Read the book: «Sportsozialarbeit»

Der Autor und die Autorinnen
Heiko Löwenstein ist seit 2019 Professor für Theorien, Konzepte und Methoden der Sozialen Arbeit mit Schwerpunkt Inklusion an der Katholischen Hochschule NRW, Abt. Köln. Von 2014 bis 2019 war er Professor für Soziale Arbeit, Schwerpunkt Sozialpädagogik, an der Evangelischen Hochschule Freiburg. 2014 wurde Heiko Löwenstein an der Humboldt-Universität zu Berlin im Fach Rehabilitationswissenschaften promoviert. Als Dipl.-Sozialpädagoge (BA) und Master of Arts in Social Work war er in der Gemeindepsychiatrie tätig. Er ist Sprecher der Fachgruppe »Bewegung, Sport und Körper« in der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit und kooptiertes Mitglied im Vorstand des Stadtsportbundes Köln. Im Rahmen der Hochschulzusatzqualifikation »Erfahrungs- und bewegungsorientierte Soziale Arbeit« verantwortet er den Schwerpunkt »Sportsozialarbeit«. Kontakt: h.loewenstein@katho-nrw.de
Birgit Steffens hat seit 2009 eine Professur für Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Erwachsene in besonderen Lebenslagen an der Evangelischen Hochschule Berlin (EHB) inne. Seit 2015 bietet sie, gemeinsam mit Julie Kunsmann, an der EHB das Schwerpunktstudium »Soziale Arbeit & Sport« an. Birgit Steffens wurde im Jahr 2005 an der Freien Universität Berlin im Fach Soziologie promoviert. Sie ist Diplom-Sozialarbeiterin mit beruflichen Erfahrungen in der Jugendhilfe und der Drogenhilfe und Präventionstrainerin (A-Lizenz). Kontakt: steffens@eh-berlin.de
Julie Kunsmann ist seit 2014 Lehrbeauftragte an der Evangelischen Hochschule Berlin (EHB) und bietet gemeinsam mit Birgit Steffens das Schwerpunktstudium »Soziale Arbeit & Sport« an. Sie ist Dipl. Sozialarbeiterin (FH) und staatl. gepr. Gymnastiklehrerin. Als Sozialarbeiterin ist Julie Kunsmann seit 2012 bei der Gesellschaft für Sport- und Jugendsozialarbeit tätig, erst im Bereich der Schulsozialarbeit, seit 2019 als Projektleitung für das sozialraumbezogene Angebot »BEIspielhaft« in Berlin-Kreuzberg. Seit 2000 ist sie nebenberuflich als Übungsleiterin im Bereich Tanz im Sportverein tätig und befindet sich aktuell in der Weiterbildung »Tanz- und Bewegungstherapie«. Als Vorstandsmitglied der Sportjugend Berlin engagiert sich Julie Kunsmann seit 2009 für den Berliner Kinder- und Jugendsport und die sportbezogene Jugendsozialarbeit. Kontakt: kunsmann@lb.eh-berlin.de
Heiko Löwenstein, Birgit Steffens, Julie Kunsmann
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1. Auflage 2020
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-035721-1
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-035722-8
epub: ISBN 978-3-17-035723-5
mobi: ISBN 978-3-17-035724-2
Vorwort
Mit dem so genannten »Bologna-Prozess« galt es neu auszutarieren, welches Wissen Studierende der Sozialen Arbeit benötigen, um trotz erheblich verkürzter Ausbildungszeiten auch weiterhin »berufliche Handlungsfähigkeit« zu erlangen. Die Ergebnisse dieses nicht ganz schmerzfreien Abstimmungs- und Anpassungsprozesses lassen sich heute allerorten in volumigen Handbüchern nachlesen, in denen die neu entwickelten Module detailliert nach Lernzielen, Lehrinhalten, Lehrmethoden und Prüfungsformen beschrieben sind. Eine diskursive Selbstvergewisserung dieses Ausmaßes und dieser Präzision hat es vor Bologna allenfalls im Ausnahmefall gegeben.
