Read the book: «Kleiner Tod im Großen Garten»

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Informationen zum Buch
Grün ist die Farbe des Lebens. Im Hannover der kurzen Krimis von Bodo Dringenberg wird das üppige Grün der Parks und Gärten zur Farbe des Todes.
Eine laue Sommernacht in den Herrenhäuser Gärten, ein Liebespaar vergnügt sich zwischen den Rabatten. Doch was vom nächtlichen Schäferstündchen übrig bleibt, ist nicht sehr appetitlich – eine Leiche mit eingeschlagenem Schädel. Bodo Dringenbergs kurze Krimis zeigen Hannovers abseitige Geschäftigkeit. In der Titelgeschichte »Kleiner Tod im Großen Garten« liegen Erotik und Verbrechen nah beieinander. Auch im hellen Sonnenschein an den Ricklinger Kiesteichen ist das ewige Dunkel nah. Und wenn sich vermeintlich harmlose Boule-Spieler mit Kokain-Dealern einlassen, dann kann das schnell der letzte große Wurf gewesen sein. Vier zeitgenössische Erzählungen legt Bodo Dringenberg, der Erfolgsautor des historischen Krimis »Mord auf dem Wilhelmstein«, vor und kann dabei nicht ganz von Inseln lassen: Was der eigenbrötlerische Andreas Linden aus dem gleichnamigen hannoverschen Stadtteil erlebt, als er sich auf einer Nordseeinsel vom Beziehungsstress erholen möchte, ist ebenso skurril wie tödlich …
Informationen zum Autor
Bodo Dringenberg, Jahrgang 1947, lebt seit 1972 in Hannover. Er veröffentlicht literarische Texte und sprachgeschichtliche Untersuchungen, schreibt für diverse Rundfunkanstalten und konzipiert kulturelle Veranstaltungen. Sein im Jahre 2007 bei zu Klampen erschienener historischer Krimi »Mord auf dem Wilhelmstein« ist bereits in der 3. Auflage.
Bodo Dringenberg
Kleiner Tod im Großen Garten
Kurzkrimis

Impressum
©2010 zu Klampen Verlag · Röse 21 · D-31832 Springe
info@zuklampen.de · www.zuklampen.de
Herausgegeben von Susanne Mischke
Titelgestaltung: Angelika Konietzny (www.izwd.de), Hannover
Konvertierung: Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,
KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart
ISBN 978-3-86674-079-2
Das Werk ist in allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig.
Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung in und Verarbeitung durch elektronische Systeme.
Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.ddb.de› abrufbar.
Für Anneke
und die Wasserbiergruppe
Kleiner Tod im Großen Garten
Lass den Schnee gewölbter Brüste
Meine Totenbahre sein
Johann Christian Günther
Ein schwül-feuchter Spätsommermorgen lastet auf Hannovers Großem Garten. Bis auf den blutroten Streifen am Osthimmel ist es noch düster. Vom Westen her nähert sich dumpfes Wummern; Keuchen, Japsen, geflüsterte Wortbrocken, unterdrückte Schreie sind im grünen Gartenbereich des barocken Parks zu vernehmen. Die Geräusche von nah und fern werden lauter, mischen, überlagern und verdichten sich. Einer von zweien scheint gleich so weit zu sein, denkt der im Grünen Lauernde.
Draußen, am östlichen Außenrand der Graft, die mit ihrem Wasser den Großen Garten wie ein U umfängt, liegt dick eingehüllt ein Mann. Ein hochgewachsener Streifen aus Brennnesseln und Schilf schirmt ihn vom Park aus ab. Vor patrouillierenden Polizeiwagen gewährt ihm der Graftdeich völligen Sichtschutz. Plötzlich lärmen Enten und Teichhühner, ein Schwan faucht böse auf, ein Blitz zuckt und Donnergrollen hallt nach. Der Aufgeschreckte erhebt sich mitsamt seinem Schlafsack, schiebt dessen Kapuze vom Kopf und angelt sich seine Brille. Fast vor ihm, inmitten dieser dämmerigen Kakophonie, steigt eine schlanke, langhaarige Frau aus dem mit Teichrosen dicht bedeckten Wasser. Triefend, mit Blättern, Schleimfäden und Stängeln drapiert, schluchzt sie mehrfach auf und rennt tropfensprühend davon, Richtung Bahnhaltestelle.
»Undine«, ächzt der Obdachlose, seine schon lange verschüttete Bildung mobilisierend. Er setzt seinen ramponierten Zylinder auf und stiert der davonstiebenden Wasserfrau nach, bis sie hinter dem Deich verschwunden ist. Anscheinend hat sie ihn nicht bemerkt. Der Lärm der Wasservögel ebbt ab, anschwellendes Donnergrollen überlagert ihn. Der Schlafsackbewohner, nun hellwach geworden, blickt nachdenklich zum Großen Garten hinüber, während heftig der Regen einsetzt.
Etwas später, gegen halb acht Uhr morgens. Der Große Garten dampft in der bereits wärmenden Morgensonne. »So, dann wollen wir mal wieder an die Hecken!«, muntert der Gärtner seine kleine Gruppe saisonaler Hilfskräfte auf. Die Hainbuchenhecken im grünen Teil des Großen Gartens müssen von innen beschnitten werden.
Hoffentlich sind diese sperrigen Hecken nicht mehr so feucht, denkt die studentische Aushilfsgärtnerin, während sie die elektrische Heckenschere und ihren Rucksack aufnimmt. Auch nächtlicher Regen ist schlecht, denn immer wieder schaltet sich dann ihr Arbeitsgerät ab, und sie schafft kaum ihr Arbeitssoll. Ansonsten macht die Biologiestudentin diese Arbeit als Saisonhilfe ziemlich gern, zählt sie doch zu den wenigen, die einen guten Job in den Semesterferien ergattern konnten. Sie macht sich auf den Weg, der durch die Rabatten und Boskette direkt zur Großen Fontäne führt. Wie jeden Morgen grüßt sie kopfnickend nach links zur steinernen Kurfürstin Sophie.
An deren Denkmal vorbei strebt sie weiter entlang der Längsachse des Parks auf den Riesenspringbrunnen zu. Gleich der erste grüne Triangel links vor ihm, das ist heute ihr Arbeitsplatz. Die junge Frau stutzt, als sie die beiden Eingangspfeiler des Dreiecks passiert hat. Nach wenigen Schritten hält sie inne. Ein Schrei will aus ihrem Mund brechen, aber sie dämpft ihn mit dem rechten Handrücken und greift mit der Linken mechanisch zu ihrem Mobiltelefon.
»Also, mein vorläufiger Befund: Der Tote da vorn ist so Mitte vierzig. Er wurde auf dem Bauch liegend aufgefunden. Todesursächlich ist wahrscheinlich das große komische, äh, konische Loch im Hinterkopf, herbeigeführt durch einen sehr harten, kantigen Gegenstand. Bisher ist allerdings keinerlei Spur von ihm in der vermutlich letalen Wunde oder um sie herum zu finden. Der Mann dürfte nach der schweren Traumatisierung sofort tot gewesen sein. Das muss vor etwa vier bis sechs Stunden passiert sein. Alle weiteren Delikatessen erfahren Sie morgen.«
Mit gerunzelter Stirn hört sich die Hauptkommissarin das vorläufige Fazit des nach ihrem Geschmack immer etwas zu witzigen ärztlichen Fachmanns an. »Und sonst, was gibt’s sonst noch, vielleicht auffällige Spuren?«
»Spuren vom Tathergang? Na, Sie sind gut! Da ist nicht viel übrig nach dem heftigen Gewitter, dem Sturzregen und der Hageleinlage mit anschließendem Sonnenschein. Der Verblichene hat, mit Verlaub, tatsächlich eine postmortale Gehirnwäsche bekommen, mal was ganz Neues. Tchaa, und alles Übrige wie üblich ab morgen nach der Obduktion.«
Die Hauptkommissarin sieht ihren jüngeren Mitarbeiter auffordernd an, der prompt loslegt: »Na ja, der Boden drumherum ist auch regengeputzt, verwertbare Fußspuren hat nur diese Aushilfsgärtnerin hinterlassen, die den Erschlagenen gefunden hat. Die steht übrigens da hinten am Toreingang, diese Rothaarige.«
Die Kriminalbeamtin geht um sich blickend langsam auf den Tatort zu, aufmerksam den weiteren Ausführungen ihres Kollegen lauschend. Genervt resümiert sie: »Ist ja reizend. Keine Spuren, kein Perso, kein Zettelchen mehr da – gar nix. Und seine Geldbörse fehlt natürlich auch, ist ja klar. Sieht eigentlich nach Raubmord aus, ist aber ein zu komischer Platz dafür.«
»Der Obduzierte ist ziemlich genau gegen fünf Uhr gestorben. Zum Zeitpunkt der tödlichen Kopfverletzung dürfte er auf dem Bauch gelegen haben. Er wurde kurz nach seinem Ableben auf den Rücken gedreht, dann aber wieder auf den Bauch, so, wie er dann gefunden wurde. Seine tiefe, kraterförmige Kopfwunde haben wir genauer untersucht. Wir haben wenig nichthumanes Material gefunden, weil die Öffnung vom Gewitterregen gestern Morgen gründlich ausgespült worden ist. Aufgefallen sind uns Fäkalienreste in der zerstörten Hirnmasse und an den Schädelknochen. Woher die rühren, darüber wissen wir genauso wenig wie über die Zellulosefetzen, die ebenfalls in kleinsten Mengen im traumatisierten Bereich vorliegen.« Der Pathologe beendet seinen Kurzbericht und sieht die beiden Kriminalbeamten erwartungsvoll an.
