Read the book: «Der böse Blick»

Font::

Björn Larsson
Der böse Blick
Roman
Aus dem Schwedischen
von Knut Krüger

Lindhardt und Ringhof

Am Tag der Auferstehung sollen sie gefragt werden nach dem, was sie erdichteten.

Koran, Sure 29/12

Fatima

Eine von Mohammeds Töchtern aus der Ehe mit Chadidscha. Verheiratet mit Ali und Mutter von Hasan und Husayn. Von Sunniten und Schiiten gleichermaßen verehrt. Zum Schutz vor Dämonen oder dem »bösen Blick« wird ihre Hand oft an Türen, auf Amuletten oder Halsschmuck abgebildet. Fatima ist in der gesamten islamischen Welt ein geläufiger Name.

Jørgen Bæk Simonsen, Lexikon des Islam

1

Rachid schaute auf die Uhr. Genau zwölf Minuten vor sechs, so wie an jedem Morgen der letzten drei Monate, betrat er den Fahrstuhl, der ihn zur Sohle des Victoriaschachts brachte.

Bevor er die Fahrstuhltüren zuzog, ließ er seinen Blick über den Bauplatz schweifen, um sich zu vergewissern, dass niemand in der Nähe war. Er sah die Baracken der Arbeiter, die man in sieben Etagen übereinander geschichtet hatte, um Platz zu sparen; den vierzig Meter hohen Kran, der eine Kapazität von sechzig Tonnen besaß, um Bagger und Betonelemente hinabzusenken; die vier Zementsilos, deren Inhalt unter Hochdruck durch meterdicke Schläuche gepresst wurde; die Belüftungsrohre, deren Ventilatoren unablässig surrten; die Berge von Armierungseisen und Baugerüsten, die auf ihren Einsatz warteten, und viele andere Dinge, deren Verwendungszweck Rachid nicht kannte.

Wie an jedem anderen Morgen der letzten Monate war er allein. Um den Nachtschlaf Tausender von Menschen nicht zu stören, ruhte der lärmende Vortrieb zwischen acht Uhr abends und sieben Uhr morgens. Nachtwächter, Techniker und Ingenieure arbeiteten währenddessen in zwei Schichten, waren entweder schon gegangen oder noch nicht da, als Rachid kam. Eine knappe Stunde, zumindest eine gute halbe Stunde würde er mit großer Wahrscheinlichkeit ungestört sein.

Aber Wahrscheinlichkeit war etwas anderes als Gewissheit. Als Ingenieur wusste er, wie gefährlich es war, aus einer begrenzten Anzahl von Beobachtungen auf eine Gesetzmäßigkeit zu schließen. Deshalb blieb er für einen Moment ruhig stehen, blickte in den Abgrund und lauschte, bevor er auf den Fahrstuhlknopf drückte. Durch das Stahlgitter des Aufzugskäfigs hindurch konnte er den Boden in dreißig Metern Tiefe erahnen und die Sprossen der Leiter, die an die Oberfläche führten, deutlich erkennen. Niemand war zu sehen. Völlige Stille.

Als sich der Fahrstuhl ratternd in Bewegung setzte, zog er seinen Notizblock hervor und kontrollierte ein weiteres Mal, ob alle Angaben stimmten. Er prüfte, wie lange er brauchte, um die Sohle zu erreichen und danach zu Schacht Nummer elf zu gelangen, wo von den Hauptkabeln aus der Strom auf mehrere kleinere Leitungen verteilt wurde. Genau hier, am Verteilerkasten, fünf Meter unter der Oberfläche, sollte eine kleine Sprengladung platziert werden, um die Stromversorgung außer Kraft zu setzen. Da er bereits wusste, wie viel Zeit er für diesen Vorgang veranschlagen musste, begab er sich von Schacht elf unverzüglich durch die südliche Tunnelröhre in den zukünftigen Zentralbereich der Station namens »Condorcet«. Mit raschen Schritten lief er zum anderen Ende, das über zweihundert Meter entfernt war. An einigen Stellen musste er Umwege in Kauf nehmen, weil ihm Bohrmaschinen, Baugerüste oder andere Gegenstände den Weg versperrten.

Am anderen Ende des Zentralbereichs nahm er den Aufzug bis zu einer Tiefe von zehn Metern unter der Oberfläche, dem Grundwasserspiegel. Er stieg aus dem Käfig und bog unmittelbar nach links in eine der kleineren Tunnelröhren ab, die ausschließlich Belüftungs- und Sicherheitszwecken dienten. Weil diese Röhren nach Fertigstellung der Arbeiten ohnehin zugeschüttet werden sollten, hatte man sich nicht die Mühe gemacht, den Boden von Lehm und Gesteinsbrocken zu befreien. Entsprechend lange dauerte es, um die ungefähr achtzig Meter zurückzulegen.

Am Ende bog er ein weiteres Mal nach links ab und erreichte einen Hohlraum, in dem sich dicke Schläuche befanden, die in ein Betonrohr von zwei Metern Durchmesser mündeten. Durch dieses Rohr leiteten fünfzig Pumpen das Grundwasser ab, das unablässig in den Untergrund sickerte. Abgesehen von einigen Verbindungstunneln zur Metro, entstand die gesamte Station im Bereich des Pariser Grundwassers.

Er kletterte über einige kleinere Schläuche hinweg und ging hinter dem Betonrohr in die Hocke. Er hob eine Sperrholzplatte an und vergewisserte sich, ob der trockene Hohlraum, den er vor einigen Wochen gegraben hatte, immer noch vorhanden war. Er schaute auf die Uhr und danach in sein Notizbuch. Die Zeitangaben stimmten auf die Minute. Danach ging er denselben Weg zurück, den er gekommen war. Mitten im Haupttunnel blieb er unterhalb der Rohrkonstruktion stehen, die sein eigener Arbeitsplatz war: Hunderte von Stahlrohren waren zu einem zehn Meter hohen Gerüst zusammengefügt, das die Decke abstützte, während man mittels einer Technik, die »lining« genannt wird, die Betonarbeiten durchführte. Hatte man sich drei Meter weiter in das Gestein vorgearbeitet, wurde die Fläche mit massivem Kunststoff verschalt, damit das Grundwasser nicht durchsickern konnte, wenn der Beton eingespritzt wurde. Über dem Stahlrohrgerüst befand sich eine zwanzig Meter breite, gewölbte Schalungsform aus Stahl, die hydraulisch gegen die Decke und den Kunststoff gepresst wurde. Dann wurde der Beton unter Hochdruck hineingespritzt und füllte den Hohlraum zwischen der Form und dem Gestein, während das austretende Grundwasser die Tunnelwände hinunterlief und abgepumpt wurde. Bevor das Unternehmen sich für die Lining-Technik entschied, hatte es verschiedene Injektionsmittel getestet, eines giftiger als das andere. Doch bei dem gleichmäßig strömenden Grundwasser hatte keines richtig aushärten können.

Rachid wusste das technische Know-how zu schätzen, das dem Bau der Station zu Grunde lag. Doch für sein Vorhaben spielte dies keine Rolle. Entscheidend war vielmehr, dass der Ort, an dem er jetzt stand, die Achillesferse des Projekts war. Genau hier, an der Nahtstelle zwischen dem freigelegten Gestein und dem noch nicht ausgehärteten Beton, konnte sich die Station von einem Meisterstück der Ingenieurkunst in ein Mahnmal für die Hybris der westlichen Welt verwandeln. An diesem Ort musste die größte Sprengladung platziert werden.

Die Vorbereitungen würden noch weitere Monate in Anspruch nehmen. Um die praktischen und technischen Fragen machte er sich keine Gedanken mehr. Die Ladung zu präparieren, erforderte genaue Planung und Fingerfertigkeit – und auf diesen Gebieten war er Experte. Das einzige unkalkulierbare Problem war der Faktor Mensch. Seine Lehrmeister hatten stets hervorgehoben, wie wichtig es war, auch mit dem Unerwarteten zu rechnen, wenn man es mit Menschen zu tun hatte. Obwohl Rachid die Arbeitspläne und Bewegungsströme genauestens analysiert hatte, reichte es aus, dass jemand zurückkehrte, um ein vergessenes Werkzeug zu holen, und der ausgetüftelte Plan war hinfällig. Er brauchte also jemanden, der Wache hielt. Zum Schacht elf und dem Pumpenraum kam selten jemand, das wusste er. Doch im Zentralbereich, besonders unter der Schalungsform, konnte man stets Leuten begegnen, selbst außerhalb der üblichen Arbeitszeiten. Hilfe von außen gab es nicht. Weil die Unternehmensleitung Terroranschläge befürchtete, wurden alle neuen Mitarbeiter einer gründlichen Personenkontrolle unterzogen.

Trotz mehrerer Versuche war er selbst der Einzige, den die Bewaffnete Islamische Gruppe, genannt GIA, hatte einschleusen können.

Natürlich hatte er keine Angst vor dem Sterben. Alles lag in Allahs Hand. Ob er heute oder morgen starb, war gleichgültig. Er hätte die Aktion auch ganz allein durchführen können, doch ihm war strikt untersagt, sein eigenes Leben aufs Spiel zu setzen. Es gab andere in der GIA, die keine besonderen Fähigkeiten besaßen und sich daher besser zum Märtyrer eigneten. Sich gemeinsam mit einem Dutzend Christen oder Juden in die Luft zu sprengen, war nicht der einzige Weg zu einem Platz an Allahs Seite. Genauso wertvoll war es, der wichtigste Bombenexperte der Bewaffneten Islamischen Gruppe zu sein. Für Allah zu sterben war keine Kunst. Die Kunst bestand darin, zu überleben.

Deshalb hatte man ihn ausgewählt. Er war der Einzige, der beweisen konnte, dass der Heilige Krieg nicht beendet war, bevor der Islam triumphiert hatte. Das Regime in Algerien und die Regierungen in Europa, die es unterstützten, glaubten, der Krieg sei gewonnen und die Lage unter Kontrolle. Die Industriestaaten pumpten Milliarden ins Land, um die Regierung sowie die Ausrottungsfront innerhalb der Streitkräfte zu stützen. Vor dem Terror und der Korruption der Armee verschlossen sie die Augen, weil sie Feinde des Islam waren. Viele der heiligen Krieger der GIA hatten ihr Leben im Kampf für Allah und den Islam gelassen. Rachid sollte zeigen, dass es nicht vergeblich gewesen war. Außerdem würde ihm die Aktion ewigen Ruhm einbringen. Der edle Schreiber an Allahs Seite, der alle guten Taten eines Menschen notierte, sollte mit Freude zur Feder greifen. Und niemand auf der Welt würde jemals vergessen, dass es Rachid war, der hinter der Auslöschung stand; ein ganzes Wohnviertel mit Tausenden von Menschen sollte auseinander gesprengt und in den Abgrund gerissen werden, um schließlich in der Sintflut des Grundwassers zu ertrinken – ein unvergleichliches Symbol für die Niederlage der westlichen Welt. Nachdem er alle Details überprüft hatte, ging er zum Victoriaschacht zurück. Dort hielt er inne und blickte durch den langen Trichter, der sich weit über seinem Kopf befand, zum schwarzen Morgenhimmel empor. Er hatte seinen kommenden Triumph vor Augen. Das Paradies war nah, so nah, dass er fast meinte, es berühren zu können: Für den aber, der seines Herrn Rang gefürchtet, sind der Gärten zwei. Beide mit Zweigen. In ihnen sind zwei eilende Quellen. In ihnen sind von jeder Frucht zwei Arten. Sie sollen sich lehnen auf Betten, mit Futter aus Brokat, und die Früchte der beiden Gärten sind nahe. In ihnen sind keusch blickende Mädchen, die weder Mensch noch Dschānn zuvor berührte. Als wären sie Hyazinthe und Korallen. In ihnen sind gute und schöne Mädchen. Hūris, verschlossen in Zelten. Die weder Mensch noch Dschānn zuvor berührte.

Sein Herz pochte so heftig, dass er sich in der unterirdischen Stille einbildete zu hören, wie das Echo zwischen den Tunnelwänden hin und her sprang. Er sah, wie der Imam ihn empfing und Hunderte jubelnder Mudschaheddin ihm zu Ehren Gewehrsalven in die Luft schossen. Er sah, wie die schönen Jungfrauen im Paradies ihn erwarteten.

Inmitten der Euphorie zuckte er zusammen. Hatte er ein Geräusch gehört? Er rieb sich die Augen und schlug sich ins Gesicht. Was fiel ihm nur ein! Er hatte sich von seiner Fantasie mitreißen lassen. Das war eine unverzeihliche Sünde. Seine Lehrmeister hatten ihn gewarnt: Nichts dürfe sich zwischen Allah und die Wirklichkeit drängen, keine Fantasie, keine Träume, keine Geschichten. Denn diese waren Trugbilder, die von der einzig wahren Erzählung ablenkten: Wer ist sündiger, als wer wider Allah eine Lüge ersinnt oder Seine Zeichen der Lüge zeiht? Der Wahn nützt nichts gegen die Wahrheit.

Ein beträchtlicher Teil seiner Ausbildung zielte darauf ab, sich niemals in das Leben eines Menschen hineinzuversetzen, auch nicht in sein eigenes und vor allem nicht in das eines Ungläubigen. Helft mir mit Kräften, und ich will zwischen euch und zwischen sie einen Grenzwall ziehen. Einfühlung war Verständnis, und Verständnis bedeutete zu akzeptieren, dass Menschen das Recht hatten, ein gottloses Leben zu führen. Doch es gab nur eine Wahrheit, die Wahrheit Allahs, so wie sie sich im Koran und in der Sunna, den Sprüchen des Propheten, offenbarte. Alles andere war Lüge.

Er durfte sich nicht vorstellen, wie es sein würde, in wenigen Monaten Rachid der Held zu sein. Unter keinen Umständen durfte er an die Menschen denken, deren Leben geopfert werden musste. Allah hatte ihn beauftragt, die Gottlosen zu töten. Also war es auch an Allah, zu urteilen und Mitleid zu zeigen. Nicht an ihm. Er diente ausschließlich dem Dschihad und der Wahrheit. Er durfte nicht vom Weg abweichen. Dass viele Mitglieder der GIA Naturwissenschaftler und Ingenieure waren wie er, war kein Zufall. Die wussten, dass man stets mit der notwendigen Präzision arbeiten musste. Die waren sich im Klaren, dass man alle Variablen, inklusive des Menschen, in Betracht ziehen musste, um das Ziel zu erreichen. Doch er begriff, dass diese Eigenschaften es ihm schwer machten, das Vertrauen seiner Kollegen zu gewinnen und jemanden zu finden, der ihm helfen konnte. Dass die meisten von ihnen zu den Einwanderern der ersten Generation gehörten und den Bürgerkrieg noch in frischer Erinnerung hatten, spielte keine Rolle. Das Geld und die westliche Dekadenz hatte sie bereits verdorben. Vor allem waren es Facharbeiter, die besser bezahlt wurden als die meisten anderen Ausländer. Die meisten von ihnen würden ihn bedenkenlos anzeigen.

Nur einer war anders: Ahmed. Wer war er? Er hatte nie von sich selbst gesprochen. Ahmed war nicht so wie die anderen. Er verbarg etwas. Rachid hatte versucht, etwas über seinen persönlichen Hintergrund in Erfahrung zu bringen, doch ohne Erfolg. Als existierte Ahmed nicht. Oder wäre ein anderer, ein Rätsel, das es zu lösen galt, ein nicht entzifferbarer Code. Wenn er Ahmed sah, musste Rachid an eine große Raubkatze denken, einen verwundeten Tiger, der nachts herumstrich und angriff, wenn man am wenigsten damit rechnete. Rachid wünschte sich, Ahmeds Geheimnis zu kennen. Er brauchte jemanden, der so war wie dieser: wachsam, verschwiegen und stark. Mit Ahmed wäre das menschliche Problem gelöst. Doch bisher hatte Ahmed alle Versuche Rachids, mit ihm in Kontakt zu treten, abgewehrt und selbst auf Fragen kaum etwas geantwortet.

Es brauchte Geduld und Vertrauen. Früher oder später würde sich mit Allahs Hilfe eine Tür öffnen. Irgendjemand würde eines Tages Rachids Hilfe in Anspruch nehmen, was diesen in die Lage versetzte, eine Gegenleistung zu fordern. Man musste nur auf die richtige Gelegenheit warten. Bis dahin ging es nur um eines: die Aktion minutiös vorzubereiten, um jederzeit zuschlagen zu können.

2

»Dreckiger Araber!«

Ahmed schaute aus den Augenwinkeln zu Fatima, die ungerührt vor sich hin sah. »Kanake!«

Jetzt blickte Fatima rasch zu ihm auf. Er erwiderte ihren Blick und lachte. Das waren hässliche Wörter, aber sie töteten nicht. Zumindest nicht auf der Stelle.

