen er weiß, daß sie ihm sehr schwerfallen werden.

Er wird sich überwinden müssen.

»Ich muß die Schule zu Ende bringen, nicht nur für die Ausbildung, sondern auch für meine . . . Erinnerungen. Und dann . . ., ich denke, ich mache was mit Informatik.«

»Willst du auf deine alte Schule zurück?«

Felix schließt die Augen, reibt sich über die heiß brennenden Lider. Die unangenehme Situation wird dadurch nicht besser.

»Ja. Ich muß das tun. Anders komme ich mit der alten Geschichte nicht klar, und die anderen wahrscheinlich auch nicht.«

Erich Luckmann nickt. Er kann sich vorstellen, wie schwer seinem Stiefsohn dieser Entschluß gefallen ist, sieht aber ebenfalls die Notwendigkeit.

»Ich spreche morgen mit der Schulleitung. Der Rektor wird, denke ich, keine Schwierigkeiten machen. Er hat die Sache immer wie einen Unglücksfall gesehen. Und er hält immer noch viel von dir. Erst vor kurzem, als ich ihn zufällig traf, sagte er mir wieder, für wie begabt er dich hält.«

Wagner. Rektor Wagner. Klein, zäh, mit ewig zerrauftem Scheitel. Jetzt, wo sie von ihm reden, kommt die Erinnerung. Der Mann ist immer schon schwer in Ordnung gewesen; einen liberaleren Menschen konnte man sich kaum vorstellen. Von ihm hat Felix aber auch keine Probleme erwartet.

Die werden eher von seinen Mitschülern kommen.

Sein Vater steht auf. Wie beinahe jeden Abend, muß er noch mal ins Geschäft. Er legt ihm ganz kurz die Hand auf die Schulter, flüchtige Geste des Beistandes, dann ist er fort und Felix wieder allein mit seinen Gedanken.

In der Jugendhaft lernt man, mit vielem fertig zu werden. Wenn man Glück hat, gilt das auch für quälende Erinnerungen. Er hat verarbeitet, wofür er bestraft worden ist, aber er rechnet nicht damit, daß dies auch für seine ehemaligen Freunde gilt. Besucht hat ihn jedenfalls keiner, die ganze Zeit nicht, und geschrieben hat auch keiner.

Die Konfrontation mit ihnen ist das einzige, wovor er sich in der Haft gefürchtet hat und immer noch fürchtet.

Er muß Zeit gewinnen und Abstand.

Aber noch ist es nicht soweit, die Schule beginnt für ihn frühestens in einem Vierteljahr, und bis dahin hat er eine Aufgabe.

Er legt die beiden Papierblätter sorgfältig vor sich hin. Die Handschrift, mit der das Datum auf den Zeitungsausschnitt gekritzelt wurde, könnte die seines Großvaters sein. Wen kann er fragen? Wer war so vertraut mit dem alten Ringel, daß er etwas über die Bedeutung des Papierschnitzels wissen kann?

Felix’ blonde Augenbrauen ziehen sich nachdenklich zusammen, berühren sich fast mit den inneren Rändern. Da war etwas, ein Name, den der Alte vor Jahren ein paarmal genannt hat. Ein Kamerad aus Kriegstagen, der in der Stadt wohnt und den er manchmal traf, ohne Gesicht, denn er selbst hat den Mann nie gesehen.

Achtstetter.

Ganz plötzlich ist der Name da, wie das Bild auf einem Fernseher, kurz nachdem man ihn eingeschaltet hat.

Achtstetter heißt der Mann. Es ist lange her, daß sein Opa den Namen genannt hat. Hoffentlich ist der Mann überhaupt noch am Leben.

Blitzschnell ist er im Untergeschoß des Hauses. Im Flur steht das kleine, Rokoko imitierende Tischchen, das er nie gemocht hat. Darauf das Telefon und in der Schublade darunter das Fernmeldeverzeichnis für Braunschweig und Umgebung, Beweis für menschliches Leben, für die Existenz des Individuums zwischen den Druckterminen des Telefonbuches. Eilig wie ein Sturmwind fegt er durch die Seiten, dann hat er ihn, es gibt nur einen:

Franz Achtstetter, Kasernenstraße 58.

8.

Die Stimme ist fast zu tief für das jugendlich wirkende Gesicht und die schlacksige Gestalt.

»Na, Herr Ringelnatz, wie stehen die Ermittlungen? Schon was herausgefunden?«

Schade. Fast wäre er wieder aus der Bibliothek herausgewesen, war schon in der Nähe des Haupteinganges, da lief ihm Zwanziger über den Weg. Claus Zwanziger, der Bibliothekar, der den Diebstahl des Buches bemerkt und den er gestern dazu vernommen hat.