»Wer dem wohl ins Gehirn geschissen hat?«, wirft der junge Ermittler ein. Die Hauptkommissarin zwingt sich zu einem sehr strengen Ton: »Also bitte, ja. Der Tote ist ein hier sehr angesehener Politiker – gewesen. Etwas mehr Respekt, wenn ich bitten darf. Fahren Sie bitte fort, Doktor.«
»Jedenfalls hat das Opfer bis unmittelbar vor seinem Tod noch Geschlechtsverkehr einschließlich Erguss gehabt, und zwar mit einer Frau. Muss ja gesagt werden, passt nämlich wenig zu der brachialen Schädelfraktur. Durch eine genetische Analyse könnte man vielleicht die Person herausbekommen, mit der er noch bis zu seinem Ableben Verkehr gehabt hat.«
»Aber wer hat ihn umgedreht und ihn wieder zurückgedreht? Seine Sexualpartnerin, ein Raubmörder, ein Totschläger aus Rache, jemand, der Spuren verwischen wollte?«, fragt sich der Kriminalbeamte. Seine Vorgesetzte zuckt bloß mit der Schulter und sagt: »Übrigens haben die Angehörigen und seine Partei bereits heute Morgen zusammen zehntausend Euro Belohnung für die Aufklärung des Todes ausgesetzt, wie ich erfahren habe. Na ja, vielleicht hilft uns so ein Kopfgeld weiter.«
»Draußen steht eine streng riechende Person mit Zylinder, die Sie unbedingt sprechen will, wegen diesem Toten im sechsten Grün dieser Triangeln.«
»Na gut, herein mit ihm.«
Ein vollbärtiger Mann betritt das Büro. Er ist hager, undefinierbaren Alters, etwa zwei Meter groß, trägt einen verbeulten Zylinderhut und wedelt mit dem Titelblatt einer Boulevardzeitung. »Guten Tag, ich habe einiges gesehen vorgestern Nacht. Eine Seejungfrau und einen Brückenkletterer. Und nun komme ich wegen der Belohnung, Frau Kommissarin.«
»Na, nun nehmen Sie erst einmal Platz und geben mir bitte Ihren Ausweis.«
Der Bärtige schiebt ein plastikumhülltes Dokument über den Bürotisch zur Hauptkommissarin.
»So, jetzt setzen Sie Ihren Zylinder ab, damit ich Ihr ganzes Gesicht sehen kann.«
»Dieser Zylinder hier, der gehörte mal dem Chef des Kleinen Festes. Vor kurzem ist mir der zugeflogen, war schon ganz verbeult, der Zylinder.«
»Ja, o. k., nun legen Sie mal los.«
»Ich habe erst eine Frau und dann einen Mann gesehen. Beide kamen morgens, kurz vor dem Gewitter, aus dem Großen Garten. Wahrscheinlich haben die beiden ihn umgebracht, denn die sind kurz nacheinander über die Graft gekommen, da bei den Sportplätzen. Er ist ziemlich geschickt über die Brücke am Absperrgitter vorbei geklettert, sie ist durchs Wasser gelaufen oder geschwommen. Ja, was soll ich sagen, die Lange ist weggepest, als ob sie zur Olympiade wollte. Der Mann kam dann ein bisschen später, hat sich ganz gemütlich vom Acker gemacht. Die müssen’s gewesen sein. Lockvogel und Mörder, kennt man ja, oder?«
»Das werden wir ja sehen. Beschreiben Sie die beiden doch mal genauer.«
Außer ein paar weiteren sehr vagen Angaben über beide ist nichts aus diesem Zeugen herauszubekommen. Die Hauptkommissarin beendet die Vernehmung. »Bitte warten Sie draußen, mein Kollege wird von Ihnen die Fingerabdrücke nehmen. Eventuell brauchen wir auch noch eine Speichelprobe von Ihnen. Machen Sie sich klar, dass wir auch Sie genauer unter die Lupe nehmen werden.«
»Jaja, ich kenne das, immer das Gleiche. Denn man los, meinetwegen. Ich bin unschuldig wie ein Engel.«
Gemeinsam mit einem älteren Kriminalbeamten verlässt der Mann das Büro.
»Na, wie reizend, da haben wir ja schon mal drei Verdächtige. Eine große schlanke Frau, einen Mann mittleren Alters und diesen Tramp.«
Das Café ist kurz vor der Mittagszeit schon halb gefüllt. Mit der Hauptkommissarin am Tisch sitzt ein fast bulliger, mittelgroßer Mann mit Bürstenhaarschnitt. Er hat sich telefonisch als »freier Journalist« vorgestellt, der einiges über den Tod im Großen Garten wisse. Noch bevor der Kaffee kommt, hat er sie kurz über sich informiert. Er war einmal beim hiesigen Renommierblatt angestellt gewesen und ist kürzlich wegrationalisiert worden. Ab und zu schreibt er noch für diese Zeitung, ansonsten beliefert er hin und wieder andere Presseorgane mit Recherchen und Informationen. Er schlägt sich finanziell halt so durch.
»Und jetzt der Grund, warum ich Sie um ein informelles Gespräch gebeten habe: Seit ein paar Tagen bin ich mit einer Recherche über das nächtliche Treiben in hannoverschen Parks beschäftigt, für eine große Illustrierte. Sie können da nachfragen – nicht dass Sie mich für einen Voyeur halten! Ich habe mich bei diesem Job fast verliebt in das durchkultivierte Naturareal, diesen wirklichen Lustgarten. Wissen Sie, mein von mir ungeliebter Vater – das beruhte auf Gegenseitigkeit – war Gärtnermeister gewesen, meine frühe Liebe zu zementierten Flächen war die Folge. Wie schön Parks sind, das habe ich erst in den letzten Jahren entdeckt. So ein Garten ist wie außerhalb der Welt. Ich hocke also neulich nachts im grünen Dreieck Nummer fünf und lasse den Großen Garten auf mich einwirken. Um das Beobachten von nächtlichen Paaren geht es mir dabei übrigens nicht. Nein, der Duft, die Geräusche – die Unwirklichkeit dieses Quasiparadieses macht den besonderen Reiz aus.