Doch dann kam der Stein. Er traf Fatima am Hinterkopf. Sie wankte und stieß einen Schrei aus. Sie wusste, dass man keine Angst zeigen durfte. Genau wie bei bissigen Hunden. Ahmed sah, wie das Blut zwischen ihren pechschwarzen Haaren hervorsickerte, es rot färbte und langsam den Nacken hinunterlief. Sie drehte sich um. Zwei Männer mit Glatzen und Lederjacken zeigten ihr den Mittelfinger. Ihre Gesichter fraßen sich in ihr Gedächtnis und die Wunden fanden Eingang in die Schreckenskammer, die einen immer größeren Teil ihres Kopfes einnahm.

»Kannst du gehen?«, fragte er.

Fatima nickte. Ihr Gesicht war angespannt. Sie hatte Schmerzen, weinte jedoch nicht.

Plötzlich hatte Ahmed seine Schwester vor Augen. Auch sie war stark gewesen. Allzu stark. Als sie starb, war sie in Fatimas Alter gewesen. Sie war keine fünfzehn, als sie von der DOP, der Sondereinheit der französischen Armee für operativen Schutz, zu Tode gefoltert wurde.

Als Fatima und er nach Hause kamen, war Mireille bereits da. Ahmed erzählte, was geschehen war. Gemeinsam reinigten sie Fatimas Wunde und legten einen Verband an. Danach setzten sich alle drei auf das Sofa und umarmten sich still. Nachdem Fatima aufgehört hatte zu zittern, stand Ahmed auf.

»Ich habe vergessen, Zigaretten zu kaufen. Ich bin gleich wieder da.«

Mireille schaute ihn an, sagte jedoch nichts.

»Soll ich dir etwas mitbringen?«, fragte Ahmed mit Blick auf Fatima.

»Ein Buch.«

Ahmed nickte. Neben dem Café, in dem er seine Zigaretten kaufte, befand sich eine Buchhandlung. Dort gab Fatima beinahe ihr gesamtes Taschengeld aus.

Ahmed lief die zehn Treppen hinunter und zum Park zurück. Schon aus großer Distanz erkannte er die beiden Männer. Sie standen immer noch an derselben Stelle wie vorhin, als er und Fatima an ihnen vorbeigegangen waren. Sie hatten wohl nichts anderes zu tun, als darauf zu warten, dass irgendein dunkelhäutiger Vater mit Tochter bei ihnen vorbeikam. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass niemand in der Nähe war, ging er auf sie zu. Überrascht schauten sie zuerst ihn und dann einander an, bevor sich ein Lächeln auf ihren Lippen abzeichnete. Darauf hatten sie wohl von Anfang an gehofft. Gemeinsam dürften sie keine Schwierigkeiten haben, einen Ausländer mittleren Alters zusammenzuschlagen.

Ahmed trat einem von ihnen zwischen die Beine, so dass er mit einem Aufschrei zusammensank, dem anderen brach er mit einem Faustschlag das Nasenbein. Danach trat er erst dem einen, dann dem anderen auf die Kniescheibe, womit er sie für mehrere Wochen zu Invaliden machte. Schließlich nahm er einen Stein und schlug damit auf ihre Köpfe ein, bis das Blut über ihre kahlen Schädel lief. Alles war so rasch vorüber, dass sie kaum Zeit gefunden hatten, ihre Angst und ihren Schmerz herauszuschreien, bevor sie das Bewusstsein verloren. Auf dem Rückweg suchte Ahmed die Buchhandlung auf. Er kaufte eine Taschenbuchausgabe von Tausendundeine Nacht. Scheherezade hatte ihr eigenes Leben gerettet, indem sie Geschichten erzählte. Er machte sich keine Illusionen: Geschichten konnten nicht verhindern, dass Fatima einen Stein an den Kopf bekam. Doch wenn sie dazu führten, dass sie abgelenkt wurde, war dies auch etwas wert.

Manchmal hatte er sie schon fragen wollen, warum sie sich nicht lieber mit ihren Freundinnen verabredete, anstatt ständig zu lesen, doch wenn er gründlich nachdachte, war er sich keinesfalls sicher, ob die Realität der Fantasie vorzuziehen war. Außerdem hatte er Angst, Fatima würde seine Frage als Vorwurf empfinden. Und vielleicht sogar den Verdacht hegen, er sei im Grunde immer noch der Überzeugung, das Leben einer Frau sei weniger wert als das eines Mannes. Doch er hatte sich vom Islam losgesagt. Sich ein für alle Mal und ausnahmslos von allen Religionen distanziert. Gott, ob man ihn nun Jehova, Allah oder sonst wie nannte, war einfach von Übel.

Und die Imame wussten ganz genau, was sie taten. Sie verboten den Mädchen und Frauen das Lesen von Romanen, weil dies die Freiheit einschloss, sich vorzustellen, dass nicht alles zwangsläufig so sein musste, wie es war. Mit ein wenig Fantasie war es durchaus vorstellbar, dass eine Welt ohne den Koran, ohne die Sunna des Propheten, gar ohne den Propheten selbst existierte, zumindest eine Welt, in der die Männer kein Recht hatten, ihre Frauen mit Allahs Segen zu unterdrücken. Nein, Fatima sollte nicht auf den Gedanken kommen, er habe etwas dagegen, dass sie ihre Nase immerzu in Bücher steckte. Wenn es etwas gab, das Fatima brauchte, dann war es Hoffnung. Doch woraus sollte sie diese schöpfen? Jedenfalls nicht aus der Realität, die sie umgab.

Er beeilte sich, nach Hause zurückzukehren. Er bereute nichts, obwohl er wusste, dass ein Umzug nun unvermeidlich war. Nicht, weil die beiden Männer ihn identifizieren konnten. Rassisten betrachteten Araber niemals als Menschen, sondern immer als graue und formlose Masse. Doch Fatimas Aussehen war zu auffallend, um in der Menge zu verblassen. Manchmal hatte er sich gewünscht, sie wäre nicht so hübsch.

Mireille erzählte er nichts davon, was er getan hatte. Es gab keinen Grund, sie zu beunruhigen, bis alles geregelt war. Sie hatte schon genügend Anlass zur Sorge. Nachdem Mireille zu Bett gegangen war, setzte er sich mit einer Zigarette und einer Tasse Kaffee in die Küche. Er versuchte, an den morgigen Tag zu denken. In wenigen Stunden würde er mit Georges einen Rundgang machen und die Pumpen kontrollieren. Ahmed würde Georges nicht im Stich lassen. Er versuchte, sich mit dem Hohlraum unter der Erde zu beschäftigen, der seit beinahe fünf Jahren sein Arbeitsplatz und sein Versteck war, und den Gedanken zu verdrängen, dass es vor allem darauf ankam, Fatima und Mireille ein sorgenfreies Leben zu ermöglichen. Das hatte er vergessen, als er die beiden Glatzköpfe zusammenschlug.

3

Der Wecker klingelte um Viertel vor sechs. Georges war bereits wach. Er hatte schlecht geschlafen. Nach dreißig Jahren in derselben Firma, fünfzehn davon als Abteilungsleiter, sollte er sich an solche Situationen gewöhnt haben. Er wusste, was er konnte. Seine Vorgesetzten ebenso. Jedenfalls hatten sie ihm im Laufe der Jahre eine zunehmend größere Verantwortung und schwierigere Aufgaben übertragen, auch wenn sich das beim Gehalt kaum bemerkbar machte. Aber das Vertrauen der Vorgesetzten und seine eigene Erfahrung konnten seine Nervosität nicht mindern. Die stellte sich immer ein, wenn ihm die Bewältigung einer großen und wichtigen Aufgabe bevorstand. Das Adrenalin wurde unter Hochdruck ausgeschüttet.

Er versuchte, sich klar zu machen, dass es genau diese Anspannung war, die ihm seine Stelle – im Gegensatz zu vielen Kollegen – bislang gesichert hatte. Sie sorgte dafür, dass er sich auf alle Eventualitäten einstellte. Die Nervosität war der Preis für die relative Sicherheit seines Arbeitsplatzes.

Er stand auf und stellte den Wecker für Marie, bevor er sich innerhalb von fünf Minuten wusch und anzog. Während er die Nachrichten im Radio hörte, trank er eine Tasse Kaffee. Zwanzig Minuten später saß er zusammen mit ungefähr dreißig übermüdeten Pendlern im Bus, die alle an derselben Station ausstiegen wie er, um fünf Minuten später den Zug nach Paris zu nehmen.

Georges setzte sich auf denselben Platz wie immer. Normalerweise hatte er keine Schwierigkeiten, die Dreiviertelstunde bis zum Gare Montparnasse vor sich hin zu dösen. Zehn Minuten mit dem Bus, fünfundvierzig mit dem Nahverkehrszug, dreißig mit der Metro zuzüglich der Fußstrecken ergaben eine Fahrzeit von einer Stunde und fünfundvierzig Minuten. Dreieinhalb Stunden hin und zurück. Fünf Tage in der Woche. Er ging um Viertel nach sechs aus dem Haus und kehrte um halb acht zurück. Während der Fahrt zu schlafen war die einzige Gelegenheit, ein wenig Zeit für sich selbst zu finden.

Doch an diesem Morgen versuchte er gar nicht erst, die Augen zu schließen. Stattdessen dachte er an die heute bevorstehende Inspektion der Pumpen und den Probelauf der Generatoren. Er vergegenwärtigte sich die möglichen Fehlerquellen und eventuellen Gegenmaßnahmen. Zumindest in einer Hinsicht, dachte er, war ihm seine Zeit auf der Klosterschule von Nutzen gewesen. Sie hatte seine Fantasie angeregt. Um die sechs Jahre durchzustehen, hatte er sich oft ausgemalt, dass ein besseres Leben außerhalb der Mauern des Internats existierte.

Nun diente seine Vorstellungskraft vor allem der Arbeit und nicht dazu, sich ein anderes Leben zu erträumen. Gedankenspiele, die sich um das reibungslose Funktionieren von Menschen und Maschinen drehten, waren seine Spezialität geworden. Konnte es beispielsweise Probleme mit den Generatoren geben, wenn nachts die Elektrizität unterbrochen wurde, um einen Stromausfall zu simulieren? Nein, die Generatoren wurden routinemäßig einmal in der Woche hochgefahren. Außerdem waren sie parallel geschaltet. Wenn der eine ausfiel, übernahm automatisch der andere die Arbeit. Das Risiko, dass beide gleichzeitig ausfielen, ging gegen null. Um die Maschinen brauchte er sich also keine Gedanken zu machen. Blieben das Stromnetz, die Sicherungen und Kabel. Was geschah bei einem Kurzschluss? Was passierte, wenn ein Bagger aus Versehen das Hauptkabel durchtrennte? Dann würde das Grundwasser mit derselben Geschwindigkeit eindringen, mit der die Pumpen es normalerweise hinausbeförderten, was Hunderttausenden von Kubikmetern pro Stunde entsprach.

Er versuchte zu überschlagen, wie viel Zeit ihnen zu Gegenmaßnahmen blieb, bis es nur noch darum ging, sein Leben zu retten. Der Hohlraum, den sie geschaffen hatten, war so groß wie zwei Fußballfelder. Das Grundwasser befand sich in einer Tiefe zwischen zehn und zwanzig Metern. Die Aufzüge und Sprossen des Schachts waren der einzige Weg an die Oberfläche. Die Kathedrale von Notre-Dame hätte bequem unter der Erde Platz gefunden. Es handelte sich, mit Ausnahme des Eurotunnels, um die größte unterirdische Baustelle aller Zeiten, beträchtlich größer als die, auf der man »Les Halles« errichtet hatte, was zudem unter freiem Himmel geschehen war. Das so genannte Eole-Projekt hatte gigantische Ausmaße: zwei unterirdische Bahnstationen in dreißig Metern Tiefe, »Condorcet« am Gare St Lazare und »Magenta« am Gare du Nord, eine doppelte Tunnelröhre, die das gesamte nördliche Paris durchquerte, ungefähr dreißig Schächte, die sich über die Strecke verteilten, kilometerlange Schläuche, die das Grundwasser abpumpten, meterdicke Rohre, um den angemischten Beton in die Tiefe zu leiten, Extratunnel für die Ventilatoren und den Abtransport der weggesprengten Gesteinsmassen. Dennoch gab es nur wenige Menschen, die genau wussten, was sich unter der Erde abspielte. Passierte man die Baustelle an der Rue de Caumartin oder der Rue Joubert, machte sie keinen Aufsehen erregenden Eindruck. Das Konsortium hatte natürlich nicht ein ganzes Viertel abreißen oder Tausende von Menschen und Büros umsiedeln können, nur um eine oberirdische Arbeit zu ermöglichen. Stattdessen waren zunächst vertikale, dreißig Meter tiefe Schächte geschaffen worden, die, abhängig von ihrer Funktion, einen Durchmesser von zehn bis zwanzig Metern hatten. Der weitere Abbau in horizontaler Richtung wurde von der Sohle der Schächte aus durchgeführt. Die benötigte Ausrüstung beförderte ein Kran, der über der Erde stand, in die Tiefe.

Tatsächlich war oberhalb des gigantischen Hohlraums ein ganzes Geschäfts- und Wohnviertel für ungefähr zehntausend Menschen neu entstanden, das durch nichts anderes als Beton, Stahl und Zement abgestützt wurde. Damit die bestehenden Häuser nicht einstürzten, waren deren Fundamente erneuert und verstärkt worden. Wenn die Bewohner der Appartements gewusst hätten, was mit ihren Häusern geschah, wären viele sicher nicht dort wohnen geblieben.

Jeden Tag wurde gemessen, ob die Häuser sich nicht absenkten. Toleriert wurden maximal zehn Millimeter. Bislang befand man sich innerhalb dieses Spielraums, wenngleich in mehreren Wohnungen Risse entstanden waren, die behoben werden mussten. Die Arbeiten waren zumindest besser verlaufen als die an der künftigen Station »Magenta« beim Gare du Nord. Dort hatte man die Arbeiten monatelang unterbrechen müssen, weil einige Häuser sich plötzlich um vierzig Zentimeter abgesenkt hatten. Bei der Station »Condorcet« hatte es allenfalls Probleme mit einem benachbarten Gymnasium gegeben, nachdem ein Teil der Decke eingestürzt war und die Schüler aus Protest gestreikt hatten. Ein Bistrobesitzer hatte sich beschwert, dass die Gläser in den Regalen klirrten und herunterfielen, wenn direkt unterhalb des Bistros gebohrt und gegraben wurde. Außerdem hatten einige Friseure den Schock ihres Lebens bekommen, als sich der Fußboden ihres Salons plötzlich um zwei Zentimeter anhob, weil man zur Verstärkung des Fundaments zu viel Beton eingespritzt hatte. Aber das waren im Grunde Bagatellen, die man später den Enkeln erzählen konnte, und nichts im Vergleich zu den Schreckensszenarien, die von der Bauleitung hin und wieder den Vorarbeitern vor Augen geführt wurden, damit diese penibel auf Qualität und Gründlichkeit achteten, die notwendig waren, um ernste Unglücksfälle oder gar Katastrophen zu vermeiden.

Am Anfang hatte es immer wieder Momente gegeben, in denen ihm alles so unüberschaubar vorgekommen war, dass er Magenschmerzen und hämmerndes Kopfweh verspürt hatte. Er sollte die Stabilität von zehn siebenstöckigen Häusern gewährleisten. Er war es, der die Tragfähigkeit der Stahlrohrgerüste berechnet hatte, die sowohl die Decke als auch die Schalungsform abstützen sollten, während der Beton eingespritzt wurde. Er war es, der für die Sicherheit sämtlicher Arbeitsvorgänge verantwortlich war.

Eine halbe Stunde! Eine halbe Stunde war ungefähr die Zeitspanne, die ihnen blieb, um eventuelle Fehler zu beheben. Fielen alle Pumpen gleichzeitig aus, würde sich der Hohlraum innerhalb eines Tages mit Wasser füllen. Doch eine Evakuierung aller dreihundertfünfzig Menschen, die unter der Erde arbeiteten, brauchte seine Zeit. Die Aufzüge konnten maximal zehn Personen zur selben Zeit befördern, und der Weg über die Sprossen, die sich an den Schachtwänden befanden, nahm mindestens zwanzig Minuten in Anspruch. Eine halbe Stunde. Wer würde in Anbetracht solch einer Galgenfrist ruhig schlafen können?

Als er am Gare St Lazare die Oberfläche erreichte, begegnete er Dumas.

»Wie geht’s, Georges? Läuft alles nach Plan?« Diese Frage stellte Dumas jedes Mal, wenn sie sich begegneten.

»Alles in Ordnung. Heute werden die Pumpen kontrolliert und die Generatoren getestet. Morgen werden wir einen ganzen Abschnitt ausschalen und uns drei Meter weiter in das Gestein vorarbeiten. Im Großen und Ganzen läuft alles wie geplant.«

»Im Großen und Ganzen?«

Obwohl Dumas ihm vertraute, war er doch Vorgesetzter genug, um nichts dem Zufall zu überlassen. »Ich habe ein paar Probleme mit Alain gehabt. Er ist nicht gerade ein idealer Vorarbeiter, schon gar nicht, wenn eine Arbeitsgruppe nur aus Algeriern besteht.«

»Ich kann im Moment nicht viel tun.«

»Er hasst die Araber.«

»Das ist seine Privatsache. Solange sie seine Arbeit nicht beeinträchtigt. Ich werde mit ihm sprechen.« Georges konnte sich einen besseren Beginn des Tages vorstellen, als ihn in der Gesellschaft Alains zu verbringen.