Routinert ein angenehme Überraschung heuchelnd, bricht der Angesprochene widerstrebend den Rückzug ab.

»Oh, hallo, wie geht es? Nein, leider gibt es noch keine Neuigkeiten, aber wir haben ja erst mit den Nachforschungen angefangen.«

Seltsam, der Plural, so als wäre ein ganzes Team von Leuten an dem Fall dran, und als hätte er zumindest die Dimension des englischen Postraubes in den sechziger Jahren.

Der andere nickt heiter.

»Ja, ja, gut Ding will Weile haben.«

Schön, wenn er es so haben will.

»So schnell schießen die Preußen nicht.«

Das kleine gesellschaftliche Lachen kommt nicht aus dem Herzen, ist aber dazu angetan, gute Stimmung zu verbreiten. Der Bibliothekar scheint empfänglich für solche Signale, jedenfalls lehnt er sich bequem an eines der umstehenden Regale; die Haltung des schlanken Körpers signalisiert Bereitschaft zu einem kleinen Plausch.

»Ich verstehe nur eines nicht. Warum mußte es ausgerechnet diese wertlose Schwarte sein? Das Buch ist nicht aufwendig gemacht, weist nichts Besonderes auf, und der Zustand ist auch nicht toll. Der Dieb hätte auf dem gleichen Weg auch viel wertvollere Werke bekommen können.«

Die alte Frage, für Ringelnatz schon geklärt. Er hat keine Lust, mit dem Mann darüber zu sprechen.

»Vielleicht war es Zufall, vielleicht hat es was mit dem Inhalt zu tun. Oder er hat im Auftrag gehandelt. Wir wissen es noch nicht.«

Ein kleine Tätowierung am Handgelenk Zwanzigers läßt ihn genauer hinschauen. Dieser bemerkt den Blick, und zieht den Arm schnell zurück, so als wäre ihm das Tattoo peinlich; aber Ringelnatz hat schon gesehen, was es ist: eine Art Symbol oder Schriftzeichen, ähnlich einer germanischen Rune.

Jedem das Seine. Der alte Detektiv kann von sich behaupten, ein wirklich toleranter Mensch zu sein – zumindest was das Aussehen anbelangt. Bilder auf der Haut des Mitmenschen stören ihn ebensowenig, wie es grüne Haare oder Sicherheitsnadeln im Ohr tun würden. Aber war da nicht kürzlich etwas mit einer Rune gewesen? Richtig, der Bibliotheksdirektor Bilfinger hatte ausgesagt, daß der potentielle Dieb eine solche eintätowiert gehabt hätte.

Plötzlich und ohne erkennbare Ursache ist die Stimmung gekippt. Zwanzigers Gemütlichkeit ist dahin, er tritt nervös von einem Fuß auf den anderen.

»Tja, ich muß weiter. Hat mich gefreut, auf Wiedersehen.«

Ringelnatz hat nichts dagegen.

Kurz vor zwölf ist er wieder in seinem Büro an der Wolfenbütteler Straße. Die meisten Kollegen sind schon in der Mittagspause, sitzen bei gutem Kantinenessen in trauter Runde zusammen und ziehen über Nichtanwesende her. Bis sie zurück sind, ist die Gefahr von Belästigungen und Anfeindungen relativ gering.

Eine Stunde Zeit zum ungestörten Arbeiten. Er reinigt Stuhl und Schreibtisch notdürftig vom Staub und setzt sich.

Wieder hebt die Übelkeit langsam ihren Kopf, wie ein dicht unter der Wasseroberfläche lauerndes Ungeheuer, jederzeit bereit aufzutauchen. Diesmal ist der Anfall viel stärker als gestern: Ringelnatz’ Gesicht wird weiß wie Kreide, Schweiß bricht ihm aus. Er versucht, schneller zu atmen, immer schneller, das lindert die Beschwerden manchmal. So sitzt er eine ganze Minute an seinem Schreibtisch, mit halboffenenem Mund nach Luft schnappend wie ein Fisch auf dem Trockenen, den Blick voll Panik auf die gegenüberliegende Wand mit dem Kalender vom letzten Jahr gerichtet, auf das Ende dieses unwürdigen Zustandes und das Abklingen des Schmerzes wartend. Dann, ganz langsam, weicht das Gefühl; zögernd zieht es sich zurück als fiele ihm die Trennung schwer.

Der Detektiv trocknet sich zitternd die Stirn mit einem Papiertaschentuch; der Mund ist ihm wie ausgedörrt. Was ist das nur? So schlimm war es noch nie.