Ja, und an jenem Morgen gab’s nebenan im grünen Dreieck plötzlich ein tiefes Stöhnen, gefolgt von mehreren hellen Schreien. Nach einigen Minuten Stille rannte schließlich eine Frau aus dem Boskett. Beim Dämmerlicht bemerkte ich natürlich bloß ihre Gestalt und die auffallenden langen, hellen Haare. Irgendwie kam mir die Blondine bekannt vor, die hat irgendetwas mit der Organisation von Kunstausstellungen zu tun, ja, ich glaube sogar, die ist Galeristin, irgendwo in der Innenstadt. Dürfte für Sie leicht rauszukriegen sein, wer die ist. Eine weitere Person habe ich am Ort nicht bemerkt. Aber die könnte sich ja leicht durch eine Lücke in der Hecke an- und wieder weggeschlichen haben. Keine Ahnung. Das betreffende Gründreieck nebenan habe ich selbstverständlich nicht betreten. Ich bin damals von einer Trennung quicklebendiger Menschen ausgegangen, von einem ›kleinen Tod‹, nicht von einem Toten. Vielleicht eine Viertelstunde nachdem die Liebhaberin ihren Lover verlassen hatte, bin ich auch verschwunden. Das Gewitter war ja bedrohlich nah herangekommen und ich wollte nicht, dass der Mann in dem Triangel nebenan mich bemerkt. Ja, und das war’s auch schon, was ich dazu sagen kann.«
»Bevor wir uns weiter unterhalten – Ihnen ist hoffentlich bewusst, dass Sie erkennungsdienstlich erfasst werden: Fingerabdrücke, und wenn es nötig ist, werde ich beim Richter eine Speichelprobe beantragen. Geht das klar?«
»Wenn es der Wahrheitsfindung dient – klar geht das.«
»Gut, also die Galeristin dürften wir identifiziert haben, wenn dieser Journalist nicht geflunkert hat. Die werde ich heute noch aufsuchen. Diese Frau ist mindestens Augenzeugin gewesen, wenn nicht gar Täterin. Damit kennen wir die Verdächtige Nummer drei. Na bitte, es läuft doch.«
»Aber vielleicht anders als wir wollen. Hier, gucken Sie mal, eine Schlagzeile in unserem geliebten bilderreichen Mistblatt: ›Ritualmord im Großen Garten?‹ Und weiter unten steht: ›Reste menschlicher Ausscheidungen in der tödlichen Kopfwunde lassen auf einen besonders exotischen Mord aus Rache schließen, wie aus Kreisen der Kripo verlautet. Ein unheimlicher Ritualmord im Lustgarten. Eklige Todesumstände des Arbeitsmarktexperten, Fäkalspuren im eingeschlagenen Kopf‹ und so weiter. – So eine Sauerei, wie kommen die da drauf? Woher haben die das?«
Die Hauptkommissarin fährt sich durch ihre kurzen schwarzen Haare: »Na, von uns nicht, denke ich mal. Da weiß jemand viel mehr, als wir ahnen. Der Journalist kommt übrigens nachher noch mal zur Printabnahme. Den will ich morgen früh in meinem Büro haben, den genauen Zeitpunkt kann er selbst wählen. Mal sehen, was der noch zu bieten hat. Wir ermitteln jedenfalls weiter in alle bisherigen Richtungen. Gründe für einen Mord oder Totschlag, eventuell für einen Raubmord, gibt es bei unseren drei Kandidaten bestimmt.«
»Sie waren vorgestern Nacht im Großen Garten und haben ihn dann fluchtartig, quer durch die Graft hindurch, verlassen. Erklären Sie mir das bitte.«
Die groß gewachsene Frau, Anfang dreißig, schüttelt leicht ihr langes blondes Haar und fragt frostig: »Moment mal, bitte. Können Sie mir sagen, was das soll?«
Die Hauptkommissarin bleibt von der kühlen Reaktion der Galeristin unbeeindruckt. »Sie sind von zwei Zeugen kurz vor Ausbruch des Unwetters gesehen worden. Möchten Sie, dass von Ihnen ein genetischer Fingerabdruck genommen wird? Möchten Sie, dass wir den mit den Spuren im Intimbereich des Toten vergleichen? Oder kommen Sie lieber gleich ins Erzählen?«
»Oh, Scheiße! Nein, nein.« Die blau gekleidete Frau beißt sich auf die Unterlippe. »Entschuldigung. Es ist so schrecklich. Ich hab’s gewusst, der Albtraum hört nicht auf. Bitte warten Sie einen Augenblick, ich schließe nur kurz die Eingangstür.«
Sie sei halt von Kunst fasziniert und besonders schätze sie Niki de Saint Phalle, die sie als wunderbar ästhetische Erotomanin geradezu verehre. Und den im Großen Garten Verstorbenen habe sie gekannt, ja. Dieser reife Politiker sei öfter bei Vernissagen und offensichtlich sehr kunstinteressiert gewesen. Er habe ihr schon öfter Avancen gemacht und ihr nun – dank seiner Beziehungen – eine exklusive Nacht in der Niki-de-Saint-Phalle-Grotte versprochen. »Im blauen Raum wie die Tiefe des Himmels und der See«, das müsse doch der Höhepunkt ihrer künstlerisch-erotischen Biografie sein. Erst habe sie diesen Vorschlag albern und zu riskant gefunden, dann aber doch zunehmend Geschmack an ihm gewonnen und schließlich zugestimmt. Ihr sei es dabei mehr um Kunst und Erotik als um schlichten Sex gegangen.
»Verstehen Sie, es geht um Entgrenzung, darum, dem Gemeinen und Banalen zu entrinnen. Vielleicht gelingt ja eine erotisch-künstlerisch perfekte Verkörperung von weiblich und männlich in einer feminin bergenden Höhle.«
Die Hauptkommissarin muss sich anstrengen, dass ihre Gesichtszüge nicht tiefe Zweifel an dieser Erzählung verraten.
»Fly like a bird und discover eternity«, habe er ihr zugeraunt, als sie sich in den Großen Garten schlichen. »Flieg wie ein Vogel und entdecke die Ewigkeit.«
»Na, das hat zumindest er ja getan!«, wirft die Kriminalbeamtin ein. Sie betrachtet die plötzlich verlegene junge Frau, die so gar nichts hat von den prachtvollen Rundungen und üppigen Farbgebungen der Künstlerin. Eher kühl und beherrscht wirkt sie, trotz voller Lippen und ausdrucksvoller grüner Augen. Die scharfe, sichelmondförmige Einkerbung um den rechten Mundwinkel herum signalisiert eine Spur von Härte und Verbitterung.
Sie hätten in seinem geräumigen Audi bei einer Magnumflasche Champagner auf die Nacht gewartet und über die Niederungen des Alltags geplaudert. Der Politiker habe sie dabei zurückhaltend und durchaus zärtlich berührt. Sie habe Vertrauen gewonnen und die Spannung auf das Kommende sei gestiegen.
»In den Garten gelangten wir noch mittels seines Nachschlüssels, aber mit dem Schloss an der Grotte kam er nicht zurande. Als vom Galeriegebäude mit einem leichten Windstoß nicht allein der Duft der dort üppig blühenden Engelstrompeten herüberwehte, sondern auch Hundegebell, zog er mich eilig in den grünen Bereich des Großen Gartens.«
»Und dann kam es zwischen Ihnen und ihm aber doch noch zum Verkehr, da im Boskettdreieck.«
»Ja, er hat mich überredet, verführt, da habe ich nachgegeben.«
»Hat er Sie vergewaltigt?«
»Nein, nein, alles war freiwillig, wenn auch ganz anders, als es in der Grotte hätte werden können.«
»Er hatte seinen Erguss – und was passierte dann?«
»Es krachte, es splitterte irgendwie, er gurgelte auf und lag dann wie tot auf mir. War er ja wohl auch. Ich war erst wie gelähmt. Dann hatte ich furchtbare Angst.«
»Sie müssen doch etwas gesehen haben, Ihr Sexualpartner ist von hinten erschlagen worden, hat also das Gesicht Ihnen zugewandt, und der Täter muss ja dahinter gewesen sein. Verflixt noch mal, nun sagen Sie endlich, was Sie wahrgenommen haben!«
»Also gut, Sie wollen partout intime Details. Na ja, er hat bei der Tötung schon auf dem Rücken gelegen, auf meinem nämlich. Ich habe auf dem Bauch gelegen, wenn Sie es genau wissen wollen. Was sollte ich da schon gesehen haben, außer nachtfarbenem Gras? Die Hecke ist an dieser Stelle löcherig, da kann man schnell wieder verschwinden. Es krachte, knirschte über mir – dann war er reglos. Ich habe es erst nicht verstanden, ich habe ja niemanden gesehen. Vielleicht war es ein Irrer, vielleicht Nikis Geist? Was weiß ich!«
»Wenn es der Geist von Niki de Saint Phalle war, so werden wir den auf Flasche ziehen, das verspreche ich Ihnen!«
»So, mein Herr, nun möchte ich mal ganz genau und mit Hingabe von Ihnen hören, was Sie von der besagten Nacht im Großen Garten wissen, und bitte mit Vorgeschichte.«
»Aber gern, aber präzise, Frau Hauptkommissar. Zuerst die Vorgeschichte: Die Große Fontäne bildet das Zentrum des Nouveau Jardin, des neuen Gartens, der erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts angelegt worden ist. Ja, und was soll ich sagen, seitdem gibt es dort 32 dreieckige Boskette, die sogenannten Triangel. Begrenzt werden diese buschigen, baumhaltigen Dreiecke von hohen Hainbuchenhecken. Einst wurden in ihnen Obst und Gemüse angebaut, heute dienen sie allein dem Wohlfühlen und lassen oft süße Klänge herausschallen.«
»Nun quatschen Sie mal keine Opern, Mann, Sie stehen unter Tatverdacht wegen Raubmord. Sagen Sie klipp und klar, was Sie mit dem Fall zu tun haben.«
»Fall ist gut, genau das ist es nämlich! Was da mit dem Ritualmord in der Presse steht, ist natürlich großer Quatsch, sage ich Ihnen. Manche Kollegen können schlicht nicht Zeitung lesen, das ist es. Ich denke, der Fall ist schon ziemlich eindeutig. Sehen Sie mal!«
Einer Plastikhülle entnimmt der freischaffende Journalist graue Papiere. Ohne sie vorzulesen, hält er sie der Kriminalbeamtin hin und legt eindringlich los: »Hier, im August 1990 fiel ein fußballgroßer, eisiger Fäkalblock in ein Wohnhaus im nordrhein-westfälischen Vettweiß. Was war’s? – gefrorene Scheiße, mit Verlaub, aus einem Flugzeug. Und später, im gleichen Jahr, knallt im November eine Eisbombe durch das Dach eines Hauses in den USA, in Elkhorn/Wisconsin, auch dieser kalte Ballen war aus menschlichen Exkrementen. Können Sie alles nachlesen, kein Witz!«
»Jaja, moderne Mythen, kalter Kaffee, erzählen Sie mir was Neues, was Besseres als das, was schon seit Jahren in Büchern steht.«
»So? Dann schauen Sie mal hier hinein, in unser hochseriöses hannoversches allgemeines Anzeigenblatt. Hier, diese Ausgaben aus dem Januar. Na los, sehen Sie sich das an!«
Verblüfft liest die Beamtin von einem Eisball, der gerade erst in diesem Jahr südlich von Hannover niedergerauscht ist.