4

Jean-Louis Dumas begrüßte seine Sekretärin. Er erkundigte sich nach ihrem Befinden und sagte etwas Freundliches über ihre Arbeit.

Zumindest ein Grund zur Freude, dachte er beim Betreten des Büros. Dominique war nicht nur kompetent. Sie war auch außergewöhnlich attraktiv. Sie besaß einen Körper, der die Männer zum Träumen brachte. Es schadete nicht, dass sie eine Mulattin war. Das machte sie nur noch anziehender.

Schon bald wollte er sie in eines der schicksten und teuersten Pariser Restaurants einladen. Doch es lag unter seiner Würde, sie mit billigen Tricks oder simpler Bestechung rumzukriegen. Die Initiative sollte von ihr ausgehen. Sie selbst sollte begreifen, was er von ihr erwartete. Dass es nicht ausreichte, ihre Arbeit tadellos zu erledigen, war ihr sicherlich klar. Für einen Mann in seiner Position war Zerstreuung außerordentlich wichtig; das musste sie doch verstehen, wenn er ihr das auf nette Weise zu verstehen gab.

Im Übrigen war es an der Zeit, dass etwas passierte. Seine Geliebte langweilte ihn. Es fehlte ihr einfach an Fantasie. Außerdem hatte sie begonnen, ihn selbst, doch vor allem seine Brieftasche als ihr Eigentum zu betrachten. Die Arbeit in seiner Abteilung lief wie am Schnürchen, was vor allem Georges’ Verdienst war. Georges aus dem Ausland zurückzuholen und zum Abteilungsleiter zu machen, war ein Geniestreich gewesen, der nicht zuletzt seine eigenen Führungsqualitäten unter Beweis stellte. Der Vorstandsvorsitzende sowie die gesamte Konzernleitung hatten die Augenbrauen gehoben. Sie waren davon überzeugt gewesen, dass Georges’ Entwicklungspotenzial an seine Grenzen gestoßen und es nur eine Frage der Zeit sei, wann er gegen einen jüngeren und dynamischeren Mitarbeiter ausgetauscht werden musste. Niemand bezweifelte, dass Georges seinen Auftrag erfüllt hatte, doch es mangelte ihm an Respekt gegenüber seinen Vorgesetzten. Die Konzernleitung schien sich allerdings nicht darüber im Klaren zu sein, dass ein Haus von Menschen und nicht von Maschinen gebaut wurde.

Darum hatte Georges auch das Problem mit Alain zur Sprache gebracht. Georges hatte Recht, obwohl er mehr mit dem Herzen als mit dem Kopf dachte.

Manchmal fragte sich Dumas, warum er sich eigentlich erbarmt hatte, Alain einzustellen. Die Antwort war leicht. Es konnte Dumas eines Tages von Nutzen sein, zu beweisen, dass er seine alten Freunde aus Algerien nicht im Stich gelassen hatte. Es war der Front National zu verdanken, dass so viele rachedürstende und verbitterte Verlierer jetzt aus ihren Löchern krochen und einem Mann wie ihm ernste Probleme bereiten konnten. Die Station »Condorcet« musste in jedem Fall rechtzeitig fertig gestellt werden, um eventuelle Schadensersatzansprüche der Staatlichen Bahngesellschaft SNCF zu vermeiden. Um dieses Ziel zu erreichen, war ihm jedes Mittel recht.

Das Konsortium wusste seit geraumer Zeit, dass das Projekt mit nominellen Verlusten abgeschlossen werden würde, die ihm jedoch nicht zur Last gelegt werden konnten. Das millionenschwere Defizit sollte auf die sechs Unternehmen des Konsortiums verteilt werden. Dumas sollte ausschließlich dafür Sorge tragen, dass der Eigenanteil am Verlust die 30-Millionen-Grenze nicht überschritt. Dreißig Millionen waren keine Kleinigkeit. Wenn er klug agierte, sollte er die Kosten noch um einige Millionen drücken können, von denen ein Teil direkt in seine Tasche wanderte. Eine gewisse Entschädigung für seinen undankbaren und harten Job in der am wenigsten glamourösen aller Branchen sollte ihm wirklich zustehen. Wen kümmerte es schon, dass er eines der spektakulärsten Pariser Bauprojekte leitete? In den Etagen der Macht hörte man auf die Bosse der Ölindustrie, der Fluggesellschaften und des Militärs, vom Banken- und Versicherungssektor ganz zu schweigen. Selbst simple Autohändler von Renault oder Citroën besaßen mehr Macht und Einfluss als er, der aus einer Branche kam, die keine Gewinnspannen kannte. Und da wunderte man sich noch über die verbreitete Korruption in der Bauindustrie! Eine andere Möglichkeit gab es doch gar nicht, wollte man überhaupt etwas zu Stande bringen. Wie sollte man überhaupt kompetente Führungspersönlichkeiten wie ihn gewinnen, wenn man ihnen nicht ermöglichte, ein paar Groschen dazuzuverdienen? Die Journalisten, die voller Empörung über Schmiergeldaffären berichteten, vergaßen die Hauptsache: die Dinge mussten funktionieren. Wenn dieses Projekt scheiterte, würde das ganze Pariser Verkehrssystem eines schönen Tages kollabieren. Dann konnten diese Moralapostel mit gekonnten Formulierungen über die Regierung und die Bauunternehmer herziehen. Das war die Realität. Schöne Worte hatten noch nie etwas von bleibendem Wert oder praktischem Nutzen für die Menschen geschaffen. Die Frage war, ob sie die Menschen überhaupt ein wenig glücklicher gemacht hatten. Mit einer schönen Frau zu schlafen, war in jedem Fall befriedigender, als mit ihr zu sprechen, wie intelligent und redegewandt sie auch sein mochte.

Und eines stand für ihn fest: Wenn das Projekt in zwei Jahren abgeschlossen war, würde er die Branche wechseln. Er hatte es satt, bautechnische Wunderwerke zu errichten, in deren Glanz sich andere sonnten, vor allem die Vorsitzenden der übrigen fünf Gesellschaften, die an dem Konsortium beteiligt waren. Mit einigen Millionen extra in der Tasche sollte es ein Leichtes sein, sich zu gegebener Zeit Einfluss zu verschaffen.

Es waren die finanziellen Möglichkeiten, nicht die Fähigkeiten, die Vertrauen schafften. Und Vertrauen hieß Macht, und Macht hieß noch mehr Geld. So war die Welt nun mal.

5

Alain wurde um sechs Uhr morgens durch das Läuten des Telefons geweckt. Wer zum Teufel rief denn um diese Zeit an? Zuerst wollte er gar nicht rangehen. Aber dann dachte er daran, dass sein letztes Telefongespräch schon Wochen zurücklag. Ein Meinungsforschungsinstitut hatte angerufen und ihn zu Vorurteilen gegenüber Farbigen befragt. Da waren sie an den Richtigen geraten. Er hatte losgelegt: Alles, was in den Zeitungen stehe, sei frei erfunden und Teil der Verschwörung, die sich gegen unbescholtene französische Staatsbürger wie ihn richte. Die Journalisten seien nur darauf aus, Leute wie ihn als Nazis und Kommunisten zu diffamieren. Er wolle nichts anderes, als in seinem eigenen Land in Frieden leben.

Das Telefon läutete immer noch. Wenn es nun doch etwas Wichtiges war? Vielleicht jemand aus der Bruderschaft, der Hilfe brauchte. Er nahm den Hörer ab.

»Alain Dubois?«, fragte eine weibliche Stimme.

»Ja, das bin ich. Wer sind Sie?«

»Ich bin eine Krankenschwester vom St Louis Hospital.«

»Hospital?«

»Ihr Sohn hat einen Unfall gehabt. Aber Sie brauchen sich nicht zu beunruhigen, die Verletzungen sind nicht allzu schwer: eine lädierte Kniescheibe, eine gebrochene Nase, eine Platzwunde am Kopf und eine leichte Gehirnerschütterung. In ein paar Wochen wird er wieder auf den Beinen sein.«

»Wie ist das passiert?«

»Es, äh, ... war kein Autounfall oder so was. Dem Bericht zufolge wurde er von vier Männern verprügelt.«

»Von vier Männern? Warum? Von wem?«

»Mehr kann ich Ihnen auch nicht sagen. Alles, was hier steht, ist, dass es sich um vier Nordafrikaner handelte.«

»Nordafrikaner? Ich muss mit ihm sprechen.«

»Tut mir Leid, er hat ein Beruhigungsmittel bekommen und schläft jetzt. Sie können ihn am Nachmittag besuchen. Dann sollte er aufgewacht sein. Aber Sie brauchen sich, wie gesagt, keine Sorgen zu machen. Hier ist er in den besten Händen.«

»Keine Sorgen zu machen? Wenn er von vier Niggern misshandelt wurde. Auf welcher Abteilung liegt er?«

»18 C.«

Alain knallte den Hörer auf die Gabel. Jetzt hatte er endgültig die Schnauze voll. Die Ausländer mussten raus. Sie hatten es gewagt, seinen Sohn zu überfallen. Sollte das denn nie ein Ende nehmen? Sein Großvater war einer der Ersten gewesen, die nach Algerien ausgewandert waren. Als er dorthin kam, gab es nichts anderes als unkultivierte Erde, Wüste und Krankheiten. Die ersten Kolonisten starben wie die Fliegen an Malaria, Cholera und Tuberkulose. Viele bezahlten ihren Versuch, der kargen Erde etwas abzuringen, mit dem Leben. Doch solche Menschen waren es auch, die das Land aufgebaut und ein Schienennetz, Häuser, Städte, Wege, Landwirtschaft und Weingüter geschaffen hatten. Innerhalb von dreißig Jahren war Franzosen gelungen, was die Araber in Jahrtausenden nicht zu Wege gebracht hatten. Mit fünfzig Jahren war sein Großvater ausgebrannt gewesen und gestorben, worauf sein Sohn, Alains Vater, sich abrackerte, während die Araber untätig zuschauten. Zumindest rührten sie keinen Finger, um ihm zu helfen. Alains Vater erwarb ein bescheidenes Weingut, das sich gut entwickelte. Seine Eltern schufteten rund um die Uhr, um den Betrieb aufrechtzuerhalten, sich ein Haus und einige Annehmlichkeiten der Moderne leisten zu können. Unmittelbar vor Ausbruch des Krieges hatten sie es endlich geschafft: Sie brauchten nicht mehr eigenhändig die Feldarbeit zu verrichten und hatten es sogar zu bescheidenen Ersparnissen gebracht. Wem hatten sie das zu verdanken? Ausschließlich sich selbst. Doch dann kam der Krieg. Die Araber, die nie zuvor einen Finger gekrümmt hatten, wollten jetzt alles an sich reißen, was sein Großvater und Vater mit ihrer Hände Arbeit und im Schweiße ihres Angesichts aufgebaut hatten. Die Araber sprachen von Selbstständigkeit, Unterdrückung und Identität. Unsinn. Sie waren nur hinter dem Geld her und schon damals genauso verlogen und unberechenbar wie heute. Dem Verräter de Gaulle hatten sie es zu verdanken, dass sie ihren Willen bekamen. Alains Vater verlor sein gesamtes Hab und Gut, als er im Zuge der Unabhängigkeit Algeriens das Land verließ. Und Alain selbst, der vom ersten bis zum letzten Tag am Krieg teilgenommen hatte, was bekam er? Nichts. Niemand wollte etwas mit einem ehemaligen Verhörspezialisten zu tun haben. Als die Familie nach Frankreich zurückkehrte, wurden sie als Ausländer betrachtet, die nicht mehr galten als die Araber. Vielleicht sogar weniger, weil viele von ihnen, die bis zuletzt für ein französisches Algerien gekämpft und am Militärputsch teilgenommen hatten, nun verdächtigt wurden, der fünften Kolonne anzugehören und die Macht in Frankreich an sich reißen zu wollen. Sie wurden wie Aussätzige behandelt, die gekommen waren, um den Franzosen die Arbeit wegzunehmen. Was glaubten sie nur? Dass eine Million pieds-noirs Algerien freiwillig verlassen hätte? Sein Vater bekam schwere Depressionen und starb ein Jahr später in völliger Armut. Seine Mutter lebte noch ein paar Jahre, bis auch sie keine Kraft mehr hatte.

Und jetzt begann wieder alles von vorne. Die Araber strömten in Horden über die Grenze. Sie wollten in Frankreich das Ruder übernehmen und eine islamische Diktatur errichten. Sie sprachen von ihren Rechten. Ihre Kinder sollten eigene Schulen besuchen und einen Schleier tragen. Jedes Viertel sollte eine eigene Moschee bekommen. Ein Teil dieses Pöbels forderte die französischen Ärzte sogar auf, ihren Frauen die Klitoris wegzuschneiden, damit diese nicht untreu wurden. Es war wirklich zum Kotzen. Die Menschenrechte galten doch wohl auch für Franzosen, nicht nur für Araber, Juden und Neger. Es war doch ein Menschenrecht, als Franzose in seinem eigenen Land auch wie ein Franzose leben zu können, oder etwa nicht? Es war doch ein Menschenrecht, auf die Straße gehen zu können, ohne zusammengeschlagen zu werden. Es war doch ein Menschenrecht, dass sein Sohn nicht mit kaputter Kniescheibe und gebrochenem Nasenbein im Krankenhaus zu liegen brauchte. Oder etwa nicht?

Als Alain eine Stunde später bei der Arbeit erschien, setzte er sich in der Baracke auf seinen gewohnten Platz, ganz in der Ecke, mit dem Rücken zur Wand. Der Platz neben ihm blieb frei. Das war auch gut so. Heute sollten sie sich vorsehen. Es spielte keine Rolle, wer Thierry misshandelt hatte. Die waren einer wie der andere, das ganze Pack.

6

Ahmed erblickte Alain sofort, als er die Baracke betrat. Etwas in Alains Blick signalisierte ihm, dass er auf der Hut sein sollte. Es war zwar nichts Ungewöhnliches, dass Alain die Araber geringschätzig anschaute, doch normalerweise brauchte man sich darum nicht zu kümmern. Alain war zu feige, um es auf eine Konfrontation ankommen zu lassen. Nicht zuletzt, weil er wusste, dass ein unterirdischer Schacht der ideale Ort war, um einem verhassten Vorarbeiter eine Lektion zu erteilen, die dieser nicht so schnell vergessen würde. Doch es hatte sich etwas Neues in Alains Blick gemischt: Hass, derselbe blinde Hass, den Ahmed so oft während des Krieges gesehen hatte, auf beiden Seiten.

»Wie geht’s?«, fragte Ahmed.

Alain schien ihn weder zu sehen noch zu hören.

Ahmed setzte sich ruhig neben ihn, so wie sonst auch. Schon vor langer Zeit hatte er beschlossen, Rassisten niemals zu ignorieren. Zu schweigen und ihnen auszuweichen war das Verkehrteste, was Ausländer tun konnten.

»Was ist los mit dir? Bist du mit dem linken Bein zuerst aufgestanden?«

»Halt’s Maul!«

»Warum bist du denn so gereizt?«

»Ach, fahr zur Hölle!«

»Gut gesagt. Heute werden wir nämlich die Pumpen kontrollieren. Näher an die Hölle kommt man in diesem Loch nicht ran. Du, Rachid, Georges und ich werden uns heute durch den Schlamm kämpfen, die Filter kontrollieren und sie reinigen. Wird nicht gerade ein Vergnügen werden.«

»Die Pumpen sind mir scheißegal. Hol euch Araberschweine doch alle der Teufel.«

»Vielleicht solltest du besser auf deine Worte Acht geben. Du kennst doch Georges’ Einstellung.«

»Georges hat von der Realität keine Ahnung. War höchste Zeit, dass mal jemand mit ihm geredet hat.«

»Was ist passiert?«

»Thierry ist gestern von vier Arabern zusammengeschlagen worden. Kniescheibe kaputt, Nasenbein gebrochen, schwere Kopfverletzungen. Er hatte keine Chance. Wurde von hinten angegriffen. Vier gegen einen.«

Ahmed starrte Alain unverwandt an. Alain wich seinem Blick aus.

»Thierry?«, fragte Ahmed.

»Wenn ich diese Schweine erwische, mache ich sie fertig, hast du gehört?«

»Ich bin ja nicht taub. Wer ist Thierry?«

»Thierry ist mein Sohn.«

Zehn Millionen, dachte Ahmed. Es wohnen zehn Millionen Menschen in Paris. Fünfzigtausend allein in Saint Denis. Die Chancen standen also eins zu fünfzigtausend, dass es Alains Sohn gewesen war, der Fatima den Stein an den Kopf geworfen hatte. Aber wie viele Rassisten gab es in Saint Denis? Ein paar Tausend? Dass es Alains Sohn war, der im Park gestanden hatte, wäre Pech, doch unwahrscheinlich war es nicht.