Für Studierende bedeutet die Beschränkung der akademischen Grundausbildung auf sechs Semester, eine annähernd gleich große Stofffülle in deutlich verringerter Lernzeit bewältigen zu müssen. Die Erwartungen an das selbständige Lernen und Vertiefen des Stoffs in den eigenen vier Wänden sind deshalb deutlich gestiegen. Bologna hat das eigene Arbeitszimmer als Lernort gewissermaßen rekultiviert.
Die Idee zu der Reihe, in der das vorliegende Buch erscheint, ist vor dem Hintergrund dieser bildungspolitisch veränderten Rahmenbedingungen entstanden. Die nach und nach erscheinenden Bände sollen in kompakter Form nicht nur unabdingbares Grundwissen für das Studium der Sozialen Arbeit bereitstellen, sondern sich durch ihre Leserfreundlichkeit auch für das Selbststudium Studierender besonders eignen. Die Autor/innen der Reihe verpflichten sich diesem Ziel auf unterschiedliche Weise: durch die lernzielorientierte Begründung der ausgewählten Inhalte, durch die Begrenzung der Stoffmenge auf ein überschaubares Volumen, durch die Verständlichkeit ihrer Sprache, durch Anschaulichkeit und gezielte Theorie-Praxis-Verknüpfungen, nicht zuletzt aber auch durch lese(r)-freundliche Gestaltungselemente wie Schaubilder, Unterlegungen und andere Elemente.
Prof. Dr. Rudolf Bieker, Köln
Zu diesem Buch
Sport wird als Medium nicht nur in der Sozialen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen eingesetzt, sondern findet auch in anderen sozialpädagogischen Handlungsfeldern wie der Straffälligenhilfe oder der Migrationssozialarbeit zunehmend Berücksichtigung. Sport und Bewegung sind durch den niedrigschwelligen, egalitären Zugang besonders geeignet, Benachteiligungen und Teilhabehemmnisse abzubauen. Die systematische Nutzung der im Sport liegenden Bildungs- und Integrationspotentiale setzt die Kenntnis sportwissenschaftlicher und sportpraktischer Grundlagen und deren Verankerung in Konzepten Sozialer Arbeit voraus. Der Band gibt einen Einblick in Strukturen und Konzepte der Sportsozialarbeit und deren Verknüpfungen mit dem organisierten Sport und benennt Einsatzmöglichkeiten in relevanten Arbeitsfeldern Sozialer Arbeit.
Ein besonderer Fokus des Buches liegt auf der Darstellung und Diskussion theoretischer Ansätze der Sozialen Arbeit wie der Lebensweltorientierung oder der Lebensbewältigung und deren Relevanz für die Sportsozialarbeit. Die Ausführungen sind darauf angelegt, eine vertiefte theoretische Reflexion und den Austausch über die vorgestellten Konzepte anzuregen.
Sport- und bewegungsbetonte Ansätze haben in den letzten Jahrzehnten ein enormes Potential für die Soziale Arbeit entwickelt. Die zunehmende Digitalisierung der Alltagswelt führt zwar zum Rückgang von Bewegungs- und Sozialerfahrungen bis zu einer gesellschaftlichen Verdrängung des Körpers, gleichzeitig findet aber eine Aufwertung des eigenen Körpers statt. Sportlich zu sein gilt als soziales Kapital. Dies greift Sportsozialarbeit für die berufliche Praxis auf und entwickelt geeignete Unterstützungsangebote. Soziale Arbeit versteht sich im Gegensatz zu anderen (therapeutischen) Hilfen primär alltagsorientiert und zieht sich nicht an einen dritten, geschützten Ort zurück. In der Sozialen Arbeit richten sich soziale Hilfen auf die Erweiterung von Ressourcen und die Gewährleistung von sozialer Teilhabe, während pädagogische Hilfen die Integrität und Bildung des Subjektes als sozialen Akteur zum Gegenstand haben. Sport und Bewegung bieten angehenden Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern eine Erweiterung des methodisch-konzeptionellen Spektrums und Zugänge, die erstens in den Alltag integriert und verselbständigt werden können und zweitens den engen Rahmen kognitiver Zugänge ergänzen. Handlungsfähigkeit und Gemeinschaft können körperlich unmittelbar erfahrbar gemacht werden, um Bildungs- und Sozialisationsprozesse zu unterstützen. Sportbezogene sozialpädagogische Ansätze ergänzen in der beruflichen Praxis das klassische Handlungsrepertoire der fall-, gruppen- und sozialraumbezogenen Arbeit und erleichtern den Zugang u. a. zu Adressaten und Adressatinnen Sozialer Arbeit, die in herkömmlichen Beratungs- und Betreuungssettings nicht erreicht werden.