»Schon wieder jemand mit himmlischem Einschlag«, murmelt sie. Doch ihr Gegenüber lässt nicht locker:
»Und dann vor zwei Wochen der Klumpen auf Herrenhausen. Mitten im Sommer schmetterte der nachts durch das Dach einer Kleingartenbutze. Morgens war eine stinkende, braune Wasserpfütze unter dem Loch, obwohl es keinen Tropfen geregnet hatte. Muss ich da wirklich noch mehr sagen? Von wegen Mythen, Sagen, Erfindungen, Spinnereien – schlichte Realität ist das, eklig und stinkend, nichts weiter!«
»Ich sehe schon, die Einschläge kommen näher. Aber trotzdem sind das noch keine Beweise für Ihre Annahme.«
»Hören Sie, ich will zur Aufklärung beitragen, und die Belohnung dafür beanspruche ich natürlich auch. Was kann ich dafür, dass es kein Mord oder so was war.«
»Ach ja, ein glitzernder Stern fiel herab wie bei Niki de Saint Phalle. Nun hören Sie mal zu. Es ist einfach hochgradig unwahrscheinlich, dass ein eisiger Klumpen aus dem Himmel fällt und exakt diesem gerade sehr beschäftigten Menschen den Schädel einschlägt. Was Sie mir da weismachen wollen, riecht nach einer beschissenen Story, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes.«
Der Kommissar beginnt, seiner vorgesetzten Hauptkommissarin den Stand der Ermittlungen auszubreiten: »Also, ich habe die Informationen über alle in Frage kommenden Flugzeuge eingeholt und überprüft. Resultat: Es wurde keinerlei Eisabgang gemeldet. Aber so etwas kann eventuell unbemerkt passiert sein. Eine Zuordnung der Fäkalspuren zu Passagieren und der Besatzung eines ganz bestimmten Jets zur in Frage kommenden Zeit scheint selbst unseren Experten nicht mehr möglich zu sein. Dafür wäre ein quasi weltweiter Fäkalvergleich erforderlich. Schaurig. Aber da eben wegen des ausspülenden Gewitterregens sowieso nur noch minimale und damit unrepräsentative Reste dieser Ausscheidungen vorhanden sind, würde ein solch delikater Abgleich sowieso nicht zu harten Fakten führen.«
»Keine harte Fakten, das ist in diesem Fall besonders treffend«, ergänzt mit einer leichten Grimasse die Hauptkommissarin. Ungerührt fährt ihr Mitarbeiter fort: »Aber die Zellulosefasern stammen von Toilettenpapier, und die Druckspuren darauf, die bringen uns weiter.«
»Druckspuren, was für Druckspuren?«
»Na ja, das Klopapier heißt ›Morgentau‹, und das steht gedruckt auf den Blättern. Und dieses spezielle Toilettenpapier war bei keinem der von mir untersuchten Flüge an Bord. Hat einen halben Tag Recherche gekostet, aber hat sich doch gelohnt.« Der Ermittler macht eine bedeutungsschwere Pause.
»Da lag unser journalistischer Zeuge aus dem Großen Garten also daneben«, murmelt seine Vorgesetzte.
»Der lag ziemlich daneben, dieser fantasievolle Publizist. Und am Tag des Todes lag auch noch ein umgekipptes Dixi-Klo fast unmittelbar an der Graft. Kollegen haben es gefunden und der Verleihfirma gemeldet – eine ziemlich stinkende Sauerei. Da ich den Laborbericht betreffs der Papierreste bereits gelesen hatte, nahm ich mir einfach mal ein noch unbeflecktes Abwischblättchen aus diesem mobilen Entsorger. Und wie heißt das – ›Morgentau‹! Der Täter oder die Täterin hat sich aus dieser Jauchengrube bedient, warum, das ist noch unklar. Noch etwas: Die Spurensicherung untersucht gerade seitliche Fingerabdrücke am Dixi-Klo, und zwar genau an den Stellen, wo der Umstürzler angepackt haben muss. Mal sehen, ob da jemand dabei ist, den wir kennen.«
Anerkennend nickt die Hauptkommissarin und ordnet mit einem süffisanten Lächeln an:
»So, und nun geben wir mal eine Meldung an die Presse raus. So etwas mit ›angeblicher Eis-Unfall war vom Mörder fingiert‹ oder so ähnlich. Sie deichseln das schon, lieber Kollege, und zwar gleich jetzt, o. k.?«
Ein uniformierter Beamter betritt das Büro der Hauptkommissarin: »Draußen steht wieder dieser große Bärtige von neulich, der will Sie unbedingt sprechen und ist ganz hibbelig.«
»Na gut, gleich rein mit ihm!« Mit langen Schritten betritt der Wohnungslose das Dienstzimmer, wedelt mit der aktuellen Boulevardzeitung und legt gleich los: »Na klar war ich auf dem Klo, dem Dixi-Klo in der Nähe, ich bin doch kein Schwein. Aber ich hab das nicht umgekippt, das können Sie Ihren Leuten ruhig sagen, die da herumsuchen.«
»Die machen das schon richtig, keine Sorge. Sie bleiben hier in Hannover und sagen mir jetzt ganz genau, wo wir Sie derzeit erreichen können. Sie werden uns noch dankbar sein dafür.«
»Zunächst einmal die Fakten, Sie Klugschreiber: Der Politiker ist auf gar keinen Fall von einem eisigen Kotklumpen oder kotigem Eisklumpen erschlagen worden. Die Ausscheidungen stammen aus einem bestimmten Dixi-Klo, und wir haben außen an dessen Seitenwänden Ihre Fingerabdrücke einwandfrei gesichert. Mann, Sie sind nicht so clever, wie Sie glauben. Ihre Lage kann nur noch ein Geständnis verbessern.«
Ungewohnt nervös blickt der Journalist zu dem Uniformierten neben der Tür.