»Bist du ganz sicher, dass es sich so zugetragen hat?«

»Was soll die Frage?«

»Warum sollten vier Araber von hinten auf deinen Sohn losgehen? Sie werden doch wohl einen Grund gehabt haben.« Alain kniff die Augen zusammen. Für einen Moment hatte Ahmed das Gefühl, Alain wisse mehr, als er zugab, begriff dann aber, dass es blanke Wut war, die sein Gesicht verzerrte.

»Wenn du glaubst, dass mein Sohn lügt, dann ...«

»Woher weiß Thierry, dass es vier waren, die ihn von hinten attackiert haben?«

»Weil er sie gesehen hat, du Schwachkopf.«

»Dann kann er der Polizei ja sicher eine gute Täterbeschreibung geben.«

»Die Bullen stehen auf Seiten der Araber. Aber glaub ja nicht, dass sie davonkommen werden. Darum werden sich Thierry und seine Freunde schon persönlich kümmern, sobald er wieder auf den Beinen ist.«

Das war typisch. Alains Sohn hatte nicht zugeben wollen, dass er von einem einzigen Araber mittleren Alters verprügelt worden war. Genauso wenig wie sein Vater traute er sich, der Wahrheit ins Auge zu blicken. Ihre Angst und ihr Hass auf das Fremde waren an die Stelle der Realität getreten. Sie sahen nur, was sie sehen wollten, schwarz und weiß. Aber ihre Missachtung der Realität verleitete sie auch zu Fehlern. Deswegen würden die Fanatiker am Ende stets die Verlierer sein. So war es immer gewesen und so würde es bleiben. Es gab keine rassistische Biologie, keine islamische Wissenschaft, keine kommunistische Logik. Richtiges Handeln setzte einen präzisen Blick für die Wirklichkeit voraus. »Welche Freunde?«, fragte Ahmed.

Alain antwortete nicht. Eigentlich hatte er herausschreien wollen, Thierry sei Sergeant der DPS, der Sicherheitstruppe der Front National, und direkt deren Führer unterstellt. Er hätte bis ins kleinste Detail schildern können, wie unliebsame Araber bestraft wurden. Er hätte Ahmed gern in Panik versetzt. Doch in letzter Sekunde besann er sich. Sein Wissen preiszugeben, noch dazu gegenüber einem Araber, wäre ein Verrat gewesen. Und er wusste, wie man mit Verrätern umging. Genauso wie mit Arabern.

Als Rachid in die Baracke kam, um eine Tasse Kaffee zu trinken, spürte er sofort die unterschwellige Spannung, die zwischen Ahmed und Alain herrschte.

Er stellte sich hinter Ahmed.

»Kann ich dir helfen?«, fragte er, während er Alain ansah.

»Du kannst auch zur Hölle fahren!«

Ahmed drehte sich um. Rachid versuchte, ihm in die Augen zu schauen, musste aber schließlich den Blick abwenden.

»Vier Araber haben Alains Sohn zusammengeschlagen«, erklärte Ahmed. »Und Alain scheint zu glauben, dass wir beide unter den Schlägern waren.«

»Ich?«

»Nimm’s lieber nicht persönlich«, sagte Ahmed. Rachid erkannte sofort die Gefahr. Wollte er seine Aktion nicht gefährden, musste er unbemerkt bleiben, beinahe unsichtbar, einer, den niemand zur Kenntnis nahm. »Alain meint, dass die Araber an allem Unglück der Welt die Schuld tragen. Er glaubt, es sitzt in unseren Genen.«

»Hör zu: Ich habe deinen Sohn nicht verprügelt.« Alain starrte vor sich hin.

Rachid hob den Arm und wollte Alain eine Ohrfeige geben, damit dieser zur Besinnung kam.

»Das ist keine gute Idee«, sagte Ahmed. »Und Worte gehen bei ihm zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus.«

»Ich akzeptiere einfach nicht, für etwas beschuldigt zu werden, das ich nicht getan habe. Andere glauben vielleicht, dass er Recht hat.«

»Schon möglich.«

Rachid blickte verstohlen zu Ahmed. Wie konnte er nur so ruhig bleiben? Alain hatte schließlich auch ihn verdächtigt. Ahmed war ihm ein Rätsel. Er war eine Führungspersönlichkeit, kein Handlanger, so wie er. Woher stammte Ahmed? Warum hatte der Imam, der über vielfältige Kontakte verfügte, nichts über ihn herausbekommen können?

»Damit Alain seine Meinung ändert, braucht er schon eine Gehirntransplantation«, sagte Ahmed.

Rachid versuchte es mit einem Lachen. Ahmed war scharfzüngig. Rachid konnte sich nicht helfen, aber schon Ahmeds Gegenwart brachte ihn aus dem Gleichgewicht. War Ahmed überhaupt Moslem? Rachid hatte ihn nie über Allah oder den Islam reden hören.

Alain spürte, dass etwas in der Luft lag. Er versuchte, sich zu beruhigen und nachzudenken. Warum sprachen Ahmed und Rachid überhaupt miteinander? Er hatte zu beiden gesagt, sie sollten sich zum Teufel scheren, aber sie reagierten gar nicht darauf. Sollte er es ihnen etwa direkt ins Gesicht schreien, damit sie ihn verstanden? Doch halt! Was hatte Ahmed zu Rachid gesagt? Dass er, Alain, sie beschuldigte, Thierry misshandelt zu haben? Ja, das hatte er gesagt. Die Angst kroch langsam in ihm empor. Er war allein. Niemand würde ihm beistehen.

»Vergiss es!«, stieß er hervor.

»Was soll ich vergessen?«, fragte Ahmed.

»Alles.«

»Was meinst du mit ›alles‹?«

Alain blickte auf. Er wollte nicht klein beigeben. Eine Entschuldigung würden sie nicht aus ihm herausbekommen. Wenn die Front erst an der Macht war, dem Führungsquartett ein Ende bereitete und alle Ausländer rauswarf, würde Thierry mit an der Spitze stehen. Dann musste er dafür sorgen, dass sein Vater Genugtuung erhielt.

Warum konnte er Ahmed und Rachid nicht mehr klar erkennen? Er rieb sich die Augen und schaute verblüfft auf seinen Handrücken. Er war feucht.

»Du weinst«, sagte Ahmed.

Weinte er? Ja, tatsächlich. Er heulte vor Wut. Er hasste Ahmed und Rachid. Er hasste sie, weil er ihnen nicht gewachsen war. Er hasste sie, weil er sich ihnen unterordnen musste, weil er Angst vor ihnen hatte, weil Georges sie nicht entbehren konnte, weil sie ihn wie einen Waschlappen behandelten, weil sie ihn kaum beachteten. Sie sollten ihn kennen lernen! Sobald Thierry wieder gesund war, würde Alain ihnen zeigen, dass man nicht ungestraft auf ihm herumtrampelte. Warum sollte er sich von Typen wie ihnen schikanieren lassen?

»Wir vergessen alles«, wiederholte er.

»Vergessen was?«

»Ich meinte nicht, dass ihr persönlich Thierry verprügelt habt.«

Ahmed streckte die Hand aus. Alain schaute sie an. Einem dreckigen Araber würde er ums Verrecken nicht die Hand geben.

Er drückte Ahmeds Hand, während sich sein Gesicht zu einem Lächeln verzerrte.

»Du wirst doch Georges nichts davon erzählen?«

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und Georges kam herein.

»Wovon erzählen?«, fragte Georges.

»Alain ist mit dem linken Bein zuerst aufgestanden«, sagte Ahmed.

In diesem Moment fiel Georges’ Blick auf Rachid, der direkt hinter Ahmed stand. Ahmed und Rachid hatten nie den Anschein erweckt, als seien sie befreundet. Eher im Gegenteil. Zumindest hatte Georges nie gehört, dass sie über etwas anderes als über ihren Job gesprochen hatten. Ahmed und Rachid kamen Georges fast wie zwei Feinde vor, die zum Waffenstillstand gezwungen worden waren. Jetzt standen sie zweifellos auf derselben Seite.

»Ich will eine Erklärung haben«, sagte Georges.

Wenn er eines vermeiden wollte an einem Tag, an dem ihnen eine so wichtige Arbeit bevorstand, dann war es Streit.

Ahmed berichtete, was vorgefallen war.

Georges schaute Alain an.

»Was, glaubst du, ist das für ein Gefühl, wenn der eigene Sohn mit gebrochener Nase, zertrümmerter Kniescheibe und einer klaffenden Kopfwunde im Krankenhaus liegt?«

Georges wandte sich zu Rachid um.

»Noch irgendwelche Fragen?«, erkundigte sich Georges.

»Alains Sohn ist Sergeant bei der Sicherheitstruppe der Front National«, sagte Rachid nach einer Weile.

Alain und Ahmed starrten ihn an. Sie waren offensichtlich gleichermaßen verblüfft.

»Das ist nicht wahr!«, rief Alain erregt.

Georges wusste, dass es durchaus möglich war, dass Rachid die Wahrheit sagte, woher auch immer er diese Information besaß. Es war höchste Zeit, sich um Alain zu kümmern. So konnte es nicht weitergehen. Es war untragbar, einen Rassisten als Vorarbeiter für ungefähr sechzig Algerier zu beschäftigen. Dumas hatte argumentiert, die Konzernleitung würde einen Araber als Vorarbeiter nicht akzeptieren. Alle die Moslems, die ständig infiltrierten, stellten ein zu hohes Risiko dar. Georges war sicher, dass Dumas ihn anlog. Dumas hatte am Algerienkrieg teilgenommen, und Alain war ein pied-noir, einer von neunhunderttausend Franzosen, die voller Bitterkeit Algerien verließen, als das Land die Unabhängigkeit erreichte.

Sie hatten geglaubt, in Frankreich als Helden empfangen zu werden, weil sie ihr Leben riskiert hatten, um die äußerste Bastion des französischen Staates zu verteidigen. Doch sie hatten einsehen müssen, dass die öffentliche Meinung sich geändert hatte und sie nun als reaktionäre Extremisten und unliebsame Einwanderer betrachtet wurden. Womöglich stand Dumas seit dieser Zeit in Alains Schuld. Falls Dumas nicht gar selbst Mitglied der Front National war. Bei den gegenwärtigen Verhältnissen war nichts ausgeschlossen.

»Ich kann verstehen, dass die Sache mit deinem Sohn dir nahe geht«, sagte Georges. »Aber du weißt genauso gut wie ich, dass keiner von uns etwas damit zu tun hat. Das war die letzte Warnung. Beim nächsten Mal fliegst du raus.«

»Das kannst du ja mal versuchen.«

»Ja, das kann ich. Dumas kann wählen. Du oder ich.«

Georges spürte, dass seine Worte Eindruck gemacht hatten. Selbst Alain wusste, dass Georges bis auf weiteres unentbehrlich war.

»Von jetzt an will ich kein Gerede mehr über Ausländer hören, von niemandem. Die Anzahl von Dreckskerlen und Schwachköpfen ist überall ungefähr gleich groß. Das ist beim Bau nicht anders.«

Georges blickte Ahmed und Rachid an.

Ahmed nickte. Rachid verzog keine Miene.

»Ach, du hast doch keine Ahnung!«, brach es aus Alain hervor. »Du wohnst in einem noblen Vorort, in dem es keine Ausländer gibt.«

Georges machte einige Schritte nach vorne.

»Meine Mutter war sechsunddreißig, als sie mit ihren vier Kindern nach Frankreich flüchtete. Hatte sich Frankreich nicht immer damit gebrüstet, das Heimatland der Menschenrechte zu sein? Meine Mutter kam ins Lager. Meine zwei Brüder landeten im Kinderheim. Meine Schwester und ich hatten das Glück, adoptiert zu werden. Ich verlange nicht, dass du dich in meine Lage versetzen kannst. Dein Einfühlungsvermögen scheint ohnehin gleich null zu sein. Aber eines solltest du wissen: Solange ich dein Chef bin, tust du, was ich dir sage.«

Alain starrte schweigend auf die Tischplatte.

Georges schaute sich um.

»Ihr wisst, was heute ansteht. Die Inspektion der Pumpen. Gleichzeitig werden wir einen Stromausfall simulieren und die Generatoren testen. Unsere Aufgabe ist es, uns an Ort und Stelle davon zu überzeugen, dass alles nach Plan verläuft. Und diese Aufgabe werden wir gewissenhaft erfüllen. Es geht um unsere eigene Sicherheit.«

7

Georges stieg als Erster aus dem Aufzug. Ihm folgten Rachid und Ahmed. Dann kam ein mürrischer Alain. Georges schloss die Türen und schickte den Fahrstuhl zurück an die Oberfläche. Die letzten fünf Meter bis zur Sohle des Victoriaschachts gingen sie in einer Reihe. Es nieselte. Alle vier legten die Köpfe zurück, um einen letzten Blick auf den bedeckten Himmel zu werfen, bevor sie im Untergrund verschwanden. An diesem Mittwoch im November um neun Uhr morgens war Paris regenverhangen. Der obere Teil des achtstöckigen Wohnblocks, der sich an der Ostseite des Schachts befand, verschwamm im Nebel. Das Gebäude schien auf einem schmalen Grat zu balancieren, als würde es jeden Moment in die Tiefe stürzen.

Die vier Männer begaben sich in einen kurzen Verbindungsgang und hatten rasch ihren Abschnitt der südlichen Tunnelröhre erreicht. Das Bohraggregat befand sich in einem Kilometer Entfernung. Der Durchbruch sollte irgendwann im nächsten Frühjahr erfolgen. Auf dem Weg zum Zentralbereich mussten die vier einigen Raupenfahrzeugen Platz machen, die in ihren großen Eisenbehältern Kies und Gesteinsbrocken abtransportierten und auf ein kilometerlanges Förderband kippten. Zu diesem Zeitpunkt hatten sie nahezu achthunderttausend Kubikmeter Gestein aus dem Weg geräumt. Am Ende sollten es 1,2 Millionen Kubikmeter sein. Würde man alles auf einen einzigen Zug laden, wäre dieser so lang wie die Strecke Paris–Nizza.

In der Tunnelröhre wölbte sich die Decke glatt und weiß. Zum ersten Mal wurde eine Technik angewandt, die dasselbe Finish ergab wie der beste Betonguss beim Hochbau. Man hatte viel experimentieren müssen, um die Feuchtigkeits- und Temperaturbedingungen kompensieren zu können. Es musste immer noch geschliffen werden, um die Oberfläche völlig glatt zu bekommen, aber Georges war stolz auf das Resultat. Das ließ sich mit den rauen und grauen Wänden der Metro doch gar nicht vergleichen.

Der Boden war immer noch ein einziger Matsch. Die vier Männer versuchten, dem tiefsten Schlamm auszuweichen, indem sie einen neuen Verbindungstunnel benutzten, den man geschaffen hatte, um die Arbeit zu erleichtern und die Belüftung zu verbessern. Wenn alles fertig gestellt war, sollte er zugeschüttet und verplombt werden. Am anderen Ende des Tunnels bogen sie erneut nach links ab und gingen weitere fünfzig Meter geradeaus, bis sie den Ort erreichten, der später einmal die eigentliche Station »Condorcet« werden sollte und bereits als Kathedrale bezeichnet wurde, obwohl sie erst ein Drittel ihrer endgültigen Länge erreicht hatte.

Dort, wo die Männer standen, war die Halle dreißig Meter breit und fünfundzwanzig Meter hoch. Auf Grund der Einsturzgefahr ging man in verschiedenen Etappen vor. Hatte man sich drei Meter weiter in das Gestein vorgearbeitet, goss man die Stelle mit Beton aus, bevor die Arbeiten fortgesetzt wurden. Gleichzeitig wurden in gleichmäßigen Abständen meterdicke Betonpfeiler errichtet, die halbhoch zur Decke der Kathedrale emporragten. Die Pfeiler sollten später die Betonplatte tragen, die als Boden für Millionen von Zugreisenden diente. Man hatte sich frühzeitig dafür entschieden, diesen Deckel nicht völlig zu schließen. Die Architekten hatten darauf bestanden, den Fahrgästen der Zukunft das Schwindel erregende Raumgefühl beim Blick in die Tiefe nicht vorzuenthalten. Auch sie sollten Gelegenheit erhalten, vor Bewunderung für dieses bautechnische Meisterwerk auf die Knie zu sinken. Viele Reisende jedoch, die keine genauen Kenntnisse von der tatsächlichen Belastbarkeit dieses Bauwerks hatten, würden sich bestimmt fragen, wie es nur möglich war, unterhalb eines Wohnviertels mit achtstöckigen Häusern einen Hohlraum in der Größe der Kathedrale von Notre-Dame zu schaffen. Einige mochten sich auch überlegen, was wohl geschehen würde, wenn ein Terrorist unter den tragenden Elementen eine Bombe zündete.