Anhand der Darstellung sportbezogener Angebote in verschiedenen Handlungsfeldern Sozialer Arbeit wie z. B. der offenen Jugendarbeit, der Fanarbeit oder der Sozialen Arbeit mit von Exklusion bedrohten Gruppen werden mögliche Einsatzbereiche sportbezogener Sozialer Arbeit anschaulich geschildert, Konzepte konkretisiert und Studierenden wie Fachkräften berufliche Perspektiven aufgezeigt. Die Skizzierung von Praxisbeispielen und Modellprojekten lädt zur Diskussion des jeweiligen theoretischen Bezugsrahmens und dessen praktischer Umsetzung ein.
Heiko Löwenstein, Birgit Steffens und Julie Kunsmann
Inhalt
1 Vorwort
2 Zu diesem Buch
3 1 Einleitung
4 1.1 Zur Entwicklung der sportbezogenen Sozialen Arbeit
5 1.2 Begriffliche Klärung und Ziele der Sportsozialarbeit
6 1.3 Aufbau des Buches
7 2 Sporttreiben und Sportorganisation
8 2.1 Sportverständnis
9 2.2 Organisierter Sport
10 2.2.1 Aufbau und Struktur des organisierten Sports
11 2.2.2 Sportvereine
12 2.2.3 Gesellschaftliche Bedeutung des organisierten Sports
13 2.3 Schulsport
14 2.3.1 Unterrichtlicher Schulsport
15 2.3.2 Außerunterrichtlicher Schulsport und dessen Relevanz für die Sportsozialarbeit
16 2.4 Informeller Sport
17 2.5 Kommerzieller Sport
18 3 Sportrelevante Praxisfelder der Sozialen Arbeit
19 3.1 Gesundheit
20 3.1.1 Gesundheitsbezogene Soziale Arbeit
21 3.1.2 Bewegung und Gesundheit
22 3.1.3 Sportorientierte sozialpädagogische Angebote im Gesundheitswesen
23 3.2 Bildung
24 3.2.1 Soziale Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe
25 3.2.2 Die Bedeutung des Sports im Aufwachsen
26 3.2.3 Sportorientierte sozialpädagogische Angebote in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen
27 3.2.4 Fanarbeit
28 3.2.5 Sportorientierte Soziale Arbeit mit Erwachsenen und älteren Menschen
29 3.3 Soziales
30 3.3.1 Soziale Teilhabe, Inklusion und Diversität
31 3.3.2 Diversitätssensible sportorientierte sozialpädagogische Angebote
32 4 Theorien Sozialer Arbeit und ihre Relevanz für die Sportsozialarbeit
33 4.1 Lebensweltorientierung nach Thiersch
34 4.1.1 Entstehungskontext: Reflexive Moderne, Selbstinszenierung und Expertokratie
35 4.1.2 Grundverständnis: Lebenswelt als Strukturiertheit von Raum, Zeit und sozialen Beziehungen
36 4.1.3 Relevanz: Welcher Sport macht »Sinn« im Alltag?