»O. k., o. k. – Ich sah die Blondine weglaufen, war neugierig, ging rüber in die sechste Triangel, bemerkte den Toten und drehte ihn um. Als mir klar wurde, wen die Blondine da erlegt hatte, kam ich auf die Idee, doppelt, wenn nicht gar dreifach von diesem professionellen Existenzvernichter zu profitieren und posthum noch den Ruf dieses Politikmonsters zu ruinieren. Deswegen das alles mit der Fäkalprobe aus Dixieland bis hin zu den realen Jet-Eisklumpen-Storys. Brieftasche, Zeitungshonorare, dazu eventuell Belohnung plus journalistischen Erfolg – es ist genau das, was einem Mann in meiner beschissenen Lage fehlt. Meine Chancen auf einen Posten bei einer Zeitung sind gleich null. Ich bin nicht mehr jung und ich brauch das Geld. Das alles mag Ihnen zynisch vorkommen, aber so denkt eben heutzutage manch abgesägte Existenz.«
»Und deswegen dieser Mord?«
»Nein. Nein. – Jaja, ich gebe ja zu, dass ich mit den Fäkalien aus dem mobilen Klo eine bizarre Spur legen wollte. Und weil der saubere Politiker sein dreckiges Geld sowieso nicht mehr benötigte, erleichterte ich ihn um seine Brieftasche. Da waren gerade mal hundert Euro drin, lächerlich. Aber der Typ war mausetot, als ich in Nummer sechs nachsah, der lag schon auf dem Bauch mit blutigem Schädel. Wenn Sie mich fragen: Ich glaube, der hat sie vergewaltigt. Scheiße, ich wollte eigentlich diese Blondine da rauslassen, lieber diese Eisklumpenvariante groß rausbringen. Warum bin ich bloß so blöd gewesen, mich als Zeuge zu melden. Aber ich brauche die Kohle einfach, verdammt noch mal. Und eines kann ich schwören: Im Boskett nebenan, der Nummer sechs, waren in jener Nacht die ganze Zeit über bloß dieser abartige Politiker und seine blonde Liebhaberin. Nur die kann es gewesen sein – falls er sich nicht selbst von hinten erschlagen hat.«
»Spätestens vor Gericht werden Ihnen solche dummen Scherze vergehen. Ich nehme Sie hiermit fest. Sie werden wegen Diebstahl und Mordverdacht angeklagt werden. Herr Polizeiobermeister, führen Sie den Herrn ab.«
»Den sauberen Journalisten haben wir so weit, dass er Klartext redet. Er hat den Artikel mit der Eisbombe auf einen Herrenhäuser Kleingarten von einem Kollegen, der ihm noch etwas schuldete, faken lassen. Bei den letzten Artikeln im Boulevardblatt hat er als ›Exklusivinformant‹ ebenfalls seine Meinung verobjektiviert, sozusagen. Der Raub und die bräunliche Spurenlegung gehen ebenfalls auf sein Konto. Der wollte partout und aus allen Mordumständen Geld und ein bisschen Erfolg herausschlagen. Ein armes Schwein, aber ein Schwein. Die Fingerabdrücke außen am Dixi-Klo haben ihn endgültig überführt, er hat gestanden.«
»Na, Bingo. Dann Deckel drauf und ab zur Staatsanwaltschaft.«
»Bloß – er will am besagten Morgen einen bereits Erschlagenen vorgefunden haben. Mal sehen. Bleibt uns noch diese blonde Galeristin vom Tatort, die von diesem Journalisten nun plötzlich beschuldigt wird. Vielleicht nur aus Selbstschutz. Allerdings hat mir diese Frau eine seltsame, etwas dick aufgetragene esoterische Story erzählt, die zu glatt in Sex aufgeht. Sie besteht darauf, dass sie sich diesem Politiker einfach so hingegeben habe. Ich muss noch einmal zu dieser kunstbeflissenen Dame.«
»Die Belohnung scheint sich in jedem Fall der Obdachlose mit dem Zylinder verdient zu haben. Keiner der mutmaßlichen Täter hat den gesehen, er aber beide.«
»Hallo, Frau Hauptkommissarin. Wenn Sie das zu Hause auf Ihrem Anrufbeantworter hören, bin ich bereits weit weg. Dieser Drecksack von Politiker, dessen Mörder Sie suchen, hat mir trotz meiner Gegenwehr Gewalt angetan. Ich wollte Ihnen kein Tatmotiv für mich liefern, deswegen sagte ich Ihnen, dass da im grünen Dreieck alles freiwillig gewesen sei. Nun ist er tot, dieser brutale Hund, und das ist gut. An jenem Morgen hat er sich einfach von mir heruntergewälzt, als er fertig war. Blieb einfach stumpf auf dem Bauch liegen und lachte noch widerlich ins Gras. Ein kleiner, glatter, kantiger Marmorblock lag in Griffnähe, er war zu verlockend. Den trieb ich ihm in seinen ignoranten Schädel, bis er nicht mehr zuckte. Schließlich bin ich gelernte Steinmetzin und Bildhauerin. Der kommende Gewitterregen werde meine Spuren verwischen, dachte ich. Stimmte ja auch. Den Stein warf ich in die Graft. Auch gut. Dass mich zwei Leute gesehen haben, die auf die Belohnung scharf sind, damit habe ich nicht gerechnet.
Einer von denen, dieser Journalist, Sie kennen ihn, will mich nun erpressen. Der hat da nachts gelauert und weiß, dass ich damals allein mit diesem brutalen Widerling im grünen Dreieck gewesen bin. Er hat mir versprochen, Sie auf eine falsche Spur zu setzen, wenn ich mit ihm ins Bett steige. Ich habe mich diesem Schwein verweigert. Er wird zu Ihnen kommen und mich verraten, da bin ich sicher. Aber ich lasse mich weder weiterhin demütigen noch erpressen. Sie hören gewiss noch von mir.«
»Hier Hanno 12 42, Hanno 12 42 – Frau Hauptkommissarin, hören Sie mich? Ja, verstanden. Sie flieht. Diese Galeristin hat am Startplatz der Heißluftballons vor dem Hauptgebäude der Universität eine weibliche Geisel genommen, vor zwei Minuten. Sie befindet sich mit ihr allein im Passagierkorb des Ballons. – Der heißt, Moment, der heißt ›Niki de Saint Phalle‹, ja: ›Niki de Saint Phalle‹, silber auf blau.– Warum der? – Nein, keine Ahnung. Der war gerade startfertig. Sie muss jetzt die Düsen der Gasbrenner voll aufgedreht haben, man hört das bis hierher zischen. – Ja, genau, der Korb hebt gerade ab, jetzt springt eine Frau hinaus, das muss die Geisel sein. Die Geisel scheint unverletzt zu sein. Sie läuft in die Zuschauermenge hinein. Der Ballon taumelt aufwärts, gewinnt richtig an Fahrt. – Ja, der Ballonfahrer steht neben mir. Nach höchstens vier Stunden ist das Gas verbraucht, sagt der, dann kommt die sowieso wieder runter. – Gut, ich wiederhole: keine Feuererlaubnis, der Hubschrauber übernimmt die Verfolgung.«
»Ja, hier bin ich noch mal, ich schwebe, zische schön hoch, und mein Handy funktioniert so gut wie noch nie. Ich habe die Gasflaschen voll aufgedreht und jeglichen Ballast abgeworfen, das geht ins Blau wie im Expresslift. Zum ersten Mal finde ich ganz viel heiße Luft wirklich erhebend. Auf in den Himmel, zu den Sternen!«
Der Besitzer des Heißluftballons »Niki de Saint Phalle« steht am Streifenwagen neben der Hauptkommissarin und schaut der blau-silbernen Kugel nach. Er zeigt auf das winzig gewordene Luftgefährt: »Ziemlicher Mist, was die da oben macht. Die fährt jetzt schon viel zu hoch. Bloß mit ihrem T-Shirt am Leib kommt die irgendwann glatt als Eisklumpen runter.«
Listen-Schnitte
»Ach, es wäre toll als Lehrer: ein riesiger Dispositionskredit, schöne Kiefernmöbel, einen Weinkeller anlegen, einen dicken Schnurrbart tragen und in den Sommerferien vier Wochen in die Toskana!«
Diesen Ricklinger Kiesteich kenne ich seit zehn Jahren, seit meinem Studienbeginn bin ich da hineingegangen.
Ich beobachte sie dort am Nacktbade-Kiesteich, versteckt, mit dem Fernglas von gegenüber. Nun ist es so weit. In kompletter Taucherausrüstung, fast ganz in Neopren mit Druckausgleichsmaske und Pressluftgerät, schlappe ich auf Schwimmflossen aus dem Ufergebüsch, hinein ins dumpfbräunliche Element, als sie, die geübte, ausdauernde Schwimmerin, zum letzten Mal das warm-trübe Gewässer besteigt. Obwohl sie selbst durchs Fernglas wieder perfekt ausgesehen hat, mag ich sie immer noch nicht, empfinde bei ihr keine erotische Sehnsucht, die mich abhalten könnte, sie wie eine junge, süße, dumme Katze zu ersäufen. Weil sie im Wege ist.
Die Nummer eins der Liste ist auch meine erste, die schöne, blonde, hemmungslose, immer gebräunte Giesela Körbeler. Ausgebildet für Geografie und Französisch, hat mit 1 bestanden, hat bereits zweimal eine befristete Stelle gehabt. Sie ist klar die aussichtsreichste Bewerberin, sie hat absolut die größten Chancen.
Giesela, immer beflissen, anziehend, aber nicht kokett; ironisch, aber ohne Witz. Bei ihr läuft alles mühelos, ohne den letzten Einsatz. Sie hat einfach keine Tiefe. Aber die Tiefe bringe ich ihr bei. Und zwar für immer.
Ich bin überrascht, ja ein wenig verwirrt gewesen über meine Sicherheit: Was mich aber geradezu erschreckt, ist, dass ich kein Mitleid verspüre, nur die Spannung, wie es wohl sein wird, wenn …
»Eine schöne Blondine ersäufen«, sage ich immer wieder vor mich hin. Es erregt und entsetzt mich zugleich. Das, was ich in einer Frau einmal verehrt habe, das Rätsel des Schönen, des Schauers, der Sehnsucht – all das werde ich bei ihr verschwinden lassen. Ich bin der Tod und sie das Mädchen.
Giesela, du bleibst danach noch einige Zeit so unversehrt wie eine Meerjungfrau. Besser jetzt als irgendwann, viel später, alt und runzlig zu zerfallen, nur noch mit Schläuchen am Leben zu hängen.
An diesem Nachmittag steige ich mit Schnupfen und Hexenschuss ins Wasser, habe mich begründet krankschreiben lassen müssen. Schniefend und ächzend steige und tauche ich also in den sommerwarmen Kiesteich ein, den mein Körper mit einem kleinen widerlichen Schüttelfrost begrüßt. Manfred, sage ich mir, Leistung trotz Handicap, überwinde die Schwierigkeiten!