Bevor er sich wirklich Sorgen machen kann, beruhigt er sich mit dem Gedanken an den Arzttermin, den er sich hat geben lassen. Was immer der Grund für die Beschwerden ist, der Arzt wird wissen, was man dagegen tun kann, davon ist er überzeugt. Der Arzt weiß immer Rat bei Krankheit, wie der Mechaniker beim Motorschaden und der Installateur bei einem verstopften Abfluß. Sie sind ausgebildet dafür, Rat zu wissen.

Ringelnatz gießt sich Wasser aus einer Flasche ein, die er in einem kleinen Kühlschrank hinter seinem Schreibtisch verwahrt – einziger Luxus in dem ansonsten billigst eingerichteten Büro. Kühl rinnt es seine Kehle hinunter, scheint die letzten Überbleibsel des schlechten Gefühls hinunterzuspülen, und er fühlt sich wieder in der Lage, seine Arbeit aufzunehmen.

Die Namensliste aus der Bibliothek liegt vor ihm.

Im Einwohnermeldeamt arbeitet sein Neffe, Sohn eines früh verstorbenen Bruders seiner Frau. Er mag den Mann nicht besonders, zu sehr ist sein Name mit dem von Agnes verknüpft. Trotzdem schickt er ihm jedes Jahr zum Geburtstag ein kleines Geldgeschenk. Niemals erhält er etwas von ihm zurück, niemals kommt ein Wort des Dankes. Aber ein paarmal im Jahr ruft er ihn an, wenn er Informationen braucht, die es sonst nirgends gibt. Er bekommt sie immer, ohne Zögern oder Mahnungen zur Vertraulichkeit.

Familiensinn. Er grinst.

Andreas meldet sich nach dem zweiten Läuten.

»Einwohnermeldeamt, Merkel.«

»Ich bin's, dein Onkel. Lange nichts voneinander gehört.«

Er kann sich das Gesicht des anderen in diesem Augenblick so gut vorstellen, als säße er ihm gegenüber: flächig, mit ungesund blassem Teint, die schwarzen Haare mit Haargel an den Kopf geklebt und den Blick in die Ferne gerichtet. So bedient er auch die Kunden, die zu ihm kommen: ohne sie anzusehen, durch sie hindurchblickend.

»Ja, du weißt ja. Viel Arbeit, und die Familie verlangt auch ihr Recht.«

Soviel zu den Formalitäten.

»Andreas, ich hab da ein Problem. Und ich frage mich, ob du mir nicht helfen kannst.«

Sein Neffe gähnt, er kann es durch das Telefon hören. Aber er ist bereit zu helfen.

»Gib mir die Namen, Onkel. Ich seh zu, was ich tun kann, und ruf’ dich zurück.«

Familiensinn. Braver Junge, trotz seines unvorteilhaften Äußeren.

Ringelnatz lehnt sich zurück, gießt sich noch einmal Wasser ein. Schon zehn Minuten später klingelt das Telefon.

»Also, schreib mit. Friedrich Bauer und Hermine Luellich sind schon seit Ende der Sechziger tot; er war zweiundsechzig, sie fünfundsiebzig. Keine besonderen Eintragungen. Walter Schwiermann und Klaus Mevenkamp sind vor zwei bzw. drei Monaten gestorben, im Alter von fünfundfünfzig bzw. achtunddreißig Jahren. Als Todesursache steht bei Schwiermann Unfall, bei Mevenkamp Apoplexie in der Akte, das ist wohl Schlaganfall. Dann Stefanie Klingmann. Fünfundvierzig Jahre, vor vierzehn Tagen verstorben, ebenfalls Schlaganfall. Zwei Tage später hat es Robert Schmidt erwischt, zweiundvierzig Jahre alt. Todesursache auch hier Schlaganfall. Der letzte von deiner Liste, Heinrich Ringel, ist vor ein paar Tagen dahingegangen, im schönen Alter von achtundsiebzig. Dann ein Überlebender deiner Liste: Alfred Jellinek, Kastanienallee 28, Braunschweig, geboren 1933 in Pilsen. Er hat noch eine Geschäftsadresse im Magniviertel. Und schließlich Martin Wiegald. Zu dem konnte ich nichts finden, ist hier nicht gemeldet.«

Ringelnatz hat alles mitgeschrieben. Zunächst mit Interesse, dann mit wachsender Spannung. Und schließlich, als alle Fakten auf dem Tisch liegen, in der sicheren Gewißheit, etwas gefunden zu haben. Oder sollte die Anhäufung von Todesfällen, die ihm sein Neffe eben beschrieben hat, Zufall sein?

Neun Menschen haben das Buch seit 1950 gelesen. Sieben sind tot, fünf davon sind im letzten Vierteljahr verstorben.

Und bei vieren von ihnen ist Schlaganfall die Todesursache.

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