37 4.1.4 Praxisbeispiel: KICK-Projektverbund zur Gewaltprävention
38 4.2 Lebensbewältigung nach Böhnisch
39 4.2.1 Entstehungskontext: Jugendforschung, Gesellschaftskritik und Hans Thiersch
40 4.2.2 Grundverständnis: Anomie und Streben nach Handlungsfähigkeit
41 4.2.3 Relevanz: Stress, (Körper-)Selbst und funktionale Äquivalenz
42 4.2.4 Praxisbeispiel: Fanprojekt Bremen
43 4.3 Relationaler Konstruktivismus nach Kraus
44 4.3.1 Entstehungskontext: Systemtheorie und Radikaler Konstruktivismus
45 4.3.2 Grundverständnis: »Von der systemisch-konstruktivistischen Lebensweltorientierung zu einer relationalen Theorie der Sozialen Arbeit«
46 4.3.3 Relevanz: Strukturelle Kopplung zwischen psychischen, sozialen und biologischen Systemen
47 4.3.4 Praxisbeispiel: Vitura Bogenschießen
48 4.4 Deweys pragmatistische Philosophie und Sozialpädagogik
49 4.4.1 Entstehungskontext: Soziale Probleme und Sozialreform
50 4.4.2 Grundverständnis: Deweys Pragmatismus
51 4.4.3 Relevanz: Körper-Geist-Relation und geteilte Erfahrung
52 4.4.4 Praxisbeispiel: football3
53 4.5 Sozialraumorientierung
54 4.5.1 Entstehungskontext: Settlementbewegung, Community Organizing und Raumhandeln
55 4.5.2 Grundverständnis: Von der Gemeinwesenarbeit zur Sozialraumorientierung
56 4.5.3 Relevanz: Vom Ort zum Raum durch Aneignung
57 4.5.4 Praxisbeispiel: Le Parkour
58 4.6 Agency und Akteursorientierung
59 4.6.1 Entstehungskontext: Empowerment, Praxistheorie und Netzwerktheorie
60 4.6.2 Grundverständnis des pragmatistisch-relationalen Agency-Konzepts
61 4.6.3 Relevanz: Der strukturierte und der strukturierende Körper
62 4.6.4 Praxisbeispiel: Ein Vereinstag für geflüchtete Kinder und Jugendliche
63 4.7 Fazit: Sportsozialarbeit im Lichte der Wissenschaft Sozialer Arbeit
64 5 Überlegungen zur Professionalisierung der Sportsozialarbeit
65 5.1 Die soziale Diagnose als Scharnier zwischen Theorie und Praxis
66 5.2 Evidenzbasierung
67 5.3 Relevanz sportwissenschaftlicher Wirkungsforschung für die Soziale Arbeit am Beispiel der Kinder- und Jugendsportberichte
68 6 Beiträge der Bezugswissenschaften
69 6.1 Bewegungs- und Sportpädagogik
70 6.2 Erlebnispädagogik
71 6.3 Sport- und Körpersoziologie
72 7 Internationale Perspektiven
73 7.1 Nutzung des Sports in klassischen Handlungsfeldern Sozialer Arbeit
74 7.2 Entwicklung der Sportsozialarbeit im Amateur- und Profisport als neues Handlungsfeld Sozialer Arbeit
75 7.3 eSport als künftiges Handlungsfeld Sozialer Arbeit
76 Literaturverzeichnis
77 Abkürzungsverzeichnis
78 Abbildungsverzeichnis
79 Stichwortverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Zur Entwicklung der sportbezogenen Sozialen Arbeit
Sport zählt seit ihren Anfängen zu den klassischen Zugängen der Sozialen Arbeit. Bereits im 19. Jahrhundert erfolgte eine Grundlegung im von Jane Addams gegründeten Chicagoer Settlementhaus Hull House. So wurden um 1900 mit der Erweiterung des Gebäudekomplexes Trainingsräume für Sportkurse eingerichtet. Es gab Angebote wie Baseball oder Tanzen, aufgeteilt nach verschiedenen Schwierigkeitsgraden, die Gruppen traten teils zu Wettkämpfen an, den sogenannten Match Games (Linn, 1935, S. 151ff).
In Deutschland sind seit den 1980er Jahren kontinuierliche systematische Bemühungen zur Nutzung von Bewegung und Sport als Medium in der Sozialen Arbeit erkennbar, die in der Konsequenz zur Etablierung von Strukturen und zahlreichen unterschiedlich ausgestalteten Projekten sowohl in den sozialen Diensten als auch in den Sportorganisationen mit deren angegliederten Sportvereinen geführt haben. Sport- und bewegungsorientierte Angebote sind in allen Handlungsfeldern Sozialer Arbeit zu finden, insbesondere in der Jugendhilfe sind sie stark vertreten. Mit der Fanarbeit hat sich ein eigenes neues Handlungsfeld Sozialer Arbeit entwickelt.