Die Führungsriege des Eole-Projekts hingegen wusste ganz genau, was dann geschehen würde. Sie war sich darüber im Klaren, dass die Detonation einer Sprengladung, platziert an der richtigen Stelle, noch bevor alle Verstärkungs- und Stützmaßnahmen abgeschlossen waren, zu einer Katastrophe führen musste, und zwar nicht nur für die dreihundertfünfzig Arbeiter, die sich ständig unter Tage befanden, sondern für alle Menschen, die sich in den Wohnungen über der Erde aufhielten. Würde dies tagsüber geschehen, rechnete man mit bis zu zehntausend Opfern. Nachts mit ungefähr der Hälfte. Und was das Schlimmste war: in jedem Fall würde kaum Hoffnung bestehen, Überlebende aus den versunkenen Ruinen zu befreien, weil das Grundwasser zehn Meter hoch in der Halle stehen würde.

Daher war es nicht verwunderlich, dass Sicherheitsvorkehrungen höchste Priorität besaßen, nicht nur was den Schutz vor Terroranschlägen betraf, sondern auch hinsichtlich der Vermeidung von Fehlern und Unfällen. Alles wurde routinemäßig mehrmals die Woche inspiziert und kontrolliert: Aufzüge, Pumpen, das Stromnetz, die Belüftungsanlagen, die Sprossen im Schacht, das Abwasserrohr, das Hunderttausende von Kubikmetern Wasser in die Seine leitete, sowie das Gerüst, das während der Verschalung der Decke als Fundament diente. Abteilungsleiter und Vorarbeiter waren angewiesen, die Arbeiter nicht anzutreiben. Deren Anzahl war von den sechs Gesellschaften des Konsortiums mit Bedacht ausgewählt worden. Größte Angst hatte man von Anfang an vor einem Terroranschlag gehabt. Besonders Algerier wurden einer eingehenden Prüfung unterzogen, bevor man sie einstellte.

Dies alles wusste Rachid. Er wusste, was für Probleme die GIA gehabt hatte, jemanden unter der Erde einzuschleusen. Doch jetzt war er hier und durfte nicht versagen. Der Imam hatte Rachids Situation mit unangreifbarer Logik geschildert. Glückte seine Mission, erwarteten ihn ewiger Ruhm und ein Platz an Allahs Seite. Scheiterte er, mussten er und seine Familie sich auf Tod und Erniedrigung einstellen. Die schlimmste Drohung war nicht die Ausrottung seiner Familie, sondern dass sie vor Allah als Verräter dastehen würden, auf die das ewige Feuer der Verdammnis wartete. Rachid gab dem Imam Recht. Sie verdienten nichts Besseres, wenn er scheiterte. Doch er konnte nicht scheitern.

Georges blieb am westlichen Ende der Halle stehen, die einmal der Bahnhof »Condorcet« sein würde, 228 Meter lang und 58 Meter breit, inklusive der beiden Seitentunnel. Unweit entfernt lärmte eine Gesteinsbohrmaschine. Georges winkte die anderen näher zu sich heran, damit sie hören konnten, was er sagte.

»Du, Rachid, nimmst dir die Pumpen an diesem Ende vor, Alain die da drüben und Ahmed die im mittleren Abschnitt. Sobald ihr euch davon überzeugt habt, dass alle einwandfrei funktionieren, gebt ihr mir Bescheid. Danach werde ich den Kontrollraum anweisen, den Strom zu unterbrechen, und sehe mir den ersten Generator an. Wenn ich bestätigt habe, dass das Notstromaggregat funktioniert, prüft ihr nochmals alle Pumpen und gebt mir dann Bescheid. Alle Betriebsstörungen auf Grund des Stromausfalls müssen gemeldet werden. Wenn ihr einen Filter entdeckt, der mit Lehm verstopft ist, reinigt ihr ihn, bevor ihr euch bei mir meldet. Danach gehen wir zum Generator Nummer zwei.«

Alle nickten. Georges sah sie verschwinden. Zwanzig Minuten später führten sie das erste Gespräch. Rachid teilte mit, dass alle Pumpen in seinem Bereich einwandfrei funktionierten und er einen Filter gereinigt habe. Kurz darauf meldete Ahmed den Ausfall einer Pumpe. Er gab die Nummer der Pumpe durch. Georges nahm Kontakt zu dem Mitarbeiter auf, der für die Pumpen verantwortlich war. Dieser sah keinen Anlass, die Überprüfung abzubrechen. Die defekte Pumpe könne man später reparieren. Der Bericht von Alain ließ auf sich warten. Das war typisch. Schließlich versuchte Georges, zu ihm Kontakt aufzunehmen, erhielt aber keine Antwort. Fünf Minuten später meldete sich Alain. Er teilte mit, dass alles in Ordnung sei, er hatte allerdings eine Weile gebraucht, um sich aus dem Schlamm zu befreien, als er einen verstopften Filter reinigte. Georges sagte dem Ingenieur im Kontrollraum, er könne jetzt den Strom unterbrechen. Eine halbe Minute später wurde das Licht schwächer, bevor es wieder mit voller Kraft erstrahlte. Das war ganz normal. Mit einem kurzzeitigen Stromausfall musste gerechnet werden, ehe die Generatoren die Versorgung übernahmen. Georges meldete sich bei den drei Männern und ordnete eine weitere Inspektion an. Wie beim ersten Mal gab Rachid als Erster Bescheid: Alles funktioniere einwandfrei. Bei Ahmed dauerte es etwas länger, bevor auch er mitteilte, dass, abgesehen von der defekten Pumpe, alles in Ordnung sei. Erst eine Viertelstunde später ließ Alain von sich hören. Er war außer Atem. Georges bat ihn, sich zu beeilen. Er nahm erneut Kontakt zum Kontrollraum auf und wies an, den Generator Nummer eins abzuschalten. Wie beim ersten Mal gab es eine kurzzeitige Stromunterbrechung, bevor der zweite Generator automatisch ansprang. Georges rief alle drei an und sagte, sie könnten jetzt mit der letzten Kontrolle beginnen.

Dieses Mal erhielt er gar keine Rückmeldung. Nach ungefähr zehn Minuten erloschen plötzlich sämtliche Lichter. Für kurze Zeit war alles dunkel, bevor die batteriebetriebenen Notlampen den Tunnel in ein trübes Licht tauchten. Nach und nach blieben die Grab- und Bohrmaschinen stehen. Georges rief sofort den Kontrollraum an.

»Was ist passiert?«

»Keine Ahnung. Die Generatoren laufen volle Kraft und erzeugen Strom. Kann nur ein Kabelbruch sein. Wir melden uns wieder.«

Dreißig Sekunden später schallte aus den Lautsprechern eine Durchsage: »An alle Mitarbeiter. Wir haben einen Stromausfall und versuchen, den Schaden zu beheben. Alle nehmen ihre Evakuierungsplätze ein. Wenn der Schaden nicht innerhalb von zwanzig Minuten behoben ist, beginnen wir mit der Evakuierung. Warten Sie auf weitere Anweisungen.«

Von allen Seiten tauchten Schatten auf, die sich auf die verschiedenen Schächte zubewegten. Sie bildeten schweigende Gruppen unter den Sprossen, die nach oben führten. Die Aufzüge funktionierten auch dann, wenn sie nur von den Notstromaggregaten mit Strom versorgt wurden. Eine größere Gruppe begab sich in Richtung Victoriaschacht, wo sie ein Kran in großen Behältern an die Oberfläche hieven sollte. Zweimal zuvor waren große Evakuierungsübungen der gesamten Mannschaft unter realistischen Bedingungen durchgeführt worden. Alles war nach Plan verlaufen. Georges hatte keine Zweifel, dass die Arbeiter rechtzeitig an die Oberfläche gelangen würden, bevor das Wasser den Hohlraum flutete. Mehrere Löschzüge befanden sich schon auf dem Weg. Sie konnten zwar nicht verhindern, dass das Grundwasser Tunnel und Schächte füllte, verschafften ihnen jedoch mehr Zeit für die Evakuierung und die Suche nach dem Fehler. Wo lag er und was hatte ihn verursacht? Georges hatte nur eine vage Vorstellung von der elektrischen Versorgung. Die gehörte nicht zu seinem Aufgabenbereich. Doch es musste etwas absolut Unvorhergesehenes passiert sein, dessen war er gewiss. Kabel brachen oder lösten sich nicht einfach von allein. Er musste immer wieder an Alain denken. Seine Stimme hatte am Telefon so merkwürdig geklungen. Er hätte auch nicht so viel Zeit benötigen dürfen, bevor er sich gemeldet hatte.

Nur wenige Minuten nach der Lautsprecherdurchsage tauchte Rachid aus dem Zwielicht auf. »Was ist los?«, schrie er.

»Reg dich ab!«, sagte Georges scharf. »Du wirst schon nicht sterben. Im Notfall haben wir genug Zeit zur Evakuierung.«

»Sterben?«

Rachid brach in Hohngelächter aus.

»Glaubst du etwa, ich habe Angst zu sterben? Ich? Ich will nur wissen, warum der Strom ausgefallen ist.«

»Ich habe auch keine näheren Informationen. Am Telefon sprachen sie von einem möglichen Kabelbruch. Das Netz und die Generatoren sind in Ordnung.«

In diesem Augenblick bemerkte Georges, dass auch Ahmed schon bei ihnen war. Georges hatte ihn nicht kommen gehört, obwohl völlige Stille herrschte.

»Wo ist Alain?«, fragte Ahmed.

»Der ist wohl direkt zu seinem Evakuierungsplatz gegangen«, sagte Georges. »So wie vorgeschrieben.«

»Wir müssen rauskriegen, was los ist«, sagte Rachid. »Die Pumpen müssen schnellstens wieder anfangen zu arbeiten.«

»Schon, aber unsere persönliche Sicherheit geht vor. Du kennst die Vorschriften genauso gut wie ich.«

Rachid entgegnete nichts, sondern begann zu laufen. Was war los mit ihm? Ahmed setzte ihm nach.

»Wo wollt ihr hin?«, rief Georges, bevor er sich an ihre Fersen heftete.

Wenige Minuten später standen sie in dem kleinen Schacht Nummer elf, der in das Foyer eines Kinos mündete.

Rachid zog eine kleine Lampe hervor, befestigte sie rasch oberhalb der Stirn an seinem Helm und begann die Sprossen hinaufzuklettern.

»Da geht’s nicht lang!«, rief Georges ihm nach. »Der Ausgang ist verplombt.«

»Ich folge ihm«, sagte Ahmed.

»Bleib hier! Ihr seid nicht rechtzeitig wieder unten, falls evakuiert werden muss.«

»Rachid weiß schon, was er tut«, sagte Ahmed und begann die Sprossen hinaufzuklettern.

Georges ging zum nächsten Telefon und rief den Kontrollraum an. Er sagte, einer seiner Leute glaube zu wissen, wo der Fehler steckt, und versuche ihn zu beheben.

»Ihr habt zwölf Minuten Zeit«, sagte eine gepresste Stimme. »Dann müsst ihr eure Plätze einnehmen.«

Zwölf Minuten! Wenn Rachid und Ahmed wirklich ganz nach oben wollten, hatten sie keine Chance zurückzukehren, bevor es zu spät war. Sie würden in ungefähr zehn Metern Höhe über dem Grundwasserspiegel eingeschlossen sein. Wie lange würde ihr Sauerstoff ausreichen? Wie lange würden sie sich an den schmalen Sprossen festklammern können? Es würde seine Zeit brauchen, bis man den Schacht von oben wieder geöffnet hatte. Sie konnten die Plombe ja nicht einfach sprengen, solange sich Ahmed und Rachid im Schacht befanden.

»Habt ihr was rausgekriegt?«, fragte Georges den Mann im Kontrollraum.

»Unsere Leute überprüfen gerade die Kabel der Generatoren. Halte mich auf dem Laufenden.«

»Mach ich. Aber bereitet euch darauf vor, dass wir den Schacht Nummer elf noch mal öffnen müssen. Zwei meiner Männer sind dort auf dem Weg nach oben.«

»Wirklich? Das Rohr mit den Hauptkabeln läuft quer durch Schacht elf.«

Georges legte auf und starrte hinauf ins Dunkel. Weil der Schacht Nummer elf nur vorübergehend benutzt und später geschlossen worden war, hatte man sich nicht die Mühe gemacht, ihn mit einer Notbeleuchtung auszustatten. Weit über seinem Kopf sah Georges den flackernden Lichtkegel der Lampe an Rachids Helm. Wenige Minuten später war er verschwunden. Was taten sie nur da oben? Georges schaute auf die Uhr. Er schrie hinauf, dass die Hälfte der Zeit um sei. Wenn sie nicht unverzüglich umkehrten, sollten sie bleiben, wo sie waren. Er würde dafür sorgen, dass der Schacht von oben geöffnet würde. Das könne aber ein paar Stunden dauern. Er bekam keine Antwort. Erneut blickte er auf die Uhr. Jetzt war es zu spät. Er musste anfangen, an sich selbst zu denken. Oder sollte er ihnen hinterherklettern? Nein, es war besser, an die Oberfläche zu gelangen und dafür zu sorgen, dass der Schacht geöffnet wurde, bevor ein Unglück geschah.

Er hatte sich gerade umgedreht, als das Licht im Tunnel zurückkehrte. Er rief sofort den Kontrollraum an. »Sieht so aus, als wäre der Fehler behoben«, sagte er erleichtert.

»Ja«, jubelte die Stimme. »Alle Lampen stehen auf Grün. Waren das deine Leute?«

»Ich weiß nicht. Sie sind noch nicht zurück.« Wenige Minuten später kam eine weitere Nachricht aus den Lautsprechern: »Durchsage an alle Mitarbeiter. Der Fehler ist behoben. Die Evakuierung kann in aller Ruhe durchgeführt werden. Die Arbeiten werden für heute beendet, bis die Ursache des Fehlers überprüft ist und wir uns vergewissert haben, dass keine Gefahr mehr besteht.«

Georges hörte einen Jubelsturm durch die Schächte und Tunnel brausen. Er wusste, dass er nichts damit zu tun hatte, dass die Arbeiter für den Rest des Tages frei bekamen, sondern damit, dass ihr Lebenswerk außer Gefahr war. Das war ein schlagender Beweis für die Existenz dessen, was man als den besonderen Geist dieses Projekts bezeichnete: den gemeinsamen Stolz auf die Durchführung eines der anspruchsvollsten Bauvorhaben, die jemals in Frankreich realisiert worden waren.

Einige Minuten später waren Rachid und Ahmed wieder zur Sohle des Schachts zurückgekehrt. »Erzählt!«

»Ein Stromkabel hatte sich gelöst«, sagte Rachid.

»Warum hast du vermutet, dass das Kabel nicht in Ordnung war?«

»Ich war vor ein paar Monaten bei den Arbeiten in diesem Schacht dabei. Mir ist eingefallen, dass das Rohr mit den Hauptkabeln dort oben mündet.«

Rachid war ein helles Köpfchen. Aber das erklärte nicht alles.

»Aber wie konntest du wissen, dass es sich um Schacht elf handelte? Es gibt noch ein Dutzend andere Schächte.«

»Schacht elf war am vielversprechendsten.«

»Wie meinst du das?«

»Es gibt keinen besseren Platz für eine Sabotage.«

»Sabotage?«

»Jemand hatte das Hauptkabel gelöst, das zum Verteiler führt.« Erneut dachte Georges an Alains sonderbare Stimme und Kurzatmigkeit am Telefon. Plötzlich war Georges sicher, dass Alain hinter dem Vorfall steckte, auch wenn es nicht den geringsten Beweis dafür gab.

»Danke für die Hilfe«, sagte Georges. »Sie soll nicht umsonst gewesen sein. Ich werde dafür sorgen, dass der Chef davon erfährt.«

Ahmed schwieg immer noch. Was für eine merkwürdige Geschichte: Rachids hysterische Reaktion, als hinge sein Leben davon ab, dass die Baustelle nicht im Grundwasser versank. Ahmeds Schweigen. Alains Stimme am Telefon. Später kam Georges noch etwas anderes in den Sinn: Woher wusste Rachid, dass es die Hauptkabel waren, die in diesen Schacht mündeten? Um sich vor Terroranschlägen zu schützen, kannten nur die Vorarbeiter und Abteilungsleiter den genauen Verlauf der Kabel. Hatte Rachid einfach richtig geraten?

8

Georges bat Ahmed und Rachid, draußen zu warten. Er selbst ging gleich hinein. Vor langer Zeit hatte Dumas gesagt, seine Tür stehe ihm stets offen.

»Ihr seid es, die alles am Laufen halten«, hatte er später bei verschiedenen Gelegenheiten geäußert und meinte es auf seine pragmatische Art vermutlich ernst.

Allerdings war sich Georges darüber im Klaren, dass Dumas ihn ohne weiteres vor die Tür setzen konnte, sobald er seine Schuldigkeit getan hatte. Doch würde Dumas sich zum jetzigen Zeitpunkt von ihm trennen, hätte er gleich mehrere Millionen wegen der unumgänglichen Bauverzögerung in den Wind schreiben können. Mehrere Millionen, die Georges’ Worten Nachdruck verleihen konnten.