Dieses verdammte Amt, das alle meine Fähigkeiten entfaltet, zu kränkeln und ein Zipperlein zu entpuppen! Dauernd bin ich krank im Amt, wo ich täglich Aktenstaub einsauge und fresse. Aktenstaub, der meine Atemwege, das Nasennebengehöhle, von einer Reizung in die nächste treibt. Akten – diese verdammte mittelalterliche Art, Informationen in verdreckendem Papier zu sammeln und anzuhäufen. Wenn der ganze Aktenmist in Computerdateien gespeichert wäre, hätte ich wenigstens keine Dauerkatarrhe – allerdings auch keinen Job hier in der Laatzener Außenstelle.
Ich sprinte morgens immer die zehn Stockwerke hoch, weil ich meine Wut kappen will, weil ich die idiotische Sitzarbeit wenigstens für Minuten als Ausruhen empfinden möchte. Ich keuche morgens aufwärts, fahre zur Mittagspause runter, um am Ende der Mahlzeit wieder hechelnd zehn Etagen hoch zu toben.
Ein wütendes Niesen, ein bissiges Verschnupftsein zeichnet mich aus, obwohl es Sommer und warm ist. Nach zwei Wochen feuchten Hinterns durch das Besitzen des Kunststoffbürostuhls haben sich die Hämorrhoiden wieder gemeldet, die seit Jahren in völliger Zurückgezogenheit existiert haben.
Und das viele angespannte Bücken und Sitzen, angespannt aus dem Gefühl heraus, in einem nichtsnutzigen Laufrad herumzueiern. Ich habe mir einen Hexenschuss eingefangen. Ich bin damals holpernd leer wie ein kranker Außenborder gelaufen. Damals, vor Giesela. Aber es hat sich ein Ziel für mich herausgeformt:
»Ach, es wäre toll, als Lehrer zu arbeiten, ein riesiger Dispositionskredit, schöne Kiefernmöbel, einen Weinkeller anlegen, einen dicken Schnurrbart tragen und in den Sommerferien vier Wochen in die Toskana!«
Jetzt schwimmt sie genau über mir. Giesela, ganz feinporiger Hautsamt, zarter Flaum an den schwingenden Waden, glatte Achselhöhlen öffnen sich rhythmisch im Kraulschlag. Doch sie lässt mich kalt im Sommerteich.
Als sie eine Weile in einem unvollständigen Oval durch den Teich geschwommen ist – ich bleibe ihr immer auf oder besser unter den Fersen –, verharrt Giesela wassertretend an einer Stelle. Sie schüttelt sich sprühende Tropfenfächer aus dem halblangen Haar, streicht es nach hinten und lässt, unablässig wassertretend, die Arme wieder sinken. Mitten im See ist sie vom Tod umgeben.
Ich reiße mich trotz bohrendem Hexenschuss und beschlagener, schnupfenbespritzter Tauchermaske zusammen, schwimme sie von unten an, sehe die kleinen, kräftigen Füße, die starken Schenkel, den mir arglos entgegengewölbten Hintern, die Hyperboloide ihrer Brüste, die trainierten Oberarme und die oben durch den Wasserspiegel wie abgeschnittenen Schultern.
Niemand ist in unserer unmittelbaren Nähe, ich lege mich blubbernd in die Waagerechte, packe ihre beiden schmalen Fesseln und ziehe Giesela bei hoher Flossenschlagfrequenz nach unten, nach unten, nach unten, nach unten. Still schlürft der Kiesteich die geschmeidige Nackte ein, gleich einer schlüpfrigen Auster.
Erst in dem Moment, da ich wie eine gierige Wasserjungfrau Giesela hinabziehe, erlebe ich etwas, was mir bisher unvorstellbar gewesen ist: Ich empfinde in Gieselas Nähe und Berührung Lust.
Giesela ist zu meiner Erleichterung sofort unter die Wasseroberfläche gekommen, wie selbstverständlich, wie eine teichbewohnende Undine. Erst nach 2, 3 Sekunden hat sie Schübe von Luft nach oben perlen lassen, stumm schreiend mit den Beinen ausgeschlagen, mit den Armen gerudert, aber da ist sie schon unsichtbar, unhörbar und flossengetrieben auf dem Wege nach ganz unten. Nach einer knappen Minute und einigen Metern tief im Teich ist sie endgültig eingeschlürft, sanft, ruhig geworden, nur ihr schreckensgeöffneter voller Mund mit kleinen gleichmäßigen Zähnen, ein obszöner Medusenmund, bleibt als verstörendes Zeichen unter ihrem feinen weichwogenden Blondhaar.
Ich halte sie noch einige Minuten über dem Grund fest, vergewissere mich, dass sie nicht gleich nach oben treiben kann. Dann reibe und drücke ich mit meinen Taucher-Gummihandschuhen fest an ihren Handgelenken, sodass es Spuren hinterlassen muss, die denen an ihren Fesseln ähneln, und schwimme schließlich keuchend unter Wasser an meinen Einstiegspunkt zurück.
Als es vorbei ist, merke ich, dass ich kälter geworden bin. Der Glasfilm zwischen der äußeren Wirklichkeit und mir wuchert und scheint nun ziemlich undurchdringlich zu sein. Ich habe eine Reduktion erfahren. Ich nehme sie in Kauf.
Am nächsten Morgen bin ich nach einer traumwilden Nacht fast gesund erwacht. Die Erkältung ist auf ein leichtes Schniefen geschrumpft, der Rücken wieder voll beweglich. – Was für eine überraschende, mörderische Therapie, denke ich!
Giesela wird nach einem Tag vermisst, am dritten Tag nach ihrem Tod gefunden. Ich lese den Zeitungsbericht:
»Ertrunkene im Kiesteich gefunden. Hannover. Bei der gestern in einem der Ricklinger Kiesteiche gefundenen Frau handelt es sich um die 28-jährige Giesela Körbeler, ausgebildete Gymnasiallehrerin für Geografie und Französisch. Die Eltern der Ertrunkenen sind die bekannten Konservenfabrikanten Elfriede und Eugen Körbeler.
Giesela Körbeler hatte drei Tage im Wasser gelegen, die Vorgänge, die zu ihrem Ertrinken führten, sind noch ungeklärt. Ihr Versinken ist anscheinend von keinem der am Kiesteich befindlichen Personen bemerkt worden. Zwei Badende hatten am gleichen Tag einen Gerätetaucher mit Flossen gesehen, konnten aber nicht angeben, ob es sich um eine Frau oder einen Mann gehandelt habe. Die Polizei bittet die betreffende Person, sich als möglicher Zeuge zu melden.«
Den Tauchanzug habe ich aus der Garage Knut Muskamps geklaut. Knut, den ich ja noch aus der Referendarzeit kenne, ist der dritte auf der Rangliste, ein echter Spitzenkandidat also. Ich habe Knuts Unterwasserausrüstung zum Mord an Giesela benutzt und lasse das nützliche Kleidungsstück samt Zubehör im Müll verschwinden. So habe ich nicht nur meinen Listenplatz verbessert, sondern zugleich einen Hauptverdächtigen hergestellt.
Knut ist ein erfahrener Hobbytaucher, ebenso wie es Giesela gewesen ist. Er und Giesela kennen sich näher von einem gemeinsamen Kreta-Urlaub. Giesela, Katinka, Knut und ich, wir weilten damals wegen eines Gerätetauchkursus auf der Mittelmeerinsel. Ich war ziemlich, aber heimlich in Katinka verknallt.
Bei Katinka war Knut, der chronische Aufreißer, kurzzeitig gelandet, einfach weil Katinka neugierig war. Schon nach der ersten Nacht war sie es nicht mehr. Bei Giesela hat Knut, der Unwiderstehliche, es selbstverständlich dann auch versucht.
Giesela lief am Strand und am Taucherkai grundsätzlich nur mit Tanga herum, völlig sicher, völlig gelassen. Wie triumphierend stellte sie ihren ideal gerundeten, trotzdem schlanken Körper aus und amüsierte sich über die blöd glotzenden Männer, die meistens missmutig hinschauenden Frauen. Punktuell ließ sie sich durchaus mit Männern offensiv schamlos ein, machte danach kichernde Bemerkungen über ihre Bettgespielen: 5000-Meter-Läufer, Feinmechaniker und Kopfficker, allesamt ohne zarte Zuwendung, nur darauf bedacht, es ihr oder bloß sich gut zu machen.
Knut bekam das mit und zog, weil er so wollte, daraus die falschen Konsequenzen. Beide, Knut und Giesela, tranken nach zehn Tagen Inselaufenthalt abends gutgelaunt allein in die Nacht hinein, zogen relativ synchron über die doofen Touristen her, die verklemmten Einheimischen, die blöden Muttertiere und Papaprügel.