Vorangetrieben wurde diese Entwicklung insbesondere durch das Engagement einzelner Hochschulvertreter und -vertreterinnen sowohl der Sozialen Arbeit als auch der Sportwissenschaft, durch Kampagnen und Strategien des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und der Deutschen Sportjugend (DSJ), durch verschiedene Förderprogramme auf Bundesebene und durch zahlreiche und vielgestaltige Projekte in der Praxis.
Schon Mitte der 1960er Jahre unterstützte der Europarat unter dem Motto »Sport für alle« eine Bewegung, die das Ziel verfolgte, durch politische Initiativen alle Menschen zum Sporttreiben zu bewegen (Europarat, 1975). In diesem Kontext entstanden infolge in vielen europäischen Ländern Kampagnen zur Förderung des Breitensports. In Deutschland wurde durch den DOSB, damals noch Deutscher Sportbund (DSB), der stärker vereinsbezogene zweite Weg des Sports bevorzugt, der neben dem leistungsorientierten Sport als erstem Weg den Breitensport fördern wollte (Krüger & Jütting, 2017, S. V). Anfang der 1970er Jahre startete in Deutschland die Trimm-dich-Bewegung, mit der versucht wurde, möglichst viele Menschen für Bewegung auch außerhalb der Sportvereine zu begeistern. Insgesamt haben diese Entwicklungen zu einer Vielfalt sportiver Praxen innerhalb und außerhalb der Vereine beigetragen (ebd., S. Vf).
Bereits zu diesem Zeitpunkt wurde für die Sportorganisationen die soziale Aufgabe formuliert, auch Gruppen einzubeziehen, die in den Sportvereinen für Kinder und Jugendliche unterrepräsentiert waren (Michels, 2007, S. 13f). Hierzu zählten u. a. Kinder aus Haushalten mit geringer sozio-ökonomischer Ausstattung, Mädchen sowie Heranwachsende mit Migrationshintergrund. Der Forderung, diese Jugendlichen zu erreichen, wurde mit Verweis auf die doppelte Benachteiligung dieser Gruppen Nachdruck verliehen, da die positiven Zuschreibungen des Sports, z. B. hinsichtlich der Persönlichkeitsentwicklung oder des sozialen Lernens, durch die fehlende Vereinszugehörigkeit nicht ermöglicht würden (Welsche, Seibel & Nickolai, 2013, S. 26f).
Verschiedene Programme förderten deshalb sportbetonte Projekte im organisierten Sport zur Überwindung sozialen Ausschlusses. So wurde u. a. in 1999 im Rahmen des vom Bundesamt für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) aufgelegten E & C-Aktionsprogramms »Entwicklung und Chancen junger Menschen in sozialen Brennpunkten« von der DSJ in Kooperation mit der Sporthochschule Köln das Projekt »Soziale Offensive« unter Leitung des Sportwissenschaftlers Christoph Breuer durchgeführt. Zugleich wurde in diesem Rahmen neben vielen anderen Aktivitäten eine Datenbank sozialer Initiativen im Jugendsport entwickelt, die ihre Angebote insbesondere auch an sozial benachteiligte Menschen richten (ehemals: www.soziale-projekte-im-jugendsport.de; jetzt: www.jugendprojekte-im-sport.de). Außerdem wurde ein Fachforum mit Praktikern und Praktikerinnen durchgeführt, um das Leben der Jugendlichen zu beschreiben und daraus Handlungsimplikationen für die Sportjugendarbeit abzuleiten (Rittner & Breuer, 1999). Im Ergebnis zeigte sich, dass das große Engagement in den Sportvereinen zu würdigen ist, die Trainer und Trainerinnen jedoch nicht ausreichend für die Arbeit mit den benannten Gruppen qualifiziert und vorbereitet sind (Michels, 2007, S. 14f). Beklagt wurde, so Michels, dass die Vereinstrainer und -trainerinnen die konkreten Lebenswirklichkeiten und Bedürfnisse der Jugendlichen zu wenig kannten und berücksichtigten. Entsprechend wurden diese zu wenig aktiv in die Trainingsabläufe und -inhalte einbezogen. Im Mittelpunkt des Trainings stand allein die sportliche Praxis (ebd., S. 15).