»Hallo, Georges. Na, wie geht’s? Alles in Ordnung?«

»Nein.«

Georges erzählte, was vorgefallen war.

»Wenn Ahmed und Rachid nicht gewesen wären, hätte es eine Katastrophe gegeben.«

»Hätte der Fehler vermieden werden können?«

»Sie meinen, ob ich mir etwas vorzuwerfen habe? Ich hätte natürlich die Elektriker anweisen können, alle Kabel zu kontrollieren, bevor wir angefangen haben. Alain sagte erst kürzlich, dass dieselben Vibrationen, die Risse in den Häusern verursachen, auch Kabelschuhe lockern könnten. Vielleicht hat er Recht. Dann wäre es meine Schuld, weil ich versäumt habe zu überprüfen, ob mit den Kabeln alles in Ordnung ist.«

»Aber?«

»Das Kabel, das sich gelöst hatte, war eines der Hauptkabel, das sowohl vom Netz als auch von unseren eigenen Generatoren gespeist wird. Wie Sie vielleicht wissen, befindet es sich in einem Rohr, das vom Kontrollraum zu einer Verteilertafel läuft, die sich fünf Meter über dem Grundwasser in der Wand von Schacht Nummer elf befindet. Dass sich durch die Vibrationen Kabel lösen können, die sich weiter unten befinden, kann ich nachvollziehen. Aber nicht so weit oben und schon gar nicht im Elfer, der plombiert ist und seit Monaten nicht mehr benutzt wurde. Da müsste es sich schon um eine Verkettung unglücklicher Umstände handeln.«

»Es sei denn ...«

»Es sei denn, jemand hat nachgeholfen.«

Zunächst blieb Dumas stumm.

»Wer?«

»Alain.«

»Gibt es Beweise?«

Dumas schien verärgert.

»Nein.«

Georges berichtete, was am Morgen vorgefallen war. Er verheimlichte auch nicht, dass er Alain mit Kündigung gedroht hatte.

»Alain war sehr erregt. Dass sein Sohn im Krankenhaus liegt, machte ihn nur noch wütender.«

»Beweise, Georges! Wir brauchen Beweise! Sonst ist alles reine Spekulation.«

»Als ich nach oben kam, saß Alain in der Baracke, hatte sich schon umgezogen und machte einen ziemlich entspannten Eindruck, trotz der Geschichte mit seinem Sohn und dem Stromausfall. Ungefragt äußerte er sogleich, dass sich das Kabel auf Grund der Vibrationen gelöst haben müsse.«

»So ganz abwegig scheint dieser Gedanke ja auch nicht zu sein.«

»Schon möglich. Aber die Sache hat einen Haken. Bislang wissen nur ich selbst, der Mann im Kontrollraum, Rachid und Ahmed, dass der Ausfall auf einen Kabelbruch zurückzuführen ist. Ich habe jemanden von Alains Leuten gefragt, ob sie ihn nach dem Stromausfall gesehen hätten. Die Antwort war nein. Aber einer der Portugiesen hat beobachtet, wie er durch den Victoriaschacht nach oben geklettert ist, und das ist der Schacht, der dem Elfer am nächsten ist.«

»Verstehe, aber woher wollen Sie wissen, dass es nicht doch ein anderer war?«

»Das ist natürlich nicht völlig ausgeschlossen. Die anderen Vorarbeiter, die den Verlauf der Kabel kennen, waren zum Zeitpunkt des Stromausfalls alle an verschiedenen Orten beschäftigt. Ich habe das nachgeprüft.«

»Was schlagen Sie vor? Eine polizeiliche Ermittlung käme höchst ungelegen.«

»Ungelegen?«

»Das Konsortium besteht aus sechs Unternehmen. Fünf von ihnen würden mich gerne durch jemand anderen ersetzen. Meine Kompetenz wird zwar nicht öffentlich angezweifelt – schließlich bin ich es gewesen, auf den sich alle verständigen konnten –, doch wenn mir auch nur ein schwer wiegender Fehler unterläuft, bin ich weg vom Fenster. Und Sie auch. Wir sollten in unserem eigenen Interesse keine schlafenden Hunde wecken.«

»Das kann schon sein. Aber wir können Alain doch nicht einfach so weitermachen lassen, als sei nichts geschehen, und zwar unabhängig davon, ob er es war, der das Kabel gelöst hat. Er vernachlässigt seine Arbeit. Für mich ist die Sache ganz einfach. Wenn Alain Vorarbeiter bleibt, dann gehe ich.«

Dumas lächelte.

»Ist das eine Drohung?«

»Eine Tatsache. Wenn ich von heute auf morgen aufhöre, verliert das Unternehmen auf Grund der Bauverzögerung mehrere Millionen. Ist Alain das wert?«

»Ich werde mit ihm reden. Wen wollen Sie stattdessen?«

»Ahmed.«

»Einen Araber?«

»Er ist tüchtig und zuverlässig, sowohl privat als auch beruflich.«

»Verstehen Sie mich nicht falsch, aber ich bin Realist. Einem Araber eine doppelte Loyalität aufzubürden, ist immer ein Risiko, besonders in Zeiten wie diesen.«

»Wir haben zweihundertvierzig Algerier unter Tage, in vier Arbeitsgruppen zu je sechzig Männern. Keine von ihnen wird von einem Landsmann geführt. Im Gegensatz zu den portugiesischen und französischen Arbeitsgruppen. Selbst die Türken haben einen türkischen Vorarbeiter. Ich weiß, dass alle Algerier als Sicherheitsrisiko betrachtet werden. Aber es geht doch ausschließlich darum, dass sie ihre Arbeit ordentlich machen. Unsere Baustelle ist doch nicht Ali Babas Schatzkammer. Im Gegenteil, die Arbeit ist hart, schmutzig und gefährlich. Will man aus den Algeriern das Beste herausholen, muss man ihnen auch einen Landsmann als Vorarbeiter zugestehen. Ein Rassist wie Alain treibt sie nur in die Hände von islamischen Extremisten. Auf Ahmed hingegen kann man sich hundertprozentig verlassen.«

»Was wollen Sie also?«

»Dass Ahmed Vorarbeiter wird. Außerdem will ich, dass er und Rachid für ihren heutigen Einsatz angemessen belohnt werden.«

»Mehr nicht?«

»Doch, dass Sie sich persönlich bei ihnen bedanken. Die beiden warten draußen vor der Tür.«

»Sie sind wirklich ein ungewöhnlicher Mann, Georges. Macht und Karriere scheinen Sie nicht zu interessieren. Sie sind loyal und erledigen pflichtbewusst Ihre Aufgaben. Gleichzeitig leisten Sie sich den Luxus einer Moral.«

»Ich kümmere mich ausschließlich darum, was getan werden muss, damit alles so gut wie möglich funktioniert. Wenn Sie das nicht nachvollziehen können, betrachten Sie es als reinen Egoismus. Je reibungsloser die Arbeit vonstatten geht, desto besser für mich.«

»Also herein mit den Helden! Und sagen Sie Alain, dass ich ihn sofort sprechen will.«

Georges ging hinaus und sagte zu Ahmed und Rachid, dass der Chef mit ihnen sprechen wolle. Nachdem sie hineingegangen waren, wandte er sich an Dominique.

»Es tut mir Leid, dass ich Sie noch gar nicht begrüßt habe«, sagte er. »Ich war zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt. Sie haben wohl mitbekommen, was sich ereignet hat?«

»Sie müssen sich doch nicht entschuldigen. Sie sind im Grunde der Einzige, der mich wie einen Menschen behandelt.«

»Wie sollte ich Sie denn sonst behandeln?«

Georges schaute sie verwundert an. Sie lachte.

»Wie eine Frau, eine Farbige oder potenzielle Geliebte, so wie alle anderen. Sie können es sich aussuchen.«

Georges wusste nicht, was er sagen sollte.

»Farbige wie ich sollten besser keine Chefsekretärinnen sein. Ich habe mir den falschen Beruf ausgesucht. Ich hätte eine Edelprostituierte werden sollen. Dann wären alle zufrieden.«

»Nur ich nicht«, entfuhr es Georges.

»Nicht?«

Georges senkte die Stimme.

»Wenn es Sie nicht gäbe, wären die ständigen Besuche bei Dumas wirklich unerträglich.«

Dominique lächelte und schaute ihn lange an.

»Darf ich das als Kompliment auffassen?«

»Das ist die Wahrheit.«

Georges war verlegen. Was hatte er da gesagt? Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er Dominique nie als Frau betrachtet hatte, vor allem nicht als die attraktive Frau, als die sie sich bei näherem Hinsehen entpuppte. Am Tag seiner Hochzeit mit Marie hatte er aufgehört, andere Frauen als Frauen zu betrachten. Für ihn war es einem Wunder gleichgekommen, dass überhaupt eine Frau dazu bereit war, ihn zu lieben. In erster Linie hatte er sich nach Liebe gesehnt, nicht nach Frauen.

»Brauchen Sie nicht vielleicht eine Sekretärin?«, fragte Dominique.

»Wenn ja, dann kämen nur Sie in Frage.«

Georges hätte sich auf die Zunge beißen können.

»Jetzt habe ich mich sicher so angehört wie alle anderen«, sagte er.

»Das gelingt Ihnen nicht«, antwortete Dominique und legte ihre Hand auf seine.

Georges schüttelte den Kopf. Er wagte nicht, den Mund zu öffnen, aus Angst, was dabei herauskäme. Auf dem Rückweg zu seinem Büro dachte er unentwegt an ihre Worte. Er fühlte sich beschwingt. Und es fiel ihm auf, dass er dieses Gefühl schon früher empfunden hatte, nachdem er mit ihr gesprochen hatte. Beschwingt.

Die Freude schlug in ihr Gegenteil um, als er die Tür zur Baracke öffnete.

»Ich hätte da unten krepieren können«, sagte Alain aggressiv, sobald er Georges zu Gesicht bekam.

»Wir hätten krepieren können. Du warst schließlich nicht allein dort unten, falls du das glauben solltest. Dumas will mit dir reden. Und zwar sofort.«

»Worüber?«

»Das weißt du selbst am besten.«

Ahmed ließ Rachid zuerst eintreten. Wie würde Rachid seinem Chef gegenübertreten? Wie die meisten Ausländer, mit am Boden festgenageltem Blick, um die Aufmerksamkeit nicht auf sich zu lenken? Doch Rachid verzog keine Miene, als er Dumas’ Büro betrat. Ahmed war sich gewiss: Hier handelte es sich nicht um einen x-beliebigen Immigranten oder Bauarbeiter. Wer war er? Warum lag es in seinem Interesse, die Baustelle vor einer Überschwemmung zu bewahren? Hatte er sich nur seinen Job erhalten wollen? Vielleicht. Für einen Ausländer mit gefälschten Papieren konnte der Verlust des Arbeitsplatzes eine Katastrophe bedeuten.

»Kommen Sie herein«, sagte Dumas. »Ich vermute, Sie verstehen Französisch?«

Weder Ahmed noch Rachid antworteten.

»Georges hat mich gebeten, Ihnen für Ihren heutigen Einsatz zu danken. Er hat mich auch gebeten, Ihnen eine kleine Anerkennung zukommen zu lassen. Ich habe daher beschlossen, jedem von Ihnen zehntausend Francs zu zahlen. Sie brauchen mir nicht zu danken. Das Unternehmen ist Ihnen zu Dank verpflichtet. Ihr Eingreifen hat uns beträchtliche Unkosten erspart.«

Dumas zog ein Scheckheft hervor.

»Wie sind Ihre Nachnamen? Georges hat mir ausschließlich Ihre Vornamen genannt.«

Rachid antwortete als Erster.

»Wäre es nicht besser, das über den Lohnzettel laufen zu lassen?«, schlug er vor.

»Dann müssten Sie es versteuern.«

»Als Ausländer möchte ich mich lieber an die Gesetze halten.«

Gute Antwort, dachte Ahmed.

»Was ist mit Ihnen, Ahmed. Nehmen Sie es mit dem Gesetz auch so genau?«

»Derzeit nicht. Ich werde umziehen und brauche Geld. Sie können den Scheck auf Ahmed Layada ausschreiben.«

Aus dem Augenwinkel heraus ahnte Ahmed Rachids Blick. Rachid kannte also Addelhak Layada alias Abou Adlare. Layadas Spezialität war die Ermordung von Intellektuellen. In Layadas Spatzenhirn wurde man zum Intellektuellen, sobald man in der Lage war, hinter seine Worte oder Gedanken ein Fragezeichen zu setzen. Layada besaß ein simples Credo: Wer den Taghout, den Tyrannen, nicht bekämpfte, war dessen Verbündeter und ein Feind des Islam. So wie viele der blutdürstenden Fanatiker war Layada Analphabet und stolz darauf. Hatte nicht Mohammed die unverfälschte Wahrheit offenbart, gerade weil er Analphabet gewesen war? In Wirklichkeit war Layada zum Denken nicht in der Lage. Und er war nicht allein.

Jetzt fragte sich Rachid bestimmt, ob Ahmed mit Layada verwandt war. Das sollte er ruhig tun. Zweifel zu säen, auch wenn kein unmittelbarer Anlass dazu bestand, war bislang Ahmeds Überlebensstrategie gewesen.

Dumas gab ihm den Scheck.

»Was, glauben Sie, könnte den Zwischenfall verursacht haben?«

»Ich weiß es nicht«, sagte Ahmed. »Es war Rachid, der die Ursache entdeckte und mir Anweisungen gab, was zu tun war.«

»Es war kein Zufall«, sagte Rachid.

»Woher wissen Sie das?«

»Jemand hatte den Kabelschuh gelöst. Die Muttern waren mit Loctite verschlossen.«

»Loctite?«

»Ein Epoxidkleber, mit dem man die Schrauben fixiert.«

»Haben Sie einen Verdacht, wer es gewesen sein könnte?«

Rachid antwortete nicht.

»Ich verstehe. Sie wollen nicht als Denunziant dastehen. Sie beide sind loyale Angestellte des Unternehmens. Auf Georges’ Vorschlag hin übernehmen Sie, Ahmed, den Posten des Vorarbeiters von Alain, der eine andere Aufgabe bekommen wird. Ich möchte, dass Sie die Augen offen halten und mir alle ungewöhnlichen Vorgänge sofort melden. Weitere Verzögerungen können wir uns nicht leisten. Was glauben Sie, was ein halber Tag Stillstand kostet? Über eine Million Francs. Ich brauche wohl nicht zu betonen, dass Sie vor allem Alain im Auge behalten sollen.«

»Was für eine Arbeit soll er übernehmen?«, fragte Ahmed. »Als Vorarbeiter sollte ich seinen Aufgabenbereich kennen. Er wird über meine Beförderung nicht gerade begeistert sein.«

»Alain wird als normaler Arbeiter weitermachen und bleibt in Ihrer Truppe. Wenn er gezwungen ist, mit sechzig Algeriern zusammenzuarbeiten, wird ihn das schon zur Raison bringen. Außerdem ist es gut, ihn unter Aufsicht zu haben, bis wir Näheres herausgefunden haben. Ich denke, die Sicherheitsabteilung wird eine rasche Untersuchung durchführen. Man wird sich an Sie wenden.«

Dumas stand auf.

»Und noch etwas. Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, dass die Hauszeitung von Ihrem Eingreifen berichtet, sobald die Untersuchungen abgeschlossen sind. Ihre Mitarbeiter sollen ruhig zur Kenntnis nehmen, dass man loyal zu seinem Unternehmen stehen kann, unabhängig von Rasse oder Religionszugehörigkeit.«

Dumas war kein Dummkopf. Gab es eine bessere Gelegenheit, sie auf die Probe zu stellen und ihre Zuverlässigkeit zu testen? Wie würde Rachid reagieren?

»Lieber nicht«, sagte er rasch.

»Warum nicht?«

Rachid schwieg.

»Und Sie, Ahmed? Wollen auch Sie Ihre Ruhmestat lieber für sich behalten?«

»Rachid muss für sich selbst sprechen, aber ich will der Geschäftsleitung nicht als Alibi dienen. Das hat nichts damit zu tun, dass ich Ausländer oder Algerier bin. Unter Tage bin ich Betonarbeiter. Wenn Sie Ihren Angestellten beweisen wollen, dass Sie keine Vorurteile besitzen und alle gleich behandeln, begrüße ich die Initiative. Aber lassen Sie meinen Namen besser aus dem Spiel.«

»Abgemacht. Doch Sie müssen damit rechnen, dass sich das Gerücht von allein verbreitet.«

»Wenn es um Ausländer geht, zählen doch immer nur Gerüchte. Wer interessiert sich heutzutage schon für die Wahrheit? Die verkauft sich doch nicht.«

Dumas warf ihm einen kurzen Blick zu. Ahmed fragte sich, ob er nicht zu weit gegangen war. Er hatte sich die Bemerkung einfach nicht verkneifen können. Erst als er das Büro wieder verließ, dachte er daran, dass der Skinhead aus genau demselben Grund den Stein nach Fatima geworfen hatte. Er hatte sich einfach nicht mehr beherrschen können.