Ich bekam mit, wie Knut aufs Ganze ging. Giesela hatte ihn angesehen, gelächelt und etwa dieses von sich gegeben:
»O. k., Knut, du bist hübsch, jungenhaft, anziehend amoralisch und bestimmt gut bestückt. Aber das reicht nicht, mein kleiner Herrenmensch. Bevor ich mich mit einem Smartie wie dir einlassen würde, müsste ich deiner ganz sicher sein. Aber dann wärst du ja nicht mehr du, also bleib mir vom Leibe und versuch es lieber nicht noch mal.«
Knut, ebenso überrascht wie ernüchtert, hatte sie völlig uncool und erstaunlich eloquent als »kalten Arsch«, »geizige Möse« und »exhibitionistischen Sprechautomat« tituliert, worauf sie ihm gelassen empfohlen hatte, sich doch erst mal einen zu wichsen oder sich von Georgias, dem netten Schwulen, einen blasen zu lassen, das täte bestimmt allen gut. »Und tschüss!« – Knut hatte bis zum Ende des Tauchurlaubs kein Wort mehr mit Giesela gesprochen. Giesela ließ das gleichgültig.
Ein weiterer Zeitungsbericht über die ertrunkene Giesela erscheint. Darin heißt es:
»Die bei der Toten festgestellten Druck- und Reibstellen an Fuß- und Handgelenken könnten von sexuellen Spielen herrühren. Die Kripo, die bisher von einem Mord ausging, hält nun auch einen Unglücksfall für wahrscheinlich.«
Doch es gibt einen Täter. Klar, der Täter bin ich. Man nennt mich zwar Manni, aber diesen Namen habe ich nie gemocht. Er hat in meinen Ohren so etwas Läppisches, Zaunpfahlhaftes, platt Anspielungsreiches – Manni. Tatsächlich bin ich aber leistungsbereit, einsatzfreudig, klar und direkt – und mein Name ist Manfred Knoche, 28. Noch bin ich arbeitsloser Lehrer für Geografie und Deutsch. Noch.
Ich arbeite im Arbeitsamt Hannover, Außenstelle Laatzen, in der Aktenablage Kindergeld, 10. Stock.
Ich bin ledig und kinderlos, stelle deshalb kein besonderes Datenschutz-Risiko dar. Mit 800 Euro netto verdiene ich 200 Euro mehr, als ich an Arbeitslosengeld bekommen habe. Deswegen bin ich da, sortiere dafür Akten ein und aus.
Morgens komme ich spät, um die Nächte zu nutzen, nachmittags gehe ich sehr spät, gewöhnlich als Letzter, um unbeobachtet Stunden ohne Arbeit zu schinden.
Akten abholen, vorsortieren, einstellen, zurückstellen. Ich bin Fachkraft für das sogenannte Aktenziehen. Tagein, tagaus aus über 90.000 Akten mal die betreffende anlegen, stempeln, mal einige andere ziehen, auf jener notieren; es wird geklammert, geheftet, gezogen, wieder eingestellt.
Über mich, über den Ort, über meine Situation kreisen meine Gedanken wie Geier um das Aas. Es wird mir schmecken. Ach, es wäre toll als Lehrer …
Wenn es damals nicht diesen Abend gegeben hätte im »Übü«, dieser Lindener Kneipe!
Ich lernte den fetten Hacker beim Frustsaufen kennen. Er war eine Art Kollege, ein stellungsloser Sport- und Physiklehrer, der seine autistischen Tendenzen als Computerfan stilisiert und sich schließlich zum Computerhacker perfektioniert hatte. Ein prahlerischer Trinker, auf der Suche nach einem Freund oder mindestens einem interessanten Saufkumpanen. Ganz im Gegensatz zu mir war seine Stimmung von einem grundsätzlichen Weltekel getragen, der keine echte Leistung mehr zuließ. Trotz seines Könnens hatte der Hacker keine Lust auf jegliche Art von Zukunft. Das gipfelte in solchen Sätzen wie:
»Wir gehören vielleicht zu den letzten Generationen, die noch ehrlich zusammengevögelt worden sind, Manni. Bei feuchten Schützenfesten, in weichen Sommernächten, inmitten dunkler Schlafräume. Nicht in Labors erzeugt und immer mindestens zu zweit. Das nimmt rapide ab. Mit dem Samenspenden fing es mal an.«
Es war bei viel Bier und Ouzo zu seinem Versprechen gekommen: »Ich kann mich ohne Probleme an die Bezirksregierungs-Dateien heranmachen und meinem Freund Manni mitteilen, was da so alles gespeichert wird.«
Schon zwei Abende später trafen wir uns wieder im »Übü«.
»Ja, Manni, deinen Namen hab ich auch gefunden, einmal mit Personalakte und einmal in einer Liste.«
»In einer Liste? In was für einer Liste?«
»Für eine Planstelle an einer Schule, eine Geografie-Planstelle, hier im Bezirk Hannover, in Kirchrode. Und du warst auf Platz sieben, Manni, der siebte von sieben.«
Der Hacker sagte noch, dass er morgen nach Frankreich, ins Zentralmassiv verschwinde. Er habe hier die Schnauze voll.
Wenn ich hier im Arbeitsamt, hier in der Aktenhaltung bliebe? Wie wird der Winter sein?, fragte ich mich damals immer. Der Winter wird ein völlig zermürbender Horror werden.
Im Dunkeln fahre ich nach Laatzen, im Dunkeln fahre ich zurück zum Kröpcke, eine lange, trockene, bleigraue Straßenbahnfahrt hin, eine hellgraue zurück. Ein Wechsel zwischen Frauen-Begutachten, mürber Lektüre, Einnicken, Lesen, Grübeln, Glotzen, Dösen.
Nur die kleinen, miesen Freuden zwischen den Aktenregalen: Pausen einschieben, heimlich lesen, sich noch heimlicher selbst befriedigen, lauschen, beobachten, im Sitzen flach pennen, trinken, in staubigen Akten herumschnüffeln. Und wieder ran.
Ein Schrei steckte in mir: Ich will da raus, für immer, ich muss unbedingt Beamter werden!
Der Hacker hatte mir die Basisinformationen über die sieben Kandidaten ausgehändigt, zu denen ich selbst gehöre. Bis auf einen waren sie alle bei einem Treffen ehemaliger Referendare, ausgebildeter Lehrer in Lauerstellung. Bis auf einen kennen mich alle, und ich kenne sie, manche gut, eine fast in- und auswendig.
So bin ich der einzige der Kandidaten, der diese Liste komplett kennt, sie aber eigentlich nicht kennen kann, das ist das Tolle – perspektivisch gesehen.
Nach Giesela ist eigentlich Katinka dran, denn sie ist die zweite, nun ganz oben und selbstverständlich viel aussichtsreicher als ich. Dennoch will und kann ich Katinka noch nicht beseitigen.
Immer noch bin ich verliebt in Katinka, kann es nicht hinreichend zeigen, kann es nicht ausleben. Hinter uns liegen heftige, vielgestaltige, sexuelle Verschlingungen. Leider haben sie nur eine Woche gedauert und sind von Katinka mangels Entwicklungsmöglichkeiten, wie sie sich ausdrückte, beendet worden.
Die ausgeglichene, immer gelassen-freundliche Katinka, eine dunkelwildlockenhaarige, mit einsachtzig Körpergröße eher herb-schöne Frau. Obgleich schlank, ist sie vor allem weichrundmuskulös und nicht so vollkommen pralinen wie Giesela einst gewesen ist. Sie erweckt erotische Furcht und ähnelt einer ebenso kraftvollen Frau aus der Landespolitik, deren Erscheinung schon länger meine sexuellen Selbstbetätigungen anfeuert.
Katinka neigt unangestrengt zu jeglicher Sexualität, kostet das, was sie mit ihrer Gespielin oder ihrem Gespielen tut, vollends und vorbehaltlos aus.
Unser gemeinsames, im Rahmen des Konventionellen sich bewegendes Gevögel war nur ein kurzer Abschnitt intensiver Verschränkungen und Benetzungen. Als ich einmal mit besonders großer Lust an ihr herumleckte, fragte sie mich wörtlich, ob sie mich mal durchficken dürfe. Nachdem ich ihr, reichlich verwundert, zugestimmt hatte, band sie sich einen von ihr erworbenen Doppeldildo um. Ich ließ mich kniend, durchaus mit überraschenden Lustempfindungen, kräftig von Katinka stoßen und dabei wichsen. Uns beiden gefiel das sehr. Gern ließ sie sich danach auch wieder vögeln, mit einer Selbstverständlichkeit, die ich nicht mehr verstand.
Bei Katinka geschieht alles mit Lust und Neugierde, sie hält keine Vorträge, gibt keine Begründungen ab und unterlässt jegliche Rechtfertigung. Darum beneide ich meine damalige Gespielin sehr – ich selbst brauche für alles haltbare Begründungen. Ich finde bei ihr nichts innerlich Festes, Sentimentales, sie ist die reine haltlose Durchlässigkeit.
Nun hätte ich Katinka umbringen müssen. Das kann ich nicht. Also muss ich Katinka aus dem Kandidatenkreis hinausbekommen, sie vor mir schützen. Keine Schulstelle, kein Tod, Katinka!