Hinzu kam, dass Sport und Bewegung, auch mit der Einführung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (KJHG) im Jahr 1991, in dem der Begriff Sport in § 11 SGB VIII erstmalig für die Jugendarbeit gesetzlich verankert wurde, zwar vermehrt in der sozialpädagogischen Praxis genutzt wurden, aber sportpädagogisches Wissen bei den Fachkräften der Sozialen Arbeit häufig fehlte:
»Sozialpädagogen (…) fehlt oft die sportbezogene Fachkompetenz, vielfach werden Arbeitsweisen aus der selbst erlebten Sportbiographie bezogen, dabei so manches antiquierte Konzept wieder belebt« (Michels, 2007, S. 14).
Die im Rahmen dieser Bemühungen mehrfach beklagte unzureichende Zusammenarbeit der Beteiligten hat den Wunsch nach mehr Dialog und Kooperation hervorgebracht, sowohl zwischen den Hochschulen für Sozialwesen und Sportwissenschaft als auch, auf Praxisebene, zwischen sozialen Diensten und Sportvereinen sowie der DSJ bzw. dem DOSB als deren Überbau (ebd.).
Vertreter und Vertreterinnen der Sozialen Arbeit bekundeten ihrerseits die Notwendigkeit der Kooperation; die »Bad Boller Erklärung« von 1997, die als Ergebnis eines Werkstattgesprächs in der Evangelischen Akademie festgehalten wurde, wird hier von den Beteiligten als Meilenstein gesehen. Trotz der Vorgabe, die Kooperation zwischen Hochschulen für Sportwissenschaft und Hochschulen für Soziale Arbeit auszubauen, gab es, so Seibel, seitens der Sportwissenschaften eher wenig Initiativen, die sozialpädagogische Expertise der Hochschulen für Soziale Arbeit zu nutzen (Seibel, 2007, S. 5f).
Zusätzlich zu den Vernetzungsbemühungen gewann an den Hochschulen im Fachbereich Sozialwesen die Qualifizierung der Studierenden an Bedeutung. Anliegen war es hier nicht zuletzt, den zunehmenden Einsatz des Sports in der Praxis qualitativ zu entwickeln. Die Vermittlung sport- und bewegungsorientierter Konzepte erfolgt meist in Form von Zusatzqualifikationen an Hochschulen im Fachbereich Sozialwesen, häufig verbunden mit der Vergabe von Übungsleiterlizenzen. Strukturell, so Michels, sind die Lehrinhalte heute in der Regel im Studienbereich Medien bzw. didaktische Methoden verortet (Michels, 2007, S. 15). Bis heute sind Sport und Bewegung nicht explizit im Kerncurriculum Soziale Arbeit verankert (DGSA, 2016).
Im Kontext der Sozialen Offensive wurde außerdem deutlich, dass Sport nicht per se ›wirkt‹ (Welsche, Seibel & Nickolai, 2013, 27). Das Training mit heterogenen Gruppen stellt für Trainer und Trainerinnen oftmals eine Überforderung dar. Außerdem zeigten verschiedene Studien, dass die dem Sport zugeschriebenen Sozialisationspotentiale nur teils empirisch belegbar sind, auch wenn sie immer wieder hervorgehoben werden (siehe u. a. DOSB, 2009; Brettschneider & Kleine, 2002). Die sich seit den 1990er Jahren langsam durchsetzende Haltung, dass Sport eines speziellen pädagogischen Settings und einer spezifischen Inszenierung bedürfe, hat einen sozialpädagogischen Boom im Sportbereich mit sich gebracht (siehe u. a. Welsche, Seibel & Nickolai, 2013), der in der Aussage, Sportvereine »seien qua Definition ein Ort Sozialer Arbeit«, so Pilz (2002, S. 11) kritisch, verkürzt zusammengefasst wurde. Dies birgt die Gefahr der Über- als auch der Unterbewertung Sozialer Arbeit im Sport in sich. Mit der Überbetonung sozialer Kompetenzen und Settings wird eine zu kritisierende Sozialpädagogisierung des Sports betrieben, gleichzeitig ist eine Entwertung und Deprofessionalisierung Sozialer Arbeit durch die Übertragung sozialpädagogischer Aufgaben an Trainer und Trainerinnen zu verhindern (siehe u. a. Michels, 2007; Pilz, 2002).