Auf dem Weg zu Georges’ Büro überlegte Ahmed, ob er Rachid vertrauen konnte. Eines stand fest: Wäre Rachid ein religiöser Fanatiker, hätte er unter keinen Umständen sein Leben aufs Spiel gesetzt, um das Bauprojekt zu retten. Zwar existierten die absonderlichsten Wege, um zum Märtyrer zu werden und ins Paradies zu gelangen, doch Gott fern stehende kapitalistische Konzerne vor Millionenverlusten zu bewahren, dürfte kaum dazugehören. Rachid konnte eine Möglichkeit sein, wenn Ahmed seine Sicherheitsvorkehrungen traf.

»Was ist herausgekommen?«, fragte Georges.

»Ab morgen bin ich Vorarbeiter.«

»Gut. Und eure Belohnung?«

»Zehntausend für jeden von uns.«

»Ziemlich mickrig. Die Sanierung nach einer Überschwemmung hätte mehrere Millionen gekostet. Was ist mit Alain?«

»Alain bleibt als normaler Arbeiter in meiner Gruppe. Wenn er dazu bereit ist.«

»Ist das die Strafe? Ihn mit den Arabern zusammenarbeiten zu lassen?«

»Dumas bat uns, Alain im Auge zu behalten«, schaltete Rachid sich ein. »Ich glaube, Dumas will einen Beweis haben, bevor er ihn rausschmeißt.«

»Was meinst du dazu?«, fragte Georges mit Blick auf Ahmed. »Jemand in Dumas’ Position braucht einem Angestellten doch wohl keine Straftat nachzuweisen, um ihn loszuwerden.«

»Nein, es sei denn, er hat seine besonderen Gründe. Alain hat am Algerienkrieg teilgenommen und ist Mitglied der Front National. Sein Sohn vermutlich auch. Schwachsinn vererbt sich nun mal. Woher wusstest du eigentlich, dass Alains Sohn Angehöriger der Sicherheitskräfte der Front National ist?«

Georges schaute Rachid an.

»Alain hat vor seinen Kumpeln mit seinem Sohn angegeben. Ich war zufällig dabei.«

Ahmed fragte sich, ob Rachid die Wahrheit sagte. Vielleicht. Vielleicht nicht.

»Wir müssen es wohl noch ein bisschen mit Alain aushalten«, sagte Georges. »Aber leicht wird das nicht.«

Niemals war Rachid dem Ziel so nahe gewesen. Alles war gut gegangen. Nicht auszudenken, wenn Alain erfolgreich gewesen wäre! Fünf Monate intensiver Vorbereitung wären nutzlos gewesen. Allah hatte Rachid auf den rechten Weg geleitet. Er hatte keine Sekunde daran gezweifelt, wo der Schaden lag. Es war eine Offenbarung gewesen. Er hatte genau gewusst, was er tun musste. Er war ein Auserwählter Allahs. Rachid hatte nicht nur das Bauprojekt gerettet, sondern sich zudem Vertrauen erworben. Wer sollte ihn jetzt noch verdächtigen, der zu sein, der er in Wirklichkeit war? Nie zuvor hatte er sich so stark gefühlt. Nicht einmal Ahmed konnte ihn aus dem Gleichgewicht bringen.

Rachid wunderte sich auch nicht, als Ahmed vorschlug, eine Tasse Kaffee zusammen zu trinken. Sie gingen in das nächste Bistro. Rachid sorgte dafür, dass er mit dem Rücken zur Wand in der Ecke saß und den Eingang im Auge behielt. Die Lektionen seiner Lehrmeister vergaß er nie. Sie hatten ihm stets eingeschärft, sich so unauffällig wie möglich zu verhalten.

»Ich muss mich wohl bei dir für meinen neuen Job bedanken«, sagte Ahmed, nachdem ihnen zwei Espressi serviert worden waren. »Wie bist du nur so schnell auf die Ursache gekommen?«

Ahmeds Stimme klang ganz natürlich, als sei er bloß neugierig.

»Das war doch keine Kunst. Wir hatten keinen Strom, also konnte etwas mit den Kabeln nicht stimmen. Es ist doch kaum möglich, dass die Stromversorgung zusammenbricht und gleichzeitig auch noch beide Generatoren ausfallen. Ich habe nur etwas schneller geschaltet als du.«

»Du schienst genau zu wissen, wo du suchen musstest.«

»Ich hätte es nicht gewusst, wenn ich nicht selbst den Elfer ausgeschachtet hätte. Ich habe die dicken Kabel doch mit eigenen Augen gesehen. Die Vermutung lag nahe, dass es sich um die Hauptkabel handelte.«

»Ja, wenn man etwas von Elektrizität versteht. Aber welcher gewöhnliche Arbeiter tut das schon?«

Man durfte sich nie sicher fühlen. Feinde lauerten überall. War Ahmed ein Feind?

»Wir brauchen uns doch nichts vorzumachen«, fuhr Ahmed fort. »Du hast deine Gründe, unter der Erde zu arbeiten. Mir ist das egal. Über meine Gründe brauchst du dir auch keine Gedanken zu machen.«

»Ich verstehe nicht.«

»Jeder geht seinen eigenen Weg, um ins Paradies zu gelangen. Du gehst deinen, ich gehe meinen. Pfarrer und Imame in allen Ehren, aber ich kann mir für das Jenseits schon eine amüsantere Gesellschaft vorstellen.«

»Du sprichst wie ein Ungläubiger!«

»Tue ich das? Das war nicht meine Absicht. Aber du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Schließlich bin ich es, der in der Hölle braten wird, und nicht du.«

Rachid wusste, dass er sich auf keine Diskussion über religiöse Fragen einlassen durfte. Die würde unweigerlich sein Wesen offenbaren. So ihr die Zeichen Allahs hört, wird man sie nicht glauben, sondern verspotten. Sitzet drum nicht mit ihnen, ehe sie nicht zu einem andern Gespräch übergehen. Siehe, ihr würdet dann ihnen gleich werden. Manche Mudschaheddin hatten Geschmack am Unglauben und an dem gefunden, was die westliche Welt als Freiheit bezeichnete. Aber ihre Freiheit bestand ausschließlich darin, ein sündiges und gottloses Leben zu führen. Ahmed hatte gesagt, er brauche sich keine Sorgen zu machen, weil Ahmed die Strafe empfangen würde. So redeten sie alle. Ihre Freiheit war Einsamkeit, nichts anderes. Sie verstanden nicht, dass Rachid sie strafen würde, weil Allah ihn dazu auserwählt hatte. Er war nur Allahs Werkzeug: Nicht erschlugt ihr sie, sondern Allah erschlug sie. Verstand Ahmed das nicht? Dass Allah größer war als jeder von ihnen. Es spielte überhaupt keine Rolle, was er, Rachid, dachte.

»Meine größte Sorge gilt nicht Allah oder dem Paradies«, sagte Ahmed. »Ich brauche eine neue Wohnung.«

»Willst du dafür die zehntausend Francs verwenden?«

»Ja, aber mit meinem arabischen Namen ist das kein Kinderspiel. In diesem Land nutzt es nichts, auf Allahs Hilfe zu vertrauen. Der hat hier wenig Einfluss.«

»Noch nicht. Aber der Tag wird kommen.«

»So lange kann ich nicht warten.«

»Was meinst du damit?«

»Ich könnte Hilfe brauchen.«

Rachid hätte seine Hände zum Himmel erheben können, um Allah zu danken. Das war die Möglichkeit, auf die er gewartet hatte.

»Wie sollte ich dir helfen können?«, fragte Rachid vorsichtig. »Ich bin genauso auf mich allein gestellt wie du.«

»Bist du absolut sicher? Hast du keine Freunde oder Bekannten mit Beziehungen?«

»Ich kenne ein paar Algerier, aber ob die eine Wohnung organisieren können, weiß ich nicht.«

»Wenn du mir hilfst, eine neue Wohnung zu finden, dann schwöre ich bei meiner Mutter, dass du ein normaler algerischer Bauarbeiter bist. Schon möglich, dass Gautrot, der Sicherheitschef, einige Fragen stellen wird.«

»Warum gerade ich?«

»Selbst wenn ich eigene Kontakte hätte, die ich nicht habe, wäre nicht gesagt, dass ich sie auch nutzen würde. Ich muss diskret vorgehen und mich an jemanden wenden, der nicht mit mir in Verbindung gebracht wird. Ich brauche jemanden, der in meinem Namen eine Wohnung oder ein Haus mietet.«

»Ich verstehe nicht.«

»Wie solltest du auch. Ich bin dafür verantwortlich, dass Alains Sohn und sein Kumpel mit verschiedenen Verletzungen im Krankenhaus liegen.«

»Du? Ich dachte, die Angreifer wären zu viert gewesen?«

»Nein, ich war allein. Ich habe einen Stein an den Kopf bekommen, weil ich etwas zu nah an zwei Skinheads vorbeigegangen bin. Einer von ihnen war Alains Sohn. Leider wohne ich in derselben Vorstadt wie Alain. Ich wusste auch nicht, dass Alains Sohn und sein Kamerad bei den Sicherheitskräften der Front National sind. Diese Information verdanke ich dir.«

»Wir befinden uns im Krieg«, sagte Rachid. »Dschihad.«

»Was ich tat, habe ich in meinem eigenen, nicht in Allahs Namen getan. Wenn Allah gewollt hätte, hätte er sicher verhindert, dass der Stein meinen Kopf traf. Aber vielleicht hat Allah ja eine Sehschwäche. Das würde vieles erklären.«

»Allah wollte, dass der Stein dich trifft, damit du Gelegenheit zur Rache bekamst. Hätte Allah gewollt, wahrlich, Er hätte selber Rache an ihnen genommen; jedoch wollte Er die einen von euch durch die andern prüfen. Wir Menschen sind nur Allahs Werkzeug.«

»Meinst du etwa, ich solle Allah bitten, eine Wohnung für mich zu finden? Meines Wissens hat Allah keinen Nebenjob als Immobilienmakler. Ich frage dich noch einmal: Bist du bereit, mir zu helfen?«

»Ich kann es versuchen.«

»Es muss schnell gehen.«

»Vielleicht werde ich gezwungen sein zu erzählen, warum du umziehen musst.«

»Das kannst du gerne tun, solange du keine Namen nennst.«

»Und wenn sie danach fragen?«

»Dann erklärst du ihnen, warum ich anonym bleiben muss und was geschehen kann, wenn Alains Sohn mich aufspüren sollte.«

Rachid streckte ihm seine offene Hand entgegen. Ahmed schlug ein.

9

Alain wusste, dass er zu Dumas gerufen wurde, weil dieser ihm die Leviten lesen wollte. Georges hatte ihm sicherlich von dem morgendlichen Streit berichtet.

Konnte es auch etwas mit der Sabotage zu tun haben? Nein, niemand hatte ihn gesehen. Dass er so viel Zeit für die Kontrolle der Pumpen benötigt hatte, ließe sich damit erklären, dass ihn Thierrys Unfall sehr beschäftigte. Es war verdammtes Pech gewesen, dass sie den Schaden so schnell behoben hatten. Damit hatte Georges in letzter Minute den Kopf aus der Schlinge gezogen. Einige Minuten später wäre seine Karriere im Grundwasser ersoffen. Und Dumas wäre mit in die Tiefe gezogen worden. Aber noch war es nicht zu spät. Georges und Dumas durften nicht ungestraft auf ihm herumtrampeln. Vor allem nicht ein Verräter wie Dumas.

Alain lächelte Dominique strahlend an. Er starrte auf ihre Brüste. Hatte Dumas sie etwa schon ins Bett gekriegt? Daran würde er gegebenenfalls nicht mehr viel Freude haben. Wenn Alain mit ihm fertig war, würde Dumas’ Glorienschein ziemlich verblasst sein. Ihm ging durch den Kopf, dass er Dumas bei dieser Gelegenheit noch ein hübsches Sümmchen abpressen könnte. Mit ein paar Tausendern in der Tasche konnte er vielleicht auch Dominique einladen. Nichts schien unmöglich.

»Der Chef erwartet Sie«, sagte Dominique, ohne aufzublicken.

Schwarze Schlampe! Sie sollte ihn gefälligst ansehen, wenn sie mit ihm sprach. Typisch für Dumas, eine Farbige als Chefsekretärin einzustellen. Er hatte einfach keine Scham im Leibe. Das war die Crux bei den Franzosen; im Bett waren ihnen Rasse, Religion oder Hautfarbe völlig gleichgültig. Nicht einmal bei Arabern konnten sie ihre Finger im Zaum halten. Hätten sie nicht so große Angst davor, ein Messer in den Rücken oder die Kehle durchschnitten zu bekommen, hätte sich schon ganz Algerien mit ihnen vermischt. Ganz anders bei den englischen oder deutschen Kolonien. Dort herrschte Ordnung. Wenn die Weißen heimkehrten, blieben ausschließlich Schwarze zurück. In den französischen Kolonien hingegen gab es bald nur noch Café au lait. Sie besaßen einfach keine Moral, diese Franzosen. Dumas war genauso, war es immer gewesen.

Alain ging hinein, ohne anzuklopfen.

»Hallo, Bernard«, sagte Alain.

»Setz dich!«

Alain nahm Platz. Dumas hatte keine Miene verzogen, als Alain seinen alten Decknamen aus dem Algerienkrieg verwendet hatte.

Dumas ging um den Schreibtisch herum und stellte sich hinter Alain.

»Georges war vorhin bei mir. Er hatte schlechte Nachrichten. Ich denke, du weißt, wovon ich rede.«

»Mein Sohn liegt mit gebrochenem Kiefer und zertrümmerter Kniescheibe im Krankenhaus. Er wurde von vier Arabern angegriffen. Von hinten.«

»Das meinte ich nicht.«

Alain drehte den Kopf, um Dumas in die Augen zu schauen, doch Dumas ging hinter seinem Rücken auf und ab. Alain konnte doch nicht wie bei einem Tennismatch ständig hin und her blicken, also starrte er schließlich geradeaus auf die leere Tischplatte.

»Georges meint, du würdest deine Arbeit vernachlässigen und Konflikte vom Zaun brechen.«

»Georges lügt. Die Araber machen ständig Ärger. Es ist doch wohl nicht meine Schuld, wenn sie nicht tun, was ich ihnen sage.«

»Das ist der Punkt. Du bist dafür verantwortlich, dass sie tun, was du sagst. Das gilt für Araber und Franzosen.«

»Du verstehst nicht, worum es geht.«

»Nicht?«

Alain wusste, dass er einen Fehler begangen hatte. Dumas kannte die Araber in- und auswendig. Er hatte vom ersten bis zum letzten Tag am Krieg teilgenommen. Was wollte er von ihm? Warum strich er fortwährend hinter seinem Rücken herum?

»Leider verstehst du nicht, worum es geht«, fuhr Dumas fort. »Es geht darum, dass die Dinge funktionieren. Dieses Projekt muss in zwei Jahren fertig gestellt sein, wie geplant. Alles, was dieses Ziel gefährden könnte, muss aus dem Weg geräumt werden.«

»Da bin ich ganz deiner Meinung. Die Araber müssen weg, damit hier endlich Ordnung herrscht.«

»Die Araber haben dieses Land aufgebaut. Sie haben gemauert, Beton gegossen, Armierungseisen zusammengeschweißt und Löcher gegraben. Nicht die Franzosen. Aber die Einwanderer der zweiten Generation sind sich für solche Drecksarbeiten zu schade. Wollen sich nicht die Finger schmutzig machen. Sind schon zu französisch geworden. Ich habe dir mit der Anstellung einen Gefallen getan. Ich dachte, du wächst mit den Aufgaben. Das tun die meisten. Ich dachte, du hättest aus sechs Jahren Krieg etwas gelernt, vor allem, die Araber nicht zu unterschätzen. Jetzt weiß ich, dass ich mich geirrt habe. Alle haben ihre Mängel und Fehler, auch ich. Doch ich habe aus meinen Fehlern gelernt. Deswegen habe ich es so weit gebracht. Du hingegen hast nichts gelernt. Du glaubst immer noch, wir hätten den Krieg gewinnen können, wenn de Gaulle nicht gewesen wäre. Härtere Folter und ein paar Fallschirmsoldaten mehr hätten deiner Meinung nach schon ausgereicht, nicht wahr? Der Unterschied zwischen uns ist, dass ich Realist bin, während du deinen Fantasien nachhängst. Von morgen an bist du nicht mehr Vorarbeiter, kannst aber in deiner Sektion bleiben, wenn du willst. Dann musst du machen, was Ahmed dir sagt.«

Dumas wollte ihn vernichten. Die Araber sollten Gelegenheit bekommen, ihm im Tunnel den Garaus zu machen.