Eine bessere Note als ich hat sie zwar, aber auch ein ungeordneteres Leben, dazu einen unbefangen frechen Mund gegenüber den Vorgesetzten. Außerdem – was heißt bessere Note als ich –, diese Frau hat sich immer gegen das Leistungsprinzip geäußert.
Ich rufe also anonym den Dezernenten bei der Bezirksregierung an und erzähle ihm: Katinka Leone hat während ihres Referendariats ein Liebesverhältnis mit einem Schüler und einer Schülerin unterhalten – ich könnte deren Namen nennen. Frau Leone hat sich gegen jegliche Leistungsmessung gewendet, hat nie eine Fünf erteilt. Nie hat man mit ihr ernsthaft über Punkte- und Notengebung reden können. Der Dezernent hat nur zugehört und dann aufgelegt.
Später, bei einem Telefongespräch anlässlich des plötzlichen Todes von Giesela, teilt Katinka mir die telefonische Intrige gegen sie mit. Der Dezernent werde nichts von dem Denunzianten berücksichtigen, habe er ihr versichert.
Mein Plan war geplatzt, die Zeit drängte. Also wandte ich mich erst einmal dem dritten auf der Rangliste zu, Knut Muskamp. Erst geht es Knut an den Kragen, dann würde ich weitersehen! So kam ich meinem Lebensziel entgegen. Ach, es wäre toll!
Knut ist der einzige Sohn einer wohlhabenden Beamtenfamilie, Assessor des Lehramtes für Geografie und Sport mit athletischen einmeterzweiundachtzig. Knut ist angesichts seiner tüchtigen, wohlhabenden Eltern zum Minderwertigkeitskompensator herangewachsen und besitzt eine ausgeprägte Sportwagenmacke. Äußerlich locker, ist er oft innerlich verkrampft und hat eine arhythmische Darmperistaltik. Knut gilt als cooler Typ, er ist ein gut aussehender, charmanter Fiesling.
Jeweils vor dem I. und II. Staatsexamen hatte er eine Frau von sich abhängig gemacht, die ihm dann jeweils größtenteils die betreffende Examensarbeit schrieb. Eine traktierte ihn einmal öffentlich in der Universität mit Ohrfeigen, schuftete aber dennoch weiter für Knuts akademische Karriere.
Dieses Muttersöhnchen wohnt noch in der Bothfelder Villa seiner Eltern, die ihn gut versorgen. Knut hat sich im von ihm allein bewohnten ersten Stockwerk seines Elternhauses eine kleine Edelküche mit Bar, passenden Hockern und Lichtgestaltung zugelegt, sein Zentrum, wo mehr repräsentiert als genossen wird. Irgendwann, nach einem solchen auf Knuts Prestigezuwachs gerichteten Gästeessen, hat er mit Entsetzen bemerkt, dass er auf seine Schwester – intelligent, hübsch, zartgliedrig – neidisch ist, weil sie selbständiger und unbefangener lebte, wie er glaubt, und – schlimmer noch!– dass ihn seine leibliche Schwester aggressiv geil macht.
Damals, seine diversen Verkrampfungen hatten nach dieser Selbstentdeckung zugenommen, hatte er eine Beziehung zu Erdmute angeknüpft, einer eher unauffälligen Sozialpädagogin. Sie konnte ihm als Einzige länger zuhören, und er konnte sie so rücksichtslos vögeln, wie sie es uneingestanden immer gewünscht hatte. Es wurde eine zeitlich begrenzte, aber glückliche Symbiose. Die Vögeleien hatten abgenommen, waren schließlich kein Teil ihrer Beziehungen mehr – Erdmute hatte einen anderen Mann gefunden, einen, der es liebevoller tat. Aber aus der Symbiose war eine Art komplementärer Freundschaft entstanden. Ab und zu trafen sie sich, Knut redete drauflos, Erdmute erklärte ihm engagiert, was er da sagte und warum. Danach ging es Knut regelmäßig besser, und Erdmute empfand sich als nachweislich guter Mensch.
Knut hat öfter von Erdmute und sich rückhaltlos monologisiert: Von Erdmute mit der weichen Halblautstimme, seiner Psychosozialakrobatin, die ihn für patriarchal verklemmt hält, mutterkomplexbeladen, seelisch unentwickelt und seinen röhrenden Porsche nicht mag.
Nach seinen Erdmute-Soireen – seelisch und sozial durchgearbeitet, weichgewalkt – fährt Knut immer wie neugeboren und mit Maximaltempo auf die Autobahn. Im Rausch nach der Katharsis regeneriert er in seinem Porsche vom triefenden Jammerschwamm wieder zum wahren Knut, so wie er es stark alkoholisiert einmal ausgedrückt hat:
»Ich dann immer los, morgens, von Erdmute, erleichtert, geb ich ja zu, ich brauch das, aber ganz kaputt gequatscht, muss erst mal die Gesprächssülze wegfegen mit meinem Porsche – ja, ein Porsche, klar, klingt nach Klischee, ist aber nun mal so. Exakt mit meinem Porsche, ist das gebongt?, einfach das Zeugs wegfegen. Mach ich oft, knall dann los, so mit 200, links, schön links halten, voll geil, kostet Konzentration, Kalkül, alles, worauf du einen lassen kannst. Jedenfalls bleibt der Kopf dabei von unnützen Gedanken verschont, alles voll arschklar dann.«
Mir ist immer mehr klar geworden: Knut ist ein vollständiger Unrat, ein Kotfass, eine Wurmspeise, ein Abort, ein fauliges Aas, ein übel riechender Harnkrug. Dieser Schurke hat nie ehrlich für seine Erfolge schuften müssen. Es hat immer Geld oder Frauen gegeben. Er soll zerrissen werden.
Zu Gieselas Todeszeit war Knut angeblich allein beim Segeln auf dem großen Binnensee gewesen, der sich nahe der Landeshauptstadt ausdehnt. Seine Tauchausrüstung war nach dem Tod von Giesela Körbeler verschwunden. Ich hatte anonym der Polizei einen einschlägigen Tipp hinsichtlich des Tauchers Knut gegeben. So war er auf die Liste der Verdächtigen geraten.
Knut, in deinem Porsche wirst du ewige Coolness und Erlösung finden. Für dich mache ich ein paar Schrauben, ein paar Muttern locker, nur für dich, du altes Nesthäkchen, du sportiver Motherfucker.
Knut Muskamp hat wieder nachts bis morgens um vier seine Beichtfreundin Erdmute besucht. Wahrscheinlich wieder wegen seiner ihm verbotenen Schwester, seiner Erstfreundin, anderer Freundinnen wegen und all seiner Freundinnen überhaupt.
Mit Kunststoffhandschuhen bewehrt, bin ich unterdessen an Knuts Flitzer tätig gewesen, für mich eine kurze, knirschende Kleinigkeit.
Bei 200 Kilometern pro Stunde lösen sich die Radmuttern. Schleudernd rast Knut auf den Brückenpfeiler zu, der Porsche macht eine elegante, aber quietschende Schleife und prallt mit der Seite schmetternd auf. Knut wird zerfetzt wie von rasenden Furien, wie von mechanischen Bacchen im Bacchanal. Aus dem wird nichts Brauchbares mehr! Als es vorbei ist, herrscht einen Moment Stille, bis auf eine scheppernd wegeiernde Radkappe.
Knut hat nicht bloß eine Schraube locker gehabt.
Die Spur lege ich zu Katinka. So, als habe sie sich vermutlich für die Ermordung Gieselas gerächt – ihre Unschuld würde sich schon herausstellen.
Ich denunziere Katinka nun ein zweites und drittes Mal. Das geht nun wie geschmiert. Von einer Telefonzelle rufe ich bei einer Polizeiwache an und teile kurz mit, dass eine gewisse Katinka Leone mit Knut Muskamp auf Kriegsfuß gestanden habe, wegen seiner perfiden Frauenausnutzereien und ihrer beider Verhältnis zu Giesela Körbeler.
Eine ähnlich lautende Mitteilung mache ich dem Dezernenten.
In Knuts Briefkasten deponiere ich einen Zettel mit der in der Stadtbibliothek getippten Aufschrift: »Für Giesela!«
Katinka ruft mich drei Tage nach Knuts Tod an, erzählt mir von der polizeilichen Vernehmung, die keine weiteren Folgen für sie gehabt hat. Sie schließt mit den Worten: »Ich hoffe, dass damit nun Schluss ist.«
Wie hier die Krähen im ewigen Zwielicht um den Büroturm kreisen, dann schräg hinabstürzen, wie hohnvoll wieder emporsteigen, oben bleiben, und ich wie angewachsen hier am Tisch hocke, Aktendeckel stempele wie für ewig und ich auch dann nicht rauskomme, wenn die schwarzen Vögel nicht mehr kreisen.
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