Die Relevanz des Themas Sport und Soziale Arbeit wurde seitens der Politik zunehmend anerkannt und entsprechend gefördert. Dies zeigte sich u. a. durch die Erwähnung in den Kinder- und Jugendberichten. So wurde im 10. Kinder- und Jugendhilfebericht von 1998 erstmalig kurz auf die Benachteiligung von Kindern und Jugendlichen hingewiesen und gefordert, deren Integration in außerschulische Bildungs- und Freizeitangebote anzustreben (Welsche, Seibel & Nickolai, 2013, S. 20). Insbesondere ab dem 11. Kinder- und Jugendhilfebericht von 2002, der erstmals ausführlich Kinder- und Jugendarbeit im Sport und die Sportjugend als Jugendhilfeträger behandelt, hat das Thema Sport in den Kinder- und Jugendberichten der Bundesregierung einen festen Platz erhalten. Zudem sei auf verschiedene Programme verwiesen wie z. B. das 1989 aufgelegte, von BMI und BAMF geförderte und vom DOSB durchgeführte Bundesprogramm »Integration durch Sport«, das die interkulturelle Öffnung von Sportvereinen fördert. Das Programm besteht seit 30 Jahren; es richtete sich ursprünglich an die Zielgruppe der Aussiedler und Aussiedlerinnen und wurde an die gesellschaftlichen Entwicklungen und das gewandelte Verständnis von Migration jeweils angepasst.
In den Folgejahren wurde das Thema Sport und Soziale Arbeit kontinuierlich vorangebracht und konsolidiert, so dass Sportsozialarbeit mittlerweile als selbstverständlich und als geeignetes Medium sozialpädagogischen Handelns gilt (ebd., S. 23). Belegbar wird dies u. a. durch ihre Berücksichtigung im »Handbuch Soziale Arbeit«, erstmals 2001 durch Krüger.
Zur Strukturierung des Themenfelds, insbesondere mit Blick auf Wirkungen des Sports, aber auch auf die Lebenswelten der Adressaten und Adressatinnen, hat zweifellos die Einführung der Kinder- und Jugendsportberichte beigetragen (Schmidt et al., 2003).
In Verbindung damit stehen gesamtgesellschaftliche Entwicklungen, wie z. B. der Ausbau der Gesundheitsförderung, das Wachstum der Gesundheits- und Breitensportbranche oder Initiativen hin zu einer nachhaltigen Entwicklung. So wird Gesundheit von den Vereinten Nationen als eines der 17 Ziele für eine nachhaltige Entwicklung benannt (UN, 2015; siehe auch Seibel, 2007, S. 6).
Insgesamt fällt in der Entwicklung, zumindest zu Beginn, eine starke Fokussierung auf Kinder und Jugendliche auf (ebd.). Außerdem erfolgt die Behandlung des Themenfelds Sport und Soziale Arbeit, u. a. bedingt durch die Förderströme, sportbetont. Die Bundesprogrammlinien werden vom DOSB bzw. der Sportjugend als dessen Jugendabteilung durchgeführt. Größere Studien und Publikationen, so auch die Kinder- und Jugendsportberichte, werden bisher vornehmlich von Sportwissenschaftlern und -wissenschaftlerinnen vorgelegt.
Dem DOSB kommt in der Entwicklung eine ambivalente Rolle zu. Auf der einen Seite zeigt er sich als Motor der Entwicklung und ist in alle wichtigen Vorhaben und Programme eingebunden, gleichzeitig hat er durch die Propagierung der positiven Wirkungen zu einer normativen Prägung und Mythologisierung des Sports als Heilsbringer beigetragen.
Zur weiteren Professionalisierung der Sportsozialarbeit besteht, bei Würdigung der bisherigen anerkennenswerten Ansätze, Forschungs- und Diskussionsbedarf, um Praxiskonzepte wissenschaftlich zu fundieren, fachliche Standards zu benennen und die Anschlussfähigkeit sozialpädagogischer Konzepte zu konkretisieren (siehe u. a. Michels, 2007, S. 15f).