»Ich lasse mir weder von Ahmed noch von irgendeinem anderen Araberschwein etwas sagen.«

»Wie du willst. Du bist fristlos entlassen.«

»Du dreckiger Verräter!«

»Ich glaube, du solltest mit der Wahl deiner Worte etwas vorsichtiger sein. Ich bin kein Araber.«

»Wie viele Franzosen hast du auf dem Gewissen, Bernard? Ein Dutzend? Hundert? Wie viele mussten sterben, damit du deine Haut retten konntest? Was, glaubst du, würde die OAS oder die Front National dazu sagen, wenn sie wüssten, dass du dir freies Geleit erkauft hast, indem du die ans Messer geliefert hast, die den Kampf gegen die FLN fortsetzen wollten? Du, der immer damit angegeben hat, dass die FLN ein Kopfgeld auf dich ausgesetzt hatte! Du, der von so vielen für seine Kaltblütigkeit während der Strafaktionen in Casbash bewundert wurde! Wie viele hast du an Malik verraten?«

Alain schrie vor Schmerz auf. Dumas hatte seinen Kopf nach hinten über die Stuhllehne gebogen.

»Ich könnte dir genauso leicht das Genick brechen, wie ich eine Fliege erschlage. Du weißt, dass ich ohne weiteres dazu in der Lage wäre, noch dazu, weil es in meinem Interesse liegt. Und damit eins klar ist: Niemand wird auch nur einen Finger für dich krümmen, um mir etwas nachzuweisen. Einer wie ich ist für deine Freunde Millionen wert. Ich kann mir ihr Wohlwollen erkaufen, wann immer es mir passt. Du hingegen bist entbehrlich, bist Kanonenfutter. Daran solltest du denken, bevor du Drohungen ausstößt, denen ja doch keiner Glauben schenken wird. Die Welt wird nicht durch Worte vorangebracht, Alain, sondern durch Taten. Wie ich schon sagte: Die Dinge müssen funktionieren. Das tun sie nicht, wenn Typen wie du zu viel Macht erhalten. Hitler bediente sich mittelmäßiger Spießer, wie du einer bist, um an die Macht zu gelangen. Nur um sie später zur Infanterie zu schicken und abschlachten zu lassen. Lies, was Le Pen und Mégret schreiben. Weißt du, was du in ihren Augen bist? Ein Papiertaschentuch. Etwas, womit man sich schnäuzt, um es dann wegzuwerfen.« Dumas löste den Griff um Alains Hals. Der Schmerz pulsierte. Alain zitterte am ganzen Körper. Er konnte nichts dagegen tun.

»Feigheit«, sagte Dumas. »Dieselbe Feigheit wie früher. Und du hast dir eingebildet, mich einschüchtern zu können? Du hast dir doch schon in die Hose gemacht, wenn Leute der FLN in der Nähe waren. Warum, glaubst du eigentlich, habe ich diese Position? Weil ich mir einen nüchternen Blick bewahrt habe. Weil ich mich nicht von Gefühlen leiten lasse. Alles, was ich tue, ist gründlich durchdacht und wohl kalkuliert. Meine Äußerungen zum Krieg genauso wie alles andere. Als Salan die Armee nicht auf seine Seite ziehen konnte, war die Sache für mich entschieden. Die OAS bestand aus einem Haufen Narren, die plötzlich den Verlockungen der Macht erlagen. Aber sie verkannten die Realität und dachten nur an den eigenen Ruhm.«

Alain versuchte aufzustehen. Dumas half ihm auf die Beine.

»Du kannst mit demselben Gehalt als Bauarbeiter weitermachen. Denk bis morgen darüber nach.«

Alain sah Dumas’ eiskaltes Lächeln. Wie war er dazu nur in der Lage?

Dumas geleitete ihn zur Tür und öffnete sie mit höflicher Geste.

»Dominique, wären Sie so freundlich, ein Taxi zu rufen und Alain zum Fahrstuhl zu begleiten. Er hat einen Migräneanfall. Der Arme. Es muss sehr schmerzhaft sein. Außerdem ist ihm schwindlig.«

Dominique rief ein Taxi und packte Alains Arm. Der Duft ihres Parfüms und ihrer Weiblichkeit kitzelte Alain in der Nase. Er versuchte, sie abzuschütteln, doch dazu fehlte ihm die Kraft.

Dominique gab dem Taxifahrer Alains Adresse. Aber sobald das Auto außer Sichtweite war, bat Alain, ins Krankenhaus gefahren zu werden. Nach einer Viertelstunde waren die Kopfschmerzen so gut wie verschwunden. Gedankenspiele über die Art der Rache waren effektiver als die stärksten Kopfschmerztabletten.

Als das Taxi vor dem Krankenhaus stehen blieb, wusste er sofort, was zu tun war, obwohl er sonst stundenlang grübelte, um die geringsten Probleme zu lösen. Er wollte an seinen Arbeitsplatz zurückkehren. Er wollte auftreten wie ein geprügelter Hund, damit die anderen dachten, dass er klein beigab. Wenn sie am wenigsten damit rechneten, würde er zuschlagen, mit der Hilfe von Thierry und einigen anderen. Georges, Ahmed, Rachid und Dumas sollten sehen, dass er nicht ungestraft auf sich herumtrampeln ließ. Georges hatte keine Eltern. Na gut, dann sollten seine Kinder auch keine haben. Die anderen sollten so gepeinigt werden, bis sie ihn auf allen vieren um Gnade anflehten. Sie sollten im Staub kriechen und an seinen Stiefeln lecken. Genau wie die Araber, die er im Krieg verhört hatte. Er war der geschickteste Vernehmungsleiter der DOP gewesen. Für seine Tüchtigkeit im Dienst war er mehrfach ausgezeichnet worden. Niemand besaß so viel Talent wie er, die Moral und Widerstandskraft der Araber zu brechen, das konnten viele bezeugen. Durch die Informationen, die er auf diese Weise bekommen hatte, war es ihm gelungen, das Leben Tausender Wehrpflichtiger zu retten. Und was war der Lohn? Undankbarkeit. Dreißig Jahre lang hatte man ihn wie einen Aussätzigen behandelt, vor allem diejenigen, die früher seine Vorgesetzten gewesen waren und jetzt ihre Hände in Unschuld wuschen. Ausländer sollten unter allen Umständen integriert werden, ob sie wollten oder nicht. Dafür wandte man viel Geld und Energie auf. Aber wer kümmerte sich um ihn? Wo gab es Gerechtigkeit? Nirgends.

10

Mireille drehte sich um und versuchte wieder einzuschlafen. Doch sobald sie die Augen schloss, sah sie die Albtraumbilder der Männer, die den Stein auf Fatima geworfen hatten. Mireille stand auf und ging zu ihr hinein. Sie hatte sich zu einem kleinen Ball zusammengerollt, als wollte sie sich selbst im Schlaf unsichtbar machen. Ihre Hand ruhte auf der Wunde am Hinterkopf, als versuchte sie, sich gegen die Steine zu schützen, die durch die Luft flogen. Fatima hatte nie etwas Böses getan. Sie musste dafür büßen, dass sie Mireilles Tochter war. Es verging kein Tag, an dem sich Mireille deshalb keine Vorwürfe machte, aber wozu? Sie konnte ihr Leben nicht noch einmal leben.

Mireille war achtzehn, als sie ihre Eltern verließ, die durch das Erstarken der Front National plötzlich den Mut aufbrachten, sich zu ihrem Fremdenhass zu bekennen. In Paris begann sie Geschichte zu studieren, während sie nebenher in einem Café arbeitete. Jahrelang verschlang sie ein Buch nach dem anderen, um zu ergründen, wie es möglich sein konnte, dass die Welt so eingerichtet und sie die Tochter ihrer Eltern war.

Nachdem sie ihr Examen zum agrégé abgelegt hatte, bewarb sie sich an der École Nationale d’Administration und wurde aufgenommen. Sie betrachtete die ENA als eine Möglichkeit, die Welt zu verändern. Aber nach nur einem Jahr hatte sie genug von den verstiegenen Gedankenspielen und intellektuellen Spitzfindigkeiten. Sie verließ das Institut und nahm eine Stelle als Lehrerin an einem Vorortgymnasium an. Dort hatte sie das Gefühl, der Wirklichkeit zu begegnen: Schulklassen, in denen die Mehrheit der Kinder ausländische Eltern hatte. Unter den Schülern befanden sich viele Mädchen, die auf Grund von Rassismus und Unterdrückung keine Möglichkeit hatten, sich frei zu entwickeln.

Die Mädchen fassten Vertrauen zu ihr, und es dauerte nicht lange, bis Mireille ebenso viel Zeit damit verbrachte, ihnen durchs Leben zu helfen wie sie zu unterrichten. Nach und nach scharten sich weitere Menschen um sie, die von Erklärungen und Versprechungen ebenfalls genug hatten. Ohne zu wissen, wie ihr geschah, stand sie plötzlich an der Spitze einer Bewegung, der sich Menschen verschrieben hatten, die gegen jede Art des Fanatismus aufbegehrten und unter Umständen sogar bereit waren, ihr Leben einzusetzen. Die meisten von ihnen waren Angehörige oder Freunde von Menschen, die in Frankreich oder Algerien Opfer von Rassisten und islamischen Extremisten geworden waren.

Schon bald sah sich Mireille den Drohbriefen und dem Telefonterror von Rechtsextremisten und militanten Muslimen ausgesetzt. Schließlich gab es keinen anderen Ausweg mehr, als mit der Organisation in den Untergrund zu gehen. Gleichzeitig hörte sie auf, sich persönlich um hilfsbedürftige Mädchen zu kümmern, und begann, sich bei ihrer Arbeit das Internet zu Nutze zu machen. Sie baute eine horizontal gegliederte Organisation auf, deren autonome Gruppen nichts voneinander wussten, genau wie bei vielen terroristischen Vereinigungen. Der Unterschied bestand darin, dass eine klare Kommandostruktur erhalten blieb und das Leben der Mitglieder als ebenso wichtig betrachtet wurde wie das der Opfer. Bei den meisten Fanatikern hingegen handelte es sich um junge Männer, denen ihr Leben, in Erwartung des Paradieses, gleichgültig war. Ihre Führer betrachteten die Aktivisten als Menschenmaterial oder glaubten, die Märtyrer hätten im Jenseits ohnehin ein schöneres Leben als auf Erden. Mireille fragte sich oft, was wohl ihre Dozenten von der Universität und der ENA sagen würden, wenn sie wüssten, wie sie die Kenntnisse auf ihrem Spezialgebiet »Alternative Organisationsformen« einsetzte. Bis zu ihrem Abgang vom Institut hatte sie an einer Abhandlung über Francis Jeansons Geheimorganisation gearbeitet, die während des Algerienkriegs Geld und Ausrüstung gesammelt hatte, um die FLN in ihrem Kampf gegen Frankreich zu unterstützen.

Bei dieser Vita war es wohl nicht verwunderlich, dass sie früher oder später einem Mann wie Ahmed begegnete. Sie war eines Tages nach Marokko gereist, um ein Mädchen zurückzuholen, das von ihrem algerischen Vater entführt worden war, weil sich die französische Mutter weigerte, zum Islam zu konvertieren. Mireille und Ahmed waren sich frühmorgens am Strand des Atlantiks begegnet. Sie grüßten einander, wechselten ein paar Worte, setzten sich und begannen zu erzählen. Sie entdeckten rasch, dass sie einander ähnelten. Zwei Einzelgänger, die zwar desillusioniert waren, aber den Kopf nicht in den Sand steckten. Ahmed half Mireille, das Mädchen zu finden und außer Landes zu schmuggeln, worauf er sie nach Frankreich begleitete.

Ein Jahr später wurde Fatima geboren. Sie wussten beide, dass sie im Grunde kein Kind in diese Welt hätten bringen sollen. Aber was blieb ihnen übrig? Auch sie hatten schließlich das Recht auf ein normales Leben. Nach einem Jahr mit wechselnden Jobs ließ sich Ahmed als Betonarbeiter für das Eole-Projekt anstellen. Mireille arbeitete weiter als Lehrerin an ihrem Vorortgymnasium, während sie im Verborgenen das Netzwerk der Organisation dirigierte.

Jahrelang hatten sie in einem Getto am Rande der Stadt gewohnt, das zunehmend verarmte, in dem sie jedoch unbehelligt leben konnten. Hin und wieder hatte sie gehofft, ihre kleine Familie könne ein mehr oder weniger normales Leben führen. Aber wenn sie jetzt Fatimas Hand betrachtete, die auf der Wunde des Hinterkopfs ruhte, begriff sie, dass dies nur Wunschdenken war.

Sie strich Fatima über die Wange. Würde sie irgendwann verstehen, warum sich Mireilles Leben so entwickelt hatte? Mireille konnte nur hoffen, dass Fatima ihr eines Tages Recht geben würde. Aber nicht einmal das war gewiss. Und was wäre das Ganze dann wert gewesen?

Nachdem sie geduscht hatte, ging Mireille in ihr Arbeitszimmer, schloss die Tür und schaltete den Computer ein. Sie hinterließ die verschlüsselte Botschaft, sie sei bis neun Uhr erreichbar, für den Rest des Tages jedoch beschäftigt. Fatima sollte jedenfalls heute nicht in die Schule.

Mireille hoffte, dass sie an diesem Morgen nirgends Feuerwehr spielen musste. Aber nur zehn Minuten später erhielt sie die Nachricht, ein siebzehnjähriges ausländisches Mädchen sei aus dem Fenster gesprungen. Das Mädchen erwartete ein Kind von einem Franzosen. Der Vater des Mädchens hatte gedroht, sie umzubringen. Man hatte sich des Mädchens bereits angenommen und sie zu einem sicheren Versteck gebracht. Mireille organisierte die Hilfsmaßnahmen. Der Organisation waren im Laufe der Zeit auch Psychologen und Ärzte beigetreten, die erste Hilfe leisten konnten.

Nachdem Mireille ihre Arbeit am Computer beendet hatte, kochte sie Kaffee. Während des Frühstücks las sie ein Buch über die Islamische Heilsfront von Rachid Boudjedra, der sich entschieden hatte, auch angesichts des schlimmsten Terrors und eines halben Dutzend gegen ihn verhängter Fatwas in Algerien zu bleiben. Zwei Jahre lang hatte er niemals zwei Nächte hintereinander im selben Bett verbracht und sich häufig als Frau verkleidet, um zu überleben.

Vor langer Zeit war Mireille auf einen Roman des norwegischen Autors Jens Bjørneboe gestoßen. Er hieß Der Augenblick der Freiheit und handelte von einem Mann, der Material für eine »Geschichte der Bestialitäten« sammelte, eine zehnbändige Auflistung menschlicher Grausamkeiten. Als Mireille einige Jahre später erfuhr, dass sich Bjørneboe nach Abschluss seines Meisterwerks das Leben genommen hatte, beschloss sie, dort weiterzumachen, wo dieser aufgehört hatte. Irgendjemand musste sich doch die Mühe machen, Vorfälle zu registrieren, zu archivieren und zu veröffentlichen, so wie auch Boudjedra es getan hatte:

Das erste Opfer eines Verbrechens der Islamischen Heilsfront war ein Säugling, der bei lebendigem Leib verbrannte, nachdem fanatische Aktivisten die Wohnung in Brand gesteckt hatten, in der eine geschiedene Frau mit ihrem wenige Monate alten Kind lebte. So geschehen 1989 in Quargla. Die Fundamentalisten der Islamischen Heilsfront, welche die Frau der Prostitution anklagten, legten das Feuer mitten in der Nacht, während sie schlief. Der Säugling wurde auf dem Altar des islamischen Fanatismus und der Inquisition geopfert. Die Mutter überlebte, wurde durch Verbrennungen dritten Grades jedoch nachhaltig geschädigt. Ein solches symbolisches Verbrechen, begangen an einem unschuldigen Geschöpf, einem wenige Monate alten Säugling, sagt viel über die psychopathische Natur der Heilsfront, die sich ganz und gar dem Terror verschrieben hat. Zwischen dem Reichstagsbrand 1933 und dem Brand dieser kleinen Wohnung in Quargla in Südalgerien 1989 besteht mehr als eine Gemeinsamkeit. Beide offenbaren die ganze Barbarei und den Irrsinn dieser Welt.

Mireille heftete eine Büroklammer an die Seite. In allen ihren Büchern steckten solche Klammern und markierten die Abscheulichkeiten, deren sich Menschen im Namen Gottes, der Rasse, der Nation, des Geldes oder Egoismus schuldig gemacht hatten. An Material fehlte es nicht. Vielleicht hatte Bjørneboe sich deshalb das Leben genommen. Er musste begriffen haben, dass zehn Bände nur einen Bruchteil menschlicher Niedertracht dokumentieren konnten. Was hätte er gedacht, wenn er von den Dingen erfahren hätte, die nach seinem Tod allein in Bosnien, Algerien, dem Kosovo und Kambodscha geschahen? Vermutlich hatte er sich zu Recht das Leben genommen, um diese Dinge nicht mehr erleben zu müssen. Wie lange würde sie durchhalten?

The free sample has ended.

Age restriction:
0+
Volume:
330 p. 1 illustration
ISBN:
9788711327203
Publishers:
Translator:
Copyright Holder::
Bookwire
Download format:

Similar books